Lade Inhalt...

GONDAR – die Götter der Urzeit #5: Die Riesen von Pana

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

GONDAR – die Götter der Urzeit #5: Die Riesen von Pana

Klappentext:

Was bisher geschah:

1 Algoli

2 Ellinor

3 Isis

4 Algoli

05 Soas

06 Algoli

07 Soas

8 Efried

9 Gondar

GONDAR – die Götter der Urzeit #5: Die Riesen von Pana

Von Roland Heller

 

Klappentext:

Die Riesen von Pana kontrollieren den Seeweg nach Norden, den Weg, den die Flotte von Mykos auf ihrem Weg nach Borea nehmen muss. Das bedeutet für Mykos, dass er nicht überraschend in den Norden vorstoßen kann – es sei denn, er besiegt die Riesen von Pana militärisch und zerstört damit ihr Informationsnetzwerk. Mykos entscheidet sich dafür, die Insel militärisch zu besetzen.

Auf Pana lebt Algoli, die Göttin, die einst von den Riesen gefangen genommen worden war, in der Zwischenzeit aber hochverehrt wird. Sie nimmt zusammen mit den Riesen den Kampf gegen die Invasoren auf.

Auch Soas steuert Pana an. Er vermeint, Algoli aus den Händen der Riesen befreien zu müssen und sie für seine Sache zu gewinnen, die Gemeinschaft der Götter. Als er Pana an Bord der SEEWOGE erreicht, ist der Krieg längst im Gange.

Bei den Landmenschen steht Isis ebenfalls noch ein weiterer Kampf bevor, denn Ellinor will Ketan den Verlust ihrer Hand büßen lassen und greift die Göttin erneut an.

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Cover by Pixabay mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Was bisher geschah:

Der Seher Barrak prophezeit die Geburt des Mächtigen Gondar in Borea. Gondar soll einst das Reich Mo zerstören und Mykos töten. Damit das nicht geschehen kann, bereitet Mykos, der König von Mo, einen Krieg gegen Borea vor.

Die beiden Mächtigen Soas und Fellahrd – Götter für die Menschen – machen sich ebenfalls nach Borea auf, um Gondar zu suchen. Sie finden ihn in Grettirs Welt. Grettir jedoch hat seine eigenen Pläne mit dem jungen Gott und will ihn nicht so einfach kampflos den Herren der Ordnung übergeben.

Grettir ist der Herr des Chaos und hat eine Reihe von Welten geschaffen, in denen er mit dem Leben experimentiert. Diese Welten sind von einer Reihe skurriler Geschöpfe bevölkert, die sich untereinander ebenso bekämpfen wie sie gemeinsam gegen die eindringenden Menschen kämpfen.

In die Entscheidung um seine Zukunft greift Gondar in Grettirs Welt in Borea selbst ein und führt ihre Zerstörung herbei. Um seine Geschöpfe zu retten, öffnet Grettir die Tore zu anderen Welten.

Eine dieser Welten ist vom Waldvolk bewohnt. Hier ist eine weitere Mächtige auf der Suche nach ihrer Vergangenheit: Isis. Zusammen mit Gnomen und Zwergen bekämpft sie die Geschöpfe des Chaos, während sie gleichzeitig ihre Vergangenheit ergründet. Dazu verhelfen ihr die Isiseier. Eines dieser Kleinode befindet sich im Besitz von Ketan D'Ar, der Isis schließlich findet und sie in ihrem Kampf unterstützt.

Nachdem Soas sein „Schwert“ zurückerobert hat, macht er sich auf den Weg nach Pana zu Algoli und landet mitten in einem Angriffsversuch der Krieger von Mo.

 

 

1 Algoli

 

Der Wind fuhr ihr durch die Haare und ließ sie wie eine aufgefächerte Blüte hinter ihr herwehen. Sie genoss die Geschwindigkeit, mit der Heri, ihre heißblütige Stute, über die Graslandschaft stürmte. Weit voraus konnte sie bereits den Turm ausmachen, der ihr Ziel darstellte. Auch ihr Tier schien das zu wissen, denn sie benötigte weder den Einsatz der Zügel noch ihrer Fersen, um das Pferd zur Höchstleistung anzutreiben. Ganz offensichtlich freute es das Tier ebenso, seine Schnelligkeit und Kraft ausleben zu können.

Ein schneller Blick nach links und rechts überzeugte Algoli, dass sie beide Brüder bereits chancenlos abgehängt hatte. Ferry, der sich links von ihr hielt, hatte bereits mindestens fünf Pferdelängen verloren. Diesen Abstand konnte er bis zum Ziel nie mehr aufholen. Selbst Harro, der rechts von ihr ritt, fiel bereits zurück, wenn auch nicht so stark wie sein Bruder. Er bemühte sich redlich und trieb sein Pferd mit allen Mitteln an, jedoch umsonst. Algoli vernahm den stoßartigen Atem sowohl von ihm wie auch von dem Tier.

Sie ritten auf einer nahezu flachen Hochebene. Eine ideale Rennstrecke, die nur von einem kurzen Grasteppich bedeckt war. Der Turm markierte die Grenze der Hochebene, denn dahinter fiel das Land zuerst steil zum Meer ab, ehe es nach weiteren zwanzig Metern eine senkrechte Wand bildete.

Mit einem lauten Aufschrei, der ihren Sieg verkündete, erreichte Algoli den Turm und lenkte Heri zum Auslaufen nach links.

Hinter ihr kamen zuerst Harro und dann auch Ferry zu Stehen. Beide hielten ihre gewaltigen Rosse neben Heri. Die Stute wirkte neben den gewaltigen Hengsten unscheinbar, aber sie hatte ihre Kraft und Geschwindigkeit bewiesen, und darum war es bei diesem Wettrennen auch gegangen.

„Na, was sagt ihr nun?“, meinte sie leichthin und trieb ihre Stute wieder mehrere Meter von dem Klippenrand fort.

„Auf einer kurzen Strecke mag sie überlegen sein, aber wie es mit ihrer Ausdauer steht, hat sie bislang noch nicht bewiesen.“

„Ach, Harro, du willst es nur nicht zugeben, dass du und deine Tiere nicht das Maß aller Dinge seid.“

Mit einem eleganten Schwung schwang sie sich vom Rücken Heris und landete mit beiden Füßen gleichzeitig in dem weichen Gras.

Ferry stieg ebenfalls von seinem Ross und stellte sich neben Algoli. Mit einer etwas unbeholfenen Geste reichte er ihr seine Hand. „Du hast ehrlich gewonnen, Algoli. Das hätte ich nie für möglich gehalten. Heri besitzt ja so kurze Beine ...“

„So wie ich“, konterte Algoli, „und dennoch hast du auch im Wettlauf stets gegen mich verloren.“

„Ich bin einfach zu schwer“, versuchte Ferry sich zu rechtfertigen und blickte auf Algoli herab.

Ferry überragte die Mächtige um nahezu die Hälfte ihres Körpers. Wenn die Göttin sich aufrecht hielt und Ferry sich um eine ebensolche Haltung bemühte, stand ihr Kopf in Höhe seines Brustkorbes. Algoli musste ihr Gesicht steil nach oben richten, wenn sie ihm in die Augen blicken wollte. Genau das tat sie nun. Mit einem offenen Lachen blickte Ferry ihr entgegen. Sympathie, fast schon Liebe sprach aus diesem Blick.

„Du bist nicht nur zu schwer, du bist auch zu groß. Die bist eine Riese“, scherzte Algoli.

„Der soll ein Riese sein?“, brüllte Harro vor Vergnügen, „Ferry ist doch nur ein Zwerg.“ Wie zum Beweis stellte er sich neben Ferry, und tatsächlich überragte er ihn um mindestens drei Kopflängen. Es war nicht zu leugnen, Ferry blieb in seinem Wachstum deutlich hinter seinen Artgenossen zurück. Vielleicht verstanden Algoli und er sich aber gerade deshalb so gut, weil nicht eine unüberbrückbare Barriere zwischen ihnen stand. Reichte Algoli Ferry bis zur Brust, ragte ihr Kopf nicht über die Taille von Harro hinaus.

Dennoch respektierte auch Harro die Göttin. Keiner der Riesen wusste genau, seit wie vielen Jahren die Göttin bei ihnen lebte. Einst sollte sie als Gefangene nach Pana gebracht worden sein, aber dieses Geschehen musste bereits so weit in der Vergangenheit liegen, dass niemand mehr die Wahrheit kannte. Algoli, die sicherlich darüber Bescheid wusste, schwieg sich aus.

„Was ich nicht im Körper habe, habe ich eben im Kopf!“ Ferry hatte aufgrund seiner Kleinheit immer das Bedürfnis, sich in Allem, was er tat, rechtfertigen zu müssen. „ Du bist einfach viel zu groß. Bis du einen Gedanken an deine Füße schicken willst, bin ich schon längst auf und davon. Bis deine Gedanken deine Füße erreichen ...“

„Ach, hör auf damit, Brüderchen. Du brauchst keine Ausreden zu erfinden ...“

„Erfinden? Ich spreche von Tatsachen!“

„Erfinden, sagte ich“, beharrte Harro. „Du bist einfach zu klein ...“

Bevor die beiden ihren Disput weiterführen konnten, preschte Gord mitten unter sie. Der Wolf beachtete die beiden Riesen überhaupt nicht, es war fast so, als existierten sie für ihn nicht. Schnurstracks näherte er sich Algoli und legte seine rechte Pfote an ihren Fuß. Für Gord machte es keinen Unterschied, wo er die Mächtige berührte, er musste lediglich einen direkten Körperkontakt herstellen. Mit diesem Körperkontakt übermittelte er ihr die neuesten Informationen.

Normalerweise ging Gord seine eigenen Wege. Manchmal sahen sie sich tagelang nicht, ehe der Wolf die Mächtige aufsuchen musste, einerseits um von ihr die Kraft aufzunehmen, die ihm seine Fähigkeiten garantierten, andererseits um die überschüssigen Kräfte von Algoli abzuleiten.

Dass er jetzt so plötzlich mitten unter ihnen auftauchte, musste eine besondere Bewandtnis haben.

Algoli ließ sich auf die Knie nieder und legte ihre Arme um den Hals des Wolfes. In dieser Haltung hielten sie stumme Zwiesprache.

Die Riesen kannten dieses Ritual und störten die Mächtige nicht.

Als Algoli sich von dem Wolf löste, blickten ihre Augen ernst und unwillkürlich sahen sie zu den Klippen, als fürchtete sie bereits die ersten Feinde.

„Es droht Gefahr“, eröffnete sie den beiden Riesen.

Die beiden Brüder blickten sie im ersten Moment ungläubig an. „Wer soll uns schon gefährlich werden?“, meinte Harro.

„Halte dich nicht für unbesiegbar, nur weil du groß bist“, begann Ferry.

„Ruhig!“, unterbrach Algoli energisch das beginnende Streitgespräch. Sie kannte diese Gespräche der beiden Brüder zur Genüge und hatte nun absolut keine Lust, ihrem wortreichen Geplänkel weiter zuzuhören.

„Eine feindliche Flotte ist auf der Insel gelandet.“

Sie ließ ein paar Sekunden verstreichen, um diese Worte auf die beiden Brüder einwirken zu lassen. Nachdem beide nickten, schienen sie begriffen zu haben, dass tatsächlich eine Gefahr auf sie zukam.

„Kommt! Schauen wir die Klippen hinab!“, bestimmte Algoli und ließ sich gleichzeitig auf den Boden sinken. Sie landete auf ihren Knien und bewegte sich auf ihnen langsam auf den Rand der Klippen zu.

Die beiden Riesen folgten ihr. Sie empfanden es als ganz natürlich, dass sie die Führung übernommen hatte. Bereitwillig ordneten sie sich ihr unter.

Gord hatte sich wieder von der Mächtigen gelöst und ließ sich unweit ihrer Pferde im Gras nieder. Die Tiere kannten den Wolf. Sie wussten, dass von ihm keine Gefahr ausging, aber das bedeutete noch lange nicht, dass sie sich deshalb in seiner Nachbarschaft wohl fühlten.

Algoli fürchtete, dass die Tiere ihren Unwillen lautstark kundtun konnten. Das wollte sie aber unter allen Umständen verhindern.

Mit einer herrischen Geste, begleitete von einem starken Gedanken, vertrieb sie den Wolf. Gord zog sich zurück und ließ sich erst etwa einhundert Meter entfernt auf den Boden nieder und harrte dort der Dinge, die unweigerlich kommen würden. Die Göttin und er bildeten ein eingespieltes Team, deshalb wusste er, dass er bald einen Auftrag erhalten würde. Da verbot es sich natürlich, dass er sich weiter als unbedingt notwendig entfernte.

Vorsichtig näherte sich Algoli dem Klippenrand. Dicht hinter ihr hielten sich die beiden Brüder. Sie allerdings bewegten sich die letzten Meter erst vorwärts, nachdem ihnen Algoli durch Handzeichen klargemacht hatte, dass der Weg gefahrlos zu bewältigen war.

Natürlich kannte Algoli die Geographie der Insel. Insgesamt gab es lediglich drei Buchten, an denen eine unbemerkte Landung möglich war, da sie von Bergzügen vom Rest der Insel abgeschnitten waren. Eine dieser Buchten ließ jedoch einen Weg in das Innere der Insel zu, ohne dass besonders viel Mühsal und bergsteigerisches Können notwendig war. Dies war genau diese Bucht.

Bevor Algoli noch einen Blick in die Tiefe warf und die Fremden bemerkte, hatte sie gedanklich bereits die Konsequenz aus dieser Tatsache gezogen. Wer hier landete, wollte dies bewusst geheim halten – und hatte eine Gemeinheit im Sinn.

Sie legte die letzten Meter zurück, dann lag der ungehinderte Blick in die Tiefe vor ihr.

Fast im gleichen Augenblick durchfuhr sie ein heftiger Schrecken.

Ein oder zwei Schiffe hatte sie nach der Benachrichtigung von Gord erwartet. Doch das, was sich hier ihren Augen darbot, war eine stattliche Invasionsflotte. Es handelte sich um mindestens ein Dutzend Schiffe, von denen ein jedes ein halbes Hundert an Kriegern transportieren konnte.

Ferry und Harro neben ihr stöhnten unterdrückt.

„Was wollen die erreichen?“, meinte Harro.

„Na was, wohl?“, gab Ferry seinem Bruder eine schnippische Antwort. „Höflich begrüßen wollen sie uns wohl kaum. Dazu hätten sie einen besseren Landeplatz gefunden. Die wollen uns überraschen!“

„Das sehe ich auch, Brüderchen!“, wies ihn Harro zurecht. „Ich meine, was suchen sie hier auf Pana. Was könnte für sie so interessant sein, dass sie uns überfallen?“

„Was weiß ich, was du alles heimlich versteckt hast ...“

„Hört mit dem Geblödel auf!“, sagte Algoli bestimmt. „Die Situation ist zu ernst. Aber natürlich habt ihr den Nagel genau auf den Kopf getroffen. Wir müssen wissen, was sie tatsächlich hier suchen. Denkt einmal nach, was könnte es sein?“

„Wir besitzen keine Schätze“, meinte Harro nachdenklich, „nichts, das es lohnt, uns deswegen zu überfallen.“

„Wir kontrollieren die Seewege!“, platzte Ferry plötzlich heraus. „Kein Schiff innerhalb einer Zweitagesreise entgeht uns!“

„Das ist es!“, sagte Algoli plötzlich. „Das heißt, der Angriff gilt ...“ Sie hielt plötzlich inne, als müsste sie zuerst noch einen anderen Gedanken zu Ende verfolgen, ehe sie sie erste Vermutung ganz aussprechen konnte.

„Du meinst, der Angriff gilt eigentlich nicht uns persönlich, sondern uns als Seemacht.“

„So ähnlich“, schwächte Algoli ab. „Pana verfügt über keine Schätze. Es sei denn, jemand betrachtet euch Riesen als einen Schatz, den es zu heben gilt. Wer weiß, für welche Aufgabe ihr auserkoren worden seid.“

„Machst du dich jetzt über uns lustig, Göttin? Ich bin ein freier Mann und ich bestimme selbst über mich.“

„Natürlich, Harro. – Lass uns die Spekulation verschieben, bis wir nähere Informationen haben. Ich werde zu den Invasoren absteigen ...“

„Kommt nicht in Frage!“, widersprach Harro.

„Es muss sein. Und ich gehe allein. Ihr seid viel zu groß. Ihr würdet gleich auffallen. Da muss ich alleine gehen! Außerdem habe ich ja Gord.“

„Wie willst du da hinunterkommen, ohne dass sie auf dich aufmerksam werden?“

„Vorsichtig“, antwortete Algoli ein wenig zynisch. „Die Klippen sind zerklüftet genug, dass ich nicht bereits von Weitem gesehen werde. Außerdem hoffe ich, dass die Invasoren nicht ständig die Klippen absuchen. Und sollte mich doch jemand entdecken, kann ich mich immer noch herausreden. Ich bin neugierig, wer an diesem Landstrich angelandet ist. Dass mich das interessiert, kann mir niemand übelnehmen oder mir deswegen unlautere Absichten unterschieben.“

„Du bist ein Dickkopf, Algoli. Ich kenne dich zur Genüge, deshalb will es ich dir gar nicht mehr ausreden. Du setzt deinen Kopf ohnehin durch. Und was wird aus uns?“

„Einer von euch reitet so schnell wie möglich zurück und warnt den König! Er muss gerüstet sein, wenn die gelandete Armee gegen ihn vorrückt. Der andere beobachtet weiter und vor allem mich, bzw. was sich dort unten tut. Sollte ich keinen Erfolg haben, wird er es hoffentlich erkennen können. Zumindest weiß er dann Bescheid und kann eine Rettungsaktion starten.“

„Du bist eine Göttin. Von dir sind wir schon manche Überraschungen gewohnt.“

„Aber ich bin allein. Und ich allein kann sie nicht aufhalten. Alles, was ich tun kann, ist für Klarheit über ihre Gründe zur Landung zu sorgen. Ihr glaubt doch wohl nicht, dass ich allein die Invasoren besiegen kann.“

„Du bist eine Göttin“, wiederholte Ferry, mehr sagte er nicht, als sei damit bereits alles gesagt.

Algoli trug ein weites, weiß leuchtendes Leinenkleid, das knapp über ihre Knie reichte, aber weit genug geschnitten war, damit es sie nicht in der Bewegung und beim Reiten behinderte. Damit durfte sie sich nicht an den Abstieg machen, denn das Kleid hätte wie ein Signal gewirkt und sie schon von der Ferne allen Blicken geoffenbart.

Kurzentschlossen streifte sie das Kleid ab und stand in ihrer Lederrüstung, die sie als Kriegerin kennzeichnete, am Rand der Klippe. Ein eng genähtes schwarz gefärbtes Oberteil umschloss ihren Oberkörper. Kein Schmuck und keine Fransen zierte das Kleidungsstück. Es war rein funktionell, es bot keiner fremden Hand die Möglichkeit, sich in das Kleidungsstück zu verkrallen.

Ein breiter Gürtel hielt die Waffen, ihr Kurzschwert und mehrere verschieden lange Messer. Darunter trug sie eine Hose, die ihre Beine vollständig schützten.

Am Gürtel hingen noch zusätzlich ihre Armschützer, die sie bei Gefahr schnell anlegen konnte. Zu guter Letzt streifte sie noch ihre Lederkappe über. Diese besaß zwar auch eine geringe Schutzfunktion, diente aber hauptsächlich dazu, ihre Stirn zu verhüllen. Die dreieckige Knochenplatte, die sie als Göttin auswies, wollte sie nicht gleich jedem offenbaren. Manchmal war es besser, wenn man seinen Status verbergen konnte.

„Ich bin bereit“, sagte sie und pfiff nach Gord.

Die beiden Riesen betrachteten Algoli nun als die Göttin, als die sie in ihrem Volk Verehrung genoss, auch wenn sie offiziell als Pfand der Riesen von Pana galt.

Der Wolf legte seine Pfote in ihre Hand. Nur kurz dauerte die stumme Zwiesprache der beiden, dann preschte der Wolf davon.

„Ihr zwei macht euch besser auch auf den Weg“, sagte Algoli, ehe sie sich selbst an den Abstieg machte.

 

*

 

Gute zwanzig Minuten benötigte Algoli für den Abstieg. Vielleicht wäre es schneller gegangen, aber sicherlich nicht, ohne dass sie einen verräterischen Steinschlag ausgelöst hätte oder sie sich in eine exponierte Lage begeben hätte müssen, wo man sie von Weitem sehen hätte können.

Zufrieden mit sich erreichte sie nun ungesehen den Boden. Während sie sich orientierte, beruhigte sich ihr Atem.

Sie hatte den Grund an einer Stelle erreicht, an dem nur zwei Meter flacher Strand das Meer von den Felsen trennte. Da gab es keinen Platz für ein Zelt oder eine Lagermöglichkeit für die fremden Soldaten. Sie konnte sich also in aller Ruhe umblicken und brauchte nicht zu befürchten, dass sie hier jemand störte.

Links voraus verbreitete sich die Bucht und in einer Entfernung von etwa dreißig Metern standen bereits die ersten Zelte, in denen sich jeweils zehn Soldaten aufhielten. Jeweils vier Zelte teilten sich einen Feuerplatz, und rund um das Feuer hielt sich der Großteil der Soldaten auf. Wenn sich Algoli abseits der Feuerstellen hielt, besaß sie gute Chancen, ungesehen in das Zentrum des Lagers vorzustoßen. Was sie daran hinderte, gleich weiter vorzustoßen, war der Umstand, dass sie bislang auf noch kein einziges weibliches Wesen gestoßen war. Wenn sich in dem Lager tatsächlich nur Männer aufhielten, sanken ihre Chancen gegen Null, die Führer der Invasionsarmee zu überraschen.

Eine Zeitlang verhielt sich Algoli ruhig und überdachte die Lage.

Da sich nichts Entscheidendes tat, blieb ihr schließlich nichts anderes übrig, als das Wagnis auf sich zu nehmen.

Abseits der Feuerstellen schlich sie sie auf das Zentrum des Lagers zu, das ein besonders hell leuchtendes Feuer kenntlich machte. Als sie sich dem Platz auf etwa auf zwanzig Meter genähert hatte, stieß sie auf ihre ersten Geschlechtsgenossinnen. Es handelte sich durchwegs um Hetären.

Algoli wartete eine günstige Gelegenheit ab. Als sich eine der Frauen absonderte – man sah ihr im Übrigen deutlich an, dass sie eine schlechte Laune hatte -, fasste Algoli sie und zog sie in die Dunkelheit. Ihr Griff verhinderte, dass sie sich auch nur irgendwie bemerkbar machen konnte.

Algoli rang die Frau nieder, dann raunte sie: „Still, ich will dir nichts Böses!“

Es dauerte dennoch einiger Wiederholungen, bis die Frau ihren Widerstand endlich aufgab. „Wenn du dich ruhig verhältst, geschieht dir nichts.“

„Was willst du?“

„Informationen, sonst nichts. – Was treibt ihr hier?“

„Glaubst du, das besprechen sie mit uns? Wir sind zu ihrem Vergnügen hier. Das genügt für uns.“

„Woher kommt ihr?“

„Von Mo.“

„Weitere Informationen kannst du mir keine geben?“

Die Frau gab keine Antwort, aber ihr Kopfschütteln war Antwort genug. „Du bist schlecht aufgelegt!“, stellte sie nüchtern fest.

“Wer wäre das nicht, wenn sie uns so behandeln“ Sie ließ das „so“ ohne weitere Erklärung in der Luft stehen und Algoli fragte nicht nach. Sie konnte es sich denken.

„Bleib hier in der Deckung liegen! Ich leihe mir dein Gewand aus. In zehn Minuten bekommst du es hoffentlich zurück.“

Die Frau wehrte sich, als Algoli ihr das Gewand über den Kopf zog, aber gegen die Kraft der Göttin kam sie nicht an. Die Hetäre war darunter nackt. Nackt blieb sie im Schatten zurück. Ruhig streifte Algoli das Gewand über. Es bestand aus dünn gewebtem Leinen, das an den gewissen Stellen weitmaschig gefertigt war. Es bot einen ahnenden Durchblick, ließ aber vor allem der Phantasie einen weiten Spielraum.

Algoli fühlte sich in diesem Gewand nicht wohl. Die Weitmaschigkeit gewisser Stellen störte sie weniger als die Tatsache, dass darunter ihre Rüstung durchschimmerte. Sie musste es darauf ankommen lassen und auf ihr Glück vertrauen.

Selbstsicher trat sie dann in das Zentrum des Platzes.

Sie mischte sich unter die anderen Frauen, die den anwesenden Männern mit Wein gefüllte Gläser reichten und sie mit mundgerecht geschnittenem Obst versorgten. Und manchmal folgte eine der Frauen einem Mann in ein Zimmer im Obergeschoss.

Algoli erkannte bald, dass dies die beste Chance bot, zu den gewünschten Informationen zu gelangen. Also richtete sie sich danach. Sie besaß genügend Menschenkenntnis, um einen einfachen Soldaten von einem höherrangigen Offizier zu unterscheiden. Sie machte den richtigen Männern schöne Augen, flirtete mit ihnen, und ihr Blick und ihre Gesten verrieten, dass mehr möglich war als nur ein flüchtiger höflicher Gruß.

Mit dieser Taktik besaß sie tatsächlich Erfolg.

Einige der Hetären bemerkten wohl, dass sich Algoli in ihre Reihen eingeschlichen hatte, aber aus den verschiedensten Gründen schwiegen sie, wenn auch manche erst nach einer Aufforderung von Algoli.

Sie waren so dumm und berechenbar, die Männer, dachte die Göttin. Den Großteil von ihnen verachtete Algoli ohnehin, und den Rest konnte sie einschätzen und bei ihm ziemlich genau vorhersagen, wie die Reaktion ausfallen würde.

Genau so verhielt es sich auch diesmal.

Es dauerte nicht lange, bis Algoli die Aufforderung erhielt, einem Offizier in ein Separee zu folgen.

Mit einem Lächeln im Gesicht folgte sie dem Offizier, ließ sich in ein Zimmer führen, in dem ein breites Bett den meisten Platz einnahm. Der Offizier öffnete seinen Waffengürtel und legte den Gürtel mit all seinen Waffen auf einem Bord ab. Er blickte Algoli auffordernd an.

Algoli gab den Blick mit einem gewinnenden Lächeln zurück, dann löste sie mit ihrem gewinnenden Lächeln die Spange, die das Kleid an der Schulter zusammenhielt. Das Kleid löste sich und glitt sachte an ihrem Körper entlang zu Boden.

Darunter trug sie jedoch ihre Rüstung.

„Aber ...“, konnte der Offizier noch sagen. Er kam zu keiner weiteren Reaktion denn da war Algoli bereits über ihm. Ihr Schwung traf ihn völlig unvorbereitet. Da der Offizier mit dieser Reaktion keineswegs gerechnet hatte, überrumpelte sie ihn vollständig. Es dauerte keine Sekunde, bis er auf dem Boden lag, hilflos dahingestreckt.

Algoli drückte ihm bereits eines ihrer Messer an den Hals.

„Ich will nur ein paar Informationen von dir“, sagte sie kalt. „Antworte schnell, dann ersparst du dir einige Schmerzen!“

„Was willst du?“, presste der Mann mühsam hervor. Die Spitze des Messer drückte unangenehm auf seinen Hals. Bei jedem Ton, stets wenn sein Adamsapfel auf und ab hüpfte, spürte er deutlich die Schneide des Messers.

„Was führt euch hierher?“

„Du bist eine Eingeborene?“, wollte er wissen.

Algoli nickte, fügte jedoch gleich hinzu: „Beeil dich mit der Antwort!“

„Ihr kontrolliert den Seeweg nach Norden. Kein Schiff, heißt es, kommt ungesehen an eurer Insel vorbei. Deswegen sind wir hier.“

„Du musst schon etwas ausführlicher werden“, verlangte die Göttin und verstärkte ein wenig den Druck ihres Messers. Ein erster Blutstropfen trat aus seinem Hals.

„Eine Flotte segelt in den nächsten Tagen nach Norden. Das muss nicht gleich jedermann wissen. Unser Herrscher will seine Ankunft so lange es geht geheim halten. Die Schiffe von Pana, so heißt es zumindest, kontrollieren die Strecke in den Norden im Umkreis von mehreren Tagesstrecken. Wir sollen dafür sorgen, dass unsere Schiffe möglichst ungesehen nach Norden vorstoßen können.“

„Wer ist wir?“

„Mo. Wir stammen von Mo.“

„Das habe ich bereits an euren Segeln erkannt“, sagte Algoli. „Wie viele seid ihr und was habt ihr tatsächlich vor?“

„Wenn wir es schaffen, den Hafen von Pana zu besetzen, können wir dafür sorgen, dass kein Schiff mehr auslaufen kann.“

„Wenn der Hafen das Ziel ist, weshalb dann die Landung in dieser Bucht?“

„Wir sind lediglich die Vorhut. Wir sollen für einen sicheren Stützpunkt sorgen.“

„Wann kommt das Hauptheer?“

„Wir geben der Flotte ein Zeichen, wenn sie gefahrlos landen kann!“

„Und dann marschieren die Soldaten über Land zum Hafen und die Schiffe kommen auf dem Seeweg?“, vermutete Algoli.

Der Offizier nickte.

„Wann erwartet die Flotte das Zeichen?“

„Heute Nacht ist es soweit.“

„Was geschieht, wenn das Zeichen ausbleibt?“

„Dann nächste Nacht...“

„Nur wenn es sicher ist, wird das Zeichen gegeben?“, vergewisserte sich die Göttin.

„Nur dann“, bestätigte der Offizier.

„Das ist Pech für dich“, sagte Algoli, „denn solange ein Mörder in dem Lager weilt, gibt es hier keine Sicherheit.“ Noch während sie dies sagte, fuhr ihr Messer tief in seinen Hals. Ihre zweite Hand hatte sich auf seinen Mund gepresst. Der Todeskampf dauerte nur kurz, dann löste sich Algoli von dem Krieger.

Die Göttin verweilte eine Sekunde, ehe sie sich das Gewand der Hetäre erneut überstreifte. Offensichtlich war das Geschehen in diesem Raum ohne störende Begleiterscheinungen abgelaufen, denn nichts deutete darauf hin, dass jemand auf sie aufmerksam geworden wäre.

Sie reinigte ihr Messer von dem Blut, dann warf sie eine der herumliegenden Decken über den Körper des Offiziers. Das Blut besudelte zwar das Tuch, aber es mochte einige Sekunden dauern, bis den Eintretenden klar wurde, was sie hier abgespielt hatte.

Sie öffnete die Tür und trat auf den Gang hinaus. Hinter sich schloss sie die Tür. Ein schneller Blick nach links und rechts überzeugte sie, dass niemand auf sich achtete, also bewegte sie sich ohne Hast und mit schwingenden Hüften den Weg zurück, den sie gekommen war.

Ein zweites Mal würde dieser Trick nicht funktionieren.

Sie ging dorthin, wo sie die Hetäre nackt zurückgelassen hatte.

Die Frau war jedoch verschwunden.

Macht auch nichts, überlegte sie. Die Soldaten mussten schließlich von der Gefahr erfahren, in der sie schwebten. Sollte die Hetäre ruhig Alarm schlagen, sowie sie sich mit einem neuen Gewand versorgt hatte. Das und der vermutlich bald erfolgte Fund der Leiche würde die Ordnung in dem Lager recht bald zunichte machen und für Unruhe sorgen.

 

*

 

Gord traf Algoli knapp außerhalb des Lagers, dort, wo der Felsen steil abfiel und tief in das Meer hinein sich fortsetzte.

„Wir werden für ein wenig Aufregung sorgen“, meinte die Göttin und legte ihre Hand an den Kopf des Wolfes. In Sekundenschnelle war nicht nur die Information ausgetauscht, auch der Plan von Algoli eröffnete sich Gord.

Der Wolf fiepte sein Einverständnis.

An der dem Meer abgewandten Seite befand sich eine Koppel, in der sich etwa 20 Pferde tummelten. Es handelte sich um schwere Rösser. Als Reittiere schienen sie zu behäbig, außerdem war ihr Rücken zu breit, um bequem auf ihnen reiten zu können. Algoli vermutete deshalb, dass es sich um Zugtiere handelte, welche die schweren Waffen über den Gebirgspass zu ziehen hatten.

Ohne Zugtiere waren die schweren Waffen kaum zu transportieren. Für Algoli ergab sich die Konsequenz ganz klar. Ein Angriff von der Landseite ohne die Unterstützung von Kanonen musste erfolglos bleiben, also musste sie nur dafür sorgen, dass die Waffen nicht so leicht über das Gebirge transportiert werden konnten. Es schien einfacher, die Zugpferde zu vertreiben, als die Waffen unbrauchbar zu machen.

Gord und Algoli bewegten sich vorsichtig und stets im Abseits bleibend rund um das Lager,

dennoch dauerte es nicht lange, bis die Pferde die Witterung des Wolfs aufnahmen. Sie wurden merklich unruhig.

„Was habt ihr denn, ihr Biester?“, schimpfte der Soldat, der neben der Koppel stand und dessen Aufgabe es war, auf die Tiere zu achten.

Noch war er nicht misstrauisch geworden. Er warf nur einen Blick in die umgebende Landschaft. Allerdings konnte er nichts Auffälliges entdecken.

Die Unruhe der Tiere legte sich jedoch nicht, im Gegenteil, sie verstärkte sich.

„Verdammt!“, fluchte der Wächter lautstark und machte sich nun doch daran, die Koppel zu umrunden.

Darauf hatte Algoli nur gewartet. Sie bevorzugte es ohnehin, wenn ihre Feinde sich ihrem Standort näherten, anstatt dass sie auf sie zugehen musste. Das vereinfachte die Angelegenheit unheimlich.

Die Göttin hatte sich in der Zwischenzeit der Koppel bis auf wenige Schritte genähert, und als der Soldat nun herangeschritten kam, handelte sie augenblicklich.

Der Wächter bewegte sich absolut sorglos. Die Unruhe der Tiere konnte er sich zwar nicht erklären, dass aber Gefahr für sie und ihn bestand, bedachte er irgendwie überhaupt nicht. Was sollte ihm hier in dieser abgeschiedenen Bucht schon drohen? Er missachtete jegliche Grundvoraussetzung, die er als Wächter eigentlich beachten sollte.

Arglos schritt er an Algoli vorbei, die auf den Knien kauerte und sich im hohen Gras versteckte. Er hielt nicht einmal eine Waffe in der Hand.

Für Algoli eine leichte Beute.

Sie hielt nichts davon, ihn auf die Gefahr aufmerksam zu machen, in der er schwebte. Als Soldat musste er damit rechnen, getötet zu werden.

Hinter ihm erhob sie sich. Ihr Schwert vollführte einen Halbkreis. Der Soldat kam nicht einmal mehr dazu, einen erschreckten Ausruf auszustoßen. Algoli Schwertschlag trennte den Kopf fast vollständig vom Hals.

Ohne einen weiteren Laut von sich zu geben, fiel er flach auf den Boden.

Algoli kümmerte sich nicht weiter um ihn.

Die Pferde in der Koppel wurden mit jedem Meter, den sich Gord näherte, nervöser. Zudem fiel Algoli noch auf, dass manche von ihnen noch unsicher auf den Beinen standen. Offensichtlich war es noch nicht so lange her, dass man sie von den Schiffen getrieben hatte. Manche von ihnen litten eindeutig noch unter den Nachwirkungen der langen Schaukelei auf Meer.

Das brachte Algoli auf eine weitere Idee. Bevor man die Pferde in die Berge jagte, konnte man sie ja noch durch das Lager treiben.

Sie winkte Gord zu sich heran, berührte kurz seinen Hals.

Der Wolf fiepte sein Einverständnis, dann öffnete Algoli das Gatter, das die Tiere bislang zurückgehalten hatte.

Mit einem Schwung brachen die Tiere durch die Öffnung, die sich so plötzlich vor ihnen aufgetan hatte. Kaum hatten sie die Öffnung passiert, ließ sich Gord blicken. Er ließ nur einmal seine Stimme ertönen. Die Nervosität der Tiere steigerte sich zur Panik und wild preschten sie los, dann sorgte er lediglich dafür, dass sie in jene Richtung davonstürmten, in die sie Algoli treiben wollte. Und das bedeutete, mitten durch das Lager der Soldaten.

Was nützten den Soldaten von Mo in diesem Augenblick ihre Waffen und ihre Tapferkeit, sie hatten genug damit zu tun, den wirbelnden Hufen zu entgehen. Hilflos mussten sie mitansehen, wie ein guter Teil der Zelte und der Herdstellen – bislang ohne Feuer – ein Opfer der trommelnden Hufe wurde.

Hinter der Herde trieb ein Wolf die Pferde. Bisweilen sorgte er mit einem leichten Biss dafür, dass die Tiere ihren Respekt vor ihm nicht verloren.

Und zu guter Letzt kam ein weiblicher Racheengel, der mit dem Schwert in der Hand tödliche Wunden an jene austeilten, die sich nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatten, und das waren nicht wenige. Wie eine Furie teilte Algoli ihre Hiebe links und rechts aus. Sie musste den Soldaten wie ein übernatürliches Wesen erscheinen, das zu bekämpfen schier unmöglich war, denn solange der Trieb der Pferde durch das Lager andauerte, konnten sich die Soldaten nicht organisieren und zu einer geordneten Abwehr zusammenfinden.

 

2 Ellinor

 

Ellinor war noch nie ein Kind von Fröhlichkeit gewesen.

Hatte dies bereits früher stets zugetroffen, so war dies ab dem Zeitpunkt, an dem Ketan ihre Schwerthand von ihrem Arm getrennt hatte, nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Ein unbändiger Drang erfüllte sie seit diesem Ereignis, jenen Menschen zu töten oder zumindest zu verstümmeln und zu erniedrigen, der ihr dies angetan hatte.

Grettir hatte ihr eine Hand aus Eisen angepasst.

Äußerlich wirkte Ellinor keineswegs verstümmelt. Die Hand erfüllte ihre Funktion. Ellinor konnte sogar Dank der Fähigkeiten von Grettir die Finger einzeln bewegen. Vielleicht nicht mit der gleichen Präzision wie bei ihrer echten Hand, aber gut genug, um jede Tätigkeit und Bewegung zufriedenstellend zu bewerkstelligen. Und sie konnte vor allem kraftvoll die Hand um den Schwertgriff schließen.

Jeden Morgen rissen sie die Erinnerungen an ihre Niederlage frühzeitig aus dem Schlaf.

Zu einem möglichst kleinen Bündel zusammengekauert, schlief sie in ihrer Erdhöhle, die sie auch vor der neuen Burg angelegt hatte. Mit den Erinnerungen streckte sie ihren Körper, dann fühlte sie die Kälte, die von ihrer Hand ausging.

Die geflügelte Schlange schmiegte sich an ihre Schulter, versuchte beruhigend auf sie einzuwirken, doch mit ihrer Ruhe war es vorbei. Ellinor musste sich erheben.

Die ersten Tage nach ihrer Niederlage hatte Grettir noch in dieser Welt verbracht, hatte seine Statthalterin mit einer Eisenhand versorgt und mehrmals überprüft, ob die Hand tatsächlich gebrauchsfähig war, dann hatte er Ellinor, Orac und Ordnung mit neuen Anweisungen versehen.

Die letzten Kämpfe hatten die Zahl der Chaoswesen arg dezimiert.

„Wir müssen erst wieder stark werden!“, hatte Grettir sie aufmerksam gemacht. „Verschleudert nicht meine Kräfte!“ Als hätte er damit alles gesagt, ließ er es dabei bewenden.

Dann hatte er sie verlassen.

Ellinor dachte jedoch nicht daran, es damit bewenden zu lassen. Die Vögel wiesen noch ihre nahezu volle Zahl auf. Sie konnte sie jederzeit in den Kampf führen. Auch die Echsenmänner verfügten noch über eine stattliche Anzahl von Kämpfern, lediglich die Gedankenvampire waren zu einer kleinen Schar zusammengeschrumpft. Auf sie musste sie möglicherweise verzichten.

Als sie an diesem Morgen ihren Erdbau verließ, besaß sie bereits eine klare Vorstellung davon, was sie an diesem Tag erwarten würde.

Orac saß vor der Hütte, die Grettir als seine Hauptburg bestimmt hatte. Wenn Grettir abwesend war, bewohnte Orac die Burg und zeigte damit allen, wer der eigentliche Herr war. Mochte Ellinor auch Grettirs Statthalterin sein, die eigentliche Macht übte der Chaosfürst aus. Das glaubte er zumindest. Seit er seinen Originalkörper zurückerhalten hatte, erfüllte ihn absolute Zuversicht. Zwischenzeitlich war er bereits sogar soweit, die Zeit, die er sowohl als Fuchs als auch als Gedankenvampir zubringen musste, als Gewinn zu betrachten. Die zusätzliche Erfahrung hatte ihn in seinen Augen reifen lassen, seine Umsicht erhöht und seither ließ er Aspekte in seine Planung einfließen, die er bislang außer Acht gelassen hatte. Natürlich wusste er, dass Ellinor auf Rache brannte und einen Angriff plante, der Isis galt. Daran dachte er, als er Ellinor gewahrte, die direkt auf ihn zukam.

„Ruf die Vögel und die Echsenmänner!“, befahl Ellinor dem Chaosfürsten in ihrer Eigenschaft als Statthalterin, die ihr die Befehlsgewalt über Orac verlieh.

„Was hast du vor?“

„Ich vertreibe Isis aus diesem Stück Land!“

„Grettir hat dir Ruhe befohlen. Seine Streitmacht soll erst wieder anwachsen.“

„Grettir ist weit, außerdem bin ich hier der Chef.“

„Ich erinnere dich nur daran, Ellinor, dass Grettir auch ungemütlich werden kann, wenn man seine Anordnungen missachtet. Gut, Ellinor, ich beuge mich deiner Befehlsgewalt, aber mach mir später keinen Vorwurf, wenn deine Kräfte zu gering sind. Übrigens“, er machte absichtlich eine längere Pause, um seinen folgenden Worten eine stärkere Wirkung zu verleihen: „Ordnung. Du erinnerst dich hoffentlich daran, dass du mir ein Angebot gemacht hast, Ordnung betreffend. Die Gelegenheit ist günstig. Grettir hat uns verlassen und wer weiß, wann er wiederkehrt. Das kann Jahre dauern.“

„Ich habe es nicht vergessen“, bestätigte Ellinor, „doch heute benötige ich Ordnung noch. Die Gedankenvampire sind unruhig. Seit sie nur mehr sehr wenige sind, drängen sie sich in ihrem Bereich ängstlich aneinander, als fürchten sie, wir wollen sie gänzlich auslöschen. Ich habe Ordnung zu ihnen gesandt. Er kann uns also nicht in die Quere kommen. Und jetzt sammle deine Streitmacht und mach dich zum Aufbruch bereit!“

 

3 Isis

 

 

Isis befand sich zusammen mit Ketan und Isidor auf dem Anwesen, das einst Ruby und Hara bewohnt hatten. Da die beiden Gnome den Angriff auf Grettirs Burg nicht überlebt hatten, übernahm Isis ihr Anwesen.

Hurdon, der Zwerg und Gestaltwandler, hatte Isis direkt nach der Schlacht verlassen. Er wandte sich seinen eigenen Geschäften zu, wie er sich ausdrückte, hatte jedoch versprochen, in regelmäßigen Abständen bei ihnen vorbeizuschauen. Auch wollte er ihnen Hilfe zukommen lassen, soweit es in seinen Möglichkeiten stand.

Nach Hurdon trieb es nun auch Isidor wieder dorthin zurück, von wo er ursprünglich gekommen war. Seit er den Körper von Rodulf übernommen hatte, verbrachte Isidor täglich mehrere Stunden damit, die erschlafften Muskeln des Körpers wieder zu aktivieren. Dieses Training sah man dem Körper auch an. Die einst eingefallen und schwach wirkende Gestalt des Bettlers nahm langsam stattlichere Formen an. Mehrmals täglich übte Isidor zusätzlich mit dem Schwert. Die Bewegungen, die den geübten Kämpfer auszeichneten, waren dem Körper absolut ungewohnt und Isidor musste jeweils den Widerwillen, den ihm der Körper unbewusst entgegensetzte, überwinden. Die schnellen Bewegungen und abrupten Richtungswechsel beanspruchten die Muskeln, denen diese Art der Bewegung ungewohnt war und deshalb nach kurzer Zeit verkrampften. Aber mit jedem Tag Training zeigte sich der Erfolg und bald schon konnte er zumindest einen halbstündigen Kampf mit Ketan als Trainingspartner durchstehen.

„Ich möchte zu meiner Familie zurück“, eröffnete Isidor Ketan schließlich.

„Das verstehe ich durchaus“, gab Ketan zurück, „aber willst du nicht noch ein paar Tage warten? Ich traue dem Frieden noch nicht ganz. Ich fürchte, Grettir plant noch eine Teufelei mit uns.“

„Er hätte bereits vor Tagen zugeschlagen, wenn er es tatsächlich vorgehabt hätte. Weshalb sollte er warten, bis wir wieder erstarkt sind?“

„Aus dem gleichen Grund. Auch seine Geschöpfe haben etliche Verluste erlitten.“

„Ich fühle mich stark genug, auch dieser Körper ist wieder kräftig genug. Ich frage mich nur, wie man seinen Körper so verkommen lassen kann.“

„Denk daran, welchen Beruf Rodulf ausgeübt hat. Als Bettler kommt man offensichtlich mit einem Minimum an Bewegung aus.“

Isis betrachtete die beiden Männer von dem Haus aus. Sie stand im Eingang und ließ ihre Blicke über den Himmel schweifen.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738916379
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
gondar götter urzeit riesen pana

Autor

Zurück

Titel: GONDAR – die Götter der Urzeit #5: Die Riesen von Pana