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Braddock #18: Mendosino-Lady

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

BRADDOCK #18: Mendosino-Lady

Klappentext:

Roman:

BRADDOCK #18: Mendosino-Lady

 

Ein Western von GLENN STIRLING

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Titelbild: Nach einem Motiv von Klaus Dill, 2018

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Ein Zug wird von zwei gnadenlosen Banditen überfallen. Dabei erbeuten sie eine große Geldsumme und töten alle, die ihre Tat bezeugen könnten. Hierbei machen Sie keinen Unterschied, ob ihnen ihr Gegner mutig mit der Waffe in der Hand entgegentritt oder gerade den Rücken zudreht. Alle müssen sterben …

Die beiden Spezial Deputies Braddock und Yumah heften sich auf die Spur der verdammten Mörder, wollen sie fassen und dem Gesetz übergeben. Eine heiße Spur führt Braddock nach Mexiko, in die Nähe seines alten Freundes, dem überaus reichen und mächtigen Don Pasquale, der auf der Hazienda Mendosino residiert. Von ihm erhofft er sich Unterstützung bei der Suche nach Lee Mills, dem gefährlichsten der beiden Verbrecher und macht eine Entdeckung, die seine Mission zu gefährden droht, denn er trifft auf die wunderschöne Bella Ferguson, deren Bann sich nur wenige Männer entziehen können, und die ein ebenso tödliches Geheimnis hat …

Was ist mit Braddock? Kann er ihr wiederstehen?

 

 

Roman:

Als Braddock den Bergkamm erreicht hat, fällt weit hinter ihm der Schuss. Das Echo rollt durchs Tal und hallt von den Felswänden wider.

Der Falbe ist sofort stehengeblieben, und Braddock lauscht, ob noch weitere Schüsse folgen. Aber es bleibt still.

Den Klang des Gewehres hat er sofort erkannt. Da gibt es für ihn keine Täuschung. Das muss Yumah gewesen sein. Er und kein anderer.

Also, denkt er, habe ich den Rücken frei.

Er blickt nach vorn. Es geht von hier aus nur noch bergab, bis hinunter in die Ebene, die sich bis zum Horizont hinzieht. Karges Land, mehr Wüste als Steppe. Und vorn, wie ein Klecks in dieser Einöde, das mexikanische Dorf.

Es gibt keine Bäume, soweit das Auge reicht, nur Büsche oder Kakteen. Schroffe Felsen ragen da und dort noch im Vorland der Berge aus dem Boden. Weiter hinten dann, wo die Luft flimmert wie über einem Backofen, ist alles eben.

Die Spur, der Braddock folgt, ist drei Tage alt und nur noch in Bruchstücken vorhanden. Jeweils dort, wo Büsche oder erhöhte Stellen vorm Verwehen schützen.

Und diese Spur führt ziemlich gerade auf den Ort dort vorn zu. San Emetrio heißt er. Braddock ist vor Jahren das letzte Mal hier gewesen. Die Bewohner leben mehr vom Schmuggel als von irgendetwas anderem, denn die Grenze zu den Staaten ist nicht weit. Und dies hier ist Mexiko, genauer gesagt Sonora.

Braddock perlt der Schweiß aus allen Poren. Der Falbe geht mit hängendem Kopf, ist paniert von Staub, seine Flanken sind klitschnass, obgleich Braddock ihn geschont hat.

Noch einmal dreht er sich im Sattel um und blickt zurück. Aber von Yumah ist nichts zu sehen. Wie sollte das auch, gehen?, fragt sich Braddock. Er ist wenigstens acht bis zehn Meilen von mir weg. Vielleicht ist es ihm wirklich geglückt, uns den Kerl vom Halse zu schaffen. Jetzt sind es nur noch zwei.

Er schaut wieder nach vorn und blickt aus schmalen Augen auf San Emetrio, dieses Nest, von dem die Kirche das Schönste ist. Weiß leuchtet sie im grellen Licht dieses Tages. Und von der glänzenden Glocke werden die Sonnenstrahlen reflektiert, sodass es aussieht, als blitze es dort oben auf dem Turm.

Ohne Hast reitet Braddock weiter. Dort, wo er die Spur noch erkennen kann, ist deutlich zu sehen, dass eines der beiden Pferde lahmt.

Sie werden in San Emetrio sein, denkt er. Vielleicht liegen sie irgendwo herum und schlafen. Es ist Siesta-Zeit.

Die Sonne steht ganz oben am Himmel. Es kann nicht viel später als Mittag sein, und die Gluthitze ist schier unerträglich.

Dort, wo der Boden sandig ist, schlurft der Falbe regelrecht, zieht die Beine nach, so müde ist er.

Braddock treibt ihn nicht an, und dennoch kommen sie rascher voran, als er gedacht hat. Es geht hier leicht bergab. Es wird den Falben nicht mehr anstrengen und vielleicht hat er auch das Wasser gewittert. Das Wasser, das es dort unten in dem Ort geben wird. Der Falbe wird sogar schneller, und eine Dreiviertelstunde später hat Braddock auf seinem Pferd San Emetrio erreicht.

Die Straße ist um diese Mittagszeit leergefegt. Die Luft flimmert vor den weißgekalkten Mauern der aus Adobelehm gebauten Häuser.

Die Plaza mit der Kirche in der Mitte wirkt viel größer als aus der Ferne. Die Kirche selbst macht einen gewaltigen Eindruck. Wie ein Riese steht sie unter den geduckt wirkenden Häusern.

Im Schatten entdeckt Braddock ein paar Hühner, ein Stück weiter ein Schwein, das hechelt wie ein Hund.

Und dann sieht er den Alten. Er erkennt ihn sofort wieder, weiß sogar noch, wie er heißt, obgleich er ihn Jahre nicht gesehen hat.

Der Alte sitzt unter einem Vordach und ist im Stuhl eingenickt. Er schaut nicht einmal auf, als der Falbe vor ihm stehen bleibt und schnaubt, ungeduldig mit den Vorderhufen scharrt, bis Braddock absitzt, ihm das Gebissstück aus dem Maul nimmt und das Tier zum Tränketrog gehen lässt, in den ein dünner Wasserfaden rieselt. Wie Kristall schimmert dieser Wasserstrahl im grellen Sonnenlicht.

Der Falbe säuft, und der Alte, schläft noch immer. Der Kopf ist ihm auf die Brust gesunken. Den Strohhut hat er ins Genick geschoben, die Pfeife hängt ihm im Mundwinkel, während er leise schnarcht.

Braddock tritt bis neben die Wand, blickt die Straße hinauf und hinunter.

Er sieht keine Menschenseele.

Dann tippt er dem Alten auf die Schulter.

Es dauert eine ganze Weile, bis der alte Mann schlaftrunken aufsieht, sich die Augen reibt und dann erst erkennt, wer vor ihm steht. Ja, er erkennt Braddock.

„Santa Maria“, murmelt er, „du bist es! Wo kommst du her? Was willst du hier? Was ist passiert?“

„Tio Lorenzo, so sieht man sich wieder“, sagt Braddock halblaut. „Wo sind die beiden Gringos?“

Der Alte lächelt. „Noch immer der Jäger“, sagt er.

Er und Braddock sprechen mexikanisches Spanisch, und Braddock beherrscht es wie seine Muttersprache. Aber jetzt geht er auf Tio Lorenzos Bemerkung gar nicht ein, sondern sagt „Sie sind also hier.“

„Der eine ist weiter“, erwidert Tio Lorenzo und scheint jetzt richtig wach zu sein. „Was haben sie getan?“ „Siebzigtausend Dollar, aus einem Zug. Es geht mir nicht ums Geld. Der Zugschaffner, den sie erschossen haben, hat sechs Kinder. Der Heizer, der ebenfalls erschossen wurde, war gerade zwei Wochen verheiratet. Der Packwagenschaffner, den einer dieser Bestien kaltblütig erstochen hat, ist seit einem Vierteljahr Großvater und hat selbst elf Kinder aufgezogen. Verstehst du, was ich meine?“

„Diese Teufel!“, stößt der Alte hervor. „Immer wieder kommen diese Gringos von drüben!“

„Sie haben es geschafft, sie sind über die Grenze. Die Aufgebote, die hinter ihnen her waren, sind umgekehrt. An der Grenze ist für sie Ende.“

„Aber nicht für dich, Braddock. Wo ist dein Indianer?“

„Irgendwo weit hinten. Er hält mir den Rücken frei. Also sag mir, wo der eine ist, wenn der andere schon weg sein sollte.“

„Er ist weg“, erwidert Tio Lorenzo.

Sie alle nennen ihn Tio, Onkel, in diesem Ort. Sie sagen es liebevoll. Braddock kann sich nicht vorstellen, dass Tio Lorenzo irgendeinen Feind haben könnte. Ganz sicher nicht hier in San Emetrio.

Der Alte deutet zur Kirche hin.

„Wenn du rechts daran vorbeireitest“, sagt er, „siehst du ein Stück dahinter, ebenfalls auf der rechten Seite, die Posada, das Rasthaus. Dort hält auch die Kutsche. Die kommt nur einmal die Woche. Vorgestern war sie da. Aber die beiden sind zu spät gekommen. Der eine ist weitergeritten. Ich nehme an, dass der andere auf die Kutsche wartet. Sein Pferd lahmt, er kann nicht weiter, und hier hat niemand ein Pferd. Wir besitzen nur Maultiere und Esel.“

Braddock nickt: „Gut so. Und er ist in der Posada?“

„Er hat viel Geld. Und auch hier bei uns in San Emetrio gibt es Mädchen, die für Geld beinahe alles tun, weil sie aus dem Dreck, aus der Armut heraus wollen. Du musst es verstehen, Bruder.“

„Ich verstehe es. Er hat also Mädchen?“

Der Alte nickt. „Ich weiß nicht, wo er ist. Ich wollte es nie wissen. Aber du wirst es herausfinden. Alles ist ebenerdig. Die Gäste sind im Anbau. In irgendeinem Zimmer muss er sein.“

„Ich danke dir, Tio. Weißt du auch, welcher hiergeblieben ist und welcher weiterritt?“

Der Alte nickt. „Der da weitergeritten ist, war ein Bursche in deinem Alter. Ein Stück Eisen, verstehst du? Wir sagen ein Eisenfresser, ein gefährlicher Bursche. Und der andere, der bei dem Mädchen ist, muss jünger sein, wesentlich jünger. Er spricht sehr laut. Heute Morgen hat er mit dem Revolver herumgeschossen, nur so, auf alles Mögliche, auch auf ein Huhn. Er hat es nachher bezahlt. Er wollte wohl keinen Ärger. Aber er ist nicht so klug wie der andere, der weitergeritten ist, wenn du verstehst, was ich meine, Braddock.“

„Ich verstehe dich gut, Tio. Dann will ich mich mal auf den Weg machen. Ich denke, wir sehen uns später noch.“ Braddock geht zu seinem Falben, schnallt das Gebissstück wieder fest, und der Falbe schüttelt unwillig mit dem Kopf. Er möchte am liebsten hier im Schatten stehen bleiben. Gesoffen hat er ja, jetzt quält ihn der Hunger. Aber Braddock hat noch etwas zu erledigen, und er sagt auch zu seinem Tier:

„Wir müssen weiter. Wenn wir etwas Glück haben, sind wir bald damit fertig. Komm, Palomino!“

Braddock nickt Tio Lorenzo zu, und der nickt zurück. Dann reitet er im Schritt die sonnenüberflutete Straße entlang.

Die Hitze ist wirklich grässlich. Braddock greift zur Feldflasche und nimmt einen Schluck. Aus dem Brunnen mochte er nicht trinken. Er weiß aus Erfahrung, dass man sich auf diese Weise, wenn man nicht abgekochtes Wasser trinkt, hierzulande „Montezumas Rache“ zuziehen kann, einen Durchfall nämlich, den man Wochenlang nicht los wird.

Er reitet an der Kirche vorbei, und selbst dieses große Gebäude wirft nur so wenig Schatten unter der hochstehenden Sonne, dass es sich nicht lohnt, dicht am Gemäuer entlangzureiten, nur um Schatten zu haben.

Und dann sieht er das Rasthaus. Es hat ein Vordach, dort, wo die Kutsche hält. Auch eine Rampe, wo man Gepäck verlädt. Daneben ein langgestreckter Anbau, fast wie eine Baracke, aber ganz aus Adobelehm gebaut. An den Fenstern sind die Läden geschlossen. Einige der Läden haben Lamellen wie Jalousien.

Braddock hält vor der Posada an, sitzt ab und lässt sein Pferd im Schatten mit hängenden Zügeln stehen, zieht seine Marlin-Büchse aus dem Sattelschuh und geht leise über staubigen Boden bis zum Ersten der geschlossenen Läden.

Es ist totenstill. Sogar die Fliegen hocken im Schatten. Die weißen Lehmwände reflektieren, die Backofenglut, die um diese Tageszeit alles lähmt, was lebt.

Braddock versucht etwas durch die Ritzen der Lamellen im Laden zu erkennen. Im Zimmer ist es dunkel. Er braucht eine Weile, bis sich seine Augen daran gewöhnt haben und er mehr sieht. Auf einem der Betten liegt eine ältere Frau, in einem Korbsessel sitzt ein älterer Mann.

Nein, denkt Braddock, das ist nicht der, den ich suche, und er geht zum nächsten Fenster.

Wieder dauert es ein paar Augenblicke, bis sich seine Augen an die Dämmerung im Zimmer gewöhnt haben. Aber dann wird alles, in ihm hellwach.

Er sieht drei Menschen, und alle drei sind splitternackt. Zwei junge Mexikanerinnen, schlank und knackig. Und zwischen ihnen ein Mann. Eines der Mädchen liegt auf der Seite und schläft, der linke Arm umschlingt den Mann. Das Mädchen auf der anderen Seite liegt auf dem Rücken, die Beine gespreizt, die Arme in der Hitze auseinander. Auch dieses Mädchen schläft.

Und der Mann in der Mitte liegt auf dem Bauch, aber er hat den Kopf zur Seite gedreht. Er schläft ebenfalls, und Braddock erkennt ihn sofort. Es ist Jacko, wie Jack Archer genannt wird. Er hat den alten Packwagenschaffner auf dem Gewissen. Auch für die Verletzungen des Lokführers, ist er verantwortlich. Nur seine überhastete Reaktion hat dafür gesorgt, dass der Lokführer nicht von ihm totgeschossen wurde. Ein Zufall, für den Jocko bestimmt keine mildernden Umstände verdient hatte.

Na, wunderbar!, denkt Braddock. Der ist wohl sehr sicher gewesen, dass uns die Verfolger noch einholen, bevor wir San Emetrio erreicht haben. Aber du hast die Rechnung ohne mich gemacht, Bruderherz. Er sieht sich suchend um und entdeckt drüben, wo sein Falbe steht, den Tränketrog der Postkutschenstation. Daneben steht ein hölzerner Eimer. Sein Falbe ist bis zum Tränketrog hin marschiert und hat jetzt wohl gesoffen. Das Wasser trieft ihm noch von Nüstern und Maul.

Braddock geht hin, nimmt den Eimer, füllt ihn mit Wasser und schleppt ihn zum Fenster zurück. Er lehnt das Gewehr an die Wand, lockert seinen Revolver, späht noch einmal durch die Schlitze ins Zimmerinnere und reißt dann mit einem Ruck die Läden auf.

Das Fenster dahinter steht offen, Blitzschnell packt Braddock den Eimer und gießt den Inhalt mit Schwung über den Mann, aber auch über die beiden Mädchen.

Der schrille Aufschrei eines der Mädchen, das Prusten von Jacko und dann das Quieken des zweiten Mädchens vermischen sich mit Braddocks, im sonoren Tonfall gesprochenem Satz:

„Ganz ruhig aufstehen, Jacko!“

Jacko blinzelt noch immer schlaftrunken gegen die grelle Helligkeit, die von außen ins Zimmer fällt. Er sieht nur den Umriss eines Mannes und erkennt nicht, wer es ist. Aber sicherlich hat er die Phantasie, es sich denken zu können. Er kennt Braddock nicht von Angesicht zu Angesicht, er weiß nur, dass er ihn auf seinen Fersen hatte. Und ihm wird gleichzeitig klar, dass es seinen beiden Freunden nicht gelungen ist, Braddock und den Indianer aufzuhalten.

Es muss Braddock sein!, denkt er, als er sich allmählich aufrichtet und verzweifelt überlegt, welchen Trick er versuchen könnte.

Die Mädchen haben schneller reagiert als er. Sie sehen die Revolvermündung und sind mit einem Mal ruhig geworden, sitzen wie erstarrt und blicken aus großen Augen auf die drohende Waffe.

„Steh jetzt auf!“, sagt Braddock.

Aber Jacko ist jetzt völlig wach. Und er glaubt, eine Chance zu haben. Er will einfach nicht hinnehmen, dass ihn der andere überrumpelt hat. Und er weiß auch nicht genau, wer Braddock ist. Er hat von ihm gehört, aber was wirklich in diesem Mann steckt, das ahnt er nicht einmal. Ein gefährlicher Mann zwar, aber der, so sagt sich Jacko, kocht auch nur mit Wasser.

Und jetzt versucht er einen Trick. Zunächst hebt er die Arme, tut, als wolle er aufstehen.

Braddock ist einen Schritt zurückgetreten, aber Jacko achtet gar nicht darauf. Er denkt nur an seinen Plan.

Er wendet sich dem einen Mädchen zu und sagt: „Meine Hose! Hol mal meine Hose, verdammt!“

„Nichts wirst du tun!“, befiehlt Braddock. „Ihr Mädchen dreht euch um, das Gesicht zur Wand, die Hände dagegen! Los! Und du, Bursche, komm her! Komm hierher! Das mit der Hose erledigen wir später.“

In dem Augenblick, als sich die Mädchen umdrehen, wendet sich Jacko nach rechts, packt das Mädchen zu seiner Rechten um die Hüften und will es Braddock entgegenschleudern. Denn drüben an der Wand, liegt auf einem Stuhl seine Hose. Und dort hängt auch sein Waffengurt.

Das Mädchen fliegt durch die Luft, und Jacko wirft sich mit einem Sprung hinüber zum Stuhl. Seine Hand ist zum Revolver ausgestreckt.

Aber es kommt anders. Das Mädchen fliegt nicht ins Schussfeld und lenkt Braddock ab. Denn dieses Zimmer hat ein zweites Fenster. Und in dem Moment, als Jacko durch die Luft fliegt, um seinen Colt zu erreichen und das Mädchen sich vorn den Ellenbogen gegen die Fensterbank schmettert, ist Braddock am zweiten Fenster, reißt den Laden auf und schießt.

Sein Schuss trifft nicht Jacko, und das soll er auch gar nicht. Sein Schuss trifft den Revolver von Jacko, der im Holster über der Stuhllehne hängt.

Die Waffe wird von dem Schuss regelrecht aus dem Holster gestoßen und fliegt durch die Luft. Fliegt weit weg und unerreichbar für Jacko.

Während noch der Rauch aus der Mündung kräuselt, ist diese wiederum auf Jacko gerichtet. Der versteift sich, kniet vor dem Stuhl, sein Oberkörper richtet sich auf, die Hände strecken sich nach oben.

Das Mädchen, ist vorn am anderen Fenster zusammengesunken und wimmert. Die andere liegt noch immer im Bett und hält sich den rechten Arm vor die Brüste und die linke Hand vor die Scham.

„Nun steh jetzt auf, du Stinker! Steh auf und komm herüber! Komm heraus auf die Straße!“

„Verdammt, ich muss … eine Hose!“ „Du brauchst keine Hose. Die Leute hier haben schon alle so einen wie dich gesehen! Komm heraus in die Sonne, damit du dich nicht erkältest. Ich will nicht, dass du dir eine Lungenentzündung holst. Raus, sage ich!“

Braddocks Worte, kommen messerscharf. Und diesmal hat Jacko begriffen, dass er keinen Trumpf mehr im Ärmel hat.

Jetzt verlegt er sich aufs Bitten, aber Braddock winkt nur mit dem Revolverlauf. Und dann kommt Jacko heraus, klettert übers Fenster auf die Straße, so wie er ist – nackt.

„Wirf eine Decke heraus!“, ruft Braddock dem Mädchen zu, das noch immer im Bett liegt.

Erschrocken, als sei es geschlagen worden, springt das Mädchen auf, nimmt dann eine der Decken und bringt sie zum Fenster. Braddock sieht, wie ihr Arm zittert, wie die Zähne, des Mädchens schnattern.

„Zieh dich an, sonst wirst du mir auch noch krank. Und die andere ebenfalls. Kümmere dich um sie!“, sagt Braddock. „Und wehe, ihr lasst euch etwas einfallen, Chiquitas!“

Die beiden haben nur Angst um sich selbst, und draußen erlaubt Braddock dem verstört dreinblickenden Jacko, sich die Decke umzulegen.

Aber darin sieht Jacko wieder eine Chance. Er ist jetzt im Freien, nicht mehr wie in einer Mausefalle. Und er sieht das Pferd. Aber noch näher steht die Marlin an die Wand gelehnt, dieses Gewehr, von dem sich Jacko jetzt die Rettung verspricht.

Braddock hat ihn beobachtet, kann sich ausrechnen, was in Jacko vorgeht. Und dann legt Jacko los. Das Betttuch, das er sich eben umhängen wollte, wirbelt er mit der Rechten wie ein Fahnenschwenker, lässt es dann los, sodass es Braddock entgegensegelt.

Aber er hat die Rechnung ohne den Wind gemacht. Der Wind kommt hier um diese Jahreszeit, immer von Süden. Und Braddock steht südlich von ihm. Jacko wirft also das Betttuch gegen den Wind, und das ist sein Fehler.

Während das Tuch vom Wind gefasst und hochgewirbelt wird, springt Braddock daran vorbei, auf Jacko zu, der einen Satz in Richtung auf das Gewehr machen will.

Braddock wirft sich nach vorn, packt Jacko am Fuß und reißt ihn ebenfalls zu Boden. Dann ist er über ihm.

Und jetzt bekommt Jacko die Prügel seines Lebens.

Braddock ist von dem langen Ritt auch nicht gerade in Hochform. Aber die Wut darüber, was dieser Mann auf dem Gewissen hat, gibt ihm die Kraft für Schläge, wie sie Jacko noch nie bekam. Und jetzt prügelt ihm Braddock die Seele aus dem Leib.

Als er fertig ist, liegt Jacko wie gerädert am Boden, wieder splitternackt, staubig und übersät mit roten Flecken, Andenken an Braddocks Schläge.

Braddock packt ihn am Haar und zerrt ihn hoch! Jacko denkt nicht mehr an Gegenwehr. Er hält schützend die Hände vor den Bauch, als er glaubt, er würde einen Tiefschlag von Braddock erhalten.

„So, Bruder, jetzt kommst du mit. Wir spazieren wieder hinein, und dann werden wir beide uns unterhalten. Du kannst auch noch, einmal eine Tracht Prügel bekommen, wenn du willst, es liegt ganz an dir.“

Obgleich es Mittagszeit ist, wo der ganze Ort in den Schlaf versinkt, haben doch eine Menge von Leuten, aufgeschreckt durch den Schuss, das Geschehen beobachten können, zum Teil durch die Schlitze ihrer Fensterläden, manche auch von der Tür aus, die sie geöffnet haben, um zuzusehen.

Für die Mexikaner sind beide, der Geschlagene und der Schläger, Gringos. Aber einige erkennen Braddock. Als er Jacko verprügelte, ist ihm der Hut heruntergefallen. Und nun haben alle sein Gesicht entdeckt.

Sie kennen es, und er ist ihnen in guter Erinnerung. Als er das letzte Mal mit seinem Freund hier gewesen ist, was bekanntlich Jahre zurückliegt, hatte er einen Jungen, der von einem ausgebrochenen Stier niedergestoßen und schwer verletzt worden war, in letzter Sekunde gerettet und seine Verletzungen anschließend zusammengeflickt.

Eine ganze Reihe von Leuten können sich noch sehr genau daran erinnern, vor allen Dingen die älteren. Und weil das so ist, hat Braddock automatisch alle, die hier zugesehen haben, auf seiner Seite. Niemand würde eine Hand gegen ihn rühren.

Als Braddock mit seinem Gefangenen durch die Tür ins Haus und dann in Jackos Zimmer zurückkommt, sind die Mädchen weg. Aber die will er gar nicht haben. Er erwartet auch nicht, dass die irgendetwas gegen ihn unternehmen.

Der Revolver von Jacko liegt noch immer in der Ecke. Braddock hebt ihn auf, dann zieht er Rohlederriemen aus der Schlaufe seines Gürtels und fesselt Jacko die Hände auf den Rücken und anschließend auch die Beine. Mit einem Stoß wirft er ihn aufs Bett.

Jacko heult auf wie ein getretener Hund.

„So, mein Freund, und jetzt will ich erstens wissen, wo das Geld ist, und zweitens, wo der andere ist! Bis auf euch zwei habe ich alle erwischt. Wo ist er also?“

Jacko sagt erst einmal nichts. Braddock packt ihn an der Schulter und reißt ihn herum. Jacko liegt auf dem Rücken und bekommt eine Ohrfeige.

„Der Packwagenschaffner war ein alter Mann“, sagt Braddock. „Er hätte in Ruhe und in Frieden irgendwann sterben können, vielleicht in zehn, vielleicht in zwanzig Jahren. Aber dir hat es gefallen, ihn jetzt schon auszulöschen, seinem Enkel den Großvater zu nehmen, den Kindern den Vater. Mit dem Zugschaffner ist es nicht viel anders gewesen.“

„Das war ich nicht! Das war ich nicht!“, schreit Jacko.

Er bekommt eine Ohrfeige und ist still. Er winselt, versucht es mit der weichen Welle. Aber damit kann er Braddock nicht besänftigen.

„Wo ist das Geld?“

Jacko macht eine Kopfbewegung zu seinen Sachen hin, die auf dem Stuhl liegen.

Braddock sucht in der Jacke, findet nichts. Dann hat er den Gürtel. Auf der Innenseite ist dieser Gürtel zum Aufklappen. Die Geldscheine sind zusammengerollt und darin gut versteckt.

Braddock holt sie alle heraus, sucht anschließend auch im Waffengurt, findet auch dort noch Geld. Schließlich in den Stiefeln. Er schlägt die Absätze von Jackos Stiefeln ab und auch darin ist noch Geld.

Er legt alles, was er gefunden hat, auf den Tisch. Aber es ist noch längst nicht die Summe, die er sucht.

„Wo ist das Übrige?“

„Lee hat es“, sagt Jacko, „hol es dir bei ihm! Er ist längst fort, du wirst ihn nie mehr einholen!“

Braddock schüttelt den Kopf. „Denkst du wirklich? Ich habe dich doch auch eingeholt. Ihr habt zwar ein paar billige Schießer angeheuert, die uns verfolgen sollen, aber die haben offenbar keine besonders gute Arbeit geleistet. Jedenfalls bin ich hier, und mein Freund Yumah wird auch gleich hier sein. Er bringt dich zurück. Zurück in die Staaten, damit sie dich dort verurteilen und dann aufhängen können.“

„Wir sind in Mexiko!“, stößt Jacko keuchend hervor. „Ihr habt gar kein Recht, hier …“

Braddock wendet sich ihm zu, nimmt die Arme auseinander und sagt: „Siehst du auf meiner Brust ein Abzeichen? Bin ich ein Sheriff, ein Marshal, oder was glaubst du? Vielleicht ein Texas Ranger? Ich bin keines von dem. Ich hätte dich bis nach Bolivien, ja bis nach Feuerland verfolgt. Ich muss keiner Behörde Rechenschaft abliefern, wo ich dich gefunden habe. Du kannst ruhig dem Richter sagen, dass ich dich in Mexiko aufgestöbert habe.“

„Ein Kopfgeldjäger! Du bist ein verdammter Kopfgeldjäger!“, stöhnt Jacko.

„Nein, auch das stimmt nicht. Ich bin ein Mann, der nicht zusieht, dass du ein paar Leute für einen Haufen Dollars kaltmachst. Das Geld, mein Freund, das ist zu ersetzen, aber das Leben der Männer, die ihr auf dem Gewissen habt, nicht.

Und deshalb bin ich hier. Und deshalb bringt dich Yumah zurück. Mach dir keine falschen Hoffnungen. Er ist ein Indianer, bei ihm brauchst du dir nichts auszurechnen. Er würde dir notfalls die Füße zusammenbinden und dich hinten an sein Pferd hängen und über den Boden schleifen, wenn es sein muss. Aber er bringt dich zurück. Und ich werde den anderen finden. Dieser andere kann nur Lee Mills sein. Sag, dass es Lee ist!“

„Ich hab’ ja schon gesagt, dass es Lee ist“, erklärt Jacko, der sich im Augenblick vorstellt, dass er mit zusammengebundenen Füßen hinten an einem Pferd hängt und über den Boden geschleift wird. Ein entsetzlicher Gedanke! Ihn fröstelt trotz der Hitze. Fast wäre es ihm so gegangen wie einem der Mädchen.

Aber dann denkt er an Lee. Und Lee, das muss er zugeben, ist aus ganz anderem Holz geschnitzt als er selbst. Ein eiskalter, gnadenloser Bursche. Vielleicht, so denkt Jacko in diesem Augenblick voller Hass, schafft es Lee, diesen Hundesohn Braddock aufs Kreuz zu legen Aber er selbst gibt für sich die Hoffnung auch nicht auf. Andererseits hat er von Yumah, Braddocks Freund und Begleiter, gehört. Yumah soll so gefährlich sein wie ein ganzes Nest voller Klapperschlangen und so bissig wie ein Rudel Wölfe. Nein, sagt; er sich, ich habe verdammtes Pech gehabt. Ich hatte nicht geglaubt, dass sie über die Grenze kommen. Und jetzt sitze ich verdammt im Dreck.

Noch einmal kommt ihm die Idee, das Blatt doch noch zu wenden. Vielleicht, sagt er sich, sollte ich gar nicht so viel Rücksicht auf Lee und sonst wen nehmen. Könnte ja sein, dass Braddock mir einen Gefallen tut, wenn ich ihm ebenfalls helfe.

Er zögert noch mit seinem Vorschlag, aber dann kommt er damit heraus.

„Was hätte ich davon“, fragt er, „wenn ich dir sage, wo du Lee findest?“ „Du hättest nichts davon. Ich finde ihn so oder so“, erklärt Braddock. „Ich brauche deine Hilfe nicht. Und es ergibt auch keinen Sinn für dich, dir etwas auszurechnen. Du wirst hier warten, bis Yumah kommt, und er schafft dich in die Staaten zurück.“

„Aber du hättest es leichter, Lee zu finden. Du bist noch nicht mit ihm fertig. Lee ist anders als ich.“

„Kann ich mir schon vorstellen nach dem, was ich von ihm gehört habe“, meint Braddock. „Mach dir keine Gedanken, mir wird schon etwas einfallen, was ihn angeht. Und finden werde ich ihn auch.“

Jacko ist erst einmal mit seinem Latein am Ende. Er grübelt. Und die Tatsache, dass er hier hoch immer nackt liegt und dazu noch gefesselt, macht die Sache nicht besser. Er Wälzt sich auf die Seite, weil er auf seinen gefesselten Händen liegt und dies ihm das Blut abschnürt.

Braddock lässt es geschehen, aber er lässt Jacko nicht aus den Augen. Gleichzeitig untersucht er die Satteltasche, da findet er auch noch Geld. Und allmählich wird er immer fündiger, bis er die gesamte Summe bis auf einen kleinen Rest sichergestellt hat. Allerdings ist das nur der Anteil von Jacko. Das Übrige würde er wohl bei Lee finden und ihn mitsamt seiner Beute zurückbringen, tot oder lebendig.

Auf der Straße sind trotz der Hitze, die noch immer herrscht, die Menschen versammelt und befinden sich jetzt alle in Nähe des Rasthauses. Braddock hört sie draußen sprechen. Aber dann ist die Stimme von Tio Lorenzo zu vernehmen. Der ruft:

„Braddock, ich kümmere mich um dein Pferd, ist dir das recht?“

„Sehr recht! Ich danke dir, Tio!“

Eine Viertelstunde später hört er an den Rufen draußen, dass ein Reiter angekommen ist. Er braucht nicht nachzuprüfen, um wen es sich handelt. Denn Yumah ist damals auch dagewesen, als es um diesen Jungen ging. Und er hört, wie eine Frau den Namen von Yumah ruft.

Es vergehen noch ein paar Minuten, dann, hört er Schritte auf dem Gang vor dem Zimmer und unmittelbar danach die Stimme von Yumah, die sagt:

„Nun drück nicht ab, ich bin es!“ „Komm herein. Unser Schönheitskönig liegt hier auf dem Bett.“

Yumah tritt ein, staubig und verschwitzt. Das sonst dunkle Haar wirkt grau vom Staub. Er sieht aus wie ein Mexikaner. Viele halten ihn dafür. Aber er ist ein Yumah-Indianer, und daher rührt auch sein Name. Allerdings einer, der lange Zeit bei Weißen war und ihre Sprache wie seine eigene spricht.

Schlank und sehnig kommt er herein, gekleidet wie ein Cowboy, bis auf den Hut. Meist trägt er keinen. Und auch jetzt hat er sich nur ein Band ums Haar geschlungen, blickt auf den gefesselten Jacko, grinst und sagt trocken: „Mit dem würde ich aber auf keinen Schönheitswettbewerb gehen. Der sieht ja aus, als hätte er eine Herde Büffel gestoppt.“

„Es war nur ein Büffel da, und es ist ihm auch nicht gelungen, den zu stoppen“, meint Braddock. „Wie viel sind es gewesen?“

„Zwei“, erwidert Yumah. „Zweitklassige Kutschen. Nein, nicht einmal das, drittklassig. Den einen habe ich schon gestern Abend erwischt. Das war noch der Bessere von beiden. Der andere war dumm genug, um sich einzubilden, er könnte allein weitermachen. Hast du den Schuss gehört?“

Braddock nickt. „Habe ich.“

„Und der hier?“, fragt Yumah und blickt auf Jacko: „Wieso ist der so schön bloßgelegt? Hast du dieses Striptease mit ihm gemacht?“

„Nein, nein, er war so, als ich kam. Allerdings nicht allein. Er hatte zwei Hübsche in seinem Bett.“

„Das ist der Fehler“, meint Yumah. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“ „Er hat nicht geglaubt, dass wir ihn über die Grenze verfolgen. Und vielleicht hat er sich auch auf diese beiden verlassen, die er angeworben hat, damit sie uns aus dem Hinterhalt abknallen.“ „Und der andere?“, fragt Yumah. „Weitergezogen. Du wirst ihn zurückbringen, und den anderen suche ich. Das Geld nimmst du auch mit.“

Braddock braucht Yumah nicht zur Vorsicht zu ermahnen. Yumah weiß, wie man mit einem Burschen wie Jacko umgeht; Aber er hält nichts davon, sich sofort auf den Weg zu machen. Und auch Braddock ist der Meinung, dass Eile nicht nötig; ist. Er wird, den anderen Kerl erwischen, es ist nur eine Frage der Zeit. In Mexiko gehen die Uhren anders. Jede Art von Hast ist nur gefährlich.

„Also gut“, meint Yumah, „dann morgen früh!“ Braddock nickt. Er hat auch nicht vor, heute noch weiterzureiten.

„Sind sie wenigstens hübsch gewesen, die beiden?“, will Yumah wissen.

Braddock nickt. „Aber“, meint er, „wir bekommen hier sicher etwas Besseres. Schließlich haben wir noch alte gute Bekannte von früher hier. Die beiden, von denen du sprichst, hat der ja schon angestaubt. Aber die nächste Zeit hat er andere Sorgen.“

„Soll ich ihn so mitnehmen, wie er ist?“

„Er soll sich etwas anziehen, aber erst morgen früh, bis dahin hat es Zeit.“ „Aber ich muss mal“, keucht Jacko. „Verdammt, ich muss mal!“

„Dann steh auf und hüpf dahinten in die Ecke; da steht der Eimer. Geniere dich nicht, uns stört das nicht, wir sind Schlimmeres gewohnt. Der Anblick des Packwagenschaffners war auf alle Fälle weniger erfreulich, als dir dabei zuzusehen, wie du auf dem Eimer sitzt.“

Aber später spricht Braddock mit Tio Lorenzo, und der weiß einen besseren Platz für Jacko, und vor allen Dingen einen sicheren.

Ein paar Minuten danach bringen sie Jacko, nur in eine Decke gehüllt, ein paar Häuser weiter in einen massiven Stall. Da sind auch Ringe fürs Vieh in der Wand, und die sind sehr stabil. Braddock nimmt Jacko die Fesseln ab und tauscht sie gegen Handschellen aus, die er in seiner Satteltasche hatte. Eine Handschelle schließt er um einen der Ringe, die andere um Jackos rechten Arm. Das zweite Paar Handschellen nimmt er, um Jacko die Beine zusammen zu fesseln. Jacko wird so leicht nicht wegkommen. Er bekommt zu trinken und auch etwas zu essen und wieder einen Eimer für seine menschlichen Bedürfnisse, dann wird er eingeschlossen.

Die Leute im Ort wissen inzwischen, wen sie da vor dem Eintreffen Braddocks beherbergt hatten. Und als Braddock dem alten Tio aus der Beute ein paar Scheine gibt, ist die Freude unter den Mexikanern groß. So groß, dass ein halbes Dutzend junger Burschen bereit ist, Jacko zu bewachen.

Aber Braddock braucht keine Hilfe. Bis Mitternacht wird er auf Jacko achten, und von da an tut es Yumah. Sie wollen kein Risiko eingehen.

Yumah nutzt die Zeit auf seine Weise. Noch während er isst, wird er von vielen Schaulustigen umringt: Der Wirt der Posada ist glücklich darüber, Yumah wie seinen Gast zu behandeln. Er tischt die besten Sachen auf. Und die Leute erinnern sich noch sehr gut an die Geschichte vor Jahren mit dem Jungen. Aber das ist es nicht allein.

Bei den jüngeren Frauen und Mädchen ist es nicht Dankbarkeit für irgendeine Sache von früher. Ihnen gefallen diese beiden Männer. Aber die strenge Erziehung lässt es nicht zu, dass sie sich anbiedern. Das versuchen nur die beiden, die schon mit Jacko im Bett waren. Aber die interessieren Yumah nicht. Er jagt sie weg, und der Wirt sorgt dafür, dass sie völlig verschwinden.

Als Yumah dann aber mit dem Essen fertig ist und auf die Straße hinausgeht, er nur nach seinem Pferd sehen will, zupft ihn, als er an einer dunklen Ecke vorbeikommt, jemand am Ärmel.

Eine Frau. Eines der Mädchen, die er vorhin gesehen hat. Ein sehr hübsches Mädchen. Es sieht ihn an, und der Mondschein fällt auf das Gesicht dieser jungen Frau.

„Damals“, sagt Yumah, „als wir vor Jahren hier waren, bist du noch ein halbes Kind gewesen.“

„Aber jetzt bin ich es nicht mehr“, flüstert sie. Und dann zieht sie ihn am Ärmel in die dunkle Ecke.

Es geht etwas von ihm aus, das diese Frauen schwach macht. Dieses Mädchen beeindruckt seine Ausstrahlung, besonders stark. Es geht ihr unter die Haut, und sie hat nur einen einzigen Gedanken, und der dreht sich um ihn.

Er spürt genau, was in ihr vorgeht. Und als er sie in die Arme nimmt, sträubt sie sich gar nicht. Alles, was sie will, ist, von hier zu verschwinden, woandershin, wo sie völlig allein sind, wo sie niemand beobachten kann. Plötzlich reißt sie sich von ihm los und rennt weg, verschwindet in einer Gasse, und er läuft ihr nach.

Als sie aus dem Schatten der Häuser heraus sind, rennt sie noch immer, zwischen Büschen hindurch, eine Senke hinunter, die nur sehr flach ist. Da stehen ein Windrad, eine Wasserpumpe und dahinter ein kleiner Speichersee. Nicht sehr groß, ein Weiher eher als ein richtiger Teich. Auf einmal verschwindet sie hinter Büschen.

Während er sie noch sucht, taucht sie wieder auf. Das Mondlicht fällt voll auf ihren nackten Körper, der bei dieser Beleuchtung wie Alabaster wirkt.

Yumah rennt hin, aber sie ist schneller, springt ins Wasser, taucht ein paar Sekunden lang unter. Dann sieht er sie ein Stück weiter zur Mitte des Weihers hin, wo sie wieder auftaucht, prustet und lachend ruft: „Hol mich doch!“ Ihm braucht das niemand zweimal zu sagen. Ein paar Sekunden später springt er kopfüber ins Wasser.

Ihre Fluchtversuche sind Spiel. Und dann ist er bei ihr. Sie spürt seinen Körper an dem ihren. Sie hat erreicht, was sie wollte. Als sie sich noch etwas sträubt, nimmt er das gar nicht ernst. Er weiß, was sie will, und er ist der Letzte, der sie darauf warten ließe …

 

*

 

Die Sonne steht noch knapp über dem Horizont, als Yumah mit seinem Gefangenen aus der Stadt reitet. Jacko ist auf einem Maultier festgebunden. Jackos Pferd bleibt in San Emetrio zurück.

Auch Braddock hat die Stadt verlassen. Tio Lorenzo ist der Letzte, von dem er sich verabschiedet, dann führt sein Weg nach Süden.

Es dauert drei Stunden, dann hat er die Spur von Lee Mills wiedergefunden. Eine Spur, die man sehr schlecht sieht. Trotzdem ist Braddock sicher. Lee Mills reitet ein Pferd mit einer Art Hufeisen, wie man sie nur im Mittelwesten benutzt und nicht in den Grenzstaaten und schon gar nicht in Mexiko. Es ist die Form dieses Hufeisens, die es ihm ermöglicht, der Spur zu folgen. Und es gibt Stellen, wo diese Spur ganz deutlich ist. Dort nämlich, wo kein Wind hinkommt und wo der Boden feucht geblieben ist.

Die Spur führt nach Südosten in Richtung auf Cobarca, der nächsten größeren Stadt, einer typisch mexikanischen Stadt, die Braddock sehr gut kennt. Der Alkalde dort ist ein alter Freund von ihm. Und er freut sich, den Bürgermeister zu sehen. Vielleicht kann der ihm sogar behilflich sein.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738916362
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
braddock mendosino-lady

Autor

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Titel: Braddock #18: Mendosino-Lady