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Jim Shannon #9: Shannon und die weißen Comanchen

©2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Wieder einmal gerät der Abenteurer Jim Shannon zwischen zwei Fronten. Der von Hass zerfressene Major Brigham aus Fort Concho hat es auf Häuptling Büffelhorns Kwahadi-Comanchen abgesehen. Sie sollen sich ergeben und ins Reservat ziehen. Aber das wollen Büffelhorn und sein Volk nicht – und auch nicht die Weißen, die schon seit vielen Jahren unter ihnen leben. Einer von ihnen ist Jack Scott. Seine Schwester Clarissa sucht ihn, und ausgerechnet Shannon soll ihr dabei helfen, den verschollenen Bruder wieder aufzuspüren. Shannon riskiert für diesen Job eine ganze Menge, denn er hat nicht nur die Soldaten von Major Brigham als Feind, sondern wenig später auch noch Clarissa Scott. Denn die hat ganz eigene Pläne, von denen Shannon aber noch nichts ahnt ...

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Shannon und die weißen Comanchen

Klappentext:

Roman:

JIM SHANNON

 

Band 9

 

Shannon und die weißen Comanchen

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Klaus Dill, 2018

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Wieder einmal gerät der Abenteurer Jim Shannon zwischen zwei Fronten. Der von Hass zerfressene Major Brigham aus Fort Concho hat es auf Häuptling Büffelhorns Kwahadi-Comanchen abgesehen. Sie sollen sich ergeben und ins Reservat ziehen. Aber das wollen Büffelhorn und sein Volk nicht – und auch nicht die Weißen, die schon seit vielen Jahren unter ihnen leben. Einer von ihnen ist Jack Scott. Seine Schwester Clarissa sucht ihn, und ausgerechnet Shannon soll ihr dabei helfen, den verschollenen Bruder wieder aufzuspüren. Shannon riskiert für diesen Job eine ganze Menge, denn er hat nicht nur die Soldaten von Major Brigham als Feind, sondern wenig später auch noch Clarissa Scott. Denn die hat ganz eigene Pläne, von denen Shannon aber noch nichts ahnt ...

 

 

 

 

Roman:

Plötzlich waren sie da. Der Wind, der seit Tagen von der glühenden Hochfläche der Staked Plains herabwehte, zauste ihre strähnigen schulterlangen Haare. Fünf Gewehre richteten sich auf den einsamen staubbedeckten Reiter. Die braunen breitknochigen Gesichter darüber verrieten wilde Entschlossenheit. Shannon riss seinen Grauen herum. Fünf gut bewaffnete Comanchen auf Skalpjagd! Da blieb nur ein Ausweg: die Flucht.

Ein wilder Schrei mischte sich in das jähe Loshämmern der Hufe. Heißes Blei fauchte über Shannon. Tief auf den Pferdehals geduckt, zog er den 44er Army Colt aus der tiefgeschnallten Halfter, drehte sich halb im Sattel und feuerte auf die heranjagenden Verfolger.

Der zottige Schecke des vordersten Reiters überschlug sich. Der Comanche sauste wie ein Stoffbündel in verfilztes Kreosotgebüsch. Dann sah Shannon den Weißen. Er beobachtete die Hetzjagd von einer felsbedeckten, im Hitzeglast schwimmenden Hügelkuppe. Ein großer, breitschultriger Mann, ganz in Leder gekleidet, auf einem struppigen braunen Pferd.

Er trug das blonde Haar nach alter Grenzersitte lang wie ein Indianer. Quer über seinen Oberschenkeln ruhte ein mit Messingbeschlägen verzierter Karabiner. Als Shannon zu ihm hinauf blickte, hob er die Waffe und winkte. Shannon sprengte den sandigen Hang hinauf. Das Hufgetrommel der Verfolgerpferde ließ hinter ihm die Erde zittern. Kugeln pfiffen an dem Fliehenden vorbei, rissen Staubfahnen hoch und klatschten gegen die Felsen. Der Ledergekleidete wartete reglos.

Shannon sprang geschmeidig neben ihm aus dem Sattel. Der graue Wallach trottete von selbst zwischen die Felsblöcke.

„Deckung!“. rief Shannon dem Fremden zu. „Gemeinsam halten wir sie auf!“

„Nicht nötig!“

Das Gewehr des Blonden schwang blitzschnell herum. Es war ein Hieb wie mit einer Keule. Schmerz explodierte in Shannons Kopf. Lautlos brach der große schlanke Mann mit der Schussnarbe an der rechten Schläfe zusammen.

 

*

 

Als er erwachte, stand die Sonne schon tief über der Steilwand des Caprock im Westen. Ihre Strahlen brachen sich an der Klinge des Bowiemessers dicht vor Shannons Gesicht. Shannon fühlte sich so ausgebrannt und erledigt, dass er nicht einmal den Kopf zur Seite drehen mochte. Übelkeit würgte ihn. Aber als das braune Gesicht mit den vor Hass funkelnden Augen über ihm auftauchte, war sofort wieder sein Lebenswille wach.

Er unterdrückte die heftigen Kopfschmerzen. Sein Verstand registrierte, dass er nicht gefesselt war. Das war schon etwas, wenn auch nicht genug angesichts eines stoßbereiten Messers in einer Comanchenfaust. Zeit gewinnen war jetzt alles.

Mühsam zwang Shannon ein Grinsen auf seine ausgetrockneten, staubzerfressenen Lippen.

„Hallo, Amigo! Nett, dass du mir wenigstens den Skalp gelassen hast.“

„Den bist du verdammt schnell los, wenn du nicht sofort ausspuckst, wie dicht uns deine Blaurock-Freunde auf den Fersen sind“, meldete sich eine Stimme in fließendem Englisch neben dem Indianer. „Leugne nur nicht, dass du als Scout für diese Hundesöhne reitest. Dein Gaul trägt das Armee-Brandzeichen.“

Shannon stützte sich auf die Ellenbogen. Scharfe blaue Augen in einem dunkelgebräunten markanten Gesicht musterten ihn. Der blonde Fremde trug zu seiner fransenverzierten Lederkleidung Mokassins, einen bunt bestickten Gürtel und ein Indianerstirnband. Einige Schritte entfernt standen mehrere bronzehäutige Gestalten, die drohend auf den am Boden liegenden Gefangenen starrten. Einige Squaws waren dabei, das kleine Camp in der von steinigen Hängen gesäumten Senke abzubrechen. Sie luden Zeltstangen und Büffelhäute auf Schleppbahren, hastig, schweigend, ganz so, als hätten sie keine Sekunde mit dem Aufbruch zu verlieren.

„Rede!“ Der blonde Weiße wies warnend auf den Comanchen mit dem Messer. „Freund Bärentatze ist nicht mehr besonders geduldig. Seit die Armee gnadenlos Jagd auf jeden außerhalb der Reservation lebenden Comanchen macht, hat er alle seine Angehörigen verloren. Jetzt lebt er nur noch für seine Rache. Für ihn ist jeder Weiße ein Todeskandidat.“

„Wieso lebst du dann noch?“

Das Grinsen des Breitschultrigen war eine wölfische Grimasse.

„Ich bin schon lange kein Weißer mehr, sondern ein echter Kwahadi, der zweite Mann in Büffelhorns Clan. Früher hieß ich Jack Scott. Jetzt bin ich Toyaho, der „Zustoßende Falke“. Ich hasse die Armee genauso wie Bärentatze. Hör zu, Hombre, ich werde nur etwas für dich tun, wenn du mit der Wahrheit ’rausrückst. Andernfalls holt sich mein roter Freund doch noch deinen Skalp.“

„Zum Teufel!“, stieß Shannon wütend hervor. „Ich bin weder ein Scout der Armee noch hab’ ich sonst was mit den Blauröcken zu tun.“

Er wollte sich aufsetzen, aber sofort war die rasiermesserscharfe Bowieklinge an seiner Kehle.

„Willst du den Helden spielen, du Narr?“, fragte der Renegat kalt. „Für die vierzig oder fünfzig lausigen Bucks, die du für deinen dreckigen Menschenjägerjob bekommst? Freundchen, ich bluffe nicht. Seit Wochen ist dein Boss Brigham, dieser verdammte Major aus Fort Concho, wie ein Bluthund hinter mir und meinen Brüdern her. Wir sind nicht mehr zimperlich, wenn es darum geht, unsere Haut vor den Kugeln und langen Messern der Blauröcke zu retten. Ich geb’ dir noch fünf Sekunden.“

Shannon ballte die Fäuste. Es war zum Haare ausraufen: Wohin er auch ritt, er bekam todsicher Verdruss. Irgendwann würde die Stunde kommen, in der ihm auch seine schnelle Hand und seine Kaltblütigkeit nicht mehr aus der Klemme helfen würden.

Vielleicht schon jetzt? Scott sah wirklich nicht aus wie ein Mann, der sich mit leeren Drohungen begnügte.

Shannon schwitzte. Der Druck des Messers an seiner Kehle verstärkte sich, so dass er nicht den Kopf zu schütteln wagte.

Er keuchte: „Ich kenne Brigham nicht. Mein Name ist Jim Shannon. Ich war mit ’ner Treibherden-Mannschaft droben in Kansas. Auf dem Rückweg durchs Indian Territory musste ich meinen Gaul erschießen, nachdem er sich in einem Präriehundbau ein Bein brach. Mit Mühe und Not erreichte ich Fort Sill. Dort hab’ ich den Grauen gekauft. Seit ich wieder in Texas bin, seid ihr die ersten Menschen, denen ich begegne. Hätte gern drauf verzichtet!“

Die Augen von Jack Scott alias „Zustoßender Falke“ waren schmal und hart. Der Mann war voller Misstrauen.

„Ziemlich mäßige Geschichte, Shannon, meinst du nicht? Lass dir lieber was Besseres einfallen - aber rasch!“

Nun schoben sich auch die übrigen Comanchen drohend heran. Shannon entdeckte sein Pferd wenige Schritte entfernt bei einem Felsblock. Die Winchester 66 steckte noch im staubigen Scabbard. Am Sattelhorn hing der Gurt mit dem 44er Colt. Scott und seine Indianerfreunde waren gewiss nicht darauf gefasst, dass ein Mann in Shannons Situation einen Fluchtversuch riskieren würde. Der dunkelhaarige schlanke Mann seufzte gespielt resigniert.

„Na gut, ich gebe auf. Ich werde dir sagen, wo die ...“

Shannon explodierte. Sein Faustschlag schleuderte Bärentatze mehrere Schritte zurück. Das Messer des Indianers klirrte auf die Steine.

Katzenhaft schnellte Shannon hoch. Seine nervige Rechte umklammerte einen faustgroßen Felsbrocken. Scott wollte fluchend sein breitklingiges Jagdmesser ziehen, da war Shannon bereits bei ihm und schmetterte ihm den Stein an die Schläfe. Der blonde Renegat war zwar ein Kerl wie ein Baum, aber dieser verzweifelte Hieb warf ihn um.

Ein Wutschrei entrang sich den Kehlen der Comanchen. Gewehre, Messer und Tomahawks flogen hoch.

Shannon rannte auf sein Pferd zu. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Wenn er schon nicht mehr in den Sattel kommen sollte, so wollte er doch wenigstens noch eine Waffe erwischen und im Kampf sterben.

Shannon war noch zwei oder drei Yard von dem Wallach entfernt, als die Schüsse fielen. Es waren mindestens drei Dutzend Gewehre, die. Feuer und Blei in die heiße Senke spuckten. Es krachte, als würde eine ganze Wagenladung Dynamit in die Luft gesprengt. Todesschreie gellten. Eine Kugel wischte so haarscharf an Shannons Gesicht vorbei, dass er den glühenden Luftzug spürte. Instinktiv tat er das einzig Richtige: Er ließ sich fallen und presste sich flach auf die von der Hitze hartgebackene Erde.

Ringsum lagen blutüberströmte, von dem mörderischen Bleihagel niedergemähte Gestalten. Verwundete versuchten Deckung hinter vereinzelten Felsblöcken zu finden. Squaws rannten schreiend hin und her. Pferde rissen sich los und preschten wiehernd davon, andere wälzten sich, ebenfalls von Kugeln getroffen, am Boden. Von einem Augenblick zum anderen war die Hölle aufgebrochen. In das tobende Chaos hinein schmetterte eine Trompete das Angriffssignal der US Kavallerie.

 

*

 

Shannon stand die grauenvollsten Minuten seines Lebens durch. Das Schlimmste dabei war, dass er keine Wahl hatte, als zu bleiben wo er war, untätig und hilflos. Denn die blau uniformierten Reiter, die jetzt von allen Seiten in die Senke herab galoppierten, schossen auf alles, was sich bewegte. Shannon vergaß, dass er eben noch selbst zum Kampf gegen die Comanchen entschlossen gewesen war. Er hatte sein Leben so teuer wie möglich verkaufen wollen. Was sich jetzt vor seinen Augen abspielte, war kein Kampf, sondern ein grausames Abschlachten.

Schüsse, Hufgedonner, Angriffsgebrüll und Entsetzensschreie füllten die Senke. Wolken von Staub und Pulverdampf stiegen brodelnd ins flimmernde Licht. Die wenigen Krieger, die sich den Soldaten noch verzweifelt entgegenwarfen, wurden von den mitleidlos hämmernden Schüssen niedergestreckt.

Scharfkantige Hufe stampften über sie weg. Die Woge der blau uniformierten Angreifer ergoss sich ungehindert in das halb abgebrochene Camp. Die qualmenden Gewehr- und Coltmündungen suchten nach neuen Zielen. Squaws, die sich schreiend aneinander klammerten oder verzweifelt zu fliehen versuchten, sanken im Dröhnen der Waffen in den Staub. Verwundete bäumten sich unter flammenden Armeerevolvern auf. Die Kavalleristen jagten kreuz und quer durch die Senke und schossen jeden Indianer nieder, der sich noch bewegte.

„Keine Gefangenen!“, feuerte eine misstönende schrille Stimme sie an. „Tötet sie alle!“

Reiter mit staub- und schweißverschmierten Gesichtern preschten an Shannon vorbei. Jetzt, da nicht mehr die ganze Senke unter wütendem Beschuss lag, konnte er endlich aufspringen. Taumelnd wich er an den Felsblock zurück, an dem sein Grauer festgebunden war. Wie durch ein Wunder war das Tier unverletzt.

„Um Himmels willen, hört auf!“, schrie Shannon den Reitern zu. „Was ihr da treibt, ist blanker Mord!“

Teils leere, teils wie im Rausch flackernde Blicke glitten flüchtig über ihn. Keine Antwort, kein Verstehen. Es waren nur wenige Minuten vergangen, aber Shannon schien es, als sollte das Gemetzel nie mehr enden. Die Jahre eines gefahrvollen Lebens in der Wildnis und in den Saloons gesetzloser Städte hatten Shannon hart gemacht. Wenn es darum ging, den eigenen Skalp zu verteidigen, zögerte Shannon nicht mit dem Griff zum Colt. In diesem Land, wo jeder auf sich allein gestellt war, wo überall Gefahren lauerten, waren Leben und Tod enger verknüpft als anderswo.

Doch dies hier war etwas anderes. Shannon wusste, wenn er überhaupt lebend aus diesem Inferno heraus kam, würde er diese Minuten eines Wirklichkeit gewordenen Albtraums nie vergessen.

Mit zitternden Fingern löste er die Zügel des erschreckt tänzelnden Grauen. Nur weg hier! Nur nicht mehr sehen, wie diese Männer wie die Bestien wüteten!

Shannon machte sich nichts vor. Es war unmöglich, diesem Irrsinn Einhalt zu gebieten. Plötzlich erstarrte er. Sein Blick fiel auf Bärentatze, der sich schwankend um den rissigen Felsblock herumschob. Der gedrungene Comanche blutete aus einer Wunde am Hals und an der Hüfte. Aber der Hass in seinen Augen war ungebrochen. Obwohl er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, umklammerte er mit letzter Kraft sein Bowieknife und kam keuchend auf Shannon zu.

Der Weiße streckte die Hand nach dem am Sattelhorn hängenden Revolvergurt aus, ließ den Sixshooter aber noch in der Halfter.

„Sei nicht verrückt!“, schrie er. „Zwing mich nicht, auf dich zu schießen! Ich hab’ diese Männer nicht auf eure Fährte geführt. Ich gehöre nicht zu ihnen.“

Bärentatze zögerte. Seine vorgestreckte Faust mit dem Messer sank herab. Plötzlich war ein Reiter hinter ihm. Es war ein hagerer, knochiger Bursche mit Sergeantenwinkeln an den Ärmeln der blauen Uniform. Shannons Warnschrei kam zu spät. Der blanke Kavalleriesäbel durchbohrte Bärentatze von hinten. Röchelnd sank der Comanche nieder, krallte die Finger in den Sand und erschlaffte.

Das Pferd des hageren Sergeanten sprang über ihn hinweg. Ein Blick aus den tiefliegenden kalten Augen des Reiters streifte Shannon teilnahmslos. Die blutbesudelte Säbelklinge zischte durch die Luft.

„Da ist Scott! Endlich haben wir den verdammten Kerl! Auf ihn, Jungs! Lasst ihn nicht entkommen!“

Der breitschultrige blonde Renegat hatte sich aufgerichtet. In fassungslosem Entsetzen starrte er auf die schlaffen, verkrümmten Gestalten ringsum, auf die johlenden uniformierten Reiter. Einige Soldaten waren abgestiegen, knieten bei den Toten und skalpierten sie. Zwei Soldaten mit derben, geröteten Gesichtern zerrten eine sich heftig sträubende Frau aus einer Nische zwischen übereinandergetürmten Felsklötzen. Ein dritter, im Sattel wartender Soldat legte sein Gewehr auf die Squaw an, zögerte dann aber, als er das rotblonde, lang auf die Schultern herabflutende Haar und das schmale bleiche Gesicht sah.

„Donnerwetter, wen haben wir denn da? So ’ne Überraschung. Da sind wir ja an die richtigen Halunken geraten. Wir hatten keine Ahnung, dass diese Hundesöhne ’ne weiße Gefangene mit sich ’rumschleppten. Beruhigen Sie sich, Ma’am! Sie haben nichts zu befürchten. Wir werden ...“

„Lasst mich los, ihr verfluchten Mörder!“, schrie die Frau. „Lasst mich in Ruhe, ihr Teufel!“

Der Schrei riss Scott aus seiner Erstarrung. Er zuckte herum.

„Mary, ich komme!“

Im letzten Moment bemerkte er den von der Seite, heranschießenden hageren Reiter. Scott warf sich seitwärts auf die Erde. Der niedersausende Säbel verfehlte ihn knapp. Der Sergeant wurde vom eigenen Schwung an ihm vorbeigetrieben. Doch Scott war noch nicht ganz auf den Beinen, als er schon wieder seinen Gaul wendete. Diesmal zielte die neben dem Pferdehals vorgestreckte Säbelspitze wie eine Lanze auf die Brust des Renegaten.

Scott hatte beim Sturz sein Messer verloren. Ringsum waren blau uniformierte Reiter, die ihre Waffen auf ihn richteten. Er machte keinen Versuch mehr, dem Angreifer auszuweichen. Mit geballten Fäusten starrte er ihm furchtlos entgegen, hoch aufgerichtet, ein Mann, für den es nur noch darauf ankam, wie ein Krieger zu sterben. Seine Hautfarbe spielte jetzt keine Rolle mehr.

Er war Toyaho, der „Zustoßende Falke“, ein Kwahadi!

Zuviel war in den letzten Minuten auf Shannon eingestürmt. Jetzt konnte er nicht anders. Als der Sergeant nahe an ihm vorbei jagte, packte er den Colt und stieß sich geduckt von dem Felsen ab. Wie eine große Raubkatze sprang er den Reiter an. Die Wucht des wilden unerwarteten Angriffs riss beide Männer über das Pferd weg. Beim harten Aufprall verlor der Soldat den Säbel. Shannon schlug mit dem Coltlauf zu.

„Lauf!“, brüllte er Scott zu. „Da steht mein Pferd! Hau ab, ehe sie dich erwischen!“

Mit dem 44er in der Faust schnellte er hoch. Dunkle Strähnen hingen ihm in die schweißbedeckte Stirn. Seine Augen funkelten. Jetzt glich Shannon wieder einmal einem zweibeinigen Tiger, der schon manchem Gegner das Fürchten beigebracht hatte. Scott starrte ihn einen Moment verblüfft an, dann stürzte er schon zu Shannons Pferd. Fluchend spornten die Kavalleristen ihre Gäule an. Karabinerläufe ruckten hoch.

Shannons Colt blitzte. Drei, vier Pferde brachen zusammen. Ihre Reiter wurden in die wirbelnden Staubschleier geschleudert. Nachfolgende Tiere prallten auf. Ein wildes, lärmendes Durcheinander entstand, bei dem sich die Soldaten gegenseitig behinderten. Scott hatte bereits die Zügel des grauen Wallachs in der Faust. Er sprang in den Sattel, ohne die Bügel zu benutzen. Mit blitzenden Augen warf er das Pferd herum.

Irgendwo in dem Durcheinander schrie die weiße, wie eine Indianerin gekleidete Frau. Schüsse krachten. Shannon versuchte, die schleifende Leine des Sergeant-Pferdes zu erwischen. Da war er schon von Reitern mit hassverzerrten Gesichtern umringt. Der Anprall eines Armeepferdes stieß ihn um. Er ließ den Colt nicht los, nicht um zu schießen, sondern um ihn als Schlagwaffe zu benutzen.

Seine Gegner gaben ihm aber keine Möglichkeit mehr dazu. Drei raue Burschen, die ohne die staub- und schweißverschmierten Uniformen wie richtige Buschräuber ausgesehen hätten, sprangen aus den Sätteln auf ihn herab. Ihr Gewicht presste ihn nieder. Ein Fußtritt prellte ihm den Sixshooter aus der Faust. Schläge hagelten auf ihn. Er wehrte sich, obwohl er keine Chance mehr hatte.

Die schrille fanatische Stimme, die er anfangs gehört hatte, schrie Befehle. Weitere Männer sprangen hinzu. Sie packten den dunkelhaarigen Satteltramp, zerrten ihn hoch und pressten ihm die Arme auf den Rücken, so dass er sich nicht mehr bewegen konnte.

„Na warte, Freundchen, das bereust du noch, dass du diesem Hundesohn Scott zur Flucht verholfen hast!“, keuchte eine gehässige Stimme. Das knochige Gesicht des hageren Sergeanten tauchte vor ihm auf. Shannons Hieb mit dem Coltlauf hatte den Kerl also doch nicht lange außer Gefecht gesetzt.

Bevor Shannon etwas erwidern konnte, traf ihn die geballte Rechte des Hageren in den Magen. Die Luft blieb ihm weg. Ächzend krümmte er sich zusammen. Dann trat der Sergeant zur Seite, und Shannon sah den Mann mit den Rangabzeichen eines Majors, den Mann, der dieses Massaker befohlen hatte.

Shannon war sicher, dass das Brigham war, von dem Jack Scott gesprochen hatte. Ein drahtiger Offizier in maßgeschneiderter, straff sitzender Uniform, knapp über die Vierzig, mit einem glattrasierten, sonnengebräunten Gesicht. Er trug die bei der Kavallerie üblichen gelbledernen Stulpenhandschuhe, hochschäftige Stiefel und am Koppel Säbel und Revolver.

Die weiße Squaw hatte sich plötzlich losgerissen, stürmte auf den Major zu und versuchte ihm den schwerkalibrigen Armeerevolver zu entreißen. Doch dieser wehrte sie ab und packte ihre Handgelenke.

„Wo ist er?“

Mary Kilkenny wehrte sich heftig, doch Brighams Griff war eisern. Sie keuchte: „Ich weiß es nicht! Als die Armee ihren Feldzug gegen die Comanchen begann, die sich weigerten, ihr freies Leben aufzugeben, wurde Büffelhorns Stamm zerstreut. Nur Scott kennt den vereinbarten Treffpunkt. Selbst wenn ich ihn auch wüsste, ich würde ihn nicht verraten!“

Der Offizier stieß sie hart zurück. „Wir schnappen ihn und Scott auch so. Fesselt sie! Wenn sie wirklich Büffelhorns Squaw ist, dann ist das ein Grund mehr, sie in Fort Concho abzuliefern.“

„Nein, lasst mich los! Ich will nicht ins Fort! Ich will zurück zu den Comanchen!“

Die Frau war jetzt wieder außer sich, als die Uniformierten ihre Hände banden. Sie wand sich verzweifelt und trat um sich, aber alles war umsonst. Die rohen Kerle lachten nur und packten derb zu. Das fransenverzierte Kleid aus dünn gegerbtem Leder riss an der Schulter auf. Schluchzend sank die weiße Squaw schließlich auf die Knie.

„Tötet mich doch, wie ihr die anderen getötet habt! Warum schießt denn keiner von euch Mördern? Ich werde ja doch jede Gelegenheit benutzen, zu entfliehen! Lieber sterbe ich, als dass ich jemals wieder unter Weißen lebe!“

Shannon hatte schon mehrfach von Weißen gehört, die anfangs als Gefangene bei den Indianern lebten und nach und nach völlig in der Stammesgemeinschaft aufgingen. Mary Kilkenny war kein Ausnahmefall. Brigham hatte nur noch ein kaltes Achselzucken für die Tränen der Gefangenen. Als er ihr den Rücken kehrte, war für ihn der Fall bereits erledigt. Jetzt kam Shannon an die Reihe, der noch immer von mehreren Soldaten festgehalten wurde.

Shannon blickte in kalte, mitleidlose Augen. Seit er nach Bürgerkriegsende wie viele anderen Entwurzelte in die Weiten des noch unerschlossenen Westens aufgebrochen war, hatte er hier schon die verschiedensten Männer in blauen Uniformen kennengelernt: Gute und schlechte, engstirnige Fanatiker und aufrechte Soldaten.

Brigham war einer von der schlimmsten Sorte, ein Killer, ein Karrieretyp und dazu noch ein Indianerhasser. Sicherlich war es kein Zufall, dass in seiner Abteilung größtenteils raue, schießfreudige Kerle ritten. Burschen, hinter denen weiter östlich vielleicht das Gesetz her war, die noch stolz darauf waren, wenn sie sich einen Indianerskalp an den Gürtel hängen konnten.

Es war typisch für den drahtigen Major, dass er keine Fragen stellte. „Ich hoffe, du weißt, was dir blüht“, sagte er eisig. „Du wirst sterben.“

„Weil ich einen Mord verhindert, einem Wehrlosen zur Flucht verholfen habe? Sie haben kein Recht...“

„Sergeant Silver!“, bellte Brigham.

Der Mann sprang herbei. Seine Hacken knallten zusammen. „Zu Befehl, Sir!“ Ein erwartungsvolles Grinsen spielte um seine dünnen Lippen.

„Sergeant, sorgen Sie dafür, dass dieser Mann nur redet, wenn er gefragt wird“, schnarrte Brigham.

„Jawohl, Sir!“ Silver starrte Shannon höhnisch an, ballte die Rechte und rieb die Knöchel an der Uniformjacke. „Na, Freundchen, wolltest du noch was sagen?“

„Ja, zum Teufel! Major, Sie haben kein Recht, ein Todesurteil auszusprechen, ohne...“

Silvers Fäuste trafen wie Schmiedehämmer vier, fünfmal. Schmerz glühte in Shannons Eingeweiden.

„Was fällt Ihnen ein, Silver!“, herrschte der Major den Sergeant an. „Warten Sie gefälligst auf meinen Befehl!“ Er blickte Shannon kalt und durchdringend an. Dann wandte er sich ruckartig der schlanken rotblonden Frau zu, die von den beiden derbgesichtigen Soldaten herangeschleppt wurde.

Silver spuckte Shannon grinsend vor die Füße. „Kein Grund, dich zu freuen, wart’s ab!“

 

*

 

Die Frau hatte aufgehört, sich zu wehren. Erschöpft hing sie.im Griff der harten Soldatenfäuste. In der Nähe wirkte sie doch nicht mehr so jung. Aber ihr Gesicht mit den leicht schräg stehenden grünen Augen bot noch immer eine ausdrucksvolle faszinierende Schönheit, die hier draußen in der Wildnis am Rand der Staked Plains selten war. Sie blickte den drahtigen Major feindselig an. Brigham musterte sie wie ein Wundertier.

„Sie sollten dankbar sein, dass wir sie von Ihrem Schicksal, unter diesen Wilden zu leben, erlöst haben, Ma’am“, schnarrte er. „Ich werde Sie nach Fort Concho bringen lassen. Von dort aus können Ihre Angehörigen verständigt werden.“

„Ich habe nur Angehörige bei Büffelhorns Stamm.“

„Unsinn! Das ist doch nicht Ihr Ernst, „Ma’am. Sie sind eine Weiße, eine Frau, die...“

„... eine Frau, die sich der Hautfarbe schämt, wenn sie Leuten Ihres Schlages begegnet. Major. Sie haben kein Recht, Büffelhorns Volk als Wilde zu bezeichnen! Ausgerechnet Sie, der vielleicht auch noch stolz darauf ist, einen Haufen von Totschlägern und Mördern zu befehligen! Nein, geben Sie sich keine Mühe. Ich will weder nach Fort Concho noch sonstwohin. Nicht, weil ich Angst vor dem Gerede hinter meinem Rücken habe. Angst davor, dass mit den Fingern auf mich gezeigt wird, weil ich im Tipi eines Indianers gelebt habe. Ich will nur einfach nichts mehr mit dieser Welt zu tun haben, in der ich einmal Mary Kilkenny hieß. Jetzt bin ich Goldhaar. So nennen mich die Kwahadi. Mein Platz ist bei ihnen.“

Sie kümmerte sich nicht um die teils neugierigen, teils verächtlichen Blicke der Soldaten, die sich ringsum versammelten.

Der Major legte die Hände auf den Rücken und beugte sich lauernd vor. „So ist das also! Sie gehören zu Scott, wie?“

„Ich gehöre zu Büffelhorn. Ich kam als Gefangene zu ihm. Jetzt bin ich schon lange seine Squaw.“

Ein paar Soldaten lachten und wechselten anzügliche Bemerkungen. Brigham stampfte mit dem Fuß auf.

„Eine Schande, eine weiße Frau so reden zu hören! Vergessen Sie Büffelhorn. Vergessen Sie dieses ganze rote Pack, bei dem Sie lebten, ich werde nämlich nicht nur Scott, diesen verfluchten Mörder, zur Strecke bringen, sondern auch jeden verdammten Comanchen, der sich weigert, in die Reservation von Fort Sill zu ziehen. Büffelhorn, dieser Bastard, steht gleich nach Scott ganz oben auf meiner Liste. Und Sie werden mir sagen, wo ich ihn finde!“

Die Frau zuckte zusammen. Brighams kalte Stimme richtete sich jetzt auf Shannon.

„Hier draußen vertritt allein die Armee das Gesetz. Und ich, verdammt noch mal, ich bin die Armee! Scott ist ein Mörder, ein Überläufer, ein Schuft, der die Comanchen gegen uns aufwiegelt, der gegen Männer seiner eigenen Hautfarbe kämpft. Seit Wochen jagen wir ihn vergeblich. Jetzt hast du ihm geholfen. Dafür gibt es nur eine Strafe, den Tod. Sergeant, suchen Sie sich fünf Mann aus und bringen Sie diesen Kerl und die Frau nach Fort Concho! Ich werde inzwischen mit dem Rest der Schwadron weiter nach Scott und Büffelhorn suchen. Wenn ich ins Fort zurückkomme, wird dieser Mann standrechtlich erschossen. Sie haften mir dafür, dass er nicht entkommt, Sergeant!“

„Zu Befehl, Major, Sir!“ Silver salutierte erneut. Doch Brigham hatte sich bereits abgewandt. Er gab Befehl zum Aufsitzen.

Der hagere Sergeant grinste Shannon an.

„Großartiger Mann, der Major, was? Wenn einer diesen Bastard Scott zur Strecke bringen wird, dann er.“

„Geh zum Teufel!“, keuchte Shannon, bevor Silvers Faust in seinem Gesicht explodierte.

 

*

 

Jeder Atemzug wurde zur Qual. Der Schatten der überhängenden Felswand, an deren Fuß die kleine Gruppe rastete, brachte keine Kühlung. Es war Mittag, und sie hatten erst zehn Meilen durch unwegsames Gelände in Richtung Fort Concho zurückgelegt. Shannon versuchte, nicht dauernd zu den an den Sätteln der Kavalleriepferde hängenden Wasserflaschen zu starren, aber er konnte nicht anders. Seine Kehle war ausgedörrt wie der Llano Estacado.

Silver und seine fünf hartgesichtigen Begleiter hatten sich einen Spaß daraus gemacht, vor den Augen der beiden Gefangenen ausgiebig ihren Durst zu stillen, ihnen jedoch keinen Tropfen Wasser abzugeben. Mehr noch als einen erfrischenden Trunk wünschte sich Shannon, dass er irgendwann die Gelegenheit erhielt, Silver, diesen Hundesohn, zwischen die Fäuste zu bekommen.

Ein Rascheln neben ihm zwang seinen Kopf herum. Mary Kilkenny hatte sich schwankend an der Felswand aufgerichtet. Ihre Handgelenke waren vorn zusammengebunden, genau wie bei Shannon. Aus fiebrig glänzenden Augen starrte sie auf die Pferde. Die im heißen Sand ruhenden Soldaten rauchten, dösten oder starrten einfach müde und mürrisch vor sich hin. Shannon kam nicht mehr dazu, der rotblonden Frau eine Warnung zuzuflüstern. Die ganze Zeit über hatte er schon gemerkt, dass es in Mary Kilkennys Kopf nur noch einen verzweifelten Gedanken gab: Flucht! Rückkehr zu „ihrem“ Volk um jeden Preis!

Sie rannte los. Es war wie der Ausbruchsversuch eines von Jägern umzingelten Rehs. Das knirschende Geräusch der Tritte riss die Blauröcke hoch. Fluchend griffen sie zu den neben ihnen liegenden Gewehren. Einer der Kerle, an dem Mary vorbei musste, schnellte aus seiner Kauerhaltung vorwärts, um ihre wirbelnden Beine zu erwischen. Die rotblonde Frau schlug einen Haken, rannte mit zusammengepressten Lippen an einem anderen Mann vorbei, der die Hände nach ihr ausstreckte, und erreichte die nervös schnaubenden Gäule. Mit den gefesselten Händen packte sie das nächste Sattelhorn.

Da war Silver bei ihr. Er riss sie an der Schulter herum und schlug ihr den Handrücken so wuchtig über das Gesicht, dass sie zu Boden stürzte. Die Frau stieß einen leisen Schrei aus. Keuchend blieb sie liegen.

„Miststück!“, knurrte der hagere Sergeant. „So eine wie dich sollte man auspeitschen! Es gibt nichts Schlimmeres als ’ne Weiße, die sich mit den Rothäuten einlässt!“

Silver bückte sich, um sie hochzuziehen. Doch die Squaw rollte sich hastig von ihm weg.

Das staubverkrustete Stiefelpaar eines grobschlächtigen, rotgesichtigen Kerls versperrte ihr den Weg. Der Soldat blickte grinsend auf die Frau hinab.

„Immer mit der Ruhe, Sergeant! Meiner Meinung nach ist sie viel zu hübsch für die Peitsche! Schaut sie euch bloß an, Jungs. Wetten, dass es in Fort Concho kein Weib gibt, das sich mit ihr messen kann?“

Ein gieriges Grinsen stand in den staub- und schweißverschmierten Gesichtern der Soldaten. Wie auf ein Kommando setzten sie sich in Bewegung. Mary Kilkenny wollte aufspringen, doch der Große mit dem roten, gedunsenen Gesicht setzte rau auflachend einen Fuß auf ihren schlanken Körper.

„He, Sergeant, mach kein so finsteres Gesicht! Der Major hat nur gesagt, wir sollen sie im Fort abliefern. Das tun wir dann ja auch.“

„Lasst sie in Ruhe, ihr Hundesöhne!“

Shannon stand mit wild funkelnden Augen vor der Felswand. Silvers Kumpane fuhren herum. Der Grobschlächtige lachte rau.

„Da ist einer schon wieder auf ’ne Abreibung scharf. Hast du beim letzten mal nicht hart genug zugelangt, Sergeant? Du brauchst es nur zu sagen, dann übernehme ich ihn.“

Er machte zwei Schritte auf Shannon zu, dann blieb er ruckartig stehen. Gleichzeitig mit Shannon war sein Blick auf das Gewehr gefallen, das auf halber Strecke zur Felswand am Boden lag.

Das rohe Gesicht des Kerls verzerrte sich. Als er zur Colttasche griff, rannte Shannon bereits los.

Silver und die anderen stürzten ebenfalls vorwärts.

Vor vierundzwanzig Stunden hätte Shannon nicht im Traum daran gedacht, jemals eine Waffe auf Armee-Angehörige zu richten. Jetzt aber war er zum Äußersten entschlossen. Denn hier hatte er es nicht mit irgendwelchen Durchschnittssoldaten zu tun, sondern mit Killern in Uniform.

Er warf sich bei dem Gewehr auf die Knie, packte die Waffe mit den zum Glück vorn zusammengebundenen Fäusten und stieß sie hoch.

Es klickte nur, als er den Stecher durchzog. Er brauchte kostbare Zeit, um den Repetierbügel zu betätigen. Ehe er nochmals abdrücken konnte, waren sie schon bei ihm. Ein Tritt prellte ihm die Waffe aus den Händen, ein zweiter schleuderte ihn in den Sand.

Mary Kilkennys erneuter Fluchtversuch bewahrte ihn davor, windelweich geprügelt zu werden. Das Wiehern der Pferde alarmierte Silvers Leute.

Die Frau saß diesmal bereits im Sattel, konnte jedoch mit den gefesselten Händen die um einen dürren Ast geschlungenen Zügel nicht schnell genug lösen. Silver riss sie so brutal herab, dass sie halb betäubt liegen blieb. Dann, als der hagere Sergeant seinen Begleitern das Zeichen geben wollte, Shannon fertigzumachen, deutete der Grobschlächtige plötzlich mit aufgerissenen Augen nach Westen. Über den zerklüfteten Hügelkämmen stiegen dünne weiße Rauchspiralen in die flimmernde Luft.

„Verdammt, die sind hinter uns her!“

Silver stand einen Augenblick stocksteif, dann wischte seine Hand wütend durch die Luft. „Worauf wartet ihr noch? In die Sättel, Hölle und Verdammnis! Nehmt die Squaw mit!“

„Und er?“ Der. Massige deutete auf Shannon, der sich mit heftig schmerzenden Rippen aufrichtete. „Der Kerl macht uns noch ’ne Menge Schwierigkeiten, ehe wir im Fort sind. Wozu ihn noch lange mitschleppen, wenn der Major ihn sowieso tot sehen will?“

Silver schwang sich auf das Pferd, auf dem die Frau hatte fliehen wollen. Seine hellen Augen glitzerten.

„Du hast recht, Eames. Nimm deine Kugelspritze und leg’ ihn um!“

Eames zauderte nicht einen Sekundenbruchteil. Er nestelte die Armeehalfter auf und zog den schweren Sechsschüsser. Mit einem hässlichen Grinsen richtete er die Waffe auf Shannon.

„Nein!“, schrie die Frau. Sie hatte sich auf die Knie gestemmt. Das lange rotblonde Haar umzüngelte wild ihr bleiches, herbschönes Gesicht. Helle, seidige Haut schimmerte durch die Risse in ihrem fransenverzierten Kleid. Seit die Rauchsignale als stumme Drohung über den Hügeln standen, hatten die rauen, verwilderten Kavalleristen keinen Blick mehr dafür. Sie lebten lange genug in diesem Land, um zu wissen, wie schnell hier aus Jägern Gejagte werden konnten.

„Lasst ihn am Leben, sonst sorge ich dafür, dass ihr alle wegen Mordes vor ein Kriegsgericht gestellt werdet!“, rief Mary Kilkenny.

Silver lachte blechern. „Keine Jury in Texas wird einer lausigen Commanchen-Squaw mehr glauben, als sechs verdienten Kavallerie-Soldaten. Eames, verdammt, ich hab’ dir ’nen Befehl gegeben!“

Während die anderen ebenfalls zu ihren Gäulen liefen, ging Eames schwergewichtig auf Shannon zu. Das schwarze Todesauge der Coltmündung deutete starr auf Shannons Brust. Ein grausames Lächeln lag wie eingemeißelt auf Eames fleischigen Lippen, ansonsten bewegte sich kein Muskel in seinem Gesicht.

Shannon hatte schon viele zum Töten entschlossene Männer gesehen. Eames war einer, der auch noch Spaß daran hatte, einen Wehrlosen niederzuknallen.

Shannon wich zurück. Schweißbäche sickerten über seine Wangen, den Hals, den Oberkörper. Er verfluchte seine Fesseln, seine Wehrlosigkeit, und vor allem verfluchte er Silver, der leicht nach vorn geneigt auf seinem Gaul hockte und gespannt herüberstarrte.

Vergeblich suchte Shannon nach einem Ausweg. Worte waren sinnlos. Sie würden an Eames wie an einem Felsklotz abprallen. In der brütenden Hitze war nur das Malmen des Sandes unter Shannons und Eames Stiefeln zu hören. Als Shannon mit dem Rücken gegen die hohe Felswand stieß und Eames ihm die Revolvermündung auf die Brust setzte, breitete sich abgrundtiefes Schweigen aus.

Shannon hatte das Gefühl, eine unsichtbare Schlinge würde sich um seinen Hals zusmmenziehen. Überdeutlich sah er jede Einzelheit von Eames grobschlächtigem Gesicht. Die wulstigen Lippen dehnten sich.

„Bevor ich dich zur Hölle schicke, möchte ich gern noch deinen Namen wissen, Compadre. Also, wie heißt du?“

Shannon antwortete nicht. Er lauschte mit angehaltenem Atem.

Keine Täuschung!

Da war wirklich das Schaufeln von Hufen zwischen den hochgetürmten Felsen.

Eames ließ unsicher die Waffe sinken. Mit einem fragenden Blick wandte er sich an Silver. Da tauchte der Reiter bereits im flimmernden Licht auf. Er ritt lächelnd heran, so, als würde er die auf ihn zielenden Karabiner nicht sehen. Ein sehniger, hochgewachsener Mann mit scharfgeschnittenem Gesicht, in staubbedeckter Reitertracht und mit tiefhängenden schweren Revolvern an den Oberschenkeln. Seine schlanken Hände ruhten lässig auf dem Sattelhorn.

„Lasst euch nicht stören, Freunde. Ich hoffe, ihr habt nichts dagegen, wenn ich mich euch anschließe, um meinen Skalp heil aus dieser Wildnis herauszubringen.“

Die sechs Soldaten warteten, bis das Hufgepoche verstummte. Die Frau machte den Ansatz einer Bewegung, als wolle sie auf den Fremden zulaufen. Silver drückte ihr den Stahl seiner Gewehrmündung in den Nacken. Auch das schien der staubbedeckte Mann mit den beiden tiefhängenden Colts nicht zu beachten.

„Wer bist du?“, fauchte der Sergeant. „Wie kommst du hierher?“

Ein lässiges Achselzucken. „Mein Name ist Lorman, Greg Lorman. Ich hab’ eure Fährte gesehen - und die Rauchsignale dahinten. Sonst noch was?“

„Ja, scher dich zum Teufel! Wir brauchen hier keinen Schnüffler.“

„Hm, und ich dachte immer, die Armee ist dazu da, harmlose Reisende zu schützen.“

„Du sollst nicht denken, sondern verschwinden, Mann!“

„Wie du meinst, Sergeant. Aber ihn nehme ich mit.“ Er wies mit einer Kopfbewegung auf Shannon.

Dieser war ebenso überrascht wie Silver und seine Männer. Eames’ erste Reaktion war, ihm sofort wieder den Colt unter die Nase zu halten, damit er ja nichl auf die Idee käme, den Platz an der Felswand zu verlassen. Silver zog die knochigen Schultern hoch und streckte den Kopf vor wie ein Habicht, der plötzlich eine Beute erspäht hatte.

„Bei dir piept’s wohl, Hombre, was? Oder ..." - ein gefährliches Glimmen erschien in seinen tiefliegenden Augen - „gehört ihr beide etwa zusammen, he?“

„Was nicht ist, kann ja noch werden“, grinste der Fremde und griff zu den Colts, obwohl vier Armee-Karabiner auf ihn zielten.

Shannon hatte noch keinen Mann schneller ziehen sehen. Trotzdem konnte auch Lorman gegen vier Schussfinger, die nur den Abzug durchzukrümmen brauchten, keine Chance haben.

„Schießt!“, kreischte Silver. Doch sein Befehl schien nicht den Uniformierten zu gelten. Denn aus dem Schatten der Felsen und verdorrten Sträucher blitzte und krachte es, bevor die Soldaten eine Kugel aus dem Rohr brachten.

Silvers Begleiter wurden von den erschreckt hochsteilenden Pferden gefegt. Wiehernd stürmten die Tiere davon. Als Eames mit einem heiseren Aufschrei seinen Sixshooter herumschwang, zeigten bereits Lormans 45er-Mündungen auf ihn. Lorman war einer der wenigen wirklichen Zweihandschützen, ein Buscadero, wie solche Männer in den früher zu Mexiko gehörenden Südweststaaten hießen. Beide Waffen spuckten Feuer, Rauch und tödliches Blei.

Die Wucht der Einschläge presste Eames gegen die Felswand. Lorman jagte zwei Kugeln aus jedem Colt, und alle trafen einen Fleck auf Eames’s linker Brustseite, den man mit einer Hand zudecken konnte. Der schwergewichtige Soldat brach röchelnd zusammen.

Inzwischen hatte Silver die Frau zu sich auf das kaum noch zu bändigende Pferd gerissen. Sein sonst so grausames knochiges Gesicht war schreckverzerrt. Er hatte sein Gewehr einfach weggeworfen.

Mit einer Hand hielt er Mary Kilkenny als Schutzschild vor sich, mit der anderen dirigierte er die Zügel. So preschte er wie von Furien gehetzt auf eine Lücke zwischen den Felswänden und Klippen zu, die dem Caprock, dem Steilabfall der Staked Plains, vorgelagert waren. Lormans qualmende Eisen schwenkten herum.

Das war der Moment, in dem Shannons Erstarrung wich. Er rannte auf den von Pulverdampf umnebelten Reiter zu.

„Nicht! Sie könnten die Frau treffen!“

Lorman zögerte, dann ließ er die Colts sinken. Die Schatten und der von den Hufen hochgerissene Staub verschluckten Silver und seine Gefangene. Während Shannon mit zugeschnürter Kehle auf die schlaffen, blutbesudelten Gestalten blickte, lud Lorman mit unbewegtem Gesicht seine Revolver nach. Er hob auch nicht den Kopf, als die bisher zwischen den Felsen verborgenen Todesschützen auftauchten.

Drei Mann, schwerbewaffnet, mit harten Gesichtern und ständig wachen, misstrauischen Augen. Sie führten ihre staubbedeckten Pferde an den Zügeln. Keinem von ihnen schien es etwas auszumachen, dass sie eben eine Armee-Patrouille bis auf einen Mann zusammengeschossen hatten. Shannon brauchte nur ihre kalten Augen und ihre gut geölten Waffen zu sehen, um zu wissen, woran er bei ihnen war. Major Brigham wäre stolz darauf gewesen, wenn diese Hartgesottenen in seinem wilden Haufen geritten wären. Aber jeder dieser Kerle hätte vor so einem Angebot nur ausgespuckt. Wenn diese Männer kämpften und töteten, dann nur für Geld, für viel Geld.

Irgendwie hatte Shannon das Gefühl, nun schon zum zweiten mal vom Regen in die Traufe zu geraten. Er ließ sich nichts anmerken, sondern streckte Lorman die gefesselten Hände hin.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738916355
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
shannon comanchen
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Titel: Jim Shannon #9: Shannon und die weißen Comanchen