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CALLAHAN #11: Mit Peggy durch die weiße Hölle

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Mit Peggy durch die weiße Hölle

Klappentext:

Roman:

CALLAHAN

 

Band 11

 

Mit Peggy durch die weiße Hölle

 

Ein Western von Glenn Stirling

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von N.C. Wyeth, 2018

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappentext:

„Über den Pass willst du?“ Das zerknautschte Faltengesicht sah mich fassungslos an. Dann blickten die kleinen grünen Augen auf den Wagen. „Etwa mit diesem Conestoga? Hör zu, Mann, nimm besser den Revolver und jag dir eine Kugel durch dein verrücktes Hirn, das geht schneller. Über den Pass kommt um diese Jahreszeit niemand mehr.“ Der Alte musterte mich von oben bis unten, spie seinen Priem aus und fuhr mit warnendem Unterton in der Stimme fort: „Und für den Doktor würde ich nicht einmal bei strahlendem Sonnenschein und im Hochsommer mit nur einem Maultier über den Pass und über die Berge gehen, Mann! Weißt du überhaupt, auf was du dich eingelassen hast, Söhnchen? Wenn du nicht gleich die Kurve kratzt, ist das schon der blanke Selbstmord, abgesehen vom Pass. Der allein aber ist schon fast ein sicheres Begräbnis für dich ..“

Ich hätte gut daran getan, diese Warnung zu beherzigen. Aber ich war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst, auf was ich mich einlassen würde. Und das war die weiße Hölle!

 

„Ein Kammerstück für drei Personen – unübertroffen – Glenn Stirling in Höchstform!“ Marten Munsonius

 

 

 

 

Roman:

Warpsprings hieß das Nest, und es sah aus, als wäre es erst vorige Woche aus dem Boden gestampft worden.

Schlamm überall, brüchige, primitiv zusammengeschusterte Häuser, nur ein halbwegs vernünftiges Gebäude aus dicken Stämmen, und das war das Lagerhaus der Denver & Rio Grande Railroad. Hier hatte ich den Wagen beladen.

Es gab zwar ein Lager der Bahn, aber keine Schienen in Warpsprings. Die wollte der ehemalige General William J. Palmer noch legen. Aber damit sah es, weiß Gott, nicht so rosig aus.

Und schon steckte ich wieder mal mittendrin. Denn dieser Palmer war in einen Eisenbahnkrieg zwischen seiner Denver & Rio Grande und der mächtigen Atchison, Topeka & Santa Fé Railroad verwickelt. Das war nicht nur ein Papierkrieg. Beide Gesellschaften wollten von Canon City aus nach Leadville bauen. Halbwegs lag die Royal Gorge, eine Schlucht, die höchstens eine einzige Gleisführung zuließ, weil sie so schmal war.

Darum also ging es denen. Mit mir hatte das nicht einmal etwas zu tun. Ich arbeitete für Doktor Coolidge. Um ganz genau so sein, war er sogar zweifacher Doktor, einmal der Medizin und dann auch der Rechtswissenschaft. Aber das hätte mich kaum dazu gebracht, diesen Wagen voller Lebensmittel einem halben Hundert Lebensmüder hinauf in die Berge zu schaffen.

Der Doktor hatte mir geholfen. Vor drei Jahren war das gewesen, und damals wäre ich ohne sein Können ganz schlicht und einfach vor die Hunde gegangen. Geld, ihn für seine Arbeit zu bezahlen, hatte ich damals auch nicht. Ihn störte das nicht. Tja, und da hatte er nun bei mir einen Stein im Garten liegen.

Vor acht Tagen traf ich ihn, meinen Lebensretter. Und da fragte er mich, ob ich den Leuten, die oben in den Bergen abgeschnitten waren, über einen Passweg einen Wagen hinaufbringen könnte. Weil niemand glaubte, dass man mit einem Wagen über diesen Weg hinauffahren könnte, wäre der nicht bewacht. Denn die bequeme Zufahrt zum South Farnow-Hochtal war von Leuten der Santa Fé blockiert. Unter ihnen war zum Beispiel ein Mann wie Bat Masterson, der als Sheriff in Dodge City berühmt wurde. Aber hier hatte er ganz einfach seinen Revolver und die dazugehörige ruhige Hand verpachtet.

Der Alte, der mir eben diese wertvollen Ratschläge erteilt hatte, war ein Mann der Rio Grande. Der Lagerboss. Ein Oldtimer, der schon mit Palmer im Bürgerkrieg durch die Lande gezogen war. Vor allem ein Bursche, der die Bahnbauerei schon kannte, als ich mir noch die Pickel der Pubertät ausgedrückt habe.

Jetzt sah er mich schief an und brummte: „Junge, jeder lebt nur einmal. Mach keinen Mist. Lass die Finger davon. Sterben kannst du immer noch früh genug.“

Dass er mich duzte, machte ihn mir eigentlich eher sympathisch. Aber dass er einfach wollte, dass die oben in den Bergen aufgeben mussten, weil sie nichts zu essen bekamen, wollte mir, verdammt noch eins, nicht in den Kopf.

„Da oben sitzen über fünfzig Leute. Wenn die das Zeug nicht bekommen, was auf dem Wagen liegt, trocknet denen diesen Winter über der Magen aus.“

„Oder sie geben einfach auf und kommen runter“, sagte der Alte.

„Das wäre genau das, was sich die Santa Fé zu Weihnachten gewünscht hat“, erwiderte ich. „Aber die würden eher Baumrinde fressen als aufzugeben, und Doktor Coolidge weiß das.“

„Junge“, brummte der Alte kopfschüttelnd und blickte prüfend die verschlammte Straße entlang, aber niemand war da, der uns belauscht hätte, „Junge, polier dir die Augen! Der Doktor tut das doch nicht, weil er ein so verdammt edler Mensch ist. Der Doktor hängt doch mit einem dicken Batzen in Palmers Sache drin. Und wenn die oben auf dem Hochtal schlappmachen und die Platte putzen, Junge, ist Palmers Bahn nach Leadville nichts als ein Traum. Nein, aus purer Menschenfreundlichkeit tut er nichts, der Doktor. Was zahlt er dir denn, dass du dein Fell an den Teufel verkauft hast?“

„Zweihundert“, sagte ich.

Der Alte nickte bedeutungsvoll. Ich hatte eigentlich befürchtet, er wollte mich verspotten, aber er blieb ernst und nickte nur.

„Viel Geld in einer so beschissenen Zeit. Nun gut, du wirst bald wissen, ob es verdammt viel oder verdammt wenig ist. Weißt du, wenn einem das Wasser bis zu den Nasenlöchern steht oder wenn man nicht mal mehr den Schatten einer Chance wittert, dann, Junge, ist Geld nichts als geprägtes Metall oder Gold ein gelblicher Dreck. Atemluft ist dann das Kostbarste, was es gibt auf der Welt.“

Da verkaufte er mir ja nun auch nicht gerade eine Neuigkeit. Im Dreck hatte ich schon oft genug gesteckt, und dass im Leben letztlich keiner gerne die Löffel abgibt und für immer aussteigt, ist ja klar.

Ich sah ihn noch an und dachte über eine Antwort nach, während er weiter in seinem Notizbuch alles eintrug, was ich aufgeladen hatte. Er verglich mit seinem Zettel, auf dem aufgeschrieben war, was sie oben brauchten.

„Der Sauerteig fehlt noch. Ich habe das Fass in meiner Wohnung. Warte, Callahan, ich hole es. Du kannst inzwischen die Mulis anspannen.“

Er verschwand in seinem Lager, und ich wollte gerade von der Rampe auf die Straße springen und die Maultiere drüben aus dem klapprigen Stall holen, als die drei Reiter zwischen zwei Häusern hervorkamen und direkt auf meinen Wagen zuhielten.

Sie trugen lange beigefarbene Mäntel, die im Wind flatterten. Ihre Stiefel und Hosen, auch die Schöße der Mäntel und die Bäuche ihrer Pferde waren mit Lehm bespritzt.

Drei waren es, bärtige, verwegen aussehende Männer. Der vorderste trug ein Marshalabzeichen. Alle drei parierten sie vor mir die Pferde, sahen zu mir herauf, und der mit dem Abzeichen eines Deputy Marshals sagte mit knarrender Stimme: „Der Wagen ist beschlagnahmt, und du bist verhaftet!“

Er hätte ebensogut verkünden können, ich sollte ihm tausend Dollar schenken und seinem Gaul die Hufe mit Spucke putzen.

Ich sah ihn an wie einen, der vom Mond kommt. „Aber es schmeckt noch und die Verdauung klappt, was?“, bellte ich zu ihm herunter.

Er war nicht überrascht, und ich hatte erwartet, wer weiß wie verrückt er nun tun würde. Nichts. Er blieb eiskalt.

Einer der beiden neben ihm griff in die Tasche. Dann, als ich schon überlegte, ob er etwa mit einem Derringer wieder ans Tageslicht käme, war es aber ein Stück Papier.

„Da, lies es! Unterzeichnet von Bundesrichter Carrelson“, sagte er. Und als er mir den Wisch hinhielt, sah ich, dass er auch so ein Abzeichen an der Brust trug, nur war es bisher von der fellgefütterten Jacke verdeckt gewesen. Vielleicht waren sie alle drei Marshals.

Es war ein waschechter Haftbefehl. Zuviel der Ehre! Und warum? Ich las nur ein Wort: Diebstahl!

„He, ihr drei Tüten, wer hat euch den Floh ins Ohr gesetzt, ich könnte was geklaut haben?“, schrie ich. „Habt ihr mit dem Kopf in einer Pfütze gepennt?“

Sie hatten offenbar nicht. Der in der Mitte, dieser schwarz-graumelierte Bärtige, grollte: „Dein Maul schrumpft auch noch, Bruderherz. Dieser Wagen ist geklaut, und das ganze Zeug hier im Lager stammt aus dem Magazin der Sante Fé. Ist das, verdammt noch mal, kein Diebstahl?“

Jetzt begann es bei mir zu tröpfeln. Die verwechselten mich mit dem Alten. Die dachten glatt, ich wäre hier der Macker, der die Säcke zählt und die Kisten verteilt.

„Hört mal, Jungs, ich glaube, ich bin die falsche Anschrift. Ich werde mit vier Mulis einen Wagen von hier irgendwohin fahren. Mit dem verdammtem Lager hier habe ich doch nicht die Bohne am Hut. So, und jetzt lasst die Luft wieder runter! Ich habe meine Zeit nicht im Poker gewonnen. Klar?“

„Willst du uns verkaufen, dass du nicht der Typ vom Lager hier bist?“, fragte der in der Mitte.

„So sieht es aus. Für so einen tollen Posten haben die besondere Leute. Nicht so kleine Fische wie mich. Da, ich glaube, da steht schon so ’n Typ, den die von der Rio Grande für so wichtige Posten brauchen.“

Da ruckten ihre Köpfe herum. Es war ein Fest. Sie starrten alle drei genau in die Mündung von einer urigen Sharps. Das war ein Kaliber! Fast schon eine Kanone. Und der Alte hielt sie in seinen knochigen Fäusten. Der Alte mit einer Büffelkanone, das war ein Anblick, nur nicht so komisch, wie man meinen sollte.

„Ihr drei Scheißer seid die letzten, die hier große Töne spucken!“, donnerte der Alte.

Die drei sagten erst mal gar nichts. Der links außen, von dem ich den Wisch bekommen hatte, wollte klammheimlich seinen Colt ziehen. Der kühne Griff wäre ihm auch glatt gelungen, hätte ich das nicht gesehen. Der Alte jedenfalls sah es nicht, weil der in der Mitte diese Bewegung verdeckte.

Aber mir waren die drei ja nun auch schon auf den Füßen herumgelaufen. Marshals mochten sie wohl sein, aber das mit dem Diebstahl war ja glatter Quatsch. Da hatten die von der Santa Fe ganz einfach einen Trick gelandet.

„Lass das Ding stecken“, sagte ich ruhig. Und da hatte ich meinen Peacemaker schon draußen.

Die drei schielten in meine Richtung und wussten, wie es lief. Die Hand von dem Burschen links kroch wieder vom Revolverkolben weg.

„Nimm ihnen die Puster weg, sie machen sonst noch Unsinn damit!“, sagte der Alte.

Ich nickte und machte es so, dass die drei nicht etwa noch Morgenluft witterten.

Wir waren da vor dem Lagerhaus so ganz unter uns. Von den Leuten in der Stadt zeigte sich jedenfalls niemand.

Der Alte ließ alle drei absitzen, und ich machte die Pferde hinterm Schuppen fest, weil dort nicht so ein ekliger Wind fegte. Die Tiere waren nassgeschwitzt. Sogar ein paar Säcke legten wir ihnen noch über, damit sie sich nicht noch einen Nierenschlag holten.

Die drei Marshals spazierten vor uns her ins Lager, und dort verkündete uns der Ältere: „Was ihr hier macht, wird noch Ärger bescheren.“

„Fragt sich nur, wem“, meinte ich. „Aber ich bin dankbar für jeden guten Tipp. Wollt ihr mir mal sagen, was dieser Zauber wirklich sollte? Der Wagen ist so wenig gestohlen wie die Sachen, die draufliegen.“

„Söhnchen“, sagte mein faltengesichtiger alter Freund, „du verbrauchst deine kostbare Luft. Diese Jungs machen das nicht aus Spaß und guter Laune. Ich frage mich nur, wie ihr drauf gekommen seid, dass wir von hier aus mit dem Wagen starten.“

Ich begriff nicht alles. Das ist immer so eine dumme Sache, wenn man in eine Geschichte einsteigt, die schon voll im Gang ist. Da hatte mir einer den Job einer heißen Fuhre über eine ziemlich gefährliche Strecke angeboten. Und weil ich tief unten war, denn ich besaß nicht nur kein Geld, sondern hatte Schulden, nahm ich an. Punktum, der Doktor löste meine Schulden ab, gab mir ein Handgeld, und damit war alles klar. Dachte ich.

Was, zum Teufel, ist das schon, einen Wagen über ein paar halsbrecherische Meilen durch die Berge zu schaukeln? Gut, gut, dort oben konnte jeden Tag um diese Jahreszeit der erste Schnee fallen, und ich saß fest. Na wenn schon. Es hatte in meinem wilden Dasein schon schlimmere Situationen gegeben. Das also konnte es fürwahr nicht sein.

Vielleicht wäre alles ganz anders gekommen, wenn es nicht ausgerechnet der Doktor gewesen wäre, an den ich da geraten war. Und der hatte eben bei mir noch etwas gut.

Man kann nicht sehen, was kommt. Vielleicht Glück. Für mich nicht so sehr. Hätte ich dagegen gewusst, was mir blüht, wäre ich aus Warpsprings verschwunden, so schnell ein Pferd laufen kann. Es wäre da noch gut möglich gewesen.

Ich habe sogar daran gedacht. Ganz kurz nur, gerade, als mir der Oldtimer das von den Jungs sagte, die nichts aus Lust und guter Laune machen. Da dachte ich: Jed Callahan, setz deinen Hintern in einen Sattel und sieh zu, dass du Land gewinnst. Tja, und wie es so geht, da stand der Alte, und für den war alles gelaufen, wenn ich hier die Fliege machte. Denn auf so einen Glücksfall warteten die drei ja nur.

Ich blieb also. Und eine Sekunde später entschied sich alles von ganz allein.

Plötzlich stürzte ein Halbwüchsiger von der Schlammstraße ins Lager und krähte mit überschnappender Stimme nach einem Gulvers. Als der Alte zurückbrüllte, was denn los wäre, wusste ich, dass er so hieß.

Der Junge kam atemlos und dreckbespritzt herein, sah erschrocken auf die drei, die sich auf unser Geheiß hin nebeneinander vor der aufgestapelten Mauer von Getreidesäcken aufgestellt hatten, und schon platzte er heraus:

„Da sind die verdammten Mistkerle! Sie haben Peggy in ihrer Gewalt. Sie haben Peggy!“

Da genau hörte ich zum ersten Mal von Peggy. Zu diesem Zeitpunkt hätte sie ein Kind, eine alte Frau, ja am Ende ein Hund oder ein Pferd sein können, denn viele Jungs nannten damals ihre Gäule Peggy. Und manchmal hießen auch Hunde damals so.

Das Gesicht des alten Gulvers lag zufällig in meinem Blickfeld, als der Junge das sagte. Und dieses Gesicht zog sich zusammen, als sei es mit Gerbsäure übergossen worden. Dann aber wurde es dunkel, spannte sich, und die Augen des Alten traten vor jähem Zorn fast aus den Höhlen. Ich dachte: Der bekommt einen Schlaganfall. Die Ader auf der Stirn schien zum Platzen angeschwollen.

Da blökte er schon: „Ihr werdet sie herausgeben oder ich schneide euch die Haut in Streifen. Eine Frau! Hat man das gesehen! Diese Dreckskerle tragen Marshalabzeichen und nehmen eine Frau gefangen wie ein wildes Tier. Wo habt ihr sie?“

Er ging auf den einen los, und ich dachte schon, er wollte den Kerl umbringen. Vielleicht hätte er es getan, wenn er ihn allein gehabt hätte und ich nicht dabeigewesen wäre.

„Wir haben sie nicht“, sagte der Kerl nämlich und das brachte den Alten fast zum Explodieren.

„Ihr Schweine! Ein Mädchen wie Peggy!“ Er rammte dem Blonden die Sharps in die Hüfte, dass ich schon dachte, er will den Kerl aufspießen. „Einer von euch Geiern holt sie her. Ich gebe ihm eine Stunde. Jimmy, woher weißt du das?“, wandte er sich an den Jungen.

„Sie haben sie im Jail. Hier in der Stadt, Gulvers.“

Ich wusste nicht einmal, wo hier ein Jail sein sollte. Wo es doch bloß Kistenbretterbuden gab. Aber anscheinend hatten sie eins.

„Los, du Scheißkerl, hol das Mädchen, sag’ ich!“, polterte der Alte. „Den Stern tragen, Mädchen einsperren, das können diese Arschlöcher. Aber dass die Sante Fé ein ganzes Rudel gesuchter Desperados eingestellt hat, ist denen hier noch nicht aufgefallen. Da ist auch Bat Masterson auf beiden Augen erblindet. Früher hat er solche Hundesöhne gejagt. Jetzt haben sie ihm Dollarstücke auf die Augen geklebt, dass er nur noch das verdammte Geld der Sante Fé sieht. Geld, Geld, Geld, dafür würden die meisten ihre eigene Mutter verscherbeln. Callahan, wir schaffen sie alle drei zum Jail. Dort sperren wir sie ein und holen Peggy heraus. Aber vorher nimm ihnen die Ausweise heraus und steck ihre Abzeichen ein.“

Die Ausweise waren von der Bahnverwaltung der Santa Fé ausgestellt und von Ray Morley unterschrieben, dem Bauleiter von der Santa Fé. Kein Richter, kein Sheriff, kein Gouverneur, einfach ein Baumensch, fast ein Revolvermann, allerdings einer mit sehr viel Köpfchen. Er hatte den ganzen Streckenbau der Santa Fé in der Hand und wollte natürlich die Royal Gorge für die Santa Fé. Gerichte und Gesetz waren weit. Er hatte sich daher für den knallharten Kurs entschieden. Bei der Rio Grande gab es auch so einen Typ. Hier war er ein baumlanger Kerl mit Armen wie Pferdekeulen, und der hieß Jim McMurtrie. Der organisierte regelrechte Kampfmannschaften.

„Sie sind gar keine Marshals“, sagte ich. „Das ist alles fauler Zauber.“

Gulvers hatte nichts anderes erwartet. „Weiß ich doch. Macht McMurtrie nicht anders. Also los, schaffen wir sie zum Jail. Den Haftbefehl hat irgendein Schwellenleger, aber niemals ein echter Bundesrichter unterschrieben. Woher sollten sie den auch nehmen?“

 

*

 

Das Jail war am anderen Ende der Stadt. Komisch war, dass sich niemand auf der dreckigen Straße zeigte, als wir mit den dreien durch den Ort spazierten. Dennoch war mir klar, dass sie uns aus allen bewohnten Buden zusahen.

Das Jail war ein Lehmbau. Davor waren zwei Bretterhäuser, weshalb mir dieses Prachtgebäude entgangen sein musste. Es gab es nur ein winziges Fenster, vergittert und unverglast. Um das Haus standen Pfützen, und als wir hineinkamen, sahen wir auch drinnen welche. Das Dach war ein Witz, es schien dort durchzuregnen.

Aber von Peggy, die da eingesperrt sein sollte, sah ich noch nichts. Denn gerade als wir die drei im Vorraum hatten und der weißhaarige, ausgemergelte Townmarshal uns entgegenkam, legten die drei los.

Einer sprang den alten zittrigen Townmarshal an, den die Rio Grande dort eingesetzt hatte. Der alte Mann hatte gar keine Chance und wurde umgerissen. Zugleich riss ihm unser Gefangener das Gewehr aus den Händen.

Zu allem Unglück versuchte der alte Townmarshal wieder auf die Beine zu kommen. Und damit geriet er in die Schusslinie. Ich konnte dem Mann mit dem Gewehr nicht beikommen, ohne den Townmarshal zu gefährden.

Gulvers schoss trotzdem. Und er tat es mit der Sharps.

Ich dachte, mich bläst es von den Füßen, so knallte das neben mir los. Da warfen sich die beiden vor mir schon herum und wollten mich unterbuttern. Aber das war meine Show.

Ich prügle mich nicht aus Lust und Übermut, aber wenn es sein muss, geht es eiskalt zur Sache. Lieber die beiden als ich. Das war meine Devise, und meine Gerade erwischte den einen unterm Kinn am Hals. Das war sozusagen ein Fehlschuss, weil er den Kopf hochriss, aber die Wirkung war schlimm. Er ging zu Boden, als hätte ihn der Blitz gefällt. Den anderen bekam ich mit dem Revolverlauf. Ich traf ihn mit voller Wucht auf der linken Schulter, und das ist schon so, als hätte er eine Eisenstange draufbekommen.

Den dritten hatte Gulvers mit seiner Sharps erwischt. Der sah schlimm aus. Tot natürlich. Bei einem Treffer von der Sharps auf eine solche Distanz und dann in die Brust... nein, da hatte ich noch keinen gesehen, der das überlebt hätte.

Der Townmarshal war wieder zu Boden gegangen, diesmal eher vor Schreck. Er sah mich von dort aus verstört an, seine Lippen bewegten sich, als wollte er etwas sagen, und eine Strähne seines grauen Haares hing ihm in die Stirn.

„Hol das Mädchen heraus, Tom“, sagte Gulvers seelenruhig. „Es sind keine richtigen Marshals. Morley von der Santa Fé hat sie dazu gemacht.“

Der Marshal schüttelte verwirrt den Kopf und starrte auf den Toten. „Was sollen wir denn mit dem machen?“, stammelte er.

„Los, geht weiter, ihr zwei Hundesöhne!“, schrie Gulvers die beiden am Boden liegenden Pseudomarshals an. Der eine war gerade wieder etwas zu sich gekommen, schien aber noch nicht begriffen zu haben, was überhaupt passiert war. Der andere, der meinen Coltlauf über die Schulter bekommen hatte, starrte entsetzt auf seinen toten Kumpan.

„Auf die Beine, sag’ ich!“, schnauzte ihn Gulvers an.

Ein paar Minuten später saßen sie in der nassen und kalten Zelle. Dafür war Peggy draußen.

Sie war hübsch, aber das sah ich erst viel später. Was ich hier in diesem stinkenden Stall von einem Gefängnis zu sehen bekam, war ein verheultes, schmutziges und frierendes Mädchen von etwas zwanzig Jahren. So kam sie mir vor. Blond war sie, das Haar allerdings hing strähnig herunter. Weil sie fror, gab ihr der Marshal unter unzähligen Unschuldsbeteuerungen und Entschuldigungen eine schmutzige graue Decke, die sie sich umhängte.

Mir kam sie im ersten Augenblick wie ein Junge vor, obgleich sie unverkennbar ein Mädchen sein musste. Aber sie trug Hosen und ein Männerhemd. Die Stiefel, die sie anhatte, passten auch zu einer Frau.

Gulvers legte ihr den Arm um die Schultern und führte sie nach draußen. Dabei redete er tröstend auf sie ein.

Wer hätte ahnen können, was in dieser zierlichen Frau steckte? Ich jedenfalls hatte sie noch gar nicht als Frau entdeckt, und schon gar nicht als eine, die mir gefallen könnte.

 

*

 

Wir waren gerade mit Peggy wieder im Lager, diesmal in Gulvers’ Zimmer, das er sich in einer Lagerecke gebaut hatte. Und hier bullerte ein Kanonenofen, der wohlige Wärme spendete. Gulvers hatte einen Topf mit Wasser auf dem Ofen stehen und sagte: „Hier ist warmes Wasser, Peggy, wasch dich und wärm dich auf, Callahan und ich warten draußen.“

Ich hatte Peggy schon wieder so gut wie vergessen, als ich draußen war, und dachte an den Toten. Ich fragte Gulvers, was mit dem werden sollte und ob das nicht noch ein Nachspiel haben würde.

Er schüttelte den Kopf. „Das hier ist Rio Grande-Gebiet. Und es war kein wirklicher Marshal. Ich habe in Notwehr gehandelt. Du hast es gesehen.“

„Tot ist tot. Ich werde die Pferde holen und losfahren.“

Er zuckte die Schultern. „Verschwinden wäre besser. Wo hast du eigentlich den Doktor getroffen?“

„In Florence, aber das ist. eine lange Geschichte. Ich hole die Pferde und fahre sofort los. Die Luft schmeckt nach Regen.“

Der alte Mann sah mich an. „Regen? Hier unten ja. Aber auf dem Pass ist alles, was als Regen hier herunterkommt, ganz einfach schöner weißer Schnee. Manchmal in einer Stunde so hoch wie ein Mann. Und nachts, Söhnchen, da fegt der Sturm darüber und alles vereist. Gute Reise, Callahan. Ich glaube nicht, dass wir beide uns wiedersehen.“

Ich ging, um die Maultiere anzuschirren und nannte ihn insgeheim einen alten Schwätzer und Narren. Doch irgendwo in mir drin dachte ich anders. Da spürte ich, dass ich mich auf eine schlimme Sache eingelassen hatte.

Noch einmal zögerte ich, als ich drüben gegenüber vom Lager die Mulis anschirrte. Ich hatte die Bauchriemen schon stramm, als plötzlich eine glockenhelle Stimme sagte:

„Kann ich helfen? Ich muss nämlich auch hinauf zum Hochtal. Mein Vater ist schon oben, Mister Callahan.“

Ich schnellte herum wie eine Bogensehne. Es war Peggy. Gewaschen, rotwangig, das Haar aufgesteckt stand sie da. Hübsch war sie eigentlich auch jetzt nicht, dafür sah sie mit hochgestecktem Haar viel zu jungenhaft aus. Aber irgendwie gefiel sie mir, wie einem ein anderer gefällt, von dem man glaubt, sich auf ihn verlassen zu können.

Aber dann musste ich mich doch daran erinnern, dass sie trotz ihres jungenhaften Aufzugs eine Frau war.

„Was sagen Sie? Von welchem Vater reden Sie?“

„Von meinem. Von Doktor Coolidge.“

Bevor ich meine Überraschung nur zeigen konnte, kam der alte Gulvers wieder. Er verzog sein Ledergesicht in Tausende von Falten, machte Augen wie ein Chinese und bellte los:

„Wenn du jetzt auf der Stelle losfährst, Söhnchen, musst du es allein tun. Wartest du noch bis morgen früh, kann ich dir drei gute Männer mitgeben. Die wirst du verdammt brauchen, Söhnchen.“

„Nein, ich fahre jetzt“, entschied ich.

„Und allein ist er auch nicht. Ich begleite ihn!“, schmetterte Peggy plötzlich los.

Wie sie das sagte, so selbstbewusst und jeden Widerspruch im Keim erstickend, hätte ich mir von dieser Frau wirklich einen Begriff machen können. Ich aber war an diesem Tag, was so etwas angeht, instinktlos wie ein nasenkranker Hund bei der Spurenwitterung.

„Du willst sie mitnehmen?“, fragte der Alte, und jetzt sah er zum Brüllen aus in seiner Ratlosigkeit. Dafür schien er diesmal kein Rezept zu wissen. Er sah mich nur völlig entgeistert an.

Wieder antwortete Peggy. „Ich fahre mit. In deiner Bude muss von mir noch eine Felljacke sein. Die und die Pelzstiefel werde ich brauchen, Gulvers. Such sie mir bitte heraus!“

Der letzte Satz wurde von ihr mit einem hinreißenden Schmelz geflötet, dass der Alte schlucken musste und keinen Piep mehr sagte, sondern losstiefelte, um die Sachen zu holen.

Wir spannten an. Ja, ich sagte „wir“. Sie machte das wie einer, der Zeit seines Lebens nur Wagen angespannt hatte. Mit den Mulis ging sie um, als wäre sie in einem Stall zur Welt gekommen.

Ich begann zu begreifen, dass sie am Ende wirklich eine Hilfe sein würde.

 

*

 

Es begann wieder zu regnen, als wir losfuhren. Vorn vier Maultiere, braun mit grauen Bäuchen, schwarzen Mähnen und diesem Mittelding aus Pferde und Eselschwanz. Sie wirkten gutartig. Mulis konnten auch störrisch sein. Ich kannte mich mit ihnen aus. Es war leichter, mit zehn rossigen Stuten klarzukommen als mit einem Maultier, das sich etwas anderes ausgedacht hatte als der Fahrer.

Meinen Braunen hatte ich hinten angebunden. Der Braune war eine Notlösung, nachdem ich meinen Fuchs wegen einer Sehnenzerrung in Pueblo lassen musste. Der Braune war geliehen. So sah er auch aus. Aber auch er hatte ein friedliches Gemüt, fast zu friedlich.

Neben mir saß Peggy auf dem Bock, eingehüllt in Felle, die wir von Gulvers bekommen hatten. Sie saß zusammengesunken und hatte sich eine Ölhaut über Kopf und Schultern gezogen, damit sie nicht noch nasser wurde. Es goss mittlerweile in Strömen, und der Wind kam von vorn.

Wir waren noch nicht ganz aus dem Ort heraus, als eine Frau aus einem Haus kam. Trotz des Schlamms raffte sie ihren langen grauen Rock kaum, hatte aber eine Pelerine über den Kopf gezogen. Vor den Mulis blieb sie stehen und winkte.

Ich hatte nicht den Schimmer, wer sie sein konnte. Als ich einen kurzen Seitenblick auf Peggy warf, sah ich deren wütendes Gesicht.

Die Mulis blieben stehen, und die Frau trat neben den Wagenbock und starrte Peggy an. „Eh, du sollst nicht denken, dass sie dich nicht doch noch erwischen!“, rief die Frau mit einer Stimme, die so schrill war, als käme sie aus einem Blechtopf. Aber sonst schien sie auch schon bessere Tage gesehen zu haben. Sie musste so an die Fünfunddreißig sein, hatte wohl mal sehr gut ausgesehen, aber nun war schon eine Menge vom Putz herunter. In einem Kaff wie Warpsprings hatten die Frauen wenig Möglichkeiten, sich hübsch zu machen. Und zu lachen gab es sicher auch nicht viel.

„Scher dich zum Teufel!“, schrie Peggy neben mir. „Wenn Mister McMurtrie mit seinen Männern wiederkommt und mein Vater ihm einen Wink gibt, fegt er dich und diese ganze Sante Fé-Brut mitten in die Hölle!“ Sie wandte sich mir zu. „Nun fahren Sie doch, und wenn sie nicht beiseite geht, macht es auch nichts. Los, fahren Sie endlich!“

Befehlen konnte sie also auch!

Ich grinste die aufgeregte Rothaarige entschuldigend an und dachte noch, dass die so übel nun auch wieder nicht sein konnte. Sie sah mich auch an, und mir war, als würde sie mir zulächeln, trotz ihres Zorns. Dann sagte sie: „Mister... ich weiß ja nicht, wer Sie sind, aber es ist ein Fehler, was Sie machen. Der Transport ist längst bei der Santa Fé bekannt, und man wird ihn zu verhindern wissen. Bleiben Sie hier. Lieber warm im dreckigen Warpsprings als kalt und steif auf sauberem Schnee oben vor dem Pass.“

„Irgendwie wiederholen die Leute hier so etwas zu oft“, sagte ich. „Aber trotzdem vielen Dank. Ich habe Alkohol in den Adern, Madam, wir macht Kälte nichts.“

Ich grinste wieder und fragt mich so insgeheim, wie sie denn wohl aussehen mochte, wenn sie nicht diese Pelerine und das aufgeplusterte Kleid trug...

 

*

 

Wir verließen den Ort, und als ich mich einmal umdrehte, war niemand mehr auf der Straße. Es war, als führen wir in die Unendlichkeit und kein Aas nähme überhaupt noch Notiz von uns.

Peggy hockte wieder zusammengesunken auf dem Bock. Die Plane hatten wir, weil es immer noch goss, nach vorn gezogen, so dass sie wie ein Dach den Bock abschirmte.

Die Mulis trappelten durch den Morast, und die großen Räder des Conestogaschoners zogen tiefe Furchen.

Als wir dann aus der Ebene heraus die Anhöhe anfuhren, wurde der Untergrund endlich fester. Buschland bedeckte die Hügelrücken, die sich alle wie Krakenarme von den Bergen aus zum Flachland erstreckten. Überall troff alles von Nässe. Die Wolken hingen so tief, dass man von den Bergen gar nichts sehen konnte. Mir war, als sackte dieser Nebel noch tiefer, und es war nur eine Frage der Zeit, wann wir mit dem Gefährt in dieser Waschküche steckten.

„Wenn uns welche aufhalten wollen, dann werden sie bald Gelegenheit dazu haben“, murmelte ich mehr zu mir als an Peggys Adresse gerichtet.

Sie kam aus ihrem Deckenbündel hervor. „Hier unten nützt es ihnen nicht die Bohne. Sie können mit dem Wagen nirgendwohin. Außerdem würden unsere Leute viel zu schnell davon erfahren. Aber ich weiß genau, was die wirklich wollen. Die haben nicht nur vor, uns den Wagen wegzunehmen, die wollen ihn selbst. Sie wissen doch, wie teuer alles ist. Vor allem, wenn es sich schon mal oben in den Bergen befindet.“

„Sie meinen, Morley will den Proviant für sein Berglager?“

Sie nickte und sah mich anerkennend an. „Na, ich habe mich schon gefragt, wie mein Vater auf die Idee kommen konnte, Sie einzustellen, aber ich ahne schon den Grund. Sie begreifen offenbar schnell.“

„Bisschen vorlaut, was?“, knurrte ich. „Dass Sie mitfahren konnten, heißt nicht, ich würde noch am Ende die Meinung ändern. Noch ein paar solcher Frechheiten, und Sie sind schon wieder auf dem Rückweg, kleine Miss!“

„Pshaw!“, machte sie und lachte trocken auf. „Ich habe schon von Ihrem Charme gehört, Callahan. Aber das ist auch alles, und bei mir verfängt so etwas nicht. Wirkungslos, Callahan, verpufft regelrecht. Ich kann solche Dandys wie Sie einfach nicht ausstehen. Jeden Tag ’ne andere, jede Stadt ein neues Weiberabenteuer. Mein Vater hat mir von Ihnen ja nichts erzählt, aber andere haben’s getan. Sie sind so einer, der immer mit Dankschreiben von den Mädchen prahlt, mit denen er’s getrieben hat.“

„Sie hätten Nonne werden sollen“, sagte ich amüsiert. „Wäre auch besser für Sie. Dann könnten Sie sagen, dass Sie nicht dürften. Hört sich besser an, als zugeben zu müssen, dass einen keiner mag, wie?“

„Sie Idiot!“, fauchte sie. „Was wissen Sie schon von mir?“

„Nicht viel, und ich bin auch absolut nicht scharf, mehr von Ihnen zu erfahren, Kleines. Es ist so schon zuviel.“

„Ich bin nicht Ihr Kleines, merken Sie sich das!“, keifte sie.

Ich gab ihr keine Antwort, sondern begann zu singen. Ich weiß, ein besonders guter Sänger bin ich nicht, eigentlich sogar gar kein guter. Und ich an Peggys Stelle hätte das Weite gesucht.

Sie nicht. Sie war einfach durch mein Gegröle nicht zu verscheuchen. Sie tat, als herrschte um sie herum tiefstes Schweigen. Und was sogar die Mulis zunehmend nervös machte, ließ sie absolut kalt.

Ich war mittlerweile heiser, gab es auf und rollte mir eine Zigarette. Als sie brannte und ich genussvoll daran zog, maunzte sie mich an:

„Flegel! Und wo bleibe ich?“

Aha, mein Sonnenkind wollte auch eine. Nun ja, ich gab ihr den Beutel und die Blättchen, dachte, dass nun entweder nichts oder höchstens eine Art Besen herauskommen würde.

Wieder eins zu null für Peggy. Die machte da ein Ding, das aussah wie aus ’ner Fabrik für aktive Zigaretten.

Sie warf mir einen kurzen Blick zu, als ich ihr Feuer gab, dann genoss sie ihren Triumph. Aber nicht lange. Dann steckten wir schon im Nebel, und im nächsten Moment brach die Hölle los.

 

*

 

Die vordersten Mulis sprangen erschrocken zur Seite, bäumten sich auf und stießen wilde Eselsschreie aus. Das nachfolgende Deichselgespann lief auf, und beide Stangenpferde sprangen prompt über die Stränge. Die Deichsel rammte dem Sattelpferd des Kopfgespanns in die Flanke, und das Tier stürzte.

Der Grund war sofort sichtbar. Erst waren es nur Schemen, die aus dem wogenden Nebel kamen, dann wurden die Umrisse klarer. Reiter. Vier waren es. Sie schossen, und die Feuerblumen ihrer Abschüsse waren wie Sterne im Nebel. Explodierende Sterne.

Ich stieß Peggy vom Sitz und zerrte sie unter die Bank. Dann konnte ich ihr gerade noch die Zügel geben, die sie nur halten sollte. Zu fahren gab es im Augenblick nichts, denn die Mulis hatten sich so perfekt verheddert, dass es Zeit kosten würde, das Gespann wieder flottzumachen.

Die Burschen jagten jetzt am Wagen entlang und feuerten wie rasend. Aber sie zielten schlecht.

Ich war in die Hocke gegangen und schoss jetzt zurück. Einen der Kerle schien ich getroffen zu haben. Doch schon waren sie wieder im Nebel untergetaucht.

Ich sah nach Peggy, aber die schien nichts abbekommen zu haben. „Auf den Wagen, los, zwischen die Säcke!“, raunte ich ihr zu.

Sie kapierte zum Glück schlagartig und sprang nach hinten unter die Plane.

„Geben Sie mir Ihr Gewehr!“, rief sie.

Ich dachte nicht daran. Wenn Frauen schießen, wird auch auf sie geschossen, dachte ich. Und ich wusste nicht, was diese Typen wirklich vorhatten.

Da! Sie kamen wieder. Aber einer fehlte!

Aber jetzt war ich vom Bock herunter auf der rechten Wagenseite, sah unter dem Wagen hindurch, wie drei Pferde vorbei jagten, hörte das Geknalle der Schüsse, und weg war der Spuk.

Ich hätte auf ihre Pferde schießen können. Aber was können die Gäule dafür, dass ihre Reiter krumme Typen sind?

Ich hörte, dass die wilde Jagd wiederkam. Und auf einmal erkannte ich Feuerschein. Sie hatten Fackeln. Die Funken stoben, und dann flog schon die erste Fackel durch die Luft.

Diesmal waren es wieder nur noch drei Reiter. Sie kamen gar nicht nahe genug heran, trotzdem schoss ich mit dem Gewehr auf sie. Eines der Pferde scheute, als der Reiter getroffen wurde und die Fackel, die er noch hielt, dem Tier zwischen die Ohren geriet. Das entsetzte Pferd warf den Reiter ab, und er flog vor die vordersten Mulis.

Zwei Fackeln waren zwischen die ohnehin schon aufgeregten Maultiere geflogen, und die spielten jetzt verständlicherweise verrückt. Aber sie kamen nicht los und verhedderten sich nur noch mehr. Trotzdem ruckte es mehrmals so am Wagen, dass ich fürchtete, die Tiere rissen ihn noch um.

Es gelang mir, kaum, dass die beiden noch verbliebenen Angreifer im Nebel verschwunden waren, zwischen die auskeilenden Mulis zu springen, die Fackeln zu packen und wegzuschleudern.

Dann bekam ich beim Weglaufen doch noch einen Tritt eines der entsetzten Maultiere ab, genau auf die linke Hinterbacke. Ich flog wie ein Geschoss durch die Luft und landete neben der einen Fackel.

Da kamen die beiden Reiter zurück. Diesmal schossen sie schon von weitem, aber sie sahen mich nicht, weil sie sich von der anderen Seite näherten. Ich begriff, dass sie dem abgeworfenen Mann den Rückzug ermöglichen wollten. Aber da gab es nichts mehr zum Zurückziehen. Der Mann lag mit verdrehtem Kopf da; vermutlich hatte er sich bei seinem Sturz das Genick gebrochen.

Sie schossen auf den Wagen, und ich bangte um Peggy. Plötzlich sprang ich mit der lodernden Fackel auf, als die Reiter jetzt hinten um den Wagen preschten. Wie ein Feuergott schwenkte ich die funkensprühende Fackel und schleuderte sie auf die beiden Pferdeköpfe zu.

Die Pferde scheuten, und ich schoss mit der Winchester von der Hüfte aus. Wenn man das mal lange genug geübt hat, geht es besser als mit dem Colt. Man braucht natürlich beide Hände dazu.

Ich muss für die beiden ohnehin schon aufgeregten Pferde wie ein feuerspeiender Teufel herumgetanzt sein. Sie brachen seitlich aus, und ich hatte beide Männer voll vor mir, ungedeckt und ganz und gar damit beschäftigt, im Sattel der bockenden Pferde zu bleiben.

Der eine schoss noch in meine Richtung, aber ein genaues Zielen war für ihn nicht drin. Für mich schon.

Ich holte sie beide aus den Sätteln. Ihre Pferde fegten davon, und die gestürzten Reiter wälzten sich am Boden.

Wo steckte der vierte Mann? Peggy schien sich diese Frage auch zu stellen, denn als sie oben auf dem Wagen auftauchte, sah sie sich suchend nach allen Seiten um.

Einer der beiden, die es zuletzt versucht hatten, kam auf die Beine und hob die Hände. Ich hatte ihn am linken Oberschenkel erwischt. Jetzt griff er danach, hinkte ein Stück und setzte sich wieder auf den regennassen Boden.

Der andere richtete überhaupt nur den Oberkörper auf. Auch ihm war mein Schuss in den linken Oberschenkel gefahren.

Beide waren jung, sehr jung. Vielleicht achtzehn. Zu jung zum Sterben ganz sicher. Wie ich wusste, zahlte die Rio Grande solchen jungen Kämpfern sehr wenig, und sicher war das bei der Sante Fé absolut nicht anders. Aber die Jungs rissen sich um solche Jobs, die ihnen besser gefielen als richtige Arbeit.

„Wo ist der vierte von euch?“, fragte ich.

Jetzt, wo es weh tat und wo sie damit rechnen mussten, es noch härter zu bekommen, wurden sie weich.

„Mach keinen Quatsch, Morley schickt dir hundert Mann auf den Hals, wenn du uns zur Sau machen willst“, sagte der eine, ein sommersprossiger, blass wirkender Junge, dessen roter Flaumbart noch viele Lichtungen aufwies.

„Wo, zum Teufel, ist euer vierter Mann?“

„Verletzt. Schulterschuss oder so“, meinte der Sommersprossige.

„Claro. Und wo ist er?“

Der andere deutete nach Norden auf die Berge zu. Dieser zweite Mann war klein, hatte dunkle Haare und kam mir fast wie ein Mexikaner vor. Er war aber keiner. Später sah ich dann, dass er ein Halbindianer war.

„Hilf uns, verdammt, wir müssen zu einem, der uns die Kugeln rausholt“, sagte dieser Bursche. Er sprach etwas eigenartig, hatte so einen Akzent wie die Frankokanadier. Vielleicht kam er von dort. Aber mehr, als denen ihre Gäule zurückzuholen, war nicht drin. Ein Verband. Das konnte Peggy machen. Ich musste erst den vierten Mann haben. Und zuerst die Waffen.

Ich war noch dabei, sie einzusammeln, da kam der vierte Mann von allein. Er presste sich die linke Hand an seine rechte Schulter. Dort war alles voller Blut.

Aber er hatte seinen Revolver noch.

„Lass dir keine Witze einfallen, Johnny, ich bin heute ausgesprochen humorlos“, sagte ich.

„Ich heiße nicht Johnny“, knurrte er. „Nimm dir doch die Knarre. Aber verbindet mich, zum Teufel, ich laufe ja aus.“

Als ich seinen Revolver und sein Messer hatte, wurde er von Peggy versorgt. Ich hielt die Jungs im Auge. So schlimm waren sie nicht dran, als dass ihnen nicht doch noch was einfallen könnte.

„Was willst du mit uns machen?“, fragte der Halbindianer. Er war wohl der Boss dieser Gruppe.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738916348
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v386950
Schlagworte
callahan peggy hölle

Autor

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Titel: CALLAHAN #11: Mit Peggy durch die weiße Hölle