Lade Inhalt...

Der Verdammte von Drago Falls

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Der Verdammte von Drago Falls

Klappentext:

Roman:

 

LUKE SINCLAIR

 

Der Verdammte von Drago Falls

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild:

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

 

Klappentext:

Grant Fallon trug keine Waffe mehr, als er nach Drago Falls zurückkehrte. Er hatte sich geschworen, nie wieder zum Colt zu greifen. Er wollte in Frieden leben und seine kleine, halbverfallene Ranch am Drago Creek wieder aufbauen. Aber schon bald erkannte er, dass die Flammen des alten Hasses gegen ihn immer noch nicht erloschen waren. Sein Todfeind Stanley Zackary hatte den alten Racheschwur nicht begraben. In blindwütigem Hass trieb er Grant Fallon in die Enge. Und machte ihn wie damals zu einem Außenseiter und Verdammten …

 

 

 

Roman:

„Hooah!“ Der Kutscher zog die Zügel mit seinen derben Fäusten nach hinten, die Pferde drängten schnaubend in den Geschirren. Die große Concord-Kutsche kam zum Stehen. Der Staub zog träge zum Office des Wells Fargo hinüber. Der Beifahrer sprang vom Bock herunter und öffnete den Wagenschlag.

„Drago Falls!“, rief er mit vom Staub und trockener Luft heiserer Stimme.

Der einzige Fahrgast, der dieser Kutsche entstieg, blieb zwei Schritte von ihr entfernt stehen und blinzelte in einem Gemisch von Neugier und Verwunderung die Straße entlang. Er trug keine Waffe bei sich, und seine abgetragene Jacke saß etwas zu eng an den Schultern, als hätte sie früher einem wesentlich schmaleren Manne gehört.

Vor achtzehn Jahren, als er das letzte Mal hier gewesen war, hatte es noch kein Wells-Fargo-Office und keine Postkutschenlinie gegeben. Es hatte sich überhaupt eine Menge verändert in diesen achtzehn Jahren: Nur da, wo er herkam, hatte die Zeit nichts verändert, wenn man davon absah, dass er selbst älter geworden war, dass sich Runen, die vorher nicht da waren, tief um seine Mundwinkel gegraben und sich zahlreiche kleine Fältchen um seine Augen gebildet hatten. Sein Blick war wissender und ernster geworden, und der Stoppelbart, der ihm während der langen Reise gewachsen war, schimmerte silbrig in der Sonne. Er war als Junge einst von hier weggegangen, und nun kehrte er zurück mit dem Gesicht eines Mannes, der eine Menge Verdruss hatte ertragen müssen.

Mit langen, etwas unschlüssigen Schritten ging er um die Kutsche herum. Es gab kein Gepäck, auf das er hätte warten müssen, und die paar Dollars, die er in der Tasche trug, wogen nicht schwer. Er schaute über die Straße. Der Last-Trail-Saloon hatte eine neue Fassade bekommen, aber das musste ebenfalls schon mehrere Jahre zurückliegen.

Er ging kurzentschlossen über die Straße und stieß die Türflügel auseinander. Verdammt, er hatte vergessen, wie Whisky schmeckte, und es war höchste Zeit, diese Gedächtnislücke zu schließen.

Jo Barker stand noch immer hinter der Bar, aber die wenigen Haare, die er früher gehabt hatte, waren längst einer spiegelblanken Glatze gewichen. Er wischte mit einem schmuddeligen Lappen auf der Theke herum und hob den Blick, als er jemanden hereinkommen hörte. Einen Moment lang kniff er ungläubig die Augen zusammen.

„Grant Fallon“, sagte er schließlich, und seine Stimme war vor Erstaunen kaum zu hören. „Verdammt, bist du das wirklich, oder sehe ich einen Geist.“

Fallon legte die Hände auf die Bar und nickte, große, harte Hände, die bestimmt einem Mann das Genick umdrehen könnten, ohne sich dabei allzu sehr anstrengen zu müssen.

„Ich bin es tatsächlich, Jo.“

„Bei Gott, sind die achtzehn Jahre schon um?“

Barker schüttelte immer noch staunend seinen kahlen Kopf.

„Jeder einzelne, gottverdammte Tag davon“, nickte Grant Fallon. „Sie haben mir nicht einen einzigen geschenkt.“

„Dafür schenke ich. dir jetzt ’nen Whisky“, sagte Barker und griff nach der Flasche.

„Ich kann bezahlen, was ich trinke.“

„Sei nicht dumm, Grant Fallon, du hast genug bezahlt.“ Er goss das Glas randvoll. „Du bist verrückt, hierher zurückzukommen.“

„Ich bin hier zu Hause“, entgegnete Fallon trotzig.

„Du warst einmal hier zu Hause, und das ist verdammt lange her.“

Grant Fallon langte nach dem Whisky. Er verschüttete nicht einen Tropfen, als er das Glas anhob, und sagte: „Ich besitze noch Land hier und mein Haus.“ Er trank das Glas mit einem Zug leer und rang einen Moment nach Luft. „Werde mich schon wieder dran gewöhnen.“

Barker goss das Glas unaufgefordert wieder voll.

„Auf deinem Land weiden jetzt Zackarys Rinder“, sagte er dabei, als würde er eine Nebensächlichkeit erwähnen, „und weißt du, was achtzehn Jahre aus einem unbewohnten Haus machen?“

„Ich werde es wieder aufbauen.“

Jo Barker stützte den Unterarm auf den Tresen und beugte sich herüber.

„Wenn ich dir ’nen guten Rat geben darf, Grant Fallon, dann steige wieder in die Kutsche da draußen und fahre mit ihr, so weit du kannst.“

Fallons Gesicht verhärtete sich.

„Ich nehme den Whisky und danke dir dafür, Jo, aber deinen Rat kannst du behalten.“

Barker schob die Lippen vor und nickte, als hätte er nichts anderes erwartet.

„Zumindest hast du dich darin nicht geändert. Aber ich dachte, du hättest in der Zwischenzeit ein bisschen mehr Verstand bekommen.“

„Ich habe meine Strafe gebüßt, Tag für Tag“, sagte Fallon voll hartnäckiger Entschlossenheit. „Jetzt bin ich zurückgekommen, um mir das wiederzuholen, was mir gehört.“

Der Barmann machte ein verdrießliches Gesicht.

„Weißt du, was dir gehören wird, wenn du hier bleibst? Eine kleine Kiste und ein winziges Stückchen Land auf dem Boot Hill.“

Grant Fallon legte seine Hände flach auf das Holz der Bar.

„Ich will nichts, als meine Ruhe haben, und ich Lasse mich auch nicht provozieren. Das von damals ist vorbei.“

„Glaubst du das wirklich?“ Jo Barker goss sich selbst ein Glas ein und trank es mit einem Schluck leer. „Ich konnte dich immer gut leiden, Grant, deshalb will ich nicht, dass du nach diesen höllischen Jahren dein Leben verlierst. Glaub mir, du hast hier keine Zukunft mehr!“

Ein hartes Lächeln kerbte sich um Fallons Mundwinkel. „Du hast schon früher gern übertrieben, Jo.“

Der Mann hinter dem Tresen holte tief Luft, so als wollte er zu einer langen Rede ansetzen, aber in diesem Moment flogen die beiden Hälften der Schwingtür auseinander und knallten gegen die Wand. Drei verwegen aussehende Kerle stürmten herein, lachend und sich derbe Späße zurufend. Sie waren wie Cowboys gekleidet und rochen nach Schweiß und Pferden. Sie stampften an Fallon vorbei und lümmelten sich auf die Bar. Der größte von ihnen, ein Bursche wie ein ausgewachsener Bisonbulle, schlug krachend mit der Hand auf den Tresen.

 

*

 

„Bekommt man keinen Whisky in diesem Laden?“, brüllte er.

„Wir reden später weiter“, sagte Jo Barker nur und ging mit der Flasche in der Hand ein Stück weiter.

„Heh, Ollie“, krächzte einer der Cowboys und stieß dem Großen in die Seite. „Sieh dir mal das Bild da oben an. Wäre das jetzt nicht was Besseres als Whisky?“ Er deutete mit der Hand auf ein Gemälde an der Wand, das eine nur mit einem Schleier bekleidete Lady zeigte.

„Es gibt nichts Besseres als Whisky“, grunzte Ollie. „Auch nicht diese Jungfrau.“

Jo Barker goss drei Gläser voll und wollte zu Grant Fallon zurückkehren, aber Ollie riss ihm die Flasche aus der Hand.

„Lass sie nur gleich hier, Lockenköpfchen, wir sind nämlich sehr durstig.“

„Woher willst du wissen, dass sie ’ne Jungfrau ist?“, krächzte der hartgesichtige Cowboy neben Ollie.

„Das sieht man doch“, meinte Ollie gelangweilt.

„Woran, zum Teufel? Immer weißt du alles besser. Dabei hast du noch nie im Leben 'ne richtige Jungfrau gehabt.“

Der dritte der Cowboys zog seinen Revolver und rief: „Verdammt nochmal, hört auf, euch ständig zu streiten, ihr Hornochsen!“ Er schoss ein Loch in das Bild, genau an der Stelle, wo der zarte Schleier den Schoß der Frau dezent bedeckte. „Jetzt ist sie jedenfalls keine mehr.“

Alle drei lachten brüllend und griffen nach ihren Gläsern.

„Wenn ihr so weitermacht, bekommt ihr Ärger mit dem Marshal“, sagte Barker warnend.

„Wie viele Marshals habt ihr denn hier?“, rief der Cowboy, der geschossen hatte. Die anderen lachten von neuem. Ollie stellte sein Glas wieder hin.

„Hör mal, Lockenköpfchen, wir haben ’ne Herde verdammt bösartiger Longhorns von Texas heraufgetrieben und ’n paar Dollars in der Tasche, die wir gern loswerden wollen. Habt ihr was gegen Dollars in dieser Stadt?“

„Wir haben was gegen Leute, die randalieren und alles kaputt machen.“

Ein junger Mann schob sich in diesem Augenblick durch die Pendeltür und kam zur Bar.

„Gib mir ’nen Whisky, Jo“, sagte er. „Heute habe ich einen verdient. Das verdammte Pferd hat gelahmt, und ich habe den halben Weg zu Fuß gehen müssen.“

Jo Barker schaute unbehaglich von dem Jungen zu Fallon und wieder zurück.

„Das ist doch wieder ein Trick, um zu einem Whisky zu kommen. Ich habe dir schon mal gesagt, dass dieses Zeug noch nichts für dich ist.“

„Bist du vielleicht mein Vater?“, fragte der Junge trotzig.

„Irgend jemand muss doch auf dich achten, Buck.“

„Das kann ich schon selber.“

„Verdammt nochmal, gib endlich ein Glas her“, schnauzte Ollie. „Er ist alt genug, um einen Whisky mit richtigen Männern zu trinken. Er trägt sogar schon einen Revolver.“

Der Mann neben Ollie drehte sich ah der Bar herum.

„Ist das nur’n Spielzeugknaller, oder kann man damit auch richtig schießen?“, fragte er anzüglich.

Jo Barker hielt es für besser, ein Glas für Buck hinzustellen, aber der Cowboy hatte Bucks Schießeisen bereits herausgezogen und feuerte damit auf das Bild und schoss der nackten Lady ein Loch in den schönen Bauch.

„Tatsächlich“, rief er in gespieltem Erstaunen, „wer hätte das gedacht.“ Buck griff nach der ihm entwendeten Waffe, aber der Cowboy ließ sie geschickt in die andere Hand überwechseln, und Buck fasste ins Leere.

„Gib ihn her!“, forderte der Junge den Cowboy auf. „Er gehört mir.“

„Sicher, sicher“, nickte der Cowboy mit ernster Miene, „aber solange du Whisky trinkst, sollten wir ihn lieber für dich aufheben, sonst machst du noch Unsinn damit. Du könntest zum Beispiel Löcher in dieses schöne Bild da schießen. Siehst du, so.“ Er feuerte erneut auf das Gemälde an der Wand und fügte ein neuerliches Loch hinzu. „Und dann kommt der Marshal, der gewiss ein strenger Mann ist, und steckt dich ins Gefängnis, und das wollen wir doch nicht, denn wir sind deine Freunde.“

„Jetzt ist es aber genug“, warnte Jo Barker. „Glaubt mir, ihr handelt euch mehr Ärger ein, als ihr vertragen könnt.“

Der Cowboy zielte mit Bucks Revolver auf den Barmann und sagte mit einem drohenden Tonfall in der Stimme: „Du hältst dich da ’raus, Lockenköpfchen, oder du wirst diesen Laden hier nicht wiedererkennen. Es wäre nicht der erste, den wir kurz und klein machen.“

Der Junge versuchte erneut nach seiner Waffe zu greifen, doch wieder war der andere schneller.

„Du sollst ihn hergeben!“, schrie Buck ihn an, bebend vor Zorn, doch der andere tat ihm den Gefallen nicht. Er schüttelte nur mit gespielter Enttäuschung den Kopf und sagte zu Ollie: „Hier scheinen alle gegen uns zu sein, dabei wollen wir uns doch nur ’n bisschen amüsieren.“

„Aber nicht auf meine Kosten“, fuhr Buck ihn an, dessen Wut sich immer mehr steigerte.

„Trink erst mal deinen Whisky, Junge“, sagte Ollie. „Du wolltest doch einen Whisky haben. Jetzt hast du ihn durch unsere Fürsprache bekommen, und nun trinkst du ihn nicht.“

„Ja, trink erst mal“, nickte der Cowboy neben Ollie, „ich schaue mir derweil noch’n bisschen dein schönes Schießeisen an.“ Er feuerte einen Schuss in die Decke und zuckte scheinbar erschrocken zusammen. „Geht aber verdammt leicht los, das Ding. Das ist viel zu gefährlich für einen Jungen wie dich. Wie leicht könntest du dich mit solch einem Spielzeug verletzen.“

Buck griff nach dem Whisky auf der Bar, aber anstatt ihn zu trinken, beging er den Fehler, ihn in das Gesicht des Mannes zu gießen, der seinen Revolver hatte. Und während dieser stocksteif dastand und die Augen zusammenkniff, riss der Junge ihm die Waffe aus der Hand. Der Cowboy schüttelte sich und wischte sich den Schnaps aus dem Gesicht.

„Das war aber gar nicht klug von dir“, murmelte er dabei. Dann schoss plötzlich seine Faust vor und traf den Jungen mitten ins Gesicht, noch ehe dieser seinen Revolver ins Holster zurückstecken konnte. Buck versuchte mit ein paar Schritten nach rückwärts sein Gleichgewicht wiederzuerlangen, stieß einen Stuhl um und ging zu Boden. Dabei polterte der Revolver auf die rohen Dielen des Fußbodens. Aber der Schlag hatte ihn nicht außer Gefecht gesetzt. Er wischte das Blut fort, das ihm aus der Nase lief, und sprang hoch. Ohne seinen Zorn einigermaßen unter Kontrolle zu bekommen, stürzte er sich auf den Mann, der ihn zu Boden geschlagen hatte. Dieser behielt jedoch besser die Übersicht und wich geschickt nach der Seite aus. Buck musste einen zweiten Schlag gegen sein Ohr einstecken, der ihn gegen die Bar schleuderte, an der er sich einen Moment lang festhielt. Aber er war noch immer nicht geschlagen.

Grant Fallon starrte wie gebannt in seinen Whisky, ohne ein einziges Mal den Kopf zu heben. Der Junge hatte keine Chance gegen diese Burschen. Sie würden ihn fertigmachen, so lange, bis er nicht mehr auf den Füßen stehen konnte. Aber was ging es ihn an. Yuma war eine verdammt harte Schule gewesen, und er hatte dort sehr bald gelernt, dass es für einen Mann besser war, wenn er sich nur um seine eigenen Angelegenheiten kümmerte. Jeder musste mit seinen Schwierigkeiten selbst fertig werden. Ihm hatte noch nicht ein einziges Mal jemand geholfen.

Er hörte das hässliche Klatschen, mit dem eine Faust erneut das Gesicht des Jungen traf. Er presste die Lippen zusammen und schaute nicht hin. Aus den Augenwinkeln bemerkte er, dass der Junge diesmal nicht zu Boden ging, sondern sich in rasender Wut auf den Cowboy stürzte und ihn in Bedrängnis brachte. Ollie versetzte Buck von hinten einen Schlag mit seiner Pranke und fegte ihn von den Beinen. Der Junge war hart im Nehmen, er kam abermals hoch, wenn auch diesmal etwas langsamer und mühevoller.

Fallon hob sein Glas. Nur nicht hinsehen, mahnte er sich selbst gegen sein Gerechtigkeitsempfinden. Er hatte sich vorgenommen, jedem Ärger aus dem Wege zu gehen. Er wollte seinen Whisky trinken und lieber gehen, um später wiederzukommen, wenn das alles hier vorbei war.

Doch ehe er sein Glas an den Lippen hatte, traf die Faust des Cowboys den Jungen und warf ihn gegen Fallon. Der Anprall schlug Fallon das Glas aus der Hand, und Buck ging neben ihm zu Boden.

Verdammt, das hätte nicht passieren dürfen! Alle guten Vorsätze Lassen sich nun mal nur bis zu einem gewissen Grad befolgen.

 

*

 

Grant Fallon wandte sich dem Cowboy zu, und der Ausdruck seines Gesichtes musste dem Cowboy höchste Gefahr signalisieren, denn er schüttelte abwehrend den Kopf und zeigte auf den Jungen am Boden. „Aber das war doch der da …“

Weiter kam er nicht. Fallons knallharte Rechte traf ihn am Kinn und ließ ihn gegen die Bar krachen, an der er herunterrutschte.

Ollie starrte Fallon an, böse wie ein alter Grizzly, den man beim Fressen gestört hatte, und auch der dritte Cowboy schob sich drohend auf ihn zu.

„Das hättest du wirklich nicht tun dürfen, Freundchen“, sagte Ollie langsam und grollend. Die Muskeln seiner Schultern und Oberarme spannten drohend den Stoff des Hemdes, als er auf ihn zukam.

Überraschend schnell schlug der bullige Kerl zu, und Fallon konnte ihm gerade noch ausweichen. Er schickte seine Faust in Ollies Magen und presste ihm die Luft aus dem riesigen Körper. Ollie krümmte sich zusammen. Aber da erwischte der andere Fallon mit einem Schlag am Jochbein. Fallons Ellenbogen traf den Hals des Cowboys und ließ diesen zurücktaumeln. Dieser kurze Moment der Ablenkung genügte Ollie. Dessen Faust riss Fallon von den Beinen und schleuderte ihn unter einen Tisch.

Fallon schüttelte den Kopf. Neben ihm lag Bucks Revolver auf dem Boden. Er brauchte ihn nur zu nehmen und die Burschen damit in Schach halten. Aber vielleicht würde er ihn auch benützen müssen.

Nein, er wollte damit gar nicht erst wieder anfangen. Achtzehn Jahre lang hatte er solch ein Ding nicht mehr in der Hand gehabt, und es war für ihn bestimmt besser, wenn er es dabei beließ.

Also kroch er unter dem Tisch hervor und kam wieder auf die Beine. Fünf Schritte entfernt stand Ollie kampfbereit und voller Tatendrang.

„Na komm schon!“

Grant Fallon verspürte keinerlei Furcht vor ihm. Achtzehn Jahre in den Steinbrüchen von Yuma hatten einen eisenharten Kerl aus ihm gemacht. Er hatte einige Männer gekannt, die es nicht einmal zehn Jahre ausgehalten hatten. Aber einen, der achtzehn Jahre

davon hinter sich hatte und noch immer am Leben war, den konnte so leicht keiner mehr fertigmachen.

Ollie schlug mit voller Wucht ins Leere und kassierte dafür eine knochenharte Rechte, die Fallon genügend Luft verschaffte, sich des anderen Angreifers zu entledigen, dem seine Faust wie ein Pferdehuf in die Zähne fuhr. Hinter Ollies nächstem Schlag lag schon längst nicht mehr so viel Dampf wie zuvor. Fallon steckte ihn einfach weg und knallte ihm seine Rechte auf das Auge und gleich danach die Linke auf den Mund. Ollie krachte gegen die Bar und ließ den ganzen Tresen wackeln. Seine Stiefel scharrten hilflos auf dem Boden herum, ohne das Gewicht seines Körpers noch halten zu können. Ungläubig schüttelte er den Kopf hin und her und suchte mit den Händen verzweifelt nach irgendeinem Halt.

„So was kannst du mit mir nicht machen“, schnaufte er, „nicht mit mir, du halbe Portion.“ Er stemmte sich hoch und holte zu einem unbeholfenen Schlag aus. Aber ehe er diesen landen konnte, traf ihn erneut Fallons erbarmungslose Rechte und warf ihn nach hinten. Sein Kopf schlug gegen die Kante der Bar. Ollie krachte schwer zu Boden, drehte sich grunzend herum und blieb auf dem Gesicht liegen.

Fallon schaute sich nach den beiden anderen um, die stöhnend und taumelnd auf die Füße kamen. Der eine von ihnen spuckte einen Zahn aus und streckte abwehrend die Hand aus.

„Wir haben genug“, keuchte er. „Ich habe, verdammt nochmal, keine Lust, für den Rest meines Lebens Brei zu essen. Ich hasse Brei.“

„Dann zahlt euren Whisky und verschwindet“, sagte Fallon emotionslos. Er deutete auf Ollie, der sich noch immer nicht rührte. „Und nehmt den da mit.“

Während die drei Raufbolde das Feld räumten, kam Buck an die Bar zurück. Er hatte sein Halstuch abgenommen und drückte es auf die noch immer blutende Nase.

„Ich möchte Ihnen den vergossenen Whisky bezahlen“, sagte er und lehnte seinen Kopf nach hinten.

Fallon deutete mit dem Kinn auf Jo Barker. „Dazu hatte er mich schon ein geladen.“

„Ich würde Sie trotzdem gern einladen“, beharrte der Junge. „Wenn Sie nicht gewesen wären, hätten die drei Strolche mich ganz schön fertiggemacht.“

Er schaute in Fallons Gesicht. „Habe Sie noch nie hier gesehen.“

Fallon schüttelte den Kopf. „Bin gerade erst mit der Kutsche angekommen.“

„Tut mir leid, dass Sie eine solche Begrüßung hatten, aber so geht es hier nicht immer zu. Sie können verteufelt gut mit den Fäusten umgehen. Wo haben Sie das nur gelernt?“

Fallon grinste. Ohne auf die Frage des Jungen einzugehen, antwortete er: „Ich kann mich über die Begrüßung nicht beklagen. Wenn es so weitergeht, komme ich mit dem Trinken nicht mehr nach.“

Jo. Barker füllte ihre Gläser, und sie tranken sich zu. Bucks Nase blutete nur noch schwach. Er schob sein Glas wieder über den Tresen. „Noch einen, Jo.“

„Aber das ist der letzte“, erklärte Jo Barker. „Du hast zwar wie ein Mann gekämpft,und einen Whisky verdient, aber du solltest es nicht übertreiben.“

„Immerhin werde ich achtzehn.“

„Aber du bist es noch nicht.“

Der Junge lächelte verlegen.

„Bleiben Sie länger hier?“, fragte er Fallon.

„Ja“, sagte dieser bestimmt, und Jo Barker warf ihm einen verzweifelten Blick zu. Zu Buck sagte er: „Du solltest dich irgendwo waschen, aber pass auf, dass du diesen Kerlen nicht wieder begegnest.“

Buck hob seinen Revolver auf und steckte ihn ein.

„Ich muss auch nach meinem Gaul sehen“, sagte er, warf Geld auf die Bar und nickte Fallon zu. „Dann sehen wir uns bestimmt noch mal.“

Jo Barker wischte mit einem Lappen auf dem Bartresen herum und wartete, bis der Junge draußen war, ehe er sagte: „Ich wette, du hast keine Ahnung, wer das war.“

Fallon schaute beiläufig durch die leere Tür, deren halbhohe Flügel langsam auspendelten.

„Wenn du schon anfängst, wirst du es mir gleich sagen, nehme ich an.“

„Buck Sanders.“

„Sanders …? Sanders …?“, wiederholte Fallon grübelnd und forschte angestrengt in seiner Erinnerung nach. „Sanders. Jetzt hab’ ich’s, ’n ziemlich fader Bursche, an mehr kann ich mich nicht erinnern. Sein Sohn?“

Jo Barker schaute sein Gegenüber bedeutungsvoll an. „Er hat dich auch nicht erkannt. Wie sollte er auch, hat dich ja noch nie gesehen. Aber sein Onkel Stanley hätte dich bestimmt anders willkommen geheißen.“

„Sein Onkel Stanley?“, fragte Fallon verwundert. .

„Stanley Zackary.“

Fallon schaute ein wenig ratlos in das Gesicht des Barkeepers.

„Kurze Zeit nachdem sie dich damals weggebracht hatten, heiratete Laura den jungen Sanders.“

Fallons Züge verhärteten sich. Er warf Jo Barker einen scharfen Blick zu.

„Das kann nicht wahr sein. Nicht diesen Sanders.“

„Es ist wahr. Sanders war ein Waschlappen, das weißt du, und Stanley Zackary hat ihn dazu gezwungen, oder besser gesagt, er hat Laura gezwungen. Denn bei Sanders war das wohl kaum nötig.“

Fallon starrte irgendwohin, wo Bilder aus der Vergangenheit vor ihm auftauchten. Laura und dieser Sanders …, Burt Sanders … Unmöglich!

„Aber warum?“, fragte er schließlich fast flüsternd.

Jo Barker zuckte mit den rundlichen Schultern.

„Darüber gibt es nur Spekulationen. Vielleicht um den Leuten zu zeigen, dass die Sache mit dir doch gar nicht so ernst war und dass eine Zackary jederzeit einen anderen bekommt. Du kennst doch Stanley. Er war damals in seinen Jugendjahren schon ein verrückter Kerl. Aber heute ist er besessen.“

Fallon schien ihn nicht zu hören. Es war ihm unmöglich, das Gehörte so schnell zu verdauen.

Achtzehn harte Jahre lang hatte er gehofft und gewartet, hatte all das ertragen, woran andere zerbrochen waren. Aber das, an was er geglaubt hatte, war schon längst für ihn verloren gewesen. Nun stand er da wie ein Narr, der nicht bemerkt hatte, dass nur für ihn selbst in seinen einfältigen Gedanken die Zeit stehengeblieben war.

„Dann ist Buck ihr Sohn“, sagte er heiser.

Jo Barker nickte. „Und der von Burt Sanders.“ Er holte tief Luft, so als sei eine schwere Bürde von ihm genommen worden. „Jetzt trink noch ’nen Whisky, Grant, und dann sieh zu, dass dir die Kutsche nicht davonfährt.“

Die Falten um Grant Fallons harten Mund kerbten sich noch etwas tiefer.

„Ich bin nicht allein wegen Laura Zackary zurückgekommen.“

Jo Barker fasste nach Fallons Arm. „So nimm doch Vernunft an, Grant, Stanley hat es sich in seinen sturen Kopf gesetzt, dich für den Tod des alten Zackary büßen zu Lassen.“

„Kann ein Mann denn noch mehr büßen, als ich es getan habe?“, fragte Fallon ruhig und nicht sehr beeindruckt.

„Das musst du Stan Zackary fragen, nicht mich. Er hat die Tage bestimmt ebenso gezählt wie du.“ Barkers Stimme wurde beschwörend. „Glaub mir, du hast keine Chance mehr gegen ihn, nicht nach achtzehn Jahren in diesem verdammten Käfig. Dieser Mann ist besessen.“

„Besessen, wovon?“

„Dich zu töten, Grant Fallon, und wenn er erfährt, dass du hier bist, gebe ich dir keine vierundzwanzig Stunden mehr.“

 

*

 

Der Mietstall lag ziemlich am Ende der Straße. Früher war es das letzte Gebäude auf dieser Seite der Stadt gewesen, aber inzwischen waren noch ein paar Häuser dazugekommen.

Der Geruch von Stroh und Pferden war jedoch der gleiche geblieben und kam ihm vor wie ein Stück von damals, das schmerzhafte Erinnerungen wachrief.

Auch Rufe Callighan war noch da. Er schälte sich langsam aus dem dämmrigen Zwielicht im Hintergrund, etwas gebeugter als früher, etwas langsamer, aber noch immer tabakkauend und vor sich hin murmelnd. Ein paar Schritte vor Fallon blieb er stehen und schüttelte seinen grauen Kopf.

„Sie haben dich also nicht klein gekriegt, Grant Fallon. Und nun bist du gekommen, um andere das vollenden zu Lassen.“

„Ich bin gekommen, weil ich damals meinen Gaul bei dir gelassen habe“, sagte Fallon bestimmt.

Rufe Callighan lachte meckernd. „Du glaubst doch nicht, dass der alte Schinder noch hier ist. War damals schon nicht mehr viel wert, und du könntest nicht einmal bezahlen, was er bis zu seinem Tode gefressen hätte.“

Ja, das mochte wohl richtig sein. Fallon nickte schwach mit dem Kopf. „Und mein Sattel?“

„Ist noch da. Verstaubt und ’n bisschen brüchig. Aber was, zum Teufel, willst du damit, ohne Gaul.“

„Irgendwann werde ich wieder ein Pferd haben“, sagte Fallon etwas kleinlaut. „Ich brauche einen Gaul, und ’n bisschen Geld habe ich noch in der Tasche.“

Rufe Callighan kam ganz dicht heran, seine alten, wissenden Augen forschten in Fallons Gesicht und schienen jeden seiner Gedanken zu durchschauen.

„Hoffentlich reicht es für deine Beerdigung, Grant Fallon“, sagte er hart und fuhr jedes einzelne Wort betonend fort: „Denn das ist das einzige, was hier auf dich wartet.“

Fallon schluckte trocken. Schon wieder das gleiche Gerede wie vorhin im Saloon, Er sagte: „Ihr seid ein Haufen Schwarzseher geworden, scheint mir.“ Er ließ die Hände an den Seiten herabhängen. „Ich trage keine Waffe, Rufe, und ich will mit niemandem Streit haben. Keiner wird so dumm sein, auf mich zu schießen, wenn dafür das Gefängnis auf ihn wartet. Nicht nach so langer Zeit.“

Der alte Mann schüttelte den Kopf Und spuckte seinen Kautabak verächtlich auf den staubigen Boden. „Zackary wird es trotzdem tun. Auf irgendeine Weise wird er dich dazu bringen, eine Waffe in die Hand zu nehmen.“

Rufe Callighan griff beschwörend nach Fallons Arm. „Ich habe damals vierzig Dollar für deinen Gaul bekommen, abzüglich zehn für Pflege und Futter, was ich bis dahin brauchte. Ich gebe dir noch zwanzig Dollar für den Sattel dazu, aber, Teufel nochmal, verschwinde von hier, ehe Stan Zackary von deiner Rückkehr erfährt. Vielleicht hast du mehr Glück dabei als Burt Sanders seinerzeit.“

„Lauras Mann? Was ist mit ihm?“

Callighan hieb mit der Hand durch die Luft.

„Wie ich sehe, hast du schon einiges erfahren. Nun, Sanders hat es nicht lange ausgehalten auf Zackarys Ranch. Nachdem er seine Schuldigkeit getan und Laura geheiratet hatte, ließ Stanley ihn nach seiner Pfeife tanzen, wo er nur konnte. Der arme Kerl erlebte keinen schönen Tag mehr, sage ich dir. Hinzu kam noch, dass Laura ihn nicht liebte. Na ja, eines Tages waren er und sein Gaul einfach verschwunden. Wochen später brachte jemand den Gaul zurück – und Burt Sanders’ Sachen. Böse Zungen behaupteten damals, Stan Zackary hätte ihm einen Killer nachgeschickt.“

„Aber warum das?“, fragte Fallon verständnislos.

Rufe Callighan zeigte ein dünnes Lächeln.

„Eine Zackary ist etwas Besonderes, die lässt man nicht einfach ungestraft sitzen.“ Diese grauen, vom Alter etwas farblos gewordenen Augen hefteten sich voll auf Fallons Gesicht, und die leise Stimme des Alten bekam einen hohen und warnenden Ton. „Aber es war nur eine Lappalie gegen das, was du getan hast, Grant Fallon.“

 

*

 

Das große hölzerne Tor mit dem über zwei Meter weit ausladenden Longhornschädel, das den Beginn von Zackarys Ranch markierte, stand wie ein Triumphbogen in dem flachen, weiten Land. Weit im Hintergrund erst erreichte man das große Haus mit der imposanten Veranda, den Nebengebäuden, Corrals und Stallungen.

Der heiße Wind wehte Buck von der Seite an, als er die Gebäude erreichte, trieb einen dünnen Schleier feinen Staubes über das trockene Land und trieb einen Tumbleweed zischend und kollernd zur Corralfenz hinüber.

Ein Mann, der auf der Veranda saß, nahm seine langen, dünnen Beine vom Geländer und stand auf.

„Du kommst ziemlich spät“, begrüßte er den Ankömmling. „Mr. Zackary hat schon nach dir gefragt.“

Buck fuhr sich mit der Zungenspitze über die rauen, ausgetrockneten Lippen.

„Hatte Schwierigkeiten mit dem Gaul.“

Ein spöttisches Lächeln zog die Mundwinkel des anderen nach unten, als dessen Blick die Schwellungen und dunklen Stellen in Bucks Gesicht registrierte.

„Mir scheint, du hattest auch sonst Schwierigkeiten.“

„Nicht der Rede wert.“ Buck sprang aus dem Sattel und ließ das Pferd stehen. Er stieg die wenigen Stufen zur Veranda hinauf und ging ins Haus.

Sein Onkel, der ihn bereits kommen gehört hatte, kam ihm entgegen. Er war ein nicht sehr großer und nicht sehr breit gebauter Mann mit einem schmalen Gesicht. Seine stechenden Äugen hefteten sich sofort auf das Gesicht des Jungen.

„Es waren Fremde in der Stadt“, stellte er fest.

„Woher weißt du das?“

„Jemand aus der Stadt würde es nicht wagen, dich so zuzurichten. Wie viele?“ Buck atmete tief durch. „Es waren drei. Cowboys. Hatten Rinder irgendwohin getrieben und waren dabei, sich zu betrinken.“

Stanleys Blick wanderte zur Hüfte des Jungen herab, wo dessen Revolver saß. „Ein Zackary lässt sich nicht verprügeln, wenn er eine Waffe trägt.“

Leichter Trotz kam in die Stimme des Jungen.

,,Ich heiße nicht Zackary.“

„Du bist trotzdem einer“, wies Stanley ihn unwirsch zurecht, und Buck hielt es für besser, es dabei bewenden zu Lassen.

„Wo sind die Halunken jetzt?“, wollte Stanley wissen.

Buck zückte mit den Schultern. „Ich weiß nicht.“

Stanleys Lippen wurden noch schmaler, als sie es ohnehin schon waren.

„Sie haben dich verprügelt, und du …“

„Sie haben mich nicht verprügelt“, hielt der Junge seinem Onkel entgegen.

„Dann hast du sie wohl verprügelt?“, fragte Stanley zynisch.

„Jemand hat mir geholfen.“

„Wer?“

Buck zuckte diesmal ärgerlich mit den Schultern. „Habe ihn noch nie zuvor in Drago Falls gesehen.“

Stanley Zackary schien aufzuhorchen.

„Also noch ein Fremder. Scheint ja nur so von Fremden gewimmelt zu haben. Hat er keinen Namen genannt?“

„Nein“, gab Buck verdrossen Auskunft. „Ich weiß nur, dass er mit der Kutsche gekommen ist. Aber vielleicht fragst du mal Jo Barker, der schien ihn jedenfalls zu kennen.“

Stanleys Augen verengten sich ruckartig zu schmalen Schlitzen.

„Wie sah er aus?“

Buck druckste etwas hilflos herum. „Nun … er war größer als ich, mehrere Tage nicht rasiert und hatte derbe Fäuste, mit denen er verdammt hart zuschlagen konnte.“

„So, als hätte er achtzehn Jahrelang mit Hacke und Schaufel gearbeitet?“

„Ja, das könnte er …“ Der Junge stockte und erkannte plötzlich, worauf sein Onkel da anspielte. Er schüttelte abwehrend den Kopf. „Nein, nein, da irrst du dich bestimmt.“

„Wie alt war er?“ Wie ein Peitschenhieb kam diese Frage.

Buck schüttelte noch immer den Kopf. „Zwischen vierzig und fünfzig, schätze ich. Aber du reitest ganz bestimmt den falschen Gaul. Dieser Mann war ein netter Kerl, einer, mit dem man reden kann, ganz bestimmt kein Mörder,“

Stanley Zackary ließ sich jedoch nicht beirren.

„Vielleicht hat er dich nur eingewickelt, weil er wusste, wer du bist. Hat er davon gesprochen, länger hier zu bleiben?“

„Ja“, nickte Buck, „ich glaube, so hat er sich ausgedrückt. Ich werde ihm bestimmt wieder begegnen, und dann wird sich herausstellen …“

„Er ist es!“ Stanley griff nach seinem Revolvergurt, der am Kleiderhaken an der Wand hing, und warf ihn sich um die Hüfte.

„Das hast du in letzter Zeit bei jedem Fremden gedacht, der hier, in der Nähe vorbeikam“, versuchte Buck ihn noch einmal umzustimmen, aber er hatte keinen Erfolg damit. Sein Onkel zog entschlossen die Schnalle fest und sagte: „Es ist Fallon. Es kann nur Fallon sein. Wir werden jetzt in die Stadt reiten, und dann werde ich Fallons Haut an das Tor des Mietstalles nageln. Darauf habe ich Jahre warten müssen.“

 

*

 

Das Drago Hotel war noch immer das einzige am Platze, aber es war etwas größer geworden und hatte eine andere Fassade erhalten.

Fallon betrat den Empfangsraum, und da niemand zu sehen war, schlug er zweimal auf die Glocke, die auf dem Empfangspult stand. Ihr heller, durchdringender Ton rief einen jüngeren Mann herbei, der Fallon mit einem nervösen Blick durch die Gläser seiner Nickelbrille musterte.

„Ich möchte ein Zimmer“, sagte Fallon und schaute sich in der kleinen Halle um.

„Bedaure, Mister Fallon“, kam es zurück, „aber es ist nichts frei.“

Fallon fasste den Mann näher ins Auge. Er hatte diesen Burschen noch nie zuvor gesehen, aber trotzdem war ihm sein Name bekannt.

„Sie kennen mich?“, fragte er verwundert.

Der Hotelclerk ruckte nervös an seiner Brille herum.

„Sie können nur Mister Fallon sein, ich habe von Ihrer Ankunft gehört.“

„Und deshalb haben Sie kein Zimmer für mich, wie?“

Fallon wollte gerade über den Tresen langen und den Burschen zu sich herüberziehen, als ihn eine Stimme von der Eingangspforte her zurückhielt.

„Hallo, Grant Fallon. Ich habe es fast nicht glauben wollen, als ich es vorhin hörte.“

Fallon ließ die Hände, die er schon halb erhoben hatte, wieder sinken und drehte sich um.

Beinahe hätte er eine Dummheit begangen. Er wollte doch keinen Streit, mit wem auch immer.

Der Mann an der Tür war von derber Statur, mit leichtem Fettansatz in der Taillengegend. Er trug einen Revolver, und eine kurzläufige Greener Schrotflinte pendelte locker in seiner Rechten. Der Stern an seiner Brust wies ihn als Sheriff von Drago Falls aus. Luce Ballard, damals war er noch Deputy gewesen.

„Hallo, Luce“, sagte Fallon. „In voller Kriegsausrüstung. Willst du einen Schwerverbrecher dingfest machen?“

Luce Ballard machte ein betretenes Gesicht. Er ließ die Schrotflinte rasch in die andere Hand hinüberwechseln, so, als könnte er sie dadurch loswerden.

„Nein, ganz und gar nicht, Grant. Ich sah dich nur hier hereingehen, und da dachte ich …“

„Da dachtest du, ich würde Ärger machen“, vollendete Fallon den Satz.

„Du liegst ganz falsch, aber du hättest zuerst zu mir kommen sollen.“

„Fühlst du dich übergangen, Luce?“

„Sei nicht albern“, konterte der Sheriff leicht ungehalten, „aber du warst lange weg, und da gibt es gewisse Dinge, über die wir reden sollten, ehe ein Unglück passiert.“

Fallon winkte mit der Hand ab.

„Die gut gemeinten Ratschläge kenne ich schon. Ich wollte ein Zimmer, denn ich bin verdammt müde. Ist das jetzt verboten?“

„Grant Fallon“, sagte der Sheriff eindringlich, „vielleicht solltest du mir erst einmal zuhören. Dieses Hotel, zum Beispiel, gehört jetzt Zackary. Möchtest du wirklich unter seinem Dach schlafen?“

Einen Augenblick starrte Fallon den Sheriff an, dann nickte er. „Du hast gewonnen. Also gehen wir.“

Als sie draußen waren, fragte Fallon beiläufig: „Was ist aus Sheriff Decker geworden? Hat er sich zur Ruhe gesetzt?“

„Er ist gestorben“, erklärte Ballard nüchtern. „Ist nun schon beinahe zehn Jahre her.“

Er warf einen nervösen Blick nach rückwärts die Straße entlang in die Richtung, in der Zackarys Ranch lag.

Dann erreichten sie das Büro, und er stellte Fallon seinen Deputy, Hank Logan, vor. Ballard schaute aus dem Fenster. Dann drehte er sich zu Fallon um.

„Was für ein Teufel hat dich geritten, wieder hierher zu kommen“, schnauzte er ungehalten.

„So was Ähnliches habe ich heute schon ein paar Mal gehört“, versetzte Fallon ungerührt.

„Dann wird es Zeit, es endlich zu glauben.“

„Ich habe meine Strafe abgebüßt, und es gibt kein Gesetz, das mir verbietet, zurückzukommen.“

„Nur das Gesetz der Vernunft.“ Luce Ballard schaute ihn beinahe ungläubig an. „So dumm kann kein Mensch sein, dass er achtzehn Jahre in Yuma aushält, nur um sich anschließend umbringen zu Lassen.“

Fallon wollte etwas erwidern, aber der Sheriff ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Jetzt hör mir erst mal gut zu. Stanley Zackary ist der verdammten Überzeugung, dass der Tod seines Vaters nur mit deinem Tod gesühnt werden kann, und er hat jeden Tag, seit du fort warst, mit seiner Kanone geübt, um sich auf den Tag vorzubereiten, da du zurückkommst. Und du hattest achtzehn Jahre lang kein Schießeisen mehr in der Hand. Kannst du dir ausmalen, was das bedeutet?“

Fallon nickte.

„Tut mir leid, dass sich Zackary so viel unnütze Mühe gemacht hat, denn ich werde nicht gegen ihn antreten.“

Luce Ballard lachte ihm ins Gesicht. Es war ein Lachen, in dem nicht die leiseste Spur von Humor lag.

„Er wird dich umlegen, ob mit oder ohne Waffe. Und wenn ich ihn hinterher dafür ins Gefängnis stecken muss, was, verdammt nochmal, wird dir das noch nützen?“

Es war das erste Mal, dass Fallon seine Ruhe verlor.

„Warum, zum Henker, erzählst du diese Predigt nicht Zackary!“, schrie er dem Sheriff ins Gesicht. Er zeigte mit dem Finger auf ihn. „Du hast die verdammte Pflicht, mich vor ihm zu schützen!“

„Yeah.“ Luce Ballard nickte einige Male mit dem Kopf. „Das werde ich auch tun, soweit es in meiner Macht steht. Du wirst in ganz Drago Falls keinen anderen Schlafplatz finden als hier bei uns auf einer Pritsche. Schlaf dich erst mal aus, und morgen sehen wir weiter.“

Er schob Fallon den Gang entlang, der zu den Zellen führte, und, wies auf eine der Pritschen.

„Nicht so komfortabel wie im Hotel, aber dafür sicher und umsonst.“

Fallon setzte sich auf den Rand der Schlafstelle, während Luce Ballard die Gittertür zumachte und den Schlüssel herumdrehte.

Fallon sprang in die Höhe.

„Lass diesen Quatsch! Ich habe das lange genug ertragen müssen.“

„Aber es hat dich nicht zur Vernunft gebracht“, hielt der Sheriff ihm entgegen. „Es hat hier schon lange keine Schießereien mehr gegeben, und ich möchte, dass es so bleibt.“

Fallon packte die Gitterstäbe mit beiden Fäusten und rüttelte wild daran.

„Du hast kein Recht, mich hier einzusperren!“ schrie er außer sich. Der Sheriff drehte sich wortlos um und ging.

„Lass mich raus!“ brüllte Fallon ihm nach. „Ich bin ein freier Mann, Ballard, ein freier Mann!“ Er presste die Stirn gegen das kalte Eisen des Gitters, das ihn von der Außenwelt trennte, und ein Zittern durchlief seinen harten Körper.

Achtzehn Jahre im schlimmsten Gefängnis, das man sich denken konnte, hatte er hinter sich. Achtzehn Jahre lang hatte er durchgehalten für den Tag, wo er wieder frei sein würde. Und nun befand er sich wieder in einer vergitterten Zelle eingesperrt wie ein gefangenes Tier …!

 

*

 

„Sie sind da“, sagte Hank Logan und drehte sich vom Fenster weg. „Sie lungern da drüben vor dem Saloon herum.“

Luce Ballard warf einen einzigen prüfenden Blick durch die leicht blinde Scheibe und wandte sich dann wieder ab.

„Sie wissen genau, wo er ist, aber sie kommen nicht her.“

„Stanley Zackary nimmt an, dass er wieder herauskommt“, meinte Logan. „Es war richtig, ihn hierzubehalten.“

„Aber wir können ihn, verdammt nochmal, nicht ewig da einsperren“, versetzte der Sheriff seufzend. „Das Problem ist also nur aufgeschoben.“

Logan zuckte mit den Schultern. „Nun, heute werden sie jedenfalls kalte Füße bekommen, und morgen geschieht vielleicht irgendein Wunder. Wir haben ihn gewarnt, Luce, mehr können wir nicht tun. Wir können nicht ewig für ihn Kindermädchen spielen.“

Luce Ballard griff, einem plötzlichen Impuls gehorchend, nach seinem Hut.

„Verdammt, ich werde diesen Verrückten da draußen klarmachen, dass sie umsonst warten. Und wenn sie morgen noch hier sind, werde ich ihnen die Hölle heiß machen.“

„Du setzt dich höllisch für ihn ein“, sagte Hank Logan provozierend.

Luce Ballard drehte sich zu ihm um.

„Grant Fallon war für mich niemals das, was man einen Freund nennt, aber er war ein guter Mann damals. Die Zackarys haben ihn fertiggemacht, und ich möchte, beim Henker nochmal, nicht dabeistehen, wenn sie ihn jetzt endgültig mit der Nase in den Dreck legen.“

„Aber er hat doch den alten Zackary umgebracht.“

Luce Ballard warf seinem Deputy einen langen düsteren Blick zu.

„So hat es das Gericht gesehen.“

„War er schuldig oder nicht?“, bohrte Logan weiter.

„Sie haben ihn verurteilt“, erklärte der Sheriff kurz angebunden. „Mehr ist dazu nicht zu sagen.“

Er stülpte sich mit einer heftigen Bewegung den Hut auf den Kopf und verließ das Office.

Draußen kniff er die Augen zusammen und blinzelte kurz in die tiefstehende Sonne. Dann stapfte er entschlossen zu Stanley Zackary und dem jungen Buck hinüber, die ihm mit unbewegten Gesichtern entgegensahen. Ein paar Schritte vor den beiden blieb er stehen, stemmte die Fäuste gegen die Hüften und hielt den Kopf leicht schief.

„Wenn ich euch beiden ’nen guten Rat geben darf, reitet wieder nach Hause.“

„Wir brauchen deinen Rat nicht, Luce Ballard“, sagte Stanley, ohne das Gesicht zu verziehen.

„Ihr werdet nicht finden, was ihr sucht, und wenn ihr bis Mitternacht hier herumsteht.“

Zackary schaute über den Sheriff hinweg über den sonnenbeschienenen Platz, während er sagte: „Wir wissen gar nicht, wovon du da redest, Sheriff.“

„Ihr wisst verdammt genau, dass er bei mir da drin ist“, fuhr Ballard ihn an. „Es hat also keinen Zweck, lange drum herum zu reden. Und er bleibt da drin, solange ihr euch in der Stadt aufhaltet“

„Dann musst du ihn schon sein ganzes gottverdammtes Leben lang da einsperren“, erklärte Stanley Zackary ungerührt.

Luce Ballards Augen verengten sich. „Wie wäre es, wenn ich dir dein Schießeisen wegnähme und dich in die Zelle neben ihn steckte. Dann könntet ihr euch mal richtig nett unterhalten.“ Zackarys Hand kroch langsam in die Nähe seines Revolvers. Einen Moment lang bohrten sich die Blicke der beiden Männer ineinander.

Schließlich forderte Stanley ihn auf: „Versuch’s doch mal.“

„Hört auf damit“, mischte sich jetzt Buck ein. „Ich habe gleich gesagt, es hat keinen Sinn, etwas übers Knie zu brechen. Es werden sich noch viele andere Gelegenheiten ergeben, das zu tun, was wir tun müssen. Aber wir wollen uns nicht gegen das Gesetz stellen.“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738916331
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v386948
Schlagworte
verdammte drago falls

Autor

Zurück

Titel: Der Verdammte von Drago Falls