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Kit Carson #14: Ein Doppelgänger jagt den Falschen

2018 200 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

EIN DOPPELGÄNGER JAGT DEN FALSCHEN

Klappentext:

ALBTRAUM UND FLUCHT

EIN MANN GEHT NACH WESTEN

VOR DEM RENDEZVOUS

DIE SACHE KLÄRT SICH

DER RACHESCHWUR

UM CAMEAHWAITS LEBEN

AUF KIT CARSONS SPUR

KURZ VOR DEM ZIEL

DER FALSCHE SCHLUSS

DIE ZEIT BEGINNT ZU DRÄNGEN

DIE OPERATION

DIE SPUR IN DIE BERGE

EINGEHOLT

DIE LETZTE ANTWORT

DIE FREUNDE UNTER SICH

TEXAS, KÖNIGIN DER MEERE

I.

II.

BEGEGNUNG AM MISSISSIPPI

EIN SEE AUF YUCATÁN

Delaware

Kit Carson

 

Band 14

 

EIN DOPPELGÄNGER JAGT DEN FALSCHEN

 

Ein Roman von Leslie West

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Charles M. Russell mit Steve Mayer, 2018

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Jeder Mensch hat mindestens einen, doch meist mehrere Doppelgänger. Die Meisten jedoch begegnen ihnen während ihres ganzen Lebens nie. Falls aber doch, kann so ein Zusammentreffen durchaus glücklich ausgehen – doch bisweilen auch tödlich.

Kit Carson wird an Orten gesehen, wo man ihn kennt, doch zu Zeiten, wo er sich ganz woanders befindet. Ein Mann flieht aus New York vor den Folgen seiner Taten in den unerforschten amerikanischen Westen. Ein toter Verbrecher taucht bei einem alten Mitverschwörer erneut auf. Bald wachsen diese Geschehnisse zusammen. Denn der „Wiederauferstandene“ will Kit Carsons Tod. An ihm ist einst das größte Projekt seines Lebens gescheitert. Und dafür sucht er jetzt Rache.

 

 

 

 

 

ALBTRAUM UND FLUCHT

 

 

Der Tod kam nicht von außen. Er hatte nicht die Gestalt eines Pfeils, eines Messers, eines Beils oder einer Kugel.

Der Tod kam von innen.

Dem Bettlager gegenüber hing ein in der Mitte zersprungener Spiegel, an Balken befestigt, aus denen das gesamte Gebäude bestand. Es war von beeindruckenden Ausmaßen, die dem Sterbenden längst nicht mehr bewusst waren.

Im Spiegel erkannte der auf einem mit Büffeldecken errichteten Bettlager ruhende Mann sein hageres gealtertes Antlitz, von immer noch dichtem, schulterlangem blonden Haar umrahmt. Schloss er die Augen, dann sah er die unendlichen Weiten des Westens vor sich, die Hochebenen Mexikos, unterirdische Flüsse und ein wogendes Meer aus Gras.

Öffnete er sie, so fiel sein Blick auf das duftende Steak auf einem Teller und den kalifornischen Rotwein in einem Krug vor sich, neben dem ein Becher stand.

Seit Wochen hatte er nur noch Flüssigkeiten zu sich nehmen dürfen. Der Geruch, der ihm in die Nase stieg, löste eine schier unerträgliche Gier aus, die sich in hartem Schlucken äußerte. Schwache, dünn gewordene Arme ragten aus dem weißen Leinenhemd, als er zitternd nach Messer und Gabel griff. Sie bebten beim Herunterschneiden des ersten Stücks.

Noch während er mit unsicheren Bewegungen die Gabel mit dem Fleischstück zum Mund führte, entschoss diesem ein Blutschwall, der sofort den Teller füllte und von diesem auf die Leinenwäsche und die Büffellederdecke weiterlief, um dort glänzend zu versickern.

Dann ist dies der Tod, dachte der Mann. Das Schlimmste daran war, bei vollem Bewusstsein mitbekommen zu müssen, wie das Leben unaufhörlich aus ihm heraus floss. Vor Panik versuchte er zu schreien, doch die Schreie erstickten im Blut, das aus dem Rachen quoll. Ich sterbe, hämmerte es immer wieder in seinem Kopf, ich sterbe ...

 

*

 

Geoffrey Bonneville fühlte Übelkeit in sich aufsteigen, als er sich langsam von seiner Ruhestatt erhob. Dieser Albtraum hatte einen furchterregenden Grad an Realität besessen.

Es war nicht der erste dieser Art gewesen. Auch nicht der schlimmste.

Lag es an seiner anstrengenden Arbeit, die ihn meist erst frühmorgens ins Bett kommen ließ? Oder war es sein Nebenerwerb, der ihm mehr aufs Gewissen drückte, als er sich eingestehen wollte? Oder gab es andere, tiefere Gründe?

Die Träume ähnelten einander stark. In ihnen fand er sich als alter Mann wieder, der im Sterben lag und dabei von Erinnerungen heimgesucht wurde, die im unbekannten fernen Westen spielten und niemals die eigenen gewesen sein konnten - sein würden ... wie auch? Er war der geborene Stadtfrack und hatte bisher nicht die leiseste Sehnsucht in sich verspürt, in die Wildnis aufzubrechen, in die es seinen Oheim Benjamin gezogen hatte. Im Dschungel einer großen Stadt ließ sich mehr Verborgenes mit mehr Gewinn und besser betreiben als im wirklichen Dschungel. Nicht anders stellte er sich die wenig erforschten Weiten des westlichen Amerika vor.

Und damit war er in Gedanken bereits wieder bei seiner Nebentätigkeit angelangt, die weit ertragreicher als sein weit mehr Menschen bekannter ausgeübter „offizieller“ Beruf war, nichtsdestoweniger jedoch notwendig, um Kontakte schließen zu können, die wiederum für seine profitable Nebentätigkeit entscheidend waren.

Nun, da sich Geoffrey Bonneville mühsam und nach unruhigem Schlaf von seiner Liegestatt im dritten Stock der heruntergekommenen Pension „The Warden“ erhob, die Teil einer Häuserzeile dieses etwas anrüchigen Stadtviertels war, konnte er durch die zugezogenen Vorhänge des schmutzigen Fensters erkennen, dass es längst spät am Nachmittag war.

Zeit für den Hafen.

Vom North River her wehte ein angenehmer starker Sommerwind, der die Fensterläden hin und her schlagen ließ.

Über die Fulton Street, die bereits Richtung Hafen ging, erreichte Geoffrey Bonneville die West Street. Von hier waren es nur noch wenige Schritte zum Washington-Markt, auf dem er bald die richtigen Leute getroffen hatte.

Opium wechselte seinen Besitzer. Aufgrund seines Zugangs zur besseren New Yorker Gesellschaft war er ein idealer Zwischenhändler. Wenn es so weiterging, konnte er sich in einigen Jahren mit einer satten Summe absetzen.

Danach blieb noch Zeit für einige Schnäpse in der nächsten anrüchigen Hafenkneipe, bevor die offizielle Arbeit rief.

 

*

 

Die Livree stand Geoffrey Bonneville ausgezeichnet. Er war ein hochgewachsener junger Mann, schlank, fast sehnig, der sein dichtes blondes Haar auf anmutige Art in den Nacken hatte wachsen lassen. Viele Damen der Gesellschaft gönnten ihm weit mehr als nur einen Blick.

Somit war es auch in dieser Hinsicht ein Vergnügen, für die reiche Familie Schuyler zu arbeiten, die für ihre aufwendigen Veranstaltungen in den höchsten New Yorker Kreisen den besten Ruf genoss.

Geoffrey war der perfekte Tischbedienstete.

An diesem Abend bestand der erste Gang aus Fisch-Chowder, zusammen mit einem Teller voll ausgegrätetem Fisch serviert. Dazu gab es Cherry.

„Maryland-Krabben!“, lobte eine etwas üppige Lady das Chowder, während sie ihren Löffel verzückt in das dampfende Gericht tauchte. „Krabben gehören zu den wenigen Wonnen, die einem hierorts bleiben. Schade, dass es soweit kommen musste. Wir leben in einer schlimmen Zeit. Worauf man heutzutage doch alles verzichten muss!“

Die geladenen Gäste saßen an einer langen Tafel mit hohen Lampen und wurden von etwa zwanzig Livrierten bedient. Vor jedem Gast lag eine Serviette, die so gefaltet war, dass sie einem vierblättrigen Kleeblatt ähnelte. In der Mitte der Serviette befand sich eine Scheibe Weizenbrot, eine angenehme Abwechslung, da für gewöhnlich Maisbrot vorgesetzt wurde. Rechts von jedem Teller stand ein wahrer Wald von Kristallgläsern unterschiedlicher Größe für die verschiedenen Weine. Geoffrey wusste, dass es neun waren, da er für sie verantwortlich war.

Es ging weiter mit Kanevasente. Danach wurden ein ganzer Schinken und ein ganzer Fasan, beide auf demselben riesigen Tablett ruhend, aufgetragen, wo sie wie ein Zwillingshügel über das Vorfeld aus Hammel-Koteletts, Bröschen und Rebhühnern aufragten. Als Beilage gab es Makkaroni, Austernpastete, Spinat, Sassafras, Blumenkohl und gedünsteten Sellerie.

Währenddessen wurden die Gläser mit neun verschiedenen ausländischen Weinen gefüllt, die im Laufe der Stunden ihre Wirkung taten.

Für Geoffrey verrieten die Art des Weingenusses und die Reaktionen darauf bereits etliche potenzielle spätere Kunden. Bisher hatte er sich immer auf sein Gespür verlassen können.

Es gab so viel zu tun, dass er gar nicht erst bemüht sein musste, sich mit Geduld zu wappnen. Erst spät nach zehn Uhr, als die allgemeine Stimmung der Gäste schon ziemlich ausgelassen war, hatte er Zeit, mit einer der Buffethilfen mehr als nur Oberflächlichkeiten zu wechseln.

Niemand wusste von der durchaus intimen Beziehung zwischen Geoffrey Bonneville und der dunkelblonden Susan Winslow - nun, fast niemand.

Susan hatte einen Ruf und eine Stellung zu verlieren, und Geoffrey hatte zum einen aufgrund seiner Nebenaktivitäten recht wenig Zeit für sie, zum anderen betrachtete er das Verhältnis eher als angenehmen Zeitvertreib. Eine Frau fürs Leben hatte aufgrund der Führung des eigenen noch keinen Platz darin, und Susan würde dafür unter keinen Umständen in Frage kommen. Sie war einfach zu anständig und damit zu langweilig.

Während keiner sie beachtete, warf Susan Geoffrey Blicke zu, deren Innigkeit ihn stark beunruhigte. Doch als sie dann den entscheidenden Satz sprach, wurden Geoffreys schlimmste Befürchtungen weit in den Schatten gestellt.

„Wir werden Eltern, Geliebter“, flüsterte sie.

Später hätte Geoffrey nicht mehr zu sagen vermocht, wie es ihm trotz allem gelungen war, seine alten und sogar noch einige neue Geschäfte abzuwickeln. Für ihn war eine Welt zusammengebrochen.

Daran, dass Susan von ihm schwanger war, hatte er nicht die geringsten Zweifel. Sie war für jede andere Eventualität in der Tat zu anständig.

Dennoch war er aus Erschöpfung rasch eingeschlafen, aber der Schlaf war nicht von langer Dauer gewesen. Die meiste Zeit lag er wach und dachte über die Katastrophe nach, die über ihn hereingebrochen war. Er fragte sich, ob es überhaupt noch schlimmer hätte kommen können. Nein, sicher nicht. Zumindest konnte er sich das nicht vorstellen.

So trieb es ihn am nächsten Morgen ausnahmsweise sehr früh auf die Beine. Doch als er die Tür seines Pensionszimmers öffnete, erstarrte er.

Zwei Stockwerke unter ihm kamen zwei New Yorker Polizisten die Treppen heraufgestiegen. Und einer von ihnen trug etwas in der Hand, das Geoffrey gestern noch zu einem geradezu sensationellen Preis an einen völlig unerfahrenen Neueinsteiger verkauft hatte.

Die Panik kam wie eine Flutwelle über ihn. Er schaffte es gerade noch, die Tür geräuschlos hinter sich zuzuziehen, abzusperren, sein ganzes Geld an sich zu reißen, über das Fenster aufs Dach zu steigen und von dort so rasch wie möglich die Nachbarhäuser zu überqueren.

 

*

 

Susan Winslow hatte hingegen wie ein Murmeltier geschlafen. Es war ein fantastisches Fest gewesen. Sie liebte ihre Arbeit und verrichtete sie voll Hingabe. Ihr wäre es lieb gewesen, wenn Geoffrey nur einen geringen Teil ihrer Ruhe und Ausgeglichenheit sein eigen hätte nennen können. Seinem unsteten Wesen hätte dies in jedem Fall nur zugute kommen können. Davon war sie überzeugt.

Natürlich hatte sie kein eigenes Zimmer. Sie teilte ihre Unterkunft mit Rebecca Shapiro, die zwar äußerst klatschsüchtig, aber dennoch eine gute Freundin war.

Die Zimmergenossinnen waren wieder früh aufgestanden. Für Hausmädchen gab es bereits genug zu tun, noch bevor die Herrschaft aufstand.

„Und?“ Sie mussten rasch hinuntergehen, aber Rebecca konnte ihre Neugier und Ungeduld nicht länger bezähmen. „Hast du ihm erzählt, dass du schwanger bist?“

„Ich habe es ihm am Büfett zugeflüstert“, gestand Susan.

„Und denkst du, er hat es dir abgenommen? Manche Männer muss man erst zu ihrem Glück zwingen.“

„Er wird die richtige Entscheidung treffen, Rebecca, das fühle ich ... nun ja ... ich hoffe es zumindest ... und dann werden wir weitersehen.“

In der Tat hätte Geoffrey Bonneville bereits seine Entscheidung getroffen. So sehr er bisher am Stadtleben gehangen hatte, so rasch hatten ihn zwei kurze Momente überzeugt, dass es zum gegenwärtigen Zeitpunkt womöglich doch besser war, seinen Onkel im fernen Westen aufzusuchen.

Ein weiter Weg ... der dafür die höchste Garantie bot, sämtliche Spuren zu verwischen. Und ein neuer Anfang. Geoffrey hatte gehört, dass Geld im Westen eher knapp war. Nun, dann hatte er genug bei sich, um einen guten Einstieg in ein neues Leben zu finden.

Nicht ohne Wehmut wurde ihm bewusst, auf wie viele Annehmlichkeiten der Zivilisation er dabei würde verzichten müssen.

Das Fort seines Onkels sollte an einem Fluss namens Green River liegen. Nähere Beschreibungen hatten nie besonders einladend geklungen.

Absolutes Neuland. Dort musste er hin.

 

 

EIN MANN GEHT NACH WESTEN

 

 

Colonel Aaron Burr hatte seine Eigenheiten. Einem Mann von 76 Jahren waren sie schwerlich auszureden.

Eine davon, die er in den letzten Jahren immer häufiger praktiziert hatte, bestand darin, oft bis nach Mitternacht im inneren Büro seiner Anwaltskanzlei sitzenzubleiben, die er immer noch aktiv betrieb, um in diesen Stunden der Einsamkeit zu brüten und zu sinnieren. Er war ein ruheloser Mann und zeit seines Lebens nicht anders gewesen.

Die zerschlissenen Filzvorhänge vor den verstaubten Fensterscheiben ließen schon tagsüber das Sonnenlicht nur in einem gedämpften Grün einfallen. Leicht überkam einen dann das Gefühl, sich in einem Aquarium zu befinden.

Nachts war es noch faszinierender. Nur undeutlich waren die hohen Regale mit zerfledderten Gesetzesbüchern, der Arbeitstisch, die hohen Papierstöße und die abgewetzten Ledersessel noch erkennbar. Das fast nicht wahrnehmbare Mondlicht schien eine Wasserwelt zu beleuchten, auf Meeresgrund hinunter zu dringen. Dann begannen die Gedanken dahin zu treiben.

Aaron Burr hatte in solchen Nächten dann tatsächlich das Gefühl, auf den Boden eines Meeres gesunken zu sein, dessen Wasser mit dem Druck seiner eigenen unsteten Vergangenheit auf ihm lasteten. Seine jahrzehntelang gehegten Träume, seine ganzen ehrgeizigen Projekte, sein gesamtes Streben und sämtliche hochfliegenden Träume waren mit ihm untergegangen.

Er hatte die Alte und die Neue Welt bereist, deren zweithöchster Mann er einst gewesen war. Er hatte alle seine Freunde und Feinde längst überlebt. Beinahe alle. Was außer schmerzhaften Erinnerungen hatte ihm das Leben überhaupt gelassen?

Ebenso schwer lastete das Scheitern seines letzten großen Bestrebens auf ihm; Scheitern in hoher Potenz: Die Mächte, die er in Bewegung gebracht hatte, hätten das Gesicht dieses Kontinents verändert, wenn sie nicht letztendlich durch einen einzigen Mann gebremst worden wären, dessen alleiniges Wissen um die Zusammenhänge ihn und seine höchsten Ambitionen schließlich zu Fall gebracht hatten.

Was blieb jetzt noch?

Schwerfällig erhob sich der alte Mann aus dem knarrenden Sessel. Es war an der Zeit, heimzugehen. Er griff nach seinem Schlüsselbund, um die Tür zu seinem ureigensten Reich hinter sich abzuschließen.

Als er sie öffnete, konnte er sofort alle Einzelheiten erkennen, da die Vorhänge des benachbarten Raums nicht zugezogen worden waren und so mehr Mondlicht hereinfallen ließen.

Deshalb raste der Schreck wie ein Stromschlag durch seinen altershageren Körper, als er erkannte, dass auf einem der Stühle ein Mann saß, der offensichtlich auf ihn gewartet hatte und ihm nun sein Gesicht zuwandte.

„Eine wunderbare Nacht, Colonel. Warum hätte ich Sie schon früher aus Ihrer Versunkenheit reißen sollen? Wir haben noch genug Zeit, finden Sie nicht?“

Burrs Schrecken war rasch verflogen. Er hatte in seinem Leben anderes überstanden und konnte sich auf Situationen einstellen. Dieser nächtliche Besucher war nicht ohne eine bestimmte Absicht gekommen; somit galt es, diese herauszufinden. Also musste man ihm weiter das Wort überlassen.

„Was soll Ihr Schweigen bedeuten?“, fuhr der Eindringling fort. „Hat es Ihnen absolut die Sprache verschlagen oder sollten Sie mich gar nicht mehr erkannt haben? Das Alter mag so seine Schwierigkeiten mit sich bringen.“

„Ich habe Sie wohl erkannt“, erwiderte der frühere Vizepräsident der Vereinigten Staaten.

„Ganz sicher?“

„Zumindest mit dem Familiennamen habe ich keine großen Schwierigkeiten.“

„Was für eine gerissene Antwort. Sie sind noch ganz der alte Fuchs. Wirklich schade, dass zuletzt alles schiefgelaufen ist.“

Aaron Burrs Gehirn lief bereits auf Hochtouren. Der unerwünschte Besucher saß auf dem Stuhl, den normalerweise sein Kanzleisekretär in Beschlag nahm, wenn Burr ihm etwas zu diktieren hatte. Dies tat er gewöhnlich sitzend vom gegenüberliegenden Schreibtisch aus, vor dem sein Diktiersessel stand, auf dem er sich am besten konzentrieren konnte.

„Die verschiedenen Prozesse entwickelten eine Eigendynamik und gerieten außer Kontrolle. Es war nicht meine Schuld.“

„Ebenso wenig war es die Schuld jenes Menschen, der mir mehr als alle anderen bedeutet hat. Seine Spur ist verschollen. Sie sind der einzige, der mir sagen kann, wo er sich zuletzt aufgehalten hat, denn Sie haben ihn dorthin geschickt.“

Auf Burrs Schreibtisch stand eine große Tischlampe, deren Kerzenhalter gekrümmten Tulpenkelchen ähnelten, auf deren „Hinterkopf“ die Kerzen gesetzt wurden. Mit einer absolut ruhigen und unverdächtigen Bewegung, die für den Betrachter wiederum als leicht nachvollziehbare Nervosität gedeutet werden konnte, umfasste der alt gewordene Rechtsanwalt den Lampensockel und zog ihn näher an sich heran.

„Sie wissen das doch selbst, weil ich es auch mit Ihnen abgesprochen hatte; soweit waren Sie alle beide in meine Pläne eingeweiht.“

„Offensichtlich nicht tief genug. Was ist mit ihm geschehen?“

„Wenn Sie gekommen sind, um dies über mich herauszufinden, dann war Ihr Besuch vergeblich. Seit er mich mit meinen letzten Anweisungen verlassen hat, habe ich ihn nicht mehr gesehen und auch nichts mehr von ihm gehört. Das aber mussten Sie bereits vorher wissen. Was also ist der eigentliche Grund Ihres nächtlichen Hausfriedensbruchs?“

„Alles zu erfahren, was wirklich geschah. Und Sie zu töten, wenn Sie sich weigern sollten, die Wahrheit preiszugeben “

Das hörte sich überzeugend an. Nur war Burr noch weitaus stärker davon überzeugt, dass ihn der andere auch dann nicht am Leben lassen würde, wenn er ihm gestanden hätte, was mit dem Mann geschehen war, den er suchte.

„Sie wissen, dass er in meinem Auftrag weit nach Westen musste. Er hatte am Green River eine bestimmte Aufgabe zu erledigen.“

„Und? Hat er sie erledigt?“

„Gerade das wüsste ich selbst gern. Ich habe seitdem nichts mehr von ihm gehört.“

„Das waren zwei Lügen auf einmal. Sie wissen nämlich, wie die Sache ausgegangen ist. Es war sogar in einigen Zeitungen zu lesen. Wie war der Name des Mannes, auf den sie ihn letztendlich angesetzt haben und mit dem er am Green River nicht zum ersten Mal aneinandergeraten ist.?“

„Kit Carson.“

„Dann weiß der am besten, wo der Mann abgeblieben ist, den Sie wie mich lange genug als Werkzeug Ihres Machthungers benutzt haben.“

„Sie waren aus freien Stücken dabei, und für Sie ist damals eine Menge Geld herausgesprungen. Ihnen selbst hat es das größte Vergnügen bereitet, einen Kongressabgeordneten, einen Präsidentschaftskandidaten und sogar den Leiter der amerikanischen Nationalbank an der langen Leine zu führen.

Kit Carson war einer der Hauptverantwortlichen dafür, dass meine groß angelegte Verschwörung gescheitert ist. Wenn jemand über den Verbleib des Mannes, den Sie suchen, Bescheid wissen müsste, dann er. Suchen Sie ihn auf und fragen Sie ihn. Ich bin zu alt dafür, falls Sie das noch nicht selbst gemerkt haben sollten.“

„Ihren Vorschlag werde ich auf jeden Fall beherzigen. Aber sind Sie sicher, dass Sie mir auch wirklich alles gesagt haben?“

,Alles, was ich selbst weiß, in jedem Fall.“

Der Eindringling im Dunkel räusperte sich.

„Schade. Ich hatte mir mehr erhofft. Nachdem ich auf das Überraschungsmoment angewiesen sein will und auch werde, ist es entscheidend, dass es für mein Vorhaben keinen Mitwisser geben darf.“

Spätestens als sein Gegenüber ruhig und bedächtig ein Messer aus der Scheide zog, das im Mondlicht auffunkelte, war Burr klar, was der andere damit meinte. Er durfte gerade in den kommenden Sekunden nicht die Nerven verlieren.

Langsam und unauffällig. beugte er sich zum nächststehenden Kelch der Tischlampe vor.

„Mr. Burr, sind Sie noch da drin?“, erklang unvermittelt eine sonore Stimme aus dem Vorzimmer. „Erschrecken Sie nicht. Ich bin ’s, Hutchkins, Ihr Sekretär. Ich komme jetzt hinein zu Ihnen.“

In dem Moment, in dem Burrs unerwünschter Besucher zusammenzuckte, herumfuhr und der Stimme lauschte, sprang der Sechsundsiebzigjährige wie ein Jüngling aus seinem Sessel, fegte in sein Allerheiligstes, schlug die Tür hinter sich zu und drehte den Schlüssel, bevor sich der andere gegen ihre Fassung aus Eichenholz werfen konnte.

Burr wich zur Seite, während er den senkrechten Balken in die Horizontale schlug, der die Tür verbarrikadierte. Er fischte eine geladene Pistole aus der Schreibtischschublade, zerschlug mit ihrem Knauf das Fenster, schoss hinaus und rief in die Nacht:

„Überfall! Überfall! Holt die Polizei! In meinem Büro ist ein Räuber! Polizei! Polizei!!“

Der Eindringling wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Mit zwei Schüssen gelang es ihm, das Schloss zu sprengen, aber als er sich erneut mit voller Wucht gegen die Tür warf und sich dabei schmerzhaft die Schulter prellte, wurde ihm sofort klar, dass der andere ein entscheidendes Hindernis zwischen sich und ihn gebracht hatte.

Das Fenster!

Aaron Burr hörte, was der andere vorhatte. Rasch die Pistole nachgeladen und sich hinter dem großen Sessel verstecken war eine Sache von Sekunden.

Als er den Schatten des Eindringlings am Fenster auf den Vorhängen erkannte, feuerte er erneut. Die Schüsse von draußen, die als Antwort kamen, gingen nicht auf das Konto des versuchten Mörders, sondern erklangen bereits von unten, von der Straße. Die Polizei hatte mit der gewohnten Schnelligkeit reagiert.

Burr beglückwünschte sich zu seinem Einfall, damals aus dem Nachbarbüro eine Sprechleitung ins Vorzimmer gelegt zu haben, mit der er auf Bedarf und ohne Umstände seinen Sekretär zu sich rufen konnte. Er hatte sein Faible für technische und andere Spielereien erst in der Alten Welt entwickelt, wo er sich streckenweise durch handwerkliche Arbeit hatte durchbringen müssen, als er nach seiner ersten gescheiterten Verschwörung aus den Vereinigten Staaten hatte flüchten müssen. Und seine Stimme zu verstellen war ihm noch nie schwergefallen.

Die Geräusche auf dem schrägen Dach verrieten, dass der Eindringling das Weite suchte. Dennoch ließ Burr noch etwas Zeit verstreichen, bis er sich durch Rufe den Polizisten zu erkennen gab, bevor er ans Fenster ging.

Vor seinem Bürohaus war eine ganze Menschenmenge zusammengelaufen. Burr schilderte in kurzen Worten, was geschehen war. Ein geplanter Diebstahl, der beinahe zum Raubüberfall geraten wäre.

Mehr durften die Leute nicht wissen. Seine Überzeugungsgabe war seit jeher überwältigend gewesen, und nach der Flucht des Eindringlings war keine Gegendarstellung zu erwarten.

Vielleicht aber hatte dieser noch die Nerven besessen, sich seine Erklärung an die Polizisten anzuhören. Er musste dann spätestens jetzt wissen, dass Burr ebenso wenig Wert wie er selbst darauf legte, die Vergangenheit an die große Glocke zu hängen.

Mit gegenseitigem Mitwissen ließ sich leben.

Dennoch würde der ehemalige Vizepräsident für die kommenden Wochen Leibwächter anheuern. Aber Burr ging insgeheim weit eher davon aus, dass sein Bedroher so rasch wie möglich nach Westen ziehen würde, um sich Kit Carson vorzunehmen, dem seine eigentlichen Rachegedanken galten.

Aaron Burr kannte diesen sympathischen jungen Trapper, der zusammen mit Ezekiel Calhoun seine hochgesteckten Pläne wie ein Kartenhaus hatte zusammenfallen lassen.

Sympathisch, ja ... das war das richtige Wort. Ein aufgeweckter, verständiger junger Bursche, wagemutig, der keine Angst vor Neuem und Unbekanntem hatte. Offensichtlich auch in der Lage, komplexere Zusammenhänge zu begreifen und die Finten und Finessen der Machtpolitik zumindest ansatzweise nachvollziehen zu können.

Er wäre ebenfalls ein guter Verbündeter gewesen. Aber jemand, den ein alter Fuchs wie Ezekiel Calhoun unter seine Fittiche genommen hatte, musste darüber hinaus noch ein von Grund auf anständiger Mensch sein, dessen Interessen niemals gegen die anderer gerichtet waren, solange sie sich als gerechtfertigt und maßvoll erwiesen. Aus Burrs Sicht wurde er damit bereits wieder langweilig und untauglich. Was, wohlgemerkt, an der grundsätzlichen Sympathie nicht das Geringste änderte.

Wegen des Mannes, der sich nun bald an Kit Carsons Fersen heften würde, beneidete er den früheren Gegner nicht länger um seine Jugend. Möglicherweise war die Lebenserwartung des jungen Trappers dadurch bereits weit geringer geworden als seine eigene.

Es gab indes keinen Grund, Mitleid zu empfinden. Jeder musste mit den Folgen seines eigenen Handelns leben.

 

 

VOR DEM RENDEZVOUS

 

 

Kit Carson und Jim Bridger würden nicht auf dem Landweg, sondern mit dem Kanu kommen. Die Uferböschung bot idealen Schutz. Von hier aus, war Randy Custard überzeugt, konnte man die beiden wie Tontauben abknallen.

„Sein Caché in eine Steilkippe zu graben ist ausgesprochen dämlich“, führte Phil Dabott, der neben ihm verborgen lag, seine eigenen Gedanken fort. „Gut, so sind die darin aufbewahrten Biberfelle vor anderen wilden Tiere sicher. Was aber, wenn so eine Sandbank einstürzt? Sie trägt die Felle davon, und wenn der Trapper Pech hat, ersäuft er dabei, falls er gerade drin ist.“

„Bridger und Carson kochen auch nur mit Wasser“, stimmte Custard zu. „Die sind weit schlechter als ihr Ruf, der ihnen vermutlich so zu Kopf gestiegen ist, dass ihnen an lebenswichtigen Kleinigkeiten gar nicht mehr gelegen ist. Natürlich, sie haben schon viel auf die Seite gebracht, weil sie nie ihr Geld verpulvern. Der Schlag soll sie treffen.“

„Das mag besser für unsere Schüsse gelten, Randy. Aufs Herz halten, empfehle ich dir.“

„Im Boot sitzen sie hintereinander. Sobald wir den Vordermann erwischt haben, ist der andere gewarnt.“

„Du nimmst den Vorderen. Erwische ich den zweiten dann nicht sofort mit meiner Büchse, dann eile ich mit meiner Pistole am Ufer entlang; während du nachladen und mir folgen kannst. So kann er nirgends aus dem Fluss, da dieser zu breit und zu schnell ist, um auf die andere Seite hinüber tauchen zu können. Halte dich ruhig weit hinter mir, falls er versucht, sich unter Wasser so weit wie möglich vorwärtstreiben zu lassen.“

Randy Custard hob bestätigend den Daumen. Er wusste bereits genau, wie er das Geld verbraten würde, das sie für die zusätzlichen Felle bekommen würden.

„Sobald sie tot sind, stopfen wir sie in ihr eigenes Caché“, schlug er vor. „Dann können ihre Leichen in der Fellhöhle verfaulen, die sie selbst angelegt haben.“

 

*

 

Kit Carson hatte im hinteren Teil des Kanus Platz genommen. Er ruderte nach beiden Seiten, während Jims Paddel in Ruhestellung vom quer auf beiden Bootswänden auflag, wobei es niemals wegrollen konnte, solange es dem jeweiligen Vordermann als Schlafstütze diente.

Die Fransen auf der Jacke vor Kit bewegten sich nur mit den leichten Wellen. Kit war diesem einmaligen Kleidungsstück vor sechs Jahren zum ersten Mal gefolgt. Jim Bridger war sein Lehrer in der Wildnis gewesen und hatte ihm alles beigebracht, was zum Überleben, Jagen und Fallenstellen notwendig war. Aus Lehrer und Schüler waren bald zwei unzertrennliche Freunde geworden.

Oft genug hatten sich ihre Wege danach getrennt. Sie hatten ihre Rastlosigkeit gemeinsam, aber nicht ihre Ziele.

Ihre Wiedersehen, in denen sie ihre tiefe Freundschaft jedes Mal erneut aufleben ließen, waren Verabredungen zur nächstmöglichen gemeinsamen Jagdsaison, von denen jede die letzte sein konnte - nicht allein aufgrund von Gefahr, sondern mangels weiterer Gelegenheit.

Längst waren sie beide alte Hasen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Trappern hatten sie eine stattliche Summe Geld auf der Bank, eine Einrichtung, die etlichen Felljägern überhaupt nicht bekannt war. Viele ihrer Kameraden mussten sich ihre Ausrüstung von den Pelzhandelskompanien vorstrecken lassen, was ihren Endgewinn beträchtlich schmälerte.

Jim und Kit - dieser spätestens seit seiner Teilnahme an der Swann-Expedition, die ihn geradezu wohlhabend gemacht hatte - konnten sich die beste Ausrüstung, zusätzliche Annehmlichkeiten für das Leben in der Wildnis und eine starke Position bei ihrer Gesellschaft erlauben. Nur wenige hatten ihre große Erfahrung, nur wenige kannten derart gute Reviere, kamen so gut mit den ansässigen Indianern aus, und noch weit weniger verstanden es, sich so vortrefflich ihrer eigenen Haut zu erwehren, wenn es die Lage erforderte.

Jim aber zog es allmählich vor, Handelsposten einzurichten und zu betreiben. Eines Tages würde er sesshaft werden, und das war etwas, wonach Kit noch lange nicht der Sinn stand. Dann würde ihre gemeinsame Zeit vorbei sein. So würde es kommen ja ... doch wozu etwas bedauern, das erstens ohnehin unvermeidlich war und das zweitens erst noch in ungewisser Zukunft bevorstand?

Kits Gedanken kehrten zurück in die Gegenwart. Bald würde das Kanu den Uferabschnitt passieren, an dem spätestens dann keine Zeit mehr für Träumereien sein würde.

 

*

 

Phil Dabott hatte die besseren Augen.

„Sie kommen“, flüsterte er heiser vor Aufregung. „Da hinten, siehst du?“

„Geduld“, raunte Randy Custard scharf zurück. „Wehe, du lässt dich nervös machen und feuerst zu früh.“

„Keine Sorge.“

Der Vordermann des Kanus schien zu schlafen, da sein Oberkörper nach vorne gesunken war. Der Hintermann zog sein Ruder ein, um sich das letzte Stück treiben zu lassen. Nur wenige korrigierende Paddelschläge, und das aus Birkenrinde über einem Skelett aus Tannenholz gefertigte Boot trieb auf die Stelle zu, an der das Cache lag.

Dabott brachte es tatsächlich fertig, sich mit dem Schuss so lange zu gedulden, bis er nicht mehr fehlgehen konnte.

Mit dem Krachen des Schusses wurde der Körper vor ihm nach hinten geworfen. Kit riss ihn mit sich seitlich aus dem Boot. Das Kanu kenterte durch diese abrupte Gewichtsverlagerung und trieb mit dem Kiel nach oben weiter.

„Ich sichere flussauf- und du flussabwärts!“, zischte Custard. „Schieß zweimal auf ihn, sobald sich irgendeinen Kopf zeigt!“

„Selbstredend“, erwiderte Dabott. „Wozu habe ich zwei geladene Pistolen bei mir?“

Schon hatten sie sich getrennt. Aber so sehr sie auch in beiden Richtungen beide Uferseiten lückenlos absuchten, so wenig zeigte sich einer der ersehnten beiden Köpfe. Das Kanu der beiden Trapper war längst abgedriftet. Aufgrund der Stelle, an der es geschwommen war, als der Schuss gefallen war, hätte es eigentlich längst ans Ufer treiben müssen.

 

*

 

Dies tat es eine ganze Meile flussabwärts, und dort nicht aus eigenem Antrieb, während Custard und Dabott immer noch vergeblich weiter oben auf ihre Opfer warteten.

Kit Carson hatte die Luft, die das Kanu beim Umkippen auf die Wasseroberfläche in seinem Inneren bewahrt hatte, bis hierher und nicht weiter gereicht. Hier am Ufer konnte er die untenliegende Bordkante unauffällig so weit heben, dass frische Luft hereinkam. Er atmete tief durch und schüttelte seine nass gewordene dichte blonde Mähne, die er schulterlang trug, in alle Richtungen.

Ansonsten war es nicht so schlimm gewesen, sich unter Wasser treiben zu lassen. Er hatte sich im Bootsinneren gut festhalten können, und die am Kanuboden befestigten Pistolen waren ebenfalls trocken geblieben.

Nicht einmal auf seine heißgeliebte Hirschlederjacke würde Jim verzichten müssen. Ihr Inhalt - das Gras, mit dem sie zu einer Puppe ausgestopft worden war, die ziemlich echt ausgesehen hatte - war zwar durch das Flusswasser größtenteils heraus gespült worden, trieb aber, da es ebenso wie der breitrandige Hut an einer starken Schnur befestigt war, ebenfalls unter dem Kanu mit. Nach dem Trocknen würde sich das Hirschleder zwar etwas steifer beim Tragen anfühlen, aber das machte einem echten Trapper wenig aus. Es gab einige, die ihre Sachen nachweislich länger als zwanzig Jahre getragen hatten.

Kit und Jim hatten mit diesem Hinterhalt gerechnet. Sie wussten, dass jemand hinter den Beteiligten stand. Also hatte Jim beritten am gegenüberliegenden Flussufer einen weiten Bogen geschlagen, um ihn ungesehen hinter der nächsten Krümmung überqueren zu können. Das Präriegras wuchs auf beiden Seiten brusthoch.

Der junge Trapper befreite die Pistolen vom Kanuboden und rollte sich an Land. Er zog das Boot so weit hinter sich her, dass es nicht mehr fortgeschwemmt werden konnte, und begann zu warten.

Von hier aus war die Krümmung zu sehen. Jim hätte sich eigentlich längst bemerkbar machen müssen. War etwas geschehen?

Kit dachte an seine Träume während der vergangenen Nächte. Washakie war darin vorgekommen - und Linda Carlisle, die er als tot im Golf von Kalifornien zurückgelassen glaubte. Beide hatten ihn gerufen.

Seit er vor Monaten dem Delaware gefolgt war und dort dem Schamanen Custaloga begegnet war, hatte Kit begonnen, Träumen besonderes Gewicht beizumessen.

Hatten die letzten bevorstehendes Unheil verkünden wollen?

Unwillig schüttelte er den Kopf. Dies war eindeutig die falsche Zeit, sich trübe Gedanken zu machen.

Gewarnt war er durch Jims Ausbleiben auf jeden Fall. Nun konnten sie zwar nicht mehr die beiden Männer im Hinterhalt gemeinsam in die Zange nehmen, aber das Überraschungsmoment war nicht verloren. Die beiden Halunken würden nicht mehr mit ihnen rechnen.

Es war sehr warm für die Jahreszeit, aber nicht warm genug, um in nassen Sachen herumzulaufen. Kit zog sich ganz aus, wrang zuletzt die beinlange baumwollene Unterhose aus, zog diese wieder an, schnallte den Gürtel seiner Wapitilederjacke um sie, steckte beide Pistolen hinein und zog geduckt los.

Zuletzt - die Strecke, die er bis zu dem von ihm und Jim angelegten Caché zurückzulegen hatte, konnte er mühelos am gegenüberliegenden Ufer ablesen - schlug er seine Schneise nach links, um weiter landeinwärts zu kommen und die Schurken aus einer gänzlich unerwarteten Richtung angehen zu können.

Endlich richtete er sich vorsichtig auf und erkannte die beiden Männer.

Custard und Dabott - wie Jim und er von Anfang an vermutet hatten.

Nachdem sie vergeblich sämtliche Ufer abgespäht hatten, musste ihnen klargeworden sein, dass es kein Mann so lange unter Wasser aushalten konnte. So gingen sie davon aus, dass Jim und er ertrunken waren, und hatten sich wieder zusammengefunden.

Jetzt, da er sie ausgemacht hatte, war es für den hochgewachsenen und sehnigen jungen Scout kein Problem mehr, sich den Halunken bis auf mehrfache Manneslänge unbemerkt zu nähern.

Präriehunde mieden diese Region wegen des hohen Grases, aber Maulwürfe hatten dagegen nichts einzuwenden. Kit kannte diesen Uferabschnitt wie seine Hosentasche und verharrte geduldig und regungslos, bis einer der beiden Schurken endlich in die Nähe kam. Ohne jeden Laut brachte er Arm und Waffe in die richtige Position.

Es war Custard. Tatsächlich geriet sein linker Fuß in ein Maulwurfsloch. Noch während er strauchelte, federte Kit hoch und schlug mit dem Knauf seiner Pistole zu.

Custard sank eben noch besinnungslos um, als Dabott mit schussbereitem Gewehr herumfuhr.

Kit schoss schneller und genau. Die Flinte fiel ins Gras, und Dabott griff nach dem blutenden Arm. Den Mann, der ihn verletzt hatte, erkannte er trotz seiner unvollständigen Kleidung auf den ersten Blick. Dieser verfinsterte sich.

„Sieh an, einer der beiden edlen Prärieritter ohne Furcht und Tadel“, knurrte Dabott. „Feine Art, einen Mann hinterrücks niederzuschlagen und den anderen anzuschießen. Prächtig für deinen bisher tadellosen Ruf, Carson.“

„Es steht noch nicht fest, ob jemand Gelegenheit bekommen wird, das weiter zu erzählen“, gab Kit zurück. „Binde deinen Kumpan.“

„Zum Teufel, ich verblute! Das rinnt ja wie wahnsinnig. Verbinde mich, Carson, wenn du nicht willst, dass ich ... “

„Wir reden darüber, wenn du erst deinen sauberen Partner verbunden hast. Und nun mach kein Theater, sondern feste Knoten.“

Zähneknirschend machte sich Dabott mit dem eigenen Wurfseil an die Arbeit, wobei er seinen Kumpan nicht wenig mit Blut besudelte. Aber dieser verfluchte Kit Carson sah im Moment nicht so aus, als ob mit ihm gut Kirschen essen wäre. Er überprüfte die Fesselung genau, als sie vollendet war.

Demonstrativ hielt Dabott ihm darauf den blutenden Arm hin. Nicht weniger demonstrativ bedeutete ihm der hochgewachsene blonde Trapper mit der Pistole, näher ans Ufer zu gehen. Er blieb hinter Dabott und rollte dabei den bewusstlosen Custard wie ein Fellbündel vor sich her.

Wo blieb Jim solange?

Als sie dem Cache näher kamen, fielen Kit im hohen Gras eine Schneise auf - und Hufabdrücke, die in beide Richtungen führten. Aber nicht von Jims Pferd.

„Wasch deine Wunde aus“, befahl der sehnige Scout.

Dabott gehorchte. Immer noch quoll Blut hervor, als er zu Kit zurück wankte, wobei er die verletzte Stelle nach oben hielt.

„Ich kann dein Hemd in Streifen reißen und dich damit verbinden, wenn du es jetzt ausziehst.“

Umständlich begann der Halunke, sein Oberteil mit der gesunden Hand aufzuknüpfen. So langsam er es sich vom Leib schälte, so schnell flog es auf Kit zu, sobald das Werk vollbracht war. Und zugleich setzte Dabott mit einem Riesensatz nach, solange der verfluchte Trapper abgelenkt war.

Nicht lange genug. Kit setzte ebenfalls vor und riss sein rechtes Knie hoch, mit dem er Dabotts Kinnlade voll und richtig erwischte. Der Pelzräuber folgte seinem Kumpanen ins Reich der Bewusstlosigkeit, und Kit verband ihm nur notdürftig den Arm, bevor er ihn ebenfalls fesselte.

Die Schneise im hohen Gras gefiel ihm nicht. Er kletterte zum Cache hinunter und stieg hinein.

Es war leer geräumt bis auf das letzte Biberfell.

 

*

 

Custard war als erster wach geworden. Kit ließ ihn zusehen, wie er Dabott mit Fußstößen an die Kante des steilen Ufers rollte.

„Gefesselt und bewusstlos dürfte er nicht lange über Wasser bleiben“, verriet der junge Scout dem Schurken. „Wo sind die Felle abgeblieben?“

Custard lachte blechern.

„Mich legst du nicht herein. Kit Carson bringt keinen wehrlosen Mann um.“

Damit lag er nicht falsch. Für Kit wäre es eindeutig besser gewesen, wenn Dabott als erster wach geworden wäre. Er versetzte diesem einige Tritte, die er noch lange spüren würde, die ihn aber zunächst erst einmal wieder zur Besinnung brachten.

„Wir marschieren, Männer.“

„Unsere Pferde ... “

„Kann mir denken, wo sie sind. Vorwärts.“

Nur ein Pferd, das bis hierher und wieder zurück gegangen war. Weiters las Kit aus den Spuren, dass die Hufabdrücke auf dem Rückweg tiefer saßen und wiederum von den Spuren der beiden Schurken übertreten worden waren. Einen Teil des Geschehens konnte er sich damit erklären, aber immer noch nicht, wo sein Freund Jim Bridger abgeblieben war.

Eine Dreiviertelstunde später überquerten sie eine Hügelkette, und an ihrem Fuß gab es unvermittelt mehr als genug Spuren.

„Das ändert die Situation, Jungs“, erklärte Kit. „Ich muss euch leider ins Caché zurückbringen und dort so lange lassen, bis die Sache bereinigt ist. Aber keine Sorge. Ihr werdet eurer Strafe keinesfalls entgehen.“

Die beiden Schurken begannen zu protestieren, aber Kit blieb hart.

Er musste diesen Zeitverlust in Kauf nehmen, um einen noch größeren zu vermeiden. Mit den Pferden der Halunken war nicht mehr zu rechnen, und auf seinem weiteren Weg hätten sie ein zumindest doppeltes Hindernis dargestellt: Neben der zeitlichen Belastung war es auf keinen Fall angebracht, sich zusammen mit ihnen an ihre möglichen Verbündeten anzuschleichen.

 

 

DIE SACHE KLÄRT SICH

 

 

Mit sämtlichen Waffen der Fellräuber am Leib rannte Kit zu der Stelle zurück, an der er mit den Burschen umgekehrt war, und orientierte sich erneut. Den Pferdespuren zu folgen war das Einfachste an der ganzen Angelegenheit. Das Schwierigste mochte das Erkennen der Beteiligten und der Zusammenhänge sein.

Diese Ecke des Kontinents war noch wild. Als Trapper musste man sich zwischen Schoschonen und Blackfeet zurechtfinden, die einander selten grün waren. Die Engländer waren auf ihre ehemaligen Kolonisten, die sich längst selbständig gemacht hatten, ebenfalls nicht gut zu sprechen, und die Rocky Mountain Fur Company sowie die American Fur Company hatten mit der Hudson’s Bay Company so manches Hühnchen zu rupfen, wobei in der Wildnis meist die beteiligten Trapper Federn ließen.

Zu den Schoschonen hatten die Pioniere das beste Verhältnis. Erstens waren sie von Haus aus dem Frieden stärker zugetan, zweitens sorgte die umsichtige Führung unter Cameahwait und Kits Freund Washakie für ihre Sicherheit und relativen Wohlstand. Allen dreien lag daran, dass es so blieb.

Für Kit stand fest, dass die Spuren unbeschlagener Pferde von Blackfeet-Tieren stammen mussten. Nicht alle Angehörigen dieses Volks waren sesshaft, und nicht bei allen besaß Häuptling Black Rock, mit dem Kit seit ihrer ersten Begegnung einigermaßen zurecht kam, das gleiche Ausmaß an Autorität.

Aber Kit kannte die einen und die anderen. Er würde nicht in ihre Fallen laufen.

Er hatte über zwei Stunden benötigt, um ihr kleines Lager zu umschleichen. Aus einer völlig unerwarteten Richtung schritt er nun offen und mit gesenktem Gewehr darauf zu.

Das halbe Dutzend Krieger sprang auf die Beine, ebenso einer der beiden Weißen. Die andere blieb mit stoischer Ruhe sitzen, seine Flinte neben sich im Gras. Der einzige, der zur Waffe griff, war der stehende Weiße, doch bevor er eine Dummheit machen konnte, schwenkte Kits Gewehrlauf in seine Richtung.

„Es freut mich, dass ihr auf mich gewartet habt“, erklärte der junge Trapper.

„Klar. Ich hab’ ihnen gesagt, dass du kommst“, fügte der sitzende Weiße hinzu.

Es war Jim Bridger. Er passte deutlich nicht in die Runde, aber offensichtlich hatte es keiner gewagt, ihm zu nahe zu kommen. „Du hättest ihnen alles erklären können.“

„Dir glauben sie ’s eher, weil du nicht dabei warst.“

Einer der nicht sesshaften Blackfeet-Krieger deutete auf Jim.

„Er wollte dem anderen weißen Mann die Pelze rauben. Dieser gibt uns einen Teil von ihnen, wenn wir ihn sicher bis zu seinen Einkäufern bringen.“

„Fein“, lachte Kit, ohne den anderen Weißen aus den Augen zu lassen. „Damit machst du immer noch ein prächtiges Geschäft, Akins.“

„Das will ich meinen“, ergriff der andere das Wort. „Lieber einige kleine Abstriche als Fellräubern wie euch in die Hände zu fallen. Diese tapferen Krieger der Blackfeet sind meine Zeugen. Mein Glück, dass sie des Weges kamen.“

„Ist echt dumm gelaufen“, bekannte Jim. „Ich hab ’s so gemacht, wie wir ’s abgesprochen hatten. Kommt mir dabei doch glatt dieser Schnösel von der Hudson entgegen, sein Pferd bereits mit unseren sämtlichen Pelzen beladen. Die Burschen hier hatten ihr Lager seitwärts auf halber Strecke. Nun, wie du siehst, haben sie sich entschlossen, seiner Version Glauben zu schenken.“

Kit musterte die Krieger genauer. Keiner von ihnen machte einen besonders vertrauenerweckenden Eindruck. Dem Alkohol schien ebenfalls keiner abgeneigt.

Akins mochte da nachgeholfen haben. Jeder Weiße, der die Ureinwohner von diesem Fusel abhängig machte, war in Kits Augen eine Schande für sein ganzes Volk.

„Nun, Akins, bist ein tüchtiger Fallensteller“. Kit gab sich keine Mühe, den spöttischen Unterton in seiner Stimme zurückzuhalten. „Sicher Qualitätsware und vom Feinsten, wie immer. Mit Gütesiegel, damit man sieht, von wem ’s kommt.“

„Was soll der Quatsch, Carson?“ Akins schien sich in seiner Haut weniger wohl als vorher zu fühlen.

„Nun, ich denke, du markierst sie, damit jeder erkennt, von wem die Ware kommt, und damit sich keiner deine Pelze unter den Nagel reißen kann, ohne damit erwischt zu werden.“

„So einen Unsinn halte ich für absolut unnötig.“

„Du hast sie nicht markiert? Echt nicht?“

„Nie im Leben.“

„Da hört ihr es“, erklärte Kit den Schwarzfuß-Kriegem. „Dabei hätte ich ihm bei seiner Klugheit und Umsicht unbedingt zugetraut, dass er auf die Innenseite zwei kleine Halbmonde in Grün eininkt. Hat sich beispielsweise bei meinen Pelzen bewährt.“

Akins erblasste. Jäh sah er seine Felle im buchstäblichen Sinne davonschwimmen.

„Schaut sie euch an!“, verlangte der hochgewachsene blonde Trapper von den Kriegern. „Schnürt eines der Bündel auf und seht hinein. Meinetwegen in das linke der beiden, die seinem Gaul noch aufgeschnallt sind. Los, schaut hinein.“

Die Blackfeet folgten nur zögerlich. Der Verdacht, dass Akins ihnen noch einiges mehr als Pelze versprochen hatte, verhärtete sich. Aber das offene Bündel bestätigte Kits Worte.

„Zwei Halbmonde“, räumte einer der Krieger nach Musterung der Felle widerstrebend ein.

„Halbmonde zu eurem Verständnis“, fügte Jim hinzu. „Bei uns nennt man das Buchstaben. Diese beiden ‚Halbmonde‘ stehen für zwei C. Und damit für für Christopher Carson.“

Kit nickte.

„In zwei Tagen bin ich bei Black Rock. Euren obersten Häuptling kennt ihr hoffentlich noch?“

Dabei war zu sehen, dass dessen Name gewaltigen Eindruck machte. Immerhin war er für alle Blackfeet der mächtigste Mann des Territoriums.

„Von eurem Verhalten hängt es ab, was ich ihm zu berichten habe“, ergänzte Kit. „Ihr könnt die versprochenen Pelze oder etwas anderes dafür durchaus haben - immer noch haben - wenn ihr wollt! Nämlich dann, wenn ihr mit meinem Freund, der bei euren Völkern Bull Throat genannt wird, die drei Pelzdiebe beim großen Rendezvous abliefert, wo sie sich dem Gericht und dem Beschluss der dort versammelten weißen Männer zu stellen haben.

Beratet euch! Mein Freund und ich steigen auf diesen nahen Hügel, um ebenfalls unter uns zu beraten. Möge einer von euch hochsteigen, sobald ihr einen Beschluss gefasst habt.“

 

*

 

Vom Hügel aus konnten Kit und Jim die sieben Männer gut im Auge behalten.

„Was willst du bei Black Rock?“, wunderte sich Jim. „In einigen Tagen beginnt das Rendezvous, und du willst dich absetzen.“

„Dass ich zu Black Rock will, ist ein Bluff, Jim. Dass ich mich absetzen will, ist allerdings richtig.“

„Nun, ich stelle fest, dass wir im Bluffen inzwischen schon fast so gut geworden sind wie im Jagen und Fallenstellen.“

„Damit meinst du jetzt unsere Cachés, nicht wahr? Diese drei Idioten sind tatsächlich überzeugt, unser Hauptlager entdeckt zu haben. Wenn die wüssten, dass ihnen nicht einmal ein Viertel unserer Ausbeute in die Hände gefallen ist, auf das sie jetzt wahrscheinlich trotzdem auch noch verzichten müssen ... hat schon seine Vorteile, wenn man für dumm gehalten wird. Die kommen nie im Leben drauf, dass dieses Flussversteck extra für Trottel wie sie zur Ablenkung eingerichtet wurde.“

„War deine Idee, und eine gute dazu. Aber sag, Bursche, warum willst du dich verdammt gerade jetzt wieder absetzen? Mittendrin ... wie damals bei Merriweathers Treck, als Linda Carlisle dich in ihre bezaubernden Fänge bekommen hat?“

„Hat wieder mit ihr zu tun, Jim.“

Jim Bridger schüttelte voller Nachdenklichkeit den Kopf.

„Du und deine Träume. Seit Nächten.“

„Seit ich damals dem Schamanen Custaloga am Delaware begegnet bin, gebe ich mehr auf Träume“, erwiderte Kit. „Lach mich nicht aus “

„Fällt mir im Traum nicht ein.“

Nun war es Kit, der lachte. Dann wurde er wieder ernst.

„Ich habe den Moment wiedergeträumt, in dem sie vom Missionsturm in die Tiefe gefallen ist. Aber sie fiel so langsam wie ein kleiner Stein in treibendem Flusswasser versinkt, und rief dabei: ‚Du verlässt mich. Du hast mich schon verlassen.’ Und dann habe ich von meiner ersten Holsterpistole geträumt.“

„Von deiner alten Rappahannock?“

„Von ihr. In Butlers Hand, wo ich sie zurückgelassen hatte. Doch er sah älter aus, und wohlgenährt, als wäre er nicht verhungert; als hätte er sich auch ebenso wenig mit ihr erschossen. Er lachte und war dabei, abzudrücken.“

„Dieser Teil deines Traums ist zweifellos am ehesten zu erklären. Natürlich verfolgt dich dieser gewissenlose Schurke im Traum. Sein damaliges Ende war mehr als verdient, aber du kannst nicht verwinden, wie du damals gehandelt hast. Eine solche Unbarmherzigkeit hast du nie wieder an den Tag gelegt. Das ist es, was dich im Traum verfolgt: ein schlechtes Gewissen. Aber dieser Butler hätte ein weit grauenvolleres Ende verdient gehabt.“

„Ich habe ihn gerichtet, ich. Hatte ich wirklich ein Recht dazu?“

„Mehr als das, Junge. Es war deine Pflicht, diese Welt von ihm zu befreien. Sie hat dadurch letztlich mehr gewonnen als verloren.“

Sie sahen, wie sich einer der Blackfeet aus der Gruppe löste und den Hügel heraufkam.

„Wir haben uns entschieden“, verkündete er. „Wir werden deinen Freund begleiten und die Felle sicher zum Rendezvous bringen.“

„Die richtige Entscheidung“, lobte Kit. „Ich werde sie Black Rock mitteilen. Und für die Ablieferung der drei Schurken wird die Company, für die mein Freund Bull Throat arbeitet, wohl auch noch etwas springen lassen. Wir kommen gleich zu euch.“

Der Blackfoot wandte sich um und ging wieder hinunter.

„Wenigstens regelst du immer alles, bevor du verschwindest“, stellte Jim Bridger wieder einmal fest. „Doch ich weiß immer noch nicht, wo du jetzt eigentlich so schnell hin willst.“

„Zu Washakie.“

„Ausgerechnet von ihm hast du jedoch nicht geträumt.“

„Aber irgendetwas sagt mir, dass der Schlüssel zu mindestens einem der Träume bei ihm liegt.“

Jim zuckte die Schultern. Er hatte seine Schwierigkeiten, dieser Argumentation zu folgen.

„Dann bring ihn mit zum Rendezvous, sobald ihr euch gefunden habt. Auf die paar Tage kommt es nicht an.“

„Danke, Jim. Geh du wieder runter zu den Kriegern und bleib bei ihnen, bis ihr Gäste bekommt.“

„Weißt du ... “ In Jims Augen war ein nachdenklicher Ausdruck getreten. „Manchmal denke ich, du hast in deinem jungen Leben einfach schon zuviel Entscheidendes erlebt und überlebt, um es noch anders als durch Träume verarbeiten zu können.“

 

*

 

Für den Rückweg ließ Kit sich naheliegenderweise weit mehr Zeit. Sie verging ihm trotzdem viel schneller, weil seine Gedanken bereits um die nahe Zukunft kreisten. Er freute sich auf das Wiedersehen mit Washakie, mit dem er sich seltsamerweise noch inniger freundschaftlich verbunden fühlte als mit Jim.

Dabott und Custard war es nicht gelungen, sich zu befreien. Sie hatten nur hochrote Köpfe bei dem Versuch bekommen, weil dabei ihre Oberkörper nach unten geraten waren.

Als Kits Schatten am Eingang des Cachés erschien, fuhren sie zusammen.

Der blonde Trapper schnitt sie los, ohne dabei ein Wort zu verlieren. Schließlich hielt Custard es nicht länger aus.

„Was ist los, Carson, verdammt?“

„Ihr könnt gehen.“

„Oha!“, freute sich Dabott. „Eine ausgesprochen gute Nachricht. „Heißt das ... Bridger ist noch bei unseren roten Freunden?“

„Ganz richtig.“

„Ich verstehe ... “ Custard grinste über das ganze Gesicht. „Sie rücken ihn nicht raus, was? Pech für euch, Carson ... aber nächstes Jahr ist wieder Saison. Neue Biber, neues Glück, hähähä!“

„Lacht ruhig unterwegs weiter. Es ist ein langer Fußweg.“

Die beiden Schurken wechselten betretene Blicke. In ihren Augen glomm Misstrauen auf.

„Du hast unsere Gäule nicht mitgebracht?“

„Wozu? Ich komme nicht mit euch zurück, ihr habt also zumindest eure Ruhe vor mir.“

Dabott lachte hämisch.

„Du hast wohl Angst, Carson, die Blackfeet könnten dich wieder einkassieren, so wie deinen prächtigen Freund Jim? Schön, dass wir diese Angst nicht haben, nicht wahr, Randy?“

„Ich könnte euch glatt um dieses Gefühl beneiden“, erwiderte Kit.

 

 

DER RACHESCHWUR

 

 

Aaron Burrs allzu aufdringlicher Besucher hatte Monate gebraucht, um an den Green River zu gelangen. Weit mehr Zeit als die Reise hatten ihn die aufwendigen Nachforschungen gekostet.

Schon zu Beginn des Unternehmens war ihm klar geworden, dass er es unter allen Umständen vermeiden musste, erkannt zu werden. Daher hatte er sich einen Vollbart wachsen lassen, den Oberlippenbart zu einem Schnurrbart erweitert und sein Haupthaar nicht mehr geschnitten. Es wuchs ihm inzwischen weit über den Kragen hinab. Die künstliche Farbe erneuerte er regelmäßig. Die Narbe über seiner linken Augenbraue, die bei seiner früheren Erscheinung auffällig gewesen wäre, trug nun um ein Weiteres dazu bei, ihn zu verstellen.

Seit einer halben Stunde war der Wald mit der großen Lichtung, den er durchritten hatte, immer kleiner geworden. Hinter ihm wiederum lag Fort Bonneville dem Auge verborgen, das er mit großer Umsicht gemieden hatte.

Noch war Geduld seine Stärke. Er wusste jetzt, dass sein Weg in die Berge führte, und hatte sich zur Genüge verproviantiert.

Mehr als ein halber Tag Suche auf dem steinigen Gebirgsgrund war vergangen, als sich der Mann mit dem stechenden Blick einem Geröllhang gegenüber sah, auf den er unvermittelt zuhielt, ohne sich darüber im Klaren zu sein, was ihn dazu bewog.

Er stieg von seinem Reittier ab, als er einer naheliegenden Felsspalte ansichtig wurde, die im oberen Teil noch unregelmäßig gestaltet war, während die Erosion den unteren Teil bis zum v-förmigen Zusammenlaufen der Wände nahezu blank geglättet hatte. Diese Gesteinsvertiefung war etwa jeweils eine doppelte Manneslänge breit und tief und bildete eine Art natürliche Wanne, aus dem bestenfalls eine Eidechse wieder hoch klettem konnte, aber niemals Wild.

Doch das, was seine erschrockenen Augen am Boden dieser Todesfälle zu sehen bekamen, war kein Wild. Das von Kleiderfetzen umhangene Skelett ließ keinen Zweifel daran, worum es sich handelte.

Das Herz des Suchenden begann mit einer Heftigkeit zu schlagen, die ihm Schmerzen bereitete. Er riss sich zusammen und bezwang seine Ungeduld so lange, bis es wieder ruhiger pulsierte.

Als es soweit war, legte er seinem Pferd die Schlinge des Wurfseils um den Hals und band das andere Ende um seine Hüften. Sodann ließ er sich vorsichtig in den Gesteinseinschnitt hinab.

Es mussten Ameisen gewesen sein, die dem Toten das Fleisch vom Leib gefressen hatten. Sie konnten noch auf den kärgsten Gebirgsgipfeln ihr Leben fristen, solange es nicht fror. Die zerrissene Kleidung schloss jedoch nicht aus, dass dem Leib zuvor noch Geierschnäbel und krallen zugesetzt hatten.

Behutsam ließ sich der Mann vor dem Skelett nieder, dessen Augenhöhlen ihn direkt anzustarren schienen.

Zwei Gegenstände hatten der regenarmen Witterung am erfolgreichsten getrotzt. Der eine war ein gut verschlossenes Lederetui, das zwischen Darm und Kreuzbein des Toten gerutscht war, und nach dessen Öffnen es für den erschütterten Suchenden keinen Zweifel mehr geben konnte, dass seine verzweifelte Suche ihr Ende gefunden hatte.

Der andere war eine Waffe, die als Holsterpistole bezeichnet wurde. Sie lag so in der rechten Skeletthand, dass klar war, wer aus ihr den letzten Schuss getan hatte.

Der Trauernde ließ seinen Blick über Elle, Speiche, Oberarmknochen und Halswirbel bis zu dem kleinen Einschussloch gleiten, das die rechte Schläfe des Schädels zertrümmert hatte. Dieser Mann hatte sich aus Durst oder Verzweiflung selbst getötet.

„Ich werde dich rächen, James“, presste der Mann bebend vor Wut und Hass hervor. „Dein Mörder wird noch langsamer und qualvoller auf sein Ende warten wie du. Und er wird es neben dir tun.“

 

 

UM CAMEAHWAITS LEBEN

 

 

Washakie schickte sich an, auf die Jagd zu gehen, als eine ältere Stammesangehörige auf ihn zu eilte.

„Du sollst bitte zu Cameahwait kommen.“

Der hochgewachsene junge Halbschoschone, der als Nachfolger des greisen Häuptlings ausersehen war, leistete dieser Aufforderung sogleich Folge.

Cameahwait lag auf seiner Ruhestatt, und seinem Gesicht war anzusehen, dass er Schmerzen hatte. Es war spitz geworden und blass. Auf der Stirn stand kalter Schweiß.

Jäh stieg Besorgnis in Washakie empor. Sein Gönner hatte ein höheres Lebensalter erreicht als jeder andere Mensch, den Washakie kannte, Ezekiel Calhoun ausgenommen, mit dem er in New Mexico zusammen mit Kit Carson etliche Abenteuer durchgestanden hatte.

„Soll ich Sacaja holen?“, wagte die Squaw einzuwerfen.

„Damit warten wir“, erklärte Washakie kurz angebunden. Dem alten Schamanen der Lemhi-Schoschonen, der bei einer Verschwörung gegen Cameahwait auf dessen Gegenseite gestanden und dabei seinen Sohn verloren hatte, traute er nicht die Heilung des Häuptlings, sondern weit eher das Gegenteil zu.

„Vielleicht doch“, erklang es schwach aus dem Mund des uralten Stammesoberhaupts. „Sacaja soll kommen.“

Washakie zog es vor, ihm nicht auf der Stelle zu widersprechen. Aber er würde keinen Schritt von diesem Lager weichen, solange der Medizinmann im Zelt war.

Die Squaw war bereits davongeeilt, und so dauerte es nicht lange, bis sie zu viert um Cameahwait herumstanden.

Sacaja und Washakie starrten sich grimmig in die Augen. Jeder las in den Gedanken des anderen. Der Schamane würde dem jungen Krieger nie vergeben, dass er es gewesen war, der seinen Sohn Ushopa getötet hatte – obwohl es zweifelsfrei und unbestritten in Notwehr geschehen war.

Sacaja senkte als erster den Blick und wandte sich dem liegenden Häuptling zu.

„Ich muss deinen Oberkörper betasten“, erklärte er ihm. „Brauchst du dafür Zeugen?“

„Ein Toter ist ein schlechter Zeuge.“ Von Sacaja ließ sich Washakie nichts sagen. „Ich bleibe auf jeden Fall neben dir.“

Der Medizinmann machte sich ans Werk. Washakie ließ ihn keine Sekunde aus den Augen.

Zusammenfassung

Jeder Mensch hat mindestens einen, doch meist mehrere Doppelgänger. Die Meisten jedoch begegnen ihnen während ihres ganzen Lebens nie. Falls aber doch, kann so ein Zusammentreffen durchaus glücklich ausgehen – doch bisweilen auch tödlich.
Kit Carson wird an Orten gesehen, wo man ihn kennt, doch zu Zeiten, wo er sich ganz woanders befindet. Ein Mann flieht aus New York vor den Folgen seiner Taten in den unerforschten amerikanischen Westen. Ein toter Verbrecher taucht bei einem alten Mitverschwörer erneut auf. Bald wachsen diese Geschehnisse zusammen. Denn der „Wiederauferstandene“ will Kit Carsons Tod. An ihm ist einst das größte Projekt seines Lebens gescheitert. Und dafür sucht er jetzt Rache.

Details

Seiten
200
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738916324
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
carson doppelgänger falschen

Autor

Zurück

Titel: Kit Carson #14: Ein Doppelgänger jagt den Falschen