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CHACO #33: Als Lohn nimm heißes Blei!

2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Chaco kommt erschöpft und abgebrannt in die kleine Stadt Red Dog und wird schon wenig später in eine handfeste Auseinandersetzung zwischen den Cowboys des Ranchers Warren und den Männern des Banditenführers Dole verwickelt. Eine dritte Gruppe von kleineren Ranchern wird von beiden Seiten bedrängt, und deshalb suchen sie einen kampferfahrenen Mann, der sie unterstützt. Chaco scheint in ihren Augen der richtige Mann für diesen Job zu sein. Man bietet ihm viel Geld dafür, und Chaco willigt ein. Aber dass er dabei beinahe selbst mit einem Bein im Grab steht, erkennt er erst, als es schon fast zu spät ist ...

Das Konzept zu CHACO wurde von Dietmar Kuegler entwickelt.

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Als Lohn nimm heißes Blei!

Klappentext:

Roman:

CHACO – Das Halbblut

 

Band 33

 

Als Lohn nimm heißes Blei!

 

Ein Western von Carson Thau

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/ Schottland, 2018

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

Klappentext:

Chaco kommt erschöpft und abgebrannt in die kleine Stadt Red Dog und wird schon wenig später in eine handfeste Auseinandersetzung zwischen den Cowboys des Ranchers Warren und den Männern des Banditenführers Dole verwickelt. Eine dritte Gruppe von kleineren Ranchern wird von beiden Seiten bedrängt, und deshalb suchen sie einen kampferfahrenen Mann, der sie unterstützt. Chaco scheint in ihren Augen der richtige Mann für diesen Job zu sein. Man bietet ihm viel Geld dafür, und Chaco willigt ein. Aber dass er dabei beinahe selbst mit einem Bein im Grab steht, erkennt er erst, als es schon fast zu spät ist ...

 

Das Konzept zu CHACO wurde von Dietmar Kuegler entwickelt.

 

 

Roman:

ln den ersten Strahlen der Morgensonne leuchteten die weißen Häuser von Red Dog am Horizont auf. Chaco war froh, dass seine Flucht zu Ende war.

Drei Tage und drei Nächte hatten sie ihn gejagt - quer über das Tafelland des Edward Plateaus und durch die Lavawüsten nahe der mexikanischen Grenze, und noch immer glaubte er, das Schlagen ihrer Hufe zu hören.

Vielleicht hätte er von Anfang an die Postkutschenstraße nehmen sollen. Sicherlich hätten sie ihn gerade dort am wenigsten vermutet, und auch das Pferd wäre mehr geschont worden. Aber er hatte die Abkürzung über die steinige Hochebene gewählt, und sie waren ihm gefolgt.

Das Pferd, ein kraftvoller Morgan-Hengst, den er bei Frühlingsanbruch den Cheyennes abgekauft hatte, war von ihm bis an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit getrieben worden. Am Ende des dritten Tages verlor es seine Trittsicherheit, und Chaco hatte gespürt, wie ein ständig wachsendes Zittern den mächtigen Leib des Tieres erschütterte.

Kurze Zeit später brach es sich den Vorderlauf in einem verlassenen Kaninchenbau, und er hatte es erschießen müssen.

Wie durch ein Wunder war er von seinen Verfolgern nicht bemerkt worden, als sie am silberschimmernden Sternenhorizont an ihm vorbei in die Einöde hetzten.

Und dann war plötzlich Margerita aufgetaucht, Margerita Perez. Aufgeschreckt von dem Todesschuss, den er seinem Pferd hatte geben müssen, stürzte sie aus dem kleinen Tor ihrer kargen Hochlandfarm. Sie hatte einen Winchesterkarabiner im Anschlag, sah aber nicht so aus, als wüsste sie, wie man mit so einer Waffe umgeht.

Sie war Witwe, aber noch jung. Die prallen Formen ihres verlangenden Körpers zeichneten sich deutlich unter ihrem schneeweißen Nachthemd ab. Chaco hatte sie erst heute Morgen wieder verlassen.

„Es war schön, dass du bei mir geblieben bist“, hatte sie ihm vor Tagesanbruch zum Abschied gesagt. „Es hat mir sehr viel bedeutet. Ich bin noch jung, und oft fühle ich mich sehr einsam.“

An der Art und Weise, wie er auf jedes Geräusch reagierte, und an seinen abwesenden Augen hatte sie sofort erkannt, dass er auf der Flucht war. Es war ihr schon in der Nacht aufgefallen. Aber sie stellte keine Fragen, und es war besser so.

„Vaya con Dios! Gott möge dich beschützen ...“ Sie blickte ihn wehmütig an, als sie diese Worte sprach. Noch einmal strich sie durch sein schwarzblau glänzendes Haar.

Er drückte ihr sein letztes Geld in die Hand.

„Ich will das nicht“, sagte sie entrüstet.

Aber sie hatte ihn mit frischer Kleidung versorgt und ihm ein neues Pferd zum Weiterreiten gegeben. Er wollte nicht, dass sie seinetwegen Mangel litt.

„Leb wohl, Margerita“, sagte er und schloss ihre Hand über den Geldstücken. „Ich danke dir für alles. Wenn Menschen kommen und nach mir fragen, was wirst du ihnen sagen?“

Margerita zögerte einen Moment. Dann schaute sie ihm in die Augen.

„Gar nichts“, sagte sie mit sanfter Stimme. Sie verstanden sich ohne Worte. Ein letztes Mal strich ihr Chaco über das Haar und ging dann zu dem Pferd.

Noch lange hatte sie in der geöffneten Tür ihres kleinen Holzhauses gestanden und ihm nachgeblickt, wie er davonritt.

 

*

 

Die ganze Nacht über hatten sie nach ihm gesucht. Im Morgengrauen waren sie dann unverrichteter Dinge abgezogen.

„Wohin sind sie geritten?“, fragte Chaco den alten Mexikaner am Eingang von Red Dog.

„Ich weiß es nicht genau, Senor“, erwiderte der Alte. „Sie ritten nach Norden.“ Seine knochigen Hände zeigten in die Richtung des Llano Estacado.

Da wusste Chaco, dass sie die Verfolgung aufgegeben hatten. Denn dort oben lag Dexterton. Und in Dexterton hatte alles angefangen. Sie ritten wieder nach Hause.

„Senor, kann ich jetzt gehen?“ Furcht flackerte in den Augen des Alten.

Chaco nickte kurz.

Wie der Blitz war der Mexikaner in einem kleinen Adobehaus, das einsam am Ortseingang stand, verschwunden. Chaco konnte hören, wie einige Riegel von innen vorgeschoben wurden.

Was ängstigte die Leute? Sicherlich waren Lamont und seine Männer gestern Nacht nicht zimperlich gewesen, als sie den Ort durchsuchten, aber sie waren inzwischen längst über alle Berge. Warum also, zum Teufel, versteckten sich die Menschen in ihren Häusern?

Chaco gab dem Pferd die Fersen und näherte sich vorsichtig dem Zentrum der Ortschaft. Seine Nerven waren aufs äußerste gespannt, aber das war ein Preis, den er fürs Überleben zu zahlen bereit war.

Die Plaza von Red Dog war verlassen und kein Mensch zu sehen. Die unnatürliche Stille barg Dynamit!

Aufrecht im Sattel sitzend lenkte Chaco das Pferd über den staubigen kleinen Marktplatz. Dann bog er in eine der Seitenstraßen ein, die in regelmäßigen Abständen von der Plaza abzweigten. Eigentlich war es mehr eine Hintergasse. Chaco bemerkte an ihrem Ende einen verfallenen Schuppen, der einem Mietstall nicht unähnlich sah. Er ritt darauf zu. Die Hufschläge des Pferdes schallten hohl von den verriegelten Häuserfronten wider.

Als er sich näherte, entdeckte er ein weiteres Gebäude, Wand an Wand mit dem Mietstall. Ein verwaschenes Holzschild baumelte von einem extra dafür angefertigten Gestell. Blue Bucket Saloon - Vilfredo Pareto, Besitzer.

Anscheinend war Vilfredo auch der Besitzer des Mietstalls, und Chaco versuchte sich gerade vorzustellen, wie es im Saloon zweifellos nach Pferdemist stank, als ihm die drei Männer auffielen.

Sie lungerten mit dem Gesicht zur Straße in dem weit geöffneten Tor des Mietstalls. Ihre Colts waren ungewöhnlich hoch geschnallt, und die Griffe zeigten quer von links über den Bauch.

Quickdraw-Schützen, dachte Chaco. Ein normaler Cowboy würde von so hochgeschnallten Colts nur bei der Arbeit behindert werden.

Aber diese Männer sahen nicht danach aus, als ob sie vorhatten, zu arbeiten. Ihr Blick war auf einen kleinen Mann gerichtet, der vor der Tür des Schmiedeschuppens auf der anderen Seite der Gasse stand.

Für eine Sekunde blickten sie zu Chaco auf, dann fassten sie wieder den kleinen Mann ins Auge.

Auch der Kleine hatte zu Chaco aufgeblickt unsicher und ein bisschen hoffnungsvoll, so als ob er Hilfe von ihm erwarte. Er sah ziemlich wüst aus. Das Gesicht war unrasiert und der fadenscheinige Überrock abgewetzt und glänzend. Seine Hosen waren seit Jahren nicht mehr gebügelt worden, und auch die schmutzverkrusteten Schuhe platzten allmählich aus den Nähten. Über seinem schmutzigen Oberhemd hingen schlaff und traurig die ausgefransten Enden eines Windsorknotens. Nur sein schwarzfarbiger Hut, ein Zwischending von Zylinder und Sombrero, wirkte neu und unbenutzt.

Die drei Männer wechselten schnelle Blicke, als Chaco seine Absicht erkennen ließ, zwischen ihnen und dem Kleinen hindurchzureiten.

Chaco sah, wie der Gesichtsausdruck des kleinen Mannes immer verzweifelter wurde. Er stöhnte leise und fischte einen völlig abgebrannten Zigarrenstummel aus seiner Jacke. Aber als er ein Zündholz angerissen hatte, zitterten seine Hände zu sehr, um ihn anzustecken.

Fluchend warf der Kleine den Stummel in den Staub, und Chaco setzte das Pferd in Bewegung. Sobald er sich zwischen den Männern und dem Kleinen befand, lösten sich die drei aus dem Schatten des Stalltors und traten auf die Straße.

Sie benutzen mich als Deckung, ging es Chaco durch den Kopf. Nicht nur, dass sie sich zu dritt gegen einen stellen, sie wollen ihr Risiko auch noch zusätzlich möglichst gering halten.

Chaco lenkte das Pferd ein.

„He, Amigos!“, rief er den Männern zu. „Ihr habt mich zwar nicht gefragt, ich will aber trotzdem nicht, dass ihr mich als Deckung benutzt. Sucht euch einen anderen nützlichen Idioten. Und fragt ihn vorher!“

Drei Augenpaare starrten ihn an. Inch für Inch tasteten sie ihn ab. Sie versuchten, ihn einzuschätzen. Ob es gefährlich sein würde, gegen diesen Mann zu kämpfen?

Einer der Männer, ein Junge mit sandfarbenem Haar und dem etwas irren Grinsen eines Killers, trat vor.

„Hör zu, frommer Pilger“, sagte er, „sieh zu, dass du weiterreitest, und wir vergessen, was du uns eben gesagt hast - so sehr es uns auch kränkt.“

Er holte aus und trat nach dem Bauch des Pferdes.

Chaco reagierte instinktiv. Er stemmte den linken Fuß samt Steigbügel vor und riss gleichzeitig das Pferd herum. Dabei zog er den Colt und feuerte.

Der Junge war vom Tritt des Stiefels in den Straßensand geschleudert worden, und einer der Männer rannte hinter seinem Hut her, den ihm Chacos Schuss vom Kopf gefegt hatte. Er stürmte geradewegs in Chacos noch immer ausgestreckten Fuß und wurde von der Wucht des Aufpralls in die Futterkrippe des Mietstalls geschleudert.

Der letzte der drei Typen hatte gerade gezogen, aber eine Kugel aus Chacos Peacemaker schlug ihm den Colt aus der Hand und zerschmetterte seinen kleinen Finger. Laut stöhnend presste er die verletzte Hand an den Körper.

Jetzt erst ging es den Männern auf, dass sie sich in Chaco verschätzt hatten.

„Fantastisch! Großartig! Gib’s diesen Ratten!“

Der kleine Mann hüpfte aufgeregt herum.

Am Ende der Straße tauchte der Sheriff mit entsichertem Gewehr auf, aber er hielt sich in respektvoller Entfernung. Türen sprangen plötzlich auf, und bewaffnete Bürger traten ins Freie, jetzt, nachdem die Gefahr gebannt war.

Chaco zog das Pferd noch einmal herum und lenkte es in Richtung des Stadtrandes.

„Halt!“, rief ihm der Kleine nach. „Du kannst mich doch jetzt nicht allein lassen!“

 

*

 

An der kleinen Staubwolke erkannte er, dass ihm jemand aus Red Dog folgte. Chaco wusste noch nicht, wer es war, aber er beabsichtigte nicht, vor dem Mann zu fliehen. Er zügelte das Pferd und wartete am Straßenrand, während er den Colt nachlud.

Es dauerte einige Zeit, bis er endlich erkannte, um wen es sich handelte. Es war der Kleine, und das Pferd, auf dem er ritt, schien kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen. Es war offensichtlich, dass der Mann völlig abgebrannt war. Aber eigentlich geht’s mir auch nicht besser, dachte Chaco.

„Oh, Mann, oh, Mann“, stöhnte der Kleine. „Da hast du mir aber einen bösen Streich gespielt. Erst putzt du die Lieblingsrevolverhelden der Stadt von der Bildfläche, und dann lässt du mich allein die Sache ausbaden.“

„Wie ich sehe, hast du’s überlebt“, sagte Chaco.

Der Kleine wischte sich über die Stirn. „Aber nur haarscharf, Amigo. Ich musste dem Sheriff ein Loch ins Bein schießen. Und dann hab ich im Eifer der Flucht auch noch das schlechteste Pferd erwischt. Sieh dir diese Schindmähre hier an.“

Er schlug dem Tier mit der flachen Hand auf den Hals. Es gab einen dumpfen Ton, aber das Pferd zuckte noch nicht mal zusammen.

„Na, Hauptsache, es gehört dir nicht“, sagte Chaco grinsend.

Der Kleine blickte ihn aus pfiffigen Augen an. „Du machst mir Spaß, Amigo. Wir werden zusammen noch viel zu lachen haben. Übrigens, Holacoaster ist mein Name, Gilbert Merry Holacoaster. Aber meine Freunde nennen mich Holly. Und wie heißt du?“

„Chaco.“

„Chaco? Der Name kommt mir bekannt vor, Amigo.“ Sein Gesicht legte sich in Falten und hellte sich plötzlich wieder auf. „He! Jetzt erinnere ich mich! Man hat gestern Nacht die ganze Stadt nach dir durchsucht. Wie ich sehe, bin ich hier nicht der einzige, der Probleme hat. Wo willst du jetzt hin? Mexiko?“

Chaco wusste es im Moment selber nicht. Ursprünglich hatte er vorgehabt, nach Mexiko zu fliehen. Aber seit Lamont und seine Männer die Verfolgung aufgegeben hatten, war das nicht mehr notwendig.

„Schlag dir das aus dem Kopf, Amigo“, unterbrach Holacoaster seine Gedanken. „Jenseits der Grenze gibt’s nur Wüste und kein Wasser weit und breit. Ich zweifle nicht, dass du es schaffen wirst, aber schau dir dein Pferd an - von meinem ganz zu schweigen.“

„Ich habe dich nicht aufgefordert, mich zu begleiten“, sagte Chaco.

„Oh, ich weiß“, erwiderte Holacoaster. „Deswegen habe ich mich auch einfach selber aufgefordert. Aber im Ernst, Amigo: Wenn du mich nicht vor den drei Revolverschwingern in Red Dog in Schutz genommen hättest, stände es jetzt sehr schlecht um mich. Sie hätten mich zu Hackfleisch verarbeitet.“

„Sicherlich nicht ohne Grund“, sagte Chaco.

„Pah!“, stieß der Kleine verächtlich hervor. „Die Menschen von Red Dog haben eben nicht genug Klasse, um jemanden wie mich richtig zu verstehen und einzuschätzen. Und was die Revolverschwinger betrifft, so waren sie einfach schlechte Verlierer. Mitten im Pokerspiel wollten sie auf einmal das Sechsergespann samt Postkutsche sehen, das ich eingesetzt hatte, um mitzuhalten. Ich hatte ein Full House auf der Hand, und den Pott hätte ich auf jeden Fall eingesahnt, und dann wäre es egal gewesen, ob es ein Sechsergespann wirklich gab oder nicht. Aber die falschen Brüder wollten meinen Einsatz vorher sehen. Sie wussten, dass ich gewinnen würde, die Lumpenhunde! Also haben sie versucht, mich auf diese fiese Tour reinzulegen. Du weißt, wie es ausgegangen ist.“

„Zumindest hast du dein Sechsergespann behalten“, sagte Chaco spöttisch.

„Ja, amüsier dich nur über einen alten Mann“, sagte Holly und versuchte, einige Tränen hervorzuquetschen, aber es gelang ihm nicht.

„Was wollen wir jetzt tun?“, fragte er.

Chaco hatte inzwischen den Plan aufgegeben, nach Mexiko zu flüchten. Auch wäre es unklug gewesen, nach Red Dog zurückzukehren. Und im Norden trieb sich Lamont mit seinen Männern herum. Blieb nur der Weg nach Westen.

Er musste auch sehen, dass er Arbeit erhielt, denn der Proviant, den Margerita ihm mitgegeben hatte, reichte höchstens für einen Tag, und dann war er ohne Geld und Nahrung.

Langsam zog er sein Pferd herum und gab ihm die Fersen.

„He! Wo reiten wir hin?“ Mühsam setzte Holly seinen Klepper in Bewegung.

„Ich reite nach Westen“, sagte Chaco.

„Warte, ich komme mit!“

Er folgte ihm den ganzen Tag, und als die Nacht hereinbrach, schlugen sie ein gemeinsames Camp auf.

 

*

 

Am späten Morgen des nächsten Tages zügelte Holly sein Pferd und hustete.

„Verdammt heiß hier“, keuchte er. „Wenn wir nicht bald auf ein Wasserloch stoßen, zerfalle ich zu dem Staub, aus dem ich gemacht bin.“

Chaco hatte sein Pferd neben ihm zum Stehen gebracht und musterte die zwei Gestalten, die sich ihnen vom Horizont her näherten.

„Was die zwei wohl wollen?“, sagte Holly. „Sicherlich haben sie nichts mit dem Gesetz zu tun. Nicht hier draußen auf dem Spine Range.“

Chaco kannte die Gegend nicht. Auch Holly hatte nur von ihr reden hören. Alles, was er wusste, war, dass der Sheriff von Red Dog sich nicht in dieses Gebiet traute und dass es Spine Range hieß.

Die zwei Reiter lenkten ihre Pferde ein und ließen Chaco und Holly näher heran. Die Pferde standen so, dass sie den Weg versperrten. Die Gesichter der Reiter waren gleichgültig und gelangweilt, aber durch die Starrheit ihres Ausdrucks wirkten sie gleichzeitig unerbittlich und heimtückisch.

Weit entfernt im Hintergrund hob sich eine größere Gruppe von Reitern vor der braun gewellten Grasoberfläche des Spine Range ab. Sie bewegte sich kaum, und es war schwer zu sagen, ob sie sich näherte.

„Was habt ihr hier zu suchen? Wo wollt ihr hin?“, fragte schneidend einer der beiden Männer.

Chaco blickte in seine gereizt funkelnden Augen. Dann musterte er die Pferde der Männer. Es waren kräftige und große Tiere, die auf dem rechten Hinterviertel mit einem S gebrandmarkt waren. Chaco blickte dem Mann zurück in die Augen und gab ihm seine Antwort.

„Wir reiten hier durch die Gegend, treten niemandem auf die Füße und kümmern uns um unsere eigenen Angelegenheiten. Um was kümmert ihr euch?“

Verblüfft starrten sie ihn an. Wieder diese abschätzenden Blicke, dachte Chaco. Der Mann, den er angesprochen hatte, richtete sich mit bösartig-spöttischem Gesichtsausdruck in seinem Sattel auf.

„Ein Bastard und ein alter Falschspieler“, sagte er genüsslich. „Treiben sich hier in der Gegend herum und versuchen lange Finger zu machen.“

Er war kräftig gebaut, doch kein Gramm Fett zuviel befand sich an seinem Körper, und er war voller Selbstsicherheit. Sein Partner fiel auch nicht gerade vom Fleisch, wenngleich sein Gesicht schmal und hager war.

„Wir kümmern uns darum, dass hier kein Gesindel Fuß fasst“, sagte der kräftig gebaute Mann. „Solche, wie ihr zum Beispiel. Dreht uns jetzt den Rücken zu und reitet dahin zurück, wo ihr hergekommen seid. Geht das in euren Kopf? Oder muss ich ein bisschen nachhelfen?“

Er hatte seinen Colt gezogen und zielte damit auf Chacos Kopf.

Bewegungslos verharrte Chaco im Sattel und ließ den Mann, der seinen Colt auf ihn gerichtet hielt, nicht aus den Augen.

Jetzt sagte auch der schmalgesichtige Mann zum ersten Mal etwas.

„Vielleicht sollten wir sie vorher noch brandmarken, damit sie sich ihren Lebtag lang erinnern, dass man mit Swastika-Leuten keine Späßchen treibt.“

Mit einem hässlichen Grinsen zog er einen großkalibrigen Sattelkarabiner aus dem Scabbard. Angstvoll betastete Holly seine fleischigen Ohrläppchen. Dann fasste er an seinen Hut.

„Ich bitte tausend mal um Verzeihung, den Frieden dieses harmonischen Landstrichs gestört zu haben“, sagte er mit feierlicher Stimme, nahm den Hut vom Kopf und verbeugte sich. „Mein Freund und ich werden uns jetzt zurückziehen. Lebt wohl, Gentlemen, es war uns ein Vergnügen, Sie kennengelernt zu haben.“

Was jetzt folgte, war der Beweis von viel Übung und Geschicklichkeit, und es erklärte auch die merkwürdige Form von Hollys Hut, dessen Rand für die Sombreroform viel zu steif wirkte. Der Hut wirbelte plötzlich aus Hollys Hand und traf den Schmalgesichtigen an der Nasenwurzel.

Offenbar war der Rand mit einem Eisenring verstärkt. Der Schmalgesichtige schrie laut auf und fuhr mit beiden Händen an seine blutende Nase. Im ersten Augenblick der Überraschung lachte der andere laut über das Missgeschick seines Partners auf.

Chaco zog den Peacemaker. Sein Pferd sprang vor, und dem kräftig gebauten Mann blieb das Lachen im Halse stecken. Er sah den Griff von Chacos Colt auf sein Gesicht zurasen. Blitzschnell ruckte er den Kopf beiseite, aber er wurde am Hals getroffen. Sein Pferd bäumte sich wiehernd auf, und er schnappte nach Luft. Ohne dass er etwas dagegen tun konnte, löste sich der Klammerdruck seiner Schenkel, der ihn noch im Sattel hielt, und er ging zu Boden. Sein Kopf wackelte, als er versuchte, sich wieder aufzurappeln.

Holly hatte inzwischen das kampfunfähige Schmalgesicht vom Pferd gezerrt und mit einigen Fußtritten an den Wegrand befördert.

„Ich hoffe, das war euch Swastika-Leuten eine Lehre, wer immer ihr auch sein mögt“, sagte er, wobei er mit einer kleinen, stummeligen Derringer vor dem Gesicht des hageren Mannes hin und her wedelte. .„Wie sieht es jetzt mit dem Brandmarken aus? Habt ihr immer noch Lust dazu?“

Dann wandte er sich an Chaco. „He! Was fangen wir jetzt mit ihnen an? Soll ich ihn hier abknallen? Verdient hätte er’s ja, der Bastard. Uns brandmarken zu wollen!“

„Nimm ihm die Colts ab“, sagte Chaco.

„Ich hoffe der Himmel wird’s uns danken, wenn wir sie laufenlassen“, sagte Holly. „Sie werden es bestimmt nicht.“

Die Reitergruppe näherte sich jetzt merklich. Sie mussten den Kampf beobachtet haben. Aber immer noch hielten sie sich in respektvoller Ferne, als ob sie noch nicht ganz sicher seien, wie sie sich verhalten sollten.

Blitzschnell hatte Holly die beiden Swastika-Männer entwaffnet. Ihre Colts, Waffengurte, Gewehre und Messer, alles schleppte er zu seiner Schindmähre.

Er filzte gerade die Taschen der Männer, als Chaco zu ihm trat. „Das Kleingeld wollen wir unseren Freunden lassen, nicht wahr, Holly?“

Holacoaster blickte ihn schelmisch von unten an. „Das ist ziemlich edel gesprochen für einen Mann, nach dem vor einigen Tagen noch ganz Red Dog durchsucht wurde.“

Chaco hörte nicht weiter auf ihn und wandte sich an die Swastika-Männer. „Ich weiß zwar nicht, wer euer Boss ist...“

„Das wirst du noch schneller rausfinden, als dir lieb ist!“, fauchte das Schmalgesicht, während er mühsam und stöhnend auf sein Pferd kletterte.

„Sag ihm jedenfalls, dass wir weiterreiten“, fuhr Chaco fort. „Und zwar, wohin es uns gefällt. Und dass ihn das einen Scheißdreck angeht.“

„Das glaubst du vielleicht!“

Das entwaffnete Reiterpaar galoppierte davon, wobei es einen großen Bogen um die sich nähernde Reitergruppe schlug.

„Wir hätten sie erschießen sollen“, sagte Holly wütend. „Solche gottverdammten Hurensöhne. Schlimmer noch als die in Red Dog. Was ist das hier nur für eine Gegend? Da tanzen schon wieder welche an.“

„Sei bereit, wenn es zum Kampf kommen sollte.“

„Ich werde mein bestes versuchen. Aber wir zwei gegen ein halbes Dutzend?“

Gespannt erwarteten sie die Männer.

 

*

 

Die Reitergruppe näherte sich jetzt ziemlich schnell. Der Staub, den sie hinter sich aufwirbelte, senkte sich in der glühenden Mittagsglut nur langsam wieder zur Erde.

Als sie auf Sprechdistanz herangeritten waren, hielten die Männer an. Noch einmal blickten sie sich kurz nach den entschwindenden Swastika-Reitern um. Dann wandten sie sich wieder Chaco und Holly zu. Sie sahen dabei merkwürdig verwirrt und erstaunt aus.

Chaco schätzte sie als Kleinrancher ein. Wahrscheinlich waren sie nicht besonders wohlhabend, denn ihr Sattelzeug war stark abgenutzt und ihre Kleidung an vielen Stellen ausgebessert.

Keiner sagte ein Wort.

Die Männer hatten Winchesterkarabiner in ihren Scabbards stecken, aber sie trugen keine Colts. Verglichen mit den Swastika-Reitern wirkten sie harmlos.

Ihr Anführer, ein älterer Mann, blinzelte Chaco und Holly misstrauisch an. Sein Gesicht war faltenzerfurcht. Die Mühe und Arbeit eines harten Lebens hatten deutliche Spuren darin zurückgelassen.

„Das war eben nicht besonders klug von euch, wie ihr mit den beiden umgesprungen seid“, sagte er nach einer Weile.

„Sie haben das gleiche mit uns versucht“, erwiderte Chaco. Er musterte die Hinterviertel der Pferde. Sie trugen jede Menge Brandzeichen, aber das Swastika-S war nicht darunter. „Ich heiße Chaco Gates. Und Sie?“

„Harold Lamb. Die anderen sind meine Nachbarn. Wir besitzen das Land auf der Spine Range. Wer ist der Mann bei Ihnen?“

„Das ist Holly.“

Lamb blickte misstrauisch auf den kleinen Falschspieler. Dann sah er sich noch einmal nach den Swastika-Reitern um.

„Der Große da hinten, den Sie am Hals getroffen haben, ist George Sampsen“, sagte er zu Chaco. „Der andere nennt sich James Salter. Sie arbeiten beide für Warren. Sind seine besten Leute.“

„Wer.ist Warren?“, fragte Chaco. „Wir sind neu hier in der Gegend und haben den Namen noch nie gehört. Dem Benehmen seiner Männer nach muss er ein Viehdieb sein.“

„Warren leitet die Swastika-Ranch“, sagte Lamb. „Ein Haufen Männer arbeitet für ihn. Wenn Sampsen ihnen erzählt, was ihm zugestoßen ist, werden sie alle hinter euch her sein. Glaubt nicht, dass wir euch helfen. Wir haben schon genug Ärger mit der Swastika-Ranch. Außerdem - ich kann es euch ja ruhig sagen - haben wir nichts für Banditen übrig.“

„Also das ...“ Holly verschlug es die Sprache. Für nur wenige Sekunden dachte er angestrengt nach, dann hellte sich sein Gesicht wieder auf.

„Auf den ersten Blick mögen wir wie Banditen aussehen, Gentlemen“, sagte er zu den Männern, „aber Sie täuschen sich. Es widerstrebt uns nämlich, in aller Öffentlichkeit unser wahres Wesen zur Schau zu stellen, weil man uns sonst leicht für unbescheiden halten könnte. Jedoch in Anbetracht der besonderen Situation halte ich den passenden Moment für gekommen, unsere Identität zu enthüllen. Gentlemen, darf ich Ihnen vorstellen: Mister Chaco Gates, Herr über fünftausend Stück Vieh samt Mannschaft. Er und ich, Gilbert Merry Holacoaster, sein Geschäftsführer, wir haben uns hier in der Gegend ein bisschen umgetan. Wir suchen Weideland, auf dem sich die vom langen Marsch erschöpfte Herde ausruhen kann, bevor wir sie satt und fett in die Schlachthäuser treiben.“

Die Lüge war so monströs und mit soviel Elan vorgebracht, dass die Rancher sie glatt schluckten.

Chaco hatte zuerst wie gelähmt im Sattel gesessen. Aber als er merkte, dass die Rancher Holly glaubten, entspannte er sich und wartete, was als nächstes folgen würde. Die Sache fing sogar an, ihm ein wenig Spaß zu bereiten.

Die Strenge in Lambs Gesicht war plötzlich verschwunden. „Bringen Sie Ihre Herde doch hierher, Mister Gates. Der ganze Spine Range steht ihnen zur Verfügung.“ Er vollführte eine ausladende Bewegung mit der rechten Hand.

„Und zu unserem Treffen müssen Sie auch erscheinen“, sagte ein anderer der Männer und ritt Chaco mit ausgestreckten Händen entgegen.

„Darf ich mich vorstellen? Henry Van Dyke.“ Er griff nach Chacos Händen und schüttelte sie. Die ganze Zeit vorher hatte er niedergeschlagen und deprimiert ausgesehen, doch jetzt strahlte er.

„Ja, begleiten Sie uns, Mister Gates“, sagte jetzt auch Lamb. „Wir treffen uns bei Lancaster’s. Leider wurde unsere Versammlung vorhin gesprengt, aber wenn wir uns beeilen, werden wir die meisten Männer noch erwischen. Sie kommen doch mit, Mister Gates, oder? Sie und äh ...“

„Holacoaster“, sagte Holly würdevoll. „Gilbert Merry Holacoaster – Geschäftsführer.“

 

*

 

„Bei Lancaster’s“ war ein mittelgroßes Ranchhaus, das einen ärmlichen Eindruck erweckte, ohne aber deswegen verwahrlost zu wirken. Die Lancasters, William und Gwendolyn, waren jung verheiratet und hatten eine kleine Tochter, Ginny.

Der Wohnraum steckte gedrängt voll mit Männern, die aufmerksam den Worten von Lamb und Van Dyke lauschten. Immer wieder wanderten ihre Augen zu Chaco, dem Mann, der es Sampsen und Salter gezeigt hatte.

Nachdem Lamb Chaco ausführlich vorgestellt hatte, unterbrach ihn dieser. „Soweit ich weiß, wurde diese Versammlung schon zu einem früheren Zeitpunkt einberufen. Um was ging es da? Und wer hat sie dann gesprengt? Was ist hier überhaupt los?“

Stille lastete auf den Männern.

Es war William Lancaster, der Chacos Frage beantwortete. „Sie haben recht, Chaco. Wir hatten uns zu einem früheren Zeitpunkt schon mal hier getroffen. Es handelte sich dabei um das Problem, wie wir aus unserem Viehbestand Geld machen können. Fast jeder der Männer hier ist völlig pleite. Aber wir waren nicht fähig, unser Problem zu lösen wie üblich! Noch während wir darüber sprachen, tauchten auf einmal Sampsen und Salter auf. Niemand hatte sie eingeladen. Natürlich nicht. Sie sprengten die Versammlung ...“

Die Männer schwiegen betreten. „Die beiden haben eine Versammlung von über zwanzig Männern gesprengt?“ fragte Chaco erstaunt. „Wie ist so etwas überhaupt möglich?“

Lancaster zuckte verlegen mit den Schultern, bevor er antwortete.

„Ich habe mir schon gedacht, dass Sie unser Verhalten merkwürdig finden werden, Mister Chaco. Aber die Antwort ist einfach: Wir sind es nicht gewöhnt, für unser Recht zu kämpfen. Bis vor kurzem hat uns auch noch niemand auf die Füße getreten.“

„Wenn die vorherige Versammlung euer Problem nicht lösen konnte, wieso habt ihr dann noch mal eine einberufen?“, fragte Chaco. „Und was ist überhaupt euer Problem? Bis jetzt hat es mir noch niemand gesagt.“

Wieder war es William Lancaster, der Chaco antwortete. „Unser Problem ist folgendes: Wir wollen unser Vieh zum Verladen treiben, aber wir können nicht.“

„Warum nicht?“

„Wir sind nun eingesperrt.“

„Wie das?“

„Wie soll ich das erklären? Da wäre zunächst einmal die Swastika-Ranch. Sie gehört irgend so einer Finanzgesellschaft im Osten. Steckt jede Menge Geld dahinter. Austin Warren ist nur der Verwalter. Anscheinend haben seine Bosse ein Auge auf die Spine Range geworfen und wollen unser Land jetzt um jeden Preis haben. Um uns weich zu kriegen, hat uns Warren die Wegerechte gesperrt. Jetzt sieht es schlimm für uns aus, denn ob nach Norden, Süden oder Westen, zum Verladen müssen wir unser Vieh über Swastika-Gebiet treiben. Und Warrens Männer passen höllisch auf, dass keiner von uns auch nur einen Grashalm der Swastika-Weidegründe krümmt. Sie hingegen kümmern sich einen Dreck und reiten über unser Land, wie es ihnen gefällt.“

„Und warum reitet ihr nicht nach Osten?“, fragte Chaco. „Es wäre zwar nicht gerade einfach, aber ihr könntet das Vieh durch die Saint Andres Mountains treiben.“

Lancaster schüttelte den Kopf.

„Ausgeschlossen“, sagte er lahm. „Old Nathan Haskell Dole würde uns jedes Rind einzeln wegschnappen und sich dabei über unsere Dummheit ins Fäustchen lachen. Mit seiner Bande kontrolliert er das gesamte Gebiet der Saint Andres Mountains. Wir wünschten, es wäre anders, aber unsere Lage ist ziemlich aussichtslos.“

„Und was habt ihr jetzt vor?“, fragte Chaco.

„Keine Ahnung“, sagte Lamb. „Wir dachten, Sie könnten uns vielleicht helfen.“

„Was ihr nicht sagt!“ Chaco hatte mit so etwas gerechnet.

„Sie und Ihre Männer“, sagte Lancaster hoffnungsvoll.

Da waren sie wieder „seine Männer“. Sollte er den Kleinranchern die Wahrheit sagen? Chaco entschloss sich, noch damit zu warten. Allein die Aussicht auf Hilfe würde die Männer schon ermutigen, und vielleicht würden sie in der Hoffnung auf Unterstützung Dinge vollbringen, zu denen ihnen sonst der Mut fehlte.

Er ließ seinen Blick über die Anwesenden schweifen. Sie sahen ehrlich und aufrichtig aus. Es war ziemlich klar, dass ihnen das Wasser bis zum Hals stand. Hätten sie sonst einen relativ jungen Mann, den sie noch nicht einmal einen Tag lang kannten und der dazu auch noch ein Halbblut war, um Hilfe gebeten?

Trotzdem traute er dem Frieden nicht ganz. Er beschloss, auch in Zukunft vorsichtig mit den Ranchern umzugehen, denn in den Augen des einen oder anderen konnte er Angst flattern sehen, Angst, die leicht in Hass und unüberlegtes Handeln umschlagen konnte.

„Wie ihr wollt“, sagte Chaco plötzlich. „Ich werde euch helfen.“

In seinem Kopf arbeitete es fieberhaft. Es musste irgendeinen Weg geben, das Vieh zum Verladen zu treiben. Die Herausforderung reizte ihn. Außerdem war er selber völlig pleite, und hier bot sich eine Gelegenheit, viel Geld in kurzer Zeit zu verdienen. Denn sicherlich würden sich die Rancher nicht lumpen lassen, wenn er erst einmal die Kastanien für sie aus dem Feuer geholt hatte. Sie waren grundehrliche Männer, und um ihn hereinzulegen, hatten sie einfach nicht den Mut, ganz abgesehen davon, dass es ihnen im Traum nicht eingefallen wäre.

„Am besten, wir treiben das Vieh durch die Berge“, sagte Chaco. Ihm war etwas eingefallen, wo man die Tiere für einen guten Preis verkaufen konnte, ohne sie über Swastika-Gebiet treiben zu müssen.

„Sie sind fremd hier in der Gegend“, sagte Lancaster, „sonst würden Sie das nicht vorschlagen. Es ist für uns völlig unmöglich, die Herde durch die Berge zu treiben! Dole würde sie auf jeden Fall erwischen! Wir wären unser Vieh los, ehe wir das erste Nachtlager aufgeschlagen hätten!“

„Vor diesen Dole habt ihr also auch Angst, oder?“

„Wenn er allein wäre! Aber da ist seine Bande! Die Männer sind nichts weiter als Halsabschneider! Und sein Versteck in den Bergen ist...“

“...ein Räubernest!“, ergänzte Lamb den jungen Farmer. „Oder wie soll man einen Ort nennen, in dem sich Verbrecher, Mörder und Viehdiebe verstecken, die sich nirgends mehr sehen lassen können, weil sie im ganzen Land steckbrieflich gesucht werden?“

„Bis jetzt haben sie uns noch nichts getan“, sagte Lancaster scheu.

„Na und? Sie hatten eben noch keine Gelegenheit dazu!“

„Außerdem ist es nur eine Frage der Zeit“, schaltete sich Van Dyke in die Diskussion ein. „Wir können mit Sicherheit davon ausgehen, dass auch Dole ein Auge auf die Spine Range geworfen hat. Und auf unser Vieh! Auch wenn wir es nicht zu ihm hoch in die Berge treiben, wird er es sich früher oder später holen.“

„Warum es ihm also nicht gleich in sein Versteck treiben?“, sagte Lamb zynisch.

„Auf diese Weise erreicht ihr überhaupt nichts“, sagte Chaco. „Ist euch eigentlich noch nie eingefallen, für euren Besitz zu kämpfen?“

„Wir wollen kein Blutvergießen“, sagte Lamb kurz angebunden.

Für eine Weile war Ruhe im Zimmer. Lancaster lief unruhig auf und ab.

„Bis jetzt war es auch nicht nötig, Blut zu vergießen“, sagte er dann. „Aber lass uns doch den Tatsachen ins Auge sehen, Harold. Wir sind völlig pleite. Unsere Stiefel haben Löcher und unsere Kleidung ist voller Flicken. Mir reicht’s! Ich will nicht wieder davonlaufen!“

Harold Lamb schüttelte den Kopf, sagte aber kein Wort.

„Ich wüsste, wo ihr euer Vieh vergolden könnt“, unterbrach Chaco das Schweigen. „Ihr würdet für die Rinder mehr Gold erhalten als ihr in der Lage seid, allein nach Hause zu tragen.“ Er legte eine Pause ein. „Wusstet ihr, dass man in den Saint Andres Mountains Gold gefunden hat? In der Nähe von Grimshaw. Über Nacht ist an der Fundstelle eine riesige Stadt aus Zelten und Holzbaracken entstanden. Man hat ihr den lustigen Namen You Bet gegeben. Was glaubt ihr wohl, wie viele hungrige Goldsucher in You Bet auf eure Rinder warten? Und was glaubt ihr, womit sie euch bezahlen werden?“

„Unmöglich“, sagte Harold Lamb. „Wir müssten in jedem Fall hinauf in die Berge. Und dort würde Dole uns das Vieh stehlen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Geht das nicht in Ihren Kopf, Mister Chaco?“

„Allmählich schon“, sagte Chaco. „Alles hängt nämlich davon ab, ob mir ein paar Männer dabei helfen. Männer, Mister Lamb, keine Waschlappen, die mit ihren Colts auf Kaninchen schießen und die Waffen wegwerfen, sobald ein Gegner auftaucht.“

Van Dyke trat auf Chaco zu. „Ich will nicht viel herumreden, aber ich verstehe, was Sie meinen. Ich bin bereit, zu kämpfen. Wieviel verlangen Sie dafür, uns durch die Berge zu führen?“

„Fünftausend Dollar“, sagte Chaco, ohne zu überlegen.

„Soviel hat keiner von uns“, erwiderte Van Dyke entmutigt.

„Zahlbar nach Verkauf der Herde“, erklärte Chaco.

Van Dyke wandte sich an den Rest der Männer, und sie sprachen die Sache durch. Nach einigen Minuten lebhafter Diskussion nahmen sie den Plan an. Gegen den Willen von Harold Lamb!

„Es ist Wahnsinn!“, protestierte er. „Bestimmt werden wir kämpfen müssen. Und er weiß es!“ Er zeigte mit dem Finger auf Chaco. „Für ihn ist es nichts Besonderes! Aber uns wird er damit ins Verderben stürzen!“ Er blickte Lancaster an. „Und du möchtest hier den großen Helden spielen! Grünschnabel! Weißt du überhaupt, wie man mit einem Colt umgeht?“

Der junge Mann ließ beschämt den Kopf sinken.

„Er kann es lernen“, sagte Chaco gelassen. „Wir alle haben es einmal gelernt. Was ist die Freiheit schon wert, wenn man sie nicht verteidigen kann? Jeder hergelaufene Straßenräuber kann sie einem wegnehmen. Und wer sich nicht wehrt, verdient es nicht anders!“

Lamb sprach zu den Männern. „Ihr wollt also dem Halbblut folgen? Es wird Blutvergießen geben. Denkt an meine Worte!“

„Wir brauchen keine Worte. Wir wollen etwas tun. Was schlägst du uns denn vor, Lamb?“, fragte einer der Männer.

„Lasst uns abwarten. Irgendwie wird es unseren Gegnern schon an den Kragen gehen.“

„Irgendwie, irgendwo, irgendwann. Wir haben lange genug gewartet. Wir gehen mit dem Halbblut!“

Die Männer redeten aufgeregt durcheinander. Chaco merkte, dass Lamb ausgespielt hatte.

„Lasst uns mit dem Roundup morgen beginnen!“ Lancaster war aufgesprungen.

„Ja!“

„Ich bin dabei!“

„Gleich morgen früh!“

Harold Lamb warf Chaco einen wütenden Blick zu.

„Es wird Blut fließen“, sagte er noch einmal und verließ die Versammlung.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738916317
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
chaco lohn blei

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Titel: CHACO #33: Als Lohn nimm heißes Blei!