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Roy Matlock #11: Richter Maple muss sterben!

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Richter Maple muss sterben!

Klappentext:

Roman:

ROY MATLOCK

 

Band 11

 

Richter Maple muss sterben!

 

Ein Western von Wolf G. Rahn

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/ Schottland, 2018

Originaltitel: Der Henker von Pueblo

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Roy Matlock begleitet einen Zug nach Ogden, der Lohngelder für die Eisenbahnarbeiter transportiert. Aber das ist nicht das einzige Problem, das der Eisenbahn-Marshal hat. In seinem Gewahrsam befindet sich auch noch ein Dieb namens Fess Goldwyn, auf den in der Stadt Evanston eine sechsmonatige Gefängnisstrafe wartet. Matlock soll ihn dort abliefern – aber dazu kommt es nicht. Denn eine Bande von gewissenlosen Halunken plant einen Zugüberfall. Sie haben es jedoch nicht auf die Lohngelder abgesehen. Ihr eigentliches Ziel ist ein Mann, der sich ebenfalls im Zug befindet und noch nichts davon ahnt, dass er auf der Todesliste der Banditen steht. Sein Name ist Henry Sherwood – ein ehemaliger Richter, der unter dem Namen „Richter Maple“ viele Todesurteile gefällt hat ...

 

 

 

Roman:

Schon als die Fahrt in Cheyenne begann, wusste er, dass es Ärger geben würde. Das heißt, wissen konnte er es natürlich nicht, aber er ahnte es. Ein Mann wie Roy Matlock, der bereits die unmöglichsten Abenteuer auf den rollenden Rädern durchgestanden hatte, entwickelte ein empfindliches Gefühl für bevorstehende Gefahren.

Allerdings musste dieses Gefühl in diesem Falle nicht sehr ausgeprägt sein, denn wenn im Gepäckwagen Lohngelder für die Eisenbahnarbeiter in Ogden transportiert wurden, forderte das eine Schurkerei geradezu heraus.

Roy Matlock hatte sich schon oft gefragt, woher die Banditen immer wieder ihre ausgezeichneten und meist zutreffenden Informationen erhielten. Irgendwo musste es eine Schwachstelle geben. Hohe Beamte arbeiteten mit den größten Halunken zusammen, anders war es nicht zu erklären, dass gerade die lohnendsten Ladungen heimgesucht wurden.

Matlock fand es ziemlich leichtsinnig, eine Summe von fast zweihunderttausend Dollar nur durch einen einzigen Mann bewachen zu lassen, aber die Geschäftsleitung war der Meinung, dass gerade dieser Umstand über den wahren Wert des Transportes täuschen würde. Außerdem vertraten sie die Ansicht, dass ein Mann wie Matlock im Ernstfall durchaus genügte.

So sehr den Eisenbahn/Marshal das Vertrauen ehrte, so klar war ihm auch, dass er augenblicklich in Ungnade fiel, wenn mit dem Geld was passierte.

Matlock streckte die Beine aus und gähnte herzhaft. Er drehte sich eine Zigarette und bot seinem Gegenüber ebenfalls eine an.

Fess Goldwyn griff gierig danach. Nach den ersten Zügen strahlte sein abgemagertes Gesicht. In seine tiefliegenden Augen trat ein verklärter Glanz.

„Du rauchst ein gutes Kraut, Matlock“, stellte er fest.

„Das könntest du auch, Goldwyn“, gab der Marshal zurück. „Du brauchtest es nur mal mit ehrlicher Arbeit zu versuchen. Die Jungs bei der Bahn verdienen nicht schlecht. Zwei Dollar am Tag, und wenn sie besonders gut vorankommen, auch drei oder ein Pfund Tabak extra.“

Goldwyn winkte ab. „Das Zeug nennen sie zwar Tabak“, brummte er. „In Wirklichkeit ist es nichts weiter als ein Teufelszeug aus Sägespänen, Hornabfällen und trockenen Blättern. Wenn du so leichtsinnig bist und es wirklich rauchst, anstatt es gegen was Reelles einzutauschen, bist du innerhalb von sechs Monaten hinüber. Die Gesellschaft lacht sich ins Fäustchen, weil sie außerdem noch den längst überfälligen Lohn spart.“

Matlock musste lachen. Er hatte Goldwyn inzwischen gut genug kennengelernt, um zu wissen, dass er das meiste nicht so ernst meinte, wie er es sagte.

Fess Goldwyn war ein kleiner Gauner. Man hatte ihn erwischt, als er einen Sattel stehlen wollte. An dem Sattel hing nicht etwa ein Pferd, und in den Satteltaschen befanden sich auch keine Reichtümer, aber welcher Mann lässt sich schon gern seinen Sattel stehlen. Eher trennte er sich von seiner Geliebten.

Goldwyn hatte also das Pech gehabt, gefasst zu werden, und der Richter fand, dass er mit sechs Monaten Gefängnis gut bedient sei. Also befand er sich jetzt auf dem Weg nach Evanston, wo die Aufseher ihn bereits auf ihrer Liste hatten.

Den alten Halunken schien die Aussicht nicht zu beunruhigen. Matlock wurde sogar den Verdacht nicht los, dass er sich absichtlich hatte erwischen lassen. Immerhin war er dadurch für den bevorstehenden Winter versorgt.

Der Winter war das größte Problem eines Mannes wie Fess Goldwyn. Für eine Unterkunft und regelmäßige, wenn auch nicht gerade üppige Verpflegung nahm er die Unannehmlichkeit mancher Schikanen in den Gefängnissen in Kauf.

„Du scheinst keine gute Meinung von unserer Gesellschaft zu haben“, sagte Matlock. „Wenn alle so gedacht hätten wie du, dann könnten wir jetzt nicht bequem in diesem Waggon sitzen und uns nach Westen schaukeln lassen.“

„Das ist doch Quatsch!“ murrte Goldwyn. „Wenn ich ein Stück Brot essen will, muss ich deswegen doch nicht selbst einen Acker bebauen. Und wenn ich Appetit auf einen Schnaps habe, brenne ich den nicht selbst, sondern gehe in einen Saloon und lasse mich bis zum Rand volllaufen.“

„Aber für alles, was du nicht selbst herstellst, brauchst du Geld, und wenn du nicht gerade eine reiche Tante besitzt, die dir ihre Zuneigung durch monatliche Zuwendungen beweist, musst du wohl oder übel arbeiten. Oder du wirst dein ganzes Leben in den Gefängnissen zubringen.“

Fess Goldwyn war nicht zu überzeugen. „Zwei Dollar am Tag hört sich nicht schlecht an“, meinte er listig, „doch wie sehen denn die armen Hunde nach ein paar Monaten aus? Die Schinderei macht sie kaputt. Nein, nein, Matlock. Da ist mir ein Leben hinter Gittern immer noch lieber als ein Leben unter der Erde.“

Roy Matlock erhob und streckte sich, bis seine Gelenke krachten. Er brauchte ein wenig Bewegung. Es war Zeit, dass er seinen Kontrollgang durch den Zug machte.

Er rechnete zwar nicht damit, dass Fess Goldwyn vom fahrenden Zug springen würde, um sich damit seiner kostenlosen Winterunterkunft zu berauben, aber er fesselte ihn doch vorsichtshalber, bevor er ihn allein ließ. Ärger gab es meistens da, wo man ihn am wenigsten erwartete.

Goldwyn grinste. „Zieh die Riemen nur recht fest an, Matlock“, sagte er. „Einen so berüchtigten Killer wie mich hast du nicht jeden Tag zu bewachen. Wenn ich dir entkomme, reißen sie dir in Cheyenne den Kopf herunter. Nun sage doch mal selbst, ist das etwa ein Leben, das ihr sogenannten ehrlichen Menschen führt? Ihr seid doch selbst nur Gefangene eurer Pflichten. Und eure Aufseher traktieren euch nicht mit dem Knüppel, sondern mit Kündigungsdrohungen. Ich möchte nicht mit dir tauschen.“

„Ich auch nicht, Goldwyn“, gab Matlock zurück.

Der Eisenbahn-Marshal wechselte zuerst über die Plattformen zum Gepäckwagen, der unmittelbar hinter dem Tender lief. Seine größte Sorge galt den beiden Leinensäcken mit den Lohngeldern.

Sie waren unversehrt, was Matlock keineswegs beruhigte. Ihm war klar, dass sich bis jetzt kaum eine Gelegenheit für einen Überfall geboten hatte. Erst hinter Laramie, wenn das Gelände unwegsamer und die Fahrgeschwindigkeit niedriger wurde, fing die kritische Strecke an.

Er schob ein paar Kisten vor die Säcke und wuchtete einen Stoffballen darüber. Es musste ja nicht jeder, der in den Waggon einen Blick warf, sehen, was es hier Lohnendes zu holen gab.

Danach kehrte er in seinen Waggon zurück, in dem Fess Goldwyn ihn grinsend begrüßte: „Na, noch nichts abhanden gekommen, Matlock? Pass nur gut auf. Die Lumpen sind auf dieser Welt zahlreicher als die ehrlichen Eisenbahnarbeiter. Wie leicht kann es ein paar Halunken einfallen, diesen hübschen Zug zu überfallen.“

Roy Matlock durchschritt den Waggon und wechselte mit einigen Männern, die er von früheren Fahrten her flüchtig kannte, ein paar belanglose Worte.

„Der Winter kommt dieses Jahr ziemlich früh“, fand ein verkniffen aussehender Mann, von dem Matlock nur wusste, dass er in Nebraska eine riesige Ranch besaß. „Das gibt wieder harte Monate.“

„Vor allem in den Städten“, meldete sich sein Platznachbar. Er hatte schütteres Haar und trug eine Brille. „Bei uns in Sycamore sind dann wieder die Saloons und Spielhallen voll von Gesindel, die mit ihrer Zeit nichts anzufangen wissen. Sie kommen aus allen Richtungen, als ob es weit und breit keine andere menschliche Siedlung gäbe.“

„Das ist nicht nur in Sycamore so“, wusste ein dritter. „Mit diesem Problem haben alle zu kämpfen. Aber der Grund liegt einfach darin, dass unsere Gesetzeshüter viel zu lasch sind.“

„Zu lasch?“, wunderte sich Matlock. „Wie meinen Sie das? Befürworten Sie härtere Strafen?“

Der Mann, ein Fünfziger mit Stirnglatze und beträchtlichem Bauchansatz, blies sich auf. „Unbedingt! Man müsste wesentlich energischer durchgreifen. Die Urteile, die die Richter heutzutage fällen, sind doch eher Belohnungen für die Schurkereien. Zu meiner Zeit war das ganz anders. Da war eine Strafe noch eine Strafe.“

Der Bebrillte nickte zustimmend. „Ich sage immer, man müsste das ganze Pack zur Arbeit zwingen. Nehmen Sie nur mal diesen Strolch da vorne! Er hat sich eines schlimmen Verbrechens schuldig gemacht, aber die Fahrt mit der Bahn, für die anständige Leute fünfzehn Dollar oder mehr berappen müssen, darf er umsonst mitmachen.“

„Da stimme ich Ihnen durchaus zu“, fauchte der Dicke. „Hinterherlaufen müsste der Lump, und an jeder Station würde ich ihm hundert Stockhiebe verpassen lassen, wenn ich noch Richter wäre.“

„Sie waren Richter?“, erkundigte sich Matlock überrascht.

„In Pueblo in Colorado“, bestätigte der andere stolz. „Fast ein Jahr. Bei mir haben sich nicht die Banditen auf ein warmes Winterquartier freuen können. Ich habe dem Staat eine Menge Geld gespart. Im Sommer ließ ich die Kerle schuften, bis sie nicht mehr konnten, und wenn es auf den Winter zuging, sorgte ich dafür, dass die Bäume in Colorado voller waren als die Gefängnisse.“

„Na, man kann schließlich nicht einen Mann, der sich an einem Sattel vergreift, genauso bestrafen wie einen Mörder oder Pferdedieb“, wandte Matlock ein. Er war davon überzeugt, dass der Dicke ein großer Aufschneider war.

„Und warum nicht?“, brauste der Dicke auf. „Wer einen Sattel stiehlt, stiehlt auch ein Pferd, und wer ein Pferd stiehlt, ist auch fähig, einen Menschen umzubringen. Wenn man den Anfängen nicht wehrt, züchtet man das Verbrechen geradezu. Sie scheinen ja auch einer dieser weichen Typen zu sein, die mit derartigen Kreaturen noch Mitleid haben.“

„Ich bin zum Glück kein Richter“, wandte der Eisenbahn-Marshal ein, „doch ich stehe auf dem Standpunkt, dass die Strafe in einem vernünftigen Verhältnis zur Tat stehen muss. Sonst brauchten wir weder Gesetze noch Gerichte.“

Die Zornesader des Beleibten schwoll. „Ich muss mich wundern, was für Männer mit zweifelhaften Anschauungen die Union Pacific beschäftigt. Sind Sie nicht für den Schutz der Reisenden verantwortlich?“

„In diesem Punkt hat mir noch keiner etwas vorwerfen können, Mister“, fauchte Matlock. Allmählich ging ihm dieser Fanatiker auf die Nerven.

„Dann bin ich eben der erste, Mann. Und ich werde mich an geeigneter Stelle über Sie beschweren.“

„Das steht Ihnen frei. Nur sollten Sie dafür sorgen, dass Sie bis dahin einen triftigen Grund finden. Allein meine Meinung, dass nicht jeder Bursche, der ein Huhn klaut oder dummes Zeug redet, an den Ast gehört, reicht für eine Rüge kaum aus.“

Jetzt explodierte der andere. „Dummes Zeug? Zielt das etwa gar auf mich?“

„Wenn Ihnen der Stiefel passt, kann ich nicht verhindern, dass Sie ihn sich anziehen.“

Ein paar Mitreisende wagten ein schüchternes, schadenfrohes Lachen, das aber sofort verstummte, als der Gekränkte aufsprang und Roy Matlock wütend am Kragen packte.

Matlocks Arm zuckte hoch und schlug die schwammigen Hände seines Widersachers beiseite.

„Lassen Sie das!“, zischte er warnend. „Ein Eisenbahn-Marshal ist nicht zum Anfassen da. Dieses Recht bleibt hübschen Ladies vorbehalten, wobei ich über die Haarfarbe mit mir reden lasse.“

„Sie!“, schrie der andere. „Sie! Wissen Sie überhaupt, wen Sie vor sich haben?“

„Gewiss“, gab Matlock mit erzwungener Ruhe zurück. „Einen Reisenden der Union Pacific, der für die Fahrt nicht einen Cent mehr gezahlt hat als alle anderen in diesem Waggon.“

„Ich bin Richter Sherwood.“

Keinem der Anwesenden schien der Name etwas zu sagen. Roy Matlock kniff die Augen zusammen.

„Henry Sherwood?“, vergewisserte er sich.

Der Dicke blitzte ihn triumphierend an. „Aha! Langsam dämmert’s wohl. Richtig, Henry Sherwood. Ich bin zwar nicht mehr im Amt, aber mein Einfluss ist immer noch groß genug, um Ihnen so viel Scherereien zu machen, wie Sie sich nur wünschen.“

„Richter Maple!“, murmelte Matlock mehr für sich selbst. „Ich hätte es mir denken können.“ Laut sagte er. „Das ändert nichts an meiner Meinung. Und jetzt erlauben Sie wohl, dass ich mich auch um die übrigen Waggons kümmere.“

„Ja, ziehen Sie nur ab! Das, was Sie kümmern nennen, ist doch nur ein Herumlungern. Oder wollen Sie zum Speisewagen, um Ihrem Schützling eine Portion gebratenen Truthahn zu holen?“

Matlock gab keine Antwort mehr. Es lohnte sich nicht. Diesen Mann würde er nicht überzeugen. Nicht Richter Maple, der seinen Spitznamen dem Umstand zu verdanken hatte, dass er die Angeklagten mit Vorliebe an einen starken Ahornast knüpfen ließ. Zum Glück machte der Gouverneur diesem grausamen Treiben bald ein Ende, indem er Henry Sherwood ablösen ließ.

In einem der hinteren Wagen stieß Matlock auf ein Ehepaar, das zusammen mit der erwachsenen Tochter nach Sacramento wollte.

Das hübsche Mädchen verschlang ihn fast mit den Blicken, und er sah keinen Grund, warum er zur Seite sehen sollte. Schließlich gefiel ihm das Mädchen ebenfalls nicht schlecht, und wenn ihm von seinem Chef nicht unglücklicherweise ans Herz gelegt worden wäre, sich um die Geldsäcke im Packwagen zu kümmern, dann hätte er sich ganz gern etwas länger hier hinten aufgehalten. Aus dem Gespräch mit ihren Eltern vernahm Matlock, dass sie Loretta hieß.

„Sind wir nicht bald in Laramie City?“, nörgelte der grauhaarige Vater und musterte Matlock herablassend. „Die Luft in diesen Waggons ist zum Ersticken.“

„Höchstens noch eine halbe Stunde.“

Ehe der Zug in Laramie City hielt, begab sich Matlock wieder nach vorn. Er stieg für ein paar Minuten aus, um frische Luft in seine Lungen zu pumpen.

Dabei musterte er die Zusteigenden scharf. Er versuchte, sich schon möglichst früh ein Bild über jene Menschen zu machen, mit denen er die nächsten Stunden oder gar Tage auf engem Raum verbringen musste.

Die räumliche Enge machte viele Menschen aggressiv, wie seine Erfahrung lehrte. Vorwände boten sich auf einer solchen Fahrt stets genügend.

Er bemerkte kein Gesicht, das ihm zu Argwohn Anlass gab. Daher stieg er beruhigt wieder ein und setzte sich neben Fess Goldwyn, während seine Gedanken bei den beiden Geldsäcken im Packwagen weilten.

 

*

 

Sie waren zu fünft und lagen teilnahmslos in der Gegend, dass ein Beobachter sie für harmlose Nichtstuer hätte halten können.

Doch sie waren weder das eine noch das andere. Wiggins, Snow, Young, Dickinson und der kleine Tropp waren sogar ganz besonders aktiv, und harmlos konnte man sie schon gar nicht nennen.

„Ob er pünktlich ist?“, fragte Dickinson, ohne jemand Bestimmten dabei anzusehen.

„Du kannst dich ja telegrafisch in Laramie erkundigen“, schlug Wiggins vor.

Die anderen lachten.

Wiggins war ein Bursche in schwarzer Kleidung, die ziemlich neu war. Er sah fast ein wenig unheimlich aus in dieser Kluft. Jedenfalls nicht wie ein Cowboy. Und auch nicht wie einer, der seine Dollars beim Bahnbau verdiente. Er mochte eher ein Spieler sein, doch selbst das traf nicht zu, denn seinem Gegner Auge in Auge gegenüberzusitzen, war nicht Wiggins’ Fall. Ins Gesicht schaute er ihnen in der Regel nur zweimal. Zuerst verschlagen, wenn er sich ein Urteil über den Wert seines Opfers zu bilden suchte. Das zweite mal, wenn er es nach dem heimtückischen Schuss aus dem Hinterhalt auf den Rücken drehte, um ihm die Taschen zu leeren.

„Ich wollte, wir hätten es schon hinter uns“, beharrte Dickinson. Er war ein nervöser Typ. Seine Hände, die ungewöhnlich lang waren, befanden sich in ständiger Bewegung. „Ich habe so ein Gefühl,dass etwas schiefgeht.“

„Was soll denn schiefgehen?“, fauchte Tropp. „Wir haben doch alles genau besprochen. Hier ist die günstigste Stelle für den Überfall.“

„Das wissen diejenigen, die im Zug fahren, wahrscheinlich auch und werden ihre Augen offenhalten.“

„Das sollen sie ruhig tun“, feixte Snow. „Sie sollen nur aufpassen, dass wir ihnen keine Ladung Blei hineinstreuen. Danach hat schon mancher eine Brille gebraucht.“

„Die werden sie sowieso brauchen“, meldete sich Young, der nicht nur dem Namen nach der Jüngste der fünf war. „Wenn sie erst kapieren, was wir ihnen geklaut haben, werden sie noch ganz andere Schäden bei sich vermuten.“ Wieder ertönte ein röhrendes Gelächter.

Nur Dickinson blieb skeptisch. „Der Zug hat bestimmt Bewachung.“

„Natürlich hat er die. Wenn so ein Transport durchgeführt wird, fährt immer einer mit ’ner Kanone mit.“

„Und wenn es aber nun nicht nur einer ist, sondern zehn?“

Der kleine Tropp tippte sich gegen die Stirn. „Das glaubst du doch selbst nicht, Dick. weißt du, wodurch die Eisenbahnbosse reich geworden sind? Durch Sparsamkeit. Die setzen nicht mehr Personal ein, als unbedingt notwendig ist. Ich rechne mit einem Mann. Höchstens mit zweien.“

„Du vergisst den Lokführer, den Heizer, die Bremser, den Schaffner, den Kerl im Schlafwagen und die Besatzung des Speisewagens. Außerdem die Reisenden, von denen bestimmt jeder zweite einen Revolver in seinem Gepäck hat.“

„Bis sie den rausgekramt haben, sind wir längst über alle Berge“, versicherte Snow. „Außerdem schätze ich, dass sich die ganzen Helden hinter ihren Bänken verstecken, wenn der Tanz erst losgeht. Die riskieren doch keinen Kratzer für etwas, das sie nichts angeht.“

„Der Überzeugung bin ich auch“, sagte Wiggins. „Sobald die spitzgekriegt haben, dass wir von ihnen gar nichts wollen, werden sie sich mucksmäuschenstill verhalten, um unsere Aufmerksamkeit nicht unnötig auf sich zu lenken. Ich sage euch, das Ganze dauert keine drei Minuten, dann haben wir, was wir wollen.“

„Wenn du recht behältst, soll es mir recht sein, Wiggy“, maulte Dickinson. „Aber wenn wir verfolgt werden, dann...“

„ ... dann gibt es Tote“, fiel ihm der Schwarzgekleidete hart ins Wort. „Wir sind fünf Mann. Da soll erst mal einer wagen, sich uns in den Weg zu stellen. Den putzen wir weg, bevor er begreift, was mit ihm geschieht.“

In diesem Stil ging die Unterhaltung weiter. Es dauerte nicht lange, bis auch Dickinson sein gewohntes Selbstbewusstsein wiedererlangt hatte. Schließlich wusste er, worum es in dieser Nacht ging. Die Beute lohnte sich, also musste man eben etwas riskieren.

 

*

 

Allmählich wurde es draußen dunkel. Die Temperatur in den Waggons sank. Mancher schlug sich eine Decke um die Beine, um der vom Boden hochkriechenden Kälte entgegenzuwirken.

Matlock blickte aus dem Fenster. Die Landschaft draußen war friedlich. Das täuschte ihn jedoch nicht über die Möglichkeit hinweg, dass es schon bald ganz anders aussehen konnte. Ein Überfall auf einen Geldtransport wurde üblicherweise nicht schon fünfzig Meilen vorher angekündigt.

Fess Goldwyn neben ihm schnarchte. Manchmal schreckte er hoch, wenn der Waggon über eine Stelle rumpelte, die sich nach den letzten Regenfällen bedenklich gesenkt hatte. Dann schaute er zu Matlock hinüber, grinste vertraulich und nickte wieder ein.

Auch die meisten anderen Fahrgäste hatten ihr Interesse an der vorbeiziehenden Landschaft verloren. Das Schaukeln und gleichförmige Holpern über die Schienenstöße schläferte sie ein.

Der Schaffner, ein bärtiger Mann, der seine Uniform mit sichtlichem Stolz trug, kam von hinten und gesellte sich zu Matlock. Ihm war langweilig, und er hatte Lust auf ein kleines Schwätzchen, bei dem die Zeit schneller verging.

„Macht er Ärger?“, fragte er mit einer Kopfbewegung zu Fess Goldwyn.

Matlock verneinte. „Keine Spur. Wenn alle anderen im Zug so friedlich wären wie er, könnte mir die Fahrt direkt gefallen.“

Der Schaffner grinste verstehend. „Sie meinen Mister Sherwood, nicht wahr?“

Er hatte von der hitzigen Debatte gehört und war froh, dass er nicht selbst mit dem streitbaren ehemaligen Richter zusammengerasselt war.

„Männer wie er haben eher eine harte Strafe verdient als mancher arme Teufel, den er zum Tode verurteilt hat“, stellte Matlock grimmig fest. „Man weiß inzwischen, dass es manchen Unschuldigen getroffen hat.“

„Ich weiß, Mister Matlock. Auch ich bin dafür, dass man die Lumpen hart bestraft, aber noch wichtiger ist mir Gerechtigkeit. Meines Wissens ist es Sherwood trotz seiner drakonischen Strafen nicht gelungen, die schweren Verbrechen in seinem Distrikt einzudämmen.“

„Natürlich nicht, denn er hat ja meistens die Falschen getroffen. Die wirklichen Schuldigen haben sich ins Fäustchen gelacht und es nur um so schlimmer getrieben.“

„Ich kann mich an einen Fall erinnern, da ließ Richter Maple einen Mann aufknüpfen, weil er das Pech hatte, der Bruder eines Banditen zu sein. Etwas anderes konnte ihm nicht nachgewiesen werden. Hunter hieß der arme Teufel. Paul Hunter. Der eigentliche Killer läuft heute noch frei herum, aber sein Bruder musste für seinen Namen büßen.“

„Und ähnlich ist es vielen gegangen“, bestätigte Matlock leise.

Fess Goldwyn schnaufte hörbar. Er schlug die Augendeckel auf und erkundigte sich: „Wo sind wir jetzt, Matlock?“

„Bis Evanston kannst du noch einen Hut voll Schlaf nehmen“, beruhigte ihn der Eisenbahn-Marshal.

Das ließ sich der Gauner nicht zweimal sagen. Er streckte die Füße von sich, und Sekunden später erklangen bereits wieder die gleichmäßigen Schnarchtöne.

„Ich muss wieder zurück“, sagte der Schaffner bedauernd.

Roy Matlock lauschte.

„Reiter!“, sagte er knapp.

Im gleichen Moment gellte die Signalpfeife der Lokomotive. Durch den Waggon ging ein Ruck. Die eisernen Bremsen griffen. Die einzelnen Wagen schlugen hart gegeneinander.

Aus den hinteren Wagen tönten Schreie.

„Da ist was passiert“, sagte der Schaffner. Er war blass geworden.

Fess Goldwyn blickte verwirrt auf. „Sind wir schon da?“

„Nicht da, wo wir sein sollten, Goldwyn“, gab Matlock hastig zurück. „Tut mir leid. Ich muss dich wieder binden. Gelegenheit macht flüchtende Halunken.“

„Ist was nicht in Ordnung, Matlock?“

„Ein paar Narren bilden sich ein, über Nacht reich werden zu können.“

Der Schaffner rannte nach hinten. Von dort erklangen die ersten Schüsse.

„Was stehen Sie hier noch herum, Marshal?“, fauchte Henry Sherwood. „Mit Ihrem jämmerlichen Galgenvogel werden wir auch fertig. Um den brauchen Sie sich nicht zu kümmern. Dem jage ich persönlich eine Kugel durch den Kopf, falls er türmen will.“

„Genau das will ich ja verhindern“, entgegnete Matlock eisig. Er griff sich seine Winchester und lief zur vorderen Plattform.

Hier draußen klangen die Schüsse gefährlich nahe. Der Zug war zum Stehen gekommen. Der Heizer sprang gerade vom Tender und lief auf Matlock zu.

„Sie haben Steine auf die Schienen gewälzt“, schrie er, „aber hier vorne ist niemand zu sehen. Sie kommen von hinten. Wahrscheinlich haben sie es auf die Leute im Schlafwagen abgesehen. Das sind erfahrungsgemäß die wohlhabendsten.“

Er hatte einen Remington-Karabiner in den Fäusten und lief damit zum Ende des Zuges, um dem Schaffner Hilfestellung zu geben.

Matlock glaubte nicht, dass die Halunken den Schlafwagen stürmen würden. Die hatten es auf die beiden Geldsäcke abgesehen. Die Knallerei dort hinten diente lediglich zur Ablenkung. Sie wollten alle Bewaffneten vom Packwagen weglocken, um diesen dann unbehelligt ausplündern zu können.

„Wartet!“, murmelte er. „Die Suppe versalze ich euch.“

Er sah, dass auch der Lokomotivführer zum Ende des Zuges hetzte, und das schien auch begründet zu sein, denn die Schießerei wurde dort immer heftiger.

Schrille Schreie ertönten. Doch Matlock vernahm keinen Schmerzenslaut. Alles wurde lediglich durch Angst und Aufregung geprägt.

Er sprang von der Plattform herunter und lief zur Lokomotive vor. Er umrundete sie, aber nirgends entdeckte er eine Bestätigung seines Verdachtes. Keine Menschenseele war zu sehen. Lediglich auf dem Gleis türmten sich ein paar riesige Felsbrocken, die Aufschluss darüber gaben, dass sie es nicht nur mit zwei Mann zu tun hatten.

Matlock kontrollierte, ob sich die Banditen hinter dieser Barriere verbargen, fand aber auch diesen Platz leer.

Sollte er sich doch geirrt haben? Ahnten die Halunken nichts von der wertvollen Fracht und gaben sich mit ein paar goldenen Uhren, etwas Schmuck und ein paar Dollars zufrieden, obwohl zwei Säcke mit einem Vermögen auf sie warteten?

Hinter sich hörte er eine wütende Stimme.

„Was lungern Sie denn immer noch hier herum, Marshal? Haben Sie nicht begriffen, dass es da hinten um Leben und Tod geht? Sie sind ja ein mieser, feiger Hund. Das war Ihre letzte Fahrt. Dafür werde ich sorgen.“

Auch der Mann jagte nun nach hinten. Dabei ballerte er wie wild mit seinem Revolver in die Luft. Bevor er das Ende des Zuges erreicht hatte, war die Trommel mit Sicherheit völlig nutzlos leergeschossen.

Matlocks Zweifel wurden stärker. Alles sprach dafür, dass der Überfall nicht den Lohngeldern galt. Die Union Pacific erwartete von ihm, dass er selbstverständlich auch die Fahrgäste schützte. Da er aber nicht an beiden Enden gleichzeitig sein konnte, musste er sich entscheiden, bevor es zu spät war. Wenn jemand einen Kratzer abbekam, ohne dass er versucht hatte, das zu verhindern, war der Teufel los.

Menschenleben gingen selbstverständlich vor. Und wenn sich eine Million in den Säcken befunden hätte. Es wurmte Matlock nur, dass er sich doch noch von den Banditen hereinlegen lassen sollte, denn es wollte einfach nicht in seinen Kopf, dass dieser Überfall nicht einen gewichtigeren Grund haben sollte.

Er starrte nach hinten, vermochte aber lediglich die Schatten zweier Reiter zu erkennen, die sich vor den Flinten der Überfallenen in respektvollem Abstand hielten.

Da schwand Matlocks letzter Zweifel.

Den Reisenden drohte keine unmittelbare Gefahr durch dieses Scheingefecht. Der größere Teil der Bande beobachtete ihn zweifellos aus irgendeinem Versteck heraus und wartete, dass sich auch er endlich an der Auseinandersetzung beteiligte und damit den Packwagen ihrem Zugriff preisgab.

Seine dunklen Augen blitzten auf. Er wusste, was er zu tun hatte.

Er lief nach hinten, bis er bei dem fünften Waggon ankam. Dort gab er einen Schuss aus seiner Winchester ab und schwang sich auf die Plattform. Mit einem zweiten Schuss auf die Reiter glaubte er, einen hinreichenden Beweis erbracht zu haben, dass ihn lediglich noch die beiden Kerle interessierten.

Er zog sich hastig zurück, betrat aber nicht den hinteren Waggon, um durch den Zug näher an den gefährdeten Schlafwagen zu kommen, sondern enterte den vorderen Waggon.

Die Männer und Frauen, die ihn so unerwartet durch die Tür kommen sahen, fuhren erschrocken herum. Sie hielten ihn für einen der Banditen, und einer richtete sogar mit zitternder Hand eine Derringer auf ihn.

„Verhalten Sie sich ruhig!“, rief er mit gedämpfter Stimme. „Dann wird Ihnen nichts passieren.“

Er durchquerte den Wagen, und der Mann, der erleichtert seine Pistole wieder einsteckte, fragte keuchend:

„Warum laufen Sie nach vorn, Marshal? Die Schweine befinden sich doch am anderen Ende.“

Roy Matlock nahm sich nicht die Zeit, ihm seine Vermutungen auseinanderzusetzen. Außerdem war es nicht nötig, dass jemand etwas von dem vielen Geld erfuhr, auch wenn es gelang, den Überfall abzuschlagen.

Er turnte über die Plattformen zum angrenzenden Wagen und arbeitete sich auf diese Weise immer weiter vor, ohne dass etwas geschah.

Erst als er sich zwischen den ersten beiden Waggons befand, sah er sie kommen.

Es handelte sich um drei oder vier Mann. So genau konnte er das bei der Dunkelheit nicht erkennen. Wie er vermutet hatte, preschten sie genau auf den Packwagen zu.

Noch brauchte er nicht einzugreifen, weil die Entfernung noch groß genug war. Er hatte Zeit, auch den ersten Waggon zu durchqueren.

„Was haben die Kerle vor?“, erkundigte sich Fess Goldwyn, als er an ihm vorbeirannte.

„Eine Reise in die Hölle“, fauchte Matlock.

Dann befand er sich wieder draußen, und nun mussten ihn auch die Banditen entdeckt haben, denn sie eröffneten augenblicklich das Feuer auf ihn.

Matlock sprang auf der entgegengesetzten Seite auf den Bahndamm und benutzte die Drehgestelle mit den eisernen Rädern als Deckung.

Sie schwärmten aus und boten ihm kein sicheres Ziel.

Ein paar schickten sich an, die Lokomotive zu umreiten und ihm dadurch in den Rücken zu fallen. Das konnte kritisch werden, denn während er sich die Strolche vom Leibe hielt, würden die anderen von der ihm unzugänglichen Seite den Packwagen stürmen und die Säcke herausholen. Ihre Flucht war dann kein Problem mehr.

Matlock zielte ruhig und gab keinen unnötigen Schuss ab. Er hoffte, dass das Zugpersonal nun begreifen würde, dass es auf ein Täuschungsmanöver hereingefallen war, und ihm schnellstens Unterstützung bringen würde.

Er sah neben der noch immer schnaufenden Lokomotive einen Schatten auftauchen und feuerte augenblicklich.

Der Bandit stieß einen wüsten Fluch aus, schien aber nicht getroffen zu sein. Er zog sich rasch etwas zurück, blieb aber nun auf seiner Seite. Unterdessen kamen die übrigen Desperados dichter an den Zug heran.

Matlock musste nun nach allen Seiten möglichst gleichzeitig feuern. Noch zwei Schuss, dann war er gezwungen nachzuladen. Ein gefährlicher Augenblick, der alles entscheiden konnte.

Die Fahrgäste verhielten sich ruhig. Von ihnen hatte er keine Unterstützung zu erwarten. Und das Zugpersonal hatte womöglich im Sinn, ihm zu Hilfe zu eilen, doch einer der beiden Halunken, die den Auftakt zu dieser Schurkerei gegeben hatten, schnitt ihnen den Weg ab und trieb sie mit seinen Schüssen immer wieder nach hinten.

Der andere kam herbeigesprengt, um das Übergewicht der Angreifer noch erdrückender zu machen.

Verdammt! Sie verstanden ihr Geschäft.

Aber die Säcke sollten sie nicht kriegen. Nicht, solange noch ein Funken Leben in ihm steckte.

Hastig feuerte er die letzten beiden Patronen in zwei verschiedene Richtungen ab. Dann turnte er auf die Plattform des Packwagens und verschwand darin, während ein paar wütende Kugeln dicht neben ihm in das Holz schlugen.

Jetzt hatte er ein paar Sekunden Zeit, die ihm genügten, das Magazin der Winchester nachzuladen. Sein Peacemaker steckte griffbereit im Holster. Seine Chancen, einen nach dem anderen zu erledigen, waren also wieder recht gut.

Sie konnten den Wagen nicht gleichzeitig stürmen. Er hatte es allenfalls jeweils mit zwei Gegnern zu tun.

Matlock hörte deutlich, wie sich der Hufschlag näherte. Sie kamen heran.

Mit Hilfe der vorhandenen Kisten baute er in aller Eile eine solide Deckung auf, hinter der er sich verschanzen und die Angreifer in aller Ruhe erwarten konnte.

Tatsächlich erschien schon kurze Zeit später der erste Kopf an der Tür.

Matlock feuerte, und der Kerl heulte auf.

Hoffentlich hatte er seine Schulter so erwischt, dass er keine Waffe mehr halten konnte!

Der Kopf verschwand. Dafür reckte sich der Lauf eines Gewehres in das Innere des Packwagens. Die Mündung zeigte ungefähr in Matlocks Richtung, und der Eisenbahn-Marshal duckte sich hinter seinem Kistenstapel, bevor die Kugel einen riesigen Splitter aus dem Holz riss.

Gleich darauf folgte der zweite Schuss, der auch nicht schlechter gezielt war.

Matlock benutzte die Feuerpause, um seinen Platz, der den Strolchen nun bekannt war, zu verlassen.

Er huschte zur Tür, und als sich der Gewehrlauf abermals vorschob, packte er ihn und riss ihn mit aller Kraft an sich.

Im nächsten Moment führte er mit der erbeuteten Waffe einen fürchterlichen Schlag, und ein Aufwimmern zeigte ihm an, dass er leidlich getroffen hatte.

Er vergewisserte sich, ob nicht von der anderen Seite der Wagen gestürmt wurde. Dann drehte er das fremde Gewehr um und schoss ins Freie. Auf diese Weise hoffte er, die Banditen etwas auf Distanz zu halten und außerdem in Erfahrung zu bringen, wo sich die einzelnen Widersacher momentan befanden.

Eine einzige Kugel antwortete ihm. Sie richtete aber keinen Schaden an. Ansonsten war alles still, wenn er von aufgeregten Schreien, wilden Anfeuerungsrufen und dem Trommelwirbel von Eufschlägen absah.

Roy Matlock glaubte nicht, dass sich die Desperados schon geschlagen gaben. Allenfalls zogen sie sich für einen Augenblick zurück, um weitere Maßnahmen zu vereinbaren.

Seine Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt. Er sah, dass sich die Banditen tatsächlich zurückzogen, und schickte ihnen ein paar Kugeln hinterher.

Nun klangen auch vom Ende des Zuges wieder Schüsse auf. Matlock hörte die Stimmen des Schaffners und des Heizers. Alle übertönte jedoch das bissige Organ Henry Sherwoods:

„Die Kerle fliehen. Dieser merkwürdige Eisenbahn-Marshal lässt sie tatsächlich entkommen. Sie hätten alle aufgehängt gehört.“

Von einer Verfolgung der Desperados versprach sich Roy Matlock nichts. Die Burschen kannten das Gelände sicher genau und verfügten außerdem über schnelle Pferde.

Jetzt musste er sich erst mal vergewissern, ob es wider Erwarten Verletzte gegeben hatte.

Der Bandit, den er zweifellos verwundet hatte, war ebenfalls verschwunden. Lediglich eine beträchtliche Blutspur zeigte ihm, dass dieser Mann in den nächsten Tagen Probleme haben würde, falls er keinen Doc fand, der ihn verarztete, ohne peinliche Fragen zu stellen.

Der Hufschlag verklang in der Ferne.

Matlock lief zu den Männern, die ihm zögernd entgegenkamen, und rief: „Ist bei euch alles in Ordnung?“

„Natürlich!“, plärrte Sherwood. „Wir haben die Bande in die Flucht gejagt, obwohl das eigentlich Ihre Aufgabe gewesen wäre. Aber von Ihnen habe ich gleich nicht mehr erwartet. Zumindest hätten Sie aber einen der Strolche in die Finger bekommen müssen.“

„Das wäre mir auch zweifellos gelungen“, konterte Matlock erbost, „wenn Sie sich von ihnen nicht hätten zum Narren halten lassen.“

„Was fällt Ihnen ein? Ich werde Sie.. “

Matlock hörte nicht auf den Aufgebrachten. Er lief auf den Schaffner zu, der ziemlich kleinlaut war.

„Ich hätte es wissen müssen, worauf sie es abgesehen hatten“, meinte der Bärtige bedrückt. „Sie haben ein Meisterstück vollbracht, Mister Matlock. Als wir merkten, was wirklich gespielt wurde, waren wir schon von Ihnen abgeschnitten. Ich habe nicht damit gerechnet, Sie noch mal lebend zu sehen.“

„Der Kerl gehört an den Baum!“, fauchte Sherwood.

Matlock ignorierte ihn. „Also keine Verletzten“, stellte er beruhigt fest. „Dann wollen wir uns die Schienen ansehen! Wir werden ein paar Männer brauchen, um die Felsbrocken wegzuräumen. Hoffentlich kann der Zug danach weiterfahren.“

Sie stürzten nach vorn, kamen aber nicht weit.

Der Bebrillte aus Sycamore, der vor kurzem noch dem ehemaligen Richter lautstark beigepflichtet hatte, taumelte aus dem Waggon. Er war totenblass. Seine Lippen zitterten. Er brachte kein Wort hervor.

Matlock beruhigte ihn: „Es ist alles vorbei, Mister. Die Burschen haben Pech gehabt. Sie mussten mit leeren Händen wieder abziehen.“

Der andere schnappte nach Luft. „Mit leeren Händen? Wovon reden Sie?“

„Sie wollten den Packwagen ausplündern.“ Das konnte Matlock getrost zugeben, ohne etwas von den Geldsäcken zu verraten.

Der Bebrillte sah ihn entgeistert an. „Ja, dann wissen Sie es wohl noch gar nicht?“, fragte er verblüfft.

„Was glauben Sie, das ich wissen müsste?“

„Er ist fort.“

„Wer?“

„Ihr Gefangener.“

„Goldwyn?“ Roy Matlock hielt das für ausgeschlossen. Er hatte ihn ja sicherheitshalber noch gefesselt, bevor er ihn allein ließ. „Konnten Sie ihn denn nicht aufhalten, Mann? Er war doch nicht bewaffnet.“

„Er nicht“, sagte der andere weinerlich, „aber die beiden Banditen, die ihn herausholten.“

 

*

 

Roy Matlock stürzte in den Waggon und fand die Behauptung des Mannes bestätigt. Der Platz, auf dem er Fess Goldwyn zurückgelassen hatte, war leer. Die Riemen lagen auf dem Boden. Jemand hatte sie mit einem scharfen Messer durchgetrennt.

Matlock biss sich auf die Lippen. Er kam sich wie ein Idiot vor. Aber wie hätte er auch ahnen sollen, dass die Banditen einen Zug stoppten, um zweihunderttausend Dollar stehenzulassen und dafür einen armen Hund zu befreien, der einen Sattel stehlen wollte und dabei geschnappt worden war. Darin sah er auch jetzt noch keinen Sinn, zumal Goldwyn sich die ganze Zeit korrekt benommen hatte. Er schien sich auf sein Winterquartier gefreut zu haben.

Die Aussage des Mannes aus Sycamore wurde von den anderen Fahrgästen dieses Waggons bestätigt.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738916287
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
matlock richter maple

Autor

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Titel: Roy Matlock #11: Richter Maple muss sterben!