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Tony Ballard #111 - Wenn sich das Grauen erhebt

2018 120 Seiten

Leseprobe

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Wenn das Grauen sich erhebt

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Das Erdbeertörtchen schmeckte lecker. Tuvvana, der possierliche weibliche Gnom von der Prä-Welt Goor aß es mit sichtlichem Genuß, Sie war kaum einen Meter groß, hatte dunkles Haar und samtweiche Glupschaugen, mit denen sie ungemein treuherzig in die Weit blicken konnte.

Daß sie beobachtet, von einem dämonischen Augenpaar grimmig angestarrt wurde, ahnte sie nicht, aber tief in ihrem Inneren begann sich ein unangenehmes Gefühl bemerkbar zu machen...

Die Konditorei befand sich in Soho. Tuvvana hatte sie vor zwei Wochen zufällig entdeckt, als sie sich auf dem Heimweg befunden hatte. Auch heute war sie wieder hier »hängengeblieben«.

Sie kam an der Konditorei einfach nicht vorbei, ohne sie zu betreten. Die Versuchung war einfach zu groß - und das Erdbeertörtchen zu süß.

Der weibliche Gnom aß das letzte Stück und legte anschließend die Gabel auf den Dessertteller. Mit sich und der Welt zufrieden, lehnte Tuvvana sich zurück.

Wenn Cruv, ihr Freund, sie jetzt gesehen hätte, hätte er wahrscheinlich vorwurfsvoll den Kopf geschüttelt und gesagt: »Tuvvana, Tuvvana, du wirst eines Tages noch kugelrund.«

Auch Cruv stammte von Coor, dieser gefahrvollen Welt - gefahrvoll für jedermann, ganz besonders aber für Gnome, die dort wie Freiwild behandelt wurden. Jeder durfte sie töten, und es gab kaum einen Gnom, der auf Coor eines natürlichen Todes starb.

Deshalb hatten zuerst Cruv und danach Tuvvana die Gelegenheit wahrgenommen, Coor zu verlassen, als sie sich ihnen bot, und weder sie noch er verspürten auch nur das geringste Heimweh.

Ein Gnom, der sich nach Coor zurücksehnte, war entweder verrückt oder lebensmüde. Tuvvana und Cruv waren beides nicht.

Die Kleine nahm einen Schluck von ihrem Tee und verlangte die Rechnung. Während sie bezahlte, vermeinte sie zum erstenmal, angestarrt zu werden. Nun, sie war klein und hatte sich inzwischen daran gewöhnt, daß die Menschen sie neugierig ansahen.

Aber in diesem Blick befand sich eine spürbare Feindseligkeit, die ihr unter die Haut ging. Tuvvana steckte das Wechselgeld ein und sah sich beunruhigt um.

Wer brachte ihr diese Feindseligkeit entgegen? Befand sich die Person in der Konditorei oder draußen?

Tuvvanas Blick begegnete dem eines grauhaarigen Mannes. Er lächelte sie freundlich an und sah dann weg.

Ist er es...? fragte sich die Kleine, aber in seinem Blick war nur Wärme gewesen.

Tuvvana erhob sich. Sie nahm seit kurzem hier in Soho Klavierunterricht. Der Industrielle Tucker Peckinpah hatte ihr dazu geraten und ihr auch einen erstklassigen Lehrer empfohlen.

Auf Coor gab es keine Musik und keine Instrumente. Tuvvana hatte erst hier auf der Erde mit der unbekannten Klangwelt Bekanntschaft gemacht, und sie war von der Musik begeistert.

Peckinpah besaß ein Klavier, und Tuvvana hatte sich fasziniert daran versucht. Sie hatte sich einige einfache Melodien selbst beigebracht und diese Cruv und dem Industriellen, dessen Leibwächter ihr Freund war, vorgespielt.

Tucker Peckinpah hatte die Darbietung so gut gefallen, daß er ihr anbot, ihr den Klavierunterricht zu bezahlen. Bereits am nächsten Tag hatte der Industrielle sie zu einem Mann gebracht, der in jungen Jahren in den Konzertsälen der ganzen Welt Triumphe am Flügel gefeiert hatte.

Seither begab sich Tuvvana dreimal wöchentlich nach Soho, um sich gelehrig beibringen zu lassen, wie man dem Klavier die wunderbarsten Töne entlockte.

Dieser Blick...

Cruv hatte gesagt, er würde sie mit dem Wagen zum Unterricht bringen und wieder abholen, doch Tuvvana hatte darauf verzichtet. Sie ging gern zu Fuß durch die Stadt, an der sie sich nicht sattsehen konnte.

London überraschte sie immer wieder mit neuen Eindrücken. Tuvvana lebte sehr gern hier. Sie hatte eine neue Heimat gefunden und war zum erstenmal in ihrem Leben unbeschwert glücklich, denn hier lauerten nicht auf Schritt und Tritt Gefahren, Oder doch?

Tuvvana verließ die Konditorei, Das unangenehme Gefühl blieb. Es fraß sich in ihr Herz und machte ihr Angst, An der nächsten Straßenecke blieb sie stehen und blickte sich um.

Sie sah eine alte Frau und eine junge Mutter, die einen Kinderwagen vor sich herschob, einen Jungen, der mit Rollschuhen über den Bürgersteig flitzte - aber niemanden, der sie verfolgte.

Dennoch hätte sie wetten mögen, daß jemand hinter ihr her war, und es konnte sich um keinen Menschen handeln, sonst wäre die unangenehme Empfindung nicht so groß gewesen.

Tuvvana überquerte die Kreuzung, entdeckte eine Telefonzelle und eilte darauf zu. Sie wollte zu Hause anrufen und Cruv bitten, ihr mit dem Wagen entgegenzukommen.

Eine dicke Frau stand in der Telefonbox und redete so laut, daß Tuvvana jedes Wort verstehen konnte. Es war von Übergewicht, Abspecken und Diäten die Rede.

Tuvvana tänzelte ungeduldig vor der Telefonzelle herum. Immer wieder sah sie sich um, doch sie entdeckte niemanden, den sie auf Anhieb als ihren Feind erkennen konnte.

Endlich machte die Dicke Schluß. Sie zwängte sich durch die Tür heraus, würdigte Tuvvana keines Blickes und ging ihres Weges. Der weibliche Gnom betrat hastig die Zelle und griff nach dem Hörer.

Nachdem Tuvvana einige Münzen eingeworfen hatte, wählte sie Tucker Peckinpahs Privatnummer. Zumeist hob dann der Industrielle nicht persönlich ab, sondern Cruv nahm den Anruf zunächst entgegen.

Die unsichtbare Gefahr kam näher...

Tuvvana spürte sie körperlich, und sie wählte mit zitternden Fingern, Sie war jetzt felsenfest davon überzeugt, daß ein Dämon ihr nachstellte.

Tuvvana selbst kämpfte nicht gegen schwarze Wesen, aber Cruv tat es. Vielleicht wollte ihn jemand treffen, indem er ihr etwas antat.

Es läutete mehrmals am anderen Ende, und während Tuvvana ungeduldig darauf wartete, daß sich Cruv meldete, zog ihr Feind zum erstenmal seine dämonischen Register, Es fiel dem weiblichen Gnom nicht sofort auf. Hinter Tuvvana wurde das Glas milchig-weiß, und Kälte drang in die Telefonbox. Tuvvana fröstelte zwar, aber sie dachte, das käme von der Aufregung.

Endlich meldete sich Cruv.

»Kannst du kommen?« fragte Tuvvana heiser.

»Wohin?« fragte Cruv zurück.

Sie sagte ihm, wo sie sich befand, »Ist etwas nicht in Ordnung?« wollte Cruv beunruhigt wissen.

»Ich... werde verfolgt, Cruv«, stieß Tuvvana aufgeregt hervor.

»Verfolgt? Von wem?«

»Das weiß ich nicht... Er gibt sich nicht zu erkennen... Aber ich spüre immer deutlicher seine Nähe... Ich habe Angst, Cruv!«

»Beruhige dich!« sagte der Gnom eindringlich. »Hör mir genau zu. Ich sage dir jetzt, wie du dich verhalten mußt: Bleib in dieser Telefonzelle. Verlasse sie erst, wenn du mich siehst. Hast du mich verstanden, Tuvvana? Du verläßt die Telefonbox keinesfalls früher! Kann ich mich darauf verlassen?«

»Ja«, antwortete die Kleine. Es hörte sich an wie ein unglückliches Schluchzen. »Ja, Cruv. Bitte beeile dich!«

»Ich bin schon unterwegs«, sagte Cruv und legte auf.

Tuvvana wollte durch das Glas sehen, doch das war nicht mehr möglich.

Ringsherum »blühten« Eisblumen.

Und das im Sommer!

Die Kälte nahm ständig zu, wurde unerträglich. Tuvvana klapperte mit den Zähnen.

Ich muß raus! durchzuckte es sie.

Sie hatte Cruv zwar versprochen, in der Telefonzelle zu bleiben, aber das war nun nicht möglich. Sie wollte hier drinnen nicht erfrieren.

Aufgewühlt ließ sie den Hörer fallen. Er baumelte am Kabel hin und her. Tuvvana wandte sich um und versuchte die Tür aufzustoßen, doch das gelang ihr nicht.

Die Tür war zugefroren!

Tuvvana legte ihre kleinen Hände auf das kalte Glas und bemühte sich, eine der Eisblumen fortzuwischen, doch das schaffte sie nicht.

»Cruv!« schrie sie in ihrer Verzweiflung, obwohl ihr Freund sie nicht hören konnte, »Hilfe! H-i-l-f-e!«

Niemand hörte sie.

Furchterfüllt schlug sie mit den Händen gegen das Glas.

»Bitte!« schrie sie schrill. »Helft mir! Holt mich hier raus!«

Sie vermeinte, jemanden auf die Telefonzelle zukommen zu sehen. Ein grauer Schatten zeichnete sich hinter den Eisblumen ab. Der Schatten eines Mannes.

Er muß doch sehen, daß es hier nicht mit rechten Dingen zugeht! dachte Tuvvana. Eis auf dem Glas - mitten im Sommer!

»Hallo!« schrie der weibliche Gnom aus Leibeskräften. »Bitte helfen Sie mir!«

Der Mann stand unmittelbar vor der Telefonzelle, aber er reagierte nicht auf Tuvvanas verzweifeltes Rufen. Hörte er sie nicht? War für ihn dort draußen alles in Ordnung? Konnte er die Eisblumen nicht sehen? Hielt er die Telefonzelle für leer?

»Ich bin hier drinnen!« schrie Tuvvana unglücklich. »Sie müssen mich hören! Sie müssen mir helfen!«

Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Sie glaubte zu wissen, warum der Mann keinen Finger für sie rührte.

Er inszenierte das alles! Er hatte sie in der Konditorei beobachtet und war ihr gefolgt! Er war der Dämon, der ihr wahrscheinlich nach dem Leben trachtete.

Daß sie von ihm keine Hilfe zu erwarten hatte, war klar, Tuvvana rief nicht mehr. Sie ließ die Hände sinken, und ihre großen, dunklen Augen schwammen in Tränen.

Sie konnte sich nicht vorstellen, daß Cruv noch rechtzeitig hier eintreffen würde.

In wenigen Augenblicken würde dieser Dämon vermutlich die Tür öffnen und... Tuvvana wagte nicht, diesen schrecklichen Gedanken zu Ende zu denken.

Die Kälte lähmte sie mehr und mehr. Sie massierte aufgeregt ihre Arme.

Wenn er die Tür aufmacht, muß ich versuchen, an ihm vorbeizukommen! überlegte Tuvvana schlotternd vor Kälte und Angst. Sie zappelte mit den kurzen Beinen, damit sie nicht gefühllos wurden, und hoffte, daß ihr Feind bald die Tür öffnen würde, denn je länger er damit wartete, desto unbeweglicher wurde sie.

Tuvvana vernahm hinter sich plötzlich ein dünnes Fiepen. Ihr Herz übersprang einen Schlag.

Hatte der Dämon Ratten geschaffen? Sollten sie für ihn die blutige Arbeit tun?

Die Kleine fuhr herum. Wenn sie nicht gewußt hätte, wozu Dämonen imstande waren, hätte sie jetzt an ihrem Verstand gezweifelt.

Am Telefonkabel hing ein Hörer, der sich verändert hatte und sich weiter veränderte!

Im Moment hatte er nur einen Frettchenkopf! Aber er wurde immer lebendiger. Seine Oberfläche bedeckte sich mit einem braunen Fell - der Hörer wurde zu einem Körper, bekam vier Beine, und in den Augen des kleinen Tieres war die Glut der Hölle zu erkennen.

Wieder fiepte das Höllenfrettchen. Am Kabel hängend bäumte es sich auf. Tuvvana wich zurück, als das Tier ihr entgegenschwang.

Aber die Telefonzelle war zu eng, um sich vor dem bissigen Tier in Sicherheit bringen zu können.

Blitzschnell war das Frettchen, Es sprang auf die Telefonbücher und stieß sich ab.

Tuvvana ließ sich gegen die Zellenwand fallen und riß schützend die Arme hoch. Das Frettchen setzte die Krallen ein.

Tuvvana schrie auf und schüttelte das angriffslustige Tier ab. Es konnte nicht auf den Boden fallen, denn es war nach wie vor mit dem Telefonkabel verbunden.

Jetzt kletterte das Frettchen an Tuvvana hoch. Die Kleine schlug wie von Sinnen um sich, konnte sich der raschen Attacken des Tieres jedoch nicht erwehren.

Tuvvana sank an der undurchsichtigen Glaswand nach unten. Mehrmals wurde sie von dem Höllenfrettchen gebissen.

Das Tier sprang auf ihren Kopf und auf ihre Schultern. Tuvvana wehrte sich kaum noch.

Sie bekam mit, daß das Tier mehrmals um ihren Kopf herumflitzte, und da es am Telefonkabel hing, schlang sich dieses um Tuvvanas Hals.

Die Kleine bekam keine Luft! Entsetzt und verzweifelt versuchte Tuvvana, sich vom Kabel zu befreien.

Sie wollte die Finger darunterschieben, doch die Ohnmacht war schneller.

Als ihr schwarz vor den Augen wurde, hatte ihre schreckliche Angst ein Ende..

***

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»ICH MUß WEG!« SAGTE Cruv mit belegter Stimme.

Tucker Peckinpah, der sechzigjährige Industrielle, nahm die dicke Zigarre aus dem Mund und musterte den häßlichen Gnom.

»Irgendein Problem?« fragte er.

»Tuvvana rief soeben an. Sie hat Angst. Jemand verfolgt sie. Sie befindet sich in einer Telefonzelle in Soho und wartet auf mich«, sagte Cruv.

»Soll ich mitkommen?« fragte Tucker Peckinpah.

Der Knirps schüttelte den Kopf. »Ich glaube, das ist nicht nötig, Sir.«

»Na, dann beeilen Sie sich mal, und bringen Sie Ihre kleine Freundin wohlbehalten nach Hause.«

Cruv eilte aus dem Raum, und Tucker Peckinpah biß verdrossen in die Zigarre, »Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben...« brummte er, Cruv holte seinen schwarzen Ebenholzstock mit dem kinderfaustgroßen Silberknauf. Es handelte sich um eine Waffe, mit der der kleine Mann hervorragend umzugehen wußte.

Er setzte seine schwarze Melone auf und stürmte aus dem Haus. Wenig später saß er in Tucker Peckinpahs silbernem Rolls Royce und verließ das Anwesen des Industriellen, Inzwischen kannte Cruv die Stadt wie seine Westentasche. Er wußte, auf welchen Routen man selbst während der gefürchteten Rush hour noch zügig vorwärtskam, und er kannte auch die kürzeste Strecke, die zu Tuvvanas derzeitigem Aufenthaltsort führte.

Cruv fuhr schnell, ohne andere Verkehrsteilnehmer zu gefährden. Er war umsichtig und steuerte den riesigen Wagen, in dem er noch kleiner aussah, als er ohnedies war, äußerst souverän.

Eine latente Angst hielt ihn umfangen: Er befürchtete unterschwellig ständig, Tuvvana zu verlieren.

Wirrnisse auf Coor hatten sie schon einmal getrennt. Sie hatten sich aus den Augen verloren, und Cruv hatte ein sehr einsames Leben geführt.

Er hatte damals geglaubt, Tuvvana nicht wiederzusehen, ja, er hatte sie sogar für tot gehalten, und sie hatte auch angenommen, daß er nicht mehr lebte.

Um so größer war ihre Freude gewesen, als sie einander wiederbegegneten, und nun wollte Cruv seine Tuvvana für immer behalten.

Aber diese Angst ließ ihn nicht los. Er sprach mit niemandem darüber und versuchte sich einzureden, daß er sich unbegründet Sorgen machte, doch wer kann schon aus seiner Haut?

Cruv liebte Tuvvana mehr als sein Leben. Er hing so sehr an ihr, daß er sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen konnte.

Und nun war sie in Gefahr, das spürte er, und es bereitete ihm körperliche Pein.

Ich komme! dachte er aufgewühlt. Halte durch, Tuvvana! Wenn ich erst bei dir bin, kann dir nichts mehr geschehen!

Er durchfuhr Mayfair und erreichte wenig später Soho, Drei Straßen noch, dann würde er am Ziel sein.

Cruv blinkte rechtzeitig und bog dann ab. Er sah die Telefonzelle. Niemand stand davor.

Aber es befand sich auch niemand darin!

Cruvs Herz krampfte sich zusammen. Tuvvana hatte ihm doch versprochen, in der Telefonbox auf ihn zu warten.

Cruv stoppte den Rolls Royce drei Meter vor der Zelle. Er griff nach seinem Stock und stieg hastig aus. Aufgeregt sah er sich um, und dann eilte er zur Telefonbox.

Er riß die Tür auf, und sein häßliches Gesicht überzog sich mit Blässe. Die Zelle war leer.

Der Telefonhörer hing herab - und auf dem dunklen Boden glänzten rote Flecken.

Das war Blut!

Tuvvanas Blut!

***

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CRUV SCHNAPPTE FAST über vor Sorge um seine kleine Freundin. Tuvvana war verletzt! Sie war verschwunden! Jemand hatte sie entführt! Cruv nahm eine dämonische Reststrahlung wahr. Wie ein kalter Film legte sie sich auf seine Haut. Hier war schwarze Magie zum Einsatz gekommen!

Tuvvana, die sich nicht dagegen wehren konnte, mußte einer dämonischen Attacke zum Opfer gefallen sein!

Cruv sah auf die Blutstropfen, und er hatte dabei ein häßliches Würgen im Hals. Wohin war Tuvvana verschleppt worden? Lebte sie noch?

Cruv rannte ein Stück die Straße entlang. Er hoffte, Tuvvana zu sehen. Vergeblich.

Der Gnom kehrte um und stieg in den Wagen. Er fuhr kreuz und quer durch Soho und hielt gespannt Ausschau nach Tuvvana. Leider ohne Erfolg.

Entsetzliche Befürchtungen peinigten ihn. Schreckliche Visionen ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Eine war schlimmer als die andere.

Würde sich diesmal erfüllen, was er schon so lange befürchtete?

Ich will sie nicht verlieren! schrie es in ihm. Ich brauche Tuvvana. Ich liebe sie. Sie ist der Inhalt meines Lebens. Ich will nicht wieder allein sein. Die Tage damals waren leer und trist, öde und trostlos - und die Nächte waren noch schlimmer. Das darf sich nicht wiederholen! Ich will es nicht!

Zwanzig Minuten lang suchte Cruv seine Freundin verbissen, dann gab er auf. Es hatte keinen Sinn mehr.

Er brauchte Hilfe. Seine Freunde mußten ihm helfen, Tuvvana wiederzufinden, und sie würden das auch tun.

Cruv kehrte in Tucker Peckinpahs Haus zurück.

»Haben Sie Tuvvana mitgebracht?« wollte der Industrielle wissen.

Cruv nahm die Melone seufzend ab. Wie aus dem Ei gepellt sah er in seinem teuren Maßanzug aus.

Niedergeschlagen schüttelte der Knirps den Kopf. »Nein, Sir«, antwortete er.

Peckinpah erhob sich und kam zu ihm. Er zog die Augenbrauen zusammen, und über seiner Nasenwurzel entstand eine tiefe Falte.

Cruv mußte ihm alles erzählen. Es war nicht sehr viel. Als der sympathische Gnom das Blut in der Telefonzelle erwähnte, zog Tucker Peckinpah die Luft scharf ein.

Dann legte der Industrielle seinem kleinen Leibwächter die Hand auf die Schulter und sagte: »Ich weiß, wie Ihnen jetzt zumute ist, Cruv. Ich fühle mit Ihnen, und ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, damit Tuvvana bald wieder bei uns ist. Sind Sie sicher, eine dämonische Reststrahlung gespürt zu haben?«

»Absolut sicher, Sir«, gab der Gnom zurück.

Peckinpah warf einen Blick auf seine Rolex. »Wenn wir Glück haben, ist Tony Ballard bereits zu Hause«, sagte er und begab sich zum Telefon.

***

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DER STREß NAHM KEIN Ende. Wir hatten kaum das kräfteraubende Abenteuer in Rom hinter uns gebracht, in dessen Verlauf es uns in die Vergangenheit verschlagen hatte, da teilte mir nach meiner Heimkehr Tucker Peckinpah die Hiobsbotschaft mit, daß Tuvvana wahrscheinlich einem unserer schwarzen Feinde in die Hände gefallen war, und er bat mich, unverzüglich zu ihm zu kommen.

Ich war müde und abgekämpft, setzte mich aber dennoch sofort in meinen schwarzen Rover und fuhr los.

Boram, den Nessel-Vampir, nahm ich mit. Vielleicht brauchte ich Unterstützung, und der weiße Vampir war ausgeruht.

In letzter Zeit hatte sich die Suche nach Jubilees Eltern zugespitzt. Ein Mann namens Orson Vaccaro hatte sich bei mir gemeldet und behauptet, er würde Jubilees Vater kennen.

Das war der Grund für Mr. Silver und mich gewesen, nach Rom zu jetten, doch bevor Vaccaro sein Wissen verkaufen konnte, verlor er sein Leben.

Zunächst hatte es so ausgesehen, als wären wir wieder bei Null angelangt, aber dann erfuhr ich, daß der Verbrecher Vaccaro einen Komplizen namens Peter Black gehabt hatte.

Was Vaccaro wußte, war auch Black bekannt - also mußten wir uns an ihn halten. Doch das war nicht so einfach. Im Moment wußte niemand, wo Black steckte.

Boram überraschte mich zum erstenmal mit geradezu »menschlichen« Zügen, indem er sich mit seiner hohlen, rasselnden Stimme erkundigte, was wir in Rom erlebt hatten.

Für gewöhnlich war der Nessel-Vampir sehr schweigsam. Ich konnte mich auf ihn verlassen, das schon. Er war immer für meine Freunde und mich da, aber er war im allgemeinen kein Freund vieler Worte - was nicht unbedingt ein Nachteil ist, »Hat Jubilee gute Chancen, ihre Eltern wiederzufinden, Herr?« fragte mich der weiße Vampir, nachdem ich ihm von unserem Abenteuer erzählt hatte.

»Ich möchte sagen, sie wurden größer«, gab ich zurück. »Jedenfalls dürfen wir hoffen, daß Jubilee demnächst wenigstens einen Eltern teil - ihren Vater -Wiedersehen wird. Was mit ihrer Mutter ist, werden wir erfahren, wenn wir den Mann gefunden haben. Das klappt allerdings nur, wenn wir vorher Peter Black finden.«

»Angenommen, Black gibt sein Wissen nicht preis.«

»Wir bringen ihn zum Reden, keine Sorge«, erwiderte ich. »Entweder mit Geld - oder mit Hypnose.«

»Jubilee sollte bei uns bleiben«, sagte der Nessel-Vampir, Ich warf der Dampfgestalt einen überraschten Blick zu und lachte. »He, du scheinst den Prä-Welt-Floh ja in dein Herz geschlossen zu haben. Wer hätte das gedacht? Jubilee muß selbst entscheiden, wo sie leben möchte. Es wäre ihr und ihrem Vater gegenüber nicht fair, aus egoistischen Motiven die Suche abzubrechen. Der Vater mußte dreizehn Jahre ohne seine Tochter leben. Wer weiß, vielleicht ist Jubilees Mutter daran zerbrochen,«

»Das Mädchen fühlt sich wohl bei uns«, behauptete Boram. »Und sie paßt nirgendwo besser hin.«

»Freut mich, daß du das so siehst«, gab ich zurück. »Aber die Entscheidung bleibt bei Jubilee.«

Ich verlangsamte die Fahrt, denn wir hatten unser Ziel fast erreicht. Die Gedanken an Jubilee wurden in den Hintergrund gedrängt. Dem Mädchen ging es gut.

Das konnte man von Tuvvana nicht behaupten.

***

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DIE NACHT DAVOR...

Mirjana Marells Herz jagte, und Schweißtropfen glänzten auf ihrer Stirn. Sie war ein sehr schönes Mädchen mit walnußbraunen Haaren und ebensolchen Augen. Ihr Teint war goldbraun, und sie war mit fünfzehn Jahren schon voll entwickelt gewesen.

Heute war sie siebzehn, doch jedermann hielt sie für älter. Sie konnte sich nicht erklären, wieso sie ausgerechnet heute nacht so viel Angst hatte.

Es war eine Nacht wie jede andere -oder etwa nicht?

Etwas schien in Mirjana zu keimen und zu wachsen. Etwas, das sie nicht kannte, das ihr fremd war. Etwas völlig Neues.

Aber nicht davor fürchtete sie sich, sondern diese merkwürdigen, unheimlichen Strömungen, die die tintige Nacht durchzogen, ängstigten sie.

Es ist etwas im Gange! dachte Mirjana. Und nur ich scheine es zu bemerken...

Bleischwer war die Stille, die zwischen den dicken, grauen Mauern des Schlosses herrschte.

Der Tod erwacht!

Bei diesem Gedanken erschrak Mirjana.

Das Grauen erhebt sich!

Himmel, warum hatte sie nur so schreckliche Einfälle? Wer gab ihr das ein?

Das uralte, düstere Schloß hieß Black Manor. Wem es gehörte, wußte Mirjana nicht. Man hatte es zum Internat umfunktioniert.

Das Geister-Internat nannten es die Schüler, weil es so unheimlich aussah, doch in den endlos langen Gängen hatten bisher nur die Schüler selbst gespukt.

Aber heute nacht...

Mirjana hob den Kopf und lauschte den regelmäßigen Atemgeräuschen ihrer Zimmerkollegin Grace Morton.

Grace war ihre beste Feundin. Sie lernte sehr gut und hall Mirjana häufig bei den Aufgaben.

Zur Zeit waren Ferien. Es gab also keinen Schulbetrieb, aber das Internat schloß deswegen nicht die Pforten.

Wer über die Ferien hierbleiben wollte, durfte das.

Mirjana Marell hätte nicht gewußt, wohin sie gehen sollte. Wer ihr Vater war, wußte sie nicht, und ihre Mutter war vor einem Jahr unter sehr mysteriösen Umständen ums Leben gekommen.

Grace Morton blieb im Geister-Internat, weil sie sich zu Hause bei ihren Eltern, die sich ständig stritten, nicht wohl fühlte.

Sie würde wahrscheinlich überhaupt nicht mehr nach Hause zurückkehren. Wenn sie hier fertig war, würde sie sich einen Job suchen, sich ein kleines Zimmer nehmen und für sich allein leben. Das war immer noch besser, als sich das tägliche Geschrei und Gezänke daheim anzuhören, Fahles Mondlicht sickerte durch das Fenster und breitete sich über Graces entspanntes Gesicht, Ob ich sie wecken soll? überlegte Mirjana.

»Grace!« flüsterte sie in die beklemmende Stille hinein. »He, Grace!«

Ihre blonde Freundin reagierte nicht.

»Hast recht«, murmelte Mirjana. »Schlaf nur. Ich wollte, ich könnte auch schlafen.«

Sie stand auf und fuhr sich mit der Hand über die schweißfeuchte Stirn.

Barfuß begab sie sich zum halb offenen Fenster. Die milchweiße Gardine bewegte sich wie ein Gespenst, als ein Lufthauch in sie fuhr.

Mirjana schauderte. Sie schob die Gardine zur Seite und öffnete das Fenster ganz. Ein kühler Luftzug streifte ihr makelloses Gesicht.

Wie der Atem des Todes! dachte sie.

Im nahen Wald schrie ein Käuzchen. Unheimlich hörte sich der Ruf des Nachtvogels an. Mirjanas Atem ging schneller.

Wenn sie doch nur gewußt hätte, was sie so sehr aufregte. Links neben dem Wald gab es einen alten Friedhof, der schon lange nicht mehr belegt wurde.

Dennoch machte Mirjana immer einen großen Bogen um ihn. Sie hatte eine panische Angst vor Friedhöfen, Vor allem nachts.

Manchmal ging ihre Phantasie mit ihr durch. Dann stellte sie sich vor, wie sich die Gräber öffneten und die Toten ihnen entstiegen, wie die Skelette sich formierten und ins Schloß kamen...

Ein eiskalter Schauer überlief Mirjana, und sie grub ihre Zähne so fest in die Unterlippe, daß es schmerzte.

Huschte da nicht ein Licht über den Friedhof? Mirjana wich augenblicklich vom Fenster zurück.

Ist es das, was ich spüre? fragte sie sich bange, und mehr denn je beneidete sie ihre Zimmerkollegin um ihren tiefen Schlaf.

Etwas Schwarzes huschte leise flappernd am Fenster vorbei. Mirjana hielt unwillkürlich den Atem an.

Eine Fledermaus! durchzuckte es sie. Vielleicht ein Vampir! Man sagt, Vampire können sich in Feldermäuse verwandeln!

Es hieß aber auch, daß man Vampire auffordern mußte, ein Haus zu betreten, sonst mußten sie draußen bleiben.

Auffordern? Niemals! schrie es in Mirjana, und sie schloß ganz schnell das Fenster. Aber sie fühlte sich danach kein bißchen sicherer.

Sie konnte sich des schrecklichen Eindrucks nicht erwehren, daß böse Mächte nach ihr greifen wollten.

Sie zog die Gardine wieder vor das Fenster. Der Ruf des Käuzchens war nun nicht mehr zu hören. Welche Wohltat.

Mirjana setzte sich auf die Kante ihres Bettes. Ihr Nachthemd raschelte leise.

Vielleicht hat ihn jemand anders eingelassen! überlegte sie fröstelnd. Manche Menschen dienen diesen Blutsaugern. Sie tun alles, was sie von ihnen verlangen, sind ihnen hörig!

Mirjana hob den Kopf.

Er ist da! Er ist im Geister-Internat! redete sie sich ein. Er wird zu mir kommen... und... mein Blut trinken...!

Oh, diese entsetzlichen Gedanken. Mirjana wollte sich wieder hinlegen und sich die Decke übers Gesicht ziehen.

Doch noch zögerte sie, denn wenn sie unter der Decke lag, hörte und sah sie den Blutsauger nicht eintreten...

»M-i-r-j-a-n-a!« geisterte plötzlich eine Stimme durch die Nacht Der Kehle des Mädchens entrang sich ein verzweifelter Schluchzer. »Nein!« krächzte sie und hielt sich die Ohren zu. »Er ruft mich! Er will, daß ich zu ihm komme, aber ich werde dieses Zimmer nicht verlassen!«

Das Mädchen hatte in seinem ganzen Leben noch nie so viel Angst gehabt.

Und Grace Morton schlief, als wäre alles in Ordnung.

»Komm, Mirjana, komm!« hörte sie die unheimliche Stimme.

Warum ich? Wieso ausgerechnet ich? fragte sich das unglückliche Mädchen.

Die Nacht schien tausend Augen zu haben. Er weiß über alles Bescheid, dachte Mirjana. Was ich denke, was ich fühle, was ich tue. Er weiß alles. Alles!

Eine Vielzahl von Gedanken wirbelten durch ihren Kopf. Ideensplitter -Gedankenfetzen.

Der Name ihrer Mutter fiel ihr ein... Sandra! Sie hatte eine sehr enge Bindung zu ihrer Mutter gehabt. Manchmal hatte sie geglaubt, sich in Sandra Marell zu erkennen. Sie waren sich in so vielen Dingen so ähnlich gewesen.

Mutter war immer dagewesen, wenn sie Hilfe gebraucht hatte. Sandra Marell hatte sie beschützt. Jede Mutter beschützt ihr Kind, aber Sandra Marell hatte es irgendwie anders getan.

Sandra Marell war etwas Besonderes gewesen, eine einmalige, manchmal auch ein wenig geheimnisvolle Frau.

»Der Tag liegt nicht mehr allzu fern, wo du an dir etwas feststellen wirst, das dich verblüffen und verwirren wird, mein Kind«, hatte Sandra Marell kurz vor ihrem Tod zu ihrer Tochter gesagt. »Du brauchst deshalb jedoch keine Angst zu haben. Komm zu mir, wenn es soweit ist. Wir werden dann ausführlich darüber reden.«

Ist es heute nacht soweit? fragte sich Mirjana. Was soll ich tun? Mutter lebt nicht mehr.

»M-i-r-j-a-n-a!« Sie wurde wieder gerufen, und voller Entsetzen registrierte sie, daß sie sich bereits erhoben hatte.

Es war ihr nicht aufgefallen.

»Komm!« rief die unheimliche Stimme.

Ich gehorche! dachte das Mädchen verstört. Das darf ich nicht! Ich muß hierbleiben, darf das Zimmer nicht verlassen!

Aber sie begab sich trotz dieser Gedanken zur Tür. Grace Morton schien der letzte Rettungsanker für sie zu sein.

Ruf sie! forderte sie sich auf. Bitte sie, dich zurückzuhalten!

Doch die Tür war bereits offen, und eine Kraft, der sich Mirjana nicht zu widersetzen vermochte, zog sie vorwärts.

Sie betrat den schummrigen, kalten Flur, dessen Wände mit dunklem Holz getäfelt waren.

Hier draußen war die Stille noch drückender. Sie legte sich auf Mirjanas Brust und erschwerte ihr jeden Atemzug.

Wie soll ich das durchstehen? fragte sich das Mädchen. Die Angst bringt mich um!

»M-i-r-j-a-n-a!« Schaurig flog ihr der Ruf entgegen - der Lockruf des Bösen, dem sie gehorchen mußte.

Lautlos, als wäre sie selbst ein Gespenst, schlich Mirjana durch das nächtliche Internat.

Sie erreichte die Treppe und setzte ihren Fuß auf die erste Stufe. Sie schloß jetzt schon mit ihrem Leben ab, denn sie glaubte zu wissen, daß das Verderben sie erwartete und daß sie diese Nacht nicht überleben würde.

Tränen rannen ihr über die Wangen, während sie zur finsteren Halle hinunterstieg.

Im Geist rief sie flehend ihre Mutter, obwohl ihr die Vernunft sagen mußte, daß sie Sandra Marell auf diese Weise nicht erreichen konnte.

Aber zum Teufel mit der Vernunft...

»Es ist soweit, Mirjana«, vernahm das Mädchen plötzlich Sandra Marells Stimme.

»Mutter...!« Mirjana blieb verdutzt stehen.

»Der große Augenblick ist gekommen, mein Kind«, sagte Sandra Marell. Ihre Stimme klang so deutlich, als stünde sie direkt vor ihrer Tochter.

Aber Mirjana konnte sie nicht sehen. »Mutter, wo bist du?« fragte sie verwirrt.

»Ich bin bei dir, aber ich kann dir nicht mehr helfen«, antwortete Sandra Marell. »Du bist auf dich allein gestellt, aber ich bin zuversichtlich, daß du an dieser Prüfung nicht scheitern wirst.«

»An welcher Prüfung? Ich verstehe dich nicht, Mutter.«

»Hab keine Angst, mein Kind. Du bist stark; stärker, als du denkst. Du wirst es erfahren. Es wird in dir erwachen, und du wirst dich seiner bedienen. Hinterher wirst du verstehen. Viel Glück, Mirjana...«

Die Worte verwehten in der Dunkelheit.

»Mutter!« rief das Mädchen, als könnte sie Sandra Marell damit zurückholen und festhalten, doch ihre Mutter antwortete nicht mehr.

Mirjana ging weiter.

Etwas leitete sie - ein Gefühl, ein Impuls.

Und in ihr erwachte die Entschlossenheit zu kämpfen - egal, wie stark der Feind sein würde.

»Du bist stark; stärker, als du denkst«, hatte Sandra Marell gesagt.

Darauf baute Mirjana. Es machte ihr Mut, verlieh ihr Selbstvertrauen. Ihre Mutter hätte sie niemals belogen.

Das Mädchen tappte durch die große Halle. Die unheimliche Stimme rief sie nicht mehr. Vielleicht hätte sie umkehren können, aber das wollte sie nicht.

Es gab einen Trakt im Schloß, den die Schüler nicht betreten durften. Niemand kannte den Grund für dieses Verbot. Man nahm es einfach zur Kenntnis.

Heute nacht würde sich Mirjana jedoch darüber hinwegsetzen. Nicht aus simpler Neugier, sondern weil sie herausgefordert worden war und weil sie diese Herausforderung annehmen wollte.

Es würde dort, in diesem verbotenen Trakt, zu einem Kräftemessen besonderer Art kommen.

Ein finsterer Gang führte das Mädchen auf eine Tür zu, die wie von Geisterhand bewegt zur Seite schwang, als sie sich ihr näherte.

Kälte, vermengt mit muffigem Modergeruch, wehte sie an. Wie in einer Gruft...

Die Tür war jetzt offen - wie ein großes, rechteckiges Maul, das Mirjana verschlingen wollte.

Dahinter zitterten in den Ecken graue, staubige Spinnweben wie alte, zerschlissene Schleier.

Mirjanas Schritt verhielt einen kurzen Moment. Ihr kam die Befürchtung, daß sie sich zuviel zumutete.

Was dann?

Sie war allein hier unten. Niemand wußte von ihrem nächtlichen Ausflug in den verbotenen Trakt.

Niemand konnte ihr beistehen, wenn sie Hilfe brauchte.

Sie legte die Hand auf das rissige Holz des Türrahmens und versuchte herauszufinden, was sie dort unten erwartete.

Eine Gefahr, die man kennt, ist nur halb so gefährlich, sagt man. Mirjana hätte sich darauf einstellen können.

Doch aus der tückischen Dunkelheit kam nichts, woraus sie hätte Schlüsse ziehen können.

Worauf mußte sie gefaßt sein? Mirjana kniff die Augen mißtrauisch zusammen. Allmählich bekam ihre Angst wieder Oberwasser. Doch die Furcht war noch nicht so groß, daß sie sie zur Umkehr bewegen konnte.

Sie trat durch die Tür. Es war irgendwie ein endgültiger Schritt. Ein Zurück schien es nun nicht mehr zu geben.

Mirjana vermeinte, in eine andere Welt zu treten. In eine Welt voller Bosheit, Grauen und tödlicher Gefahren.

Ich befinde mich im Vorzimmer der Hölle! dachte das Mädchen.

Hinter ihr bewegte sich wieder die Tür - zuerst langsam, dann immer schneller, und schließlich fiel sie mit einem dumpfen Knall, der bestimmt im ganzen Schloß zu hören war, zu.

Mirjana zuckte herum. Der Knall würde jemanden wecken. Vielleicht die Internatsleiterin Miß Blair Sheene, eine äußerst gewissenhafte Frau, die aus ihrem Zimmer kommen und nach dem Rechten sehen würde.

Was wußte Miß Sheene über den verbotenen Trakt? Hatte sie ihn selbst schon mal betreten?

Kälte kroch in Mirjanas nackte Füße. Sie versuchte, die zugefallene Tür zu öffnen, Es ging nicht. Was nun?

Mirjana rüttelte an der Klinke, wurde immer wilder, aber es nützte ihr nichts. Sie saß in der Falle.

Langsam drehte sie sich um. Es mußte noch einen anderen Fluchtweg geben. Vorsichtig tastete sie sich eine Treppe hinunter, und ihr schien, als würde ihre Anwesenheit hier unten für einige Aufregung sorgen.

Etwas jagte durch die Dunkelheit. Dann war für kurze Zeit nur das Schlagen von Mirjanas Herz zu hören.

Über dem Mädchen wölbte sich eine dunkelgraue Steindecke, von der Spinnweben herabhingen.

Mirjana bog um eine Ecke, und im selben Moment war ihr, als hörte sie jemanden schwer atmen. Eine unangenehme Gänsehaut spannte sich jäh über ihren Rücken, Zwischen dunklen Steinquadern ragte ein »zweistöckiges« Fenster auf, das waagerecht in vier gleiche Teile geschnitten war.

Schmutz bedeckte das Glas, so daß nur wenig Licht hindurchsickern konnte, Es ist hier! raunte dem Mädchen eine innere Stimme zu. Du hast dein Ziel erreicht.

Mechanisch machte Mirjana die nächsten Schritte und stieß mit dem linken Fuß gegen eine schwere, dickgliedrige Kette.

Eine zweite schwarze Kette lag daneben. Sie endete - wie die andere - in einer Handschelle.

War das das Verließ? Wer war hier einst gefangengehalten worden? Mirjana stieg über die Ketten.

Als sie das untere Treppenende erreichte, hörte sie die schweren Ketten rasseln und klirren.

Wer bewegt sie?

Mirjana drehte sich nervös um und sah, wie die Handschellen hochstiegen und wie sich die Ketten mit einem Ruck spannten.

Dem Mädchen stockte der Atem.

Fledermäuse tauchten auf. Sie schwirrten am hohen Fenster vorbei und verschwanden sofort wieder.

Die Dunkelheit schien sie aufgesaugt zu haben. Nur für wenige Augenblicke war Mirjana abgelenkt gewesen.

Als sie ihren Blick nun wieder auf die Ketten richtete, stand ein Mann zwischen ihnen!

***

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ER WAR ALT, HATTE SCHÜTTERES weißes Haar und sah grauenerregend aus. Er wirkte ausgemergelt und abgezehrt.

Viel Leid schien er schon ertragen zu haben, das drückte sein faltiges Gesicht aus.

Und die Erscheinung war - transparent! Ja, Mirjana konnte durch den Mann hindurchsehen.

Es gab also einen echten Spuk in Black Manor, Deshalb war es den Schülerinnen untersagt, diesen Trakt zu betreten.

Wer mochte dieser Mann sein? Einer der früheren Schloßbesitzer? Warum hatte man ihn in Ketten gelegt?

Er hob die Hände, und Mirjana sah lange Krallen an seinen Fingern. Sie konnte in den dunklen Höhlen keine Augen erkennen, fühlte sich von dem Unheimlichen aber dennoch haßerfüllt angestarrt.

Das Mädchen wich zwei Schritte zurück. Sie dachte, das würde reichen. Immerhin war der Schreckliche angekettet.

Aber die Ketten gaben nach! Der Unheimliche wuchtete sich vorwärts, und seine Krallen gruben sich in den Stoff ihres Nachthemds.

Mirjana stieß einen entsetzten Schrei aus und sprang zur Seite. Der graue Unhold wollte sie ergreifen.

Nur mit großer Mühe gelang es ihr, sich vor seinen immer wieder zupackenden Händen in Sicherheit zu bringen, Ihr Nachthemd zerriß mit einem häßlich ratschenden Geräusch.

Mirjana bedeckte ihre Blößen nicht, sondern schrie und wollte die Flucht ergreifen, doch sie kam nicht von der Stelle.

Etwas hielt sie fest! Sie wehrte sich verzweifelt dagegen, schlug um sich, aber dann schlossen sich Finger um ihre Handgelenke, und sie konnte sich nicht mehr wehren.

Ein unbegreiflicher Druck lastete auf ihr. Sie bekam zuwenig Luft, glaubte, ersticken zu müssen und riß die Augen weit auf.

Plötzlich wechselte die Szene! Mirjana befand sich nicht mehr im Verlies, und sie wurde auch nicht mehr von diesem grauen Geistermann angegriffen.

Sie lag in ihrem Bett, und Grace Morton befand sich über ihr und hielt sie verzweifelt fest.

Da begriff Mirjana, daß sie alles nur geträumt hatte!

***

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738916249
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
tony ballard wenn grauen

Autor

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Titel: Tony Ballard #111 - Wenn sich das Grauen erhebt