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Ashley Parker Fantasy - Dunkelerde

von Alfred Bekker (Autor:in) W. A. Hary (Autor:in)
2018 340 Seiten

Zusammenfassung

Die Alchimisten des Mittelalters hatten die Idee, aus Dreck Gold zu machen. Ein Ziel, das sie nie erreichten.
Dafür schufen sie, ohne dass sie ahnten, etwas anderes.
Die Dunkelerde…
Durch den Abgrund der Dimensionen von uns getrennt existiert eine zweite Erde in einem Paralleluniversum. Eine Erde, die durch das fehlgeleitete Experiment von Alchimisten entstand. Während in unserer Welt innerhalb weniger Jahrhunderte das technische Zeitalter begann, vergingen auf der Dunkelerde nicht nur Jahrhunderte, sondern viele Jahrtausende, denn die Zeit verlief auf den beiden Zwillingserden mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Erst allmählich glichen sich beide Welten in diesem Punkt wieder aneinander soweit an, dass ein Übertritt möglich wurde.
Möglich mit den Mitteln der Alchimie, die Dunkelerde einst geschaffen hatten – einen Ort, an dem das finstere Mittelalter niemals aufgehört hatte und Magie die Rolle der Wissenschaft einnahm.
Schauen wir hinüber, über die Barriere, indem wir den 14jährigen Pet und die 13jährige Jule auf ihrem gefahrvollen Weg über jene Grenze begleiten, die beide Welten trennt.
Ihren Weg auf die Dunkelerde…

Leseprobe

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Alfred Bekker und W.A.Hary

schrieben als

Ashley Parker

Dunkelerde

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Gesamtausgabe

All-Age-Fantasy-Roman

Das vorliegende Werk erschien auch in einer zweibändigen Ausgabe.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

DieseAusgabe erscheint in Arrangement von Alfred Bekker, W.A.Hary und Edition Bärenklau, Jörg Munsonius. Titelbild: Adelind mit Pixabay und STEVE MAYER.

© der Digitalausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

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Zu Beginn...

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Die Alchimisten des Mittelalters hatten die Idee, aus Dreck Gold zu machen. Ein Ziel, das sie nie erreichten.

Dafür schufen sie, ohne dass sie ahnten, etwas anderes.

Die Dunkelerde...

Durch den Abgrund der Dimensionen von uns getrennt existiert eine zweite Erde in einem Paralleluniversum. Eine Erde, die durch das fehlgeleitete Experiment von Alchimisten entstand. Während in unserer Welt innerhalb weniger Jahrhunderte das technische Zeitalter begann, vergingen auf der Dunkelerde nicht nur Jahrhunderte, sondern viele Jahrtausende, denn die Zeit verlief auf den beiden Zwillingserden mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Erst allmählich glichen sich beide Welten in diesem Punkt wieder aneinander soweit an, dass ein Übertritt möglich wurde.

Möglich mit den Mitteln der Alchimie, die Dunkelerde einst geschaffen hatten – einen Ort, an dem das finstere Mittelalter niemals aufgehört hatte und Magie die Rolle der Wissenschaft einnahm.

Schauen wir hinüber, über die Barriere, indem wir den 14jährigen Pet und die 13jährige Jule auf ihrem gefahrvollen Weg über jene Grenze begleiten, die beide Welten trennt.

Ihren Weg auf die Dunkelerde...

*

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Das Abenteuer

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Alchimie?”, fragte Kralle gedehnt und gab sich alle Mühe, es möglichst abfällig klingen zu lassen.

„Ja, genau!”, bestätigte Jule schnippisch und schürzte ihren kirschroten Kussmund. Allerdings nicht, weil sie ihren Freund Pet küssen wollte, sondern um damit ihren anklagenden Tonfall zu unterstreichen.

„Na und?”, erwiderte Pet und schüttelte den Kopf. „Ich verstehe jetzt nicht, was das soll!”

„Was das soll?”, äffte seine Freundin ihn nach und wandte sich an die anderen aus der Clique. „Er fragt doch tatsächlich, was das soll! Habt ihr das gehört? Er beschäftigt sich mit Alchimie. Ein vierzehnjähriger Alchimist sozusagen, der dabei völlig vergisst, dass er vielleicht auch noch eine Freundin hat.”

„Nicht mehr lange”, kommentierte Kralle und in seinen Augen blitzte es dabei. Jeder in der Clique wusste schließlich, dass er ebenfalls schon länger auf Jule stand.  Allerdings hatte er keinerlei Chancen bei ihr. Genauso wenig wie sonst wer. Wenigstens nicht, so lange sie ihrerseits voll und ganz auf Pet fixiert war.

„Da fragst du noch?”, funkelte sie gerade ihren Freund an. „Ich habe dich tagelang nicht mehr gesehen, außer in der Schule und da bist du mir sogar aus dem Weg gegangen.” Sie hob warnend die Hände. „Jetzt unterbrich mich bitte nicht. Ich bin noch lange nicht fertig: Dein Handy war abgeschaltet. Deine Eltern wussten gar nicht genau, was du treibst. Aber ich wusste es: Alchimie! Ha, dass ich nicht lache...”

„Voll krass!”, meinte Ferdie. Er war einmal sitzen geblieben und nicht nur der Älteste unter ihnen, sondern mit Abstand auch der Stärkste. Allerdings war er nicht der Klügste, obwohl sich niemand getraut hätte, darauf anzuspielen. „Sind das nicht diese Typen, die Gold aus Eisen machen wollen?”

„Nein, nicht aus Eisen, sondern aus Blei!”, berichtigte Pet ihn prompt, ohne ihn dabei anzusehen. Ferdie benahm sich gern als der Big-Boss in der Clique, was er allerdings noch nie gewesen war. Er war jedoch der einzige, der das nicht merkte. Jeder mochte ihn trotzdem. Ferdie tat zwar gern großspurig und prahlte mit seinen überlegenen Körperkräften, aber im Grunde genommen war er ein Typ, der keiner Fliege was zuleide tun konnte. Es war alles nur eine Fassade, die er aufgebaut hatte, um seinen ziemlich weichen Kern zu verbergen.

„Wo ist denn da der Unterschied?”, beschwerte sich Ferdie, denn wenn er eines nicht leiden konnte, dann war es Besserwisserei.

Pet hob die Schultern.

„Na, das eine ist halt Eisen und das andere eben Blei. Das macht den Unterschied.”

„Ehrlich?” Ferdie runzelte die Stirn und schien angestrengt nachzudenken.

„Ich hätte viel mehr Zeit für dich, Jule, wirklich!”, versprach Kralle, weil er glaubte, die Gunst der Stunde nutzen zu können.

„Grins mich nicht so an, Kralle. Du weißt, dass ich nicht auf dich steh. Und wann willst du endlich zum Zahnarzt? Wenn du so grinst, sieht man deine Zahnlücke.”

Kralle schloss verblüfft den Mund.

„Hör mal, Jule, ich finde das jetzt nicht fair”, wandte sich Pet an seine Freundin. „Ich habe dich vernachlässigt, zugegeben...”

„Vernachlässigt? Nein, mein Lieber, du hast dich sogar verleugnen lassen! Hältst du mich für doof?”

„Nein, natürlich nicht. Ehrlich. Ich weiß doch, was ich an dir habe.”

„Und was ist jetzt, bitte, unfair von mir?”

Pet atmete hörbar und machte eine ausholende Geste.

„Weil du das hier anspricht, in dieser Runde.”

„Wo und wann denn sonst? Ich habe dich doch gar nicht mehr zu Gesicht bekommen. Und jetzt sind wir hier, bei unserem Treffen, wie vereinbart. Mit der Clique. Und die anderen sollen ruhig wissen, was du für einer bist.”

„Ein Alchimist!”, kicherte Kralle, neuen Mut schöpfend.

„Sag mal, stimmt das denn wirklich?”, fragte Susi. Niemals hätte sie zugegeben, dass sie Pet mochte, wirklich niemals - obwohl es trotzdem jeder wusste. Was will er eigentlich von dieser Göre?, dachte sie häufig. Jule ist erst Dreizehn und eine Klasse unter uns - und das im wahrsten Sinne des Wortes!

Aber Susi tat immer ausgesucht freundlich gegenüber Jule.

Diese nahm es gelassen hin.

Pet wandte sich an Susi. „Es stimmt nicht direkt.”

„Wie, nicht direkt?”, funkte Jule dazwischen. „Du beschäftigst dich mit Alchimie anstatt mit mir. Von der Schule ganz zu schweigen. Jetzt bitte keine Ausflüchte.”

„Ich will damit sagen, dass ich mich nicht direkt mit Alchimie beschäftige, sondern lediglich mit deren Geschichte.”

„Geschichte?”, rief Ferdie. „Aha, dann erzähle uns die doch mal!”

„Nein, keine Geschichte, die man erzählt, sondern eben... Geschichte, Historie...”

„Ach so!” Ferdie war sichtlich enttäuscht.

Der Jüngste in ihrer kleinen Clique, Bennie, einen Monat jünger als Jule und in deren Klasse, meldete sich zu Wort: „Könnte interessant sein, die Geschichte der Alchimie. Schließlich ist sie die Vorläuferin der modernen Chemie. Und wo wären wir ohne die heute?”

„Wahrscheinlich in gesünderer Luft!” Susi winkte ab. „Und jetzt bitte keinen Vortrag, Bennie. Ich habe keinen Bock darauf. Siehst du nicht, dass wir hier echte Probleme wälzen?”

„Probleme? Wir?” Bennie schaute anzüglich von Pet zu Jule und von Jule zu Susi. „Wir?”, wiederholte er.

Susi lief rot an, ohne es verhindern zu können. Das ärgerte sie maßlos. Deshalb hielt sie lieber den Mund.

Pet war froh, dass wenigstens einer das Thema ernst zu nehmen schien. „Weißt du, Bennie, ich bin zufällig darauf gestoßen. Mein Vater hat alte Sachen auf dem Speicher, auch Bücher.”

„Und darin geht es um Alchimie?”

„Ja, genau. Hast du eine Vorstellung, wie selten diese Bücher heutzutage sind?”

„Und da schmeißt die dein Alter einfach so auf den Speicher?”

„Na, er hat schon dafür gesorgt, dass nichts dran kommt. Die sind tadellos in Schuss.”

„Cool!”, meinte Ferdie.

„Nein, total uncool!”, belehrte ihn Jule. „Wollen wir jetzt stundenlang über Alchimie labern? Ich denke, wenn das so ist, ziehe ich mich zurück. Hat noch jemand Lust, dem trauten Laber-Paar hier den Rücken zu kehren?”

„Ich!”, meldete sich Kralle begeistert.

„War doch klar!”, sagte Susi abfällig und dann: „Geht schon mal vor. Ich komme nach.”

„Allein oder mit Pet?” Diese Bemerkung konnte sich Ferdie nun doch nicht verkneifen - und er bewies damit, dass er nicht ganz so unbedarft war wie es manchmal den Anschein hatte. „Vergiss es einfach.”

Pet hob beschwörend beide Hände: „Nun hört endlich auf damit, Leute. Ich habe mich jetzt ein paar Tage mit Alchimie beschäftigt, gut, zugegeben. War nicht gerade fair gegenüber Jule. Ich habe sie sogar zweimal versetzt und war nicht erreichbar und es...”

„Endlich gibt er es zu!”, seufzte Jule.

Pet fuhr fort: „...sind sowieso in ein paar Tagen Ferien. Die letzte Arbeit haben wir geschrieben. Viel zu lernen gibt es nicht mehr...”

„...und da beschäftigt sich der junge Herr halt mal lieber mit Alchimie, also mit blankem Unsinn!”, fiel ihm Jule ins Wort.

„Alchimie, ja, aber nicht blanker Unsinn!” Pet sagte das in einer Art und Weise, die jeden aufhorchen ließ. Sogar Susi schaute ihn ganz erschrocken an. So ernsthaft hatte man Pet ja noch nie gesehen! Er war ja regelrecht aufgebracht. Normalerweise war er der Junge mit dem sonnigen Gemüt. Er hatte auch dann noch einen lockeren Spruch auf den Lippen, wenn die anderen sich bereits total dem Frust hingaben: Wenn es in der Schule gerade nicht so lief, wie man es gern gehabt hätte oder wenn das Taschengeld mal wieder vor der Zeit aufgebraucht war...

„Ist gut, ich habe verstanden!”, sagte Jule und machte auf dem Absatz kehrt. Mit wiegenden Hüften stolzierte sie davon. Kralle war sofort hinter ihr her.

„Krasser Fehler, Alter!”, meinte Bennie und klopfte Pet auf die Schulter.

Pet machte Anstalten, seiner Freundin zu folgen.

„Lass sie erst mal. Die ist sauer wie eine Zitrone. Aber spätestens, wenn Kralle ihr so auf den Wecker geht, dass sie es nicht mehr aushält, kommt in ihr die Sehnsucht nach Pet zurück, glaube mir!”

„Ich hoffe.”

„Wie denn, ich hoffe? Wo bleibt dein sonniges Gemüt? Verdirbt Alchimie die Stimmung oder was?”

„So ungefähr!”, gab Pet zu und dachte dabei: Wenn du wüsstest, Bennie... Wenn du wüsstest, was ich herausgefunden habe...

„Ich mache dir einen Vorschlag, Pet: Ich komme hinterher und versuche, das Schlimmste zu verhindern.”

„Das Schlimmste?”

„Es hat einen Namen und der lautet: Kralle!”

Wer ist eigentlich auf die bescheuerte Idee gekommen, den Jungen Kralle zu nennen?, überlegte Pet. Ist genauso bescheuert wie mich Pet zu nennen. Dabei heiße ich noch nicht einmal Peter. Es ist also gar keine Abkürzung. Ich heiße Harald. Aber wer, um alles in der Welt, läuft heutzutage außer mir auch noch mit diesem oberbescheuerten Namen Harald herum?

Außer meinem Vater!, fügte er in Gedanken hinzu und schaute Bennie nach, der beruhigend winkte und dann sich Mühe gab, den Anschluss an Jule und Kralle nicht zu verlieren. Obwohl er sowieso wusste, wohin die gingen, nämlich ins nahe gelegene JUG, also ins Jugendzentrum. So wie immer.

Ferdie schürzte nachdenklich die Lippen. Was sollte er tun? Ja, nichts anderes bedeutete das wohl.

Pet nickte ihm zu. „Geh hinterher - und vergiss nicht, Susi mitzunehmen.”

„Und du?”

„Die Alchimie, weißt du?”

„Ach so, Gold machen, was?”

„Aus Blei!”

„Logisch.”

Er ging. Susi blieb.

„Du hast was vergessen!”, rief Pet ihm nach.

Ferdie wandte den Kopf. Pet deutete mit dem Kinn auf Susi.

„Das ist nicht fair!”, beschwerte diese sich.

„Wann ist das Leben jemals so etwas wie... fair?”, philosophierte Pet. Ungewohnte Worte aus seinem Mund. Susi schaute ein wenig erschrocken und ließ sich dann von Ferdie weg ziehen.

Pet ging in die umgekehrte Richtung. Das Buch!, hämmerte es in ihm. Ich muss unbedingt das Buch noch einmal in die Hände nehmen. Es wird mir die Wahrheit sagen, ganz bestimmt, weil ich es deutlich spüre. Ja, die Wahrheit sogar weit über das hinaus, was damals wirklich geschehen ist und wieso es heute schon lange keine Alchimisten mehr gibt. Vor allem sind sie nicht deshalb spurlos verschwunden, weil sie Chemikern Platz gemacht haben, wie alle Welt glaubt. Ganz bestimmt nicht...

*

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WO GEHST DU HIN?”, fragte die Mutter, als Pet am Wohnzimmer vorbei lief, ohne auch nur einmal den Blick zu wenden.

„Auf den Speicher!”, war seine knappe Antwort.

„Schon wieder zu den Büchern? Was soll das?” Diese Worte waren eher an ihren Mann gerichtet als an Pet. Der lief einfach weiter.

„Lass ihn!”, hörte er seinen Vater beschwichtigen.

„Aber wieso? In seinem... Alter?”

„Weil es für ihn wichtig ist.”

„Er vernachlässigt auch noch seine nette Freundin. Die Jule ist so ein liebes Ding...”

„Ich sagte: Es ist wichtig für ihn! Glaube mir, ich weiß, wovon ich rede.”

„Du weißt es?”

„Ja!” In diesem einen Wort, das den davon eilenden Pet noch einholte, steckte soviel Überzeugung, dass Pet unwillkürlich stehen blieb.

Natürlich weißt du es!, dachte er auf einmal. Logisch: Es ist kein Zufall, dass du die Bücher auf dem Speicher hast, ordentlich verstaut, damit nichts dran kommt, aber auch so untergebracht, dass niemand zufällig darüber stolpern kann.

Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen. Hatte der Vater ihn nicht regelrecht erst auf den Gedanken gebracht, sich um die Bücher zu kümmern? Wann jemals hatten die ihn denn vorher interessiert? Und dann die seltsamen Andeutungen von Vater... Bis er endlich doch auf den Speicher gegangen war, von einer seltsamen Neugierde getrieben. War bei seinem Aufstieg auf den Speicher nicht ein verräterisches Glitzern in Vaters Augen getreten?

Wieso?

Pet blieb stehen und schüttelte heftig den Kopf: Die Bücher waren Familienbesitz, so viel wusste er. Sie wurden vom Vater auf den Sohn weitervererbt. Jeder Vater zeigte sie irgendwann seinem Sohn, damit dieser irgendwann dasselbe mit seinem Sohn tat. Blieb nur noch eine Frage offen: Wieso ausgerechnet zu dieser Zeit? Wieso nicht nächste Woche oder in einem Jahr?

Unruhe erfasste ihn und trieb ihn weiter. Er kam nicht dagegen an. Es war, als würden die Bücher ihn locken. Keine Macht der Welt würde es schaffen, ihn zurück zu halten. Und Vater musste das gewusst haben! Er hatte Pets Neugier sogar auch noch unterstützt.

Wieso?, durchzuckte es Pets Gedanken. Spürt er es denn auch? Spürt er, dass es wichtig ist, ausgerechnet jetzt?

„Es duldet keinen Aufschub”, murmelte er vor sich hin, wie automatisch. „Keine Minute, vor allem keine Stunde oder gar... einen Tag.”

Er dachte an Jule.

Sie würde ganz schön sauer sein.

Pet griff in die Tasche und zückte sein Handy. Achtlos legte er es ab - ausgeschaltet! -, bevor er weiter lief, um auf den Speicher zu steigen. Er tat dies so hastig, dass er beinahe von der Treppenleiter gestürzt wäre, die hinauf führte.

Und dann war er oben. Endlich! Er sah die offen stehende Kiste mit den Büchern. Sie waren in einem tadellosen Zustand, aber uralt. Eines war praktisch wie neuwertig.

Er griff danach. Es hatte ganz unten gelegen. Erst gestern war es ihm überhaupt aufgefallen. Aber er hatte nur einen kurzen Blick riskiert: Eigenartige Zeichen waren auf dem Einband zu sehen, die irgendwie keinerlei Sinn ergaben.

Jetzt konnte er es endlich wieder in die Hände nehmen. Dabei wurde ihm bewusst, dass er sich in den letzten Minuten nichts auf der Welt sehnlicher gewünscht hatte.

Er starrte auf den lederartigen Einband. Das Buch war dick, aber dennoch federleicht. Die Kanten hatten Goldeinfassungen, wohl, damit sie nicht abstießen. Aber das Gold hatte nicht einmal einen Kratzer. Es war blitzblank, als hätte man das Buch gerade erst hergestellt und ihm dabei nur das Aussehen eines uralten Schmökers verliehen.

Mit diesem Buch stimmt was nicht! Es ist... kein gewöhnliches Buch. Nicht wie die anderen... Ein flüchtiger Blick über die durcheinander liegenden sonstigen Bücher. Er hatte die meisten aufgeblättert und nur Teile davon gelesen. Ganz bestimmte Teile. Da hatte gestanden, dass die Alchimisten zu einer Zeit, die man heute das finstere Mittelalter nennt, einfach verschwunden waren und dass dies einen plausiblen Grund hatte. Später waren wieder Alchimisten aufgetaucht beziehungsweise Leute, die sich als solche ausgaben. Aber hatte keine echten Alchimisten mehr gegeben. Aus den falschen Alchimisten schließlich hatten sich die

Vor allem dieses Buch nicht!

Pet schaute zwischenzeitlich auf die seltsamen Zeichen und da war es ihm, als würden sie sich bewegen. Er blinzelte verwirrt. Nein, sie bewegten sich natürlich nicht wirklich. Nur eine Illusion. Etwas ganz anderes war passiert: Nicht die Zeichen hatten sich verändert... sondern er. Besser gesagt: seine Betrachtungsweise!

Er schüttelte total verwirrt den Kopf und starrte wieder darauf.

Es waren dieselben Zeichen, ganz ohne Zweifel. Sie hatten sich überhaupt nicht verändert. Aber... er wusste auf einmal, was sie bedeuteten:

Barosch Alchimisch Dunkel.

„Dunkel?”, murmelte er. Nein, das stand nicht wirklich da, aber es hatte genau diese Bedeutung, als ein einzelnes Zeichen. Und Alchimisch war ein Wort aus einer Geheimsprache, der Sprache der Alt-Alchimisten, wie man sie nennen durfte, nachdem die falschen Nachfolger der Alchimisten versucht hatten, in ihre Fußstapfen zu treten.

„Geheimsprache?”, fragte er sich laut und schloss eine Sekunde lang die Augen. Als er sie wieder aufriss, standen die seltsamen Zeichen vor ihm, deren Sinn er verstand, ohne es jemals gelernt zu haben.

„Barosch: Der Führer!” Er lauschte den eigenen Worten nach. Was da in der Geheimsprache der Alt-Alchimisten stand, hieß nichts anderes, als dass dieses Buch der alchimistische Führer zum Dunkel sei.

Zum Dunkel? Welches Dunkel? Die Finsternis des Satans oder so ähnlich?

Er schüttelte den Kopf, weil er gleichzeitig wusste, dass damit nicht jene Finsternis gemeint war.

Zögernd schlug er den Buchdeckel auf. Vergilbtes Pergament starrte ihn an. Es waren keinerlei Zeichen zu sehen - für normale Augen. Pet starrte darauf und las laut vor - in jener fremden Sprache, der Geheimsprache der Alt-Alchimisten. So perfekt, als hätte er sein Leben lang niemals etwas anderes getan.

Er erschrak.

Was geschieht hier?, fragte er sich.

Ihm schauderte.

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WAS SIND DENN DAS für Tierlaute?”, fragte jemand direkt vor ihm.

Hätte ihm einer mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen, wäre die Wirkung kaum anders gewesen. Mit einem Aufschrei schlug Pet das Buch zu und wollte aufspringen.

Aber er sank sogleich wieder zurück: Jule! Sie stand vor ihm wie aus dem Boden gewachsen.

Er schluckte.

„Jule!”

„Ach, du hast mich tatsächlich gleich wiedererkannt?”, fragte sie amüsiert.

„Aber wie... wieso...?”

„Ich kam die Treppenleiter herauf, falls du das meinst. Vorher habe ich deine Eltern nach dir gefragt. Erst wollte mich dein Vater weg schicken. Er hat dich sowieso die letzten Tage immer am Telefon verleugnet, hat behauptet, nicht zu wissen, was du treibst. Aber dann hat er sich... nun, sagen wir: ein wenig seltsam benommen und zu deiner Mutter gesagt, es sei richtig.“

„Wie bitte?“

„Anschließend hat er mir die Treppenleiter gezeigt. - Was dagegen, das ich hier bin?”

„Nein, natürlich nicht.

„Hätte ja sein können. Alchimie hat doch auch was Geheimniskrämerei zu tun, wen ich richtig informiert bin.“

„Jule, ich...”

„Was waren das für Laute eben?”

„Laute?”

„Es klang wie Tierstimmen. Du hast gezischelt wie eine Schlange, die um ein Kaninchen kämpft, das perdu nicht gefressen werden will. Armes Kaninchen, kann man da nur sagen. Genauso hat es sich jedenfalls angehört.”

„Angehört?”, echote er.

Jule runzelte die Stirn.

„Hallo? Jemand daheim da oben?” Sie tippte ihm an die Stirn. „Ich bin‘s nur, die vernachlässigte Freundin, Herr Chefalchimist!”

So etwas wie ein Lächeln entstand um seine Mundwinkel. „Entschuldigung, Jule, aber...”

„Darum möchte ich auch gebeten haben, Alter!”

„Jetzt fängst du beinahe so an zu reden wie Ferdie.”

„Na und? Der redet wenigstens noch mit einem - im Gegensatz zu dir, der du nur irgendwelche Tierlaute von dir gibst. Wozu sollte das überhaupt gut sein? Irgendeine Beschwörung? Ach, ja, ich sehe schon: Du hast es doch tatsächlich geschafft, den Rand dieses Buches in pures Gold zu verwandeln. Alle Achtung. Hätte ich dir niemals zugetraut, echt.”

„Hör auf mit den Witzen. Es ist wirklich nicht witzig, glaub’ mir!”

„Was soll nicht witzig sein? Bücher in Gold zu verwandeln? Nein, witzig ist das ganz und gar nicht. Ich würde eher sagen: Obercool!”

„Der Goldrand war vorher schon da.”

„Ach! Jetzt bin ich aber enttäuscht!”

„Es ist ein... Geheimbuch, abgefasst in der Geheimschrift und der Geheimsprache der Alt-Alchimisten.”

Sie schaute ihn forschend an, als wollte sie dadurch herausfinden, ob er tatsächlich übergeschnappt war oder ob es sich nur so anhörte.

Sein Tonfall wurde beschwörend: „Bitte, Jule, damit darf man nicht scherzen. Ich meine es bitter ernst. Es geht hier nicht um diese Scharlatane, die sich später als Alchimisten ausgegeben haben. Es geht um die echten Alchimisten. Sie hatten eine weltumspannende Organisation im Mittelalter. Sogar indianische Zauberpriester gehörten dazu, obwohl zu diesem Zeitpunkt Amerika noch gar nicht entdeckt gewesen war. Sie standen untereinander in Verbindung. Eine magische Verbindung. Ihre gemeinsame Sprache war Valuremisch. Außer ihnen wusste niemand davon.”

„Und das alles steht in diesen Büchern geschrieben?”

„Ja, ich musste das erst lernen, bis ich mich um dieses Buch hier kümmern konnte.”

Sie nahm ihm  das Buch einfach aus der Hand, ehe er es verhindern konnte und betrachtete es von allen Seiten. „Da sind eigenartige Zeichen...” Sie schlug es auf.

„Nicht!”, warnte Pet erschrocken, doch er bewirkte damit das genaue Gegenteil: Sie wich seinen zupackenden Händen aus, sprang außerhalb seiner Reichweite und blätterte darin.

„Leere Blätter!”, stellte sie enttäuscht fest.

„Die Blätter sind ganz und gar nicht leer, Jule!”, widersprach Pet heftig. „Ungeschulte Augen können nur nichts sehen.”

„Aber deine schon?”

„Natürlich.”

„Weil sie geschult sind?“

„Ja.“

„Wer hat dich wann darauf vorbereitet? Hast du alles in den Büchern da gelernt, unter anderem eben, wie man unsichtbare Schrift lesen kann?” Es klang nicht gerade überzeugt. Außerdem konnte sie einen spöttischen Unterton einfach nicht unterdrücken.

„Es sind dieselben Schriftzeichen wie auf dem Einband. Sie gehören zur Geheimsprache der Alt-Alchimisten. Wer sie sehen kann, der kann sie auch verstehen.”

„Das beantwortet meine Fragen nicht.”

„Ich habe es niemals gelernt. Ich... ich kann es ganz einfach.”

„So plötzlich?”

„Ja, so plötzlich, Jule, ich kann es doch auch nicht so richtig erklären. Das war vorhin erst, kurz bevor du gekommen bist.”

„Diese seltsamen Tierlaute... War das die Geheimsprache?”

Pet nickte nur.

Jule trat näher. Sie zögerte kurz. Dann reichte sie ihm das Buch zurück. „Lies weiter!”

„Wie bitte?”

„Richtig gehört, Chefalchimist: Ich will wissen, was du da liest. Also nicht in der Geheimsprache, sondern gleich übersetzt, damit normale Ohren auch verstehen, was normale Augen noch nicht einmal sehen können.”

„Also gut!”, machte Pet verdattert und schlug das Buch wieder auf. Er runzelte die Stirn und stutzte kurz.

Jule dachte schon, jetzt wären die unsichtbaren Schriftzeichen auch für ihn unsichtbar geworden und wollte eine diesbezügliche abfällige Bemerkung machen, aber dann begann Pet mit monotoner Stimme - so monoton, dass es Jule eisig kalt über den Rücken lief - zu übersetzen:

„Zehn Jahre ist es her. Deshalb schreiben wir das Jahr Zehn nach er Gründung von Valurema, der weltumspannenden Alchimisten-Organisation. Es war alles am Anfang so wahnsinnig schnell gegangen. Innerhalb von Stunden waren wir uns bewusst geworden, dass die Anderen existierten, zwar räumlich getrennt von der unseren, aber dennoch erreichbar. Die Freude war groß, doch die Ernüchterung folgte bald: Wir konnten uns gegenseitig zwar erreichen, über jegliche Entfernung hinweg, aber wir sprachen alle verschiedene Sprachen. Deshalb gründeten wir Valurema, den Bund der Alchimisten, einen Geheimbund. Diejenigen, die die größten sprachlichen  und grammatischen Kenntnisse hatten, machten sich daran, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln. Aber eine, die mehr war, als nur ein einfaches Verständigungsmittel. Sie hatte magische Bedeutung. Es wurde wahre Geheimsprache der Alchimisten.

Ich war einer von ihnen. Mehr noch: Ich wurde ihr Barosch, ihr Führer. Das Wort Valurema war noch willkürlich gewählt, aber die Sprache, die wir schufen, durfte nicht klingen wie eine menschliche Sprache. Wir wählten Laute jener Tiere, die für uns magische Bedeutung haben. Wir ahmten ihre Laute nach, kombinierten sie mit den anderen und spürten dabei ihre magische Wirkung.

In jener Zeit fragte sich niemand von uns, wie es denn möglich war, dass wir plötzlich über große räumliche Entfernungen hinweg miteinander ohne Mühe in Verbindung treten konnten, was vorher niemals gelang. Ja, was hatte dies ermöglicht?

Keiner konnte für sich allein darauf kommen. Nein, es bedurfte der kollektiven Zusammenarbeit. Diese jedoch war nur möglich, wenn wir eine gemeinsame Sprache sprachen. Valuremisch.

Und als dies gelungen war, schlossen wir uns zu einem geistigen Verbund von unvorstellbarem Ausmaß zusammen zu. Es war, als hätte die Erde selber angefangen zu denken. Wir waren sozusagen das Gehirn der Erde - der belebten Erde zumindest. Alle anderen Lebewesen waren die Zellen eines Lebenskörpers, der die Welt umspannte. Ein grandioses Gefühl, das wir lange auf uns einwirken ließen, indem wir gemeinsam in unserer gemeinsamen Sprache darin schwelgten.

Ich machte schließlich den gewagten Vortritt, indem ich die Frage stellte, wie dies denn alles möglich geworden war - so unvermittelt, wie es schien.

Die Wahrheit fanden wir schnell heraus: Es war keineswegs zufällig geschehen, sondern war abhängig von der Gesamtzahl der praktizierenden und damit gleichzeitig aktiven Alchimisten. Das hieß, es musste weltweit eine bestimmte Anzahl von Alchimisten gleichzeitig sich mit den Dingen beschäftigen, die sich außerhalb normaler menschlicher Vorstellung befanden. Noch niemals zuvor hatte es genügend Alchimisten gegeben, um dies zu ermöglichen - bis vor zehn Jahren! Bis eben zur Gründung von Valurema.

Faszinierend und erschreckend zugleich. Faszinierend wegen den Möglichkeiten, die sich uns dadurch eröffneten - erschreckend wegen den Gefahren, die der Welt drohten, falls wir bei der Ausübung dieser ungewohnten Machtfülle Fehler begingen...

Nun, da du diese Worte liest, Auserwählter, weißt du, dass nicht die Faszination obsiegte, sondern das Entsetzen! Du liest dies, weil wir versagt haben, in unserem Wunsch, mit unserer Macht das Gute zu bewirken und dabei das Dunkle unterschätzten.

Nicht dass du dies nun falsch verstehst, Auserwählter... Ach, vergiss diesen Einwand gleich wieder, denn du bist schließlich der Auserwählte. Wie könntest du also da überhaupt etwas falsch zu verstehen? Und dir zur Seite steht dein weibliches Äquivalent oder der weibliche Gegenpol. Sie ist die Auserwählte. Du bist dazu bestimmt, das Buch zu lesen und zu verstehen - und sie ist dazu bestimmt, den Kontakt zur Erde zu halten - zu dem eben, was man allgemein die Wirklichkeit nennt. Als wäre das andere etwas anderes als eine Wirklichkeit!

Es mag dir jetzt, in diesem Stadium deiner Studien, noch seltsam erscheinen - seltsam und vor allem unverständlich -, aber alles ergibt einen Sinn. Dieses Buch ist der Führer zu einer besonderen Art des Dunkels. Es ist der Führer zur Dunkelerde! Nur zu diesem Zweck habe ich es geschaffen, dass du es eines Tages liest, wenn die Stunde dafür reif ist, als Auserwählter. Dieses Buch wird von Generation zu Generation weiter gereicht, denn ich habe zwei Vorahnungen: Eine sagt mir, alles geht gut - und die andere sagt mir, dass wir Alchimisten dabei sind, mit unserer Macht die schrecklichste Katastrophe zu verursachen, die man sich überhaupt vorstellen kann. Dieses Buch wurde von mir dazu geschaffen, einen Auserwählten nach der möglichen Katastrophe zu befähigen, noch Schlimmeres zu verhindern, vielleicht sogar den endgültigen Untergang aller menschlichen Zivilisation. Ja, in der Tat, ich weiß es nicht, sondern ahne es nur, denn auch der perfekteste Seher sieht nur die Möglichkeiten - aber du wirst es erfahren, Auserwählter und wirst die blanke Wahrheit erkennen. Du wirst der Wissende sein, während ich, der dir diese Möglichkeiten eröffne, um damit mein schlechtes Gewissen zu beruhigen ob unseres Vorhabens und seiner Risiken... Ich bin nur der Ahnende. Merke es dir: Du wirst der Wissende sein und ich werde der Ahnende bleiben - längst für immer ausgelöscht, wenn du diese Zeilen liest.

Eines aber musst du noch bedenken, Auserwählter: Du musst dir stets vor Augen halten, dass nicht die beschwörenden Worte es sind, die allein Magie bewirken, sondern der Geist, der durch die beschwörenden Worte erneut erwacht.

Ich ahne schon, dass du es nicht sogleich verstehen wirst, aber es ist sehr wichtig, Auserwählter, dass du dies verstehst: Indem du diese Worte liest, denkst du die gleichen Gedanken, die ich gedacht habe, als ich sie niederschrieb! Dein Geist schwingt mit meinem Geist in Einklang. Ich, der schon lange nicht mehr existiere, erwache in dir zu neuem Leben. Es sind meine Worte, also meine Gedanken, die zu deinen Worten, also zu deinen Gedanken werden. Somit bist du hier und jetzt... Barosch Alchimisch Dunkel! Ja, es ist nicht nur der Titel des Buches, sondern... ich war es selbst, denn ich habe als Barosch, vereint mit der Macht aller Alchimisten, dies alles bewirkt, was dir begegnen wird. Ich fürchte, Auserwählter, wenn du diese Worte in dich aufnimmst und meine Gedanken denkst, hat die Katastrophe längst stattgefunden und das wahre Grauen siegte, nicht unsere guten Vorsätze. Wie viel Zeit ist inzwischen vergangen? Jahrhunderte? Jahrtausende?”

Pet schrie auf und ließ das Buch fallen. Er zitterte am ganzen Körper und brüllte: „Jahrtausende, Barosch! Jahrtausende!”

Jule packte verzweifelt seine Schultern und rüttelte daran.

„Pet, bitte, komm zu dir! Du bist ja völlig von Sinnen.”

„Jahrtausende!”, schrie Pet und schien sie gar nicht mehr wahrzunehmen. Sein Blick war entrückt. Seine Augen blickten in eine weite, unbekannte Ferne, in... eine andere Welt?

„Dunkelerde!”

„Aber nein, Pet, es ist doch höchstens Jahrhunderte her. Die Alchimisten, hörst du? Im finstersten Mittelalter hast du gesagt.”

Sein Blick wurde prompt klarer. Er blinzelte verwirrt.

„Im finstersten Mittelalter, wahrlich, das war es... damals, zehn Jahre nach Valurema. Die Katastrophe. Es sind nur Jahrhunderte vergangen, hier, auf Hellerde. Aber viele Jahrtausende drüben, auf Dunkelerde.”

„Hellerde? Dunkelerde?”

Pet war außer sich. „Du wirst es verstehen, Jule, du wirst es verstehen müssen. Du bist der weibliche Pol. Du bist die Auserwählte. Aber wieso? Ja, wieso du und ich? Was haben wir denn getan?”

„Du bist mein Sohn!”, sagte da eine Stimme.

Sie fuhren beide herum. Pet erkannte seinen Vater. Er stand auf der Treppenleiter. Man konnte nur seinen Kopf sehen und er wirkte sehr ernst.

„Es ist anders als sonst, Pet. Das tut mir aufrichtig leid, aber ich fürchte...”

„Was fürchtest du, Pap?” Sein Vater war an die Abkürzung Pap gewöhnt.

Er antwortete: „Ich fürchte, niemand kann es dir abnehmen. Ich auch nicht. Ich hatte mein Leben lang gehofft, es möge nie eintreten, aber jetzt ist es soweit - nach Jahrhunderten.”

„Was ist soweit, Pap, was?”

„Die Störung wird erfolgen und der Jüngste ist auserwählt, als eine Art Wächter, oder gar Krieger oder sogar Richter. Niemand kann ihm diese Aufgabe abnehmen, auch und vor allem nicht sein Vater.”

„Und Jule?”

„Ihr liebt euch und es ist eine vollkommen reine Liebe. Sie wäre nicht dein weiblicher Gegenpol, wenn ihr bereits... Sex miteinander gehabt hättet. Doch dies ist nicht der einzige Grund.”

„Was denn sonst noch?”

„Ich habe deine Mutter kennen gelernt, weil sie die Auserwählte gewesen wäre. Wir haben jahrelang in Keuschheit gelebt, bis mir klar wurde, dass ich niemals der Auserwählte zu sein brauchte. Dann kamst du zur Welt und ich habe inbrünstig gehofft, du würdest genauso davon verschont bleiben.”

„Heißt das... Jule und ich haben uns gefunden, weil es unser beider Schicksal ist?”

„Ja, Pet: Sie ist eine direkte Nachfahrin eines jener Alchimisten, die damals verschwanden - genauso wie du und ich.”

„Und meine Eltern?”, rief Jule. „Mann, ist das denn hier ein Irrenhaus oder was?”

Niemand sagte etwas. Beide schauten sie nur an. Sie begriff auch ohne Worte, dass dies hier keineswegs ein Irrenhaus war, wie sie es nannte, sondern bittere Wirklichkeit.

„Auch deine Eltern!”, antwortete Pets Vater endlich. „Genauso wie die Eltern von Pets Mutter, wie meine Eltern... Heutzutage ist das ja nichts Besonderes mehr: Die Menschen kommen aus aller Welt zusammen. Heißt du nicht den italienischen Nachnamen Nero? Siehst du, wir heißen Magnus. Es war Harald Magnus, der dieses Geheimbuch schuf. Er war der Barosch Alchimisch Dunkel. Drum heiße auch ich Harald Magnus. Und deine Mutter ist sicher Gabriella Nero. Aber auch du heißt so: Gabriella! Obwohl dich alle Welt Jule ruft...”

„Sie... Sie wissen das alles - schon länger?”

„Natürlich weiß ich es schon länger. Schließlich bin ich Harald Magnus - und mein Sohn teilt mein Schicksal. Mehr noch: Er wird das Schicksal der ganzen Ahnenreihe sogar erfüllen.”

„Aber wieso?”, protestierte Pet wie irre. „Ich will das alles nicht. Ich bin ein ganz normaler Vierzehnjähriger. In ein paar Tagen sind Ferien. Ich habe eine Freundin, die ich liebe. Ich habe dufte Kumpels. Ich...” Er brach ab.

„Ich weiß es nicht!”, gab sein Vater zu. „Niemand weiß es. Du musst alles selber herausfinden und Jule muss dich dabei begleiten. Unser Vorfahre hat es dir geschrieben. Jule ist der weibliche Gegenpol, damit du dich bei deiner Aufgabe nicht verlierst.”

„Welche Aufgabe überhaupt?”

„Du brauchst die Aufgabe nicht zu suchen, Sohn, denn die Aufgabe hat dich bereits gefunden. Alle Fragen werden beantwortet, aber nicht durch mich. Ich werde mich jetzt zurückziehen. Verzeih, Sohn, viel lieber wäre ich an deiner Stelle, glaube mir. Du bist doch noch so schrecklich jung - und dann eine solche Verantwortung?”

„Ich pfeife auf deine Verantwortung, hörst du, Pap? Ich pfeife auf diesen ganzen Scheiß. Ich will damit nichts zu tun haben. Ich... ich will meine Ruhe davon. Disko am Wochenende, büffeln bis zum Abitur, Ferien mit der Clique - das alles halt! Verdammt, ich bin doch nicht so ein beschissener Auserwählter. Ich bin einfach nur Pet, sonst nichts!”

Das Gesicht seines Vaters drückte unendliche Traurigkeit aus, als er nach unten stieg. Die beiden jungen Menschen hörten ihn, wie er sich flüsternd mit Pets Mutter unterhielt. Aber dann zogen sich beide zurück und es wurde still.

„Ich bin hier im falschen Film, tatsächlich!”, murmelte Jule. Vorhin noch hatte sie sich bemüht, Pet zu trösten, aber jetzt hätte sie es selber bitter nötig gehabt.

„Das sind wir beide”, murmelte Pet tonlos und nahm das Buch wieder in die Hand. „Wir könnten jetzt einfach alles wieder weg packen und vergessen.”

„Könnten wir das?”

„Nein, eigentlich nicht!”, gab er kleinlaut zu.

„Die Aufgabe hat dich gefunden...”

„Sie hat UNS gefunden!”, betonte er.

„Aha, dann willst du jetzt alles auf mich abwälzen oder was?”

„Wenn es gehen würde: Ja!”

„Also, du...” Sie hob drohend die Rechte, als wollte sie ihn schlagen, aber es war nur ein Spaß, der beiden für ganz kurze Zeit zumindest ein eher müdes Lächeln entlockte.

„Die Aufgabe...”, murmelte Pet vor sich hin. „Wenn ich nur wüsste, was für eine blöde Aufgabe das überhaupt sein soll.”

„Nun, vielleicht... Rettung der Welt?”

„Ja, klar: Pet, der große Weltenretter. Das hat mir gerade noch gefehlt.”

„In der Tat, das hat es!”

Jetzt lachten sie beide wie über einen gelungen Scherz, aber wirklich froh klang das nicht. Sie starteten damit nur den untauglichen Versuch, doch noch Abstand von allem zu gewinnen. Aber dann starrte Pet auf das Buch in seinen Händen und er schlug es wieder auf.

Wie unter Zwang.

„Die Aufgabe!”, sagte er dabei tonlos. „Was für eine beschissene Aufgabe meint der eigentlich?”

„Willst du wieder... vorlesen?”, fragte Jule bang.

„Von Wollen kann keine Rede sein: Ich MUSS! Es ist das Buch, glaube ich, oder die darin eingefangenen Gedanken meines Ahnen, der mich über das Buch dazu zwingt. Ich soll seine Gedanken denken.”

„Und dann?”

„Dunkelerde!”, sagte Pet und seine Augen weiteten sich. „Ich - ich verstehe endlich, was das bedeutet: Dunkelerde, das ist der Schatten unserer Erde.”

„Liest du das schon vor oder was?”

„Ja, ja, Jule, ich habe es hier gelesen. Es steht in der Geheimschrift geschrieben, aber ich übersetze es für dich: Dunkelerde, das ist der Schatten unserer Erde. Folglich dürfen wir unsere Erde Hellerde nennen.

Wir haben es herausgefunden und auf einmal erscheint es uns nicht mehr schwierig, Dinge zu schaffen, wie aus dem Nichts. Denn wir haben nicht nur die Existenz von Dunkelerde erfahren, sondern auch, in welchem Verhältnis sie zur hellen Erde steht: Dunkelerde ist der Schatten von allem! Ja, genauso kann man es beschreiben: Jedes lebende oder tote Objekt auf Erden, sogar die Erde selbst... Sie werfen einen Schatten. Nicht den normalen Schatten, den es gibt, wenn man vor einer Lichtquelle steht, sondern wir werfen eine andere Art von Schatten... in eine andere Welt. Eine Art Schattenwelt. Deshalb haben wir sie spontan Dunkelerde genannt. Doch während die Hellerde, also unsere Erde, lebt, ist Dunkelerde tot. Eben nur der Schatten der Wirklichkeit, nicht mehr und auch nicht weniger. Der tote Schatten, wie dein Schatten vor dir auf dem Steinpflaster, während die Sonne in deinem Rücken steht.

Die erste Frage, die uns beseelte: Wäre es möglich, einen solchen Schatten zu beleben?”

Pet brach ab. Er starrte auf die für Jule leeren Seiten, mit großen, schreckgeweiteten Augen, aber er sagte nichts mehr.

„Was ist, Pet?”, drängte Jule. „Lies doch weiter. Ich will wissen, was es mit dieser Dunkelerde  auf sich hat. Existiert sie noch? Sind die Alchimisten damals etwa... dorthin verschwunden? Aber wieso bezeichnet dein Vorfahr dies als Katastrophe? Für wen war es eine Katastrophe? Nur für die Alchimisten? Oder auch für uns? Und in wie fern?”

Endlich löste Pet seinen Blick aus dem Buch und schaute Jule an. Sie brach mitten im Wortschwall ab.

„Ich - ich kann nicht weiterlesen”, behauptete er.

„Wie bitte?”

„Ich kann nichts mehr sehen. Ich kann nichts mehr verstehen.”

„Aber wieso?”

„Vielleicht hat mich dies alles zu sehr angestrengt? Es ist so eine Art Magie und sie ermüdet mich stark. Ja, so wird es sein.”

„Du lügst!”, stellte Jule beleidigt fest.

„Wie?”

„Ich kenne dich gut genug, Pet, um dir an der Nasenspitze anzusehen, dass du lügst. Du warst schon immer ein besonders lausiger Lügner, glaub mir.”

„Nein, Jule, wirklich, ich lüge nicht.”

„Was verheimlichst du mir? Was hast du gelesen, was du mir nicht mitteilen willst? Und warum verschweigst du es mir? Willst du mich verschonen? Das geht nicht. Schon vergessen? Ich bin die Auserwählte oder so...”

„Tut mir leid, Jule, wirklich, aber wir müssen jetzt aufhören damit. Es geht nicht mehr. Ich kann nicht mehr.” Demonstrativ klappte er das Buch zu und erhob sich.

Jule schaute ihn zweifelnd an.

„Pause?”

„Ja, Pause! Wir machen dann morgen weiter, nach der Schule.”

„Du kommst morgen zur Schule - nach alledem?”

„Wieso nicht? Die Aufgabe läuft mir nicht davon, gewiss nicht. Obwohl es mir lieber wäre, ehrlich.“

Sie schürzte nachdenklich die Lippen. „Also gut, einverstanden.” Auch sie stand jetzt auf. Beide gingen in Richtung Dachluke, um nach unten zu steigen.

Kurz hielt Jule inne: „Du versprichst mir hoch und heilig, dass du ohne mich nichts unternimmst?”

„Großes Ehrenwort!”, versprach Pet.

Der lügt, wenn er nur den Mund auf macht!, dachte Jule schwer enttäuscht, aber sie sagte nichts mehr. Was denn auch? Wie sollte sie sich denn überhaupt verhalten in einer Situation, wie sie verrückter nicht sein konnte? Wenn man das jemandem erzählen würde... Nicht auszudenken!

Sie stiegen nach unten. Pet tat dabei ganz normal, als sei überhaupt noch nie alles normaler gewesen als gerade heute...

*

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AM NÄCHSTEN MORGEN sahen sie sich kurz vor Schulbeginn auf dem Schulhof. Pet sah übernächtigt aus, aber auch Jule wirkte nicht gerade ausgeschlafen.

Sie standen voreinander, als wären sie sich rein zufällig begegnet und würden sich jetzt erst gegenseitig wiedererkennen - so überrascht, dass keiner auch nur einen Ton hervorbringen konnte.

„Du hast mich schwer enttäuscht, Pet!”, sagte sie schließlich - und es klang ein wenig weinerlich.

„Enttäuscht?”, echote er verblüfft.

„Ich hatte so sehr gehofft, dass du nachkommen würdest, ins JUG. Alle kamen, außer dir. Bennie hat versucht, mich zu beruhigen. Da bin ich abgehauen, weil mir klar wurde, dass ich umsonst auf dich warte. Ich ging heim und versuchte, dich über Handy zu erreichen: Ausgeschaltet! Es grenzt an ein Wunder, dass du überhaupt noch hier aufgetaucht bist - und sogar mit mir redest. Äh, tust du das überhaupt? Hast du überhaupt auch nur ein einziges Wort bis jetzt gesagt? Vielleicht sogar... eine Entschuldigung oder so etwas? Aber da solltest du wirklich gut überlegen vorher. Lass dir was einfallen, was plausibel genug ist.”

„Ich - ich verstehe das alles nicht.”

„Wie denn jetzt? Du verstehst nicht, dass ich sauer bin oder was?”

„Aber, Jule, du warst doch gestern...”

„...die total Angeschmierte, ja, falls du das meinst: Bingo!”

„Nein, du bist doch bei mir aufgetaucht und...”

Sie zog die hübsche Stirn kraus und legte den Kopf schief. Damit nicht genug. Sie stemmte beide Arme in die Seite und schürzte die Lippen wie zu einem Kuss: Äußerstes Alarmzeichen.

„Owh-owh!”, machte jemand an Pets Seite. Es war Bennie. Pet brauchte nicht hin zu sehen, um es zu wissen. Solche Laute gab sonst kaum einer von sich.

„Hau einfach ab!”, fuhr Pet ihn an, heftiger als beabsichtigt. Er wandte sich wieder an Jule: „Du warst gestern mit mir zusammen, Jule. Was soll also der Scheiß jetzt? Willst du mich veralbern oder was?”

Sie hatte zu einer gehörigen Standpauke ansetzen wollen, aber das vergaß sie schlagartig. Ihre Hände sanken herab. Sie zog die Stirn noch ein wenig krauser.

„Wer will jetzt wen veralbern, mein Guter? Ich soll bei dir gewesen sein? Und wieso weiß ich nichts davon?”

„Keine Ahnung, Gabriella Nero!”

„Wieso nennst du mich so? Schau hin: Ich bin’s, Jule! Und wen hattest du gestern bei dir? Vielleicht Susi, diese üble...”

„Vorsicht!”, rief Susi in diesem Moment. Niemand hatte ihr Kommen bemerkt.

Jule schloss für eine Sekunde ergeben die Augen. „Das musste jetzt ja sein!”

„Ich war jedenfalls nicht bei Pet!” Es klang sehr bedauernd aus Susis Mund.

„Nein, stimmt: Jule war bei mir!”, stellte Pet eindeutig klar.

„Müsst es ja ziemlich toll getrieben haben, wenn sie sich nicht mehr erinnert. Oder sollte ich mich so in dir irren und du bist der totale Langweiler, den man sowieso besser komplett wieder vergisst?”

„Ha, ha, extrem witzig. Ich lache mich rund!” Pet schüttelte den Kopf.

„War doch nur ein Scherz!”, verteidigte sich Susi prompt und zog einen Schmollmund, der wahrscheinlich bedeuten sollte: „Bitte, bitte, Pet, nimm es mir bloß nicht krumm!”

„Hau einfach ab, Susi: Siehst du nicht, wie sehr du störst?” So direkt war Jule ja noch nie gewesen. Was war denn in sie gefahren?

Aber es wirkte: Beleidigt zog sich Susi zurück.

„Ich muss hinein, sonst gibt es Probleme mit dem Klassenlehrer, wie du weißt”, lenkte Pet ab.

„Hiergeblieben! Wie war das nun, das mit meinem gestrigen Besuch?”

Er forschte in ihrem unglaublich hübschen Gesicht. Einerseits war sie total überzeugt davon, nicht bei ihm gewesen zu sein, aber andererseits - schimpfte sie ihn nicht einen Lügner?

Aber sie war doch da!, dachte er eine Spur verzweifelt. Pap ist mein Zeuge - und Ma genauso. Sie war da. Sie ist die Auserwählte - und ich...?

Sie blinzelte verwirrt. „Ich begreife es nicht. Du behauptest, wir wären zusammen gewesen, aber ich habe doch die ganze Zeit über versucht, dich zu erreichen. Vergeblich.”

„Wie lange hast du es versucht?”, fragte Pet hoffnungsfroh und dachte dabei: Lieber Gott, mach, dass sie es gestern wirklich persönlich war und dass es sich nicht nur um eine beschissene Illusion des Buches handelte. Vielleicht bin ich einfach nur verrückt geworden und bilde mir Dinge ein, die gar nicht sein können? Sogar das mit Vater, dass er kurz bei uns war - und was er dabei gesagt hat...? Später war keine Rede mehr davon gewesen. Wir haben alle so getan, als sei nichts geschehen. Auch nachdem Jule wieder gegangen war...

Jule sagte: „Ich - ich kann mich nicht erinnern. Aber irgendwann habe ich auf die Uhr geschaut. Stunden waren vergangen. Ich hatte gerade wieder versucht, dich zu erreichen.” Sie strich sich  mit einer fahrigen Bewegung über die Stirn. „Verflixt und zugenäht, ich kam heim und griff nach dem Telefon, um dich anzurufen. Auf deinem Handy. Dann dachte ich daran, persönlich bei dir aufzukreuzen. Anschließend griff ich wieder nach dem Telefon, um dich anzurufen. Ich habe dich nicht erreicht und schaute auf die Uhr. Eigentlich konnten nur Augenblicke vergangen sein, aber es waren Stunden.” Sie sah ihn an. In ihren Augen war deutlich Verzweiflung zu lesen. „Werde ich verrückt oder was?”

„Wenn, dann müssten wir schon beide verrückt geworden sein”, schränkte Pet ein.

„Vor Liebe oder was?”, fragte Kralle, der gerade vorbei kam.

„Kriegt man denn von dem niemals seine Ruhe?”, seufzte Jule.

Noch einer, der beleidigt war an diesem Morgen. Kralle zog ohne einen weiteren Kommentar wieder ab.

„Du bist tatsächlich gekommen. Das Buch. Du erinnerst dich? Mein Vater...”

„Mist!” Sie schüttelte heftig den Kopf. „Ja, da war was. Aber wieso habe ich es danach... einfach vergessen? Alles war weg, wirklich alles. Und jetzt...”

„...kommt es wieder zurück?”, ergänzte Pet, verstärkt hoffnungsfroh.

„Warst du danach noch mal auf dem Speicher - ohne mich?”, zischelte sie.

„Nein, war ich nicht, ehrlich!”

„Du lügst mich nicht an?”

„Warum sollte ich denn?”

„Was verheimlichst du mir, sprich!”

„Nichts!”

„Das ist jetzt eine verdammte Lüge! Du hast das Vorlesen abgebrochen, weil da was ist, was du mir nicht sagen willst.” Sie stach anklagend mit dem Zeigefinger in seine Richtung.

„Ja!”, gab er nach kurzem Zögern zu. „Aber das hat einen gewichtigen Grund, glaube mir.”

„Welchen?”

„Ich kann ihn dir nicht sagen - nicht hier und nicht jetzt.”

„Wann und wo denn sonst?”

„Nach der Schule? Kommst du wieder zu mir?”

„Ja!”, sagte sie nun ihrerseits. Sie hob ihre Rechte und trat einen Schritt näher. „Ich weiß nicht, warum ich das alles vergessen habe. Vielleicht deshalb, weil sich mein Unterbewusstsein dagegen wehrt?”

„Möglich!”, meinte Pet.

*

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PET SAß IHM WOHNZIMMER und wartete, bis Jule kam. Er wollte nicht vorher schon auf den Speicher gehen, obwohl es ihn sehr viel Kraft kostete, erst auf Jule zu warten. Andererseits redete er sich selber erfolgreich ein, dass es ungeheuer wichtig war, dass sie ab sofort wirklich alles gemeinsam taten. Die Zeichen dafür waren deutlich - überdeutlich, wie er meinte.

Und dann kam Jule. Sie hatte zuerst nach Hause gehen müssen, ohne es zu begründen. Jetzt sah Pet es selber: Sie brachte ihre Eltern mit.

Die beiden machten einen sehr ernsten Eindruck. Sie begrüßten die Eltern von Pet ohne ein einziges Wort, völlig stumm. Aber auch, als würden sie sich schon seit vielen Jahren sehr genau kennen und wüssten alles voneinander - auch um die Bedeutung des heutigen Tages?

Welche Bedeutung hat er denn überhaupt?, fragte sich Pet unwillkürlich.

Jule und er begrüßten sich genauso stumm, nämlich mit einem eher flüchtigen Kuss auf den Mund. Hand in Hand gingen sie zur Treppenleiter, die hinauf auf den Speicher führte. Dort verhielten sie für einen Augenblick, um zu lauschen. Aus dem Wohnzimmer drang kein Laut zu ihnen hin. Anscheinend saßen sich ihre Eltern immer noch genauso schweigend gegenüber, wie sie sich begrüßt hatten.

Pet ließ seiner Freundin den Vortritt. Sie stieg vor ihm hinauf auf den Speicher.

„Und jetzt kannst du mir endlich sagen, warum du gestern so plötzlich abgebrochen hast?”, begrüßte sie ihn oben.

Er lächelte ein wenig verkrampft - und dann stieß er eine Lautfolge aus, die nicht so klang, als würde sie einer menschlichen Kehle entsteigen. Es hörte sich an wie das Lautgewirr aus einem Dschungel, wobei das gefährliche Zischen von Schlangen überwog. Es war Valuremisch, die Geheimsprache der Alt-Alchimisten! Und es bedeutete: „Nur hier und jetzt kann ich es dir erklären, Jule, glaube mir!” Lediglich das Wort Jule war in verständlichem Deutsch, sonst nichts.

Jule wurde es gar nicht bewusst, sie antwortete, als hätte Pet in Wahrheit Deutsch gesprochen: „Aber wieso?”

„Kommst du denn nicht selber drauf?”, fragte er auf Valuremisch.

Sie runzelte die Stirn und da traf sie die Erkenntnis wie ein Schlag. Sie japste nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen und suchte unwillkürlich eine Sitzgelegenheit, um sich schwer darauf nieder zu lassen.

Pet nickte und sagte auf Valuremisch: „Während ich gestern übersetzte, baute ich, ohne es zu wollen, immer mehr Originallaute mit ein, bis ich am Ende gar nicht mehr übersetzte, sondern... einfach nur vortrug, was ich aus dem Buch aufnahm. Als es mir bewusst wurde, traf es mich so hart wie soeben dich selber.”

„Ich - ich kann diese Geheimsprache, obwohl ich sie niemals gelernt habe!”, keuchte Jule und griff sich an die Kehle, als wollte sie sich würgen.

„Genau! Verstehst du jetzt meine Reaktion? Ich konnte einfach nicht mehr. Ich war so erschrocken...”

„Dann ist alles tatsächlich wahr! Sonst würde ich diese Sprache nicht genauso verstehen wie du.”

„Aber kannst du sie auch... lesen?”

„Was meinst du?”

„Nimm das Buch, schlage es auf!”

Zögernd griff sie danach. „Die Zeichen auf dem Deckel, die erkenne - und verstehe ich!”

„Ja, aber die sind ja auch für normale Augen sichtbar. Und was ist mit den Zeichen, die allen normalen Augen verborgen bleiben?”

Sie schlug das Buch auf und schaute hinein. Ein paar bange Sekunden verstrichen, in denen Pet noch nicht einmal zu atmen wagte. Dann schüttelte sie den Kopf: „Die Seiten sind für mich leer!”

Er setzte sich neben sie und nahm ihr das Buch ab. „Dann habe ich es richtig verstanden: Ich bin dazu ausersehen, die Verbindung nach Dunkelerde zu schaffen, aber du bist dazu bestimmt, den Kontakt mit der Wirklichkeit zu halten. Du bist sozusagen unsere Rückversicherung. Ohne dich würde ich mich verlieren und nicht mehr zurückkehren können.”

„Zurückkehren? Aber dafür müsstest du doch erst mal dorthin, oder?”

Er wich ihrem fragenden Blick aus. „Womöglich?”

„Was heißt das denn nun schon wieder: Sollst du mit diesem Buch Dunkelerde besuchen oder nicht? Aber ist Dunkelerde denn nicht... tot?”

„Das war sie - vor der Katastrophe.”

„Was ist das für eine Katastrophe überhaupt? Was ist passiert?”

„Eins nach dem anderen!”, versprach Pet und schaute wieder auf die für Jule nach wie leeren Seiten. Er begann laut zu lesen, ohne es diesmal übersetzen zu müssen:

„Ich beschreibe dir die erste entscheidende Versuchsanordnung, mein Auserwählter. Du brauchst die Versuchsanordnung an sich nicht selber vorzunehmen. Es genügt, wenn du meinen Worten und somit meinen Gedanken folgst. Die Kräfte werden erweckt - in dir. Es sind meine Kräfte, die durch den Gleichklang unserer Gedanken durch dich zu wirken beginnen. Benutze dafür Gold. Eine Münze beispielsweise...”

Suchend schaute Pet in der Bücherkiste umher. Dann griff er zu. Als er die Hand heraus zog und vor Jules Gesicht öffnete, lag darin ein funkelndes Goldstück, wie frisch geputzt.

„Dabei habe ich es vorher noch nicht einmal bemerkt!”, ächzte Pet. „Ich fand es erst jetzt, da im Buch darauf hingewiesen wird.”

„Und was sollst du damit tun?”

„Ich halte das Goldstück in meiner Hand. Es bildet einen Schatten in Dunkelerde, wie jedwedes Ding auf Erden, wie sogar die Erde selber...”, intonierte Pet monoton auf Valuremisch. „Der Schatten ist tot und unsichtbar, aber ich belebe ihn und hole ihn herüber nach Hellerde...”

Jule stierte auf das Goldstück in Pets Hand, aber nichts geschah, zumindest nichts, was sie hätte sehen können. Es folgten noch eine ganze Reihe von Beschwörungsworten - sogenannte Schaltwörter, wie die Alchimisten sie kannten -, aber das Goldstück zeigte keinerlei Veränderung, geschweige denn, dass wie aus dem Nichts ein zweites Goldstück auftauchte, wie erwünscht.

Bis es Pet endlich wieder aufgab. Er schloss die Hand mit dem Goldstück, zögerte kurz und warf dann das Goldstück in die Kiste zurück.

Ein wenig ärgerlich las er weiter: „Wir taten es erst nur, um zu experimentieren. Aber es blieb nicht bei wenigen Versuchen. Wir nahmen Gold und belebten seinen Schatten, um den belebten Schatten in das Hier und Jetzt zu rufen, das wir die Wirklichkeit auf Erden nennen. Es war gleich zu setzen mit einer Verdoppelung des Goldes! Damit nicht genug: Sobald das Gold in der Wirklichkeit war, begann es, selber Schatten zu werfen - nach Dunkelerde. Man konnte den Vorgang wiederholen, mehrmals, bis es endlich keinen belebbaren Schatten mehr gab und das Gold somit vollends in die Wirklichkeit eingegangen war.

Du weißt, Auserwählter, was das für unsere Geheimorganisation bedeutete: Nicht nur Macht, sondern auch unendlichen Reichtum! Wir konnten jeden Gegenstand verdoppeln, der uralte Traum eines jeden Alchimisten wurde Wirklichkeit. Wir hatten endlich gefunden, wonach wir immer gesucht hatten. Bislang vergeblich, aber nun dafür um so erfolgreicher! Doch wir konnten nicht nur totes Material verdoppeln, indem wir seinen Schatten belebten und in die Wirklichkeit herüber holten. Genauso gelang es uns auch mit lebenden Dingen. Sowohl Pflanzen, auf die sich unsere Experimente zunächst beschränkten, als auch Tiere, was wir als fortgeschrittene Experimente bezeichneten... Und Menschen!

Ja, du liest richtig: Wir suchten und fanden Freiwillige. Das heißt, ganz so freiwillig taten sie es nicht. Es waren Menschen, die in tiefstem Elend zu leben gezwungen waren, falls man diesen Zustand überhaupt noch als Leben bezeichnen konnte. Wir brauchten sie nur zu fragen - und sie sahen endlich einen winzigen Hoffnungsschimmer, ihr Dasein sinnvoller oder zumindest angenehmer zu machen. Kein Wunder, dass sie begeistert einwilligten.

Bis zum ersten tatsächlichen Ergebnis: Ein Mensch wurde verdoppelt. Als er sich selber sah, sein Ebenbild, seinen belebten Schatten, erfasste ihn das nackte Grauen. Wir hatten Mühe, ihn zu beruhigen. Bis wir den nächsten Schatten von ihm belebten - und den übernächsten. Damit war unsere Macht vorläufig erschöpft.

Das Original verließ die Experimentierrunde, die weltweit von jenen Alchimisten auf magische Weise unterstützt wurde, die nicht persönlich anwesend sein konnten. Doch kaum hatte er die Runde verlassen, als er in seinem Wahnsinn Selbstmord beging. Seine Doppelgänger, die belebten Schatten, jedoch... lebten weiter, auch ohne ihn. Und wir experimentierten mit ihnen, ohne um den Toten zu trauern.

Ich kann nur zu unser aller Entschuldigung sagen: Die Faszination des Entdeckten und die Gier nach immer mehr Erkenntnis war übermächtig in uns und ließen uns jede Vorsicht und vor allem sämtliche ethischen Bedenken außer Acht lassen. Dass dies später zu unser aller Verhängnis werden würde, ahnte ich nicht allein, sondern jeder mit seherischen Fähigkeiten. Aber wir waren zu schwach, um diesen bösen Ahnungen den gebührenden Vorrang zu geben. Ganz im Gegenteil: Begeistert machten wir weiter! Dabei fanden wir heraus, dass nach dem Tode des Originals ein weiterer Schatten geboren werden konnte, um belebt zum nächsten Doppelgänger zu werden. Und dieser konnte sich sogar an den Tod erinnern!

Es erschreckte uns maßlos, weshalb wir diese Art von Experiment vorerst einstellten. Nur vorerst! Bis dann die erste Panne passierte.

Ja, ich nenne es Panne, obwohl es mehr war - viel mehr! Denn die ersten Goldstücke, die wir verdoppelt hatten - verschwanden auf einmal! Es blieb nicht dabei: Nach und nach verschwand alles dorthin, wo es her gekommen war, nämlich nach Dunkelerde! Am Ende auch die Doppelgänger. Sie verschwanden einer nach dem anderen. Sie wurden wieder zu Schatten, aber da es kein Original mehr gab, denn dieses war ja tot, vergingen sie sogar als Schatten. Es blieb nichts von  ihnen... Das hieß, doch, eines blieb: Der Schatten des Toten - und der war nicht wiederbelebbar! Er blieb tot und konnte somit auch nicht mehr in die Wirklichkeit zurück gerufen werden.

Es herrschte große Unruhe in unserer weltumspannenden Organisation. Diese drohte darüber sogar auseinander zu brechen.

Ich erzähle dir das nicht, um unser weiteres Tun zu rechtfertigen, sondern es soll eine sachliche und nüchterne Schilderung sein, schonungslos und ohne meine eigene Rolle in diesem grausigen Spiel ruhmreicher zu machen, als sie war. Ich erwähnte es schon: Ich war der Führer nach Dunkelerde! Denn darin gipfelten all unsere Gedanken: Wir wollten die toten Schatten von jedwedem Ding auf Erden, ja, den Schatten der Erde selber... beleben!

Wir, die Alchimisten mit seherischen Fähigkeiten, sahen deutlich die beiden Möglichkeiten, die sich uns damit eröffneten: Entweder endlich die Macht, die wir erst kurz zuvor bereits in Händen zu halten geglaubt hatten - oder unser aller Untergang! Die Macht, die wir uns damit eröffnen konnten, war klar umrissen: Dunkelerde würde ein unerschöpfliches Reservoir für uns werden. Wir würden die Schatten beleben und damit eine zweite Erde schaffen. Gemeinsam, im Verbund, würden wir alles herüber zwingen, was wir wünschten - und dabei die Kontrolle darüber behalten! Jeder von uns konnte aus den belebten Schatten von Dunkelerde seine eigene Armee schaffen, um auf Erden seinen Bereich zu unterwerfen. Wir würden die Erde beherrschen, kompromisslos, ausnahmslos. Natürlich zum Wohle aller, wie wir uns erfolgreich einredeten, um nur ja nicht an die möglichen negativen Auswirkungen denken zu müssen.

Ich war derjenige unter den Sehern, der als am begabtesten galt. Mit ein Grund, mich zum Meister der weltumspannenden Seance werden zu lassen. Meine Vorahnung wurde überdeutlich: Die Katastrophe würde kommen! Sie war viel wahrscheinlicher als alles andere, was wir uns auszumalen versuchten. Doch ich redete mir ein, niemanden überzeugen zu können von dieser Wahrheit. Du weißt es zu deiner Zeit ganz sicher, dass wir gescheitert sind in unseren Versuchen, die Macht auf Erden zu erlangen. Wir haben eine Katastrophe erzeugt und diese Katastrophe hat den Namen... Dunkelerde! Du weißt es und hast auch den Beweis: Denn es ist nicht mehr möglich, durch das Beleben eines Schattens in Dunkelerde einen Gegenstand wie ein Goldstück zu verdoppeln. Es gelingt deshalb nicht mehr, weil durch die Katastrophe Dunkelerde komplett wiederbelebt worden ist, aber uns vollkommen die Kontrolle über diesen Vorgang entglitt.

Während du diese Worte liest und meine Gedanken dadurch denkst, haben wir uns längst in der alles entscheidenden Seance selber nach Dunkelerde verbannt, die nun zur existierenden und belebten zweiten Erde geworden ist. Jetzt gibt es keine direkte Verbindung mehr zwischen Erde und Dunkelerde, obwohl beider Schicksal nach wie vor eng miteinander verwoben bleibt. Es wirft kein Ding jedweder Art mehr seinen Schatten in Dunkelerde, weil einst die existenten Schatten von uns belebt wurden. Dunkelerde hat sich selbständig gemacht. Und deshalb schuf ich dieses Buch - und bestimmte einen meiner Nachfahren als den Auserwählten, weil meine Vorahnung mir sagt, dass ich selber nicht mehr regulierend eingreifen kann, denn ich werde nicht mehr länger... existieren!”

Pet ließ das Buch sinken und murmelte vor sich hin: „Die Aufgabe!”

„Ich - ich sehe sie noch immer nicht, Pet, tut mir leid”, gab Jule tonlos zu.

Er suchte ihren Blick. „Die Aufgabe ist es, eine bevorstehende Störung zu verhindern, die unser aller Schicksal besiegeln könnte, die also auch Auswirkungen auf unsere Welt hat!”

„Welche Störung denn?”

„Wir werden es erfahren. Das Buch wird es uns zeigen.”

„Wie kannst du denn so sicher sein?”

„Ich spüre es ganz einfach. Die Worte des Erz-Alchimisten und oberstem Meister der Alchimisten-Bewegung Harald Magnus wurden zu meinen eigenen Worten und somit wurden seine Gedanken zu meinen eigenen Gedanken.”

Sein Blick senkte sich in das Buch, tiefer als vorher. Seine Augen weiteten sich.

Unwillkürlich schaute auch Jule genauer hin - und da sah sie auf einmal etwas. Es waren keine Schriftzeichen auf Valuremisch, sondern es war ein grauer Schleier, der sich allmählich lichtete und die Konturen einer mittelalterlichen Stadt frei gab. Nein, keine Stadt, sondern eher eine Anhäufung von mittelalterlichen...

Ruinen.

„Schi-Scho-Lah!”, murmelte Pet im Beschwörungstonfall und Jule wusste gleichzeitig, dass es der Name dieser verfallenen Stadt war. Und dann nahm eine bestimmte Szene sie in ihren Bann, genauso wie Pet...

*

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EIN HOCHGEWACHSENER Mann in dunkler Kutte, deren Kapuze tief ins Gesicht gezogen war, ging durch die verfallenden Straßen des nächtlichen Schi-Scho-Lahs.

Die Ruinenstadt stellte heute nur einen Abklatsch früherer Größe dar. War sie einst die zweite Hauptstadt des Reiches der Seekönige gewesen, so wurde sie jetzt von dem sagenumwobenen Bettlerkönig beherrscht, der seine Anhänger in alle Welt aussandte. Einst, zur Zeit des Reiches der scho-lahnischen Seekönige, war Schi-Scho-Lah eine Weltstadt gewesen. Jetzt rochen ihre zerbröckelnden Mauern nach Moder und eine Aura des Verfalls hatte sich dieses Ortes bemächtigt. Schi-Scho-Lah bot dem Gesindel der gesamten Hemisphäre Unterschlupf. Piraten und Ausgestoßene trafen sich hier, Sonderlinge, Propheten verschrobener Kulte und Gelehrte, deren Lehren andernorts als Ketzerei galten.

Wie ein Schatten wirkte der Kuttenmann.

Das Licht des fahlen Mondes drang nicht in das Dunkel, das seine Kapuze erfüllte.

Von seinem Gesicht war nichts zu sehen.

Eiligen Schrittes und fast lautlos ging er durch die engen, finsteren Gassen.

Lärm, Musik und zänkisches Stimmengewirr drang aus den vereinzelten Schänken.

Hier und da wurde eine Tür oder ein Fenster geöffnet und für kurze Augenblicke drang etwas Licht in die Finsternis der Straßen Schi-Scho-Lahs.

Die Schritte des Kuttenträgers waren schnell und zielstrebig. Er schien sehr genau zu wissen, wo sein Ziel lag.

Die sich nähernden kehligen Stimmen einiger Männer ließen ihn aufhorchen, als er in eine weitere Gasse bog.

Drei lärmende Männer kamen ihm entgegen, die offenbar schon einiges getrunken hatten. Seeleute irgendeines Piratenschiffs.

Der Kuttenträger verbarg sich im Schatten einer Türnische und ließ die drei vorbeiziehen. Sie waren zu betrunken, um ihn zu bemerken.

Dann setzte er seinen Weg fort.

Vor der hölzernen Tür eines zweigeschossigen Hauses blieb er stehen. Er benutzte den Schlagring, um anzuklopfen.

Zunächst erfolgte keinerlei Reaktion. Erst nach dem zweiten Versuch öffnete ein alter, gebeugter Mann mit wirren weißen Haaren und einem dünnen Bart.

„Wer seid Ihr?”, fragte der Alte.

„Einer, der mit dem Gelehrten Konscholl-Veris zu sprechen wünscht!”, war die Antwort des Kuttenträgers. Er sprach leise und mit tiefer, etwas rauer Stimme. Es klang beinahe wie ein düsteres Flüstern. Er sprach zwar das Valuremisch, das aus der einstigen Geheimsprache der Alchimisten hervor gegangen war, aber mit einem eigentümlichen Akzent, der keinen Zweifel daran ließ, dass er aus einem anderen Teil Dunkelerdes stammen musste.

Der Alte runzelte die Stirn.

„Ich bin Konscholl-Veris”, erklärte er.

„So lass mich eintreten. Ich habe mit Euch über eine Schriftrolle zu reden, die sich gegenwärtig in Eurem Besitz befindet, Konscholl-Veris.”

„Ich weiß nicht, wovon Ihr redet!”, erwiderte der Gelehrte.

Eigentlich widerstrebte es ihm ganz offensichtlich, diesen Fremden hereinzulassen.

Aber der Kuttenmann setzte einfach einen Fuß nach vorn. Zwei Schritte und er stand in dem spärlich beleuchteten Haus. Kerzenlicht flackerte in der Zugluft. Mit dem Absatz gab der Kuttenträger der Tür einen Stoß, sodass sie ins Schloss fiel.

Konscholl-Veris wich zurück.

Der Kuttenträger schob den Riegel vor die Tür.

„Es ist viel Gesindel in der Stadt”, erklärte er dazu.

„Jetzt sagt mir, was Ihr wollt, Fremder!”, forderte Konscholl-Veris unmissverständlich.

Aber ein angstvolles Zittern schwang in seiner Stimme mit. Sie hatte einen leicht vibrierenden Klang, drohte sich zu überschlagen. Der Gelehrte schluckte.

Der Kuttenträger legte seine Kapuze zurück. Das hagere Gesicht eines grauhaarigen, bärtigen Mannes wurde sichtbar. Der Teint war dunkel. Und der Blick der dunklen, beinahe schwarzen Augen hatte eine geradezu hypnotische Intensität, die Konscholl-Veris unwillkürlich erschauern ließ.

Nie zuvor war ihm ein vergleichbarer Blick begegnet.

„Verzeiht meine Unhöflichkeit”, sagte der Kuttenträger schließlich nach einer längeren Pause des Schweigens. „Mein Name ist Barasch-Dorm. Und genau wie Ihr habe ich Jahre meines Lebens dem Studium der Alchimie, der Magie und der alten Schriften gewidmet.”

„Ich habe Euren Namen noch nie zuvor gehört”, meinte Konscholl-Veris stirnrunzelnd.

Ein dünnes Lächeln spielte um Barasch-Dorms Lippen.

„Das ist gut möglich”, sagte er und hob dabei die Schultern. „Ich bin hier, um mit Euch über eine Schrift zu sprechen, die über verschlungene Pfade in Euren Besitz gelangt ist...”

„Oh, das gilt gewiss für viele Schriften, die ich in meiner Privatbibliothek im Laufe vieler Jahrzehnte gesammelt habe!”, erwiderte Konscholl-Veris.

„Ich spreche von der Rolle der geheimen Worte...”

Konscholl-Veris schluckte. Er öffnete halb den Mund, so als wollte er etwas erwidern. Aber kein einziges Wort kam über seine Lippen.

„Ich bin nicht im Besitz dieser Rolle!”, behauptete er schließlich und wich noch ein paar Schritte weiter vor dem Fremden, der sich Barasch-Dorm genannt hatte, zurück.

Dessen Stimme bekam jetzt einen bedrohlichen Unterton.

„Jahre schon jage ich dieser Schrift hinterher, habe jede Station ihres Aufenthalts verfolgt, bin ihr über Meere und Kontinente nachgereist. Ich verfolgte ihren Weg über Schanni-Schann und Karusch-Hamman, über das Meer der fünf Winde nach Valurema. So traf ich einen Händler von zweifelhaftem Ruf, der sich mitunter wohl auch als Pirat versucht, wenn die Geschäfte schlecht gehen. Ein schmalgesichtiger Parschadrim namens Anscha-dasch-Por. Ich bin überzeugt davon, dass Ihr Euch an seinen Namen erinnern werdet!”

„Nein! Ich habe diesen Mann nie getroffen!”

Barasch-Dorm lächelte zynisch. „Ich glaube kaum, dass dieser Anscha-dasch-Por mich angelogen hat. Mir stehen nämlich sehr wirkungsvolle Methoden zur Verfügung, um die Wahrheit aus jemandem herauszuholen. Wenn Ihr versteht, was ich meine...?”

Konscholl-Veris versuchte, sich vor dem Kuttenträger in Sicherheit zu bringen. Aber sein Körper war von einem Augenblick zum nächsten wie gelähmt. Er vermochte sich nicht mehr zu bewegen. Alles, was er noch vermochte, war, seine Augäpfel zu drehen und zu sprechen.

Barasch-Dorm trat nahe an den Gelehrten heran.

Konscholl-Veris starrte den Fremden entsetzt an. Für einige Augenblicke waren Barasch-Dorms Augen vollkommen schwarz. Nicht ein bisschen Weiß war noch zu sehen. Diese Erscheinung verschwand allerdings schon nach einigen Momenten. „Ich verfüge über Kräfte, von denen selbst ein Mann wie Ihr keinen Begriff haben dürfte. Und jetzt zeige mir die Schriftrolle, die ich suche...”

„Nein...”, krächzte der Gelehrte.

Dann begann er plötzlich zu röcheln, so, als ob er keine Luft mehr bekam. Sein Gesicht verfärbte sich, wurde dunkelrot.

„Nicht... nein...”, keuchte er.

Noch einmal wurden die Augen des Kuttenträgers für einen kurzen Moment vollkommen schwarz. Barasch-Dorms Gesicht verwandelte sich dabei in eine hasserfüllte, verzerrte Maske.

Konscholl-Veris schrie auf.

Dann entließ Barasch-Dorm den Gelehrten aus dem Griff seiner magischen Kräfte.

Konscholl-Veris rang nach Luft, keuchte. Er hielt sich an der Wand fest.

„Ihr müsst ein Hexer sein, der sich der schwarzen Magie bedient - oder gar einer der verdammten Alt-Alchimisten! Dabei dachte ich, sie wären für immer vergangen!”, brachte er dann hervor. „Anders kann ich mir das nicht erklären...”

„Es ist mir gleichgültig, was Ihr darüber denkt, Konscholl-Veris. Mich interessiert nur die Schriftrolle. Und Ihr werdet sie mir geben.”

Konscholl-Veris nickte. Er sah wohl ein, dass er keine Möglichkeit hatte, sich gegen das Ansinnen dieses Mannes zu wehren.

„Folgt mir, Barasch-Dorm.”

Während Konscholl-Veris das sagte, rieb er sich den Hals.

Er führte den Kuttenträger in einen anderen, von Kerzenlicht erfüllten Raum. Der flackernde Schein ließ Schatten an den Wänden tanzen. Überall lagen alte Folianten und Schriftrollen herum.

„Wie ich sehe, habe ich Euch bei Euren Studien gestört, Meister Konscholl-Veris...”

Der Gelehrte holte einen zylindrischen Behälter hervor und reichte ihn Barasch-Dorm. „Die Rolle, die Sie suchen, befindet sich darin!”, behauptete er.

Barasch-Dorm öffnete den Behälter, holte vorsichtig die enthaltene Rolle hervor. Den Behälter ließ er zu Boden fallen. Dann entrollte er vorsichtig das Schriftstück.

Jahrelang bin ich diesem Schatz hinterher gejagt!, ging es ihm durch den Kopf. Ein Magier und Alchimist aus dem untergegangenen ersten Reich der Alt-Alchimisten, geschaffen, nachdem sich die Alchimisten durch das Beleben von Dunkelerde selber hierher verbannt hatten. Nein, nicht irgendeiner der Alt-Alchimisten, sondern der wichtigste überhaupt, der Barosch Alchimisch Dunkel: Harald Magnus! ER  hatte persönlich die 'Rolle der geheimen Worte' verfasst. Kaum sonst einer wusste zu welchem Zweck, außer Barasch-Dorm, dem wohl derzeit mächtigsten und kundigsten Alchimisten und Magier von ganz Dunkelerde. Wenn er nicht sogar der einzige war, der um die Bedeutung dieser Rolle wusste...

Eine schier unvorstellbare Irrfahrt hatte dieses Dokument anschließend hinter sich gebracht. Aber jetzt gehört es mir!, dachte Barasch-Dorm. Das letzte Stück, das mir in dem großen Mosaik noch gefehlt hat...

Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte Barasch-Dorm eine Bewegung.

Konscholl-Veris schnellte auf ihn zu. In seiner Rechten blitzte ein Dolch.

Der Gelehrte holte zum Stoß aus. 

Mitten in der Bewegung hielt er inne. Seine Hand mit der Klinge zitterte. Wie von einer unsichtbaren Kraft abgelenkt, fuhr ihm der Dolch dann selbst in die Brust. Röchelnd sank er zu Boden.

Für Sekunden waren Barasch-Dorms Augen wieder vollkommen schwarz geworden.

Er blickte zu den am Boden liegenden Gelehrten hinab.

Wie es scheint, habe ich ihn unterschätzt!, überlegte er. Konscholl-Veris kannte offenbar ebenfalls die immense Bedeutung dieser Schriftrolle...

„Schoschnasch Tschumanscha Grofanscha...”, murmelte der Mann in der Kutte. Formelhafte Worte in der Geheimsprache der Alt-Alchimisten, aus der später die Sprache in vereinfachter Form, das heutige  Valuremisch nämlich, hervor gegangen war - die Sprache, die seitdem Dunkelerde beherrschte. Trotzdem hätte niemand, der Valuremisch sprach, die Worte verstanden, weil es sich um sogenannte Schaltwörter handelte. All dieses Wissen war für fast alle Menschen von Dunkelerde genauso verloren gegangen wie das Wissen um ihre Herkunft - als Schatten. Bis auf zumindest eine Ausnahme: Der Kuttenträger!

*

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PET UND SEINE FREUNDIN Jule schrien im Duett - so laut und so lang, bis ihr eigenes Geschrei sie endlich in die Wirklichkeit zurück holte.

In die Wirklichkeit?

„Das - das war doch soeben... ein Mord oder was?”

„War es!”, bestätigte Pet genauso entsetzt.

„Ich  - ich habe so etwas oft genug im Fernsehen gesehen und im Kino... Aber das war diesmal anders, ganz anders...”

„Es war die Wirklichkeit. Die ist immer anders als in der Fantasie!”, versuchte Pet, abgeklärter zu wirken. Es misslang kläglich. Jule sah ihn an und bemerkte, dass er an Armen und Beinen zitterte, immer noch unter dem Eindruck des gemeinsam miterlebten Verbrechens. Dabei waren sie nicht einfach nur stumme Beobachter gewesen, wie die Zuschauer bei einem Film, sondern sie hatten die Gedanken des Kuttenträgers mitbekommen, zumindest die wichtigsten. Sogar die Angst des Sterbenden war zu ihrer eigenen Angst geworden.

„Wie so ein FANTASY oder wie die Dinger heißen! Herr der Ringe halt oder so...”, meinte Jule kopfschüttelnd.

„Schlimmer als das, viel schlimmer: Die Wirklichkeit eben! Wir wissen nun, dass es diese zweite Wirklichkeit tatsächlich gibt. Wir haben sie gesehen und erlebt.”

„Dunkelerde!” Nur sehr schwer kam dieses Wort über die Lippen von Jule. „Wie das schon klingt... Und sie hat sich verändert seitdem, wie ich glaube. Allerdings arg zu ihrem Nachteil. Darf man das so sagen? Innerhalb von nur ein paar Jahrhunderten?”

„Nein, es sind inzwischen auf Dunkelerde Jahrtausende vergangen. Die Zeit läuft dort anders ab als hier. Nennen wir unsere Wirklichkeit mal die erste Wirklichkeit. Dann ist das, was auf Dunkelerde passiert, die zweite Wirklichkeit. Einst war alles parallel, gleichzeitig. Die Gedanken der Menschen blieben in der ersten Wirklichkeit, die zweite war tot - so tot, wie Schatten nur sein können. Die Katastrophe besteht darin, dass die Alt-Alchimisten diese zweite Wirklichkeit schufen, indem sie Dunkelerde mit ihrer Macht belebten. Aber dabei hat es sie hinüber gerissen. Mit anderen Worten: Sie wurden selber Bestandteile von Dunkelerde.”

„Steht das denn auch in diesem Buch drin?”

„Nein, kann es nicht, denn dieses Buch hat der alte Magnus geschaffen, bevor er Meister der alles entscheidenden Seance wurde. Also konnte er das Buch nicht ergänzen, weil es ihn danach nicht mehr gab hier auf Erden. Aber er hat seine Gedanken eingefangen in diesem Buch - bis zum Schluss. In dem Moment, wo sie abreißen, öffnet sich das Tor.”

„Das Tor?”, rief Jule alarmiert.

„Ja, ich nenne es so.”

„Hast du das denn schon gelesen?”

„Nein, natürlich nicht! Ich würde doch damit das Tor öffnen und nach Dunkelerde geraten. Würde ich das ohne dich tun, wäre ich genauso verloren wie alle Alt-Alchimisten, die es damals wagten.”

„Glaubst du wirklich, du könntest mit dem Buch dieselbe Macht erzeugen?”

„Nein, das hast du jetzt falsch verstanden, Jule: Ich kann mit diesem Buch nur ein kleines Tor öffnen, für mich selber, um hinüber zu gelangen, denn das ist meine Bestimmung.”

„Und ich bleibe hier zurück und halte die Verbindung?”

„Genauso hat der alte Magnus das vorgesehen. Deshalb ist es so enorm wichtig, dass dem Auserwählten, wie er es nennt, die Auserwählte zur Seite steht. Sie ruft ihn zurück, wenn es sich als nötig erweist. Ohne sie ist er verloren.”

„Aber was muss ich dabei tun?”

„Du wirst es rechtzeitig wissen - genauso wie ich selber Dinge weiß, dich ich weder gelesen noch sonstwie erfahren habe. Sie sind einfach da. Nenne es den Rest von Macht des alten Harald Magnus. Sie beseelt das Buch und zwingt uns in eine Rolle, die wir beide nicht wollen. Niemand kann uns dagegen beistehen, wirklich niemand. Auch unsere Eltern nicht. Ich glaube, sie sind deshalb so schweigsam, weil sie sich schrecklich Sorgen um uns machen.”

„Das kann ich gut nachvollziehen, denn ich mache mir mindestens genauso große Sorgen um uns beide!”, erklärte Jule grimmig.

„Aber wenn wir uns vor unserer Pflicht drücken könnten, wäre niemandem geholfen. Wir würden ebenfalls untergehen, wenn die Katastrophe endgültig wird.”

„Wie könnte sie das denn - letztlich? Nach Tausenden von Jahren, wie du es nennst? Bist du der erste Auserwählte seitdem? Aber wieso?”

„Es muss mit diesem Barasch-Dorm zusammenhängen.”

„Ist er wirklich einer der Alt-Alchimisten - der einzige Überlebende auf Dunkelerde gar?”

„Ich weiß es nicht.”

„Wieso sollte er auch als einziger die Jahrtausende überlebt haben? Was wurde aus Harald Magnus, was aus den anderen Alchimisten? Wie viele waren das eigentlich damals?”

„Keine Ahnung. Die genaue Zahl wurde niemals erwähnt. Vielleicht waren es hundert, weltweit verteilt? Vielleicht mehr - sogar viel mehr? Aber es spielt letztlich keine Rolle.”

„Und ob das eine Rolle spielt, Pet. Überlege doch! Wieso sind sie auf Dunkelerde untergegangen?”

„Nun, ich nehme an, dass ihre Macht zwar groß war, aber irgendwie dennoch begrenzt. Sonst hätten sie es vielleicht geschafft, zur Erde zurückzukehren.”

„Haben sie es denn versucht?”, fragte Jule.

Pet schaute sie überrascht an. „Das wäre eine Erklärung!”

„Wofür?”

„Na, für ihr Verschwinden auch auf Dunkelerde! Was denn, wenn sie es irgendwann mit vereinten Kräften noch einmal probiert haben und dabei.. sich selber und endgültig vernichteten?”

„Du hast Recht, ja, das könnte eine Erklärung sein. Aber dann gehörte Barasch-Dorm nicht wirklich zu ihnen.”

„Sicher nicht!”

„Aber was ist er... dann? Wieso haben wir ihn gesehen?”

„Er gehört zur Aufgabe - irgendwie halt. Dessen bin ich mir sicher. Er hat diese Schriftrolle gesucht und gefunden. Eine Art Schlüsselszene, die wir gewissermaßen live miterlebt haben, ohne dass er es bemerkte. Die Schriftrolle stammt von Harald Magnus. Er schuf sie auf Dunkelerde.”

„Vielleicht die Ergänzung zum Buch hier?”

„Das könnte sein, Jule. Aber wir können es nicht erfahren, indem wir uns zurückhalten, sondern wir müssen...”

„Du willst noch einmal sehen, was dieser Barasch-Dorm inzwischen anstellt? Vielleicht bringt er gerade mal wieder jemanden um oder was?” Sie schüttelte sich angewidert.

„Ein gemeiner Mörder.” Pet nickte. „Mehr noch als das: Er ist ganz offensichtlich die Schlüsselfigur. Sonst hätte das Buch uns nicht zu dieser Szene geführt. Ich fürchte, wir werden uns mit dem Kuttenträger noch näher beschäftigen müssen.”

„Du willst das Ritual lesen, die Beschreibung der Seance, um das Tor zu öffnen - zu diesem Barasch-Dorm? Das ist doch verrückt, Pet. Er wird dich genauso killen wie diesen armen Alten, dem er die Schriftrolle weg nahm.”

„Bleibt mir denn eine Wahl?”

„Vielleicht doch?”, hoffte Jule.

Pet betrachtete nachdenklich das Buch, das er fallen gelassen hatte. Es war in der Kiste gelandet und lag dort, als sei nichts geschehen.

„Ich spüre, dass es noch zu früh ist.”

„Was heißt das im Klartext?”

„Wir werden uns morgen darum kümmern.”

„Aber dann wird womöglich auf Dunkelerde mehr Zeit als nur ein Tag vergangen sein!”, gab Jule zu bedenken.

„Nicht nur womöglich, sondern mit absoluter Sicherheit. Aber vertrau mir einfach: Ich habe es tatsächlich im Gefühl. Wenn wir jetzt noch einmal hinüber schauen würden, über die Barriere nach Dunkelerde, wäre das der falsche Zeitpunkt. Wir müssen Geduld üben. Nicht wir geben hier den Ton und das Tempo an - vor allem spielen unsere persönlichen Hoffnungen und Wünsche keinerlei Rolle mehr - sondern das Buch beziehungsweise die darin eingefangenen machtvollen Gedanken von Harald Magnus, dem einzig wahren Borosch Alchimisch Dunkel!”

„Ich erlaube mir eine Gänsehaut, wenn du gestattest!”

Pet musste lachen. Aber es war längst nicht mehr das fröhliche Lachen, das man sonst von ihm kannte. Wie denn auch...?

*

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KURZ VOR SCHULBEGINN standen Kralle, Ferdie, Susi und Bennie zusammen. Pet sah sie und ging gleich zu ihnen hinüber.

„Hört mal”, begann er anstelle einer Begrüßung, „es tut mir echt leid wegen gestern.”

Nur Susi, Kralle und Bennie fühlten sich angesprochen. Ferdie schaute indessen ein wenig einfältig drein, weil er nicht begriff, um was es ging. „Es ist nur, weil Jule und ich ein wenig Stress haben.”

„Und das so knapp vor den Ferien?”, überlegte Ferdie laut. „Sieht nicht gut aus. Habt wohl Angst vor zuviel Zeit miteinander?”

Es hatte ein Scherz sein sollen, einer, wie man ihn von Ferdie gewöhnt war. Er ärgerte sich schon lange nicht mehr darüber, dass niemand über seine Scherze lachte. Obwohl er jedesmal beifallheischend sich umschaute. Wenn niemand reagierte, vergaß er es einfach wieder.

Diesmal war es ein wenig anders. Pet legte ihm kameradschaftlich die Hand auf die Schulter. „Du bist ein feiner Kerl, Ferdie, weißt du das überhaupt? Ich meine, du hast jetzt versucht, die Situation zu entspannen, mit einem Scherz. Dass die nicht lachen, liegt nicht an dir, glaube mir, sondern es liegt einfach an der Situation.” Er wandte sich an die anderen. „Wieso müsst ihr Trübsal blasen, wenn Jule und ich ein wenig Stress miteinander haben?”

„Trübsal blasen, wir? Sieht es denn so aus?”, fragte Kralle prompt. „Äh, ganz im Gegenteil, will ich mal sagen.”

„Müsste ja nicht sein, euer Stress miteinander, meine ich!”, bemerkte Susi ein wenig schnippisch und stieß Kralle mit dem Ellenbogen an.

Der grinste so breit, dass man wieder seine Zahnlücke sehen konnte.

„Genau! Also, ich für meinen Teil...”

Pet winkte mit beiden Händen ab. „Ich weiß, ich weiß, du hättest mit Jule keinerlei Stress, aber die vielleicht umso mehr mit dir?”

„Allein schon wegen der Zahnlücke. So etwas muss nun wirklich nicht mehr sein, heutzutage. Bist du einfach nur zu dämlich, zum Zahnarzt zu gehen, oder zu feige?” Susi hatte das gesagt.

„Also du jetzt!”, brauste Kralle auf. „Ausgerechnet von dir muss ich mir das anhören. Ich dachte die ganze Zeit, du wärst auf meiner Seite.”

„Bin ich doch auch, Kralle. Merkst du das denn nicht?”

„Nee, das hast du ganz schön versteckt.”

„Na, ich meine es gut mit dir. Du willst doch schließlich gefallen, oder?”

„Na, dir bestimmt nicht!”

„Sag mal, schnallst du es nicht oder was?”

„Aufhören!”, mischte sich Pet ein. „Also, bevor ihr beide euch um Beute streitet, die es gar nicht gibt: Jule und ich haben zwar ein wenig Stress miteinander, aber das soll absolut gar nichts heißen!”

„Ganz genau!” Das war die Stimme von Jule, die hinzu trat. Sie lachte fröhlich. Ein Kunststück, um das Pet sie zutiefst beneidete. Ach, wie gern hätte er den Freunden reinen Wein eingeschenkt, aber das war völlig undenkbar. Sie hätten kein Wort geglaubt von alledem und wenn er ehrlich war: Er an ihrer Stelle auch nicht! Nein, da mussten sie ganz allein durch, Jule und er.

Und hoffen, dass wir es überleben!, fügte er halbwegs resignierend hinzu. Aber dann gab er sich innerlich einen Ruck und zeigte es äußerlich, indem er sich kerzengerade aufrichtete.

„Oh, Jule, ich dachte schon, du würdest dich verspäten.”

„Nö, gerade noch rechtzeitig, nicht wahr?” Sie umarmte und herzte ihren Freund. „Hast mich wohl schon arg vermisst, was?”

Susi und Kralle schauten sich betreten an. Dann schauten sie auf das liebende Pärchen. mit dem anscheinend alles wieder in bester Ordnung war. Die Enttäuschung in ihren Gesichtern war so klar zu sehen, dass Bennie und Ferdie laut zu lachen anfingen. Dabei hieben sie sich gegenseitig auf die Schultern. Das war allerdings für Bennie nicht so besonders vorteilhaft. Nach dem Heiterkeitsausbruch hatte er nämlich das Gefühl, irgendwie sei da was gebrochen. Immer wieder drehte er heimlich den Arm im Schultergelenk, um sich davon zu überzeugen, dass das auch wirklich noch richtig funktionierte.

Ferdie wurde es gar nicht bewusst. Er grinste noch, als er den Unterrichtsraum betrat. Nach der schmerzlichen Miene von Bennie hatte er sich nicht einmal mehr umgedreht, als der sich von ihm getrennt hatte, um seinen eigenen Unterrichtssaal zu betreten.

Pet indessen setzte sich auf seinen Platz und fragte sich im Stillen, wie er den Schultag überhaupt überstehen sollte. Wann begannen die Ferien? Ach ja, morgen war der letzte Tag. Oder erst übermorgen?

Verflixt, dachte er bestürzt, ich kriege das einfach nicht mehr auf die Reihe. Ist ja auch kein Wunder.

Er hörte seinen Namen rufen, wie aus weiter Ferne. Wie von Dunkelerde? Nein, schlimmer: Der Lehrer! Wie war noch die Frage gewesen? Ja, wie sollte Pet das überhaupt überleben bis zum Mittag?

Und dann geht es ab nach Dunkelerde. Das weiß ich ganz sicher. Wenn ich Pech habe... für immer. Oder bin ich bis heute Abend schon... tot?

Verflixt, jetzt hatte er die Wiederholung der Frage auch noch verpasst. Das konnte ja alles nur noch heiter werden...

*

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DER MITTAG KAM WEIT schneller, als es Pet eigentlich lieb sein konnte. Es wurde ihm mit einem Schlag bewusst, dass die heutige Serie von höchstpersönlichen Pleiten im Unterricht absolut gar nichts war gegenüber dem, was er jetzt noch vor sich sah. Wenn es ihn nicht so sehr getrieben hätte, wäre er nach Schulschluss lieber in die entgegengesetzte Richtung geeilt und vorläufig nicht nach Hause zurückgekehrt, um die Konfrontation mit dem, was auf dem Speicher auf ihn lauerte. möglichst lange vor sich her zu schieben. Doch es gab keinen Ausweg. Die fremde Macht, die ihn antrieb, war nicht zu besänftigen. Es war die Vererbung von Harald Magnus, dem er mehr verdankte, als nur seinen Namen. Er hatte seine Fähigkeiten geerbt. Sie waren von Generation zu Generation weiter gereicht worden, bis zum heutigen Tag.

Wäre Dunkelerde nicht entstanden, überlegte Pet auf dem Nachhauseweg, würde es die Alchimisten heute noch geben. Ich wäre einer von ihnen. Es hätte sich eine ganz andere Welt entwickelt. Vielleicht völlig ohne Autos, Flugzeugen, Handys und so. Aber sie wäre möglicherweise nicht besser als die Welt, die er kannte. Vielleicht wäre sie sogar so wie Dunkelerde geraten?

Niemand vermochte das zu sagen, am allerwenigsten er selber. Aber es interessierte ihn zur Zeit auch nicht mehr. Seine Gedanken fokussierten sich ganz ohne sein Zutun mehr und mehr auf die bevorstehende Aufgabe.

Wenn ich nur wüsste, wie diese Aufgabe überhaupt lautet!, klagte er im Stillen.

Er war allein auf dem Nachhauseweg, seit er sich von Jule getrennt hatte. Sie hatten nur ein paar Schritte gemeinsamen Weg und sie hatte auch heute erst mal nach Hause gehen wollen. Kein Wunder, denn ihre Eltern waren genauso krank vor Sorge wie die Eltern von Pet. Allzu gern hätten sie ihren Kindern geholfen, in irgendeiner Weise, aber es gab nicht die geringsten Möglichkeiten für sie. Allerdings hätten sie ihren Kindern in anderer Weise beistehen können. Sie hätten sie vielleicht zu trösten versuchen sollen, aber sie kamen nicht einmal auf die Idee vor lauter eigenen Sorgen. Pet hätte es seinen Eltern sagen können, aber das traute er sich nicht. Er sah doch selber, dass sie mehr noch des Trostes bedurften als Jule und er.

Irgendwie wundere ich mich, dass ich nicht vor Angst sterbe!, überlegte Pet. Ist es, weil die Kräfte von Harald Magnus in mir schlummern, obwohl sie in dieser modernen Welt überhaupt keine Chance haben, etwas wie magische Macht zu entfalten, weil damals so gut wie alle Magie aufgebraucht worden ist zur Schaffung von Dunkelerde - für immer?

Nein, es war nur das Buch, die Resonanz jener Macht, die darin gebunden war und nur auf Jule und ihn wirkte - und auch das nur im Zusammenhang mit Dunkelerde. Das Buch war Zwang und Stütze zugleich. Sonst wäre Pet wirklich eher vor Angst gestorben, denn allzu mutig war er sein Lebtag noch nicht gewesen.

Endlich kam er zu Hause an: So sah es ein Teil von ihm. Der andere Teil dachte sich: Viel zu früh! Vielleicht hätte ich noch ein paar Minuten gebraucht, ganz los gelöst von alledem?

Nein, er hatte wirklich keine Wahl, auch wenn er es sich noch so sehr wünschte.

Seine Eltern empfingen ihn diesmal in der Küche.

„Ich weiß, dass es heute zur Entscheidung kommt”, sagte sein Vater und wagte es nicht, seinem Sohn dabei in die Augen zu schauen, als würde er sich schämen ob seiner eigenen Ohnmacht.

„Ich habe dir was Feines zu Essen gemacht, Pet. Du wirst alle Kräfte brauchen.”

„Ich habe keinen Appetit”, gestand Pet. „Wie denn auch?”

„Iss lieber, Pet!”, riet ihm der Vater. „Wer weiß, wann du wieder was Richtiges zwischen die Zähne bekommst.”

„Du weißt, dass ich heute nach Dunkelerde gehen werde?”

„Ja, Pet!”

„Aber ich will das gar nicht. Ich will nur gemeinsam mit Jule einen Blick hinüber werfen, mehr nicht. Das haben wir gestern schon getan.”

„Ich - ich habe es gespürt - und deine Mutter auch.”

„Und die Eltern von Jule?”

„Ebenfalls!”, bekannte sein Vater. „Ach, wir schämen uns so sehr, dass wir euch in keiner Weise helfen können.”

„Das brauchst du nicht!”, sagte Pet warmherzig und klopfte seinem Vater beruhigend auf die Schulter.

Es ist völlig absurd!, sagte er sich dabei: Sieht ja so aus, als würde ich jetzt ihn trösten, anstatt er mich!

Aber wenn er seinen Vater anschaute, wusste er, dass er es umgekehrt von ihm nicht erwarten konnte. Seine Eltern hatten beide keinerlei Kraft mehr. Sie sahen aus, als könnten sie jederzeit vor Sorge sterben.

Bin ich nur dumm oder ist es wirklich die Macht des Buches, dass ich mich nicht genauso sehr fürchte?, fragte sich Pet unwillkürlich.

Zu weiteren Überlegungen kam er nicht mehr, denn es klingelte.

Jule und ihre Eltern!, vermutete Pet und seine Vermutung war richtig. Sie kamen gemeinsam herein. Jule wirkte... fröhlich! Aber es war nur Fassade, was allerdings nur Pet klar wurde.

Ich beneide sie!, gestand er sich ein. Wie schafft sie das überhaupt, so stark zu erscheinen? Ein wirklich tolles Mädchen. Und ich dagegen...?

Er brach an dieser Stelle den Gedankengang lieber ab und eilte seiner Freundin entgegen. Sie fielen sich in die Arme und hielten sich gegenseitig fest. Nur ganz kurz, aber das tat unendlich gut.

Als sie sich wieder voneinander trennten, spürte Pet regelrecht Schwindelgefühle und von da an war er ganz sicher, dass es keineswegs die Macht des Buches war, die ihn tapferer machte als er gemeinhin gewesen wäre, sondern es war... Jule! Sie gab ihm Kraft, genauso wie er umgekehrt ihr Kraft gab. Sie gehörten zusammen, nicht nur in diesem Abenteuer, das sie sich in keiner Weise selber ausgesucht hatten, sondern überhaupt. Nur gemeinsam konnten sie das alles überstehen. Sogar die Schule unter dem Eindruck von Dunkelerde. Ansonsten hätte er sich zumindest von seinem Vater eine Entschuldigung für die Schule schreiben lassen. Der hätte das mit Sicherheit bedenkenlos getan - angesichts der Situation. Aber nein, dann hätte er hier stundenlang Trübsal geblasen - bis zum frühen Nachmittag, wenn die richtige zeit gekommen war. Pet wollte stattdessen durchhalten, genauso wie Jule. Niemand sollte wissen, was war - noch nicht einmal ahnen. Das waren sie sich gegenseitig schuldig - und sie ermöglichten es sich gegenseitig, das zu schaffen: mit ihrer gemeinsamen Liebe!

„Wir müssen uns beeilen”, sagte Pet in die entstehende Stille hinein, die sich sehr unangenehm auf ihrer aller Gemüt zu legen begann. „Ich spüre, dass die Zeit reif ist.”

„Zu was ist die Zeit reif?”, fragte Jule.

„Es ist nur ein Gefühl, Ich weiß nichts Konkretes”, wich Pet aus und nahm sie bei der Hand.

Leichtfüßig wie völlig unbeschwerte Teenager liefen sie zur Treppenleiter. Doch sie waren dabei alles andere als unbeschwert.

Beide Eltern schauten ihnen nach. Die Frauen hatten dicke Tränen in den Augen, die Männer schafften noch das Kunststück, ihre eigenen Tränen zu unterdrücken. Sie sahen aus, als hätten sie ihre Kinder soeben das letzte Mal lebend gesehen.

Dabei ahnten sie nicht einmal, dass ihre Kinder ähnliche Befürchtungen hatten, es sich nur nicht anmerken ließen. Pet ging sogar noch einen Schritt weiter: Gab es denn Schlimmeres noch als den Tod? Nun, vielleicht würde er es bald schon am eigenen Leib erfahren - sehr bald sogar?

Mit solchen negativen Gedanken beladen, folgte er seiner Jule hinauf auf den Dachboden.

Inzwischen war auch sie ungewöhnlich ernst. Sie gingen zur offenen Truhe und setzten sich davor.

„Jetzt!”, sagte Pet und nahm das Buch aus der Truhe. „Wochen sind vergangen!”

„Wochen?”

„Spürst du es nicht selber, Jule?”

Sie nickte unwillkürlich. „Ja, seltsam, ich spüre es ebenfalls! Für uns verging nur ein Tag, aber für Dunkelerde waren es Wochen. Aber die Zeit ist nicht immer in der gleichen Weise unterschiedlich. Selten passiert es, dass ein Tag auf Hellerde der selbe Tag ist wie auf Dunkelerde. Und dann geht alles so schnell wie diesmal...”

Pet betrachtete sie, während sie redete und als sie endete, nickte er ihr zu. „Siehst du, dass wir beide die Richtigen sind?”

„Zumindest sind wir die sogenannten Auserwählten!”, schränkte Jule ein. „Ob wir dafür aber auch wirklich die Richtigen sind, das wird sich wohl noch erweisen müssen.”

Allzu optimistisch klang das zwar nicht, aber Pet ließ sich dadurch nicht beirren. Er schlug das Buch auf und blätterte darin. Erst blieb er schweigsam. Dann sagte er: „Wir schauen hinüber. Lass mich die Worte sprechen. Es sind die Schaltworte der Sicht über die Barriere. Ich sehe... einen Mann, einen wilden Seefahrer.”

„Er ist das, was aus dem Schatten von einst entstand!”, sagte Jule monoton. „Und aus dem lebenden Schatten wurde der nächste. Wenn der eine stirbt, entsteht ein anderer, von der gleichen Art. Schatten, die leben, fühlen, denken, hoffen und sehnen. Ich weiß es, du weißt es, wir wissen es - und wir schauen...”

Also wirkte das Buch jetzt fast in gleicher Weise auf sie wie auf Pet.

Gern hätte Pet nach ihr geschaut, aber die rituellen Worte nahmen ihn gefangen. Sie kamen wie von allein über seine Lippen, die Worte des alten Harald Magnus. Die Worte wurden zu seinen eigenen Gedanken  und öffneten eine Art Sichtfenster nach „drüben”, nach Dunkelerde. Es war so ähnlich wie gestern, beim ersten Mal. Noch öffnete sich nicht das Tor. Dazu waren die Schaltworte nötig, die danach folgten. Pet wusste das, obwohl er sie natürlich noch nicht einmal betrachtet, geschweige denn gelesen hatte. Er hoffte inbrünstig, dass er nicht gegen seinen Willen einfach weiter sprach und über die erste Folge von Schaltworten die zweite und alles entscheidende Folge aufsagte. Das Tor würde sich dadurch öffnen und er würde dorthin geraten, wohin er gemeinsam mit Jule gerade noch geschaut hatte...

*

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BEI KALRESCHS STREITAXT!”, entfuhr es Koschna-Perdoschna Wolfsauge. „Ein valuremisches Handelsschiff! Darauf habe ich gewartet!” Der große, hellhaarige Kapitän und Schiffseigner stand am Bug des Darscha-Dosch Langschiffs SEEWOLF. Die Gischt spritzte hoch empor, das Segel wurde von dem kräftigen Wind gebläht, der über die Meeresstraße zwischen den Küsten Scho-Lahns und Valuremas wehte.

Die SEEWOLF war vierzig Meter lang, acht Meter breit und mit etwa zweihundert Kriegern bemannt. Am Bug befand sich der charakteristische Drachenkopf, der die Darscha-Dosch-Schiffe als Schrecken der Meere kennzeichnete.

„Es wurde Zeit, dass wir endlich auf Beute stoßen”, murmelte Kulesch Einauge, ein mächtiger Mann mit grauem Bart, der jetzt neben Koschna-Perdoschna getreten war. „Die Männer wurden schon unruhig.”

Koschnas Hand schloss sich um den Griff des Breitschwertes, das er an der Seite trug.

„Ich hoffe nur, dass dieser valuremische Segler die Mühe auch lohnt und wertvolle Fracht an Bord hat.”

Kulesch Einauge lachte rau.

„Wie die Barkasse eines Stadtfürsten sieht diese Nussschale nicht gerade aus, Koschna!”

Die Männer stimmten ein wildes Kriegsgeheul an.

Die SEEWOLF fuhr seitlich auf den valuremischen Segler zu, näherte sich ihm von der dem Wind zugewandten Seite. Das war Taktik. Irgendwann würde das Quadratsegel, das von dem Gaffel der SEEWOLF hing, dem valuremischen Handelssegler im wahrsten Sinne des Wortes den Wind aus den Segeln nehmen.

Das Handelsschiff war ohnehin viel schwerfälliger, was die Manövrierfähigkeit anging.

Unter den Valuremiern brach offensichtlich Panik aus. Hektische Aktivität war zu beobachten. Die wirren Schreie drangen durch das Tosen der Gischt bis zu den Darscha-Doschn an Bord der SEEWOLF hinüber und stachelte die Freibeuter nur noch mehr an.

„Mehr Steuerbord!”, rief Koschna in Richtung von Solamisch-Darrschon, dem ersten Steuermann des Drachenschiffs. „Diese fette Beute soll uns nicht entkommen.”

Bogenschützen gingen in Stellung und schossen ihre Pfeile in Richtung des Handelsseglers. Manche der Pfeilspitzen schnitten in die Segel hinein, andere bohrten sich in die Körper der valuremischen Seeleute.

Erste Todesschreie gellten über das Meer.

Einige Valuremier versuchten ebenfalls mit dem Bogen zurückzuschießen. Pfeile sirrten durch die Luft. Aber kaum einer erreichte auch die SEEWOLF. Hastig und schlecht gezielt glitten die meisten von ihnen ins Wasser.

Dann war die SEEWOLF bis auf wenige Meter an das Handelsschiff herangekommen.

Einer der Darscha-Dosch schleuderte eine Wurfaxt über die Reling des Handelsschiffs und traf einen der Valuremier mitten in der Stirn.

Die Segel des valuremischen Schiffes hingen schlaff vom Mast. Enterhaken wurden hinüber geworfen, hakten sich fest.

An dicken Tauen zogen die Krieger aus dem Norden von Dunkelerde den valuremischen Segler näher an ihr eigenes Schiff heran.

Gleichzeitig wurden die Segel der SEEWOLF los gelassen, so dass das Drachenschiff innerhalb weniger Augenblicke fast vollkommen die Fahrt verlor.

Die SEEWOLF legte sich jetzt längsseits des valuremischen Seglers.

Ein Pfeil durchdrang die Brust eines Darscha-Doschs. Getroffen kippte er über die Reling der SEEWOLF hinein in die Fluten.

Doch der valuremische Schütze kam nicht mehr dazu, einen zweiten Pfeil einzulegen, denn Proschta Schädelspalter hatte seine Wurfaxt herausgerissen und mit einer wuchtigen Bewegung in Richtung des Gegners geschleudert.

Mitten in die Stirn wurde der valuremische Bogenschütze getroffen. Nicht einmal mehr für einen Schrei blieb ihm noch Zeit.

Für die darscha-doschen Seefahrer gab es jetzt kein Halten mehr. Koschna-Perdoschna, der Kapitän der SEEWOLF, kletterte als einer der Ersten an Bord des valuremischen Seglers.

Dicht hinter ihm Schauron Axtmann, der eine gewaltige Streitaxt schwang, um damit Tod und Verderben unter den valuremischen Seeleuten zu säen.

Etwas zischte durch die Luft.

Koschna duckte sich im letzten Moment. Eine scharfe, blitzende valuremische Klinge schnellte dicht über ihn hinweg.

Den nächsten Hieb parierte Koschna mit seinem eigenen Schwert. Metall schlug klirrend auf Metall.

Der Valuremier holte erneut aus, aber ehe er seinen Schlag wirklich anbringen konnte, hatte Koschna-Perdoschna Wolfsauge ihm den Kopf vom Rumpf getrennt.

Überall auf dem Schiff war jetzt Waffengeklirr zu hören. Es mischte sich mit den Schreien der Sterbenden und den barbarischen Kriegsrufen der Darscha-Dosch.

Der Übermacht der geballten Kampfkraft der Darscha-Dosch hatten die valuremischen Seeleute auf Dauer nichts entgegen zu setzen.

Die Verteidiger waren zum Untergang verurteilt. Einer nach dem anderen sank blutüberströmt auf die Planken oder in die salzige See.

Schauron Axtmann ließ seine gewaltige, fast schon monströs wirkende Streitaxt kreisen.

Proschta Schädelspalter hieb mit einem einzigen Schwertstreich seinen Gegner in der Mitte durch.

Koschna drang indessen ins Innere des Schiffes vor. Er stieg eine schmale Treppe hinab, die unter Deck führte.

Ein Mann in einem dunkelroten, tunikaartigen Gewand stürmte ihm entgegen.

Sein dunkles Haar kräuselte sich etwas und zeigte Ansatz zur Lockenbildung. Die eine Hand umklammerte ein langes, schlankes Schwert, die andere einen Wurfspeer. Das Gesicht dieses Mannes war zu einer Maske der Wut verzerrt.

Er schleuderte seinen Speer. Koschna wich zur Seite. Nur eine Handbreit neben ihm fuhr der Speer entlang und zerschmetterte eine der Sprossen jener Holztreppe, über die Koschna soeben hinabgestiegen war.

Mit der Wucht derselben Bewegung stürzte der Valuremier nun vorwärts, ließ dabei das Schwert kreisen. Seine Hiebe folgten rasch aufeinander.

Koschna vermochte sie nur mit Mühe zu parieren. Er wich aus, taumelte zu Boden.

Der Valuremier war über ihm, fasste das Schwert mit beiden Händen, um Koschna-Perdoschna Wolfsauge den Todesstoß zu versetzen, als sich ein Pfeil in die Brust des Valuremiers bohrte.

Mit einem verständnislosen Ausdruck in den Augen sank er zu Boden.

Koschna kam wieder auf die Füße. Er atmete tief durch, blickte dann hinauf zu jener Luke, durch die er hinab gestiegen war.

Dort sah er das breite, bärtige Gesicht von Schusska Bogenschütze.

„Das war knapp, Kapitän”, sagte Schusska. Er stieg jetzt ebenfalls hinab, übertrat dabei die von dem Speerwurf zerstörte Sprosse.

Oben, an Deck, war der Kampflärm inzwischen abgeebbt. Die Schreie der Sterbenden verstummten.

Koschna legte Schusska eine Hand auf die Schulter.

„Du hast etwas gut bei mir, Schusska.”

Schusska Bogenschütze lachte dröhnend.

„Ich denke, auf dieser Fahrt werden sich noch genügend Gelegenheiten ergeben, bei denen du dich revanchieren kannst, Kapitän.”

„Da magst du wohl Recht haben”, nickte Koschna.

Schusska ließ kritisch den Blick umher schweifen.

Einige Kisten und Fässer standen in diesem Raum herum und waren durch Taue gut befestigt, damit sie während der Fahrt bei hohem Seegang nicht in Bewegung gerieten.

Schusska zog sein Schwert, hieb eines der Taue durch und kantete eine der zugenagelten Kisten auf.

Er verzog angewidert den Mund.

„Eingelegtes Salzfleisch, pah und Stockfisch.”

„Hast du Kisten voller Gold erwartet?”, fragte Koschna.

Schusska grinste.

„Jedenfalls wäre mir das lieber als dieser Fraß hier.”

Eine hochauf geschossene Gestalt schälte sich aus dem Halbdunkel des Laderaums heraus.

Die Gestalt trug einen kuttenartigen Kapuzenmantel. Unwillkürlich fasste Koschna den Schwertgriff fester und auch durch die Gestalt von Schusska Bogenschütze ging ein Ruck. Seine Rechte ließ das Schwert fallen. Mit einer behänden, sehr schnellen Bewegung zog er einen Pfeil aus dem Köcher und legte ihn in den Bogen ein.

„Ich warne euch”, sagte die Gestalt mit dunkler Stimme. „Wenn ihr mich tötet, so werdet ihr es bereuen.”

Der Unbekannte hatte Valuremisch gesprochen, die Hauptsprache von Dunkelerde, die Koschna-Perdoschna einigermaßen beherrschte, obwohl sein Heimatdialekt ein wenig anders klang.

Gut zehn Sommer war es jetzt schon her, dass Koschna auf dem Handelsschiff seines Onkels Kartusch-Ommarschson angeheuert hatte und zum Steuermann ausgebildet worden war.

Kartusch-Ommarschsons Fahrten hatten oft in die Städte Valuremas geführt und in jener Zeit hatte Koschna-Perdoschna gelernt, wie man ein Schiff führte und wie man es dabei anstellte, dass man die Elemente zu Freunden hatte.

All dies kam dem Kapitän, da er mit eigenem Schiff und auf eigene Rechnung auf Raubfahrt ging, sehr zu gute.

Ebenso die Kenntnisse über die valuremischen Städte und Handelsplätze, die er damals erworben hatte. Denn auch geraubtes Gut wollte irgendwo und irgendwann wieder in klingende Münze verwandelt werden, wobei es Koschna-Perdoschna Wolfsauge ziemlich einerlei war, welcher Herrscher diese Münzen jeweils geprägt hatte.

Der Unbekannte legte jetzt seine Kapuze zurück. Sein grauhaariger Kopf kam zum Vorschein.

Der noch beinahe schwarze Bart unterstrich die harten Konturen seiner Züge. Die dunklen, fast schwarzen Augen schienen eine beinahe hypnotische Kraft zu haben, der man sich schwer entziehen konnte.

Mit einem stechenden Blick musterte der Bärtige die beiden Darscha-Dosch.

„Ich bin der Kartenleser dieses Schiffes und mein Wissen könnte euch von großem Nutzen sein.”

Die Augen des Unbekannten verengten sich plötzlich, wurden zu schmalen Schlitzen. Sein Gesicht bekam einen äußerst angespannten Ausdruck.

Schusska Bogenschütze schrie unvermittelt auf, riss den Bogen empor, als würde er aus dem Unsichtbaren heraus angegriffen werden. Der Pfeil schoss in die Decke, blieb in dem dunklen Holz stecken und zitterte dabei, während der Bogenschütze rückwärts zu Boden ging und der Bogen aus seinen Händen glitt.

Schusskas Augen waren schreckgeweitet.

Koschna stand wie erstarrt da, musterte kurz den Bogenschützen.  Auf was hatte der geschossen? Es war doch gar nichts zu sehen! Oder nur... für ihn? Nie zuvor hatte er bei Schusska so etwas erlebt...

Koschna nahm das Schwert mit beiden Händen.

„Bei den einfältigen Göttern Valuremas, wer bist du?”, fragte er den Fremden.

Das Lächeln, das jetzt auf dessen Gesicht erschien, triefte nur so vor Verachtung und Zynismus.

„Immerhin beherrschst du die Hochsprache der Zivilisation gut genug, um in ihr fluchen zu können”, stellte er fest. „Das kann nicht jeder Barbar von sich behaupten.”

Vollkommen unerschrocken trat der Mann einen Schritt nach vorn.

„Mein Name ist Barasch-Dorm”, erklärte er.

„Das ist wohl kein valuremischer Name”, stellte Koschna fest. Es war nur so ein Gefühl, keine Überzeugung. „Und selbst ich, der ich ja nur ein Barbar bin, höre den Akzent, mit dem du sprichst.”

„Du hast Recht. Ich bin kein Valuremier.”

Schusska Bogenschütze, der immer noch unter dem Eindruck des Monsters stand, das aus dem Nichts aufgetaucht war - wenn auch nur für ihn! -, um genauso wieder nach dem Schuss unsichtbar zu werden, streckte die Hand aus. Er schluckte dabei.

„Dieser Mann ist von einem Dämon besessen”, stieß er hervor. „Er hat Kräfte, die sich nicht mit den Gesetzen der Natur in Einklang bringen lassen. Irgendeine Art von Magie scheint er anzuwenden.”

Schusska erhob sich. Er wollte nach dem Bogen greifen, aber Koschna schüttelte den Kopf.

„Bevor wir ihn erschlagen, lassen wir ihn doch noch erzählen”, forderte der Kapitän.

Koschna war sich nicht sicher, ob sein Gegenüber auch Doschska, mehr ein sich im Laufe der vielen Jahrhunderten selbständig entwickelter Dialekt als eine eigene Sprache, verstand.

„Du hast gesagt, du seist Kartenleser”, wandte er sich dann in der valuremischen Hauptsprache an Barasch-Dorm.

„Das ist richtig”, nickte dieser.

„Wohin wart ihr unterwegs?”

„Die Reise dieses Schiffes sollte nach Kreitska führen. Es ging darum, einen Schatz von kaum vorstellbarem Wert zu bergen.”

„In Kreitska?”, höhnte Koschna. „Nach allem, was ich über dieses Land gehört habe, besteht es aus Wüsten, Sand und Ruinen, die hin und wieder vom Wind freigelegt werden.”

„Du bist vielleicht nicht ganz so weltläufig wie du glaubst, Barbar. Im Übrigen habt ihr alle erschlagen, die mit mir diesen Schatz zu bergen hofften. Ich schlage daher vor, dass wir uns zusammen tun. Ich brauche ein Schiff und eine Mannschaft und nach allem, was ich über die Darscha-Dosch weiß, sind sie für die Aussicht auf Reichtum durchaus bereit, jedes nur erdenkliche Risiko einzugehen.”

„Gut”, sagte Koschna. „Wir nehmen dich mit, als unseren Gefangenen.”

Barasch-Dorm lachte laut auf.

„Du kannst das nennen wie du willst, Barbar, aber im Endeffekt werden wir beide Partner sein, gleichberechtigte Partner. Denn ohne mein Wissen wirst du diesen Schatz nie erringen können. Dir wird nichts anderes übrig bleiben, als mit mir zusammen zu arbeiten. Mal davon abgesehen, dass es nicht so leicht ist, mich zu erschlagen. Das haben schon ganz andere versucht.”

Er streckte die Hand aus. Der Bogen, den  zuvor Schusska fallen gelassen hatte, schwebte jetzt empor, direkt in die Hand des Bogenschützen. Barasch-Dorm murmelte dabei etwas vor sich hin, das in den Ohren der beiden Männer wie sinnlos aneinander gereihte Silben klang.

Plötzlich machte er eine völlig unerwartete Kehrtwendung und griff hinter sich in das Halbdunkel des Lagerraums. Er zerrte - und dann taumelte ein junger Mann, beinahe noch wie ein Kind aussehend, aufstöhnend an ihm vorbei, strauchelte und fiel zu Boden. Er war höchst seltsam gekleidet, wie die Barbaren es noch nie gesehen hatten. Und er war nicht allein, denn hinter ihm stolperte ein junges Mädchen drein, das versuchte, ihn festzuhalten, aber gegen die Gewalt des Magiers genauso wenig ankam wie der Junge.

„Was ist denn das?”, wunderte sich Koschna.

„Diesmal keine Monster jedenfalls!”, stellte sein Schusska Bogenschütze fest und hob die garantiert tödliche Waffe, klar zum Schuss, um seinem Namen alle Ehre zu geben...

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JULE HATTE ALLES GENAU beobachtet, gemeinsam mit Pet, während dieser immer wieder die Schaltwörter murmelte. Es hörte sich an wie ein monotoner Singsang. Eigentlich grausige Laute, aber Jule verstand sie inzwischen genauso gut wie Pet, obwohl sie diese Sprache niemals gelernt hatte. In ihr waren auch Informationen erwacht, die sie in sich noch nicht einmal vermutet hätte. Als hätte sie dies alles von ihren Eltern geerbt - und diese wiederum von ihren Eltern. Eine lange Ahnenreihe, die zurück ging bis zu jenem italienischen Alchimisten, der mit Namen Nero einer der entscheidenden Mitglieder jener Seance zur Belebung von Dunkelerde gewesen war - und seitdem zu den Verschollenen gehörte. Mit Jule befand sich gewissermaßen immer noch ein Stückchen von ihm im Diesseits. Und mit Pet war auch ein Stück von Harald Magnus, dem Meister-Alchimisten, zurückgeblieben.

Nicht mehr lange!, dachte Jule flüchtig. Und sie dachte auch daran, dass sie hier bleiben musste, beobachtend, sondierend, um rechtzeitig eingreifen zu können - und somit auch schützend. Sie würde Pet zurückholen können von Dunkelerde, wenn es für diesen wirklich brenzlig wurde. Dafür wusste sie sogar schon die Schaltworte. Sie schlummerten in ihrem Gedächtnis, verfügungsbereit, gewissermaßen darauf lauernd, jederzeit eingesetzt werden zu können. Dabei wusste Jule gar nicht so recht zu sagen, ob sie die Schaltwörter aus dem geheimen Buch kannte oder ob sie über die Vererbung in ihr verankert worden waren - wie so mach anderes, was ihr bis gestern in keiner Weise bewusst geworden wäre. Ja, sie hätte noch nicht einmal im Entferntesten geahnt, dass es so etwas wie Dunkelerde, Schaltwörter und dergleichen überhaupt geben könnte. Sie hätte allein schon bei der Erwähnung eher schallend gelacht. Auch über den Alchimie-Fimmel ihres Freundes, wie sie es bislang nannte, hatte sie schließlich noch vor Tagen gelacht. Bis der Ärger darüber größer geworden war. Das Ergebnis kannte man ja...

Sie konzentrierte sich wieder auf das Geschehen. Es war furchtbar anzusehen: Der Überfall auf das Handelsschiff, die Schreie der Verletzten und Sterbenden. Das hatte absolut keine Faszination. Konnte man in einem Kinofilm noch eher unbeteiligt tun - vielleicht auch durch ähnliche Gewaltszenen längst abgestumpft -, war dies hier völlig anders: Es war keine gestellte Szenenfolge, sondern es war... grausame Wirklichkeit. Die da starben, taten nicht nur so, sondern sie starben wirklich.

Aber das war nur die eine Seite. Es gab auch eine andere Seite - und diese erfüllte Jule mit großem Erstaunen. Noch vor Minuten hätte sie eher angenommen, nichts mehr könnte in ihr überhaupt noch so etwas wie Erstaunen hervorrufen, nach alledem, was sie innerhalb von nur einem Tag alles hatte erfahren müssen - in seiner fantastischsten Art. Und doch war der Vorgang dermaßen verblüffend, dass ihr schier der Atem weg blieb.

Sie spürte, dass es Pet an ihrer Seite genauso erging. Er vergaß beinahe darüber, die rituellen Worte weiterhin zu murmeln, damit der Kontakt mit Dunkelerde nicht abriss:

Details

Seiten
340
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738916218
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
ashley parker fantasy dunkelerde

Autoren

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Titel: Ashley Parker Fantasy - Dunkelerde