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Anna Martach Roman - Hilfe, unsere Eltern heiraten

2018 0 Seiten
Reihe: Anna Martach Roman, Band 2

Zusammenfassung

Kann ein Streit unter Kindern zu irgend etwas gut sein? Ja, zum Beispiel wenn sich zwei Alleinerziehende dadurch kennenlernen. Doch als durch einen schweren Verdacht ein Schatten auf die aufkeimende Liebe fällt, steht alles in Frage.
Ein turbulenter Roman um Liebe und Familie.

Leseprobe

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Hilfe, unsere Eltern heiraten

Roman von Anna Martach

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© by Author

© 2012 Digitalausgabe AlfredBekker/CassiopeiaPress Al rights reserved.

Ein CassiopeiaPress E-Book.

www.alfredbekker.de

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DU HAST MEINEN BLEISTIFT absichtlich zerbrochen“, schimpfte Julia Gericke auf ihren Intimfeind. 

Frank Wörmann war in der gleichen Klasse, und die beiden 12jährigen führten seit langer Zeit einen erbitterten Kleinkrieg, aus welchem Grund, wussten die zwei vermutlich selbst nicht mehr zu sagen. Frank grinste das Mädchen an.

„Ja, und? Du bist immer so schlau und lässt niemanden abschreiben. Da ist es nur recht, wenn du gar nicht mehr schreibst. Was macht das schon?“

„Du bist ein gemeiner Kerl. Alle Jungs sind doof.“

„Und alle Mädchen sind zickig. Du bist sogar eine Petze und hast dem Direx verraten, dass ich die Schmierseife im Sportraum verteilt habe.“

„Habe ich gar nicht!“, empörte sich Julia. „Ich hab das ja nicht mal gewusst. Aber jetzt weiß ich, dass du jede Gemeinheit anstellen würdest, wahrscheinlich hast du auch die Stinkbombe im großen Flur losgelassen.“ Der Junge hielt inne. Julia mochte eine Zicke sein, aber Lügen lag ihr nicht. Sollte er sich denn getäuscht haben? „Du lügst!“, warf er ihr trotzdem vor.

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UND DU BIST SO FEIGE, dass du das nicht zugibst.“

„Ich bin nicht feige! Du bist feige, weil du dich immer hinter deinen Freundinnen versteckst, statt dich mal zu stellen.“

„Ich bin noch nie feige gewesen“, erklärte sie würdevoll.

„Bist du doch!“

„Bin ich nicht!“ Zusammen mit diesen Worten holte Julia plötzlich aus und gab dem Jungen eine schallende Ohrfeige.

Julia war ein zierlich gebautes Mädchen und nicht sehr kräftig, ganz im Gegensatz zu Frank, einem kräftigen, sportlichen Jungen.

Die Clique um Frank stand im Halbkreis um die zwei Streithähne herum, und die übrigen Jungen erwarteten jetzt, dass Frank, entgegen aller ritterlichen Regeln, zurückschlagen würde. Stattdessen aber hielt er sich die Wange und verzog das Gesicht. Breites Grinsen flog über die Gesichter der Jungen, als Frank jetzt mit entschlossenen Schritten zu Frau Witkowsky ging, ihrer Klassenlehrerin, die Aufsicht während dieser großen Pause hatte.

„Julia hat mich geschlagen“, empörte er sich.

Hetty Witkowsky, seit vielen Jahren Lehrerin und gut vertraut mit dem Kleinkrieg der beiden Kinder, lächelte verstehend. „Und du bist natürlich völlig unschuldig daran?“, erkundigte sie sich.

„Ich? Na klar!“

„Dann komm mal mit, junger Mann. Wir holen Julia dazu und wollen sehen, was sie zu sagen hat.“ Julia warf Frank einen vernichtenden Blick zu.

„Blödmann!“, zischte sie.

„Ziege!“

„Ruhe jetzt. Es sieht ja wohl nicht so aus, als könnte es zwischen euch beiden jemals einen Waffenstillstand geben.“ Hetty Witkowsky schüttelte den Kopf, ließ sich von beiden noch einmal erzählen, sie es dazu gekommen war und verhängte dann die gleiche Strafarbeit über beide. „Bis Samstag wünsche ich von euch beiden einen Aufsatz, je mindestens zehn Seiten, über das Thema: Fairness auf dem Schulhof im Kampf der Geschlechter.“

„Aber ich habe doch gar nichts getan“, protestierte Frank wütend. „Wo kommen wir denn hin, wenn die Weiber einfach zuhauen dürfen?“

Die Lehrerin zog die Augenbrauen hoch. „Ich kann nicht finden, dass deine Wortwahl Anlass dazu gibt, dich für unschuldig zu halten. Es bleibt dabei.“ Julia und Frank gingen hinaus aus dem Lehrerzimmer, aber noch in der Tür zischte der Junge: „Du bist schuld daran.

Als ob ich Zeit hätte, auch noch Strafarbeit zu schreiben.“

„Ach, lass mich doch in Ruhe.“

Frau Witkowsky sah ein, dass es so nicht weitergehen konnte. Man musste etwas unternehmen, um diese Fehde zu lösen, die auch die Klasse in zwei Lager spaltete. Nach Absprache mit dem Rektor bat die Lehrerin die Eltern der beiden Streithähne zu einem Gespräch.

*

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PAPA, WAS MACHT MAN eigentlich, wenn da jemand ist, der einen dauernd ärgert?“ Julia drückte sich an die Tür des Arbeitszimmers. Ihr Vater, Florian Gericke, ein Wirtschaftsprüfer, war ein vielbeschäftigter Mann, der nach dem viel zu frühen Tod seiner Frau versuchte, seine Tochter allein mit der Haushälterin groß zu ziehen. Dabei kam das Mädchen oft zu kurz, wie Florian sich selbst immer wieder zum Vorwurf machte. Doch er verdiente gut und war in der Lage, seiner Tochter die meisten Wünsche zu erfüllen. Aber das ersetzte natürlich nicht die liebevolle Zuwendung, die für Julia so unheimlich wichtig gewesen wäre. Florian fühlte sich manchmal etwas überfordert, andererseits sagte er sich, dass er auf seine Art tat, was ihm möglich war. Und für das übrige sorgte eben Magda, die gute Seele des Hauses.

Jetzt blickte Florian kurz auf von einem Wust von Papieren und schaute seine Tochter irritiert an.

„Gibt es denn jemanden, der dich ärgert?“

„Aber Papa, das habe ich dir doch schon hundertmal erzählt. Der Frank Wörmann ist ein Esel, der ärgert mich ständig, und weil er mich als feige bezeichnet hat, habe ich ihm eben eine geklebt.“ Jetzt hatte sie die volle Aufmerksamkeit ihres Vaters.

„Das ist eigentlich nicht die Art, wie man, und besonders du als Mädchen, mit seinen Gegnern umgeht“, tadelte er.

„Na ja, die Frau Witkowsky hat etwas Ähnliches gesagt.

Aber ich weiß nicht mehr, wie ich mich gegen ihn wehren soll.“

„Und du bist natürlich auch völlig unschuldig daran?“, forschte Florian, der sehr wohl wusste, dass seine Tochter es manchmal faustdick hinter den Ohren hatte.

„Ich wehre mich doch nur“, beteuerte sie.

„Auf eine etwas handgreifliche Art.“

„Na ja, schon.“

„Deine Lehrerin hat mir übrigens schon geschrieben. Kann es sein, dass da noch ein bisschen mehr ist? Ich soll jedenfalls zu einem Gespräch in die Schule kommen.“ Julia biss sich auf die Lippen.

„Hast du noch etwas dazu zu sagen?“

„Nur, dass der Frank ein Blödmann ist, und dass ich es doof finde, dass Frau Witkowsky dir geschrieben hat.“ Julia ging hinaus und griff im Gehen nach ihrem Kater, der gerade auf dem Weg in die Küche war. Mephisto quittierte den etwas unsanften Griff mit einem empörten Miau, kuschelte sich dann aber doch an seine junge Besitzerin. Florian schaute seiner Tochter hinterher und nahm sich wieder einmal vor, dass er sich unbedingt mehr um Julia kümmern musste. Gleich darauf vertiefte er sich aber schon wieder in seine Arbeit. Diese Bilanzen waren unklar, eine Tatsache, die er so nicht hinnehmen konnte.

*

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FRANK, WARTE MAL, ich möchte mit dir reden.“ Der Junge, der im Trainingsanzug mit einem Ball unter dem Arm auf dem Weg zur Tür war, hielt an.

„Habe ich noch was vergessen, Mama?“, fragte er erstaunt. „Der Müll ist unten, das Geschirr habe ich in die Maschine gepackt, meine Hausaufgaben sind fertig – fast jedenfalls.“

„Es geht um diesen Brief.“ Barbara Wörmann musste wieder einmal in die Vaterrolle schlüpfen, etwas, das sie seit dem Tod ihres Mannes immer wieder tun musste. Eigentlich war Frank ein lieber Junge, freundlich, hilfsbereit und nicht unbedingt aufsässig. Aber er schlug manchmal über die Stränge, wie alle Jungen seines Alters.

Frank schaute seine Mutter an, für ihn war sie mit ihren fünfunddreißig Jahren eine tolle Frau. Schlank und relativ hochgewachsen, mit kurzen braunen Haaren und leuchtenden blauen Augen. Sie trug jetzt Jeans und eine lockere Bluse darüber.

„Was ist mit dem Brief?“, fragte er.

„Er stammt von deiner Lehrerin.“

„Au weia!“

„Soll ich das so verstehen, dass du recht gut weißt, um was es geht?“ Ihre forschende Stimme verhieß nichts Gutes.

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ACH, WEIßT DU, DAS ist so...“ Frank erzählte in knappen Worten seine Version der Ereignisse und vergaß natürlich auch nicht zu betonen, dass er völlig unschuldig war. Auch Barbara kannte ihr Kind gut genug, um zu wissen, dass es mit Sicherheit nicht so harmlos war, wie er tat.

„Ich fürchte, ich werde bei deiner Lehrerin feststellen müssen, dass sich das alles da etwas anders anhört.“

„Ach, die“, meinte Frank wegwerfend. „Die ist eine Frau und deshalb bestimmt auf der Seite von Julia.“

„Hm, ich bin auch eine Frau“, gab Barbara zu bedenken.

Der Junge schüttelte den Kopf. „Das ist etwas ganz anderes. Du bist meine Mutter.“

Barbara lachte auf. „Warten wir mal ab, was ich zu hören bekomme. Du solltest auf jeden Fall schon mal dein Sündenregister durchgehen.“

„Aber es liegt wirklich nur an dieser Julia“, beteuerte der Junge, machte dann aber, dass er schnell hinauskam, bevor es seiner Mutter einfiel, ihm Hausarrest aufzubrummen.

Barbara starrte einen Augenblick auf die jetzt geschlossene Tür. Der Junge brauchte eigentlich einen Vater, aber Christoph war viel zu früh bei einem Unfall ums Leben gekommen. Und jetzt versuchte die Frau sich und ihren Sohn anständig durchs Leben zu bringen. Sie arbeitete als Sekretärin halbtags, und in den Ferien sprang ihre Mutter ein, um den Jungen zu versorgen. Aber es gab immer wieder Momente, da die attraktive Frau sich wünschte, nicht allein mit all ihren Problemen dazustehen. Das Gespräch mit der Lehrerin würde dann hoffentlich etwas Aufklärung bringen, und sie würde einen Weg finden müssen, um auch diesen Konflikt zu lösen.

*

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GALANT HIELT DER MANN die Tür auf, damit die Frau, die hinter ihm den langen Gang zu dem Klassenzimmer ebenfalls entlanglief, hindurchgehen konnte. Suchend schritt die Frau an den Türen vorbei und musterte die Aufschriften.

Florian Gericke schaute ihr einen Moment nach und hätte fast durch die Zähne gepfiffen. Das war ja mal ein Rasseweib. Schade, wenn sie hier war, dann hatte sie sicher auch Kinder und war demnach verheiratet.

Er war für kurze Zeit in Gedanken versunken und prallte plötzlich auf die Frau auf, die abrupt stehengeblieben war.

Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, während er verlegen nach einer Entschuldigung suchte.

„Ist ja nichts passiert, sparen Sie sich Ihre Worte“, sagte sie.

„Wollen Sie auch hierher?“, fragte er.

„Ja“, seufzte sie. „Ich fürchte, hier muss ich ein Gespräch mit der Lehrerin führen.“

„Welch ein Zufall, ich auch.“

Sie schaltete schnell. „Sind Sie vielleicht der Vater von Julia?“, forschte sie.

Er nickte. „Darf ich dann annehmen, dass Sie die Mutter von Frank sind?“

„O je, unsere Kinder sind die Streithähne vom Dienst, fürchte ich“, stellte Barbara fest.

„Ach, ich denke, so schlimm kann es gar nicht sein.

Wollen wir erst einmal hören?“

Etwas erleichtert nickte Barbara, dann betraten die beiden den Klassenraum, in dem Hetty Witkowsky an ihrem Schreibtisch saß und Hefte korrigierte. „Ich freue mich, dass Sie beide gekommen sind“, begann die Lehrerin. „Ich weiß, dass es für Sie beide nicht ganz einfach ist, da Sie ja beide alleinerziehende Eltern sind. Aber dieser regelrechte Krieg, den die beiden Kinder hier führen, bringt einfach zuviel Unruhe in die ganze Klasse. Natürlich stehen die Mädchen auf der Seite von Julia, und die Jungen auf der von Frank, so ergeben sich regelrecht gegnerische Lager.“ Florian hob die Hand. „Moment bitte, was werfen Sie unseren Kindern überhaupt vor? Ich finde es vielleicht doch übertrieben, aus einer kindlichen Abneigung eine Staatsaffäre zu machen. Wird das alles nicht von Ihnen etwas überbewertet?“

Hetty Witkowsky lächelte kurz, wurde dann aber wieder ernst und nahm zwei Blätter Papier hervor. „Hier haben Sie eine Auflistung über die gegenseitigen – Streiche. Und das sind nur die, von denen wir wissen.“ Florian schluckte, und Barbara schüttelte fassungslos den Kopf.

„Sie sehen, Frau Wörmann, Herr Gericke, es muss dringend etwas geschehen. Und deswegen habe ich Sie beide hergebeten. Es reicht nicht aus, den Kindern ins Gewissen zu reden. Sie reagieren darauf nicht. Hört sich vielleicht hart an, aber die beiden sind wie Feuer und Wasser, absolut unvereinbar.“

„Das klingt nicht nach der Julia, die ich zuhause kenne“, sagte Florian bestürzt.

„Das ist auch nicht der Frank, wie er sich daheim benimmt“, bemerkte Barbara.

„Ich denke, wir sollten den beiden mal gründlich ins Gewissen reden“, schlug Florian vor und lächelte Barbara an.

„Ich finde, nichts kann so schlimm sein, dass man nicht darüber reden könnte. Das sollten die beiden lernen.“

„Ich denke ebenso“, stimmte sie zu und stand auf. „Frau Witkowsky, ich bin Ihnen dankbar, dass Sie mich informiert haben. Ich habe wirklich nicht gewusst, wie weit das hier ging.“

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AUCH ICH DANKE IHNEN“, schloss Florian sich an. „Frau Wörmann, da es unsere beiden Kinder angeht – darf ich Ihnen den Vorschlag machen, dass wir beide gemeinsam darüber beraten, was wir am besten unternehmen? Wie wäre es, wenn wir das bei einem Essen tun? Die Kinder sind doch jetzt gut untergebracht. Wir sollten diese Zeit nutzen.“ Sie zögerte einen Moment, diese Einladung kam doch sehr überraschend. Aber es war etwas dran an seinen Worten. Und warum eigentlich nicht? Er war sympathisch, und er schien vernünftig zu sein. Außerdem waren sie durch die gleichen Probleme verbunden.

„Ja, ich glaube, Sie haben recht. Vielen Dank. Es wäre doch eigentlich gelacht, wenn wir als Eltern nicht in der Lage wären, unsere Kinder wieder auf den rechten Weg zu bringen.“

Frau Witkowsky fand diese Idee ebenfalls gut. Wenn die Eltern eingriffen, sollte alles wieder gut werden.

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DAS RESTAURANT WAR nicht zu teuer oder zu vornehm, es war genau richtig. Florian hatte die attraktive Frau in den Schwanenkrug eingeladen, dort war das Essen hervorragend, man konnte in Ruhe zusammen sitzen und ungestört reden.

Das heikle Thema hatten die beiden verschoben bis nach dem Dessert. Die Bedienung brachte einen Kaffee, und Florian lehnte sich etwas zurück. „Vielen Dank, dass Sie sich entschlossen haben, diesen Abend mit mir zu verbringen, auch wenn es nicht so geplant war. Ja, nun stellt sich für uns die Frage: Wie sage ich es meinen Kinde?“ Barbara lachte hell auf. „Ich weiß nicht, ob Sie Probleme haben, mit Ihrer Tochter ein paar deutliche Worte zu reden.

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FRANK JEDENFALLS WIRD von mir das passende zu hören bekommen.“

Ihr Lachen war bezaubernd, ihre Augen strahlten wie zwei Sterne, und ihr ganzes Wesen war so natürlich und sympathisch, dass Florian ganz verzaubert von ihr war.

„Eigentlich habe ich ein gutes Verhältnis zu meiner Tochter, allerdings fehlt es mir manchmal an der Zeit, mich ausreichend um Julia zu kümmern. Alleinerziehende haben eine Menge Probleme mehr im Leben als es in einer Familie vorkommt, wo sich noch jemand um das Kind kümmern kann.“

„Ja, das kenne ich, mir geht es auch nicht anders“, seufzte Barbara. „Manchmal habe ich das Gefühl, gegen eine Mauer zu laufen. Aber irgendwie finde ich doch über wieder einen Weg.“

Er schaute sie aufmerksam an, und er hatte einen gehörigen Respekt vor dieser Frau, die sich allein durch das Leben schlagen musste.

„Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen, den Sie bitte nicht falsch verstehen wollen, Barbara?“ Sie schaute auf, ihr Name aus seinem Mund klang fast zärtlich. Aber nein, sie sollte sich da besser nicht irgendwelche dummen Gedanken machen. Florian Gericke war ein netter reizender Mann, mit dem sie ein gemeinsames Problem verband, nicht mehr. Und außerdem hatten sie sich heute zum erstenmal gesehen. Wahrscheinlich würde es auch das letzte Mal gewesen sein.

„Und wie soll dieser Vorschlag aussehen, Florian?“

„Kommen Sie am Wochenende zu uns zu Besuch – mit Frank. Und dann sollten wir gemeinsam mit unseren Kindern darüber reden, was die beiden so trennt.“ Barbara war überrascht, sie spielte mit ihrer Serviette, dann hob sie den Kopf und lächelte Florian an. „Ja, gern. Das halte ich für eine gute Idee. Und so haben die zwei dann auch keine Möglichkeiten zu irgendwelchen Ausflüchten. Und zur allgemeinen Versöhnung könnte ich einen Kuchen mitbringen.“

„Na, ob es zu einer Versöhnung kommt, sollten wir abwarten. Aber ich für meinen Teil freue mich schon jetzt darauf, Sie wiederzusehen.“

Unwillkürlich wurde Barbara rot. Viel zu lange hatte sie nicht mehr so nette Worte gehört, die ihr schmeichelten und ihr gut taten. „Ich freue mich auch darauf“, sagte sie leise.

Florian hielt beim Abschied ihre Hand etwas länger als nötig in der seinen. Und während Barbara nach Hause fuhr, spürte sie ihr Herz heftig bis zum Hals klopfen.

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DU HAST WAS?“ JULIA war bis ins Mark erschüttert. „Papa, du kannst doch nicht diesen – diesen...“

„Jetzt ist es aber genug, Julia“, unterbrach Florian ungewohnt scharf. „Mir ist völlig unklar, wie du dazu kommst, in der Schule einen Krieg anzuzetteln. Eure Lehrerin ist jedenfalls der Meinung, dass es so nicht weitergeht. Und ich sehe das genauso.“

„Ach, Papa, das verstehst du nicht“, erwiderte sie ungeduldig.

Er hob die Augenbrauen. „Vielleicht könnte meine, ach, so kluge, erwachsene Tochter mir dann ganz einfach mal ausführlich erklären, wozu ich zu dumm bin.“ Julia spürte, dass sie eben zu weit ging. Aber das konnte ihr Vater doch nicht wirklich ernst gemeint haben? Frank Wörmann kam hierher? Sie würde sich in ihrem Zimmer einsperren und erst wieder herauskommen, wenn er ging.

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DOCH DIESE STÖRRISCHE Haltung war natürlich ganz und gar nicht im Sinne von Florian.

„Ich erwarte, dass du Frank und seine Mutter als Gäste behandelst, die sie in unserem Hause ja auch sind“, setzte Florian hinzu, und Julia hob entsagungsvoll die Schultern, während sich im ihrem Gesicht blankes Entsetzen abzeichnete.

„Das meinst du nicht wirklich!“, stieß sie hervor.

„Ach, komm, mein Schatz, stell dich nicht so an, du tust gerade so, als ginge die Welt davon unter.“

„So etwas ähnliches ist das auch“, seufzte das Mädchen.

Er musste unwillkürlich lächeln. Julia war noch so jung, sie betrachtete es schon als Weltuntergang, wenn sie sich mit jemanden auseinandersetzen musste, der sich ganz einfach von ihr unterschied. Bis sie erwachsen wurde, gab es bestimmt noch viele solcher Situationen. Das Leben war nun einmal nicht einfach, und man musste es sich durch Sturheit nicht auch noch schwerer machen. Ein wenig tröstend nahm er seine Tochter im dem Arm.

„Du wirst sehen, ist alles gar nicht so schlimm. Bestimmt werdet ihr noch die besten Freunde.“

„Niemals“, beteuerte Julia voller Abscheu.

„Niemals ist eine sehr lange Zeit, mein Liebling.“

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DIE REAKTION BEI FRANK war allerdings ähnlich wie bei Julia. Als seine Mutter ihm eröffnete, dass sie beide am Wochenende zu einem Besuch bei Julia und ihrem Vater eingeladen waren, blieb er zunächst fassungslos stehen.

„Mama, das geht nicht“, sagte er dann bestimmt.

„Ach, und warum nicht?“, fragte sie scheinbar verwundert.

„Ja – weil, die Julia – ich meine – die ist doch nur...“

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NUN, WAS IST JULIA? Heraus mit der Sprache, junger Mann.

Was läuft da eigentlich zwischen euch beiden?“

„Zwischen uns?“ Er verschluckte sich fast. „Diese Julia ist eine Zicke, Mama. Das kannst du dir schlimmer nicht vorstellen.“

„Gut, nun haben wir also schon einmal festgestellt, was sie ist. Und was tut sie, dass du sie mit einem solchen Ehrennamen belegst?“

„Sie – sie...“ Frank brach ab. Er wusste sehr wohl, dass nicht nur Julia allein schuld an ihrem Streit war. Doch wenn er ihre Streiche erzählte, musste er die seinen ebenfalls aufdecken, was nicht ganz so einfach war. Aber da war dieser erwartungsvolle Blick in den Augen seiner Mutter.

Frank seufzte. „Wenn du meinst, dass wir dahin müssen, dann ist das wohl nicht zu vermeiden.“

„Nein, ist es nicht. Und ich erwarte, dass du dich anständig benimmst. Wir sind Gäste dort im Haus.“

„Wenn die Julia das dann auch tut...“ Den Rest des Satzes verschluckte er lieber. Mit Grausen stellte er sich vor, dass er zu Julia höflich sein musste. Aber dann fiel ihm ein, dass es ihr bestimmt nicht besser erging. Sie würde ihn als Gast willkommen heißen müssen. Und bei diesem Gedanken lächelte Frank.

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DAS STRAHLEN IN FLORIANS Gesicht war nicht zu übersehen, als er Barbara die Hand reichte, und beide Kinder bemerkten es mit Schrecken. Denn auch Barbara machte ganz den Eindruck, als habe sie sich auf diesen Besuch gefreut. Du lieber Himmel, da würde sich doch nicht etwa zwischen den Eltern etwas anbahnen?

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ZUM ERSTENMAL WAREN Frank und Julia einer Meinung. Das durfte nicht passieren!

Frank reichte Julia die Hand, hielt sie aber bewusst schlaff, und auch das Mädchen griff nur halbherzig danach, so dass nur eine flüchtige Berührung entstand, statt eines festen Händedrucks. Die Erwachsenen schienen das nicht zu bemerken.

Florian nahm Barbara den versprochenen Kuchen ab und schnupperte voller Genuss daran. Seine Augen leuchteten.

Der Kaffeetisch war festlich gedeckt, und eine seltsame Befangenheit legte sich über die vier Menschen. Julia und Frank warfen sich über den Tisch hinweg feindselige Blicke zu – bis zu dem Augenblick, da der Kater von Julia auftauchte. Das Mädchen sprang auf, beugte sich nieder und nahm das Tier auf die Arme. Ein Ruck ging durch den Jungen.

„Darf ich ihn auch mal streicheln?“, fragte er.

Julia nickte verblüfft. Frank ging mit vorsichtigen Bewegungen näher, ohne das Tier zu verscheuchen. „Wie heißt sie denn?“, fragte er leise.

„Sie ist ein Kater und heißt Mephisto“, erklärte Julia etwas von oben herab. „Hast du denn keine Haustiere?“

„Nein, dürfen wir nicht in unserer Wohnung.“

„Das ist aber blöd. Ich kann hier alles haben, was ich will.“

Der Junge streichelte das seidige Fell des Tieres, das neugierig an seiner Hand schnupperte, um den bisher Fremden in seine Familie einzugliedern. Es war zwischen den beiden Kindern ein Bild seltener Eintracht, und genau diesen Augenblick suchte Florian aus.

„Da wir jetzt mal alle beisammen sind, wäre es doch eine gute Idee, wenn ihr uns mal erklären könntet, warum es immer wieder zum Streit zwischen euch kommt.“ Augenblicklich ließ Julia die Katze fallen und wandte sich von Frank weg. „Ich dachte, wir wollten hier mit unseren Gästen Kaffee trinken“, sagte sie störrisch. „Und ihr führt hier ein Verhör.“

„Na, na, das sind aber jetzt sehr harte Worte“, widersprach ihr Vater und blickte sie dabei strafend an.

Barbara legte ihm eine Hand auf dem Arm und schüttelte stumm den Kopf. Dann ging sie zu den Kindern. „Es gibt bestimmt eine Menge Gründe, warum euer Streit überhaupt irgendwann einmal angefangen hat. Und wahrscheinlich könnt ihr euch nicht mal mehr daran erinnern. Also hat es auch keinen Zweck, wenn wir so tief graben. Aber es würde mich doch interessieren, warum du, Julia, es ständig darauf anlegst, Frank zu ärgern. Ebenso wie ich gerne wüsste, warum du, Frank, Julia nicht in Ruhe mit ihren Freundinnen spielen oder meinetwegen auch kichern lassen kannst.“ Die beiden schaute sich an – und schwiegen.

„Ich glaube, ihr zwei habt eine ganze Menge gemeinsam“, stellte Barbara fest. „Dieses hartnäckige Schweigen und die Tierliebe sind schon mal zwei Dinge. Gibt es vielleicht noch ein paar mehr? – Ach ja, eure gegenseitige Abneigung, die auf nichts beruht.“

„Ich finde“, wandte jetzt Florian lächelnd ein, „ihr solltet euch mit dem Gedanken vertraut machen, dass ihr euch jetzt öfter sehen werdet, denn ich denke, dass Barbara und Frank gern gesehene Gäste hier sein werden.“

„Oh, mein Gott“, stieß Julia hervor und lief aus dem Zimmer.

„Die – bloß nicht“, kam es auch von Frank – dann lief er ihr hinterher.

Die beiden Erwachsenen blieben verblüfft zurück. „Ob das jetzt eine so gute Idee war?“, bezweifelte Florian plötzlich seine eigenen Worte, aber Barbara lachte hell auf.

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DOCH, ICH GLAUBE SCHON. Die zwei sind gerade dabei, ein neues Feindbild zu entwickeln. Und vielleicht finden sie über diesen Umweg, dass sie sich doch mögen. Im Übrigen danke ich für die Einladung, Florian.“

„Von Herzen gern“, strahlte er.

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JULIA HATTE IHREN KATER im Arm und streichelte heftig das Fell. Das Tier spürte die Aufregung seines Menschen und wollte sich aus dem Griff befreien.

„Du bist viel zu heftig mit ihm“, sagte Frank. „Lass mich mal.“ Er nahm Julia das Tier aus dem Arm und schaute sie an. „Unsere Eltern haben ganz schön komische Einfälle“, stellte er dann fest.

Sie nickte. „Ich glaube nicht, dass ich es gut finde, wenn wir uns gegenseitig dauernd besuchen. Was sollen wir dann schon tun?“

„Na ja“, er wirkte plötzlich ungeheuer tapfer. „Wenigstens haben wir dann doch deinen Kater, den wir beide mögen.“

„Ja, aber es ist immer noch mein Kater.“

„Ich will ihn dir ja auch nicht wegnehmen. Aber ab und zu streicheln. Er hat so ein schönes Fell, weißt du das?“

„Das bekommt er, weil er gutes Futter kriegt und sich dauernd putzt.“

Frank schaute Julia an und nickte plötzlich anerkennend.

„Du hast dich heute auch ganz schön herausgeputzt. Für ein Mädchen siehst du richtig gut aus.“

„Dann musst du aber noch ein bisschen üben“, erklärte sie schnippisch.

„Ach, ich bin ein Junge. Da spielt das keine große Rolle“, behauptete er.

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QUATSCH, STELLT DIR nur mal vor, mein Vater käme zu einem seiner Kunden in Jeans. Der würde ihn doch gar nicht ernst nehmen.“

„Was macht dein Vater eigentlich? Ihr müsst ja ganz schön viel Geld haben, wenn ihr euch ein ganzes Haus leisten könnt.“

„Er ist Wirtschaftsprüfer, er schaut die Bilanzen anderer Leute nach.“

Frank schwieg einen Augenblick beeindruckt. „Was ist eine Bilanz?“, fragte er dann ratlos.

Julia wirkte überlegen. „Das ist, wenn die Firmen Geld einnehmen und ausgeben – und dann...“ Sie wusste nicht mehr so recht weiter. „Da musst du meinen Vater vielleicht doch mal fragen“, gab sie schließlich zu.

Unbemerkt standen Florian und Barbara an der Tür und beobachteten das Gespräch, dann zogen sie sich wieder zurück. „Vielleicht besteht doch noch Hoffnung. Ich halte es für einen Fortschritt, dass sie überhaupt miteinander reden“, stellte der Mann fest.

„Es ist in jedem Fall einen Versuch wert“, stimmte sie zu.

„Darf ich dann hoffen, Sie recht bald wieder hier begrüßen zu dürfen?“

„Ja, sehr gern.“ In den Augen der Frau lag ein Versprechen, und spontan ergriff Florian ihre Hand und drückte einen zarten Kuss darauf. Barbara wurde unwillkürlich rot, entzog ihm ihre Hand jedoch nicht.

Als sie sich schließlich verabschiedete, war es ausgerechnet Frank, der enttäuscht wirkte. Aber das mochte wohl an dem Kater liegen, den er augenblicklich ins Herz geschlossen hatte, so wie auch das Tier ihn akzeptiert hatte.

Und auch die Miene von Julia wirkte nicht mehr ganz so abweisend.

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SEID WANN HAST DU denn eine Vorliebe für Mädchen?“, hänselten die Jungen aus der Clique um Frank, als dieser es nach und nach ablehnte Julia und ihre Freundinnen zu ärgern.

Die Besuche zwischen den beiden Familien schienen doch erste Erfolge zu zeigen. Die beiden Kinder redeten miteinander, und die beiden Eltern hatten es sogar geschafft, dass alle miteinander spielen konnten, ohne dass die zwei um jeden Preis gegeneinander kämpften. Mit dazu beigetragen hatte aber sicher auch die sanfte, behutsame und liebevolle Art, mit der Barbara das Mädchen behandelte. Ohne dass Frank das Gefühl hatte, vernachlässigt zu werden, hatte sie es übernommen, sich ein wenig um Julia zu kümmern.

Und das Mädchen nahm diese vorsichtige Hilfestellung an, sie begrüßte es sogar, als Barbara mit ihr einen Einkaufsbummel machte – etwas, das Florian bei aller Liebe zu seinem Kind nicht übers Herz brachte.

Er hatte es stattdessen in der Zeit übernommen, Frank zum Sportplatz zu begleiten. Längst waren die beiden Erwachsenen zum vertrauten Du übergegangen, die Besuche hatten sich auf drei bis viermal pro Woche ausgedehnt, und die Kinder schienen sich bis zu einem gewissen Punkt zu akzeptieren.

Bis zu diesem Tag, da Frank zu sehr von seinen Kameraden gehänselt wurde. Das wollte er denn doch nicht auf sich sitzen lassen, auch wenn er Julia mittlerweile sogar mochte. Aber er glaubte, es sich nicht leisten zu können, von den anderen als nachgiebig oder schlimmeres angesehen zu werden. Um seinen schlechten Ruf zu erhalten, musste er etwas tun. Und so ging er hin und riss Julia die Jacke von der Schulter.

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AUSGERECHNET DIESE Jacke. Das Mädchen hatte sie zusammen mit Barbara ausgesucht und war stolz darauf, weil es sich um ein ungewöhnliches Stück handelte.

„Gib sie wieder her!“, befahl Julia. Sie war überrascht, dass Frank sich jetzt plötzlich wieder wie ein Rüpel verhielt, wo sie doch gerade angefangen hatte, ihn ein bisschen zu mögen.

„Hol sie dir doch!“, grölte er und warf sie einem seiner Kameraden zu.

Das Mädchen lief hinterher, doch natürlich war das zwecklos. Das Kleidungsstück wurde von einem zum anderen Jungen geworfen, landete zwischenzeitlich auf dem feuchten, schmutzigen Boden und sah längst nicht mehr gut aus. Schließlich hielt Julia inne, schaute Frank offen ins Gesicht, und zwei Tränen schimmerten in ihren Augen.

„Das werde ich dir nie vergessen.“ Diese Worte trafen den Jungen plötzlich ins Herz. Hatte er denn nicht Julia schon fast wie eine Freundin oder Schwester angesehen?

Sie lief davon, und er schnappte nach der Jacke und lief hinterher. „He, warte doch, so habe ich das doch gar nicht geweint. Bitte, Julia, warte.“

Doch sie reagierte nicht, und der Junge stand plötzlich betreten da. War es wirklich das, was er gewollt hatte? Nein, eigentlich nicht. Aber wie sollte er das jetzt wieder gut machen? Er versuchte, die Jacke notdürftig zu reinigen, was jedoch misslang. Mit einem unglücklichen Gesicht beichtete er schließlich zuhause bei seiner Mutter, und Barbara sah, dass es ihm wirklich leid tat. Aber das würde die Sache jetzt auch nicht richten.

„Was hast du dir nur dabei gedacht?“, seufzte sie. „Hat Julia dir etwas getan oder gesagt...“

„Nein.“ Er schüttelte zerknirscht den Kopf.

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BARBARA VERSTAND. DER Druck der Gruppe hatte ihn dazu gebracht, und nun stand er vor einem Dilemma. Nun, dann würde er jetzt in den sauren Apfel beißen müssen, und sich bei Julia entschuldigen. Vielleicht lernte er daraus, bei welchen Gelegenheiten Mut wirklich angebracht war. Denn er würde sicher mehr davon brauchen, um Julia die Hand zu reichen, als seinen Kameraden gegenüber Nein zu sagen.

Und so kaufte Frank von seinem Taschengeld eine Schachtel Süßigkeiten, die Julia besonders gern mochte.

Barbara brachte die Jacke wieder in Ordnung, und dann klingelte der Junge mit klopfendem Herzen an der Tür bei Julia.

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DAS MÄDCHEN HATTE FLORIAN den Zwischenfall zunächst verschweigen wollen, doch sie wirkte bedrückt, und außerdem fiel ihm auf, dass gerade die Jacke, auf die sie so stolz gewesen war, plötzlich fehlte. Also fragte er nach. Julia war überrascht, dass ihr Vater das überhaupt bemerkt hatte, und so erzählte sie ihm stockend den Vorfall.

Auch er dachte sofort an den Druck aus der Clique und hatte sogar ein bisschen Verständnis für den Jungen, aber das würde Julia sicher nicht verstehen, also schwieg er besser darüber.

Details

Seiten
0
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738916201
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
anna martach roman hilfe eltern

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Titel: Anna Martach Roman - Hilfe, unsere Eltern heiraten