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Anna Martach Roman - Jenny und der neue Vater

©2018 120 Seiten
Reihe: Anna Martach Roman, Band 1

Zusammenfassung

Jenny liest für ihr Leben gerne, viele Stunden verbringt sie im Buchladen. Doch diese Stunden sind auch ein nötiger Ruhepol gegenüber den Streitereien von Zuhause. Ihre Eltern können kaum noch normal miteinander reden, es kommt zur Trennung. Kirsten, ihre Mutter, findet sich in einer Notsituation wieder ohne Arbeit und eigene Wohnung, doch dann gibt es einen unerwarteten Hoffnungsschimmer an ihrem Horizont, Björn, den sympathischen Besitzer des Buchladens, in dem Jenny ihre meiste Zeit verbringt.

Leseprobe

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Jenny und der neue Vater

von Anna Martach

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Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2013 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

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WO BEKOMMT MAN EINEN Zauberstab? Das möchte ich auch lernen!“ Die Stimme von Jenny Hillersen klang wehmütig. Das zwölfjährige Mädchen hockte, wie schon oft vorher, auf dem kleinen Hocker am Schmökertisch in der Buchhandlung von Björn König, dem sympathischen Mittdreißiger. Der erfolgreiche Buchhändler hatte eine Vorliebe für Kinder, die hier nach Herzenslust in den Büchern lesen durften – und ganz besonders hatte er Jenny ins Herz geschlossen. Das Mädchen las für sein Leben gern, und sie verstand es auch, die Figuren aus den Büchern in ihren Erzählungen lebendig werden zu lassen.

Björn machte das Spaß, denn er war der Meinung, dass Bücher die besten Freunde sein konnten. Aus diesem Grunde hatte er in seinem Geschäft überhaupt diese Leseecke eingerichtet, jeder hatte so die Möglichkeit, sich Bücher, die er vielleicht kaufen wollte, erst einmal näher anzusehen.

„In den Zauberkästen, die man im Spielwarengeschäft...“

„Ach nee, Herr König, so was meine ich doch nicht“, unterbrach ihn das Mädchen empört. „Ich rede doch nicht von so einem Kinderkram. Das ist doch kein Zaubern. Und außerdem sind das alles nur Tricks, die schummeln doch. Ich will so einen richtigen Zauberstab, mit dem man was tun kann, was...“ Sie brach ab, stocke und drehte dann den Kopf weg.

Die braunen warmen Augen des Mannes richteten sich fragend, aber auch verständnisvoll auf die Kleine. Schon längst hatte er bemerkt, dass Jenny offensichtlich daheim Probleme hatte, sie wirkte oft bedrückt und unglücklich. Und das waren dann die Zeiten, in denen sie hier noch länger saß als sonst und die Bücher fast in Rekordzeit verschlang.

Doch im Grunde ging ihn das nichts an, er bedauerte nur, dass ein so aufgewecktes und meist auch fröhliches Mädchen wie Jenny darunter leiden mussten, dass ihre Eltern Streit hatten miteinander.

„Weißt du“, versuchte Björn sie jetzt zu trösten. „Manchmal hilft es schon, wenn man sich ganz stark etwas wünscht. Dann geht das auch ohne Zauberstab in Erfüllung.“

„Wünschen kann ich mir viel, aber ich weiß sehr wohl, dass ich nicht im Märchen lebe“, erklärte sie altklug. „Aber wenn ich will, kann ich in den Geschichten leben, die ich lese, das kann auch ganz toll sein. Und jetzt muss ich nach Hause, sonst schimpft meine Mutter, wenn ich zu spät komme. Sie glaubt nämlich, ich bin bei einer Freundin.“

Sie packte ihre Tasche und lief nach einem kurzen Gruß davon.

Björn schaute ihr hinterher. So eine Tochter würde er sich auch wünschen, wenn er könnte. Aber bisher hatte es der sympathische Mann noch nicht einmal geschafft, sich die Frau seiner Träume zu suchen, stets war die Arbeit vorgegangen. Er hatte das Geschäft aufbauen müssen, dass sein Vater vor seinem Tod doch sehr vernachlässigt hatte. Und dann hatte ihn die Arbeit auch weiterhin festgehalten. Selbst wenn er ab und zu auf eine Frau traf, die ihn interessierte, so war diese meist gebunden. Und mittlerweile besaß Björn schon drei Geschäfte, die ihn forderten – da musste es schon einen unglaublichen Zufall geben, wenn er praktisch auf den ersten Blick die Richtige treffen sollte.

Aber die Arbeit füllte ihn aus, und er war nicht unglücklich dabei. Nur in solchen Momenten wie diesen, da er bei Jenny fühlte, wie unglücklich sie war, dann erfasste auch ihn die Sehnsucht nach einer Familie, einer Frau, die Wärme und Liebe geben konnte, und ein oder zwei Kindern, deren Lachen durch das Haus klang, in dem er jetzt meist allein war, abgesehen von der Hauswirtschafterin.

Björn seufzte, und im nächsten Moment forderten wieder die Kunden und Angestellten seine Aufmerksamkeit, der Augenblick der Sehnsucht verging so schnell, wie er gekommen war.

*

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JENNY GING MIT LANGSAMEN Schritten durch den Vorgarten. Schon von hier draußen hörte sie die Stimmen ihrer Eltern, die sich wieder miteinander stritten. Das heißt, Streit konnte man das eigentlich kaum nennen; Alexander Hillersen, Jennys Vater, beschuldigte wieder einmal lautstark seine Frau, sich mit anderen Männern abzugeben, und Kirsten, Julias Mutter, schwieg – auch wie fast immer. Es hätte auch wenig Sinn gemacht zu antworten. Wenn Alexander in dieser Stimmung war, hörte er nicht zu, wollte er nicht zuhören. Soviel hatte das Mädchen jetzt schon begriffen. Nur, warum ihr Vater immer wieder mit solchen Anschuldigen ankam, verstand sie nicht. Denn ihre Mutter war vermutlich die letzte, die einen anderen Mann anschaute, mochte er auch noch so attraktiv sein, sie war ihrem Ehemann treu. Nur hatte ihr Vater sich derart in seine Eifersucht gesteigert, dass er vernünftigen Argumenten nicht mehr zugänglich war.

Heute war jedoch alles ein bisschen anders, wie das Mädchen gleich darauf feststellte, als es das Haus betrat.

„Es reicht jetzt, Alex“, sagte Kirsten plötzlich bestimmt, und Jenny stand mucksmäuschenstill da und spitzte die Ohren.

Ihr Vater hielt plötzlich verblüfft inne, denn Widerspruch war er von seiner Frau gar nicht gewohnt.

„Ich bin deine ewigen grundlosen Verdächtigungen leid. Ich kann ja nicht einmal mehr einkaufen gehen, ohne dass du mir nachspionierst und behauptest, ich hätte mit dem Mann an der Kasse geflirtet. Wir waren einmal glücklich, Alex, aber du bist dabei alles zu zerstören. Ich kann nicht mehr, ich bin deine Eifersucht leid, und ich kann und werde nicht zulassen, dass du Jenny immer wieder mit hineinziehst in diesen Argwohn.“

Für einen Augenblick herrschte Stille, dann war der Stimme des Mannes Verblüffung anzuhören. „Aber ich liebe dich doch, Kirsten. Glaube mir, ich will uns das Leben nicht schwer machen, aber ich könnte es nicht ertragen, dich zu verlieren.“

„Du hast eine sehr seltsame Art, deine Liebe zu zeigen, denn du benimmst dich eher wie ein Gefängniswärter. Und weil ich so nicht weiterleben kann, halte ich es für das Beste, wenn wir uns eine Weile trennen.“

„Was soll das heißen?“, fragte er fassungslos.

„Jenny und ich werden einige Zeit ausziehen“, verkündete Kirsten jetzt, und Jenny gab es einen Stich ins Herz, dann aber nickte das Mädchen. Vielleicht gab es dann keinen Streit mehr, so hoffte sie.

„Das heißt konkret, dass Jenny und ich zu meiner Mutter ziehen, zunächst einmal. Du kannst dann in Ruhe darüber nachdenken, was du hier falsch machst. Alex, wir haben uns einmal geliebt, und wir waren glücklich miteinander. Du hast jetzt eine allerletzte Chance, das alles wieder in Ordnung zu bringen. So will ich nicht mehr mit dir leben.“

„Das kannst du nicht tun!“, brüllte Jennys Vater jetzt. „Du kannst mich nicht einfach verlassen.“

Ein Schrei von Kirsten ertönte, und jetzt hielt es Jenny nicht mehr in ihrem Versteck. Sie sprang hervor und sah mit angstvoll geweiteten Augen, dass ihr Vater ihre Mutter an den Armen gefasst und gegen die Wand gestoßen hatte.

Jenny begann zu weinen. „Papa, was tust du mit Mama? Wenn ihr euch nicht mehr lieb habt, dann hat Mama recht, dann gehen wir lieber zu Oma. Aber tu ihr nicht weh, bitte!“

Abrupt ließ Alexander seine Frau los, schaute verwirrt auf seine Tochter, und blickte dann voller Abscheu seine Hände an. „Ich – es tut mir leid – ich wollte nicht – nein, Jenny, ich will deiner Mama nicht wehtun. Ich habe sie doch lieb. Aber...“ Er wandte sich ab und verließ mit schweren Schritten das Haus.

Kirsten zog ihre Tochter in die Arme und barg den Kopf an der Brust, dabei selbst krampfhaft die Tränen unterdrückend.

Schließlich hob Jenny den Kopf und schaute ihre Mutter groß an. „Wenn wir jetzt zu Oma gehen, kann ich ein paar meiner Bücher mitnehmen?“

Kirsten seufzte. Ihre Tochter hatte scheinbar die Tragweite dieses Entschlusses noch nicht begriffen.

*

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ICH HABE DOCH GEAHNT, dass ich dich hier finde“, stellte Kirsten etwas besorgt, aber doch liebevoll fest.

Jenny blickte erstaunt von ihrem Buch auf, das sie fasziniert gelesen hatte. Sie war so in die Geschichte vertieft, dass sie nicht bemerkt hatte, dass ihre Mutter gekommen war – und sie hatte völlig die Zeit vergessen. Eigentlich hätte sie längst zuhause sein müssen. Schuldbewusst blickte sie ihre Mutter an.

„Hab ich ganz vergessen, ehrlich, tut mir leid, Mama, soll nicht wieder vorkommen.“

Kirsten grinste unwillkürlich. „Ja, und vermutlich hält dein Versprechen bis zum nächsten spannenden Buch. Aber ich bin doch überrascht, wie nett es hier ist. Und wenn du hier lesen kannst, ohne dass du die Bücher gleich kaufen musst, kann ich verstehen, dass du dich hier nur schwer trennen kannst. Allerdings frage ich mich, ob der Buchhändler sich damit sein Geschäft nicht selbst kaputt macht.“

„Herr König ist sehr nett“, kommentierte Jenny, die ihre Mutter nicht ganz verstand.

„Das bezweifle ich auch gar nicht, mein Schatz. Aber er lebt doch davon, dass er Bücher verkauft, nicht sie hier kostenlos zur Verfügung stellt.“

„Aber gerade das fördert das Geschäft“, klang in diesem Augenblick eine warme, sympathische Stimme auf, und Kirsten drehte sich überrascht um.

Hinter ihr stand Björn, der ihre Worte gehört hatte und jetzt lächelnd seinen Kommentar dazu abgab.

„Ich bin Björn König, und Sie sind Jennys Mutter? Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“ Er streckte die Hand aus und strahlte Kirsten an.

Sie war erstaunt, so hatte sie sich diesen Mann nach den Erzählungen ihrer Tochter nicht vorgestellt. Er war hochgewachsen und schlank, hatte braune, etwas lockige Haare und ein unglaublich sympathisches Lächeln.

Sie ergriff verlegen die Hand und musste ihrerseits ebenfalls eine Musterung über sich ergehen lassen, die allerdings nur Sekundenbruchteile zu dauern schien. Und was Björn sah, gefiel ihm ausnehmend gut. Kirsten war eine schlanke Frau von zweiunddreißig Jahren, vielleicht einen halben Kopf nur kleiner als er. Aschblondes Haar trug sie in einer gut geschnittenen Frisur, und ihr schmales Gesicht besaß grüne Augen und einen leuchtend roten Mund. Sie war eine attraktive Erscheinung, und er bedauerte wieder einmal, dass die besten Frauen augenscheinlich immer schon vergeben waren.

„Verzeihen Sie, ich wollte Sie natürlich nicht kritisieren. Und – ja, ich bin Kirsten Hillersen, Jennys Mutter. Schön, dass ich auch Sie einmal kennenlerne.“

Zwischen beiden Erwachsenen bildete sich eine Verlegenheit, die Jenny sehr wohl spürte, aber nicht recht einzuordnen wusste. Mochten die sich nun, oder war das gegenseitige Abneigung?

Plötzlich aber lächelte Björn die Frau an. „Ich habe Ihre Worte nicht als Kritik empfunden, ganz im Gegenteil. Ich freue mich, wenn ich jemanden so verblüffen kann. Und glauben Sie mir, Frau Hillersen, es rechnet sich. Nicht viele Leute nehmen sich die Zeit ein Buch im Ganzen hier zu lesen. Doch sie haben häufig Appetit darauf bekommen, also wird das Buch gekauft. Oder die Kunden merken, dass es ihrem Geschmack nicht entspricht, das bewahrt sie dann vor einem Fehlkauf. Und ich persönlich schätze es sehr, zufriedene Kunden zu haben.“

„So habe ich das noch gar nicht gesehen“, gestand Julia, die aufmerksam zugehört hatte. „Aber dann gibt es ja auch noch meine Tochter zum Beispiel, die zwar fast ihr gesamtes Taschengeld für Bücher ausgibt, wie ich sehr wohl weiß, aber dennoch viel Zeit hier verbringt, um Ihre Freundlichkeit auszunutzen.“

„Aber nein“, lachte er belustigt auf. „Kommen Sie, setzen wir uns erst einmal und trinken einen Kaffee, den biete ich nämlich auch an. Und ich empfinde mich nicht als ausgenutzt, wenn eine so lesehungrige junge Dame wie Jenny hier viel Zeit verbringt, um all das in ihren kleinen Kopf hineinzustopfen, was ihr vielleicht noch gar nicht verständlich ist. Ich freue mich ganz einfach darüber und unterhalte mich auch mit ihr über das Gelesene.“

„Sie sind ein seltsamer Mann“, stellte Kirsten überrascht fest. „Aber ich glaube, jetzt verstehe ich immer mehr, Jennys Vorliebe für Ihr Geschäft.“

Kirsten nahm eine Tasse mit einem köstlich duftenden Kaffee entgegen und übersah das Grinsen im Gesicht ihrer Tochter, die sich auch gleich darauf wieder hinter ihrem Buch verstecke, das sie eifrig las. Natürlich hielt das Mädchen auch weiterhin die Ohren gespitzt, doch darüber sah ihre Mutter großzügig hinweg.

Kirsten genoss im Augenblick ganz einfach die Tatsache ein Gespräch mit jemandem zu führen, der einfach nur nett war, außerdem klug und intelligent schien – und zusätzlich ungeheuer sympathisch.

Die beiden waren plötzlich so in ihr Gespräch vertieft, dass auch Kirsten nicht mehr auf die Zeit achtete, bis ihr Blick plötzlich auf eine Uhr fiel und sie erschreckt aufseufzte. „Ach herrjeh, jetzt habe ich aber genug von Ihrer kostbaren Zeit gestohlen. Und meine Mutter wird bereits ungeduldig warten mit dem Abendessen. Ich danke Ihnen sehr, Herr König, Sie haben mein schlechtes Gewissen doch etwas beruhigt. Ich hatte mir wirklich Gedanken darüber gemacht, dass Jenny Ihnen auf die Nerven gehen könnte.“

„Ganz im Gegenteil, sie ist herzlich willkommen, jederzeit. Und Sie auch“, setzte er hinzu, und Kirsten lief plötzlich ein Schauder über den Rücken. Wann hatte sie zum letzten mal empfunden, dass jemand ihr das Gefühl gab wichtig und willkommen zu sein? Bei ihrem Mann Alexander war das schon lange nicht mehr so gewesen. Seine ständigen Anfälle von Eifersucht hatten mittlerweile jedes Gefühl von Zuneigung in ihr absterben lassen.

Aber in diesem Augenblick fühlte sie sich wieder als Frau – als begehrenswerte Frau. Und Kirsten fand, es war ein prickelndes, sehr erregendes Gefühl. Und dennoch hatte sie ein schlechtes Gewissen und große Verlegenheit, als sie sich jetzt verabschiedete.

Björn starrte ihr hinterher, Sehnsucht im Blick. Warum mussten die besten aller Frauen immer schon vergeben sein?

*

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JENNY WAR IN LETZTER Zeit auffallend bedrückt, das war für Björn in den letzten Tagen nicht mehr zu übersehen gewesen. Doch es war nicht seine Art, sich in die Probleme anderer Leute einzumischen. Aber das Mädchen erweckte Mitleid in ihm. Und als sie still und blass in eine Ecke gekuschelt dasaß, konnte er einfach nicht mehr darüber hinweggehen. Er setzte sich neben sie, und Jenny schaute kaum auf, obwohl sie unendlich froh darüber war, dass er neben ihr saß. Aber sie wusste nicht sofort die rechten Worte zu finden, um ihrem großen Freund zu erzählen, was sie bedrückte.

„Weißt du, Jenny, als ich so alt war wie du, da starb mein Großvater. Er war mir immer ein guter Freund, und es traf mich tief, dass er von einem Tag auf den anderen nicht mehr da war. Aber ich hatte einen guten Freund, mit dem ich darüber reden konnte. Und das hat mir sehr geholfen.“

„Ja“, sagte sie leise. „Ein guter Freund ist jemand, mit dem man über alles reden kann. Und auch jemand, der manchmal eine Antwort gibt. Ich habe mit allen meinen Freunden aus den Büchern geredet, aber keiner davon konnte mir antworten.“

„Aber sie leben in deiner Phantasie.“

„Natürlich“, erklärte sie bestimmt. „Aber ich weiß auch, dass das kein richtiges Leben ist, und dass man immer noch jemanden braucht, der wirklich ist. Wissen Sie, Herr König, das alles ist gar nicht so einfach, denn ich bin ja noch ein Kind und kann die Erwachsenen gar nicht immer verstehen.“

„Und was verstehst du nicht?“, forschte er sanft. „Wenn ich dir helfen kann, will ich das gerne tun.“

Jetzt ließ Jenny das Buch sinken und schaute ihn offen an. „Das ist so – Mama und Papa vertragen sich nicht mehr. Und deswegen sind Mama und ich zu Oma gezogen. Ich mag meine Oma eigentlich, aber sie ist manchmal sehr anstrengend, weil sie gar nicht immer versteht, was ich gerade sage oder denke. Und dann redet sie dauernd auf Mama ein, dass sie doch einen Fehler macht und wir besser nach Hause gehen sollten. Männer wären nun einmal so. –Wie sind Männer denn so?“, erkundigte sie sich jetzt mit großen Augen.

Unwillkürlich musste Björn auflachen. „Das ist eine schwierige Frage, Jenny. Und ich bin mir gar nicht sicher, ob deine Oma so recht hat mit ihrer Behauptung, denn ich glaube, dass Männer verschieden sind, ebenso wie Frauen oder auch Kinder wie du.“

„Aber Papa hat immer mit Mama geschimpft, und er ist schrecklich eifersüchtig – dabei weiß ich nicht mal, auf wen. Und Mama hat viel geweint, aber meistens nichts gesagt. Und jetzt will sie von Papa nichts mehr wissen. Ist er vielleicht eifersüchtig auf mich?“

Diese in aller Unschuld vorgebrachte Frage stürzte Björn ein wenig in Verlegenheit. Doch er spürte die Angst, die hinter diesen Worten lauerte.

„Nein, ich glaube ganz bestimmt nicht, dass dein Vater auf dich eifersüchtig ist. Warum denn auch? Du bist doch ebenso seine Tochter wie die deiner Mutter. Aber was einen Vater nun überhaupt dazu bringt, das weiß ich nicht.“

„Na, vielleicht sollte ich ihn dann mal fragen“, überlegte Jenny. „Aber mal ganz ehrlich, ich möchte nicht mehr gerne bei Oma bleiben. Dauernd redet sie davon, dass die Mädchen zu ihrer Zeit sich ganz anders benommen haben. Und überhaupt, ihrer Meinung nach habe ich zu wenig Freunde, und ich lese zuviel, und ziehe mich zu sehr zurück – sie ist mit nichts zufrieden, was ich tu.“

Björn lachte die Kleine aufmunternd an. „Wichtig ist aber doch, wie deine Mutter darüber denkt, oder nicht?“

Jenny nickte. „Mama hat nichts dagegen, dass ich viel lese. Und eine Freundin habe ich doch auch, wir gehen mal ins Kino oder schwimmen. Aber sie ist ja auch noch ein Kind, so wie ich. Und manchmal braucht man eben jemanden, mit dem man anders reden kann. So wie wir jetzt“, setzte sie altklug hinzu.

Björn strich ihr sanft über die Wange. „Ich bin sicher, dass sich früher oder später alles wieder einrenken wird“, sagte er etwas lahm, weil ihm keine rechten Trostworte einfallen wollten.

Aber Jenny schüttelte jetzt wild den Kopf. „Wenn Papa immer weiter so – so komisch ist, und wir weiter bei Oma bleiben müssen, dann kann gar nichts gut werden. Dann lacht Mama gar nicht mehr mit mir, und dann macht auch alles keinen Spaß mehr.“

Irgendwo in Björn meldete sich in diesem Augenblick eine kleine, hartnäckige Stimme, die hoffnungsfroh verkündete, dass er hier doch eine einmalige Chance hätte, vorsichtig und behutsam um Kirsten zu werben. Doch er verscheuchte die Hoffnung gleich wieder. Schließlich war es gut möglich, dass die Frau zu ihrem Mann zurückkehrte, schon um des Kindes willen.

Aber Jenny machte ganz und gar nicht den Eindruck, als würde sie sehr an ihrem Vater hängen. Eine Idee drängte sich in seine Gedanken, aber noch schob er sie beiseite.

„Ich würde es schön finden, wenn deine Mutter mal wieder käme“, sagte er dann, und Jenny nickte zufrieden. „Ja, ich auch, sie war richtig fröhlich, als sie hier gewesen ist.“

Das Mädchen wirkte plötzlich viel ruhiger, und Björn fragte sich, was er gerade gesagt oder getan hatte, um dem Kind neuen Mut zu geben.

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KIRSTEN WAR AUF DER Suche nach einer Wohnung. Auf Dauer wollte sie ihrer Mutter nicht zur Last fallen, und sie spürte auch die unterschwelligen Spannungen zwischen ihrer Tochter und ihrer Mutter. Dazu kam, dass sie die Rede der alten Dame nun wirklich selbst nicht mehr hören konnte, dass sie sich mit Alex versöhnen und nachgeben sollte. Das wollte sie nicht, viel zu lange hatte sie geschwiegen und zugelassen, dass ihr Mann sich immer mehr in seine Eifersucht hineinsteigerte. Jetzt endlich wollte sie ihr eigenes Leben führen, nicht mehr abhängig sein von der Güte und den Launen ihres Mannes, und auch ihrer Tochter endlich eine mehr unbeschwerte Kindheit ermöglichen. Kirsten hatte längst bemerkt, wie sehr Jenny darunter litt, dass Ihr Vater sich so verändert hatte.

Dabei hatte alles so schön angefangen.

Sie und Alex hatten sich während des Studiums kennengelernt. Alex studierte Architektur, und seine Entwürfe waren schon in den Anfangsphasen für kühn und außergewöhnlich gehalten worden. Man sagte ihm eine große Zukunft voraus. Kirsten hingegen hatte Deutsch und Philosophie studiert und überlegt Lehrerin zu werden. Doch dann war alles ganz anders gekommen. Obwohl es nicht so geplant war, wurde sie schwanger, und Alex fragte sie stolz und glücklich, ob sie seine Frau werden wollte. Kirsten hatte gezögert. Für eine Familie würde sie ihr Studium aufgeben müssen, denn Alex bestand darauf, dass das Kind seine Mutter brauchte. Eigentlich hätte es ihr damals schon auffallen müssen, mit welcher Bestimmtheit Alexander ihr Leben plante, und wie er sie systematisch von allem isolierte, selbst von ihren Freunden. Aber sie war dumm genug gewesen, zu glauben, dass die Liebe solche Schranken überwinden konnte.

Im Laufe der Jahre hatte sich dann aber gezeigt, dass die Eifersucht bei Alex krankhafte Züge annahm. Das ging so weit, dass Kirsten Rechenschaft über jede Minute des Tages ablegen sollte. Und kam es wirklich vor, dass sie gemeinsam Essen gingen oder zu einer Veranstaltung, dann kamen anschließend unweigerlich Vorwürfe, sie hätte mit anderen Männern geflirtet, was völlig absurd war.

Alex war mittlerweile in seinem Beruf sehr erfolgreich, seine Entwürfe waren gefragt und begehrt, doch in seinem Innern war er krank vor Eifersucht, dass jemand ihm etwas nehmen könnte, das er für sich beanspruchte. Doch kein Mensch gehörte einem anderen, und so hatte Kirsten vorsichtig angefangen, die Fesseln ihres Mannes zu lösen. Sie hatte Freunde gesucht und gefunden, war ausgegangen und hatte das Leben neu entdeckt.

Aber Alex hatte das auf Dauer nicht zugelassen. Systematisch war er daran gegangen die zarten Bande, die seine Frau zu anderen Menschen geknüpft hatte, wieder zerstören. Und schließlich war es zuviel gewesen. Kirsten hatte es nicht mehr ausgehalten, so konnte sie nicht leben, und so wollte sie auch ihrer Tochter kein Leben bieten. Also war die logische Konsequenz gewesen zu gehen, eine Tatsache, die ihre Mutter gar nicht verstehen konnte. Schließlich hatte sie doch ein gutes Leben geführt, hatte nicht um jeden Pfennig kämpfen müssen und brauchte sich nur um ihre Tochter zu kümmern, die im Übrigen viel zu verwöhnt war.

Auch das konnte Kirsten nicht mehr hören, ihre Mutter verstand das einfach nicht. Nein, es musste eine eigene Wohnung her und eine Arbeit für halbe Tage, um nicht von Alex abhängig zu sein, der sich ohnehin weigerte Unterhalt zu zahlen.

Aber das war nicht so einfach. Mit einem abgebrochenen Studium und zwölf Jahren Hausfrauendasein hatte sie nicht viel vorzuweisen. Sie bemühte sich, diese Sorgen vor Jenny geheim zu halten, aber das Mädchen war viel zu klug und aufgeweckt, um nicht zu merken, wie sehr ihre Mutter unter Druck stand.

Doch jetzt freute sich Kirsten ein wenig. Sie wollte Jenny in der Buchhandlung abholen, und insgeheim hoffte sie, erneut mit Björn König zusammenzutreffen. Der Mann hatte sie mit seiner ruhigen sympathischen Art beeindruckt, und Jenny mochte ihn sowieso, aus welchen Gründen auch immer.

Das Mädchen hockte wieder in der Leseecke, vertieft in ein Buch. Und noch bevor Kirsten sich neben ihre Tochter setzen konnte, wurde sie von Björn empfangen, der ihr mit einem strahlenden Lächeln entgegenkam.

„Wie schön, Sie wiederzusehen“, sagte er mit warmer Stimme, und ein angenehmer Schauder lief Kirsten über den Rücken.

„Ich bin eigentlich nur gekommen, um wieder einmal meine Tochter bei Ihnen abzuholen“, erklärte Kirsten ausweichend und nicht ganz wahrheitsgemäß.

„Dann nehmen Sie sich doch ein paar Minuten Zeit, um sie mir zu schenken“, bat er, und die junge Frau konnte gar nicht anders.

Björn hatte eine abgetrennte Ecke im Geschäft, wo sich sein Schreibtisch befand. Von hier aus besaß er einen guten Überblick, ohne dass jedermann gleich neugierige Blicke auf ihn werfen konnte. Hierher führte er Kirsten, und sie blieb vor Verblüffung stehen. Der Schreibtisch war leer geräumt, und es war eine kleine, aber feine Kaffee Tafel für zwei gedeckt.

Er grinste sie an wie ein Lausejunge. „Jenny hat mir erzählt, dass Sie sich hier treffen wollten, und da dachte ich – ich meine – eine Tasse Kaffee...“ Er brach aber, jetzt hatte er sich plötzlich hoffnungslos verhaspelt. Was sollte sie nun von ihm denken?

Aber Kirsten rettete instinktiv die Situation. „Eigentlich habe ich nicht damit gerechnet, heute noch so verwöhnt zu werden. Aber da Sie sich soviel Mühe gemacht haben, kann ich da nicht widerstehen.“ Ohne Umschweife setzte sie sich auf einem Stuhl und begann zu schnuppern. „Das duftet ja wunderbar. Sie müssen eine gute Bäckerei in der Nähe haben, die solche Köstlichkeiten herstellt.“

Der lockere Ton von Kirsten half Björn, sich aus seiner Verlegenheit zu lösen. „Schön, wenn es Ihnen gefällt. Ich selbst nasche für mein Leben gern, und so muss immer etwas Leckeres in der Nähe sein. Greifen Sie zu!“

Kirsten war begeistert, diese kleinen Törtchen, die hier standen, entsprachen voll und ganz ihrem Geschmack, und mit leuchtenden Augen und vollem Mund strahlte sie Björn an, der es ebenso hielt. Dann aber lehnte er sich zurück und musterte die attraktive Frau vor sich.

„Ich möchte nicht, dass es in Ihren Augen aufdringlich aussieht oder gar so, als wollte ich mich in Ihre Angelegenheiten mischen – aber Jenny hat mir erzählt, dass Sie und Ihr Mann sich getrennt haben.“

Kirsten lehnte sich ebenfalls zurück. Falls sie verärgert darüber war, dass Jenny ihre Probleme vor diesem Mann ausgebreitet hatte, so zeigte sie es nicht.

„Und?“ Das klang nicht einmal spöttisch.

„Ich habe mich gefragt, welche Pläne Sie für die Zukunft haben, und ob ich Ihnen vielleicht helfen kann?“

„Sind Sie zu allen Ihren Kunden so menschenfreundlich?“

Unwillkürlich überflog eine leichte Röte das Gesicht des Mannes, und Kirsten wunderte sich, dass er dadurch er noch sympathischer wurde.

„Nein, eigentlich nicht. Es ist nur so, dass Jenny in mir einem Freund sieht, was mich sehr ehrt. Und Freunde sollten einander helfen.“

„Eine lobenswerte Eigenschaft“, stellte Kirsten jetzt doch mit leichtem Spott fest, hatte dann aber Angst, den Mann mit diesen unbedachten Worten verletzt zu haben. Rasch legte sie ihm eine Hand auf den Arm.

„Ich wollte Sie nicht beleidigen, Björn. Es kommt nur – etwas überraschend für mich, dass jemand, der mich bis vor kurzem gar nicht kannte...“

„Anteil nimmt an Ihrem Schicksal?“, fragte er weich. Sie nickte. „Ich habe Jenny lieb gewonnen. Sie ist ein reizendes Mädchen. Und da sie mich als einen Freund akzeptiert, hoffe ich, dass Ihnen meine Hilfe nicht allzu aufdringlich erscheint.“

Jetzt lächelte Kirsten offen und herzlich. „Nein, ganz und da nicht. Ich wäre auch bereit Hilfe anzunehmen. Sie haben nicht rein zufällig eine Arbeit und eine Wohnung für uns?“

„Rein zufällig, Kirsten“, grinste er, „könnte ich noch jemanden hier im Geschäft brauchen. Natürlich nur, wenn Sie Lust dazu haben. Ich weiß, dass diese Arbeit nicht sehr anspruchsvoll und manchmal sogar schwierig ist, aber...“

„Das meinen Sie ernst?“, unterbrach sie ihn. „Sie bieten mir wirklich...?“ Kirsten schluckte und schaute ungläubig drein, doch er nickte.

„Wenn Sie einverstanden sind, nehme ich Sie gern.“

„Aber Sie kennen mich doch gar nicht, haben keine Zeugnisse von mir gesehen, oder was auch immer.“

„Mir reicht, was ich sehe. Bei den meisten meiner Angestellten habe ich so entschieden, und bisher bin ich gut damit gefahren.“

„Dann nehme ich das Angebot an“, sagte sie spontan, ohne noch lange zu überlegen.

„Dann wäre dieser Punkt ja schon einmal geklärt. Wann möchten Sie anfangen? Wäre Montag recht?“

Kirsten strahlte. Dass sich wenigstens eines ihrer Probleme so rasch auflösen würde, hätte sie nicht gedacht. Und das verdankte sie nur Jennys Leidenschaft für das Lesen und ihrer Freundschaft zu diesem ungewöhnlichen Mann.

„Wie soll es bei Ihnen denn jetzt weitergehen?“, erkundigte sich Björn, ohne dass seine Frage neugierig klang.

Kirsten zuckte ein wenig die Schultern. „Ich weiß es noch nicht genau. Ich weiß nur, dass ich nicht zu meinem Mann zurück will. Also werde ich wohl die Scheidung einreichen, ob ihm das nun passt oder nicht. Ich sehe jedenfalls keinen Sinn mehr in dieser Ehe.“ Es kam Kirsten gar nicht merkwürdig vor, mit diesem Mann über das zu reden, was sie tief im Innern so unendlich schmerzte. Sie schenkte ihm Vertrauen, ohne zu wissen, warum das so war.

„Brauchen Sie einen guten Anwalt, oder haben Sie schon jemanden?“

„Nein, ich – ich habe noch niemanden.“ Sie seufzte.

Björn schrieb eine Adresse auf einen Zettel. „Dieser Mann wird Ihnen weiter helfen. Er verlangt auch nicht sofort einen riesigen Vorschuss.“

„Wie soll ich Ihnen nur danken?“

„Ein Lächeln von Jenny ist mir Dank genug.“

*

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DIE FOLGENDEN WOCHEN empfand besonders Jenny als einfach herrlich. Kirsten gewöhnte sich rasch an ihre neue Arbeit, hatte viel Freude daran und verstand sich immer besser mit Björn. Sie wurde seelisch ausgeglichener und ging über das Nörgeln ihrer Mutter mit einem Lächeln hinweg. Und endlich lachte sie auch wieder mit ihrer Tochter. Das einzige, was Kirsten ernste Sorgen bereitete, war Alexander.

Sie hatte über den empfohlenen Anwalt die Scheidungsklage eingereicht, und schon am Tag nach der Zustellung hatte Alex ihr am Haus ihrer Mutter aufgelauert.

„Was soll das heißen?“, fragte er wütend und schwenkte das Schreiben. „Das kann dein Ernst nicht sein, Kirsten. Eine Scheidung kommt auf gar keinen Fall in Frage. Im Übrigen hast du jetzt wirklich ausreichend im Schmollwinkel gesessen. Pack deine Sachen, und komm wieder nach Hause.“

Kirsten starrte ihren Mann an, als wäre er ein Fremder, voller Verachtung und Abneigung. „Dieser Brief dürfte doch klar sein, oder? Ich will die Scheidung, Alex. Und wenn ich das Trennungsjahr in einer anderen Stadt verbringen muss, um vor dir sicher zu sein, werde ich schweren Herzens auch das tun. Ich werde nicht mehr zurückkommen. Es ist vorbei. Und nun geh, bitte!“

Stattdessen griff Alexander nach dem Handgelenk von Kirsten und zog sie dicht an sich heran. „Du bist meine Frau, Kirsten, das scheinst du zu vergessen. Du kannst nicht einfach gehen.“

Mit einer raschen Drehung befreite sich die Frau aus seinem Griff. „Ich gehöre niemandem, das musst du endlich begreifen. Und du kannst nichts behalten, was dir nicht gehört.“

Plötzlich verlegte sich Alexander aufs Bitten. „Oh, Kirsten, bitte. Ich habe doch nun genug gebüßt. Du hast mir gezeigt, was ich falsch gemacht habe. Aber nun nimm endlich wieder Vernunft an. Komm nach Hause, und wir vergessen das Ganze. Ich verspreche dir, dass ich darüber kein Wort mehr verlieren werde.“

„Ach ja? Bis zum nächsten Anfall von Eifersucht, ja? Nein, danke, ich bleibe dabei. Ich will die Scheidung. Und damit du nicht denkst, ich wollte dich ausnutzen, habe ich mir auch schon eine Arbeit gesucht. Die Zahlung von Unterhalt kann dann das Gericht regeln. Und so findet sich für den Augenblick alles zum Besten.“

In diesem Moment schien unendliche Wut in seinen Augen aufzuflammen. „Du hast was?“, brüllte er. „Eine Arbeit? Meine Frau hat es nicht nötig zu arbeiten. Was ist das für ein Unsinn? Ich habe jetzt wirklich genug von deinem Eigensinn. Du wirst nicht zu irgendeiner Arbeit gehen, und du wirst auf der Stelle mit nach Hause kommen!“ Er wollte wieder nach ihr greifen, doch dieses Mal wich sie ihm aus.

„Fass mich nie wieder an, Alexander Hillersen!“, sagte sie leise aber deutlich. „Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben – nie wieder!“

„Kirsten? Kirsten, das kannst du nicht tun! Ich liebe dich doch! Du kannst mich nicht einfach verlassen und die Scheidung einreichen. Das lasse ich nicht zu! Ich liebe dich, und du musst wieder zu mir zurückkommen.“

„Du weißt doch gar nicht, was Liebe ist!“, schleuderte sie ihm entgegen. „Du kennst nur dich und das, was du besitzt. Das nennst du Liebe. Aber du hast den Sinn dieses Wortes nie begriffen. Und jetzt geh mir aus den Augen!“ Sie wandte sich ab und ließ ihn stehen, doch noch gab Alexander nicht auf. Er lief aufgeregt hinter ihr her. Aber in diesem Augenblick drehte Kirsten sich um und schaute ihn an.

Alex erstarrte in der Bewegung. So hatte ihn seine Frau noch nie angesehen – angeekelt, angewidert, so als betrachte sie ein unangenehmes Insekt.

Er ließ die erhobenen Hände fallen. Mit hängenden Schultern sah er ihr nach, wie sie im Haus verschwand. Diesen Schock musste er erst einmal verdauen, aber Alexander Hillersen war nicht der Mann, der so schnell aufgab. Auch er beauftragte einen Anwalt mit der Wahrnehmung seiner Interessen, doch er war entschlossen, weiter um seine Frau zu kämpfen. Dass er dabei nicht an seine Tochter dachte, kam ihm erst einmal nicht zu Bewusstsein.

Er begann seine Arbeit zu vernachlässigten und stattdessen seine Frau zu beschatten. Und so bekam er natürlich schnell heraus, dass sie jetzt in der Buchhandlung arbeitete. Außerdem sah er, wie freundschaftlich, ja schon fast vertraut, Kirsten und Björn miteinander umgingen. Rote Schleier der Wut und der Eifersucht wallten vor seinen Augen, doch er musste sich beherrschen. Wenn er Kirsten zurückerobern wollte, durfte er sich nicht wieder von seinen Gefühlen überwältigen lassen.

Natürlich sah Alexander auch, dass Jenny ein entspanntes Verhältnis zu Björn König hatte, mit ihm scherzte und lachte, wie sie es mit ihm, ihrem Vater, eigentlich nie getan hatte. Er kam nicht auf die Idee, dass es an ihm selbst gelegen haben könnte, er suchte einen Schuldigen – und er fand Björn.

Einige Tage ging das so, dass Alexander hinter seiner Frau herlief und sie lange Zeit durch das Schaufenster beobachtete, unbemerkt.

Nicht unbemerkt genug, wie er dann feststellen musste. Als er sich wieder einmal die Nase an der Scheibe plattdrückte, legte sich von hinten eine Hand auf seine Schulter, und als er sich erschreckt umwandte, sah er sich einem Polizisten gegenüber.

„Spionieren Sie aus, wie Sie am besten einbrechen können?“, kam die ironische, aber durchaus ernst gemeinte Frage. „Dann stellen Sie das allerdings ziemlich dumm an. Ich beobachten Sie jetzt schon einige Tage. Haben Sie vielleicht eine plausible Erklärung für Ihr Tun?“

Alex spürte, wie er rot wurde, und in seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Verzweifelt suchte er nach Worten, um sein ungewöhnliches und auffälliges Verhalten zu erklären. Da nahte Hilfe von einer Seite, mit der er nicht gerechnet hatte; Jenny stand plötzlich da.

„Was machen Sie da mit meinem Papa?“, fragte sie den Beamten mutig.

„Ist das wirklich dein Vater?“, erkundigte sich der misstrauisch.

„Aber ja. Er hat bestimmt auf mich gewartet, wir treffen uns immer hier“, behauptete sie keck.

„Na gut, wenn das stimmt...“ Der Polizist ließ sich trotzdem die Papiere von Alexander zeigen, der dann erleichtert Jenny bei der Hand nahm und mit ihr in die nächste Eisdiele ging.

„Was hast du da gemacht?“, fragte Jenny jetzt sehr vernünftig. Sie musterte ihren Vater, der noch immer verlegen wirkte.

„Ich – ich weiß nicht genau“, gestand er.

Jenny wusste nichts von dem Streit zwischen den beiden Eltern auf offener Straße, den Alexander herauf beschworen hatte, Kirsten hatte kein Wort in Gegenwart ihrer Tochter darüber verloren. Aber das Mädchen war klug für sein Alter, und das, was sie in der letzten Zeit erlebt hatte, war dazu angetan, sie über ihre Jahre hinaus reifen zu lassen.

„Du hast Mama beobachtet, ja?“, forschte sie hartnäckig.

Alexander nickte, er schien fast ein wenig reumütig. „Jenny, mein Schatz, ich will doch nur, dass alles wieder gut wird, dass alles wieder so wird wie früher. Wir sind doch eine Familie.“

„Sind wir das noch, Papa?“

Diese Worte gaben ihm einen Stich ins Herz. „Ja, ich denke schon. So etwas wirft man nicht einfach davon. Und immerhin hast du mich gerade vor der Polizei gerettet. Ich bin stolz auf dich, du bist mutig.“

„Nein, ich glaube nicht. Und jetzt muss ich gehen, Mama wartet. Außerdem finde ich es nicht gut oder richtig, wenn du Mama beobachtest. Lass uns lieber in Ruhe.“ Sie stand auf und ging davon. Auch seiner Tochter starrte Alexander hinterher.

Was war mit seiner Familie geschehen?

*

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KIRSTEN, IST DIE BESTELLUNG für die Kundin Wissmann schon gekommen?“, fragte Björn und lächelte die junge Frau an. Sie erwiderte das Lächeln und wandte sich der Kundin zu, die sich über diese prompte Bedienung freute. Nachdem sie hoch zufrieden gegangen war, hielt Björn Kirsten fest. Die beiden waren gleich am ersten Arbeitstag zum Du übergegangen, wie es das ganze Team im Geschäft hielt, Björns Autorität tat das keinen Abbruch.

„Sag mal, hättest du etwas dagegen mit Jenny und Nähe in den Zoo zu gehen? Ich finde, ihr müsst mal raus aus dem täglichen Trott. Und Jennifer tut es auch nicht gut, wenn sie zuviel über den Büchern sitzt. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, dass sie reichlich liest.“

„Ich weiß nicht recht“, zögerte Kirsten. Sie hatte Jenny ausgefragt, nachdem das Mädchen sich verspätet hatte und etwas nervös wirkte. Daher wusste sie, dass Alexander sie jedenfalls ab und zu beschattete. Wie würde er reagieren, wenn er sah, dass seine Frau und seine Tochter mit einem fremden Mann ausgingen, auch wenn es nur in den Zoo war?

Aber sie wollte sich ja von Alexander lösen, und sie sollte eigentlich so schnell wie möglich damit anfangen. Also machte es keinen großen Unterschied, ob sie jetzt gingen oder drei Wochen später. Und außerdem würde es ihnen wirklich gut tun.

„Ja, gerne, wir freuen uns darauf“, stimmte sie dann spontan zu. „Besonders Jenny wird sich freuen, sie liebt Tiere über alles.“

„Und du?“, forschte er sanft nach.

„Ich mag Tiere auch“, erklärte sie, ihn absichtlich missverstehend.

„Das meinte ich eigentlich nicht“, grinste er, winkte dann aber ab. „Entschuldige, diese Frage war nicht fair von mir.“

„Passt es dir am Freitagnachmittag, oder ist zuviel zu tun?“, ging sie darüber hinweg. Er nickte und strahlte.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738916164
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
anna martach roman jenny vater
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Titel: Anna Martach Roman - Jenny und der neue Vater