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Die Schock-Spezialisten: Privatdetektiv Tony Cantrell #39

2018 120 Seiten

Leseprobe

Die Schock-Spezialisten: Privatdetektiv Tony Cantrell #39

Earl Warren

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

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Die Schock-Spezialisten

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Privatdetektiv Tony Cantrell #39

von Earl Warren

Der Umfang dieses Buchs entspricht 132 Taschenbuchseiten.

Bei Dreharbeiten zu dem Thriller „Schatten der Nacht“ werden in Los Angeles drei Darsteller erschossen – statt Platzpatronen hatten die Maschinengewehre scharfe Munition ausgespuckt. Da die Produktionsarbeiten zuvor schon behindert worden waren, beauftragt Daniel Zabrieski, Präsident der California Film und Produzent des Films, den bekannten Rechtsanwalt und Privatdetektiv Tony Cantrell, die Hintermänner zu enttarnen. Zabrieski glaubt, dass jemand versucht, durch Sabotage die Aktien der California Film zu drücken, um ihn zu ruinieren. Kurz nachdem Cantrell in LA eintrifft, wird er gekidnappt – jemand will mit allen Mitteln verhindern, dass er und sein Team in dem Fall ermitteln und schreckt dabei auch vor Mord nicht zurück ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Es war ein sonniger Februartag. Im Freien war es angenehm, wenn auch vom Pazifik her kalte Meeresluft über Los Angeles hinstrich. Auf dem Santa Monica Boulevard in der Nähe der Kreuzung La Brea Avenue hatten sich einige Schaulustige versammelt. Vor der California Bank stand ein Aufnahmewagen mit Filmkamera. Eine Gruppe zum Drehstab gehörender Männer und Frauen stand um den Regisseur herum. Franklin S. Stone, ein untersetzter Endvierziger mit weißer Seglermütze und Sonnenbrille, blinzelte in die Sonne. „Das Licht ist gut“, sagte er. „Hast du den Toten und die Bank im Kasten, Chester?“

Der Kameramann, das Auge an die Gummilinse gepresst, antwortete: „Der sieht mir noch nicht tot genug aus. Das Blut ist in Ordnung, aber die Haltung gefällt mir nicht.“

„Mach das, Thommy“, sagte der Starregisseur zu seinem Assistenten. „Du weißt schon, Mund offen, Arme ausgebreitet, Kopf abgewinkelt, klar?“ Der Regieassistent spurtete die schwarzen Basaltstufen hoch, die zum Eingang der California Bank führten. Auf dem Treppenabsatz vor der Glastür lag ein Mann in der grauen Uniform des Bankwärters in einer Lache panchromatischen Blutes.

Mit ein paar raschen Handgriffen korrigierte der Regieassistent seine Haltung, gab ihm halblaut einige Anweisungen.

„Gut so“, sagte der Kameramann, als der Regieassistent, ein junger, blondlockiger Mann mit Rollkragenpullover, zurückkam. „Zwei Aufnahmen.“

„Machen wir die nächste Einstellung“, sagte der Regisseur. „Nummer achtzehn. Alles fertig?“

Die Kamera vollführte einen Schwenk, erfasste nun die Straße. Die Klappe fiel. Auf Ruhe kam es in diesem Fall nicht an, da es sich um Außenaufnahmen handelte und der Ton später nachsynchronisiert wurde. Der Produktionsleiter sprach in ein tragbares Sprechfunkgerät.

Die nächste Szene begann, die erste Einstellung lief an.

Mit quietschenden Reifen schoss ein Streifenwagen der City Police um die Ecke. Ein Mannschaftswagen folgte. Sirenen heulten, Warnlichter blitzten. Die Wagen hielten vor der Bank.

Polizisten mit Maschinenpistolen im Anschlag sprangen heraus. Sie gingen hinter Wagen in Deckung, die am Straßenrand abgestellt waren. Ein Polizei Captain, mit einem tragbaren Lautsprecher ausgestattet, sah hinter dem Mannschaftswagen hervor.

Die Zuschauer wurden von Männern des Drehstabs und Helfern abgedrängt, da sie nicht mit in die Szene sollten. Der Verkehr wurde ohnehin bereits umgeleitet. In Los Angeles, durch Hollywood weltberühmt, war das möglich.

Der Regisseur hatte das Anrücken der City Police kritisch beobachtet. Es stimmte soweit alles. Rein routinehalber kommandierte er noch einmal alles zurück, um eine weitere Aufnahme zur Verfügung zu haben.

Zum zweiten Mal rasten die Wagen an, stoppten mit quietschenden Bremsen. Als die Szene abgedreht war, verteilte der Regisseur die Polizisten noch etwas anders.

„Elf Uhr fünf bis elf Uhr fünfunddreißig“, diktierte der Regieassistent dem Scriptgirl. „Einstellung Nummer achtzehn in Ordnung. Zwei Aufnahmen, beide kopieren. Einstellung: City Police rückt an und geht in Position. Captain fordert Gangster zur Übergabe auf. Verbrauchter Film: siebenundachtzig Yards.“

Der Polizei Captain ließ den Lautsprecher sinken, den er ohnehin nicht eingeschaltet hatte. Wieder fiel die Klappe. Die nächste, entscheidende Einstellung begann.

Der Aufnahmewagen fuhr zurück, damit die Kamera den Eingang der Bank und die hinter parkenden Wagen in Deckung gegangenen Polizisten erfassen konnte. Auf ein Zeichen des Regisseurs begann es.

Drei Männer in hellen Trenchcoats, Strumpfmasken über die Gesichter gezogen, stürmten aus der Bank. Sie hatten Pistolen in den Händen, hielten Aktentaschen unter dem Arm.

Zwei blieben auf dem Treppenabsatz vor dem Eingang stehen, einer lief halb die Treppe hinunter. Der Polizei Captain rief etwas, was später einsynchronisiert werden sollte. Nur die in der Nähe Stehenden vernahmen die Aufforderung.

„Werfen Sie die Waffen weg und ergeben Sie sich! Widerstand ist zwecklos! Sie sind umstellt!“

Der Mann mit der Strumpfmaske auf der Treppe riss die Pistole hoch.

„Feuer!“, rief der Regisseur.

Die Maschinenpistolen ratterten, Geschosse zerschlugen Glastür und Fenster der Bank. Es sah auf Anhieb sehr echt aus. Der Kameramann hatte seine helle Freude. Die Kamera arbeitete nach dem Cinema Scope Verfahren mit einer Zerrlinse, die alles zusammenzog und eine vollständige Erfassung der Szene ermöglichte.

Patronenhülsen klirrten auf den Asphalt. Man sah förmlich, wie die Kugeln in die Körper der Gangster einschlugen. Blutflecken erschienen auf den Trenchcoats. Die beiden Männer auf dem Treppenabsatz warfen die Waffen weg und brachen zusammen.

Der Mann mit der Strumpfmaske auf der Treppe feuerte zurück. Er ließ die Aktentasche fallen, stieß ein unterdrücktes Stöhnen aus. Mit wankenden Knien stolperte er die Stufen hinab, krümmte im Reflex den Finger am Abzug. Mündungsfeuer zuckte.

„Mann, was diese Filmfritzen sich einfallen lassen“, sagte ein hingerissener Zuschauer. „Das wirkt beinahe wie echt.“

Zwei Feuerstöße aus den Thompsons Maschinenpistolen trafen den Mann mit der Strumpfmaske. Er wurde förmlich durchgeschüttelt und brach am Fuß der Treppe zusammen. Schnell breitete sich eine große Blutlache um ihn aus.

Dem Regisseur war es nicht recht. „Was sollen die Extratouren, Warren?“, schrie er. „Da machen wir uns die Mühe und zerdeppern die Tür und die Fenster mit Sprengladungen, und Sie schmeißen die Szene! Sie sollen auf der Treppe zusammenbrechen und die Stufen ’runterrollen, verdammt noch mal!“

Der Regieassistent zupfte den hinzutretenden Regisseur am Ärmel. Einer der Polizisten lief zu Warren Sands, dem Mann, der am Fuß der Treppe lag. Er beugte sich über ihn. Der Schock stand ihm ins Gesicht geschrieben.

„Die Einschüsse, Mr. Stone“, flüsterte der Regieassistent.

Seine Augen waren vor Schreck weit aufgerissen.

„Ja, was denn?“ Dann begriff der Regisseur. „Oh verdammt!“, fluchte er fassungslos.

Die Einschüsse im Verputz der Bank waren echt. Der Regisseur rannte zu Warren Sands, dessen Trenchcoat blutige Flecken von Handtellergröße aufwies. Er zog ihm die Strumpfmaske vom Kopf.

Kein Zweifel, der Mann war tot. Die Geschosse der Maschinenpistolen hatten seine Brust durchsiebt. Während der Regisseur noch fassungslos auf den Toten niederstarrte, untersuchten zwei Polizisten die beiden Gangster am Treppenabsatz.

Der Bankwärter, die graue Uniform von künstlichem Blut durchtränkt, setzte sich auf.

„Ihr Idioten!“, schimpfte er. „Mir sind die Kugeln um die Ohren gepfiffen. Begreift ihr denn nicht, ihr habt mit echter Munition geschossen und eure eigenen Kollegen umgelegt.“

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Tony Cantrell, der bekannte Chicagoer Rechtsanwalt und Privatdetektiv, und seine blonde Frau sahen sich die Abendnachrichten im Fernsehen an. Jack O'Reilly, Freund der Cantrells und Mitarbeiter des Detektiv-Teams, leistete ihnen Gesellschaft.

Der blonde Hüne, von den andern meist kurz Butch genannt, war nach dem Abendessen - Szechuan Ente mit acht köstlichen Beilagen - satt und bester Laune. Essen war Butchs große Leidenschaft, wenn man seinem muskulösen, sportgestählten Körper die verzehrten Kalorien auch nicht ansah.

Schläfrig, mit einem Auge blinzelte er zur Mattscheibe. Doch plötzlich war er hellwach.

... wurden heute Vormittag bei Dreharbeiten zu dem Film 'Schatten der Nacht' drei Darsteller, darunter der Schlagerstar Warren Sands, erschossen. Die drei Schauspieler, die Gangster bei einem Banküberfall darzustellen hatten, gerieten beim Verlassen der California Bank in einen Kugelhagel der Akteure, die Beamte der City Police darstellten. Wie die Maschinenpistolen aus der Requisitenkammer mit scharfer Munition statt mit Platzpatronen geladen werden konnten, ist bisher noch nicht bekannt. Regisseur des Films ist Franklin S. Stone. Der Film 'Schatten der Nacht' machte schon mehrmals Schlagzeilen. Vor sechs Wochen leiteten polizeiliche Stellen gegen den Weltstar Hunter McCrealey, der eine der Hauptrollen spielt, eine Untersuchung wegen Rauschgiftvergehen ein. Die Rivalität zwischen McCrealey und dem Hauptdarsteller Don Danton, der mit McCrealeys früherer Frau Mandy Madison verheiratet ist, machte Schlagzeilen. Mandy Madison spielt die weibliche Hauptrolle in 'Schatten der Nacht'.

Bei einem Flugzeugabsturz in Venezuela kamen ...

Der Sprecher las seine Meldung vom Blatt. Doch niemand von den dreien in dem eleganten Bungalow im Chicagoer Villenvorort Western Springs hörte noch zu.

Butch pfiff durch die Zähne. Natürlich hatten Cantrell und sein Team stets interessiert alle Nachrichten zu diesem Film verfolgt.

„Das ist ein Ding“, sagte Butch. „Wer war denn dieser Schlagersänger Warren Sands? Von dem habe ich noch nie gehört.“

„Er kam vor vier Monaten mit einem Hit groß heraus“, sagte Carol, die in solchen Dingen noch am besten informiert war. „Doch dann folgte nichts mehr. Eine Eintagsfliege!“

„Konnte er denn singen?“

„Wie eine rostige Gießkanne, würde ich sagen, Butch. Sein Hit bestand größtenteils aus dem Text: O, o, ja, ja, Baby, Baby whow!“

„Ah, der Ohrwurm war das“, sagte Butch. Er wandte sich an Cantrell: „Du sitzt da und meditierst. Was hältst du von der Sache, großer Meister?“

„Schwer zu sagen“, antwortete der schlanke Anwalt, der im häuslichen Kreis ein elegantes Kaftanhemd trug. „Die Informationen sind zu spärlich. Es könnte ein raffinierter Mordanschlag auf diesen Warren Sands oder einen der beiden anderen Erschossenen gewesen sein. Eine tolle Möglichkeit, einen Widersacher oder Feind so auszuschalten. Aber es kann sich auch um ein anderes Motiv handeln.“

„Ausgerechnet bei den Dreharbeiten zu unserem Film“, sagte Butch.

Er hatte „Schatten der Nacht“ von Anfang an als „unseren Film“ bezeichnet.

„Gegen Hunter McCrealey läuft eine Untersuchung wegen Rauschgiftbesitzes und -handels, wenn ich mich recht erinnere“, sagte Carol. „Es gab viel Wirbel deshalb, da er vier Wochen in Untersuchungshaft gehalten wurde. - Außerdem hat er sich vor drei Wochen mit Don Danton wegen seiner früheren Frau in einem Nachtklub in Beverly Hills geprügelt.“

„Und trotzdem drehen die beiden zusammen“, sagte Butch. „Na ja, Geschäft ist eben Geschäft, und für eine Gage von fünfhunderttausend Dollar und mehr dreht man auch mit seinem ärgsten Feind.“

„Wir werden sicher zu einem späteren Zeitpunkt noch mehr über das Filmprojekt und die Hintergründe der heutigen Schießerei hören“, sagte Cantrell. „Heute Abend werden sich kaum noch neue Aspekte ergeben.“ Hier irrte er. Es dauerte keine drei Minuten - der Fernsehsprecher berichtete gerade von neuen Kämpfen zwischen Israelis und Arabern -, da klingelte das Telefon. Carol Cantrell nahm ab.

Sie meldete sich, sprach ein paar Worte mit dem Anrufer. Dann hielt sie die Sprechmuschel zu und wandte sich an ihren Mann.

„Los Angeles“, sagte sie. „Daniel Zabrieski.“

„Das klingt nach Arbeit“, sagte Cantrell. „Stell das Gespräch in mein Arbeitszimmer durch, Liebling.“

Er stand auf, ging zu seinem Arbeitszimmer, nahm den Hörer ab und meldete sich.

„Cantrell spricht. Was kann ich für Sie tun?“

Er hörte das Atmen des Mannes, von dem ihn zweitausend Meilen trennten.

„Ich weiß nicht, ob Sie mich kennen, Mr. Cantrell. Mein Name ist Daniel Zabrieski. Ich bin der Präsident der California Film.“

„Ihr Name ist mir ein Begriff“, sagte Cantrell.

In seinem Gehirn schlug eine Alarmglocke an. Er wusste, dass die California Film Company „Schatten der Nacht“ drehte.

„Ich habe gerade die Nachrichten gehört, Mr. Zabrieski. Rufen Sie wegen des Todes der drei Darsteller bei den Dreharbeiten an?“

„Genau, Mr. Cantrell.“ Zabrieskis Stimme klang, als kaue er zerstoßenes Glas. „Ein Kollege aus der Filmbranche hat Sie mir empfohlen. Sie haben ihm in einer Erpressungsaffäre geholfen. Sein Name ist Stan Wolfe.“

„Ich erinnere mich.“

„Hören Sie, Mr. Cantrell, ich brauche die besten Leute in der Branche. Wann können Sie hier sein?“

„Es wäre gut, wenn Sie mich zunächst etwas vorinformieren könnten, Mr. Zabrieski. Ich übernehme ungern einen Fall, wenn ich mir über die Hintergründe nicht im Klaren bin. Das bezieht sich nicht auf Ihre Person, Mr. Zabrieski, aber ich bin auch Rechtsanwalt und muss manchmal penibler sein als andere Privatdetektive.“

„Sie sollen für mich nichts Ungesetzliches oder Obskures erledigen!“, rief Zabrieski. „Es geht aber um geschäftliche Dinge, die ich am Telefon nicht erörtern will. Fliegen Sie her und reden Sie mit mir. Sie werden kein Haar in der Suppe finden.“

Es gab eine kleine Pause. Dann sagte Zabrieski widerwillig:

„Die Spesen übernehme ich, Mr. Cantrell.“

„In Ordnung, Mr. Zabrieski“, antwortete Cantrell. „Ich bin morgen früh in Los Angeles.“

„Fein. Rufen Sie mich an, wenn Sie da sind.“ Zabrieski nannte die Telefonnummer und seine Adresse. „Und kommen Sie so schnell wie möglich, Mr. Cantrell.“

Er legte auf. Cantrell behielt einen Moment nachdenklich den Hörer in der Hand.

Als er fünf Minuten später in den Livingroom zurückkehrte, sahen ihm Carol und Butch gespannt entgegen. Der Vierte im Bund, der elegante Morton Philby, wegen seiner Vorliebe für seidene Krawatten Silk genannt, war an diesem Abend in privaten Angelegenheiten unterwegs.

Cantrell erklärte kurz, worum es sich bei dem Anruf gedreht hatte. Butch geriet gleich ins Schwärmen.

„Hollywood“, sagte er. „Ein unbegrenztes Spesenkonto. Recherchen bei Partys in den Villen der Filmstars. Nachforschungen bei Busenschönheiten und den schönsten Frauen der Welt. Das wird der Fall!“

„Wenn wir ihn übernehmen, werden wir einen Mordfall aufklären und keinen neuen Kinsey Report schreiben“, sagte Carol spitz. „Soll ich deine Sachen gleich packen, Tony?“

„Ja, bitte“, sagte Cantrell. „Die Maschine geht um fünf Uhr dreiundvierzig. Um neun Uhr fünfzig bin ich in Los Angeles. Nach Ost-Standard-Zeit“, fügte er hinzu, denn die Zeitverschiebung bei dem Flug quer über den Kontinent machte immerhin drei Stunden aus.

Cantrell würde also bereits um 6.50 Uhr Ortszeit - Pazifik-Standard-Zeit - in Los Angeles eintreffen.

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Es regnete, als die Boeing 707 auf der Landebahn aufsetzte. Zwei Busse brachten die Passagiere zum Flughafengebäude. In der großen Halle ging Cantrell in die nächste freie Telefonzelle. Er rief die Nummer an, die Zabrieski ihm gegeben hatte.

Eine ölige Stimme meldete sich: „Hier bei Daniel Zabrieski.“

„Mein Name ist Cantrell. Mr. Zabrieski erwartet mich.“

„Ah, Mr. Cantrell. Ich werde sofort veranlassen, dass Sie abgeholt werden. Wo sind Sie gelandet? Wie kann der Chauffeur Sie erkennen?“

„Ich warte im Restaurant von Los Angeles IA“ sagte Cantrell. „Ich bin Anfang Dreißig, habe braunes Haar und trage eine dunkle Brille. Ich werde in der 'Financial Times' lesen.“

„Das wird wohl ausreichend sein, Sie zu erkennen. Ich hoffe, Sie hatten einen guten Flug, Mr. Cantrell?“

„Ja, danke.“

Der Mann, den Cantrell für den Butler hielt, legte nach ein paar weiteren Floskeln auf. Cantrell holte sein Gepäck ab. Mit dem Koffer und dem Handköfferchen schlenderte er zum Flughafenrestaurant.

Er bestellte Kaffee und Toast, schlug die „Financial Times“ auf. Seine Aktien standen nicht schlecht, wie er schon bei flüchtigem Studium feststellte. Aber er hatte kaum Zeit, seine Geldanlagen zu überwachen und zu pflegen. Der Kampf gegen das Verbrechen war vielmehr seine Leidenschaft und sein Lebensinhalt.

Das Flughafenrestaurant war zur Hälfte besetzt. Immer wieder wurden Flüge, Passagiere und Informationen ausgerufen. Die Atmosphäre hatte etwas Hektisches, dem sich niemand entziehen konnte.

Der Los Angeles International Airport war im Sinne des Wortes international. Cantrell gegenüber saß eine Inderin im Sari. An einem anderen Tisch unterhielten sich zwei Araber, die weiße Burnusse trugen. Große Sonnenbrillen verdeckten ihre Augen. Ein großer, schlanker Schwarzer, bunt gekleidet, klopfte den Takt eines imaginären Schlagers mit dem Fuß. Sein Haar war onduliert, seine Fingernägel waren grün lackiert.

Cantrell beobachtete die Menschen rundum, nachdem er seine Finanzzeitung gelesen hatte. Menschen faszinierten ihn immer wieder. Er studierte genau die Facetten ihres Verhaltens, zu denen auch Verbrechen gehörten.

Nach einer halben Stunde kam ein großer, breitschultriger Mann ins Flughafenrestaurant, der sich suchend umsah. Er steuerte auf Cantrells Tisch zu.

„Mr. Cantrell?“, fragte er mit tiefer Stimme.

„Ja, der bin ich.“

„Ich soll Sie abholen, Mr. Cantrell.“

Cantrell hatte bereits gezahlt. Er nahm den Handkoffer und ließ den Breitschultrigen den schweren Koffer tragen. Vor dem Flughafengebäude stand ein dunkelblauer Mercury im Halteverbot. Ein Mann saß auf dem Beifahrersitz.

Der Breitschultrige öffnete den Kofferraum des Mercury. Er verstaute den Koffer und öffnete Cantrell den hinteren Wagenschlag.

Der Anwalt stieg ein. Der Breitschultrige fuhr los, reihte sich in den fließenden Verkehr ein. Er fuhr den Lincoln Boulevard entlang. Am Santa Monica Boulevard hätte er rechts abbiegen müssen, um nach Beverly Hills zu kommen, doch der Breitschultrige fuhr geradeaus weiter.

„Sind Sie sicher, dass dieser Weg richtig ist?“, fragte Cantrell, der das Hinweisschild gelesen hatte.

„Wir kennen eine Abkürzung“, sagte der Beifahrer, der bisher noch kein Wort gesprochen hatte.

Seine Stimme klang verschwommen.

Cantrell sagte nichts. Der Breitschultrige fuhr den Pacific Coast Highway entlang. Cantrell hatte im Westen einen Ausblick auf den Pazifik, der sich in der Ferne mit dem Horizont vereinte und wie ein grauer Berg aufzuragen schien.

Er wurde misstrauisch.

„Wohin bringen Sie mich?“, fragte er. „Mr. Zabrieski wohnt doch in Beverly Hills, oder erwartet er mich woanders?“

„Schon mal was vom Topanga Canyon gehört?“, fragte der Mann auf dem Beifahrersitz.

Er drehte sich um. Er hatte den Hut bis über die Augenbrauen gezogen. Seine Pupillen waren klein wie Stecknadelköpfe. Cantrell erkannte, dass er auf einem Trip war, dass er unter Rauschgift stand.

Der Beifahrer hielt eine flache Automatic in der Hand, deren stumpfe Schnauze auf Cantrell gerichtet war. Er lachte, aber seine Augen, die wie dunkle Watte wirkten, blieben ohne jeden Ausdruck.

„Ist schön, der Topanga Canyon“, sagte er. „Viele einsame Orte dort, wo man einen Menschen verschwinden lassen kann.“

„Was soll das?“, fragte Cantrell scharf.

Ohne sich umzusehen, sagte der breitschultrige Fahrer: „Halt’s Maul, Schnüffler. Wenn ich mit dir fertig bin, wirst du ein paar Tage im Krankenhaus liegen. Aber wenn du Schwierigkeiten machst, besorgt Chinky es dir so, dass dir gar nichts mehr weh tut. Such dir aus, wie du es haben willst!“

Das war deutlich genug.

Die Fahrt ging weiter. Der Mercury verließ die Randbezirke der Zweieinhalb-Millionen-Stadt, fuhr ein Stück an der Küste entlang und bog scharf nach rechts in den Topanga Canyon ein. Der Canyon war breit, und die Straße führte mitten hindurch. Zu beiden Seiten ragten himmelhohe Felswände auf, bizarr geformt.

Der Beifahrer zielte unentwegt auf Cantrell. Er hielt die Automatic flach in der Armbeuge, sodass die Insassen eines der entgegenkommenden Wagen sie unmöglich bemerken konnten.

Von Zeit zu Zeit verzog sich das Gesicht des süchtigen Beifahrers zu einem glücklichen Lächeln, oder er lachte sogar leise. Er würde Cantrell töten, ohne einen Augenblick zu zögern, und glücklich dabei lächeln.

Nach einer Weile bog der Breitschultrige von der Straße ab, fuhr einen kaum erkennbaren Seitenweg entlang. Er steuerte den Mercury hinter eine Felsgruppe. Den Canyon hatte der Wagen bereits verlassen.

Der Mercury hielt.

„Steig aus!“, sagte der Beifahrer. „Auf meiner Seite.“

Cantrell rutschte über den Fondsitz. Er und der Beifahrer öffneten zugleich die Tür. Der Beifahrer hielt die Automatic auf Cantrell gerichtet, während der ausstieg.

Der Breitschultrige kam um den Wagen herum.

„Stütz die Hände auf das Dach!“, sagte er, „und dann die Füße zurück!“

Cantrell gehorchte. Er stand nach vorn gelehnt, musste sich mit den Händen abstützen, um das Gleichgewicht zu halten. Der Breitschultrige durchsuchte ihn schnell und geschickt. Er fand nichts.

„Er ist sauber, Chinky“, sagte er. „Okay, Schnüffler, du bist in L. A. nicht erwünscht, verstehst du? Ich werde jetzt in deinen dummen Kopf klopfen, dass du hier fehl am Platz bist.“

Er schlug zu, traf Cantrell seitlich am Kinnwinkel. Zugleich trat er ihm die Beine weg. Cantrell fiel zu Boden. Der Breitschultrige wollte ihm einen Tritt in die Rippen versetzen, der aber nicht richtig traf, da Cantrell sich zurückrollte.

Cantrells Kiefergelenk schmerzte, in seinem Ohr summte es, und er wusste, dass er ein paar Tage Schwierigkeiten beim Kauen haben würde. Cantrell stellte sich angeschlagener, als er war.

„Steh auf!“, sagte der Breitschultrige.

Cantrell stemmte sich auf Hände und Knie. Er schüttelte den Kopf, als sei er benommen. Der Beifahrer stand seitlich von ihm, die Automatic in der Hand.

Cantrell tat, als wollte er langsam aufstehen. Plötzlich warf er sich zurück, gegen die Beine des Beifahrers. Der - ein kleiner, dürrer Mann mit dunklem, langem Mantel - kam zu Fall. Cantrell packte die Hand mit der Automatic, entriss sie ihm.

Das Rauschgift und sporadisches, karges Essen hatten den kleinen Mann körperlich ruiniert. Er hatte Cantrells hartem Griff nichts entgegenzusetzen. Cantrell lag halb über ihm.

Der Breitschultrige kam heran. Cantrell richtete die Automatic auf ihn.

„Geh ein paar Schritte zurück“, sagte er.

Der kleine Mann unter Cantrell tastete in der Manteltasche. Er brachte ein Stilett hervor, ließ die Klinge aufschnappen.

Cantrell packte seine Messerhand mit der Linken. Doch der Kleine wehrte sich verzweifelt, bäumte sich auf. Cantrell wollte nicht schießen, und als Schlagwaffe war die flache, kleine Automatic denkbar ungeeignet.

Der Anwalt ließ die Automatic fallen und schlug mit der Faust zweimal zu. Er traf das Kinn des Rauschgiftsüchtigen hart. Der wurde schlaff, blieb wie ein mageres Bündel von Haut, Knochen und Kleidern liegen. Von ihm drohte in der nächsten Viertelstunde keine Gefahr mehr.

Doch schon kam der Breitschultrige. Er warf sich auf Cantrell, ehe der noch die Automatic packen konnte. Die beiden Männer rollten über den Boden. Der Breitschultrige war stark wie ein Stier und einen halben Zentner schwerer als Cantrell. Aber für den Anwalt waren Karate und Judo keine leeren Begriffe, die er nur aus der Zeitung kannte. Er wusste sich auch im Bodenkampf seiner Haut zu wehren.

Der Breitschultrige merkte, dass er mit Cantrell kein so leichtes Spiel hatte, wie er es beim Anblick des durchschnittlich aussehenden, gut gekleideten Anwalts geglaubt hatte. Cantrell konnte einen Würgegriff ansetzen.

Der Breitschultrige röchelte, aber es gelang ihm, Cantrell abzuschütteln und zurückzustoßen. Zugleich kamen sie auf die Beine. Der Breitschultrige stürmte blindwütig an. Nach der Automatic schaute er gar nicht.

Er wollte seinen Gegner mit bloßen Händen erledigen.

Nun zahlte Cantrells regelmäßiges hartes Training mit Butch, Silk und auch Carol sich aus. Der Angreifer rannte hart gegen den Fuß des Anwalts. Der Karatestoß mit dem Fuß traf den Breitschultrigen am Solarplexus und stoppte ihn.

Ehe er dann wusste, wie ihm geschah, traf ihn eine blitzschnelle Serie von Faust- und Handkantenschlägen. Er brach in die Knie, starrte Cantrell an, als könne er es nicht fassen. Dann fiel er nach vorn aufs Gesicht und rührte sich nicht mehr.

Cantrells Atem ging schneller, beruhigte sich aber bald wieder. Der Anwalt war kein Freund von körperlicher Gewalt, aber er hatte frühzeitig gelernt, dass es manchmal nicht anders ging - wie in diesem Fall.

Von dem Nieselregen, der zuvor niedergegangen war, war der Boden feucht. Cantrell klopfte den Schmutz von seinem Anzug und hob die Automatic auf. Er durchsuchte die Kleidung des Breitschultrigen und des Kleinen, fand aber nichts, was über deren Identität Aufschluss gegeben hätte.

Im Handschuhfach fand Cantrell einen Führerschein auf den Namen Cal Rymer. Das Foto zeigte den Breitschultrigen. Der Anwalt wartete, bis die beiden Männer wieder munter waren.

Sie kamen fast gleichzeitig hoch, hielten aber respektvollen Abstand zu Cantrell, der die Automatic lässig in der Hand hielt.

„Wer hat euch auf mich angesetzt und weshalb?“, fragte Cantrell.

„Woher soll denn ich das wissen?“, sagte der breitschultrige Rymer und rieb sich den schmerzenden Nacken. „Gegen Sie persönlich haben wir gar nichts, Mr. Cantrell, aber die Zeiten sind schwer, und man muss sehen, wie man zu ein paar Dollars kommt. Hin und wieder bringen ich und Chinky Leuten, die andern unangenehm sind, das Fürchten bei - gegen entsprechende Bezahlung, versteht sich.“

„Klar. Weiter! Lassen Sie sich nicht jedes Wort aus der Nase ziehen, Rymer!“

„Nun, heute Morgen läutete das Telefon. Der Mann, der uns die Jobs besorgt, rief an. Er beschrieb Sie und sagte, wir sollten Ihnen eine tüchtige Abreibung verpassen, damit Sie aus L. A. verschwinden und das Wiederkommen vergessen.“

„Das soll ich glauben?“

„Die reine Wahrheit, Mr. Cantrell. Ich verdiene ein paar Dollars als Stuntman beim Film, aber es reicht hinten und vorn nicht. Ab und zu ist auch mal ein Job als Statist drin, sogar bei Chinky, aber davon können wir nicht leben.“

„Hören Sie auf zu jammern, Rymer. Das zieht nicht. Wer war der Mann, der Ihnen den Auftrag gab, mich am Airport abzuholen und zu entführen?“

„Ich kenne seinen Namen nicht.“

„Sie lügen!“

Der Anwalt wartete, die Automatic in der Hand.

„Ich kriege Ärger, wenn ich es sage“, jammerte Rymer.

„Den kriegen Sie so auch. Ich will den Namen des Mannes, Rymer, dann lasse ich euch laufen. Wenn nicht, geht es zum nächsten Polizeirevier.“

Cantrell glaubte Rymer, was er gesagt hatte. Rymer war nicht der Mann, sich noch benommen nach den Schlägen eine solche Geschichte auszudenken. Cantrell kannte seinen Namen und seinen Wohnort, er konnte später noch genauere Erkundigungen über Rymer einholen.

Zudem hätte er wenig unternehmen können. Falls die beiden Männer nicht einschlägig vorbestraft waren, standen ihre Aussagen gegen die Cantrells. Cantrell kannte solche Fälle. Wenn er die beiden zur Polizei schleppte, gab es eine Menge Papierkrieg und Zeitvergeudung, und letzten Endes würde die Sache im Sand verlaufen oder mit einer Verwarnung enden, zumal Cantrell ja nichts passiert war. Für den Breitschultrigen und den Süchtigen würde es aber immerhin sehr unangenehm werden, wenn die Polizei auf sie aufmerksam wurde.

Rymer kämpfte sichtlich mit sich.

„Namen oder Polizei“, sagte Cantrell.

„Es war Oren O’Brien“, sagte Rymer leise. „Aber Sie werden ihm nichts nachweisen können. Er ist ein hohes Tier in der Filmgesellschaft.“

Cantrell nickte.

„Das kann ich mir denken, dass ein Gewerkschaftsboss Typen wie euch brauchen kann. Ihr spielt wohl auch Streikposten oder Rollkommando, wie? Ihr wisst nicht, weshalb O’Brien mich aus dem Weg haben wollte?“

„Nein, wirklich nicht. Wir tun nur, was er sagt. Verraten Sie nicht, dass Sie seinen Namen von uns haben, Mr. Cantrell.“

Der Anwalt stieg in den Mercury. Er ließ den Motor an. Er beachtete die beiden Männer nicht, die hinter ihm herriefen und winkten. Sollten sie sehen, wie sie in die Stadt zurückkamen.

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Anderthalb Stunden später hielt Cantrell vor Zabrieskis Villa am Sunset Boulevard in Beverly Hills. Der Anwalt hatte sich umgezogen. Er trug jetzt einen blauen Anzug und eine helle Krawatte über dem weinroten taillierten Hemd.

Zabrieskis Villa lag inmitten eines Parks auf einem Hügel. Das Grundstück war von einer Mauer umgeben. Aus dem Park hätte man drei Fußballstadien machen können. Die Villa war ein weißes Prachtgebäude im südländischen Stil.

Cantrell ließ den Mercury in der Auffahrt stehen. Er trat zur Tür, betätigte den eisernen Klopfer.

Ein Mann öffnete. Er war stilgerecht wie ein englischer Butler angezogen.

„Mr. Zabrieski erwartet Sie, Mr. Cantrell“, sagte der Butler, als der Anwalt seinen Namen genannt hatte. „Sie haben nicht auf den Wagen gewartet, der Sie abholen sollte.“

Cantrell erkannte die ölige Stimme vom Telefon.

„Warum haben Sie O’Brien angerufen?“, fragte er scharf.

Der Butler verzog keine Miene.

„Wer ist das, bitte? Ich weiß nicht, wovon Sie reden.“

„Führen Sie mich bitte zu Mr. Zabrieski“, sagte Cantrell, ohne weiter darauf einzugehen.

Durch die Halle, die die Ausmaße eines mittleren Saales hatte, führte der Butler den Anwalt zur Treppe. Neben der Tür zum Obergeschoss stand ein untersetzter Mann, dessen Jackett unter der linken Achsel eine deutliche Ausbuchtung hatte. Sein Gesicht war alles andere als vertrauenerweckend.

Der Butler beachtete ihn nicht. Er führte Cantrell einen langen Gang entlang, von dem nach links und rechts Türen abzweigten. Er öffnete eine Tür. Im Vorzimmer saß ein bebrillter junger Mann mit langen Haaren hinter einer Schreibmaschine. Ein zweiter saß am Fenster auf einem Stuhl.

Er war hager, hatte ein scharf geschnittenes Gesicht und eng stehende tückische Augen.

Der Butler klopfte an der Tür, öffnete.

„Mr. Cantrell ist hier, Mr. Zabrieski“, sagte er.

„Soll reinkommen!“, bellte eine Stimme.

Cantrell trat ein. Zabrieskis Arbeitszimmer war groß, hell und luxuriös eingerichtet, obwohl es nur ein Behelf war, da sein Hauptbüro sich auf dem Gelände der Studios befand. Der Boden war von einem dicken Teppich bedeckt. Ölgemälde hingen an den Wänden, von denen keines unter hunderttausend Dollar gekostet hatte. Zabrieski thronte hinter einem wuchtigen, antiken Schreibtisch aus der Empirezeit.

Außer dem Filmboss befanden sich noch ein Mann und eine Frau im Zimmer. Beide waren vierzig Jahre jünger als er.

Zabrieski war klein und fett. Doch sein Gesicht trug nicht den gutmütigen Ausdruck, den die Gesichter dicker Männer sonst oft haben. Es war fleischig und wirkte brutal. Zabrieskis Haar war grau und spärlich. Er kaute an einer dicken Zigarre.

Er war siebenundsechzig, und das Alter sah man ihm auch an.

„Warum kommen Sie so spät, Mr. Cantrell?“, rief er, die Zigarre im Mund. „Wo haben Sie denn gesteckt?“

„Das werde ich Ihnen gleich erklären“, sagte Cantrell. „Ich glaube, es hängt mit der Geschichte zusammen, wegen der ich hergekommen bin.“

Cantrell sah den Mann und die junge Frau an, die außer Zabrieski noch im Zimmer waren.

„Meine Frau und mein Sohn können alles hören“, sagte Zabrieski. Er saß hinter dem Schreibtisch, die beiden andern hatten an einem Tischchen am Fenster Platz genommen. „Ich bin ein vielbeschäftigter Mann und nicht gewohnt zu warten. Wenn wir zusammenarbeiten sollen, müssen Sie sich an mehr Pünktlichkeit gewöhnen, Mr. Cantrell.“

„Ich bin auch ein vielbeschäftigter Mann, Mr. Zabrieski. Und ich bin vor allem nicht von Chicago hergeflogen, um mich von Ihnen komisch anreden zu lassen. Entweder wir reden vernünftig, oder wir reden gar nicht. Dann mache ich die Tür von außen zu, schicke Ihnen meine Rechnung, und unsere Geschäftsbeziehungen sind beendet.“

Zabrieski paffte ein paar Züge. Mit zusammengekniffenen Augen sah er Cantrell durch den Rauch an. Er deutete auf einen Stuhl.

„Setzen Sie sich, Mr. Cantrell“, sagte er etwas freundlicher. „Möchten Sie einen Drink?“

„So früh am Morgen höchstens einen Fruchtsaft.“

Zabrieski gab dem Butler einen Wink.

„Weshalb haben Sie nicht im Flughafenrestaurant auf meinen Chauffeur gewartet, Mr. Cantrell? Er suchte Sie überall, konnte Sie aber nicht finden.“

Cantrell berichtete kurz, was vorgefallen war. Die junge Frau wollte eine Zwischenfrage stellen, aber Zabrieski schnitt ihr das Wort ab.

„Aha“, sagte er nur, als Cantrell geendet hatte.

Als der Butler mit dem Fruchtsaft für Cantrell hereinkam, nahm Zabrieski ihn ins Kreuzverhör. Er hatte eine Art zu reden, die selbst einem buddhistischen Lama das Blut ins Gesicht getrieben hätte. Der Butler wandte sich wie der sprichwörtliche Wurm, beteuerte immer wieder, er habe niemanden von Cantrells Ankunft verständigt, außer Zabrieski und dem Chauffeur.

„Dann holen Sie den Chauffeur!“, schnauzte Zabrieski ihn an. „Aber schnell! Einer von euch beiden muss es gewesen sein.“

Cantrell mischte sich ein, als der Butler gehen wollte.

„Von welchem Apparat aus haben Sie mit mir gesprochen?“, fragte der Anwalt.

„Von dem in der Halle.“

„Wie lange ist der Chauffeur schon in Ihren Diensten, Mr. Zabrieski?“, fragte Cantrell.

„Albert? Schon eine Ewigkeit. Warum?“

„Vielleicht sollten wir uns lieber das Telefon einmal ansehen. So etwas ist leichter abzuhören, als viele glauben.“

Zabrieski runzelte die Stirn. „Können Sie das machen, Mr. Cantrell? Das würde vieles erklären.“ Der Anwalt nahm sich zunächst den Telefonapparat in der Halle vor. Als er die Sprechmuschel öffnete, fand er ein kleines, aber leistungsstarkes Abhörmikrofon. Es war nicht größer als zwei aufeinandergelegte Manschettenknöpfe.

„Haben Sie eine Ahnung, wer das eingebaut haben könnte?“, fragte Cantrell Zabrieski.

„Vor vierzehn Tagen war ein Mann von der Telefongesellschaft da“, sagte der Butler im Hintergrund. „Er hat alle Apparate überprüft.“

„Dann ist es sehr wahrscheinlich, dass auch die andern Telefonapparate einen Miniatursender enthalten, der alle Gespräche an eine Empfangsstation in der Nähe überträgt, wo sie aufgezeichnet werden und nur noch abgehört zu werden brauchen. So etwas ist gar kein Problem.“ Zabrieski biss auf seiner Zigarre herum.

„Jetzt weiß ich auch, woher dieser Winkeladvokat Latimer so viel wusste“, sagte er. Er wandte sich an den Butler: „Sie überprüfen sofort alle Fernsprechapparate. Holen Sie sich einen Mann, der etwas davon versteht. Glauben Sie, es sind noch mehr Abhörgeräte im Haus, Mr. Cantrell?“

„Ich weiß es nicht. Wenden Sie sich an die City Police, Mr. Zabrieski. Dort hat man die technischen Möglichkeiten, diese Minispione aufzuspüren.“

„Keine Polizei“, sagte Zabrieski. „Es hat schon Wirbel genug gegeben. Nachdem wir nun wissen, wie die Information zu den Gangstern gelangte, die Sie vor meinem Chauffeur im Flughafenrestaurant abholten, sprechen wir über die Sache selbst. Ich habe die Gegenseite unterschätzt. Das hätte ich nicht erwartet.“

Der Anwalt, Zabrieski, seine Frau und sein Sohn kehrten in das Arbeitszimmer Zabrieskis zurück. Dort berichtete Zabrieski.

„Ich habe vor fünfzig Jahren in der Branche angefangen“, sagte er, „als Laufjunge. Später gehörte mir ein winziges Kino, dann eine ganze Kette, und danach stieg ich in die Filmproduktion ein. Ich war ein paarmal hart am Bankrott, aber letzten Endes habe ich es doch immer wieder geschafft, weil ich mehr riskierte als die Konkurrenz, härter, cleverer und auch rücksichtsloser war. Filme machen ist ein hartes Geschäft, Mr. Cantrell, und es gibt mehr Halunken in der Branche als anderswo.“

Zabrieski zündete sich eine neue Zigarre an.

„Mir gehört heute eine der größten Filmgesellschaften des Landes“, fuhr er fort. „Ich könnte mir jetzt ein philanthropisches Mäntelchen umhängen oder auf Kunst machen. Aber das tue ich nicht. Ich war mein Lebtag ein geldgieriger Hai, und ich werde es auch bleiben. Die California Film habe ich mit meinen Händen aufgebaut. Es ist mein Lebenswerk, Mr. Cantrell. Bis auf wenige gehören alle Aktien mir und einer Finanzgruppe, die mich als Präsidenten an der Spitze der Gesellschaft sehen will. Jemand versucht nun, die Aktien der California Film zu drücken. Das ist nicht so schwer, wie Sie vielleicht annehmen, Mr. Cantrell. Ich habe wieder einmal hoch gespielt. Ich habe eine Menge Geld in die Produktion von 'Schatten der Nacht' gesteckt. Ein Thriller mit Horroreffekt. Die Leute werden die Kinokassen stürmen, wenn der Streifen gezeigt wird.“

„Das ist doch sehr gut für Sie, Mr. Zabrieski, und für Ihre Aktien.“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738916126
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v386548
Schlagworte
schock-spezialisten privatdetektiv tony cantrell

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Titel: Die Schock-Spezialisten: Privatdetektiv Tony Cantrell #39