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Terra 5500 #6 - Der verbotene Planet

©2018 130 Seiten

Zusammenfassung

Die Menschheit im 55.Jahrhundert nach Christus: Die Milchstraße ist besiedelt und es herrschen eiserne Gesetze. Doch Widerstand regt sich.
Den Rebellen der Galaxis bleibt nur die FLUCHT INS ALL.

Ein Roman aus JO ZYBELLs spektakulärem Science Fiction-Zyklus, mit dem er sich einen eigenen, vielschichtigen Serienkosmos erschuf. Eine Vision der Zukunft des Menschen im All, die den Vergleich mit großen Vorbildern nicht zu scheuen braucht!

JO ZYBELL prägte die Serien MADDRAX und RHEN DHARK über Jahre hinweg durch eine Vielzahl von Romanen mit. Seine epischen Fantasy-Romane brachten ihm die Anerkennung der Kritik. Doch mit Terra 5500 hat er gezeigt, was wirklich in ihm steckt
Cover: STEVE MAYER

Leseprobe

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Terra 5500

Band 6

von Jo Zybell

Der verbotene Planet

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Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Roman

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...komm, tritt näher. Endlich bist du hier! Wie lange habe ich gewartet! Ich wusste, dass irgendwann einer kommen wird. All die Jahre wusste ich, dass Einer kommen wird, wie du.

Ich habe eine Bitte an dich. Sie ist etwas ungewöhnlich, deswegen benötige ich einen längeren Anlauf, bevor ich sie auszusprechen wage. Du wirst sie mir abschlagen, wenn ich dich nicht zuvor überzeuge. Also, hör mir zu...

Oder, nein, nein. Besser ist, du siehst erst, und hörst dann. Ja, so werden wir vorgehen! Also, komm – ich will dir etwas zeigen.

Siehst du dort am Horizont die schwarzbraune Wand aus den Kakteen ragen? Sie sieht aus wie der Steilhang eines Gebirges, nicht wahr? Aber das ist kein Steilhang, dort oben im Norden gibt es kein Felsmassiv, und das Gebirge fängt erst weiter nördlich an; oder weiter westlich. Warte, ich vergrößere die Darstellung. So. Erkennst du es jetzt? Es ist der Südrand eines Raumschiff-Friedhofs. Nenne ihn Schrottplatz, wenn du willst.

Er hat eine Fläche von etwas mehr als 5.000 Quadratkilometer. In seinem Zentrum lag bis vor fast 2.600 Jahren eine Stadt. Doch das war 1.476 Jahre vor meiner Zeit. Stell dir vor, ich habe ihren Namen vergessen! Aber das ist vollkommen gleichgültig. Namen spielen keine Rolle, glaub mir, überhaupt keine Rolle.

Jetzt gehen wir noch näher heran. Da ich Herr meiner Erinnerung bin – wenigstens Herr meiner Erinnerung! – kann ich das. Im Geist fliege ich schneller, als SIE damals geflogen sind.

So. Schau hin. Am Rand des Schrottplatzes sind die Omegaraumer in sechs bis zehn Schichten übereinander gestapelt. Kannst du das erkennen? Im Zentrum sogar noch höher. Siehst du den Stahlgitterzaun zwischen den Mammutkakteen? Er umgibt den gesamten Raumschiff-Friedhof. 300 Kilometer Stahlgitter! Elektrisch geladen! Auf der nördlichen Hemisphäre gibt es sieben solcher Anlagen.

Wir gehen noch näher heran. So ist es besser. Jetzt bekommst du erst einen Eindruck von der Höhe des Zaunes, nicht wahr? Achtzehn Meter. Achte auf das Brennesselfeld zwischen den Geröllhalden über dem Kaktuswäldchen rechts unten. Siehst du es? Jetzt müsstest du es im Blick haben. Und erkennst du auch die Lücke am Fuß des Zaunes? Ein Durchschlupf der ORGANER.

SIE schicken Starkstrom durch die Zäune, SIE halten wilde Tiere entlang der Zäune, SIE setzen die Zäune zehn Meter tief in den Wüstensand und sichern sie mit mobilen Graviton-Selbstschussfeldern, die jeden Monat ihren Standort wechseln – die ORGANER schneiden trotzdem Löcher in den Zaun. Ihre größten Populationen leben in den Raumschiff-Friedhöfen. Jedenfalls hier auf der nördlichen Hemisphäre.

Und jetzt pass auf! Gleich wirst du vier ORGANER zu sehen bekommen. Da! Jenseits des Zauns, die Schatten! Bäuchlings kriechen sie unter den Rumpfwölbungen der beiden untersten Wracks durch den Sand. Sie haben keine Ahnung, dass der Späher sie längst im Visier hat, die Armen!

Jetzt haben sie die Lücke erreicht. Jetzt schlüpfen sie nach außen. Sieh nur, wie sie nach allen Seiten sichern! Sie tragen dunkle Helme und Kappen und zerschlissene Kleider. Gleich werden sie aufstehen, jetzt! Schau nur, wie sie in das Brennesselfeld hinunterrennen! Es ist längst zu spät, die Armen!

Achte auf die erste der vier Gestalten. Sie ist etwas kleiner, als die anderen drei, und sie bewegt sich geschmeidiger und flinker. Richtig – eine Frau. Nicht irgendeine Frau. Sie ist die Führerin, nicht nur der ORGANER dieses Schrottplatzes. Sie ist die Führerin aller ORGANER der nördlichen Hemisphäre. Sie ist die Frau, von der ich dir erzählen will...

*

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NUR EIN HUFEISEN WAR die Rubicon noch, ein Hufeisen, das von Sekunde zu Sekunde rascher schrumpfte. Höher und höher stieg die Wyoming über ihrer Silhouette dem All entgegen, und je höher sie stieg, desto leichter wurde Yakubar Tellim zumute.

Neben dem schwarzen Nigeryan stand er vor der Frontkuppel und beobachtete das kleiner werdende Schiff dort unten zwischen vereisten Bergrücken und felsigen Schluchten. Bald rückte die Taggrenze des Neptunmondes ins Sichtfeld, und die Männer konnten nach und nach auch die anderen Wohnschiffe der Südpolbiosphäre sehen. Omegaraumer, die seit Jahrhunderten da unten standen, halbkreisförmige Splitter, hingestreut auf eine Perlmuttsichel aus Licht und Eis und Fels. Schnell fielen sie unter der Wyoming zurück, wurden kleiner, wurden winzig, und unterschieden sich bald nicht mehr von den dunkelblauen, schwärzlichen und rötlichen Einsprengseln am türkisfarbenen Südpol des Tritons.

„Start perfekt!“, platzte es aus Pipin Tartagnant heraus. „Tatsächlich kein elektromagnetisches Störungsfeld mehr!“ Die Erleichterung strahlte dem Commodore aus allen Falten seines langen Gesichtes. „Wir haben es geschafft! Wir sind durch!“

Jetzt erst machte Yaku sich klar, unter welchem Druck der Kommandant des Luxuskreuzers gestanden hatte, jetzt erst spürte er, unter welchem Druck er selbst gestanden hatte: Neun Tage zuvor war die Wyoming in exakt der gleichen Höhe manövrierunfähig dem Neptunmond entgegengestürzt, weil ein elektromagnetisches Feld ihn umgeben hatte, wie ein Spinnennetz ein Loch in einem Fenster.

Vier Sparklancer waren zum Nordpol des Mondes geflogen und hatten den Hauptgenerator des EMG-Feldes zerstört. Zwei Piloten waren dabei gestorben, ein dritter – Plutejo Tigern – lag verletzt in der Klinikabteilung, und der vierte verharrte scheinbar reglos neben Tartagnant auf dem Kommandostand. Heinrich, der blaue Kunstmensch.

„Den heiligen und überaus großzügigen Göttinnen der Dwingolangowars sei Dank!“ Gender DuBonheur hockte neben Tartagnant auf dem Kommandostand. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Und jetzt?“ Seine wulstige Unterlippe bebte. Er griff nach der Hand, die auf seiner Schulter lag, nach der großen, festen Hand Donna Kyrillas. Die Bordärztin stand hinter ihm. „Und jetzt, frage ich!“ Seine Stimme drohte zu kippen. Es stand nicht zum Besten um die Nerven des Höchstgeehrten.

Niemand antwortete ihm. Donna Kyrilla schob ihren mächtigen Busen über seinen Schädel und begann DuBonheurs Schultern zu massieren. Der Kolkrabe Moses pickte an Tellims Ohrring herum. Yakubar Tellim schien es nicht zu merken. Er und Joseph Nigeryan beobachteten die Ortungsreflexe fremder Schiffe in der weiteren Umgebung des Neptuns. Schon seit dem Start leuchteten sie im Hauptsichtfeld unter der Frontkuppel.

Primoberst Cludwich saß im Navigationsstand und errechnete den Kurs jenes einen Schiffes, das eine halbe Stunde vor ihnen von Triton gestartet war. „Ich hätte mir gewünscht, diesem Schiff und seiner Besatzung nie wieder begegnen zu müssen“, sagte Heinrich, der Roboter aus blauem Titanglas. Ein vergeblicher Wunsch: Jetzt mussten sie der Laurin sogar folgen, ihre Besatzung hatte drei Menschen verschleppt.

Wer in der Zentrale nicht mit der unmittelbaren Bedienung der Wyoming beschäftigt war – und das war der weitaus größere Teil derer, die sich in ihr aufhielten – bereitete sich und seiner Familie einen Schlafplatz aus Decken, Mänteln und Gepäckstücken zu, flüsterte mit seinem Nachbarn oder beobachtete ängstlich die Männer an den Schnittstellen des Bordhirn und unter der Frontkuppel.

Die Wyoming war in der Biosphäre Tiborcohen gelandet, um Venus Tigern, Merican Bergen und Rotman Bergen und dessen Sippe an Bord zu nehmen. Die kleine Bergensippe hatte sich im hinteren Teil der Zentrale niedergelassen, auf der Galerie und auf der Wendeltreppe, die zu Ebene II hinunterführte. Keine sechzig Menschen einschließlich Eidmännern und Neugeborenen. Rotman Bergen jedoch, der älteste Sohn des verstorbenen Cayman Bergen, war nicht mit dabei. Ebenso wenig wie sein Neffe Merican und Venus Tigern. Die drei waren an Bord jenes Omegaraumers verschleppt worden, den die Wyoming verfolgte; niemand wusste, ob sie noch lebten.

„Was tun wir denn jetzt bloß, meine Herren?“ DuBonheurs Blicke suchten Yaku Tellim und die beiden Primobersten Nigeryan und Cludwich. Alle drei gestandene Männer, alle drei abgebrühte Veteranen der Flotte, und doch wirkten sie ratlos und geschockt. Venus Tigern und Merican Bergen in Anna-Luna Ferròns Gewalt... Selbst Heinrich wirkte geschockt. Dabei war er doch nur ein Roboter aus blauem, kristallinen Titanglas. „Hören Sie, meine Verehrtesten!“ DuBonheur hob seine tiefe Stimme. „Ich fragte Sie etwas...!“

Donna Kyrilla legte von hinten beide Hände auf seine Brust. „Ganz ruhig, Biggy“, raunte ihre einschmeichelnden Altstimme. „Bleib einfach ganz entspannt, ja? Primoberst Cludwich und Primoberst Nigeryan werden schon wissen, was sie tun.“ Sie lächelte beiden Männern zu, und beide beachteten es nicht.

„Ich habe nicht den Eindruck, dass sie das wissen, Zuckerchen!“ Die Stimme des Kolosses von Fat Wyoming schraubte sich in hysterische Höhen. „Mir will es eher scheinen, sie lassen die Dinge treiben...! Und wer sich treiben lässt, der treibt ins Unglück! Das hat schon mein Großvater...“

„Es ist gut jetzt, Höchstgeehrter!“ Ruhig aber bestimmt unterbrach ihn Heinrich. „Wir haben alles im Griff. Der plötzliche Überfall hat uns erschreckt! Wir hätten die Ferròn nicht hier im Solsystem erwartet. Das ist alles.“

Keiner aus Tiborcohen hatte die Ferròn gesehen. Ihr Schiff sahen die meisten zwar landen, gewiss; ein Kommunikator. Aber eine weißblonde, sich herrisch gebärdende Frau? Niemand erinnerte sich. Dafür hatten fast alle Mitglieder der Bergensippe einen Mann in schwarzem Umhang beschrieben, der nicht ging, sondern schwebte, dessen Gesicht wie aus Stein gemeißelt und dessen dunkles Haar, wie ein Helm aussah.

Es gab nur einen Mann in der bekannten Milchstraße, auf den diese Beschreibung passte: Waller Roschen, Direktor ohne Dienstbereich und Spezialagent der Geheimen Galaktischen Sicherheitsgarden.

Wo der unheimliche Roschen auftauchte, konnte General Ferròn nicht weit sein.

„Ferròn?“ Der Würdenträger von Fat Wyoming runzelte seine Stirnschwarte. „Wer ist diese Ferròn?“

„Einer der ranghöchsten Offiziere der GGS, Dr. DuBonheur“, sagte Heinrich. „Während Ihrer glorreichen Reise ins Solsystem hat sie sich als die Malerin Josefina Paladei zu Ihnen an Bord der Wyoming geschlichen...“

„Lady Josefina eine Agentin der GGS...!“ DuBonheur hob abwehrend die Hände. Gerüchteweise hatte der Quanteningenieur und Kunsthirnspezialist davon gehört, der Geschichte aber keinen Glauben geschenkt.

„Damals gelang es ihr schon einmal den Subgeneral gefangen zu nehmen“, fuhr Heinrich fort. „Ich konnte ihn befreien, und selbstverständlich werden wir General Ferròns Schiff so lange verfolgen, bis wir die Gefangenen auch diesmal aus ihrer Hand retten.“

Der Einäugige mit dem langen Grauhaar drehte sich nach ihnen um. „Und hast du auch schon eine Idee, wie du das anstellen willst, Blaumann?“, fragte Tellim mit schleppender Stimme.

„Seit ich weiß, wo Merican sich aufhält, denke ich darüber nach...“

Gemurmel und Palaver erhob sich in der Zentrale. „Was höre ich da?“, rief ein bärtiger Bursche aus der Biosphäre Mississippi. „Wir verfolgen ein Schiff? Wir retten irgendwen? Kommt gar nicht in Frage! Raus aus dem Solsystem, fordere ich! Raus hier!“

Andere schlossen sich dem Protest an. „Raus aus dem Gefängnis-System!“, skandierten viele Männer und Frauen. „Raus! Raus! Raus!“ Fast durchweg ehemalige Einwohner von Mississippi waren es, die auf diese Weise ihren Unmut bekundeten. Rotmans Sippe und die Kids aus Tiborcohen verhielten sich ruhig. Noch.

Das linke Schott öffnete sich, Plutejo Tigern betrat die Zentrale. Ein Ganzkörper-Thermoanzug vermummte seine Gestalt. Er hatte sich nach seinem Absturz mit dem Sparklancer eine Unterkühlung zugezogen. Die Nachricht von der Gefangennahme seiner Schwester hatte ihn aus der Klinikstation gelockt.

„Und Rotman?“ Jetzt meldeten sich auch die Leute von Tiborcohen lautstark zu Wort, ausschließlich Bewohner der Rubicon und meist sehr junge Menschen. „Rotman hat den Widerstand organisiert!“, riefen sie. „Rotman hat das SPIEL gewonnen! Wir verlassen Sol nicht ohne Rotman Bergen!“

„Maul halten, vorlautes Jungvolk!“, schrie ein bärtiger Rädelsführer von Mississippi. „Ihr habt nichts zu melden! Maul halten, oder ihr steigt aus!“

Für einen Moment verstummten die Kids. Doch es war nicht mehr als ein Atemholen vor dem Angriff. Ein reichlich dickes Mädchen von vielleicht sechzehn Jahren stand auf, sprang den Mann an und schlug ihn mit drei Fausthieben zu Boden. Ein Handgemenge entstand, und ehe Yaku und der Kommandant sich versahen, war die schönste Schlägerei im Gange. An die Wand gedrückt schob Plutejo sich an den Streithähnen vorbei in Richtung Frontkuppel. Yakus Rabe landete auf seiner Schulter.

„Aufhören!“ Tartagnant rannte auf seinen Kommandostand, bückte sich zwischen die Konsolen und tauchte mit einem Gravitongewehr in den Händen wieder auf. „Aufhören, habe ich gesagt!“ Niemand gehorchte. Er feuerte eine schwache Salve mitten unter die Kampfhähne. Augenblicklich lagen fünfzehn oder zwanzig Männer und Frauen zuckend am Boden. „Ich bin der Kommandant!“, schrie Tartagnant. „Ich befehle, und ihr gehorcht! Und wer nicht gehorcht, wird eingebunkert...!“

„Ein Funkspruch!“, tönte eine Frauenstimme aus dem Bordfunk. „Die Kommandantin der Laurin!“

„Ins Sichtfeld mit ihr!“, forderte Yaku Tellim.

Die Ortungsreflexe der Fremdraumer rückten an den unteren Rand des Visuquantenfelds, ein Frauengesicht erschien in seinem Zentrum – schmal, kantig, und von herber Schönheit. Die Frau hatte kurzes, weißblondes Haar. Zweiundsechzig Augenpaare richteten sich auf sie. „General Ferròn“, stellte sie sich vor. „Ich will DuBonheur, Tellim und Tigern sprechen.“

Mit Ellenbogen und Drohungen bahnte Plutejo sich einen Weg durch die Menge bis zum Kommandostand. Seite an Seite mit Yaku stieg er die drei Stufen hinauf. Yaku Tellim, einst Flottenangehöriger und aus Gewohnheit voller Respekt einem General gegenüber, Yaku zögerte. Selbst wenn er zuerst das Wort ergriffen hätte – Plutejo hätte es ihm abgeschnitten. „Ich will mit meiner Schwester sprechen!“, forderte er.

Der neunzehnjährige Tigern respektierte nur Menschen, die sich unter dem Eis von Genna bewährt oder unter ähnlichen Umständen ihre Würde bewahrt hatten. Tellim achtete er, weil er es gewagt hatte, eine amtliche Einladung zu seiner Entsorgung zu ignorieren. Vertreter von Regierungsinstanzen war er gewohnt, als korrupt einzuordnen. Die GGS galt ihm sogar als kriminelle Organisation. Anders hatte er es nie gehört – von seinem Vater nicht, und von keinem der Ältesten in der Sträflingskolonie unter dem Genna-Eis.

„Es geht ihr gut“, sagte die Generalin knapp.

„Ich will sie sprechen, bist du taub?!“

„Sofort, Bursche.“ Die Frau im Sichtfeld hob ihren Kopf ein wenig und schob das Kinn nach vorn. „Erst einmal hörst du dir an, was ich zu sagen habe!“ Ihre Augen glitzerten wie blaues Eis, ihre Gesichtszüge wurden noch um eine Spur härter.

„Wenn du ihr ein Haar krümmen lässt, zerreiße ich dich mit bloßen Händen, verlass dich darauf!“ Plutejo hob seine kräftigen Pranken und schüttelte sie, wie andere ihre Waffen schüttelten, wenn sie Drohungen ausstießen.

Anna-Luna Ferròn ging nicht darauf ein, sie lächelte nur eisig. „Wie ich gehört habe, wollen Sie nach Terra Prima, junger Mann. Und Sie angeblich auch, Tellim.“ Der Einäugige nickte. „Nun, ich habe den Auftrag, Dr. DuBonheur, Subgeneral Merican Bergen, den Sieger des diesjährigen SPIELES Rotman Bergen und den entlaufenen Sträfling Venus...“

„Was hat sie denn verbrochen!?“ Plutejo war außer sich. „Was haben wir denn verbrochen, außer Kinder eines Mannes zu sein, den deine Häuptlinge absägen wollten?! He, du! Sag es mir, verdammte Schlampe...!“

Yaku und Gender packten ihn an den Armen. „Ruhig jetzt“, zischte DuBonheur.

„...und den entlaufenen Sträfling Venus Tigern auf den verbotenen Planeten zu bringen“, fuhr die Ferròn ungerührt fort. „Hier mein Angebot an Primoberst Joseph Nigeryan, Yakubar Tellim, Primoberst Sibyrian, an den Höchstgeehrten Dr. DuBonheur, und den entlaufenen Sträfling Plutejo Tigern...“

„Ich bin kein Sträfling!“ Plutejo geriet außer sich. „Ich habe mir genommen, was mir zusteht, meine Freiheit! Du aber...!“ Yaku rammte ihm den Ellenbogen in die Rippen und zischte ihn an. Der Junge verstummte.

„...sollten Sie noch immer Interesse an einem Besuch auf Terra Prima haben, kommen Sie einfach auf mein Schiff. Sie werden dort Venus Tigern und den Subgeneral treffen und mit ihnen nach Terra Prima reisen. Ich erwarte Ihre Antwort in spätestens einer Stunde...“

*

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SCHMERZ ZERRTE IHR Bewusstsein aus der Dunkelheit, ein bohrender Schmerz in Kopf und Gliedern. Sie wagte erst nicht die Augen zu öffnen, denn schon durch die geschlossenen Lider stach grelles Licht bis tief in ihre Augenhöhlen und stachelte die Kopfschmerzen noch weiter an. Sie fand sich halb liegend, halb sitzend auf einer Art Sessel. Ihre Füße hatten kaum Spielraum, ihre Arme konnte sie gar nicht bewegen.

„Venus“, sagte eine Stimme. „Kannst du mich hören? Venus Tigern, komm endlich zu dir...“

Die Stimme rief ihre Erinnerung wach: Eine Suite auf der Rubicon, der verstorbene Cayman Bergen auf seinem Bett, seine Sippe schweigend oder weinend um das Sterbelager, und Merican an einem Klavier, das sie auf seinen Wunsch herbeigeschleppt hatten...

Irgendwann dann drangen sie ein: Eine fettleibige Frau mit Waller Roschen und seinen Leuten. Keiner reagierte schnell genug. Sie trauerten, sie nahmen Abschied, sie erinnerten sich, sie lauschten der Musik – mit einem Überfall rechnete niemand.

Erst schlugen sie Merican nieder, danach den Jungen, dessen Stimme eben gerufen hatte, und zuletzt Venus.

Sie blinzelte, öffnete die Augen, schloss sie aber sofort wieder. „Wo sind wir?“ Rotman Bergen. Ja, er war es, der ihren Namen gerufen hatte. An Füßen und Armen angekettet hing auch er in einem wuchtigen Sessel. Zwischen ihnen und vor einer niedrigen Luke schwebte ein schwarzer, etwa hundertfünfzig Zentimeter hoher Kegel. Ihr Wächter. Eine Kampfmaschine.

„In Schwebemanns verdammtem Raumschiff.“ Rotman klang zerknirscht. „Es heißt Laurin.“

„Laurin?“ Warum war der Name ihr nicht fremd? Merican hatte ihn erwähnt, richtig: Laurin, Geheime Galaktische Sicherheitsgarden, ein Spezialschiff, Typ Kommunikator, eine Generalin namens Ferròn, und ein Krüppel ohne Beine, der auf einer Controgravkonsole schwebte. „Wo ist Merican?“

„Keine Ahnung. Verdammte Scheißkerle! Sie bringen uns nach Terra Prima, ich schwör’s dir...!“

Venus blinzelte. Rotman zerrte an seinen Ketten. Jetzt erst realisierte sie seine Fesseln wirklich. „Du in Ketten? Du, der Sieger des SPIELS?“

„Ich hab’s geahnt“, zischte er. „Der Preis für den Sieg..., ich hab immer geahnt, dass er vergiftet ist! Deswegen meine Fluchtpläne, kapierst du...?“ Der Siebzehnjährige warf den Kopf in den Nacken und stöhnte. „Alles war vorbereitet, wir könnten längst auf dem Weg aus Sol hinaus sein, verdammte Bärenkacke! Wäre mir doch bloß mein Neffe nicht über den Weg gelaufen...!“

Er sprach von Merican Bergen. Der um gut zwanzig Jahre ältere Subgeneral hatte Rotman gebeten, ihn zu Cayman Bergen zu bringen. Der alte Bergen war des Jüngeren Vater und des Älteren Großvater gewesen.

„Hör auf zu jammern!“ Venus kniff die Augen zusammen. Himmel über Hawaii-Novum, wie ihr Kopf schmerzte! „Es ist geschehen und nicht rückgängig zu machen!“ Sie atmete tief, versuchte sich zu entspannen, öffnete die Augen wieder und schielte zu dem Kampfkegler. „Befassen wir uns lieber mit der Gegenwart, Rotkopf: Wohin haben sie Merican verschleppt? Wohin bringen sie uns? Und kommen wir hier je wieder raus?“

„Klar doch!“ Der Junge kicherte, als würde der Wahnsinn ihn bereits umgarnen. „Als Leichen...!“

„Dann hätten sie uns auch gleich töten können.“ Venus stöhnte. „Und dieses mörderische Ausleseverfahren eures bescheuerten SPIELS – warum sollten sie soviel Aufwand betreiben, nur um den Sieger zu töten...?“

„Du hast ja keine Ahnung, Frau, keine Ahnung hast du!“ Die Wut schien seinen Verstand wieder ein wenig zu klären, kantig und böse sah sein knabenhaftes Gesicht plötzlich aus. Seine Blicke flogen zwischen Venus und der Kampfmaschine hin und her. „Wenn du wüsstest, welche Gerüchte über Terra Prima in den Biosphären von Triton kursieren, wenn du wüsstest...!“ Er spuckte nach der Kampfmaschine. „Was treibt man mit den Siegern des SPIELS, Blechkegel! Los, sag es uns! Was erwartet einen wie mich auf dem blauen Planeten?!“

„Ich bin nicht befugt, Ihnen irgendwelche Auskünfte zu erteilen“, tönte eine freundliche Stimme aus dem Roboter. „In diesen Angelegenheiten wenden Sie sich bitte an die Kommandantin und ihren Stellvertreter.“

„Nicht befugt, du Scheißteil?!“ Wieder spuckte Rotman die Maschine an. Die nahm es ungerührt hin. „Zu was bist du denn befugt, he?“

„Sie zu eliminieren, sollten Sie einen Fluchtversuch unternehmen“, beschied ihm der Roboter.

„Eliminieren! Da hörst du es, Frau! Kannst du deinen Wert jetzt allmählich einschätzen? Eliminieren! Ein Nichts bist du für sie, und ich auch! Wir müssen uns etwas einfallen lassen, sonst landen wir auf Terra Prima, unweigerlich!“

„Meinst du wirklich?“ Venus ließ den Kopf auf die Unterlage fallen und schloss die Augen. Der Schmerz fingerte in allen ihren Muskelfasern zugleich herum. Trotzdem flog ein gequältes Lächeln über ihre Züge. Die letzten Worte ihres Vaters fielen ihr ein. ...ich bin felsenfest überzeugt davon, dass einige von euch Terra Prima erreichen werden. Diejenigen unter euch, die das Schicksal bestimmt hat, auf der guten alten Erde zu landen, mögen um eine Audienz beim Primus Orbis Lacteus ersuchen...

„Was gibt’s da zu grinsen?”, knurrte Rotman.

„Hast du Terra Prima gesagt...?“ Sie hätte sich nicht wehren sollen. Spätestens nachdem sie Merican von hinten niedergestreckt hatten, hätte sie kapitulieren sollen. Stattdessen war sie mit einem Stuhl auf den Krüppel losgegangen. Irgend jemand hatte ihr eine Gravitonladung verpasst. „Was glaubst du denn, wo ich hinwill, Rotkopf. Nach Terra Prima will ich...“

„Du spinnst doch...“ Rotman beschwor sie, Rotman schilderte in schwärzesten Farben, wie sie jedesmal, wenn sie den Sieger abholten, Razzien in sämtlichen Biosphären durchführten; wie sie die Höchstgeehrten zur Landung auf Triton zwangen. „Keiner von ihnen hat Terra Prima je gesehen, Venus Tigern, seit dreizehnhundert Jahren nicht, von Anfang an nicht! Auch mein Vater nicht! Stattdessen drehen sie ihre Nachkommen Jahr für Jahr durch die Mühle des SPIELS...!“

Venus hörte kaum zu. Sie fragte sich, warum man sie von Merican getrennt hatte, von Rotman aber nicht. Merican würde doch nichts zugestoßen sein...? Bei dem Gedanken krampfte ihr Herz sich zusammen.

Nein, nein – sie erhofften sich neue Informationen, das war es! Mit Merican würde sie kaum soviel sprechen, wie mit dem Jungen, den sie erst seit ein paar Stunden kannte! Natürlich, so musste es sein! Ihre Entführer hörten jedes Wort mit!

Also ließ sie den Rotschopf klagen und schimpfen, erzählte selbst aber nichts. Nichts von dem Aufstand auf Genna, nichts von dem Auftrag, mit dem ihr Vater und der Freiheitsrat sie und Plutejo in den Kampf und auf die Reise geschickt hatten, nichts von ihrer Bruchlandung auf Doxa IV, nichts von den Ereignissen seit jenem Tag, als sie Yaku Tellim begegneten, und als sie in seinen Frachter flohen und mit ihm von Doxa IV fliehen konnten.

Irgendwann verstummte auch Rotman. Finster starrte er eine Zeitlang den Kampfkegler an. „Sie benutzen uns jetzt schon“, sagte er plötzlich. „Sie benutzen uns als Köder, um die anderen zu fangen. Wir sind Würmer an ihrer Angel, weiter nichts...“

„Woher weißt du von Würmern und Angeln?“

„Woher weißt du denn davon, wenn du auf einem verdammten Eisplaneten groß geworden bist?“

„Von meinem Vater.“

„Was fragst du dann, Frau.“ Mürrisch wandte der Junge sich ab. „Auch ich hatte einen Vater, der mir tagein, tagaus die Milchstraße erzählte.“

Eine halbe Stunde später zog jemand die Luke auf. Zwei weitere Kampfkegler schwebten in den Raum. Vier Männer folgten ihnen. Einer kahlköpfig und von goldbrauner Hautfarbe. Ulama stand in weißer Schrift auf seinem grauen Namensschild, ein Leutnant also. Mit stummen Gesten bedeutete er den anderen, was sie zu tun hatten. Und während die Männer Venus’ und Rotmans Ketten aufschlossen, sie aus ihren Sesseln rissen und ihnen die Arme auf den Rücken fesselten, stand er die ganze Zeit an der Luke und beobachtete die Gefangenen. Er verzog keine Miene. Auch nicht, als Venus schrie, weil ihre malträtierten Glieder bei jeder Berührung schmerzten.

„Wo bringt ihr uns hin, ihr Scheißhaufen!“, brüllte Rotman.

„Aus dem Schiff“, entgegnete Ulama. „An Bord vermeiden wir Hinrichtungen in der Regel.“ Er feixte. „Gibt immer gleich so ’ne Sauerrei...“

*

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...JETZT SIND SIE IM BRENNESSELFELD verschwunden. Siehst du sie noch? Nein, du siehst sie nicht mehr. Ein Brennesselfeld ist ein Brennesselfeld, ein ORGANER ist ein ORGANER, und er kann nicht anders, als Deckung zu suchen, wo Deckung sich bietet. Das hat er lernen müssen; über Jahrhunderte und unter großen Opfern.

Sie werden sich jetzt eine Zeitang nicht rühren. Weißt du was sie treiben in den Löchern unter den hohen Brennesselstauden? Sie suchen die Umgebung mit Peilfeldern ab. Jawohl, sie besitzen das eine oder andere technische Gerät. Nicht viel, aber genug, um bis zum heutigen Tag zu überleben. Aber sie werden nichts finden. Die Armen! Der Späher ist unsichtbar für ihre veralteten Ortungsinstrumente.

Du glaubst nicht, wie ich mich freue, dass du endlich hier bist! Ich wusste, dass ich nicht umsonst warten würde, all die Jahre wusste ich, dass Einer kommen wird, einer wie du. Schade nur, dass auch SIE es wussten...

Da! Die ORGANER! Sieh hin, sie tauchen wieder auf, sie fühlen sich sicher! So sicher, dass sie ein Fahrzeug benutzen! Wie es sich durch den Sand wühlt, wie es abhebt und zwischen den Dünen schwebt. Ein bisschen, wie ein fliegender Teppich, was?

Rate, in welchem Jahr dieser Controgravgleiter gebaut wurde? Na? Achtzehntes Jahrhundert? Falsch! Im Jahr 1467 nach Gründung der Galaktischen Republik Terra! Über tausend Jahre alt ist die Maschine und läuft noch immer! Unglaublich, oder?

Sie schweben nach Osten, immer dicht an den Hügeln und Dünen, immer mitten durch die Kakteenwälder. Ich raffe jetzt ein wenig, sie waren fast eine Stunde unterwegs, bis sie das Seeufer erreichten. Du würdest nur Wüste und Kakteenwälder sehen. Keine besonderen Vorkommnisse in dieser Zeit.

Aber gleich, warte. So. Vergleiche die Zeitangabe unten in der Fußzeile des Visuquantenfeldes. Dreiundfünfzig Minuten später. Sie haben längst das Hügelland am Seeufer erreicht. Gleich kannst du den See erkennen, da! Hast du ihn gesehen? Jetzt verdecken die Hügelkuppen wieder die Sicht auf ihn, aber ein, zwei Minuten noch, dann sind wir nahe genug dran, um ihn genau zu sehen. Ein schöner See übrigens, ich reise oft hin. In der Erinnerung, du verstehst.

Was sie wollten dort am Seeufer? Nicht einwandfrei geklärt. Siebenundzwanzig ORGANER wollten sich angeblich treffen, im Wrack eines Unterseebootes. Alles Führungspersönlichkeiten der nördlichen Rotten. Ja, Rotten – so nennen SIE die Stammesgemeinschaften der ORGANER. Wie auch immer: Sechsundzwanzig dieser Häuptlinge starben. Es ging wohl um die Planung eines Attentates auf den P.O.L. Vielmehr war von dem einzigen Überlebenden nicht zu erfahren.

Aber eines nach dem anderen.

Sie erreichen die letzte Hügelkette vor dem See. Siehst du ihn zwischen den Hängen? Wie schön die Sonne auf seiner Oberfläche glitzert! Die Hänge seien übrigens früher bewaldet gewesen, aber das muss lange vor meiner Zeit gewesen sein.

Du musst jetzt auf den Rand des Talkessels links oben achten. Siehst du die Kieferngruppe dort und hundert Meter weiter rechts die Kakteen? Behalte die Lücke zwischen den Pflanzen im Auge. Sie fliegen direkt darauf zu.

Der Talkessel ist übrigens ein Krater aus der Zeit des Großen Befreiungskrieges. Ende 2888 nach Christus – frag mich nicht, was das bedeutet, aber so zählte man früher – also knapp dreißig Jahre vor der jetzigen Zeitrechnung, stürzte an dieser Stelle ein Beiboot der Yellows ab. Lange vor meiner Zeit, ich weiß es selbst nur aus fremden Datenbanken. Jedenfalls...

Da! Jetzt kommen SIE! Siehst du die drei Sparklancer am Kraterrand? Zwischen Baumgruppe und Kakteen sind sie aufgetaucht! SIE kennen den Kurs des Gleiters, SIE wissen, wie viele Personen an Bord sind, und vor allem: SIE wissen, dass sie an Bord ist, die Führerin. Zu dieser Zeit war sie der meistgesuchte ORGANER auf beiden Hemisphären.

Wie schnell SIE heranrasen. Aussichtslos! Aussichtslos von Anfang an. Ich raffe nicht, du sollst dich selbst überzeugen können, wie hartnäckig die ORGANER um ihr bisschen Leben zu kämpfen pflegen. Schau nur, wie sie abdrehen, wie sie beschleunigen, wie sie den Kurs wechseln, wieder und wieder. Siehst du das weiße Blitzlicht zucken? Sie scheuen nicht einmal davor zurück auf SIE zu schießen. Und sie schießen mit Graviton, denn damit sind SIE besonders angreifbar. Doch es ist schon fast vorbei – siehst du die Wasserfontänen in Ufernähe? SIE haben im See gelauert, noch einmal drei Sparklancer. Es wird ein ungleicher Kampf. Schau ihn dir an! Erträgst du das...?

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DIE MEHRZAHL WOLLTE kehrt machen, und das Solsystem verlassen, vorwiegend die ehemaligen Kolonisten der Mississippi-Biosphäre. Eine Minderheit lehnte diesen Plan ab – die Leute von Tiborcohen, weil sie nicht ohne Rotman aus dem System fliehen wollten, und die Gefährten von Bergen und der Tigerntochter, weil sie das Paar nicht im Stich lassen wollten. Die Besatzung der Wyoming verhielt sich abwartend. Gender DuBonheur selbst schien hin und hergerissen.

Man diskutierte über das Ultimatum der Generalin. Ein Wort gab das andere, man wurde lauter, es kam zu Handgreiflichkeiten, und schon wieder flogen die Fäuste.

Pipin Tartagnant beorderte seine Sicherheitsleute und sämtliche Kampfroboter des Luxuskreuzers – zwei insgesamt – in die Zentrale und ließ sie kurzerhand räumen. Wer nicht zur Besatzung oder zu Bergens Gefährten gehörte, wurde in zwei Beiboothangars eingeschlossen. Die Leute von Mississippi in eines, und die Bergensippe und ihre Anhänger in ein anderes. Danach war erst einmal Ruhe.

„Und jetzt?“ Der Doktor von Fat Wyoming hatte Tränen in den Augen. Er stand kurz vor einem erneuten hysterischen Anfall. „Meine Herren, zum wiederholten Male frage ich Sie..., frage ich Sie....“ Seine Stimme erstickte in Tränen, er weinte in die geballten Fäuste.

„Was regst du dich denn auf, Biggy?“ Donna Kyrilla begann wieder ihm Nacken und Schultern zu massieren. Sie beugte sich zu ihm hinunter, biss ihm zärtlich ins Ohrläppchen und flüsterte: „Es wird alles gut, Biggy. Ich bin doch bei dir, was kann dir schon passieren?“ Der Wissenschaftler aber weinte wie ein kleines Kind. Die Bordärztin richtet sich auf. Hilfesuchend sah sie zu Yaku und dem Commodore hinüber.

„Noch elf Minuten, meine Herren“, sagte Tartagnant. „Das Ultimatum läuft ab, eine Entscheidung muss her. Und zwar schnell.“ Er blickte nach allen Seiten. Vor allem auf den Primobersten ruhten seine Blicke erwartungsvoll. Schließlich räusperte er sich und nahm Haltung an. „Was mich betrifft, ich ordne mich den Anweisungen der ranghöchsten Offiziere an Bord unter.“

„Ich scheiße auf Rang und Anweisungen!“ Plutejo sprach nicht laut, aber seine Stimme füllte die Zentrale aus. „Wenn ihr abhauen wollt, haut ab. Aber mir gebt ihr vorher ein Beiboot, damit ich zu meiner Schwester fliegen kann.“ Seine Kaumuskeln bebten, seine Fingerknöchel waren weiß, so fest ballte er die Fäuste.

Die Entfernung zur Laurin betrug seit Stunden konstante 0,76 Millionen Kilometer. Mit acht Prozent Lichtgeschwindigkeit hielt sie Kurs auf die Umlaufbahn des Saturns, mit acht Prozent Lichtgeschwindigkeit folgte ihr die Wyoming. Ihr Ortungsreflex im VQ-Feld veränderte sich nicht.

Die anderen Fremdschiffe – siebenunddreißig inzwischen – hielten zwar Abstand – 0,95 Millionen Kilometer – stellten aber eine beständige Bedrohung dar. Sie waren aus dem Inneren des Systems aufgetaucht, und ihre Zahl nahm stündlich zu.

„Ferròn hat eine Falle aufgestellt“, sagte Heinrich. „Daran besteht nicht der geringste Zweifel. Dennoch will ich zu Subgeneral Merican Bergen. Wie der junge Herr Tigern unterliege auch ich keinerlei Weisungen von Flottenoffizieren. Ich bin einzig und allein an meine selbstgewählte Verantwortung für Merican Bergen gebunden. Wenn Sie also mit der Wyoming das Solsystem verlassen wollen, werde ich nicht mitfliegen. Für diesen Fall verlange ich ebenfalls einen Sparklancer, und zwar die Johann Sebastian Bach 01.“

Tartagnant zog die Brauen hoch. Sein Blick wanderte zu Dr. DuBonheur und Donna Kyrilla, und von dem Paar zu den beiden Offizieren und schließlich zu dem Einäugigen mit dem Raben. „Amtlicherseits bin ich längst tot“, sagte Yaku. „Ich habe fast nichts zu verlieren – außer ein paar Freunde. Ich gehe also mit Plutejo.“

„Es ist nicht meine Art auf einmal eingeschlagenen Wegen umzukehren.“ Nun ergriff Cludwich das Wort. „Gemeinsam mit meinem Kommandeur habe ich mich geweigert, Genna zu vernichten. Gemeinsam mit ihm bin ich fahnenflüchtig geworden, gemeinsam mit ihm werde ich sterben, wenn es sein muss.“

Joseph Nigeryan räusperte sich. „An der Seite von Subgeneral Bergen und Ihnen, meine Herren, habe ich die Rheingold gegen die Kalosaren verteidigt. Bis auf vierzehn Männer und Frauen ist meine gesamte Besatzung gefallen. Und diese vierzehn starben beim Angriff auf die EMS-Station am Nordpol von Triton oder gingen mit der Rheingold im Feuer eines Schiffes von Terra Prima unter. Ich allein bin übrig geblieben. Möglicherweise würde es mir gut stehen, den Zerstörern meines Schiffes auf die Spur zu kommen, um Rechenschaft zu verlangen...“ Der schwarze Primoberst senkte den Blick und betrachtete die Spitzen seiner Stiefel. „...allerdings fehlt mir dazu der Mut. Ich will auf der Wyoming bleiben und mit ihr das System verlassen.“

„Ja, ja...“ Gender DuBonheur fuhr sich über die Augen, als wollte er einen Schleier beiseite schieben. „Ja, das will ich eigentlich auch...“

„Denke nach, Biggy.“ Donna Kyrilla massierte fester. “Denke gründlich nach – du bist ein Höchstgeehrter, du hast ein Recht, dich auf Terra Prima niederzulassen.” Sie beugte sich an sein Ohr hinunter. „Du hast ein Recht dazu, verstehst du...?“

„Ja, schon..., trotzdem..., ich will nach Hause...“

Eine Zeitlang schwiegen alle. Niemand verspürte Lust, die Bordärztin an die Zustände auf Triton zu erinnern. Daran zum Beispiel, dass kein Höchstgeehrter Terra Prima je erreicht hatte; oder daran, dass deren Nachkommen und die Nachkommen ihrer Schiffsbesatzungen ihr Dasein auf einer lebensfeindlichen Welt fristen mussten; oder daran, dass ihre besten Sprösslinge Jahr für Jahr durch die gnadenlose Maschinerie des SPIELES getrieben wurden. Alle zogen es vor zu schweigen.

Scharf sog Yaku die Luft durch die Nase ein. Im Sichtfeld funkelten Sternkonstellationen, die er nicht kannte, die keine von ihnen kannte. Sie waren Fremde hier. Was hatten sie eigentlich zu schaffen mit diesem Sonnensystem? Was mit dem verbotenen Planeten?

Nichts und alles, dachte Yaku. Nichts, weil er nicht viel mehr als ein Mythos war. Alles, weil sie Bürger der Galaktischen Republik Terra waren, und dort, tief im Inneren des Solsystems, auf dem verbotenen Planeten Terra Prima, dort schlug das Herz der Republik.

Mit achtzehn Prozent Lichtgeschwindigkeit raste die Laurin diesem Herz der Republik entgegen. Zu den siebenunddreißig Ortungsreflexen im Sichtfeld hatten sich schon wieder drei neue gesellt.

Yaku Tellim beugte den Arm zur linken Schulter hinauf und streichelte den Kopf seines Raben. „Dann sind die Fronten ja klar“, brach er das endlich Schweigen. „Allerdings habe ich ein Problem damit, meine eigene Entscheidung den fast zweihundert Kolonisten an Bord aufs Auge zu drücken. Diese Leute wollen leben, sie wollen weg hier, und sie haben allen Grund dazu.“

„Diese Leute gehen mir am Arsch vorbei“, sagte Plutejo leise. „Nur...“ Aus zu Schlitzen verengten Augen belauerte er die Ortungsreflexe im Sichtfeld. „...vielleicht verrecken wir in diesem verfluchten System. Und wer erzählt der Republik dann, was aus uns geworden ist? Wer erzählt der Republik, welches Schicksal ihre sogenannten Höchstgeehrten erwartet?“

Yaku musterte den Neunzehnjährigen von der Seite. Eine Kindheit und eine Jugend unter dem Eis von Genna hatten ihn hart gemacht. Wie sollte er so etwas wie Erbarmen oder Mitleid empfinden können? Lebensumstände wie die in den Biosphären auf dem Neptunmond mussten einem wie Plutejo Tigern als Luxus erscheinen.

„Sie wollen mich.“ Überrascht blickten alle zu Heinrich. „Ich kann es nicht begründen“, sagte der blaue Kunstmensch. „Es ist nur – der Ausdruck mag Ihnen aus meinem Munde seltsam vorkommen – es ist nur ein unbestimmtes Gefühl: Sie wollen in erster Linie mich.“

„Ich weiß gar nicht, warum Sie sich so viele Gedanken machen, meine Herren.“ Die fast zwei Meter große und dreieinhalb Zentner schwere Donna Kyrilla versuchte zu lächeln, brachte aber nicht mehr als ein Zähnefletschen zustande. „Sie glauben doch nicht im Ernst, dass es sich bei dem Gesindel von Triton wirklich um Nachkommen von Höchstgeehrten handelt?“ Sie beugte sich zu dem nägelkauenden DuBonheur hinunter. „Ausgeschlossen! Hörst du, Biggy? Wir haben es hier wohl mit irgendwelchen speziellen Sicherheitsmaßnahmen zu tun. Begib dich in die Obhut der Laurin, Biggy. Das Schiff wird dich wohlbehalten in dein Quartier auf Terra Prima bringen, glaube mir!“

„Ich weiß nicht, ich weiß wirklich nicht...“ Der hünenhafte Wissenschaftler hielt sich den Schädel. „Ich glaube, ich will nach Hause, ich glaube, ich will zurück nach Fat Wyoming...“

„Zuerst einmal brauchst du ein Beruhigungsmittel.“ Sie warf besorgte Blicke nach allen Richtungen, während sie DuBonheur aus dem Sessel zog. „Komm, Biggy. Ich bringe dich in deine Suite.“

Die Männer sahen dem voluminösen Paar hinterher, bis das Schott sich hinter ihm schloss. Plutejo zischte einen Fluch. Nigeryan schüttelte den Kopf. „Hat der Mann nicht einen Quantenkernprozessor gegen Roboter-Eigensinn ausgebrütet? Gegen eigensinnige Frauen scheint er kein Programm drauf zu haben.“

„Dagegen ist auch kein Kraut gewachsen“, sagte Yaku.

Sonst hatte keiner Lust, den Auftritt der Bordärztin zu kommentieren. Wichtigeres brannte ihnen unter den Nägeln. „Hören Sie zu“, sagte Yaku. „Ich schlage Ihnen folgendes vor...“

Wie immer, wenn es ernst wurde, verzichtete Yaku auf viele Worte. Knapp und präzise formulierte der alte Reeder von Doxa IV seinen Vorschlag. Alle Anwesenden erklärten sich einverstanden.

Sibyrian Cludwich stieg schließlich auf den Kommandostand zu Tartagnant und Heinrich, nachdem der Kommunikator auf Ebene II die Verbindung zur Laurin hergestellt hatte. Die Gesichtszüge der Generalin gewannen Konturen im Sichtfeld. „Zwei Minuten vor Ablauf des Ultimatums“, sagte sie kühl. „Sie lieben es spannend, wie mir scheint, Primoberst Cludwich.“

Im Sichtfeld wechselte der Focus. Man sah auf einmal drei Gestalten mit gesenkten Köpfen am Boden knien – Bergen, der Junge und Venus Tigern. Drei Männer drückten ihnen Fauststrahlerläufe in die Nacken. „Ihre Komplizen haben die Spannung sehr genossen.“ Die Ferròn lächelte kalt.

„Verfluchtes...“ An Yaku vorbei wollte Plutejo zum Kommandostand stürmen. Der Weißhaarige fuhr herum, hielt ihn fest, und blitzte ihn aus seinem rechten Auge an. Plutejo hielt still. „Beim Dreckseis von Genna, dafür wird sie bezahlen“, zischte er leise, und niemand, außer Yaku, hörte es.

„Wir akzeptieren ihre Forderung, General Ferròn“, sagte Cludwich hölzern. „Allerdings nur zu folgenden Bedingungen: Plutejo Tigern, Dr. Gender DuBonheur und ich kommen mit zwei Sparklancern in ihr Schiff. Danach kann Rotman Bergen die Laurin verlassen und an Bord der Wyoming gehen. Sobald er hier eingetroffen ist, werden Bergens Roboter und Yakubar Tellim zu Ihnen an Bord kommen. Außerdem garantieren Sie freien Abzug aus dem Solsystem für die Wyoming...“

*

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ALBAN UND URBAN SCHAUKELTEN hinter ihrem Eidherren und seiner Geliebten her. Manchmal schwankte DuBonheur, manchmal raufte er sich das Haar, und manchmal schluchzte er und klammerte sich an Donna Kyrilla, als suchte er Halt.

„Es scheint ihm nicht gut zu gehen“, flüsterte Alban seinem jüngeren Zwillingsbruder zu. „Es geht ihm extragalaktisch übel, würde ich sagen“, raunte Urban zurück.

Die meiste Zeit seit dem Start der Wyoming von Triton hatten sie außerhalb der Kommandozentrale vor deren Schott auf ihren Chef gewartet. Entgegen ihrer früheren Gewohnheit, den Doktor niemals aus den Augen zu lassen, war dieser doch so wesentliche Teil ihres Jobs in letzter Zeit unmerklich in die Hände der Bordärztin übergegangen. So wussten die Zwillinge nur bruchstückhaft, was sich innerhalb der Zentrale abgespielt hatte. Auf dem Weg zur Privatsuite des Doktors lauschten sie daher neugierig auf das Getuschel des Paares vor ihnen. Leider sprachen die Ärztin und DuBonheur sehr leise. Aber den einen oder anderen Brocken bekamen die Brüder dennoch mit.

„Ich weiß wirklich nicht, Zuckerchen“, sagte der Doktor, „ich glaube, ich sollte zurück nach...“

„Schon gut, Biggy, reg dich nicht auf.“ Donna Kyrilla kraulte seinen Nacken, während sie den einen Zentner Schwereren gleichzeitig zu stützen suchte.

„Nein, ehrlich, das alles hier enttäuscht mich so dermaßen..., ich will nur noch nach Hause, weißt du? Ich will nur noch zurück nach Fat Wyoming...“

„Ich verstehe dich doch, Biggy!“ Vor dem Schott zur Suite hielten sie an. „Aber du nimmst das alles viel zu schwer.“ Dr. Kyrilla legte ihre Hand auf den Sensor. „Vielleicht gehört das alles ja irgendwie zum Begrüßungszeremoniell, wer weiß das denn so genau?“ Die beiden Schottflügel glitten in die Wand. „Vielleicht haben sie selbst hier, im Zentrum der Republik, manchmal organisatorische Schwierigkeiten...“ Sie schob ihn ins Foyer der Luxussuite. „Sicher ist: Du hast einen Platz auf Terra Prima, der steht dir zu. Der P.O.L. hat dich mit der Höchsten Ehre ausgezeichnet! Du hast eine bahnbrechende Erfindung gemacht! Vergiss das nicht! Also kehrst du nicht um, sondern fliegst nach Terra Prima. Das ist doch klar.“

„Meinst du wirklich, mein Zuckerbröckelchen...?“

Nicht wie ein Genie, sondern wie ein Riesenbaby kam den Zwillingen ihr Chef vor. Alban runzelte die Stirn und sah Urban an. Urban runzelte die Stirn und sah Alban an. Sie begriffen nicht wirklich, was vor sich ging, sie ahnten nur diffus, dass die schwierigen Zeiten noch lange nicht ausgestanden waren.

„Er ist durcheinander.“ Donna Kyrilla wandte sich nach den Leibwächtern um. „Er ist schon wieder richtig durcheinander, merkt ihr das?“ Beide nickten. Donna Kyrilla schloss das Schott, schob ihren Geliebten durch das Foyer in den Salon, und durch den Salon in seinen Schlafraum. „Wartet hier. Und lasst niemanden hinein, hört ihr?“ Die Zwillinge nickten. „Sucht schon mal seine Sachen zusammen, aber nur die unentbehrlichen – Entwürfe, Notizen, Dateien, wissenschaftliche Arbeiten und so. Und bringt sie in einen Sparklancer.“

Wieder nickten die Zwillinge. Die Luke zum Schlafraum schloss sich. „Ich hab kein gutes Gefühl“, sagte Alban. „Ich muss gleich kotzen“, sagte Urban.

Hinter dem Schott aber drängte Donna Kyrilla den Höchstgeehrten zu seinem Bett. Als er endlich flach lag, band sie ihm den Oberarm ab und stach eine Spritze in seine Ellenbeugenvene. „Du wirst auf keinen Fall zurück nach Fat Wyoming fliegen“, sagte sie, während sie ihm eine gelbliche Flüssigkeit in seine Vene drückte.

„Selbstverständlich nicht, Zuckerchen...“ Er schlief schon, als sie ihm das Betäubungsmittel noch nicht einmal zur Hälfte gespritzt hatte. Anschließend suchte sie sämtliche persönliche Aufzeichnungen des Höchstgeehrten aus allen Schränken und Regalen zusammen und packte sie in einen kleinen Koffer. Von DuBonheurs privater Schnittstelle aus stellte sie eine Verbindung zum Bordhirn her. So gründlich hatte sich die Bordärztin in das Leben des Wissenschaftlers eingeschlichen, dass sie sogar seinen Zugangscode kannte.

Viel Zeit blieb nicht mehr. Donna Kyrilla hielt sich nicht damit auf, diejenigen Arbeiten herauszusuchen, für die DuBonheur ausgezeichnet worden war – die Entwicklung eines Quantenkernprozessors, der den Turing-Sprung von Kunsthirnen wirksam verhinderte – sondern speicherte sämtliche Dateien, die sie fand, auf einem Datenkristall und löschte sie danach.

Zuletzt zog sie einen Schutzanzug an. Den Datenträger und DuBonheurs Individuelles Kunsthirn versenkte sie in dessen Brusttasche.

Die Luke des Schlafraums öffnete sich, DuBonheurs Gattin, Lissa, und sein Chefingenieur und Eidmann Trevor Gorges traten ein. „Weg von meinen Mann, elendes Luder!“ Lissa begann sofort zu zetern. „Du stürzt ihn noch vollends ins Unglück!“ Sie rannte zu DuBonheurs Bett und warf sich über den Bewusstlosen. „Mein armes Genderlein, mein armer, armer Schatz...!“

„Ihn hat schon wieder ein Nervenzusammenbruch umgehauen“, flüsterte die Bordärztin dem Chefingenieur zu. „Ich musste ihm ein Beruhigungsmittel spritzen.“

Gorges musterte sie misstrauisch. „Wie ich höre, will er zurück nach Fat Wyoming“, sagte er. „Seine Frau und ich halten das für eine vernünftige Entscheidung. Auch Sie haben diese Entscheidung zu akzeptieren, Dr. Kyrilla!“

„Aber selbstverständlich, Dr. Gorges!“ Der Ingenieur wandte sich ab und ging zum Bett des Höchstgeehrten. Lissa DuBonheur kniete davor, küsste die Hand ihres bewusstlosen Mannes und benetzte sie mit ihren Tränen.

Donna Kyrilla bewegte sich rückwärts zur Luke. Über die Schulter sah sie nach draußen: Auf der Schwelle zum Foyer standen Alban und Urban unschlüssig zwischen Gepäckstücken herum. Mit einer Handbewegung gab sie den Zwillingen zu verstehen, die Sachen aus der Suite und ins Hangar von DuBonheur persönlichem Beiboot zu schaffen. Sie wartete, bis die Leibwächter ihrer Anweisung nachkamen und endlich das Foyer verließen.

„Sorg dafür, dass er wieder zu sich kommt, Miststück!“ Lissa DuBonheur begann schon wieder zu zetern. „Los, mach schon, du Schlampe...!“

„Aber selbstverständlich.“ Donna Kyrilla verschloss die Luke und öffnete einen Wandschrank neben dem Lukenrahmen. Dem entnahm sie ein Gravitongewehr. Sie aktivierte es mit ihrem ID-Code, verringerte die Streuung auf maximale Konzentration und mittlere Intensität und schoss. Zuerst in Gorges Rücken, danach in Lissas Beine.

Den Ingenieur hob der Treffer einen halben Meter hoch von seinem Füßen und schleuderte ihn über das Fußende des Bettes hinweg gegen die Schränke, wo er bewusstlos auf den Boden rutschte. Lissa rutschte unter halb unter das Bett, vor dem sie kniete. Erst schlug ihr Kinn gegen die Bettkante, danach ihr Hinterkopf auf den Boden. Donna Kyrilla spritzte beiden ein starkes Betäubungsmittel, fesselte sie und schleppte sie ins Bad.

*

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NEHMT AN“, SAGTE DER Mann im Visuquantenfeld.

Anna-Luna saß im Sessel vor der Schnittstelle ihrer Privatsuite. Waller Roschen schwebte neben ihr. Der Mann im Sichtfeld hatte angenehme, ja schöne Gesichtszüge, symmetrisch und markant. Volles blondes Haar fiel ihm auf die Schultern. Seine Augen waren grau, und etwas wie Heiterkeit leuchtete aus ihnen. War er schon fünfzig oder erst dreißig? Schwer zu sagen, er wirkte irgendwie alterslos.

„Annehmen?“ Anna-Luna zweifelte, ob sie richtig verstanden hatte. „Ihr wollt auf den Sieger des SPIELS verzichten, verehrter Unitas?“

Aus dem Sichtfeld heraus musterte Gabrylon die GGS-Generalin ein paar Atemzüge lang. Er rieb sich nicht das Kinn, er kratzte sich nicht am Hinterkopf, er trommelte nicht mit den Fingern auf einer Tischplatte herum – er musterte sie nur. „Von wollen kann keine Rede sein, meine Verehrteste“, sagte er schließlich.

Der Zweite Vorsitzende des Sicherheitsrates von Terra Prima trug wie immer eine rote Toga. Doch heute nicht über einem weißen, sondern über einem dunkelblauen Seidenanzug. Das kam nicht allzu oft vor. Hinter Unitas Gabrylon hing ein Tuch aus rotem Samt. Auf ihm prangte das Wappen der Galaktischen Republik Terra: Eine Spirale aus 794 goldenen Sternen auf blauem Grund. Gleich auf den ersten Blick erkannte Anna-Luna den neu hinzugekommenen Stern am äußeren Ende der Spirale. Er stand für einen neuen Planeten der Republik. Aqualung im System Tarkus, vermutete die GGS-Generalin.

„Die Bedingungen der Rebellen sind unverschämt, das ist wahr“, sagte Gabrylon nachdenklich. „Aber manchmal muss man Prioritäten setzen, das wisst Ihr doch selbst am Besten, verehrteste Anna-Luna. Manchmal muss man an sich korrekte Erwägungen größeren Zielen unterordnen.“

„Ich verstehe nicht ganz, Unitas. Einen wie Rotman Bergen bekommt ihr so schnell nicht wieder auf Terra Prima.“

„Wohl wahr, Verehrteste. Nur – wiegt er allein seinen Neffen, die Kinder Tigerns und den Mann von Doxa IV auf? Wir auf Terra Prima sagen: Nein. Jeder der vier musste mindestens soviel riskieren, so gut kämpfen und so gründlich nachdenken, um bis zur Saturnbahn zu gelangen, wie er, um das SPIEL zu gewinnen.“

„Verzeiht mir meine Unbelehrbarkeit, verehrter Unitas, vielleicht bin ich ja schlecht informiert, aber meines Wissen haben es siebzehn Personen in den letzten dreizehn Jahrhunderten geschafft, ins Solsystem einzudringen. Was also ist so Besonderes an Bergen, Tellim und der Tigernbrut?“

„Erstens: Ein ADAM I begleitet sie. Zweitens: Vier auf einmal in einem Jahrhundert, und sie handeln inzwischen als Gruppe. Wir dürfen uns selbst nicht um die Gelegenheit bringen, einen solchen Fall genau zu studieren. Drittens: Elf der von Euch erwähnten Siebzehn waren psychisch krank, und wurden im Sperrriegel um Sol entsprechend geschont. Viertens: Nur zwei der siebzehn haben es über die Neptunbahn hinaus geschafft. Fünftens: Diese beiden waren Agenten der GGS, die den Auftrag hatten, das Abwehrsystem von Terra Prima auszutesten. Sie wurden noch jenseits der Marsbahn abgefangen. Davon abgesehen, lässt keine dieser beiden historischen Testpersonen sich im Hinblick auf Biographie und persönliche Voraussetzungen mit den vier Rebellen vergleichen. Fazit: Der Sicherheitsrat von Terra Prima besteht darauf in Kürze über Merican Bergen, Yakubar Tellim und die Geschwister Tigern auf Terra Prima verfügen zu können. Von Bergens Roboter will ich gar nicht erst anfangen zu reden.“

„Also gut, verehrter Unitas.“ Anna-Luna gab auf. „Und was soll mit DuBonheur geschehen?“

„Seine neuen Arbeiten sicherstellen, und dann zurück nach Triton mit ihm. Am besten schafft ihr ihn auf die Rubicon.“ Gabrylon wandte sich an Waller Roschen. „Haben Sie die Vertreter der Bruderschaft an Bord der Wyoming entsprechend instruiert, verehrter Direktor?“

„Leider stehe ich im Moment nur noch mit einer Angehörigen von Eternalux in Verbindung, verehrter Gabrylon.“, sagte Waller Roschen. „Magister Sarturan hat mit Waffengewalt versucht den Beschuss der Restbesatzung von der Tp 3139 zu verhindern. Seitdem erreiche ich ihn nicht mehr. Magister Kyrilla allerdings triff im Augenblick sämtliche Vorbereitungen um DuBonheur und seine Arbeiten, Notizen und Dokumentationen von Bord der Wyoming zu evakuieren.“

„Gut. Seine Aufzeichnungen kommen nach Terra Prima, er selbst geht zurück nach Triton.“ Und wieder an Anna-Lunas Adresse: „Ihr Auftrag ist klar, Verehrteste?“

„Die Rebellen und DuBonheurs Dateien nach Terra Prima, DuBonheur selbst nach Triton, den ADAM I eliminieren...“

„Und zwar bevor Ihr auf Terra Prima landet!“ Scharf schnitt Gabrylon der Generalin das Wort ab. Keine Spur von Heiterkeit zeigte sich jetzt mehr in seinen Augen. „Dieser ADAM I ist gefährlich, General Ferròn! Gefährlicher, als jeder andere Gegner, mit dem Ihr es bisher zu tun hattet. Der letzte Versuch ihn zu eliminieren endete in einer Katastrophe. Das ist fast ein halbes Jahrhundert her. Diesmal darf er nicht entkommen. Ihr müsst ihn unter allen Umständen vernichten. Auf gar keinen Fall darf er Terra Prima betreten!

„Ich weiß, wie gefährlich er ist“, sagte Anna-Luna. „Es könnte ziemlich teuer für uns werden ihn auszuschalten. Stammt er...,“ Sie zögerte einen Moment, bevor sie die Frage schließlich doch aussprach. „Stammt dieses Exemplar aus der Halo der Milchstraße? Noch konkreter: Stammt es aus der Galaxie NGC 5897?“

„Möglicherweise wird es teuer, da habt Ihr recht, Verehrteste.“ Lächelnd überging Gabrylon ihre Frage. „Aber Ihr zahlt jeden Preis und mit jeder Währung. Außer mit Eurer Existenz. Viel Erfolg. Der Sicherheitsrat erwartet Eure Meldung.“

*

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...DU SIEHST NICHTS, NUR Blitze, nur Feuer, nur Sandwolken. Warte ein wenig, ich muss nicht raffen, es ist sowieso vorbei. Gleich wird das Bild wieder klarer. Jetzt. Der Staub senkt sich.

Die Erhebung dort in der Dünenflanke – siehst du sie? – das ist der tausendjährige Gleiter. Oder nein, das ist das Wrack des tausendjährigen Gleiters. SIE haben ihm das Heck weggeschossen. Ich kann nicht sagen, ob alle vier ORGANER zu diesem Zeitpunkt schon tot waren. Der Qualm, der hinter der Düne aufsteigt, stammt von einem Sparklancer. Ja, wirklich, die ORGANER haben einen der Angreifer abschießen können! Unglaublich, nicht wahr?

Wenigstens einen. Die anderen landen jetzt rund um das Wrack, du siehst es ja selbst. Gleich werden sie aussteigen. Wie immer werden SIE zuerst zwei Kampfmaschinen ausschleusen, bevor SIE selbst sich aus den Fluggeräten wagen. Doch vorher wird noch etwas geschehen, etwas Schreckliches. Jedesmal, wenn ich es sehe, schnürt es mir mein nicht existierendes Herz zusammen. Dabei sieht man sie gar nicht sterben, man stellt sich nur ihre Angst vor, hört in der Vorstellung ihre Schreie, glaubt dabei zu sein, wenn sie mit bloßen Fäusten gegen das Metall trommeln, spürt ihre grenzenlose Enttäuschung...

Da! Die Wasserfontäne! Siehst du sie hinter der letzten Hügelkette vor dem See in die Luft steigen? Den Schaum, die Gischt, die Trümmer, das aufgewühlte Wasser! Siehst du das? SIE haben das U-Boot in die Luft gesprengt. Könnte ich sterben und müsste so etwas nie wieder sehen! Dreiundzwanzig ORGANER hielten sich darin auf und warteten auf die Führerin und ihre Begleiter.

SIE lauerten ihnen schon seit Tagen auf. Verrat! Hatten mal wieder einen der IHREN unter die ORGANER geschmuggelt. Kaum waren die Männer und Frauen im alten U-Boot am Ufer der Bucht verschwunden, haben zwei Kampfmaschinen die Wachen getötet und die Einstiegsluke verschweißt. Sie haben das Schiff ein Stück auf den See hinaus geschleppt und dort ein Loch in den Rumpf gebrannt.

Ich habe natürlich die Berichte in IHREN Datenbanken aufgespürt. Alle Berichte über sämtliche Vorgänge sind mir zugänglich, immer. SIE wissen es.

Die Einzelheiten sind mir also bekannt, als bloße Berichte aber auch in visueller Form. Erlaube mir, dir das zu ersparen. Nur soviel: Das U-Boot sank, eine der Kampfmaschinen schoss einen Sprengkörper ins Innere des Rumpfes, und jetzt die Wasserfontäne. Vorbei.

SIE kennen kein Erbarmen, kein Erbarmen!

Es ist soweit, SIE schleusen drei Kampfmaschinen aus. Siehst du die Kegler? Jetzt schweben sie die Hügelflanke zum Gleiterwrack hinauf. Jetzt öffnen sie die Bugluke, jetzt jagen sie zwei Gravitonladungen hinein. So machen sie es immer.

Und nun SIE – SIE wagen sich aus ihren Geräten. Sieben sind es, schau SIE dir an: Schlank, mittelgroß, dunkelrote Kampfanzüge, schwarze Helme, die eine Hälfte mit Gravitongewehren, die andere mit LK-Gewehren bewaffnet. So habe ich sie immer erlebt bei solchen Gelegenheiten. Seit über tausend Jahren schon. Auch wenn sie sich äußerlich nicht groß verändert haben – jedenfalls seit vierhundert Jahren nicht mehr – was ihre Fähigkeiten betrifft, haben sie eine schwindelerregende Entwicklung zurückgelegt, das kannst du mir glauben.

Genug davon! Ich hasse es, dieses Thema auch nur anzuschneiden. Warum? Weil ich meinen Beitrag zur ihrer grandiosen Entwicklung geleistet habe. Genug also!

Zwei gehen an Bord des Gleiters, sieh selbst warum: Einen nach dem anderen werfen SIE die vier ORGANER durch die Bugluke nach draußen in den Sand. Kannst du erkennen, welcher noch lebt, und welcher schon tot ist? Ich nicht. Mindestens einer aber lebt noch, das ist ganz sicher. Du weißt schon wer, schließlich habe ich dir anfangs verraten, wessen Geschichte ich hier erzähle. Aber warte trotzdem ab. Das Wesentlich hast du noch nicht gesehen. Noch lange nicht.

Jetzt öffnen sie die Helme, um die Frau zu identifizieren, die Führerin der nördlichen ORGANER. SIE jagen je eine Laserkaskade in je ein Gesicht. Wahrscheinlich, um sicher zu gehen, dass sie wirklich tot sind. SIE haben einen großen Respekt vor der Zähigkeit und Hartnäckigkeit der ORGANER. Drei Laserkaskaden in drei Gesichter. Schau nur, wie SIE sich um den vierten ORGANER versammeln. Jahrelang haben sie diese Frau gejagt. Jetzt ist die Beute erlegt.

Warum einer von IHNEN sich vor der Frau in den Sand kniet? Um ihr ein Narkotikum zu spritzen. Wohin SIE die Frau jetzt bringen? Zunächst einmal zu einem IHRER Sparklancer. Was SIE mit ihr vorhaben? Atme durch, atme tief durch – ich werde es dir zeigen, bevor ich mit meiner Bitte herausrücke...

*

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ETWAS IN IHR TAT HALB bewusstlos, was zu tun war. Etwas Anderes lauschte zugleich den Regungen und Stimmen im eigenen Schädel. Wieder etwas Anderes plante schon, was geplant werden musste, und in einer vierten Schicht ihres Bewusstseins beobachtete sie sorgfältig, was sie tat, empfand, hörte und plante.

Was zu tun war: Kontakt mit Cludwich auf der Wyoming aufnehmen, die Bedingungen akzeptieren, den Austausch organisieren, der Besatzung einschärfen, wer unter allen Umständen am Leben bleiben musste, auf wen es weniger ankam, und wer um jeden Preis vernichtet werden musste.

Die Stimmen und Regungen in ihrem Schädel: Ein Chaos. Warum fieberte sie dem Kampf einerseits entgegen und empfand andererseits eine brennende Wehmut, wenn sie an ihn dachte? Warum bedauerte sie es einerseits, Bergen, Tellim und die Tigerngeschwister nicht eigenhändig töten zu dürfen, wünschte andererseits jedoch, die Rebellen würden Terra Prima lebend erreichen? Und woher wusste sie eigentlich, wie gefährlich ein Adam I war? Warum glaubte sie es mit jeder Faser ihres Nervenkostüms zu wissen?

Der Plan: Eine Sache weniger Worte zwischen ihr und Waller Roschen. Die Verluste waren kalkulierbar.

Und schließlich jener Teil der Anna-Luna Ferròn, der gleichsam im Zenit ihres Bewusstseins schwebte und auf all das Treiben hinabschaute – auf das Funktionieren, das Fühlen, das Wünschen, auf das Hassen, Trauern und Planen. Dort im Zenit, unter der Kuppel ihres Bewusstseins, kam sie sich vor, als hätte sie mit all dem Gewühle unter ihr nichts zu tun. Dort erschien sie sich selbst so fremd und so verloren, dass sie hätte schreien mögen.

Als alles erledigt war, und das Warten begann, blickte sie auf das Arbeitssichtfeld des Kommandostandes. Aus den Daten der Ortung – Entfernung zur Wyoming, Geschwindigkeit beider Schiffe, Zeitkalkulation der einzelnen Projektschritte und so weiter – errechnete sie die Zeit, die ihr noch blieb. Genau achtundneunzig Minuten.

Alpar! Liebe! Das war es, was sie jetzt brauchte. Wenigstens die Illusion von Liebe.

„Sagt mir Bescheid, wenn Tellim und der Roboter an Bord gekommen sind.“ Sie verließ die Zentrale.

Details

Seiten
130
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738916096
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
terra planet
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Titel: Terra 5500 #6 - Der verbotene Planet