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Heimatroman Sammelband Liebe und Niedertracht 3 Romane Januar 2018

von A. F. Morland (Autor) Anna Martach (Autor) Dieter Adam (Autor)
2018 360 Seiten

Leseprobe

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Heimatroman Sammelband 3 Romane Liebe und Niedertracht Januar 2018

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Dieses Buch enthält folgende Romane:

––––––––

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DIETER ADAM: IN GRÜNTAL ist der Teufel los

Anna Martach: Meine Hälfte – deine Hälfte

A.F.Morland: Das sechste Gebot

Eine heile Welt gibt es auch in der 4000-Seelen-Gemeinde Grüntal, in der Nähe von München, nicht. Bei Vitus und Johanna bahnt sich eine Katastrophe an, weil Vitus seine Ehefrau Johanna nach Strich und Faden betrügt. Sie erwischt ihn in flagranti und handelt kopflos.

Lena und Hugo müssen viele Schicksalsschläge erleiden und haben zudem keine finanziellen Möglichkeiten, Lenas schwere Krankheit durch eine Operation zu lindern. Eine Katastrophe bahnt sich an. Hugo beichtet dem Pfarrer, dass er sich strafbar machen will, um an das nötige Geld für die Operation zu kommen. Doch wie soll der Pfarrer helfen, denn er ist dem Beichtgeheimnis verpflichtet? Es müssen schnellstens Lösungen gefunden werden, um die sich anbahnenden Katastrophen abzuwenden...

Cover: STEVE MAYER

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In Grüntal ist der Teufel los

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Roman von Dieter Adam

Der Umfang dieses Buchs entspricht 92 Taschenbuchseiten.

Eine Giftmülldeponie soll nach Grüntal kommen! Die Dorfbewohner sind empört, doch der Staatssekretär kontert den Protest mit zahlreichen Gutachten, die aber allesamt widerlegt werden. Dumm ist nur, dass ausgerechnet der Sohn des Staatssekretärs und die Tochter des Zeitungsverlegers tiefe Gefühle füreinander empfinden. Beide Väter sind strikt gegen eine Verbindung, doch die Gründe dafür wirken sehr fadenscheinig. Wer kann diese Romeo-und-Julia-Geschichte auflösen? Schließlich nehmen die Mütter die Sache in die Hand.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Hauptpersonen:

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Hermann Lösch – Apotheker in Grüntal und Vorsitzender einer Bürgerinitiative.

Konrad Falkner – Chefredakteur, trifft einen Schulfreund wieder.

Cornelia Falkner – seine Tochter, verliebt sich, wodurch ein Geheimnis offenbar wird.

Peter Schwarzhuber – Sohn eines Staatssekretärs, was er um der Liebe Willen verheimlicht.

Dazu die Bewohner des Pfarrhauses in Grüntal.

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1

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Grüntal war ein kleiner Ort inmitten einer reizvollen Landschaft, irgendwo zwischen dem

Franken- und dem Bayernwald. Etwa 4.000 Einwohner hatte das Dorf, das an dem Flüsschen Sonne lag, und von einem Bürgermeister namens Max Wurzer verwaltet wurde. Kreisstadt war Sonnbrunn.

Die Menschen, die in Grüntal lebten, waren rau, aber herzlich. Man konnte sich durchaus unter ihnen wohlfühlen. Viele Städter, die dem Mief der Großstadt entfliehen wollten, hatten sich hier einen Bauplatz gekauft und ihr Häuschen im Grünen gebaut. Man lebte glücklich und zufrieden miteinander und glaubte nicht, dass sich dies je ändern würde.

Sie hatten sich alle getäuscht; denn eines Tages beschloss man an höherer Stelle, ausgerechnet in

dieser herrlichen Gegend eine Giftmülldeponie zu errichten. Eine ehemalige Kiesgrube, seit Jahren nicht mehr in Betrieb, sollte dazu dienen, die Abfälle der großen Chemiekonzerne Deutschlands abzulagern. Gutachten besagten, dass es dafür keine idealere Möglichkeit gab als ausgerechnet im Wald bei Grüntal.

Die Bürger von Grüntal und aller umliegenden Städte und Dörfer waren entsetzt und gründeten sofort eine Bürgerinitiative, die sich entschieden gegen die geplante Giftmülldeponie aussprach.

»Nur über meine Leiche!«, donnerte Hermann Lösch, der Apotheker, den man soeben zum Vorsitzenden der Bürgerinitiative gewählt hatte. Er war fünfundfünfzig Jahre alt und versuchte, da er zu Hause nur wenig zu melden hatte, sich wenigstens außerhalb der Familie eine gewisse Geltung zu verschaffen. So war er  unter anderem  Vorsitzender im Kirchengemeinderat und saß auch als Vertreter seiner Partei im Gemeindeparlament.

Hermann Lösch nahm einen tiefen Schluck aus seinem Bierglas, wischte sich den Schaum von den Lippen und schaute mit finsterer Miene auf seine Zuhörer.

»Das werden wir uns selbstverständlich nicht gefallen lassen«, fuhr er fort. »Wenn die hohen Herren unserer Regierung glauben, sie könnten mit uns machen, was sie wollen, sind sie schief gewickelt. Wir werden ihnen zeigen, dass so etwas mit uns Grüntalern nicht geht! Die sollen nicht denken, dass sie ihren gefährlichen Dreck so mir nichts, dir nichts in unserem Wald ablagern können!«

»Sehr richtig!«, pflichtete Pfarrer Kreutzer ihm bei, der als geistliches Oberhaupt der Gemeinde selbstverständlich mit am Vorstandstisch saß. »Ich bin, wie ihr wisst, ein Mann des Friedens und der Versöhnung. Aber was zu weit geht, geht zu weit.«

Die Teilnehmer an dieser Versammlung, die sich im Saal beim Oberwirt zusammengefunden hatten, zollten den beiden Sprechern dröhnenden Beifall.

Paul Kreutzer war sechzig Jahre alt und seit zwanzig Jahren Pfarrer der Gemeinde Grüntal. Er war ein Priester des alten Schlages, eine autoritäre Person, auf dessen Wort man hörte.

Pfarrer Kreutzer war ein seltsamer Mensch. Man hasste und liebte ihn zugleich in Grüntal. Es gab kaum eine Feier, zu der man ihn nicht einlud. Das war ein ungeschriebenes Gesetz. Der Herr Pfarrer hatte einfach dabei zu sein.

Pfarrer Kreutzer lief, auch wenn das nicht mehr der heutigen Zeit entsprach, grundsätzlich in der schwarzen Soutane herum, was seine Autorität unterstrich. Auch dem Alkohol hatte er den Krieg erklärt, und dem Tabak sowieso. Was ihn aber nicht daran hinderte, seine geliebte Pfeife zu paffen und hin und wieder ein Gläschen seines selbst angesetzten Beerenweines zu sich zu nehmen. Selbstverständlich alles in Maßen.

Zigaretten waren es, die er verabscheute. Zigaretten und Zigarren. Und natürlich alle anderen alkoholischen Getränke außer seinem Beerenwein. Obwohl der es eigentlich auch in sich hatte. Mancher, der zu viel davon genossen hatte, konnte ein Liedchen davon singen.

Auch heute Abend, an dem die Bürgerinitiative gegen die geplante Giftmülldeponie gegründet wurde, trug Pfarrer Kreutzer wieder seine schwarze Soutane. Wie ein Rachegott saß er vorn am Vorstandstisch und zog ein Gesicht, als hätte ihm sein Chef über den Wolken gerade die geheime Botschaft zukommen lassen, der Jüngste Tag stünde unmittelbar bevor.

Und er trank sogar Bier, weil es beim Oberwirt außer einem sauren Wein, der einem das Hemd in den Hintern zog, nichts anderes gab. Cola, Limo und Wasser vielleicht. Aber das schmeckte dem wackeren Priester nun auch wieder nicht.

Max Wurzer, von Beruf Bauunternehmer und im Nebenberuf Bürgermeister oder umgekehrt, wollte beweisen, dass er neben dem großen Vorsitzenden der Bürgerinitiative und Pfarrer Kreutzer auch noch etwas in Grüntal zu sagen hatte und ergriff nun seinerseits das Wort.

»Wir werden alle rechtlichen Mittel einsetzen, um diese verdammte Giftmülldeponie zu verhindern!«, rief er. »Und wenn es sein muss, werden wir uns auch noch anders zu wehren wissen. Grüntal muss sauber bleiben. Oder wollt ihr, dass sie uns unser Grundwasser verseuchen und unsere Nachkommen eines Tages mit verunstalteten Gliedmaßen auf die Welt kommen?«

Das wollte selbstverständlich keiner der Anwesenden. Man trampelte begeistert mit den Füßen auf den alten Holzboden, so dass der Oberwirt sein Gesicht in besorgte Falten legte. Zweimal war die Baupolizei schon bei ihm gewesen und hatte ihm jegliche Tanzveranstaltung in diesem Saal untersagt. Man wollte nicht riskieren, dass die ganze Mannschaft plötzlich im Keller saß. Und nun trampelten diese Hornochsen, dass der morsche Boden verdächtig knarrte.

»Aufhören«, brüllte der Oberwirt in den Saal. »Sofort aufhören! Wollt ihr mir mein Lokal ruinieren?«

Die Versammlungsteilnehmer schauten verwirrt auf den Wirt, der sich mit wütend in die Hüften gestemmten Fäusten in den Vordergrund geschoben hatte.

»Du bist gegen uns!«, rief einer aufgebracht. »Kein Wunder, denn wahrscheinlich erhoffst du dir nur Vorteile von der geplanten Giftmülldeponie. Neue Gäste zum Beispiel; denn natürlich würde es genügend Leute geben, die dort arbeiten und irgendwo essen müssen. Ein Kapitalistenschwein bist du! Pfui Deibel!«

Der Oberwirt wehrte sich mit Händen und Füßen gegen diese Unterstellungen und machte den Versammelten klar, warum er gegen diese Trampelei war.

»Aber irgendwie müssen wir doch unsere Luft ablassen«, tönte einer unter dem Gelächter der anderen.

»Wenn ihr eure Begeisterung für die Worte des Herrn Bürgermeister und der anderen Redner nicht durch Trampeln ausdrückt«, sagte der Oberwirt, »habe ich nichts dagegen. Auch eure Luft könnt ihr ablassen. Fragt sich nur, was euer Nachbar dazu meint.«

Der Saal brüllte, und man war sich wieder einig. Der Bürgermeister konnte fortfahren.

»Wir werden eine Abordnung ins bayerische Umweltministerium nach München schicken«, verkündete er. »Wir werden diesen hohen Herren klarmachen, was sie hier zu erwarten haben: Widerstand und nichts als Widerstand!«

Nach heißen Diskussionen ging man schließlich zum gemütlichen Teil über. Pfarrer Kreutzer, der sonst außer seinem Beerenwein kaum Alkohol trank, ließ sich von der allgemeinen Begeisterung anstecken und zu manchem Bierchen einladen. Als er gegen Mitternacht nach Hause ging, war er nicht mehr ganz nüchtern. Doch er war stolz auf sich und seine Gemeinde; stolz, weil sie es diesen Großkopferten in München zeigen wollten. Darauf konnte man, dachte er, schon mal einen über den Durst trinken.

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2

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Heide Maus, von manchen in der Gemeinde liebevoll »Kirchenmaus« genannt, war die Pfarrhaushälterin. Sie war achtundfünfzig Jahre alt und seit Anbeginn im Dienst ihres Pfarrers. Ein resolutes Persönchen war sie, die glaubte, ab und zu ihren Senf dazugeben zu müssen, wenn nicht alles nach ihren Vorstellungen verlief. Dazu kam, dass sie einen halben Kopf größer war als ihr Dienstherr. Was diesen wiederum heimlich ärgerte, da er sozusagen zu seiner Haushälterin »aufblicken« musste.

Heide Maus wollte gerade in ihr Zimmer gehen, als sie den Pfarrer heimkommen hörte.

»So ein Tag, so wunderschön wie heute ...«, summte er leise vor sich hin, was recht ungewöhnlich für ihn war. Dann fuhr die Tür dröhnend ins Schloss, weil er daneben griff, als er sie schließen wollte. Und schließlich fluchte er auch noch wie ein Rohrspatz, weil ihm das passiert war.

Die Kirchenmaus sorgte sich um ihren Dienstherrn und eilte die Treppen hinunter, um nach ihm zu sehen. »O Gott, Herr Pfarrer«, ächzte sie entgeistert. »Sie sind ja betrunken!«

Sie half ihm aus dem Mantel und schloss kopfschüttelnd die Haustür ab.

Pfarrer Kreutzer betrat das Wohnzimmer und ließ sich aufseufzend in einen Sessel fallen. Es war ihm überaus peinlich, von seiner Haushälterin in einem solchen Zustand angetroffen zu werden. Warum konnte sie nicht, wie sich das um diese Zeit für sie gehört hätte, längst in ihrem Bett liegen?

Von dem Lärm, den Pfarrer Kreutzer ungewollt verursacht hatte, war nun auch noch Kaplan Jürgen Hofer wach geworden. Er hatte nicht an der Bürgerversammlung teilgenommen, da er am anderen Morgen beizeiten aufstehen und die Frühmesse lesen musste.

Kaplan Hofer war dreißig Jahre alt und lebte erst seit kurzer Zeit in Grüntal. Im Gegensatz zu seinem Pfarrer war er ein sehr moderner Priester. Er bevorzugte es, in sportlicher Kleidung herumzulaufen. So fuhr er denn auch eine schwere japanische Maschine, die er sich vom Mund abgespart hatte, und glich in seiner schwarzen Motorradkluft eher einem Rocker, denn einem katholischen Geistlichen.

Kaplan Hofer eckte oft mit seinen Ansichten über das moderne Christentum bei seinen Vorgesetzten, und hier besonders bei Pfarrer Kreutzer, an. Er hatte sich aber schnell in Grüntal beliebt gemacht. Besonders bei den jungen Leuten war er der Mann schlechthin. Ihm war es zu verdanken, dass sie der katholischen Kirche wieder etwas mehr Beachtung schenkten.

So hätte er niemals ein Wort gegen die Pille verloren, auch wenn sein Papst anderer Meinung war. Und auch gegen Mischehen hatte er nichts einzuwenden.

Den größten Hammer aber hatte er sich beim letzten Erstkommunionstag geleistet.

Entgegen der sonstigen Gewohnheit, dass die Kinder am Weißen Sonntag allein und nach Geschlechtern getrennt vorn in den Bänken hockten und dem großen Ereignis entgegenfieberten, hatte der Kaplan einen Brauch aus seiner hessischen Heimat übernommen. Dort saßen nämlich die Eltern bei ihren Kindern  und das in bunter Reihe. Und so trat denn auch der Erstkommunikant oder die Erstkommunikantin zusammen mit Vater und Mutter an den Altar, um gemeinsam mit ihnen die Heilige Kommunion zu empfangen. Sogar Pfarrer Kreutzer hatte eingesehen, dass dies ein sehr schöner Ritus war und den Kindern ein noch größeres Zusammengehörigkeitsgefühl mit den Eltern vermittelte.

Unter den Eltern, die ihren Sprössling diesmal zum Altar geleiteten, hatte es ein Ehepaar gegeben, das nach gescheiterten Ehen wieder geheiratet hatte. Somit hatten sie sich nach kirchlicher Regelung selbst von den Heiligen Sakramenten ausgeschlossen. Kaplan Hofer hatte ihnen trotzdem die Heilige Kommunion gespendet. Er war der Ansicht, dass er sie keinem, der sie von ihm verlangte, verweigern durfte. Ob sie nun vor dem Herrgott gültig war oder nicht, war nebensächlich. Außerdem wäre es sicher ein Schock für das Kind gewesen, wenn alle anderen Mütter und Väter die Kommunion empfangen hätten und ausgerechnet seine Eltern nicht.

Wie dem auch sei, nicht nur Pfarrer Kreutzer hatte sich fürchterlich darüber aufgeregt und seinem Herrn Kaplan nach der Messe tüchtig den Kopf gewaschen, sondern auch der größte Teil der Pfarrgemeinde. Einer hatte den Vorfall sogar dem Bischof vermeldet. Kaplan Hofer war zur Audienz gebeten worden.

Der Bischof hatte sein Verhalten wegen der vom Heiligen Stuhl erlassenen Vorschriften zwar nicht akzeptieren dürfen, hatte sich aber dennoch die Argumente des jungen Priesters angehört und es dann bei einem gutmütigen Verweis belassen.

Mit Heide Maus, der Haushälterin, verband Kaplan Hofer ein herzliches Verhältnis. Sie war fast immer auf seiner Seite zu finden, wenn es darum ging, etwas frischen Wind in das leicht angestaubte Gemeindeleben zu bringen.

Warum sollte denn nicht mal eine moderne Messe, zu der eine Rockband spielte, abgehalten werden? Auch die Jugend verlangte ihr Recht und wollte nicht immer die zum größten Teil veralteten Kirchenlieder singen. Ihr gefiel das, und sie sang die mit modernen Texten und Rhythmen versehenen neuen Lieder gern und kräftig mit.

Natürlich musste das nicht jeden Sonntag sein. Das wäre zu viel des Guten gewesen. Und eine Mozartmesse oder die Deutsche Messe von Franz Schubert gefiel ihr letztendlich dann doch besser. Aber hin und wieder ... Warum nicht?

Pfarrer Kreutzer dachte in dieser Beziehung natürlich ganz anders. Schlagzeug und Elektrogitarre hatten seiner Meinung nach nichts in einer Kirche verloren. Dort hatte die Orgel zu spielen, und die Gemeinde hatte »Halleluja« zu singen.

Kaplan Hofer bewies ihm mit Hilfe des Organisten Bernd Keller, der zwar die klassische Musik bevorzugte, aber durchaus nichts gegen moderne Messen hatte, dass man »Halleluja« auch auf andere Weise singen konnte.

Jetzt schlüpfte der Kaplan also in seinen Morgenmantel und eilte nach unten, um nachzusehen, was es dort gab.

»Sehen Sie sich diesen Menschen an«, beklagte sich Heide Maus, als er ins Zimmer trat, und deutete mit dem Kinn auf ihren Dienstherrn. »Voll wie eine Haubitze ist er!« Womit sie schamlos übertrieb.

»Voll?« Kaplan Hofer glaubte, seinen Augen nicht trauen zu dürfen. »Aber er trinkt doch nie etwas außer seinem Beerenwein!«

»Heute hat er aber offensichtlich«, meinte Heide säuerlich. »Warum, weiß ich natürlich auch nicht.«

»Hallo, Herr Pfarrer!« Kaplan Hofer versuchte seinen Vorgesetzten, der unterdessen in seinem Sessel eingenickt war, durch sanftes Rütteln zu wecken. »Gehen Sie doch in Ihr Bett!«

Pfarrer Kreutzer fuhr aus seinem Schlaf und schaute sich verwirrt um. »Was ist denn los?«

»Sie haben ein bisschen zu viel getrunken, Hochwürden«, verkündete Heide vorwurfsvoll.

»Heiliger Strohsack!«, ächzte Pfarrer Kreutzer. »Das verflixte Bier!«

»Aha!«, ließ sich Heide Maus vernehmen. »Seit wann trinken Sie denn Bier, Herr Pfarrer?«

»Ich trinke nie Bier!«, verteidigte sich Hochwürden. »Nur heute Abend, weil der Oberwirt keinen Beerenwein hat ...«

»... und Mineralwasser wohl auch nicht?«, unterbrach ihn die Haushälterin ironisch.

»Man hat mich halt zu einem Bier eingeladen«, erklärte Pfarrer Kreutzer mit einem säuerlichen Lächeln. »Das konnte ich schlecht ablehnen, nicht wahr?«

»So, zu einem also?« Heide Maus holte tief Luft. »Ich ...«

»Sei bloß still!«, schnitt ihr Pfarrer Kreutzer in scharfem Ton die Rede ab. Im Gegensatz zu ihr duzte er sie. »Ich habe keine Lust, mir jetzt eine Moralpredigt anzuhören.«

»Ich denke, wir sollten jetzt alle ins Bett gehen«, schlug der Kaplan mit einem nachsichtigen Lächeln vor.

»Sie haben Recht«, stimmte der Pfarrer seinem Kaplan zu und erhob sich schwerfällig aus dem Sessel. Die hilfreiche Hand seiner Haushälterin übersah er geflissentlich. Hochwürden strich seine Soutane glatt und wandte sich zur Tür.

»Gute Nacht, Kinder«, sagte er und schritt betont aufrecht die Treppe hinauf.

Kaplan Hofer und Heide Maus schauten sich schmunzelnd an und wünschten ebenfalls eine gute Nacht.

»Ich gehe dann auch wieder in mein Bett«, sagte der Kaplan zur Kirchenmaus und gähnte herzhaft. »Die Nacht ist eh nicht mehr lang. Schlafen Sie gut.«

»Danke, gleichfalls.«

Während Jürgen Hofer sich nach oben begab, schaltete die Haushälterin überall das Licht aus. Bald darauf war es still und dunkel im Pfarrhaus. Ein ereignisreicher Abend hatte sein Ende gefunden.

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3

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Gegen neun Uhr klingelte es stürmisch an der Haustür. Heide Maus hatte durch die Ereignisse der vergangenen Nacht verschlafen. Kaplan Hofer hatte sich sein Frühstück selbst bereiten müssen, bevor er nach der Frühmesse das Haus verließ, um den Schülern der hiesigen Grundschule den Religionsunterricht zu erteilen.

Heide fuhr erschrocken aus den Federn, schlüpfte in ihren Morgenrock und begab sich zur Haustür. Bürgermeister Wurzer, Apotheker Lösch und ein paar andere Damen und Herren mit überaus wichtigen Mienen standen davor.

»Guten Morgen!«, begrüßte sie der Bürgermeister freundlich und lüftete seinen Hut. »Ist der Herr Pfarrer bereit?«

Heide schaute den Bürgermeister verständnislos an.

»Wie bitte?«, entgegnete sie und gähnte verstohlen. »Für oder zu was sollte er denn bereit sein?«

»Zu unserem Lokaltermin natürlich«, erklärte Wurzer. »Wir hatten doch verabredet, heute morgen einen Geländegang durch das Gebiet zu unternehmen, auf dem die Giftmülldeponie entstehen soll. Hochwürden hat gestern Abend selbst diesen Vorschlag gemacht.«

»Hat er das?« Heide grinste hämisch. »Nun, dann werde ich ihn wohl wecken müssen.«

»Ja, schläft er denn noch?«

Heide nickte, bat die Herren und Damen herein und ließ sie im Arbeitszimmer Platz nehmen.

»Er wird sogleich bei Ihnen sein«, versprach sie den Anwesenden. »Gedulden Sie sich bitte nur einen Moment.«

Wie ein Racheengel schwebte sie die Stufen zu den Schlafzimmern empor. Pfarrer Kreutzer schnarchte noch genüsslich und zersägte momentan vermutlich eine hundertjährige Eiche.

»Hochwürden!«, plärrte Heide und rüttelte den Schlafenden. »Aufstehen!«

Pfarrer Kreutzer schnaufte auf, drehte sich um und schnarchte weiter.

»Hochwürden!«, rief Heide und rüttelte heftig an seinem Arm.

Pfarrer Kreutzer fuhr aus seinem Schlaf und sprang entsetzt hoch.

»Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?«, fuhr er Heide an. »Wie kannst du es wagen ...«

»Guten Morgen, Hochwürden«, zwitscherte Heide. »Sie haben Besuch!«

»Besuch?« Pfarrer Kreutzer nahm mit gequälter Miene seinen Kopf zwischen beide Hände. »Wer kommt mich denn mitten in der Nacht besuchen?«

»Der Herr Bürgermeister«, verkündete Heide. »Und noch ein paar andere Mitglieder der Bürgerinitiative gegen die Giftmülldeponie. Sie müssen sich gestern Abend mit ihnen verabredet haben.«

Bei Pfarrer Kreutzer fiel die Klappe. Er erinnerte sich plötzlich wieder. Und es war ihm peinlich, dass er immer noch in seinem Bett lag. Wo es doch um die Zukunft von Grüntal ging! Heiliger Strohsack!

»Mein Gott!«, stammelte er. »Das hätte ich ja beinahe vergessen! Danke, Heide, ich komme sofort.«

Das war für sie das Zeichen, sich aus dem Schlafzimmer des Pfarrers zurückzuziehen. Sie begab sich schleunigst in ihr eigenes Schlafzimmer, um sich anzuziehen.

Dann ging sie hinunter ins Arbeitszimmer und sagte den Wartenden Bescheid, dass Hochwürden sogleich erscheinen würde. Heide Maus ließ sich nicht auf eine Diskussion ein, sondern verzog sich in die Küche, um das Frühstück, das für ihre Verhältnisse fast schon zu einem Spätstück geworden war, zu richten.

Pfarrer Kreutzer stieg unterdessen kopfschüttelnd aus dem Bett und unter die Dusche, die er eiskalt auf sich herunterprasseln ließ. Wenige Minuten später war er fertig, zog sich an und begab sich zu den wartenden Damen und Herren der Bürgerinitiative, die ihm vorwurfsvoll entgegensahen.

»Ist Ihnen der gestrige Abend nicht bekommen?«, erkundigte sich Bürgermeister Wurzer schadenfroh. »Wollen wir den Termin verschieben?«

»Unsinn!«, widersprach Pfarrer Kreutzer. »Mir geht es prächtig, ich vermisse nur mein Frühstück. Also, gehen wir.« Er setzte sich neben Apotheker Lösch und Bürgermeister Wurzer an die Spitze der Abordnung, die gegen die Giftmülldeponie kämpfen wollte.

Ihr armen Würstchen, dachte Heide Maus kopfschüttelnd, während sie dem abziehenden Trupp nachsah und den Tisch wieder abräumte. Was wollt ihr gegen einen Regierungsbeschluss ausrichten? Die da oben machen ja doch, was sie wollen. Don Quichotte hat gegen Windmühlen gekämpft. Ihr tut im Prinzip nichts anderes. Ihr tut mir leid. Möge der Herr trotzdem mit euch sein.

Er war es, wie sich herausstellen sollte, zumindest an diesem Tag nicht.

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»Was hat Ihnen denn die Suppe verhagelt, verehrte Frau Kollegin?«, wandte sich Kaplan Hofer in der großen Pause an Cornelia Falkner, die seit ein paar Tagen an der Grundschule von Grüntal als Referendarin tätig war. »Ärger mit dem Herzallerliebsten?«

»Und wenn es so wäre«, erwiderte Cornelia patzig, »wären Sie so ziemlich der letzte, den ich um einen wohlmeinenden Rat bitten würde. Sie mögen als Mensch ja ganz patent sein, aber mit Ihrem Brötchengeber da oben habe ich nichts am Hut.«

Cornelia war ein bildhübsches Mädel von vierundzwanzig Jahren, hatte brünettes, langes Haar und war vom lieben Gott mit einer sehenswerten Figur ausgestattet worden. Jeder heiratswillige Bursche in Grüntal wünschte sich, sie möge sein mehr oder minder heimliches Rufen erhören, seit sie wieder im Dorf bei ihren Eltern lebte. Keiner hatte bis jetzt eine Chance bei ihr gehabt.

Grund für ihre ablehnende Haltung den hiesigen Burschen gegenüber war ein junger Mann aus München gewesen, den sie während ihrer Studienzeit kennen und lieben gelernt hatte. Über ein halbes Jahr war es bestens mit ihnen gelaufen. Seit gestern Abend wusste sie, dass es aus war zwischen ihm und ihr; denn kaum hatte sie ihm den Rücken gedreht, um in der Grundschule von Grüntal ihr Praktikum zu absolvieren, hatte er sich auch schon einer anderen zugewandt. Gestern Abend hatte er sie angerufen und ihr Verhältnis unter fadenscheinigen Ausreden für beendet erklärt. War es verwunderlich, dass sie heute morgen nicht gerade freundlich in die Welt blickte?

»Was haben Sie gegen meinen Brötchengeber?«, erkundigte sich Kaplan Hofer, ihren abweisenden Ton bewusst überhörend. »Hat Er Sie irgendwann einmal im Stich gelassen?«

»Als ich noch an Ihn glaubte, öfter«, versetzte Cornelia. »Und heute?« Sie zuckte die Schultern. »Was überall in der Welt geschieht, bestätigt mich nur in meiner Gewissheit, dass es keinen gerechten Gott geben kann. Würde Er sonst Krieg, Hungersnot und all das andere Elend auf dieser Erde zulassen?«

»Das ist ein Argument«, musste Kaplan Hofer zugeben.

»Nicht nur eines«, befand Cornelia. »Es gibt eine ganze Menge von Argumenten, die gegen Seine Existenz sprechen. Der Tag würde nicht ausreichen, um sie alle aufzuzählen.«

»Ich kann verstehen, dass Sie nicht gut auf Ihn zu sprechen sind«, meinte der Kaplan. »Gerade jetzt kommen sogar mir gewisse Zweifel. Wie kann Er es zulassen, dass sich Menschen sinnlos hinschlachten? Warum fährt Er nicht mit eiserner Faust dazwischen?«

»Genau das denke ich auch«, erwiderte Cornelia. »Dennoch hat Ihre Kirche schon die Waffen gesegnet, mit denen Kriege geführt wurden«, betonte Cornelia. »Und das auf beiden Seiten.«

»Die Kirche hat schon viele Fehler begangen«, räumte der Kaplan ein. »Aber vergessen Sie nicht: Auch sie wird von Menschen geführt. Errare humanum est, würde Pfarrer Kreutzer sagen. Irren ist nun mal menschlich.«

»Und was ist dann mit der Unfehlbarkeit des Papstes?«, begehrte Cornelia auf. »Ist nicht auch er bloß ein Mensch? Warum klammert er sich an uralte Dogmen, die längst überholt und widerlegt sind?«

»Das müssten Sie Seine Heiligkeit schon selbst fragen«, seufzte Kaplan Hofer. »Ich gehe auch nicht immer mit ihm konform.«

»Das habe ich schon gehört.« Es war das erste Mal, dass wieder so etwas wie ein Lächeln auf Cornelias apartem Gesicht erschien. »Den Superfrommen von Grüntal scheinen Sie sogar so etwas wie ein Dorn im Auge zu sein.«

»Ich kann damit leben«, versicherte der Kaplan. »Ohne meinen Glauben an Gott könnte ich dagegen nicht leben. Wie vermögen Sie es? An irgend etwas muss sich der Mensch doch klammern, wenn er in Not gerät?«

»Nützt es den Menschen in den Krisengebieten, dass sie sich an ihren Gott klammern?«, gab Cornelia zurück. »Nichts nützt es ihnen. Ganze Regionen sind praktisch zum Tode verurteilt!«

»Führt Gott oder führen Menschen Kriege?«

»Natürlich Menschen«, sagte Cornelia. »Aber Er hätte ihn verhindern können, wenn es Ihn gäbe.«

»Gott ist nicht dazu da, um Kriege zu verhindern«, erklärte Kaplan Hofer ernst. »So, wie die Welt ist, entspricht sie nicht dem Schöpfungsplan Gottes. Davon bin ich überzeugt. Vielleicht ist der Mensch tatsächlich eine göttliche Fehlkonstruktion? Vielleicht hätte Er ihm keinen Verstand schenken sollen, der ihm die Entscheidung zwischen Gut und Böse lässt? Aber könnten wir uns dann noch Menschen nennen?«

»Glauben Sie denn wirklich, dass ein Gott uns Menschen erschaffen hat?«, fragte Cornelia skeptisch. »Es gibt schließlich einige Theorien, die dagegen sprechen.«

»Es sind und bleiben nach wie vor Theorien«, antwortete Kaplan Hofer. »Was vor Urzeiten wirklich geschehen ist, vermag keiner eindeutig nachzuvollziehen. Außerdem bauen sich sämtliche Theorien auf zu vielen Zufällen auf.«

»Die aber durchaus wissenschaftlich nachvollziehbar sind.«

Sie konnten ihr interessantes Gespräch nicht fortsetzen, weil ein Klingelzeichen die Pause beendete.

»Es war nett, mit Ihnen zu plaudern«, sagte Kaplan Hofer, während sie Seite an Seite den Schulhof verließen, um in ihren jeweiligen Klassen den Unterricht fortzusetzen. »Vielleicht sollten

wir unsere Unterhaltung irgendwann einmal weiterführen. Ich bin jederzeit dazu bereit.«

Mit einem freundlichen Kopfnicken verabschiedete er sich von ihr und ließ eine sehr nachdenklich gewordene junge Frau zurück.

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Die Mitglieder der Bürgerinitiative parkten ihre Wagen am Waldrand und stiefelten los. Da es seit Tagen geregnet hatte, befand sich das Waldgelände, das die Umweltschützer begutachten wollten, in einem fürchterlichen Zustand. Der Boden war aufgeweicht, so dass die anrückenden Männer und Frauen bei jedem Schritt bis über die Knöchel einsanken. Heimlich fluchend, weil ja der Pfarrer dabei war, gelangten sie endlich zu dem Platz, wo die geplante Giftmülldeponie entstehen sollte. Die ehemalige Kiesgrube war bis an den Rand mit Wasser gefüllt.

»Und hierher wollen sie uns die Giftküche bauen?«, grollte Pfarrer Kreutzer mit zornigem Blick. »Ausgerechnet hierher? Der Boden ist wasserdurchlässig wie ein Schwamm. Wenn da mal eines der Giftfässer, die hier gestapelt werden sollen, durchrosten sollte und der Dreck in unser Grundwasser gelangt, können wir alle auswandern. Falls wir dazu überhaupt noch in der Lage sein sollten.«

Die Herren und Damen der Grüntaler Abordnung schauten sich bedeutungsvoll an und nickten bestätigend.

»Ich habe bei meinen Forschungen festgestellt, dass gerade hier in diesem Wald äußerst selten gewordene Vögel ihre Nistplätze haben«, mischte sich Konrad Falkner ein. »Es wäre ein Verbrechen, sie von hier zu verjagen.«

Konrad Falkner war Chefredakteur des Sonnbrunner Heimatboten, einer Zeitung, die sich in dieser hiesigen Gegend großer Beliebtheit erfreute. Die große Politik wurde im Sonnbrunner Heimatboten auf knapp zwei Seiten abgehandelt und war meistens noch von anderen abgeschrieben. Die restlichen zehn Seiten füllten Nachrichten aus dem Ortsgeschehen und dem Vereinsleben aller umliegenden Gemeinden. Es gab keine Veranstaltung, über die nicht lang und breit berichtet worden wäre, auch wenn sie noch so unwichtig war. Aber genau das wollten die Bürger lesen und wenn möglich, auch noch ein Bild von sich in der Zeitung sehen.

In seiner knapp bemessenen Freizeit betätigte sich Konrad Falkner als Heimatforscher. Er hatte sogar schon einige Bücher über seine Erkenntnisse geschrieben, die zwar selten einer kaufte, aber immerhin ... Wer sonst in Grüntal konnte sich rühmen, Bücher veröffentlicht zu haben?

Das Beste, das Konrad Falkner bis jetzt zustande gebracht hatte, war seine Tochter Cornelia. Auf sie war er stolz. Sie war sein Augapfel.

»Sehen Sie da vorn!«, rief Cornelias Vater. »Da sitzt ein Pyrrhula pyrrhula L. Hören Sie seine weichen Flötentöne?« Er ahmte sie nach. »Lüi! Lüi! Lüi!«

Die Herren und Damen der Bürgerinitiative waren fasziniert. Apotheker Lösch, der große Vorsitzende der Bürgerinitiative gegen die Giftmülldeponie, ging sogar noch einen Schritt weiter. Ganz genau wollte er diesen Vogel sehen. Er schlich sich auf Zehenspitzen an den Busch heran, auf dem der Pyrrhula pyrrhula L. saß. Er achtete nicht mehr auf den Untergrund, glitt aus und stürzte mit einer Art Todesschrei in den See. Das Wasser spritzte in die Höhe, und dann tauchte Hermann Lösch unter. Als er wieder hochkam, jammerte und prustete er gottserbärmlich.

»Plärren Sie doch nicht so, Herr Lösch!«, tadelte ihn Falkner ungnädig. »Sie verscheuchen mir ja den Vogel!«

»Ich habe keinen Grund!«, brüllte der Vorsitzende und paddelte verzweifelt mit den Armen. »Hilfe!«

»Ja, hilft ihm denn keiner?«, donnerte Pfarrer Kreutzers Stimme durch den Wald. Er hob einen Ast auf und machte Anstalten, an den Rand der Kiesgrube zu treten. Er wollte dem scheinbar Ertrinkenden den Ast reichen, damit er sich daran festklammern und man ihn an Land ziehen konnte.

»Er brauchte theoretisch nur die Beine herunterbaumeln zu lassen«, sagte Kurt Desch, der jahrelang als Vorarbeiter in dieser Kiesgrube gearbeitet hatte und als Sachverständiger zu diesem Rundgang hinzugezogen worden war. »Die Grube ist an dieser Stelle kaum mehr als eineinhalb Meter tief.«

Wurzer teilte dem Apotheker diese Erkenntnis mit, doch dieser war so sehr mit Paddeln und Schreien beschäftigt, dass er es gar nicht mitbekam.

»Alsdann!«, seufzte Wurzer, entledigte sich seiner Oberbekleidung und Schuhe und watete ins Wasser. »Verdammt, ist das kalt!«

Dann war er bei Hermann Lösch und stellte ihn auf die Beine.

»Das hätte ich wissen müssen«, staunte der Apotheker. »Warum hat es mir keiner gesagt?«

»Habe ich ja«, erwiderte Wurzer. »Aber Sie haben mir ja wieder mal, wie so oft, nicht zugehört. Doch jetzt nichts wie raus aus der Brühe. Sonst holen wir uns noch den Tod.«

An eine Fortsetzung des Geländeganges war selbstverständlich nicht mehr zu denken. Sie eilten zu ihren Autos, packten den vor Kälte zitternden und schnatternden Vorsitzenden der Bürgerinitiative in eine Wolldecke und fuhren auf dem schnellsten Weg nach Grüntal zurück.

Außer einem tüchtigen Schnupfen und einer Standpauke seiner holden Gattin wegen seines unverantwortlichen Verhaltens hinterließ Hermann Löschs unfreiwilliges Bad keinerlei Folgen bei ihm. Den Schnupfen kurierte er mit einigen Mittelchen aus seiner Apotheke, die Standpauke ließ er stumm über sich ergehen und überlegte dabei gottergeben, warum er diese Frau geheiratet hatte. Ob es tatsächlich Liebe gewesen war? Er konnte sich kaum mehr daran erinnern. Er wusste nur noch, dass ihren Eltern die Apotheke gehört hatte, die er heute sein Eigen nannte. Vielleicht war das der Grund gewesen?

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Einige Tage später rief Bürgermeister Wurzer im Pfarrhaus an und teilte Pfarrer Kreutzer mit, dass man ihnen für den nächsten Morgen eine Audienz im Umweltministerium gewährt habe.

»Ich hole Sie gegen neun Uhr ab«, schlug der Bürgermeister vor. »Wir können dann in meinem Wagen gemeinsam nach München fahren.«

Pfarrer Kreutzer nickte, obwohl das sein Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung gar nicht sehen konnte, und erklärte sich einverstanden.

Am nächsten Morgen stand Wurzer pünktlich mit seinem Wagen vor dem Pfarrhaus. Außer ihm saßen noch Konrad Falkner, Apotheker Lösch und Vroni Eberle im Auto.

Vroni Eberle war eine der beiden »roten Schwestern«. Diesen Spitznamen verdankten sie nicht irgendeiner Parteizugehörigkeit, sondern der Farbe ihrer Haare. Beide Damen galten im Dorf als bissige Ratschen, die ihre Nasen in alles hineinsteckten. Sie waren nicht sonderlich beliebt. Weshalb man Vroni trotzdem in den Vorstand der Bürgerinitiative gewählt hatte, blieb ein ewiges Geheimnis. Vielleicht hoffte man, ihr bösartiges Mundwerk als Waffe gegen die Giftmülldeponie einsetzen zu können. Schneidend wie ein Schwert war es und kaum weniger wirkungsvoll als ein Kugelblitz.

»Sie haben sich um dreieinhalb Minuten verspätet«, empfing sie den Pfarrer, nachdem dieser aus dem Pfarrhaus getreten war und sich neben Wurzer auf den Beifahrersitz geklemmt hatte. »Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige.«

»Ich bin aber kein König«, entgegnete Pfarrer Kreutzer, dem die rote Vroni so lieb wie Leibweh war, leicht verstimmt. »Sondern ein armer, geplagter Pfarrer, der auch noch andere Pflichten hat, als ständig auf die Uhr zu schauen. Guten Morgen, übrigens.«

»Jetzt sind es schon fünf Minuten«, stellte die rote Vroni vorwurfsvoll fest. »Wenn wir so weiter trödeln, kommen wir heute gar nicht mehr nach München.«

»Auf geht’s, Leute!«, befahl Pfarrer Kreutzer und verdrehte gottergeben die Augen. »Potius sero quam nunquam!«

»Amen«, sagte die rote Vroni und schlug das Kreuzzeichen.

Pfarrer Kreutzer grinste verstohlen. »Lieber spät als nie« hieß die deutsche Übersetzung des lateinischen Sprichworts, das er gebraucht hatte. Und das war weiß Gott kein Gebet. Aber woher sollte das die rote Vroni wissen? Sie hatte als ehemalige Lehrerin zwar sicher mal Latein gelernt, aber das musste Jahrhunderte her sein. Um sich nicht erneut ihrer spitzen Zunge auszuliefern, unterließ es der Pfarrer, sie aufzuklären.

Während der Fahrt besprachen sie die Strategie, mit der man im Umweltministerium vorgehen wollte. Bürgermeister Wurzer hatte bereits mehrere Gutachten besorgt, die eindeutig nachwiesen, dass die ehemalige Kiesgrube bei Grüntal keinesfalls der geeignete Ort für eine Giftmülldeponie war. So waren sie alle guten Mutes, die hohen Herren in München vom Wahnsinn ihres Vorhabens überzeugen zu können.

Der Herr Umweltminister selbst hatte keine Zeit, die Grüntaler Abordnung zu empfangen. Er schickte seinen Staatssekretär Dr. Franz Schwarzhuber an die Front.

Dr. Schwarzhuber mochte etwa so alt sein wie Konrad Falkner, also Anfang Fünfzig. Er war klein und rundlich und trug eine goldgefasste Brille auf der Nase, hinter der eisgraue, listige Äuglein blinzelten.

»Ich begrüße Sie, meine Dame und meine Herren«, sagte er mit einer Stimme, die offensichtlich noch vom letzten Wahlkampf gezeichnet war. Er stellte sich vor und schüttelte den Grüntalern der Reihe nach die Hand. Diese verbeugten sich artig und nannten ihm ebenfalls ihre Namen.

»Falkner?«, wiederholte da Dr. Schwarzhuber, als er den Chefredakteur des Sonnbrunner Heimatboten begrüßte, und schaute Cornelias Vater mit gerunzelter Stirn an. »Doch nicht etwa Konrad Falkner? «

»Habe ich mich in den vielen Jahren, die wir uns nicht sahen, so sehr verändert?«, gab Falkner zurück. »Ich habe dich gleich wiedererkannt, Franz, auch wenn du etwas in die Breite gegangen bist. Außerdem konnte ich deinen beruflichen Werdegang ja auch in den Nachrichten verfolgen.«

»Trotzdem hast du nie mehr etwas von dir hören lassen.« Dr. Schwarzhuber schüttelte vorwurfsvoll den Kopf und fuhr, sich an die anderen wendend, fort: »Sie müssen wissen, dass Konrad und ich einmal die besten Freunde waren. Wir sind zusammen aufgewachsen, haben gemeinsam die Schulbank gedrückt und sogar einige Zeit mit unseren Frauen im gleichen Haus gewohnt.«

»Mein Gott, wie lange ist das her?«, dachte Falkner laut nach. »Doch mindestens zwanzig Jahre.«

»Mehr«, meinte Dr. Schwarzhuber. »Dreiundzwanzig Jahre bestimmt. Ich weiß das so genau, weil kaum ein Jahr, nachdem ich aus beruflichen Gründen nach München ging, mein Sohn geboren wurde.«

»Ich weiß«, entfuhr es Konrad Falkner.

»Das weißt du?« Dr. Schwarzhuber runzelte erstaunt die Stirn. »Woher denn? Wir hatten uns doch, wenn ich mich recht entsinne, wegen einer politischen Meinungsverschiedenheit heftig zerstritten und jeglichen Kontakt zwischen unseren Familien abgebrochen.«

»So war es«, bestätigte Falkner. »Trotzdem hat uns deine Veronika später noch ein paarmal angerufen. «

»Ach ja?« Dr. Schwarzhuber lächelte unlustig. »Davon hat sie mir nie etwas erzählt.«

»Das kann ich mir vorstellen«, meinte Falkner. »Wütend, wie du damals auf mich warst, hättest du sie wahrscheinlich freihändig in der Luft zerrissen, wenn du erfahren hättest, dass sie noch immer mit uns telefoniert.«

»Mag sein«, räumte dann Dr. Schwarzhuber ein.

»Kathi und ich haben damals übrigens etwa zur gleichen Zeit auch ein Kind bekommen«, berichtete Falkner. »Unsere Tochter Cornelia.«

Das wusste auch wiederum Dr.1 Schwarzhuber längst, aber er hütete sich, auch nur ein Wort darüber zu verlieren.

»So spielt das Leben eben«, sagte er stattdessen. »Lang, lang ist’s her. Um so mehr freue ich mich, dich nach so vielen Jahren mal wiederzusehen.«

»Die Freude wird Ihnen bald vergehen«, bemerkte Pfarrer Kreutzer trocken. »Auch wenn Sie ein alter Spezi von Herrn Falkner sind. Unseren Wald lassen wir uns deshalb nicht von Ihnen nehmen!«

»Ach ja, richtig.« Jetzt wurde auch Dr. Schwarzhuber wieder sachlich. »Sie sind ja gekommen, um mir den Kopf abzureißen.«

»Wenn es beim Kopf allein bleibt«, zischte die rote Vroni, und selbst Pfarrer Kreutzer konnte sich kaum ein belustigtes Grinsen verkneifen.

Dr. Schwarzhuber geleitete die Grüntaler Abordnung in einen Konferenzraum und bat sie, an einem Tisch, der die Ausmaße eines mittleren Fußballfeldes hatte, Platz zu nehmen. Er selbst setzte sich ans Kopfende des Tisches.

»Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«, erkundigte er sich. »Einen Kaffee vielleicht?«

Dagegen hatte keiner etwas einzuwenden. Also griff der Herr Staatssekretär zum Telefon und beauftragte seine Vorzimmerdame, die Gesellschaft mit Kaffee und etwas Gebäck zu versorgen.

»Und?«, wandte er sich an Konrad Falkner. »Wie geht’s dir denn so, alter Junge?«

»Ich kann nicht klagen«, entgegnete Falkner. »Aber wir werden klagen, falls ihr nicht von dem unsinnigen Vorhaben abrückt, in unmittelbarer Nähe unseres Dorfes eine Giftmülldeponie errichten zu wollen.«

»Womit wir wieder beim Thema wären«, seufzte Dr. Schwarzhuber.

»Jawohl!«, rief Apotheker Lösch streitlustig. »Wir sind schließlich nicht gekommen, damit Sie Jugenderinnerungen mit Ihrem alten Freund Falkner austauschen können, sondern um Ihnen zu beweisen, dass Ihr Plan idiotisch ist.«

»Und wie wollen Sie das beweisen?«

Jetzt fühlte Bürgermeister Wurzer sich angesprochen. Er entnahm seinem Aktenkoffer die Gutachten, die er hatte anfertigen lassen, und überreichte sie dem Staatssekretär. Dieser nahm sie entgegen, blätterte sichtlich gelangweilt darin herum und legte sie dann wieder beiseite.

»Sie werden sich vorstellen können, dass auch wir uns diverse Gutachten über den künftigen Standort der geplanten Giftmülldeponie eingeholt haben«, erklärte er. »Wir stellten dieses Ding schließlich nicht irgendwo in die Landschaft hin, nur weil dort ein großes Loch im Erdboden vorhanden ist. Für so einfältig dürfen Sie uns wirklich nicht halten.«

»Ja, aber wie kommen Sie ausgerechnet auf Grüntal?«, wollte die rote Vroni wissen.

»Weil es dort die besagte Kiesgrube gibt, deren Untergrund nach Expertenaussage aus einer undurchlässigen Tonschicht besteht«, erwiderte der Staatssekretär. »Deshalb.«

»So, aus einer undurchlässigen Tonschicht soll der Untergrund unserer ehemaligen Kiesgrube also bestehen?« Pfarrer Kreutzer lachte sarkastisch. »Und wohin, bitte schön, fließt dann das Regenwasser ab? Die Grube müsste doch längst überlaufen, wenn der Boden tatsächlich undurchlässig wäre. Aber dem ist nicht so. Wenn es ein paar Wochen nicht geregnet hat, ist die Grube so gut wie trocken. Heiliger Strohsack, so sieht es doch aus. Von wegen undurchlässig! Dass ich nicht lache!«

»Wir werden Ihre Gegenargumente selbstverständlich einer genauen Prüfung unterziehen«, versprach Dr. Schwarzhuber. »Einer sehr genauen. Sollten sie sich allerdings als gegenstandslos erweisen, dann ...« Er hob die Schultern. »... werden Sie die Deponie bekommen.«

»Und wir werden sie nicht bekommen«, rief Apotheker Lösch und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Im Leben nicht!«

»Denk doch auch einmal an die Vögel«, mischte sich Konrad Falkner in das Streitgespräch.

Dr. Schwarzhuber sah ihn verständnislos an. »An welche Vögel?«

»An die, welche um die Kiesgrube herum nisten«, erklärte Falkner. »Es gibt dort noch einige in unserer Region sehr selten gewordene Exemplare.

»Genau«, pflichtete Apotheker Lösch ihm bei. »Sogar den Pyr ... Pyr ... Wie hieß dieser Sperling doch gleich?«

»Pyrrhula pyrrhula L.«, half ihm Falkner weiter.

»So ist es«, sagte der Apotheker. »Ich habe ihn selbst beobachten können.«

»Darauf können wir nun wirklich keine Rücksicht nehmen«, befand Dr. Schwarzhuber unwillig. »Irgendwohin müssen wir schließlich mit dem Abfall.«

»Aber nicht nach Grüntal!«, rief Bürgermeister Wurzer erregt. »Es gibt andere Gegenden in Deutschland, die besser geeignet sind als unsere Region. Laden Sie Ihren Dreck dort ab!«

»Dann werden die Leute dieser Region protestieren«, meinte da Dr. Schwarzhuber mit finsterer Miene. »Meine Herrschaften, das ist doch ein Fass ohne Boden. Wir profitieren schließlich alle von den Errungenschaften der modernen Chemie. Also müssen wir doch auch alle ein wenig Nachsicht zeigen, wenn es darum geht, deren Abfall zu beseitigen.«

»Ich pfeife auf die Errungenschaften der modernen Chemie«, grollte Pfarrer Kreutzer. »Ich dünge meinen Garten biologisch!«

»Ich sehe, es hat keinen Sinn mehr, noch länger mit Ihnen über dieses Thema zu diskutieren«, sagte Dr. Schwarzhuber. »Sollen sich unsere jeweiligen Experten darüber ihre klugen Köpfe zerreißen. Sie werden gewiss zu einer Lösung des Problems gelangen.«

»Gewiss«, knurrtePfarrer Kreutzer. »Aber die Lösung wird nicht Grüntal heißen.«

»Ich betrachte unsere Unterredung als beendet«,erklärte Dr. Schwarzhuber und erhob sich. »Schade, Konrad, ich hätte dich gern unter anderen Voraussetzungen wiedergesehen und mit dir geplaudert. Aber vielleicht können wir das ja ein andermal nachholen.«

»Das liegt allein an dir«, versetzte Konrad Falkner. »Wenn du dich bezüglich der Giftmülldeponie weiterhin für Grüntal einsetzt, werden wir kaum ein fröhliches Wiedersehen feiern können!«

Der Abschied verlief wesentlich kühler als der Empfang. Die Grüntaler waren verständlicherweise gar nicht zufrieden mit dem Verlauf dieser Besprechung. Wie das berühmte Hornberger Schießen war sie ausgegangen.

Und ihren Kaffee hatten sie auch nicht mehr bekommen.

Es war schon ein Kreuz mit diesen Großkopferten!

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7

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Das Leben in Grüntal nahm seinen gewohnten Verlauf. Kaum einer bekam mit, was sich hinter den Kulissen tat. Da gingen Briefe zwischen dem Umweltministerium und der Bürgerinitiative hin und her, die im Ton nicht immer von der allerfeinsten Art waren. Die des Ministeriums schon; die blieben sachlich. Grüntal dagegen kämpfte schon mal mit groben Worten.

Auch die Gutachter der beiden feindlichen Parteien gingen gnadenlos zum Angriff, bzw. Gegenangriff über. Gegensätzliche Meinungen prallten aufeinander. Die Argumente des anderen wurden genüsslich seziert und höhnisch widerlegt. Jeder hatte Recht und letztlich wieder keiner. Die Aktenordner füllten sich, und ein Ende war noch lange nicht abzusehen.

»Er kommt!«, verkündete Pfarrer Kreutzer in der Vorabendmesse am Samstagabend von der Kanzel. »Der Herr Staatssekretär Schwarzhuber kommt am nächsten Mittwoch nach Grüntal, um mit uns über die geplante Giftmülldeponie zu diskutieren. Wir wollen ihm einen würdigen Empfang bereiten. Ich kann mir nicht denken, dass sich auch nur einer von unseren Aktionen ausschließt!«

Etwas, das es in der altehrwürdigen Kirche von Grüntal noch nie gegeben hatte, ereignete sich nun: Man zollte dem Pfarrer stehend Beifall!

Und während Hochwürden mit zufriedener Miene die Kanzel verließ, glaubten etliche, aus dem Präludium, mit dem Bernd Keller, der Organist, vom Wort zum Opfergottesdienst überleitete, zumindest aus den Fußbässen Bizets »Auf in dem Kampf, Torero!« herauszuhören.

Pfarrer Kreutzers Worte fielen denn auch auf fruchtbaren Boden. Grüntal glich zwei Stunden, bevor die Herren des Umweltministeriums ihr Erscheinen angesagt hatten, einem Hexenkessel. Sogar das Fernsehen war da und filmte mit Vergnügen, was die Grüntaler sich hatten einfallen lassen. Und das war eine ganze Menge.

Alle Häuser hatten halbmast geflaggt. Manche hatten sogar schwarze Fahnen aufgezogen. Über den Straßen hingen Spruchbänder, auf denen die Meinung der Bürger klar und deutlich zu lesen war:

»Giftmüll nach Grüntal – das wär fies!«

»Grüntal = Giftwies.«

»Laden Sie den Giftmüll vor Ihrer eigenen Tür ab, Herr Staatssekretär!«

»Grüntal muss sauber bleiben!«

Vor der Mehrzweckhalle, in der die Aussprache stattfinden sollte, war ein Sarg aufgebaut. Ein Totenkopf lag auf seinem Deckel und grinste die Vorübergehenden gespenstisch an. Die Schulkinder trugen selbstgebastelte Gasmasken und hatten sich grässlich geschminkt. Es sah furchterregend aus. Und genau das sollte es ja bewirken.

Junge Leute der Bürgerinitiative heizten die Stimmung der Leute zusätzlich an. Sie verlasen über Lautsprecher Parolen und Kommentare, die den Befürwortern der Giftmülldeponie einen kalten Schauer nach dem anderen über den Rücken hätten laufen lassen, wären sie schon dagewesen.

Die Kapelle der Freiwilligen Feuerwehr von Grüntal intonierte den Trauermarsch von Chopin, ging aber, als die Leute nach einer Stunde Trauermarsch zu pfeifen begannen, zu flotteren Weisen über.

Dann kamen sie, der Herr Staatssekretär und seine Mitarbeiter. In einem schwarzen BMW fuhren sie vor. Als sie ausstiegen, empfing sie ein ohrenbetäubendes Pfeifkonzert.

Der Saal der Mehrzweckhalle hatte sich bald bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Grüntaler

standen sich gegenseitig auf den Füßen, und immer noch drängten welche von außen herein. So voll war es bis jetzt nicht mal am Fastnachtssamstag gewesen, wenn der traditionelle Maskenball des 1. SC Grüntal stattfand. Und das wollte schon etwas heißen! Der Maskenball des 1. SC war der in der ganzen Gegend und dementsprechend bekannt und beliebt. Heute waren mehr Leute gekommen.

»Meine Damen, meine Herren«, sagte Max Wurzer, der Bürgermeister, der als Ortsvorsteher die Ehre hatte, die Begrüßungsworte zu sprechen. »Ich freue mich, dass Sie so zahlreich erschienen sind, um zu bekunden, dass wir wie ein Mann, wie eine Frau gegen diese Giftmülldeponie stehen!«

Der Saal spendete frenetischen Beifall.

»Ich begrüße Herrn Staatssekretär Dr. Schwarzhuber und seine Mitarbeiter«, fuhr Wurzer fort. »Wir sind alle sehr interessiert, was sie uns bezüglich der Giftmülldeponie zu sagen haben. Bitte, Herr Staatssekretär.«

Dr. Schwarzhuber konnte zunächst gar nichts sagen. Man pfiff, trampelte und tobte. Der Hass, den die Grüntaler Bürger dem Mann entgegenbrachten, war unverkennbar. Dabei konnte er letztlich gar nichts dafür, war nur ein Diener seines Staates.

Dr. Schwarzhuber sah sich Hilfe heischend nach Pfarrer Kreutzer um, der selbstverständlich auch vorn am Podium saß und sich innerlich die Hände über die Reaktion seiner Grüntaler rieb. Von ihm, der für Liebe und Frieden zuständig war, erwartete er Beistand.

»Ruhe!«, rief Pfarrer Kreutzer denn auch und hob beschwichtigend die Hände. »Lassen wir ihn doch erst einmal reden, liebe Brüder und Schwestern im Herrn. Auspfeifen können Sie ihn später immer noch.«

Der Saal beruhigte sich, und Dr. Schwarzhuber konnte den Anwesenden endlich erklären, weshalb man im Umweltministerium nach wie vor der Meinung war, Grüntal wäre der geeignetste Ort für die geplante Giftmülldeponie. Er führte mehrere Gutachten an, die eindeutig dafür sprachen, und appellierte schließlich auch an die Vernunft der Bürger.

»Es kann Ihnen doch gar nichts passieren!«, rief er beschwörend. »Alle Vorsichtsmaßnahmen gegen eventuelle Giftunfälle werden getroffen. Sogar eine Plastikfolie werden wir zusätzlich über der undurchlässigen Tonschicht installieren, um alles auszuschließen, was durch unglückliche Umstände vielleicht doch geschehen könnte.«

»Also scheint die Tonschicht, die Sie als undurchlässig bezeichnen, doch nicht so undurchlässig zu sein, wie Ihre Experten behaupten«, warf der Bürgermeister ein. »Warum sonst diese Plastikfolie? Hören Sie doch auf, Herr Staatssekretär! Grüntal ist nicht der geeignete Standort für Ihre Giftküche! Sehen Sie es endlich ein!«

Der Saal tobte minutenlang. Dr. Schwarzhuber sah seine Mitarbeiter an und schüttelte den Kopf. Dann tippte er vielsagend mit dem Zeigefinger an die Stirn. Worauf das Volk sich noch mehr empörte. Nur unter Aufbietung aller anwesenden Polizeikräfte konnte der selbstsichere Schwarzhuber vor der aufgebrachten Menge geschützt werden.

»Okay!«, rief Dr. Schwarzhuber und hob beschwichtigend die Hände. »Lassen Sie uns sachlich bleiben.«

Aber man blieb nicht mehr sachlich. Im Gegenteil. Man fetzte sich nur noch so die Argumente und Gegenargumente um die Köpfe. Die Aussprache drohte zu einem Chaos auszuarten. In Grüntal war der Teufel los. Wer konnte da noch ruhig auf seinem Platz sitzen bleiben?

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8

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Cornelia Falkner hatte selbstverständlich auch an dieser geschichtsträchtigen Bürgerversammlung teilgenommen. Da sie sich etwas verspätet hatte, hatte sie nur noch einen Stehplatz ganz hinten in der Nähe der Tür gefunden. Sie hatte den Ausführungen der gegnerischen Parteien zunächst interessiert gelauscht, verließ dann aber, als die Streitereien in unflätige Beschimpfungen ausarteten, kopfschüttelnd den Saal, um draußen in Ruhe eine Zigarette zu rauchen.

Das Mädchen atmete tief durch, als es im Freien war, und setzte sich auf den Rand eines der großen Blumenkübel, mit denen der Vorplatz der Grüntaler Mehrzweckhalle geschmückt war. Sie fingerte sich ein Päckchen Zigaretten aus Ihrer Handtasche, zündete eine an und genoss sichtlich die ersten Züge. Erst jetzt bemerkte sie – und das sozusagen »durch die Blume«  –, dass auf der anderen Seite des riesigen, aus Waschbeton gefertigten Trogs bereits jemand saß und sie mit großen Augen fasziniert anstarrte.

Bei diesem Jemand handelte es sich um einen jungen, gutaussehenden Mann, der etwa so alt wie sie sein mochte. Er hatte dunkelbraunes, modisch geschnittenes Haar, trug einen dunkelblauen Anzug nebst passender Krawatte und kam ihr irgendwie bekannt vor. Plötzlich erinnerte Cornelia sich, wo sie ihn schon gesehen hatte.

Er hatte den Wagen des Staatssekretärs gesteuert, schien demnach sein Chauffeur zu sein.

»Hallo!«, grüßte er sie mit einer sympathisch klingenden Stimme.

Sie nickte flüchtig und nahm abwartende Haltung ein.

»Konnten Sie das dumme Geschwätz da drinnen auch nicht länger ertragen?«, fuhr er fort. »So etwas wollen gebildete Menschen sein! Damit meine ich jetzt beide Seiten. Es ist unglaublich!« Er erhob sich und trat zu ihr. ».Gestatten Sie, dass ich mich ein bisschen zu Ihnen setze?«

Cornelia erlaubte es ihm, und er ließ sich nieder.

»Was halten Sie denn von der ganzen Sache?«, versuchte er, ein Gespräch in Gang zu bringen.

»Ich bin natürlich auch gegen diese Giftküche«, erwiderte das Mädchen. »Es gibt gewiss geeignetere Orte dafür als ausgerechnet Grüntal. Sie denken sicher anders darüber. Schließlich gehören Sie zur Gegenpartei.«

»Ich gehöre weder zu der einen noch zu der anderen Partei«, beteuerte der junge Mann.

»Ja, aber Sie haben diese Leute doch gefahren.«

»Na und?« Der junge Mann zuckte die Schultern. »Deswegen muss ich doch noch lange nicht deren Meinung vertreten – oder?«

»Und wie stehen Sie nun wirklich dazu?«

»Sagen wir es mal so: Ich bin neutral. Wer letztlich die besseren Argumente hat, soll gewinnen.«

»Die haben wir!«, schnaubte Cornelia kampfeslustig.

»Mag sein.« Der junge Mann lächelte sie freundlich an. »Allerdings meint das die Gegenseite

auch. Gestatten Sie übrigens, dass ich mich vorstelle?«

»Warum?«, fragte Cornelia verstimmt. »Mich interessiert es nicht, wie Sie heißen.«

»Warum so kratzbürstig?«, wollte der junge Mann wissen. »Weil ich mich nicht eindeutig auf Ihre Seite schlage? Vielleicht kommt das ja noch, wenn wir uns erst mal besser kennengelernt haben.«

»Woher wollen Sie wissen, ob ich Sie überhaupt besser kennenlernen möchte?«

»Ich weiß es halt.« Er grinste vergnügt. »Weil ich nämlich ein netter, höflicher, sympathischer Mensch bin.«

»Und eingebildet sind Sie auch noch«, sagte Cornelia, aber bös war sie ihm eigentlich schon nicht mehr. »Dieses Adjektiv haben Sie bei der Aufzählung Ihrer Eigenschaften vergessen.«

»Ich habe noch etliche andere vergessen«, meinte der junge Mann treuherzig. »Mit Absicht. Sonst hätten Sie mich nämlich wirklich für einen arroganten Kerl halten können. Wie ist es jetzt? Wollen Sie mir nicht doch Ihren Namen nennen? Ich möchte halt immer gern wissen, mit wem ich es zu tun habe.«

»Also gut«, willigte das Mädchen ein. »Ich heiße Cornelia. Das soll genügen.«

»Angenehm, Cornelia.« Er deutete eine Verbeugung an. »Und ich bin der Peter. Damit wäre das geklärt. «

»Und was haben wir jetzt davon?«

»Nun«, entgegnete Peter strahlend. »Immerhin weiß ich jetzt, dass es in Grüntal ein wunderhübsches Mädel gibt, das Cornelia heißt und mich jetzt schon mehr als interessiert. Das ist doch schon etwas, oder?«

Cornelia war bei seinen Worten bis zu den Haarwurzeln errötet. Unwillig über sich selbst warf sie ihren Zigarettenstummel auf den Boden und trat ihn aus.

»Wollen wir unser Gespräch nicht in irgendeiner hübschen, kleinen Kneipe fortsetzen?«, erkundigte sich Peter. »Das da drinnen scheint ja noch ein paar Stunden zu dauern. Oder habt ihr in Grüntal keine gemütlichen Kneipen?«

»Wir haben sogar eine Disco«, klärte Cornelia ihren neuen Bekannten auf. »Die macht erst abends auf, und alle anderen Lokale haben wegen der Bürgerversammlung geschlossen und werden erst anschließend wieder geöffnet.«

»Dann fahren wir eben nach Sonnbrunn«, schlug Peter vor.

»Dürfen Sie das denn überhaupt?«, fragte Cornelia. »Einfach abhauen, meine ich. Es könnte ja sein, dass Ihr Boss vielleicht doch etwas früher abreisen möchte als Sie vermuten. Könnte es Sie nicht Ihre Stellung kosten, wenn er Sie dann nicht vorfindet?«

Peter lachte stillvergnügt. Das Mädel, das ihm so ausnehmend gut gefiel, schien ihn für einen biederen Chauffeur zu halten. Na schön, dann sollte sie auch bei diesem Glauben bleiben. Dass er Beamter im Innenministerium war und seinen Vater, den Staatssekretär Schwarzhuber, aus purer Gefälligkeit nach Grüntal kutschiert hatte, würde sie noch früh genug erfahren.

»Sie brauchen sich nicht um meine Stellung zu sorgen«, versicherte er ihr gut gelaunt. »Die behalte ich schon. Zumal wir bestimmt zurück sein werden, bis diese Versammlung zu Ende geht.«

»Sie müssen es wissen«, meinte Cornelia. »Schließlich ist es Ihr Job.«

»Darf ich das als Ihr Einverständnis verstehen?«

Das Mädchen nickte.

»Alsdann«, freute sich Peter. »Fahren wir nach Sonnbrunn.«

Er geleitete sie zum Wagen des Herrn Staatssekretärs, öffnete ihr die Beifahrertür und ließ sie einsteigen. Dann nahm er hinter dem Steuer Platz, ließ den Motor an und gab Gas. Das teure Auto setzte sich fast geräuschlos in Bewegung. Für Cornelia, die sich selbst nur ein gebrauchtes Miniwägelchen leisten konnte, war es ein völlig neues Fahrgefühl.

»Staatssekretär müsste man sein«, seufzte sie und lehnte sich behaglich in das weiche Polster ihres Sitzes.

»Tja«, entgegnete Peter. »Der eine hat’s halt und der andere nicht! So ist’s nun mal im Leben.«

Sie hatten das zehn Kilometer von Grüntal entfernte Sonnbrunn bald erreicht.

Am Marktplatz in der Innenstadt gab es mehrere gemütliche Lokale.

Sie entschieden sich für eine kleine Weinstube, traten ein und fanden in einer verschwiegenen Ecke ein lauschiges Plätzchen. Sie ließen sich nieder, gaben bei einer drallen Kellnerin ihre Bestellung auf und fühlten sich bald wie zu Hause.

»Ich denke, dies könnte unsere Stammkneipe werden«, meinte Peter und schaute Cornelia über den Tisch hinweg verliebt in die Augen.

Sie errötete, senkte den Blick und gab keine Antwort auf seine Anspielung.

»Warum schweigen Sie?«, wollte er wissen.

»Weil ich auf das, was Sie sagten, momentan noch keine Antwort weiß und auch gar nicht wissen möchte«, erwiderte sie leise. »Deshalb.«

»Gebranntes Kind?«, erkundigte er sich.

»Vielleicht«, antwortete sie. Dann nahm sie einen kleinen Schluck aus ihrem Weinglas und brachte das Gespräch auf ein anderes Thema.

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In der Mehrzweckhalle von Grüntal hatte die Stimmung unterdessen ihren Siedepunkt erreicht. Nachdem die Wortgefechte zwischen den Einheimischen und den Besuchern gar in persönlichen Beleidigungen gipfelten, glaubten ein paar Rowdys im Saal, man müsse den Worten endlich Taten folgen lassen. Bald war die schönste Keilerei im Gange. Wer hier eigentlich gegen wen kämpfte, war schließlich kaum mehr auszumachen.

»Liebe Mitbürger und Mitbürgerinnen«, versuchte Pfarrer Kreutzer die erhitzten Gemüter über die Saalanlage zu besänftigen. »So geht das doch nun wirklich nicht. Setzt euch bitte wieder auf eure Plätze und haltet Frieden! Bitte, liebe Mitbürger und Mitbürgerinnen, bitte!«

Selbst die Polizei war machtlos. Sie beschränkte sich schließlich darauf, den Bühnenaufgang zu verteidigen, damit wenigstens der Herr Staatssekretär und seine Mitarbeiter unbehelligt blieben. Nicht auszudenken, wenn einem von ihnen etwas passiert wäre.

»Lassen Sie mich ja in Ruhe!«, warnte Dr. Schwarzhuber, nachdem sich ein großer, blonder Mann dennoch an den Polizisten vorbeigemogelt hatte und zu ihm getreten war. »Ich werde Sie ins Zuchthaus bringen, wenn Sie handgreiflich werden.«

»Das habe ich nicht vor«, versicherte Kaplan Hofer. »Ganz im Gegenteil. Ich möchte Sie und Ihre Mitarbeiter hinausbringen. Es hat keinen Sinn, wenn Sie noch länger bleiben.«

»Ich hätte gar nicht erst herkommen sollen«, meinte Dr. Schwarzhuber finster. »In diesem Dorf der Wilden und Unbelehrbaren war jedes Wort verschwendete Zeit. Wo kommen wir raus?«

Zum Glück gab es einen Bühnenausgang. Durch diesen führte sie Kaplan Hofer, und die Vorstandsmitglieder der Bürgerinitiative, unter ihnen auch Pfarrer Kreutzer, schlossen sich ihnen an. Kurz darauf standen sie im Freien.

»Vielen Dank, junger Mann«, sagte Dr. Schwarzhuber aufatmend und reichte dem Kaplan die Hand. »Sie scheinen der einzige vernünftige Mensch in ganz Grüntal zu sein. Darf ich erfahren, mit wem ich das Vergnügen habe?«

Der junge Geistliche nannte ihm seinen Namen.

»Kaplan Hofer also«, wiederholte Dr. Schwarzhuber, nickte zustimmend und wandte sich dann an den Pfarrer: »Sie sollten sich an ihm ein Beispiel nehmen, Hochwürden. Er verhält sich, wie sich ein Mann der katholischen Kirche zu verhalten hat. Liebe deinen Nächsten! verkündet ihr immer salbungsvoll von der Kanzel. Davon habe ich bei Ihnen nichts bemerkt, Herr Pfarrer.«

»Bei Ihnen fällt es einem aber auch verdammt schwer, sich an dieses Bibelwort zu halten«, versetzte Kaplan Hofer anstelle seines Vorgesetzten. »Ich habe Sie zwar vor dem Volkszorn gerettet, dies aber weniger aus Liebe, sondern aus Sorge vor den Folgen getan.«

»Mit denen Sie – und damit meine ich die Bürger von Grüntal – auf jeden Fall zu rechnen haben werden«, drohte Dr. Schwarzhuber.

»Und weshalb?«, wollte Konrad Falkner wissen. »Ist dir oder deinen Leuten vielleicht irgend etwas geschehen?«

»Das nicht«, musste nun Dr. Schwarzhuber widerwillig zugeben. »Aber es hätte uns leicht etwas passieren können. Ein Stuhlbein hat meinen Kopf nur um Zentimeter verfehlt. Ich könnte tot sein!«

»Heiliger Strohsack, Sie sind es aber nicht«, stellte Pfarrer Kreutzer bissig klar. »Und im Übrigen sind Sie doch selbst mit daran schuld, dass es zu diesen Ausschreitungen gekommen ist.«

»Iiich?«, rief Dr. Schwarzhuber gedehnt und rollte wütend die Augen. »Wer hat denn mit den persönlichen Beleidigungen begonnen? Das war Ihr sauberer Herr Falkner! Uralte Geschichten, die wirklich nicht zur Sache gehörten, hat er aufs Tapet gebracht.«

»Der Gaul ist halt mit mir durchgegangen«, entschuldigte sich Konrad Falkner kleinlaut. »Tut mir leid!«

»Tut mir leid! Tut mir leid!«, äffte ihn Dr. Schwarzhuber nach. »Was habe ich davon, dass es dir jetzt leid tut? Wo morgen vermutlich in allen Zeitungen stehen wird, dass ich während meiner Studentenzeit ein Mädchen nach dem anderen geschwängert und dann sitzengelassen hätte. Eine Behauptung, die jeder Grundlage entbehrt! Wenn Veronika diesen Unsinn liest, kann ich mich als bayerischer Botschafter in die Hintere Mongolei versetzen lassen.«

»Ich habe das erst behauptet, nachdem du mir unterstelltest, ich wäre in meinen jungen Jahren Mitglied der kommunistischen Partei und sogar verantwortlicher Redakteur für deren Zeitung gewesen«, verteidigte sich Falkner. »Ich war nie Mitglied der kommunistischen Partei, habe nicht einmal mit ihr sympathisiert!«

»Und ich habe niemals irgendwelche Kinder in die Welt gesetzt«, rief Dr. Schwarzhuber. »Außer meinem Sohn, natürlich!«

»Nun streiten Sie sich doch nicht schon wieder«, mahnte Kaplan Hofer. »Vielleicht gibt es ja doch einen Weg, sich auf friedliche Weise zu einigen.«

»Den gibt es«, versetzte Doktor Schwarzhuber. »Sie brauchten sich bloß nicht so bockbeinig zu stellen, und schon wäre alles wieder in bester Ordnung.«

»Bockbeinig?«, rief Bürgermeister Wurzer empört. »Wer stellt sich denn bockbeinig? Sie sind es doch, meine Herren vom Umweltministerium, die auf stur geschaltet haben und nicht einsehen wollen, dass unsere Gutachten die vernünftigeren sind!«

»Geht das denn schon wieder los!«, beklagte sich Pfarrer Kreutzer. »Ich meine, wir hätten uns heute schon lange genug darüber herumgestritten!«

»So ist es«, pflichtete Doktor Schwarzhuber ihm bei. »Mir ist jegliche Lust vergangen, noch länger mit euch Grüntaler Dickköpfen zu diskutieren. Es bringt eh nichts.« Er wandte sich an einen seiner Mitarbeiter. »Käfer, kümmern Sie sich um unseren Wagen. Sehen Sie zu, dass er möglichst schnell hier vorfährt.«

»Geht nicht«, sagte Kaplan Hofer. »Ihr Wagen ist nämlich nicht mehr da!«

»Haben sie ihn ...« Der Doktor Schwarzhuber schluckte. »... in die Luft gesprengt?«

»Natürlich nicht«, entgegnete Kaplan Hofer. »Ihr Chauffeur ist, wie ich beobachten konnte, mit einem hiesigen Mädchen fortgefahren.«

»Himmelsakrazementhalleluja!«, tobte Dr. Schwarzhuber. »Wie kommt mein sauberer Herr Sohn dazu, mir einfach meinen Wagen zu klauen, um sich mit irgendeinem Grüntaler Flittchen einen schönen Abend zu machen! Na warte, wenn er zurückkommt! Der kann sich auf etwas gefasst machen!«

»Es war durchaus kein Flittchen, mit dem Ihr Sohn sich abgesetzt hat«, versicherte Kaplan Hofer. »Sie ist ein patentes, gescheites Mädchen, das ich sehr schätze; die Tochter von Herrn Falkner nämlich.«

Konrad Falkner glaubte, seinen Ohren nicht trauen zu dürfen. »Meine Tochter?«, ächzte er. »Meine Tochter ist mit Herrn Schwarzhubers Sohn fortgefahren?«

Kaplan Hofer nickte. »Wenn es sich bei dem Fahrer, wie Herr Doktor Schwarzhuber behauptet, um seinen Sohn handelt, dann ist es so.«

»Aber das darf doch nicht wahr sein!«, rief Konrad Falkner aufgeregt.

»Und warum nicht?«, wollte Kaplan Hofer wissen. »Wenn die Väter Streit miteinander haben, muss das doch nicht bedeuten, dass sich auch die Jungen spinnefeind sind. Wir leben schließlich nicht mehr im Mittelalter.«

»Trotzdem«, knurrte Falkner. »Ich würde es nie und nimmer zulassen, dass sich meine Tochter mit dem Sohn eines Herrn abgibt, der uns eine Giftküche in unseren Wald bauen möchte.«

»Sehr richtig!«, murmelten einige Damen und Herren der Bürgerinitiative zustimmend. Pfarrer Kreutzer enthielt sich der Stimme.

»Mein Sohn und ein Mädchen aus Grüntal!«, ächzte Doktor Schwarzhuber entsetzt. »Das überlebe ich nicht!«

»Ich fand, dass sie ein hübsches Paar abgeben«, sagte der Kaplan.

»Ein Paar!«, erregte sich Falkner. »Genau das ist es, was wir verhindern müssen!«

»Dann sind wir ausnahmsweise mal einer Meinung«, pflichtete Dr. Schwarzhuber ihm bei. »Deshalb müssen wir sie trennen, bevor es zu spät ist!«

»Ja, aber wo mögen sie sein?«

»In Grüntal mit Sicherheit nicht«, stellte Pfarrer Kreutzer in den Raum. »Bei uns haben heute alle Kneipen geschlossen. Vielleicht sind sie nach Sonnbrunn gefahren. «

»Also, dann auf nach Sonnbrunn!«, rief Dr. Schwarzhuber.

»Und wie?«, fragte Falkner. »Mein Wagen ist zur Zeit in der Werkstatt. Und mit deinem sind sie verduftet.«

»Ich fahre Sie«, erklärte sich Kaplan Hofer bereit. »Ich verstehe zwar nicht, weshalb sie die beiden unbedingt trennen wollen, aber ich tue es trotzdem. Vorher geben Sie wahrscheinlich doch keine Ruhe. Und vielleicht ist es auch besser, wenn eine neutrale Person wie ich dabei ist, falls wir die jungen Leute tatsächlich finden sollten.«

»Ich mache Hackepeter aus meiner Tochter!«, kündigte Konrad Falkner voller Zorn an.

»Eben«, erwiderte der Kaplan lächelnd. »Genau das möchte ich möglichst verhindern.«

Er lieh sich, da er selbst kein Auto besaß, den Kleinwagen der Kirchenmaus und verfrachtete die beiden besorgten Väter hinein. Mit Gesichtern, die nichts Gutes verhießen, machten sie sich auf den Weg.

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Peter Schwarzhuber und Cornelia Falkner waren sich in der vergangenen Stunde erheblich nähergekommen. Da sie das Thema Giftmülldeponie aussparten, war kein böses Wort mehr zwischen ihnen gewechselt worden. Sie hatten festgestellt, dass sie viele gemeinsame Interessen verbanden, hatten über dieses und jenes geplaudert und schließlich sogar Brüderschaft getrunken.

»War das alles?«, fragte Peter enttäuscht, als Cornelia es nach dem Trinken bei einem freundschaftlichen Händedruck belassen wollte. »Meines Wissens gehört zu dieser Zeremonie ein Kuss.«

»Wenn du glaubst, dass ich dich hier in aller Öffentlichkeit küsse«, erwiderte Cornelia errötend, »dann glaubst du verkehrt.«

»Aber der Kuss gehört nun mal dazu«, beharrte Peter auf seiner Meinung. »Besonders, wenn eine Frau und ein Mann Brüderschaft trinken. Sonst gilt es nämlich nicht. Und es ist ja auch nichts gegen ein freundschaftliches Küsschen einzuwenden.«

Cornelia ließ sich überreden und willigte ein, mit Peter den Brüderschaftskuss auszutauschen. Also setzte er sich neben sie, legte seinen Arm um ihre Schultern und suchte mit seinem Mund ihre süßen Lippen.

Es wurde ein etwas längerer Kuss daraus; viel länger, als es zur Besiegelung des vertrauten Du nötig gewesen wäre.

Und genau in diese Szene platzten die beiden empörten Väter!

Sie hatten die jungen Leute nicht lange suchen müssen. Kaplan Hofer hatte, einem Instinkt nachgebend, zuerst den Marktplatz angesteuert. Dort hatten sie denn auch vor dem bewussten Lokal Dr. Schwarzhubers Wagen stehen sehen. Dann waren die beiden Väter in die Weinstube gestürmt. Kaplan Hofer folgte ihnen, um notfalls beschwichtigend eingreifen zu können.

»Dort hinten sitzen sie«, rief Dr. Schwarzhuber und deutete mit zornig blitzenden Augen auf ein Pärchen, das sich gerade in den Armen hielt und zärtlich küsste. »Und sie knutschen!«

»Denen wird die Knutscherei gleich vergehen!«, kündigte Konrad Falkner genauso wütend an. »Und wie sie ihnen vergehen wird.«

Im Nu waren die beiden Herren bei ihren Kindern und zerrten sie grob auseinander. Bevor Kaplan Hofer es verhindern konnte, klatschte es zweimal. Dann wurde es totenstill im Lokal. Selbst die Fliegen schienen die Luft anzuhalten.

»Bist du von allen guten Geistern verlassen!«, zischte Cornelia und rieb sich die getroffene Wange. »Warum schlägst du mich?«

»Ich ... ich ...«, stotterte ihr Vater. Er selbst war wohl am meisten darüber erschrocken, dass er für einen Moment die Beherrschung verloren und seine Tochter geohrfeigt hatte. Wie gern hätte er es ungeschehen gemacht. »Es ... es tut mir leid!«

Dem Staatssekretär erging es kaum anders als seinem früheren Freund Konrad Falkner. Er bereute inzwischen von Herzen, dass er zugeschlagen hatte, und fühlte sich plötzlich gar nicht mehr wohl in seiner Haut.

»Komm«, krächzte er heiser, fasste seinen Sohn am Arm und versuchte, ihn aus der Weinstube zu ziehen. »Nun komm doch endlich! «

»Erlaube mal!«, rief Peter empört und schüttelte die Hand seines Vaters ab. »Ich verlange auf der Stelle eine Erklärung von dir, weshalb du mich geohrfeigt hast!«

»Das erkläre ich dir draußen«, entgegnete Dr. Schwarzhuber matt. »Bitte, Peter, komm mit!«

Er schaute sich peinlich berührt um. Es gab keinen im Lokal, der das Geschehen nicht interessiert beobachtet hätte. Jeder spitzte die Ohren, damit ihm ja nichts entging.

»Nun kommt schon!«, drängelte auch Konrad Falkner. »Müssen wir uns denn unbedingt vor all diesen Leuten auseinandersetzen?«

»Daran hättet ihr früher denken sollen«, meinte Cornelia verärgert. »Jetzt ist es eh zu spät. Also, Paps, was wird hier gespielt? Warum bist du gegen Peter? Und weshalb ist der Herr Staatssekretär gegen mich?«

»Können Sie sich das nicht denken?«, mischte sich Kaplan Hofer ein. »Ist Ihnen nicht aufgefallen, dass der Herr Staatssekretär und Ihr Begleiter den gleichen Namen tragen?«

»Nein«, entgegnete Cornelia. »Wir haben uns nur mit unseren Vornamen vorgestellt.« Sie wandte sich an Peter. »Soll das heißen, dass du ...«

»Ja, er ist sein Sohn«, platzte Konrad Falkner dazwischen.

»Du bist der Sohn des Staatssekretärs?«, wiederholte Cornelia bass erstaunt. »Ja, aber warum hast du mir das denn nicht gleich gesagt?«

»Weil du es gar nicht wissen wolltest«, antwortete Peter. »Als ich mich vorstellen wollte, hast du dich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt. Und es war ja auch ganz amüsant, mal für den Chauffeur meines Vaters gehalten zu werden.«

»Ich wünschte mir, du wärst tatsächlich nichts anderes als der Chauffeur deines Vaters«, murmelte Cornelia. »Denn jetzt kapiere ich den Sinn ihres verabscheuungswürdigen Auftritts eben. Es passt ihnen nicht in den Kram, dass sich Mitglieder der beiden verfeindeten Lager anfreunden! Eine Art Romeo-und-Julia-Spiel wollen sie inszenieren. Aber in diesem Spiel spiele ich nicht mit.«

»Denkst du vielleicht, ich?«, entgegnete Peter.

»Dann lass uns verschwinden«, schlug Cornelia vor. »Und das auf dem schnellsten Weg.«

Sie schnappte sich mit der einen Hand ihre Handtasche, mit der anderen Peter und zog ihn aus dem Lokal. Wie vom Donner gerührt schauten ihnen Konrad Falkner und Dr. Schwarzhuber nach.

»Sie lassen uns einfach stehen!«, stöhnte Dr. Schwarzhuber. »Wie dumme Buben lassen sie uns stehen.«

»Worauf warten wir noch?«, rief Konrad Falkner. »Ihnen nach!«

»Lassen Sie die jungen Leute doch in Ruhe«, mahnte der Kaplan. »Sie sind beide volljährig und wissen sicher selbst, was sie zu tun haben oder nicht.«

Es hatte keinen Sinn. Doktor Schwarzhuber und Konrad Falkner ließen sich nicht länger zurückhalten und eilten zur Tür.

»Halt!«, rief da der Wirt und stellte sich ihnen breitbeinig in den Weg. »Sie müssen erst noch die Rechnung der beiden jungen Herrschaften begleichen.«

»Ich habe kein Geld bei mir«, erklärte der Staatssekretär verstört. »Nicht einen Pfennig.«

»Und Sie?« Der Wirt krempelte seine Ärmel hoch und zeigte den beiden Männern seine muskulösen Arme. »Haben Sie auch kein Geld dabei?«

»Wie viel macht es denn?«, erkundigte sich Konrad Falkner.

Der Wirt winkte der Kellnerin und ließ sich den Betrag nennen.

Falkner seufzte tief, denn er war geizig wie ein Schotte, zückte seine Geldbörse und beglich die Rechnung. Bis auf den letzten Pfennig ließ er sich das Wechselgeld herausgeben.

»Jetzt aber nichts wie raus!«, tönte Dr. Schwarzhuber. »Sonst entwischen Sie uns wieder.«

Sie waren ihnen entwischt. Und auch das Auto des Staatssekretärs war wieder verschwunden. Kaplan Hofer lachte schadenfroh und freute sich für Peter und Cornelia.

»Und was jetzt?«, fragte Konrad Falkner.

»Jetzt fahren wir nach Grüntal zurück«, erklärte Kaplan Hofer gelassen.

»Ja, aber wir können doch nicht ... Wir müssen doch ...«, stammelte Dr. Schwarzhuber. »Wenn die nun ...«

»Schluss der Debatte«, fiel ihm Kaplan Hofer ins Wort. »Ich habe keine Lust, noch länger den Detektiv zu spielen. Außerdem werden sie Sonnbrunn vermutlich längst hinter sich gelassen haben. Wo also sollten wir jetzt noch suchen? Bayern ist groß. Wir haben gar keine andere Wahl, als nach Hause zu fahren.«

Und das taten sie denn auch, obgleich die finsteren Mienen der beiden Väter verrieten, dass sie lieber weitergesucht hätten.

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Cornelia und Peter hatten die Weinstube verlassen und waren wieder in den Wagen des Staatssekretärs gestiegen. Auf ihre Herren Väter zu warten, kam ihnen nicht in den Sinn. Mit denen hatten sie momentan gebrochen. Also fuhren sie los.

»Du hättest mir ruhig verraten können, dass du der Sohn des Staatssekretärs bist«, maulte Cornelia nach einer Weile.

»Wärst du dann noch mitgekommen?«, wollte Peter wissen. »Wo du mich doch als Feind hättest betrachten müssen.«

»Jetzt fang du bloß auch noch an«, beklagte sich Cornelia. »Genügt es nicht, dass unsere Väter sich wie Deppen benehmen? Ich bin gegen die Giftmülldeponie, das weißt du. Aber es auf diese Art und Weise auszufechten, finde ich kindisch und erwachsener Menschen unwürdig.«

»Du hast recht«, pflichtete Peter ihr bei. »Besonders jetzt, da sie auch uns noch in ihren verdammten Streit einbeziehen wollen.«

»Das meine ich ja«, entgegnete Cornelia. »Aber jetzt gerade erst recht!«

»Nur deshalb?«, erkundigte sich Peter. »Oder magst du mich inzwischen vielleicht auch aus anderen Gründen? Ich liebe dich nämlich! Es mag blöd klingen, aber es ist die Wahrheit!«

»Hör doch auf«, bat Cornelia. »Wir kennen uns kaum zwei Stunden, und schon sprichst du von Liebe. Das nehme ich dir einfach nicht ab. Ihr Männer wollt doch alle nur das eine: Händchen halten, Küsschen geben und dann nichts wie ab in die Heia! Das kennt man doch!«

»Ich meine es anders«, beteuerte Peter. »Ich habe mich tatsächlich in dich verliebt. Wann heiraten wir? «

Cornelia lachte laut. »Du spinnst«, befand sie. »Ich heirate doch keinen wildfremden Mann.«

»Man heiratet immer wildfremde Leute«, meinte Peter. »Also? Wie sieht es aus mit uns beiden?«

»Du bist ein Schafskopf«, erwiderte Cornelia. »Nach zwei Stunden ein Heiratsantrag? Das finde ich wirklich etwas übertrieben.«

»Ich meine es ernst. Oder bist du anderweitig gebunden?«

»Würde ich dann mit dir durch die Gegend gondeln?«, gab Cornelia zurück. »Jetzt bleib endlich mal auf dem Boden, Peter. Gut, wir können uns gern wiedersehen, und vielleicht passen wir ja auch wirklich ganz gut zueinander. Aber das muss doch die Zeit erst entscheiden. Ich finde dich ganz sympathisch ...«

»Mehr nicht?«, unterbrach er sie.

»Ach, du Dummer.« Cornelia lachte und streichelte ihm sanft übers Haar. »Also gut: Ich mag dich. Aber ob das die Liebe ist, die bekanntlich für ein ganzes Leben halten soll, vermag ich nach zwei Stunden wirklich nicht zu sagen. Gib uns einfach noch ein wenig Zeit. Bitte!«

»Okay«, brummte Peter. »Dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich mir sicher bin, dich zu lieben. Aber wie du willst: Reden wir vorerst nicht mehr davon.«

»Es ist besser«, meinte Cornelia. »Wohin fährst du eigentlich?«

»Nur weit weg von den Alten«, erwiderte Peter. »Was hältst du von Regensburg?«

»Warum nicht?«, entgegnete Cornelia. »Fahren wir halt nach Regensburg!«

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Die Bürgerversammlung in der Grüntaler Mehrzweckhalle hatte sich mittlerweile mehr oder weniger freiwillig aufgelöst. Die Streithähne hatten sich auf die verschiedenen Gasthäuser verteilt, die jetzt wieder geöffnet hatten, und führten dort ihre erregten Diskussionen weiter. Am Stammtisch wurde schon immer die bessere Politik gemacht. Dort wusste man für alles einen Ausweg. Die hohen Herren in der Regierung wollten das nur nicht einsehen. Sie hätten sich mal an einen Stammtisch setzen sollen.

Im Rathaus befanden sich nur noch Dr. Schwarzhubers Mitarbeiter, der Bürgermeister und Pfarrer Kreutzer. Die anderen Mitglieder der Bürgerinitiative hatten sich inzwischen ebenfalls nach Hause oder in die nächste Kneipe begeben. Der harte Kern war unter sich.

Dr. Schwarzhuber wollte es seinen Mitarbeitern nicht zumuten, noch länger auf die Rückkehr seines Sohnes zu warten. Er genehmigte ihnen ein Taxi nach München. Was waren sie erleichtert, und wie sehr dankten sie es ihrem Herrgott, als sie das Ortsschild des so ungemein kampfwütigen Dorfes endlich unbeschadet passiert hatten.

Dr. Schwarzhuber blieb in Grüntal und wollte hier die Rückkehr seines Sohnes ab warten.

»Aber nicht mit mir«, erklärte Bürgermeister Wurzer. »Ich bin hundemüde und möchte in mein Bett.«

»Das möchte ich auch«, sagte Kaplan Hofer, und Pfarrer Kreutzer war ausnahmsweise mal ganz seiner Meinung. »Wer weiß, wann die beiden zurückkommen. Sauer, wie sie momentan auf Sie sind, werden sie sich einen Spaß daraus machen, Sie möglichst lange warten zu lassen.«

»Die meisten Kneipen schließen um eins«, rechnete Konrad Falkner vor. »Sehr viel später kann es also nicht werden. Zumal Cornelia morgen auch wieder beizeiten aufstehen muss.«

»Wäre ich doch mit meinen Mitarbeitern gefahren!«, klagte Doktor Schwarzhuber. »Es wird ja früher Morgen, bis ich nach Hause komme! Wenn überhaupt! Denn vielleicht nimmt mein feiner Herr Sohn ja auch an, dass wir längst mit dem Zug oder einem Taxi nach München zurückgereist sind. Ich kann mich doch nicht stundenlang vor die Halle stellen und darauf hoffen, dass er irgendwann erscheint.«

»Ich mach dir einen Vorschlag«, sagte Konrad Falkner. »Du kommst mit mir nach Hause. Dort wird Peter mit Sicherheit aufkreuzen, weil er ja Cornelia abliefern muss. Und wenn es dir zu spät wird, kannst du auch in unserem Gästezimmer schlafen. Kathi wird sich sicher freuen, dich nach so langer Zeit mal wiederzusehen.«

»Meinst du?«, gab Dr. Schwarzhuber skeptisch zurück.

»Bestimmt«, vermutete Falkner. »Den Streit hatten damals ja wir, die Männer, und nicht unsere Frauen.«

»Und wir haben ihn eigentlich schon wieder«, meinte dann der Dr. Schwarzhuber. »Trotzdem lädst du mich zu dir nach Hause ein. Wenn das mal gutgeht.«

»Wir vereinbaren für heute Abend einen Waffenstillstand«, schlug Falkner vor, »und verpflichten uns, kein Wort über die Giftmülldeponie zu verlieren. Kathi kann dieses Thema ohnehin fast schon nicht mehr hören.«

Dr. Schwarzhuber erklärte sich mit allem einverstanden. Also verabschiedeten sie sich von den beiden Geistlichen und dem Bürgermeister und begaben sich nach Hause zu den Falkners.

Kathi Falkner saß im Wohnzimmer vor dem Fernseher, beschäftigte sich nebenher noch mit einer Handarbeit und knabberte gesalzene Erdnüsse. Sie war eine Frau Ende Vierzig und, wenn auch im Laufe der Jahre etwas fülliger geworden, immer noch recht ansehnlich. In ihrem hübschen Gesicht gab es noch keine Falte, und aus ihren dunkelblonden Locken schimmerte auch noch keine einzige silberne Strähne hervor. Letzteres war allerdings ein Verdienst der Pfanndl-Susi, die in Grüntal einen Damenfriseursalon betrieb.

»Schau mal, wen ich mitgebracht habe!«, rief Konrad Falkner, während er seinen Gast ins Wohnzimmer geleitete. »Erkennst du ihn noch?«

Kathi erhob sich und blickte Dr. Schwarzhuber nachdenklich an. Plötzlich schien der Groschen bei ihr zu fallen.

»Der Franzl!«, sagte sie. Eine feine Röte überzog ihr Gesicht, und man konnte sogar den Eindruck gewinnen, dass sie fast ein wenig über dieses unverhoffte Wiedersehen erschrak. »Nein, ist das aber eine Überraschung!«

Kathi hatte an der Bürgerversammlung nicht teilgenommen, aber sie wusste natürlich von ihrem Mann, dass es sich bei diesem spinnerten Staatssekretär um ihren alten Freund Franz Schwarzhuber handelte. Persönlich zu Gesicht bekommen hatte sie ihn aber seit damals nicht mehr.

Und jetzt stand er mit einem Mal leibhaftig vor ihr. Eine Zeit, die sie längst vergessen glaubte, kehrte in einem Sekundenschlag zurück. Ihr wurde abwechselnd kalt und heiß.

»Grüß dich, Kathi«, sagte nun Dr. Schwarzhuber leise und reichte ihr die Hand. »Damit hättest du wohl nicht gerechnet, was?«

»Nein, damit hätte ich weiß Gott nicht gerechnet«, gab sie zu. »Was verschafft uns die Ehre deines unerwarteten Besuches?«

Ihr Mann erzählte ihr mit wenigen Worten, was geschehen war. Kathis Augen begannen nervös zu flackern, und die gesunde Farbe ihrer Wangen wurde um etliche Nuancen blasser.

»Aber setzt euch doch, Kinder«, sagte Konrad Falkner jovial. »Ich muss jetzt erst noch mal für kleine Buben, und dann hole ich uns ein gutes Fläschchen Wein aus dem Keller.« Schon war er aus dem Zimmer.

»Mein Gott, Franzl, das darf doch nicht wahr sein!«, ächzte Kathi, nachdem ihr Mann verschwunden war. »Meine Cornelia und dein Peter! Hoffentlich funkt es zwischen den beiden nicht; denn natürlich darf niemals ein Paar aus ihnen werden! Wir können schließlich nicht ...«

»... den Bruder die Schwester heiraten lassen«, fiel Dr. Schwarzhuber ihr mit düsterer Miene ins Wort. »Warum sonst bin ich hinter ihnen her? Doch nicht, weil das Mädel aus Grüntal ist. So albern bin ich nun wirklich nicht.«

»Es ist halt schon etwas Wahres dran an dem Spruch, dass sich Sünden irgendwann rächen«, klagte Kathi. »Wie konnte uns das damals aber auch passieren, wo wir doch beide glücklich verheiratet waren?«

»Wie so etwas halt passiert, wenn man vom Arzt dummerweise in den gleichen Ort und zur selben Zeit in Kur geschickt wird«, versetzte Dr. Schwarzhuber. »Vier Wochen waren wir praktisch Tag und Nacht zusammen.«

»Plus vierzehn Tage Nachkur«, erinnerte sich Kathi. »Trotzdem hätten wir stark bleiben müssen. Ich könnte mich heute noch dafür ohrfeigen, dass ich deinem Werben damals nachgegeben habe.«

»Wir waren jung«, versetzte da Dr. Schwarzhuber, »und es war Frühling. Die Nächte waren lau,

und in den blühenden Zweigen der Bäume sang die Nachtigall. Schon war’s geschehen!«

»Leider, Franzl, leider«, seufzte Kathi. »Es war der größte Fehler unseres Lebens. Die Quittung kriegen wir heute. Aber sei still jetzt. Ich höre Konrad zurückkommen.«

Konrad Falkner trat mit einer Flasche Wein ins Zimmer, die er bereits in der Küche geöffnet hatte. »Na, habt ihr schon ein wenig über die alten Zeiten geplaudert?«, fragte er. »Im Grunde waren sie doch sehr schön – oder?«

»Fast zu schön«, befand Kathi und verzog das Gesicht. »Und sie sind auch nicht wiederholbar. Oder möchtest du unsere Freundschaft mit Franz und Veronika ...«

»Im Leben nicht«, schnitt Falkner ihr die Rede ab. »Ich gewähre Franz für den heutigen Abend lediglich Asyl. Ab morgen geht der Kampf gegen ihn mit gleicher Härte weiter. Dazu zählt, dass eine verwandtschaftliche Verbindung zwischen seiner und unserer Familie niemals in Frage kommt!«

»Zum Glück sind wir wenigstens in dieser Beziehung einer Meinung«, entgegnete nun Dr. Schwarzhuber. »Keine verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen euch und uns!«

»Und wie wollt ihr das den Kindern begründen?«, fragte Kathi. »Ich meine, falls es überhaupt nötig sein wird und es nicht nur bei diesem einen Treffen heute Abend bleibt.«

»Das überlass nur mir«, antwortete ihr Mann. »Mir werden schon ein paar passende Worte einfallen. Obwohl ... Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass Conny sich nach der Enttäuschung, die sie gerade erleben musste, gleich wieder fest binden möchte.«

»Hoffen wir es fest«, seufzte Dr. Schwarzhuber.

Und auch die Kathi hoffte, dass ihr Mann recht behalten würde.

Sie wollte heute noch nicht daran denken, was geschehen würde, wenn sie die Wahrheit gestehen müsste; denn das müsste sie ohne Frage tun, falls aus der Sache zwischen Cornelia und Peter mehr zu werden drohte. Die Begründung, dass ein Mädel aus Grüntal nicht den Sohn des Mannes heiraten dürfe, der dort eine Giftmülldeponie bauen wollte, würde den Kindern sicher nicht ausreichen.

Lieber Gott, mach, dass die beiden sich nicht ineinander verlieben, betete Kathi. Ich will dir auch jede Woche eine große Kerze opfern. Lass nicht zu, dass mein Fehltritt von damals herauskommt. Konrad verzeiht es mir nie, wenn er erfährt, dass sein Augapfel nicht von ihm, sondern von Franz ist.

Das Merkwürdige an der Geschichte war nur, dass auch ihr Konrad so strikt gegen diese Verbindung war. Resultierte das wirklich allein aus der Tatsache, dass Franz sein politischer Gegner war, oder steckte da vielleicht auch mehr dahinter? Denn in der Zeit, als sie damals mit Franz in Kur war, hatte dessen Veronika ihren Konrad verpflegt. Ob sie ihn vielleicht nicht nur mit Lebensmitteln versorgt hatte?

Ich werde mich Kaplan Hofer anvertrauen, beschloss sie. Aber natürlich nur, wenn sich zwischen Conny und Peter tatsächlich etwas entwickeln sollte. Warten wir’s ab und hoffen.

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Kathis Hoffnungen schienen sich zu erfüllen. Cornelia tat, wenn ihre Mutter sie auf jenen denkwürdigen Abend ansprach, alles mit einer gleichgültigen Handbewegung ab. Ihr zufälliges Zusammentreffen mit ihrem Halbbruder schien offenbar keine ernstlichen Folgen hinterlassen zu haben. Kathi dankte es ihrem Herrgott, wie sie es versprochen hatte, jede Woche mit einer großen Kerze.

Dabei war alles ganz anders!

Cornelia und Peter trafen sich seit jenem Abend regelmäßig, taten dies aber heimlich, weil ihre Väter sich wegen der geplanten Giftmülldeponie, wie sie dachten, immer noch spinnefeind waren. Sie wagten nicht, ihnen ihre Liebe zu gestehen; denn Liebe war es, die sie verband. Das war ihnen inzwischen klargeworden. Und auch, dass sie für immer zusammengehörten.

Sie waren damals erst sehr spät nach Grüntal zurückgekehrt. Nachdem die Diskothek, in der sie gewesen waren, geschlossen hatte, waren sie noch in einen verschwiegenen Waldweg eingebogen und hatten ein bisschen geschmust. Ganz in Ehren natürlich. Außer heißen Küssen und zärtlichen Streicheleinheiten hatte es nichts gegeben. Jedenfalls hatte Peters Vater bei den Falkners schlafen müssen.

Selbstverständlich hatte Doktor Schwarzhuber seine Frau angerufen und sie davon in Kenntnis gesetzt, dass er über Nacht in Grüntal bleiben musste. Und er hatte ihr auch das ganze Drumherum erzählt. Sie hatte großes Verständnis für seine Situation gehabt.

Kein Verständnis hatte sie dagegen für die Tatsache gezeigt, dass ihr Sohn Peter mit Konrad Falkners Tochter ausgegangen war.

»Das geht doch nicht!«, hatte sie gejammert. »Tu etwas dagegen! Dein Sohn und diese ... diese Leute! Du würdest dich im ganzen Land lächerlich machen, wenn du Peter erlaubtest, ausgerechnet ein Mädchen aus Grüntal zu heiraten.«

»So weit ist es ja hoffentlich noch nicht«, hatte Dr. Schwarzhuber geantwortet. »Sei sicher, Schatz, ich werde es zu verhindern wissen.«

Trotzdem hatte er sich ein bisschen gewundert, weshalb auch Veronika gegen diese Verbindung

war. Er hatte sich sogar ein bisschen sehr darüber gewundert.

Da auch Peter nie wieder von jenem Abend sprach und alles darauf hindeutete, dass das mit Cornelia nur ein harmloser Flirt gewesen war, beruhigten sich auch dessen Eltern und legten die Angelegenheit sozusagen zu den Akten.

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Einige Wochen vergingen. In Grüntal waren wieder Ruhe und Frieden eingekehrt. Dies allerdings nur nach außen hin. Hinter den Kulissen gärte es nach wie vor – und das nicht zu knapp.

Konrad Falkner und sein Kontrahent Dr. Schwarzhuber hatten, wie vereinbart, öffentlich ihre gegenseitigen Anschuldigungen mit dem Ausdruck größten Bedauerns zurückgenommen. Einem bedauerlichen Irrtum wären sie unterlegen, erklärten sie. Nun galten sie wieder als die Ehrenmänner, die sie vor der denkwürdigen Bürgerversammlung gewesen waren.

Um so eifriger machte sich nun Dr. Schwarzhuber an die Arbeit, die geplante Giftmülldeponie zu verwirklichen. Sein direkter Vorgesetzter, der Herr Umweltminister, gab ihm sein Okay, und da er seinem Staatssekretär vertraute, überließ er ihm alle Entscheidungen und unterschrieb, was ihm von diesem vorgelegt wurde.

Natürlich wehrten sich die Grüntaler mit allen ihnen rechtlich zur Verfügung stehenden Mitteln. Doch alle Eingaben, einstweiligen Verfügungen und Planfeststellungsverfahren brachten nichts ein. Das Umweltministerium besaß letztlich die besseren Karten.

So rückten denn eines Tages ganze Trupps von Holzfällern an und begannen damit, den Wald rings um die ehemalige Kiesgrube zu roden. Ganz Grüntal war entsetzt.

Details

Seiten
360
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738916065
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juni)
Schlagworte
heimatroman sammelband liebe niedertracht romane januar

Autoren

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Titel: Heimatroman Sammelband Liebe und Niedertracht 3 Romane Januar 2018