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Ein Patricia Vanhelsing Roman: Sidney Gardner - Geisterschiff

2018 150 Seiten

Zusammenfassung

Ein Patricia Vanhelsing-Roman
von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

Mein Name ist Patricia Vanhelsing und – ja, ich bin tatsächlich mit dem berühmten Vampirjäger gleichen Namens verwandt. Weshalb unser Zweig der Familie seine Schreibweise von „van Helsing“ in „Vanhelsing“ änderte, kann ich Ihnen allerdings auch nicht genau sagen. Es existieren da innerhalb meiner Verwandtschaft die unterschiedlichsten Theorien. Um ehrlich zu sein, besonders einleuchtend erscheint mir keine davon. Aber muss es nicht auch Geheimnisse geben, die sich letztlich nicht erklären lassen? Eins können Sie mir jedenfalls glauben: Das Übernatürliche spielte bei uns schon immer eine besondere Rolle.

In meinem Fall war es Fluch und Gabe zugleich.

Leseprobe

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Geisterschiff

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von Alfred Bekker

Ein Patricia Vanhelsing-Roman

von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

Mein Name ist Patricia Vanhelsing und – ja, ich bin tatsächlich mit dem berühmten Vampirjäger gleichen Namens verwandt. Weshalb unser Zweig der Familie seine Schreibweise von „van Helsing“ in „Vanhelsing“ änderte, kann ich Ihnen allerdings auch nicht genau sagen. Es existieren da innerhalb meiner Verwandtschaft die unterschiedlichsten Theorien. Um ehrlich zu sein, besonders einleuchtend erscheint mir keine davon. Aber muss es nicht auch Geheimnisse geben, die sich letztlich nicht erklären lassen? Eins können Sie mir jedenfalls glauben: Das Übernatürliche spielte bei uns schon immer eine besondere Rolle.

In meinem Fall war es Fluch und Gabe zugleich.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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1588, an der Küste von Northumberland...

Der Nebel war so dicht, dass man kaum eine Schiffslänge weit sehen konnte. Das Meer war spiegelglatt, und es herrschte eine geradezu gespenstische Stille.

Capitan Carlos Fraga de Ybarrez stand mit weit aufgerissenen Augen auf der Brücke des dreimastigen spanisches Kriegsschiffs SANTA ISABEL und blickte in das graue Nichts, das sie seit dem Morgengrauen umgab.

Seine Hand umklammerte krampfhaft den Griff des Degens, den er an der Seite trug, während ihm ein eisiger Schauder den Rücken hinaufkroch. Er fühlte eine namenlose, dunkle Bedrohung, von der er ahnte, dass selbst die gewaltigen Geschütze der SANTA ISABEL gegen sie völlig machtlos gewesen wären. Die Segel hingen schlaff herunter. Kein Windhauch war zu spüren.

Auf der Wasseroberfläche zeigte sich nicht einmal ein leichtes Kräuseln. Aber die SANTA ISABEL bewegte sich trotz der Flaute mit gleichmäßiger Geschwindigkeit vorwärts. Als ob sie von einer unbekannten Kraft gezogen wird!, ging es dem Capitan schaudernd durch den Kopf. Mit wachsender Beunruhigung sah er, wie der Steuermann sich am Ruder abmühte. "Was machst du da eigentlich?", rief der Capitan aufgebracht.

"Mi Capitan! Das Ruder reagiert nicht. Der Kurs lässt sich nicht beeinflussen..."

"Das ist doch unmöglich..."

"Ich habe keine Ahnung, was das ist, was uns da zu sich heranzieht, aber..." Angstschweiß stand dem Steuermann auf der Stirn. In seinen Augen flackerte es unruhig, als er Capitan Fraga ansah. "Madre de Dios! Ich weiß nicht, was hier vor sich geht! Erst die für diese Gewässer so ungewöhnliche Windstille, dann diese geheimnisvolle Kraft. Das muss schwarze Magie oder Hexerei sein, mi Capitan!"

"Du versündigst dich!"

"Habt Ihr eine bessere Erklärung?"

Fraga schwieg. Die Gedanken rasten nur so durch seinen Kopf. Beinahe schien es ihm, als ob das Schiff beschleunigte.

"Land in Sicht!", rief der Ausguck mit heiserer Stimme.

Und wenig später sah es auch Capitan Fraga de Ybarrez.

Ein dunkler Streifen hob sich aus dem Nebel heraus.

Möwenschreie durchdrangen die graue Dunstwand, was den Ausguck bestätigte. Unruhe entstand unter den Seeleuten.

"Jeder bleibt auf seinem Posten!", schrie Fraga.

Das Gemurmel der Männer verstummte.

Sie waren starr vor Entsetzen, aber Fraga war klar, dass das nicht lange anhalten würde.

Eine Panik ist unausweichlich!, durchzuckte es ihn.

Die SANTA ISABEL steuerte in voller Fahrt auf das schmale Schattenband zu, dass sich immer deutlicher aus den wabernden Nebeln herausschälte. Und es gab nichts, was die Besatzung dagegen tun konnte.

Sekunden verstrichen.

Der Steuermann sank auf die Knie, überließ das Ruder sich selbst und begann zu beten. Ein Zittern ging durch die SANTA ISABEL. Dann bremste die spanische Galeone ruckartig ihre Fahrt. Capitan Fraga taumelte und hielt sich schließlich am Holzgeländer der Brücke fest. Der Steuermann krallte sich an das Ruder. Eine Rahe krachte samt Segel herab, riss eine zweite mit sich und knallte auf das Deck. Schreie gellten und mischten sich mit dem Geräusch von berstendem Holz.

Beiboote und Geschütze rutschten über Deck. Und der Mann im Ausguck wurde im hohen Bogen über Bord geschleudert. Sein schauerlicher Todesschrei verhallte im Nebel.

Dann war wieder alles still.

Die SANTA ISABEL steckte fest.

"Eine Sandbank, mi Capitan!", rief der Steuermann.

Fraga stieg die Treppe hinunter, die von der Brücke zum Hauptdeck führte. Während der zurückliegenden Seeschlachten hatte die SANTA ISABEL schon fast die Hälfte ihrer ursprünglichen Besatzung verloren. Und jetzt kamen wieder einige Verluste hinzu. Fraga blickte kurz nach einem der verletzten Seeleute, dann hörte er Stimmen aus dem Nebel...

Englisch sprechende Stimmen....

"Mi, Capitan! Da kommen Boote!", rief einer der Männer.

Fraga trat an die Reling. Vom Ufer her war das Ächzen der Ruderdollen zu hören. Drei Boote tauchten aus dem Nebel auf.

Als Schattenriss war noch ein Viertes zu sehen und dem herüberschallenden Stimmengewirr nach waren noch weitere auf dem Weg zu der gestrandeten Galeone.

"Strandräuber!", meinte einer der Männer. "Das sind garantiert Strandräuber!"

"Zu den Waffen!", rief Capitan Fraga de Ybarrez. "Aber es wird nichts unternommen, bevor ich es nicht befehle!"

Augenblicke später sahen die Spanier den Booten entgegen.

Degen, Rapiers und Hellebarden hielten sie in den Händen.

Hier und da war auch eine Büchse oder ein Enterhaken zu sehen. Die Geschütze für den bevorstehenden Kampf wieder herzurichten hatte keinen Sinn. In den zurückliegenden Seegefechten war die Munition verbraucht worden. Nicht eine einzige Salve hätte man abfeuern können. Davon abgesehen waren die Geschütze spanischer Galeonen ziemlich hoch angebracht, so dass sie glatt über die nahenden Boote hinweggefeuert hätten - ein Umstand, der den Spaniern im Kampf gegen die kleineren und wendigeren englischen Segler schon zum Verhängnis geworden war. Jose Mendoza y Saron, der Erste Offizier der SANTA ISABEL, trat neben seinen Kapitän. Der Steh-kragen und der eiserne Brustharnisch ließen ihn ziemlich steif erscheinen. Er hielt eine der wenigen Luntenschloss-Büchsen im Anschlag, die noch funktionstüchtig waren. Er hoffte nur, dass Lunte und Pulver auch trocken genug waren...

"Sie sind uns zahlenmäßig überlegen, mi Capitan!", raunte er, als immer weitere Boote aus dem Dunst auftauchten.

"Ich weiß", sagte Capitan Fraga düster. "Ich hoffe, sie lassen uns Gelegenheit dazu, uns zu ergeben..."

Jose Mendoza y Saron verzog grimmig das Gesicht.

"Wir haben nichts an Bord, womit wir uns freikaufen könnten! Wahrscheinlich werden sie uns einfach abschlachten..."

"Genau dasselbe, was wir mit ihnen tun würden, wenn der Fall umgekehrt wäre!", erwiderte Fraga.

Er starrte den Ankömmlingen ungläubig entgegen.

Er sah magere, gebeugte Gestalten an den Rudern. Gesichter voller Runzeln, die aussahen wie die Antlitze von Hundertjährigen. Hier und da zitterten Hände.

"Das sind ja alles Greise!", entfuhr es Capitan Fraga.

Mendoza senkte die Büchse. "Mir ist das ganze nicht geheuer", flüsterte der Erste Offizier der SANTA ISABEL.

"Erst diese eigenartige Kraft, die uns hier her gezogen hat und jetzt diese Jammergestalten, die aussehen, als wären sie gerade ihren Gräbern entstiegen..."

"Seid nicht so hochmütig, Mendoza!", tadelte Fraga. Dann rief er an die anderen gewandt: "Holt ein weißes Tuch und bindet es an eine Hellebarde!"

"Sollen wir uns ergeben?", rief Mendoza.

"Nein, aber vielleicht lohnt es sich, mit ihnen zu reden. Sie könnten uns helfen..." Ein mit Stockflecken übersätes Tuch wurde aus einem der Segel herausgeschnitten und an eine Hellebarde geknotet. Einer der Seeleute schwenkte diese Fahne gut sichtbar hin und her. Die Stimmen der Greise in den Booten verstummten. Sie blickten hinüber. Sie sind bewaffnet!, dachte Fraga. Er sah neben Messern und Sensen auch einige Enterhaken an Bord der Boote.

"Lasst eine Strickleiter herunter!", befahl Fraga. "Na, los, bewegt euch! Oder habt ihr Angst vor ein paar greisen Engländern, die mehr tot als lebendig aussehen?"

Die Männer, die Fraga zuvor nur verständnislos angeblickt hatten, erwachten aus ihrer Erstarrung. Die Leiter wurde hinabgelassen. Das erste Boot machte fest. Einige Augenblicke später kam ächzend der erste der Engländer an Bord. Zwei Seeleute mussten ihm helfen, damit er über die Reling kam. Der Engländer sah erbarmungswürdig aus. Er trug das zerrissene, fleckige Gewand eines Bauern. Die dazugehörige Kapuze hatte er tief ins Gesicht gezogen. Aber das, was man von seinem Antlitz sehen konnte, reichte, um Capitan Fraga de Ybarrez einmal schlucken zu lassen. Die Haut war totenbleich und so zerfurcht wie ein von Wind und Wetter zerschnittener Felsen.

Die Augen wirkten blutunterlaufen. Der Blick war matt. Nie zuvor hatte der Capitan oder irgend ein anderer an Bord der SANTA ISABEL jemanden gesehen, der derart alt wirkte.

Fraga glaubte, den Geruch der Verwesung bereits in der Nase zu haben. Er wandte sich an Mendoza. "Ihr könnt doch Englisch!"

"Si, mi Capitan."

"Dann sprecht mit dem Alten! Sagt ihm, dass wir in Frieden kommen und nichts anderes wollen, als unbehelligt unser Schiff wieder flott zu machen, um nach Spanien zurückzukehren..."

Mendoza nickte. Er trat auf den Alten zu, der ungefähr einen Kopf kleiner war als der Erste Offizier. Capitan Fraga hörte misstrauisch zu, wie die beiden sich unterhielten.

Schließlich drehte Mendoza sich um.

"Sie sind bereit, uns zu helfen!"

"Hauptsache, sie verraten uns nicht gleich an die Soldaten der Königin!"

"Das werden sie nicht tun!"

"Und was verlangen sie dafür?"

"Der Mann hier sagt, darüber könnte er nicht allein entscheiden. Die anderen sollten auch an Bord kommen."

Fraga nickte. "Warum nicht? Sie sollen ruhig kommen, aber ihre Waffen bleiben in den Booten. Und frag ihn mal, ob es bei ihnen keine jüngeren Leute gäbe?"

Mendoza gehorchte. Dann wandte er sich stirnrunzelnd an seinen Capitan. "Der Mann sagt nein. Es gäbe nur Alte in Darnby-on-Sea..."

Ein Muskel zuckte in Fraga de Ybarrez' Gesicht. "Seltsame Gebräuche müssen die auf der Insel haben... Ein Dorf der Alten! Wer hat so etwas schon gehört!"

Mendoza hob die Augenbrauen. "Sagt nicht, dass ein Haufen Engländer in den besten Jahren Euch lieber wären, mi Capitan!"

Fraga grinste. Hoffnung keimte in ihm auf. Vielleicht nahm diese unglückselige Reise für sie alle doch noch ein gutes Ende... Einer nach dem anderen schleppten sich die Alten an Bord. Der Capitan beobachtete sie dabei, wie sie die Strickleiter erklommen und sich über die Reling quälten. Wie alt mochten diese Männer sein?, fragte er sich. Die unruhig flackernden Augen dieser Alten fielen dem Capitan auf. Sie beunruhigten ihn, ohne, dass er hätte sagen können, weshalb eigentlich.

Hunger!, dachte Fraga schaudernd. Aus ihren Augen spricht ein eigenartiger Hunger. Und unbändige Gier. Gemurmel entstand unter ihnen. Zahnlose Münder mit aufgesprungenen, blutleeren Lippen redeten durcheinander.

"Was sagen sie?", rief Fraga de Ybarrez an Mendoza gewandt.

Aber ehe der Erste Offizier der SANTA ISABEL antworten konnte, hatte einer der Alten ihm die knochenmagere Hand auf das Gesicht gedrückt. Die Züge des Alten verzogen sich zu einer Grimasse blanker Gier. Sein zahnloser Mund öffnete sich. Ein tierischer Fauchlaut kam über seine Lippen, während sein Augen sich verdrehten.

Jose Mendoza y Saron konnte nicht einmal mehr einen Todesschrei ausstoßen. Die Büchse fiel krachend auf die Planken - mitsamt Mendozas rechter Hand, die bereits teilweise zu feinem grauen Staub zerfallen war. Staub, der von den Knochen geschüttelt wurde, als die Hand auf dem Boden aufkam. Die Gestalt des Ersten Offiziers sackte in sich zusammen. Staub rieselte aus den Ärmeln heraus. Der Kopf knickte von den Schultern herunter. Der Staub wurde durch die Wucht emporgeschleudert. Als Totenschädel rollte er über das Hauptdeck der SANTA ISABEL. Nur einen Augenaufschlag später spannten sich Mendozas bunte Kleider und der Harnisch nur noch um ein Knochengerippe, das in sich zusammenbrach.

Das Gesicht des Alten hatte sich im gleichen Augenblick auf gespenstische Weise verändert. Die unübersehbaren Zeichen des Alters waren verschwunden. Die Haut hatte sich gestrafft, die Haltung war nicht mehr gebeugt. Er schlug die Kapuze zurück. Volles, dunkelblondes Haar wuchs auf seinem Kopf. Und zwischen seinen vollen Lippen blitzten makellose Zähne... Er lachte schauderhaft.

"Verflucht seid ihr auf alle Zeiten, ihr Diener Satans!", rief Capitan Carlos Fraga de Ybarrez, während er seinen Degen zog und die verzweifelten Schreie seiner Männer zu einem schaurigen Chor des Grauens anschwollen.

Der Capitan kam nicht mehr dazu, mit seiner Waffe zuzuschlagen. Der Arm, mit dem er den Degen führte, zerfiel vor seinen Augen, bis nur noch blanker Knochen übrigblieb.

Undeutlich spürte er noch eine Berührung an der Schulter, ehe namenlose Dunkelheit ihn umgab.

Verflucht seid ihr, Diener der Finsternis! Verflucht auf alle Ewigkeit... Ein letzter Gedanke. Er flackerte kurz auf, wie eine Kerze im Wind vor dem endgültigen Erlöschen.

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Es war früher Morgen. Draußen war es noch dunkel. Aber bereits jetzt drang der Lärm des Stadtverkehrs herauf in Tom Hamiltons Altbauwohnung in der Ladbroke Grove Road. In einer Stadt wie London pulsierte das Leben rund um die Uhr.

Ich lag in Toms Armen.

Das Silvester-Fest lag einige Wochen hinter uns. Der vom ORDEN DER MASKE prophezeite Weltunteruntergang hatte bislang nicht stattgefunden.

Ich fühlte Toms Herzschlag, seinen regelmäßigen Atem, seine Wärme.

Tom wandte den Kopf.

Ich konnte sein Gesicht nicht sehen. Es lag im Schatten.

"In der Bibliothek deiner Großtante gibt es ein Buch mit dem Titel SCHULE DER UNSTERBLICHKEIT, verfasst von dem britisch-indischen Okkultisten John Pranavindraman..."

"Geht es darin nicht hauptsächlich um Wiedergeburt und Erinnerungen an frühere Leben?"

"Ja. Erinnerst du dich an die Worte von Meister Heng Tem?"

" Nichts geht verloren", zitierte ich den Satz, den dieser buddhistische Mönch in den Ruinen von Pa Tam Ran zu uns gesprochen hatte.

"Hoffen wir, dass Meister Heng Tem recht hat..."

"Ja..."

Ich durfte nicht daran denken, dass Tom und ich in wenigen Stunden schon in der Redaktion der LONDON EXPRESS NEWS zu sein hatten. Eigentlich hätte ich meinen Schlaf dringend gebraucht. Aber die innere Unruhe war zu stark. Ich konnte nicht einfach die Augen schließen und ins Reich der Träume hinüberdämmern. Zu viele Fragen spukten in meinem Kopf herum.

Zum Beispiel nach dem ORDEN DER MASKE.

Meine Recherchen hatten ergeben, dass der ORDEN DER MASKE sich zurückgezogen hatte. Jedenfalls waren einige Tarnorganisationen des ORDENS plötzlich nicht mehr erreichbar und auch der Druck, den der ORDEN über Mittelsmänner auf die Anzeigenkunden des LONDON EXPRESS NEWS ausübte, hatte sich seit Jahresbeginn in nichts aufgelöst. Es musste eine Erklärung dafür geben...

Vielleicht hatte Cayamu, der auf dem Planeten einer fernen Doppelsonne residierte, die Seinen aus irgendeinem Grund zu sich gerufen. Oder der ORDEN sammelte nur neue Kräfte, um von neuem zuschlagen zu können.

Ich wagte nicht zu entscheiden, ob dies die Ruhe vor oder nach dem Sturm war.

Wir schwiegen einige Augenblicke. Dann fanden sich unsere Lippen zu einem Kuss voller Leidenschaft. Dabei pressten wir uns dicht aneinander.

"Ich liebe dich, Tom..."

"Ich dich auch, Patti."

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Irgendwann fiel ich doch in einen traumlosen Schlaf, der allerdings wenig erholsam war. Tom weckte mich. Wir frühstückten und fuhren anschließend getrennt in die Redaktion, weil jeder von uns seinen Wagen vermutlich während der Arbeitszeit brauchen würde.

Inzwischen hatte sich die Zukunft der LONDON EXPRESS NEWS geklärt, die nach dem Tod des Verlegers Arnold Reed im Ungewissen gelegen hatte. Die Erbengemeinschaft des Verlegers hatte einen Geschäftsführer eingesetzt, der sich aus der journalistischen Arbeit der Redaktion bislang völlig herausgehalten hatte. Ich hoffte, dass das so blieb.

Ein dunstiger, nebelverhangener Tag hatte gerade begonnen, als ich mit meinem kirschroten Mercedes 190 den Parkplatz neben unserem Verlagsgebäude erreichte. Toms Volvo tauchte wenige Augenblicke danach in der Lupus Street auf. Ich winkte ihm zu und wenig später gingen wir gemeinsam auf den Eingang des Betonklotzes zu, in dem unsere Redaktion untergebracht war. Bevor wir die langen, kahlen Korridore betraten, hielt ich an. Unsere Blicke trafen sich. Seine meergrünen, etwas geheimnisvoll wirkenden Augen musterten mich und ein warmes Gefühl der Verbundenheit durchströmte mich.

Wir haben nur uns. Niemand anderes hat erlebt, was wir erlebten...

Wir brauchten nichts zu sagen.

Jeder von uns wusste in diesem Augenblick, dass der andere dasselbe empfand. Unsere Lippen trafen sich und berührten sich sanft und zärtlich.

Dabei schloss sich Toms Hand um die meine und drückte sie vorsichtig.

"Liebespaare bei der Zeitung sollten gesetzlich verboten werden!", schnarrte eine uns wohlvertraute Stimme, deren Klang mich zusammenzucken ließ.

Sie gehörte unserem Kollegen Kelly J. Maddox, der gerade mit einer Kamera um den Hals ins Freie trat.

"So früh schon unterwegs?", fragte ich.

Kelly grinste.

"Der Doping-Skandal in der Rugby-Liga ruft! Und da kennt unser Chef kein Erbarmen!"

"Klingt ja nach der Story des Jahrhunderts!"

Wir lachten alle drei.

Kelly rauschte indessen an uns vorbei auf den Parkplatz zu.

Arm in Arm gingen wir in die umgekehrte Richtung.

Erst, als wir das Großraumbüro der NEWS-Redaktion erreichten, trennten wir uns. Jeder strebte seinem Schreibtisch zu, nachdem wir je einen Becher des dünnen Redaktionskaffees genommen hatten. Er war so dünn, dass ihn der eine oder andere Neuling schon für Tee gehalten hatte.

Aber Knauserigkeit schien so etwas wie eine Naturkonstante zu sein.

Ich nahm einen Schluck des dünnen Kaffees und schaltete mein Computerterminal ein. Immerhin funktionierte heute das Netzwerk einwandfrei.

Ich lehnte mich in meinem Schreibtischstuhl zurück und nippte an meinem Kaffee.

Und dabei dachte ich an einen Kollegen namens Jim Field, der in Kambodscha ums Leben gekommen war. Jim Field, ein liebenswürdiger Neo-Hippy, mit dem ich früher oft ein Team gebildet hatte, war durch Machenschaften des ORDENS DER MASKE ums Leben gekommen, bei denen auch ein gewisser Dr. Skull eine Rolle gespielt hatte.

Jims witzige Art fehlte mir im Team der NEWS. Aber das war wohl nicht zu ändern, auch wenn der Geist von Meister Heng Tem uns in Kambodscha damals vage Hoffnung darauf gemacht hatte, dass Jim Field vielleicht doch existierte.

Irgendwo, verschollen in Raum und Zeit...

Ich schüttete den Kaffee hinunter und versuchte diese deprimierenden Gedanken zu verscheuchen.

Ich machte mich an die Arbeit.

Einige Zeit verbrachte ich mit Routineaufgaben. Ich öffnete die Post, bearbeitete einige Meldungen, die uns Nachrichtenagenturen zugesandt hatten und suchte zu dem vorgefertigten Nachruf auf einen am Vortag verstorbenen Schlagersänger ein passendes Bild aus der Datenbank der NEWS. Mit wenig Erfolg. Brian Biggs hieß der verstorbene Musiker, der seine beste Zeit Anfang der Siebziger gehabt hatte. Seine Musik war eine Art nachgemachter Beatles-Sound gewesen und hatte ihm ein paar Nummer Eins-Hits beschert, bevor die Zeit und der Geschmack des Publikums über ihn hinweggegangen waren. Die letzten Jahre hatte Bigs verarmt in einer Dachgeschosswohnung in Bristol verbracht. Der Alkohol-und Drogenmissbrauch hatten ihn gezeichnet. Und so traurig es klingen mag - wenn nicht ein aufstrebender Rapper aus der Bronx vor einem halben Jahr einige seinerzeit populäre Biggs-Songs neu gemischt und im Sound der Neunziger aufgemotzt herausgebracht hätte - wahrscheinlich wäre in den LONDON EXPRESS NEWS nicht eine einzige Zeile zu seinem Tod erschienen.

Wie lange Biggs' Popularität schon verblasst war, zeigte sich unter anderem daran, dass unsere Foto-Datenbank kein einziges Bild von ihm zu enthalten schien.

Jedenfalls ließ eine entsprechende Anzeige auf dem Bildschirm darauf schließen, die jedesmal erschien, wenn ich den Namen Biggs eingab. Ich versuchte es noch einmal, diesmal unter dem Namen seiner Band, >The Smart Robbers>.

Aber >Brian Biggs & The Smart Robbers> schienen für die Pressewelt einfach nicht mehr zu existieren.

Ich seufzte.

Für mich bedeutete das, dass ich mich hinunter in die sogenannten Katakomben bemühen musste. Damit bezeichneten wir Reporter der NEWS das äußerst umfangreiche Archiv unserer Zeitung. Natürlich war nur ein kleiner Teil davon inzwischen elektronisch erfasst und gespeichert. Vor allem ältere Informationen suchte man in unseren Datenbanken daher oft vergeblich.

Ich nahm noch einen Schluck Kaffee und gähnte in einem Moment, in dem ich mich unbeobachtet glaubte. Die letzte Nacht war einfach zu kurz gewesen. Und ich hatte das Gefühl jederzeit binnen einer Sekunde einschlafen zu können.

Ich rieb mir die Augen.

Und dann glaubte ich plötzlich zu sehen, wie die Menueleiste auf dem Computerschirm verschwamm.

Die kleinen, lustigen Symbole, mit deren Hilfe man über die Maus verschiedene Programmteile und Dateien aufrufen konnte, veränderten sich auf eine eigenartige, schleichende Weise....

Sie mutierten zu kleinen Dämonenfratzen. Gierige, grimmige Gesichter, halb tierisch und halb menschlich. Glühende Augen funkelten mich an. Aus dem Symbol des Druckers wurde ein schwarzes, regelmäßiges Sechseck.

Ein Hexagon!

An jedem der Eckpunkte befand sich ein sechszackiger Stern.

Ich war von einem Augenblick zum anderen hellwach, beugte mich vor und starrte wie gebannt auf den Bildschirm.

Gleichzeitig rasten die Gedanken nur so durch meinen Kopf.

Was war das, was ich hier erlebte? Eine jener Visionen, die durch meine leichte übersinnliche Begabung verursacht wurden?

Ich war mir nicht sicher.

Es ist lange her, dass du dir nicht sicher warst, Patti..

Sehr lange!

Die Tatsache an sich überraschte mich und verursachte ein tiefes Unbehagen in mir. Ich fühlte, wie sich meine Nackenhärchen aufrichteten. Ein kalter Schauder überlief mich. Woher kommt diese Unsicherheit, Patti?

Ich hatte mit der Zeit gelernt, meine Gabe in einem gewissen Umfang zu kontrollieren. Auf jeden Fall hatte ich seit langem Visionen von gewöhnlichen Tagträumen zweifelsfrei unterscheiden können. dasselbe galt für die seherischen Alpträume, die ich manchmal hatte.

Und jetzt?

Ich hatte das Gefühl, dass der Bildschirm ein wenig flimmerte und fragte mich, ob das Einbildung war.

Das sechssternige Hexagon wuchs. Es füllte innerhalb weniger Augenblicke die gesamte Bildschirmoberfläche aus. Ich zuckte unwillkürlich zurück und glaubte für einen Augenaufschlag, die Anwesenheit einer übersinnlichen Kraft zu spüren. Ein unangenehmer Druck machte sich hinter meinen Schläfen bemerkbar. Ich presste die Hände dagegen. Diese Empfindung war von schmerzhafter Intensität und ich versuchte, mich so gut es ging gegen dieses Einfluss abzuschirmen.

Wer ist das?

Oder WAS?

Die pechschwarzen Linien des Hexagons teilten die leuchtende Bildschirmoberfläche in verschiedene Zonen ein.

Die schwarzen Sterne an den Eckpunkten glichen jetzt sich drehenden, von einem matten, metallischen Glanz überzogenen Metallkugeln.

In der Mitte des Sechsecks erschien ein pechschwarzer, matter Punkt.

Dieser Punkt wurde rasch größer.

Ich war wie hypnotisiert.

Ein eigenartiger Zwang trieb mich dazu, immerzu auf dieses finstere, stetig wachsende Gebilde zu starren. Ich öffnete halb den Mund, versuchte etwas zu sagen, oder wenigstens einen Laut hervorzubringen, aber meine Kehle war wie ausgedörrt.

Was ist das für eine KRAFT?

Mir schauderte.

Unfähig, auch nur die kleinste Bewegung auszuführen, saß ich da, wie gebannt von diesem unheimlichen Ding...

Ich hatte keine andere Bezeichnung dafür.

Keine Vorstellung, kein Bild - nichts.

Der schwarze Punkt, dieses unheimliche Etwas wurde größer und größer, bis es schließlich gut ein Drittel des mittleren Feldes abdeckte, das durch die Linie des Hexagons abgesteckt wurde.

Und dann veränderte es sich.

Dieses Ding, das bislang nichts anderes war, als ein gestaltloser Schatten, formte einen Quader.

Ein Buch.

Auf seinem Einband befand sich eine leuchtende Aufschrift.

LIBRUM HEXAVIRATUM

Im nächsten Moment war alles dunkel.

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"Einen Notarzt!"

Ich öffnete die Augen und blickte direkt in das fragende Gesicht meines Chefs Michael T. Swann. Der oft als etwas unwirsch geltende Swann hatte mich bei den Schultern gepackt.

"Es geht schon", sagte ich.

"Sie waren vollkommen weggetreten, Patricia."

"Ich..."

"Was war los?"

Es dauerte einige Augenblicke, bis ich langsam wieder zu mir kam. Ich atmete tief durch. Ein halbes Dutzend Kollegen umringte mich und ich fragte mich, was wirklich geschehen war.

"Ich brauche keinen Arzt", behauptete ich und fasste mir dabei unwillkürlich an den Kopf. Ein leichtes Schwindelgefühl beherrschte mich noch.

Der Halbkreis der Kollegen öffnete sich in diesem Augenblick.

Auch Swann trat zur Seite.

Tom Hamilton trat zu mir.

"Patti, was ist los? Ich war unten im Archiv und da sagte mir jemand..."

"Alles halb so wild", meinte ich.

Michael T. Swann schüttelte den Kopf.

"Sie waren ohnmächtig, Patricia. Ganz gleich, was die Ursache war - ich würde das nicht auf die leichte Schulter nehmen..."

Ich fühlte Toms Hand.

Sie war warm.

Gleichzeitig starrte ich wie gebannt auf den schwarzen Bildschirm.

"Sagen Sie bloß, dieser Okkult-Virus hat ausgerechnet Sie erschreckt", sagte ein blassgesichtiger, hoch aufgeschossener junger Mann, dessen Brille beinahe die Dicke einer Flasche aufwies. Er hieß Harry Warren und war seit zwei Wochen vom neuen Geschäftsführer der NEWS eingestellt worden, um sich um unsere EDV zu kümmern. Swann gefiel es natürlich nicht, dass man jemanden über seinen Kopf hinweg engagiert hatte, der zudem noch aussah, als würde er gerade von der Schule kommen. Aber zähneknirschend musste Swann anerkennen, dass Warren vermutlich mehr von Computern verstand, als der gesamte Rest unserer Redaktion zusammen.

Ich sah Warren erstaunt an.

"Okkult-Virus?", echote ich.

"Klar. Dieses Hexagon mit dem komischen Buch in der Mitte. Deshalb starren Sie doch zum Bildschirm..."

"Nun..."

"Harry kümmert sich darum, dass wir das Ding möglichst bald loswerden", erklärte Swann. "Scheint so, als hätte sich da irgendjemand einen üblen Scherz mit uns erlaubt."

"Dann haben Sie alle dieses Hexagon gesehen?", vergewisserte ich mich.

Die anderen nickten.

"Es war leider unübersehbar", meinte Tom.

Und Harry Warren sagte grinsend: "Auch wenn übersinnliche Botschaften und außergewöhnliche Phänomene Ihr Spezialgebiet sein mögen, so haben wir es hier mit einem ganz gewöhnlichen Computer-Virus zu tun. Wobei es noch schwer genug werden wird, das Netzwerk zu säubern..."

"Der Notarzt kommt gleich!", rief irgend jemand aus dem hinteren Teil des Großraumbüros herüber.

Ich erhob mich. Etwas wackelig war ich noch auf den Beinen und das Schwindelgefühl ließ nur zögernd nach. Trotzdem rief ich: "Der wird nicht mehr gebraucht!"

"Was?"

"Alles okay!"

Tom stützte mich und Swann bedachte mich mit einem skeptischen Blick. "Sind Sie sicher, Patricia?"

"Natürlich, Mr. Swann, ich bin vielleicht etwas übernächtigt und mit dem Kreislauf im Keller - das ist alles..."

Tom sah mich an. Einen Augenblick lang lag der Blick seiner meergrünen Augen auf mir. Ihm kann ich nichts vormachen, ging es mir durch den Kopf. Tom war - neben Tante Lizzy - einer der ganz wenigen Menschen, die überhaupt von meiner übersinnlichen Gabe wussten.

Swann wandte sich an mich.

"Ich wollte Sie und Mr. Hamilton eigentlich in mein Büro bitten, um etwas zu besprechen. Schließlich können Sie im Moment ohnehin nichts machen, weil unser Netzwerk abgestürzt ist."

"Okay", nickte ich.

Vor meinem inneren Auge sah ich das eigenartige Buch vor mir, das sich im Zentrum des Hexagons befunden hatte.

Das LIBRUM HEXAVIRATUM.

Ich werde Tante Lizzy danach fragen, beschloss ich.

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Mr. Swann genoss als Chefredakteur das Privileg, ein eigenes Büro zu besitzen und seinen Schreibtisch nicht in das hektische Großraumbüro unserer Redaktion stellen zu müssen.

Wir nahmen in den schlichten Ledersesseln Platz, während Swann sich gegen seinen völlig überladenen Schreibtisch lehnte. Stapel von Pressemeldungen und Manuskripten bildeten dort hohe Türme, bei denen man sich immer nur wundern konnte, wie immun sie offenbar gegen die Gesetze der Schwerkraft waren...

"Möglicherweise sagt Ihnen beiden der Name Paul Trenton etwas...", begann Swann schließlich mit ernstem Gesicht.

Ich hob die Augenbrauen.

"Ist das nicht ein Kollege der Sun?", fragte ich.

Swann nickte langsam.

"Ja, das ist richtig. Als Volontär habe ich ihn einst hier bei den LONDON EXPRESS NEWS ausgebildet, bevor er dann zur Konkurrenz ging. Naja, aber darum geht es nicht. Das ist lange her..."

Swann wandte sich zu seinem Schreibtisch herum und griff mit geradezu traumwandlerischer Zielsicherheit eine Tickermeldung und ein paar Fotos heraus, die uns zugefaxt worden waren. Die Fotos zeigten ein Skelett, das in einem strapazierfähigen Tweedanzug steckte.

"Ist das Trenton?", fragte ich entsetzt.

Swann nickte. "Vermutlich. Dieses Skelett wurde am Strand von Darnby-on-Sea in Northumberland gefunden. Den Sachen nach, die man bei der Leiche gefunden hat, handelt es sich in der Tat um Trenton. Er recherchierte über eine rätselhafte Mordserie in der Umgebung von Darnby. Menschen, die als Skelette endeten... Die örtliche Polizei steht vor einem Rätsel und selbst Scotland Yard konnte bislang in diesem Fall auf keinen grünen Zweig kommen."

"Haben Sie sich mal mit der Sun-Redaktion kurzgeschlossen?", fragte Tom.

Swann nickte.

"Das war mein erster Anruf, als ich das hier auf den Tisch bekam. Die haben inzwischen ihren besten Mann, Cecil Willard, auf die Sache angesetzt. Vielleicht wollten die Kollegen deshalb nicht so recht mit der Sprache heraus...

Andererseits war Trenton schon während seiner Zeit bei den NEWS kein richtiger Team-Arbeiter. Er versuchte es immer auf eigene Faust. Und wenn er diese Arbeitsweise beibehalten hat, dann dürfte es niemanden geben, der auch nur irgend etwas über die Ergebnisse seiner bisherigen Recherche wüsste..."

"Wann sollen wir uns auf den Weg machen?", erkundigte ich mich. Ich ahnte Swanns Antwort bereits im Voraus.

"Am besten gestern", meinte er mit ziemlich schiefem Grinsen. Er sah mich an. "Patricia, Sie hatten gerade einen kleinen Zusammenbruch. Ich weiß, dass das eine Story ist, die ihrem Spezialgebiet sehr nahe kommt... Aber wenn Sie nicht hundertprozentig fit sind, hat es keinen Sinn, Sie mit der Sache zu betrauen."

"Ich bin hundertprozentig fit!"

Swanns Blick war durchdringend und prüfend.

"Wie Sie meinen", knurrte er dann. "Aber machen Sie mich später für nichts verantwortlich!"

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LIBRUM HEXAVIRATUM

Der Name des eigenartigen schwarzen Buches, das ich inmitten des Sechsecks auf dem Bildschirm gesehen hatte, ging mir einfach nicht mehr aus dem Sinn. Auch nicht, als ich mich mit meinem kirschroten Mercedes 190 durch den Londoner Verkehr quälte, um nach Hause, zur Vanhelsing Villa zu gelangen.

Elizabeth Vanhelsing - für mich Tante Lizzy - hatte mich seit dem frühen Tod meiner Eltern bei sich aufgenommen, und ich bewohnte noch immer die obere Etage ihrer verwinkelten viktorianischen Villa. Der Rest dieses Anwesens war angefüllt mit Tausenden von Büchern, okkulten Schriften und Gegenständen sowie einem umfangreichen Pressearchiv, das jede nur irgendwie zugängliche Information zu allen Bereichen des Übersinnlichen, der Parapsychologie oder anderer Grenzwissenschaften enthielt.

Ihr Archiv des Ungewöhnlichen war vermutlich das größte seiner Art in ganz England. Seitdem ihr Mann Frederik auf einer Forschungsreise verschollen war, hatte Tante Lizzy sich ganz der Erforschung des Okkulten gewidmet. Und sie war auch die Erste gewesen, die mich auf meine Gabe hingewiesen hatte.

Vielleicht findet sie etwas über dieses LIBRUM HEXAVIRATUM heraus, ging es mir durch den Kopf.

Ich hatte die dumpfe Ahnung, dass sich hinter diesem Namen etwas Wichtiges verbarg.

Ein finsteres Geheimnis, das eine eigenartige Faszination auf mich auszuüben begann. Ich versuchte, mir die Situation vor dem Computerschirm noch einmal zu vergegenwärtigen. Das war mehr als ein gewöhnlicher Computer-Virus, ging es mir durch den Kopf. Es muss mehr gewesen sein! Nicht nur ein paar geschickt angeordnete Graphik-Animationen... Diese Welle aus mentaler Energie, die mich hatte ohnmächtig werden lassen...

Da musste mehr hinterstecken, als nur der Spieltrieb einiger gelangweilter Okkultismus-Jünger aus den Reihen der Computer-Kids, die eine große Boulevard-Zeitung das Fürchten lehren wollte.

Ich atmete tief durch, während vor mir die Ampel auf grün sprang. Hinter mir hupte ein ungeduldiger Lieferwagenfahrer.

LIBRUM HEXAVIRATUM.

Dieses verfluchte Buch hatte mich in jenem Augenblick, als die Dunkelheit gekommen war, regelrecht hypnotisiert. Mir schauderte noch jetzt vor der Kraft, die ich dahinter gespürt hatte.

Es dauerte eine Weile, bis ich Tante Lizzys Villa erreichte.

Mit Tom hatte ich abgemacht, dass er mich mit seinem Volvo später abholen würde, so dass wir dann gleich in Richtung Northumberland aufbrechen konnten.

Wir hatten dann eine ziemlich lange Tour vor uns und würden Darnby-on-Sea vermutlich erst sehr spät am Abend erreichen.

Wenn Tom und ich uns am Steuer abwechselten, musste das zu schaffen sein. Jedenfalls lag Swann daran, dass wir so schnell wie möglich unsere Recherchen vor Ort aufnahmen.

Ich lenkte den Mercedes 190 in die Einfahrt der Villa und stieg aus.

Der Tag war dunstig geblieben.

Einer jener Februartage, an denen es gar nicht so richtig hell zu werden schien. Eine feuchte Kühle machte alles klamm und kalt. Ich schlug den Kragen meiner Jacke hoch, als ich ausstieg und auf die Haustür zuging.

Einen Augenblick blieb ich stehen und blickte an den alten Mauern empor. Hier und da war Moos in die Mauerritzen und Fugen hineingewachsen. An einer Seite der Villa rankte inzwischen wilder Wein hoch empor. Ein verwinkeltes Gebäude im viktorianischen Stil, dessen dazugehörige Gartenanlagen immer leicht verwildert wirkten.

Ich fragte mich, wie lange ich hier wohl noch wohnen würde.

Ich konnte mich noch gut an den ersten Tag erinnern...

Jenen Tag, an dem ich von meiner Großtante aufgenommen und danach wie eine eigene Tochter aufgezogen worden war.

Irgendwann wird die Zeit des Abschieds kommen, dachte ich. So oder so. Wenn ich bei meinen Eltern aufgewachsen wäre, wäre das nicht anders gewesen... Das ist der natürliche Lauf der Dinge...

Ich hatte schon hin und wieder darüber nachgedacht, mit Tom zusammenzuziehen.

Die letzten Monate waren sehr turbulent für uns beide gewesen, so dass dieses Thema etwas in den Hintergrund getreten war. Aber wir liebten uns. Und die Ereignisse der jüngeren Vergangenheit hatten unsere Gefühle füreinander noch weiter intensiviert.

Irgendwann würde ich diese Villa verlassen.

Und Tante Lizzy.

Aber im Moment hätte ich das einfach noch nicht übers Herz gebracht.

Ich schloss auf und trat durch die Tür. Im Flur herrschte Halbdunkel. Die Wände waren von Regalen verstellt. Sowohl in den Fluren als auch im Salon und der eigentlichen Bibliothek gab es kaum eine Stelle, an der man die Tapete sehen konnte.

Überall drängten sich die Rücken von ledergebundenen und mit einer feinen Staubschicht bedeckten Folianten aneinander.

Die Tür zur Bibliothek stand halb offen.

Ich hörte Stimmen.

Offenbar hatte Tante Lizzy Besuch.

Ich klopfte gegen den Türrahmen, bevor ich in die Bibliothek trat.

"Hallo, Patti!", lächelte Tante Lizzy mich an. Auf einem der kleinen runden Tischchen hatte sie Tee serviert. Bei ihrem Besuch handelte es sich um einen untersetzten älteren Herrn in maßgeschneidertem dreiteiligen Anzug. Ich kannte den Mann.

Er hieß Hugh St.John und verkehrte in letzter Zeit häufiger in der Vanhelsing Villa. St.John war Chemiker und Tante Lizzy hatte seine diesbezüglichen Fähigkeiten bereits einige Male bei ihren privaten Studien in Anspruch genommen.

Auf dem Schreibtisch mit den geschnitzten Dämonenköpfen an den Ecken lag ein metallisch glänzender Klumpen. Es handelte sich um eine auf geheimnisvolle Weise geschmolzene Maske, die in unsere Hände gelangt war, als wir den mysteriösen Tod unseres Verlegers aufzuklären versuchten.

Zwischenzeitlich hatte dieser messingfarbene Klumpen einer unbekannten Substanz immer wieder auf magische Weise die Form geändert.

Eine Warnung des ORDENS DER MASKE.

So hatten wir das aufgefasst. Die folgende Ereignisse hatten uns darin Recht gegeben.

Ich starrte auf den messingfarbenen Metallklumpen und musste unwillkürlich schlucken.

Professor St.Johns Worte drangen in meine Gedanken.

"Es wird Sie sicher ebenso wie Ihre Großtante freuen, dass ich möglicherweise doch eine Möglichkeit gefunden habe, um dem Geheimnis dieser Substanz etwas weiter auf die Spur zu kommen." Sein Lächeln war breit und zufrieden. Und in St.Johns Augen leuchtete es. Der alte Forschergeist war in dem längst emeritierten Professor offenbar noch lange nicht erloschen. "Ich habe Kontakt mit Kollegen aufgenommen, die Zugang zu einem Teilchenbeschleuniger haben und sehr interessiert daran wären, mit diesem Material einige Experimente anzustellen..."

"Wäre das nicht fantastisch?", sagte Tante Lizzy, ehe ich auch nur einziges Wort auf Professor St.Johns Ausführungen erwidern konnte. "Hugh meint, dass ein Teilchenbeschuss endlich mehr Klarheit über die völlig rätselhafte Struktur dieses Materials bringen könnte!"

Hugh!, echote es in mir. Dass sie den Professor beim Vornamen nennt, ist etwas Neues!

"Ich werde nicht lange bleiben, Tante Lizzy", sagte ich dann und berichtete knapp von der bevorstehenden Fahrt nach Northumberland. "Tom holt mich gleich ab..."

Professor St.John ließ sich wenig später mit einem Taxi abholen und nahm den Metallklumpen mit. Ich packte indessen ein paar Sachen für die Reise zusammen. Vermutlich würden Tom und ich ein paar Tage in Northumberland bleiben müssen, bis wir etwas herausfanden. Ich nahm nur das Nötigste mit.

Eine Sporttasche und mein Notebook, mit dessen Hilfe ich meine Artikel per e-mail an die Redaktion schicken konnte Ich blickte auf die Uhr. Tom hatte ein bisschen Verspätung.

Wahrscheinlich war er im Londoner Verkehrsgewühl steckengeblieben.

Ich stellte meine Sachen in den Flur.

Als ich in die Bibliothek trat, räumte Tante Lizzy gerade etwas auf und sortierte einige Lederfolianten zurück in die Regale. In ihrem Archiv hatte sie ihr eigenes, sehr persönliches Ordnungssystem. Es musste sehr effektiv sein.

Jedenfalls fand sie stets innerhalb kürzester Zeit, was sie suchte. Nur für Außenstehende war dieses Ordnungssystem mehr oder minder undurchschaubar.

Sie hatte gerade eine neuere Übersetzung der ABSONDERLICHEN KULTE von Hermann von Schlichten zurück ins Regal gestellt, als sie mich bemerkte und förmlich zusammenzuckte.

"Ich wollte dich nicht erschrecken, Tante Lizzy!"

"Meine Güte! Sehr oft macht mein Herz das aber nicht mit. Ich habe dich überhaupt nicht kommen hören." Sie seufzte.

"Ich will nicht hoffen, dass ich ein Hörgerät brauche..."

"Tante Lizzy hast du eine Ahnung, was LIBRUM HEXAVIRATUM bedeutet?"

Tante Lizzy sah mich erstaunt an. "Ein Buch", meinte sie dann. "Ich hatte Latein in der Schule... Und Frederik hat mir ein bisschen Griechisch beigebracht..." Sie wirkte nachdenklich. "LIBRUM HEXAVIRATUM", murmelte sie. "Das Buch des Rates der Sechs. Es handelt sich um eine eigenartige Sprachmischung. Hexa ist das griechische Wort für sechs, der Rest ist Latein. Mitunter hat man versucht, auf diese Weise Texte zu verschlüsseln. Hermann von Schlichten experimentierte in seinen jungen Jahren damit. Und Nostradamus hat neueren Erkenntnissen nach in seinen französischen Texten eine in Altfranzösisch verfasste Botschaft so meisterhaft getarnt, dass..."

"Tante Lizzy!"

Sie lächelte. "Du hast recht, Patti. Ich schweife etwas ab." Sie zuckte die Schultern. "In diesem Fall allerdings scheint die Bedeutung auf der Hand zu liegen - zumindest die Oberflächliche. Aber was dieses Hexavirat - der Rat der Sechs - sein soll..." Sie zuckte die Achseln.

"Du hast diesen Begriff nie gehört?"

"Nein. Aber wenn du willst kann ich versuchen, für dich etwas darüber herauszufinden... Wie kommst du auf dieses Buch?"

Ich erzählte von dem Erlebnis im Redaktionsbüro. Tante Lizzy hörte mir aufmerksam zu. Falten bildeten sich auf ihrer Stirn, und sie wirkte plötzlich sehr ernst.

"Ich weiß, dass das nicht nur ein Computervirus war, den jemand bei uns eingeschleust hat, um grässliche Okkult-Kitschbilder auf unsere Schirme zu zaubern. Das war eine Kraft... Sie war sehr stark..."

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Darnby-on-Sea...

Die Nebelwand stand wie eine graue Mauer vor der Küste.

Das Rauschen der Brandung bildete ein ständiges Hintergrundgeräusch, das ab und zu durch das Kreischen einer Möwe unterbrochen wurde.

Es war ein feuchter, kalter Tag.

Der Wind blies eisig von der See herüber.

Etwa zwei Dutzend Männer standen wortlos am Strand. Die Kragen hatten sie hochgeschlagen. Die Wollmützen waren tief in die Gesichter gezogen. Die Männer starrten hinaus auf das Meer. Ihre wettergegerbten, lederhäutigen Gesichter waren beinahe regungslos. Es waren die Gesichter von Greisen. Im matten Glanz ihrer Augen spiegelte sich unermesslich große Erfahrung.

Sie starrten in den Nebel hinein.

Einer von ihnen hob die Hand, als dort ein dunkler, formloser Schatten auftauchte.

"Dort ist sie!", krächzte heiser seine Stimme. Der Wind, der nun auch die ersten Nebelschwaden den Strand hinaufwehte und sie wie lästige Geister vor sich her trieb, verschluckte die Worte des Mannes beinahe. "Die SANTA ISABEL..."

"Was sollen wir tun?", rief einer der anderen.

"Unser Herr wird gleich hier sein!"

"Er lässt sich Zeit!"

Das dunkle Etwas kam jetzt deutlicher aus dem Nebel hervor.

Die Konturen eines Segelschiffes zeichneten sich ab. Eine spanische Galeone, deren Segel schlaff von den Rahen hingen, obwohl der Wind eigentlich wütend an ihnen hätte zerren müssen.

Keiner der Männer an Land sagte jetzt noch ein Wort.

Denn nun ertönten die Stimmen. Ganz leise erst, wie aus sehr weiter Ferne, drangen sie an ihre Ohren. Es waren gellende Todesschreie. Laute des puren Entsetzens und höchster Verzweiflung, die sich zu einem furchtbaren Chor der Verdammten mischten. Eine Geräuschkulisse, die einen glauben machen konnte, sich am Vorhof der Hölle zu befinden.

Das Schiff näherte sich.

Die Schreie schwollen an, während die Möwen verstummten.

Ein ganzer Schwarm dieser Ufervögel stob Richtung landeinwärts davon. Kein Laut kam über die Schnäbel dieser flüchtenden Vögel. Nur das aufgeregte Geflatter ihrer Flügel war zu hören. Ein Geräusch, von so unheimlicher Intensität, das einem das Blut in den Adern gefrieren mochte. Es war eine heillose, panische Flucht vor diesem düsteren Schiff, das aussah, als ob es direkt aus einer fernen Vergangenheit gekommen war.

"Wir sollten auch gehen!", rief einer der Männer heiser.

Kaum einer verstand ihn. Selbst dann nicht, als er seinen Ruf wiederholte und der Flügelschlag längst nicht mehr zu hören war.

"Du weißt, was dann passiert!", knurrte ihm einer der anderen zu. Er öffnete dabei den aufgesprungenen Mund. Er hatte kaum noch einen Zahn im Mund. Und die aufgesprungene, lederige Haut spannte sich so dicht an die Schädelknochen, dass man an einen Schrumpfkopf oder eine Mumie erinnert war.

Die entsetzlichen Schreie, die von der Galeone herübergellten, mischten sich nun zunehmend mit einem triumphierenden Höllengelächter.

In diesem Moment klang von Ferne das Geräusch galoppierender Pferdehufe zu den Männern herüber. Ein Reiter in schwarzem Umhang preschte in wildem Galopp den Strand entlang.

Das Pferd, auf dem er saß, war ein Rappen.

Das Fell war so pechschwarz wie die Nacht selbst. Nur am Kopf blieb eine kleine Blässe, die die Form gekreuzter Knochen hatte.

Der Reiter trug einen dunklen Schlapphut. Er hatte den Umhang vor das Gesicht geschlagen. Lediglich die Augen blieben frei.

Er zügelte das Pferd, als er die Schar der Wartenden erreichte.

Der Chor der Schreienden, der ihm vom Meer her entgegenschallte, schien ihn nicht weiter zu interessieren.

Und auch der geisterhaften Galeone würdigte er keines Blickes.

"So mancher dachte schon, Ihr kommt nicht mehr!", rief jemand aus der Schar der Wartenden.

Der düstere Reiter antwortete nicht sogleich. Er ließ den Blick umherkreisen. Seine Augen flackerten unruhig. Dann kam ein höhnisches Gelächter unter dem Umhang hervor. Es klang heiser und erinnerte an den Schrei der Möwen. "Ihr hattet Angst, dass mir eure erbärmlichen Seelen gleichgültig geworden sein könnten?" Das anschließende Kichern war durch das Meeresrauschen kaum zu hören. "Die Furcht frisst euch innerlich auf... Es tut gut, das zu sehen, meine Freunde!

Beweist es doch, dass nach all der langen Zeit doch noch ein Funken von Leben in euch ist. Etwas, was man kaum vermutet, wenn man in eure welken Gesichter sieht..."

"Es ist nicht mehr viel Zeit!", rief einer der Männer.

Der düstere Reiter wandte den Kopf.

"Haben wir nicht alle Zeit der Welt?", rief er zurück.

In diesem Moment lief die Galeone mit einem furchtbaren, schabenden Geräusch auf Grund. Irgendwo an Bord barst offenbar Holz. Rahen brachen durch den Aufprall aus ihren Halterungen und krachten auf das Deck nieder.

Es ist wie damals, dachte der düstere Reiter, während er dann doch für einen kurzen Moment den Blick seewärts richtete. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied!

Diesmal ist niemand an Bord...Keine lebende Seele!

Der Reiter griff unter seinen Umhang und holte einen Lederbeutel hervor.

Den Inhalt schüttete er in den Sand.

Ein bleicher menschlicher Schädel rollte über den feuchten Untergrund, ehe er schließlich liegenblieb. Ihm folgten ein paar Knochen sowie das Skelett einer Hand.

"Ihr wisst, was ihr zu tun habt", erklärte der Düstere dann an die Anwesenden gewandt, die daraufhin einen Halbkreis um diese Knochen herum bildeten.

Sie streckten die Hände aus und begannen, eine Folge von Silben zu murmeln. Wörter, die immer wieder wie in einem Singsang wiederholt wurden.

"Natamarus Ptoreguum Ktor'a!"

Magere Hände mit faltiger, wie ledern wirkender Haut, streckten sich dem grinsenden Totenschädel im Sand entgegen.

Eine fluoreszierende Aura begann sich um diese Hände herum zu bilden. Der Singsang schwoll an, wurde heiserer und vermischte sich mit dem Rauschen des Meeres und den Schreien der Verdammten, die vom Schiff herüberschollen.

Der düstere Reiter stieg indessen von seinem Pferd herab.

Der Rappen mit der wie gekreuzte Knochen aussehenden Blässe auf der Stirn blieb vollkommen ruhig stehen. Der Düstere starrte hinab auf den Schädel und die Knochen, die jetzt zu zittern begannen.

Die Skeletthand bewegte sich etwas.

Wie ein Krebs krabbelte sie auf ihren Knochenfingern seitwärts.

Der Düstere reagierte blitzschnell.

Sein Stiefel bewegte sich im Bruchteil einer Sekunde nach vorn und trat auf die Knochenhand, die sich noch immer zitternd bewegte und dabei an einen gerade gefangenen Hummer erinnerte.

Unter dem weiten Umhang des Düsteren kam ein schwarzer Handschuh hervor, den er dann mit bedächtigen Bewegungen abstreifte. Darunter blinkte es metallisch. Die Hand des Düsteren bestand aus einer Art bläulich schimmerndem Stahl.

Der Umhang glitt zur Seite. Das Gesicht kam zum Vorschein.

Ein hageres, bleiches Gesicht mit kalten Zügen. Der dünnlippige Mund verzog sich zu einer höhnischen Grimasse.

Grenzenlose Verachtung sprach aus diesen Zügen.

Der Düstere beugte sich nieder. Mit einem entschlossenen Griff packte er die Knochenhand, die unter seinem Fuß gefangen war. Sie vibrierte, als ob sie von einer unheimlichen Kraft erfüllt war. Einer Art Ladung, die jeden Moment entweichen konnte.

Der Schädel und die Knochen, die daneben auf dem Boden verstreut lagen vibrierten ebenso.

Die Stahlhand des Düsteren hob sich.

Ihre zitternde und zappelnde Beute hielt sie fest im Griff.

Auf dem Gesicht des Düsteren zeigte sich nun die Karikatur eines Lächelns. Ein heiseres, höhnisches Lachen drang aus seiner Kehle hervor. Dann schloss er die Augen, wie unter großem, schier übermenschlichen Kraftanstrengung. Sein Gesicht verlor den letzten Rest an Farbe. Falten bildeten sich wie tiefe Furchen in der ohnehin schon sehr porös und alt wirkenden Haut. Wie Pergament wirkte sie jetzt. Die sterbliche Hülle eines Mumifizierten...

Sekunden nur dauerte dieser Vorgang.

Aber der Düstere schien in diesen Momenten um Jahre zu altern.

In den Augen der anderen Männer stand das blanke Entsetzen.

Sie beteten tapfer ihre eintönige Litanei vor sich hin.

Ihre fluoreszierenden Hände reckten sich nach wie vor den vibrierenden Knochen entgegen, aber der Klang ihrer Stimmen erinnerte jetzt an ein furchtsames Gewimmer. Nicht mehr an den kraftvollen Singsang eines archaischen Rituals aus uralter Zeit...

Jeder von ihnen wusste, dass das Gesicht ihres düsteren Herrn nur ein Spiegelbild ihrer eigenen Gesichter war.

Auch ihre Haut verlor den lederartigen Charakter, wurde beinahe wächsern und ließ sie einen nach dem anderen wie Hundertjährige erscheinen.

Risse und Falten bildeten ein Relief des Verfalls in ihren Gesichtern. Ihre Augen verloren den Glanz, wurden matt und müde, während von der See her noch immer höhnisches Triumphgeschrei erscholl.

Ein geradezu tierisches Brüllen kam jetzt über die aufgesprungenen Lippen des Düsteren.

Die Knochenhand zerbröselte in seinem eisernen Griff zu einem kalkartigen Pulver, das hinab auf den Totenschädel rieselte.

Der Totenschädel zerplatzte zu einer Wolke aus feinem weißen Staub.

Einer der Männer aus dem Halbkreis sank zu Boden und blieb reglos liegen. Die Hände wirkten halb verwest. Das Gesicht sah aus, als hätte man diesen Mann nach Jahren exhumiert. Ein fauliger, bestialischer Geruch verbreitete sich, während der zu Boden gefallene Rest innerhalb von Sekunden völlig zerfiel. Die Anderen versuchten, nicht darauf zu achten.

In höchster Verzweiflung intonierten sie ihren Singsang, schrien die magischen Worte dem gestrandeten Schiff förmlich entgegen.

Diese ramponierte Galeone fürchteten sie mehr als alles andere auf der Welt. Mehr als Tod und Teufel.

Dann hob der Düstere die Eisenhand.

Der Chor verstummte.

Und aus der Ferne war ein dumpfes Grollen zu hören. Es hörte sich beinahe wie ein herannahendes Gewitter an, aber jeder dieser Männer wusste, dass es das nicht sein konnte. Wie gebannt standen sie da, blickten sich gegenseitig in die vom Verfall gezeichneten Gesichter. Hier und da glomm in den Blicken dieser müden Augen wieder Hoffnung auf.

Das ferne Grollen wurde lauter.

Der Chor der Verdammten an Bord der SANTA ISABEL war verstummt.

Niemand schien sich an Bord der Galeone aufzuhalten.

Zumindest war an Deck keine Menschenseele zu sehen. Das Schiff wirkte wie ein in der Brandung zurückgelassenes Wrack.

Holz knarrte. Wellen klatschten gegen die Spanten.

Und das dumpfe Grollen wurde zu einem geradezu ohrenbetäubenden Geräusch.

Etwas tauchte als düstere Wand hinter dem Nebel auf. Ein dunkelgraues Gebilde, das von Horizont zu Horizont reichte.

Augenblicke später konnte man sehen, dass es sich um eine gewaltige, immer höher aus dem grauen Meerwasser emporsteigende Welle handelte, die wie eine gigantische Wasserwalze auf den Strand zurollte. Auf ihrem Kamm bildete sich bereits eine Schaumkrone.

Mit einem ohrenbetäubenden Getöse überschlug sich die Welle und krachte über dem Deck der Galeone zusammen. Die SANTA ISABEL wurde unter den Wassermassen förmlich begraben. Masten brachen und einen Augenblick später war von der Galeone nichts mehr zu sehen.

Die Welle rollte ans Ufer und eiskaltes Salzwasser umspülte die Knöchel jener Männer, die am Ufer standen. Das Pferd des Düsteren wich ein paar Schritt zurück, blieb dann aber abwartend stehen. Schweigend sahen die Männer zu, wie sich das Wasser wieder zurückzog. Hier und da trieben Holzstücke an der Oberfläche.

Der Düstere atmete tief durch.

Er öffnete die Augen und streckte die Eisenhand aus.

Der Rappen mit der knochenförmigen Blässe kam zu ihm, so dass er sich auf das Tier stützen konnte. Er wandte den Kopf in Richtung der anderen.

"Wir brauchen neue Kraft", murmelte er. "Lebenskraft..."

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Ich war während der Fahrt etwas eingenickt. Ein schriller Werbetrailer im Radio weckte mich.

Draußen war es längst dunkel.

Tom saß am Steuer des Volvos.

Wir fuhren eine langgezogene, gerade Allee entlang. An beiden Seiten befanden sich hochgewachsene, schlanke Bäume, deren Kronen sich jetzt wie dunkle Schatten gegen den Nachthimmel abhoben.

Eine lange, anstrengende Fahrt lag hinter uns. Wir hatten uns kaum Pausen gegönnt, aber in regelmäßigen Abständen einen Fahrerwechsel vollzogen. Gut 500 Kilometer liegen zwischen London und der an der schottischen Grenze gelegenen Grafschaft Northumberland. Solange man die ausgebauten Fernstraßen des Vereinigten Königreichs benutzen konnte, kam man schnell voran. Aber inzwischen hatten wir diese offenbar längst verlassen.

"Bist du dir noch sicher, dass wir richtig sind?", fragte ich müde.

"So lang ist die Küste Northumberlands nun auch wieder nicht, dass wir bis morgen früh nicht dieses kleine Nest gefunden hätten..."

"Darnby-on-Sea..."

"Gut, dass du mich an den Namen erinnerst."

"Sag bloß, du hättest ihn glatt vergessen!"

"Nun, diese rätselhafte Mordserie dürfte so ziemlich das einzige sein, was sich dort in den letzten fünfhundert Jahren an bedeutendem ereignet hat."

Ich blickte aus dem Wagenfenster hinaus.

Nirgends war in der Landschaft ein Licht zu sehen. Weder von einem Auto noch von irgendwelchen Ansiedlungen. Wir waren offenbar weit und breit völlig allein. Ich hoffte nur, dass wir irgendwo noch ein Zimmer für die Nacht finden würden, das nicht allzu weit von unserem Zielort entfernt lag.

Wir fuhren eine Weile schweigend weiter.

Das Motorengeräusch des Volvos war geradezu einschläfernd.

Gleichzeitig machten sich die Gedanken mehr oder weniger selbständig. Das LIBRUM HEXAVIRATUM erschien vor meinem inneren Auge. Was mochte das nur für eine Macht gewesen sein, mit der ich einen kurzen mentalen Kontakt gehabt hatte? Diese Frage beunruhigte mich mehr, als ich es ihr einzugestehen bereit war. Und so sehr ich mich auch bemühte, den Gedanken daran zunächst einmal zu verdrängen - es gelang mir einfach nicht. Ein Gefühl des Unbehagens war deutlich in meiner Magengegend spürbar.

Wir erreichten eine Abzweigung und bogen in eine schmale Straße ein, die Richtung Küste führte. Der Ortsname Darnby war auf den wenigen Schildern noch nicht verzeichnet, aber Tom war der Überzeugung, das wir auf dem richtigen Weg waren.

Die zahlreichen Schlaglöcher unterzogen die Stoßdämpfer des Volvos einer Art Belastungstest. Tom konnte nur langsam fahren.

Nebel bildete sich indessen in den tiefliegenden Wiesen.

Er kroch in dichten Schwaden bald auch auf die Fahrbahn. Die Sterne und der Mond verschwanden hinter einem grauen Dunstschleier, der den gesamten Himmel nach und nach bedeckte. Nur hin und wieder war das Mondlicht als verwaschener Fleck zu sehen.

"Soll ich nicht lieber nochmal auf der Karte nachschauen?", meinte ich.

Tom schüttelte den Kopf.

"Nicht nötig, ich habe mir das letzte Stück unseres Weges genau gemerkt..."

"Ich meine ja nur... Es sieht hier nicht so aus, als käme hier irgendwann noch einmal eine menschliche Ansiedlung..."

"Nicht mehr lange und wir kommen auf die Küstenstraße..."

"Ich vertraue dir..."

"Das will ich hoffen!"

Die Straße wurde immer schmaler und schlechter. Schließlich erreichten wir ein kleines Waldstück. Die knorrigen, eigenartig verwachsenen Bäume sahen im Licht der Scheinwerfer wie gespenstische, mitten in der Bewegung erstarrte Kreaturen aus. Gesichter schienen sich für Sekundenbruchteile aus den tiefgefurchten Rinde herauszuheben. Und die Nebelschwaden bildeten eigenartige Formen aus, die an die Tentakel eines vielarmigen Ungeheuers erinnerten.

Für Bruchteile eines Augenblicks spürte ich jenen charakteristischen unangenehmen Druck hinter meinen Schläfen, der mir die Anwesenheit einer übersinnlichen Kraft signalisierte. Ein Schauder überkam mich.

LIBRUM HEXAVIRATUM...

Ich glaubte plötzlich zu wissen, dass es sich um dieselbe Kraft handelte, die ich beim Anblick dieses Buches gespürt hatte...

Hast du nicht inzwischen gelernt, deinen Ahnungen zu trauen, Patti?, ging es mir indessen durch den Kopf.

Mein Puls raste, das Herz schlug mir bis zum Hals, und ich spürte, wie kalter Schweiß auf meiner Stirn stand. Eine Kraft von ungeheurer Intensität...

Bei der ersten Begegnung hatte ich immerhin das Bewusstsein verloren.

Mein Mund fühlte sich trocken an und ich versuchte zu schlucken. Einem plötzlichen Impuls folgend schloss ich die Augen.

Für Bruchteile eines Augenblicks hatte ich eine Vision.

Ein Segelschiff, das mit schlaffen Segeln durch eine spiegelglatte See fuhr, über deren Oberfläche graue Nebelschwaden krochen...

Eine Sekunde später war es vorbei.

"Dahinten sind Lichter!", stellte Tom indessen fest. "Vielleicht eine Ortschaft!"

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Die Lichter rückten näher. Ein Ortsschild flog an uns vorbei.

Der Name, der einst darauf gestanden hatte, war kaum noch zu lesen. Die Farbe war abgeblättert und es hatte sich offenbar seit langem niemand die Mühe gemacht, das Schild zu erneuern.

Tom fuhr noch etwas langsamer.

Der Straßenbelag wechselte.

Statt des löcherigen Asphalts gab es jetzt Kopfsteinpflaster.

Das Dorf war sehr klein. Ein paar Dutzend Häuser, die um eine windschiefe Kirche herum standen. Daneben ein Friedhof, in dessen Zentrum eine mächtige Eiche stand, die irgendwann einmal ein Blitzeinschlag in der Mitte gespalten hatte.

"Vielleicht sollten hier mal fragen, ob wir noch richtig sind", schlug ich vor.

"Ich dachte, du hast Vertrauen zu mir!" Tom deutete nach vorn. "Dahinten, das sieht aus wie eine Tankstelle. Vielleicht ist da noch jemand. Tanken müssten wir sowieso in nächster Zeit..."

Tom fuhr an die Tankstelle heran und hielt vor der Zapfsäule, die wie ein Überbleibsel aus den Anfängen des Automobilzeitalters wirkte. Um Abgasnormen und andere Errungenschaften der Moderne schien man sich hier nicht zu kümmern.

Zur Tankstelle gehörte ein verwittertes, in Fachwerkbauweise errichtetes Haus, in dem noch Licht brannte.

"Vielleicht haben wir ja Glück", meinte Tom.

Wir stiegen aus.

Ich zog mir meine Jacke an und schlug den Kragen hoch. Es war eine unangenehm kalte Nacht. Ich blickte mich um, beobachtete einige Augenblicke lang die grauweißen Nebelschwaden, die zwischen den altertümlich wirkenden Häusern hindurchquollen. Und für Sekunden stand wieder das Schiff vor meinem innere Auge...

Und diesmal hörte ich auch die Stimmen...

Schreie...

Mir fröstelte.

Es klang wie die Geräuschkulisse zu einem entsetzlichen Gemetzel...

Verzweifelt versuchte ich, mehr zu sehen. Aber die Bilder in meinem Bewusstsein lösten sich so rasch auf, wie sie gekommen waren. Nichts blieb von ihnen zurück, als eine vage Erinnerung und das wachsende Gefühl des Unbehagens.

Dieses Buch..., dachte ich. Es muss in irgendeiner Verbindung zu dem Schiff stehen...

Ich nahm mir vor, Tante Lizzy am nächsten Morgen anzurufen und mich bei ihr zu erkundigen, ob sie inzwischen etwas über das LIBRUM HEXAVIRATUM wusste.

"Was ist los, Patti?", fragte Tom.

"Eine Vision", erklärte ich heiser. "Da war ein Schiff... Ein Segelschiff. Ich kenne mich nicht so gut damit aus, Tom, aber..." Ich zuckte die Schultern und sprach nicht weiter.

Dann umrundete ich die Motorhaube des Volvo, trat auf Tom zu und sah ihm in die Augen. Was ich empfand, ließ sich nicht in Worte fassen. Ich versuchte es daher auch gar nicht erst. Er nahm meine Hand in die seine und drückte sie zärtlich.

Er versteht mich!

Die innere Kälte, dieses eisige Frösteln der Seele, das mich gerade noch hatte frieren lassen, wurde jetzt durch seine Wärme gemildert.

Ob er wirklich weiß, wie sehr ich ihn brauche?

Ein Geräusch ließ uns beide zum Haus blicken. Eine Tür hatte sich geöffnet und ein untersetzter Mann in flusiger Strickweste trat ins Freie. Die Schiebermütze aus Tweed trug er tief ins Gesicht, die Hände waren in den weiten Taschen seiner Hose vergraben.

"Haben Sie noch geöffnet?", fragte Tom.

"Sehen Sie doch!", knurrte der Mann.

Tom bewegte sich auf die Zapfsäule zu.

"Lassen Sie ja Ihre Finger da weg!", krächzte der Mann mit der Schiebermütze ziemlich barsch. "Selbstbedienung gibt es hier nicht!"

Tom zuckte die Achseln. "Soll mir recht sein..."

"Wollen Sie volltanken?"

"Ja. Normalbenzin."

"Dann schließen Sie bitte den Tank auf!"

Tom nickte und sah dann dem Tankwart bei seiner Arbeit zu.

Der Mann machte einen etwas umständlichen Eindruck.

Ich deutete mit der Hand. "Wenn man hier weiter geradeaus fährt, kommt man dann zur Küstenstraße?"

"Wohin wohl sonst?", knurrte der Tankwart zwischen den Zähnen hindurch. Er kaute auf irgend etwas herum, und ich hatte keine Ahnung, womit ich sein mürrisches Auftreten verdient hatte.

"Wir wollen nämlich nach Darnby-on-Sea!", erklärte ich. "Sind wir da richtig?"

Details

Seiten
150
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738916003
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Mai)
Schlagworte
patricia vanhelsing sidney gardner geisterschiff

Autor

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Titel: Ein Patricia Vanhelsing Roman: Sidney Gardner - Geisterschiff