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Vier Pete Hackett Western Januar 2018

2018 500 Seiten

Leseprobe

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Vier Pete Hackett Western Januar 2018

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Dieses Buch enthält die Western:

Pete Hackett: Kämpfe!

Pete Hackett: Bleib hier und Kämpfe

Pete Hacket: Reite, kämpfe und töte

Pete Hackett: Kämpfen für Kelly

Unter dem Pseudonym Pete Hackett verbirgt sich der Schriftsteller Peter Haberl. Er schreibt Romane über die Pionierzeit des amerikanischen Westens, denen eine archaische Kraft innewohnt - eisenhart und bleihaltig. Seit langem ist es nicht mehr gelungen, diese Epoche in ihrer epischen Breite so mitreißend und authentisch darzustellen.

Mit einer Gesamtauflage von über zwei Millionen Exemplaren ist Pete Hackett (alias Peter Haberl) einer der erfolgreichsten lebenden Western-Autoren.

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Kämpfe!

Western von Pete Hackett

Über den Autor

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Unter dem Pseudonym Pete Hackett verbirgt sich der Schriftsteller Peter Haberl. Er schreibt Romane über die Pionierzeit des amerikanischen Westens, denen eine archaische Kraft innewohnt - eisenhart und bleihaltig. Seit langem ist es nicht mehr gelungen, diese Epoche in ihrer epischen Breite so mitreißend und authentisch darzustellen.

Mit einer Gesamtauflage von über zwei Millionen Exemplaren ist Pete Hackett (alias Peter Haberl) einer der erfolgreichsten lebenden Western-Autoren. Für den Bastei-Verlag schrieb er unter dem Pseudonym William Scott die Serie "Texas-Marshal" und zahlreiche andere Romane. Ex-Bastei-Cheflektor Peter Thannisch: "Pete Hackett ist ein Phänomen, das ich gern mit dem jungen G.F. Unger vergleiche. Seine Western sind mannhaft und von edler Gesinnung."

Hackett ist auch Verfasser der neuen Serie "Der Kopfgeldjäger". Sie erscheint exklusiv als E-book bei CassiopeiaPress.

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© 2012 der Digitalausgabe 2012 by AlfredBekker/CassiopeiaPress

www.AlfredBekker.de

––––––––

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WIE FERNES DONNERGROLLEN waren die Hufschläge zu vernehmen. John Warner biss die Zähne zusammen. Seine Züge wurden kantig. In seine Augen trat ein entschlossener Ausdruck.

Wes Osborne hatte sein Versprechen wahrgemacht und schickte ein hartbeiniges Rudel Reiter. Warner griff nach der Winchester und repetierte. Er war nicht bereit, seinen Platz am Bow Creek kampflos zu räumen.

Er baute sich am Fenster des Ranchhauses auf. Es war aus Baumstämmen und Brettern errichtet und besaß nur einen einzigen Raum. Hier kochte Warner sein Essen, hier hielt er sich an den Abenden auf, hier schlief er. Cowboys zu beschäftigen hatte sich Warner bisher nicht leisten können. Er war allein auf der kleinen Pferderanch.

Das Hufgetrappel schlug heran wie ein Vorbote von Untergang und Tod...

Nach und nach wurden die Hufschläge deutlicher. Dann tauchte die Horde auf dem Kamm einer Bodenwelle auf. Es waren sieben Reiter. Sie kamen von Süden.

Das Rudel vermittelte einen überwältigenden Eindruck von Wucht und Stärke, von Entschlossenheit und Vernichtungswillen. So empfand es zumindest John Warner. Er packte das Gewehr fester. Den Kolben hatte er sich unter die Achsel geklemmt. Der Schaft lag in seiner Linken. Der Zeigefinger seiner rechten Hand krümmte sich um den Abzug. John Warners Züge waren wie aus Granit gemeißelt.

Der Pulk näherte sich in loser Ordnung. Gebissketten klirrten, Sattelleder knarrte, als die Reiter am Rand des Ranchhofes die Pferde zügelten. Dass die Kerle furchtlos vor die Mündung seiner Winchester ritten, zeigte, wie sehr sie sich ihrer Überlegenheit bewusst waren. Einer rief: "Warner, heh, bist du noch da?"

"Yeah", antwortete John Warner. Seine Stimme klang kratzig. "Ich sagte doch, dass ich mich von euch nicht einschüchtern und schon gar nicht vertreiben lasse."

"Wir werden dich mit der Peitsche aus dem Land jagen!"

"Du vergisst dabei völlig, dass ich dich vor der Mündung habe, Sherman. Verschwindet von meinem Grund und Boden. Ihr begeht Landfriedensbruch. Ich werde mich an den Sheriff wenden. Und dann..."

"Du bist ein Narr, Warner. Nun, du hast die Chance, die wir dir gaben, nicht genutzt. Jetzt wird es hart für dich."

Warner krümmte den Finger. Die Winchester peitschte. Die Kugel strich dicht über Dave Shermans Kopf hinweg. Der Vormann der Osborne Ranch war mit einem Satz vom Pferd. Der Knall zerflatterte. Sherman rief einen Befehl. Seine Begleiter sprangen von den Pferden und griffen nach den Waffen. Schießend rannten sie auseinander. Das Donnern der Gewehre und Revolver rollte hinaus in die Prärie und versickerte zwischen den Hügeln.

Dann befanden sich die Kerle in der Deckung von Schuppen und Scheunen. Sie hatten das Ranchhaus eingekreist. Das Dröhnen der Waffen endete. Dave Sherman ließ seine raue Stimme erklingen: "Deine letzte Chance, Warner. Komm waffenlos und mit erhobenen Händen aus dem Haus. Ich gebe dir zehn Sekunden Zeit. Solltest du diese letzte Warnung ignorieren, werden wir dich ausräuchern.

"Kommt nur, Sherman. Ich werde kämpfen bis zum letzten Tropfen Blut."

"Wie du willst, Warner."

Dann sprachen wieder die Waffen. Die Männer von der Osborne Ranch feuerten, was das Zeug hielt. Glas klirrte, es knirschte, und krachte, Querschläger jaulten. Und dann erhob sich plötzlich Rauch hinter dem Ranchhaus. Dunkel wölkte er zum Himmel. Jemand hatte Feuer gelegt. Die Flammen leckten an der Rückseite des Gebäudes in die Höhe. Schnell fing das trockene Holz Feuer...

John Warner stand in der Deckung der Wand neben dem Fenster. Von den Osborne-Männern war nichts zu sehen. Sie warteten und lauerten. Die Waffen schwiegen jetzt. Die Ruhe, die nach den Schüssen eingekehrt war, mutete bleischwer und erdrückend an. Warner hatte noch keine Ahnung, dass es an der Rückwand seines Hauses brannte. Er äugte um den Fensterstock. Vor seinem Blick lag der Ranchhof. Ein lauer Wind wirbelte manchmal Staubfontänen hoch und trieb sie ein Stück vor sich her. Im Corral, etwa 50 Yards von den Gebäuden der Ranch entfernt, tummelten sich an die drei Dutzend Pferde. Sie hatten die Köpfe erhoben, witterten und peitschten unruhig mit den Schweifen. Die Schüsse hatten die Tiere nervös werden lassen.

In der Rückwand des Ranchhauses gab es kein Fenster. Doch jetzt quoll Rauch durch die Ritzen zwischen den dünnen Baumstämmen. Und dann hörte Warner das Knacken des Holzes in der Hitze. Sein Herz übersprang einen Schlag. Ihm wurde schlagartig bewusst, dass er verloren hatte. Das Begreifen war von schmerzhafter Schärfe. Sein Zahnschmelz knirschte. Es war nur noch eine Frage von Minuten, bis er das Haus verlassen musste, um nicht bei lebendigem Leib geröstet zu werden.

Der Rauch, der in die Hütte drang, staute sich, legte sich auf Warners Atemwege und ließ seine Augen brennen. Der Mann konnte sich nicht entschließen. Draußen wartete der Tod. Die ersten Flammen leckten zwischen den Stämmen hindurch ins Innere der Hütte. Immer mehr Rauch entwickelte sich.

"Ich gebe auf!", schrie Warner und warf das Gewehr aus dem Fenster. "Nicht schießen! Ich komme jetzt hinaus."

Er lief zur Tür, schlug den Riegel zurück und zog sie auf. Dann trat er mit erhobenen Händen ins Freie. Sein Hals war wie zugeschnürt. Er war sich seiner Einsamkeit und Verlorenheit voll bewusst und glaubte den Anprall des Unheils, das ihn erwartete, geradezu körperlich zu spüren.

Die Reiter der Osborne Ranch traten aus ihren Deckungen. Über ein halbes Dutzend Gewehre und Revolver waren auf John Warner angeschlagen. Er hatte verloren. Hinter ihm hörte er das Brausen des Feuers, das sich rasend schnell ausbreitete und die ganze Hütte erfasste.

Wie von Schnüren gezogen setzte sich Warner in Bewegung. Er bewegte sich, dem Fegefeuer seiner Gedanken ausgesetzt, auf Dave Sherman zu. Als die Gewehrmündung des Vormannes fast seine Brust berührte, hielt Warner an.

In Shermans Mundwinkel hatte sich ein brutaler Zug eingekerbt. Kalt und starr fixierte er John Warner. "Du hast es dir selbst zuzuschreiben, Warner. Ich werde dich jetzt zerbrechen. Glaub es mir: du wirst auf allen Vieren aus dem Land kriechen. Du wirst ein Wrack sein, wenn ich mit dir fertig bin. – Bringt mein Pferd."

Einer der Cowboys führte Dave Shermans Pferd herbei. Der Vormann stieß die Winchester in den Scabbard, dann schwang er sich in den Sattel. Er nahm das Lasso zur Hand. John Warner ahnte, was ihn erwartete. Seine aufgewühlten Gedanken wirbelten. Er duckte sich und stand sprungbereit da. Aber angesichts der auf ihn drohend angeschlagenen Waffen war es sinnlos, an Widerstand zu denken.

Sherman warf das Lasso. Einen Sekundenbruchteil schien die Schlinge über Warners Kopf in der Luft zu hängen, dann senkte sich nach unten, ein Ruck, und sie zog sich um Warner Oberarme zusammen. Sherman wickelte das andere Ende um das Sattelhorn. Dann trieb er das Pferd an. Dass Lasso spannte sich, Warner wurde von den Beinen gerissen...

*

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"AAAH, DER SCHOLLENBRECHER", stieß Lane Hunter spöttisch hervor und grinste niederträchtig.

Hunter und sein Gefährte Jack Bright waren stehengeblieben. Auf dem Gehsteig näherte sich ihnen Henry Crossett, einer der Farmer vom Walnut Creek. Sein Sohn Joey begleitete ihn. Joey war 10 Jahre alt. Ihre Schritte hämmerten auf den Gehsteigbohlen. Jetzt sah der Farmer die beiden hämisch grinsenden Kerle und blieb stehen. Auch Joey hielt an. Schlagartig brach das Gepolter ihrer Schritte ab.

"Wo willst du denn hin, Schollenbrecher?", fragte Lane Hunter und grinste hinterhältig.

Crossett schluckte. Ihm war es plötzlich ziemlich unbehaglich zu Mute. Er sah in die hämisch verzogenen Gesichter der beiden Weidereiter und ahnte, dass sie ihn nicht ungeschoren lassen würden.

"Zum Saloon", sagte Henry Crossett. "Es ist heiß und wir haben Durst."

"Da wollen wir auch hin", knurrte Jack Bright. "Doch wollen wir nicht die selbe Luft mit dir atmen. Stillt also euren Durst bei einer der Tränken. Das Wasser, das die Gäule saufen, ist auch gut genug für dich und deinen Ableger."

Henry Crossett atmete tief durch. Sein Gesicht hatte sich dunkler gefärbt. Ohne von einem bewussten Willen geleitet zu werden legte er seine rechte Hand auf die Schulter seines Jungen. Joey fixierte die beiden Kerle von der Great Bend Ranch mit einer Mischung aus Furcht und Trotz. Er spürte die Hand seines Vaters auf der Schulter.

Jetzt sagte Henry Crossett: "Ihr könnt mir nicht verbieten, im Saloon etwas zu trinken. Auf der Weide der Great Bend Ranch mögen eure Gesetze gelten. Hier in Ellinwood sind sie einen Dreck wert. Also hindert uns nicht daran, in den Saloon zu gehen."

"So, so", versetzte Lane Hunter. "Das Gesetz der Great Bend ist deiner Meinung nach also einen Dreck wert. Solche Worte werden Big James aber ganz und gar nicht gefallen."

"Es ist meine Meinung. Big James wird sie akzeptieren müssen. Und jetzt geht zu Seite..."

Mit dem letzten Wort setzte sich Henry Crossett in Bewegung. In seinen Eingeweiden rumorte ein ungutes Gefühl. Aber er wollte sich von diesen beiden Kerlen nicht demütigen lassen. Henry Crossett war ein stolzer Mann, der seinem Jungen nicht zeigen wollte, dass er die Great Bend Ranch und ihre Reiter fürchtete.

Vielleicht war es ein falscher Stolz.

Aber Crossett konnte einfach nicht über seinen Schatten springen.

Die beiden Weidereiter traten zur Seite. In Lane Hunters Augen zeigte sich ein heimtückisches Schillern. Das Grinsen des Kerls wirkte wie eingefroren. Jack Bright nagte an seiner Unterlippe und musterte Crossett mit einem lauernden Ausdruck.

Als der Farmer auf einer Höhe mit ihnen war, packte Hunter den Jungen mit einem schnellen Griff am Arm, riss ihn von seinem Vater weg und schleuderte ihn vom Gehsteig in den Straßenstaub. Joey schrie erschreckt auf. Staub wallte. Mit einer wilden Bewegung wandte sich Henry Crossett Hunter zu. "Du verdammter Hundesohn!", knirschte der Farmer. Seine Hände zuckten in die Höhe. Crossett wurde vom Zorn überwältigt. Sein Verstand war nicht schnell genug, um den Reflex einzuholen.

Ehe er aber Hunter packen konnte, trat ihm Bright schon in die Kniekehlen. Seine Beine knickte ein. Haltsuchend ruderte er mit den Armen. Da hämmerte ihm Hunter die Linke in den Leib und ließ sogleich die Rechte folgen, die Crossett an der Schläfe traf. Der Farmer wurde zur Seite geworfen und kippte vom Gehsteig.

Auf der anderen Straßenseite blieben einige Passanten stehen und beobachteten mit gemischten Gefühlen, was sich abspielte. Es war ein offenes Geheimnis in der Stadt, dass Big James Hancock die Farmer am Walnut Creek ein Dorn im Auge waren. Die Rinder Big James' standen in dem Dreieck, das der Walnut Creek und der Arkanses River bildeten. Die Farmen am Walnut Creek aber hinderten seine Herden, an den Fluss zu Tränke zu gelangen. Und so drängten sich die Longhorns am Nordufer des Arkanses River, was dazu führte, dass das Futter auf den Weideplätzen nördlich des Arkansas River knapp wurde, während südlich des Walnut Creek, dort wo das Farmland endete, das Gras üppig gedieh, dem Vieh der Great Bend Ranch mangels Wasser allerdings vorenthalten blieb.

Die Farmer hatten Zäune gezogen, um ihre Felder und Äcker vor dem Vieh der Great Bend Ranch zu schützen. Big James musste es akzeptieren, wollte er sich nicht gegen das Gesetz stellen. Doch seine Herden wurden immer größer. Die Weidegründe am Arkansas River wurden zu klein. Die Rinder fraßen sich gegenseitig das Futter weg. Die Great Bend Ranch hatte begonnen, die Farmer zu terrorisieren. Zähne wurden zerschnitten, Vieh auf das Farmland getrieben. Ganze Mais- und Weizenfelder waren niedergetrampelt worden.

Deputy Sheriff Walt Freeman war zur Great Bend Ranch geritten und hatte Big James zur Raison gerufen. Danach war es ruhiger geworden. Der Terror, der von der Great Bend Ranch ausging, endete. Nach außen hin war Ruhe eingekehrt. Unter der ruhigen und friedlichen Oberfläche aber gärte und brodelte es wie in einem Vulkan...

Crossett schüttelte den Kopf, um die Benommenheit, die gegen seinen Verstand anbrandete, zu vertreiben. Er drückte sich mit den Armen hoch. Joey hatte sich aufgerappelt. Der Farmer wollte den Oberkörper aufrichten.

Jack Brights Bein schnellte hoch und traf Crossett in den Leib. Der Farmer wurde herumgeworfen. Der Schrei, der sich in ihm hochkämpfte, erstickte im Kehlkopf. Er landete auf der Seite und presste beide Hände gegen seinen Leib. Seine Augen waren glasig geworden. Er schnappte nach Luft wie ein Erstickender. Seine Beine zuckten unkontrolliert.

Die beiden Weidereiter sprangen vom Gehsteig.

Auf der Straße versammelten sich immer mehr Menschen. Niemand aber griff ein. Die Stadt lebte im Schatten der Great Bend Ranch, und keiner der Bewohner wollte es sich mit Big James verscherzen.

Jack Bright bückte sich. Seine Rechte verkrallte sich in den Haaren des Farmers. Brutal zerrte er Crossett auf die Beine. Der Farmer schrie auf und schlug nach Bright. Er traf den Cowboy am Oberarm. Der Schlag zeigte nicht die Spur einer Wirkung.

Hunter erwischte mit beiden Händen Crossetts rechten Arm und bog ihn unerbittlich nach hinten. Der Farmer machte das Kreuz hohl, um dem Druck in seinem Schultergelenk entgegenzuwirken. Da drosch ihm Bright die Faust in den Magen. Der Schlag war von der Wucht eines Pferdetritts. Der nächste Schwinger Brights donnerte gegen Crossetts Kinn. Der Kopf des Farmers wurde in den Nacken geschleudert. Vor seinen Augen schien die Welt in Flammen aufzugehen...

Wieder und wieder wurde er getroffen. Er hatte diesem Strom aus brutaler Gewalt nichts entgegenzusetzen. Bald spürte er keine Schmerzen mehr. Und irgendwann verlor er das Bewusstsein. Er lag am Straßenrand im Staub. Joey kniete bei ihm nieder. Der Junge weinte. Die beiden Schläger rührte sein Weinen nicht. Bright massierte sich die Knöchel seiner Rechten. Ohne die Spur einer Gemütsregung starrten die Kerle auf den Besinnungslosen hinunter.

"Gehen wir", knurrte Lane Hunter. "Wir haben uns ein Bier verdient."

Sie wandten sich ab. Wenig später verschwanden sie im Saloon.

Deputy Sheriff Walt Freeman kam mit langen Schritten die Fahrbahn entlang. Er kam zu spät. Ein Mann trat an ihn heran und sagte: "Es waren Hunter und Bright von der Great Bend Ranch, Sheriff. Die beiden sind in den Saloon gegangen."

Freeman ging bei Crossett auf das linke Knie nieder. Er strich Joey über den Blondschopf. Tränen rannen über die Wangen des Jungen und hinterließen helle Spuren in seinem staubgepuderten Gesicht. Seine Augen schwammen in einem See von Tränen. "Wo steht euer Wagen, Joey?", fragte der Deputy.

"Beim Store", antwortete Joey. "Wir haben einige Vorräte eingekauft und wollten im Saloon etwas trinken, als die beiden..."

Die Stimme des Knaben erstarb. Joey schniefte. Seine Schultern zuckten. Er wischte sich über die Augen. "Sie – sie haben Dad fast totgeschlagen", schluchzte er.

"Ich werde sie dafür zur Rechenschaft ziehen, Joey", murmelte Freeman. "Aber vorher..."

Der Gesetzeshüter drückte sich hoch. Er griff unter Henry Crossetts Achseln und schleifte den Besinnungslosen schräg über die Fahrbahn zu dem Tränketrog vor der Schmiede. Die Füße Crossetts hinterließen Schleifspuren im Staub. Der Junge folgte. Der Deputy Sheriff lehnte den Farmer mit dem Rücken gegen den Trog, dann nahm er Crossett das Halstuch ab und tauchte es ins Wasser...

*

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WALT FREEMAN BETRAT den Saloon.

Lane Hunter und Jack Bright lümmelten am Tresen. Vor ihnen standen volle Bierkrüge. An einigen der Tische saßen Männer der Stadt.

Knarrend schlugen die beiden Pendel der Schwingtür hinter Walt Freeman aus. Im Saloon wurde es still. Hunter und Bright wandten sich Freeman zu. Der Gesetzeshüter machte einige kurze, abgezirkelte Schritte, dann sagte er laut: "Ihr beiden Schufte habt Crossett übel zusammengeschlagen. Warum?"

Hunter schürzte die Lippen. "Crossett ging auf mich los. Ich musste mich zur Wehr setzen. Das ist legitim, Sheriff. Jack kann es bezeugen. Und sicher werden es auch einige Bürger der Stadt bestätigen."

"Ich hörte das Gegenteil. Ihr beide habt angefangen. Verdammt, ihr elenden Kerle, wie kommt ihr dazu, friedliche Leute zusammenzuschlagen? Ich dulde so etwas nicht in meiner Stadt. Ihr werdet jeder 20 Dollar Ordnungsgeld bezahlen und dann aus Ellinwood verschwinden. Sollte so etwas noch einmal vorkommen, sperre ich euch ein, bis ihr schwarz werdet."

Lane Hunter lachte fast belustigt auf. "Seit wann bist du größenwahnsinnig, Freeman? Wenn ich scharf Luft hole, hängst du mir quer vor der Nase. Heh, pass bloß auf, was du sagst, Sternschlepper. Sonst reißen wir dir das Stück Blei herunter und stutzen dich auf deine richtige Größe zurecht."

Freeman hielt das Gewehr mit beiden Händen schräg vor der Brust. Seine Rechte umspannte den Kolbenhals, die linke Hand den Schaft. Die Lippen des Gesetzeshüters wurden schmal. In seinen Augen erschien ein zorniges Funkeln. Mit einem Ruck setzte er sich in Bewegung. Nach wenigen Schritten stand er vor Hunter. Der Weidereiter grinste schief.

"Wie war das, Hunter?", fragte der Deputy.

Hunter schien zu spüren, dass er zu weit gegangen war. Er hob die rechte Hand. "Schon gut, Freeman. War nicht so gemeint. Fasse es als Spaß auf. Natürlich..."

Der Gewehrkolben zuckte in die Höhe. Freeman traf Hunter damit am Kinn. Hunter wurde halb herumgerissen und fiel mit dem Oberkörper über den Schanktisch. Sein Bierkrug kippte um.

Brights Rechte zuckte nach dem Colt. Es war ein Reflex. Der Deputy hatte die Winchester jetzt im Hüftanschlag. Die Mündung wies auf Bright. Der Cowboy hielt mitten in der Bewegung inne. "Mach nur weiter, Narr!", stieß Freeman zwischen den Zähnen hervor. "Es wird mir nichts ausmachen, dich in Stücke zu schießen."

Die Hand Brights sank nach unten.

Hunter rieb sich das Kinn. Dort, wo ihn der Kolben getroffen hatte, zeigte sich eine kleine Platzwunde, aus der Blut tröpfelte.

Der Blick, mit dem Hunter den Deputy maß, was voll Hass. "Das wirst du bereuen, Sternschlepper", knirschte der Cowboy. "Dafür werde ich dich..."

Hunter brach ab. Er sprach die Drohung nicht zu Ende. Was er aber für sich behielt, war viel sagender als alle Worte der Welt.

"Jack, wir gehen."

Hunter warf zehn Cents für die beiden Biere auf den Tresen. Ruckhaft setzte er sich in Bewegung, ging um den Deputy herum und schritt zur Tür.

Jack Bright folgte ihm.

"Vergesst nur nicht, das nächste Mal die 20 Dollar Ordnungsgeld mitzubringen", rief Freeman hinter ihnen her.

Dann schlugen die Pendel der Schwingtür hinter den beiden aus. Walt Freeman hatte sich umgewandt und starrte auf die Tür. Der Keeper sagte grollend: "Mit Hunter hast du dir einen Todfeind zugelegt, Walt. An deiner Stelle wäre ich die nächste Zeit verdammt vorsichtig. Und auch Big James wird es nicht gefallen, dass du zwei seiner Männer vor der ganzen Stadt blamiert hast. Ich denke, das hat noch ein Nachspiel."

Freeman zuckte mit den Achseln. "Es muss auch in Hancocks Sinn sein, in der Stadt Ruhe und Ordnung beizubehalten. Ich glaube auch gar nicht, dass Hunter und Bright Order von Big James hatten, gegen einen der Farmer vom Walnut Creek vorzugehen. Nach meinem letzten Gespräch mit dem Rancher ist es zu keinen Übergriffen mehr gegen die Siedler gekommen."

"Willst du ein Bier, Freeman?"

"Danke. Ein Schluck wird mir nicht schaden." Der Deputy ging zum Schanktisch...

*

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JOHN WARNER ZÜGELTE das Pferd, als er den Kreis aus Menschen sah, die die Main Street von Ellinwood bevölkerten. Vom Sattel aus konnte Warner einen Mann sehen, der auf dem Rand eines Tränketroges saß und dem die Haare nass in die Stirn fielen. Neben dem Mann, dessen Gesicht einige Blutergüsse und kleine Platzwunden aufwies, stand ein Junge von etwa zehn Jahren.

Der Mann hielt sich den Kopf mit beiden Händen.

Murmeln und Raunen hingen in der Luft. Niemand achtete auf den fremden Reiter.

Warners Pferd trat auf der Stelle und schnaubte. Auffallend an John Warner war, dass er keine Waffen trug. An seinem Sattel gab es keinen Scabbard, in dem ein Gewehr steckte. Um seine Hüften schlang sich kein Patronengurt. Warner hatte sich den breitrandigen Stetson tief in die Stirn gerückt, um seine Augen vor dem gleißenden Sonnenlicht zu schützen. An seiner Kleidung klebte Staub. Staubig war auch das Fell des Pintos, den er ritt.

Polternde Schritte ließen John Warner den Kopf wenden. Zwei Männer kamen aus dem Saloon. Einer von ihnen presste die blutverschmierte Hand gegen das Kinn. Die beiden waren gekleidet wie Weidereiter. Sie überquerten den Vorbau, stiegen die wenigen Stufen vom Vorbau hinunter und wandten sich auf der Straße nach rechts.

Warner ahnte, dass es zwischen diesen beiden Kerlen und dem Mann beim Tränketrog einen Zusammenhang gab. Er lenkte sein Pferd hinüber zum Saloon und saß beim Haltebalken ab. Lose schlang er den langen Zügel um den Querholm. Er tätschelte dem Pferd den Hals. "Du wirst gleich versorgt werden, Alter", murmelte Warner. Dann ging er hinein in den Saloon.

Die Gespräche, die wieder aufgeflammt waren, nachdem die beiden Hancock-Reiter den Schankraum verlassen hatten, verstummten. Aller Augen richteten sich auf den Ankömmling. Auch Deputy Sheriff Walt Freeman, der am Tresen lehnte, musterte Warner unverhohlen.

John Warner ging sattelsteif zum Tresen. "Geben Sie mir ein Bier."

Der Keeper nickte.

Das Interesse der Gäste an dem Fremden ließ nach. Sie widmeten sich wieder ihren Unterhaltungen. Tagesgespräch war natürlich der Zusammenprall des Sheriffs mit den beiden Hancock-Männern.

Als Warner sein Bier hatte und einen Schluck getrunken hatte, trat der Deputy an ihn heran. "Hallo, Fremder. Gedenken Sie länger in Ellinwood zu bleiben?"

Warner wandte sich dem Deputy zu. "Ich suche einen Job. Aber im Sommer als Cowboy auf irgendeiner Ranch unterzukommen ist verdammt schwer. Die Mannschaften sind vollzählig."

"Sie suchen also einen Job als Cowboy." Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. "Wo kommen Sie denn her?"

"Ich habe bis vor zwei Monaten oben am Bow Creek eine Pferderanch bewirtschaftet. Ein Mächtiger hat mich vertrieben. Seitdem reite ich ziel- und planlos durchs Land auf der Suche nach einem Job."

"Sie sind waffenlos."

"Ja. Eine Waffe ist nicht notwendig. Sie provoziert nur Gewalt."

"Versuchen Sie's auf der Great Bend Ranch Hancocks", sagte der Sheriff. "Vielleicht haben Sie Glück und Big James stellt sie ein."

"Gehörten die beiden Weidereiter, die vorhin den Saloon verließen, zur Great Bend-Mannschaft? Einer von ihnen blutete am Kinn."

Freeman nickte. "Ja, es sind Great Bend-Reiter. Sie holen ihre Pferde aus dem Mietstall, um die Stadt zu verlassen. Wenn Sie sich beeilen, erwischen Sie die beiden noch. Hunter und Bright können Sie mit zur Ranch nehmen." Der Sheriff zog den Mund schief. "Allerdings verfügt Big James über eine raue Mannschaft. Ohne Revolver werden Sie sich zum Gespött der Kerle machen."

Warner zuckte mit den Achseln. "Draußen sitzt ein Mann auf dem Tränketrog. Er sieht aus, als wäre er zusammengeschlagen worden. Ein Junge befindet sich bei ihm. Hatte er Verdruss mit den beiden Great Bend-Reitern?"

"Es handelt sich um Henry Crossett. Er besitzt am Walnut Creek eine Farm. Ja, die beiden Schufte haben ihn zusammengeschlagen."

"Ist auch er einem Starken und Mächtigen im Wege?" Die Frage kam abgehackt und stoßweise aus Warners Mund. Böse Erinnerungen erwachten in ihm. Heiß stieg der Hass in ihm auf und überspülte seinen Verstand. Einen Augenblick lang konnte er nichts anderes fühlen.

"Ich weiß es noch nicht, was gespielt wird", murmelte der Sheriff. "Aber es wird sich sicherlich sehr bald zeigen. - Wenn Sie sich nicht beeilen, Fremder, sind Hunter und Bright fort."

Warner trank noch einen Schluck, dann bezahlte er das Bier. "Vielen Dank, Sheriff." Er verließ den Saloon. Draußen leinte er sein Pferd los. Er sah zwei Reiter die Main Street entlangreiten. Sie kamen in seine Richtung. Es waren Hunter und Bright. Warner schwang sich in den Sattel und ritt den beiden entgegen. Als er sie erreichte, zügelte er und sagte: "Ich suche einen Job. Der Sheriff hat mich an die Great Bend Ranch verwiesen. Ihr beide reitet doch für die Ranch. Kann ich mich euch anschließen?"

"Verschwinde!", fauchte Lane Hunter böse. Die Platzwunde an seinem Kinn blutete nicht mehr. Er ritt weiter. Bright jedoch hielt an. "Sicher", sagte er. "Du kannst dich uns anschließen. Ich kann dir jedoch nicht versprechen, ob du einen Job auf der Ranch bekommst. Versuchen kannst du es aber."

"Danke. Mein Name ist Warner – John Warner. Bevor ich eine eigene Ranch gründete, war ich Cowboy."

"Erzähle das Stuart Plummer, dem Vormann", knurrte Bright. "Ihn musst du überzeugen." Der Cowboy grinste schief und trieb sein Pferd wieder an.

John Warner zog den Pinto um die linke Hand und folgte dem Cowboy. Er sah den Mann mit den Blessuren im Gesicht auf dem Gehsteig. Der Farmer stützte sich auf den Jungen. Er kam ziemlich schief daher. Warner wusste, dass die beiden Kerle, mit denen er ritt, den Burschen zusammengeschlagen hatten. Er stellte keine Fragen.

Sie verließen Ellinwood und wandten sich nach Westen. Nach wenigen Meilen erreichten sie den Arkansas River. Sie folgten ihm. An einem scharfen Knick, den der Fluss machte, lag die Ranch.

Warner war beeindruckt. Was er sah, ließ den Schluss zu, dass es sich bei der Great Bend um eine große, wohlhabende Ranch handelte. Das Haupthaus war einstöckig und ausladend. John Warner sah Schuppen und Scheunen. In zwei Corrals tummelten sich etwa 60 Pferde. Aus der Schmiede erklangen helle Hammerschläge. Helps waren bei der Arbeit.

Sie ritten in den Ranchhof. Staub wirbelte unter den Hufen der Pferde.

"Siehst du den kleinen Anbau am Haupthaus", sagte Jack Bright. "Da findest du das Ranch Office. Du wirst den Vormann im Büro antreffen."

John Warner bedankte sich und ritt bis vor das bezeichnete Gebäude. Die beiden Cowboys saßen ab und zerrten ihre Pferde hinter sich her zu einem der Ställe. Vor dem flachen Anbau gab es einen Hitchrack. Warner leinte sein Pferd an.

Dann klopfte er an die Tür. Er wurde aufgefordert, einzutreten. Hinter einem Schreibtisch saß ein hagerer Bursche mit zerfurchtem Gesicht und dunklen Haaren, die sich aber schon grau zu färben begannen.

"Guten Tag", grüßte John Warner und nannte seinen Namen. "Ich bin fremd in der Gegend und auf der Suche nach einem Job."

Der Hagere maß Warner von oben bis unten und machte sich ein Bild von ihm. Dann fragte er: "Welche Art von Job?"

"Cowboy", antwortete Warner. "Ich arbeite aber auch als Ranchhelfer. Hauptsache, ich kriege eine Arbeit."

"Sie tragen keinen Revolver."

Ein Lächeln umspielte sekundenlang Warners Mund. "Ich halte nichts von Waffen. Man kann sich notfalls auch unbewaffnet durchsetzen."

Stuart Plummer, der Vormann der Great Bend Ranch, legte die Stirn in Furchen. Es verlieh seinem Gesicht einen skeptischen Ausdruck. Schließlich nickte er: "Okay, ich werde Sie beschäftigen, Warner. Sie können als Cowboy für die Great Bend Ranch arbeiten. 30 Dollar im Monat sowie freie Kost und Unterkunft. Suchen Sie sich in der Mannschaftsunterkunft ein Bett. Dann wenden Sie sich an Tom Boulder. Er ist auf der Ranch so etwas wie meine rechte Hand. Er wird Sie einweisen."

"Vielen Dank, Sir. Darf ich mein Pferd versorgen?"

"Sicher."

Warner machte kehrt.

"Heh, Warner." Die Stimme des Vormannes holte John Warner ein.

"Ja." Warner hatte angehalten, drehte sich aber nicht um.

"Legen Sie sich einen Revolver und ein Gewehr zu. Ohne Waffe ist ein Mann nur die Hälfte wert."

John Warners Schultern strafften sich. "Ich werde darüber nachdenken", versetzte er und ging weiter. Er verließ das Ranch Office.

Es mutete ihn seltsam an, dass der Vormann keine Fragen an ihn stellte. Aber dann dachte er nicht weiter darüber nach. Bei einem Ranchhelfer erkundigte er sich nach Tom Boulder. Er wurde an eine Hand voll Cowboys verwiesen, die bei einem der Corrals Pferde aussortierten. Warner ging hin. Die Cowboys hielten in ihrer Arbeit inne. "Ich suche Tom Boulder."

Ein mittelgroßer, breitschultriger Bursche sagte: "Ich bin Boulder. Hat Plummer dich eingestellt?"

"Ja. Du sollst mich einweisen, Boulder."

Der Cowboy wischte sich mit dem Halstuch den Schweiß aus dem Gesicht und setzte sich in Bewegung. "Komm mit."

*

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LANE HUNTER UND JACK Bright hatten ihre Pferde versorgt. Jetzt begaben sie sich ins Ranch Office. Stuart Plummer musterte die beiden fragend. Plötzlich sprangen seine Lippen auseinander. Er sagte: "Du hast eine Wunde am Kinn, Hunter. Was ist vorgefallen?"

"Wir haben es in der Stadt Henry Crossett gegeben", erklärte Lane Hunter. "Der Sheriff hat sich eingemischt. Er hat mich mit dem Gewehrkolben geschlagen."

Stuart Plummer presste einen Moment die Lippen zusammen. "Freeman ist auf euch losgegangen?", fragte er dann und es klang fast ein wenig betroffen.

"Ja. Er hat sich eindeutig auf die Seite des verdammten Farmers gestellt. Wir sollten ihm einen Denkzettel verpassen."

"Ich spreche mit Big James darüber." Plummer lehnte sich auf dem Stuhl zurück. "Vielleicht sollten wir überhaupt unsere Zurückhaltung aufgeben und Nägel mit Köpfen machen. Haltet euch bereit. Ihr erfahrt Bescheid, sobald ich mit Big James alles besprochen habe."

"In Ordnung", knurrte Bright. "Ich kann es gar nicht erwarten, dass wir anfangen, dem Farmergesindel am Walnut Creek etwas die Hölle heiß zu machen."

Hunter und Bright verließen das Ranch Büro. Wenig später begab sich Stuart Plummer ins Ranchhaus. Er traf Big James in der Halle an. Der Rancher saß vor einem Schachbrett mit kunstvoll geschnitzten Figuren. Er blickte von seinem Spiel auf. Plummer erklärte ihm, was ihn herführte. Big James bot seinem Vormann einen Sitzplatz an. Stuart Plummer sagte: "Es ist an der Zeit, etwas zu unternehmen, Boss. Am Arkansas River drängen sich die Rinder der Great Bend Ranch und finden kaum noch Futter, südlich des Walnut Creek wächst das Gras hingegen üppig. Doch wir können die Longhorns nicht nach Norden treiben, weil es kein Wasser für sie gibt. Wir müssen uns den Zugang zum Walnut Creek erzwingen."

"Sie vergessen Sheriff Freeman", murmelte Big James, ein schwergewichtiger Mann von 53 Jahren, dessen Haar grau war und von dem ein Strom natürlicher Autorität ausging.

"Um den Sheriff müssen wir uns natürlich kümmern", knurrte Stuart Plummer. "Er hat Lane Hunter niedergeschlagen. Hunter ist voll Hass. Ihn könnten wir auf Freeman ansetzen."

"Sie haben Recht, Plummer", murmelte der Rancher und nickte wiederholt. "Wir müssen etwas unternehmen. In Ordnung, Plummer. Sie haben freie Hand. Säubern Sie mit Ihren Leuten den Walnut Creek von dem Farmerpack."

Damit war alles gesagt. Stuart Plummer ließ seinen Boss allein. Wenig später zitierte er Hunter und Bright zu sich...

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BRIGHT BETRAT DAS BUNKHOUSE. Ein halbes Dutzend Männer befanden sich in der Unterkunft. Drei von ihnen würfelten. Einer reinigte seinen Revolver. John Warner und ein weiterer Mann lagen auf ihren Betten und dösten vor sich hin.

Es war die Zeit der Abenddämmerung. In der Mannschaftsunterkunft war es schon ziemlich düster. Bright rief grollend: "Bewaffnet euch und sattelt eure Pferde. Wir unternehmen noch einen kleinen Ausritt. Ein Spezialauftrag..."

Jack Bright lachte.

John Warner setzte sich auf.

"Du reitest auch mit, Warner", rief Bright. "Leih dir von einem der Männer eine Waffe."

"Ich brauche keine Waffe", versetzte Warner und erhob sich.

"Wohin geht es?", fragte Tom Boulder, ein Mann mit dunklen Haaren und eingefallenem Gesicht.

"Zum Walnut Creek. Wir reiten in einer Viertelstunde."

Die Cowboys schauten nicht gerade begeistert drein. Aber sie machten sich fertig für den Ritt. Eine Viertelstunde später saßen sie auf ihren Pferden. Im Westen war der Himmel rot verfärbt, als würde der Horizont brennen.

John Warner ritt seinen Pinto. Er sah Lane Hunter die Ranch verlassen. Hunter schaute nicht zurück. Sein Pferd trug ihn nach Osten. Dort lag die Stadt. Warner dachte nicht darüber nach, in welcher Mission Hunter unterwegs war. "Was ist am Walnut Creek?", fragte er den Reiter neben sich.

"Dort leben die Siedler", knurrte der Weidereiter. "Sie verhindern mit ihren Zäunen, dass die Rinder der Great Bend Ranch an den Walnut Creek zur Tränke kommen. Wahrscheinlich will Big James in dieser Nacht ein Exempel statuieren und für seine Longhorns den Zugang zum Creek erzwingen."

"Vorwärts!", rief Jack Bright. Er führte das Rudel an. Er gab seinem Pferd leicht die Sporen. Das Tier setzte sich in Bewegung. Die Mannschaft folgte Bright. Sie ritten bis zur Mündung des Walnut Creek in den Arkansas River, überquerten den Creek und folgten ihm nach Westen. Im Westen verfärbte sich der Himmel von rot nach violett. Der rötliche Schein, der auf dem Land lag, war verblasst. Die Düsternis ließ alles grau in grau erscheinen.

Die Dunkelheit nahm schnell zu. Bei einem Stacheldrahtzaun hielt der Pulk an. Auf einen Befehl Brights hin saß einer der Reiter ab. Er nahm eine Zange aus der Satteltasche und zwickte den Draht ab. Das Rudel zog weiter. Es ging mitten durch ein Weizenfeld. John Warner gefiel das nicht. Er ahnte, was sich anbahnte. Seine Gedanken schweiften um einige Wochen zurück. Bilder entstanden vor seinem geistigen Auge – Bilder, die ihn im Nachhinein noch erschauern ließen. Die Gebäude seiner Ranch standen in Flammen. Seine Pferde jagten in wilder Karriere davon. Ihn schleifte Dave Sherman am Lasso hinter seinem Pferd über den Ranchhof. Die Erinnerung war schrecklich...

Dann war ein einsames Licht in der Dunkelheit zu sehen.

"Die Lancaster-Farm", rief Bright. "Wir werden Bob Lancaster die heilige Mannesfurcht einjagen. Ich denke, dass wir morgen schon Great Bend-Rinder auf das Lancaster-Land treiben können."

Der Hufschlag rollte vor ihnen her zwischen die Gebäude der Farm. Es handelte sich um ein flaches Wohnhaus und einige Schuppen sowie einen Stall. Ein Hufhund begann zu bellen. Die Kette, die ihn zurückhielt, rasselte.

Die Tür des Wohnhauses öffnete sich. Lichtschein huschte ins Freie. Dann verdunkelte die Gestalt eines Mannes das Türrechteck. Sein Schatten fiel groß in den Hof. Er hielt ein Gewehr in den Händen. "Ruhig, Onyx!", blaffte das Organ des Farmers. Sofort hörte der Hund zu bellen auf. Nur noch ein zorniges, drohendes Grollen stieg aus dem Hals des Tieres.

Bob Lancaster nahm das Gewehr an die Hüfte. Er sah das Rudel durch die Dunkelheit näherkommen. Das Pochen der Hufe mutete ihn an wie eine Botschaft von Unheil und Verhängnis. Lancaster rief über die Schulter: "Rührt euch nicht aus dem Haus, Mary. Ich weiß nicht, wer da kommt, denke aber, dass Big James seine Sattelwölfe losgeschickt hat."

Dann rief der Farmer laut: "Das ist weit genug, Leute! Wer seid ihr und was wollt ihr?"

"Weiter!", rief Bright. Sie ritten in den Farmhof. "Runter mit dem Gewehr, Lancaster!", so ließ Bright seine Stimme erneut erklingen. "Du hast keine Chance. Denk an deine Familie."

"Was wollt ihr?" Die Stimme des Farmers klang belegt und kratzig.

Das Rudel bildete einen Halbkreis um den Farmer. Dieser hatte hinter sich die Tür zugezogen. Seine Gestalt verschmolz mit dem dunklen Hintergrund und war nur noch ein großer Schemen.

Die Pferde traten auf der Stelle und schnaubten. Leises Klirren und Knarren erfüllte die Nacht um die Reiter und den Farmer herum. Bright räusperte sich, dann stieß er hervor: "Wir möchten, dass du von hier verschwindest, Lancaster. Die Great Bend Ranch benötigt das Land für ihre Rinder."

"Bei dem Land am Walnut Creek handelt es sich um Siedlungsland", kam es von dem Farmer. "Wir haben es ordnungsgemäß erworben. Ihr könnt uns nicht vertreiben. Wir sind rechtmäßig hier."

Bright lachte kehlig. Es war ein böses Lachen. Dann sagte Bright: "Du kannst dich ja beim Sheriff beschweren, Lancaster. Vielleicht wendest du dich sogar an den U.S.-Marshal."

"Das werde ich", erklärte der Farmer. "Darauf kannst du Gift nehmen. Und jetzt verschwindet, ihr elenden Halsabschneider. Bestellt Big James von mir, dass ich bleibe. Ihr könnt mich nicht einschüchtern."

"Jim, Cash!" Bright rief die beiden Namen und schwang sich vom Pferd. Auch die beiden Genannten saßen ab. Lancaster richtete das Gewehr auf Jack Bright. Der aber ging dessen ungeachtet auf den Farmer zu. "Wenn du abdrückst, gibst du meinen Männern einen Grund, dich aufzuhängen", knurrte Bright. Dann stieß er mit seinem Körper gegen die Mündung des Gewehres in Lancasters Fäusten. "Du solltest auch an deine Familie denken, Lancaster."

"Lasst meinen Mann in Ruhe!", rief eine Frau.

Der Farmer zuckte zusammen. Obwohl die Dunkelheit sein Gesicht einhüllte, konnte man sehen, dass es in seinen Zügen arbeitete. Plötzlich ließ er das Gewehr sinken. Mit einem Griff entwand ihm Bright die Waffe und zischte: "Wir wollen dir den Abschied leicht machen, Lancaster. – Packt ihn!"

Die beiden Männer, deren Namen Bright vorhin gerufen hatte, glitten an den Farmer heran, griffen nach ihm und zerrten ihn von der Tür weg. Bright war zur Seite getreten. "Gebt es ihm. Schlagt ihn in Stücke!"

"Neiiin!" ertönte es im Haus. Im nächsten Moment erschien die Frau Lancasters in der Tür.

Bright packte sie am Arm und schleuderte sie herum. Die Frau strauchelte und stürzte. Dieser Bursche kannte keine Gnade und kein Erbarmen. Die Frau schrie auf. Sie wollte sich erheben, aber da war Bright schon neben ihr und stieß sie wieder in den Staub.

"Schluss damit!", rief John Warner grimmig. "Was seid ihr bloß für eine niederträchtige Bande? Ist euch Kerlen denn nichts heilig?"

Sekundenlang herrschte Stille. Betroffenheit ließ die Kerle den Atem anhalten. Dann fand Jack Bright seine Stimme wieder. "Bist du übergeschnappt, Warner? Du sitzt im Sattel der Great Bend Ranch. Wir haben einen Auftrag zu erledigen."

"Ich kannte mal eine Horde von hundsgemeinen Kerlen, die in einem ähnlichen Auftrag unterwegs waren. Das Opfer war ich. Es gelang ihnen, mich von meinem Land zu verjagen." Warner machte eine kurze Pause. Dann schloss er: "Ich habe als Cowboy auf der Great Bend angeheuert. Ich bin jedoch nicht bereit, gegen harmlose Siedler in den Krieg zu ziehen."

"Dann verschwinde, Warner, und lass dich nie wieder sehen. Wir können auf dich verzichten." Bright reckte die Schultern. "Sollten sich unsere Wege noch einmal kreuzen, wirst du die Stunde verfluchen, in der du dich gegen uns gestellt hast."

"Damit ist es nicht getan", versetzte John Warner. Blitzschnell griff er zu und entwand dem Reiter, der neben ihm auf seinem Pferd verharrte, das Gewehr. Er schlug die Waffe auf Bright an. "Dass ich keine Waffen trage, heißt nicht, dass ich damit nicht umgehen kann!", stieß John Warner hervor. "Die beiden Kerle sollen den Farmer loslassen, Bright. Befehle es ihnen."

"Du – du stellst dich gegen die Great Bend Ranch!", schnappte Bright erbost. "Du weißt hoffentlich, was das für dich bedeutet? Wir werden dich jagen wie einen tollwütigen Hund. In diesem Landstrich kriegst du kein Bein mehr auf die Erde."

"Sicher, Bright, ihr werdet mich hetzen." John Warner zeigte sich nicht im geringsten beeindruckt. "Aber im Augenblick bin ich am Drücker. Die beiden Schufte sollen Lancaster loslassen. Und dann reitet zurück zur Great Bend."

"Lasst ihn los", presste Bright hervor. Die Entschlossenheit John Warners war ihm nicht verborgen geblieben. Etwas Zwingendes ging von Warner aus. Eine kalte Hand griff nach Bright. Er spürte, dass er einem Mann mit einem eisenharten Willen gegenüber stand.

Die beiden Cowboys ließen den Farmer los. Sie gingen zu ihren Pferden und zogen sich in die Sättel."

"Bring sehr schnell viele Meilen zwischen dich und die Great Bend Ranch", knirschte Jack Bright. "Wenn du im Land bleiben solltest, werden wir dich vernichten."

"Reitet!"

Bright trieb sein Pferd an. Die Horde folgte ihm...

*

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ZWISCHEN DEN GEBÄUDEN der Stadt nistete die Finsternis. Im Office griff Sheriff Walt Freeman nach seiner Schrotflinte, dann drehte er den Docht der Petroleumlampe so weit nach unten, dass das Licht verlosch. Aus den Ecken des Raumes kroch die Dunkelheit heran und schlug in der Raummitte zusammen. Nur das Fenster war als helles Rechteck auszumachen.

Freeman fand sich hier blind zurecht. Er ging zur Tür, öffnete sie, trat ins Freie und zog die Tür hinter sich zu. Die Luft war frisch und würzig. Am Himmel glitzerten Myriaden von Sternen. Die Sichel des Mondes stand im Südosten. In einigen Häusern brannte noch Licht. Es fiel aus den Fenstern und streute auf die Gehsteige und in die Straße.

Freeman atmete tief durch. Dann wandte er sich nach links. Irgendwo in der Stadt kläffte ein Hund. Aus dem Saloon schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite sickerte verworrener Lärm. Freeman legte sich die Schrotflinte auf die Schulter und überquerte die Fahrbahn. Staub knirschte unter den Sohlen seiner Schuhe.

Wenig später betrat der Sheriff den Schankraum. Etwa ein Dutzend Gäste waren anwesend. Einige standen am Tresen, andere saßen an den Tischen. Das Durcheinander ihrer Stimmen und zeitweises Lachen erfüllte die Atmosphäre. Einige der Männer grüßten den Gesetzeshüter. "Alles in Ordnung, Charly?", fragte Freeman laut.

Der Salooner nickte. "Sicher. – Willst du einen Drink, Walt?"

"Nein, danke. Nach meinem Rundgang vielleicht."

Der Sheriff schwang herum und verließ den Saloon. Seine Schritte hämmerten über den Vorbau und verklangen. Freeman schritt am rechten Straßenrand entlang. Automatisch setzte er einen Fuß vor den anderen. Es war jeden Tag das selbe. Er ging bis zum Ende der Stadt und kehrte auf der anderen Straßenseite zurück. Nach dem allabendlichen Rundgang beendete er seinen Dienst. Meistens ging er in den Saloon, um noch einen Schluck zu trinken...

Freeman war wieder bei seinem Office angelangt. Er wollte nach dem Türknauf greifen, als er es aus den Augenwinkeln auf der anderen Straßenseite aufblitzen sah. Mit dem Donnern des Schusses pfiff auch schon das Geschoss heran. Instinktiv war Freeman einen Schritt zurückgetreten. Die Kugel verfehlte ihn knapp und durchschlug die Tür.

Der Sheriff war völlig perplex. In das Verklingen der Detonation hinein wurde ein Gewehr durchgeladen. Das harte, schnappende Geräusch riss Freeman aus seiner Erstarrung. Er reagierte. Geduckt huschte er an der Hauswand entlang. Und er feuerte einen der Läufe der Shotgun ab. Gehacktes Blei streute über die Straße und in die stockfinstere Passage zwischen den Häusern, in der der hinterhältige Schütze gestanden hatte. Der Knall stieß wie ein Donnerschlag durch die Stadt.

Dann verschwand der Sheriff um die Ecke des Gebäudes, in dem sein Büro und das Jail mit den beiden Zellen untergebracht war. Hart schmiegte er seinen Körper gegen die Hauswand. Die Schrotflinte hielt er mit beiden Händen schräg vor seiner Brust. Die Frage, wer auf ihn geschossen hatte, rotierte durch seinen aufgepeitschten Verstand.

Er hörte das Mahlen von Staub unter harten Ledersohlen. Schwach drang das Geräusch an sein Gehör. Es kam von der anderen Straßenseite. Der Sheriff entschloss sich von einem Augenblick zum anderen. Er stieß sich ab und rannte, hakenschlagend wie ein Hase, über die Main Street.

Ein Schuss peitschte. Das Mündungsfeuer zerschnitt die Finsternis. Der trockene Knall wurde über Freeman hinweggeschleudert. Heiß fuhr die Kugel über seinen Oberarm. Freeman schoss den zweiten Lauf der Schrotflinte leer. Sein Ziel war das Mündungsfeuer. Ein gellender Aufschrei erklang. Und in das Verhallen der Detonationen hinein trampelten Schritte.

Sie entfernten sich hinter den Häusern.

Freeman lehnte die Schrotflinte gegen die Hauswand, zog den Colt und setzte sich in Bewegung. Er rannte die Straße hinunter. Dann bog er in eine Gasse ein und gelangte hinter die Häuser. Ein Schemen hetzte an einem Gartenzaun entlang. Freeman feuerte mit dem Colt. Die dunkle, schattenhafte Gestalt ließ sich nicht beirren. Sie rannte wie von Furien gehetzt auf eine Gruppe von Büschen zu.

"Stehenbleiben!", brüllte Freeman und feuerte erneut. Aber die Distanz zu dem Fliehenden war zu weit für einen Schuss mit dem Revolver. Und dann verschmolz der Schemen mit den Sträuchern. Hufe stampften. Die Beine des Sheriffs wirbelten. Seine Lungen pumpten. Helles Wiehern erklang. Dann löste sich ein Pferd aus dem Schatten der Buschgruppe und stob nach Süden davon. Stakkatohafter Hufschlag entfernte sich mit rasender Geschwindigkeit.

Dem Heckenschützen war die Flucht geglückt.

Wütend stieß Freeman den Revolver ins Holster, machte kehrt und ging in die Stadt zurück. Vor dem Saloon sah er eine Gruppe von Männern. Es waren die Gäste, die die Schießerei ins Freie gelockt hatte. Freeman holte seine Schrotflinte und näherte sich den Leuten.

"Was war los?", wurde er empfangen. "Wer hat geschossen? Galten die Schüsse dir, Walt?" Die Fragen schwirrten durcheinander.

"Ja", antwortete Freeman laut, "die Schüsse galten mir. Und ich kann mir auch denken, wer sie abgab. Ich werde morgen zur Great Bend Ranch reiten und mir den Burschen vorknöpfen."

"Du denkst an Lane Hunter, nicht wahr?", fragte der Salooner.

"Yeah. Ich habe ihn hier in der Stadt zurecht gestutzt, und er wollte sich rächen. – Jetzt kann ich einen Drink vertragen, Jonas. Gehen wir hinein. Der Schuft hat die Stadt verlassen, als säße ihm der Leibhaftige im Nacken."

*

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"WIR SIND IHNEN ZU DANK verpflichtet", sagte Bob Lancaster, nachdem die Reiter von der Great Bend Ranch in der Nacht verschwunden waren. Nur noch die Hufschläge sickerten an das Gehör der Menschen auf der Farm. Doch sie wurden leiser und leiser.

"Schon gut", murmelte John Warner. Er hatte das Gewehr, das er einem der Great Bend-Männer abgenommen hatte, gesenkt. "Sie sollten von nun an auf der Hut sein, Lancaster. Denn ich nehme an, dass diese Schufte wieder kommen."

John Warner stieg vom Pferd. Er hielt das Tier am Kopfgeschirr fest. "Kann ich bei Ihnen auf der Farm übernachten?"

"Natürlich. Allerdings müssen Sie mit einem Haufen Stroh in der Scheune Vorlieb nehmen. Über ein Gästezimmer verfüge ich leider nicht. – Ihr Name ist Warner?"

"John Warner. Ich bin erst vor wenigen Stunden in den Sattel der Great Bend Ranch gestiegen. Als ich nach Ellinwood kam, hatte es in der Stadt kurz vorher einen Zusammenstoß zwischen zwei Reitern der Ranch und einem Farmer gegeben. Sie haben ihn zusammengeschlagen. Ein Junge von etwa zehn Jahren begleitete den Mann."

Mary Lancaster kam aus dem Haus. "Sie haben uns vor großem Übel bewahrt, Fremder. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll."

"Sein Name ist John Warner", gab der Farmer zu verstehen. "Er will keinen Dank. Himmel, wie es aussieht, ist Big James drauf und dran, uns Farmern am Walnut Creek den Krieg zu erklären. Bei dem Mann mit dem Jungen könnte es sich um Henry Crossett gehandelt haben, Warner. Ich – ich muss morgen früh sofort in die Stadt und den Sheriff benachrichtigen. Er muss gegen Big James einschreiten."

"Wo kann ich mein Pferd unterstellen?", fragte Warner.

"Ich versorge das Tier", sagte Lancaster. "Vorher aber zeige ich Ihnen, so Sie schlafen können. Sie werden Ihre Decke brauchen. – Hol eine Laterne, Mary."

Die Frau ging ins Haus.

John Warner schnallte die Deckenrolle von seinem Sattel und klemmte sie sich unter den Arm. Das Gewehr hatte er an die Hauswand gelehnt.

Mary Lancaster kam mit einer Laterne in den Hof zurück. Im Licht konnte John Warner erkennen, dass die Frau des Farmers noch keine 30 Jahre alt war. Sie hatte dunkelblonde Haare. Um ihren Mund hatte sich ein herber Ausdruck festgesetzt. Mary Lancaster war keine Schönheit, doch sie verströmte etwas, das John Warner in ihren Bann zog.

Bob Lancaster nahm Mary die Lampe ab. Sie schaukelte leise quietschend am Drahtbügel. Licht und Schatten huschten über den Ranchhof. John Warner schlang den Zügel lose um den Haltebalken, der vor dem Wohnhaus errichtet war.

"Folgen Sie mir", sagte Lancaster und setzte sich in Bewegung.

John Warner nickte der Frau zu, tippte gegen die Krempe seines Hutes und schritt ihm hinterher. Lancaster führte ihn in den Heuschober. Die Tür knarrte rostig in den Angeln. Der würzige Geruch des Heus stieg Warner in die Nase. Lancaster wies auf einen Haufen. "Hier können Sie es sich bequem machen, Warner. Mehr kann ich Ihnen nicht bieten."

"Es ist in Ordnung", gab John Warner zu verstehen und breitete seine Decke auf dem Haufen Heu aus. "Wie lange leben Sie schon hier am Walnut Creek?"

"Seit zwei Jahren. Anfangs setzte uns Big James ziemlich unter Druck. Aber nachdem der Sheriff ein ernstes Wort mit ihm sprach, ließ er uns in Frieden. Ich hätte wissen müssen, dass Big James keine Ruhe gibt. Er ist ein verdammter Despot."

"Wie viele Siedler gibt es am Fluss?"

"Sechs. Die Farmen nehmen die gesamte Südseite des Walnut Creek ein. – Habe ich Sie richtig verstanden vorhin, Warner? Besaßen Sie auch eine Farm..."

"Eine Ranch. Sie lag am Bow Creek. Ich züchtete Pferde. Auch ich war einem Starken und Mächtigen ein Dorn im Auge. Eines Tages schickte er mir ein raues, unerbittliches Rudel. Sie brannten meine Ranch nieder..."

Warner brach ab. Die Erinnerung drohte ihn zu überwältigen. Eine Welle des Hasses überrollte ihn und brachte sein Blut zum Sieden.

Lancaster schien es zu spüren, dass Warner nicht gern über seine Vergangenheit sprach. Er stellte keine weiteren Fragen. "Ich lasse Ihnen die Lampe hier", sagte er. "Geben Sie aber acht, dass Sie das Heu nicht in Brand setzen. Ich kümmere mich um Ihr Pferd."

Dann war John Warner allein. Er löschte das Licht und wickelte sich in seine Decke. Wenig später schlief er.

*

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DIE BENSON-FARM LAG in tiefer Dunkelheit. Die Menschen schliefen. Der Reiterpulk verharrte auf dem Kamm einer Bodenwelle. Das Farmhaus und die Schuppen, die Richard Benson errichtet hatte, zeichneten sich wie schwarze, rechteckige Klötze durch die Nacht ab.

"Vorwärts!", zischte Jack Bright. "Holen wir Benson und seine Frau aus den Betten. Und dann..."

Er trieb sein Pferd an. Hufgetrappel erhob sich. Die Reiter jagten auf die Gebäude der Farm zu. Der Blendladen vor einem der Fenster wurde aufgestoßen. Ein Mündungslicht glühte auf, der Schuss peitschte. Eines der Pferde brach zusammen. Hals über Kopf stürzte der Reiter zu Boden und überschlug sich. Dann begannen die Waffen der Angreifer zu hämmern. Staub wallte auf dem Ranchhof. Das Gewehr im Haus war verstummt. Zwei der Reiter sprangen von den Pferden, rannten zum Farmhaus, einer von ihnen trat die Tür ein. Sie verschwanden in der gähnenden Finsternis, die in dem Gebäude herrschte.

Auch die anderen Reiter waren abgesessen und in Deckung gelaufen. Die Waffen schwiegen. Aus dem Haus drang Rumoren. Ein spitzer Aufschrei erklang. Dann kam eine Frau in den Ranchhof gelaufen. Sie trug nur ein knöchellanges, weißes Nachthemd. Die beiden Kerle folgten ihr ins Freie. Sie schleiften eine schlaffe Gestalt zwischen sich. Wenige Schritte vom Haus entfernt ließen sie sie fallen. Einer rief: "Benson hat eine Kugel in die Brust bekommen. Wahrscheinlich erlebt er den Morgen nicht mehr."

Die Frau war neben der reglosen Gestalt am Boden niedergekniet. "Rich!", rief sie beschwörend. "Rich, mach die Augen auf. Bitte..." Sie schluchzte.

"Treibt das Vieh aus den Ställen", kommandierte Jack Bright. "Und dann zündet das Gerümpel an."

"Mörder", flüsterte Nelly Benson. "Elende Mörder..." Ihre Stimme brach. Sie hatte ihren Mann auf den Rücken gedreht. Auch er trug nur ein langes, weißes Nachthemd aus grobem Leinen. Über der rechten Brustseite hatte sich der Stoff dunkel verfärbt.

Wenig später züngelten die Flammen in den Nachthimmel. Die Schufte hatten im Farmhaus, im Stall und im Heuschober Feuer gelegt. Das zundertrockene Holz, aus denen die Gebäude errichtet waren, fing schnell Feuer. Dunkler Qualm erhob sich. Bald brannten die Gebäude wie große Scheiterhaufen. Die Flammen prasselten. Glas zersprang klirrend in der Hitze. Funken stoben, Aschefetzen wirbelten...

Jack Bright trieb sein Pferd vor Nelly Benson hin. Mit brechender Stimme sagte er: "Verschwindet aus dem Land. Sollte dein Mann sterben, dann begrab ihn und verschwinde ohne ihn. An Sheriff Freeman brauchst du dich gar nicht zu wenden, Nelly. Er kann dir nicht helfen. Wenn wir in zwei Tagen wieder herkommen will ich dich nicht mehr hier antreffen. Hast du verstanden?"

Aus tränennassen Augen blickte Nelly Benson zu dem Banditen in die Höhe. Eine unsichtbare Hand schien sie zu würgen. Die Frau konnte keinen Gedanken fassen. Verzweiflung und Entsetzen waren die einzigen Gefühle, die sie fest im Klammergriff hielten. Andere Empfindungen ließ die Situation, in der sie sich befand, nicht zu.

Jack Bright zog sein Pferd herum. "Wir verschwinden, Männer! Ich denke, wir haben hier für klare Verhältnisse gesorgt."

Die Horde sammelte sich. Dann gaben die Kerle den Pferden die Sporen und sprengten in die Nacht hinein. Zurück blieb das Werk sinnloser Zerstörung und der brutalen Vernichtung, zurück blieben Hass und Tod.

Rich Benson starb noch in der selben Stunde.

Berstend brachen die Dächer der Gebäude ein. Bald waren nur noch qualmende Brandschutthaufen übrig. Alles, was Benson und seine Frau besessen hatten, war dem Feuer zum Opfer gefallen. Wie im Trance erhob sich Nelly Benson. Sie folgte dem Fluss nach Westen.

In dieser Nacht war in Nelly Benson etwas zerbrochen, abgestorben. Verzweiflung und Entsetzen peitschten die verhärmte Frau vorwärts.

Als der Morgen graute, lag vor ihr die Crossett-Farm. Die Menschen auf der Farm schliefen noch. Ein brauner Hund schoss aus seiner Hütte und begann wie wild zu bellen. Dann wurde ein Fensterladen aufgestoßen und Henry Crossett zeigte sich in der Öffnung. Er erkannte Nelly Benson, die über den Farmhof wankte. Ihre Beine wollten sie kaum noch tragen. Nelly war am Ende...

"Nelly!", entfuhr es Crossett. Sein Gesicht wies noch die Spuren der Fäuste Lane Hunters und Jack Brights auf. "Was ist geschehen?" Dunkle Ahnungen erfüllten den Farmer. Der Magen krampfte sich ihm zusammen. Er lief zur Tür und kam ins Freie. Nelly Benson taumelte in seine Arme. Wahrscheinlich wäre sie gestürzt, wenn er sie nicht festgehalten hätte. Sie war mehr als sechs Meilen gelaufen. Dieser Marsch und das Furchtbare, das sich zugetragen hatte, hatten sie an den Rand der psychischen und physischen Erschöpfung gebracht.

"Hancocks Männer haben die Farm überfallen und Rich getötet", stammelte die Frau. "Sie – sie haben alles niedergebrannt. Großer Gott, Henry, es war schrecklich."

Crossett war erschüttert. Sein Hals war schlagartig wie ausgetrocknet. Es dauerte, bis er die Hiobsbotschaft verarbeitet hatte. Rau sagte er: "Ich werde sofort nach Ellinwood fahren und den Sheriff verständigen. Großer Gott, sie haben Rich erschossen. Eiskalter Mord! Wie es scheint, machen diese Schufte vor nichts und niemand mehr Halt. Weißt du, ob die Schufte auch schon bei Lancaster waren?"

"Nein."

Crossett führte Nelly Benson in die Küche. Kath Crossett war ebenso fassungslos wie ihr Mann, als sie vernahm, was sich zugetragen hatte. Sie machte Feuer und kochte Kaffee. Während dessen zog sich Henry Crossett an. Er holte sein Gewehr aus dem Schrank und trank im Stehen eine Tasse Kaffee. Dann verließ er das Haus. Er spannte ein schweres Pferd vor den leichten Farmwagen und kletterte auf den Bock. Die Peitschenschnur knallte. Das Tier zog an und setzte das Fuhrwerk in Bewegung.

*

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SHERIFF WALT FREEMAN war auf dem Weg zur Great Bend Ranch. In den Büschen zwitscherten die Vögel und summten Bienen. Auf den Gräsern lag noch der Tau. Über dem Arkansas River hingen Nebelbänke.

Das Tier unter Freeman ging im Schritt. Manchmal prustete es. Der Morgendunst versprach wieder einen heißen Tag. Der Sheriff ritt hellwach und sicherte um sich. Seitdem er in der Nacht aus dem Hinterhalt beschossen worden war, ließ er keinen Augenblick in seiner Wachsamkeit nach.

Das Land zu seiner Rechten war hügelig. Auf den Hügelflanken und –kämmen wuchsen Büsche. Hier und dort ragte ein Felsen aus dem Boden. Linkerhand floss der Arkansas River. Der Sheriff benutzte den Reit- und Fahrweg, der von der Stadt zur Great Bend Ranch führte. Der Weg war von Radspuren zerfurcht und von Pferdehufen ausgewühlt.

Nach etwa einer Stunde lag die Ranch vor Freeman. Big James hatte sie am Südufer des Arkansas River errichtet. Eine Furt ermöglichte es dem Sheriff, den Fluss zu überqueren.

Auf der Ranch herrschte bereits reges Leben. Soeben kam ein Help mit einer Schubkarre voll Pferdemist aus dem Stall. Der Blasebalg in der Schmiede fauchte. Bei einem der großen Corrals befanden sich ein halbes Dutzend Cowboys und sattelten Pferde. Einige Männer standen mit nackten Oberkörpern beim Brunnen in der Hofmitte und wuschen sich. Aus dem Schornstein des Küchenanbaus stieg Rauch...

Einer der Männer beim Brunnen war Jack Bright. Spät in der Nacht war er mit seinem Rudel auf die Ranch zurückgekehrt. In der kommenden Nacht war geplant, weitere Farmen zu überfallen. Unter anderem wollte die Bande Bob Lancaster einen erneuten Besuch abstatten, und dann wollte sie zur Crossett-Farm reiten. Beide Farmen sollten ebenso brennen wie die Benson-Farm.

Der Sheriff ritt bis zum Verwaltungsgebäude. Die Männer beim Brunnen beobachteten ihn aufmerksam. Jack Brights Miene mutete verkniffen an. Er schoss Lane Hunter, der auf der anderen Seite des Brunnens stand, einen fragenden Blick zu. Hunter verzog das Gesicht. Die beiden hatten noch keine Gelegenheit gehabt, miteinander zu sprechen. Die Tatsache, dass der Sheriff noch lebte, sagte Bright, dass Hunter in der Nacht keinen Erfolg gehabt hatte.

Jack Bright, der zum Banditen geworden war, fragte sich, ob der Sheriff wegen des Überfalls auf die Benson-Farm kam. Aber wer sollte den Sheriff noch in der Nacht informiert haben? Sollte Bob Lancaster in die Stadt geritten sein? Oder gar John Warner, der plötzlich die Seite wechselte und aus dem Sattel der Great Bend Ranch gestiegen war?

Lane Hunter warf sich das Handtuch über die Schulter, wandte sich ab und schritt zur Mannschaftsunterkunft. Jack Bright stieß die Luft scharf durch die Nase aus. Schnell folgte er Hunter. Dieser aber verschwand schon im Bunkhouse. Und in dem Bau befanden sich einige Männer, was Bright hinderte, die Frage zu stellen, die ihm auf den Lippen brannte. Außer ihm, Big James und Stuart Plummer wusste keiner der Reiter, in welcher Mission Lane Hunter am Abend die Ranch verlassen hatte...

Bevor er die Unterkunft betrat, warf Bright einen Blick über die Schulter. Der Sheriff leinte sein Pferd an den Hitchrack. Dann ging er zur Tür des flachen Gebäudes und klopfte. Im nächsten Moment öffnete er sie und trat ein.

Bright ging ins Bunkhouse...

"Ich habe Sie schon kommen sehen, Sheriff", sagte Stuart Plummer. Ein hintergründiges Grinsen kräuselte seine Lippen. "Was führt Sie zu dieser frühen Stunde auf die Ranch?"

"Ich möchte Lane Hunter sprechen."

"Ich weiß nicht, ob er auf der Ranch ist..."

"Ich habe ihn beim Brunnen gesehen. Holen Sie ihn her, Plummer. Ich will ihm einige Fragen stellen."

Die Miene des Vormannes verschloss sich. "Worum geht es?"

"Auf mich wurde gestern Abend in der Stadt ein Mordanschlag verübt. Ich hatte verdammtes Glück. Normalerweise müsste ich schon tot sein. Ich denke, dass es Hunter war, der auf mich feuerte."

"Warum sollte er?"

"Ich habe ihn geschlagen, nachdem er zusammen mit Jack Bright über Henry Crossett hergefallen war. Für einen Burschen wie Hunter ist das Grund genug..."

Stuart Plummer erhob sich von seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch. Er presste hervor: "Sicher, Sheriff, ich werde Hunter herholen. Es ist für mich aber kaum vorstellbar, dass er sich als Heckenschütze betätigt hat. Er ist Weidereiter und kein Killer. Warum haben Sie ihn nicht gleich beim Brunnen zur Rede gestellt?"

"Sie sollten vorher Bescheid wissen, Plummer. Schließlich sind Sie Vormann auf der Great Bend. – Ich weiß nicht, ob Sie Bescheid wissen. Hunter und Bright haben gestern in der Stadt Henry Crossett grundlos zusammengeschlagen. Ich stellte die beiden zur Rede und musste ziemlich rau werden."

"Ja, Hunter und Bright haben es mir berichtet. Ich habe den beiden gedroht, sie zu feuern, wenn sie noch einmal auf einen der Farmer vom Walnut Creek losgehen." Stuart Plummer hatte die Tür erreicht. "Setzen Sie sich, Sheriff. Ich bin in zwei Minuten mit Hunter hier."

Freeman rückte sich einen Stuhl zurecht und ließ sich darauf nieder. Der Vormann verließ den Raum.

Freeman war skeptisch. Er glaubte nicht daran, dass Plummer den beiden Cowboys mit Entlassung gedroht hatte. Im Gegenteil. Von Seiten der Great Bend Ranch war nie ein Hehl daraus gemacht worden, dass man die Farmer vom Südufer des Walnut Creek zur Hölle wünschte. Big James und Stuart Plummer hatten die Weidereiter nie zurückgehalten, wenn es darum ging, den Siedlern Schaden zuzufügen. Ruhe war erst eingekehrt, nachdem er, Sheriff Freeman, mit Big James und dessem Vormann ein ernstes Wort gesprochen hatte. Doch Freeman hatte sich keinen Augenblick der Illusion hingegeben, dass Ruhe und Frieden von Dauer waren. Es war eher die Ruhe vor dem Sturm gewesen.

Es dauerte tatsächlich nicht länger als zwei Minuten, dann kam der Vormann zurück. Ihm folgte Lane Hunter. Plummer ging hinter den Schreibtisch und setzte sich. An den Sheriff gewandt sagte er: "Hunter hat, seit er zusammen mit Bright und diesem John Warner aus der Stadt zurückgekehrt war, die Ranch nicht mehr verlassen. Mindestens ein halbes Dutzend Männer können es bezeugen. Ihr Verdacht ist also nicht gerechtfertigt, Freeman."

Die Mundwinkel des Sheriffs sanken nach unten. Er starrte in Hunters Gesicht. Der Bursche nickte. "Das ist richtig, Sheriff. Ich war seit dem Abend auf der Ranch. Stuart hat mir erzählt, dass auf Sie geschossen wurde." Hunter tippte sich mit dem Daumen gegen die Brust. "Ich habe damit nichts zu tun."

Stuart Plummer deutete ein Grinsen an. "Sie hören es, Sheriff. Hunter hat mit dem Anschlag auf Sie nichts zu tun. Er hat ein Alibi. Wenn Sie möchten, gehen wir in die Mannschaftsunterkunft. Sie können die Männer fragen."

"Nicht nötig", knurrte Freeman. Er riss seinen Blick von Hunter los und richtete ihn auf den Vormann. "Pfeifen Sie Ihre Männer zurück, Plummer. Ich dulde nicht, dass der alte Verdruss zwischen der Great Bend Ranch und den Farmern wieder aufflammt. Die Siedler sind zu Recht am Walnut Creek."

Der Vormann kniff die Augen zusammen. Zwischen den engen Lidschlitzen funkelte es unheilvoll und gefährlich. "Was soll diese Warnung, Sheriff?", presste Plummer hervor. "Haben Sie einen Grund, mir Ihren Standpunkt klar zu machen? Zwischen den Siedlern und der Great Bend Ranch herrscht Frieden."

"Den Ihre Männer gestern in der Stadt brachen, als sie Henry Crossett zusammenschlugen, Plummer." Die Gestalt des Sheriffs wuchs vom Stuhl in die Höhe. Er schoss Lane Hunter einen düsteren Blick zu. "Sicher geben dir mindestens ein halbes Dutzend Männer für den gestrigen Abend ein Alibi, Hunter. Darum frage ich erst gar nicht nach. Ich weiß aber, dass du es warst, der mir heißes Blei servieren wollte. Nimm dich nur in Acht, Hunter."

Lane Hunter zeigte ein spöttisches Grinsen.

Der Sheriff nickte dem Vormann zu und ging zur Tür. Ehe er den Raum verließ sagte er über die Schulter: "Lassen Sie die Farmer in Ruhe, Plummer. Ihr Recht, auf dem Land am Walnut Creek zu siedeln, ist verbürgt. Wenn Ihre Leute einem der Siedler auch nur ein Haar krümmen, haben Sie mich auf dem Hals."

Mit dem letzten Wort öffnete der Sheriff die Tür und verließ das Ranch Office.

Stuart Plummer erhob sich und ging zum staubgeränderten Fenster. Er beobachtete, wie der Sheriff sein Pferd losband und sich in den Sattel schwang. Freeman zog das Tier um die linke Hand und trieb es mit einem Schenkeldruck an.

Ohne sich umzudrehen sagte der Vormann: "Ich will Freeman tot sehen, Hunter. In der vergangenen Nacht hast du versagt. Du bekommst eine zweite Chance. Nutze sie. Wir können kein Gesetz brauchen in diesem Landstrich."

"Ein zweites Mal werde ich nicht versagen", versprach Lane Hunter.

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JOHN WARNER HATTE DIE Lancaster-Farm verlassen. Er ritt nach Westen. Nach etwa sieben Meilen stieg ihm Brandgeruch in die Nase. Der Wind kam ihm entgegen und brachte den brenzligen Geruch mit. Dunkle Ahnungen befielen den Mann. Das Pferd trug ihn weiter. Und dann sah Warner die Brandschutthaufen. Verkohlte und noch glimmende Bretter und Balken lagen kreuz und quer herum. An manchen Stellen stieg noch Rauch in die Höhe. Wenn der Wind in das Durcheinander fuhr, flackerte hier und dort das Feuer wieder auf. Aschefetzen trieben über den Hof. Ein gemauerter Kamin erhob sich aus dem Schutt des Farmhauses wie ein mahnend erhobener Zeigefinger.

Warners Pferd schnaubte erregt. John Warner trieb es zwischen den Schutthaufen hindurch und – fiel dem Tier in die Zügel. Wenige Schritte vom ehemaligen Farmhaus entfernt lag ein Mann im Staub. Warner saß ab und ging zu ihm hin, kniete bei ihm ab. Der Mann war tot. Er lag auf dem Rücken. Seine Augen waren halb geöffnet. Eingetrocknetes Blut auf dem weißen Stoff des Nachthemdes verriet, dass er eine Kugel in die Brust bekommen hatte.

Warner richtete sich wieder auf und schaute sich um. Zwei kleine Schuppen waren vom Feuer verschont worden. Es gab keine weiteren Toten. Warner glaubte aber nicht, dass der Mann alleine auf der Farm gewohnt hatte.

Er ging in einen der Schuppen und fand eine Hacke sowie eine Schaufel. Etwas abseits von der ehemaligen Farm hob er ein Grab aus, in das er den Toten legte. Warner schwitzt. Unerbittlich brannte die Sonne auf ihn herunter. Wenig später zeugte nur noch ein flacher Hügel aus frischer Erde davon, dass hier Rich Benson seine letzte Ruhe gefunden hatte.

Warner kannte seine Mörder. Er entschloss sich, noch ein Stück nach Westen zu reiten, um zu sehen, ob die Schufte von der Great Bend Ranch noch eine weitere Farm überfallen hatten. Dann wollte er sich nach Ellinwood begeben, um den Sheriff zu verständigen.

John Warner spürte Verbitterung. Es war immer dasselbe. Ein Großer und Mächtiger machte seine eigenen Gesetze und lebte nach ihnen. Die Schwachen waren ihm hilflos ausgeliefert und blieben meistens auf der Strecke. Das Gesetz war zu schwach, um sich Geltung zu verschaffen. Und so gingen diese Weidepiraten, die auch vor Mord nicht zurückschreckten, meist straflos aus.

Nach fast zwei Stunden erreichte John Warner die Crossett-Farm. Er ritt in den Farmhof und wurde angerufen: "Stopp, Fremder! Keinen Schritt weiter. Ich ziele auf Sie."

Aus einem der Fenster ragte der Lauf eines Gewehres. John Warner lauschte der Stimme hinterher. Sie gehörte einer Frau. Warner fiel seinem Pferd in die Zügel und rief: "Ich verbrachte die Nacht auf der Lancaster-Farm, Ma'am. Heute Morgen bin ich weitergeritten. Einige Meilen weiter östlich stieß ich auf einige Brandschutthaufen und einen toten Mann. Die Farm ist in der Nacht überfallen worden. Ich befürchtete schon, dass die Mörder und Brandstifter auch dieser Farm einen Besuch abgestattet hatten."

"Wer sind Sie?"

"Mein Name ist John Warner. Ich kam gestern in diesem Landstrich an und begann auf der Great Bend Ranch einen Job als Cowboy. Doch ich habe das fiese Spiel, das die Great Bend Ranch betreibt, schnell durchschaut und bin ausgestiegen."

"Ich traue Ihnen nicht, Warner. Reiten Sie weiter. Wir wollen Sie hier nicht haben. Vielleicht treiben Sie ein falsches Spiel."

"Ihr Misstrauen ist sicherlich gerechtfertigt, Ma'am", rief Warner. Er konnte die Lady verstehen. "Lebte der Mann, den ich auf der niedergebrannten Farm fand, alleine dort?"

"Nein. Seine Frau befindet sich hier. Diese Mordbrenner haben ihr alles genommen. Nicht nur den Mann, auch ihr gesamtes Hab und Gut. Hat Lancaster keinen üblen Besuch erhalten?"

"Doch, ich war dabei. Doch ich konnte verhindern, dass Lancaster und seiner Familie ein Leid zugefügt wurde..."

"Ich sehe keine Waffe an Ihnen, Warner."

"Dennoch ist es mir gelungen, zu verhindern, dass Bright und seine Banditen den Lancasters Leid zufügten. Na schön, Ma'am. Ich reite jetzt nach Ellinwood, um den Sheriff zu verständigen. Ich werde mich ihm als Zeuge zur Verfügung stellen."

"Warum tun Sie das, Warner?"

"Ich selbst wurde von meinem Grund und Boden vertrieben. Ich war zu schwach, um mich dagegen zur Wehr zu setzen. Vielleicht hatte ich auch nicht den Mut, gegen die Übermacht meines Gegners anzutreten. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich das Unrecht hasse. Und das Unrecht, das von der Great Bend Ranch ausgeht, schreit zum Himmel."

"Sie brauchen nicht nach Ellinwood zu reiten. Mein Mann ist vor fast zwei Stunden aufgebrochen, um den Sheriff zu verständigen, dass Rich Benson ermordet und seine Farm niedergebrannt wurde. Ich glaube, Sie sprechen die Wahrheit, Warner. Kommen Sie näher. Aber denken Sie daran, dass ich das Gewehr nicht aus der Hand legen werde."

John Warner ließ sein Pferd weiter gehen. Beim Farmhaus stieg er aus dem Sattel. Er schlang den Zügel lose um den Querholm des Hitchrack. Warner konnte jetzt die Frau am Fenster sehen. Sie stand halb verdeckt hinter der Wand. Die Mündung des Gewehres war auf ihn gerichtet. "Ich komme ins Haus, Ma'am", sagte er laut. Dann ging er zur Tür und öffnete sie. Und wieder blickte er in die Mündung der Winchester.

Warner sah eine weitere Frau an der Wand. Vor ihr stand ein Junge und musterte ihn mit ängstlichen Augen. Die Hände der Frau lagen auf seinen schmalen Schultern. Die Frau war bleich. Dunkle Ringe lagen unter ihren Augen. Die Lider waren gerötet vom Weinen.

John Warner vermutete, dass es sich um Mrs. Benson handelte, deren Mann er begraben hatte. Er nahm seinen Hut ab, drehte ihn etwas verlegen in den Händen und sagte: "Ich habe den toten Mann begraben. Seine Mörder kamen von der Great Bend Ranch. Ich hoffe, der Sheriff ist stark genug, die Halsabschneider zur Rechenschaft zu ziehen."

Die Frau an der Wand schluckte trocken. "Sie kamen, als wir schon schliefen, und haben uns überrumpelt. Mein Mann hatte keine Chance."

"Die Banditen werden ihre gerechte Strafe dafür erhalten", murmelte Warner. Er musterte den Jungen und erkannte ihn wieder. Es war der Junge, der in der Stadt bei dem Mann gewesen war, den Lane Hunter und Jack Bright niedergeschlagen hatten. John Warner richtete den Blick auf die Frau mit dem Gewehr, die ihn nicht aus den Augen ließ. "Ihr Mann hatte auch schon einen Zusammenstoß mit Great Bend-Leuten, nicht wahr? Zwei der Schufte haben ihn in der Stadt übel verprügelt."

Die Frau nickte. "Sicher ist es nur eine Frage der Zeit, bis Big James seines Höllenhunde auch zu uns schickt. Und auch wir werden nicht stark genug sein, um uns gegen diese Teufel durchzusetzen. Mein Mann und ich haben heute morgen schon davon gesprochen, aufzugeben und das Land zu verlassen. Wir haben Angst. Ich will nicht, dass es Henry ebenso ergeht wie..."

Abrupt brach Kath Crossett ab. Sie schoss Nelly Benson einen schnellen Blick zu. Im Gesicht Nellys zuckten die Nerven. Diese Frau war dem Zusammenbruch nahe. John Warner konnte es deutlich erkennen. Er sagte: "Sie können das Gewehr herunter nehmen. Von mir haben Sie nichts zu befürchten."

Kath Crossett senkte die Waffe. "Wir haben keine Ahnung, wann die Sattelwölfe von der Great Bend Ranch aufkreuzen. Wir wissen nur, dass sie kommen werden. Wenn es der Wahrheit entspricht, dass Sie auf der Lancaster-Farm den Schuften in den Rücken gefallen sind, dann sollten Sie weiterreiten. Sie haben mit eigenen Augen sehen können, wozu diese Kerle im Stande sind."

"Ich bleibe hier", versetzte John Warner. "Ich bin einmal davon gelaufen..." Er brach ab und wischte sich über die Augen, als wollte er mit dieser Geste die unerfreulichen Bilder verscheuchen, die sich aus den Nebeln der Erinnerung schälten. "Ich würde gerne mein Pferd versorgen. Sie haben doch sicher nichts dagegen, Mrs..."

"Crossett. Sie sind auf der Crossett-Farm gelandet, Warner. Ich bin Kath Crossett. Mein Mann heißt Henry. Das hier ist Nelly Benson."

"Und wie heißt du, mein Junge?", wandte sich Warner an den Jungen.

"Joey", kam es zaghaft und mit heller Stimme.

"Freut mich, Joey", sagte Warner und lächelte. "Willst du mir helfen, mein Pferd zu versorgen?"

Fragend schaute der Junge seine Mutter an.

Kath Crossett nickte.

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HENRY CROSSETT HATTE die Stadt erreicht. Er hielt das Gespannpferd vor dem Sheriff's Office an und sprang vom Wagenbock. Im nächsten Moment musste er jedoch feststellen, dass Sheriff Freeman sich nicht in seinem Büro aufhielt.

Der Farmer fragte einen Passanten, ob der wüsste, wo er den Sheriff erreichten könnte. Der Mann sagte: "Ich sah ihn heute morgen aus der Stadt reiten. Keine Ahnung, wohin er sich gewandt hat. Vielleicht ist er zur Great Bend Ranch geritten, nachdem gestern Abend jemand versuchte, ihn aus dem Hinterhalt zu erschießen."

"Was?!" Crossett prallte regelrecht zurück.

"Ja", sagte der Mann nickend. "Als Freeman seinen Rundgang machte, wurde auf ihn geschossen. Er hatte Glück. Der Heckenschütze konnte fliehen. Im Saloon äußerte Freeman später, dass er Lane Hunter von der Great Bend Ranch in Verdacht habe."

"Mist", murmelte Crossett. Dann sprach er mit erhobener Stimme weiter: "In der vergangenen Nacht wurde die Benson-Farm überfallen. Big James' Höllenhunde haben Rich Benson erschossen und die Farm dem Erdboden gleich gemacht."

"Großer Gott", entsetzte sich der Stadtbewohner. Als er sich gefasst hatte, fragte er: "Bist du dir sicher, dass es Big James' Leute waren?"

"Nelly Benson ist zu uns geflohen. Sie hat Jack Bright und die anderen Kerle deutlich erkannt."

"Fürchtet denn Big James nicht, dass ihm der Deputy empfindlich auf die Zehen tritt?", schnappte der Stadtbewohner. "Freeman hat doch keinen Zweifel offen gelassen, dass er das Gesetz mit allen Konsequenzen zu vertreten bereit ist. Er hat Hunter zurecht gestutzt. Und er hat bereits einmal Big James zur Raison gerufen."

Ein furchtbarer Gedanke ließ Henry Crossett in seinem Innersten erbeben. Seine Kiefer mahlten. Er presste zwischen den Zähnen hervor: "Vorausgesetzt, Freeman ist in der Lage, Recht und Ordnung zu vertreten."

"Was willst du damit sagen?" Erschreckt fixierte der Mann Henry Crossett. "Du – du denkst doch nicht etwas, dass..."

"Genau das denke ich", stieß Crossett hervor und schwang sich auf den Wagenbock, griff nach den Zügeln und ließ sie auf den Rücken des Gespannpferdes klatschen. Das Tier setzte sich in Bewegung. Die Räder des Fuhrwerks begannen sich quietschend zu drehen.

Henry Crossett folgte dem Reit- und Fahrweg, der am Arkansas River entlang nach Westen führte. Der Wagen rumpelte. Die Sonne wanderte höher und höher. Der Farmer konnte das Rauschen und Gurgeln des Flusses hören. Er ging seinen unerfreulichen Gedanken nach.

Und dann sah er das Pferd. Es war ein Rotbrauner. Er kam dem Farmer entgegen. Das Tier war gesattelt. Jetzt blieb es stehen und wieherte hell. Crossett zügelte das Gespannpferd. Die Geräusche, die das Fuhrwerk verursacht hatte, versanken. Der Farmer wickelte die Zügel um den Bremshebel und stieg ab. Er ging zu dem Rotbraunen hin, der den Kopf in den Nacken warf und zurückscheute. Am Sattel sah der Farmer einige dunkle, feuchte Flecken. Crossett erwischte das Pferd am Kopfgeschirr. Er war davon überzeugt, dass es sich um das Reittier des Sheriffs handelte. Bei den Flecken auf dem Sattel handelte es sich um Blut. Crossetts Herzschlag beschleunigte sich. Wie Fieber rann es durch seine Adern. Der Farmer schaute in die Runde. Aber da war alles ruhig.

Gedankenvoll band der Farmer das Sattelpferd am Fuhrwerk an, kletterte wieder auf den Bock und fuhr weiter. Bei einem Schild, das an einen Pfahl genagelt war, zerrte Crossett das Pferd vor dem Fuhrwerk wieder in den Stand. Mit dem Schild wurde darauf hingewiesen, dass hier das Weideland der Great Bend Ranch begann und dass es Unbefugten verboten war, dieses Terrain zu betreten.

Henry Crossett nagte an seiner Unterlippe. Dann beschloss er, umzukehren. Er fuhr in die Stadt zurück. Die Sonne hatte ihren höchsten Stand erreicht, als er die ersten Häuser von Ellinwood passierte. Die Menschen auf den Gehsteigen blieben stehen und beobachteten das Gespann. Crossett lenkte das Pferd vor den Saloon und hielt an. Menschen kamen näher. Ein Mann sagte:

"Das ist der Gaul, auf dem Sheriff Freeman die Stadt verlassen hat. Himmel, Crossett, wo ist der Sheriff? Was ist geschehen?"

Gemurmel und Geraune erhob sich.

"Das Tier kam mir auf dem Weg zur Great Bend Ranch entgegen", klärte Henry Crossett die Leute auf. "Am Sattel befand sich frisches Blut. Ich bin an der Grenze des Great Bend-Weidelandes umgekehrt. Vom Sheriff habe ich nichts gesehen."

"Wir müssen ein Aufgebot bilden und nachsehen!", rief jemand. "Schon gestern Abend wurde ein Anschlag auf den Sheriff verübt. Du lieber Himmel, wahrscheinlich hatte heute der hinterhältige Schuft mehr Glück als gestern. - Wer mitreitet soll sein Pferd holen. Wir treffen uns in einer halben Stunde vor dem Saloon."

Einige Männer eilten davon.

Henry Crossett war abgestiegen und band das Pferd des Sheriffs vom Fuhrwerk los. Er führte es zum Haltebalken vor dem Saloon und schlang den Zügel um den Querholm. Ein Mann trat an ihn heran und sagte laut: "Wir haben es schon gehört, Crossett. Die Benson-Farm wurde niedergebrannt, Rich Benson wurde erschossen. Denkst du, dass Big James angefangen hat, das Siedlungsland am Walnut Creek seinen Rindern zugänglich zu machen?"

"Genauso ist es. Der verdammte Schuft hat einen Weidekrieg vom Zaun gebrochen. Es ist bereits Blut geflossen. Und er wird auch versuchen, der Stadt seinen Stempel aufzudrücken. Wer nicht für ihn ist, ist automatisch gegen ihn. Und wer gegen ihn ist, den vernichtet er gnadenlos. Denkt an meine Worte, Leute. Big James wird auch vor dieser Stadt nicht Halt machen. Er will sich zum ungekrönten König in diesem Landstrich aufschwingen. – Wahrscheinlich hat er den Sheriff aus dem Weg räumen lassen. Hancock kann kein Gesetz im Barton County gebrauchen. Er will den Landstrich seinem eigenen Gesetz unterwerfen - dem Gesetz des Stärkeren. Ihr werdet es sehen."

Es war ruhig geworden. Nachdenklichkeit prägte die Mienen.

Crossett kletterte wieder auf den Wagenbock. Da erklang Hufgetrappel. Es näherte sich der Stadt von Westen. Und gleich darauf erschien das Reiterrudel im Blickfeld der Menschen, die sich vor dem Saloon eingefunden hatten. Es waren Jack Bright und ein halbes Dutzend Männer. Sie zerrten an den Zügeln und drosselten das Tempo ihrer Pferde. Staub wölkte unter den Hufen. Im Schritt kam das Rudel die Main Street herunter. Die Atmosphäre war plötzlich unheilvoll. Die Luft schien vor Anspannung zu knistern. Die Menschen stauten den Atem...

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DIE REITER ZERRTEN ihre Pferde in den Stand. Das Hufgetrappel verklang. Auf der Straße war es ruhig wie auf einem Boot Hill um Mitternacht. Jack Bright legte seine Hände übereinander auf den Sattelknauf und rief in die Stille hinein: "Sieh an, du schon wieder, Crossett."

Die jähe Angst versiegelte die Lippen des Farmers. Er starrte Bright nur an. Jeder Zug seines Gesichts verriet die Beklommenheit, die ihn beschlichen hatte. Auf eine Begegnung mit Reitern der Great Bend Ranch war er nicht vorbereitet gewesen. Eine eiskalte Hand griff nach seinem Herzen.

Bright gab zwei der Reiter einen Wink. Die beiden verstanden und saßen ab. Von zwei Seiten näherten sie sich dem Wagenbock, auf dem Henry Crossett saß. Der Farmer hätte nur noch über die Ladefläche des Fuhrwerks fliehen können. Aber um zu fliehen war er zu stolz. Sein Gesicht wurde kantig. Er erhob sich.

"Steig ab, Crossett", forderte ihn einer der beiden Kerle auf und winkte mit der Rechten.

Bright rief: "Diese Stadt ist ab sofort für euch Farmerpack tabu, Crossett. Wenn ihr Vorräte braucht, dann fahrt gefälligst hinunter nach Larned. Damit du es nicht vergisst, werden wir es dir in dein einfältiges Hirn hinein hämmern."

Jack Bright schwang sich vom Pferd und begann, seine Hemdärmel hochzukrempeln.

Da rief jemand in der Menge: "Was habt ihr mit Sheriff Freeman gemacht, Bright? Sein Pferd kam reiterlos am Fluss entlang. Crossett hat es in die Stadt gebracht. Am Sattel klebte Blut."

"Ich habe Freeman das letzte Mal hier in der Stadt gesehen, als er im Saloon Lane Hunter schlug", rief Bright.

In diesem Moment stieß sich Henry Crossett ab. Er hatte seine Furcht vor den Great Bend-Männern überwunden. Mit ausgebreiteten Armen warf er sich vom Wagenbock auf einen der beiden Kerle und riss ihn nieder. Ehe der Bursche sich versah, donnerte ihm der Farmer die Fäuste gegen den Kopf. Der Bursche brüllte auf und rollte sich herum.

Mit einem Satz kam Crossett auf die Beine. Aber da sprang ihn schon der andere der Kerle an. Und zwei weitere Great Bend-Reiter glitten von den Pferden. Crossett hob die Fäuste. Das Kräfteverhältnis war deutlich zu seinen Ungunsten. Aber er war voll Zorn. Der Zorn lenkte und leitete ihn.

Er warf sich den Kerlen entgegen. Zweimal, dreimal trafen seine Fäuste auf Widerstand. Einer der Burschen ging zu Boden. Zwei andere aber packten Henry Crossett. Sie drehten ihm brutal die Arme auf den Rücken. Der Schmerz verzerrte Crossetts Gesicht. Ein Stöhnen kämpfte sich in seiner Brust hoch und brach aus seiner Kehle.

Jack Bright trat vor den Farmer hin. Er rieb die geballte Rechte in der geöffneten linken Hand. "Hast du gehört, Crossett? Ellinwood ist für euch Farmergesindel von heute an verbotenes Terrain. Sag das deinen Nachbarn."

Als das letzte Wort über seine Lippen war, schlug Bright zu. Seine Faust bohrte sich in den Leib Crossetts. Dem Farmer wurde die Luft aus den Lungen gepresst. Die Augen traten ihm weit aus den Höhlen. Er japste nach Luft, sein Gesicht färbte sich dunkel.

Und wieder donnerte ihm Bright die Faust in den Leib. Die Hände, die Crossett hielten, waren wie Schraubstöcke. Die Menschen der Stadt schauten zu. Die Flamme des Widerstandes, die einen Moment lang aufzuflackern schien, als einer der Stadtbewohner die Frage nach Sheriff Freeman stellte, war verloschen. Die Männer duckten sich. Sie hatten Angst. Jeder spürte es: Big James hatte sich entschlossen, seinem Willen mit rücksichtsloser Gewalt Geltung zu verschaffen. Und niemand wollte Opfer der wechselvollen Stimmung der Kerle von der Great Bend werden...

Bright schlug immer wieder zu. Seine Fäuste trafen Crossett im Gesicht, am Kopf, in den Magen, gegen die Rippen. Haltlos pendelte sein Kopf vor der Brust. Vor seinen Augen woben nur noch dunkle Nebelschwaden. Er war über die Schmerzgrenze hinaus. Hätten ihn die beiden Cowboys nicht festgehalten, wäre er schon längst zusammengebrochen. Er trieb in einer Welle der Benommenheit. Sein Denken war längst gerissen. Seine letzte Widerstandskraft war erschöpft. Es war unmöglich, gegen diesen Strom von vernichtender Brutalität anzuschwimmen.

Aus kleinen Platzwunden in seinem Gesicht sickerte Blut. Seine Augen waren zugeschwollen, die Schwellungen waren dunkel unterlaufen. Seine Lippen und seine Nase bluteten.

Endlich trat Bright zurück. Die Cowboys ließen Henry Crossett los. Er sackte in sich zusammen und blieb verkrümmt am Boden liegen.

"Der hat genug", knurrte Bright zwischen keuchenden Atemzügen und ohne jede Gemütsregung. "Werft ihn auf seinen Wagen und jagt den Gaul davon." Bright wandte sich an die Umstehenden. Seine Stimme hob sich, als er rief: "Ihr habt es gehört. Ellinwood ist ab sofort für das Siedlergesindel tabu. Wer einem Siedler auch nur einen Hufnagel verkauft, bekommt es mit uns zu tun. Haltet euch daran."

Zwei der Cowboys hoben Henry Crossett auf und trugen ihn zu seinem Fuhrwerk. Mit Schwung beförderten sie ihn auf die Ladefläche. Dann trat einer der Cowboys hinter das Gespannpferd, nahm seinen Hut in die Hand und schlug ihn dem Tier einige Male auf die Kruppe. Der erschreckte Kaltblüter zog an.

Die Männer der Great Bend Ranch führten ihre Pferde zum Hitchrack und gingen in den Saloon. Die Stadt stand ganz und gar im Banne des Bösen...

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EIN FUHRWERK NÄHERTE sich rumpelnd und holpernd der Crossett-Farm. Es war schon zu hören, ehe es vom Fenster des Farmhauses zu sehen war. "Da kommt Henry", sagte Kath Crossett und es klang erleichtert. Sie ging zur Tür.

John Warner stand am Fenster und blickte hinaus. Der Weg führte über einen flachen Hügel. Das Rumpeln und Stoßen wehte über den Kamm der Anhöhe heran.

Warner sah Kath Crossett im Freien auftauchen. Nelly Benson und Joey, der Junge, saßen am Tisch. In der Küche roch es nach gekochtem Gemüse. Leere Teller standen auf dem Tisch. Kath schritt durch den Staub und hielt dort an, wo der Weg in den Farmhof mündete. Ihr Blick war hangaufwärts gerichtet. Sie war fest davon überzeugt, dass es ihr Mann war, der sich der Farm näherte. Ein Stein war ihr vom Herzen gefallen. Sie war voll Sorge um Henry gewesen.

Das Fuhrwerk tauchte auf dem Kamm der Anhöhe auf. Ein Pferd zog es. Auf dem Bock saßen Bob Lancaster und Mary, seine Frau. Auf der Ladefläche befanden sich die beiden Kinder. Das Gespann kam den Abhang herunter.

Als Kath erkannte, dass es nicht Henry war, der auf die Farm zurückkehrte, begannen Angst und Schrecken in langen, heißen Wogen durch ihren Körper zu pulsieren. Henry hätte längst zurück sein müssen. Warum kam er nicht? War er den Männern von der Great Bend Ranch in die Hände gefallen? Was hatten sie gegebenenfalls mit ihm gemacht? Solche und ähnliche Fragen bestürmten Kath – Fragen, auf die sie keine Antwort fand und die sie immer tiefer in den Abgrund von seelischer Qual und Verzweiflung trieben. Alles in ihr bäumte sich gegen die nagenden, angstvollen Gedanken auf – jene Gedanken, an deren Ende etwas Dunkles, etwas unaussprechlich Schreckliches stand.

Die Achsen quietschten in den Naben. Staub knirschte unter den eisenumreiften Rädern des Wagens. Kath Crossett hatte die Hände vor dem Leib verkrampft und knetete sie. Mit erloschenem Blick schaute sie dem Gespann entgegen.

Auch John Warner hatte die Ankömmlinge erkannt. Er verließ das Haus und überquerte den Farmhof. Neben Kath Crossett blieb er stehen.

Bob Lancaster zügelte das Pferd. Die Geräusche verstummten. Lancaster sagte laut: "Wir sind von unserer Farm geflohen, weil wir annehmen müssen, dass in der Nacht die Höllenhunde von der Great Bend Ranch erneut auftauchen. Ich hätte ihnen nichts entgegenzusetzen. – Sie haben die Benson-Farm niedergebrannt. Diese dreckigen Bastarde. Sind Rich und Nelly zu euch gekommen, Kath?"

"Nur Nelly", versetzte Kath Crossett. "Rich haben die Schufte ermordet. Mr. Warner hat ihn begraben."

Betroffenheit prägte die Mienen Lancasters und seiner Frau.

John Warner sagte: "Es ist war eine gute Idee, die Farm zu verlassen und herzukommen, Lancaster. Man sollte auch die anderen Farmer weiter westlich warnen und veranlassen, herzukommen. Alleine auf sich gestellt ist jeder von euch zu schwach, um der Great Bend die Stirn zu bieten. In der Gemeinschaft aber seid ihr stark."

"Ähnliche Gedanken hatte ich auch", erklärte Lancaster. "Wo ist Henry? Was meint er?"

"Henry ist in die Stadt gefahren", gab Kath zu verstehen. "Er erstattet Anzeige beim Sheriff wegen des Überfalls auf die Benson-Farm. Eigentlich müsste er längst zurück sein. Ich mache mir große Sorgen."

"Ich werde nachsehen, wo er bleibt", knurrte John Warner. "Sie, Lancaster, sollten die anderen Farmer warnen und bewegen, sich auf die Crossett-Farm zu begeben. Vielleicht werden Big James' Sattelwölfe die Farmen niederbrennen. Aber Gebäude können wieder aufgebaut werden. Ein zweites Leben bekommt keiner. Versuchen Sie, die anderen Farmer davon zu überzeugen."

Lancaster nickte.

Kath sagte: "Kommt auf die Farm. Natürlich seid ihr willkommen. Warner hat recht. Nur wenn wir uns zusammen schließen, haben wir eine reelle Chance."

John Warner ging in den Stall und sattelte sein Pferd. Dann ritt er davon. Die Sonne hatte ihren höchsten Stand längst überschritten. Es war drückend heiß. Der Pinto stampfte mit hängendem Kopf dahin. Warner folgte dem Walnut Creek nach Osten. Der schmale Fluss führte nicht viel Wasser. Einige Felsen lagen im Flussbett, an denen sich das Wasser staute und gischte. Die Ufer waren flach. Der Ufersaum war ausgetrocknet und zeigte rissige Fladen zusammengebackenen Schlammes. Geäst, das der Fluss angeschwemmt hatte, lag an seinen Rändern und erinnerte an ausgebleichte Skelette.

John Warner war etwa eine Stunde geritten, als er das Fuhrwerk mit dem davorgespannten Kaltblüter am Flussufer sah. Das Tier trank. Vom Lenker des Gespanns war nichts zu sehen.

Warner ritt näher. Und dann sah er den Mann auf der Ladefläche liegen. Er erkannte ihn fast nicht wieder. Sein Gesicht war von brutalen Schlägen völlig entstellt und blutverschmiert. Warner schluckte trocken. Henry Crossett lag wie tot auf dem Fuhrwerk.

John Warner saß ab, nahm seine Wasserflasche vom Sattel und stieg auf den Wagen. Sein Gesicht war wie aus Granit gemeißelt. Er ahnte, dass hier die Kerle von der Great Bend Ranch am Werk gewesen waren. Und er fragte sich, ob es denn nichts gab, was sich diesen Schuften in den Weg stellte und sie bremste.

Großer Gott, er war hier in einen richtigen Weidekrieg hineingeraten – er, der seiner eigenen Vergangenheit zu entfliehen versuchte, die ziemlich starke Parallelen mit den Vorkommnissen hier aufwies. Dave Sherman, der Vormann der Osborne Ranch, hatte ihn am Lasso hinter seinem Pferd hergeschleift, bis Kleidung und Haut in Fetzen von seinem Körper hingen. Sie hatten ihn halbtot liegen lassen. Er verließ das Land. Sie hatten ihm den Mut genommen, ihn zerbrochen. Er war seither jedem Verdruss aus dem Weg gegangen, hatte nicht mal mehr eine Waffe getragen und sich hinter seiner Waffenlosigkeit versteckt.

Als Jack Bright und seine Männer auf der Lancaster-Farm für Furore sorgen wollten, hatte er sich überwunden. Sein Widerstandsgeist hatte sich gemeldet. Er hatte Courage bewiesen. Und es hatte ihn neuen Mut fassen lassen. Vielleicht war in ihm doch nicht alles, was einen aufrechten und stolzen Mann ausmacht, zerstört worden...

John Warner löste sich von diesen Gedanken. Er schraubte die Wasserflasche auf, schob seine linke Hand unter den Kopf des Besinnungslosen und hob ihn etwas an. Dann setzte er Crossett die Öffnung der Flasche an die Lippen. Wasser rann über das Kinn des Farmers, doch dann begann er zu schlucken. Seine Lider flatterten, und schließlich öffnete er die Augen. Stumpfsinnig, mit dem absoluten Ausdruck des Nichtbegreifens starrte er in Warners Gesicht. Nur langsam stellte sich die Erinnerung ein.

"Ich – war - in der Stadt", stammelte Henry Crossett. "Jack Bright und ein halbes Dutzend Männer... Mein Gott, das Pferd des Sheriffs... Blut am Sattel... Wer – wer sind Sie?"

Die Worte waren losgelöst und kaum vernehmbar gekommen. Crossett konnte die aufgeschlagenen Lippen kaum bewegen. Dennoch konnte sich John Warner einen Reim auf das machen, was der Farmer ausgestoßen hatte. Jack Bright und einige Männer von der Great Bend Ranch hatten ihn derart übel zusammengeschlagen. Das Pferd des Sheriffs war alleine in der Stadt aufgetaucht. Am Sattel hatte sich Blut befunden... So interpretierte Warner jedenfalls die vagen Andeutungen, die Crossett gemacht hatte. Er gab dem verletzten Mann noch einmal zu trinken. Dann sagte er: "Ich bringe Sie auf Ihre Farm, Crossett. Lancaster und seine Familie sind auch dort. Lancaster wird die anderen Farmer warnen und veranlassen, dass auch sie sich auf Ihrer Farm einfinden. Wir sind dann ein halbes Dutzend Männer und können es mit Big James' Sattelwölfen aufnehmen."

John Warner hatte sich selbst vollkommen automatisch mit einbezogen. >Kämpfe, John!,< hämmerte es durch seinen Verstand. >Stell dich dem himmelschreienden Unrecht in den Weg. Du kannst nicht einfach davonlaufen. Du musst diesen Menschen beistehen. Oder du verlierst den letzten Rest an Achtung vor dir selbst...<

Gefühl und Verstand fochten ihn ihm einen heftigen Kampf aus. Der Verstand sagte ihm, Crossett zu seiner Farm zu bringen, sich dann auf sein Pferd zu setzen und das Land zu verlassen. Das Gefühl aber gebot ihm, den Farmern in ihrem Kampf gegen Big James beizustehen. Hier waren Existenzen bedroht. Er konnte die Augen nicht davor verschließen. Sein Sinn für die Gerechtigkeit ließ es nicht zu.

Er verschraubte die Flasche und sprang vom Wagen, knüpfte die Flasche am Sattel seines Pferdes fest und leinte das Tier hinten am Fuhrwerk an. Dann stieg er auf den Wagenbock und nahm die Zügel...

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EIN AUFGEBOT DURCHKÄMMTE das Land auf der Suche nach dem Sheriff. Die Männer aus Ellinwood ließen sich auch nicht von den Schildern abhalten, die Big James an den Grenzen seines Weidelandes aufstellen hatte lassen und die darauf hinwiesen, dass Unbefugten das Betreten der Weidegründe verboten waren.

Ein Mann namens Burt Conelly führte das Aufgebot.

Der Sheriff blieb spurlos verschwunden.

Die Männer aus der Stadt ritten bis zur Great Bend Ranch. Stuart Plummer, der Vormann, bestätigte, dass der Sheriff auf der Ranch gewesen war, sie aber längst wieder verlassen hatte. Er habe nicht den Hauch einer Ahnung, was aus dem Sheriff geworden sei.

Das Aufgebot ritt unverrichteter Dinge wieder in die Stadt zurück. Es war um die Mitte des Nachmittags, als die Reiter in Ellinwood ankamen. Jeder hatte die Great Belt Ranch im Verdacht, dass sie etwas mit dem spurlosen Verschwinden des Sheriffs zu tun hatte. Niemand aber wagte es laut auszusprechen.

Die Reiter des Aufgebotes waren durstig und gingen in den Saloon. Dort hielten sich Jack Bright und sein hartbeiniges Rudel auf. Sie saßen an zwei Tischen und tranken Brandy. Außer den Männern von der Great Bend Ranch gab es keine Gäste. Die verstaubten Männer gingen sporenklirrend zum Tresen.

"Na, Conelly", rief Bright. "Hattet ihr Glück? Habt ihr Freeman gefunden?"

"Gib mir ein Bier", sagte Burt Connelly zum Salooner, dann wandte er sich um und schaute Jack Bright an. "Nein, Bright. Der Sheriff war auf der Great Bend. Wenn ihm etwas zugestoßen ist, dann nur auf dem Weg zwischen der Ranch und der Stadt. Auf diesem Weg entdeckte Crossett auch sein Pferd. Wir hätten Freeman also finden müssen. Da wir ihn aber nicht fanden, hat ihn wohl jemand verschwinden lassen."

Bright schob das Kinn vor. In seinen Augen flackerte ein böses Licht. "Was willst du damit zum Ausdruck bringen, Conelly?"

"Dass jemand den Sheriff aus dem Weg geräumt hat."

"An wen denkst du?" Bright drückte sich in die Höhe. Sein Stuhl rutschte zurück.

"Was willst du hören, Bright?"

"Du verdächtigst die Great Belt, nicht wahr?" Bright kam um den Tisch herum, blieb stehen und stemmte seine Arme in die Seiten. Es war eine ausgesprochen herausfordernde Haltung, die er einnahm. Unter halb gesenkten Lidern hervor fixierte er Burt Conelly.

"Ich verdächtige niemand", sagte Conelly. "Nur der Himmel weiß, was mit Freeman geschehen ist. Vielleicht..."

"Was?"

"Ich weiß es selbst nicht, Bright. Vielleicht hat ihn sein Pferd abgeworfen, möglicherweise hat ein Puma sein Pferd angefallen und er ist in den Fluss gestürzt. Wer kann das schon sagen..."

"Du redest doch Mist, Conelly, gottverdammten Mist. Du hast uns im Verdacht, dass wir etwas mit dem Verschwinden des Sheriffs zu tun haben." Bright setzte sich in Bewegung.

Bei Burt Conelly kam die Angst. Seine Lippen zuckten. Sein Blick irrte zur Seite ab. "Wirklich, Bright, ich verdächtige niemand. Was solltet ihr von der Great Bend Ranch für einen Grund haben..." Japsend brach Conelly ab.

Bright erreichte den Mann. Seine Rechte lag auf dem Revolverknauf. "Du verdächtigst uns des Sheriffsmordes, Conelly", knurrte Bright. "Das kann ich nicht auf uns sitzen lassen. Du trägst einen Revolver. Geh mit mir auf die Straße. Dort tragen wir es aus. Diese Stadt soll sehen, dass Big James, seinem Vormann und seiner Mannschaft niemand etwas derart Ungeheuerliches unterstellen darf. Du nimmst die Herausforderung doch an, Conelly?"

"Du – du bist im Irrtum, Bright", entrang es sich Burt Conelly. "Ich habe weder Big James, noch Stuart Plummer noch sonst jemand aus der Great Bend-Mannschaft etwas unterstellt. Ich sagte lediglich, dass..."

Bright schlug mit der Linken zu. Seine flache Hand landete klatschend auf der Wange Conellys. Die Männer, die mit Conelly geritten waren, standen starr und stauten den Atem.

"Feiglich!", zischte Jack Bright. "Elender Feigling."

Seine fünf Finger zeichneten sich auf Burt Conellys Wange ab. Conellys Atem ging stoßweise. Er durfte diese Demütigung nicht auf sich sitzen lassen, wenn er nicht sein Gesicht verlieren wollte. Er knirschte mit den Zähnen. Dann überwand er seine Angst und presste hervor. "In Ordnung, Bright. Gehen wir hinaus. Du willst es nicht anders..."

Er stieß sich vom Schanktisch ab. Sein Stolz ließ es nicht zu, dass er die Herausforderung ablehnte. Er war bewaffnet. Ein schwerer 45er steckte im Holster an seinem rechten Oberschenkel. Das Schießeisen schien plötzlich Tonnen zu wiegen. Conelly ging an Bright vorbei und streifte ihn mit dem linken Arm. Bright schwang herum und folgte Conelly zur Tür. Conelly drückte die Türflügel auseinander und trat ins Freie. Grelles Sonnenlicht blendete ihn. Hinter sich hörte er Jack Bright.

Dumpfe Furcht wühlte in Conellys Eingeweiden. Mit der Intensität eines Mannes, der im nächsten Moment dem Tod ins höhnisch verzerrte Antlitz sehen musste, spürte er, dass er einen Fehler machte. Er stockte im Schritt.

Bright hatte die beiden Türflügel abgefangen. Er folgte Conelly hinaus auf den Vorbau. Conelly wandte sich um. "Hör zu, Bright. Ich habe wirklich nicht..."

"Geh weiter!", zischte Jack Bright. "Du willst doch nicht kneifen?" Er versetzte Conelly einen derben Stoß. Conelly stolperte einen Schritt rückwärts. Bright hatte angehalten. Seine Rechte hing über dem Knauf des Sechsschüssers. Er war sich seiner Sache sehr sicher.

Da kam ein Reiter um den Knick, den die Main Street ein Stück vom Saloon entfernt machte. Der Mann saß auf einem Pinto. Die Hufe des Tieres rissen kleine Staubfahnen in die sonnendurchglühte Luft.

Es war John Warner.

An seinem Sattel war ein Scabbard festgeschnallt, aus dem der Kolben einer Winchester ragte. In Warners Hosenbund steckte ein schwerer Coltrevolver. John Warner hatte beschlossen, die Sache der Farmer am Walnut Creek zu seiner eigenen zu machen. Er sah es als eine Fügung des Schicksals an, die ihn in diesen Landstrich geführt hatte. Die Vorsehung drängte ihm den Kampf regelrecht auf. Er war bereit, sich der Herausforderung zu stellen. Sein Kämpferinstinkt war wieder erwacht. Dave Sherman hatte ihn nicht endgültig zerbrochen, als er ihn am Lasso fast zu Tode schleifte.

Jeder Zug seines Gesichts verriet den unumstößlichen Willen,  gegen das Unrecht, das von der Great Bend Ranch ausging, anzukämpfen. Er war es sich selbst schuldig, um wieder zu seiner alten Form zurückzufinden und sich sein Land oben am Bow Creek zurückzuerobern.

Dieses Bestreben lenkte John Warner und nahm alle Furcht von ihm.

Er erkannte Jack Bright auf dem Vorbau des Saloons und zügelte das Pferd. Der Pinto stand ruhig.

Jack Bright beachtete Burt Conelly nicht mehr. Er hatte nur Augen für den Reiter, der mitten auf der Main Street angehalten hatte. "Warner!", knirschte er mit zusammengepressten Kiefern. Dann setzte er sich ruckhaft in Bewegung. Er ging an Conelly vorbei, tauchte unter dem Vorbaugeländer hindurch und sprang auf die Fahrbahn. Seine Stimme erklang laut und deutlich: "Kommt heraus, Männer, und seht, wer sich noch einmal nach Ellinwood gewagt hat. Hoh, ich schätze, wir kommen heute alle auf unsere Rechnung."

Die Great Bend-Reiter drängten auf den Vorbau. Ihre Blicke saugten sich an John Warner fest. Einer rief spöttisch: "Gib acht, Jack, er ist bewaffnet. Vielleicht ist er ein verkappter Revolverheld."

Burt Conelly stahl sich davon. Schnell verschwand er um die Ecke des Saloons.

Die Pferde am Haltbalken schlugen mit den Schweifen nach den blutsaugenden Bremsen an ihren Seiten. Die Geräusche, die die Stiefel der Männer auf dem Vorbau verursachten, versanken in der Stille.

Langsam ging Jack Bright in die Mitte der Main Street. Seine Stimme sprengte die lastende Stille. "Empfahl ich dir nicht, viele Meilen zwischen dich und diesen Landstrich zu bringen, Warner?"

John Warner schwang das linke Bein über das Sattelhorn und glitt vom Pferd. Er machte drei Schritte und blieb dann stehen. Er hatte die Sonne im Rücken. Seine Gestalt warf einen dunklen Schatten in den Staub. "Ja", rief Warner, "das hast du mir empfohlen. Zunächst wollte ich das Land auch verlassen. Dann stieß ich auf eine niedergebrannte Farm und einen toten Mann. Er war erschossen worden. Du und dein Anhang habt ihn auf dem Gewissen. Heute kam Henry Crossett halb totgeschlagen aus der Stadt. Sheriff Walt Freeman ist spurlos verschwunden. Nach allem, was ich von Crossett erfahren habe, ist der Sheriff tot. Ermordet von der Great Belt..."

"Du spuckst ziemlich große Töne, Warner. Ich denke, du hast dir Stiefel angezogen, die ein paar Nummer zu groß sind für dich."

"Denkst du? Na schön. Du bist ein niederträchtiger Bastard, Bright. Wenn dir ein halbes Dutzend Raufbolde und Schießer den Rücken stärken, fühlst du dich stark. In Wirklichkeit aber bist du eine kleine, fiese Ratte..."

Jack Bright griff zum Revolver. Der Hass übermannte ihn. Er wollte nur noch töten.

Er war schnell. Sein Zug war eine huschende Bewegung von Hand, Arm und Schulter. Der Colt flirrte aus dem Holster, der Bursche brachte ihn in die Waagerechte, spannte den Hahn...

Da donnerte schon der Revolver in John Warners Faust. Eine armlange Mündungsflamme stieß aus der Mündung. Der Knall schien sich für die Spanne einiger Herzschläge zwischen den Häusern zu beiden Seiten zu stauen und stieß durch die Stadt.

Der Colt entfiel Jack Brights Hand. Der Bandit krümmte sich nach vorn, seine Hände verkrallten sich vor der Brust. Dann brach Bright zusammen. Staub wallte unter seinem aufschlagenden Körper auseinander...

Die Kerle auf dem Vorbau griffen nach ihren Waffen.

Mit zwei langen Sätzen war John Warner bei seinem Pferd. Er griff nach dem Sattelhorn, stieß einen schrillen Schrei aus, und das Tier vollführte aus dem Stand einen erschreckten Satz. Es riss Warner mit. Er stieß sich ab, kam in den Sattel und hämmerte dem Pinto die Sporen in die Weichen. Das Tier streckte sich. Als die Revolver der Great Bend-Reiter aufbrüllten, war Warner schon außer Coltschussweite.

*

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JOHN WARNER JAGTE SEIN Pferd aus der Stadt. Er ritt nach Norden. Das Land war hügelig. Aus den Abhängen ragten Felsen in allen Größen und Formen. Es gab riesige Buschgürtel und Bäume, die ihre knorrigen Äste zum Himmel reckten.

Als er sich einmal umdrehte, sah er seine Verfolger kommen. Sie peitschten ihre Pferde mit den langen Zügeln voran. Warner glaubte einige schrille Schreie vernehmen zu können, mit denen sie ihre Tiere zusätzlich anfeuerten.

Er hatte den Pinto auf dem Weg von der Crossett-Farm in die Stadt zwar geschont, dennoch konnte er nicht ausschließen, dass die Pferde der Great Bend-Reiter frischer waren.

John Warner folgte den Windungen zwischen den Hügeln. Die Gegend schien an ihm vorbeizufliegen. Der trommelnde Hufschlag umgab ihn. Die Pferdehufe wirbelten. Warner hatte den Colt wieder hinter seinen Hosenbund geschoben. Er hatte ihn von Henry Crossett erhalten, ebenso wie die Winchester. Warner hatte sich entschlossen, für die Sache der Farmer am Walnut Creek einzutreten. Er hatte es nicht über sich gebracht, einfach aus dem Land zu reiten und die Siedler sich selbst zu überlassen. Er hatte seine Ängste vor Auseinandersetzungen jedweder Art überwunden. Dave Sherman hatte seinen Kampfgeist nicht brechen können.

Die Hügel blieben zurück, felsiges Terrain begann. Der Boden war geröllübersät. Warner musste das Tempo seines Pferdes drosseln, um zu verhindern, dass sich das Tier ein Bein brach. Manchmal klirrte es, wenn ein Hufeisen gegen Stein stieß. Zwischen den Steintrümmern wucherte dorniges Gestrüpp. Vor John Warner schwang sich ein Geröllhang in die Höhe. Winzige Kristalle glitzerten im Sonnenlicht.

Warner zügelte das Pferd und lauschte nach hinten. Brandender Hufschlag zeugte davon, dass ihm seine Verfolger nach wie vor auf den Fersen saßen. John Warner saß ab. Er führte das Pferd am Zügel auf den Geröllhang. Schräg zum Abhang machte er sich an den Aufstieg. Geröll löste sich unter den Hufen und polterte in die Tiefe. Die Hinterbeine des Pinto stemmten sich wie Säulen gegen das Zurückgleiten. Bald waren Warners Füße schwer wie Blei. Und die Hufschläge, die die Pferde seiner Verfolger verursachten, wurden von einem Moment zum Moment zum anderen deutlicher.

Auf halber Höhe des Abhanges ragte ein zerklüfteter Felsen von etwa drei Yards Höhe aus dem Boden. Er war breit genug, um das Pferd dahinter abzustellen. Warner brachte den Pinto in Deckung und leinte ihn am Ast einen verkrüppelten Strauches an. Dann zog er die Winchester aus dem Scabbard und riegelte eine Patrone in die Kammer.

Wenige Minuten später donnerten die Great Bend-Reiter zwischen den Hügeln hervor. Sie jagten ihre Pferde über die sich anschließende Ebene. Staub wölkte dicht unter den Hufen. John Warner hob das Gewehr an die Schulter. Er zielte kurz und drückte ab. Mit einem Donnerknall verließ die Kugel den Gewehrlauf. Eines der heranstürmenden Pferde brach vorne ein und warf seinen Reiter ab. Der Bursche überschlug sich einige Male am Boden und blieb dann still liegen.

Die anderen Reiter trieben ihre Pferde auseinander, sprangen ab und rannten in den Schutz von Felstrümmern und Büschen. Ein Kugelhagel klatschte gegen den Felsen, hinter dem sich Warner verschanzt hielt. Dann verrollten die Echos der Schüsse. John Warner hatte durchgeladen. Er spähte um den Felsblock herum. Von den Great Bend-Reitern war nichts zu sehen. Ihre Pferde standen herum. Sie hatten keine Zeit gefunden, die Tiere in Deckung zu zerren.

John Warner war von einer grimmigen Ruhe. Er hörte Stimmen. Die Kerle verständigten sich. Dann begannen ihre Gewehre wieder zu donnern. Zwei der Angreifer sprangen aus ihren Deckungen und rannten ein Stück hangaufwärts. Warner gab zwei Schnappschüsse ab. Dann drehte er den Kopf und blickte den Hang hinauf. Auf dem Kamm erhoben sich Felsen. Dazwischen gab es Spalten und Klüfte. Warner entschloss sich von einem Augenblick zum anderen. Er kroch davon und wand sich wie eine Eidechse hangaufwärts. Felstrümmer und Buschwerk boten ihm Schutz.

Wieder krachten die Gewehre seiner Gegner. Wieder kamen zwei der Kerle unter dem Feuerschutz ihrer Kumpane ein Stück weiter den Hang hinauf. John Warner beeilte sich. Er schwitzte. Der süßliche Schweißgeruch zog Insekten an. Sie schwirrten um seinen Kopf herum.

Zwei der Great Bend-Reiter erschienen bei dem Felsen, hinter dem er Schutz gesucht hatte. Einer rief etwas nach unten. John Warner kam blitzschnell hinter einem Strauch hoch. Er riss das Gewehr an die Schulter und feuerte. Einer der beiden kippte um. Der anderen tauchte ab. John Warner rannte zwischen die Felsen. Eine Garbe heißen Bleis folgte ihm. Querschläger jaulten ohrenbetäubend. 

Dann war Warner in Sicherheit. Ein schmaler, natürlicher Pfad wand sich zwischen den Felsen nach oben. John Warner benutzte ihn nicht. Er lief zu einem Felsen am Rand der Hügelkuppe und äugte in die Tiefe. Am Fuß des Abhanges lag noch immer der Bursche, der vom Pferd gestürzt war und sich mehrere Male überschlagen hatte. Das Tier lag auf der Seite. Ob der Mann, den Warner mit einer Kugel getroffen hatte, wieder aufgestanden war, konnte er nicht sehen. Sein Pinto stand nach wie vor auf halber Höhe des Hanges hinter dem Felsen, der ihm als Deckung gedient hatte.

Warner zog sich zurück und erreichte die andere Seite der Hügelkuppe. Steil schwang sich vor seinen Füßen der Abhang nach unten. Gerölltrümmer und Felsblöcke lagen herum. Warner machte sich an den Abstieg. Er hatte es noch mit vier oder fünf Gegnern zu tun. Er gab sich keinen Illusionen hin. Diese Kerle waren tödlicher als Cholera. Wenn er ihnen in die Hände fiel – dann war es um ihn geschehen.

Zunächst brauchte er ein Pferd. Der Pinto war für ihn verloren. Ohne Pferd aber war er aufgeschmissen. Er lief die Hügelflanke hinunter und pirschte unten im Schutz der Sträucher um den Hügel herum. Und plötzlich sah er einen seiner Gegner hinter einem hüfthohen Felsklotz kauern. Die Aufmerksamkeit des Kerls war hügelaufwärts gerichtet. Er wandte Warner die linke Seite zu.

John Warner hob einen Stein auf und schleuderte ihn hinter dem Burschen zwischen die Büsche. Der Mann zuckte herum. Er hatte sich den Gewehrkolben unter die rechte Achsel geklemmt. Warner kniete neben einem Felsen. "Heh!", rief er.

Der Great Bend-Reiter schaute in seine Richtung, erkannte ihn und riss das Gewehr herum.

Warner schoss.

Der Bursche taumelte getroffen in die Höhe, brüllte etwas, machte das Kreuz hohl und kippte über seine Absätze nach hinten.

"Der Hurensohn befindet sich mitten unter uns!", schrie einer mit überschnappender Stimme. "O verdammt! Wir haben den verfluchten Hund unterschätzt..."

Äste knackten, Geröll klackerte. Dumpfe Geräusche waren zu hören, als einer der Kerle mit langen Sätzen hangabwärts rannte.

Warner war geduckt zu dem Burschen hingelaufen, den er von den Beinen geschossen hatte. Der Mann war tot. Wenige Schritte entfernt stand ein Brauner. Das Tier schnaubte prustend, hatte den Kopf erhoben und spielte mit den Ohren. Es war nervös...

Und dann sah Warner den Burschen, der den Abhang herunterkam, zwischen den Sträuchern auftauchen. Er rannte nicht mehr, sondern pirschte nach vorne gekrümmt näher. John Warner überlegte nicht lange. Er schoss, kam hoch, war mit zwei Sätzen bei dem Braunen und kam geschmeidig in den Sattel. Ehe die anderen Kerle begriffen, was geschah, jagte das Pferd zwischen die Hügel.

"Der Mistkerl flieht!", brüllte der Mann, auf den Warner zuletzt geschossen hatte und der die Kugel in die Schulter bekommen hatte. "Schießt ihn vom Gaul!"

Aber da verschwand John Warner schon um den Hügel herum aus dem Blickfeld der Great Bend-Männer. Der trommelnde Hufschlag entfernte sich und wurde schnell leiser...

*

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"ZWEI TOTE MÄNNER UND zwei Verwundete", knirschte Big James Hancock. Er befand sich zusammen mit Stuart Plummer in der Halle des Ranchhauses. Der Rancher hatte eine unruhige Wanderung aufgenommen. Der Vormann lehnte am Kamin und beobachtete seinen Boss.

Draußen war es dunkel. Vor einer halben Stunde waren die Kerle auf die Ranch gekommen, die mit Jack Bright geritten waren. Sie hatten Jack Bright und einen weiteren Toten auf die Ranch gebracht. Ein Mann hatte eine Kugel in der Schulter, ein anderer im Oberschenkel.

"Diese Narren haben versagt", knurrte der Rancher. "Verdammt! Was ist dieser John Warner für ein Mann, dass er es mit einem halben Dutzend meiner besten Männer aufnimmt? Ist er ein verkappter Gunslinger?"

"Er hat uns allen Sand in die Augen gestreut", sagte der Vormann. "Vielleicht haben ihn die Farmer sogar ins Land geholt, damit er ihre Interessen vertritt. Als er sich uns waffenlos präsentierte, war das eine Finte. Er wollte sich auf der Ranch einschleichen, um uns auszuspionieren..."

"Das glaube ich nicht", stieß Big James hervor. "In diesem Falle wäre er auf der Lancaster-Farm nicht ausgestiegen, als er merkte, wie der Hase läuft. Nein. Warner ist zufällig in dieses Land gekommen. Davon bin ich überzeugt."

"Eines scheint jedenfalls Fakt zu sein", sagte Plummer. "Er hat sich auf die Seite der Farmer geschlagen. Und damit ist er unser Gegner. Wir müssen ihn ausschalten."

Der Rancher hielt in seiner Wanderung inne. Seine Hände lagen auf dem Rücken. Seine Brauen hatten sich zusammengeschoben. Über seiner Nasenwurzel standen zwei steile Falten. "Wir machen dort weiter, wo wir in der vergangenen Nacht aufgehört haben. Zuerst machen wir die Lancaster-Farm nieder, dann die Farm Henry Crossetts. Sollte dieser Warner unseren Weg kreuzen..." Big James schnippte mit Daumen und Mittelfinger. Eine Geste, die mehr zum Ausdruck brachte als jedes Wort.

"Werden Sie selbst die Mannschaft führen, Boss?"

Big James senkte den Kopf und starrte sekundenlang auf einen unbestimmten Punkt am Fußboden. Dann schüttelte er den Kopf. "Nein. Sie befehligen die Mannschaft, Plummer. Nehmen Sie jeden Mann mit, der auf der Ranch entbehrlich ist. In den kommenden Tagen sind Brenner, Benbow und Morgan dran. Wir hören erst auf, wenn die letzte der Farmen niedergebrannt ist und meine Rinder freien Zugang zum Fluss haben."

"In Ordnung, Boss. Wir reiten heute noch zu Lancaster-Farm und dann zu Crossett. Wir werden mit den beiden leichtes Spiel haben. Vielleicht haben sie schon das Weite gesucht. Denn sie können sich an fünf Fingern abzählen, dass wir kommen und dass wir nicht die Seidenhandschuhe anhaben werden."

"Wenn das Land am Creek gesäubert ist", knurrte Big James, "drücke ich der Stadt meinen Stempel auf. Ich werde Lane Hunter als Sheriff einsetzen. Town Major und Bürgerrat werden mir aus der Hand fressen. Die Stadt wird nach meiner Pfeife tanzen. Wir werden die Verhältnisse herstellen, wie sie herrschten, ehe in Ellinwood Walt Freeman den Stern trug. Die Stadt wird im Schatten der Great Bend Ranch leben. Das Leben wird nach meinen Gesetzen und Regeln ablaufen."

Der Vormann stieß sich vom Kamin ab. "Und ich helfe Ihnen, Hancock. Ich hoffe, Sie wissen das eines Tages entsprechend zu honorieren." Stuart Plummer griente schief.

"Sie bekommen Ihren Lohn, Plummer. Sie werden nach mir der zweite Mann im Lande sein. Mein Wort drauf." Er schaute seinen Vormann mit festem Blick an, einem Blick, der keinen Zweifel an seinen Worten aufkommen lassen sollte.

"Dann gehe ich jetzt", murmelte der Vormann und setzte sich in Bewegung.

Stuart Plummer verließ die Hotelhalle. Der Rancher war allein. Er legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Ein selbstgefälliges Lächeln huschte um seinen Mund. Er sah sich schon als den unumschränkten Herrscher in diesem Teil des Barton Countys. Big James fühlte sich stark und unbezwingbar...

Stuart Plummer ritt mit einer rauen Horde von der Ranch. Es waren insgesamt acht Männer. Die Pferde trugen sie nach Westen. Dort, wo der Walnut Creek in den Arkansas River mündete, überquerten sie den Fluss. Dann folgten sie dem Südufer des Walnut Creek.

Fledermäuse zogen lautlos ihre Bahnen durch die Dunkelheit. Der Mond stand über dem hügeligen Horizont im Südosten. Hin und wieder wurde er von einer Wolke verdunkelt. Wolkenschatten huschten über das Land.

Das Rudel, das durch die Nacht ritt, war vom Vernichtungswillen beseelt. Es waren Cowboys, die nichts so sehr hassten wie Stacheldrahtzäune. Dementsprechend war ihre Einstellung zu den Siedlern. Es gab kein Verständnis und kein Entgegenkommen.

Die Gebäude der Lancaster-Farm tauchten vor dem Rudel auf. Die Farm lag in absoluter Dunkelheit. Mond- und Sternenlicht versilberte die Dächer. Die Reiter verteilten sich rund um die Farm. Dann peitschte ein Schuss. Und sogleich begannen die Hufe der Pferde zu trappeln. Die Kerle jagten ihre Pferde im Kreis um die Gebäude herum und schossen die Läufe heiß. Pulverdampf und aufgewirbelter Staub vermischten sich und wallten nebelhaft. Und dann sprangen zwei der Kerle von ihren Pferden und rannten ins Farmhaus. Es war verwaist. Die Tür zu einem angrenzenden Raum wurde aufgestoßen.

"Verdammt!", stieß einer der Kerle hervor. "Die Vögel sind ausgeflogen."

"Vielleicht haben sie das Land verlassen", gab der andere zu verstehen. Draußen wieherte ein Pferd. Hufe stampften. Ein Streichholz wurde angerissen. Die kleine Flamme zerrte den Burschen, der das Hölzchen hielt, aus der Dunkelheit. Auf dem Tisch stand eine Laterne. Der Mann ging hin, klappte den Glaszylinder zurück und hielt das Flämmchen an den Docht. Es schepperte, als er das Glas über die Flamme stülpte. Licht kroch auseinander. Die Küche war aufgeräumt. Im Schrankaufbau war durch das grüne Glas Geschirr zu sehen. Neben einem Eimer Wasser auf einer Anrichte hing ein Geschirrtuch. Es sah nicht danach aus, als hätten die Lancasters die Farm für immer verlassen.

Die beiden Kerle verließen das Haus wieder. Einer rief: "Sie sind fort. Ich denke, sie sind zu einer der anderen Farmen geflohen."

"Jagt das Viehzeug aus den Ställen und zündet alles an!", befahl Stuart Plummer. "Wir reiten dann weiter zu Crossett."

Wenig später stand die Farm in hellen Flammen. Das Feuer machte die Nacht zum Tage. In der Nähe meckerten einige Ziegen. Am folgenden Morgen wollte Bob Lancaster herkommen, um das Vieh zu versorgen. Er würde nur noch Ruinen und Brandschutthaufen vorfinden.

Einige Zeit beobachteten die Kerle ihr Zerstörungswerk. Licht- und Schattenreflexe glitten über sie hinweg. Die Pferde tänzelten nervös auf der Stelle. Dann stieß Stuart Plummer hervor: "Zur Crossett-Farm." Er gab seinem Pferd die Sporen, das Tier streckte sich. Der Pulk stob hinterher. In diesem höllischen Spiel schien der Satan das Gewinnerblatt der Great Bend Ranch zugeschoben zu haben...

*

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EIN REITER SCHÄLTE sich aus der Dunkelheit und ritt in den Feuerschein. Glühende Hitze streifte sein Gesicht. Brandgeruch stieg ihm in die Nase. Es war John Warner. Er verspürte Hass. In der Ferne war das Rumoren der Hufschläge zu vernehmen, das die Pferde der Great Bend-Reiter verursachten.

Im Wechselspiel von Licht und Schatten wirkte das Gesicht Warners ausgesprochen düster und kantig. Seine Augen glitzerten wie Glaskugeln. Er lauschte mit erhobenem Kopf dem fernen Hufgetrappel. Er war davon überzeugt, dass das Ziel der Horde die Crossett-Farm war. Einem ersten Impuls folgend wollte Warner dem Rudel folgen. Doch dann sagte er sich, dass sich auf der Crossett-Farm fünf Männer befanden, die den Great Bend-Männern die Stirn bieten konnten.

John Warner hatte eine andere Idee. Er zog das Pferd herum und ritt nach Osten. Das Pferd trabte. Das Land, das Warner umgab, mutete ausgestorben an. Hügel buckelten rundherum und erinnerten an riesige, schlafende Raubtiere. Die Einsamkeit berührte den Reiter nicht. Er hatte ein Ziel vor Augen...

Gegen Mitternacht lag die Great Bend Ranch vor ihm. Nirgendwo brannte Licht. John Warner sagte sich, dass sich abgesehen von ein paar Helps nur Big James auf der Ranch aufhielt. Die meisten Cowboys waren auf den Weiden bei den Herden. Die Revolvermannschaft der Ranch ritt einen höllischen Trail.

Leises Knarren erfüllte die Nacht. Das Windrad beim Brunnen, das sich im sachten Wind drehte, verbreitete es. Die Pferde in den Corrals schliefen. John Warner saß ab und führte sein Pferd am Kopfgeschirr weiter. Dann trennten ihn noch etwa 50 Yards von den ersten Schuppen der Ranch. Er band das Pferd im Schutz einiger Büsche an einem Ast fest. Dann nahm er den Revolver zur Hand.

Er schlich leise wie ein Apache zwischen die Schuppen, hielt sich in den Schattenfeldern und erreichte das Haupthaus. Die Haustür war verschlossen. Es gab zwei Fenster. Die Blendläden waren zugezogen und von innen veriegelt. Warner überlegte nicht lange. Mit wuchtigen Tritten trat er die Tür ein. Der Riegel wurde aus der Verankerung gerissen und schepperte in der Halle auf den Fußboden. Warner betrat das Haus. Die Dunkelheit schien ihn aufzusaugen.

Es dauerte ein wenig, bis sich seine Augen an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnt hatten. Von draußen waren Geräusche zu hören. Stimmen erklangen. Der Krach, den er veranstaltete, hatte die Kerle im Bunkhouse aus dem Schlaf gerissen.

Warner konnte die Umrisse von Möbeln erkennen. Er sah auch die Treppe, die ins Obergeschoss führte. Oben waren Schritt zu hören. Warner war mit wenigen Schritten neben dem Kamin. Hart schmiegte er sich an die Wand.

"Was ist los?", erklang es. "Verdammt, was war das für ein Krach?"

Eine Stufe knarrte. Warner äugte um den Mauersprung des Kamins herum und sah die Gestalt auf der Treppe. Sie trug ein langes, weißes Nachthemd.

Im Hof waren nach wie vor die durcheinander schwirrenden Stimmen zu hören. Schritte dröhnten auf der Veranda. Dann verdunkelte eine Gestalt das Türrechteck.

"Wer ist da?", grollte Big James' Organ.

"Swift Hannagan, Boss. Die Haustür stand offen. Sieht aus, als..."

Ein kaltes, metallisches Knacken ließ den Mann abbrechen. Dann ließ John Warner seine Stimme erklingen: "Ich habe Sie vor der Mündung, Hancock. Kommen Sie die Treppe herunter und machen Sie Licht. Du verschwinde, Hannagan, und sattle für deinen Boss ein Pferd."

"Zur Hölle mit dir!", knirschte Swift Hannagan. "Wer bist zu?"

"Einer, der nicht zusieht, wie Hancock die Farmer fertig macht. Du hast es gehört, Hannagan. Ich habe deinen Boss vor dem Revolver. Zieh Leine und sattle sein Pferd."

"Sind Sie es, Warner?", fragte Big James, und seine Stimme klang kratzig.

"Ja. Ich bringe Sie nach Ellinwood und sperre Sie ein, Hancock. Und dann wird man Sie anklagen. Rich Benson wurde von Ihren Männern in Ihrem Auftrag ermordet. Wahrscheinlich ist auch der Sheriff tot – ermordet. Ihre Männer reiten brandschatzend durch's Land. Ich denke, Hancock, für Sie gibt es nur ein Urteil. Und das lautet hängen."

"Wer soll mich anklagen?", schnappte Big James. "Es gibt keinen Sheriff mehr..."

Der Rancher brach ab.

"Sie vergessen den County Sheriff, Hancock. Er wird sich sicher für den Verbleib seines Deputys interessieren. Und es gibt auch sonst noch ein paar Dinge, die die Aufmerksamkeit des County Sheriffs erregen werden."

Langsam kam der Rancher die Treppe nach unten. Er ging zum Tisch. Ein Streichholz flammte auf, dann brannte die Lampe, die von der Decke hing. Big James stand voll im Lichtschein. Sein Gesicht mutete verkniffen an, seine Augen funkelten zornig. Der Ranchboss zeigte keine Furcht oder Unsicherheit. Er sagte: "Im Moment sind Sie am Drücker, Warner. Ich komme mit Ihnen. Kann ich mir was anziehen?"

Hannagan stand nach wie vor in der Tür.

"Befehlen Sie Hannagan, für Sie ein Pferd zu satteln, Hancock."

"Sie schaffen es niemals, mich nach Ellinwood zu bringen, Warner. Und wenn doch, werden meine Männer kommen und die Stadt an allen vier Ecken anzünden. Sie sind ein verblendeter Narr. – Hannagan, sattle mein Pferd. Und haltet euch zurück. Wenn Plummer mit der Mannschaft auf die Ranch zurückkehrt, berichtet ihm, was vorgefallen ist. Plummer weiß dann, was zu tun ist."

John Warner kam hinter dem Kamin hervor, hütete sich aber, ins Licht zu treten. Sein Blick und der des Ranchers kreuzten sich wie Degenklingen. "Plummer und seine Banditen sind auf dem Weg zu Crossett-Farm", sagte Warner. "Aber dort werden sie erwartet. Sämtliche Farmer vom Walnut Creek haben sich dort verschanzt, Hancock. Ihre Leute werden sich blutige Köpfe holen."

Big James zuckte zusammen. Jetzt zeigte er Unsicherheit. Doch er schwieg. Abrupt wandte er sich um und ging zur Treppe. "Meine Klamotten befinden sich oben im Schlafzimmer", gab er zu verstehen.

John Warner folgte ihm. Sie stiegen die Treppe hinauf. Durch das Fenster des Schlafzimmers fiel Mondlicht. Es umriss scharf die Gestalt des Ranchers. Hose, Hemd und Weste hingen über einen Stuhl. Big James kleidete sich an. Warner hielt ihn mit dem Colt in Schach. Zuletzt schlüpfte Hancock in die Stiefel, die vor seinem Bett standen.

"Fertig", sagte er und nahm Front zu Warner ein. "Wir können gehen." Er hatte zu seiner unverfrorenen, kaltschnäuzigen Sicherheit zurückgefunden. "Sie werden diese Stunde noch bereuen, Warner."

John Warner zuckte gleichmütig mit den Achseln. "Wir werden es sehen", versetzte er gelassen. "Marsch!"

Big James setzte sich in Bewegung. Im nächsten Augenblick aber explodierte er. Er warf sich gedankenschnell herum und auf John Warner. Der wollte zurückweichen, aber da packten ihn schon die Hände des Ranchers. Mit einem wilden Ruck riss ihn Hancock an sich heran und hob das Knie. Er rammte es John Warner in den Leib. Verbrauchte Atemluft wurde aus Warners Lungen gepresst. Rasender Schmerz von dem gemeinen Tritt pulsierte bis unter seine Hirnschale, Übelkeit wütete in seinen Eingeweiden und stieg in ihm hoch. Verzweifelt japste er nach Luft.

Die Hände Big James' umklammerte Warners Handgelenk und drückten die Hand mit dem Colt nach unten. Der erlösende Atemzug wollte sich bei John Warner nicht einstellen. Schwindelgefühl erfasste ihn. Panik wallte in ihm in die Höhe. Wenn es Hancock gelang, ihn zu überwältigen, war er verloren. Der Gedanke beflügelte ihn. Er schlug mit der Linken zu und traf Big James an der Schläfe. Der Schlag brachte den Rancher etwas aus dem Konzept. Ein wütendes Grollen entrang sich seiner Brust. Es war dem zorniges Knurren einer Bulldogge nicht unähnlich.

John Warner gelang es, durchzuatmen. Seine Lungen füllten sich mit frischem Sauerstoff, Energie floss in seinen Körper zurück. Er wand den rechten Arm im eisenharten Griff des Ranchers. Und wieder ließ er die Linke fliegen. Sie krachte gegen das Ohr des Ranchers und drückte seinen Kopf auf die Schulter. Ein Stöhnen entrang sich Big James. Und er versuchte erneut, Warner mit dem Knie in den Leib zu treffen. Doch John Warner vollführte eine halbe Drehung und das Knie Hancocks krachte lediglich gegen seinen Oberschenkel. Schmerzhaft zog sich der Muskel zusammen.

John Warner überwand den Schmerz. Die düstere Aussicht, ebenso spurlos zu verschwinden wie der Sheriff, wenn er diesen Kampf verlor, verlieh ihm ungeahnte Kräfte. Sein dritter Schlag donnerte gegen Big James' Schädel. Und jetzt zeigte der Rancher Reaktion. Sein Griff um Warners Arm lockerte sich. Big James wankte einen Schritt zur Seite.

Ein Ruck, und Warners Revolverhand war frei. Sofort glitt er an den Rancher heran und schlug mit dem Colt zu. Hancock bekam den Schlag mit dem Coltlauf gegen die Stirn. Er taumelte rückwärts, stieß gegen den Stuhl, stolperte und stürzte zu Boden. John Warner schlug den Colt auf ihn an. "Hoch mit Ihnen, Hancock!", presst er zwischen keuchenden Atemzügen hervor. "Sollten Sie noch einen derartigen Versucht starten, erreichen Sie quer über den Pferderücken hängend Ellinwood. Ich weiß nicht, ob das besonders erstrebenswert ist."

"Die Hölle verschlinge dich, Warner. Du bist so gut wie tot."

Warner spürte den Anprall des glühenden Hasses, den Big James verströmte. Die Feindschaft zwischen ihnen war wie ein heißer Atem. "Gehen wir", stieß John Warner hervor.

Er hielt sich dicht hinter dem Rancher. Als sie ins Freie traten, konnte John Warner eine Hand voll Männer sehen, die vor der Mannschaftsunterkunft beisammen standen. Soeben führte einer ein Pferd aus dem Stall. John Warner drückte dem Rancher die Mündung des Revolvers gegen den Rücken. Er rief: "James Hancock ist ein Landdieb und Mörder. Ich rate euch nicht, mir zu folgen. Ich werde jeden, der auf meiner Fährte reitet, als Feind behandeln."

Die Kerle schwiegen verbissen.

"Nehmen Sie das Pferd am Zaumzeug und gehen Sie vor mir her, Hancock", kommandierte John Warner. Er dirigierte den Rancher in die Richtung, in der sein Pferd stand. Sie erreichten es. "Aufsitzen!", gebot Warner, und als Big James im Sattel saß, schwang auch er sich auf's Pferd.

"Nach Ellington, Hancock. Sie kennen die Richtung."

*

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"SIE KOMMEN", RIEF EINE raue Stimme halblaut. Der Sprecher befand sich im Schatten einer Scheune. Entschlossen lud er sein Gewehr durch. "Macht euch bereit. Bereiten wir den Hundesöhnen den Empfang, den sie verdienen."

Überall auf der Crossett-Farm hatten sich die fünf Männer verteilt. Josh Brenner, Carl Benbow und Phil Morgan waren dem Ruf Bob Lancasters gefolgt. Keiner von ihnen war bereit gewesen, Big James zu weichen und das Land freiwillig zu verlassen.

Henry Crossett befand sich im Farmhaus. Die Frauen und Kinder befanden sich in einem angrenzenden Raum. Crossett war mit einer Schrotflinte bewaffnet. Auf der Fensterbank lagen ein Dutzend Patronen.

Bob Lancaster hatte sich auf dem Zwischenboden des Heuschobers verschanzt. Die Luke im Giebel des Schobers war geöffnet. Lancaster lag flach auf dem Bauch und hatte den Gewehrkolben an die Schulter gezogen. Die Mündung wies in den Farmhof.

Brenner, Benbow und Morgan hatten sich im Stall, in einem Schuppen und in der überdachten Remise verschanzt. Jeder von ihnen hielt ein Gewehr in den Fäusten. In den Herzen brannte das Feuer einer unumstößlichen Entschlossenheit, in den Gemütern hatte sich der Wille zum Kämpfen verfestigt. Keiner der Farmer war bereit, seinen Platz am Walnut Creek kampflos zu räumen.

Dumpfer Hufschlag kündigte die Reiter von der Great Bend Ranch an. Die Schatten der Nacht schienen Unheil zu verkünden. Das Hufgetrappel schwoll an zu einem unheilvollen Grollen, als würde ein Gewitter heraufziehen. Etwas Beklemmendes lag in der Luft. Tod und Verderben. Es war geradezu körperlich zu spüren...

Dann brachen die Hufgeräusche ab. Nur noch leises Klirren und das Knarren des Sattelleders wiesen darauf hin, dass sich Reiter in der Nähe befanden. Eine heisere Stimme ertönte: "Verteilt euch. Wenn wir Glück haben, ist auch Crossett samt seinem Anhang verschwunden. Wenn ich einen Schuss abfeuere, greift ihr an."

Wenige Minuten verstrichen. Manchmal war das Pochen von Hufen zu vernehmen. Das Rudel kreiste die Farm ein. Und dann krachte dumpf der Schuss. Die Detonation wurde über die Dächer der Farm geschleudert. Es war der Auftakt zu einer blutigen Tragödie. Hufgetrappel erhob sich, während der Knall raunend verhallte...

Das Rudel jagte um die Gebäude der Farm herum. Schüsse peitschten. Der Lärm war fast unerträglich. Auf der Farm blieb es ruhig. Als die Kerle von der Great Bend Ranch bemerkte, dass das Feuer nicht erwidert wurde, trieben sie ihre Pferde in den Ranchhof. Ein Pulk entstand. Stuart Plummer rief: "Crossett hat es vorgezogen, das Land zu verlassen. Okay, Leute. Wir brennen die Farm nieder. Und morgen in der Nacht..."

Ein Gewehr donnerte. Die Mündungslohe stieß aus der Luke des Heuschobers. Einer der Reiter wurde vom Pferd gerissen. Das Tier stieg erschreckt auf die Hinterhand. Und dann begannen überall in der Runde die Gewehre zu krachen. Gehacktes Blei streute über den Farmhof und verletzte Pferde und Reiter. Im Handumdrehen wälzte sich ein Durcheinander von Pferden und Männern am Boden. Wiehern und Geschrei erhoben sich...

Die Farmer hielten einfach in den Pulk hinein. Einige Pferde stoben davon. Männer rannten in die Finsternis hinein. Sie waren entsetzt und voll Panik. Der Tod griff mit eiskalter Klaue nach ihnen. Sie begriffen mit schmerzlicher Schärfe, dass sie den Farmern in eine tödliche Falle gegangen waren.

Ein Mann schnellte in die Höhe. Er hetzte in die Dunkelheit hinein. Ein anderer kam auf alle Vier hoch, eine Kugel warf ihn um. Und dann schwiegen die Waffen. Die Detonationen zerflatterten. Stille folgte dem Lärm. Sie senkte sich wie ein Leichentuch zwischen die Gebäude der Farm.

Die Farmer kamen aus ihren Deckungen. Sie witterten und sicherten in die Nacht hinein. Wimmern war zu hören. Vier reglose Gestalten lagen im Farmhof. Zwei Pferde waren getötet worden. Ein drittes mühte sich vergeblich ab, auf die Beine zu kommen. Die Vorderhufe kratzten durch den Staub. Bob Lancaster setzte dem Tier die Mündung des Gewehres an die Schläfe und drückte ab. Das Pferd war von seinen Qualen erlöst.

Die anderen Farmer untersuchten die Männer von der Great Bend Ranch. Zwei der Kerle lebten noch. Die beiden anderen waren tot. Sie hatten ihrem gesetzeswidrigen Einsatz einen hohen Tribut entrichtet. Die Verwundeten wurden ins Haus gebracht. Einer hatte einen Bauchschuss davongetragen. Der andere hatte die Kugel in die Hüfte bekommen.

Lancaster spannte ein Pferd vor einen der Wagen, die zwischen den Gebäuden abgestellt waren. Decken wurden auf der Ladefläche ausgebreitet, die Verwundeten und Toten wurden aufgeladen. Lancaster schwang sich auf den Wagenbock. Carl Benbow stieg ebenfalls hinauf. Lancaster sagte: "Denen haben wir das Wiederkommen verleidet. Wir bringen die Verwundeten und Toten in die Stadt. Im Laufe des Vormittags kehren wir zurück."

Die Zügel klatschten. Das Fuhrwerk rollte vom Farmhof. Ein Sattelpferd stand in der Dunkelheit und witterte mit erhobenem Kopf in die Nacht hinein.

Auf der Farm sagte Henry Crossett: "Damit haben diese Bastarde nicht gerechnet. An dieser Schlappe wird Big James schwer zu kauen haben. Ihm dürfte klar werden, dass wir nicht bereit sind, der Gewalt zu weichen. Vielleicht lernt er aus dieser Lektion und lässt uns künftig in Ruhe."

"Nein", versetzte Josh Brenner dumpf. "Diese Niederlage wird ihn sicherlich noch mehr herausfordern. Ruhe kehrt in diesem Landstrich erst ein, wenn James Hancock in der Hölle schmort."

*

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ES WAREN VIER MÄNNER, die sich von der Crossett-Farm gerettet hatten. Zwei von ihnen waren leicht verwundet. Sie besaßen drei Pferde. Stuart Plummer, der Vormann, war einer von ihnen. Er hatte eine Kugel in den Oberarm bekommen. Auch Lane Hunter, der Sheriffmörder, hatte sich retten können. Der Schrecken saß tief bei ihnen.

Sie befanden sich zwischen den Hügeln. Plummer schlang sein Halstuch um die harmlose Fleischwunde an seinem Oberarm. Der andere Reiter hatte einen Streifschuss davongetragen.

Sehr schnell fanden sie heraus, dass sie nicht verfolgt wurden. Stuart Plummer sagte: "Diese Hundesöhne haben sich zusammengeschlossen. Sie waren auf uns vorbereitet. Das haben wir nur John Warner, diesem Höllenhund, zu verdanken. Ob er sich auch auf der Farm befunden hat?"

"Keine Ahnung", versetzte einer der Reiter. Und dann stieß er hervor: "Horcht mal..."

Ein Rumpeln wehte heran. Der Vormann konnte das Geräusch identifizieren und sagte:  "Wahrscheinlich bringen Sie die Verwundeten und Toten in die Stadt. Das ist vielleicht für uns die Chance, die Farm doch noch dem Erdboden gleichzumachen."

Das Rumpeln des Fuhrwerks wurde deutlicher, war für kurze Zeit ganz nahe, dann entfernte es sich in Richtung Osten.

"Sieh nach, Mossman!", kommandierte Plummer.

Einer der Kerle ritt los. Es dauerte fast eine Viertelstunde, dann kam er zurück und sagte: "Es sind zwei der Farmer. Auf der Ladefläche des Wagens liegen unsere vier Männer. Ob sie alle vier tot sind, weiß ich nicht. So nahe konnte ich mich nicht heranwagen."

"Dann ist die Farm wahrscheinlich nicht schutzlos", knurrte Stuart Plummer. "Und eine zweite Schlappe will ich mir nicht holen in dieser Nacht. Wir reiten zur Ranch zurück."

"Warum schnappen wir uns nicht die beiden Kerle?", fragte Lane Hunter.

"Lass sie unsere Männer in die Stadt bringen", erwiderte der Vormann. "Außerdem wissen sie, dass wir uns noch irgendwo in der Gegend herumtreiben. Sie werden auf der Hut sein. Ich will nichts mehr riskieren in dieser verdammten Nacht."

Als geschlagener Haufen kamen sie zwei Stunden später auf der Great Bend Ranch an. Im Osten kündete bereits ein fingerdicker, heller Streifen den neuen Tag an. Es war die Stunde, in der die Sterne verblassten und die Natur erwachte.

Die Tür der Mannschaftsunterkunft wurde aufgestoßen und ein Mann trat ins Freie. Es war Swift Hannagan. Weitere Männer drängten aus dem Bunkhouse. Hannagan sah vier Männer auf drei Pferden und rief: "Die Rechnung Big James' scheint nicht aufgegangen zu sein. Ihr habt eine Niederlage einstecken müssen, wie?" Hannagan räusperte sich den Hals frei. "Vor einigen Stunden war John Warner auf der Ranch. Er hat den Boss mitgenommen. Er wollte ihn in die Stadt bringen, wo ihm der Prozess gemacht werden soll. Ich denke mal, das war keine gute Nacht für die Great Bend Ranch!"

Stuart Plummer und die drei anderen Ankömmlinge waren wie vor den Kopf gestoßen. Der Vormann fing sich zuerst wieder. "Er – hat – den Boss festgenommen?"

"Sozusagen", sagte Hannagan.

"Sattelt Pferde!", knirschte der Vormann. "Wir reiten nach Ellinwood, wo wir diesem verdammten Hurensohn die Flügel stutzen werden. Bestimme einen Mann, Hannagan, der auf der Ranch bleiben soll. Alle anderen sollen sich bewaffnen."

*

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BIG JAMES SAß IN ELLINWOOD im Gefängnis. John Warner hatte es sich auf dem Stuhl im Büro bequem gemacht. Er hatte die Füße auf den Schreibtisch gelegt und die Hände über dem Bauch verschränkt.

Doch Warner döste nur vor sich hin. Der Regulator an der Wand tickte monoton. Jetzt begann er zu schnurren, was ankündigte, dass er gleich zu schlagen beginnen würde. Tatsächlich erklangen sogleich die getragenen Töne des Läutwerks. Es war fünf Uhr.

John Warner fühlte sich wie gerädert. Er schwang die Beine zu Boden und erhob sich. Nach einigen Bewegungen lösten sich die Verspannungen in seinem Körper. Er ging zur Tür, öffnete sie und trat hinaus ins Freie. Im Osten war die Morgenröte heraufgezogen. Zwischen den Häusern nisteten noch die Schatten der Morgendämmerung.

Warner fragte sich, was der Tag wohl bringen würde. Er hatte das untrügliche Gefühl, dass sich an diesem Tag die Entscheidung im Kampf der Great Bend Ranch gegen die Farmer vom Walnut Creek anbahnte.

John Warner kehrte ins Office zurück und ging in den Zellentrakt. Big James war wach. Jetzt richtete er sich auf und kam zur Gitterwand. Seine klobigen Hände legten sich um zwei der zolldicken Gitterstäbe. "Sie haben noch eine Chance, Warner", erklärte der Rancher. "Sperren Sie den Käfig auf, schwingen Sie sich auf Ihr Pferd und reiten Sie aus der Gegend. Meine Männer werden innerhalb der nächsten Stunden aufkreuzen. Und dann bleibt hier in der Stadt kein Auge trocken."

"Ich werde einen Boten zum County Sheriff schicken, Hancock. Bis er mit einem Aufgebot in Ellinwood eintrifft, werde ich dieses Büro verteidigen. Ich habe Sie als Geisel. Ihre Leute werden es sich überlegen, das Gebäude zu stürmen."

Draußen war Rumpeln zu vernehmen. Ein Fuhrwerk fuhr durch die Main Street. John Warner lauschte dem Geräusch sekundenlang, dann machte er kehrt, durchquerte das Office und trat noch einmal hinaus auf den Vorbau. Ein Ranchwagen, der von einem Pferd gezogen wurde, rollte näher. John Warner erkannte auf dem Bock Bob Lancaster und einen weiteren Mann. Er zog die Unterlippe zwischen die Zähne und nagte darauf herum.

Lancaster hatte den Mann auf dem Vorbau des Sheriff's Office bemerkt. Er lenkte das Gespann auf Warner zu und zerrte das Pferd in den Stand. "Big James' Sattelwölfe haben uns einen höllischen Besuch abgestattet, Warner. Aber wir haben ihnen eine blutige Lektion erteilt. Zwei von ihnen sind tot, zwei andere verwundet. Sie liegen auf dem Wagen. Ich denke, Big James wird begreifen, dass wir nicht kampflos das Feld räumen."

"Ich habe James Hancock auf seiner Ranch festgenommen und in die Stadt gebracht", sagte Warner. "Er sitzt hinter Schloss und Riegel. Es gibt nun zwei Möglichkeiten. Entweder die Stadt setzt kommissarisch einen Gesetzeshüter ein, der Hancock anklagt, oder der County Sheriff muss verständigt werden."

"Die Stadt wird sich raushalten", versetzte Bob Lancaster bitter. "Die Menschen hier fürchten Big James und seinen schnellschießenden Anhang. Es wäre wohl das Beste, Big James nach Hosington zum County Sheriff zu bringen und gegen ihn Anzeige zu erstatten."

Carl Benbow mischte sich ein. "Bis Hosington sind es etwa 20 Meilen. Das ist zu schaffen. Vier Stunden Ritt..."

Lancaster trieb das Pferd an. Das Fuhrwerk rollte weiter die Straße hinunter.

Warner dachte über Bob Lancasters Worte nach, entschloss sich, verließ das Office und begab sich zum Mietstall. Er hatte die Pferde, die er und James Hancock geritten hatten, in der Nacht noch in den Mietstall gebracht, ihnen die Sättel abgenommen und sie notdürftig versorgt.

Der Stallmann hatte schon seine Arbeit aufgenommen. Das Tor des Stalles stand offen. Der Geruch von Heu und Pferdeausdünstung schlug John Warner entgegen. Im Corral des Mietstalles tummelten sich einige Pferde.

"Satteln und zäumen Sie mir die beiden Pferde mit dem Great Bend-Brand, Stallmann", sagte John Warner, "und bringen Sie die Tiere zum Sheriff's Office."

"Ich habe die beiden Gäule schon gesehen", brabbelte der Stallbursche. "Jetzt weiß ich, dass eines der Tiere Sie reiten, Mister. Wer reitet das andere?"

"Big James Hancock", antwortete Warner. "Er ist mein Gefangener. Ich werde ihn dem Gesetz überantworten."

Dem Stallmann entfuhr ein überraschter Ton. Dann sagte er: "Man munkelt, dass Big James den Sheriff ermorden ließ. Himmel, Walt Freeman war ein guter Mann. Er vertrat das Gesetz ohne Ansehen der Person..."

"Was ihm wahrscheinlich zum Verhängnis wurde", sagte John Warner. "Werden Sie mir die gesattelten Pferde zum Office bringen?"

"Natürlich. Wer Sind Sie, Mister? Ein U.S.-Marshal, der die Verhältnisse am Walnut Creek wieder ins Lot bringen soll?"

"Nein", murmelte John Warner. "Ich bin kein U.S.-Marshal. Ich geriet zufällig hier zwischen die Fronten. Manchmal spielt das Schicksal eben verrückt."

Warner grinste nach dem letzten Wort hart. Seine Augen waren an diesem Grinsen nicht beteiligt. Er war nicht glücklich darüber, dass er ohne sein Zutun in diesen Strudel aus brutaler Gewalt hineingezogen worden war. Er tat aber auch nichts, um sich freizuschwimmen. Es hatte ihm geholfen, wieder zu sich selbst zu finden.

John Warner verließ den Mietstall und kehrte zum Sheriff's Office zurück. Bob Lancaster und Carl Benbow waren mit dem Fuhrwerk in einer Seitenstraße verschwunden. Die Sonne war aufgegangen und ihre Strahlen tauchten die Main Street von Ellinwood in gleißendes Licht.

John Warner ging in den Zellentrakt. Big James lag auf der Pritsche. Jetzt setzte er sich auf und schwang die Beine auf den Boden. Er grollte: "Meine Männer werden kommen und dieses Nest in Stücke reißen. Ich werde Ihnen die Haut in Streifen abziehen, Warner."

"Ich werde Sie nach Hosington schaffen, Hancock", sagte John Warner. "Sollten Ihre Männer in der Stadt auftauchen, werden Sie nicht mehr hier sein."

Als John Warner dies sagte, hatte er keine Ahnung, dass das Rudel Reiter, das Stuart Plummer anführte, nur noch eine gute Meile von Ellinwood entfernt war.

"Bis Hosington ist ein weiter Weg, Warner. Ich werde verhindern, dass Sie schnell vorwärts kommen. Sie sind chancenlos."

"Lassen wir uns überraschen", knurrte Warner und verließ den Zellentrakt. Draußen erklangen Schritte. Sie polterten über den Vorbau des Office, die Tür schwang auf und ein dicklicher Mann mit rotem Gesicht kam herein. Warner kannte ihn nicht. Fragend und erwartungsvoll schaute er den Burschen an. Er spürte instinktiv, dass von diesem Burschen nichts Gutes zu erwarten war. Es war wie eine Eingebung...

*

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"DER STALLMANN WAR BEI mir", begann der dickliche Mann. Sein Atem rasselte. Schweiß rann ihm über die feisten Wangen. "Er erzählte mir, dass Sie Big James als Ihren Gefangenen im Jail eingesperrt haben."

"Das ist richtig", erwiderte Warner nickend. "Wer sind Sie überhaupt?"

"Ach so. Ich habe vergessen, mich vorzustellen. Mein Name ist Bill Bronson. Ich bin Town Major von Ellinwood. – Es gefällt mir nicht, dass Sie Big James eingesperrt haben. Was werfen Sie ihm vor? Was legitimiert Sie überhaupt, ihn festzunehmen und zu arrestieren?"

"Sie fürchten die Great Bend-Mannschaft, nicht wahr?" John Warner fixierte den Bürgermeister mit hartem Blick.

"Stuart Plummer wird alles daran setzen, seinen Boss zu befreien", blaffte Bronson. "Und er wird auf die Stadt und ihre Bewohner keine Rücksicht nehmen."

Warner atmete tief durch. Dieser feiste Bursche widerte ihn an. "Farmen wurden niedergebrannt", sagte Warner. "Rich Benson wurde ermordet. Henry Crossett wurde brutal zusammengeschlagen. Der Sheriff ist spurlos verschwunden. Wahrscheinlich wurde er ermordet. Das alles geschah im Auftrag James Hancocks. Er gehört an den Galgen." Warner schob das Kinn vor. Es verlieh seinem Gesicht den Ausdruck einer unumstößlichen Entschlossenheit. "Hancocks Verbrechen legitimieren mich, Town Major. Aber keine Sorge. Sobald die Mannschaft Hancocks eintrifft, bin ich mit ihm schon auf dem Weg nach Hosington zum County Sheriff. Ihre Stadt wird also fein raus sein."

Warner sprach die letzten Worte voll Verachtung.

Der Bürgermeister knetete seine Hände. Er hatte den Kopf zwischen die Schultern gezogen. In seinen Augen flackerte es. Ihm war die Geringschätzung Warners nicht entgangen. Ehe er etwas sagen konnte, nahm John Warner schon wieder das Wort auf. Er sagte: "In der vergangenen Nacht wurde die Crossett-Farm überfallen. Aber die Siedler haben sich zusammengeschlossen und die Bande von der Great Bend erwartet. Heute morgen brachten Bob Lancaster und Carl Benson zwei Tote und zwei Verwundete in die Stadt. Es ist Blut geflossen, Bürgermeister. Sie können die Augen nicht einfach davor verschließen. Es brennt im Land. Hancock hat eine Stampede vom Zaun gebrochen. Und jeder, der tatenlos zusieht, macht sich mitschuldig."

"Bei Gott, Warner, ich kann niemandem befehlen, eine Waffe in die Hand zu nehmen und gegen die hart gesottene Mannschaft der Great Bend Ranch zu kämpfen. Die Männer hier haben Familien, für die sie Verantwortung tragen."

Auf der Straße rumpelte ein Fuhrwerk näher. John Warner ging zur Tür und schaute hinaus. Es waren Bob Lancaster und Carl Benbow. Vor dem Office parierte Lancaster das Gespannpferd. Er zog die Bremse an, wickelte die Zügel um den Hebel, nahm sein Gewehr und sprang vom Wagenbock. "Das wäre erledigt", gab er zu verstehen. "Der Doc kümmert sich um die beiden Verwundeten. Dem mit dem Bauchschuss gibt er keine allzugroße Chance." Lancaster nickte dem Town Major zu. "Hat Ihnen Warner berichtet, was geschehen ist?"

Der Town Major presste die Lippen zusammen. "Weiß der Satan, was in Big James gefahren ist", stieß er dann hervor. "Vielleicht sollte man..."

Der Bürgermeister brach ab und hob die Hände. Es war eine hilflose Geste.

"Was?", fragte Lancaster.

"Vielleicht lässt sich eine gütliche Einigung herbeiführen", presste der Town Major hervor. Er wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. "Aber das ist wohl Unsinn..."

Benson war auf dem Wagenbock sitzen geblieben. Quer über seinen Oberschenkeln lag sein Gewehr. Er sagte: "Das kann man wohl sagen. Männer sind gestorben, Farmen wurden vernichtet. Worten war Hancock nicht zugängig. Jetzt muss er die ganze Härte des Gesetzes zu spüren kriegen. - Haben Sie einen Entschluss gefasst, Warner?"

"Ja. Ich bringe Hancock nach Hosington zum County Sheriff. Das halte ich für das Sicherste, um ihn dem Gesetz zuzuführen. Ich werde aufbrechen, sobald der Stallmann die Pferde für uns bringt. – Die Great Bend-Bande hat übrigens in der Nacht Ihre Farm niedergebrannt, Lancaster. Aber das wissen Sie sicher bereits."

"Hancock wird dafür Schadenersatz leisten müssen", versetzte Lancaster. "Seine Ranch wird unter den Hammer kommen, und jeder, der durch die Great Bend Schaden erlitten hat, wird ihn ersetzt bekommen." Lancaster schoss dem Town Major einen düsteren Blick zu. "Von der Stadt haben Sie wohl kaum Hilfe zu erwarten, Warner. Sie werden also allein auf sich gestellt sein. Sollen Benbow und ich Sie nach Hosington begleiten? Auf der Farm befinden sich Crossett, Brenner und Morgan. Sie kommen sicher für zwei Tage auch ohne uns aus."

"Nein. Kehrt auf die Farm zurück. Alleine komme ich schneller vorwärts. Außerdem ist die Fährte von zwei Pferden leichter zu verwischen als die von einem Fuhrwerk."

"Wie Sie meinen", sagte Lancaster. "Wir kehren also auf die Crossett-Farm zurück. Hals- und Beinbruch, Warner. Möge Gott mit Ihnen sein."

"Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott", erwiderte John Warner mit bitterem Sarkasmus im Tonfall.

Bob Lancaster stieg wieder auf den Wagen, löste die Zügel vom Bremshebel und ließ sie klatschen. Das Pferd zog an. In diesem Moment trieb das ferne Grollen von Hufschlägen heran. Da kam ein ganzer Trupp in wilder Karriere. Wie ein Vorbote von Tod und Unheil sickerte das Geräusch in die Stadt.

John Warners Schultern strafften sich. "Die Great Bend-Mannschaft!", stieß er hervor. "Die Schufte haben nicht lange auf sich warten lassen."

Wortlos eilte der Town Major davon. Er verschwand in einer Gasse.

Lancaster lenkte das Gespann an den Fahrbahnrand. "Sieht ganz so aus, als würde die Entscheidung hier in der Stadt fallen", rief er, holte sein Gewehr aus der Halterung und sprang vom Bock. Auch Carl Benson stieg ab. Die beiden kamen zurück. "Verbarrikadieren wir uns im Office", sagte Lancaster.

Die drei Männer begaben sich in das Gebäude. John Warner schloss die Tür und legte den Riegel vor. Dann ging er zum Fenster und schaute hinaus. Die Main Street lag wie leergefegt vor seinem Blick. Hass und Tod näherten sich auf trommelnden Hufen der Stadt...

*

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AM STADTRAND DROSSELTE Stuart Plummer das Tempo seines Pferdes. Auch die Reiter, die ihm folgten, zerrten an den Zügeln. Die Kerle wusste nicht, was sie in der Stadt erwartete. Schließlich standen die Pferde. Aufgewirbelter Staub senkte sich auf die Erde zurück.

Ein schwarzer Hund überquerte langsam die Fahrbahn. Er verschwand zwischen zwei Häusern. Die Menschen Ellinwoods hatten sich in ihren Behausungen verkrochen, als ahnten sie, dass die Stadt zum Schauplatz der Entscheidung im Kampf der Great Bend Ranch gegen die Farmer am Walnut Creek werden sollte. Die Stille, die zwischen den Gebäuden hing, war trügerisch. Es war, als hielt die Stadt den Atem an.

Die Reiter nahmen ihre Gewehre zur Hand und luden sie durch. Die Pferde stampften auf der Stelle, als wäre der Funke der Nervosität von den Reitern auf sie übergesprungen.

Einer der Reiter fragte mit rauer Stimme: "Ob man uns erwartet?"

Stuart Plummer spuckte zur Seite aus. "Die Stadt wird sich raushalten. Ich denke, wir haben es allenfalls mit Warner und den beiden Farmern zu tun, die unsere Verwundeten und Toten in die Stadt brachten. Wir kämpfen sie nieder, befreien Big James und widmen uns dann dem kläglichen Rest der Schollenbrecher auf der Crossett-Farm. Spätestens heute Abend haben wir das Gesindel aus dem Land gefegt. – Hüh!"

Plummer trieb sein Pferd an. Die Mannschaft folgte ihm. Es waren insgesamt neun Reiter. Bei fünf von ihnen handelte es sich um Ranchhelfer, die von der Aussicht, in einen blutigen Kampf verwickelt zu werden, alles andere als begeistert waren. Aber sie fürchteten Stuart Plummer und die drei Revolvercowboys, die entschlossen waren, Big James aus der Gewalt Warners zu befreien.

Die Pferde gingen im Schritttempo. Hinter einigen verstaubten Fensterscheiben zeigten sich die Gesichter von Männern und Frauen, die den Einmarsch der Great Bend-Mannschaft in die Stadt beobachteten.

Beim Saloon hielt das Rudel an. Die Männer saßen ab, leinten ihre Pferde an, nahmen ihre Gewehre und liefen auseinander. Sie verschwanden in den Passagen zwischen den Häusern, in Gassen und Seitenstraßen. Stuart Plummer verschanzte sich auf der dem Sheriff's Office gegenüberliegenden Straßenseite bei einem Wohnhaus. Seine Stimme gellte: "Warner, kannst du mich hören?"

John Warner schob im Office das Fenster hoch. Er stand daneben an der Wand. Lancaster hatte sich auf der anderen Seite des Fensters postiert. Benbow befand sich neben der Tür im Schutz der Wand. "Ich höre dich. Was willst du mir sagen?"

"Lass Big James frei. Das Office ist umstellt. Ich gebe dir genau fünf Minuten, um Big James laufen zu lassen. Wenn das Ultimatum abgelaufen ist, greifen wir an."

"James Hancock ist ein Mörder und Landdieb", rief John Warner. "Darum werde ich ihn nicht laufen lassen. Greift nur an, Plummer. Vielleicht gelingt es euch, uns zu überrennen. Deinem Boss wird das jedoch kaum etwas nützen. Denn ich werde ihn erschießen, ehe ihr über uns kommt."

Stuart Plummer zerkaute einen lästerlichen Fluch. Er wurde plötzlich mit einer Situation konfrontiert, die er überhaupt nicht ins Kalkül gezogen hatte. Er rief, als er Warners Worte verarbeitet hatte: "Lass Big James frei und wir gewähren dir und deinem Anhang freien Abzug. Mein Wort drauf, Warner. Zwing uns nicht, nach anderen Mitteln zu greifen. Wir können dich in die Knie zwingen."

Diesmal war es Bob Lancaster, der antwortete: "Sicher hast du einige Schandtaten auf Lager, Plummer. Ich traue dir jede Schlechtigkeit zu. Im Endeffekt aber wird Big James dran glauben. Und du wirst niemand mehr haben, der dich bezahlt. Du musst aus der Gegend verschwinden. Man wird dich hetzen wie einen tollwütigen Hund. Dich und jeden, der deine verbrecherischen Absichten unterstützt. Hast du das schon einmal in Erwägung gezogen, Plummer? Du wirst geächtet sein, vogelfrei! Jeder, der dich erkennt, darf dich ohne Vorwarnung abknallen."

Stuart Plummer hob das Gewehr an die Schulter. Sein Zahnschmelz knirschte übereinander. Wütend jagte er einen Schuss aus dem Lauf. Die Kugel durchschlug die Tür des Office. Als wäre der Schuss das Kommando gewesen, krachte es auch an anderen Stellen. Heißes Blei klatschte gegen die Wand des Office, pfiff durch das Fenster, zerfetzte das Holz des Türblattes. Querschläger quarrten. Dann schienen die Kerle einzusehen, dass sie nur ihr Blei vergeudeten und stellten das Feuer ein.

Details

Seiten
500
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738915990
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v386194
Schlagworte
vier pete hackett januar

Autor

Zurück

Titel: Vier Pete Hackett Western Januar 2018