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Patricia Vanhelsing: Sidney Gardner - Höllensumpf

2018 180 Seiten

Zusammenfassung

Ein Patricia Vanhelsing-Roman
von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.

Mein Name ist Patricia Vanhelsing und – ja, ich bin tatsächlich mit dem berühmten Vampirjäger gleichen Namens verwandt. Weshalb unser Zweig der Familie seine Schreibweise von „van Helsing“ in „Vanhelsing“ änderte, kann ich Ihnen allerdings auch nicht genau sagen. Es existieren da innerhalb meiner Verwandtschaft die unterschiedlichsten Theorien. Um ehrlich zu sein, besonders einleuchtend erscheint mir keine davon. Aber muss es nicht auch Geheimnisse geben, die sich letztlich nicht erklären lassen? Eins können Sie mir jedenfalls glauben: Das Übernatürliche spielte bei uns schon immer eine besondere Rolle.

In meinem Fall war es Fluch und Gabe zugleich.

Leseprobe

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Höllensumpf

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von Alfred Bekker

Ein Patricia Vanhelsing-Roman

von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.

Mein Name ist Patricia Vanhelsing und – ja, ich bin tatsächlich mit dem berühmten Vampirjäger gleichen Namens verwandt. Weshalb unser Zweig der Familie seine Schreibweise von „van Helsing“ in „Vanhelsing“ änderte, kann ich Ihnen allerdings auch nicht genau sagen. Es existieren da innerhalb meiner Verwandtschaft die unterschiedlichsten Theorien. Um ehrlich zu sein, besonders einleuchtend erscheint mir keine davon. Aber muss es nicht auch Geheimnisse geben, die sich letztlich nicht erklären lassen? Eins können Sie mir jedenfalls glauben: Das Übernatürliche spielte bei uns schon immer eine besondere Rolle.

In meinem Fall war es Fluch und Gabe zugleich.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Wie ein graues Leichentuch lag die Dämmerung über den dampfenden Sümpfen. Bäume und Büsche wurden zu dunklen Schatten. Von der nahen Küste näherte sich eine Wand aus grauweißem Nebel, die die letzten Sonnenstrahlen zu einem schwachen Abglanz machten. Nicht mehr als ein verwaschener glutroter Fleck war noch von der sonst so gleißend hellen Herrin des Tages zu sehen.

Jetzt begann die Nacht.

Die Herrschaft der Finsternis...

Sarah Patterson kauerte regungslos am Heck des Bootes und starrte mit angstgeweiteten Augen in das Gemisch aus ineinanderfließenden Farben, zu dem die Landschaft jetzt wurde. Ihre Hand zitterte, als sie den Steuergriff des Außenbord-Motors berührte.

Der Motor war abgeschaltet.

Das Boot trieb durch das trübe, von Blättern übersäte Wasser der Everglades, jener berühmt berüchtigten tropischen Sümpfe Floridas, die für ihre Riesenalligatoren bekannt waren.

Die Stille, dachte Sarah. Sie ist so unnatürlich...

Ihr Mann Ben stand hoch aufgerichtet in der Mitte des Bootes. Er hielt ein Jagdgewehr in den Händen und studierte ebenso aufmerksam wie Sarah die Umgebung.

"ES muss hier irgendwo sein", flüsterte sie.

"Ich weiß..."

Seine Stimme klang belegt.

Er zeigte es nicht. Aber sie spürte, dass auch Ben Angst hatte. Angst vor etwas, dem nie zuvor ein Mensch begegnet war...

Sarah drehte den Kopf, lauschte. Es war so still, dass man denken konnte, jegliches Leben im Umkreis einer Meile hätte sich totgestellt, um der entsetzlichen Gefahr zu entgehen, die hier lauerte.

Dort unten, in dem dunklen, etwas modrig riechendem Sumpfwasser...

Als Sarah das erste Mal in den Everglades gewesen war, hatten die Alligatoren ähnliche Empfindungen in ihr ausgelöst, wenn sie pfeilschnell daherschwammen und dabei lediglich die Nasenlöcher und Augen über die Wasseroberfläche reckten.

Mein Gott, wie sehr ich mir jetzt wünschen würde, dass es nur ein gewöhnlicher Alligator wäre...

Der Gedanke durchzuckte sie wie ein Blitz.

"In all den Jahren hier in den Everglades habe ich so etwas noch nicht erlebt", sagte Ben mit gedämpfter Stimme.

"Diese Stille..."

Dieser Sumpf, ein Gebiet, dass halb dem Wasser und halb dem Land zu gehören schien, war unter normalen Umständen ein Hort des Lebens. Pelikane nisteten hier, riesige Libellen schwirrten zwischen den unter Wasser stehende, knorrigen Bäumen her, von denen jeder irgendwann in den Sumpf hinabsinken würde.

Schicht auf Schicht türmte sich auf diese Weise übereinander und wurde durch den wachsenden Druck eng zusammengepresst. Vor Millionen Jahren waren so Kohle und Diamanten entstanden.

Insekten schwirrten normalerweise in Schwärmen durch die stickige Luft, deren schwere Gerüche einem die Sinne betäuben konnten. Frösche quakten, Lurche krochen auf ins Wasser ragende Äste, um auf Jagd zu gehen, nur um ihrerseits vielleicht schon im nächsten Moment zwischen den Zähnen eines blitzartig aus dem Wasser schnellenden Alligators zu enden.

All diese Lebensformen veranstalteten für gewöhnlich ein manchmal geradezu ohrenbetäubendes Konzert unterschiedlichster Laute.

Aber nichts davon war im Moment zu hören.

Die Stille des Todes hatte sich über diesen Ort des Lebens ausgebreitet. Wie ein lähmendes Gift, das auf geheimnisvolle Weise jede Spezies, jedes Wesen, jede Nervenzelle im weiten Umkreis erfasst hatte.

Kreise bildeten sich auf dem Wasser.

Winzige Wellen, in deren Zentrum etwas für Sekundenbruchteile an die Oberfläche gekommen sein musste.

Sarah hielt den Atem an. Der Puls raste und schlug ihr bis zum Hals.

Ben hob das Gewehr.

Irgendwo dort unten lauerte das pure Grauen. Für Sekundenbruchteile nur hatte Sarah ES gesehen. Allein der Gedanke an diesen Anblick reichte schon, um ihr schier das Blut in den Adern gefrieren zu lassen.

Ben und Sarah wechselten einen kurzen Blick.

Er nickte nur kurz.

Sie brauchten nichts zu sagen. Jeder wusste um die Gedanken des anderen.

Wir sind unmittelbar in SEINER Nähe, dachte Sarah mit eisigem Schauder. Schweißperlen standen ihr auf der Stirn.

Ihre Hände krampften sich zusammen.

Hätten wir nur ein zweites Gewehr mitgenommen!

Sie biss sich auf die Lippe, starrte an jene Stelle im Sumpfwasser, die vor wenigen Augenblicken noch das Zentrum jener verräterischen Kreise gewesen war.

Ein dunkler Schatten tauchte dort unten nun auf. Etwas bewegte sich unterhalb der Wasseroberfläche auf das Boot zu.

Dem nur schattenhaft sichtbaren Umriss nach, hatte es Ausmaße, die weit über die der größten Alligatoren hinausging, die Sarah je zu Gesicht bekommen hatte.

Es war auch kein Alligator.

Ben senkte den Lauf des Jagdgewehrs, dessen Kaliber ausgereicht hätte, um Elefanten und Nashörner zu töten.

Er feuerte.

Der laute Knall durchschnitt die Todesstille.

Ein weiterer Schuss folgte.

Das Wasser spritzte zu kleinen Fontänen auf.

Etwas tauchte an die Oberfläche. Riesige, kalte Facettenaugen glitzerten im verlöschenden Licht der Dämmerung. Ein dunkler, blubbernder Laut erfüllte die Stille.

Eine riesige Hand legte sich auf den Bootsrand. Sie besaß vier monströs lange Finger, zwischen denen schuppige Schwimmhäute wuchsen und an deren Enden sich messerscharfe Krallen befanden, die die Größe von Buschmessern besaßen. Die Krallen hakten sich im Holz des Bootes fest. Eine zweite, ebenso riesenhafte Pranke griff nach dem Boot. Es neigte sich zur Seite.

Ben schlug mit dem Gewehrkolben auf das unheimliche Wesen ein, das aus der Tiefe emporgekommen war.

Sarah schrie, als der Kopf vollends zum Vorschein kam.

Die Facettenaugen wechselten die Farbe. Sie leuchteten jetzt rot, als ob es sich um Lampen gehandelt hätte. Dieses dämonisch wirkende Leuchten begann zu pulsieren. Ein zischender Hauchlaut drang aus dem gewaltigen, zahnlosen Maul der Bestie. Auf dem grünlich schimmernden, an einen Riesenlurch erinnernden Kopf befanden sich drei dolchartig in die Höhe ragende Hörner.

Die Einschusslöcher waren oberhalb des breiten Riesenmauls zu sehen.

Die Kugeln haben dem Wesen nichts anhaben können, durchzuckte es Sarah mit Schaudern. Sie suchte nach einer Waffe und nahm ein Paddel. Aber noch ehe sie damit nach der Bestie schlagen konnte, drückte diese den Bootsrand soweit nieder, dass es kenterte.

"Ben!", schrie sie.

Sie stürzten beide ins Wasser.

Ben fiel der Bestie direkt entgegen.

Eines der Hörner durchbohrte ihn. Die Bestie zog ihn in die Tiefe.

"Ben!", schrie Sarah noch einmal, während sie in dem modrigen Wasser zu schwimmen versuchte.

Mit ungläubigem Entsetzen starrte sie zu jener Stelle hin, an der das Wesen mit ihrem Mann verschwunden war. Nichts war geblieben, außer Kreisen im Wasser.

Mein Gott, das ist nicht wahr!

Sarah blickte sich um.

Wohin soll ich schwimmen? Hier ist weit und breit kein festes Land...

Die einzige Möglichkeit war, zurück zum gekenterten Boot zu gelangen. Sie versuchte es. Wir hätten nie hier kommen dürfen... nie! Sie kämpfte sich mit der Kraft der Verzweiflung vorwärts. Vor ihrem inneren Auge stand dabei noch immer jenes Bild des Grauens, das sie soeben gesehen hatte...

Ben...

Sie erreichte das gekenterte Boot.

Luftblasen stiegen aus der Tiefe empor und zerplatzten mit blubbernden Geräuschen an der Oberfläche.

Sarah erstarrte.

Mit beiden Händen hielt sie sich krampfhaft an dem gekenterten Boot fest.

Dann fühlte sie, wie etwas ihr Bein mit eisernem Griff umklammerte und sie in die Tiefe riss.

Ihr schauerlicher Todesschrei erstickte jäh, als sie unter die Wasseroberfläche gezogen wurde...

Das letzte, was sie sah, waren zwei rot leuchtende Lichter, irgendwo unter ihr in der Tiefe.

Die Augen der Bestie...

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"Das darf doch nicht wahr sein!", rief ich ärgerlich aus, als das Computernetzwerk unserer Redaktion in dieser Woche zum dritten Mal abstürzte.

Der Artikel, den ich gerade fertiggestellt und layoutet hatte, war unrettbar verloren. Der einzige Trost dabei war, dass es sich nur um einen Zwanzig-Zeiler gehandelt hatte. Aber ärgerlich war es trotzdem.

Ich lehnte mich in meinem Bürostuhl zurück und atmete erstmal tief durch, während sich zur gleichen Zeit überall sonst im Großraum-Büro der LONDON EXPRESS NEWS hektische Aktivität entfaltete. Fachbegriffe aus der Computersprache wurden durch die Gegend gerufen. Ich hörte mir das gelassen an. Ahnung hatte nämlich leider niemand aus unserem Reporter-Team.

Und das war wohl auch der tiefere Grund dafür, dass wir seit Einführung des neuen Computersystems bei unserem Blatt nie so recht glücklich damit geworden waren.

"Hier, nimm erstmal einen Kaffee - auch wenn er so dünn ist, dass man ihn für guten englischen Tee halten könnte", sagte hinter mir eine nur allzu vertraute Stimme. Tom Hamilton kam auf mich zu und balancierte dabei zwei Becher unseres berüchtigten Redaktions-Kaffees. Einen davon stellte er auf meinen Schreibtisch. Er lächelte. "Sieh zu, dass du nichts verschüttest, sonst heißt es hinterher, dass du an dem ganzen Chaos hier schuld bist, weil ein paar Spritzer dieses edlen Gebräus in den Rechner gelangt sind."

"Ich werd schon aufpassen, Tom..."

Ich drehte mich herum.

Unsere Blicke trafen sich. Seine Augen waren meergrün und erinnerten mich stets an den Geruch von Seetang. Ein wohliger Schauer überlief mich jedesmal, wenn Tom mich auf diese Weise ansah. In solchen Momenten wünschte ich mir, dass wir an einem ganz anderen Ort gewesen wären.

Ohne unsere Reporter-Kollegen und ohne die ganze Hektik des Redaktionsbüros...

Ich glaube, du weißt gar nicht, wie sehr ich dich liebe, dachte ich, während er mich sanft am Arm berührte und mir einen Kuss gab.

"Was hältst du davon, wenn wir uns ein bisschen zur Recherche ins Archiv zurückziehen, bis unsere Kollegen das Chaos hier wieder geregelt haben?", fragte er mit seiner dunkel klingenden Stimme.

"Patricia! Tom! Ihr sollt zum Chef kommen!", rief unser Kollege Kelly J. Maddox zu uns herüber. Er war seit ein paar Wochen für die Londoner Lokalseiten der NEWS zuständig und sah ziemlich genervt aus.

Ich erwiderte Toms verschlingenden Blick.

"Leider zu spät, Tom."

"Michael T. Swann muss etwas gemerkt haben..."

"Scheint so."

"Entweder der Verlag hat inzwischen Überwachungskameras in den Redaktionsräumen installiert, oder Mr. Swann verfügt über eine ähnliche seherische Gabe wie du..."

Ich seufzte. " So präzise sind meine seherischen Visionen leider nie gewesen..."

Wir nahmen unsere Kaffeebecher, nippten kurz daran, damit wir auf dem Weg zu Mr. Swanns Büro nichts verplemperten und machten uns dann auf den Weg.

Wir durchquerten dabei das halbe Großraumbüro.

Zwischendurch hörte ich mit einem halben Ohr, wie Kelly Maddox einem anderen Kollegen gegenüber etwas von den Ergebnissen der hiesigen Bezirksliga im Crockett erzählte, die er für einen Saisonrückblick in mühseliger Kleinarbeit in die EDV eingegeben hatte.

"Ich war gerade fertig", berichtete Kelly mit großer Geste. "Und dann..."

Den Rest hatten wir alle erlebt.

Wir betraten das Büro unseres Chefredakteurs. Michael T. Swann saß hinter seinem völlig überladenen Schreibtisch.

"Schöner Mist ist das!", begrüßte er uns in einem Tonfall, bei dem man denken konnte, dass er uns dafür verantwortlich machte, dass im Moment bei den NEWS alle Räder - und vor allem alle Tastaturen - absolut stillstanden. Aber ich kannte ihn inzwischen gut genug, um seine Ausbrüche einordnen zu können.

"Setzen Sie sich", sagte er und deutete auf die schlichten Ledersessel, die schon seit ewigen Zeiten in seinem Büro standen. Auf einem niedrigen Tischchen konnten wir unsere Kaffeebecher abstellen.

dass wir uns setzen sollten, bedeutete nicht mehr und nicht weniger, als dass er etwas Wichtiges mit uns zu besprechen hatte.

Swann erhob sich und tauchte hinter den bedenklich zur Seite geneigten Stapeln von Manuskripten, Presseerzeugnissen der Konkurrenz und Aktenordnern hervor. Er umrundete den Tisch und lehnte sich mit der Hüfte dagegen. Dann deutete er in Richtung der Tür, die durch das Vorzimmer seiner Sekretärin zum Großraumbüro führte, in dem der Rest der Redaktion untergebracht war.

"Im Moment können Sie da draußen ohnehin nichts machen, da dachte ich mir, ich nutze die Zeit, um etwas mit Ihnen beiden zu besprechen."

"Ich hoffe nur, dass das neue System bald wieder in Ordnung kommt, sonst wird es mit der heutigen Ausgabe knapp...", stellte ich fest.

Mr. Swann verschränkte die Arme vor der Brust.

"Nicht knapper, als beim letzten Mal. Ich habe den Kundendienst angerufen. Der Rest liegt in den Händen der Daten-Götter!" Mr. Swann verdrehte die Augen. "Ich war von Anfang an gegen eine so schnelle Umstellung auf ein neues System, aber mich fragt ja keiner..."

"Sie übertreiben."

Er lächelte.

"Vielleicht ein bisschen. Patricia, sagt Ihnen der Name Brian Delrey etwas?"

"Nein, tut mir leid. Nicht so aus dem Stegreif..."

"Aber mir!", erklärte Tom. "Sie meinen sicher den Schauspieler."

"Den ehemaligen Schauspieler", korrigierte Michael T. Swann bedächtig. "Sie liegen richtig, Mr. Hamilton."

"Ich habe Delrey mal interviewt, als ich für meine letzte Agentur in Asien unterwegs war. Ich traf Delrey in Hongkong. Er drehte damals einen dieser unsäglichen Kung Fu-Streifen."

"Damals war Delreys Karriere wohl schon an ihrem Endpunkt angelangt", meinte Swann. "Seine Filme waren nie gut, wenn Sie mich fragen. Aber er hat sich eine goldene Nase damit verdient. Schlagzeilen machte er, als er sich dem Okkulten zuwandte, vom Ende der Welt und übersinnlichen Energien daherfaselte. Er galt als mehr oder minder verrückt und zog sich völlig aus dem Film-Business zurück. Seit einigen Jahren lebt er völlig zurückgezogen auf einem Anwesen in Florida, umgeben von Sümpfen und hungrigen Alligatoren."

"Hört sich nicht gerade nach einem Menschenfreund an", bemerkte Tom.

Swann lachte kurz auf. "Das kann man laut sagen. Wie auch immer, nach Jahren der Einsamkeit gibt Delrey sich die Ehre und bietet den LONDON EXPRESS NEWS über seinen Agenten ein Interview an..."

"Warum gerade uns?", fragte Tom. "Soweit ich weiß, hat Delrey seine britische Staatsbürgerschaft abgelegt und ist Amerikaner geworden..."

"Heimatverbundenheit dürfte es nicht sein", stellte Mr. Swann klar. Er wandte sich an mich. "Es dürfte eher mit Ihnen zu tun haben, Patricia."

"Mit mir?"

"Ja. Um genau zu sein: Das Angebot hat zur Bedingung, dass Sie dabei sind. Ich nehme an, das liegt daran, dass Delrey Ihre Artikel gelesen hat und glaubt, dass Sie ihn besser verstehen..."

Swann spielte auf mein Spezialgebiet an, dem ich mich ja auch in meinem Beruf als Reporterin mit Vorliebe widmete: dem Bereich des Übersinnlichen und Außergewöhnlichen.

"Wie wär's, Patricia? Hier in England wird's langsam kühl, aber in Florida soll das Klima immer noch sehr angenehm sein... Außerdem..." Swanns Blick wurde sehr ernst. "Es ist vielleicht nicht schlecht, wenn Sie beide im Moment etwas aus der Schusslinie kommen."

Ich sah Swann erstaunt an.

"Was soll das denn heißen?"

"Patricia, Sie wissen, dass es in der Führungsetage unseres Verlages im Moment drunter und drüber geht..."

Das war noch untertrieben.

Der plötzliche Tod unseres Verlegers Arnold Reed hatte eine Lücke gerissen, die nicht so ohne weiteres zu schließen war.

Eine Erbengemeinschaft besaß jetzt die LONDON EXPRESS NEWS.

Und so lange die sich nicht über die Zukunft unseres Verlages geeinigt hatte, wussten wir nicht genau, wie es weitergehen würde. Möglicherweise stand der Verkauf der Zeitung an einen großen Konzern auf der Tagesordnung - aber das waren bislang nichts als Gerüchte.

"Sie wissen, dass Mr. Reed sich mit seinen breiten Schultern immer vor uns gestellt hat, wenn es mal kritisch wurde", erklärte Swann. "In Zukunft könnte das anders aussehen. Insbesondere, was den Druck angeht, den der ORDEN DER MASKE über die Anzeigenkunden auf unser Blatt ausübte..."

Die mysteriöse Weltuntergangssekte mit der Bezeichnung ORDEN DER MASKE hatte auch mit dem Tod unseres Verlegers zu tun, wie Tom und ich bei unseren Recherchen im schottischen Mondrich Manor herausgefunden hatten. Denn niemand anderes als dieser ORDEN steckte hinter dem Auftauchen jener Vampirwesen mit der Bezeichnung Tuha-na-Dhyss, denen Arnold Reed zum Opfer gefallen war. Wir hatten ihm nicht mehr helfen können. Vielleicht hatte Arnold Reed seinen Mut auf diese Weise bitter bezahlen müssen.

Die genauen Umstände von Arnold Reeds Tod waren der Öffentlichkeit allerdings nach wie vor unbekannt. In unseren Artikeln hatten Tom und ich nur das aufgenommen, wofür es zweifelsfreie Beweise gab. Und die übersinnliche Vision, in der ich die Wahrheit gesehen hatte, wäre von der Polizei kaum als Beweismittel anerkannt worden. Sie hätte mich allenfalls in den Genuss einer psychiatrischen Behandlung bringen können.

"Der ORDEN DER MASKE wird seine Bemühungen mit Sicherheit verstärken, über seine Tarnorganisationen Druck auf unsere Anzeigenkunden auszuüben - und ich weiß nicht, wie diese zerstrittene Erbengemeinschaft dann reagieren wird, Patricia..."

"Jeder Artikel von mir ist durch die Rechtsabteilung gegangen", gab ich zu bedenken.

"Glauben Sie, es interessiert die, ob es wirklich eine juristische Möglichkeit gibt, gegen Sie vorzugehen, Patricia?

Die machen unseren Anzeigenkunden einfach so sehr die Hölle heiß, dass die in Zukunft bei der Konkurrenz buchen. So einfach ist das."

Swann atmete tief durch. "Sie wissen, dass ich immer hinter Ihnen stehe. Darauf können Sie sich verlassen. Aber was die Etage über mir angeht, kann ich im Moment für nichts mehr garantieren..."

"Naja, vielleicht beruhigt sich ja auch dort Lage irgendwann wieder", meinte Tom.

"Das wollen wir alle hoffen."

Swann drehte sich um und suchte etwas auf dem Schreibtisch.

Die Papierstapel wankten dabei bedenklich. Aber unser Chefredakteur hatte Übung darin, aus diesem - scheinbaren - Durcheinander mit wenigen Griffen exakt das herauszufischen, was er brauchte.

Es war ein braunes Couvert.

Er gab es mir.

Außen waren das Logo und die Adresse der Agentur Percy Dennham aufgedruckt, einer bekannten Firma in der Branche, von der sich offenbar auch Brian Delrey vertreten ließ. Ich öffnete das Couvert und sah hinein. "Flugtickets", stellte ich erstaunt fest.

Swann nickte. "Für Sie und einen Fotografen. Mr. Delrey liegt offenbar sehr viel daran, sein Image in der Öffentlichkeit wieder aufzubessern. Percy Dennham hat mir am Telefon durch die Blume zu verstehen gegeben, dass Delrey unter akutem Geldmangel leidet und vielleicht ins Filmgeschäft zurückkehren will. So etwas muss natürlich durch eine Pressekampagne vorbereitet werden. Und wenn wir die Story schon exklusiv bekommen... Mein Gott, er hat eben immer noch zahlreiche Fans! Und auch wenn er Ihnen nicht gleich ein Begriff war: Die Videoeditionen seiner Hau-drauf-

Filme sind ein Renner! Nur kriegt Delrey dafür kein Geld mehr!"

Ich blickte auf den Umschlag.

Swanns Stimme hörte ich in diesem Moment wie aus weiter Ferne. Das sandfarbene Braun des Umschlag löste irgend etwas in mir aus...

Konturen hoben sich daraus hervor. Ein großer froschähnlicher Kopf mit drei Hörnern. Er wirkte wie eine Skulpur, die aus feuchter Erde geformt worden war. Das zahnlose Maul öffnete sich, verzog sich zu einer höhnischen Grimasse.

Ich glaubte einen Laut zu hören, der wie ein heftiges Atmen klang.

Eisige Schauder überliefen mich.

Ein dunkler Hauch des Todes...

Die Konturen verschwanden wieder, wurden nach und nach eins mit der sandfarbenen Oberfläche des Umschlags, aus dem sie hervorgegangen waren. Ich schluckte, strich vorsichtig mit der Hand über das Couvert und spürte dabei, wie meine Hand leicht zitterte.

"Ist Ihnen nicht gut, Patricia?", fragte Michael T. Swann. "Sie sehen plötzlich so blass aus..."

Mir war klar, dass niemand sonst im Raum den froschähnlichen Lehmkopf gesehen hatte.

Es war eine Vision gewesen, verursacht durch meine übersinnliche Gabe, mit deren Hilfe ich hin und wieder schlaglichtartig die Abgründe von Raum und Zeit überwinden konnte.

"Muss wohl der Wetterumschwung sein", murmelte ich an Swann gewandt.

Ich griff nach dem Kaffeebecher und trank ihn leer. Der Kaffee war inzwischen kalt und schmeckte bitter. Was, um alles in der Welt, war das?, ging es mir durch den Kopf.

Das Gefühl einer unbestimmten, vagen Angst erfüllte mich, obwohl es dafür keinen vernünftigen Grund gab. Mein Herz raste und ich glaubte einen Augenblick lang, nicht richtig Luft zu bekommen.

Patti, bleib auf dem Teppich. Es war eine Vision wie viele andere zuvor...

Im Grunde war diese Erscheinung noch nicht einmal besonders spektakulär gewesen. Ich hatte schon viel schlimmere Dinge gesehen, grauenerregende Szenen geradezu durchlebt, nur um ihnen später, in der Realität, erneut ausgesetzt zu sein...

Ein Froschkopf, mehr nicht.

Ich versuchte es mir zumindest einzureden.

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"Was hast du gesehen?", fragte mich Tom, als wir Swanns Büro verlassen hatten. Er fasste mich bei den Schultern und sah mich an. Tom Hamilton, der Mann, den ich liebte, war einer der der ganz wenigen Menschen, die überhaupt etwas von meiner übersinnlichen Begabung wussten. Und wir kannten uns längst gut genug, um uns gegenseitig nichts mehr vormachen zu können.

Ich drehte mich kurz um, dann sagte ich: "Es war der Umschlag. Er schien sich plötzlich zu verwandeln... Da war eine Art Lehmfigur. Ein dreihörniger Frosch..."

Tom hob die Augenbrauen.

"Hast du eine Ahnung, was das zu bedeuten hat?"

"Wenn ich das wüsste!"

"Vermutlich hängt es mit unserer bevorstehenden Florida-Reise zusammen..."

Ich atmete tief durch. "Ich habe keine Ahnung", erwiderte ich. Ich versuchte zu lächeln, nestelte am Revers seiner Jacke.

"Wir nehmen das ganz ruhig hin, okay?"

Ich schlang die Arme um seinen Hals zog ihn etwas zu mir hinunter.

Wir küssten uns.

"Okay", sagte er dann.

"Der Trip nach Florida wird uns beiden sicher guttun, Tom. Ich für mein Teil habe jedenfalls die schrecklichen Ereignisse um Mondrich Manor noch nicht verdaut..."

Tom legte den Arm um mich.

Einige Sekunden lang genoss ich das Gefühl der Geborgenheit, das ich in seiner Nähe stets verspürte. Dann erinnerte ich mich daran, dass wir hier keineswegs allein waren.

Tom blickte auf die Uhr.

"Oh, ich muss noch weg..."

"Was Interessantes?"

"Wie man's nimmt. Eine Buchpräsentation im Kaufhaus Harrods. Einer unserer Reporter-Kollegen hat ein ziemlich dickes Werk über die Royals verfasst..."

Ich sah ihm nach, als er davonging. Beim Ausgang drehte er sich noch einmal kurz um.

Ich erwiderte sein Lächeln.

Kaum zu glauben, dass ich Tom zeitweise für eher zwielichtig angesehen hatte, als er bei den NEWS begann. Die Zeit, die er unter mysteriösen Umständen im südostasiatischen Dschungelkloster von Pa Tam Ran verbracht hatte und seine Fähigkeit, sich an vergangene Leben zu erinnern, sorgten allerdings dafür, dass er für mich noch immer mit einer Aura des Geheimnisvollen umgeben war. Aber das machte mir keine Angst. Es erregte höchstens meine Neugier.

Ich ging zurück zu meinem Schreibtisch.

Auf meinem Computerschirm tanzten jetzt irgendwelche lustigen Männchen.

Immerhin, der Bildschirmschoner ist schon wieder in Ordnung, dachte ich mit einem Schuss Sarkasmus.

Im Moment konnte ich nichts tun.

Also entschloss ich mich, mal im Archiv unserer Zeitung nachzusehen, was ich über Brian Delrey herausfinden konnte.

Wieso will dieser Mann eigentlich ausgerechnet mich als Interviewpartner?

Irgendwie erschien mir Swanns Erklärung dafür auf einmal wie an den Haaren herbeigezogen...

Ein mulmiges Gefühl machte sich in meiner Magengegend breit.

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Ein eisiger Wind wehte aus Richtung Nordosten über Greater London. Der Tag war kalt und ungemütlich gewesen; grau und aschfahl der Himmel, aus dem es immer wieder mehr oder minder heftig geregnet hatte. Früh war die Dämmerung hereingebrochen. Jetzt zogen Nebel von der Themse herauf und krochen wie vielarmige Ungeheuer durch die Straßen der Stadt.

Eigentlich solltest du froh und glücklich sein, ein paar Tage im sonnigen Florida verbringen zu können!

Unter normalen Umständen wäre ich das auch gewesen.

Hätte es nicht jene, nur Sekunden währende Vision in Michael T. Swanns Büro gegeben, die sich wie ein lähmendes Gift auf meine Stimmung ausgewirkt hatte...

Ich lenkte meinen kirschroten Mercedes 190 durch das abendliche London.

Wie Mehltau lag der Nebel über der Stadt und verhinderte, dass man ihr strahlendes Lichtermeer bewundern konnte.

Ich erreichte schließlich mein Zuhause, die Villa meiner Großtante Elizabeth Vanhelsing - für mich Tante Lizzy.

Den 190er fuhr ich in die Einfahrt. Ich stieg aus und schlug den Kragen meiner Jacke hoch. Der feuchten Kälte bot die Kleidung kaum Widerstand.

Ich ging zur Haustür, schloss auf und trat in den halbdunklen Flur, dessen Wände vollkommen von überfrachteten Bücherregalen bedeckt waren. Mit Ausnahme meiner eigenen Räume, die im Obergeschoss lagen, sah es in der gesamten Vanhelsing Villa so aus.

Tante Lizzys berühmte Sammlung okkulter Schriften, ihr Archiv des Übersinnlichen und Ungewöhnlichen, das in ganz England seinesgleichen suchte, sprengte längst den räumlichen Rahmen, den die Vanhelsing-Villa bot. So wurde beinahe jeder Zentimeter ausgenutzt.

Oft verbrachte sie ganze Nächte in der Bibliothek und hatte dann Dutzende alter, staubiger Folianten von mysteriöser Herkunft aufgeschlagen auf dem Fußboden und kleinen Tischchen liegen, die in der Bibliothek herumstanden. Mit bewundernswerter Akribie ging die alte Dame dann ihren Studien nach.

Aber an diesem Abend brannte kein Licht in der Bibliothek.

Auch in der Küche fand ich sie nicht.

Sie saß zusammengesunken in einem großen Ohrensessel, der im Salon stand. Zunächst bemerkte sie mich gar nicht. Ihre Augen waren ins Nichts gerichtet.

"Tante Lizzy!"

Sie zuckte zusammen und es tat mir leid, sie erschreckt zu haben. Aber andererseits musste ich mich ja irgendwie bemerkbar machen.

Sie lächelte matt.

Anders als ich es sonst bei ihr gewohnt war, wirkte sie jetzt sehr müde.

"Tut mir leid, mein Kind, ich war in Gedanken", sagte sie.

"Weißt du, die Ereignisse von Mondrich Manor gehen mir noch immer durch den Kopf..." Nicht viel hatte gefehlt und Tante Lizzy wäre nicht mehr zu retten gewesen - so wie ich selbst.

Denn auch ich hatte bereits das Bissmal der vampirähnlichen Tuha-na-Dhyss getragen. "Es will mir einfach nicht in den Kopf, dass Arnold Reed nicht mehr unter uns weilt", sagte sie dann. Die alte Dame war mit dem Verleger der LONDON EXPRESS NEWS seit langem befreundet gewesen - eine Tatsache, der ich unter anderem meine Anstellung als Reporterin mehr oder weniger verdankte.

Ich setzte mich zu ihr und nahm ihre Hand.

Sie war eiskalt.

"Es war entsetzlich, was wir erlebt haben, Patti..."

"Ja, ich weiß."

"Manchmal, da verfolgen diese Dinge mich bis in den Schlaf..."

"Das geht mir ganz genauso, Tante Lizzy..."

Für einen kurzen Augenblick tauchten jene gewaltigen Schwärme von Fledermäusen wieder vor meinem inneren Auge auf, die des Nachts in der Gegend um Mondrich Manor in die Luft gestiegen waren, um grausame Jagd auf Mensch und Tier zu machen. Bei der Landung hatten sie sich dann in monströse Bestien verwandelt, gegen die selbst Schusswaffen nichts ausrichten konnten.

Ich versuchte, die inneren Bilder zu verscheuchen.

"Du bist spät dran heute", sagte Tante Lizzy, während sie sich ächzend erhob und sich mit der Hand etwas den Rücken hielt.

Ich erzählte ihr von dem Computerabsturz, der dafür verantwortlich gewesen war, dass wir unsere Arbeit mehr oder weniger doppelt machen mussten. Mit letzter Not hatten wir den Redaktionsschluss einhalten können.

Ich berichtete ihr auch von unserem bevorstehenden Abstecher nach Florida und der kurzen Vision, die ich gehabt hatte.

"Und du bist überzeugt davon, dass das etwas miteinander zu tun hat?", hakte Tante Lizzy nach.

Ich nickte.

"Das steht für mich fest."

Tante Lizzy hatte mich immer darin bestärkt meiner Gabe zu vertrauen. Und inzwischen konnte ich sie tatsächlich auch schon wesentlich besser kontrollieren und hatte sie längst als einen Teil meiner selbst akzeptiert.

"Ich habe letzte Woche auf eine Versteigerung eine Schrift mit dem Titel LEHMFETISCHE UND GOLEMS erworben, die von dem schwedischen Okkultisten und Geisterseher Sören Brönstrup stammt. Brönstrup begleitete zu Beginn des 19. Jahrhunderts den deutschen Forscher Alexander von Humboldt auf seiner berühmten Amerika-Reise, bevor er schließlich sein Interesse an naturwissenschaftlichen Themen verlor und sich der Erforschung des Übersinnlichen zuwandte. Ähnlich wie Humboldt war Brönstrup ein begnadeter Zeichner. Ich habe LEHMFETISCHE UND GOLEMS bislang nur flüchtig durchblättert, aber einige dieser zeichnerischen Darstellungen erinnerten mich stark an deine Beschreibung dieses Froschkopfs..." Tante Lizzy machte ein nachdenkliches Gesicht. "Ich glaube, das Buch liegt noch drüben auf dem Schreibtisch. Du hast Glück. Morgen hätte ich es von der Buchbinderei Bradley & Sons abholen lassen, damit der Einband wieder in Ordnung gebracht wird. Der Band ist nämlich in keinem guten Zustand..."

Ich folgte Tante Lizzy in den Flur.

Dann betraten wir die Bibliothek.

Tante Lizzy ging zielstrebig auf den in einer Ecke stehenden, antiken Schreibtisch zu, an dessen vier Ecken sich eigenartige Schnitzereien von tierhaften Dämonenköpfen befanden. Auch dieser Schreibtisch gehörte gewissermaßen zu ihrer Sammlung des Okkulten. Sie hatte das außergewöhnliche Möbelstück antiquarisch erworben und in einem Geheimfach einen sensationellen Fund gemacht: Notizen des berühmten Okkultisten Hermann von Schlichten, die dieser für den mysteriösen zweiten Band seines Hauptwerks ABSONDERLICHE

KULTE angefertigt hatte. Jenen zweiten Band, dessen vollständiges Manuskript wahrscheinlich bei einem Hausbrand ein Raub der Flammen geworden war.

Ein ganzer Stapel von Büchern befand sich auf dem Schreibtisch. Tante Lizzy trug den Turm ab. Es staubte dabei und ich musste unwillkürlich niesen. Dann lag Brönstrups LEHMFETISCHE UND GOLEMS vor mir.

"Brönstrup schrieb Englisch?", fragte ich erstaunt, während ich einen Blick auf die Titelseite warf.

"Nach seiner Emigration in die Vereinigten Staaten ja", erläuterte Tante Lizzy. "Er machte gewisse Experimente auf einem Friedhof in Stockholm und wurde wegen Grabschändung angeklagt. Um sich einer Bestrafung zu entziehen, floh er außer Landes."

In diesem Moment läutete der Türgong.

In Tante Lizzys Augen blitzte es. Von der Mattheit, die sie noch vor wenigen Augenblicken gezeichnet hatte, war so gut wie nichts geblieben. Sobald Tante Lizzy sich in ihre Arbeit stürzte, war sie in ihrem Element. Manchmal hatte ich ihr gegenüber ein schlechtes Gewissen, weil ich recht häufig bei Recherchen ihre Hilfe in Anspruch nahm. Stets hatte sie mich nach Kräften unterstützt, wenn es darum ging, etwas genauer zu erforschen, was auch nur im entferntesten mit übersinnlichen Kräften, Parapsychologie oder Grenzwissenschaften zu tun hatte. Aber im Moment half ihr eine solche Aufgabe vielleicht über die melancholischen Gedanken hinweg, die sie angesichts der jüngsten Ereignisse befallen hatten.

"Ich mach schon auf", sagte ich.

Aber Tante Lizzy schüttelte den Kopf und hatte, ehe ich mich versah, auch schon einige Schritte in Richtung Tür hinter sich gebracht.

"Der Besuch ist für mich!", sagte sie lächelnd. "Und falls es doch dein geliebter Tom sein sollte, werde ich ihn nett hereinbitten!"

Der Gong dröhnte ein weiteres Mal.

Der Besucher - wer immer es zu dieser späten Stunde auch sein mochte - war offenbar ziemlich ungeduldig.

Tante Lizzy eilte zur Haustür. Einen Augenblick später hörte ich eine sonore Männerstimme im Flur. Tante Lizzy führte einen kleinen, rundlichen Mann in die Bibliothek, der ungefähr ihr Alter hatte. Außer einem grauweißen Haarkranz hatte er keinerlei Haare mehr am Kopf. Der dreiteilige Anzug, den er trug, war maßgeschneidert. In der Linken hielt er eine Aktentasche, die an einer Stelle ziemlich ausgebeult war.

Tante Lizzy stellte mir diesen älteren Herrn als Professor Dr. Hugh St.John vor, einen Chemiker, der mit Onkel Frederik gut bekannt gewesen war. "Ich habe Professor St.John um die chemische Analyse der Ordensmaske gebeten", erklärte sie an mich gerichtet. Während der Ereignisse um Mondrich Manor waren wir einem Mitglied des ORDENS DER MASKE begegnet, der unter mysteriösen Umständen verschwand. Wir wussten nicht, wer er gewesen war. Nichts war von ihm geblieben als die zu einem formlosen Klumpen Materie geschmolzene Maske, die er getragen hatte. Mit Hilfe ihrer Masken erhielten die Mitglieder ORDENS Befehle von ihrem Herrn und Meister, einem Wesen namens Cayamu, das auf dem Planeten einer fernen Doppelsonne residierte. Außerdem konnten sie sich mit ihrer Hilfe in sogenannte Geister der Sonne verwandeln - grauenerregende und beinahe unverwundbare Wesen, die Cayamus Befehle bedingungslos ausführten.

"Nun, Mrs. Vanhelsing", wandte Professor St. John sich an meine Großtante. "Ich muss Ihnen leider sagen, dass meine Bemühungen nicht sehr erfolgreich waren..." Er griff in die ausgebeulte Aktentasche und holte den bronzefarbenen Klumpen hervor. Tante Lizzy nahm ihn entgegen und legte ihn auf einen der zierlichen runden Tische ab.

Sie hob erstaunt die Augenbrauen.

"Sie haben nichts über die chemische Zusammensetzung dieses Klumpens herausfinden können?"

"Nun, es handelt sich um eine Substanz, die auf der Erde unbekannt und beinahe unzerstörbar ist", erklärte Professor St. John. "Mit den Möglichkeiten unseres Instituts werde ich aber leider nicht viel mehr herausfinden können, Mrs. Vanhelsing. So gerne ich Ihnen auch helfen würde..."

"Nun, haben Sie trotzdem vielen Dank für Ihre Bemühungen. Möchten Sie noch eine Tasse Tee?"

"Nein, danke, Mrs. Vanhelsing. Um diese Zeit nicht mehr."

St.John druckste etwas herum. Ich spürte ganz genau, dass er noch etwas sagen wollte, aber nicht genau wusste, wie er es in Worte fassen sollte. Schließlich brachte er heraus: "Woher haben Sie diesen Materieklumpen?"

Tante Lizzy sah mich einen Moment lang etwas ratlos an.

Ich vermutete, dass sie Professor St.John nicht die Wahrheit gesagt hatte. Und das mit gutem Grund! Denn wenn durchsickerte, dass dieser Klumpen bronzefarbenen Materials etwas mit dem Tod von Arnold Reed zu tun hatte, dann hatten wir im Handumdrehen Scotland Yard im Haus. Und auf die Fragen, die man uns dann gestellt hätte, hatten Tante Lizzy und ich auch keine Antworten. Zumindest keine, die man uns abgekauft hätte.

"Sie wissen ja, dass ich vieles aus Haushaltsauflösungen übernehme, Professor..."

"Ja, ja...", murmelte St. John, während sein Blick über die langen Reihen staubiger Folianten glitt, die sich in den bis zur Decke reichenden Bücherregalen drängten.

"Warum fragen Sie nach der Herkunft des Materials?", hakte Tante Lizzy nach.

"Weil ich die Vermutung habe, dass dieses Stück, dass Sie mir zur Analyse überließen, außerirdischen Ursprungs ist..."

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Professor St. John blieb noch eine ganze Weile, um mit Tante Lizzy über das Thema zu diskutieren. Ich eiste mich schließlich los und nahm LEHMFETISCHE UND GOLEMS mit hinauf in meine Räume. Ich blätterte etwas in dem reich illustrierten Band, fand schließlich Abbildungen einiger indianischer Sumpfgottheiten, die dem, was ich gesehen hatte, stark ähnelten. Insbesondere fielen mir Ähnlichkeiten zu einer Wesenheit auf, deren Bezeichnung mit dem Wort Quanandro wiedergegeben wurde. Leider waren Brönstrups Anmerkungen zu Quanandro äußerst  spärlich. Er erwähnte lediglich, dass eine Reihe mit drei Hörnern ausgestatteter Amphibien-Fetische bei Völkern in Südamerika sowie in Afrika zu finden seien. Seinen Ausführungen nach handelte es sich in allen ihm bekannten Fällen um Wesenheiten, die den Tod und das Chaos verkörperten... Dann folgte noch eine persönlich gefärbte Notiz des schwedischen Okkultisten. Er berichtete darin, in Boston einen spanischen Handelsherrn aus Florida getroffen zu haben, der von einem mysteriösen Herrn der Sümpfe berichtete - einem Dämon, dessen Einflussbereich sich unaufhaltsam ausdehnen würde und dessen Gestalt genau jener Brönstrups zeichnerischer Darstellung entsprach.

Ich atmete tief durch und legte das staubige, halb auseinanderfallende Buch schließlich zur Seite.

Bist du jetzt schlauer?

Ich war hundemüde. Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet mir, dass es höchste Zeit war, ins Bett zu gehen.

Schließlich musste ich am nächsten Morgen wieder pünktlich in der Redaktion sein.

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Alpträume quälten mich in jener Nacht und ließen mich trotz meiner Müdigkeit einfach nicht zur Ruhe kommen.

Oft wälzte ich mich in meinem Bett hin und her. Vor meinem inneren Auge tauchten immer wieder froschgesichtige Lehmfetische auf.

"Quanandro!", rief ein Chor dunkler Männerstimmen.

"Quanandro!"

Immer wieder von neuem wiederholten sie diesen Namen, murmelten ihn wie in einem Singsang.

Ich erwachte schließlich schweißgebadet. Das Nachthemd klebte mir am Körper und ich zitterte.

Dann schlug ich wie automatisch die Bettdecke zur Seite.

Barfuß ging ich über den Teppichboden, hinaus aus meinem Schlafzimmer, durchquerte das Wohnzimmer und erreichte dann die Treppe.

Wohin gehst du?

Die Frage stand in meinem Kopf, ohne dass es dafür eine Antwort zu geben schien.

Ich bewegte mich wie ein ferngesteuerter Automat.

Jeder Schritt meiner nackten Füße, jede noch so kleine Bewegung - alles schien völlig selbstverständlich zu sein.

Was ist mit dir los? Patricia, komm zu dir!

Meine eigenen Gedanken erschienen mir fremd und unwichtig.

Wie ein fernes Echo wirkten sie auf mich, verschwommen und unklar.

Ich ging die Treppe hinunter.

In der Bibliothek brannte kein Licht mehr.

Professor St. John war längst gegangen. Und selbst Tante Lizzy, die nicht viel Schlaf brauchte, war nicht mehr auf den Beinen. Ich hatte das Gefühl, eine übersinnliche Kraft fühlen zu können. Eine Kraft, die mich unwiderstehlich zu sich hinzog und der ich nichts entgegenzusetzen hatte.

Ich betrat die Bibliothek.

Fahles Mondlicht fiel durch eines der hohen Fenster, die so typisch waren, für den Baustil dieser herrschaftlichen viktorianischen Villa.

Das Wetter schien sich etwas beruhigt zu haben. Die Wolkendecke war offenbar vom Wind aufgerissen worden. Ein Fensterladen klapperte, und die Äste in den nahen Baumkronen peitschten hin und her.

Patricia, was tust du?

Die Gedankenstimme klang verzweifelt.

Ich fühlte kein Interesse, kein Mitleid, gar nichts.

Zielstrebig durchschritt ich die weiträumige Bibliothek.

Ich machte mir nicht einmal die Mühe, das Licht anzuknipsen.

Vor einem kleinen runden Tisch blieb ich stehen. Vor mir lag die zusammengeschmolzene Maske.

Das Mondlicht spiegelte sich in dem metallähnlichen Material.

Wie unter einem inneren Zwang legte ich beide Hände darauf.

Ein elektrisierendes, fast schmerzhaftes Prickeln durchlief meine Arme und durchströmte meinen gesamten Körper.

Eine Kraft, die ich lange nicht gespürt habe, ging es mir durch den Kopf. Die Kraft Cayamus...

In Tante Lizzys Villa hatte sich früher eine vollständig erhaltene Geistermaske des ORDENS DER MASKE befunden, die Frederik Vanhelsing, Tante Lizzys verschollener Mann, von einer seiner archäologischen Reisen mitgebracht hatte.

Zusammen mit Sir Charles Grayer hatte Onkel Frederik eine Tempelanlage der mittelamerikanischen Talketuan-Kultur erforscht und war dabei auf diese geheimnisvolle Maske gestoßen.

Damals, als ich zum ersten Mal die Maske in den Händen hielt und an mein Gesicht legte, hatte ich eine ähnliche Welle der Kraft und Energie in mir gespürt...

Ich war von einer fremden, unheimlichen Macht besessen gewesen, die mich beinahe dazu gebracht hatte, Tante Lizzy zu töten.

Einer der schrecklichsten Momente meines Lebens.

Seitdem hatte mich die Furcht davor nie verlassen, eines Tages wieder unter den Einfluss jenes mysteriösen Wesens namens Cayamu zu geraten, dass die Mitglieder des ORDENS als ihren Herrn ansahen.

Kaum einer, der die konturlose Maske aus einem unbekannten, metallisch glänzenden Material einmal getragen hatte, konnte sich auf Dauer dem Einfluss dieser Kraft entziehen...

Die Erinnerung daran war noch immer lebendig in mir und verfolgte mich in meinen Träumen. Aber in diesem Moment war mir das alles gleichgültig.

Als ich später zusammen mit dem Privatdetektiv Ashton Taylor nach Yukatan reiste, um den Machenschaften des ORDENS DER MASKE auf die Spur zu kommen, nahm ich jene Maske mit, die so lange auf dem Dachboden der Vanhelsing-Villa gelagert hatte.

Sie ging bei den dramatischen Ereignissen um die Ruinen-stadt Yukatan verloren, als in letzter Sekunde verhindert wurde, dass die Anhänger des ORDENS ein dauerhaftes Tor zwischen der Erde und Cayamus Welt errichten konnten.

Ich presste den formlosen Klumpen aus bronzefarbenem, metallisch glänzendem Material an mich. Das Mondlicht spiegelte sich daran.

Auch du wirst eines Tages eine gehorsame Dienerin Cayamus..., sagte eine Stimme in meinem Kopf. Dir bleibt keine Wahl. Dieser Weg ist vorbestimmt.

Ich starrte auf den Klumpen in meinen Armen. Die übersinnliche Energie, die von ihm ausging wurde immer stärker. Eigentlich hätte ich versuchen müssen, mich mit Hilfe meiner Gabe dagegen abzuschirmen, so gut es ging.

Aber ich tat es nicht.

Eine erschreckende Lethargie hatte mich befallen. Es war mir in diesem Augenblick gleichgültig, ob ich eine Sklavin Cayamus wurde, ein willenloses Werkzeug, dass die Befehle des obersten Gebieters ohne zu zögern ausführte. Ganz gleich, was auch verlangt wurde. Allein der Gedanke daran hätte mich zu anderen Zeiten halb wahnsinnig gemacht.

Nicht in diesem Moment.

Ich nahm es mit Gleichmut hin, dass mein freier Wille nicht mehr existierte.

Cayamus Wille ist dein Wille, Cayamus Gedanken sind deine Gedanken...

Wie von den Fäden eines unsichtbaren Marionettenspielers bewegt, ging ich zum Fenster, hob den Metallklumpen empor, so dass das Mondlicht ihn noch mehr erfassen konnte.

Der Klumpen verformte sich langsam.

Konturen wölbten sich aus dem bronzefarbenen Material heraus. Ich starrte wie gebannt auf das, was in meinen Händen geschah. Augenblicke später hatte ich dann die Metallfigur eines Froschwesens in den Händen, die bis in jedes Detail jener Lehmfigur glich, die ich in meiner Vision gesehen hatte.

Quanandro...

Das Gesicht des lurchartigen Wesens verzog sich. Das breite Maul wurde zu einem spöttischen Lächeln.

Du bist nur ein Werkzeug, Patricia Vanhelsing... Eine Figur in den Händen des großen Puppenspielers im Hintergrund, der am Tag des Weltuntergangs die Herrschaft über die Erde übernehmen wird...

Fremde Gedanken drangen in mein Bewusstsein ein, ohne dass ich mich - wie sonst - dagegen abzuschirmen vermochte.

Ich wollte es gar nicht.

"Ja", sagte ich laut in die Stille der Nacht herein, während draußen der Wind wütend an den Bäumen riss, sie hin und her bog und einen Ast geräuschvoll brechen ließ. "Es soll so sein..."

Meine eigene Stimme klang für mich in diesem Augenblick wie die Stimme einer Fremden.

Die Konturen des Metallklumpens in meinen Händen veränderten sich abermals.

Die Statue des bösartigen Sumpfgötzen, die wie eine Übertragung aus Brönstrups LEHMFETISCHE UND GOLEMS wirkte, löste sich auf. Dem geheimnisvollen Material, aus dem die Masken des ORDENS gefertigt waren, schien eine unheimliche Art von Eigenleben innezuwohnen. Das Maul des Amphibienwesens verzog sich zur Grimasse. Quanandro - oder wie immer der Name dieses Sumpfgötzen auch sein mochte - schien über mich und meine Ohnmacht diesen fremden Kräften gegenüber spöttisch zu lachen.

Das Echo dieses zynischen Lachens glaubte ich für Augenblicke als leisen Widerhall in meinem Bewusstsein wahrzunehmen...

Dann sah ich die neuen Konturen und Formen, die sich aus dem Klumpen herausbildeten.

Gesichtszüge, ein Mund, eine Nase...

Augen...

Es war mein eigenes Gesicht.

Und ein dröhnendes, schauerliches Lachen hallte unerträglich in meinem Kopf wider...

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Ich schrie laut auf, ließ den Metallklumpen fallen und wich einen Schritt zurück.

Meine Hände und Arme waren wie taub.

Ich taumelte zurück.

Mir war schwindelig. Alles drehte sich vor meinen Augen.

Hinter meinen Schläfen pochte ein hämmernder Schmerz.

Übersinnliche Energien...

Ich hielt mich an einem der Tische fest, schwankte und strauchelte zu Boden. Hart kam ich auf das glatte Parkett auf und erwartete eigentlich einen entsprechenden Schmerz. Aber ich spürte nichts dergleichen.

Ich hatte keine Zeit, weiter darüber nachzudenken.

Unter mir gab der Parkettboden nach. Er wurde weich, senkte sich unter meinem Gewicht und ich fiel ins Bodenlose, direkt in einen Strudel aus grellen Farben hinein.

Etwas umfasste meine Schultern. Hände griffen nach mir, schüttelten mich. Ich öffnete die Augen, die ich zuvor fest zugekniffen hatte.

"Patti!"

Tante Lizzy saß auf meiner Bettkante. Sie hatte Licht gemacht, das ich als unsagbar grell empfand. Ich hob den Arm, um die Augen zu schützen. Der kalte Angstschweiß perlte mir über die Stirn und die Wangen.

"Es war ein Traum, Patti", hörte ich Tante Lizzys beruhigende Stimme. "Nur ein Traum..."

Ich schluckte.

Das Pochen hinter meinen Schläfen war nicht mehr zu spüren.

Und auch die erschreckende Lethargie war von mir abgefallen. Grauen und eiskalte Schauder überkamen mich bei dem Gedanken an das, was hinter mir lag - mochte es nun ein Traum oder der Blick in eine andere, schreckenerregende Welt des Wahnsinns sein.

Ich sah Tante Lizzy an und setzte mich auf. Zunächst war ich unfähig, etwas zu sagen.

Ich öffnete halb den Mund, versuchte zu sprechen, aber kein einziger Laut kam über meine Lippen.

"Du hast laut geschrien", klärte Tante Lizzy mich auf. Ihr Lächeln war sorgenvoll. "Es war einer jener Alpträume, durch die sich deine übersinnliche Gabe manifestiert, nicht wahr?"

Ich nickte.

Dann begann ich stockend zu sprechen. Ich berichtete Tante Lizzy, was ich im Traum erlebt hatte...

Tante Lizzy hörte mit nachdenklichem Gesicht zu.

Zwischendurch nahm sie das Exemplar von Sören Brönstrups LEHMFETISCHE UND GOLEMS von meinem Nachttisch, blätterte darin herum und fand schließlich jene Seite, auf der eine Zeichnung des schwedischen Wissenschaftlers abgebildet war, die Quanandro darstellte.

Schließlich brach ich meine Erzählung ab.

Ich wartete darauf, dass Tante Lizzy etwas sagte. Sie ließ sich Zeit mit ihrer Antwort.

"Für kurze Momente hast du damals diese Ordensmaske getragen...", sagte sie dann. "Der Traum spiegelt deine Angst wieder, eines Tages eine Marionette des ORDENS zu werden."

"In meinem Traum war ich es", stellte ich fest. "Ich hatte keinerlei eigenen Willen mehr, keine Empfindung, nichts... Ich war nur noch ein Werkzeug."

"Es muss nicht so kommen."

"Ist es nicht so, dass alle, die bisher die Maske getragen haben, früher oder später auch dem Einfluss Cayamus erlegen sind?"

"Ich glaube nicht, dass das zwangsläufig so ist, Patti!"

"Tante Lizzy, ich darf die Augen nicht vor der Wirklichkeit verschließen!"

"Du musst dagegen ankämpfen, Patti! Immer wieder von neuem!"

Ich seufzte.

"Und wenn ich das eines Tages vielleicht nicht mehr kann?

Wenn meine Kräfte nicht ausreichen, um mich dagegen abzuschirmen?"

"Mein Kind, du darfst nicht verzweifeln. Es war ein Traum, den du gesehen hast!"

"Ein seherischer Traum!", wandte ich ein.

"Ja, das glaube ich auch. Aber du weißt ebenso wie ich, dass das, was du gesehen hast, nicht zwangsläufig eintreten muss.

Es ist eine Möglichkeit..."

"...mit hoher Wahrscheinlichkeit."

Tante Lizzy nahm mich in den Arm. Und ich fühlt mich an die Zeit zurückerinnert, als ich noch ein kleines Mädchen war.

Oft hatte sie mich so getröstet. Und für einige Augenblicke verdrängte ich das Wissen darum, dass weder sie noch sonst irgendein Mensch mich vor jenen Kräften schützen konnte, deren Pläne ich wiederholt zu durchkreuzen versucht hatte.

Ganze zweieinhalb Stunden Schlaf blieben mir in dieser Nacht noch.

Ich schlief wie ein Stein und fühlte mich am Morgen, als der Wecker klingelte, wie tot.

Nachdem ich angezogen in der unteren Etage erschien, hörte ich, wie Tante Lizzy in der Bibliothek auf und ab ging. Ich ging zu ihr hin, blickte durch die halboffene Tür und begrüßte sie.

"Hallo, Patti", rief sie.

Die Tische und ein Teil des Fußbodens waren mit handbeschriebenen Blättern und dicken Kladden bedeckt, die aufgeschlagen waren.

Ich wusste nur zu gut, worum es sich dabei handelte. Es war ein Teil der Tagebuchaufzeichnungen von Frederik Vanhelsing, dem auf einer Forschungsreise in den brasilianischen Regenwald verschollenen Ehemann meiner Großtante. Ihr Gesichtsausdruck war leicht melancholisch.

"Es ist ein seltsames Gefühl, in diesen alten Aufzeichnungen zu stöbern", bekannte sie. "Und die Erinnerung ist jedesmal ein wenig schmerzhaft..."

"Warum tust du es dann?", fragte ich und unterdrückte ein Gähnen. Dann ergänzte ich noch: "Ich meine, warum gerade jetzt?"

Ein mildes Lächeln umspielte ihre Lippen. "Ab und zu tue ich das", sagte sie. "Ich habe dann das Gefühl, Frederik nahe zu sein. Ich glaube dann förmlich zu spüren, dass er irgendwo existiert, vielleicht weit von mir entfernt und ohne eine Möglichkeit, mit mir in Kontakt zu treten. Aber in diesen Momenten, da glaube ich dann wirklich daran, dass Liebe den Tod überwinden kann, Patti..." Ihre Stimme hatte einen belegten Klang. Sie blickte auf, mir geradewegs in die Augen.

Mit festerer Stimme erklärte sie dann: "Diesmal allerdings habe ich nur deinetwegen in den alten Aufzeichnungen herumgestöbert..."

"Meinetwegen?"

"Quanandro... Dieser Name kam mir gleich irgendwie bekannt vor. Ich konnte ihn nur nicht einordnen. Aber jetzt weiß ich es wieder..."

Sie ging an einen der Tische. Zwischen dem Wust aus Kladden und losen Blättern befand sich ein blau schimmernder Stein, nicht größer als ein Daumennagel. Tante Lizzy reichte ihn mir. Ich nahm ihn in die Hand. Gleichzeitig spürte ich ganz schwach die Anwesenheit einer übersinnlichen Energiequelle.

Der Stein...

"Was ist das?", fragte ich.

"Frederik brachte diesen Stein von seiner Mittelamerikareise mit, als er die Talketuan-Kultur untersuchte."

"Zusammen mit der Ordensmaske!", stellte ich fest.

Tante Lizzy nickte. "Ja, aber dieser Stein war kein Fundstück. Ein Indio gab ihm diesen Stein als Mittel gegen 'Los Quanandros', wie Frederik in seinen Aufzeichnungen schreibt. Sumpf- und Walddämonen, deren Beschreibungen sehr dem Bild ähneln, das Sören Brönstrup anfertigte..."

Ich hob den Stein hoch, ließ ihn im Licht funkeln.

"Weißt du, woraus er besteht?"

"Sir Peter Dreadford, ein befreundeter Geologe, ist der Ansicht, dass es sich um einen sogenannten Paliakat handelt. Sir Peter wies im übrigen auch nach, das Paliakate von Energiefeldern bisher nicht bekannter Art umgeben sind. Leider gelang es ihm nicht, sein Experiment zu wiederholen, so dass seiner Arbeit die wissenschaftliche Anerkennung letztlich versagt blieb."

Ich wollte ihr den Stein zurückgeben, aber Tante Lizzy schüttelte den Kopf.

"Ich möchte, dass du ihn auf eurer Florida-Reise bei dir trägst!", forderte sie. "Ich habe einige Hinweise in älteren Schriften über die Wirksamkeit dieser blauen Steine gefunden... Hermann von Schlichten berichtet in seinen Notizen zum verschollenen zweiten Band der ABSONDERLICHEN

KULTE, über ähnliche Steine, die er von einem Reisenden und Abenteurer erhielt. Von Schlichten stellt die Theorie auf, dass von ihnen eine Art Kraftfeld ausgehe, das gezielte Angriffe mit übersinnlicher Energie auf die Willensfreiheit eines Menschen schwächen könnte..."

"Ich werde ihn tragen", versprach ich. "Wenn du dir dann weniger Sorgen machst!"

Tante Lizzy lächelte. "Das wohl kaum!"

Ihr Blick war plötzlich sehr ernst.

Ich ahnte, dass sie mir noch nicht alles gesagt hatte.

Sie nahm mich bei der Hand. Wir gingen zum Schreibtisch mit den geschnitzten Dämonenköpfen an den Ecken. "Du darfst nicht zu sehr erschrecken, mein Kind", sagte sie. "Das hier habe ich auf dem Fußboden vor dem Fenster gefunden..."

Sie öffnete eine Schublade.

Bronzefarbenes Metall schimmerte mir entgegen.

Die geschmolzene Ordensmaske!

Es versetzte mir einen Stich, als ich sah, dass das Metall unbekannter Herkunft die Konturen meines Gesichts mit schier unglaublicher Detailgenauigkeit nachgebildet hatte. Tante Lizzy und ich wechselten einen Blick. Sie sah das Entsetzen in meinen Augen. Es war mehr als nur ein Traum, was heute Nacht geschehen war... Und es ging weit über das hinaus, was ich ansonsten als seherische Visionen erlebt hatte.

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"Ich hätte dich in dieser Nacht gebraucht", sagte ich, als Tom an diesem kalten grauen Morgen auf dem Parkplatz unseres Verlagsgebäudes an der Lupus Street traf. Ich hatte ihm von meiner Vision erzählt und er nahm mich zärtlich in den Arm.

"Ich hoffe, dass es sich bei diesem Traum nur um eine allgemeine Widerspiegelung deiner Ängste handelte", sagte Tom schließlich. "Aber nach dem, was du gesagt hast, müssen wir damit rechnen, dass der ORDEN DER MASKE in irgendeinem Zusammenhang mit den Dingen steht, die uns in Florida erwarten..."

"Dieser ORDEN wird alles tun, um Cayamus Prophezeihungen zu erfüllen..."

"Das ist zu befürchten."

"Glaubst du, Brian Delrey könnte damit in Verbindung stehen?"

"Ich habe herausgefunden, dass sein Agent Mitglied einer Vereinigung ist, die sich Gesellschaft für kreatives Denken und Power-Braining nennt."

Ich lächelte matt. "Power-Braining", wiederholte ich. "Was soll das denn sein?"

"Wahrscheinlich irgendein Psycho-Training für gestresste Manager und andere Führungskräfte... Als Postadresse fungiert ein Postfach, dass auch von jener Anwaltskanzlei genutzt wird, die versucht hat, einstweilige Verfügungen gegen unsere Artikel über die Aktivitäten des ORDENS DER MASKE zu erwirken!"

Ich atmete tief durch. "Du meinst, diese Power-Braining-Gesellschaft ist eine Tarnorganisation des ORDENS?"

"Die Möglichkeit besteht. Wir müssen jedenfalls sehr auf der Hut sein, wenn wir nach Florida fliegen..."

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Einen Tag später flogen wir nach Miami. Delrey hatte versprochen, uns jemanden zu schicken, der uns am Flughafen abholte. Es handelte sich um einen schweigsamen, braungesichtigen Mann, der angab, dass Brian Delrey ihn geschickt hatte. Er trug die typischen bunt gemusterten Hemden der Seminolen und stellte sich als Joe Red Tree vor.

Ansonsten sagte er kaum ein Wort und half uns bereitwillig beim Einladen unseres Gepäcks in den großen Land Rover. Tom setzte sich nach vorne und versuchte während der Fahrt dem Seminolen etwas näher zu kommen. Aber dieser torpedierte jeden Versuch eines Small Talks schon im Ansatz durch sein eisernes Schweigen.

Ich saß auf der Rückbank des Land Rovers und hing meinen Gedanken nach. Es dauerte fast eine Dreiviertelstunde, ehe wir uns endlich aus dem Verkehrschaos von Greater Miami herausgequält hatten. Es ging Richtung Westen. Ich hatte mir das Gebiet vorher auf der Karte angeschaut. Brian Delrey bewohnte ein Anwesen, das auf einer künstlich befestigten Insel im Nebenarm des McLaughlin Rivers lag - ganz in der Nähe der Grenze zum Everglades National Park.

Die Straßen wurden immer kleiner und weniger befestigt. Die Alligator-Warnschilder am Straßenrand dafür immer häufiger.

Die Straße verlief auf einem aufgeschütteten Damm. Rechts und links waren unter Wasser stehende Grasflächen, in denen Pelikane nisteten, dahinter dichte Mangrovenwälder. Hier und da ragten knorrige Hammocks aus dem Grasmeer heraus. Dabei handelte sich um verfilzte Bauminseln, deren Wurzeln tief im Sumpf nach Nahrung suchten. Das Holz der Hammocks bildete dabei eigenartige, mitunter an wachsende Tropfsteine erinnernde Formen aus. Hier und da ragten bei ihnen spitze Fortsätze über die Wasseroberfläche, die aussahen wie die Zahnräume eines gewaltigen Alligators.

Dieses Land stellte eine kuriose Mischung der Elemente da.

Die Einflüsse von Erde und Wasser mischten sich auf eine einzigartige Weise, die Tausenden von seltenen Arten Zuflucht boten. Etwa die Hälfte der Everglades waren geschützter Nationalpark, in dem die Jagd und der Straßenbau untersagt waren. Der Rest dieser Naturlandschaft würde zweifellos nach und nach den Eroberungsversuchen des Menschen zum Opfer fallen. Straßendämme waren der Anfang, danach folgte dann die Trockenlegung ganzer Gebiete und die Anlage von Siedlungen. Der nahe Großraum Miami war dicht besiedelt und platzte aus allen Nähten.

Wir erreichten einen Ort, der sich McLaughlin River Lodge nannte und nur aus ein paar Häusern bestand. Von hier aus konnte man Kanus, Motorboote und propellergetriebene Airboats mieten, mit denen man pfeilschnell über die Sümpfe flitzen konnte. Allerdings war der Einsatz der Airboats nur außerhalb des Nationalparks gestattet. Von dieser Siedlung aus konnte man zu einem mehrtägigen Kanu-Trail aufbrechen, wenn gewünscht mit Führer.

Für uns war hier erst einmal Endstation. Die Straße reichte nur bis zu den befestigten Anlegestellen am Ufer. Delreys Anwesen war einzig und allein über den Wasserweg zu erreichen.

Der McLaughlin River bildete eine Art See, bevor er sich in Dutzende von kleinen und kleinsten Nebenarmen aufteilte, deren Verlauf einem ständigen Wechsel unterworfen war.

Joe Red Tree stellte den Land Rover auf dem Parkplatz bei den Anlegestellen ab.

Wir stiegen aus.

"Ziemlich einsam hier", meinte Tom.

"Ein guter Ort, um sich zurückzuziehen", ergänzte ich. "Und das wollte Brian Delrey ja auch."

"Hattest du wirklich noch nichts von ihm gehört, als Swann dich in seinem Büro danach fragte?"

"Inzwischen habe ich mich ja etwas informiert", lächelte ich. "Im übrigen hatte Delrey seine größten Erfolge ja in den Siebzigern - und da ging ich noch in die Grundschule. In einen Delrey-Film hätte mich damals weder Tante Lizzy noch der Platzanweiser im Kino hineingelassen!"

Ein Mann mit Bart und breitkrempigen Strohhut kam auf uns zu. Er trug ein riesiges Buschmesser an der Seite, dazu ein Handy. Das fleckige T-Shirt hatte die Aufschrift CROCODILE

KILLER und seine Jeans war schon so oft geflickt worden, dass man nicht mehr genau sagen konnte, welche Partien noch von der ursprünglichen Hose stammten.

"Sie sind die Reporter, die zum Schädelhafen wollen?"

Ich sah den Kerl erstaunt an.

"Wie bitte?"

Der Mann grinste übers ganze Gesicht. Immerhin schien er deutlich gesprächiger zu sein als unser bisheriger Begleiter.

"Puerto de las Cabezas - so heißt das Anwesen, das Mr. Delrey sich vor 15 Jahren gekauft hat. Und meine freie Übersetzung dieses Namens lautet Hafen der Schädel." Er lachte. "Komischer Name, was? Und die Insel, auf der das Anwesen steht, wird seit ewigen Zeiten 'Schädelinsel'

genannt. Fragen Sie mich nicht, warum! Aber diese Namen passen irgendwie zu dem komischen Mann, der dort wohnt..."

Details

Seiten
180
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738915983
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Mai)
Schlagworte
patricia vanhelsing sidney gardner höllensumpf

Autor

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Titel: Patricia Vanhelsing: Sidney Gardner - Höllensumpf