Lade Inhalt...

Boten der Verdammnis

2017 140 Seiten
Reihe: Dämonenjäger Murphy, Band 5

Zusammenfassung

Die schmale Gasse war menschenleer. Nur wenige Laternen verbreiteten ein diffuses Licht, das vergeblich gegen die Dunkelheit ankämpfte. Eine Gestalt tauchte zwischen den Häusern auf. Gary Fisher bemühte sich, kein Geräusch zu verursachen. Er musste so schnell wie möglich aus Maidenhood verschwinden, ohne das man seine Flucht bemerkte. Etwas Unheimliches ging hier vor. Eine dunkle Macht hatte das Dorf in Besitz genommen und breitete sich wie ein Geschwür aus. Mehrere Menschen waren ihr schon zum Opfer gefallen.

Leseprobe

Die schmale Gasse war menschenleer. Nur wenige Laternen verbreiteten ein diffuses Licht, das vergeblich gegen die Dunkelheit ankämpfte. Eine Gestalt tauchte zwischen den Häusern auf. Gary Fisher bemühte sich, kein Geräusch zu verursachen. Er musste so schnell wie möglich aus Maidenhood verschwinden, ohne das man seine Flucht bemerkte. Etwas Unheimliches ging hier vor. Eine dunkle Macht hatte das Dorf in Besitz genommen und breitete sich wie ein Geschwür aus. Mehrere Menschen waren ihr schon zum Opfer gefallen.

Begonnen hatte es vor ungefähr vier Wochen. Heftige Stürme waren über den Ort hereingebrochen, und nur über ihn. Sonst harmlose Tiere spielten plötzlich verrückt. Zuerst traf es den alten Paul Travis. Er wurde von seinem Pferd zu Tode getrampelt. Drei Tage später starb Andrew Bates. Seine beiden Schäferhunde waren ohne ersichtlichen Grund über ihn hergefallen und hatten ihn zerfleischt. Scott Fearin und seine Frau Mary wurden von einem Schwarm Vögel attackiert. Sie überlebten den Angriff schwer verletzt. Das schrecklichste Ereignis lag noch keine achtundvierzig Stunden zurück. Den Pfarrer des Ortes fand man erhängt auf dem Friedhof. Die Polizei schloss ein Fremdverschulden aus. Aber entsprach das auch der Wahrheit?

Gary Fisher hatte jedenfalls nicht vor, das nächste Opfer zu werden. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Mitternacht. Dumpf ertönten Glockenschläge. Dann war es wieder still. Doch diese gespenstische Lautlosigkeit hatte etwas Bedrohliches. Der korpulente Mann mit dem schütteren Haar sah sich besorgt nach allen Seiten um. Er war allein. Trotzdem hatte er das Gefühl, beobachtet zu werden. Die Finger seiner rechten Hand umklammerten den Griff der schweren Reisetasche. Sie enthielt nur das Notwendigste. Alles andere musste er zurücklassen. Leid tat es ihm vor allem um seine Tischlerei. Aber die bedeutete ihm nicht soviel wie sein Leben. Er konnte sich jederzeit irgendetwas Neues aufbauen. Mit seinen fünfzig Jahren gehörte er noch längst nicht zum alten Eisen.

Plötzlich huschte ein schwarzer Schatten an ihm vorbei, blieb einige Meter entfernt sitzen und starrte ihn aus funkelnden Augen an. Fisher zuckte kurz zusammen. Dann holte er tief Luft und ging auf die schwarze Katze zu. Fauchend verschwand das Tier in der Dunkelheit.

„Blödes Vieh“, murmelte Fisher.

Blitze zuckten über den Himmel, gefolgt von einem leisen Grummeln. Der Mann beschleunigte seine Schritte und atmete erleichtert auf, als er das Ende der dunklen und engen Gasse erreichte. Die angrenzende Straße war ebenfalls menschenleer. Nur ein alter Toyota parkte unter einer Laterne. Wind kam auf. Er verfing sich in den Ästen und ließ die Bäume lebendig erscheinen. Fisher erreichte sein Fahrzeug. Hastig steckte er den Schlüssel ins Türschloss. Noch bevor er ihn herumdrehen konnte, nahm er aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr. Schatten schoben sich aus der Dunkelheit hervor.

Katzen!

Rote, Weiße, Schwarze und Gefleckte. In einem gespenstischen Reigen schlichen sie um den Wagen herum. Alles geschah völlig lautlos. Fisher schloss für einen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete, waren die Tiere immer noch da und kreisten ihn langsam ein. Wieder zuckten Blitze über den Himmel und wieder grollte der Donner. Hastig schloss Fisher die Wagentür auf. Gerade, als er einsteigen wollte, fielen die Tiere über ihn her und gruben ihre scharfen Zähne in seinen Körper. Der Mann stieß einige spitze Schreie aus und stürzte schwerfällig zu Boden. Verzweifelt versuchte, er die Angreifer anzuschütteln, doch seine Anstrengungen waren vergebens. Er blutete bereits aus zahlreichen Wunden. Seine Abwehrbewegungen wurden schwächer und hörten schließlich ganz auf. Ohne einen Laut von sich zu geben, verschwanden die Katzen wieder in der Dunkelheit. Nur ihr Opfer blieb zurück.

––––––––

image

DIE MEISTEN EINWOHNER des 300-Seelen-Dorfes Maidenhood waren früh zu Bett gegangen. Hier, im Herzen Mittelenglands schien die Zeit stehengeblieben zu sein. Wären nicht einige Verkehrsschilder und ein paar Reklametafeln an den Hauswänden gewesen, hätte man meinen können, im tiefsten Mittelalter zu sein. Doch seit einiger Zeit war es vorbei mit der dörflichen Ruhe. Das Entsetzen regierte in Maidenhood. Und als die schrillen Schreie des Tischlers durch die Nacht hallten, war allen Bürgern bewusst, dass es ein neues Opfer gegeben hatte.

Vom Lärm angelockt kamen die Menschen aus ihren Häusern und versammelten sich um den Toten. Er lag auf dem Rücken. Eine Blutlache breitete sich unter ihm aus. Seine Augen waren gebrochen. Für den Bruchteil einer Sekunde warf ein Blitz sein gleißendes Licht auf die gespenstische Szenerie. Grollender Donner folgte, wie der Vorbote eines noch größeren Unheils.

„Wer tut denn so was?“, wollte eine Frau wissen, die sich nur eine Bettdecke über das Nachthemd geworfen hatte. Doch sie erhielt keine Antwort. Alle redeten wild durcheinander, sodass man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Immer mehr Menschen kamen auf die Straße oder tauchten am Fenster ihres Hauses auf. Die Unruhe unter der Bevölkerung wuchs.

„Da kommt der Bürgermeister!“, rief jemand.

Eine imposante Erscheinung näherte sich der Menschenmenge. Sean Patterson war groß, hatte struppiges Kraushaar und ein kantiges Gesicht mit wasserhellen Augen.

„Was ist das für ein Tumult?“, fragte er. „Und wer hat vorhin geschrien?“

Da erst entdeckte er den Toten. Sofort wich sämtliche Farbe aus seinem Gesicht. Das Stimmengewirr verstummte.

„Mein Gott, wer ... wer hat das getan?, stammelte Patterson ohne den Blick von der Leiche zu nehmen.

„Also, ich würde auf ein Raubtier tippen“, sagte jemand.

„Aber warum?“, fragte ein anderer.

„Das ist doch völlig egal“, entgegnete der hagere Mann neben ihm. „Viel wichtiger ist meines Erachtens, das wir endlich etwas unternehmen. Es kann doch nicht sein, dass der Frieden von Maidenhood durch solche Vorkommnisse gestört wird.“

„Und was schlagen Sie vor?“, wollte Patterson wissen.

„Na, Sie sind doch der Bürgermeister“, entgegnete der Angesprochene. „Lassen Sie sich etwas einfallen.“

„Warum unternimmt die Polizei eigentlich nichts?“, fragte eine Stimme aus der Menge.

„Ja! Genau!“, riefen einige. „Es muss doch eine Erklärung für das hier geben.“

„Also, wenn Sie meine Meinung hören wollen“, sagte ein Mann mit schulterlangen braunen Haaren, „ich glaube, das Militär steckt dahinter. Die machen irgendwelche Wetterexperimente und werfen Chemikalien aus ihren Flugzeugen. Das macht dann die Tiere verrückt und beeinflusst das Wetter.“

„Ja, richtig“, meinte ein anderer Mann. „Das ist genauso wie mit diesen UFOs. Dahinter steckt auch das Militär. Haben sie neulich erst im Fernsehen gesagt.“

Wieder zuckte ein Blitz über den Himmel, begleitet von lauten Donnerschlägen. Direkt über dem Dorf brach ein Gewitter von ungeheurer Macht aus. Dunkle Wolken verdeckten den Mond und entledigten sich ihrer Last. Es begann, zu regnen. Blutrote Tropfen fielen vom Himmel herab.

Sofort begannen die Menschen wild durcheinanderzureden. Die Aufregung wuchs immer mehr. Patterson versuchte zwar, seine eigene Unruhe zu überspielen, aber auch er war mit den Nerven fertig und kämpfte mit seiner Fassung. Eine Lösung musste her, so schnell wie möglich.

––––––––

image

SIE HATTEN EINEN TEIL ihrer Kindheit zusammen verbracht. Wenige Jahre nur, aber sie reichten aus, um eine tiefe Freundschaft entstehen zu lassen. Auch wenn mittlerweile jeder seinen eigenen Weg ging, so war der Kontakt zwischen ihnen doch nie abgebrochen. Und als Sean Patterson in seinem Brief den Dämonenjäger um Unterstützung bat, war es für David Murphy eine Selbstverständlichkeit, dieser Bitte nachzukommen.

Natürlich ahnte der Bürgermeister nichts von dessen wahrer Tätigkeit, geschweige denn etwas vom „Orden des Weißen Lichts“ und dem immerwährenden Kampf gegen die dunklen Mächte. Sean wusste nur, dass sein Freund sich manchmal mit Ereignissen beschäftigte, bei denen unheimliche Phänomene eine Rolle spielten.

Vor drei Stunden war Murphy auf dem Flughafen London-Heathrow gelandet, hatte einen Wagen gemietet und befand sich nun auf dem Weg nach Maidenhood. Unentwegt schaute er auf den grauen Asphalt der Landstraße. Die Reize eines herbstlichen Englands, dessen Natur sich auf den nahenden Winter vorbereitete, nahm er nicht ein einziges Mal wahr.

Alte Erinnerungen tauchten auf, Bilder aus der Vergangenheit. Anfangs waren sie nur verschwommen, doch die Konturen wurden sehr schnell schärfer. Murphy sah das Viertel, in dem er aufgewachsen war, die Straßen, die Geschäfte, die Menschen. Alles erschien plötzlich ganz klar vor ihm. Auch das Gesicht von Crow. Seinen richtigen Namen hatte Murphy nie erfahren. Alle im Viertel nannten ihn nur Crow. Jeder hatte Angst vor ihm und seiner Bande. Er war ein derber Kerl mit einem Raubvogelgesicht. Das linke Auge schielte nach außen. Man wusste nie, wohin er sah. Einen Schulabschluss zu machen, war ihm nie eingefallen, genauso wenig, wie sich eine geregelte Arbeit zu suchen. Er wollte Geld machen – soviel wie möglich, so schnell wie möglich und so bequem wie möglich. Dazu war ihm jedes Mittel recht. Crow und seine Bande lebten von Erpressung, Raubüberfällen und Diebstählen.

Eines Tages hatten sie es auf David Murphy abgesehen, genauer gesagt, auf sein blaues Fahrrad. Als der Junge sich zur Wehr setzte, schlugen sie ihn zusammen und steckten ihn in einen Müllcontainer. Von selbst hätte Murphy sich niemals aus seiner misslichen Lage befreien können. Doch der Zufall kam ihm zur Hilfe. Sean Patterson wohnte auf der gegenüberliegenden Straßenseite und hatte von seinem Fenster aus alles beobachtet. Ohne zu zögern, rief er die Polizei. Murphy wurde von den Beamten aus dem Container geholt. Seine Verletzungen waren zum Glück nicht lebensgefährlich und verheilten sehr schnell. Auch das blaue Fahrrad bekam er wieder. Und er hatte in Sean Patterson einen Freund gefunden. Crow starb einige Wochen später bei einem Schusswechsel mit der Polizei, als er versuchte, ein Juweliergeschäft auszurauben.

––––––––

image

ES WAR BEREITS SPÄTER Nachmittag, als ein unscheinbares Schild darauf hinwies, dass man die breite Landstraße verlassen musste, um Maidenhood zu erreichen. Zu dem kleinen Ort führte nur ein schmaler Weg mit Pfützen und ausgefahrenen Rinnen. Als er einige Meilen hinter sich hatte, fuhr Murphy in einen dichten Buchenwald. Gelegentlich zeigten sich Tannenhaine, deren dunkles Nadelgrün in der Kahlheit der Laubbäume wie eine undurchdringliche Mauer wirkte. Der Wagen geriet auf dem feuchten Laub ins Rutschen und brach aus. Murphy reagierte sofort. Er riss das Lenkrad herum und trat das Gaspedal durch. Die Reifen fassten endlich wieder festen Grund.

„Verflucht!“, knurrte Murphy. Um Haaresbreite hätte er den klobigen Stamm einer uralten Buche gestreift. Der Dämonenjäger atmete tief durch und fuhr weiter. Die Straße wurde kurvenreicher. Streckenweise kam er nur im Schritttempo vorwärts. Urplötzlich lichtete sich der Wald. Auf der linken Seite erhob sich jetzt eine Mauer aus moosbedeckten Feldsteinen und auf der anderen stand das erste Haus. Es war klein, aus verwitterten, rohen Brettern gebaut und schien uralt. Die Fenster wirkten wie blinde Augen.

Nach und nach erschienen zu beiden Seiten weitere Häuser. Er befand sich jetzt auf einer gepflasterten Straße. Langsam lenkte Murphy den Wagen durch den Ort. Die wenigen Menschen, die er sah, musterten ihn misstrauisch. In dieser Gegend, in der die Zeit stehengeblieben war, mochte man keine Eindringlinge. Vermutlich war das der Grund dafür, warum der Tourismus Maidenhood noch nicht erreicht hatte.

Murphy holte einen Zettel aus seiner Jackentasche. Es war ein Lageplan. Sean hatte ihn zusammen mit dem Brief geschickt. Auf ihm war die Stelle markiert, an der sich sein Haus befand. Der Dämonenjäger bog von der Hauptstraße ab, dann noch um eine Ecke und stoppte den Wagen vor einem zweistöckigen Haus. Es war ziemlich alt, aber trotzdem solide und von einem Hauch Romantik umgeben.

Murphy stieg aus. Er schloss die Augen und konzentrierte sich. Seine Sinne tasteten umher. Sie waren übersensibel. Auf einmal kroch ein eigenartiges, fast undefinierbares Gefühl in ihm hoch. Schlagartig öffnete er die Augen. Es existierte tatsächlich eine Gefahr. Er spürte sie mit aller Deutlichkeit, ohne jedoch ihre Herkunft genau lokalisieren zu können.

Der hochgewachsene Mann nahm seinen Reisekoffer vom Rücksitz, ging zur Haustür und betätigte den Klingelknopf. Einige Augenblicke später vernahm er Schritte. Die Tür wurde geöffnet und Sean Patterson erschien. Obwohl sie sich seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen hatten, erkannte der Bürgermeister seinen Besucher sofort.

„David“, sagte er aufgekratzt. „Schön, dass du da bist! Komm herein, wir haben uns viel zu erzählen.“

Er wollte Murphy den Koffer abnehmen, aber der Dämonenjäger blieb standhaft und trug ihn selbst. Sean führte seinen Gast in den Living-room und bat ihn, sich zu setzen. Es war ein großer, mit dunklen Möbeln eingerichteter Raum, der Behaglichkeit verströmte.

„Wie wäre es mit einem Begrüßungstrunk? Ich habe einen echten schottischen Whisky, zehn Jahre alt.“

Ja, gerne“, antwortete Murphy, während er sich in einen der großen Ledersessel sinken ließ.

Sean trat an die hohe Schrankwand heran, öffnete eine Klappe und machte sich im Barfach zu schaffen.

„Lebst du hier allein?“, fragte Murphy.

„Nein, zusammen mit Rick, meinem Sohn. Sarah und ich haben uns letztes Jahr scheiden lassen. Meine Frau wollte ihr Leben neu ordnen. Sie ist nach London gezogen – um sich selbst zu verwirklichen – wie sie es nannte. Dabei hat sie Großstädte immer gehasst. Sarah meinte, das wäre kein Ort, um eine Familie zu gründen und Kinder groß zu ziehen. Deshalb sind wir damals auch hierher gezogen.“

Sean machte eine kurze Pause und fuhr dann fort.

„Aber es wäre unfair, ihr allein die Schuld am scheitern unserer Ehe zu geben. Dazu gehören immer zwei. Es war, glaube ich, wie bei vielen Menschen. Irgendwann hat man sich einfach nichts mehr zu sagen. Glücklicherweise wurde aus unserer Scheidung keine Schlammschlacht. Wir haben uns in aller Freundschaft getrennt. Hauptsächlich natürlich wegen unseres Sohnes. Er sollte nicht im Minenfeld eines Scheidungskrieges aufwachsen. Heute herrscht zwischen Sarah und mir so etwas wie Waffenstillstand. Na ja, man könnte es auch als einen zaghaften Frieden bezeichnen. Aber heiraten werde ich bestimmt nie wieder. Das eine Mal hat gereicht.“

„Bist du dir so sicher?“, fragte Murphy.

„Allerdings! Wenn man Single ist, bleibt einem viel erspart. Außerdem lässt mir mein Beruf sowieso nicht allzu viel Zeit für ein Privatleben. Und das bisschen, was übrig bleibt, verbringe ich mit meinem Sohn.“

Sean wandte den Kopf.

„Was ist mit dir? Willst du eines Tages in den Hafen der Ehe einlaufen?“

„Darüber habe ich mir noch nicht allzu viele Gedanken gemacht. Im Moment geht die Arbeit vor.“

Sean brachte zwei mit Whisky gefüllte Gläser und reichte eins davon Murphy. Dann setzte er sich ihm gegenüber auf den zweiten Sessel.

„Um ehrlich zu sein“, begann der Dämonenjäger, „ich bin aus deinem Brief nicht so ganz schlau geworden.“

„Hauptsache, du bist da, David“, entgegnete der Bürgermeister lachend. Aber dieses Lächeln erreichte seine Augen nicht. Er war beunruhigt, das konnte Murphy ganz deutlich sehen.

„Um was geht es denn nun eigentlich? In deinem Brief standen nur vage Andeutungen.“

„Ich weiß auch nicht so recht, wie ich dir das erklären soll. Innerhalb von vier Wochen gab es in Maidenhood mehrere ungewöhnliche Todesfälle.“ Seine Lippen bebten. Er umklammerte das Glas mit beiden Händen und trank es in einem Zug leer. „In den meisten Fällen waren Tiere darin verwickelt. Zuletzt traf es unseren Tischler. Er wurde von einem Rudel Katzen zerfleischt. Und dann diese Stürme. Sie brechen aus heiterem Himmel über den Ort herein, merkwürdigerweise nur über diesen Ort. Genauso verhält es sich mit dem roten Regen. Die Straßen und Häuser von Maidenhood sehen danach jedes Mal so aus, als ob man sie in Blut getaucht hätte. Auffällig ist allerdings, dass diese Erscheinungen immer nur abends stattfinden, oder spät in der Nacht, aber niemals am Tage.“

„Was ist mit der Polizei?“, fragte Murphy und nippte an seinem Drink.

„Na ja, unser Ort ist zu klein für ein eigenes Revier, also haben wir die Beamten aus der nächstgelegenen Großstadt hergeholt. Aber sie sahen keinen Handlungsbedarf, weil fast alle Opfer von Tieren getötet wurden. Eine Ausnahme bildet lediglich unser Pfarrer. Er hatte sich auf dem Friedhof erhängt.“

Murphy strich sich mit den Fingern über seinen Bart. Er versuchte, einen Punkt zu finden, an dem er ansetzen konnte. Doch irgendwie wollte ihm das nicht gelingen. Ein paar entscheidende Teile fehlten noch in dem Puzzle. Es war unbestreitbar, dass hinter den Vorkommnissen eine dunkle Macht steckte, doch die Quelle konnte der Dämonenjäger nicht ausfindig machen. Ein Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken.

Die Haustür wurde geöffnet und eine Kinderstimme verkündete: „Ich bin wieder da!“

Kurz darauf erschien ein etwa zwölfjähriger Junge im Zimmer.

„Hallo, Rick“, entgegnete der Bürgermeister. „Das ist mein Freund David Murphy.“ Er deutete auf den korpulenten Mann, der ihm gegenübersaß.

Rick hob grüßend die Hand. „Hallo, Mister Murphy!“

„Hallo, Rick!“

Der Junge wandte sich an seinen Vater. „Ich gehe nach oben und spiele noch ein bisschen am Computer.“

„Ist gut. Aber mach nicht so lange. Es gibt bald Abendessen.“

„Okay.“

Der Junge wandte sich um und verschwand im oberen Stockwerk. Murphy schaute aus dem Fenster. Die Sonne war mittlerweile untergegangen und die Wolkenränder färbten sich leuchtend rot. Der Tag neigte sich dem Ende. Sean stellte sein Glas auf den Tisch und federte aus dem Sessel in den Stand.

„Komm“, sagte er, „ich zeige dir jetzt erstmal dein Zimmer, und anschließend werde ich uns ein anständiges Abendessen zubereiten. Was hältst du von Putenfilet in Senfsoße?“

„Klingt gut“, antwortete der Dämonenjäger.

––––––––

image

SEAN WAR WIRKLICH EIN ausgezeichneter Koch, das musste Murphy neidlos anerkennen. Die Filets schmeckten köstlich und zergingen fast auf der Zunge. Während des Essens drehte sich ihre Unterhaltung um alles Mögliche, nur nicht um die unheimlichen Vorgänge in Maidenhood. Murphy langte tüchtig zu. Immerhin hatte er seit Stunden nichts mehr gegessen, von der Bordverpflegung im Flugzeug einmal abgesehen. Aber dieser matschigen Fertignahrung konnte er noch nie etwas abgewinnen. Nach dem Essen war Rick sofort wieder in seinem Zimmer verschwunden.

„Was hältst du eigentlich davon“, fragte Sean, während er aufstand und die Teller abräumte, „wenn wir noch einen Spaziergang durchs Dorf machen?“

„Okay!“, erwiderte Murphy.

––––––––

image

DAS WIRD NOCH EIN böses Ende nehmen.“

Jeffrey Rickman wischte sich mit dem Handrücken den Schaum vom Mund. Gerade hatte der Metzger einen halben Liter Bier in seine durstige Kehle fließen lassen. So, wie er es jeden Abend tat, wenn er unter den niedrigen, rauchgeschwärzten Balken vom GOLDEN LION hockte. In den Augen des Mannes mit den schwellenden Muskelpaketen stand Furcht. Er war davon überzeugt, dass selbst der stärkste Kerl der Welt nichts gegen die Gefahren dort draußen unternehmen konnte.

„Ein ganz böses Ende, das sage ich euch.“

Keiner der anderen beiden Zecher reagierte. Die Männer wussten, dass es nach Einbruch der Dunkelheit nicht mit rechten Dingen zuging in Maidenhood. Deshalb mussten sie sich auch gewaltig Mut antrinken, bevor sie sich auf den Heimweg machten. Und sie tranken ziemlich viel.

Charlie Stewart saß schon seit dem späten Nachmittag im Pub, was seiner Frau Alice mit Sicherheit nicht gefiel. Aber Standpauken, wenn er betrunken heimkam, war er mittlerweile gewöhnt. Auch Monty McCormick, der Besitzer des Lebensmittelgeschäfts, hatte schon etliche Biere in sich hinein geschüttet.

„Wir alle werden sterben“, sagte der Metzger.

Die anderen Männer starrten ihn vernichtend an. So, als ob er das Entsetzen einladen würde, in dem er es beim Namen nannte.

„Halt endlich die Klappe!“, knurrte Roger Barnett grob. Der Wirt und Inhaber vom GOLDEN LION hatte große Ähnlichkeit mit einem Grizzlybären, so stämmig gebaut und behaart war der Mann in der stets schmutzigen Schürze. Er hatte den Laden vor fast zwanzig Jahren von seinem Vater übernommen und verdiente damit gerade genug Geld, um seine Familie ernähren zu können, ohne großartig schuften zu müssen. Und das genügte ihm.

Barnett trat näher an den Meztger heran. „Trink lieber noch einen oder verschwinde. Aber lass endlich dein blödes Gequatsche. Ich will hier so etwas nicht hören, verstanden!“

Der Metzger senkte den Blick. Vor Barnett hatte selbst er Respekt, genauso wie die beiden anderen Zecher. Darum traute sich auch keiner von ihnen, seine Augen auf den Wirt zu richten. Der Metzger leerte sein Glas und hielt es Barnett entgegen.

„Hast ja Recht, Roger. Wir können doch nichts ändern. Gib mir noch ein Guinness.“

„In Ordnung“, knurrte der Mann hinter der Theke halbwegs besänftigt.

Auch die beiden anderen Männer wollten jetzt noch mehr Bier haben. Da ertönte vor der Tür ein Poltern. Die Männer zuckten zusammen. Sie saßen mit dem Rücken zur Tür. Keiner traute sich, den Blick nach hinten zu richten. Bisher war man in Maidenhood nachts in den Häusern relativ sicher gewesen. Aber was, wenn das nicht mehr galt?

Nun waren Schritte zu hören. Selbst dem breitschultrigen Wirt zitterten die Hände. Roger Barnett war eigentlich nie ängstlich gewesen, doch die unheimlichen Ereignisse hier im Ort hatten auch bei ihm Spuren hinterlassen. Die niedrige Decke der düsteren Schankstube schien sich nach unten zu senken, um die Männer unter sich zu zerquetschen. Doch das war nur eine Sinnestäuschung. Genau wie der eiskalte Hauch, den die Anwesenden plötzlich zu spüren glaubten. Langsam und knarrend schwang die schwere Holztür auf.

––––––––

image

VIER ÄNGSTLICH DREINBLICKENDE Augenpaare starrten David Murphy und Sean Patterson an, als sie den Pub betraten. Es dauerte einige Sekunden, bis die Anspanung in den Gesichtern der Männer am Tresen verschwand. Der Wirt fand als Erster seine Sprache wieder.

„Guten Abend, Bürgermeister“, sagte er mit leicht zitternder Stimme.

Der Angesprochene nickte kurz, dann setzten sich die beiden Männer an einen der Tische, der etwas abseits lag. Sich an der Theke niederzulassen, wäre nicht sehr vorteilhaft gewesen. Sie wollten ungestört sein. Barnett stand für einen Augenblick da, als sei er hinter dem Tresen festgewachsen. Doch dann erinnerte er sich daran, dass er ja der Besitzer war und ging mit schnellen Schritten auf den Tisch zu.

„Was darf‘s sein?“, fragte Barnett, während er sich die Hände an der dreckigen Schürze abwischte.

Sean Patterson lächelte und zeigte seine strahlend weißen Zähne. „Zwei Guinness, bitte.“

„Kommen sofort.“

Der Wirt bedachte Murphy mit einem missbilligenden Blick und trabte davon. Offenbar war er nicht gut auf Fremde zu sprechen. Auch dann nicht, wenn er dadurch Geld verdienen konnte.

„Die Nerven der Leute liegen blank“, sagte Sean, als wolle er damit das Verhalten des Wirts entschuldigen. „Normalerweise ist er nicht so abweisend.“

„Schon okay“, entgegnete Murphy.

Eine Weile herrschte Schweigen zwischen den beiden Männern. Sie wechselten kein Wort, als ob sie sich nichts mehr zu sagen hätten. Und dabei gab es in Wirklichkeit noch so viel zu besprechen.

„Sag mal“, unterbrach Murphy schließlich das Schweigen, „erinnerst du dich noch an den alten Paul Curtis?“

„Den Besitzer der Autoreparaturwerkstatt?“

„Ja.“

„Na klar, wie könnte ich den vergessen?“ fragte Sean grinsend. „Weißt du noch, wie oft wir als Kinder da herumgehangen haben, während er diese Schrottmühlen repariert hat?“

„Oh ja! Und es gab wirklich keinen Wagen, den er nicht wieder hinbekommen hätte.“

Sean Patterson seufzte. „Manchmal vermisse ich diese alten Zeiten.“

Ihre Unterhaltung wurde unterbrochen, als der Wirt herantrat und die bestellten Biere brachte. Sean drückte ihm ein paar Münzen in die Hand und Roger Barnett ging wieder.

„Auf die alten Zeiten“, sagte der Dämonenjäger und erhob sein Glas.

„Ja“, bestätigte Sean.

Die beiden Männer leerten ihre Gläser in einem Zug.

Dann fragte Murphy: „Lebt Curtis eigentlich noch?“

„Soweit ich weiß, ist er vor ein paar Jahren gestorben. Im Gefängnis.“

Murphy zog erstaunt die Augenbrauen hoch. „Curtis war im Knast? Weswegen?“

„Er hat gebrauchte Autos verkauft.“

„Seit wann ist das strafbar?“

„Nun, die eigentlichen Besitzer waren mit dem „Gebrauchen“ noch nicht fertig.“

„Verstehe“, entgegnete Murphy lachend. „Ja, der alte Curtis war schon ein Schlitzohr.“

„Und was für eins. Manchmal hat er sogar ...“

„Horch“, unterbrach Murphy ihn. „Was ist das?“

Von irgendwoher ertönten leise kurze Pfiffe und ein merkwürdiges Rascheln. Je länger die beiden Männer mit angehaltenem Atem zuhörten, desto überzeugter waren sie, dass sie es nicht mit einem von Menschen verursachten Geräusch zu tun hatten. Auch der Wirt und die anderen Gäste horchten mittlerweile auf. Zuerst glaubten sie, es sei der Wind, der um die Häuser wehte. Bald aber wurde ihnen klar, dass ihnen die Ohren einen bösen Streich spielten. Voller Verunsicherung sahen sie sich an. In ihren Pupillen begann erneut die Angst zu leuchten. Keiner der Männer am Tresen sagte ein Wort. Das Entsetzen griff wie eine kalte Hand nach ihren Herzen. Langsam, ganz langsam.

„Was ist das?“ flüsterte Sean.

Anstelle einer Antwort zuckte der Dämonenjäger nur mit den Schultern. Das Geräusch wurde lauter. Durch die geschlossenen Fenster klang es dumpf und unheimlich. Murphy reagierte sofort. Er sprang hoch, rannte zur Tür und riss sie auf. Sekundenlang blieb der Kämpfer des Lichts auf der nächtlichen Straße stehen, scheinbar erstarrt wie eine Salzsäule. Die Dunkelheit war erfüllt von kreischenden, pfeifenden Lauten. Murphy orientierte sich. Die Straße war leer. Sein Blick wanderte nach oben. Hunderte von flatternden Wesen bevölkerten den Himmel. Ihre schrillen Rufe hallten durch die Nacht.

Nun gab es auch für die anderen Männer kein Halten mehr. Patterson stürmte als Erster ins Freie, dann folgten Barnett, McCormick, Stewart und zum Schluss Rickman. Ihnen bot sich ein Anblick des Grauens. Mit offenen Mündern standen sie da und starrten auf das gespenstische Schauspiel.

„Fledermäuse!“ stieß Sean hervor. „Wo kommen die nur alle her?“

„Sehr ihr“, sagte der Metzger, „ich hatte recht. Wir werden alle sterben.“

„Ach, halt endlich die Klappe!“, knurrte Barnett. „Mir geht dein blödes Gejammer allmählich auf die Nerven.“

Ein Mädchen kam die Straße herauf. Murphy entdeckte sie zuerst. Sie schien in Gedanken versunken, ahnte nichts von der Gefahr über ihr. Das Mädchen konnte nicht älter als fünfzehn oder sechszehn sein. Sie war blond, schlank und jung. Und sie ging in ihr Verderben.

„Das ist meine Tochter!“, rief Barnett. „Geena! Schnell, hierher!“

Das Mädchen blieb stehen. Zum ersten Mal sah sie aus ihrer Versunkenheit auf und zum Himmel empor. Einen Augenblick lang war ihr Gesicht wie erstarrt. Es schien, als hätte etwas ihre Gedanken ausgeschaltet und sie zu einer Marionette werden lassen. Dann, ganz plötzlich erwachte sie aus ihrer Lethargie. Entsetzen verzerrte ihre Züge. Verzweifelt schaute sich das Mädchen um. Sie musste weg, irgendwie!

Murphy reagierte blitzschnell. Mit einer Behändigkeit, die man einem Mann seiner Statur niemals zugetraut hätte, hetzte der Dämonenjäger über die Straße. Noch bevor er das Mädchen erreichte, senkten sich dunkle Schatten auf sie herab. Geena Barnett wich zurück, aber die Schatten umhüllten sie mit ihren schwarzen Schwingen. Ein spitzer Schrei gellte über die Straße, dann sackte das Mädchen unter dem Gewicht der Fledermäuse zu Boden.

„Großer Gott!“, entfuhr es dem Metzger.

Murphy erreichte das zuckende Knäuel, konzentrierte sich und murmelte eine Abwehrformel. Augenblicklich ließen die Fledermäuse von ihrem Opfer ab. Sie stoben auseinander und erhoben sich mit lautem Kreischen in den Himmel. Murphy half dem Mädchen auf die Füße. Sie schluchzte hemmungslos vor sich hin. Ihr Make-up war von Tränen verwischt. Einige Kratzer zeichneten sich auf der Stirn und den Wangen ab. Davon abgesehen schien sie unverletzt.

Murphy konnte nun auch erkennen, warum sie das Kreischen der Fledermäuse nicht gehört hatte. An ihrem Gürtel befand sich ein MP3-Player, von dem ein Kabel mit Ohrsteckern herunter baumelte. Trotz des Lärms, der die Luft erfüllte, war die wummernde Techno-Musik ganz deutlich zu hören. Murphy machte zwei Schritte zur Seite, zog das Mädchen mit sich und beobachtete gleichzeitig die Bewegungen der Fledermäuse. Sie kamen näher, kreisten ihn und Geena ein. Ihr Handeln geschah nicht instinktiv, sondern überlegt. Sie agierten nicht allein. Jemand steuerte sie.

„Vorwärts!“, brüllte Murphy.

Er packte das Mädchen und zog sie hinter sich her. Sofort nahmen die Fledermäuse die Verfolgung auf. Ihre Zahl übertraf bei Weitem die kämpferischen Möglichkeiten eines einzelnen Mannes. Murphy wusste, dass er dieser Übermacht im Augenblick nichts entgegenzusetzen hatte.

„Sie werden uns töten“, stieß das Mädchen erregt hervor. Ihr Blick flackerte.

Das Rascheln der Flügel wurde laute und die schwarze Wolke senkte sich immer weiter herab. Geena stolperte. Dem Dämonenjäger gelang es gerade noch, sie aufzufangen.

Bloß nicht stürzen! Sonst sind wir verloren!

Das war im Moment sein einziger Gedanke. Die Fledermäuse hatten sie fast eingeholt. Murphy und das Mädchen rannten auf den Eingang des Pubs zu. Jeder Schritt schien eine Ewigkeit zu dauern. Das Ziel war zum Greifen nahe und doch soweit entfernt. Es schien, als würden sie es niemals rechtzeitig schaffen. Immer wieder blickten sie sich um. Die Fledermäuse kamen rasend schnell näher. Schon glaubte das Mädchen, die spitzen Vampirzähne in ihrem Genick zu spüren.

Die anderen Männer hatten die ganze Zeit wie erstarrt dagestanden. Doch jetzt kam Bewegung in die kleine Gruppe. Sie liefen den Flüchtenden einige Schritte entgegen und versuchten durch lautes Schreien, die Fledermäuse zu verscheuchen. Allerdings zeigten sich die Tiere davon nicht im Geringsten beeindruckt. Murphy und das Mädchen erreichten mit letzter Kraft den Eingang. Er schob Geena über die Schwelle und rief den anderen zu: „Los! Rein!“

Die Angesprochenen reagierten sofort. Sie wandten sich um und stürmten in den Pub. Murphy schlug die Tür hinter ihnen zu. Nach Atem ringend, lehnte er sich dagegen. Draußen ertönten klatschende Geräusche. Einige der Fledermäuse hatten offenbar nicht mehr rechtzeitig die Kurve gekriegt und waren gegen die schwere Eichentür geprallt. Murphy wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er atmete noch immer keuchend, und sein rasender Herzschlag beruhigte sich nur langsam. Aus den Augenwinkeln heraus konnte er beobachten, wie der Wirt seine Tochter in die Arme schloss und an sich drückte.

Die Verkrampfung in Geena ließ nur langsam nach. Zu groß war noch der Schock, dem Grauen so nahe gewesen zu sein. Ihr Gesicht spiegelte das nackte Entsetzen wider. Es dauerte mehrere Minuten, bis sie sich einigermaßen gefangen hatte. Roger Barnett löste sich langsam von ihr und trat an Murphy heran.

„Ich danke Ihnen, dass Sie meine Tochter gerettet haben“, sagte er leise. „Das vergesse ich Ihnen nie.“ Sein Gesicht war blass und zeigte noch deutlich den Schrecken.

„Keine Ursache“, entgegnete der Dämonenjäger mit einem flüchtigen Lächeln.

Draußen war es inzwischen still geworden. Das Kreischen hatte aufgehört. Murphy öffnete die Tür und konnte gerade noch sehen, wie die letzten Fledermäuse zwischen den Bäumen verschwanden. Der Spuk war ebenso schnell wieder vorbei, wie er begonnen hatte. Murphy trat auf die Straße und schaute sich um. Lichtschein drang aus vereinzelten Fenstern. Bleiche Gesichter tauchten hinter den Scheiben auf. Sie blickten reglos und mit weiten Augen nach draußen.

„Verstehst du jetzt, was wir hier durchmachen?“, fragte Sean, als er neben Murphy trat.

Der rothaarige Mann nickte. Eine Weile sprach keiner von ihnen ein Wort. Jeder hing seinen Gedanken nach. Schließlich brach Sean das Schweigen.

„Was veranlasst diese Tiere bloß dazu, so etwas zu tun?“

„Genau kann ich dir das auch nicht sagen.“

Der Bürgermeister bedachte Murphy mit einem sorgenvollen Blick.

„Einige Leute hier im Ort glauben, das hat etwas mit der Umweltverschmutzung oder der Erderwärmung zu tun. Manche behaupten sogar, es sei das Werk von Außerirdischen oder dem Militär.“

„Das halte ich für ausgeschlossen. Da steckt etwas anderes dahinter.“

„Hast du einen Verdacht?“

„Noch nicht. Ich will mir erst einmal einen genauen Überblick verschaffen.“

Der Bürgermeister seufzte. Murphy konnte seinem Freund ansehen, dass er sich von ihm etwas mehr Unterstützung erhofft hatte. Doch das war nicht so einfach, zumal der Dämonenjäger selbst noch keine Ahnung hatte, was hier eigentlich vor sich ging. Tatsache war lediglich, dass die Tiere ihre Angriffe nicht von selbst starteten. Jemand lenkte sie. Doch wozu? Was wollte der Betreffende damit erreichen? Und handelte er überhaupt allein? Genauso gut konnten auch zwei oder drei Menschen dahinter stecken.

Menschen?

Nein, hier ging etwas Übernatürliches vor. Wenn Menschen darin verwickelt waren, dann ganz bestimmt nur als Werkzeug. Die Taktik war einfach, aber genial. Das Grauen und die Furcht nahmen allmählich apokalyptische Formen an und brachten die Menschen langsam aber sicher an den Rand des Wahnsinns. Und dann würden die Täter zuschlagen. Irgendwie, aber mit einer Intensität, die Maidenhood erlahmen lassen würde. Nachdenklich ging Murphy zurück in die Schankstube. Sean folgte ihm. Der Wirt kamen ihnen entgegen und reichte jedem ein frisch gezapftes Bier.

„Geht auf Kosten des Hauses“, sagte er. Die Ereignisse der letzten Minuten hatten seine anfangs ablehnende Haltung gegenüber dem Fremden schlagartig geändert.

––––––––

image

MIT ATEMBERAUBENDER Geschwindigkeit raste der silberfarbene Renngleiter durch die düstere Straßenkulisse. Rick schwitzte. Die blonden Haare klebten an seiner Stirn. In einer scharfen Kurve drehte er das Lenkrad nach rechts und der Gleiter kam leicht ins Schlingern. Doch der Junge konnte den Flitzer gerade noch abfangen. Hinter der Kurve befanden sich äußerst ungünstig platzierte Bodenminen. Rick betätigte den Bremsknopf und fuhr in leichten Schlangenlinien an den Hindernissen vorbei. Danach gab er sofort wieder Gas.

Abermals folgte ein kurvenreicher Abschnitt. Der Junge musste das Tempo drosseln, um dann sofort wieder zu beschleunigen. Seine Nerven waren angespannt. Die Links-Rechts-Kombinationen verlangten ihm schnelle und präzise Manöver ab. Ein zweiter Gleiter tauchte auf und begann mit einem waghalsigen Überholvorgang. Rick drehte das Lenkrad blitzschnell nach rechts, um den Gegner zu rammen. Dieser wich einige Male geschickt aus. Doch beim dritten Versuch hatte der Junge es geschafft. Der gegnerische Flitzer geriet in Schleudern und krachte gegen eine Hauswand. Die Zielgerade war zum Greifen nahe. Rick zündete den Turbo und holte das Letzte aus dem Gleiter heraus. Mit Vollgas raste er über die Ziellinie. Ein roter Schriftzug erschien auf dem Bildschirm. GRATULATION! DU HAST GEWONNEN!

Zufrieden lehnte sich der Junge zurück und blickte auf den seit Stunden laufenden Computer. Endlich war es soweit. Nach mehreren vergeblichen Anläufen hatte er den letzten Level des Rennspiels geschafft. Seine Anspannung ließ nach. Er schaute zu der großen Uhr, die an der Wand hing. Viertel nach elf. Rick streckte sich und gähnte herzhaft. Für heute hatte er genug gespielt. Außerdem musste er morgen früh in die Schule. Rick beendete das Programm und schaltete den Computer aus. Er war hundemüde. Eine bleierne Schwere hatte sich auf seine Glieder gesenkt. Mit einer fahrigen Geste strich er sich über die Augen, stand langsam auf und schob den Stuhl zur Seite.

Dann trat er ans Fenster. Ein bleicher Vollmond leuchtete am Himmel. Sterne funkelten wie kleine Diamanten. Rick zog die Vorhänge zu und kleidet sich aus. Die Sachen landeten achtlos auf dem Boden. Während er sich den Schlafanzug überstreifte, fiel sein Blick auf das Bild seiner Mutter, das neben der Lampe auf dem Nachttisch stand. Er vermisste sie und hätte alles dafür gegeben, damit sich seine Eltern wieder vertragen und zusammenziehen. Doch die Chancen, dass das jemals geschehen würde, schienen verschwindend gering. In dem Augenblick, als seine Eltern sich getrennt hatten, war für den Jungen eine Welt zusammengebrochen. Anfangs glaubte er, dass sie ihn in ein Internat stecken würden, doch soweit war es dann doch nicht gekommen. Eigentlich konnte er mit der jetzigen Situation ganz zufrieden sein. Auch wenn sein Vater nicht zu den Männern gehörte, die es verstanden, ihren Kindern ihre Liebe zu zeigen, fühlte Rick sich doch bei ihm geborgen und wusste, dass er sich auf ihn verlassen konnte.

Sein Vater legte großen Wert auf gute Noten und Rick strengte sich mächtig an, um ihn nicht zu enttäuschen. Fiel eine Note doch mal nicht so gut aus, dann machte sein Vater darum kein großes Theater.

„Das nächste Mal wird es wieder besser sein“, pflegte er in einem solchen Fall zu sagen.

Seine Mutter sah der Junge höchsten zwei- oder dreimal pro Jahr. Immer dann, wenn er sie während der Schulferien für einige Wochen in London besuchte. Sobald der Junge zu angestrengt über alles nachdachte, verschwamm die Umgebung vor seinen Augen und er fürchtete, in ein schwarzes Loch zu stürzen. Einen tiefen Brunnenschacht, aus dem er nie wieder ans Licht steigen würde.

Rick legte sich ins Bett und schaltete die Nachttischlampe aus. Zunächst versank er nur in einen leichten Schlaf, der erfüllt war von den verschiedensten Farben, bis er auf federleichten Schwingen einen grauen Tunnel entlang schwebte. Aus Grau wurde Schwarz. Rick fiel mit wundervoller Schwerelosigkeit in einen bodenlosen Abgrund, an dessen Ende eine Substanz aus purer Finsternis wogte. Für einen kurzen Moment fühlte sich der Junge unvorstellbar allein.

Als die wabernde Substanz ihn einzuhüllen begann, wollte er instinktiv zurückweichen, doch entgegen seiner Befürchtung war sie weich und warm. Die Dunkelheit umarmte ihn mit einer Zuneigung, die er nie zuvor erfahren hatte. Und er ließ sich einfach fallen, tiefer und tiefer. Die Umhüllung war sanft. Er konnte sich in dieser Substanz bewegen, wie immer er wollte. Hinein- oder hindurch greifen und die Schwärze zwischen seinen Fingern zerrinnen lassen. Es war ihm auch möglich, sich darin zu drehen, wie ein Fisch im Wasser.

Schon mehrmals in den letzten Wochen hatte er solche ungewöhnlichen Empfindungen. War es wirklich nur ein Traum? Der Junge hatte keine Antwort darauf. Doch es war unwichtig, sich damit zu beschäftigen. Rick fürchtete fast, mit dieser Frage all seine angenehmen Gefühle zu verscheuchen. Unaufhaltsam glitt er immer tiefer in den Schlaf. Wärme umfing ihn, die nur mit der Wärme im Innern des Mutterleibes vergleichbar war. Er fühlte, wie sich sein Körper gleichsam aus dem Gefüge des Hier und Jetzt herauswand, um durch das pulsierende Zentrum eines magischen Tores zu fallen.

Ein wohltuendes Saugen entstand in seinem Kopf und etwas nahm die letzten Reste seines wachen Verstandes in sich auf. Er betrat eine Welt satanischer Träume und versank in einem schwarzen Strudel, der ihn wie ein Mahlstrom in unergründliche Tiefen herabzog. Ricks Körper bewegte sich unruhig im Schlaf. Er zerwühlte das schweißgetränkte Laken und stöhnte mehrmals laut auf. Visionen mischten sich mit den Bruchstücken seiner Erinnerungen und seiner Ängste. Der Junge schlief tief und fest. So spürte er auch nicht den tastenden Druck in seinem Kopf. Wie feine Nadelspitzen bohrte er sich in die Gehirnwindungen des Kindes, erreichte die Seele und umklammerte sie mit der geballten Kraft seiner Schwärze, um dann endgültig die Kontrolle zu übernehmen. Es war kein Wesen und kein Geist, nur Gedankenschwingungen ... und sie waren sehr intensiv.

––––––––

image

MURPHY WÄLZTE SICH im Bett hin und her. Obwohl er sehr müde war, fand er keinen Schlaf. Seine Gedanken bewegten sich im Kreis. Er spürte die unheimliche Bedrohung, ohne sie jedoch genau benennen zu können. Noch wusste er nicht so recht, wo und wie er seinen Hebel ansetzen sollte. Murphy war gezwungen, den nächsten Schritt seiner Gegner abzuwarten. Sobald das geschehen war, konnte er reagieren.

Nicht vorher.

Warten war aber das, was er am schlechtesten konnte. Er war ein Mann der Tat. Murphy trieb die Geschehnisse gern voran. Nur so bekam er sie in den Griff. Doch im Augenblick blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in Geduld zu fassen. Mondlicht fiel durch einen schmalen Spalt zwischen den Vorhängen und malte einen hellen Streifen an die Decke des Zimmers. Ansonsten war es dunkel. Schatten und Finsternis hielten die Ecke und den hinteren Teil fest in ihrem Griff. Doch es war eine Dunkelheit, die etwas Beruhigendes hatte. Im ganzen Haus herrschte tiefe Stille. Murphy schloss die Augen und versuchte, zu schlafen. Heute konnte er sowieso nichts mehr ausrichten.

Plötzlich ertönte ein Geräusch. Es klang wie das verhaltene Knarren einer Bodendiele. Danach herrschte wieder Stille. Jemand befand sich draußen auf dem Flur. Murphy witterte es förmlich. Wieder hörte er ein Geräusch. Schleichende Schritte entfernten sich. Kurz darauf wurde die Haustür leise geöffnet und wieder geschlossen.

Murphy sprang aus dem Bett. Er trat schräg von der Seite ans Fenster und blieb so stehen, dass man ihn von draußen nicht sehen konnte. Aufmerksam blickte er in den Vorgarten, der in helles Mondlicht getaucht wurde. Eine Gestalt entfernte sich mit raschen Schritten vom Haus und überquerte die Straße. Rick Patterson! Der Junge trug einen hellblauen Schlafanzug. Seine Füße steckten in kleinen Pantoffeln. Der Dämonenjäger runzelte die Stirn. Wo wollte der Junge so spät noch hin? Was hatte er vor?

Murphy beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Rasch zog er seine Schuhe an, streifte den Morgenmantel über und öffnete die Zimmertür. Im Haus war es immer noch ruhig. Er schlich den Flur entlang und stieg die Treppe hinunter ins Erdgeschoss. Allerdings gelang es ihm nicht ganz so geräuschlos, wie dem Jungen. Die Stufen ächzten und knarrten unter seinem Gewicht. Murphy erreichte die Haustür. Er öffnete sie und trat ins Freie. Die Nachtluft war kühl. Ein leichter Windzug streifte über sein Gesicht. Der Dämonenjäger ließ seinen Blick umherschweifen. Die Straßen lagen wie ausgestorben. Ein Hund kläffte. In einigen Häusern brannte noch Licht, aber niemand steckte auch nur den Kopf aus dem Fenster.

Die Uhr der kleinen Kirche schlug zwölf Mal, als Murphy den Jungen im Schatten eines Hauses entdeckte. Wie eine Marionette, die an Fäden gezogen wurde, ging er die Straße entlang und war kurz darauf in einer engen düsteren Gasse verschwunden. Murphy ließ die Haustür angelehnt, dann folgte er dem Jungen. Fast lautlos glitt der Dämonenjäger durch die engen Straßen, vorbei an den dunklen Umrissen der Häuser und den schwarzen Löchern ihrer schattigen Eingänge, immer bemüht, nicht von Rick entdeckt zu werden.

Ein raschelndes Geräusch ließ Murphy kurz innehalten. Im nächsten Augenblick jagte eine schwarze Katze über die Straße und verschwand mit langen Sätzen zwischen den Häusern. Sekunden später hatte sie die Nacht verschluckt. Vorsichtig setzte der Dämonenjäger seinen Weg fort. Jetzt kam eine besonders finstere Gasse. Hier standen alte, teilweise schief und zu hoch gebaute Häuser so dicht beieinander, dass man den Eindruck hatte, ihre Dächer würden sich gegenseitig berühren. Murphy tastete sich langsam vorwärts. Die linke Hauswand neigte sich bedrückend über die Gasse. Hier war es stockfinster. Keine Straßenlaterne, kein Licht hinter den Fenstern. Trotzdem konnte Murphy in einiger Entfernung die Umrisse des Jungen erkennen. Die Verfolgung zog sich quälend dahin. Dennoch kam der Dämonenjäger nicht auf den Gedanken, umzukehren. Es war Nacht und der Junge war auf den Beinen. Das genügte, um seinen Argwohn und seine Neugier wach zu halten.

Bald ließen sie den Ort hinter sich und es ging über Stock und Stein. Das leicht hügelige Gelände mit seinen trostlosen Wiesen, das nur von einigen Hecken durchbrochen wurde, stieg leicht an. Murphy hatte die ganze Zeit über seine Umgebung nicht richtig wahrgenommen. In ihm herrschte wieder diese undefinierbare Unruhe, die sich langsam, aber sicher steigerte. Mehr als einmal hatte er das Gefühl, von unsichtbaren Augen beobachtet zu werden. Seine Nerven vibrierten. Es war so, als fühle er im Unterbewusstsein eine unsichtbare Gefahr, die lautlos wie eine giftige Schlange auf ihn lauerte, um plötzlich zuzubeißen.

Rechts und links des Weges tauchten hohe Bäume auf. Die kahlen Äste ragten in den nächtlichen Himmel und schienen nach etwas Imaginärem zu greifen. Mehrmals geriet Murphy auf dem feuchten Laub des ungepflasterten Pfades ins Rutschen, aber er stürzte nicht. Nach einiger Zeit gelangte er auf einen schmalen Weg. Der Boden war steinig, an mehreren Stellen auch aufgerissen. Kälte und Wärme hatten ihre Spuren hinterlassen. Zu beiden Seiten säumten Büsche seinen Verlauf. Er führte in die Höhe, einem kleinen Hügel entgegen, auf dem Krüppelbäume wuchsen. Sie bildeten eine Art Gasse. Der Wind rauschte geisterhaft in den Baumkronen. Äste knarrten unheimlich, und manchmal brach ein morscher Zweig ab und fiel zu Boden.

Urplötzlich änderte sich die Umgebung und gab den Blick auf eine gewaltige Burgruine preis. Bizarr und drohend hob sich die Silhouette vom sternenklaren Nachthimmel ab. Vier Türme wachten über die bewaldeten Täler. Das Gemäuer selbst schien kein Leben in sich zu haben, keine Seele, kein Pulsieren. Es stand da wie schon vor Hunderten von Jahren und war ganz einfach nur alt und unheimlich.

Aber der Schein trog.

Murphy konnte beobachten, wie der Junge zwischen den Ruinen verschwand. Was trieb ihn nur an diesen Ort? Langsam ging der Dämonenjäger weiter und trat durch den Torbogen, um ins Innere der Burg zu gelangen. Misstrauisch blickte er zu dem hochgezogenen Fallgitter hinauf. Die rostigen Halteketten machten keinen besonders vertrauenswürdigen Eindruck. Bald befand sich Murphy in einem breit angelegten Innenhof. Die Fassaden der einzelnen Gebäude, die ein Viereck bildeten, waren verrottet. Überall zwischen den Fugen des alten Kopfsteinpflasters wucherte Unkraut und in den glaslosen Fensternischen heulte der Wind. Zu seiner Rechten erkannte er einen langgezogenen Bau mit kleinen Simsen und Vorsprüngen.

Eine schmale Treppe führte in das Untergeschoss. Mit gemischten Gefühlen stieg Murphy die verwitterten Stufen hinab. Es wurde plötzlich spürbar kälter. Ein muffiger, feuchter Hauch wehte zu ihm hinauf. Nach einigen Schritten blieb er stehen und lauschte. Kaum ein Geräusch drang an seine Ohren, nur ein paar Wortfetzen. Aber sie waren sehr leise und sehr weit entfernt, sodass er im ersten Moment nicht beurteilen konnte, ob sie real oder nur eingebildet waren. Doch es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Murphy setzte sich langsam wieder in Bewegung. Weiter und weiter führte die Treppe hinab. Sie schien kein Ende zu nehmen. Nach einer Ewigkeit erreichte er endlich die letzte Stufe. Vor ihm befand sich ein riesiges Gewölbe, das viel besser erhalten war, als die Ruinen über der Erde.

Ein gespenstisches Leuchten erfüllte den Raum, dessen Quelle sich offenbar im hinteren Teil befand. Stimmen ertönten und Schatten huschten umher. Aber sie waren zu weit entfernt, als dass Murphy sie deutlich hätte erkennen können. Der Dämonenjäger pirschte sich in geduckter Haltung bis auf wenige Schritte heran und ging hinter einem Felsblock in Deckung. Er konnte nun sehen, dass sich vor ihm eine Menschenmenge versammelt hatte, die etwa fünfzehn Personen umfasste. Es waren ausnahmslos Kinder, Mädchen und Jungen in Schlafanzügen. Und Rick Patterson befand sich unter ihnen.

Murphy bezweifelte allerdings, dass es sich hier um den bizarren Ableger einer Pyjamaparty handelte. Vielmehr erschien ihm das Ganze wie eine unheimliche Verschwörung und er hegte keinen Zweifel daran, dass hier im Geheimen etwas vor sich ging. Die Kinder hatten sich um ein grün leuchtendes Objekt versammelt. Der Widerschein tanzte über ihre Gesichter. Schatten und Licht wechselten sich ab. In den Augen der Kinder wirbelten kleine Funken, die aussahen, als würden die Pupillen zersprühen. Von seiner Position aus konnte Murphy den Gegenstand zwar nicht genau erkennen, aber seine sensiblen Sinne rebellierten. Das Böse war greifbar nahe.

Die Kinder legten ihre Hände auf das Objekt. Sekundenlang geschah nichts. Dann veränderte sich das Licht. Es flackerte, wurde heller und gleichzeitig kräftiger. Ein glühendes, brennendes Leuchten begann sich unter der gewölbten Decke auszubreiten, ballte sich zusammen, bildete bizarre Umrisse und Formen, bis über den Kindern eine riesige Wolke waberte. Etwas Unheiliges durchströmte die Gruppe und versetzte sie in fiebrige Spannung. Niemand sprach auch nur ein Wort. Murphy glaubte verschwommene Gestalten im Zentrum der Wolke auszumachen, aber die Konturen verschwammen immer sofort, ohne dass er Genaueres erkennen konnte.

Knisternde Spannung lag in der Luft. Die Atmosphäre war so dicht und energiegeladen, dass den Dämonenjäger fast der Atem wegblieb. Langsam bewegte er sich einige Schritte vorwärts, um besser sehen zu können. Da lösten sich plötzlich Steine aus dem Felsblock und fielen polternd zu Boden. Augenblicklich wirbelten die Kinder herum. Im selben Moment begann die Wolke zu flackern, verlor an Glanz und wurde schwächer.

„Ein Eindringling!“ rief Rick. Seine Stimme klang kalt und völlig gefühllos. „Ergreift ihn!“

Details

Seiten
140
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738915969
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Dezember)
Schlagworte
boten verdammnis

Autor

Zurück

Titel: Boten der Verdammnis