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Satan Ozean

©2017 280 Seiten

Zusammenfassung

Jack ist ein Abenteurer und als ihm sein Geld ausgeht, will er in San Francisco auf einem Segler anheuern. Stattdessen wird er von dem Seelenverkäufer Swanson schangheit und landet ungewollt auf dem Dampfer „Athabaska“, einem Stationsschiff, das über die Meere fährt und Alkohol schmuggelt, ohne jemals irgendwo anzulegen. An Bord herrschen raue Sitten, der Kapitän und die Offiziere prügeln die Mannschaft gnadenlos. Nach einer Meuterei gerät der Dampfer in einen Zyklon und läuft auf Grund. Den Matrosen gelingt die Flucht. Jack und der Norweger Jensen heuern daraufhin auf dem alten Walfangschiff „Northern Star“ an – doch die gnadenlose Jagd auf die unschuldigen Riesengeschöpfe auf der gefährlichen Route durch das Eismeer wird für Jack zu einer Fahrt durch die Hölle ...

Leseprobe

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Satan Ozean

Roman von Ernst F. Löhndorff

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Der Umfang dieses Buchs entspricht 297 Taschenbuchseiten.

Jack ist ein Abenteurer und als ihm sein Geld ausgeht, will er in San Francisco auf einem Segler anheuern. Stattdessen wird er von dem Seelenverkäufer Swanson schangheit und landet ungewollt auf dem Dampfer „Athabaska“, einem Stationsschiff, das über die Meere fährt und Alkohol schmuggelt, ohne jemals irgendwo anzulegen. An Bord herrschen raue Sitten, der Kapitän und die Offiziere prügeln die Mannschaft gnadenlos. Nach einer Meuterei gerät der Dampfer in einen Zyklon und läuft auf Grund. Den Matrosen gelingt die Flucht. Jack und der Norweger Jensen heuern daraufhin auf dem alten Walfangschiff „Northern Star“ an – doch die gnadenlose Jagd auf die unschuldigen Riesengeschöpfe auf der gefährlichen Route durch das Eismeer wird für Jack zu einer Fahrt durch die Hölle ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Erstes Buch

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WHISKY JOHNNY

Seelenverkäufer

O Frisco, o Frisco, du wunderschöne Stadt! hat es mir oft, als ich unten in Honduras an der Beach lag und das Fieber durch meine Adern raste, in den Ohren geklungen. Nun ist mein Kuhreigen in Erfüllung gegangen, ich bin wieder in der Königin des Pazifik, in San Franzisco.

Es ist noch unverändert! Vor den nassen Klippen unterhalb des kühn an die Felsen geklebten „Cliffhouse“ spielen die schwarzen Seelöwen im weißen Schaum. Vierschrötige Dampfer und schlanke Schoner gleiten durchs „Goldene Tor“, und auch die Marketstreet zeigt das alte Gepräge. Nur die Menschen sehen anders aus, viel verbitterter und rücksichtsloser als das letzte Mal!

Elende und doch hoffnungsvolle Wochen sind hinter mir. Sämtliche Redaktionen in Frisco und Oakland suchte ich mit meinen auf See geschriebenen Erzählungen heim ... Erzählungen, in denen die salzige Brise des Ozeans prickelt und durch die der ungeheure Rhythmus der wandernden, ruhelosen Wogen pulsiert.

„Was, ein federfuchsender Seemann? — Und mit diesen klobigen Teerpfoten schrieben Sie das? — Guten Tag, Jack, machen Sie, dass Sie schleunigst verschwinden. Zeit ist Geld!“, sagte der kleine Schriftleiter vom „Examiner“, bei dem ich zuletzt mein Glück versuchte. Am liebsten hätte ich ihn verprügelt, aber schon stieg hinter der flammenden Wut die dumpfe Traurigkeit eines verfehlten Lebens auf und raubte mir die Kraft. Hinter dem Schreibtisch des Zeitungsmannes führte ein Fenster auf die Bai hinaus. Und da sah ich die See wieder winken.

Mein Geld war zu Ende gegangen, und so begab ich mich zu Swanson, dem Heuerbaas, damit er mir ein Schiff besorge. Ausgerechnet zu Swanson, dessen Ruhm als Seelenverkäufer die Taten des alten Sally Brown, von denen Seeleute singen und singen werden, solange Schiffe nach Frisco-Bai kommen, schon übertrifft!

„Also eine Chance suchst du, Jack?“, fragt er und schielt misstrauisch in meine Papiere. Ganz genau will er wissen, ob ich die Fleppen nicht etwa gestohlen oder gefunden habe, denn das sei schon alles da gewesen, seit er sich mit der christlichen Seefahrt befasse. Es spiele aber keine große Rolle! Denn er, Swanson, ist gerne und jederzeit bereit, einem Buchhalter oder Kuhjungen seine Sehnsucht nach blauem, tiefem Wasser und fernen Ländern zu erfüllen. Es wäre aber doch besser, wenn ich ihm reinen Wein einschenkte!

Da sage ich eine Reihe Fahrzeuge her, auf denen ich war; er stellt einige Fragen, die keine Landratte beantworten könnte, und ist nun überzeugt, dass ich wirklich schon Salzwasser geschmeckt habe. Das freut ihn mächtig, er zieht sich an den ringgeschmückten Fingern, dass die Gelenke knacken, und meint dazu in seinem singenden Schwedenamerikanisch: „’nen Segler, mein Junge? Yes, sollst ihn kriegen, sollst ’nen tüchtigen Windjammer kriegen, versteht sich, Jack. Viele sind zwar nicht im Port, aber du gefällst mir, siehst wie ’n anständiger Maat aus. Komm, wollen zu Quong-Lee steuern und die Sache bei ’nem guten Tropfen ins Reine bringen. Habe nichts im Hause, die Prohibitionsagenten sind verdammt scharf hinter mir her. Möchten old Swanson fangen, die blutigen Tölpel, haha!“

Jetzt sitzen wir im Chopsuey-Parlor des Chinamannes in der schmutzigen Gasse der fallenden Sterne. Swanson bestellte „Hootch“, wie der gepanschte Schnaps genannt wird. Der dicke Asiate brachte den Stoff in dünnen, bemalten Porzellantassen. Auch ein schmunzelnder Polizist lehnt an der mit Limonadeflaschen dekorierten Bar und genehmigt sich einen gleichen Drink wie wir. Über ihm hängt ein Reklameplakat mit dem Bilde Onkel Sams. Das verschmitzte, ziegenbärtige Gesicht des Schutzpatrons der Vereinigten Staaten drückt unsägliche Zufriedenheit aus, denn er schlürft gerade ein Glas Malzmilch. Wer sollte auch nicht zufrieden und glücklich sein, der die feine, famose Malzmilch trinkt, wie sie „Gebrüder Skinner, Telegraphhill“ herstellen? Unter Onkel Sams Bauch steht in breiten, goldenen Lettern der Name der Firma und die Worte: „Fort mit dem Alkohol, der frei geborene Amerikaner degeneriert! Nehmt als echte Bürger unseres glorreichen Landes stets nur die wundervollen Erzeugnisse von 'Gebrüder Skinner & Co'.“

Der Polizist leert seine Tasse, salutiert Onkel Sam neckisch mit dem Hickoryknüppel und verschwindet. Swanson bestellt eine Auflage nach der andern; ich kann sie gar nicht zählen, so schnell geht es. Und seine Rattenaugen unter dem gelben Haarbüschel funkeln, halten mich in Bann, während sein Mund ununterbrochen redet. Swanson ist anzusehen wie ein Basilisk, der auf einen guten Happen lauert. Seine singende Stimme spricht von Schiffen, Kapitänen, Matrosen und den schlechten Zeiten. Yes, verdammt schlechte Zeiten sind’s, und Marketstreet ist voll von Seeleuten, die Chancen suchen. Aber ich soll nur getrost alles ihm überlassen, und ich werde ein Schiff kriegen. Den besten Segler, der je von der Helling lief! Kapitän und Steuerleute sind perfekte Gentlemen, die jeder Order, die sie notgedrungen geben müssen, ein höfliches „if you please“ vorsetzen. Ja, da soll ich an Bord kommen, heute noch, und zeitlebens werde ich es dem braven Swanson danken!

Den feinsten Kasten von Frisco-Hafen will er mir verschaffen; denn er, Schwede Swanson, findet Gefallen am Schnitt meines Bugspriets ... will sagen der Nase ... und es sei jammerschade, wenn ein Kerl wie ich untätig an Land herumliege. Aus reiner Gefälligkeit und christlicher Nächstenliebe will er alles für mich ins Reine bringen. Der Monatslohn oder die zwei, die er vom Kapitän für seine Mühe erhält, sind ja nicht der Rede wert!

Ich lasse ihn schwatzen, bin nicht mehr Greenhorn genug, um sein Engelszungenlied zu glauben. Aber da die Zeiten wirklich miserabel sind und man ohne Hilfe der Schlafbaase kein Schiff findet, muss ich schweigen. Ich hoffe nur, dass es das Schicksal gnädig mit mir macht und Swanson mich nicht auf einen der berüchtigten „Höllenkasten“ bringt!

Er glitzert mit den Augen, wie ein Zauberer beschreiben seine Hände, an denen die dicken Brillantringe sitzen, leuchtende Regenbogen durch das Halbdunkel. Und immerfort trinken wir Whisky. Langsam kommt der Chinese näher an den Tisch gerückt. Er hält die gradstielige Pfeife in den Fingern, und auf seinem Gesichte ruht eine feiste, unsäglich verschmitzte Frage.

Wieder leeren wir eine Tasse. Aber warum lacht plötzlich der Chinese, dass die seinen plumpen Leib verhüllende, starre Seide höhnisch knistert? Und warum nehmen die Augen des Schweden mit einmal solch animalisch hungrigen Glanz an?

Und ich ... was ist das? Steht nicht alles auf dem Kopf? Durch mein bleischweres Hirn zucken ganz müde und verwundert die Gedanken: „Schanghait wie ein Greenhorn hat er dich! Gott, was für ein Schiff muss das sein, dass er zu diesem Mittel greift?“

Hallo, nun fahren wir mit vierkantgebrassten Rahen, den sausenden Wind achterkant, den Niagarafall hinab. Hei, wie das donnert, rauscht und zischt! Und aus weiter Ferne höre ich eine Stimme durch das Getöse klingen: „Wäre doch der erste verdammte Sohn einer Seeratte, der bei den Knockout-Tropfen nicht schlafen geht! Sieh doch mal nach, was er in den Taschen hat, Quong, alter Junge!“ Dann schlägt Dunkelheit dröhnend über mir zusammen, ich sinke in Abgründe. Tosende, von roten und grünen Blitzen erhellte Tiefen ... bodenlos. Immer tiefer geht’s, und auf einmal ist alles schwarz. Nacht!

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SCHANGHAIT

Langsam richte ich mich auf, stoße mit der Stirn an etwas Hartes. Da öffne ich die Augen und schaue erstaunt umher. Das war ein Balken, gegen den ich prallte! Gegenüber sehe ich eine Reihe winziger, geblümter Vorhänge flattern. Durch eine offene Tür strömt ein breiter, funkelnder Lichtkeil. An einer hellen, mit Fingerabdrücken besudelten Wand baumeln Südwester, geteerte Kleidersäcke und hohe Schaftstiefel. Sie scharren sachte hin und her. Dann steht noch ein schmaler Tisch in der Mitte; darauf sehe ich eine Blechschüssel mit undefinierbaren Speiseresten, eine Maiskolbenpfeife und ein Häuflein grober Tabaksasche. Ein seltsamer Geruch von Teer, Kielraumwasser, salziger Brise und sauer gewordener Wäsche hängt gleich einer dicken, unsichtbaren Wolke in der Luft.

Ich liege in einer Schiffskoje. Verdutzt bemerke ich, dass mein guter, für ganze acht Dollar beim Juden gekaufter Anzug und meine Schuhe fehlen. Ich stecke in fettigen, zerrissenen Matrosenlumpen, und die Füße sind nackt. Mit einem Satz bin ich aus der Koje. „Schanghait ... zur See gepresst!“, fährt es durch meinen Sinn; denn so viel weiß ich in meinem wahnsinnig schmerzenden Kopfe, dass ich nicht freiwillig hierherkam. — Unter mir hebt und senkt sich ein schmutziger Plankenboden, und noch tiefer dröhnt dumpfes, eintöniges Pochen. Eine Schraube!

Jetzt fallen mir der Reihe nach die Ereignisse der letzten Stunden ein. Die Gasse der fallenden Sterne, der dicke Asiate ... wie hat er doch gelacht, dass sein Leib wie ein Pudding zitterte! Schwede Swanson, der vergiftete Schnaps, alles kommt in mein Gedächtnis zurück. Und, oh, wie tut mein Kopf weh, und was für einen schauderhaften Geschmack habe ich im Munde! „Schanghait!“, sage ich wieder und muss lachen über diese groteske Posse des Schicksals. Was würde man drüben im alten Europa sagen, wenn ich dieses Stück erzählte? Würden sie’s glauben, dass längst vergangene Zeiten zurückgekehrt sind? Jene Tage des Sally Brown, der, wenn die Schiffe knapp an Mannschaft waren, seine Handlanger mit Sandsäcken ausschickte, die jedem Unvorsichtigen, der sich nachts im Hafen herumtrieb, eins auf den Kopf gaben. Nachher erwachte er auf hohem Ozean, mit einer dreijährigen Reise vor sich. Pastoren, Studenten und alle möglichen Berufe hat der tüchtige Sally auf diese Art zu wackern Seeleuten gemacht. Und nun trat Swanson in seine Fußstapfen.

Brum-brum!, hämmert die Maschine unten.

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DAS SCHIFF „ATHABASKA“

Ein erquickender Windhauch fegt herein und säubert notdürftig die Atmosphäre. Draußen ertönt das Schnalzen und Murmeln der See; einmal höre ich Kommandos und Schritte trampeln. Immer noch verwundert, will ich ins Freie gehen. Da poltert es, und in das strahlende Sonnendreieck auf den Planken schiebt sich eine Gestalt. Ein Mann, breitschultrig, volle sechs Fuß hoch, mit dichten, korngelben Brauen über grauen Augen. Ein prächtiger Kerl, wenn die entsetzliche Nase und der gemeine Gesichtsausdruck nicht wären! Die Natur hat ihr Bestes gewollt, als sie diesen Menschen erschuf, aber die Kraft ging ihr aus, und ein böser Dämon vollendete das Werk.

Er kommt näher, stützt die bloßen, mit blondem Flaum bedeckten Arme in die Hüften, betrachtet mich nachdenklich, ehe seine Stimme wie ein über Bohlen rumpelnder Lastwagen grollt: „Well, Söhnchen, schätze, dass du nun ausgeschlafen hast! Marsch an Deck, der Alte mustert die Mannschaft!“

Verwundert starre ich ihn an, und er fährt fort: „Hast du jemals Salzwasser geschmeckt, he? Gnade dir der Teufel, wenn du kein Seemann bist! Haben wahrhaftig genug anderes Gesindel an Bord. Raus, an Deck nun! Soll ich dich vielleicht erst in Grund und Boden segeln? Bin nämlich der erste Steuermann auf diesem gesegneten Wagen!“ Bezeichnend hebt er eine gewaltige Hand, und da entfahren mir die Worte: „Bin Seemann, Sir ... aber wie komme ich eigentlich an Bord hier?“ Die Hand senkt sich, und ein breites Lachen dröhnt: „Segne mich old Nick und seine hübsche Großmutter! Weißt wahrhaftig nicht, dass dich Swanson an Bord jonglierte? Bist auf dem Dampfer ,Athabaska‘. Raus nun mit dir oder ...“ Er dreht auf dem Absatz herum und geht hinaus. Ich folge.

Neugierig schauen meine Augen umher. Ich sehe vor mir die kleine, in düsterem Gelb gehaltene Kommandobrücke, über die der Torso des steuernden Matrosen ragt. Es ist ein winziger Dampfer, die Planken sind mit Abfällen aller Art besudelt; die gelben Innenseiten der Reling zeigen überall schmutzige Handabdrücke. Alles macht einen total verwahrlosten Eindruck. Auf einem solchen Schiffe war ich noch nie, hätte auch schwerlich geglaubt, dass es so etwas gibt. Selbst die chinesischen Kulidampfer sind sauberer!

In der Runde wogt dunkelblaues, von Schaum gekröntes Wasser. Kurze, harte Wogen schmettern wie Hämmer gegen die Bordwände; salziger, beißender Gischt sprüht mir in die Augen. Im Westen türmen sich runde Wolken, darunter versank die kalifornische Küste! Alles ist schäumendes Wasser, überall! Blauer, weiß marmorierter Ozean, auf den die Sonne unruhige, golden flimmernde Kleckse malt.

Hinter dem Steuermann ersteige ich die rostige Treppe zum Mittelschiffaufbau, dann gehen wir durch den engen Backbordgang und halten zwischen Brücke und Schornstein. Da steht die Kombüse, und ein stoppelbärtiger, schmieriger Kerl mit dicken Säcken unter wässrigen Augen sitzt auf einer umgekehrten Holzpütze, schält mit einem riesigen Messer Kartoffeln und grinst mir dreist entgegen. Oben über die Brüstung vor der Kajüte lehnen drei Männer in blauen Anzügen und Schirmmützen. Unten drängen sich viele Gestalten, bei deren Anblick ich mich unwillkürlich frage: „Sind das Seeleute?“

Ein berußter Heizer mit nacktem Oberleib schaut einen Augenblick aus der am Schornstein in die Maschine führenden Tür, lacht schallend, wirft einen Zigarettenstummel über die Reling und taucht wieder nach unten. Ich betrachte die Männer um mich. Zwei sind darunter, die mir ganz gut gefallen, der Rest macht einen merkwürdigen Eindruck auf mich.

Mein Führer steigt die Treppe nach oben, sagt dann zu dem einen, aus dessen unheimlich blauem, aufgedunsenem Gesichte die schwarze Stummelpfeife ragt: „Das ist der Schanghaite, Kapitän O’Sullivan! — Ist ’n seebefahrener Bursche!“ Jener nimmt die Pfeife aus dem Mundwinkel und bellt heiser: „All right, Mr. Bull! Wollen die Leute nun auf Wachen einteilen. Verdamm’ mich Gott, was für eine Bande ist das wieder! Mr. Banks, gehen Sie nach oben und achten Sie darauf, dass der blutige Ochse richtig steuert. Macht er Schwierigkeiten, so geben Sie ihm eins aufs Maul!“

Mr. Banks, ein junger, brutal aussehender Mensch mit breiten Schultern, greift an die Mütze und klettert die Treppe zum Steuer hinauf. Der Kapitän steckt die Pfeife wieder zwischen die Zähne, nickt mir zu und krächzt: „Well, Junge, Mr. Bull sagt, dass du Salzwasser kennst! Freut mich für dich, freut mich verdammt blutig für dich! Können dich gebrauchen, wirst es blutig gut an Bord haben, wenn du vernünftig bist! Und nun — Mann — wenn du was zu sagen hast, so lass die Kette rasseln, spuck es raus, Mann!“

Ich öffne den Mund: „Man hat mich schanghait, wie Sie wohl am besten wissen, Sir! Und bin rein ausgeplündert, Sir, habe nichts mit! Auch wollte ich auf einen Segler! Mit allem schuldigen Respekt Ihnen gegenüber, Skipper ... es gefällt mir nicht an Bord bei euch. Scheint ’n merkwürdiges Fahrzeug zu sein, Sir. Kalkuliere wohl, dass Sie mich im nächsten Hafen abmustern, sonst müsste ich Anzeige erstatten, Sir!“

Mr. Bull grinst, die mich Umstehenden machen leise Bemerkungen, und der Kapitän lacht mit einer Stimme, die sich wie die Explosion eines alten, sich hügelauf quälenden Fordwagens anhört: „Anzeigen, mein Junge — haha! Will sorgen, dass dir die Gelegenheit dazu ausgeht. Werde dich schon zwingen, auf See anzumustern. Bist Matrose und weißt genau, dass dies gestattet ist! Und hier auf diesem netten, blutigen Trog bin ich Kapitän; Landrattengesetze gelten hier nicht, sollen verdammt sein und zu Grase gehen! Kleider hast du keine, he? Well, ich bin kein Trödler, und vorerst fahren wir in ’ne warme Gegend. Magst die Sache später mal, wenn du wieder nach Frisco kommst, mit old Swanson austragen; kannst ihm ja deinen blutigen Kneif in die Rippen setzen, haha! Und die andern verdammten Galgenhölzer, die dich da grinsend umstehen, mögen dir einstweilen aushelfen. Sie sind regelrecht vor dem Amt gemustert und haben ihre Lumpen mit; aber nun will ich doch verdammt sein und zur Hölle segeln — habe gute Lust, dir meine Faust in die eckige Fratze zu setzen! Unverschämter Patron, langbeiniger Seeadvokat, der du bist — hast mich zu ’ner blutig langen Rede gezwungen!“

Das alles bellt er heiser heraus, und ich — schweige. Denn ich bin nicht zum ersten Male auf solch einem Kasten, der zur Klasse der „Höllenschiffe“ gehört. Schweigen und Order parieren ist da immer das Beste, denn auf See ist der Kapitän wirklich Herr und König!

Die andern verziehen die blassen Gesichter zu belustigtem Grinsen, nur ein riesengroßer, blonder Mann nickt mir ermunternd zu.

Jetzt sucht sich der Kapitän einen anderen aus, fragt: „Na, und du Seeferkel, was bist denn du? Sagtest zwar bei der Anmusterung, du wärest Matrose; aber mich soll doch gleich ein Tigerhai fressen, wenn du nicht wie ein blutiger, liebeskranker Schulmeister aussiehst!“

Verschüchtert kommt die Antwort: „Ich bin Kellner!“ Von der Brücke hallt es herab: „Sir! hast du zu sagen, wenn du mit mir sprichst, Kerl!“ Grimmig lachen die Offiziere, dann ruft Bull: „Marsch, lauf zum Koch, sollst Stewarddienst tun!“

Stumm geht der Mann zum Koch, der ihn kichernd in die Kombüse zieht. Nun fällt der Blick des Schiffsgewaltigen auf einen sommersprossigen Jüngling, der offenen Mundes um sich starrt. „Was bist du gewesen, ehe du aus dem Kittchen kamst, Kanonensohn?“, krächzt er. Der Junge klappt die Hacken zusammen, legt die Hand an die fettige Mütze und winselt: „Ich wi...wi...will gerne den Ma...ma...matrosen tun, Sir, aber das Wa...wasser hat keine Ba...balken, wie die Ta...tante daheim sagte, Sir!“

„Ein Taifun soll dir in die schlaksigen Glieder fahren, Bengel! Tante — Korkweste! Und stottert der verdammte Patron noch wie ein angesengtes Wickelkind! Was dein Beruf an Land war, will ich wissen, Robbenschnauze!“

Langsam ertönt die Antwort: „Ich bin Ho...ho...hotdogman Ka...Kapitän, Sir!“ Mit beiden Händen schlägt dieser auf das Teakholzgeländer, beißt wütend auf seinem Pfeifenstiel herum, während Bull wie ein Toller lacht, als er hörte, dass der Junge Hotdogman — Verkäufer heißer Würstchen — gewesen ist.

„Mr. Bull, der Kerl soll auf Ihre Wache. Und Sie, Carlesohn, nehmen den Schanghaiten!“, knurrt der Kapitän und fährt fort: „Mein Lebtag will ich Wasser saufen, wenn ihr andern nicht Schuster, mexikanische Generale und entlassene Taschendiebe seid!“

Wütend stiert er die Leute an und prüft weiter. Es stellt sich zu meinem großen Erstaunen heraus, dass sich zwei Cowboys, ein Farmer, ein früherer Brauer und eine Anzahl Tramps, die aus den Hopfenfeldern von Oregon kamen, unter dem Haufen befinden. Richtige Seeleute gibt es nur wenige, darunter der blonde Gigant, der mir vorhin zunickte. Ich wundere mich immer mehr. Was für ein Schiff ist das nur? Drüben in Frisco liegen Matrosen in den Straßen herum, weil sie keine Chance finden, und hier wurde eine ganze Gesellschaft Landratten gemustert!

Die Wacheinteilung geht vor sich. Auf einmal dröhnt Bulls Stimme in meine Gedankengänge: „All right, meine Zuckermäuler! Die Backbordwache zur Koje, die meine bleibt an Deck. Und lasst euch sagen, meine feinen Lieblinge, aufmucken gibt es hier an Bord nicht, sonst erlebt ihr euer blaues Wunder! Haltet hübsch die Ohren steif und die Hauptlichter auf — will sagen, eure blöden Augen — und in ’ner Zeit, die ’n Seehund braucht, um dreimal mit der Fluke zu schwabben, seid ihr so etwas wie halbe Matrosen geworden! Gnade euch aber Gott, wenn ihr Geschichten macht!“ Er wendet sich an den Kapitän, der eben im Begriff steht, die Treppe zu ersteigen, und brummt hörbar: „Meinen Sie, Skipper, dass ein Tropfen ...?“

Jener nickt, ruft dem Koch zu: „He, Doktor, schüttle deine faulen Ständer und fisch ein paar Buddeln aus dem Spind!“

Nun geht er nach oben.

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RUM

Carlesohn, der zweite Steuermann, verschwindet ebenfalls, und Bull überwacht den Koch, der eine klirrende Last anschleppt. Es sind schwarze Rumflaschen, wie sie von Jamaika kommen. Und schmunzelnd, vor Überraschung leise fluchend, nimmt jeder der Deckwache einen gehörigen Schluck. Wir andern, die wir frei sind, bekommen zwei Flaschen mit. Der Koch, dem ich am nächsten stehe, drückt sie mir in die Hände, und wir marschieren nach vorne.

Gesichter glänzen freudig, und einer der Männer sagt halblaut: „Bei Gott, ein gutes Schiff und verdammt vernünftige Offiziere! Wäre schon früher zur See gegangen, hätte ich das gewusst!“ Unter ähnlichen Ausrufen gehen wir nach vorn, während die Donnerstimme Bulls hallt: „Deck- aufklaren!“

Hinten am Heck, wo die Heizer wohnen, singt jemand. Neben mir schreitet der große Blonde, will mir anscheinend etwas sagen, stößt mich aber nur mit dem Ellbogen bedeutungsvoll an. Die anderen umdrängen mich; ihre glitzernden Augen saugen sich an den Rumflaschen fest. Jetzt sind wir in der Focksel, und ich stelle meine Bürde auf den Tisch. Jubelnd fallen die Männer darüber her; krank und elend schleiche ich hinaus. Da stehe ich an der Reling und schaue über das purpurne Meer, in dem eben der sterbende Tag ertrank. Mit einmal ist der Blonde an meiner Seite, sagt mit skandinavischer Betonung freimütig: „Wir wollen zusammenhalten! Ich heiße Einar Jensen!“

Stumm drücke ich seine Hand, und dann macht sich mein lange zurückgehaltenes Staunen Luft: „Steht denn die Welt der Schiffe Kopf? Warum hat man alle die Landratten gemustert und gibt uns Rum? So etwas erlebte ich noch nicht! Es fehlt nur, dass uns der Steuermann mit der feurigen Nase Bettwärmer bringt!“

Wie eine tiefe Glocke lacht der Blonde: „Faustschläge wird es setzen und nicht zu knapp! Und der Rum? Es wird noch mehr geben, und wir werden noch viel erleben, denn die ,Athabaska‘ ist ein Schnapsschmugglerschiff.“ Mit schwerer Betonung fügt er hinzu: „Ein Stationsschiff! Und auf ein solches geht kein echter Seemann freiwillig. Deshalb die Landratten!“

Er klärt mich weiter auf: „Ein Stationsschiff ist ein Fahrzeug, das mindestens ein Jahr, aber meist viel länger, unfern der Küste herumkreuzt. Von anderen Dampfern wird es verproviantiert, mit Ladung versorgt, und in dunklen Nächten oder wenn Nebel aus der See quillt, geht es ganz dicht ans Land heran. Dann kommen die Moskitoboote — die Schnapsbarkassen — herausgeflitzt und holen den Stoff. Glaub mir, es kann sein, dass wir nie wieder Land betreten! Denn gut ist es möglich, dass ein Regierungsfahrzeug uns aufbringt, und das hat das Recht, wenn wir nicht stoppen, uns einfach in den Grund zu schießen. Seit wir die Prohibition haben, herrscht blutiger, unerbittlicher Krieg zwischen Schmugglern und Küstenpolizei!“

„Wie kamst du an Bord?“, frage ich mit leisem Grauen. Er lacht ganz sonderbar: „Ich bin auf der Jagd nach einem — — well, ich sag dir’s schon ein andermal. Heute nicht, rede nämlich ungern davon!“ Sein Gesicht wird hart.

Da beginne ich: „Swanson wollte mich auf einen Segler bringen, und ich erwachte auf diesem Schmutztrog!“

Verständnisvoll nickt der Blonde: „Knockout-Tropfen! Swanson ist ein Gauner!“

Wir schweigen. Das rot gefleckte Meer rauscht, die Sonne sank längst hinter glühenden Wolken, und an der Kimm ziehen die Silhouetten dreier Dampfer. Auf der Brücke geht Bull hin und her; manchmal brüllt er etwas, und eilige Schritte poltern über Deck.

Schulter an Schulter treten wir in die Focksel. Sechs Mann hocken da auf den Bänken und trinken Rum aus Blechtassen. Mit den Worten: „Hier ist euer Teil!“, schiebt uns einer, dem ein Büschel schwarzer Haare in die Stirn baumelt, volle Behälter hin. Und die andern reden wild auf uns ein, was für ein feines Schiff die „Athabaska“ ist, und wie herrlich doch die christliche Seefahrt sei.

„Wisst ihr denn, auf was für einem Kasten ihr hier seid?“, fragt Jensen, und wie sie die Köpfe heben, endet er langsam: „Auf einem Schnapspascher!“

„Schnapsschiff? Hei, dann baden wir uns in Rum!“, brüllt einer, und der Bleiche mit dem schwarzen Haarbüschel knurrt tückisch: „Du sagst das so komisch und schaust so merkwürdig dabei aus! Ist dir etwa unsere Gesellschaft nicht gut genug? Bei Gott — habe gute Lust, dich in den Rippen zu kitzeln!“ Schon zieht er ein Messer aus der Brusttasche, und seine Augen funkeln bösartig.

Jensen macht einen Schritt vorwärts, sagt zu mir: „Halt mir den Rücken frei!“ Dann greift er über den Tisch mit beiden Händen, die Rumtassen kollern vor meine Füße, das Messer klirrt nach, und der Bleiche fegt, von stählernen Fäusten gepackt, durch die Luft. Da hängt er nun, baumelt von Jensens Händen wie ein verbissenes Wiesel. Ruhig spricht der Blonde: „Wir sind auf einer Wache und sollten zusammenhalten, denn bald wird es nötig sein. Ich suche keinen Streit mit dir!“ Mit diesen Worten setzt er den Mann auf den Tisch. Der bleibt hocken, starrt verblüfft den Riesen an. Plötzlich ruft er bewundernd: „Golly, du hast ja Kräfte wie ein Grizzly! Und recht hast du auch — shake hands, komm, wir wollen uns vertragen!“ Vom Tisch rutschend, schüttelt er Jensens Hand, indes die andern Beifall schreien.

Wir hocken nun alle auf den Kisten und Bänken und unterhalten uns. Jeder will seine Geschichte erzählen, alle brüllen und lachen oder fluchen durcheinander. Der Alkohol treibt manchem rührselige Tränen in die Augen. Es sind außer dem Blonden und mir nur noch zwei andere Seeleute unter dem Haufen. Die andern waren Tramps, und ich glaube, dass ich nicht fehl rate, wenn ich den Bleichen für einen entlassenen Zuchthäusler halte.

Einige fangen an zu singen, der Rum ruft wilde Fröhlichkeit in ihnen wach, und als der eine Matrose das Lied vom „Whisky-Johnny“ grölt, summen sie den Refrain mit.

Hohl braust die See draußen. Langsam entkleiden sich nun die Männer, denn der Rum ist getrunken. Die Glieder reckend, stehen sie in ihren schmutzigen Untersachen vor den Kojen, taumeln einer nach dem andern hinein. Jensens und meine sind nebeneinander, er gibt mir eine seiner Wolldecken zu der angefaulten Matratze, die schon drin liegt. Ich knipse das Licht aus und schlüpfe, ohne mich zu entkleiden — denn Swanson ließ mir nur Hose und Hemd auf nacktem Leibe — behaglich aufschauernd, in die nach Kampfer riechenden Falten.

Kühl weht es zur offenen Tür herein, jemand fängt an zu schnarchen. Jensens Pfeife gurgelt, an den Nägeln hängende Stiefel scharren hin und her. Kräftig schrillt die Brise, immer lauter tobt die See. In verschiedenen Kojen stöhnt und rülpst es nun, Seekrankheit packt die unbefahrenen Leute.

Da fällt mit donnerndem Krach die Eisentür zu. Eine Stimme flucht heiser, geht in Seufzen über. Scharf steht der Geruch des Rums in der Focksel, wo ich liege und schlaftrunken nachdenke, wie es mir auf der „Athabaska“ ergehen wird.

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STURMNACHT

Um sieben Glas, zehn Minuten vor Mitternacht, weckt uns ein Mann, der mit dicksohligen Stiefeln auf den schallenden Planken herumtanzt. Jemand schreit, er möge zur Hölle fahren. Brummend, gähnend und sich die Augen reibend, klettern die Männer aus den Kojen. Mehr oder weniger leiden fast alle an der Seekrankheit, und zwei schwören, dass sie für kein Geld an Deck zu bringen sind. Stöhnend sinken sie wieder in ihre Kojen, liegen reglos wie Steine da. Die Gesichter der andern sind bösartig und grimmig.

Von draußen dringt dumpfes Brausen, Windstöße schrillen jäh dazwischen; Wasser zischt an Deck und brandet bei jedem Überholen des Schiffes gegen die Eisentür.

Jensen, der in seinem Kleidersack kramt, reicht mir ein Paar alte Schuhe und einen Wolljumper. Froh schlüpfe ich in die Sachen. Da steckt der Mann, der weckte, wieder den Kopf herein; ein sausender Windstoß folgt ihm, pfeift in die Kojen, dass die Gardinen flattern und die beiden Kranken aufwinseln.

„Es ist scheußlich draußen!“, ruft jener und knallt die Tür zu. Gleich darauf weht der Klang der Glocke durch die Symphonie der Elemente. Acht Glas. Mitternacht!

Es regnet, und der Sturm schleudert uns kalte Tropfen in die Gesichter. Wir ziehen nach mittschiffs, wo die drei Steuerleute in ihren Ölmänteln und den Südwestern wie schwarze Schildkröten von der Brücke herabschauen. Regelmäßig hebt und senkt sich die „Athabaska“; Seen donnern gegen die Bordwände, und überkommende Spritzer prasseln gleich riesigen weißen Fingern auf die ächzenden Planken. Wasser umspült unsere Füße.

Dunkel ist die Runde, über uns alles undurchdringlich, wie ein auf das Schiff gestülpter Sack. Wenn der Wind mit besonderer Gewalt ins Meer bläst, so leuchtet und schimmert es manchmal gleich grünen, versinkenden und wieder an die Oberfläche kommenden Feuern in den Kesseln und Tälern der wie Riesenorgeln dröhnenden Wogen.

Jemand stöhnt dicht an meinem Ohr; ein Mann glitscht auf dem schlüpfrigen Deck aus, schießt mit vorgehaltenen Händen gegen das eiserne Schott, prallt zurück und klatscht auf die überspülten Planken. Mühselig richtet er sich, den Leib betastend, auf die Füße. Von der Brücke ertönt ein vom Winde zerrissenes Gelächter, und der aus der Maschine lugende Schmierer schneidet eine Grimasse.

Beide Wachen warten. Die Steuerleute schauen noch immer von oben, reißen Witze und Glossen über unser frierendes, dicht zusammengedrängtes Häuflein elender Menschheit. Huiiih — pfeift der Wind über die brüllende Wasserfläche, streicht als gewaltiger Kamm den Schaum von den Wogen und wirft ihn, schmerzhaft wie Nadelstiche, in unsere Augen.

Die Steuerleute zählen uns, dann ruft Carlesohn, den nassen Walrossschnurrbart zwischen den Fingern ausdrückend: „Da fehlen ja zwei! Wo sind die Kanonensöhne?“ Und aus unserem Haufen antwortet es: „Krank, Sir, sterbensunwohl in der Koje, Sir!“

Die Männer der Freiwache, mit von der Seekrankheit grünlich überpatinierten Gesichtern, stampfen nach vorne; der erste und der dritte Offizier verschwanden, Jensen ging ans Ruder.

„Kranke, he?“, meint Carlesohn, und seine Stimme dringt durch das Wüten des Sturmes. „All right, werde zu ihnen segeln. Bin nämlich auch der Arzt auf diesem alten, netten, blutigen Wagen! He, du da!“, sein Finger weist auf mich „Auf die Back, als Ausguck! Ihr andern wartet hier!“

Die Leute setzen sich auf die nasse Luke, bilden in ihren glänzenden Ölmänteln einen einzigen, triefenden Klumpen. Carlesohn kommt von oben, und zusammen gehen wir nach vorn. Ich steige auf die Back, während er ins Logis tritt. Erst stelle ich mich hinter das Ankerspill, kauere mich dann nieder, denn es gewährt Schutz gegen die gewaltigen Ohrfeigen, die ich von überkommenden Wellenkämmen erhalte. Der seemännischen Vorschrift gemäß bohre ich meinen Blick nach vorn in die Dunkelheit. Aber die Neugierde übermannt mich, und ich schleiche an den Ventilator. Verworrene Stimmen dringen durch den Schacht nach oben, deutlich höre ich den Steuermann: „Glaubt ihr Höllenbraten, wir sind auf einem Picknick — he? — Raus mit dir und auch mit dir — werde euch kurieren!“

Ein Poltern, ein Schmerzensschrei, der in Carlesohns hässlichem Lachen untergeht. Wieder poltert es, knallend fliegt die Tür gegen das Schott, und hinablugend erblicke ich den Steuermann, der ein langes, schwarzes Bündel an das nasse Deck schleift und fallen lässt. Wieder dreht er um, verschwindet aus meinem Gesichtsfeld. Das Bündel bewegt sich, richtet sich unendlich zögernd auf, ist schließlich die Gestalt eines taumelnden Mannes, der, sich fortwährend um Geländer haltend, nach mittschiffs wankt. Da kommt Carlesohn heraus und treibt mit Tritten den anderen Seekranken vor sich her.

Nun starre ich wieder in die Nacht. Das dumpfe Brausen der Wogen, das Dröhnen, mit dem der Dampfer seinen Bug unterstampft, die geißelnden Spritzer und die Heultöne des Sturms ... alles ist mir bekannt, und alle diese Geräusche grüßen mich vertraut, aber heute kann ich ihnen keinen Geschmack abgewinnen. Denn da ich kein Ölzeug besitze, bin ich längst bis auf die Haut nass. Wenn auch die See oft ihre abbrechenden Kämme nicht direkt auf mich niederschmettert, sondern sie wie weiße Bettlaken über meinen Kopf hinwegschleudert, so kommt doch der Regen auf den Flügeln des Windes herangesaust, und gegen den kann ich mich nicht schützen. Ich friere, meine Glieder beben, die Zähne schlagen einen Generalmarsch, und ununterbrochen prallt Wasser brennend in mein Gesicht, läuft dann eiskalt zwischen Rock und Haut den Rücken entlang.

Ich versuche daher allerlei Gymnastik, um warm zu werden. Breitbeinig gehe ich wiegenden Schrittes auf und ab; schlage mit den Händen gegen die Brust; führe groteske Tänze auf, aber alles hilft nichts. Ganz langsam erstarre ich zu einem Eisklumpen.

Ruckend, sich aufbäumend, kracht der Bug der „Athabaska“ in die brüllende See. Ich schaue voraus und seitwärts in die Schwärze, denn wir sind in belebten Gewässern, und ich muss nach Schiffen auslugen. Bald sehe ich auch weit vorn roten Schein auf dem Wasser tanzen, etwas später an Steuerbord die grüne Seitenlampe eines Gegenseglers. Da schlage ich vorschriftsmäßig an die Glocke, und von der Brücke weht es zurück: „All right!“

Wieder entdecke ich die weiße Toplampe eines Dampfers, und wieder hämmere ich an die Glocke. Welch hässlichen Klang sie von sich gibt! Wie das Lachen des blaugesichtigen Kapitäns!

Die Fünfviertelstunde als Ausguck geht unter lauten Selbstgesprächen vorüber. Ein Matrose löst mich ab, und ich glitsche über die Planken nach achtern. Kalt schmiegen sich die vollgesogenen Kleider an meinen Leib, die Schuhe quietschen. Auf der Luke sitzen immer noch die andern. Und würden sie sich nicht rühren, als ich vorbeischreite, so könnte ich sie für Leichen halten, so grauenhaft weiß starren die Gesichter unter den Krempen der Südwester hervor.

Nun bin ich oben. Jensen flüstert mir den Kurs zu und verschwindet. Geübt lasse ich die Radspeichen durch die Finger gleiten. Vor mir geht Carlesohn im nässeglitzernden Ölrock auf und ab und betrachtet mich manchmal von der Seite. Von mir tropft Wasser, und bald stehe ich in einer kleinen Lache, die, von der trüben Kompasslampe bestrahlt, wie ein schmutziges Auge aussieht. Allmählich wird es mir warm, denn der Vorsprung des Kartenhauses schützt mich gegen den Regen.

Breit macht Carlesohn vor mir halt. Sein Gesicht mit dem herabhängenden Schnurrbart gleicht täuschend dem eines alten, bösartigen Robbenbullen. „Kein Ölzeug?“, knurrt er.

„Swanson ließ mir nicht die Zeit, mich auszurüsten!“, erwidere ich bitter. Er nickt, tritt ins Kartenhaus und kehrt mit einer dunklen Flasche wieder. „Sauf, Söhnchen!“, ermuntert er, und begierig greife ich danach, nehme einen tiefen Schluck. Es ist brennender Rum, der mir Husten verursacht, aber er wärmt!

Mit schief geneigtem Kopf steht der Steuermann vor mir und schaut zu. Wie ich die Flasche zurückgebe, setzt er sie an die Lippen. Nie sah ich jemand so trinken! Grunzend ist er fertig, schleudert den leeren Behälter über die Seite und nimmt seinen Weg wieder auf.

Bald aber geht er nochmals ins Kartenhaus, bringt eine neue Flasche. Dankend wehre ich ab, denn der genossene Alkohol stieg mir bereits zu Kopfe, und ich vermag nur noch mit Mühe den schwarzen Strich in der Bussole auf dem Kurse zu halten.

„Schlapper Kerl! Verdammter, schlapper, hartbrotfressender Sohn eines Schweinsfisches!“, brummt er mit unsäglicher Verachtung, nimmt einen mächtigen Schluck und steckt die Buddel in die Tasche. Fortan straft er mich mit Nichtbeachtung. Wiegend geht er hin und her, spuckt einmal seinen Priem aus und schiebt ein neues Stück hinter die Klüsen. Ich starre auf den Kompass und drehe mit verklammten Händen das Rad. Unten liegt das auf- und niederhüpfende Vorderdeck. Blitzend fegt der Schaum über die Back, wo eine dunkle Gestalt hinter dem Spill kauert. Dröhnend, mit dem Klang eherner Schilde, prallen Wogen an die Bordwände, und die Füße der da unten in ihrem Elend dahindämmernden Männer waschen manchmal im Wasser. Carlesohn geht wie ein schwarz lackiertes Pendel im nassen Ölrock von einem Ende der Brücke ans andere.

Für ihn bin ich erledigt, das sehe ich an seiner Miene. Mich friert. Und aufs Neue beginnen meine Gedanken, Zwiegespräche zu führen. Gibt es denn keinen Weg, der fortweist von diesem Schiff, dessen Mannschaft und Offiziere aller seemännischen Tradition offen hohnsprechen? Soll ich die Arbeit verweigern? Aber dann legt man mich in Eisen und lässt mich hungern, bis der Widerstand in mir bricht.

Doch gibt es ja anscheinend Rum in Menge auf diesem seltsamen Meeresschlitten! Und mit dem kann man sich das Leben ganz nett machen. Doch das Ende? Lieber nicht! Denn zu frisch ist noch die Erinnerung an den alten Hansen, jenen abgetakelten, idiotenhaften Seemann, der zu Hoboken in Dannys „Sodawasserbar“ so lange Whisky soff, den abgemusterte Matrosen ihm spendeten, bis er im Delirium mit weißen Ratten und Elefanten kämpfte und endlich brüllend, Schaum vor dem Munde, wie ein Vieh krepierte. Diese Erinnerung ist nicht schön.

Aus meinem Grübeln reißt mich Carlesohns Stimme: „Schlag’ an die Glock’, Affe blutiger!“ Ich fasse den Klöppel über mir und führe den Befehl aus. Und der Matrose, der auf der Back Ausguck stand, nimmt meinen Platz ein, weil Jensen ihn ablöste. Müde und wie ein misshandeltes Tier schleiche ich die Treppe nach unten. Noch einmal drehe ich mich um, ein Instinkt treibt mich dazu, und da sehe ich den Steuermann, wie er gerade die Flasche an den Mund setzt und endlos trinkt.

Ich biege in den Gang ein.

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DIE HARTE MISTRESS

An der Treppe lehne ich mich gegen das rußbeschmierte Geländer und grüble weiter. Auf der Luke sitzen die andern. Hässlich leuchten die bleichen Gesichter.

Merkwürdig, zwei Cowboys sind unter diesen Männern! Die haben sich sicher in irgendeine hübsche Rancherstochter verliebt, wurden als arme Habenichtse gebührendermaßen in ihre Schranken zurückgewiesen und gingen in die Welt. In Frisco stach ihnen der Teer- und Salzwassergeruch verlockend in die Nasen. Jetzt sind sie an Bord! Und später, wenn die Reise erst länger gedauert hat, dann steigt ihnen vielleicht einmal aus einer Schnaps- und Tabaksrauchwolke das blonde Mädel ihrer Träume entgegen. Der bleiche Jammer wird sie packen und die Sehnsucht nach den sonnenglühenden Kakteenbergen sie verzehren!

Singt da nicht eben einer das Lied vom Whisky-Johnny? War es nicht unter der Back?

Nein, ich irrte, nur der Sturm heult, und das Meer klatscht.

Warum kümmere ich mich überhaupt darum, was mit jenen geschieht? Die harte Mistress, wie wir Matrosen oft die See nennen, wird sie schon ummodeln. Sie wird sie in ihre harten Hände nehmen und merry sailors — lustige Seeleute — aus ihnen machen. — Fröhliche Seeleute? — ja, so steht es doch immer in den Büchern, die von Schiffen, Matrosen und Meeren handeln, und über die der echte Seemann so häufig grinsen oder fluchen muss!

Bücher! ah, Bücher ... wenn mir Swanson doch wenigstens Zeit gelassen hätte, meine Bücher mitzunehmen! Diese zerlesenen Bände, die mir schon soviel Spott und Schimpf eintrugen! Wie hatte ich unzählige Mal auf den Schiffen, wenn die andern schnarchten, in der Focksel gehockt, wo es nach Schweiß und sauren Speiseresten roch, und hatte gelesen. Denn ich wollte nicht immer der simple Seemann bleiben.

Das sind alles zerbrochene Träume Ah, wie habe ich gelesen, während draußen der Silbermond der Tropen im fahlen Blau segelte! Und wie manches Mal verlachten mich die andern! Wie oft musste ich mit brutalen Fäusten in wüsten Prügeleien mir unter den harten, einfachen Männern der See das Recht, lesen zu dürfen, erkämpfen. Denn auf See, in den stinkenden Fockseln, darf man nicht zu viele Bücher in die Hand nehmen, sonst fällt man aus der Rolle.

Hirngespinste, verfluchte! Das Meer tobt ja da draußen, und die Füße jener Reihe vor mir hockender Jammergestalten pendeln im Gischt hin und her. Das ist die Gegenwart!

Aus dem Maschinenraumeingang klirrt es, dann kommt, einen Eimer Heißwasser balancierend und einen stumpfen Blick auf mich werfend, ein blasser Heizer vorbei.

Was sind das für Menschen, die Heizer und Trimmer hier an Bord, frage ich mich. Klatsch! - eine schauerlich schön blitzende Woge wölbt ihr feurig grünes Dach über die Reling, prasselt nieder, greift aus dem Haufen Elend auf der Luke einen heraus und schleudert ihn gegen das Eisenschott. Im Rinnstein an der Reling verrauscht die Woge, da richtet sich der Mann taumelnd auf, befühlt seine Knie und torkelt zu den andern, die kaum aus ihrem brütenden Halbschlummer aufschauten. Arme Kerle, arme angehende lustige Seeleute!

Und Jensen, der Blonde? Das ist doch ein befahrener Mann und kam doch freiwillig auf dieses Höllenschiff! Er hat einen Grund, sucht, jagt etwas — so sagte er mir doch. Was, wen und wo sucht er? — — Immer träger werden meine Gedanken; der genossene Alkohol, der mich erst erregte und meine Sinne aufpeitschte, macht mich nun teilnahmslos. Ich sehne das Ende der Wache herbei.

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MATROSENGARN

Beinahe wäre ich im Stehen eingeschlafen, wenn die Glocke nicht plötzlich klirrte! Ich muss wecken. In den Steuermannskammern sehe ich schon Licht und höre Rumoren. Also schnell zur Focksel nach vorne. Als ich drin bin, knipse ich die Birne an. Würgend steigt es mir die Kehle hoch, denn ein entsetzlicher Geruch steht in dem Raum. Schnaps, Tabaksqualm, feuchte Kleider und seekranke Menschheit!

„Rise — rise!“, brülle ich die Worte, mit denen auf den Schiffen arbeitende Menschen aus ihren Träumen geschreckt werden. Ein gedehntes: „Aah — geh doch zur Hölle — ist’s schon wieder so weit!“, klingt hinter einer bunten Gardine, und ein verschlafenes Gesicht kommt zum Vorschein. Laut schreiend schmettere ich zwei leere Rumflaschen aneinander und reiße damit die Übrigen aus den Armen des Schlafgottes. Ein paar springen aus den Kojen, beginnen zu lästern, und ich ergreife die Flucht, atme auf, als draußen die scharfe Luft meine Lungen erquickt.

Es schlägt acht Glas, wir werden abgelöst, und endlich kommt Leben in die Gruppe auf der Luke. Carlesohn hält uns mit dem gebrummten Worte „Stopp!“ einen Augenblick zurück. Verwundert sehe ich ihn von der Brücke kommen, und dann reicht er Jensen und dem Blassen einige Flaschen. „Nehmt, ihr Höllensöhne! Noch ein kleiner Tropfen für alle Mann! Wird euch aber angekreidet und von der Heuer gestrichen!“, schimpft er, und nun dürfen wir gehen.

Einige kriechen, das nasse Ölzeug ablegend, sofort in die Kojen. Andere aber, darunter der Blasse, öffnen die Flaschen. Ich selbst liege schon splitternackt unter der Decke und sauge an der Pfeife, dir mir Jensen nebst Tabak schenkte. Rauchend blicke ich hinab. Oft habe ich schon in einer Koje gelegen und hinuntergeschaut, was die Kameraden trieben, aber noch nie war es so gewesen wie hier auf der „Athabaska“.

Nach einem langen Schluck sagt der Blasse mit dem schwarzen Haarbüschel: „Trinkt, ihr Leute! Davon geht die Seetollheit weg — fühle mich schon weidlich besser!“ Und ein andrer, dessen pockennarbiges Gesicht aussieht, als habe er damit auf einem Rohrstuhl gesessen, brummt tückisch: „Werde es dem Lumpen von Steuermann nicht vergessen, dass er Charley und mich vorhin mit Fußtritten an Deck jagte! Werde es ihm, bei Gott, gedenken!“

Sie stoßen mit den Blechtassen an. Sam, der Matrose, singt das Lied vom Whisky-Johnny, und brüllend fallen sie in den eintönigen Chor:

„Und Whisky brachte meinen Alten auf den Hund!

Whisky-Johnny!

Mit blauer Fratze liegt er auf dem Meeresgrund!

Whisky-Johnny!“

Die Seekranken in den Kojen fluchen jämmerlich, bis ihnen Sam den Rat gibt, ein Stück Speck an einem Faden zu verschlucken, es wieder heraufzuziehen und abwechselnd so fortzufahren, dann wären sie im Handumdrehen gesunde Leute. Aber die Erwähnung von fettem Speck bringt die Männer nur zu verdoppelten Anstrengungen, das, was ihren Magen quält, rülpsend an die Luft zu befördern. Die Trinkenden kümmern sich nicht drum. Sam spinnt ein Garn. Ich habe die Pfeife auf das Brettchen über meinem Kopf gelegt und die zerfetzte Gardine zugezogen. Denn ich bin müde und fühle behaglich, wie endlich Wärme über meinen nackten Leib kriecht. Sachte träume ich hinüber in das Land, in dem alle, auch der arme Seemann, Ruhe und Frieden finden. Manchmal schrecke ich hoch. Dann husten die Kranken, der Rum gluckst in Blechbechern, gedämpft brausen die Elemente hinter der Tür, und Sam erzählt.

„Bei Golly, war’n teuflisch hübsches Mädel, diese kleine Geisha! Wohnte an der Wasserkant’ unten in Nagasaki, in den wunderlichen Bambuskäfigen — Yoshiwara heißen sie’s, glaube ich. Hatte Schlitzaugen und schwarz gefärbte Zähne, war aber verdammt nett um den Steven herum gebaut, die kleine, blutige Krabbe! — Glorios hübsch, sage ich! — Und da gingen wir nun mit dem langen Oakland-Bill, habt ihr schon von Bill gehört, Maaten? also, sage ich, da gingen wir, und mit einmal steuert so’n verdammter, grinsender, gelbgesichtiger Affe von Policeman auf uns zu und wollte wissen, was ...“

Was der japanische Polizist mit dem langen Oakland-Bill, Sam und dem Mädchen im Lande der Kirschblüte wollte, höre ich nicht mehr.

Ich erwache erst um halb acht zum Frühstück. Dann muss ich sofort ans Ruder.

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FLASCHEN

Viele Tage vergingen. Mit harten Fäusten und ungeheuerlichen Schimpfworten ist es den Offizieren gelungen, aus Landratten notdürftige Seeleute zu machen. Eigentliche Arbeit wie auf andern Schiffen gibt es auf der sonderbaren „Athabaska“ nicht. Deck wird nie gewaschen, und steuern lernt sich leicht auf einem Dampfer, wo der Rudersmann weder Wind noch Wellen zu Rate ziehen braucht, um das Fahrzeug auf richtigem Kurs zu halten.

Das Wetter ist schön. Wie lauteres Gold strahlt die Sonne am blauen Himmel; in träger Dünung bewegt sich das Meer. Ich stehe am Steuer. Eine Herde Delphine kreuzt gerade den Bug. Sie wiegen die schiefergrauen Leiber auf den langsamen Wogen, tauchen und pusten behaglich. Einige werfen sich ganzen Leibes aus dem Wasser, klatschen im aufspritzenden Schaum zurück. Rasch verschwinden sie am dunstigen Horizont.

Kapitän O’Sullivan und zwei Maschinisten lehnen an der Treppe und unterhalten sich. Unten deckt die Wache eine Luke ab. Sie sind immer noch recht ungeschickt, diese früheren Farmer und Tramps, und Carlesohn schleudert grässliche Flüche dazwischen.

Aus irgendeiner Ursache kommt niemand, um mich abzulösen, und ich muss auch den nächsten Törn am Ruder bleiben. O’Sullivan und die Maschinisten unterhalten sich über mich. Die Geschichte, wie mich Swanson verschanghaite, ist immer noch eine beliebte Quelle ihrer Witze.

Ich steuere ruhig weiter, freue mich, dass die Sonne scheint und dem Rumgesicht des Kapitäns ein fast menschliches Aussehen verleiht. Es lässt sich beim Steuern eines Dampfers in ruhiger See herrlich grübeln. Welcher Seemann hat nicht, wenn er allein ist, seine Träume, die ihn besuchen und seine Seele glücklich oder elend machen? — Bei dem einen sind’s Weiberträume, beim andern Alkoholfantasien, beim dritten wirre, unfertige Rachegespinste, und viele denken auch an eine blonde Frau, die in einem kleinen Blumengarten vor einem Häuschen steht.

Vorne auf der Back lungern einige der Freiwache herum; ein paar Heizer in Holzpantinen und um die Hälse geknüpften Schweißtüchern gesellen sich zu ihnen. Bald macht eine schwarze Rumflasche die Runde, und O’Sullivan schmunzelt sichtlich. Denn er liebt es, wenn seine Leute trinken. Umso weniger zerbrechen sie sich die Köpfe um Gegenwart und Zukunft!

Ich stehe am Steuer und träume von den Dampfern und Seglern, auf denen ich die sieben Meere befahren habe. Dieser Rumdampfer ist doch das sonderbarste Fahrzeug von allen, übertrifft an Eigentümlichkeit der Mannschaft und sonstiger Verhältnisse selbst den „Orang Wolanda“, auf dem ich einige Monate zwischen den Molukken und Schanghai hin und her gondelte. Als Ladung hatten wir Särge mit toten Chinesen und viele Hunderte lebender Schweine an Deck. Das war ein merkwürdiges Schiff gewesen, aber die „Athabaska“ ist sicher noch seltsamer!

Fauchende Worte reißen mich aus meiner Welt der Erinnerungen. „Hölle und Teufel, weißt du nicht, dass du zwei Strich abfielst, Kerl?“

Erschrocken schaue ich empor und sehe den Alten, der wütend mit der Faust droht. Rasch zwinge ich die „Athabaska“ auf den rechten Kompassstrich zurück und steuere weiter, bis es zwölf Uhr ist und ich acht Mal an die Glocke schlage. Der Mann, der mich ablöst, riecht nach Schnaps und seine Augen sind gläsern.

Ich gehe an der Kombüse vorbei. Da drin steht der schmierige Koch und säbelt gewaltige Fleischbrocken entzwei. In Reichweite seiner Hand glitzert eine Rumflasche. Neben der Kombüse ist die Kammer, die der Koch mit dem Zimmermann teilt. Dieser sitzt auf einem Schemel in der offenen Tür. Es ist ein alter Mann, mit verquollenen Cockneyzügen und grau behaarter Brust, der Suppe aus einer zwischen die Knie geklemmten Schüssel löffelt. Vor ihm steht eine Rumflasche.

Nun komme ich in die Focksel, wo das Essen schon dampft. Und vor jedem Platze glänzt eine Flasche. So ist es seit vielen Tagen, und so bleibt es wohl! Bohnen und Rindfleisch sind sehr gut zubereitet. Denn Hunger leiden wir auf der „Athabaska“ keineswegs! Scherze und ekelhafte Zoten würzen das Mahl. Aber so war es immer in den Fockseln der Schiffe. In allen — allen! Wer es abstreitet, der ist ein Lügner!

Nach dem Essen werden die Pfeifen angezündet, einige kriechen in die Kojen. Flaschen werden entkorkt, und scharfer Fuselgeruch erfüllt den Raum. Wie so oft schon kommt die Rede auf den Rum, und plötzlich ist es, als ob etwas in mir bricht, und ich muss brüllen: „Jetzt laufe ich nach mittschiffs, denn ich habe genug! Wenn es so weitergeht, versaufen wir Heuer und Verstand. Bei der Abmusterung werden wir keinen Cent zugute haben!“

Jim mit dem schwarzen Haarbüschel brummt: „Bist ’ne alte Unke, Mann!“ Und Jensen, mein Freund, wirft ein: „Sie werden dich mittschiffs auslachen. Auf diesen Kähnen ist’s immer so; jedermann erhält eine Flasche je Tag, ob er will oder nicht. Bezahlen muss er sie doch. Es wird einfach an der Heuer abgezogen!“

Zornig schreie ich: „Und was bleibt übrig von der Heuer?“

Laut entgegnet der Blonde: „Nichts, absolut nichts!“ Er sieht sich um, als wünscht er, dass die Tragweite seiner Worte in die alkoholumnebelten Hirne der andern sinke und dort Wurzel fasse. Aber sie grinsen nur und liebäugeln mit ihren Flaschen.

Entschlossen nehme ich die meine und laufe hinaus, ohne auf das warnende „Bleib!“ des Norwegers zu hören.

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ARMER SEEMANN

Der blasse Steward kommt gerade aus der Messe, und als ich frage, ob der Alte mit Essen fertig ist, nickt er. Ich dränge mich an ihm vorbei. Auf dem schmalen Tische stehen noch Schüsseln; längs der schmutzigen Wand Verschalung rekeln sich die Offiziere der „Athabaska“.

Ich klopfe an den Türrahmen, und O’Sullivan hebt das blau angelaufene Gesicht von einem Bierglase. Gut gelaunt fragt er: „Well?“

Die Flasche hochhaltend, beginne ich: „Kapitän, wie ich nun weiß, erhält jeder Mann eine Flasche Rum je Tag, und der Preis hierfür wird ihm an der Heuer abgezogen. Darf ich fragen, ob das stimmt, Sir?“

Er nickte: „Yes, mein Junge, eine blutige Pulle pro Tag! Kannst aber auch mehr kriegen, wir halten’s nicht so genau. Denn bald nehmen wir Ladung und sind voll des guten Stoffes bis unter die Lukendeckel!“

„Wenn ich aber keinen Schnaps trinke und die tägliche Flasche nicht will, Sir?“, falle ich ein, und meine Stimme bebt ein wenig. Carlesohn wirft mir einen bösen Blick zu und ruft spöttisch: „Habe es gesagt, habe es immer gesagt, Skipper! Der Kerl ist ein ganz verdammter Seeadvokat, der uns die andre Bande mit seinen Spitzfindigkeiten rebellisch macht! Merkte es schon neulich, in der Nacht, als er ans Ruder kam!“

Bull lacht, der dritte Offizier Banks schnaubt durch die Nase, und O’Sullivan bellt nun: „Nicht wollen — nicht trinken, he — Kerl? Bist du auf mein Schiff gekommen, um zu predigen? Mach aber, was du willst, deine blutige Pulle kriegst du jeden Tag und wirst sie bezahlen!“

Mich zur Ruhe zwingend, frage ich: „Wie lange dauert die Reise eigentlich, Sir?“

Die Maschinisten kichern, und einer ruft: „Lange, sehr lange, Jack!“ Schallend lachen die andern los. Ich zittere vor Wut am ganzen Leibe. Endlich sind sie still, und ich platze heraus: „Well, wenn ich das Gift doch bezahlen muss, dann kann ich auch damit machen, was ich will! Hier — — here she goes!“

Mit voller Kraft schleudere ich die Flasche zu Boden, dass sie krachend berstet und Rumspritzer mit Glassplittern hochstieben. Eine Sekunde herrscht lähmendes Schweigen — ich bin erstaunt über meine eigene Kühnheit und wundere mich, was wohl nun kommen mag.

Im Türrahmen hängt das angstverzerrte Gesicht des Stewards. Dann dröhnt grauenhaftes Brüllen durch den Raum. Bull fällt plötzlich wie eine Lawine über mich her; aufheulend springen die andern empor und schließen sich ihm an. Dieser ist der Schrecklichste, seine Zähne blecken, und die rote Nase glüht wie Feuer.

Ich versuche zu tun, was ich kann, doch was nützt es gegen die Übermacht? Bulls gewaltige Faust schlägt mich an die Wand, seine Linke fährt wie ein Dampfhammer gegen meinen Magen, und als ich an der Verschalung niedersinke und der Atem mit seltsamem Pfeifen meinem Munde entströmt, gibt mir Carlesohn noch rechts und links je einen Hieb, dass ich denke, der Kopf muss mir von den Schultern fliegen. Endlich liege ich, bekomme keine Luft mehr, sehe aber alles, was um mich vorgeht. Ein Stiefel kracht mir gegen die Rippen, eisern zupackende Hände reißen mich wieder hoch, und nochmals prallt mein Körper an die Wand. Mit Fäusten und Stiefeln fallen sie über mich her. Alle! Wir bilden einen fauchenden, quirlenden Knäuel, in dem ich der einzige, unbewegliche Mensch bin. Mir fehlt die Luft, ich kann mich nicht rühren, aber ich spüre jeden Hieb, der auf mich niedergeht. Mein Leib brennt wie eine große Wunde, Blut schießt mir aus Nase und Mund, überströmt mich heiß. Mit wahrer Wollust, gemeine Flüche schreiend und wiehernd lachend, schlagen sie auf mich los, bis einer keucht: „Stopp, sonst löschen wir ihn aus!“

Langsam lassen sie ab von mir. Immer wieder packt sie der Zorn, und ich bekomme neue Knüffe. Den letzten Tritt gibt mir O’Sullivan und sagt dazu, während der Schweiß sein hässliches Gesicht entlangperlt: „Da, du verdammter Seeadvokat!“

Ich kann mich nicht rühren, wundere mich nur, dass ich noch denken, hören und sehen darf. Keuchend lehnen die Männer in der Runde. „Steward!“, brüllt einer, und wie jener kommt, schlägt er die Hände vor die Augen, stößt ein bebendes „Mein Gott!“ aus. Die Schinder weiden sich an seinem Entsetzen, indes ich fühle, wie schmerzhaft der Atem zurückkehrt. Gleichzeitig wird mir schlecht, alles dreht sich im Kreise, und der Magen meines misshandelten Körpers gibt den Inhalt von sich.

„Schwein!“, sagt Carlesohn und versetzt mir einen krachenden Tritt. „Steward, zwei Mann von der Wache sollen den meuterischen Lumpen nach vorne schaffen! Und wasch das Ochsenblut hier auf!“, befiehlt Bull, und der blasse Mensch verschwindet. Er kehrt mit Sam und Jensen zurück, die mich stumm hinausschleppen. Vorne legen sie mich auf die Luke, ziehen mir, mit den Zähnen knirschend und Verwünschungen ausstoßend, die Kleider ab und beginnen, Eimer Seewassers über mich zu schütten, bis ich halb ertrunken keuche: „Genug!“

Nun tragen sie mich in die Focksel, und da liege ich mit geschlossenen Augen, kann mich nicht rühren, und alles, jeder Knochen, jeder Zoll an mir, flammt und schmerzt. Die Seele duckt sich wie ein sterbendes Tier zusammen. Und ich höre die drohenden Reden der Kameraden, jetzt betastet mich jemand, und ich brülle laut auf. Eine Stimme murmelt: „Knochen sind keine kaputt!“

Ein schrecklicher Traum peinigt mich lange Zeit, dann schüttelt mich eine raue Hand, dass ich vor Schmerz heule. Ich will die Augen öffnen, bringe die Lider aber nicht auf.

Und Carlesohns Stimme oh, wie gut kenne ich sie! — spricht: „Willst du nicht hoch, Lump? Deine Wache ist längst an Deck!“ Leise Worte entgegnen: „Er kann nicht, Sir! Ist ja braun und blau überall, und die Augen, sehen Sie nur die Augen, Sir, die sind ja dick verschwollen!“

Der Steuermann antwortet: „Gut, bis morgen Mitternacht gebe ich dem Schuft Zeit, sich zu erholen. Dann aber muss er ans Ruder, sonst Gnade ihm der Teufel!“

Nun regt sich die Seele in mir, bäumt sich auf, und mein Mund stöhnt: „Schinder! Matrosenschinder!“ und wieder duckt sich das Seelentierlein zusammen, denn jetzt wird ein schmerzender Faustschlag auf einen Teil meines brennenden Leibes niedersausen. Aber es geschieht nichts, Schritte poltern davon, dann ist es still.

„Seemann, armer Seemann!“, sagt eine Stimme in mir, und ich schlummere hinüber, in ein von schrecklichen Geschichten beleuchtetes Traumland.

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HEILENDE HÄNDE

Jensen streift die Decke von mir und betastet meine Brauschen. Jede Berührung geht wie ein Stich durch mein Hirn. Mit Mühe zwinge ich die Augenlider etwas in die Höhe und blicke nun durch schmale Schlitze, vor denen durchsichtige rote Schleier zu hängen scheinen. Jensens Gesicht ist ganz verschwommen. Hinter ihm sind Sam, Jim und einige andere. Zwei Heizer mit fahlen, kantigen Zügen sitzen auf dem Tische. Jensen sagt: „Wirklich nichts gebrochen. Knochen hast du, so harte wie ein Gaul. Jetzt werde ich dich mit Rum massieren!“

Fauchend fragt der Pockennarbige: „War’s Carlesohn, der dich so zurichtete? Habe nämlich selbst ’ne hübsche, kleine Rechnung mit ihm auszutragen, für die Fußtritte in der ersten Nacht. Kalkuliere, dass ich die deinige dazu kreide!“ Mein Lachen schmerzt wie Messer, die den Leib zerfleischen: „Nicht Carlesohn allein war’s, sondern alle! Und die Rechnung die mache ich selbst ab!“

Die Männer beugen sich über den Kojenrand, um meine leisen Worte zu verstehen, und einer der Heizer flüstert heiser: „Wollen ’ne Meuterei in Fahrt setzen und die Schinder schön langsam über die Reling spazieren lassen!“ Ruhig entgegnet Jensen: „Und die Gesetze? Die sind immer auf Seiten des Kapitäns!“

Jim grunzt: „Pshaw, Gesetze! Dieser blutige Kasten steht außerhalb davon, soviel weiß ich von der christlichen Seefahrt nun auch. Und wenn wir erwischt werden, so wandern wir doch ins Zuchthaus, so oder so!“

Erregt murmeln die Männer, und durch den roten Schleier, der vor meinen Augen flimmert, sehe ich ihre Gesichter. Sam, der ein massives Kinn hat, gleicht einer Bulldogge, die beißen will. Der Heizer fuchtelt mit langen Armen herum, und die Tätowierungen darauf schimmern verschwommen. Jensen, mit dem blonden, mächtigen Löwenkopf, macht dem Disput ein Ende, indem er anordnet, sie sollen helfen, mich zu halten. Ein Schauder durchläuft meinen zerschlagenen Leib, wie er mich um die Hüften fasst. Ich meine, ich müsse zerbrechen. Ich beiße die Zähne zusammen, wie er mich auf den Tisch legt. Nun beugt er sich über mich, hat die Rumflasche in der Hand. Sam und Jim drücken meine Arme nieder, zwei andere tun dasselbe an den Füßen. Und wie merkwürdig sanft diese plumpen Fäuste zugreifen! Und wie besorgt diese Augen mich anblicken!

Der Norweger gießt Rum auf meine Brust. Das stinkt, dass mir schlecht wird. Und es brennt und sengt in den Poren! Jensen knetet mich, träufelt Rum auf alle Brauschen. Das schmerzt so unerträglich, dass ich wie ein gelandeter Fisch auf- und niederschnelle. Aber die Hände halten mich jetzt eisern fest.

Wollen sie mich denn lebendig verbrennen? „Schmeißt mich doch lieber über Bord, dann hat’s ein Ende, verdammt, verdammt!“, wimmere ich und fange dann an zu fluchen, dass die Männer vor Staunen selber mitfluchen.

Der Rum wird zu Flammen, die meinen Körper verzehren! Schweißperlen rieseln den andern über die Gesichter, ihre Augen flackern, und die Wangenmuskeln arbeiten mahlend. Und Jensen knetet. Ich kann nur noch stöhnen, schäme mich auf einmal und grinse sogar, als Sam ruft: „Warte, Carlesohn, das streichen wir dir an!“

Die großen Hände des Norwegers massieren mich. Ich liege wie in einem feurigen Ofen, ich brenne — aber je mehr Jensen knetet, desto schwächer wird der Schmerz. Nun ist’s nur noch ein Prickeln, und ein unsägliches Behagen strömt durch meine Glieder. Die Männer fluchen vor Freude, als sie mein verändertes Gesicht sehen, und lösen den Griff ihrer Finger. Aber als Jensen mich umdreht und Rum auf meinen Rücken gießt, schnelle ich wieder hoch und brülle wie im Höllenfeuer. Nach einer Weile, als die Schmerzen nachlassen, grunze ich vor Behagen, und nun sagt der schweißtriefende Norweger: „Beweg die Glieder! Denn du kannst’s, sage ich!“ Ungläubig gehorche ich, und ein Jubelschrei kommt über meine Lippen, denn wirklich vermag ich Arme und Beine zu rühren. Vorsichtig legen sie mich in die Koje zurück. „Ruhe aus, um Mitternacht musst du an Deck!“, sagt einer und hält eine Tasse Rum an meine Lippen. Ich schlürfe ein wenig.

„Ah, Rum — es geht doch nichts über Rum! Könnte mir beinahe gefallen hier, wenn in der Kajüte nicht solche Bluthunde hausten!“, knurrt Sam. Der Pockennarbige zischt: „Ja, der Rum ist gut, aber das wäre auch alles! Werden schließlich doch die Sache in die Hand nehmen und die Kerle aus dem Meere saufen lassen!“

Der Cowboy John ruft plötzlich verwundert: „Hallo, Doktor, alter Essenverderber, was willst du hier?“

Die Augen aufreißend, sehe ich in der Tür den kleinen, schmierigen Doktor, wie der Koch auf englischen und amerikanischen Schiffen genannt wird. Betretenes Schweigen sinkt. Misstrauisch starren die Männer den stoppelbärtigen Alten, der sich so wenig mit uns abgibt, von oben bis unten an. Er kommt näher, lacht und holt einen Topf unter der Schürze hervor. „Braucht euch keine Schlösser vors Maul zu hängen, Maaten! Habe selber ein Sträußchen mittschiffs zu pflücken. Mit Carlesohn — für den schleife ich das Messer schon drei Wochen!“ Er kichert: „Hihi, das lange, wisst ihr, womit ich die Kartoffeln schäle. Kennt es doch, Maaten, hihi? Aber hier, gebt das Jack zu trinken, ist besser als Rum. Fleischbrühe mit Ei drin verrührt! Wird ihm gewaltig schnell die Seebeine wiedergeben, kalkuliere ich, hihi!“

Jensen nimmt ihm den Topf ab, setzt ihn an meine Lippen, und ich trinke ihn leer. Der Norweger zieht die Gardine zu, ich schließe die Augen. Verworren höre ich, wie die Männer sich setzen. Eine Flasche wird entkorkt, Rumgeruch steigt mir in die Nase, Becher klirren, und der Koch murmelt: „Also wartet ab, Maaten! Hihi!“

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STEUERMANNSGARN

Das Abendbrot verschlief ich. Nun trample ich mit den andern um Mitternacht an Deck. Die Milchstraße legt ein schimmerndes Ordensband über das dunkelblaue Festkleid der halb tropischen Nacht. In winzigen, geschwätzigen Wellen umdrängt die glitzernde See den alten Eisenleib der „Athabaska“.

Nach Jensens barbarischer Massage fühle ich mich wunderbar gekräftigt. Nur das eine Auge bekomme ich noch nicht recht auf. Die Wache wurde abgelöst, und ich muss als Erster ans Ruder. Bull und Carlesohn beendeten die Eintragung ins Logbuch, sie stehen auf einmal vor mir. Ich fühle ihre höhnischen Blicke, sie bohren sich wie spitze Klingen in mich und entfachen rasende Wut in meiner Seele. Aber ich reiße mich zusammen, habe für nichts Aufmerksamkeit als für den Strich der Windrose und den großen funkelnden Stern, der mit dem Kurs übereinstimmt.

Bull geht, Carlesohn torkelt breitbeinig die Brücke hin und her. Immer wenn er an der Bussole ist, macht er kurz halt und starrt mich an.

Auf der Back sehe ich die dunkle Gestalt am Ausguck, und manchmal bringt der Luftzug ein leises Summen zurückgeweht. Der Mann dort vorne muss gerade glücklich sein, denn er singt!

„Well, genug von Meuterei jetzt?“, raspelt die Stimme des Steuermanns. Mir entringt sich ein hasserfülltes: „Nein, Sir, nie!“ Er betrachtet mich voll plumpen Staunens, tritt ohne ein Wort ins Kartenhaus und kehrt mit einer Flasche zurück. Trotzig schüttle ich den Kopf. Grunzend stellt er nach langem Schluck den Behälter auf das Flaggenspind und nimmt seine Promenade wieder auf. Ich steuere weiter, höre, wie der Mann vorne einmal an die Glocke schlägt. Ein Lichtpünktchen hüpft über den Ozean näher, wird größer, verwandelt sich in eine Reihe gelber, blinzelnder Augen, und wie das Gebilde einer Märchenfantasie rauscht ein großer Passagierdampfer an Badebord vorbei. Schnell wie er kam verschwindet er wieder, und die „Athabaska“ ist allein auf der schimmernden Fläche.

Carlesohn steht vor mir. „Trink!“, sagt er, auf die Flasche deutend, und verwundert höre ich eine raue Freundlichkeit durch seine Stimme vibrieren. „Danke, Sir, ich bin nicht durstig!“, entgegne ich kalt. Er macht einen jähen Schritt, zückt die geballte Hand, ich sehe seine Zähne raubtierartig blitzen. Schlaff sinkt die Faust, und plötzlich, über das Meer starrend, als sähe er dort etwas, murmelt er abgerissen: „Trinkt nicht, der Kerl. Will keinen Rum! Und doch haben wir ihn erst zu einem blutigen Lappen vertrimmt! Hm!“ Er nimmt einen Schluck, spricht weiter: „Wollte früher auch nicht — war jung und ehrgeizig damals, wollte Käpten werden und die Lizzy heiraten! Prost! — Gott verdamme alle glatten Schürzen! — Heiraten, hoho! Schickte ihr immer die ganze Heuer und kam erst nach zwei Jahren dahinter, dass sie’s mit ’nem andern hielt! Zwei Jahre, ja! Und war ein milchblasser Büroschreiber, jener! Habe aber sein Gesicht bearbeitet, dass nichts Hübsches mehr dran blieb. Hm, dann fing ich an zu saufen. Und auch die Lizzy holte der Teufel! Sah sie zuletzt in ’ner verräucherten Kneipe bei den Eastindiadocks. War richtig vor die Hunde gesegelt, das Mädel! Soff und hurte mit Laskarenmatrosen und schlitzäugigen Gelben herum. Ja, und ich soff! Hm, Lizzy! Ah!“, endet er seufzend. Ich verhalte mich ganz still und lausche dem sonderbaren Bekenntnis, das der vierschrötige Sklaventreiber aus der innersten Kammer seines Herzens hervorholt.

Der Dampfer fiel aus dem Kurs. Hastig werfe ich mit einigen Speichendrehungen die „Athabaska“ wieder zurück in die breite, silberschäumende Straße, die wie ein sanft gewundener Schlittenpfad dem Heck folgt. Der Steuermann fährt auf. „Habe ich was gesagt? Heraus damit, oder ich trample dir im Gesicht herum!“, zischt er. Ich entgegne, vor diesem tierischen Ausbruch zurückschreckend: „Sie redeten von Schnaps und Frauen, Sir! Habe nicht genau aufgepasst, Sir!“

Langsam, misstrauisch fällt er aus seiner drohenden Stellung. „Schnaps und Weiber, sagst du? Ja, so war’s und so ist’s! Beide gehören zusammen. Die Weiber treiben uns, den Wind voll in den Segeln, vor den Schnaps. Und der Schnaps schmeißt dich wie ’n Taifun vor die Weiber. Immer rund rum!“

Er schüttelt sich wie ein ungeschlachter Hund, nimmt seinen Weg auf und ist fortan stumm.

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WOLKEN AM HORIZONT

Jim löst mich ab, ich gehe voraus. Es ist Nacht, und eine halbe Woche verstrich, seit Carlesohn mir unbewusst die Tragödie seiner Seele offenbarte. Mein eines Auge ist immer noch verschwollen, ich kann nicht gut damit sehen. Langsam schlendere ich nach vorne, denn ich muss nun auf Ausguck. In Lee der Kombüse sitzen die andern. Roter, aus ihren Pfeifen aufglimmender Schein bemalt sekundenlang ihre Gesichter. Stumm schreite ich vorbei. Auf der Back lehnt der Cowboy Billy und singt ganz leise das Lied vom „Goldenen Südwesten der Pioniere“.

„Wie geht’s?“, frage ich, und einsilbig antwortet er. Dann beginnt er die zweite Strophe von den freien, ungebundenen Zeiten der alten Wildwestsquatter und poltert die Treppe nach unten.

Gleich darauf melde ich ein entgegenkommendes Schiff. Das Meer rauscht und dröhnt leise. Delphine umschießen ein paarmal wie grüne, mit Schleiern behängte Spindeln den Dampfer. Tau rieselt von oben, legt sich klebrig auf die verbeulte, schmutzige Reling. Ich fange an zu träumen, mit mir zu reden, wie es meine Gewohnheit ist.

Seemann, wie wird das Ende dieser kaum begonnenen Fahrt sein? Ach, ich bin schon so müde, so müde! Und in der Runde, in der unsichtbaren Ferne, liegt Land. Rechte links, achtern und voraus, überall sind Küsten, Inseln und Kontinente. Ganz weit oder auch dicht in der Nähe. Und viele sind sicher öde, dürr. Andre haben verwilderte, wuchernde Urwaldbärte. Und Menschen von brauner oder schwarzer Hautfarbe wohnen darin, beschleichen und bekämpfen sich, während draußen in See, auf den Schiffen, wieder ganz andere Menschen vorbeifahren.

Da sind Küsten, wo Städte inmitten früchtetragender Ebenen ruhen. Obstbäume blühen, Häuser blinken und Kühe weiden. Und Städte mit Gebäuden, steil und ungeheuerlich zum Himmel schießend, als wollten sie die Sonne durchbohren oder die Sterne herabreißen. Menschen wohnen darin, die sich um schöner, lächelnder Frauen willen jagen und befehden.

Nicht wie die Schwarzen und Braunen in den wilden Ländern sich den Schädel ehrlich mit Keulen einschlagen, freundlich begegnen sie einander, und erst hinterrücks zücken sie den Dolch mordender Worte. Und was ist der Unterschied?

Überall herum ist Wasser, ist das Meer, das mächtige, das den größten Teil der Erde bedeckt. Gibt es etwas Hässlicheres, Verlogeneres, Trügerischeres und Grausameres, das zugleich so geheimnisvoll schön ist, wie die harte Mistress?

Die kleinen Wellen murmeln leise um den Rumpf der „Athabaska“. Ich träume weiter.

Ein Pfiff schrillt von der Brücke, dann wütet eine Stimme: „He, sahst du das Feuer da vorne nicht?“ und zu gleicher Zeit fällt mein Auge auf die Toplampe eines Dampfers. Rasch schlage ich an die Glocke.

Nach einer Weile werde ich abgelöst, gehe zu den andern an die Kombüse und rauche. Stumm schauen die Männer über die Reling. Und ich stehe mitten unter ihnen, warm schlägt der Pfeifenrauch des Nachbars gegen meine Wange. Es ist acht Glas. Carlesohn ist oben mit Bull beisammen, sie sprechen lebhaft. Nun kommen beide die Treppe herab, pflanzen sich wie dunkle, in zerknitterten Anzügen steckende Menschenaffen vor mir auf.

„Warum hast du den Dampfer nicht gemeldet, vorhin?“, fragt Carlesohn gereizt. Ich entgegne, dass mein eines Auge mir immer noch Schwierigkeiten macht. Mit zornigem Aufbrüllen schlägt er mir, ehe ich zurückweichen kann, die verkehrte Hand schwer ins Gesicht. Ich taumle, falle, doch die in mir hochlodernde Wutflamme schnellt mich im Nu auf die Füße, und mit ausgelegten Fäusten dringe ich auf den Mann ein.

Sofort bleibe ich auf den Zehenspitzen wippend stehen, als ich blauen Stahl und eine dunkle Mündung keine zwei Zoll vor meinen Augen sehe. „Meuterei also, du Lump!“, jauchzt Carlesohn gräulich. „Rühr’ dich und bei Gott, ich pumpe dich voll heißes Blei!“, heult er wieder. Ich erstarre zur Statue. In Bulls Hand schimmert nun auch ein Revolver, und mit wüsten Drohungen scheucht er die andern, die erregt näher rückten, an die Reling.

„Meuterei, ha!“, schreit der Steuermann wieder. Aus dem geduckten Haufen hallt Jensens Stimme zurück: „Das ist keine Meuterei, Sir, und wenn ich dieses Schiff überleben sollte, so will ich Ihre Bestrafung sehen!“

Jim knirscht: „Schinder, gottverfluchte Bande, passt auf, dass ihr nicht mal mit abgeschnittenen Hälsen erwacht!“

Die Situation spitzt sich zu, langsam rücken die Kameraden wieder heran, da ertönt von der Brücke O’Sullivans heiseres Organ: „Ich zähle jetzt langsam bis drei, und wenn ihr dann nicht nach vorne geht, knallen wir. Hier sind auch noch die Maschinisten!“

Drei Revolver schimmern von oben herab. Dröhnend lacht Carlesohn und zeigt die starken weißen Zähne. Er müsste sich nun eigentlich mit den Fäusten auf die breite Brust trommeln, denn dann ist die Ähnlichkeit mit dem Gorilla vollkommen!

Jensen keucht: „Keine Dummheiten, Maaten, lasst uns jetzt gehen. Ich weiß, dass wir später mal Abrechnung halten!“

Plötzlich ist der kleine Koch da. Niemand sah ihn kommen, mit einmal taucht er auf. Und er tanzt, eine groteske Gestalt in grauen Wollunterkleidern und einer Rumflasche in der Rechten, krähend an Deck herum: „Abrechnung! Abrechnung! Hihi!“

In der Stimme des Kapitäns zittert eine dunkle, geheime Angst, als er zu zählen beginnt. Bei eins setzen sich die Leute murrend in Bewegung, und als das laute Drei verhallt, sind sie unter der Back verschwunden; nur die Wache steht mit verdutzten Mienen herum. Bull schiebt den Revolver in die Tasche, brummt mürrisch: „Deckwaschen!“ Die Männer stürzen förmlich an die Pumpen und Baljen, als der bisher nie gehörte Befehl ertönt.

Mich hat eine Handbewegung O’Sullivans zurückgehalten.

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KAJÜTENGERICHT

Carlesohn fasst mich am Arm und zieht mich in die Kajüte. Hinter der Pantrytür erblicke ich den schreckensblassen Steward, dann sind wir in der Messe.

Schwere Schritte nähern sich, der Kapitän und Banks kommen. Bull, der das Deckspülen, das erste seit Frisco, leitet, bleibt draußen.

„Steward, hol den ersten Maschinisten!“, sagt der Kapitän. Dann setzen sich die Männer gespreizt nieder, ich lehne geduckt an der Wand. Denn was kommen wird, das weiß ich schon. Diese Halbtiere wollen mich mit ihren brutalen Fäusten zurück in die Schablone des „ehrlichen“, sich um nichts als Heuer und Weiber den Kopf zerbrechenden Seesklaven hämmern.

Verbissen sehen sie mich an. Da erscheint der hagere Maschinist. Die Tür schmettert hinter ihm ins Schloss, draußen fegen Wasserstrahlen aus den Schläuchen zischend über Deck, als der Kapitän beginnt: „Dieser Mann hier hat gemeutert!“ Hölzern nicken die beiden Steuerleute, und der Maschinist stammelt schlaftrunken: „Hat gemeutert?“

O’Sullivan fährt fort: „Er machte sich erst als Ausguck eines groben Dienstvergehens schuldig, dann vergriff er sich an einem Vorgesetzten und hetzte ferner die Mannschaft zum Widerstand auf! Das ist reine Meuterei!“ ... „Meuterei, sicher!“, hüstelt der jetzt wach gewordene Hagere.

O’Sullivan: „Ich schlage vor, den Mann erst zu bestrafen und dann in Eisen zu legen, damit er sich besinnen kann. Die Gesetze der Häfen können wir, da das Schiff der Ladung wegen sich im Ausnahmezustand befindet“, hier lacht der Sprecher, „nicht anrufen!“

Carlesohn schnaubt: „Gut, lasst es uns ihm geben! Wozu das blutige Palavern!“ Salbungsvoll kommt die Antwort: „Es muss alles nach Recht und Fug gehen, Mr. Carlesohn! Auf ihn, nun!“ Die letzten Worte kreischt er, und im selben Augenblick bilde ich den Mittelpunkt wirbelnder Fäuste und Menschen, die mich mit der Freude wilder Tiere anfallen. Als seltsam kalter Kontrast zu dieser Szene flammt die Glühbirne in ihrer einfachen Fassung von der Decke.

Ein Kinnhaken von mir hebt Banks in die Luft, ehe er niederkracht und sich nicht mehr rührt. Dann sinke ich selbst im Hagel der auf mich schmetternden Hiebe zu Boden.

Sie treten so lange auf mir herum, bis einer keucht: „Genug, sonst krepiert er!“

Banks steht taumelnd auf, lässt seine Wut mit Händen und Füßen an mir aus, und ich lache, lache fortwährend. Schließlich fühle ich gar nichts mehr, warte müde auf das Ende, während warmes Blut mein Gesicht überströmt. Carlesohn reißt die Tür auf und pfeift. Zwei Männer stürzen diensteifrig herein, ich sehe ihre Gesichter starr und dunkel werden, und dann ist alles weggewischt. Ich fühle nur, dass ich getragen werde.

Es dauert lange. Einmal schneidet etwas wie ein Tau um meine Hüften, und ich scheine über einer Tiefe zu baumeln. Dann falle ich auf etwas Feuchtes, sich hart Anfühlendes, und Geräusche entfernen sich langsam.

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ANKERKETTEN

Endlich werde ich auf ein Zischen und Brausen, das ganz dumpf ist und doch dicht bei mir sein muss, aufmerksam. Ich sehe aber nichts, alles ist dunkel. Und wieder vergeht eine lange Spanne.

Ein leises Klirren ertönt. Wiederholt sich. Klink! Klink! geht’s in unregelmäßigen Pausen. Meine Hand tastet umher. Und da weiß ich, wo ich bin, denn meine Finger ergreifen schleimige, kalte Kettenglieder.

Im Kettenkasten, im vordersten Teil des Schiffes, tief unten, wo die Ankerketten herabhängend einen unordentlichen Haufen bilden, der mich bei jeder heftigen Bewegung des Dampfers zermalmen kann. Einige Zentner rostigen Eisens bedrohen mich. Aber daran denke ich nicht, ich wundere mich nur, dass ich gar keine Schmerzen habe. Aber rühren kann ich mich nicht viel, und ich bemerke verblüfft, dass ich Handschellen anhabe.

Qualvoll wälze ich mich in eine andere Lage und warte. Denn schließlich muss doch einmal jemand kommen. Leise fange ich an mit mir zu reden.

Dann lausche ich dem Klirren über mir. Klink! Klink! sagen die Ketten und scheinen zu erzählen von fernen Meeren, seltsamen Ländern, Abenteuern, Ankergründen und unbekannten Küsten. Klink! Klink! — Oh, wir sind alt! Wir rasselten mit den Ankern in die Tiefe und bohrten uns in den schwarzen Schlamm der afrikanischen Häfen. Funkensprühend kamen wir durch die Klüsen zurück, lagen als nasser, wirrer Haufen und tauchten wieder, als der weiße Sand der amerikanischen Westküste und die Korallengärten der Südsee unter dem Kiel schimmerten. Fortlaufende Matrosen ließen sich an Tauen hinab, während das an uns befestigte Kanakenboot auf- und niederschaukelte. Das Schiff schwang an uns hin und her, und wenn Stauwasser eintrat, baumelten wir in schweren Buchten in die grüne Tiefe. Wir klirren ein fortwährendes Lied ohne Rast und Ruh! — Klink klink! — Meer, Schaum und salziger Wind, dunkle Küsten von Palmen bestanden — klink!

Ich bin auf einmal froh. Wieder hat man mich misshandelt, wie nur ein Mensch gepeinigt werden kann. Aber es nutzte nichts. Mein Wille ist stark!

Und wenn die harte Mistress mich nicht vorher ertränkt, so will ich ihr nicht treu bleiben! Nein!

Da liege ich, lausche dem Kettenklirren in der schwarzen Nacht um mich, und aus der Dunkelheit steigen und formen sich prächtige, farbensatte Bilder.

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MYNHEER VANDERDECKEN

Poltern und Krachen über mir. Langsam senkt sich der goldene Strahlenkranz einer Kugellaterne in den eisernen Schacht des Kettenkastens nach unten. Ich sehe ein helles Gesicht undeutlich über die Lukeneinfassung hängen. Es verschwindet. Dann schwingt sich ein Bein hinüber, der übrige Körper folgt, und ein Mann, in der Hand die Leine mit der Laterne, klettert die Eisensprossen hinab.

Jetzt steht er vor mir. Es ist der dritte Maschinist, ein Holländer namens Vanderdecken, der mich stumm betrachtet. Eigentlich hat er ein gesundes, frohes Jungenantlitz, dieser blonde Mynheer. Dann aber erinnere ich mich, dass er dabei war, als sie das erste Mal in der Kajüte über mich herfielen. Und sofort lodert Hass in mir empor, wolfsartiges Knurren kommt über meine Lippen, und ich sehe den Mann jetzt ganz anders. Er hat die Laterne auf einen Kettengliederhaufen gesetzt, und die Szene verschwindet. Ich sehe nun den Mann im würgenden, unerbittlichen Griff zweier Hände, die seine Kehle umklammern. Das frische Jungengesicht verzerrt sich furchtbar, es wird blau; die Augäpfel rollen das rot geflammte Weiß nach vorne, der Mund öffnet sich, die blutige Zunge bleckt heraus.

Die Hände würgen und pressen. Es sind meine Finger, die diesen grausamen, rächenden Griff ausüben. Ganz deutlich sehe ich die schräge Narbe am Mittelfinger der Rechten. In Iquique, wo die Salpetersegler ankern, schleuderte einmal ein betrunkener Chilene die volle Piscoflasche nach mir. Ich konnte gerade noch die Hand vors Gesicht bringen.

Meine Hände! Ich richte mich mechanisch auf, um auszuführen, was ich erblicke, falle aber zurück, und dann ist das Bild weg. Die Gegenwart ist da! Vor mir steht ein junger Holländer mit harmlosen Zügen, unter der schwarzen Öffnung des Schachtes. Die Kugellaterne verwandelt die nassen, rostigen Kettenbuchten in lauteres Gold.

„Ich bringe Ihnen etwas zu essen mit! Der Kapitän vertraute mir Ihrer Pflege an!“, sagt der Junge schüchtern. Denn er ist bloß ein Junge! Stockend fügt er hinzu: „Ich war nicht dabei neulich, tat nur so! Es tut mir leid!“

Eine warme Zärtlichkeit für diesen Menschen wallt in mir auf, ich will seine Rechte fassen, aber die Fesseln erlauben es nicht. Er bückt sich und setzt eine Flasche an meinen Mund. „Kalter Tee!“, sagt er, während ich schon durstig schlürfe. Aus seiner Jacke bringt er nun Fleisch, Wurst und allerlei Lebensmittel zum Vorschein. „Ich habe Befehl, Ihnen nur Wasser und Hartbrot zu geben!“, lächelt er trübe.

„Wie lange muss ich hierbleiben?“, ist meine Frage; er schüttelt den Kopf: „Bis Sie vernünftig sind!“

Bitter lache ich, und er schweigt, denn er versteht, was bei diesen ihm in den Mund gelegten Worten in mir vorgehen muss. Wieder fängt er an: „Kann ich noch etwas tun? Sagen Sie’s, denn ich muss nach oben. Komme erst morgen wieder.“ Verneinend schüttle ich den Kopf, murmele aber: „Schicken Sie mir den blonden Norweger von meiner Wache. Er soll mich massieren!“ Schon die Leiter mit der Laterne in der Hand ersteigend, entgegnet er: „Gut, ich werde das Schloss oben nur einhängen und ihm einen Wink geben!“

Der seine dunkle Gestalt vergoldende Lichtkreis schwebt nach oben, verschwindet, und polternd wird der Lukendeckel aufgelegt. Ich bin wieder allein. Die Ketten klirren leise. Die Handfessel nahm er mir nicht ab, durfte es wahrscheinlich nicht.

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RAROTONGA-GESICHT

Ich vertreibe mir die Zeit damit, die Dunkelheit mit den Bildern meiner Gedankenwelt auszufüllen. Während die Ketten rasseln, die See dazu stöhnt, sehe ich die Riffbarriere von Rarotonga aus blaugrünem Meere emporwachsen. Api, der Häuptlingssohn, sitzt neben mir im Stern des Auslegerbootes. Vor uns hocken sieben Kanaken, ihre samtbraunen Rücken beugen sich rhythmisch vor- und rückwärts, indes ihre starken Arme die Ruder eintauchen. Api, der Mann mit dem Herkuleskörper und dem geölten Kraushaar, singt eintönig den Takt.

Manchmal hebt er die Stimme, und dann formen seine etwas wulstigen Lippen gewaltig tönende Worte: von knusprig in Erdbacköfen gerösteten Ferkeln und saftigen Pisangfrüchten; von Taro und Palmwein und jungen Mädchen, die die glänzenden Leiber beim Rollen der Trommel, dem Weinen der Ukulule und dem Brausen der Brandung heute Abend im Götterhain zum wilden Hula-Hula vor- und rückwärts werfen werden; vor- und rückwärts, ganz wie die schwitzenden Ruderer, die, durch die Versprechungen angespornt, sich mächtig in die Paddel legen. Näher tost die Brandung, die sich als sprühender Wall über das niedere Riff wälzt. Dann ist unbeschreibliches Donnern, Grollen, Zischen und Gebrüll um uns, in der Luft wirbelt Wasserstaub, droht uns zu ersticken. Und auf einmal ist alles still. Hinter uns tobt und wütet der Schwall, schleudert einzelne Schaumflocken, groß wie Klüvensegel, klatschend vor den Bug, und über die ruhige Lagune schießt das Boot dem blitzenden Küstenstreifen zu. Scharfe Brise weht unter fleckenlosem Himmel, und die schlanken Kokospalmen, die dort über die Grashütte ragen, wippen auf und nieder; sie beugen sich vom blauen, ihre Kronen badenden Äther tief hinab auf das Guavengrün und das murmelnde Wasser, das ihre Wurzeln streichelt, und schnellen zurück in die Höhe. Scharrend schiebt sich das Fahrzeug an den Muschelstrand. Mädchen mit raschelnden Grasridis und roten Sternblumen in schwarzen Haaren fassen uns an den Händen und führen uns singend zum Festplatz.

Und dann die Nacht! Wie ist sie doch herrlich, die samtblaue, silberbetupfte Nacht der Südseeinsel! Der Ozean rauscht draußen dumpf gegen das Riff. Immer drei Wogen kommen. Zwei große, eine kleine und die Pause.

In den Locken der Männer blitzt das Weiß der Pfeilwurz wie krauses Geschmeide, die Ridis der Frauen rascheln, Ukulules, Trommeln und Brandung erfüllen die balsamische Nacht mit dem wilden Feuer ihrer Töne. Wie süße Vogeltriller und Schluchzen schwimmt die Musik der Saiteninstrumente auf dem rhythmischen Donner der Trommeln und der Brandung. Halb- und dreiviertel nackte Tänzer werfen ihre glitzernden Leiber vor- und rückwärts.

Rarotonga! Korallenumgürtetes Eiland und in lauer Brise wehende Kokospalmen. Die Brandung rauscht, und in den Pausen singt ein hoch im Wipfel sitzender Toddyzapfer schwermütig über die glasklare Lagune hinaus. Herrliche Menschengestalten fahren zum Fischfang ans Riff. Ho! Wie sie paddeln! Wie perle der Schaum! Wie rollen die geschmeidigen Muskeln unter samtweicher Haut! Und wie die Auslegerboote gleich einer Herde flüchtender Robben über das wogende Meer hinein ins goldene Wassertor der sinkenden Sonne rasen! Das war schön!

Nun liege ich auf den klirrenden Ketten der „Athabaska“. Rarotonga und alle die andern Bilder erstehen neu vor meinen Augen; denn ich kann sie nicht vergessen, weil sie erlebt sind. — Klirr sagen die Ketten, und vor mir wächst die braune Bergküste Mexikos empor. Kakteen, Sandsteinquadern wie rote und blaue Tore. Revolutionsreiter mit riesigen Hüten, schimmernde Städte, in den Höfen der Lupanare tanzende, wunderschöne, graziöse Mädchen, die große Goldreifen in den winzigen Ohrläppchen und schmale Dolchmesser am Strumpfband tragen. Bilder, lauter Bilder.

Unermüdlich klirren die Ketten.

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MATROSENRAT

Es verging eine lange Zeit. Eine ganze Reihe von Tagen, wie ich aus den Besuchen Vanderdeckens errechne.

Da kracht wieder einmal der Lukendeckel, eine Laterne schnurrt wie eine trübe Sonne am Tau herab; dann gleiten Gestalten, eine nach der andern, die Leiter herunter. Von unsichtbaren Händen wird oben der Deckel wieder aufgelegt, als der letzte von der Sprosse auf den Kettenhaufen springt.

Meine Wachekameraden! Jensen, Jim, die Cowboys und Sam. „So, da sind wir!“, ruft der Norweger, und seine Stimme mischt sich mit denen der andern, die in rauen Worten ihre Sympathie kundgeben.

„Hat euch der Maschinist neulich Bescheid gesagt?“, frage ich, und Jensen nickt: „Scheint ein guter Bursche zu sein?“

„Ja, das ist er!“, bekräftige ich und sehe zu, wie die Männer sich setzen. Eine seltsame Gruppe, diese Matrosen, vom Lampenlicht übermalt, auf rostigen Kettengliedern um einen zerschlagenen, gefesselten Menschen hockend!

Der Norweger braucht mich nun nicht mehr zu massieren, denn die Zeit und meine Träume aus der Vergangenheit kräftigten mich. Ich bekam auch nicht so viel ab wie das erste Mal, wurde schneller zu Boden geschmettert.

Jim macht sich an meiner Handfessel zu schaffen, und auf einmal bin ich frei. „Ein Stück krummer Draht tut oft Wunder, und das System dieser ,Darbies‘ ist uralt!“, murmelt er.

Sie packen nun allerlei Sachen aus. Tabak, eine Flasche Rum, eine Decke und andres. Das kann ich alles hinter dem Kettenhaufen verbergen, falls es nötig werden sollte. Und nun sitzen sie erwartungsvoll um mich herum. Ihre Blicke erzählen mir deutlich, dass sie mich im Stillen, ohne Verabredung, zu ihrem Führer erkoren. Es sind Menschen, sind harte Männer durch noch härtere Arbeit geworden. Das Denken ist ihnen durch diese Arbeit verkümmert, aber sie haben andere Kraft, und wenn ich das Hirn dazu gebe, können wir vielleicht etwas erreichen. Getrennt nie! Das bemühe ich mich den Leuten zu erklären, als der Schwarzhaarige mich fragt, was zu tun sei. „Nichts, vorläufig!“, ist meine Antwort, und ich frage nun meinerseits, wohin wir eigentlich fahren. Der dritte Maschinist hätte gesagt, wir würden durch den Panamakanal nach der Ostküste gehen! Ich schüttle den Kopf. Denn im Kanal kommen Behörden an Bord, und das kann der Kapitän mit seiner Schnapsladung nicht wagen. Wenn es also wirklich nach der Ostküste geht, so müssen wir uns darauf gefasst machen, um Kap Horn zu kreuzen.

Mein Einwand wird von Jensen weitergeführt und benutzt, einen langen Vortrag über Kap Horn zu halten. Ich füge aus meinen Erfahrungen an Bord der Segler hinzu, und es entsteht eine hitzige Debatte, die alles Mögliche in sich fasst: Schiffe, Meere, Hafenspelunken und feile Weiber. Nur der Gegenstand, der am nächsten liegt, die „Athabaska“ und die auf ihr herrschenden Verhältnisse, werden beiseitegeschoben.

Einige raue, einfache Männer — früher waren sie Cowboys und Landstreicher — sitzen um einen andern, der auch so ist, nur seit einigen Jahren angefangen hat, sich zu „bilden“, im Kettenkasten eines alten Rumdampfers. Und jener Mann ist immer noch echter Matrose genug, um die Unterhaltung nicht ganz nach seinem Willen lenken zu können; denn sie zersplitterte, wuchs ins Endlose.

Als die andern gingen, wie schwarze, unbeholfene Spinnen im gelben Netz der Laternenstrahlen den Schacht erkletternd, sitzt dieser Mann auf einem Kettenhaufen und zieht die Bilanz; er kann noch nicht Hirn und Anführer andrer sein!

Wieder klirren die Eisenglieder, als ich die Pfeife anzünde und trüben Gedanken nachhänge. Aber aufs neue entstehen die farbigen Gemälde vor meinen Augen; die prächtigen Geschehnisse der Vergangenheit, nach denen tausend Hände greifen würden, könnte ich sie nur in die richtige Form bringen!

Vielleicht liegt noch zu viel Kraft in diesen Bildern, die sie ungelenk über sich selbst stolpern macht. Und deshalb bin ich Abenteurer und gehöre in die Focksel dieses Schiffes, wo durchschwitzte Kleider und tranige Seestiefel bei den Stößen der Wogen an den Nägeln hin- und herschaukeln.

Klink-Klink!

Sich wiegend gleitet die „Athabaska“ weiter.

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ULYSSES VOM HARDANGERFJORD

Der dritte Maschinist ist da gewesen und wieder ans Tageslicht zurückgekehrt. Eine lange Spanne Dunkelheit folgte. Nun sitzt Jensen zwischen mir und der nach heißem Metall riechenden Laterne. Beide rauchen wir und sprechen kein Wort, schauen uns nur über das strahlende Licht in die Augen. Die Zeit vergeht, und wir reden nicht. Draußen zischt und gurgelt das Meer, die Ketten klirren, und im Raum stöhnt der Ballast.

Endlich öffnet der Mann aus Norwegen die Lippen, und unaufgefordert beginnt er zu erzählen. Erst stockend, aber allmählich kommt er in Fluss.

„Am Hardangerfjord, wo der stahlblaue Strom wie ein Lachs über die schwarzen, polierten Felsen in die Bucht klatscht, dass es eine Meile zu hören ist, stehen die Holzgestelle mit den trocknenden Halibuts vor den Fischerhütten. In diesen Hütten sitzen alte Frauen — auch die jungen haben bald alte Gesichter —, und mit den in den Gelenken knotigen, vom Rheuma gekrümmten Fingern flicken sie Netze, während ihre Männer das Meer abernten. Allabendlich kehren die braunen Kutter von draußen zurück. Manchmal weht ein Sturm, oder Nebel liegt tagelang zwischen den Schären, und dann fehlen immer einige der heimkehrenden Fahrzeuge. Das sind die Alten, die auf den Fang ausziehen!

Die Jungen gehen nach Oslo, Stockholm, Kopenhagen oder Hamburg, verheuern sich auf den großen Seeschiffen und bleiben Jahre, Jahrzehnte oder ganz fort. Und die kleinen Hütten am Hardanger werden immer einsamer und leerer.

Viele Familien wandern auch aus, nach Amerika, werden dort Bauern. Denn wir hassen eigentlich das Meer, das zu befahren wir verdammt sind. Wir hassen es, weil es uns wehtut. Aber wir bezwingen es auch, und unsere Männer gelten als die besten Seeleute, die besten Walfänger, die auf amerikanischen Fangdampfern durch die Beringstraße ins Eismeer ziehen.

Auch ich wurde Waler, fuhr fünfzehn Jahre von Seattle aus in die Fischgründe des Nordens. Und ich hatte Glück. Ich sparte, bis einige tausend Dollar beisammen waren, und wollte dann nach Minnesota, wo so viele Nordmänner von den Fjorden leben, und gleich ihnen die Erde bebauen. Nur wenige Fahrten gedachte ich noch zu machen. Ich legte mein Geld nicht in die Bank, wir einfachen Leute tun das ungern, und zahlreich sind ja auch die Beispiele, dass solch ein Unternehmen über Nacht stürzt, und dann ist alles verloren.

Ich gab daher jeden Cent, den ich sparte, der blonden Barbro, die auf mich wartete, bis wir heiraten könnten. Dann hatte ich da noch einen Freund. Das war Nicodemus Halvorsohn aus Tromsö! Der wohnte auch, wenn er an Land war, bei Barbro und ihrer alten Mutter, in einem kleinen Häuschen bei Vancouver. “Wir wechselten meist ab. Denn Halvorsohn war Waler wie ich, und wenn der eine auf den Fang zog, kehrte der andere gewöhnlich zurück.“

Jensen bricht in ein fürchterliches Lachen aus, das ununterbrochen aus seinem mächtigen Brustkasten rollt. Dann fährt er leise fort: „Als ich zurückkam von langer Fahrt mit dem 'Abc Lincoln', fand ich fremde Leute in dem Häuschen bei Vancouver. Und in Bruchstücken — noch weiß ich nicht, wie es alles kam — hörte ich, dass die beiden Frauen gestorben waren. Man führte mich auf den Friedhof, zeigte mir die Gräber. Und wie die Leute, die mir das zeigten, scheu murmelten, ist Barbro in Kindesnöten gestorben. An Nicodemus Halvorsohn! Das war mein bester Freund! Er selbst blieb verschwunden, und von meinem Gelde konnte ich auch nichts erfahren. In San Franzisco fand ich endlich seine Spur, denn er hatte da auf einem nach New York bestimmten Dampfer angemustert. Ich nahm ein Schiff, das erst vier Monate später nach Manhattan kam. Hier war er kurze Zeit bei einem Schlafbaas gewesen, streute Geld mit vollen Händen aus — mein Geld — und musterte auf einem Segler nach Honolulu an. Ich bekam kein direktes Schiff in die Südsee, und so geschah es, dass ich erst nach acht Monaten Hawaii anlief. Hier konnte ich nichts mehr erfahren. Halvorsohn blieb verschwunden. Vielleicht hat er gehört, dass ich ihn suche, und wenn nicht, so konnte er sich’s gut denken, denn er ist ein Norgemann wie ich, und wir von den Fjorden sind bekannt wegen der Hartnäckigkeit, mit der wir ein Ziel verfolgen.

Seither suche ich ihn auf allen Schiffen, in allen Meeren, allen Häfen und Spelunken, wo Seeleute verkehren. Und deshalb ging ich auch auf diesen Rumdampfer, denn ich hoffe, dass wir ihn unter der Mannschaft der seltsamen Fahrzeuge, die wir noch später treffen werden, finden. Wenn nicht, so gehe ich, wenn wir glücklich von der 'Athabaska' abmustern sollten, zurück ins Eismeer, vielleicht ist er dort. Denn er ist Waler mit Leib und Seele und führte eine der besten Harpunen!

So suche ich ihn, und eine Ahnung sagt mir, dass ich, ehe ich sterbe, Nicodemus finde. Dann will ich ihn etwas fragen.“

Die Stimme des Riesen bricht, geht in würgendes Schluchzen über; er verkrampft die Hände, und eine dicke Ader schwillt auf der Stirn. Schweigen. Allmählich glättet sich Jensens Gesicht, er zündet die Pfeife an. Ich taste über die Lampe hinweg nach seiner Hand, aber er schiebt sie zurück und murmelt: „Lass, ich verstehe dich, will aber kein Mitleid. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die es brauchen. Jetzt nicht!“

Mit einem Sprung ist er auf den Füßen, reckt sich, dass seine Enaksgestalt im dämmernden Licht hoch hinauf in den Schacht zu wachsen und diesen auszufüllen scheint. Dann gibt er mir einen freundschaftlichen Klaps auf die Achsel, nimmt die Laterne und zeigt wortlos nach oben. Dröhnend fällt der Deckel auf die Öffnung, und Dunkelheit umhüllt mich.

Nun grüble ich über die zwei Lebensschicksale, die ich hier an Bord dieses Schiffes hörte. So ähnlich sind sich beide, und wie verschieden haben sie doch auf die Männer gewirkt, die sie erlebten!

Dort der vierschrötige Steuermann, der zum Alkohol griff und seine Sinne und Wünsche darin ertränkte; der seine ungetreue Braut später kalt beobachtete, als sie im Qualm der Matrosenkneipen unterging. Und hier der blonde, sittenreine Nordmann, der den vermeintlichen Zertrümmerer seines Glückes — weiß er denn wirklich, ob es sein Glück geworden wäre? — mit der Hartnäckigkeit eines Bluthundes über die unendlichen Ozeane verfolgt. Wie wild und doch wie sentimental ist die Idee dieses Mannes! Nicodemus Halvorsohn, ich möchte nicht an deiner Stelle sein, wenn dich der Riese findet!

Nun huschen mannigfache Szenen in rascher Folge vor meinen Augen entlang. Ich stelle mir vor, wie solch ein Zusammentreffen zwischen beiden Männern ausfallen muss. Immer rascher wechseln die farbigen Geschehnisse, die meine Fantasie hinmalt, immer bunter und kühner werden sie, zuletzt vergesse ich Jensen und seine Rache, sehe nur mein eigenes, unfertiges Leben und bin zufrieden über das, was die Welt mir bisher zeigte.

Die Ketten klirren im Rhythmus. Es ist kein regelmäßiger, abgetönter Rhythmus, aber er passt als Symbol zu mir. Denn mein Dasein ist ja auch nicht abgeklärt; es fängt ja erst an!

Unermüdlich klirren die Ankerketten über meinem Haupte.

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LEBEN

Wieder vergingen Tage, gleichförmig, einer wie der andere, denn um mich ist Nacht, ist Dunkelheit, die vom Poltern des Ballasts, den Stimmen der See und meinen Gedanken lebt.

Einmal innerhalb vierundzwanzig Stunden kommt der freundliche Maschinist. Und nach ihm erscheinen die Wachekameraden. Manchmal alle, dann wieder nur einzelne, und die letzten Male waren auch Heizer und Trimmer dabei. Wir sprachen und rauchten unzählige Pfeifen. Wilde Vorschläge wurden aus zusammengekniffenen Lippen hervorgespien, und Arme, auf denen Segler, Tänzerinnen in Trikots und sozialistische Sinnbilder tätowiert sind, fuchtelten herum.

Über viele Dinge sprachen wir. Über alles, was uns in den Sinn kommt. Zuerst fängt die Unterhaltung an mit dem, was uns umgibt, dann schweift sie allmählich in andre Bahnen hinüber. Die Ex-Cowboys erzählen von der Kakteenwüste in Arizona; von den Reitern, die mit dem rötlichen Morgenstern das Ranchhaus verlassen. Von den Frischlingskälbchen, wie sie kläglich blöken, wenn der grausame Lasso sich um ihren Hals legt und sie brutal zu Boden schleudert. Und von den Wänden des Canons sprechen sie, wo die farbigen Gesteinsschichten sich staffeln und der Coloradofluss sich immer tiefer in die Eingeweide der Sierra hineinfrisst.

Die Tramps erzählen von Lagerfeuern unter Eisenbahnbrücken, wo sich die Ritter des Schienenstrangs beim Abkochen zusammenfinden. Sie sprechen von nächtlich abbrennenden Schuppen geiziger Farmer und von Frachtzugbremsern, die den einzelnen blinden Passagier, wenn er nicht einige Dollar „herausschält“, unbarmherzig mit ihren Knüppeln vom fahrenden Zug hinabstoßen; aber wenn es der Tramps viele sind, sich knurrend und feige, wie geprügelte Bestien zurückziehen. Sie beschreiben die Obstkulturen des sonnigen Kaliforniens, wo man Melonen, Erdbeeren und Apfelsinen im Akkord pflückt und viel verdient, wenn man geschickte Finger hat. Auch beschreiben sie die Elendsherbergen Chicagos, New Yorks und Philadelphias, wo ein Nachtlager in einem großen, schmutzigen Saal, in dessen Ecke der Riesenofen wie das Höllenmaul glüht, zehn Cent kostet, und wo man sich auf den Zementboden legt und mit den umfangreichen amerikanischen Zeitungen zudeckt.

Und wir lauschen — denn fast alle unter uns haben Derartiges mitgemacht — und fühlen uns bis in die innersten Winkel unserer Seelen aufgerührt.

Dann sprechen die Ozeanwaisen; die Männer, die jahrelang an den kalten Brüsten der harten Mistress liegen. Jensen beschreibt, wie der gigantische Wal, wenn der Stoß der Lanze gut saß, ganzen Leibes aus dem brüllenden Meer schießt, mit der Fluke knallt und einen Blutregen spautet, dass den Leuten im Boote die Augen erblinden.

Die Heizer reden hassvoll flüsternd von Schiffen, deren Bunker so unsäglich ungeschickt angelegt sind, dass die Trimmer nach der furchtbaren Arbeit der Vier-Stunden-Wache in den Tropenseen wie nasse Fetzen, aus Mund und Nase blutend, in den Ascheneimern an Deck gehievt werden. Und sie erzählen von Kesselräumen, in denen sich wüste Kämpfe mit Schaufeln und Eisenstangen abspielen.

Der Schwarzhaarige murmelt fast tonlos, während eine Flamme von innen heraus sein bleiches Gesicht durchleuchtet, von den Gefängnissen.

Dann fange ich an. Von den großen, vollgetakelten Seglern, die, wie herrliche Schwäne das Meer durchfurchend, an Bord nur schwimmende Arbeitshäuser sind. Und von Kap Horn, wo die ungeheuren Wogen wie schwarze Riesenhunde mit Eisblöcken spielen; die Albatros, gleich verkörperten, ruhelosen Seelen, unter dem bleigrauen Himmel irren. Wo Schneestürme den Matrosen als stechende Nadelschauer gegen die geröteten Gesichter prallen, wenn sie oben in den dünnen „Pferden“ unter knarrenden Rahen stehen und sich weit nach vorne über den Abgrund beugen. Mit beiden Händen, diesen armen Händen, denen die nassen, durchschlüpfenden Taue klaffende, oft erst in warmen Zonen heilende Wunden reißen; mit blau gefrorenen Fingern, unter deren abgebrochenen Nägeln das Blut hervorspritzt, mühen sie sich stundenlang, die gewaltige Fläche eines brettsteif vereisten, im heulenden Sturm stehenden Segels zu reffen.

So reden wir! Und in unseren Beschreibungen braust der Orgelton des böengepeitschten Meeres! Die tausend Tropensterne tanzen ruckweise durch den matten Fächer des Zodiakallichtes, wenn die See wie ein polierter Spiegel glänzt. Und die Morgenbrise murmelt in unsern Worten, rührt die kleinen Wellen auf, dass es aussieht, als ob unzählige raffende, purpurgefleckte Hände im versinkenden Piratengold herumhuschen.

Jeder der Männer, die mich heimlich im Kettenkasten besuchen, hat etwas zu erzählen. Mit plumpen, barbarischen Farben malen sie ihre Schicksale vor die Zuhörer. Und bald ist es wieder Zeit für sie zu gehen.

Einige raue, aber freundliche Worte für mich. Und dann klettern sie die Sprossen nach oben, lassen mich allein in meiner Nacht, in der die eben beschriebenen Gestalten wie blasse Schemen erlöschen.

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DIE MANNSCHAFT BESCHLIEßT

Ich bin nun über zwei Wochen in meinem Gefängnis. Schlechte Luft und herrschende Tropenhitze machten mich matt.

Eines Nachts — Nacht ist es ja immer hier unten! — klettert ein endloser Zug Männer zu mir herab. So viele waren es noch nie. Meine gesamte Wache, auch der Koch, alle dienstfreien Heizer, Trimmer und sogar der blasse Steward.

Sie haben gar nicht alle Platz in dem eisernen Kasten, etliche hängen an den Sprossen wie eine wunderliche Traube, bis hinauf dicht unter dem Lukendeckel. Ein paar andre sind in Gefahr, von den sich ruckweise bewegenden Ketten verletzt zu werden.

Jensen beginnt zu reden, und ich erfahre, dass man mich in den nächsten Tagen an Deck holen wird. Der Kapitän will mich fragen, ob ich Vernunft annahm.

Andere unterbrechen den Norweger, und plötzlich schreit alles durcheinander. Aus diesem Stimmengewoge, das dumpf von den engen Wänden zurückprallt, entnehme ich, dass alle Leute gemeinsam nach mittschiffs marschieren wollen, um den Alten zu fragen, wie lange die Reise daure. Ferner will man durchsetzen, dass nicht jeder Mann mehr zwangsweise täglich eine Flasche Rum erhält, sondern nur alle drei Tage eine.

Ein langer Heizer, dem auf der Wange ein kleiner, blauer Stern eintätowiert ist, fuchtelt mit den Armen herum und kreischt laut: „Seeleute sind wir, und Seeleute trinken gerne! Besonders seit in Amerika die verdammte Trockenheit herrscht. Las da neulich in ’nem Buch, das der Charley hat, über uns. Stand drin, dass wir uns besaufen, wo nur ’ne Gelegenheit ist, und dass wir zum schmutzigen Abschaum der Menschheit gehören! Hahaha!“ Seine Stimme durchschneidet das Tosen der übrigen. „Hoho! Menschen sind wir! Menschen, die arbeiten müssen wie Schufte, während andre an unserem Schweiße fett werden. Und wir saufen, ja wir saufen, weil wir nichts andres kennen! Aber nur an Land, in den Häfen. Gekielholt will ich sein, wenn es viele betrunkene Seeleute auf dem Meere gibt! Und ich bin’s zufrieden, dass wir hier Rum kriegen, ist sonst auf den Schiffen nicht üblich, aber ich schätze, dass eine Flasche alle drei Tage genügt.

Wollen nicht die ganze Heuer in Schnaps anlegen. Ist ein Höllenschiff, diese 'Athabaska', und bin dabei, wenn wir die Sache endlich mal in die Hand nehmen!“

Beifallsgeschrei bricht sich an den Wänden des Schachts. Endlich sind sie ruhig, und alle sehen mich an.

„Maaten, was versteht ihr darunter, die Sache in die Hand nehmen?“, frage ich. Erst herrscht Schweigen, dann bricht der Aufruhr los. Und die Pläne, die mir aus dem Haufen da in die Ohren geschrien werden, sind abenteuerlich genug, aber unausführbar. Sie gleichen ganz den Rachegedanken von Schuljungen, wenn der Lehrer sie nachsitzen ließ oder verprügelte.

Meine Ansicht dringt endlich durch, und gemeinsam wird beschlossen zu warten, bis ich an Deck käme. Dann wollen wir sehen.

Nur der kleine Koch ist nicht zufrieden, er plärrt los: „In New York, wo wir lagen, ehe wir nach Frisco dampften, hat mir der zweite Steuermann, das Aas von Carlesohn, ’nen Tritt gegeben, dass ich mir zwei Zähne gegen die Reling ausschlug! Bin Koch gewesen auf sämtlichen Schiffen dieser verdammten Welt, und was habe ich, was habe ich jetzt davon? Zwei Zähne weniger und dazu ’nen kranken Leib! Nein, wollen sie umbringen, mit dem Messer will ich den Kerlen die Adamsäpfel rausschneiden!“

Erschöpft schweigt der kleine Mann. Jemand lacht.

Eine Flasche macht nun die Runde von Mund zu Mund, dann ruft Jensen: „Unsere Wache fängt gleich an. Los, an Deck!“

Sie gehen, und kurze Zeit bin ich allein. Nun kommt wieder eine Laterne herabgeglitten, und zwei Männer folgen. Ich kenne sie, habe aber bisher selten mit ihnen gesprochen, denn sie sind auf der andern Wache. Ein Matrose und ein Trimmer.

Wir plaudern eine Weile, rauchen dazu. Stockend erkundigen sie sich, ob ich etwas brauche, dann meint der Trimmer, dass ich nun ja bald freikäme. Nach einer Weile brechen sie wieder auf. Der Trimmer ist schon oben über dem Lukenrand verschwunden, der andre klettert eben nach, steckt aber noch einmal den Kopf nach unten und ruft: „Höre, wir Matrosen und Heizer von der andern Wache sind dabei! Das wollten wir dir nur sagen!“ Knallend legt sich der Deckel auf die Öffnung.

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ANMUSTERUNG AUF HOHER See

Es kommt so, wie man mir gesagt hatte. Der junge Maschinist erscheint, nimmt die Handfessel an sich, und zusammen steigen wir an Deck, gehen nach mittschiffs.

Die Steuerbordwache ist mit Rostklopfen beschäftigt, die anderen lungern vor der Focksel herum und winken mir zu. Aus dem Kombüsenbullauge fährt der Kopf des Kochs, grinst und verschwindet. Auf der Brüche stehen der Kapitän, sämtliche Steuerleute und der erste Maschinist. „Halt!“, kommandiert O’Sullivan, als wir am Fuße der Treppe anlangen. „Mr. Vanderdecken, Sie können nach der Koje gehen!“ Der Holländer verschwindet, und von oben schauen die Gesichter der Männer herab.

Bis hierher ist alles gut abgelaufen, aber nun wird mir schlecht. Das blaue, ruhige Meer, der blendende Glanz der Tropensonne und die heiße, aber reine Luft, alle diese Kontraste sind zu stark gegen die Finsternis brütende Hölle, aus der ich eben komme. Ich muss mich am Geländer halten; meine Augen blinzeln.

„Kommt rauf, Ihr da!“, ruft es, dann folgt ein barsches „Na?“ Ich begreife, dass ich gemeint bin, und ersteige langsam die Treppe. An mir hinabsehend, bemerke ich, dass ich dick mit rostrotem Kettenschleim besudelt bin. Der Matrose Sam steht am Ruder, und ein kurzes ermutigendes Lächeln umzuckt seinen Mund. Ich werde ins Kartenhaus geschoben, dort liegt das offene Logbuch auf dem Klapptisch. Und der Kapitän fängt an: „Mann, habt Ihr Euch eines Besseren besonnen, und wollt Ihr die Befehle Vorgesetzter Offiziere ohne Murren befolgen?“ ...

„Ich konnte mein Auge nicht aufkriegen!“, sage ich, auf die nächtliche Episode, wo ich den Gegensegler übersah, anspielend.

„Quatsch!“, schneidet er mich ab. „Ich frage, ob Ihr vernünftig sein und den Heuerkontrakt unterzeichnen wollt!“

Details

Seiten
280
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738915921
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Dezember)
Schlagworte
satan ozean
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Titel: Satan Ozean