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Der Narr und die Mandelblüte

©2017 280 Seiten

Zusammenfassung

Der Narr und die Mandelblüte
Roman von Ernst F. Löhndorff

Der Umfang dieses Buchs entspricht 255 Taschenbuchseiten.

Eine gequälte Kreatur, ein hässlicher Narr, so sieht die Welt Peter, den Engländer. Doch nach einer grausamen Odyssee gelangt er auf die Insel Boro-Boro, und plötzlich wendet sich sein Schicksal scheinbar zum Besseren. Doch sein Herz ist entflammt in Liebe zu einer schönen Frau, der er sich nicht nähern kann, weil sie die Tochter seines Chefs ist. Er hat sich abgefunden damit, dass er den Rest seines Lebens allein bleiben wird, ergibt sich dem Opium und dem Alkohol, bis die Pest auf die Insel gelangt. Und plötzlich steht er im Mittelpunkt.

Leseprobe

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Der Narr und die Mandelblüte

Roman von Ernst F. Löhndorff

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Der Umfang dieses Buchs entspricht 255 Taschenbuchseiten.

Eine gequälte Kreatur, ein hässlicher Narr, so sieht die Welt Peter, den Engländer. Doch nach einer grausamen Odyssee gelangt er auf die Insel Boro-Boro, und plötzlich wendet sich sein Schicksal scheinbar zum Besseren. Doch sein Herz ist entflammt in Liebe zu einer schönen Frau, der er sich nicht nähern kann, weil sie die Tochter seines Chefs ist. Er hat sich abgefunden damit, dass er den Rest seines Lebens allein bleiben wird, ergibt sich dem Opium und dem Alkohol, bis die Pest auf die Insel gelangt. Und plötzlich steht er im Mittelpunkt.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Erstes Kapitel: Die Reise nach Boro-Boro

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BORO-BORO hatte nach Süden einen schmalen ebenen Küstenstreifen, den das glasklare glatte Wasser einer riffgeschützten Lagune leise schmeichelnd berührte. Der feine Sand war so weiß, dass er unter dem riesigen, grellen Tropenmond wie ein blanker Silbergürtel aussah. Wenn aber die Sonne darauf strahlte, war er violett mit dem schwarzblauen, unruhigen Schattenmuster der Uferpalmen gezeichnet; wenn flimmernde Dunstschichten gleich Feuerfünkchen über Boro-Boro tanzten; wenn die Konturen des Berges im Trugschimmer der grausamen Hitze sich unaufhörlich verzerrten, auseinander und wieder zusammen flossen!

Man konnte meinen, der Fuß des Berges sei ein Riesenbein, das bis an den Knöchel im Sande steckte und dann steil und gedrungen in den Himmel wuchtete. Dieser schimmerte bei Tag hell und zart wie die Seidenschärpe eines andalusischen Mädchens. Im Lichte der Sterne glich er einem voll erblühten Indigofeld am Gangesufer, das vom Monsun gestreichelt wird.

Wie feine Filigrane hoben sich die gefiederten Palmen, die in weiten Abständen den Grat bestanden, vom Horizont ab. Aus dunkel verschatteter Schlucht stürzte weiß schäumend der Bach in vielen Terrassen nach unten. Über seinen Fällen und Strudeln gaukelten kleine Regenbogen hin und her, auf und nieder, und die runden Schultern der Basaltblöcke ragten schwarz und nass glitzernd aus üppigem Grün. Erst wenn der Sonnenball sich ins flammend gerötete Meer stürzte, erlosch der Farbenzauber, und die Landschaft zerlief in dunkler Tusche, mit wahllos eingestreuten silbernen Pinselstrichen.

Auf der anderen Seite des Berges war die Erde flach, mit spärlichen Grastupfern und viel Sand bedeckt. An der Innenseite einer tiefen Halbmondbucht, gegen die das Meer frei und ungehindert schlug, lag die Bretterbuden- und Ölpapierstadt des reichen Chinesen Ah-Quong. Seine Schecks galten von Hongkong bis nach dem Schott el Arab, und seine Dschunken befuhren das Inselmeer nach allen Richtungen. Ah-Quongs Niederlassung ähnelte einem farbenglühenden Märchenbasar aus der endlosen Phantasienkette des Orients, die von Morgen bis Mitternacht und wieder bis zum neuen Morgen währt.

Das war Boro-Boro, die ferne Insel, deren Bewohner manchmal brüllend aus ihrer Ruhe gerissen wurden und dann in langer Prozession mit Räucherstäbchen, duftenden Gefäßen und Ah-Quong an

der Spitze zum Strande wallten, wenn der „Alte Mann“ im Innern des Berges sich regte, dass dumpfes Grollen durch die schwüle Natur brach und die Insel in ihren Grundfesten erbebte. Ah-Quong opferte nach heimischer Sitte beim Gezirpe und Geschnatter merkwürdiger chinesischer Musikinstrumente den Göttern, um sie zu versöhnen. Weit in die See hinaus warf er eine schimmernde Perle. Am Fuße des Berges entzündete er Räucherwerk und Sandelholz, und alle Menschen, selbst die paar übriggebliebenen Ureinwohner der Insel, jene schlanken, goldbraunen Kanaken mit krausen Bärten und ihre schön geformten Frauen, sanken in die Knie, um den „Alten Mann“ auf chinesische Art zu ersuchen, ihr Leben zu verschonen.

Das war Boro-Boro, das Eiland in der glitzernden See, auf dem ein Tag oder eine Nacht wie die anderen waren, wenn der „Alte Mann“ im Berge nicht gerade grollte! Dort war ein Paradies für Menschen, die Ruhe suchten und ein neues Leben anfangen wollten. Dort ist gut sein!, sagte sich Peter Holders mit seiner hungernden, brutalisierten, in einem verprügelten Körper wohnenden Seele, als er die schlanken Kokospalmen, das grüne Gras und die gleich zuckenden Farbenblitzen durch die duftschwere Luft schwirrenden Vögel erblickte. Die schön geschnitzten Auslegerkanus und die zierlichen Hütten der Kanaken, die am Fuße des Berges an der Lagune, fern von der bunten Stadt des Chinesen wohnten, sah er.

Und seltsam beschwichtigend schlugen der klagende Tenor und die schluchzenden Chorstimmen der braunen Menschen an sein Ohr, während er sich im harten Griff von Mr. Jörgensen, dem ersten Steuermann des Motorseglers „Golden Bough“, wand und krümmte. Als ihn so die starken Finger am Genick schüttelten und die Ruderer roh dazu lachten, schaute Peter Holders verlangend hinüber zu den Silberschleiern des stiebenden Wasserfalls; und vor seinem geistigen Auge spielte sich das, was gewesen war, wie ein rasender Filmstreifen ab, und tief in seinem Herzen sang leise Hoffnung: „Dort drüben leben können.“

Peter Holders zählte, als er zum ersten Mal den staunenden Blick auf Boro-Boro warf, achtunddreißig Jahre. Er war von Statur klein und schwächlich. Sein Gesicht trug einen Ausdruck von Unterwürfigkeit, und in seinen großen, von weizenblonden Brauen überdachten Augen wohnte jene sanfte Geduld, wie sie uns aus den Pupillen behaglich wiederkäuender Haustiere entgegenblickt. Sein Gemüt war von kindlicher Bescheidenheit, und so kam es, dass er von Starken und Skrupellosen immer wieder zu Boden getrampelt wurde.

Er hatte bereits ein buntes Leben hinter sich. In London fing seine selbständige Laufbahn als Lehrjunge in der alt renommierten Firma „Smalltree, Smalltree & Jones“ im Grays Inn Viertel an. Er wurde Clerk oder kaufmännischer Angestellter. Eines Tages packte ihn die Sehnsucht nach dem freien, großen Amerika; er kratzte seine Pennies und Schillinge zusammen und fuhr im Zwischendeck nach New York. Bald musste er erkennen, dass hier von der Freiheit nur die Statue, die diesen Namen trug, übriggeblieben war, und eine böse Zeit begann für den kleinen Cockney als Geschirrwäscher und Landstreicher. Es zog ihn in dem Westen, von dem er aus Indianer- und Goldgräbererzählungen, die er als Junge gelesen hatte, eine undeutliche Vorstellung besaß.

Peter Holders kehrte der Hudsonmetropole den Rücken und wanderte mit einigen Dollars in der Tasche und seinem Bündel westwärts. Sein schwankendes, ängstliches Wesen erlaubte ihm nicht, ein richtiger amerikanischer Hobo oder Tramp zu werden; und statt wie diese kühn auf fahrende Güterzüge zu springen und allnächtlich Hunderte von Meilen zurückzulegen, ging er zu Fuß. Manchmal nahm ihn ein großzügiger Autofahrer ein Stück weit mit. Manchmal sprach er auf Farmen um Tagesarbeit vor, wobei es aber oft geschah, dass der Farmer, der Tramps in schlechtem Andenken haben mochte, einfach die Hunde auf ihn hetzte oder ihm mit der Schrotflinte nachschoss. Einmal versuchte er es doch mit einem Güterzug, der gerade in einer kleinen Station Wasser nahm. Schon nach einer Viertelstunde wurde er entdeckt und von einem rauen Bremser halbtot geprügelt und unter Verlust seines Bündels vom fahrenden Zug geworfen. Mit gebrochenem Bein blieb er am Bahndamm liegen, bis mitleidige Leute ihn ins Hospital brachten. Nach seiner Gesundung wurde er eingesperrt und musste sechs Wochen Steine auf den Landstraßen klopfen, weil er sich gegen die Gesetze vergangen hatte.

Peter Holders kam nach Detroit und erhielt eine Stelle als Kochmaat auf einem der großen Forddampfer, die den Michigansee befahren. Schon nach zwei Tagen lauerten ihm Klu-Klux-Klaner auf und schlugen ihn windelweich, weil er als weißer Mann auf einem Dampfer arbeitete, der fast nur schwarze Besatzung führte. Er hatte noch Glück, zwar musste er wieder ins Krankenhaus, aber außer einer leichten Gehirnerschütterung und einem gebrochenen Schlüsselbein fehlte ihm nichts. Nach seiner Entlassung schlug er bei den Umzügen der Heilsarmee die große Pauke und erhielt dafür Essen und Unterkunft. Später fand er für acht Tage Arbeit als Silberwäscher in einem lebhaften Hotel, verbrühte sich aber die Hand und musste gehen. Von seinem letzten Geld kaufte er sich eine Decke und einige Lebensmittel und wanderte wieder los.

In Kansas City hatte er Glück, denn er fand in einer Bar sofort Arbeit. Er musste zunächst die großen Messingspucknäpfe und andere Dinge säubern, aber schließlich brachte er es bis zum Barkeeper. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich nun der kleine, von allen gestoßene Cockney glücklich. Stolz trug er die weiße Jacke und die Schürze seines Amtes und klebte sich sein spärliches blondes Haar mit viel Pomade glatt auf den Kopf. Er hielt sich eine Sportzeitung, mit deren Hilfe er den Besuchern des Lokals wunderbare Tipps über die Pferderennen in Tennessee geben konnte.

Little Piet, wie sie ihn nannten, begann allmählich zum festen Inventar der kleinen Holzhäusergasse der großen Kansas City zu gehören, als plötzlich seine Hoffnungen gleich einer Seifenblase zerplatzten. Der Chef machte Bankrott, verschwand über Nacht, und der Barkeeper saß von Neuem auf der Straße. Voll Hoffnung fuhr er nach San Francisco und gedachte dort sein Auskommen zu finden. Aber die Lokalbesitzer, bei denen er vorsprach, betrachteten nur lachend den kleinen Mann und schüttelten ihre Köpfe.

„Barkeeper? Sie? Nee, nichts zu machen! Vielleicht fragen Sie mal bei Petrus oben im Himmel nach. Menschenskind, wie wollen Sie denn Frieden stiften, wenn sich Gäste prügeln? Das kommt oft bei uns vor! Die Kerle stecken Sie ja einfach in die Tasche!“ Damit ließen sie ihn stehen.

Eine Zeitlang fristete Holders sein Dasein als Fensterputzer, bis die Mitglieder der „Fensterputzer-Gewerkschaft“ aufmerksam wurden und ihn verprügelten, wobei er vier Zähne verlor und ein eingeschlagenes Nasenbein davontrug. Sein Gesicht bekam dadurch etwas lächerlich Groteskes. Wenn er seitdem auf die Straße ging, hielt er sich stets im Schutze der Häuser, und seine großen Augen, in denen jetzt die unbestimmte Angst eines ewig Geduckten lag, spähten unablässig nach allen Seiten.

Während jener denkwürdigen Tage, als zehntausend Hafenarbeiter in der „Königin des Pazifik“ in Ausstand traten, weil sie pro Stunde vier Cents mehr Lohn verlangten, arbeitete Peter als Streikbrecher. Er fühlte einen merkwürdigen Stolz in sich, als er im Schutze von Miliz und Detektiven mit einem Häuflein seinesgleichen in den Warenschuppen schaffte, während das drohende Tosen der erbitterten Menge gedämpft an ihre Ohren klang. Er arbeitete, und sie mussten hungern! Das war seine Rache für all die Knüffe, Tritte und Verletzungen, die er empfangen hatte, seit er in den Vereinigten Staaten weilte.

Aber wie alle Streiks, so nahm auch dieser sein Ende, und Peter sah sich eines Tages wieder inmitten des Riesenheeres der Arbeitslosen auf der Straße. Er konnte sich durchaus nicht die sorgenvolle Tatsache verhehlen, dass er als Streikbrecher für die kalifornischen Seestädte ein gezeichneter Mann war, denn der Mitteilungsdienst der amerikanischen Gewerkschaften funktioniert außerordentlich gut. Das mindeste, was ihm blühte, war eine Tracht Prügel, dass er hospitalreif wurde. Wenn er an die Gesichter und Drohungen jener Männer dachte, deren Arbeit er unter polizeilichem Schutz ausgeführt hatte, beschlich ihn eine Bangigkeit, die sich rasch zu toller Angst auswuchs.

Darum blieb er tagelang in seinem scheußlichen Zimmer hocken, schaute durch die blinden Fensterscheiben auf den Hof der chinesischen Wäscherei hinab oder zählte mechanisch die Blutflecken von getöteten Wanzen an der verfärbten Tapete. Wenn er sich im Spiegel besah und sein seltsam verbogenes, eingeschlagenes Gesicht ihm entgegenglotzte, stiegen ihm Tränen in die Augen. Auf einmal kamen der Durst nach Schönheit und Neuem und die Wanderlust, die noch immer in seiner geduckten Seele wohnten, mächtig über ihn. Er besaß noch etwas Geld, das drückte er eines Abends einem halb betrunkenen Matrosen in die teerige Schwielenhand, der von der „Golden Bough“ an Land gekommen war, um noch eine letzte feuchtfröhliche Nacht zu durchkosten. Anfangs hatte Holders einen ganz anderen Plan gehabt! Er hatte sich einigen Dauerproviant erstehen und dann auf die Lauer legen wollen, bis er sich auf einen Südamerikadampfer schleichen und verstecken konnte. Als er aber in der halb düsteren Kneipe im Erdgeschoss seiner Mietskaserne saß und von glücklichen Zeiten träumte, kam ein breitschultriger, wild blickender Bursche herein, der alle Anwesenden einer unauffälligen, aber genauen Musterung unterzog. Bei Peter, der sich in den äußersten Winkel drückte, machte er halt, betrachtete ihn höhnisch und schritt dann pfeifend in die Dunkelheit hinaus. Tödlich erschrocken dachte Peter sofort, dass es einer der Streikenden gewesen war, der ihn erkannt hatte und jetzt eilte, um seine Kumpane herbeizuholen. Zitternd stürzte er auf die Gasse, schaute sich kaum um und rannte, sich eng an die Häuser haltend, wie ein gehetztes Wild davon. Gänzlich außer Atem, mit hämmernden Pulsen und schweißtriefend kam er in der Marketstreet an, wo er gegen einen blondbärtigen Riesen rannte, der ihn gutmütig wegstieß. Der lebhafte Verkehr um ihn und die hellen Lampen ließen ihn wieder zu sich kommen. Seine Stirn wischend, trat er in eine Kneipe, um sich zu erquicken.

Hier führte das Schicksal Holders mit Bill Hopkins von der „Golden Bough“ zusammen, der den kleinen, verängstigten Mann lachend betrachtete, ihm nachher derb auf die Schulter schlug und ein volles Glas in die Hand drückte. Seit Langem war niemand so freundlich zu Peter gewesen, und der burschikose Matrose flößte ihm daher ein Gefühl der Bewunderung ein, das binnen einer Viertelstunde beinahe an Ehrfurcht grenzte.

Wehmütig betrachtete Peter Holders den starkknochigen, gebräunten Seefahrer; der brauchte nicht dauernd in Angst zu leben, den würde niemand quälen und unterdrücken. Der Seemann unterhielt sich weiter mit Holders, der bald einen Beschützer in ihm sah und sich wie eine Klette an Bill klammerte. Von Kneipe zu Kneipe folgte er ihm auf den Fersen. Billy war schon so weit unter Alkohol, dass ihn diese Anhänglichkeit erfreute; er ging jetzt dazu über, sein Schiff, welches er nüchtern eine „alte verdammte, verrottete Arbeitshölle“ nannte, mit einem schwimmenden Erholungsheim zu vergleichen und das Lob der „Golden Bough“ und ihrer Offiziere in den höchsten Tönen zu singen. Als Peter wiederholt schüchtern, aber sehr dringend wissen wollte, ob das Schiff nach Südamerika bestimmt wäre, antwortete Billy großartig wie ein Orakel: „Was, Teufel – wo Palmen sind und schwarzhaarige Weiber, da sausen wir hin!“

Auf eine weitere zaghafte Frage entgegnete er im Brustton überzeugten Gönnertums: „Selbstverständlich kann ich dich an Bord verstauen, dass kein Schwein was davon merkt, und dir unterwegs Futter geben. Wenn wir dann drüben ankommen und du über die Landungsplanke bist, machst du dem Käpt’n ’ne lange Nase und rufst ihm zu, er soll dir den Buckel runter rutschen. Der Käpt’n ist nämlich ein übler Satan. Der reine Sklaventreiber, musst du wissen!“

„Aber eben hast du doch noch gesagt, er und die Offiziere wären feine Kerle?“, stotterte Peter.

Der Matrose trommelte sich auf der Brust. „Feine Kerle? Gewiss sind sie’s. Alle Menschen sind feine Kerle, wenn sie erst begraben, verbrannt oder ersoffen sind. Weißt du das nicht? ... Aber du kannst mitkommen, wenn du willst. Du gefällst mir. Prost, altes Haus. Prost!“ Er beugte sich näher und flüsterte rülpsend: „Aber wenn ich dir – hup – die Gefälligkeit tue – hup, hup! Verdammtes Gift, was sich unsereins – hup – die Gurgel hinabkippt – hup —. Das kostet ’ne kleine – hup – winzige Kleinigkeit. Was willst du aufwenden, Genosse? Hup, hup!“

Peter griff in die Tasche und legte vertrauensvoll all sein Geld in die Bierpfütze auf dem Tisch. Vielleicht schien ihm, dass er auf diese Art bei dem rauen Manne der See am weitesten kommen würde.

„Hm! Hup! Hm!“, brummte Bill Hopkins, indem er das Geld ohne weiteres in die Hosentasche fegte. „Acht schäbige Dollars und darunter – hup – ein Mexikaner. Das ist nicht viel, mein Engel. Aber weil du’s bist! Dafür kann ich mir noch einen anständigen Rausch – hup – und ’ne Pulle zum Anbordnehmen leisten. Topp!“

Peter fiel ein Stein vom Herzen. Am liebsten hätte er laut gesungen und gelacht, aber er musste jetzt seine ganze Kraft und Aufmerksamkeit daran wenden, dass Bill es nicht zu toll trieb. Einmal wurde dieser ärgerlich und schnaufte: „Was willst du ausgemergelter Fatzke eigentlich von mir?“

Schließlich gelang es dem Kleinen, ihn zum Aufbruch zu bewegen, nachdem der letzte Cent über den Schanktisch gerollt war. Mit zwei Flaschen Schnaps in den Rocktaschen musste Peter ihn zum Hafen lotsen, wo sie mit Mühe ein Boot auftrieben, dessen Besitzer bereit war, die beiden für Peters silberne Uhr nach der „Golden Bough“ hinauszurudern. Peter verschlug der Schreck die Sprache, als sie statt an einem Dampfer am Fallreep eines schlanken Dreimastschoners anlegten. Der in seine Düffeljacke gehüllte Wachtsmann half ihnen an Bord.

„Nanu?“, sagte er, als er Peter entdeckte. Aber der Begleiter lachte: „Alles in bester Butter, Paddy, mein Engel. Ist’n Freund von mir. Da, hast du was vom Fahrgeld!“ Der andere nahm die dargereichte Flasche und ließ sie zwischen Hemd und Brust verschwinden.

„Allright, willkommen, Mister!“, grinste er. Bill flüsterte ihm etwas ins Ohr und wankte dann, ohne sich um Peter zu kümmern, singend nach vorne. Dieser fühlte sich am Arm ergriffen und fortgezogen.

„Fall nicht über die Taurollen!“, wurde ihm warnend zugebrummt. Willenlos stieg Peter jetzt hinter Paddy eine eiserne Leiter ins dunkel gähnende Luk hinab, dann beschien die elektrische Lampe einen niedrigen, schlauchartigen Verschlag, in dem viele aufgerollte Segel lagen. Es roch nach Tauwerk und Teer.

„So, hier in der Segelkoje sucht dich vorläufig niemand. Leg dich ganz vorne in die Ecke und schlaf, so lange du kannst. Und komm ja nicht etwa raus, ehe wir Bescheid geben! Sollte dich aber der erste Steuermann finden, so verrätst du ihm nicht, dass wir dir geholfen haben, sonst kriegst du von uns ’ne Abreibung, dass es nur so kracht. – Sag ihm einfach, du hättest dich an Bord geschlichen, als keiner aufpasste“, warnte ihn der Irländer im breiten Dialekt der grünen Insel.

Peter fand die Sprache wieder: „Ach Gott, wir gehen doch nach Südamerika?“

„Südamerika, mein Herzchen? Oh, Jesus und Jungfrau Maria! Südamerika! – Nach der Südsee fahren wir, du Rindvieh, du gottseliges!“, lachte der Befragte.

Da schrie Peter auf. „Dahin will ich nicht! Lasst mich an Land und gebt mir mein Geld zurück!“

Eine schwere Hand legte sich gewaltsam auf seinen Mund, und eine wütende Stimme zischelte ihm ins Ohr: „Mensch, schrei nicht so, sonst, bei Jesus! steck ich dir ’ne Handvoll Werg ins Maul. Willst du etwa das ganze Schiff rebellisch machen und mich in des Teufels Küche bringen?“

Da sank Peter, in sein Schicksal ergeben, in sich zusammen und kroch nach der Weisung des anderen stumm in die Ecke, wo er den Zipfel eines Klüversegels halb über sich schlug.

„So, nun schlaf süß, mein Liebling. Du hast ein gutes Bett, worüber mancher froh wäre, und wenn du aufwachst, sind wir auf hoher See. – Weh dir, falls du uns verrätst, mein Herzblatt!“, brummte Paddy vielsagend und verschwand.

Nun war es undurchdringlich finster um den blinden Passagier. Der starke Geruch seiner Umgebung benebelte ihn, und er sank in schweren, durch nichts unterbrochenen Schlummer.

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SEIN ERWACHEN WAR BÖSE. Für Augenblicke dachte er, er sei gestorben und befände sich im Vorraum der Hölle. Erst als Mr. Jörgensen ihn mit Knüffen und Fußtritten aus der Segelkammer die eiserne Leiter hinauf an Deck jagte, wo ihn feixende Gesichter und frische Luft empfingen, kam er in die Wirklichkeit zurück.

Auf alle brüllend an ihn gestellten Fragen erwiderte er demütig: „Ich wollte nach warmen Landen und schlich mich daher an Bord. Ich bitte um Entschuldigung, und ich will gerne arbeiten!“

Der Kapitän gab ihm eine Ohrfeige, und damit er das Gleichgewicht nicht verlor, erteilte Mr. Jörgensen ihm eine auf die andere Seite. Daraufhin fühlten Mr. Kraig und Mr. Talbot, der Zweite und der Dritte Steuermann, sich bewogen, ihm mit ihren schweren Schaftstiefeln einige Tritte zu versetzen.

Schließlich knurrte der Kapitän: „Warm werden wir dir’s schon machen, du freche Landrattenschnauze! Heiß sollst du’s bei uns kriegen! Mr. Jörgensen, nehmen Sie den Lubber und lassen Sie ihn arbeiten, dass er sich die dreckige Seele aus dem Leibe schwitzt. Zwölf Stunden täglich! In der Kombüse, an Deck, überall soll er anfassen, und dass er sich ja keine Minute ausruht!“

„Allright, Käpt’n!“ antwortete der Erste Offizier, packte den unglücklichen Cockney beim linken Ohr und führte ihn an die Kombüse. „Hier, Koch, lass den Kerl Kartoffeln schälen, und schick ihn mir wieder, wenn er fertig ist!“, rief er und gab seinem Opfer einen Stoß.

Peter stolperte über die Eisenschwelle und fiel mit dem Gesicht auf die rotglühende Herdplatte. Der Koch riss den Aufbrüllenden zwar sofort hoch, aber die Haut von Peters Nase war auf der heißen Platte geblieben.

„Na, na, das wollen wir schon einrenken. Hab mir schon oft die Pfoten teuflisch versengt, wenn’s auch nicht gleich der Riecher war!“, beschwichtigte der Koch gutmütig den Wimmernden und schmierte reichlich Schweineschmalz auf die blanke Brandwunde, dann streute er Kartoffelmehl drüber und meinte: „So. Das stillt den Schmerz und heilt gleichzeitig!“ Er drückte Peter ein Schälmesser in die Hand und sorgte dafür, dass er sich sofort an die Arbeit machte. Denn Müßiggang gab es auf der „Golden Bough“ nicht, und wie sich Mr. Jörgensen ausdrückte: „Der Sohn einer Mutter, der auf diesem Schiff faulenzen will, der muss wahrhaftig so krank sein, dass er nicht mehr mit der Zunge wackeln kann!“

Schon bald setzte das Martyrium des kleinen Cockneys, dessen Nase langsam zu heilen begann, ein. Er wurde der Prügelbock des Schiffes im wahrsten Sinne des Wortes und musste arbeiten wie noch nie im Leben. Jeder an Bord ließ seine Launen an ihm aus, und oft war sein geschundener Leib ein einziger großer Schmerz. Er hatte zwar einmal versucht sich aufzulehnen, doch das war ihm so übel bekommen, dass er nur mit Entsetzen an jenen Tag dachte.

Zuerst wollte er sich an Bill Hopkins und den Irländer anschließen, doch diese befürchteten, dass

die Rolle, die sie in der Nacht vor der Ausreise gespielt hatten, ans Tageslicht kommen könnte, darum stießen sie ihn rau von sich. Da war Peter Holders gezwungen, seine Gedanken für sich zu behalten und allen Schmerz und Kummer stumm und bitter hinabzuschlucken.

Auf der langen Reise, während die Brise fröhlich in den großen, schneeigen Segeln summte und herrliche Tage und Nächte über Fahrzeug und Meer zusammenschlugen, um immer feenhafteren Platz zu machen, führte er das entwürdigende, lächerliche und gequälte Dasein eines Schiffsjungen. Mit dem Unterschied, dass er kein Junge war, sondern weit über dreißig Jahre zählte.

Die „Golden Bough“ legte auf Tahiti an. Peter starrte sich die Augen aus nach der paradiesischen Insel; aber er wurde gut bewacht und konnte nicht entfliehen. Auch später, während sie hinab in die Sundasee und zu den Gewürzinseln fuhren, gelang es ihm nicht zu desertieren. Als dann die „Golden Bough“ acht Tage in der Halbmondbucht von Boro-Boro ankerte und er nicht an Land durfte, war es ihm, als ob sein Herz brechen müsste, und tiefste Verzweiflung verwandelte sich bei ihm in fast tierische Verschlagenheit!

Kaum waren sie auf See und kreuzten, mit einem Lotsen von Boro-Boro an Bord, bei leichter Brise um die Insel herum, als Peter seinen letzten, fast unsinnigen Plan in die Wirklichkeit umsetzte. Aus den Gesprächen der Matrosen hatte er entnommen, dass auf Boro-Boro manchmal böse ansteckende Krankheiten ausbrachen, die von Ah-Quongs Dschunken aus den bazillenbrütenden Häfen des Ostens eingeschleppt wurden. Darauf fußte Peter Holders winzige Hoffnung!

Plötzlich stieß er einen Schrei aus und wälzte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht wie rasend auf den Deckplanken. Als er vor Erschöpfung nicht mehr brüllen konnte, blieb er keuchend, die Hände auf den Leib gepresst, liegen, verdrehte grässlich die Augen und ließ Speichelschaum auf seine Lippen treten. In wenigen Minuten stand die ganze Besatzung um ihn herum und zerbrach sich den Kopf, was ihm wohl fehle. Schmerzlich fing er an zu grunzen und schnellte seinen Körper auf und nieder.

„Der Bruder hat die Cholera oder irgend ’ne andere Teufelskrankheit bekommen. Der verfluchte Halunke ist nicht mal an Land gewesen, aber trotzdem hat er was. Das sieht ihm ähnlich, uns diesen Streich zu spielen!“, schrie Mr. Jörgensen. Sofort wichen die Matrosen von der verseuchenden Berührung des Erkrankten zurück.

„Oh, oh! Mein Blut kocht, und eine Kralle fährt in meinem Leibe herum!“, stöhnte Peter mühsam und begann sich wieder zu wälzen. Scharf wandte sich der Kapitän an den Insellotsen und fragte ihn im Südseejargon: „Dieser Kerl sehr viel todkrank, he? Ihr Inselkerle böse Krankheit haben?“

Der braune Kanake zuckte die Achseln, nachdem er einen scheuen Blick auf Peter geworfen hatte. „Vielleicht möglich sein! Vielleicht gut sein, kranke Schiffskerl fix schnell an Land setzen, sonst ganze Mannschaft und Kapitän eins, zwei, drei krepieren! Allright!“

„Verdammt!“, stieß der Kapitän hervor und biss sich auf die Lippen.

Da trat Mr. Jörgensen vor. „Ich denke, dass wir ein Boot aussetzen und den Kerl an Land bringen. Mag ihn dort der Teufel holen! Wenn niemand sich getraut, ihn anzufassen, will ich’s tun. Dort drüben ist die alte Insel. Das Riff hat ’ne große Öffnung, durch die ein Boot fein hindurch kann. Übrigens haben Sie ja wohl auch ausgemacht, den braunen Satan hier, der sich Lotse schimpft, an dieser Stelle abzusetzen?“

Der Kapitän schaute nachdrücklich auf Peter, der jetzt seine Backen aufblies, damit sie dunkelrot werden sollten. „Gut. – Mr. Kraig, Sie sorgen dafür, dass die Mannschaftsräume und Kabinen gründlich ausgeräuchert werden. Mr. Jörgensen, nehmen Sie die Gig mit vier Mann und bringen Sie den Kanaken und dieses Stück Aas auf die Insel. – Mann am Ruder, dreh bei!“

Eilig führte man die Befehle aus. Peter wurde von Matrosen, die ihre Hände zum Schutz gegen Ansteckung in ein Teerfass tauchten, mehr ins Boot hinabgeworfen als getragen, und der Erste Steuermann setzte sich ins Heck. „Nun, wo ist der Braune?“, schrie er ungeduldig.

Der Kanake stand noch an Deck und sagte lässig: „Ich mitgehen auf nächste Insel. Kleinen Besuch machen, goddamn! Ich dafür ein wenig arbeiten!“

„Damned, du kommst uns gerade recht. Ein wenig arbeiten willst du, mein Bursche, he? Nun, wir werden dir schon zu tun geben, dass dir das Fett von den Knochen schmilzt. – Ihr da unten, stoßt ab in Teufelsnamen und bringt den Cockney bis hinter die Riffe in die Lagune! Mag er dann selber sehen, ob er schwimmt oder untergeht!“, schrie der Kapitän, und die weiße Gig glitt der Koralleneinfahrt zu.

Peter Holders lag vorne auf den Duchten, stöhnte und schaute dabei ins Wasser. Es war so nahe und glänzte so stark, dass er blinzeln musste. Als das Boot in der Lagune war, und man die Hütten sah, hinter denen ein merkwürdiger, melodischer Gesang ertönte, ließ Mr. Jörgensen die Ruder einziehen. Er packte Peter am Genick und schüttelte ihn heftig.

„So, da drüben ist die Insel. Schau sie dir an. – Und jetzt sink oder schwimm!“ Mit einem Schwung schleuderte er den leichten Körper des Cockneys in das glatte Wasser. Die Matrosen, die laut gelacht hatten, schwiegen plötzlich, denn Holders sank, sank unbeweglich, umspielt von kleinen Fischen.

„Donnerwetter!“, keuchte einer und machte sich bereit, nachzuspringen. Doch hielt er inne und brach mit den anderen in tolles Johlen aus, weil Peter Holders eben mit ungeschickten Stößen an die Oberfläche kam und langsam dem nahen Sandstreifen zuhielt. Er war ein schlechter Schwimmer, und es sah aus, als ob ein großer, schwerfälliger Käfer spritzend und um sich schlagend im Wasser lag und sich qualvoll weiterbewegte.

„Ruder raus und los! Der kommt schon rüber!“, sagte Mr. Jörgensen und atmete erleichtert auf. Rauschend stießen sie das Boot zurück, es schoss durch das Rifftor und schaukelte nach dem weißen Schoner, der beigedreht hatte und mit seinen Segeln wie ein Schwan auf der blauen Fläche wartete.

Peter Holders schwamm, und obwohl er wiederholt daran war, vor Erschöpfung zu ertrinken, erreichte er schließlich den Strand und kroch aus dem Wasser über den heißen Sand in den Schatten der Bäume. Dort sank er erschöpft nieder, sah noch, wie die „Golden Bough“ über das Meer rauschend kleiner und kleiner wurde und schlief ein.

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Zweites Kapitel: Der Kinabalu und die Mandelblüte

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AH-QUONG, der Herr der Insel, war von erstaunlicher Fülle. Ein Europäer von seiner Leibesbeschaffenheit hätte in der Hitze auf Boro-Boro keine drei Monate am Leben bleiben können.

Dieser reiche Chinese jedoch, dessen Mittel es ihm ohne Weiteres erlaubt hätten, in Shanghai oder Peking einen Steinpalast zu bewohnen, fühlte sich hier auf dem Eiland, das die Anfänge seines Vermögens gesehen hatte, am wohlsten. Hier hatte er begonnen, in immer größerem Maßstab Kopra und Perlmutter aufzukaufen und weiterzuverhandeln. Hier nahm er sich seine Frau, die aus einer Mischehe zwischen Malaien und Kanaken stammte und bis zu ihrem frühen Tode so schön wie der anbrechende Morgen war.

Auf dieser Insel hatte sie ihm die zarte Tochter, die er Li-Li nannte, geboren.

Kopra und Perlmutter hatten Ah-Quongs Glück gemacht. Deshalb verlebte der Handelsherr stets den größten Teil des Jahres auf Boro-Boro, und wenn Geschäfte ihn nach China oder Indien riefen, so kehrte er immer mit Freude im Herzen zurück. Li-Li aber, an der er mit abgöttischer Liebe hing, sollte lernen, was es in der Welt zu erlernen gab; und da der in manchen Dingen konservative Chinese wusste, dass der Orient in dieser Beziehung für das weibliche Geschlecht fast nichts bietet, erhielt Li-Li eine westliche Erziehung.

Sobald sie zwölf Jahre zählte, sandte er sie nach San Francisco zu einem Geschäftsfreund, bei dem sie wohnte und gleichzeitig im westlichen Sinne unterrichtet wurde. Nach Ablauf eines Jahres ließ Ah-Quong das Mädchen nach London schicken, wo sie ebenfalls die teuersten Internate besuchte. Zum Schluss kam sie nach Lausanne in ein Pensionat, wo sie auch jetzt noch weilte. Ah-Quong empfand häufig große Sehnsucht nach seinem Kinde, doch ließ er dies in seinen zahlreichen, mit großer Sorgfalt bepinselten Reispapierbriefen nicht merken, sondern legte Li-Li nur ans Herz, zu lernen, soviel sie vermochte. Aus ihren Antworten, die stets mit den unzähligen, ehrfürchtigen Komplimenten, die chinesische Kinder ihren Eltern gegenüber gebrauchen, anfingen und schlossen, ging hervor, dass sie mehrere moderne Sprachen beherrschte, Bilder nach Art der weißen Teufel malte, Piano spielte und eine richtige junge Lady war, wie jene, die sie auf einer Reise mit ihrem Vater in Batavia erblickt hatte.

Manchmal aber fragte Li-Li schüchtern ihren „weisen, hochverehrten, tausendmal gesegneten“ Erzeuger, wozu sie das alles lernen müsse, denn ihre Heimat sei doch Boro-Boro, wo sie alle westlichen Künste nicht gebrauchen könne. Sie erkundigte sich dann eingehend, ob die Kokospalmen noch immer am Rande der Lagune ständen? Ob die goldbraunen Kanaken noch allnächtlich zum Fischespeeren ans schaumumwogte Riff hinauspaddelten, und ob der „Alte Mann“ im Berge noch manchmal grolle? Verlangen und Trauer nach einem verlorenen Paradies sprachen aus den geschriebenen Worten, und der beleibte Chinese zitterte jedes Mal vor innerer Rührung. In solchen Augenblicken betrachtete er zärtlich die überall angebrachte Photographie seiner Tochter und war oft nahe daran, schnellstens Li-Lis Rückkehr in die Wege zu leiten. Denn irgendeinen direkten Zweck verfolgte er mit Li-Lis Erziehung nicht, und es lag ihm fern, auch nur den Gedanken zu fassen – den einige seiner Geschäftsfreunde sich hämisch hinter seinem Rücken zuflüsterten – die Tochter mit einem „jungen, weißen Teufel“ aus dem Westen zu verheiraten. Er wollte nur, dass sie mehr werde und mehr wisse als alle anderen ihresgleichen. Mochte sie dann zurückkommen und wieder im dünnen Busen- und Lendentuch mit ihren Gespielinnen durch die Basarstadt zum nächtlichen Bade an die Lagune gehen. Mochte sie alle angelernte Zivilisation der weißen Teufel wieder abstreifen ... um so besser, denn damit würde sie nur allen Nörglern und Schmähern beweisen, dass sie doch das echte Kind von Ah-Quong sei!

So schrieb er ihr in vielen zärtlichen Phrasen, sie solle aushalten, nur ein Jährchen noch, und dann dürfe sie nach Boro-Boro zurückkommen und bleiben, so lange sie wollte. An dem Tage aber, an dem ihr kleiner Fuß zum ersten Mal wieder die Bucht des Halbmondes betrete, sollte ein großes Fest mit Schmausereien und herrlichem, Stunden währendem Feuerwerk gefeiert werden.

Langsam und würdevoll schritt der Kaufherr Ah-Quong durch die vielen Gemächer seines ebenerdigen Palastes aus Bambusrippen und geöltem Papier, durch viele Schiebetüren und schwerseidene, gestickte Vorhänge. Ein Gebäude, in dem barbarische Pracht vergangener Jahrhunderte in Gestalt riesiger Drachenvasen, köstlicher Bronzefiguren, leuchtend bunter Cloisonnees und Seidenteppichen, farbigen Kakemonos und Elfenbeinarbeiten sich mit amerikanischen Klubsesseln, Rollschreibtischen, schweren Safes und französischen Rokokomöbeln seltsam paarten. Auf jeder Schwelle schlug der rauschende Vorhang von unsichtbarer Hand gerafft zurück, und in allen Gemächern, die Ah-Quong auf seinen täglichen Inspektionsgängen betrat, fiel sein Blick auf demütig gekrümmte Rücken oder Augen, die seinen Willen zu erkunden versuchten. Nichts unterbrach die feierliche Stille, als nur das leise Summen von der Budenstadt draußen und das Knistern in den Räuchervasen, aus deren durchbrochenen Bronzedeckeln blaue, duftende, spiralenförmige Wölkchen zur tapetenbekleideten Decke anstiegen.

Jetzt ging er zurück in den Raum, wo er die weißen Kapitäne der Schoner und eurasische Perlenaufkäufer zu empfangen pflegte, ließ sich auf dem Diwan nieder und schlug an den Gong. Sofort nahte in gebückter Haltung ein Diener, der stumm die riesigen Kissen hinter dem breiten Rücken seines Gebieters aufhäufte, bis Ah-Quong seine Zufriedenheit durch schwaches Grunzen zu erkennen gab. Ein in starre, raschelnde Seidengewänder gehülltes, grell geschminktes Chinesenmädchen, das auf verkrüppelten Füßchen hereintrippelte, löste den Diener ab und kauerte sich zu Häupten ihres Herrn auf den Boden. Geschickt füllte sie den Pfeifenkopf an dem dicken, perlenbesetzten Bambusrohr, hielt ihn über eine Kerzenflamme, tat einige Züge und schob die Bernsteinspitze zwischen Ah-Quongs Lippen. Dann schlug sie mit den langen Fingernägeln, die rot lackiert glänzten, die Saiten einer viereckigen Mandoline und sang dazu mit leiser hoher Fistelstimme ein seltsam modulierendes Lied von der großen Mauer.

Ah-Quong schluckte den Rauch der Pfeife mit tiefem Behagen, kniff die schmalen Augen zu und wiegte seinen Oberkörper langsam hin und her. Als die Pfeife leer war, hörte das Mädchen, das ihn beobachtet hatte, sofort mit ihrer Musik auf. Der Chinese stieß einen Seufzer der Zufriedenheit aus, winkte ab, als sie ihm das Bambusrohr von Neuem zwischen die Lippen schieben wollte, und sagte: „Es ist gut, Oi-San. Du hast heute wieder gesungen wie die Nachtigall in den Rosenbüschen der alten kaiserlichen Gärten. Geh jetzt, und man soll Tuan Appelenbosch einlassen!“ Die Kleine verbeugte sich, indem sie die Hände in die weiten Ärmel schob, stand auf und trippelte hinaus.

Kaum war sie verschwunden, als ein dürrer pergamentgesichtiger Europäer, der eine breite Nase und abstehende Ohren besaß, im weißen Tropenanzug eintrat.

„Entschuldigt mich, dass ich nicht aufstehe, Tuan Appelenbosch! Aber Ihr wisst, dies fällt einem beleibten Manne wie mir außerordentlich schwer bei dieser Hitze. Ich ließ Euch zu mir bitten, um ...‟ Er unterbrach seine in holländischer Sprache geführte Rede und schaute nach der indischen Punkah, jenem großen Palmblattfächer, der unter der Decke befestigt war und durch einen Mechanismus von außen hin und her bewegt wurde, um Wind zu erzeugen. Ah-Quong zog an einer Seidenkordel, die neben ihm aus der Wand ragte.

„Entschuldigt, aber ich glaube, der Junge ist wieder eingeschlafen. Seht, schon geht’s besser!“, lächelte er und zeigte auf die Punkah, die jetzt mit verdoppelter Geschwindigkeit hin und her schwankte.

Der Holländer ließ sich in einen der Klubsessel fallen und sagte: „Ihr entschuldigt Euch immer wieder, Tuan Ah-Quong, obwohl Ihr mein Arbeitgeber seid und ich seit Jahr und Tag in Euren Diensten stehe, um die amerikanischen Bücher zu führen.“

Wieder lächelte der Orientale. „Die Höflichkeit ist uns Chinesen angeboren. Auch kostet sie nichts und erzeugt Freude!“ Er schlug leise an den Gong. „Whisky oder Zitrone?“, fragte er dabei, und der Holländer stieß voller Abscheu hervor: „Zitrone? Gottverdom! Whisky natürlich!“ Ein Diener kam mit dem verlangten Getränk zurück.

Wieder begann der Handelsherr: „Seit Jahr und Tag steht Ihr in meinen Diensten, und jedes Mal frage ich Euch dasselbe. Aber Ihr solltet wirklich vorsichtig sein, Tuan Appelenbosch, Whisky ist das reinste Gift in diesem Klima.“ Auf eine abwehrende Handbewegung des anderen fuhr er fort: „Es geht mich natürlich nichts an, solange Ihr Eure Arbeit richtig macht. Ich wollte Euch nur fragen, was für eine Bewandtnis es hat mit dem weißen Teu – vergebt, ich meine den weißen Mann, der gestern Abend in die Siedlung kam. Die Kanaken an der Lagune drüben haben ihn hergewiesen, und ich gab Auftrag, ihn zu füttern und im Kopraschuppen schlafen zu lassen. Meine Leute sagen mir, er sei ein Engländer oder Amerikaner!“

„Ein Engländer. Ein richtiger Cockney aus London-Whitechapel, wo es die größte Armut der Welt gibt,“ nickte der Buchhalter und sprach weiter. „Er sieht übrigens aus wie eine Vogelscheuche. Die Vorderzähne fehlen ihm zum Teil, und seine Nase ist nicht nur eingehauen, sie scheint auch mal angesengt worden zu sein, denn sie hat eine große flache Narbe!“

Der Chinese verzog den Mund. „Also nicht vertrauenswürdig? Wohl ein richtiger Beachcomber, von der Südsee herunter geschwemmt?“ Sinnend betrachtete er das Bild seiner Tochter.

„Ich weiß nicht recht. Es kommt mir vor, als ob der arme Teufel viel Pech gehabt hat. Die von der „Golden Bough“ haben ihn in die Lagune geworfen und es ihm überlassen, an Land zu schwimmen oder nicht. Er hat ein Paar merkwürdige Augen. Sanft und vertrauensselig wie bei einer Kuh. Er fragte mich, ob hier keine Arbeit für ihn aufzutreiben wäre. Seine Sprache ist ruhig und bescheiden. Er ist sicher kein Küstenbruder, schließlich habe ich doch einen Blick für solches Ungeziefer!“

Ah-Quong hatte aufmerksam zugehört. Nun rief er: „Ich will mit ihm sprechen!“ Er erteilte dem Diener einen Befehl, und nach wenigen Minuten stand Holders vor den beiden.

Peter riss die Augen auf und starrte den dicken, wie ein Pfau in bunte Seide gehüllten Chinesen an, der ein Käppchen mit einem Bernsteinknopf trug und einen kurzen dicken Zopf besaß. Peters Blick irrte von Ah-Quong ab, blieb vorübergehend auf dem Holländer haften, den er seit dem Morgen kannte, und flog dann staunend über die prachtvolle Einrichtung, um wieder zu Ah-Quong zurückzukehren. So einen herrlich gekleideten Chinesen hatte er noch nicht gesehen! Wenn es auch in San Francisco noch eine Menge Chinesen gab, die der alten Tracht und dem Zopf ihrer Heimat treu blieben, so waren es doch nur armselige Blusenmänner. Dieser hier in der goldbestickten, bei jeder Bewegung laut knisternden Seide sah aus wie ein Götze! Und was für ein bezaubernd schönes Mädchen da auf der Photographie war, die auf dem Tischchen stand!

Peter machte eine ungeschickte Verbeugung, trat dabei von einem Fuß auf den anderen. Die schwarzen Pupillen des Chinesen ließen ihn keine Sekunde los. Er wurde ängstlich, doch beruhigte ihn die Gegenwart des gemütlich aus seinem Whiskyglase trinkenden Holländers, der am Morgen ziemlich freundlich zu ihm gewesen war.

Jetzt lächelte der Chinese, seine gepflegte, ringgeschmückte Hand schlüpfte aus dem weiten, flammend rot gefütterten Ärmel und schwenkte durch die Luft, dass die Brillanten glitzerten. Peters Blick wandte sich unwillkürlich zu dem Mädchenbild. Irgendwie musste sie mit dem Chinesen in Verbindung stehen.

„Eure Menschenkenntnis in Ehren, Tuan Appelenbosch, ich dachte, der viele Schnaps hätte dieselbe schon verwischt. Ihr habt recht, er hat gute Augen. Sie sind ehrlich und offen, wie selten bei einem hierher nach Boro-Boro verschlagenen Weißen. Es ist Angst darin wie bei einem gejagten Tier,“ sagte er auf Holländisch. Freundlich wandte sich Ah-Quong in gutem Englisch an Peter und fragte: „Ihr seid Brite? – Ihr habt Unglück gehabt? Nehmt Platz, macht’s Euch bequem und erzählt, wie Ihr hierherkommt.“

Peter Holders war verwirrt von soviel Freundlichkeit und brachte kein Wort hervor.

„Hat man Euch Frühstück gereicht? Wollt Ihr einen Whisky oder sonstige Erfrischung?“

Peter sank mechanisch in den weichen Sessel. Der Chinese nickte ihm zu, und auch Tuan Appelenbosch gab ihm einen ermunternden Wink. Aus den Augenwinkeln betrachtete Holders die götzengleiche auf dem niedrigen Diwan hockende Gestalt des Hausherrn. Er sah aus wie jene freundlich und unsäglich sanft lächelnden Götzen, die manchmal bei „Christies“ und in den Schaufenstern anderer vornehmer Londoner Läden zu sehen waren.

Peter empfand Zutrauen zu dem feisten Mann in der bunten Seide und stotterte: „Danke, Mister! Wenn ich etwas verlangen darf, so hätte ich gerne eine Kokosnuss mit viel Milch darin. Die wollte ich schon immer als Junge mal probieren! Damals hatte ich viele Wünsche. Später in Amerika – und auf der Golden Bough hatt’ ich nur noch einen: weg.“ Er schwieg, Tränen schossen ihm in die Augen.

Das Lächeln auf den Wangen Ah-Quongs verstärkte sich noch, er schaute Appelenbosch flüchtig an und antwortete dem Cockney, der sich mit seinem zerrissenen Hemd und den weißen Segeltuchhosen im üppigen Klubsessel seltsam ausnahm: „Also keinen Whisky, sondern Kokosmilch wollt Ihr haben?“ Er rief den Diener.

„Ihr müsst allerhand hinter Euch haben, verdomd! Erzählt mal!“, mischte sich der Holländer ein und trank sein Glas aus. Eine Kokosnuss wurde hereingebracht, und auf die Aufforderung des Handelsherrn hin setzte Peter die Frucht an seine Lippen.

Ah-Quong rückte seine Kissen zurecht und forderte Peter auf: „So, und nun erzählt uns, wie und warum ihr nach Amerika und dann hierher gekommen seid.“

Peter Holders schaute wieder aus den Augenwinkeln auf den Sprecher, und abermals dünkte es ihn, als ob dort ein mild lächelnder Gott säße, dem er sein Herz ausschütten könne. Wenn nur der Holländer nicht dabei gewesen wäre! Aber es würde auch so gehen ... Und wenn er das Bild betrachtete, so gab ihm das eine wundervolle Zuversicht. Wer sie nur war?

Holders blickte in das unergründlich lächelnde Antlitz und begann von seiner Knabenzeit in London. Zuerst kamen ihm die Worte nur zögernd, unbeholfen und holperig über die Lippen, aber allmählich geriet er in Schwung. Er sah bald die Umgebung nicht mehr, sah nicht den Holländer im weißen Tropenanzug, sondern nur das von der flutenden Seide des Hintergrundes umrahmte, lächelnde Gesicht des Chinesen, dessen schwarze Augen ihn aufforderten, weiterzusprechen.

Ganz leise summte das Basarleben hinter den schweren Vorhängen, und duftendes Räucherwerk in den Vasen knisterte beschwichtigend. Peter legte sein Herz in die Worte, und es war ihm, als ob er all das Ungemach, alle Ungerechtigkeit nochmals erlebte, vor sich sah und spürte.

Der Buchhalter war aus seinem anfänglich skeptischen Phlegma erwacht und lauschte mit brennenden Augen. Alte Erinnerungen an seine eigene Vergangenheit im Elendsviertel Amsterdams mochten in ihm lebendig werden. Peter redete und redete, gestikulierte zeitweilig mit den von schwerer Arbeit breit und hart gewordenen Händen. Ah-Quong saß die ganze Zeit unbeweglich und lächelte sanft wie der gütige Buddha selbst.

Erschöpft schwieg der Cockney nach langer Zeit und schaute ängstlich auf die beiden Männer, von denen, wie er dumpf fühlte, sein weiteres Schicksal abhing; besonders von dem Orientalen, der so einschmeichelnd und bezaubernd lächelte, dass Peter ihm wie einem Beichtvater sein ganzes Leben und alle seine bescheidenen Wünsche offenbart hatte.

Der Holländer schlug sich mit der Faust auf den Schenkel: „Verdomd Mann, Ihr habt böses Unglück gehabt!“ Er griff nach dem Whiskyglas, um seine Rührung zu verbergen.

Ah-Quong schwieg. Sein Gesicht war so freundlich! Er steckte die Hände in die Schmetterlingsärmel seines Jäckchens und rief sich nochmals einzelne Begebenheiten aus dem Bericht des Kleinen ins Gedächtnis zurück, während er das Muster des Teppichs mit den Blicken verfolgte. Ah-Quong war ein Menschenkenner, der nicht leicht hinters Licht zu führen war; er wusste, dass Peter nicht gelogen hatte. Während dieser wie im Banne einer Hypnose sprach und Worte formte, die er sonst nie gebrauchte, beobachtete ihn Ah-Quong. Er hatte eine große, sehnsüchtige Seele in dem kleinen, hässlichen Leibe des Cockneys gesehen.

Vielleicht konnte er ihm helfen, helfen auch zu seinem, Ah-Quongs, Vorteil! Er warf einen verschleierten Blick auf den Holländer, der verlangend sein leeres Glas anstarrte. Whisky! Whisky! Wie lange würde er’s noch machen und bei klarem Verstand bleiben? Ah-Quong schaute ebenso vorsichtig auf den Engländer. Dieser sah in seinen Lumpen, mit der durch die fehlenden Zähne eingefallenen Oberlippe und der weißen Narbe, die die ganze Nase bedeckte, erbarmungswürdig grotesk aus. Aber der Chinese sah die Augen des menschlichen Wracks, die offen waren wie ein Buch. Bei einer Anwaltsfirma war dieser Mann Clerk gewesen und hatte Bücher geführt!

Ein erneuter Blick Ah-Quongs schoss zwischen Holländer und Engländer prüfend hin und her, dann lachte er innerlich und freute sich. Wenn Tuan Appelenbosch einmal die Zahlen nicht mehr versteht, weil der Whisky ihm bald das Gehirn ausgebrannt hat, dann ist dieser Engländer da, der seine Stelle einnimmt! Ah-Quong hat sein Kind vom Herzen gerissen und es weit in die Länder der weißen Teufel gesandt, um deren Künste zu erlernen. Ah-Quong hat selber weiße Teufel, die bei ihm in Dienst und Brot stehen. Ah-Quong, den in seiner Jugend die weißen Teufel mit ihren harten Stiefeln unbarmherzig traten, weil er arm war. Ihr Götter, ich will diesen Engländer, den seinesgleichen geschlagen und misshandelt haben, dass er nichts mehr wissen will von der Welt, bei mir behalten. Er wird ein guter Diener – Angestellter! sagen die weißen Teufel – für mich werden. Das Glück sucht er – ich will ihn glücklich machen.

Der Chinese erwachte aus seinem Nachdenken und lächelte wieder: „Tuan Appelenbosch, Euer Auge ruht verlangend auf dem leeren Glas. Trinkt, aber nehmt Euch in acht, dass sich die Zahlen nicht eines Tages in tanzende Mäuse verwandeln!“

Der Holländer sah zu, wie der durch einen Gongschlag herbeigerufene Diener das Glas voll goldgelber Flüssigkeit goss, ehe er antwortete: „Tuan Ah-Quong, Ihr wisst, dass ich ohne den Stoff nicht leben kann!“

Knackend rieb sich der Chinese die Hände. „Aiah, Ihr werdet um so kürzere Zeit leben!“ Dann wandte er sich an den Cockney, der verständnislos der fremden Sprache gelauscht hatte, und redete ihn auf Englisch an, indem er jedoch das malaiische Tuan gebrauchte und dieses Wort extra betonte.

„Tuan Holders, ich glaube, es wird Euch auf Boro-Boro gefallen, und bald habt Ihr die Golden Bough und die hässliche Welt vergessen. Ich werde Euch behalten, Ihr könnt Tuan Appelenbosch in der Buchführung helfen. Man soll Euch jetzt aus meinem Store Kleider geben, wie sie Tuan Appelenbosch und die Kapitäne der Kopraschoner tragen. Wohnen könnt Ihr sicher auch bei Tuan Appelenbosch, er wird wohl nichts dagegen haben. Ein paar Tage dürft Ihr Euch noch ausruhen. Aber was Ihr auch tut, ich möchte Euch besonders raten, mischt Euch unter die Leute in den Buden draußen. Es sind Malaien und Chinesen und gute Leute auf ihre Art! Lernt die malaiische Sprache, sie ist leicht und kann Euch von großem Nutzen sein!“

Er schwieg und blickte nach dem Vorhang. Der Holländer verstand dieses Zeichen und erhob sich, indem er zu Peter sagte: „Kommt, Mynheer, ich will Euch alles zeigen!“

Wie in einem Traum befangen, stand der Cockney auf und wusste nicht, was er tun sollte. Schließlich griff er sich ungeschickt mit der rechten Hand salutierend an die Stirnlocke. Der Chinese grüßte: „Viel Glück!“

Der Vorhang schlug vor ihnen zurück. Mit einer für seine Fülle überraschenden Geschmeidigkeit glitt Ah-Quong von seinem Polstersitz und eilte auf geräuschlosen Filzsohlen durch das Zimmer. Dabei kam er an Peter dicht vorbei und hauchte ihm ins Ohr: „Werdet kein Schnapssäufer wie der da!‟ Der Vorhang rauschte zusammen, und lachend führte Tuan Appelenbosch den kleinen Cockney zu den Lagerräumen von Boro-Boro.

Die fünfhundert Bambus- und Ölpapierhäuser an der Halbmondbucht bildeten ein Gewirr kurzer, enger und gekrümmter Gässchen, in denen es von Chinesen, Malaien, Mischlingen und einigen von der anderen Seite des Berges herbeigekommenen Kanaken wimmelte. Bis auf letztere, die faul herumlungerten, war jeder Bewohner dieser seltsamen Stadt emsig beschäftigt. Da gab es solche, die jeden Abend aufs Meer hinausfuhren und an Fischen erbeuteten, was nur anbiss oder ihnen vor den Dreizack geriet. Andere nahmen die am Morgen oder nachts an Land geschaffte Beute aus und breiteten die flachen Fischhälften über Gestelle, damit sie in der Sonne trockneten. Diese Stockfischart bildete einen wichtigen Ausfuhrartikel zum Reich der Mitte. Einmal im Jahr kamen mit gutem Winde Ah-Quongs sechs Dschunken mit ihren ungeheuren rostroten Mattensegeln vom fernen Yangtse nach Boro-Boro, und einmal im Jahr fuhren sie mit günstig wehender Brise wieder zurück. Manchmal kam nur die Hälfte der Schiffe an, und von den anderen wurde nichts mehr gehört, weil der Taifun sie mit Mann und Maus verschlungen hatte. Aber das war Schicksal, und Ah-Quong sorgte dafür, dass die Zahl sechs wieder voll wurde.

*

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GESCHÄFTIGES LEBEN herrschte Tag und Nacht auf Boro-Boro. Es nahten die Schoner, denen der Handelsherr ihre Beute an Kopra, Sandelholz und Perlmutter zu Preisen, die beide Teile erfreuten, abnahm und sie weiterverkaufte, wenn der vierteljährliche Frachtdampfer aus Java die kleine Insel anlief. Es gab Mattenflechter und Korbmacher, Zimmerleute und Holzschnitzer, Hersteller von Sandalen und einen Flickschneider, der aber wenig zu tun hatte und daher meist die nächtlichen Fischer begleitete, die mit lodernder Glut in einem eisernen Korb vor ihren Nachen hinausfuhren.

Vor allem gab es viele Wasserträger, denn die durch ein gemauertes Becken fließende Quelle lag am Fuße des Berges, und jeder Tropfen musste mühselig herbeigeschleppt werden. Ah-Quong hätte zwar mit Leichtigkeit eine Röhre zur Siedlung legen lassen können, doch sagte sich der weise lächelnde Chinese, dass es nicht gut sei, die Menschen auf Boro-Boro zum Müßiggang zu erziehen. Jeder arbeitete in dieser durch ihn ins Leben gerufenen Siedlung. Sie ernteten auf dem Meer, arbeiteten in den großen Kopraschuppen oder trieben ein Handwerk. Obwohl sie untereinander und miteinander handelten und schacherten, so flossen ihre Erzeugnisse und ein großer Teil des Profits

doch in den Lagerhäusern und Taschen des dicken Chinesen zusammen, der mit drei Weltteilen in Verbindung stand und der Pulsschlag und das Gehirn von Boro-Boro war. Er verdiente sehr viel, ließ aber auch die anderen leben. Daher war Ah-Quong allseitig beliebt und angesehen. Er kaufte den Elfenbein- und Teakholzschnitzern ihre Kunsterzeugnisse ab, auch der Gold- und Silberschmied, ein alter verhutzelter Chinese, der wundervolle ziselierte Schmucksachen mit primitiven Werkzeugen herstellte, konnte sich nicht über Arbeitsmangel oder Not beklagen. Ah-Quong sandte die weißen Schonerkapitäne zu ihm, und die ließen einen guten Teil des Geldes, das er ihnen für Kopra oder Perlmutter bezahlt hatte, bei dem fleißigen Edelmetallschmied, dem sie merkwürdige oder kostbare Andenken abkauften. Wenn die Kapitäne der Perlenschoner in der Bucht ankerten und kleine Wildledersäckchen voller schimmernder, opalisierender „Meerestränen“ zum Verkauf anboten, dann erstand Ah-Quong zuerst die besten und schönsten dieser prächtigen Muschelkinder der Tiefe. Er sagte aber nichts, wenn auch andere nach Belieben und Vermögen kauften und an die indischen und eura-sischen Perlenaufkäufer, die später erschienen, mit Profit weiterverhandelten. Weise war Ah-Quong!

Durch dieses bunte, seltsam riechende Volksgewimmel, das in den gewundenen Gassen geschäftig herumwogte, schacherte, feilschte, hämmerte, schnitzte, sich kreischend unterhielt oder stumm und würdevoll auf gelben Reisstrohmatten kauerte, ging Peter Holders spazieren. Im Vorratshaus war er eingekleidet worden, trug einen schneeweißen Anzug mit silbernen Knöpfen, gegipste Schuhe, Strümpfe und einen ebenfalls blendend weißen Tropenhelm. Appelenbosch hatte ihn darauf verlassen und war in sein Kontor gegangen. Der kleine Cockney war frei, frei und sorgenlos, mit gefülltem Magen und reinen Kleidern zum ersten Male seit Zeiten, die ihn Ewigkeiten dünkten!

Er spürte nicht die grausame, windstille Hitze, die vom flammenden Himmel herab- und vom trockenen Sande wieder zurückprallte. Die dichten gelben und weißen Staubwolken, die von den Sandalen eilender Menschen zwischen den schlauchähnlichen Gassen aufgerührt wurden und nie zur Ruhe kamen, störten ihn noch weniger; und jene faulenden, Fliegen besäten Abfallhaufen, die nach orientalischer Sitte einfach vor den Häusern lagen, verursachten ihm kaum ein Nasenrümpfen.

Er schritt wie in einem seligen Taumel dahin, betrachtete aber oft ängstlich die geweißten Segeltuchschuhe, als sollten sie ihm wieder weggenommen werden. Er lachte erfreut, wenn die Wasserträger, mit zwei schwappend vollen Blecheimern an einer wippenden, quer über ihren Nacken liegenden Bambusstange, sich mit nasalem Schrei Platz verschafften. Dem alten Goldschmied, der mit einer ungeheuren, stahlumränderten Brille in seiner Bude saß und einen kleinen Metallbarren platt hämmerte, schaute er lange zu. Die geschickten Finger der Mattenflechter, welche bunte Muster webten, erregten seine Bewunderung. Er fand alles so schön und neu, dass er gar nicht bemerkte, wie die Leute sich anstießen; wie schlanke Malaienmädchen, deren schöne Formen durch den Batik-Sarong herausgepresst wurden, über ihn kicherten; und wie chinesische Mütter, die in ihrer Tracht wie Schmetterlinge aussahen, ängstlich ihre Sprösslinge vor ihm retteten.

„Allah, wie ist doch dieser Mann hässlich, aber was für gute Augen hat er!“, rief ein mohammedanischer Perlensticker seinem Glaubensgenossen zu, der in der Nachbarbude Reis säuberte.

Der betrachtete den Fremdling lange, ehe er erwiderte: „Ja, er sieht sehr merkwürdig aus. Wenn sein Gesicht aus Augen allein bestünde, würden ihn die Kinder lieben. Aber er ist zu hässlich.“

Ein kleiner Chinesenjunge, der seiner Mutter entschlüpft war, stellte sich mitten vor Peter hin. Dieser sah das gelbe halbnackte Bübchen mit dem possierlichen Zopfansatz an und lachte lustig. Er griff in die Tasche nach einem Penny, zog die Hand jedoch leer zurück, denn er besaß nichts. Da legte er dem Jungen die Hand auf den Kopf und sagte: „Ja ja. Aber du sollst deinen Penny kriegen, sowie ich ihn selber habe. Wie ist dein Name, kleiner Mann?“

Der Junge lauschte den ihm unverständlichen Worten, deren Klang plötzlich seine kindliche Heiterkeit erregte. Jetzt sah er die stark eingefallene Lippe und die vernarbte Nase dieses weißen Teufels, der ihm den Kopf streichelte. Und dann krähte er, so laut er konnte, und es war ganz still in der Gasse geworden, denn jeder beobachtete aufmerksam das Intermezzo.

„O Tuan, du siehst aus wie ein Narr! Gewiss bist du ein Narr. Tuan Narr! Tuan Narr!“ Er vollführte einen Indianertanz um den Engländer, bis ihn die gelbe Hand seiner erbosten Mutter erwischte und fortriss. Ein Murmeln drang durch die Gasse, das sich in die nächste und übernächste fortpflanzte.

„Die Stimme der Kinder spricht stets die Wahrheit! Der weiße Teufel ist ein Narr. Jetzt wissen wir seinen Namen.“ Gleich einem Lauffeuer flog der Name von Mund zu Mund, und wohin Peter kam, da flüsterte es vor und hinter ihm: „Tuan Narr! Seht, das ist Tuan Narr!“

Die Kunde davon machte die Runde in der Budenstadt, drang an Ah-Quongs Ohr, der erst die Stirn missbilligend runzelte, aber dennoch schwieg und nur sphinxartig lächelte. Auch die Knaben und alten Männer, die draußen auf der spärlich bewachsenen Ebene bei der Windstille vergebens versuchten, ihre mannigfachen Drachen steigen zu lassen, hörten es. Nur das unschuldige Opfer dieses Spitznamens wusste nichts und freute sich innig, denn das einzige Wort, das er verstand, war „Tuan“, und das tat ihm wohl, weil ihn seit vielen Jahren niemand mehr mit Herr angeredet hatte.

Der Mohammedaner jedoch, der kleine echte Perlen auf bunte Pantoffeln und seidene Gewänder stickte, die später durch Ah-Quongs Vermittlung die Festtracht indischer Radschas schmücken sollten, sagte nachdenklich: „,Tuan Narr wird auf ihm sitzenbleiben, bis er Boro-Boro verlässt. Aber wenn er wirklich ein Narr ist, soll man ihn nicht schmähen, denn Menschen, denen Unglück Verstand und Aussehen trübte, sind die besonderen Lieblinge Allahs. Übrigens ist ein Name nur ein Name!“ Die Umstehenden nickten bejahend. Der Perlensticker galt viel unter ihnen, weil es sich um einen weitgereisten Mann handelte, der in seiner Jugend bis nach Colombo und Minicoy gekommen war.

Peter Holders ging glückselig durch die Budenstadt. Er achtete nicht darauf, dass in der Ferne plötzlich durchdringendes Geschrei laut wurde und die Gasse vor ihm sich wie durch Zauberschlag leerte. Auch hinter ihm eilten die Menschen links und rechts unter erregten Rufen in ihre Buden. Ein hölzerner, geschlossener Fensterladen an der Seite schlug zurück, und Peter erblickte einen alten ziegenbärtigen Mann, der ein lachhaftes Käppchen auf dem Schädel hatte und ihm eifrig winkte. Er überlegte noch, ob er folgen solle, falls der Alte ihm etwas Hübsches zu zeigen hätte, als von vorne, wo ein Stück der Veranda an Ah-Quongs Palast die Gasse abschloss, neues Geschrei ertönte.

Diesmal war es ein tiefes, unartikuliertes, unbeschreiblich drohendes Brüllen. Krachend schloss der Alte sofort seinen Laden. Erstaunt sah Peter eine dicke, in bunte schillernde Seide gehüllte Gestalt auf die Veranda treten, und er erkannte Ah-Quong. Er hielt ein Gewehr in der Hand. Jetzt schoss er, und eine Staubwolke peitschte vom Boden hoch. Eine Ausgeburt der Hölle bog in Peters Gesichtskreis und rannte brüllend auf ihn los. Es war ein nackter, herkulischer Malaie, dessen ölbedeckter, glatter Leib in der Sonne glänzte. In der Hand schwang er einen blanken Kris, und während er sich rasch näherte, bemerkte Peter, dass seine Augen rot unterlaufen und die Lippen schaumbedeckt waren. Wieder steckte jemand das Gesicht aus einer Tür.

„Amok! Amok!“, schrie er, und der rasende Malaie brüllte dazu wie ein Stier. Eine heiße Angstwelle schlug jäh in Peters Kehle empor, während es gleichzeitig eisig seinen Rücken entlangschauerte. Ein Amokläufer!

Ah-Quong auf der Veranda schoss wiederholt, aber die Kugeln jagten nur Staubtrichter auf. Peters Füße waren wie tote Klumpen, ein Ächzen tierischer Angst entquoll seinem Munde. Hinter

sich hörte er einen Aufschrei, der aus Buden und Winkeln vielfaches Echo fand. Er konnte den Kopf nicht bewegen und sah daher nicht, dass da ein winziger Knirps aus einer Tür gelaufen kam, um das gegenüberliegende Haus zu gewinnen. Die vor Angst tolle Mutter sprang dem Kunde entgegen, haschte es und stolperte gleichzeitig, so dass beide fielen und kreischend in den Staub kollerten.

Abermals krachte ein Schuss. Der sausende Luftzug einer dicht an seiner Wange vorbeipfeifenden Kugel gab dem erstarrten Cockney die Herrschaft über seine Glieder zurück. Blind vor Angst duckte er sich und rannte geradeaus gegen den Amokläufer an. Der Malaie brüllte in gräulicher Freude über das ihm entgegenkommende Opfer auf, als Peter sich plötzlich bückte und zwischen seinen Beinen durchschlüpfte. Er stieß dabei aber so heftig gegen die Beine des Riesen, dass dieser, in der Vorwärtsbewegung mit Gewalt angehalten, das Gleichgewicht verlor und kopfüber wenige Schritte vor der Frau schwer zu Boden schlug. Der Kris entfiel seinen Fingern. Im Nu spien die Buden eine schreiende Menschenmenge aus, die sich mit Knüppeln und Fäusten auf den Wehrlosen warf und ihn rasch überwältigte. Keuchend traten sie zurück, als der Malaie sich nicht mehr rührte.

Andere halfen dem verblüfften Cockney, dessen Angst langsam verebbte, auf die Beine und klopften ihm freundlich lachend den Staub ab. „Tuan Narr hat die Frau und das Kind gerettet! Tuan Narr hat den Amokläufer zu Fall gebracht! Hoch Tuan Narr!“

Brausend schallte es durch die Budenstadt: „Tuan Narr! Tuan Narr!“

Er selbst stand immer noch in der ihn umringenden Menge und wankte, vom Schwindel befallen und verwirrt, hin und her. Die Frau mit dem Kind stürzte jetzt herbei und kniete, Dankesbezeugungen murmelnd, vor ihm nieder. Nun lächelte Peter, und dadurch wurde sein zerstörtes Gesicht noch viel hässlicher. Die Zahnlücke gähnte wie eine Höhle, und die dünne weiße Haut auf seiner Nase bildete Falten; aber aus seinen sanften großen Augen strahlte Freude. Er streichelte den kleinen Jungen, zu dessen unfreiwilligem Retter er geworden war. Die braunen und gelben Menschen hüpften heiter herum und brüllten aus Leibeskräften: „Tuan Narr!“

Da grüßte er mit den Händen nach allen Seiten und ging zum Palast des reichen Chinesen. Strahlend stand dieser auf der Veranda und empfing ihn mit den Worten: „Das habt Ihr gut gemacht, Tuan Narr, hoho! Ihr habt Euch durch eine tapfere Tat das Vertrauen der Leute auf Boro-Boro erworben. Kommt herein und stärkt Euch. Diesmal dürft Ihr einen Whisky nicht ausschlagen!“

Er führte Peter eigenhändig in den Empfangsraum, drückte ihn in einen weichen Sessel und ließ

Getränke bringen. Tief atmend starrte Peter die ihm gegenüber stehende Photographie des exotisch schönen Mädchens an. Längst hatte er von Appelenbosch erfahren, dass es Li-Li, die Tochter des Chinesen war. Und oft ertappte er sich bei einer vagen, halb verzweifelten Sehnsucht.

„Was habt Ihr Euch nur gedacht, als Ihr den tollen Riesen zu Fall brachtet?“, fragte Ah-Quong eifrig. Hilflos schaute Peter den Chinesen an. Er würgte an den Worten, die sich ihm auf die Zunge drängten, wobei dunkle Röte in sein Gesicht stieg, und stotterte endlich: „Ich wollte ja nicht auf den gewaltigen Teufel zulaufen. Ich sah gar nichts mehr, lief nur, denn ich hatte Angst.“ Die Erinnerung schüttelte seinen schmächtigen Leib.

Ah-Quong sah ihn eine lange Minute an, ehe er entgegnete: „Ihr seid von kindlicher Ehrlichkeit, Tuan Narr! Glaubt mir, dass mir ein kleiner ehrlicher Mann lieber ist, als zehn sogenannte Draufgänger!“ Er schlug an den Gong und rief dem eintretenden Diener einige Worte zu. Dieser brachte mit tiefer Verneigung seinem Herrn ein kleines verschnürtes Säckchen aus Haifischleder und verschwand.

Ah-Quong löste die Schnur und hob das Säckchen mit der Linken empor. In die geöffnete Rechte ließ er einen schimmernden, weiches, feenhaftes Licht sprühenden Strom kirschkerngroßer, runder und ovaler Körperchen herauslaufen. „Seht sie Euch an, Tuan Narr! Es sind Perlen, Meerestränen, gefrorene Tautropfen. Jede Königin wäre froh, sie auf gereiht um ihren weißen Hals tragen zu dürfen. Schaut und sagt mir, was Ihr denkt, Tuan Narr!“, murmelte er und betrachtete gespannt den Cockney.

Peter stieß einen Seufzer des Entzückens aus. „Dass es so etwas Schönes gibt. Ich hätte es vorher nicht geglaubt!“, erwiderte er einfach. Ah-Quong ließ die Perlen zurück in das Säckchen laufen und verschnürte es wieder.

Der Chinese lächelte: „Hört, ich gebrauche diese Perlen und andere, schönere, die ich noch besitze, oft, um den Charakter von Menschen zu erkennen. Wisst Ihr, was mir die Augen der weißen Schonerkapitäne, Händler und auch die Augen von Tuan Appelenbosch verrieten, als ich ihnen die Perlen zeigte?“

Peter schüttelte den Kopf. Sein einfacher Verstand konnte der Logik dieses seltsamen Chinesen nicht folgen. Verlegen begann er seine Knie abzustauben.

Ah-Quong grunzte, ehe er fortfuhr: „Nun, in den Augen dieser Männer stand deutlich das Verlangen, sich im Guten oder Bösen meiner Perlen, die ein Vermögen bedeuten, zu bemächtigen – obwohl sie gleichzeitig einsehen mochten, dass dies sehr schwer sein würde!“ Er rutschte von seinem Kissenstapel und streckte Peter die Hand hin, schob ihn dann, ohne Antwort zu erwarten, über die Schwelle.

Ah-Quong war weise und kannte die Menschen, aber eines hatte er nicht bemerkt: Das Schimmern in Peters Augen. Das war nicht der Durst und die Gier nach Reichtum, es war das Verlangen und die Sehnsucht nach der Mandelblüte, deren Bild auf dem Tische stand und lächelte, bezaubernd lächelte, ganz anders als Ah-Quong!

*

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TUAN APPELENBOSCH WOHNTE in einem rings von einer breiten, überdachten Veranda umgebenen Bungalow. Das Häuschen lag jenseits des Berges an der Lagune in der Nähe der Kanakenhütten. Mit dem offenen Motorboot konnte er durch ein natürliches Tor im Korallenriff in wenigen Minuten nach der Halbmondbucht zum Kontordienst fahren. Ein junger Chinese aus Ah-Quongs Haushalt wohnte bei ihm, kochte und sah nach dem Nötigen. Es war noch ein freier Raum vorhanden, in den Peter Holders samt seinem mächtigen Bündel neuer Wäsche und Tropenanzüge einzog. Stumm ordnete der auf weichen Filzsohlen dahinhuschende Jüngling die Sachen des neuen Hausbewohners und spannte das Moskitonetz auf, während die beiden Europäer sich in bequemen Liegestühlen auf der Veranda räkelten. Appelenbosch nahm einen Schluck Whisky und sagte darauf neidlos: „Nun, Tuan Narr, Ihr habt Euch hier vorzüglich eingeführt!“

Peter nickte: „Ja, das habe ich nicht gedacht, als mich gestern Mr. Jörgensen in die Lagune warf. Ich hörte zwar Gesang aus jenen Grashütten, aber kein Mensch erschien, um mir zu helfen!“

Der Holländer lachte: „Sie leben faul in den lieben Tag hinein, die Kanaken. Kaum dass sie ein paar Kokosnüsse von den Palmen holen oder Fische fangen. Schlafen, essen und trinken, lieben, tanzen und singen, das ist so ihre Beschäftigung!“

Peter gab dem Gespräch eine andere Wendung, indem er sprach: „Mister Ah-Quong ist ein guter Mann! Ein Chinese, der so an einem weißen Mann handelt, wie er es an mir tut! Und die Weißen? Ich werde ihm immer dankbar sein.“

Appelenbosch gähnte und nahm einen langen Schluck. „Ming-Po, das Glas ist leer, mein Junge!“ Der Chinese kam mit der Flasche.

„Ja!“, fuhr der Holländer fort und hielt das schimmernde Gefäß gegen das Licht der motten-umschwärmten Azetylenlampe. „Ja, das kann man wohl sagen. Für einen reichen Chinesen ist Ah- Quong ein erstaunlich vernünftiger Kerl, mancher Mynheer im Haag oder zu Batavia könnte sich ein Beispiel an ihm nehmen.“

Ming-Po erschien geräuschlos und meldete, dass das Abendessen angerichtet sei. Sie setzten sich zu Tisch, und Peter konnte sich nicht enthalten, beim Anblick der sauber servierten Früchte und Reisspeisen auszurufen: „Herrlich ist das alles. Es ist ein Märchen. Gestern war noch ...“ Ihm versagte die Stimme.

„Ja!“, nickte der andere. „Verdomd, man lebt nicht schlecht. Ihr werdet noch staunen, Tuan Narr, hoho!“ Nachher begaben sie sich wieder auf die Veranda. Peter schaute hinaus auf die dunkle Silhouette des Berges. Hinter dem Riff lag am Strande das Wrack eines Schoners mit drei Maststümpfen. Kokospalmen neigten sich über den teilweise geborstenen Rumpf.

„Der reine Garten. Es wachsen Blumen und Ranken daraus hervor wie bei einem Blumenpott. Schöner Blumenpott!“, lachte Appelenbosch, der Peters Blick gefolgt war.

Draußen vor den Korallenzacken sang und orgelte die weiß blitzende Brandung. Das stille Wasser der mondbeschienenen Lagune schillerte und gleißte. Weit hinten auf dem Meer leuchtete etwas wie ein dunkelroter Pilz.

„Vulkan!“, erklärte der Holländer. „Ein Vulkan, der fast das ganze Jahr speit. Es ist nur ein Felsenkegel, der aus der See ragt. Die Kanaken sagen, dass er mit unserer Insel irgendwie in Verbindung steht. Wahr bleibt es, dass immer dann, wenn er einmal nicht spuckt, der Alte Mann in unserm Berge dort zu grollen beginnt.“

Geschäftig surrten die Motten um das Licht. Ming-Po kam und trug die Lampe ins Haus, denn draußen leuchtete der Mond fast taghell.

„Wie war das doch mit dem Bremser, der Euch in den Staaten drüben vom Zuge schmiss?“, fragte der Holländer nach einer Weile schläfrig. Peter erzählte die Episode noch einmal, der andere blieb still. Der dürre Holländer starrte mit weit geöffneten Augen vor sich hin und hielt das Glas auf halbem Weg zum Munde in der Luft an. Seufzend setzte er jetzt das Glas, ohne zu trinken, auf den Bambustisch. Peter schaute wieder nach dem schwarzen Streifen der Palmen.

Dort glitten eben die Kanus der Eingeborenen ins grün auf schäumende Wasser. Männer, deren nackte Körper bei jeder Bewegung im Mondenschein glänzten, standen darin und hielten dünne Speere in den Händen.

Der Holländer ging stumm ins Haus. Peter betrachtete die zum Fischespeeren ans Riff fahrenden nackten Männer. Die Speerwerfer schwangen ihre Arme und sangen aufpeitschend wild und dann wieder voll tiefer Melancholie. Die Ruderer tauchten ihre Paddel ein, und jedes Mal, wenn sie diese wieder herauszogen, troffen feurige Schlangen von den Ruderblättern. Der Mond schien so hell, wie er es nur unterm Himmel des südlichen Kreuzes, das tief am Horizont stand, vermag. Nun schaukelten die Fahrzeuge an der Innenseite des Korallenrings. Die nackten Kanaken hoben sich dunkel vom weißen Schaum ab, als sie auf dem zackigen Riff standen und ihre Speere in die Brandung schleuderten. Wenn sie diese an Leinen wieder einholten, sah Peter silberschuppige Fische zappeln. Lange schaute er hin. Doch der Glanz der Lagune ermüdete ihn. Immer häufiger nickte er ein. Da fühlte er eine leichte Hand auf seiner Schulter. Ming-Po stand vor ihm.

„Das Bett ist gerichtet, Tuan Narr!“, sagte er in weichem, wie leiser Gongton klingendem Malaiisch. Peter erhob sich, warf noch einen Blick auf die singend vom umbrandeten Riff zurückkehrenden Männer und schritt ins Haus. Ehe er einschlief, fiel ihm ein, dass er sich vorgenommen hatte, den Holländer nach der Tochter des Chinesen zu fragen. Wann sie zurückkäme, wie alt sie wäre, und ob sie wirklich so seltsam schön sei, wie das große Bild in Ah-Quongs Empfangszimmer.  Appelenbosch würde ihn sicher auslachen und behaupten, dass er – der hässliche Cockney – sich in die Tochter Ah-Quongs verliebt habe. Verliebt in ein Bild!

Peter seufzte gequält. Er spürte, dass in sein glückliches, sorgloses Dasein auf Boro-Boro ein Wermutstropfen fallen würde. Mit Gewalt verbannte er die Gedanken an Li-Li; aber sie kehrten hartnäckig immer wieder zurück.

*

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TAGE KAMEN UND GINGEN dahin. Wochen und Monate verstrichen über Boro-Boro, der glücklichen Insel im blauen Korallenmeer. Peter, der jetzt allgemein Tuan Narr genannt wurde, ging in seiner Arbeit über den Geschäftsbüchern Ah-Quongs völlig auf. Dieser bezahlte ihm ein Gehalt, das dem kleinen Cockney fürstlich dünkte, obwohl Mynheer Appelenbosch mitleidig die Achseln zuckte und ihm riet, bei der nächsten Gelegenheit Aufbesserung zu verlangen.

Als Peter zum ersten Mal das große Hauptbuch aufschlug, um nach des Holländers Weisung eine Eintragung zu machen, da war es, als ob die Zahlenreihen ihm fröhlich zunickten, und die Papierblätter knisterten ein leises Willkommen. Dann saß er gleich dem Holländer über sein Pult gebeugt, und es kam ihm vor, als ob er nie ein anderes Leben gekannt hätte. Der einzige Unterschied bestand darin, dass er bei „Smalltree, Smalltree & Jones“ in London Summen eintrug, die von Rat suchenden Klienten herrührten, indes er hier auf Boro-Boro die Einnahmen und Ausgaben für Kopra, Perlmutter, Perlen und andere Tropenwunder buchte.

Jeden Morgen um sechs Uhr, wenn die Sonne bereits halb aus dem Meere gestiegen war, servierte Ming-Po das Frühstück auf der Veranda. Frisch gebadet und in kühlen weißen Anzügen saßen die zwei Europäer nachher noch eine Weile beisammen. Appelenbosch trank gewöhnlich seinen ersten Whisky, den er unverdünnt zu sich nahm. Gemächlich setzten sie sich dann unter das bunte Sonnensegel ins Boot, und der Holländer warf den Motor an, der knatterndes Echo am Berge weckte. Surrend glitten sie durch die Koralleneinfahrt und hielten am Strande entlang. Vorbei am alten Wrack, aus dessen faulendem geborstenem Rumpf üppige Schlingpflanzen wucherten. Vorbei an den Reihen der Kokospalmen und dem kleinen Hain, aus dem die Morgenbrise betäubenden Ylang-Ylang-Duft zu ihnen wehte. Sie fuhren um das untere Horn der Halbmondbucht und die Budenstadt, vor der Frauen und Mädchen bis zu den Knien im Wogenschlag standen.

Von sieben Uhr bis zehn saßen sie bei der Arbeit; später fuhren sie zu ihrem Bungalow zurück, wo sie die größte Hitze des Tages auf der Schattenseite der Veranda zubrachten.

Mynheer Appelenbosch pflegte bis um vier Uhr, wo sie auf weitere zwei Stunden wieder ins Kontor mussten, drei oder vier ausgiebige Drinks zu erledigen. Davon bekam er einen roten Kopf und wurde für kurze Zeit lebhaft und zugänglich. Er erzählte dem aufhorchenden Peter Erlebnisse aus seiner Jugend in Amsterdam, wo er einem Fischhändler den Karren gezogen hatte, bis er als Lehrling in eine Maatschappij eintreten durfte. Er hatte viel Prügel und Knüffe schlucken müssen. Peter fühlte sich durch diese Schicksalsverbundenheit angeheimelt.

Zum Abendessen zurückgekehrt, setzte sich Appelenbosch mit seinem Glas auf die der Lagune zugekehrte Seite. Er trank und summte ein endloses Liedchen vor sich hin, das auf den Kehrreim endete: „Ons Jan, de Lapper, is tapper, hurrah!“

Peter erhielt von Ming-Po, dem stillen geschmeidigen Chinesen, Unterricht im Malaiischen; er machte in der leicht zu erlernenden Sprache ziemliche Fortschritte, wovon er sich oft überzeugen konnte, wenn er durch die Budenstadt bummelte.

Die Bewohner von Boro-Boro waren mit wenigen Ausnahmen, die dem hässlichen weißen Teufel verächtlich nachsahen, dem kleinen Cockney sehr zugetan. Nach dem Unterricht setzte er sich wieder zu Appelenbosch, und gemeinsam schauten sie auf die blitzende Fläche, bis der dürre Holländer sich sinnlos betrunken hatte. Bevor er dieses Stadium erreichte und mit stieren Augen ins Haus taumelte, begann er häufig zu reden. Es waren nur Bruchstücke, von anhaltendem Gähnen unterbrochen, doch hatte er den fernen Osten und die ganze Inselsee bereist, und über seine von Trunkenheit zitternden Lippen stolperten Worte und Beschreibungen, die den Cockney durch ihre fremdartige Schönheit stark berührten. Er lauschte, während draußen die dunklen Figuren der Speerwerfer in der schimmernden Brandung standen oder ein Toddyzapfer hoch oben unter der Krone einer Palme hing und bei seiner Arbeit über die Lagune hinaus sang.

Wenn der Holländer nachher schnarchte und stöhnte, fuhr Peter mit dem Boot hinaus zum Wrack, wo er den Motor drosselte und sich vom Wogengang schaukeln ließ. Vor dem schwarzen Rumpf des alten Schoners, der an manchen Stellen von Fäulnis grünlich-blau leuchtete, tanzten die blumengeschmückten Kanakenmädchen ihre wiegenden Reigen. Ihre Brüder und Liebhaber schlugen die Handpauken, der Chor sang süß melodisch, und zu ihm her flog gleich einem Vogel der schluchzende, langgezogene Reim des Tenors. Die vergnügten Eingeborenen ließen sich durch das schaukelnde Boot nicht stören.

Höchstens, dass ein üppiges Mädchen darauf deutete und dem neben ihr sitzenden Manne zuflüsterte: „Sieh, da ist er wieder. Er muss doch traurig sein, der Tuan Narr!“ Dann donnerten die Handpauken, Saiteninstrumente trillerten wie Vögel, die aus dem Schlaf erweckt werden, und braune Leiber drehten sich, hüpften und lockten mit schlangengleichen Gliedern, deren Haut im Sternenlicht samt-matt glänzte. Peter Holders verschlang das Bild, das die Nacht und die Kanaken ihm boten, mit den Augen, und seine tief in ihrem hässlichen Gefängnis sitzende Seele rührte ihre Schwingen. Der Mann, den sie den Narren nannten, wischte sich verwundert die Stirne über die Gedanken, die ihm plötzlich kamen.

Am nächsten Morgen schauten ihn dann wieder die Zahlenreihen an, und der Cockney war glücklich. Eines Tages ließ ihn Ah-Quong rufen und fragte ihn, wie viel Whisky der Holländer täglich trinke, und auf die Antwort wiegte er sorgenvoll den Kopf.

„Seid Ihr wieder ganz in Eurer Beschäftigung mit den Zahlen drin, Tuan Narr?“, erkundigte er sich eindringlich.

„Gewiss, Mister Quong. Es ist mir, als wäre ich überhaupt nie aus dem Kontor herausgekommen.“

Der Chinese nickte zufrieden. „Das ist gut! Wenn Ihr aber Eurer Sache nicht ganz sicher seid, so sputet Euch, damit Ihr’s bald werdet. Haltet Eure Augen auf das Hauptbuch, damit keine Irrtümer vorkommen, der Steuereinnehmer würde mir’s schlecht danken. Tuan Appelenbosch wird es nicht mehr lange machen!“

Die Zeit ging weiter. Peter hatte die Bemerkung seines Arbeitgebers beherzigt und mischte sich soviel wie möglich unter die Bewohner der Budenstadt, um seine Sprachkenntnisse zu vergrößern. Die zierlichen, schmetterlingsgleichen Chinesenmütter versteckten ihre Sprösslinge längst nicht mehr, sondern brachten sie ihm voll Stolz und Zutrauen, und wenn er fortging, riefen sie ihm freundlich nach: „Tabe, Tuan Narr!“

Jene ebenmäßig gewachsenen Mädchen, die aus Mischehen zwischen Chinesen und Malaien oder Kanaken entsprossen waren, schauten ihn nachdenklich an und murmelten unter sich: „Er ist hässlich wie die Nacht des Taifuns, aber er hat viele Kleider und verdient viele schöne Gulden. Warum nimmt er sich keine Frau, wie der andere Tuan mit dem unaussprechlichen Namen es auch tut? Jedes Kind auf Boro-Boro weiß, dass er ganze Nächte in einer Grashütte an der Lagune verbringt. – Kommt, lasst uns vor ihm hergehen, damit er sieht, wie schwebend unser Gang ist, wie schwarz unser Haar und wie klein unsere Füße sind. Lasst uns dann umkehren und ihm entgegengehen, damit er das Feuer unserer Augen, den Schmelz unserer Zähne und das Granatrot unserer Lippen bemerkt. Gewiss wird er eine von uns wählen und ihr neue seidene Sarongs und Schildpattkämme kaufen.“

Sie handelten nach ihren Worten, indem sie den Cockney herausfordernd umgaukelten, so dass die anderen Leute weise und verstehend lächelten und begierig warteten, was Tuan Narr beginnen würde. Peter lächelte zurück, und das große hässliche Loch zwischen den Vorderzähnen seines Oberkiefers gähnte. Vor Angst und Ekel flohen da die meisten der Mädchen kichernd davon. Die anderen aber sagten: „Er ist kein Mann, sondern ein Teufel mit Fischblut in den Adern, den das Meer ausgespien hat. Nehmt euch in acht vor ihm!“

„Dumme Dinger!“, schalt der Perlensticker, und sie lauschten beschämt, als er weitersprach: „Lasst ihm Zeit und vergesst nicht, dass er einer Mutter und einem Kind das Leben rettete, als der starke Langilak Amok lief. Vielleicht ist er noch ein Kind. Ich will mit ihm reden!“

Er rief Peter, als dieser das nächste Mal an seiner Bude vorbeikam, zu sich herein, um ihm herrlich bestickte Seidengewänder und Dolchscheiden zu zeigen. Listig brachte er das Gespräch auf Frauen und fragte Peter, warum er nicht so handle, wie es auf den Inseln üblich sei. Der Cockney schüttelte stumm den Kopf und ließ den Perlensticker stehen. Erst wollte dieser über eine solche Unhöflichkeit böse werden, doch kam ihm ein Gedanke, und vor sich hin nickend dachte er: „Tuan Narr hat noch nicht die Wonnen der Liebe und die darauffolgende Bitternis gekostet. Wohl ihm! Die Narren stehen in Allahs besonderem Schutz.”

Derjenige, dem diese Rede galt, eilte aus der Budenstadt auf die kleine Ebene, wo die alten Männer und Knaben vergnügt ihre bunten Papierdrachen steigen ließen und versuchten, sich gegenseitig die summenden Schnüre heimlich abzuschneiden.

Peter hatte die Anspielung des Mohammedaners wohl verstanden. Er war kein Kind mehr; die Zeit, in der er mit Hilfe einer Whitchapeldirne plötzlich ins Mannestum hinübergetaumelt war, gehörte zu seinen hässlichsten Erinnerungen. Ein hässlicher Vorhang war mit zynischer Gewalt vor ihm aufgerissen worden und hatte dahinter noch mehr Hässlichkeit enthüllt.

Seine Gefühle aber, die Liebe zu einem stummen toten Bilde, das mit gefrorenem Lächeln in silbernem Rahmen In Ah-Quongs Empfangsraum stand – er durfte und wollte sie niemandem offenbaren.

Mynheer Appelenbosch erhob sich aus seinem bequemen Liegestuhl und zeigte in die mondlose, von tausendfachem Gefunkel tiefhängender Sterne erhellte Nacht hinaus. „Es ist mir schon gestern aufgefallen! Der Vulkan da draußen macht eine Pause. So wahr ich jetzt hier stehe, wir werden heute Nacht den Alten Mann poltern hören!“, sprach er.

„Was soll man dann tun?“, wollte Peter wissen.

Der andere lachte. „Im Bett liegen bleiben, dieses leichte Haus stürzt nicht ein!“

Nachher begaben sie sich zur Ruhe. Peter hörte noch lange das Dröhnen der Brandung und schwirrendes Nachtgetier.

Es war noch dunkel, als er jäh erwachte und verwundert um sich starrte. Befand er sich denn auf hoher See? Wieder schaukelte der Boden unter ihm, das Fachwerk des Bungalow ächzte. Er sprang aus dem Bett und wäre beinahe hingefallen, denn die Erde unter ihm bäumte sich förmlich. Lautes Poltern und Grollen drang an sein Ohr, er wankte auf die Veranda. Am Strande sah er dunkle Gestalten hin und her eilen. Feuerschein irrlichterte.

Da durchdrang von Neuem jenes hohle Rumpeln die Stille, und ein Erdstoß ließ den Bambusbungalow schwanken. Peter setzte sich auf den Boden und wartete ängstlich. Er empfand die unbeschreiblich lähmende Angst, die viele Menschen bei drohenden Naturgewalten fühlen, wenn es ihnen zu Bewusstsein kommt, wie mückenwinzig und unnütz ihr Dasein eigentlich ist.

Stoß auf Stoß erschütterte den Erdboden. Vom Berge löste sich dröhnend ein riesiger Basaltblock, fegte das letzte Stück mit lautem Heulen durch die Luft und klatschte ins Wasser. Eine hohe Gischtsäule erhob sich. Peter schloss die Augen.

Jetzt war es ganz ruhig, die Luft atmete erstickend heiß um ihn. Der „Alte Mann“ schwieg, und auch die Erde bewegte sich nicht mehr. Allmählich wuchs aus der schwülen Stille das regelmäßige Orgeln der Brandung in Peters Gehör. Er öffnete die Augen und stellte sich auf die Füße.

Appelenbosch, der in einem lila und grün gestreiften Schlafanzug komisch aussah, trat auf die Veranda. „Ist wieder ein Stein in die Lagune gefallen? – Na, morgen wird nicht gearbeitet, weil Ah-Quong den Göttern danken muss. Ihr werdet etwas Merkwürdiges sehen, Tuan Narr“, brummte er und verschwand. Peter ließ sich in den Liegestuhl nieder, zündete eine Sumatrazigarre an und wartete auf den Tag. Feurig stieg der Sonnenball aus dem Meere.

Nach dem Frühstück fuhren beide zur Halbmondbucht, deren Bewohner schon alle am Ufer versammelt waren. Handpauken, Rasseln und quietschende Musikinstrumente vollbrachten höllischen Lärm. Appelenbosch führte Peter hinter eine Menschengruppe, wo sie stehenblieben. Tuan „Abelbong“, wie sie seinen Namen verunziert hatten, und Tuan Narr wurden von allen Seiten freundlich gegrüßt. Die Bewohner der Budenstadt auf Boro-Boro bildeten jetzt auf der Gasse Spalier, das bei den Buden anfing und am Wasser endete.

Unter dem tobenden Anschwellen der Musik nahte eine Prozession von den Häusern her. Voran trugen vier starke, halbnackte Kulis auf wippenden Bambusstangen, deren Enden in vergoldete Knöpfe ausliefen, eine teppichbelegte Plattform. Darauf stand eine suppentellergroße Schale, die aus einem einzigen Onyx geschnitten war, und in dieser thronte neben drei schönen Perlen der Gott der Familie Ah-Quong. Es war ein kaum spannenhohes, buntes Porzellanfigürchen, das einen dicken, gehörnten, ungemein freundlich grinsenden Teufel darstellte. Dahinter rauschte, in Seide gehüllt, der Handelsherr, dessen Oberkleid mit bunten Drachen und Eisvögeln bestickt war. Ihm folgten seine Sklavinnen, Hausdiener und Angestellten in langer Reihe. Alle waren sie in alte schöne Gewänder des Reiches der Mitte gekleidet und boten mit ihren aufgespannten Sonnenschirmen ein märchenhaftes Bild unter dem blauen Himmel.

Nach ihnen trug man noch zwei mannshohe Porzellangötzen, deren einer einem zähnefletschenden Affen glich, während der andere einem fischschuppenbesäten Ungeheuer ähnelte. Am Ufer traten die Träger knietief ins Wasser hinaus. Ah-Quong verbeugte sich feierlich, zündete Räucherstäbchen an, verbrannte Papiergeld, dessen Asche er ins Meer streute, und warf schließlich unter atemlosen Schweigen der Menge die drei Perlen weit in die blauen Fluten hinaus. Neues Räucherwerk wurde verbrannt, die Menschen knieten im Sande, um schnell wieder aufzuspringen und sich in einem Zuge zu formieren, der der Prozession, die nach dem Berge wandelte, folgte. Dort verbrannte Ah-Quong Sandelholz, Gewürznelken und Zimt vor dem affenähnlichen Götzen, und nachher ging alles fröhlich lachend und plaudernd nach der Budenstadt zurück.

An diesem Tage, da man den Göttern gedankt hatte, dass sie Boro-Boro mit ihrem Zorn verschonten, ruhte jede Tätigkeit auf der Insel. Ah-Quong öffnete seine Speicher und speiste das Volk. Peter und Appelenbosch waren bei ihm eingeladen. Der kleine Cockney aß sich staunend durch Dutzende, in winzigen Mengen gereichter, undefinierbarer chinesischer Leckerbissen und trank dazu heißen Wein aus papierdünnen Porzellanschalen. Nach chinesischer Sitte rülpste der Hausherr kräftig, um sein Wohlbehagen zu zeigen. Nachher erschienen Sklavinnen, die so dick geschminkt waren, dass ihre puppenhaften Gesichter starren Masken glichen. Sie machten Musik und tanzten. Peters Ohr war durch diese Darbietungen beleidigt, und seine Miene mochte dies ausdrücken, denn Ah-Quong beugte sich näher und grunzte lustig: „Na, Tuan Narr, diese Töne gefallen Euch nicht, he? Ihr seid an europäische Musik gewöhnt!“ Er lachte gutmütig. „Übrigens sollt Ihr nun etwas erfahren. Habt Ihr zugesehen, wie ich heute das Papiergeld verbrannte und drei große Perlen ins Meer warf?“

Der Engländer nickte.

„Nun,“ sprudelte der gutgelaunte Chinese hervor, „das Geld war falsch, auch die Perlen waren Glaskügelchen, mit Fischschuppenessenz angestrichen. Wenn wir unseren Toten auf den Gräbern Essen hinausstellen und Geld verbrennen, damit ihre Seelen auf der langen Wanderung nicht hungern und sich etwas kaufen können, dann ist das Geld auch immer falsch.“

Der Holländer, der diese Gebräuche kannte, stimmte in Ah-Quongs Fröhlichkeit ein. Peter stotterte: „Aber mit falschem Geld kann man doch nichts kaufen!“

„Wir geben uns der Hoffnung hin, dass es die Geister nicht merken und sich über unsern guten Willen freuen!“, entgegnete der Hausherr.

Details

Seiten
280
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738915860
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juni)
Schlagworte
narr mandelblüte
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Titel: Der Narr und die Mandelblüte