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Kehr zurück, Cowboy

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Hui, wie ein Hurrican fällt er über sie her, treffen seine harten Fäuste die Gaunerfratzen, zucken die Flammen seiner Colts in ihre Reihen! Unerbittlich und erbarmungslos greift er sie sich, um das Land von dieser Brut zu befreien und dem Gesetz Genüge zu tun.

Leseprobe

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Kehr zurück, Cowboy

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Western von Larry Lash

Der Umfang dieses Buchs entspricht 192 Taschenbuchseiten.

Hui, wie ein Hurrican fällt er über sie her, treffen seine harten Fäuste die Gaunerfratzen, zucken die Flammen seiner Colts in ihre Reihen! Unerbittlich und erbarmungslos greift er sie sich, um das Land von dieser Brut zu befreien und dem Gesetz Genüge zu tun.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover by STEVE MAYER, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1.Kapitel

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Kalt wehte es von Kanada herüber. Schon seit Tagen trug der brausende Nordwind unheimliche Schneelasten mich sich, wehte sie über den Vater aller Flüsse, den mächtigen Missouri hinweg, peitschte die fliehenden Wolken vor sich her, immer nach Süden, über das Adlergebirge und die Big-Belt-Mountains hinweg nach Süden.

Es war ein verteufelter Höllenlärm ... Hier, wo der Missouri nach Westen seine prasselnden, über und untereinander sich wälzenden, schiebenden und beweglichen Eisschollen transportierte.

Ein Klirren brandete auf, vermischte sich mit dem feinen Singen, den die sich reibenden Eisschollen auslösten.

Ab und zu donnerte es, als ob Hunderte von Kanonen abgefeuert würden und zu einer einzigen Detonation verschmölzen: dann waren wieder große, angestaute Schollen in Bewegung geraten; denn es wurde trotz der gnadenlosen weißen Härte Frühling.

Noch waren die Wildgänse im Süden. Es würde nicht mehr allzu lange dauern und ihr melodisches „Hong, hong, hong“ würde über den Missouri getragen, würde durch die Lüfte flattern wie ein verheißungsvoller Song.

Doch jetzt war noch die stetige Dämmerung des Winters vorherrschend. Dicht unter der Uferböschung glitten graue Schatten wie gespenstische Schemen, Schneeböen brausten darüber hin, beißende Kälte fauchte der Wind in die struppigen Felle hinein. Abgehackt war das Heulen des Rudelführers, eines starken Rüden, dessen schwelende, grüngelbe Lichter unheilvoll aufglommen.

In zügigem Wolfstrott führte er das Rudel an. Meile um Meile mochten sie schon zurückgelegt haben. Gewiss kamen sie von Kanada herüber, von den weiten, kahlen Ebenen, wo der Schnee, die Kälte und der Wind mit erbarmungsloser Wildheit toben konnten, wo die Kraft des Winters alle Lebewesen zu den Bergen trieb. Sogar über die Schollen des Missouris ging es hinweg zu den Big-Belt-Mountains, wo Schluchten und Canyons, Klüfte, Höhlen und Dickichte Schutz boten. Dann trieb es die mörderischen Wölfe hinter Elche und Hirsche, hinter Antilopen, Big Horns und Wild aller Art her, denn auch sie hatten Hunger, nagenden, wütenden Hunger, der in ihren Eingeweiden riss und rumorte, der nur durch frisches, dampfendes Fleisch gestillt werden konnte.

Eine ganze Weile mochten die sieben Wölfe, dicht hintereinander trottend, mit vorgestreckten Schnauzen, bleckenden Lefzen und gestreckten, buschigen Ruten schon das Nordufer abgesucht haben. Immer wieder versuchte der Leitwolf, über die Strömung zu kommen. Immer wieder machte er nur einige tastende Schritte über die Schollen und kehrte dann um. Das große, fast schwarze Tier zögerte. Ein knurrender Laut brach hohl und tief aus der Kehle, und sein mächtiger Fang mit den furchtbaren Reißern öffnete sich schnappend.

Goddam, diese Reißer waren imstande, einen starken Männerarm glatt vom Rumpf zu trennen. Diese spitzen, entsetzlichen Dolchzähne würden ohne Not den Winterbehang eines Bären auffetzen und könnten die Kehle eines gewaltigen Bullen aufreißen.

Wahrhaft bestialische Wesen waren auf dem Marsch. Die unendliche Weite Kanadas hatte sie ausgespuckt und nach Montana geworfen.

Ihnen schien der Sturm nichts auszumachen.

Die Meute folgte bedingungslos dem Leitwolf, folgte ihm durch Dickichte hindurch, drückte sich an den Weiden vorbei, bis dorthin, wo der Missouri einen kleinen Knick machte.

Jählings presste der Leitrüde seinen ausgedörrten, mageren Körper in den Schnee. Wie auf ein Kommando duckten sich alle Nachfolgenden, warteten, lauerten, nahmen gleich dem starken Rüden die Witterung auf. Die spitzen Schnauzen hoben sich, witterten. Der Wind stand günstig, denn dort, vom Norden her, wehte er einen Geruch heran, den die ausgehungerten Bestien mit wahrer Gier einsogen.

Pferdedunst. Ah, sie wären verdammt schnell auf die Läufe gekommen, wären lautlos wie graue Pfeile davon geschossen, der verheißenden Witterung entgegen, wenn nicht... Yea, wenn nicht die Witterung des Menschen sich gefahrdrohend mit dem Pferdedunst vermischt hätte!

Das hielt sie noch zurück, denn trotz der knurrenden Därme und dem schmerzenden Hunger ließ sie der Menschengeruch zögernd verharren.

Es war eigentümlich. Die Rotte vertraute dem Schwarzen. Wahrscheinlich hatte er mehr Erfahrung als alle anderen. Er kannte die Sümpfe von Alaska, die Wälder der Ebenen, die Birkenhaine und  den Menschen.

Pferdedunst alleine hätte ihn nicht zögern lassen. Nach dem Verfahren der Urväter würden sie den Mustang im Kreise jagen, solange, bis es einem gelang, durch einen geschickten Sprung dem Einhufer an die Kehle zu fliegen. Oder sie hätten ihn stetig aber sicher zu einem Dickicht getrieben, das ihm alle Bewegungsfreiheit nahm und — wenn alles versagte — würden sie ihn gnadenlos jagen, bis er zusammenbrach.

Das war ihre Art zu jagen, zu reißen und zu schlagen... Aber wenn ein Mensch auf einem Gaul saß, wenn er dazu noch bei solchem Wetter auf dem Trail war, dann war es bestimmt ein toller Bursche, einer, der auf seine Art ein Wolf war und der mit Vorsicht genossen werden musste.

Ähnliche Gefühle mochte auch der Schwarze haben. Er zögerte schon zu lange, als dass seine Meute damit einverstanden war. Die Gier brach aus ihnen. Machte sich im Glühen der Seher bemerkbar, tat sich an den Lefzen kund, wo der Geifer in langen Fäden herabtropfte.

Endlich schien auch er die Bedenken abzuschütteln. Tief aus seiner Brust brach ein Urlaut -  scharf, höllisch, aufgurgelnd, zu einem seltsam schrillen Ton anschwellend und jäh verlöschend. Dann schnellte er hoch, war eine langgestreckte Fahne, ein huschender Schatten, ein fliegender

Wirbelwind. Der Schnee spritzte wie Pulver unter seinen Läufen,

Der Schwarze war wirklich Sonderklasse, ein Reißer, wie ihn nur die urigen Wälder Kanadas hervorbringen konnten. Gewiss war er ein Waldwolf, einer von der Sorte, die nur selten Gefolgschaft annehmen und dann auch nur, wenn die Not des Winters sie dazu zwang.

Dicht hinter ihm fegte eine schlanke Wölfin, deren Behang ins rötliche überwechselte und die zwischen den schräggestellten Augen eine weiße Blesse aufwies.

Eine Meile stürmten die grauen Gesellen gegen den Wind an, als plötzlich der scharfe Geruch eines Feuers ihnen in die Witterung kam. Das wiederum genügte, um die ganze Gesellschaft zu stoppen.

Feuer mochten sie nicht, es war ihnen unheimlich. Sie kannten es aus den Wäldern, wenn zuckende Blitze in einen Baum sausten und ihn zur Fackel werden ließen. Sie kannten es von den Siedlungen und von den Camps der Cowboys her; überall, wo es war, bestand Gefahr, tödliche Gefahr!

Unentschlossen standen sie um den Schwarzen, verwehten Schatten ähnlich. Kein Laut brach aus

ihren Kehlen. Sie waren stumm, eine Masse geballter Energie, die plötzlich losschlagen konnte.

Wenn nicht der Hunger gewesen wäre. Ah, sie wären umgekehrt. Das Feuer hätte sie von dannen gehetzt.

Jetzt war es der Schwarze, der die höllische Bande formierte. Langsam schob er sich vorwärts. Zögernd folgte die rotpelzige Wölfin, erst nach einer Weile schlossen sich die anderen an.

Menschengeruch, Pferdedunst und Feuerrauch wurden stärker. Diese drei verschiedenen Gerüche kamen von dort, wo sich das Gelände senkte und vom Buschwerk bestanden war.

Das war für die Meute günstig. Günstig ferner auch, dass sie gegen den Wind angehen konnten und somit alle Vorteile auf ihrer Seite hatten.

Es war ausgeschlossen, dass das Pferd sie vorzeitig wittern konnte.

Vorsichtig schlichen sie weiter. Zwischen dem Buschwerk glühte es rot auf. Tanzende Flammen zuckten wie geschwinde Kobolde. Funken riss der Wind in die Höhe, trug sie mit dem Rauch zu den schwarzen Wipfeln der Silbertannen empor, ließ sie im Grau des Himmels verlöschen.

Leises Pferdeschnauben ließ den Schwarzen ruckhaft stehenbleiben und vor Gier erzittern.

Das struppige Fell über dem Nacken stellte sich hoch, sträubte sich zur Krause. Weit öffnete sich der Fang und die blutrote Zunge fuhr heraus.

Jetzt erst schaute er sich nach seiner Gefolgschaft um. Sie hatten sich niedergekauert, lagen im Schnee mit bebenden Flanken und weit aufgerissenen, grüngelben Lichtern.

Offensichtlich wollten sie sich vorerst nicht weiter wagen und erst an die Gefahr gewöhnen.

Ah, das war ihre Art. Sie waren bereit, auch auf diesem Trail ihrem Führer zu folgen. Nach einigen Minuten würden sie sich erheben, geduckt weiterpirschen bis das Pferd sie in die Witterung bekam. Dann erst würden sie wie graue Gespenster das Camp umringen und ihre Kreise immer enger ziehen. Es würde eine tödliche Umklammerung werden.

Nur der Schwarze und die rote Wölfin krochen weiter durch das Dickicht.

Noch immer peitschte der Sturm durch die Tannen und Fichten hindurch, doch hier, wo das Unterholz dick und verfilzt wucherte, hatte er seine elementare Kraft eingebüßt. Man hörte nur sein Toben, sah durch die Zweige die geballten, in unheimlicher Eile sich bewegenden Wolken.

Taumelnd flatterte ein Kolkrabe vorüber. Verzweifelt schien der schwarzgefiederte Vogel gegen die entfesselten Mächte der Windsbraut anzukämpfen. Aber das störte die beiden Wölfe nicht. Mit unendlicher Vorsicht stoben sie unter den tiefhängenden Zweigen hindurch... warteten, lauerten und — standen plötzlich an der Lichtung. Jetzt war die verhasste Witterung so stark, dass sie sich nebeneinander legten und mit schlappenden Zungen die Köpfe hochrissen.

Goddam, die geschmeidige Silhouette eines Mannes hockte vor der Feuersglut! Gerade langte sein unbehandschuhter Arm vor, die Faust öffnete sich, packte einen brennenden Span und riss ihn hoch. Eine kurzstielige Pfeife wurde entzündet, und der Span flog im hohen Bogen ins Dickicht hinein.

Die schnelle Bewegung des Mannes und der auflodernde Span hätte beinahe die Wölfe in die Flucht geschlagen. Nur mühsam konnten sie ihre aufkeimende Furcht beherrschen und blickten gierig zu dem Einsamen hin.

Yea, das war er wirklich. Er musste von Kanada herübergekommen sein, jedenfalls kam er aus dem Norden. Die Art, wie er sich seinen Campplatz ausgesucht und seinen Rappen angebunden hatte, bewies, dass er mit unerfreulichen Überraschungen rechnete.

Sein Camp war so gewählt, dass er gute Bewegungsfreiheit nach allen Seiten hatte, und sein vorzüglicher, hoch gebauter Renner schien nicht gerade stillzuhalten, schien kein Lamm zu sein, das bei einem Wolfsangriff nur die Kehle hinstreckte und sich abwürgen ließ. Dieser Renner hatte ein unbändiges Feuer in sich. Man sah es den etwas vorstehenden, großen Glutaugen an, dass das Tier beinahe menschlich denken konnte. Edelstes Blut hatte es in sich, gewiss waren seine Vorfahren reine Araber gewesen. Sein Hals war kurz und fest angesetzt, trug einen fein modellierten Kopf, schien mit schwerer Seide bespannt zu sein. Gewaltig war der Brustkorb. Das Tier schien überschwer zu sein. Ein wahrer Gigant unter seinesgleichen. Plastisch stand das Geäder auf dem seidig glänzenden Fell, der Kötenbehang fehlte vollkommen. Letzteres war ein Zeichen, dass es alle vortrefflichen Eigenschaften, wie Härte und Genügsamkeit, Ausdauer und Anhänglichkeit in sich vereinte.

Da es ein Rappe war, wusste jeder Fachmann sogleich, dass seine Hufe stahlhart, besonders widerstandsfähig und für Krankheiten nicht anfällig waren.

Mit solchen Hufen konnte ein Gaul ein Trommelfeuer schlagen. By Jove, wenn ein Wolf oder ein Puma dazwischen geriet, dann gab es eine breiige Masse.

Jeder Züchter hätte den Rappen mit Gold aufgewogen und die schäbigen Stiefel seines Besitzers mit Dollarnoten gefüllt. In der Tat, der Besitzer dieses herrlichen Pferdes trug abgewetzte Stiefel. Alles an ihm war abgetragen, machte einen abgenutzten Eindruck, vom Stetson bis zu den Sporen. Selbst die tiefgeschnallten, mit nach außen gebogenen, handlichen Kolben versehenen Colts waren vom vielen Gebrauch abgegriffen. Weder Kimme noch Korn waren an den Eisen. Sie hingen in einfachen Schlaufen, mit Beinriemen versehen, die ein Hochreißen verhinderten. Nackt, drohend, tödlich schimmerten die Läufe, und die Mündungen klafften wie aufgerissene Mäuler.

Breitflächig war das Gesicht des Mannes. Buschige Brauen standen darin, unter denen rauchgraue Augen unter langen, schwarzen Wimpern wie in Höhlen ruhten.

Jetzt waren diese Augen nachdenklich auf den Rappen gerichtet, irrten ab und tasteten durch die verlorene Einsamkeit der Wildnis. Die Lippen pressten sich zusammen, dann lachte er plötzlich, heiser, abgehackt vor sich hin, strich sich mit einer schnellen Handbewegung über die Stirn.

Kalter Schweiß stand darauf.

Der Rappe warf den Kopf hoch. Die Ohren spielten, die Nüstern blähten sich. Aber er schnaubte nicht, sondern blickte zu seinem Herrn und wirkte wie eine Statue aus Stein.

Yea, auch der Mann hatte Format! Die rauchgrauen Augen in dem scharf geschnittenen, klaren Gesicht, das, bartlos und energiegeladen, einem Betrachter sofort die Gedanken aufzwang, dass dieser Mann sein innerstes Wesen verdeckte, behütete, dass er alle weichen Quellen in sich mit nahezu wütender Verbissenheit zudeckte.

Ben Lesly hieß er und kam vom Norden. Einige Packen lagen neben ihm. Vor ihm lag das Beil, mit dem er das Holz für das Campfeuer geschlagen hatte, über dem knisternden Feuer hing, an zwei Gabelstöcken befestigt, ein verbeulter Kochtopf, worin es angenehm brodelte und duftete. Die kärglichen Überreste eines Hasen lagen verstreut umher.

„Barry, die Bestien sind ganz in der Nähe und gebärden sich toll vor Hunger ... Sie würden diesen Knochen von einem Hasen mit einem Schwuppdiwupp hinunterwürgen, aber noch mehr Appetit haben sie auf dich. Du scheinst ihnen die Nasen zu kitzeln.“

Er hatte eine tönende, voll schwingende Bassstimme. Wie alle Leute, die viel einsam und alleine sind, redete er mit seinem Tier. Er hatte den schwarzen Satan als Fohlen großgezogen, hatte mit ihm so manches hinter sich gebracht.

Der Rappe schien zu lauschen, wandte den rassigen Kopf seinem Herrn zu, spielte mit den Ohren und blähte die Nüstern auf.

„Yea“, fuhr Ben fort, „du weißt ganz genau, dass sie verdammt wenig Rücksicht nehmen und möchtest dir einige der Burschen vor die Hufe holen! Warte ab, fellow, sie werden dir den Gefallen tun. Wenn du scharf nach links schaust, kannst du ihre verdammten Lichter unter dem Haselgebüsch erkennen. Sind nur vier winzige grüne Punkte. Hätte Lust, ihnen eins aufzubrennen. Ho, muss aber mit meiner Munition verdammt sparsam umgehen.“

Er lachte tief vor sich hin. Seltsam, dieses Lachen schien die Härte aus seinem Gesicht zu wischen. Es wurde fast jungenhaft. Wieder saugte er an der kurzen Stummelpfeife und rührte in dem Kochtopf herum, beugte sich vor und schnupperte.

„Seit drei Tagen die erste warme Mahlzeit und sie wird einem nicht gegönnt.“

Er rückte noch näher an das Feuer heran, hielt die Hände darüber, um sich aufzuwärmen, dann stand er jählings auf, nahm seinem Rappen den Futtersack ab und zog die Wolldecke fester, die dem Tier etwas Wärme spenden sollte.

Dann ließ er sich wieder am Feuer nieder. Teufel, dieser Mann hatte Nerven! Jeder andere hätte die Winchester aus dem Scabbard gerissen und sie über seine Knie gelegt, hätte dorthin gefeuert, wo die winzigen, bestialischen Lichter aufglommen.

Ben tat nichts desgleichen. Gelangweilt wandte er sich sogar ab, holte einen alten, abgenutzten Löffel aus der Westentasche und schälte ihn aus der papiernen Umhüllung. Dann kostete er die heiße Fleischbrühe, tat noch etwas Salz zu, kostete wieder und schien zufrieden zu sein.

Der Sturm stöhnte in den Fichten und Tannen. Er sang seine klagende, aufreizende Melodie. Schnee wehte heran, fiel in dünnen Flocken zu Boden.

Ben kannte etwas von Wölfen, kannte ihre Art, ein Opfer anzugehen; doch hier sollte er sich zum ersten Mal täuschen. Hier sollte er erfahren, dass es auch Wölfe gab, die entgegen allen Erwartungen handelten, so als ob ein menschliches Hirn den Angriffsplan entworfen und vorbereitet hätte.

Ob es der Blutgeruch des Hasen war, der sie verrückt machte?

War es der rasende Hunger?

Oder war es die schwarze Bestie, der Leitwolf, der Killer, der in manchen Gefechten mit geradezu unheimlicher Schläue vorging, war es die Berechnung, die sich dieser Waldwolf in vielen Kämpfen angeeignet hatte?

Alles Fragen, auf die es keine Antwort gab. Nur eins war gewiss: Sieben Bestien erhoben sich wie auf ein lautloses Kommando. Sieben ausgewachsene, kanadische Wölfe, die der Hunger nach Montana getrieben hatte.

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2.Kapitel

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Ben Lesly hatte in der Tat keine Zeit mehr, herumzuwirbeln. Plötzlich durchzuckte ihn das Gefühl der tödlichen Gefahr. Wie bei allen Männern der Wildnis, war auch ihm diese eigentümliche Gabe eigen. Er konnte sich unbedingt darauf verlassen. Er ahnte förmlich, dass ein schwarzer, langgestreckter Körper durch die Luft sauste, ahnte, dass sich ein mörderischer Fang weit geöffnet hatte — und duckte sich auch schon. Dass er dabei die Gabelstöcke umwarf, die Fleischbrühe und

das Fleisch in den Flammen zischte und brodelte, machte nichts. Der Kochtopf bekam einige Beulen mehr, und Barry entledigte sich mit einem Ruck des Holsters. Das Leder barst förmlich auseinander, zerriss mit einem ächzenden Laut. Dumpf gurgelte es auf, schwoll an und wurde zum trompetenhaften Wiehern. Gleich darauf — oder war es zur selben Sekunde — hieben stählerne Hufe durch die Luft, trafen auf Fell, Fleisch und Knochen. Schnappen, Hecheln, Knurren, Stampfen, Wiehern, Keuchen, das alles war ein höllischer Wirrwarr, ein dämonisches Konzert.

Über Ben hinweg flitzte das schwarze Etwas. Nur die Krallen hatte er im Nacken gespürt, dann hatte er auch schon eine blitzschnelle Drehung gemacht, hatte das Beil ergriffen, und gerade, als die schwarze Bestie wieder auf die Beine kam und herum schnellte, hieb Bens scharfe Beilscheide zu, knallte auf einen Wolfsschädel und klaffte ihn auseinander.

Eine unerhörte Wucht lag in diesem Schlag. Blut quoll hervor. Ben wurde herumgerissen. Eine rotfarbene Bestie hatte ihren Fang in seine Lederweste gegraben. Geifer spritzte über sein Gesicht.

Was in diesen Sekunden in ihm vorging?

Wer konnte es sagen. Er handelte instinktmäßig, und vor seinen Augen waren rote Schleier. In seinen Ohren klang ein infernalisches Brausen.

Eine gnadenlose Wildheit durchzuckte ihn und machte ihn zum Vernichter. Hass, unbändiger Hass loderte aus seinen Augen hervor.

Der uralte Hass des Menschen gegen die Bestie füllte ihn aus.

In diesem Kampf brauchte er seine Eisen nicht. Vielleicht dachte er nicht an sie. Nur das Beil gebrauchte er. Und wie er es handhabte, war eine Sache für sich und verriet deutlich, dass er diese Waffe nicht zum ersten Mal im Kampf benutzte.

Und doch erklangen plötzlich Schüsse. Sie fielen schnell hintereinander. Scharf bellten schwere 46er, und die Geschosse zischten heran, klatschten dumpf in den Körper der roten Wölfin.

Sie zuckte noch, als sie am Boden lag, und Bens Beilhieb ihr Leben vollends beendete. Erst jetzt schien er aus einem grausigen Traum zu erwachen und in die Wirklichkeit zurückzufinden. Mit einem Blick streifte er die sieben Fellbündel, die regungslos am Boden lagen.

Ah, Barry hatte ganze Arbeit geleistet. Fünf der grauen Bestien kamen auf das Konto seiner Hufe. Als er das erkannt hatte, schnellte er sich mit einem Satz fort! Außerhalb des Flammenscheins blieb er stehen. Beide Hände hingen herab, schwebten dicht über den Kolben, während sich seine Augen in das Dickicht hineinbohrten, wo es brach und aufrauschte.

„Stranger“, wehte es heran, „ich sehe zwei Eisen, und doch habt Ihr mit dem Beil gearbeitet ... ah, gewütet!“

Er zuckte zusammen, hob die Hände und verschränkte sie auf der Brust. Bei Gott, das war keine Männerstimme, und von einer Frau hatte er nichts zu befürchten. Was suchte eine Frau bei diesem Sturm und Wetter in der Wildnis?

Sie hatte eine feste, etwas herbe Stimme, und als er sie jetzt in den Flammenkreis treten sah, wusste er, dass diese Stimme eigentlich nicht zu ihr passte, denn obwohl sie winterlich derb und nach Männerart angezogen war, konnte die männliche Kleidung doch ihren biegsamen, gertenschlanken Körper nicht verdecken. Im Gegenteil, sie unterstrich gewisse Partien und stellte sie besonders deutlich heraus. Kein Mann hatte solche biegsamen, geschwungenen Hüften, kein Mann füllte eine Hirschlederweste so prall und rund aus. Sie wirkte auf ihn, den Einsamen, der aus dem Norden kam, wie eine überirdische Erscheinung. Er konnte sie förmlich riechen, und was seine Nase zu kosten bekam, war erfreulich. Ein Duft sauberer Weiblichkeit strömte zu ihm hin und ließ ihn den Blutgeruch der erschlagenen Bestien vergessen. Auch Barry schien sie gnädig aufzunehmen, denn er schnupperte zu ihr hin, ohne indes die Ohren anzulegen, was er sonst immer tat, wenn irgend etwas ihm nicht in den Kram passte.

Er blieb, wo er war, trat nicht vor. Vielleicht wollte er ihr seine Verblüffung nicht anmerken lassen, oder er gönnte sich noch Sekunden ihren Anblick. Die Flammen halfen dabei, denn als sie auflockerten, konnte er erkennen, dass sie etwas Exotisches an sich hatte. Vielleicht waren es die ein wenig schräggestellten Mandelaugen, die überlangen Schmetterlingswimpem, die ihre Glutaugen einfassten oder die kühnen, hochgezogenen Brauen, die ihrem Gesicht etwas Einprägsames gaben. Blauschwarze Haare ringelten sich in Löckchen unter dem Stetson hervor, hatten sich unter ihrem Sturmband verklemmt, und eine davon lag wie angeklebt auf der hohen, klaren Stirn. Spöttisch war der Herzkirschenmund, und spöttisch blähten sich die feinen Nasenflügel. Erst jetzt bemerkte er, dass sie eine gelbliche Hautfarbe hatte.

„Ihr seid wohl nicht erfreut, Stranger?“, fragte sie geradeheraus. „Bestimmt hättet Ihr die Bestien gerne alle selbst erledigt - ich störe wohl?“

„Kaum“, sagte er gedehnt.

Sie horchte bei seiner Sprechweise auf, lachte etwas.

„Wohl Texaner?“

„Yea. Meine Wiege stand dort.“

„Und wie viele Texaner immer auf dem Trail?“

„Sicher“, antwortete er wortkarg, „jetzt habe ich alles über mich verraten. Was tut Ihr hier, bei ...“

„Bei diesem Sturm?“, unterbrach sie ihn. „Well, ich liebe den Sturm. Er hat mit mir etwas Artverwandtes, ich bin gerne im Freien.“

Das war eine Erklärung, aber eine verdammt unzureichende. Kein vernünftiger Mensch suchte sich solch ein Wetter aus, um spazierenzugehen .. ah, zu reiten. Gewiss hatte auch sie einen Gaul... wo war das Tier?

„Madam, das können Sie mir nicht erzählen. Das Grenzland ist eine verdammt unruhige Gegend.“

„Sicher“, klang es schneidend. „Glauben Sie, dass ich mit den Colts nicht umzugehen verstehe? Ich weiß mich selbst zu beschützen!“

Er lächelte leicht.

„Well“, brachte er hervor, „dass Sie schießen können, haben Sie bewiesen.“

„Yea, und ich würde auch nicht zögern, auf einen Menschen anzulegen, wenn es sein müsste“, erklärte sie hart. Eine steile Falte erschien auf ihrer Stirn, und die dunklen Augen funkelten erregt.

Sie würde es tun, sicher, aber, zum Teufel, sie war vorsichtig. Yea, das konnte ihr keiner verargen. Er hatte es selbst gesagt, dass das Grenzland voller Tücken sei.

Ihre Augen musterten sekundenlang sein Gesicht. Er hatte ein eigentümliches Gefühl dabei. Etwa so, als ob sie durch ihn hindurchschauen könnte. Dann sah sie zu Barry hin. Das Tier schien sie mehr zu fesseln als der Mann. Ihre Augen leuchteten auf.

„Er ist herrlich“, sagte sie so, als ob sie keine Antwort darauf erwartete. Trotzdem nickte er.

„Sie sind um Ihr Abendessen gekommen“, meinte sie weiter und sah ihn unsicher an. Mit der Stiefelspitze stieß sie den verbeulten Topf beiseite. Er war leer.

„Es wäre nicht das erste Mal“, gab er zu verstehen.

Ein schneller Blick traf ihn. Abschätzend, abwägend, voll verhaltener Spannung. Gewiss, auch sie durfte nicht fragen, was er trieb, was ihn durch die Wildnis führte. Das ging niemanden etwas an. Keinem stand es zu, danach zu forschen.

Man könnte sich bei solch einer Frage eine verdammt blöde Antwort holen.

Sie befrachtete ihn scharf und forschend. Dann trat sie einen schnellen Schritt zurück und  hatte beide 46er in den kleinen Fäusten. Dass die Mündungen ausgerechnet auf Bens Brust zeigten, war fatal. Noch fataler war es, dass ihre niedlichen Fingerchen am Abzugshahn hafteten. Man konnte es kaum glauben, dass so feine, wie aus Porzellan gegossene Fingerchen über Tod und Leben entscheiden sollten. Sie hatte wirklich etwas von den feinen Puppen chinesischer Herkunft an sich. Trotz ihrer Größe und Schlankheit war sie wohl die bezauberndste Frau, die Ben jemals im Leben gesehen hatte. Aber jetzt schlug sein Herz nicht stürmisch aus verhaltener Leidenschaft, sondern weil dieses Püppchen einen scharfen Zug mit den Eisen hatte, einen Zug, den man nie und nimmer einer Frau zutraute.

„Sieh an“, sagte er nur freundlich und nickte wiederum mit dem Kopf, als hätte er eine erfreuliche Entdeckung gemacht.

„Das haben Sie wohl nicht erwartet?“

„Wenn ich ehrlich sein soll... nein“, sinnierte er, ohne sie anzublicken.

„Hoch mit den Händen!“

Goddam, der Spaß ging doch etwas zu weit. Ben war kein Greenhorn. Und weil er das nicht war, hob er seine mächtigen Pranken und streckte sie zu den Wolken hin. Er hatte keine Lust, mit einem kleinen Loch in der Stirn im Himmel einzutrudeln, und dass sie ihm eins in die Stirn jagen wollte, sofern er ihrer Aufforderung nicht nachgekommen wäre, daran gab es nichts zu zweifeln.

„Stranger“, sagte sie kalt, „wir haben hier Grenzland, das werden Sie so gut wissen wie ich auch! Da ich aber hier in der Nähe wohne, muss ich immer wissen, mit wem ich die Ehre habe. Und es kommt mir reichlich sonderbar vor. Lod McTemce, dass sie dich jetzt schon laufen gelassen haben.“

Das letzte fauchte sie heraus wie eine Wildkatze. Ihre Augen verstärkten diesen Eindruck noch mehr. Bei Gott, sie war eine Wildkatze, sogar mit Krallen.

Lod McTemce? Himmel, Teufel und Granaten! Wer war denn das? Sie sorgte dafür, dass man keine Langeweile in ihrer Gesellschaft hatte! Damned, es war nach der Anstrengung des Kampfes auch nicht einfach, die Hände hoch zu halten. Man konnte sie nirgends einhaken, so dass sie herunterzufallen drohten.

„Lass sie oben, Lod!“, schrie sie heraus, und ihre Stimme bebte vor Hass, vor abgrundtiefem Hass.

„Madam“, entgegnete er ruhig. „Wer ist Lod ... Lod McTemce?“

Sie ließ sich nicht bluffen.

„Umdrehen!“, kommandierte sie. „Du hast dir einen schlechten Zeitpunkt ausgesucht, Lod!“, hieb es auf Ben ein, der ihr nun den Rücken kehrte...Einen verdammt schlechten Zeitpunkt! Hast wohl geglaubt, dass die Sturras nicht aufpassen. Aber noch leben einige davon! Genug, um Eure Brust zu zertreten, um endlich mit Euren Gaunereien Schluss zu machen.“

„Sturra!“, murmelte Ben, „ah, ich bin auf dem richtigen Trail!“

„Nicht lange, hier ist er zu Ende, dein Trail, Lod! Und hier ist das Ende deiner verruchten Taten! Hast wohl geglaubt, dass du, wenn du aus dem Gefängnis kommst, sofort wieder da beginnen kannst, wo du aufgehört hast, wo dein Vater nicht weiter fortfahren wollte, weil er zu alt geworden ist ..“

Ben spürte, wie sie schnell an ihn herantrat, wie sie mit spitzen Fingern seine Revolver anlüftete, herauszog und dann beiseite warf. Das Klirren der Waffen ließ ihn dumpf auflachen. In diesem Augenblick hatte sie auch aus seiner Westentasche seinen Notizblock hervorgezaubert, trat zurück und barschte: „Rühr' dich nicht, keine Bewegung!“

Das waren nette Aussichten! Der Teufel mochte wissen, was der Gauner Lod ausgefressen hatte. Jedenfalls musste er schöne Brocken auf seinem Kerbholz haben, denn eine Frau tobte nicht, wenn man sie in Ruhe ließ.

Papier knitterte. Goddam, sie hatte auch seinen Ausweis gefunden, der im Notizheft lag! Na, es war eben nichts daran zu ändern.

Ihr hastiges, fast keuchendes Atmen wehte zu ihm herüber. Einigermaßen interessiert reckte er sich auf Zehenspitzen. Ho, wenn Sie ein Mann gewesen wäre, dann wäre alles schon längst entschieden! Aber gegen eine Frau mochte und wollte er nicht vorgehen. Sie hatte zwar seine Colts, nicht aber seine Schulterholster. Der kleine Derringer war geradezu teuflisch auf kurze Entfernungen. Er brauchte ihn nur herauszureißen und  bei Gott, sie hätte es nicht einmal bemerkt! — Er tat es nicht. Irgendwie machte es ihm Spaß. Mochte sie die Rolle weiterspielen, er war gespannt auf das, was sich weiter entwickeln würde. Es entwickelte sich rascher, als er erwartete. Plötzlich war sie bei ihm, wirbelte ihn herum.

„Mein Gott“, fuhr es aus ihr heraus, „Sie ... Sie sind ... Ben Lesly. Doch nicht Ben Lesly?“

„Nur Ben Lesly, nicht jener“, lachte er leise.

„Und haben Geologie studiert?“

„Yea, Madam!“ Er blickte auf ihren roten Mund. Er war wie ein leuchtender Granatapfel, den Kaliforniens Gefilde nicht schöner hervorbringen konnten. Weil er halb geöffnet war, konnte er die weißen Zähne sehen. Sie waren wie große Perlen, leuchtend, betörend. Er musste sich zusammenreißen, um sie nicht einfach in die Arme zu nehmen und diesen Mund zu küssen. Goddam, er forderte ja geradezu zum Küssen auf.

Er kam sich wie im Märchen vor. Wochenlang hatte er kreuz und quer die Wildnis durchzogen, hatte Hunger, Eis und Schnee hinter sich gebracht, und nun stand er einem betörenden Wesen gegenüber, das ihn aus großen Glutaugen anhimmelte.

„Können ... können Sie mir verzeihen?“, bat sie leise. Eine rote Glutwelle hauchte über ihr gemmenhaft geschnittenes Gesichtchen hinweg, machte es noch reizvoller, als es ohnehin schon war. „Man hat mir gesagt, dass Lod McTemce groß und breitschultrig sei, dass er kühle, blaue Augen habe, dass er einen Rappen reite.“

„Soso ... das alles hat man Ihnen erzählt, Madam“, sagte er leichthin. Er reckte sich etwas in den Gelenken. „Sie scheinen die Tremces nicht sonderlich zu lieben, und beinahe hätten Sie meinen Trail beendet ... beinahe.“ Leise brach ein Lachen tief aus seiner Kehle. Verdutzt trat sie einen Schritt zurück.

„Nicht Tremces ... McTemce, sagte ich!“, fuhr sie hoch.

„Ah, sicher, Madam. Sie haben nur eins vergessen.“

„Ich?“

„Yea. Sie hätten mir auch meinen Derringer abnehmen müssen. Wenn Sie nochmals so ein Spielchen wagen, denken Sie daran, dass es Kerle gibt, die zwei Eisen an den Hüften nur als Attrappen benutzen und sich lieber auf so ein Dingelchen verlassen.“ Bei diesen Worten holte er mit einem Ruck die Waffe hervor. Es war eine blitzhafte, kaum sichtbare Bewegung.

„Sehen Sie, Madam, so ändert sich alles“, murmelte er vergnügt. Und jetzt war sie es, die in die drohende Mündung der Waffe starrte und die wie zum Hohn, genau auf ihre Stirn zeigte.

Selbst Barry schien zu schmunzeln. Der schwarze Satan stellte die Ohren auf und wieherte hell. Es klang wie der Siegesruf einer Fanfare.

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3.Kapitel

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Er wusste nicht, ob die Blässe sie schöner machte oder ob die jagende Röte sie noch mehr verschönte. Er war erstaunt und etwas erschrocken zugleich, denn in ihrer steinernen Ruhe prägte sich ein entschlossener Zug und wahrhaftig so, wie sie jetzt dastand, schien sie bereit, zu sterben.

Das war keine Geste, no, das war Wirklichkeit! Er lachte hart auf, wirbelte den Derringer durch die Luft, so dass er einen vierfachen Salto machte, in seine Hand zurückglitt und dann dorthin verschwand, wo er zuvor gesteckt hatte, nämlich im Schulterholster.

Sie stöhnte nur. Es war das waidwunde Stöhnen eines gequälten Tieres. Groß und weit waren ihre Augen, hatten einen starren Schimmer, und er fühlte auf seinem Gesicht zwei Flammen brennen.

Unverkennbar war die Situation etwas eigenartig. Zum Teufel mit Lod McTemce! Jedenfalls schien die Sippe der Temces aus hartmäuligen Broncos zu bestehen, die mit kalter Ruhe einen Mord begehen konnten und dazu noch höhnisch grinsten. Bei Gott, sie hatte jetzt wirklich geglaubt, er wäre Lod und wollte sie einige Yards unter die Schneedecke bringen.

Eine volle Minute waren ihre Augenpaare ineinander verkrallt, dann kam jäh ein Lächeln auf. Beide lächelten, und daran war nicht zuletzt Barry, der schwarze Killer schuld, denn wie von ungefähr war der Hengst hinter Ben getreten und schob ihn mit weichen, blasenden Nüstern genau auf das Mädel zu. Ho, Barry hatte mehr Verstand als zehn krummbeinige Rustler. Er wusste scheinbar, was sich gehörte!

Sie wich nicht zurück, und so war der Zusammenprall unvermeidlich. Goddam, es war ein wunderbares Gefühl! Er hatte sie plötzlich in seinen Armen, bevor er sich dessen richtig bewusst war, spürte das verlockende Fluidum, das sie wie eine Wolke umgab und nach Ambra, Veilchen und Columbinen duftete. Damned! So einen Zusammenprall wünschte sich Ben zu jeder Tageszeit einmal. Gewiss hätte sie sich mit der Zeit daran gewöhnt und nicht immer den Kopf beiseite genommen.

Er küsste sozusagen die Luft und war etwas betreten, denn wozu waren denn ihre prachtvollen Lippen da?

Caramba! Wie konnte er nur? Sie musste ihn augenscheinlich für einen verhinderten Don Juan halten. Für einen Sattelpiraten, der nach dornigen Rosen griff, wo immer sie ihm begegneten.

Vielleicht wäre sein Knurren noch tiefer ausgefallen, wenn nicht in ihren Augen ein winziger, schelmischer Funke aufgesprungen wäre, ein Funke, der auch in ihm zündete und so wirkte, dass er schleunigst seine Pranken von ihren Schultern nahm.

Das war bedauernswert, denn sie hatte feine, gerundete Schultern, so recht dafür geschaffen, zurückgebogen zu werden, schade.

Das Knurren hatte sie gehört.

„Sie müssen einen mächtigen Hunger haben, Ben Lesly?“

Er war wie erlöst und wischte sich zornig über das Gesicht.

„Wie ein Wolf, Madam, und der und jener soll mich holen, wenn ich nicht die grauen Bestien enthäute und allesamt in meinen Schmortopf hineinwerfe. Lade Sie herzlich ein, mitzuhalten, Madam!“

„Brrr, sind zu zäh, Ben Lesley!“

„Sie können nur Ben sagen, Madam, meine Freunde nennen mich so.“

„Nur Ben ...?“

„Sicher!“

„Dann sind Sie der erste, der nur mit einem Namen zufrieden ist. Jeder schäbige Cowpuncher hat mehrere.“

„Well, und jeder Desperado ein Dutzend, und er wechselt sie aus, wie es ihm passt und wann es ihm gefällt. Mancher würde besser daran sein, wenn er seine Unterwäsche so oft wechseln würde wie seinen Namen“, lachte er grollend.

Sie stimmte mit ein und sah dann mit schnellen, eiligen Blicken in die Runde.

„Brechen wir auf?“, fragte sie kurz.

Er hatte das eigentlich erwartet. Aber dass sie so ohne weiteres auf ihr Ziel zusteuern würde, machte ihn etwas nervös. Er kratzte sich mit dem rechten Daumennagel unter dem Stetson, schob ihn etwas in den Nacken.

„Yea, ist eine verdammt üble Gesellschaft hier! Ah, wo haben Sie Ihren Gaul, Madam?“

Etwas gezwungen war ihr Lachen.

„Woher wissen Sie, Ben?“

Wie sie das sagte! Ho, es konnte einen heiß und kalt überlaufen. Sie hatte eine verteufelte Art zu sprechen. Ihre Stimme war wie ein Gesang, und ihre Augen wie ein warmer Föhn, der von den Bergen fegte, Eis und Schnee zerschmolz. Auch sein Herz begann zu schmelzen, und er konnte es nicht vor der versengenden.Glut ihrer Augen schützen.

„Ich wittere es“, dehnte er und blähte die Nasenflügel auf, witterte in die Runde und fuhr ernsthaft fort:

„Sie haben eine Antilope geschossen oder ein Reh.“

Wieder verfärbte sie sich etwas, warf den feinen Kopf auf und blitzte ihn überrascht an.

„Mein Gott!“, stammelte sie verwirrt.

„Yea, und das sagt mir, dass Sie es nötig hatten. “

„Sie sind ein Hellseher“, schnappte sie ein und musterte ihn kritisch, fast starr.

„Ich wittere es, und ich kombiniere!“

„Ben, Sie haben recht, wir hatten kein Proviant mehr”, gab sie zu, stockte dann, als ob sie schon zuviel gesagt hätte. Ben Lesly war ihr unheimlich. Gab es das, dass ein Mensch so etwas wusste? Konnte er wirklich die verschiedenen Gerüche an ihren Kleidern feststellen?

Sie wusste, dass es Indianer gab, die in tintiger Dunkelheit einen Weißen fanden, die sich nur auf ihren Geruch verließen. Und sie hatte einen Hund gekannt, der wiederum Indianer wittern konnte, auf Meilen hin.

Er schien ihre Gedanken zu lesen. Seine rauchgrauen Augen wurden dunkel. Ob es die Erregung oder die einfallenden Schatten der Dämmerung waren, die seine Augenfarbe änderten, konnte sie nicht sagen, war ihr auch im Augenblick gleichgültig. In ihrem Hirn wirbelten die Gedanken durcheinander, kreisten um diesen Mann, der groß und wuchtig vor ihr stand, und sie konnte es kaum begreifen — einen starken Eindruck auf sie machte.

Well, er war nicht wie viele andere Männer, die plötzlich über die Grenze kamen! Es gab da drei Sorten! Struppige, verwegene, abgerissene und dennoch ganze Kerle! Oder die Stehkragenjonnies, Saloncowboys mit funkelnagelneuer Ausrüstung, polierten Waffen, silbernen Sporen und einem Mundwerk, das sie sich irgendwo im Osten von einem Advokaten ausgeborgt hatten.

Sie kannte beide Arten, hatte sie kennengelernt und nicht gerade rosige Erfahrungen gesammelt. Ben schien ein Typ zu sein, wie sie ihn bisher nicht kannte. Er hatte etwas an sich, was man in Worte nicht zu kleiden vermochte, irgend etwas und das war es, was ihn sofort zur Sonderklasse stempelte.

„Dann wissen Sie vielleicht, Ben, was ich zu Mittag gekocht habe?“, fragte sie leise und blickte ihn mit einer schnellen Kopfbewegung an.

Er trat auf sie zu, hob die Schultern an und zeigte seine starken Zähne.

„Yea“, klang es prompt, „Bratkartoffeln mit Fisch!“

Sie war sprachlos. In der Tat hatte sie Bratkartoffeln und Lachs zubereitet. Sie wollte etwas sagen, doch er bückte sich schon, hob seine Colts auf, reinigte sie mit schnellen Händen vom Schnee und schaute flüchtig in die dunkel starrenden Mündungen, blies hinein und prüfte dann erst die Kammern.

„Sie sind fit“, murmelte er, und sie kniff die Augen zusammen. Was hatte er nun gemeint? Die Waffen? Es waren schwere Eisen, Kaliber 46er. Die Art, wie er die Revolver fort schob und in die Schlaufen gleiten ließ, erregte sie irgendwie.

In ihrem Blick konnte er lesen.

„Madam, sie sind meine besten Freunde, und für seine Freunde tut man was! Sie müssen immer allright sein, damit sie zu jeder Stunde beißen können!“

Sie gab keine Antwort, wandte sich um und half ihm beim Packen. Unwillkürlich musste er sie abermals bewundern. Sie verstand etwas davon, wie man auf einem Trail packte und verschnürte. Er brauchte ihr keine Anweisungen zu geben.

Die Arbeit ging flott und wortlos vor sich. Ab und zu blickte er auf, streifte sie mit eiligen Blicken, spähte dann zum Himmel hin, der vom Osten her tiefe Dunkelheit herantrug. Goddam, es war Zeit, dass man hier fortkam. Es würde bald Nacht sein, eine Nacht, die ohne den kalten Glanz der Sterne, ohne den Mond auskommen müsste. Das aber bedeutete, dass die Finsternis sich wie ein Tuch über die Landschaft legen und alles verhüllen, gnadenlos verhüllen würde, so dass man selbst die eigene Hand nicht vor den Augen sehen könnte.

Sie schritt voran.

Heilige Mavericks, was für einen beschwingten Gang sie hatte! Ihre Füße schienen kaum den Schnee zu berühren, fast schwerelos glitt sie vor ihm her, und er konnte seine Augen nicht von ihr nehmen. Hinter ihm folgte Barry, der oftmals sein weiches Maul an seinem Nacken rieb und ihm seinen Odem um die Ohren blies.

Barry trug die Packen, Sattel und Zaumzeug, trug den Scabbard mit der 44er Winchester neuester Bauart. Links und rechts standen schon die Schatten der Nacht im Gebüsch. Grau leuchtete der Schnee hervor. Vom Missouri her wehte der melodische Song eines Coyoten herüber, und nun erst stellte er fest, dass der Sturm fast erloschen war. Tiefer und stärker wurde das Brausen, Knacken und Schrillen der brechenden, nach Osten treibenden Eisschollen.

Wer war sie? Zum xten Male stellte er sich die Frage. Damned! Er marschierte hinter ihr her wie ein Mondscheinjüngling hinter seiner Angebeteten. Nur der Teufel mochte wissen, wohin dieser Trail führte, vielleicht führte er geradewegs in den Rachen des Löwen. Egal, die Hauptsache war, dass er bald etwas Warmes zwischen den Zähnen hatte! Sein Hunger konnte dennoch nicht bewirken, seine Gedanken von dem Mädel zu nehmen, die ihm den Weg wies.

Als sie plötzlich stehenblieb, wäre er beinahe auf sie geprallt, so sehr war er in Gedanken versunken.

„Ah, Madam!“, stöhnte er nur. Sie lachte, hob die Rechte — und jetzt sah er ihren Gaul! Es war ein Brauner mit einer Blesse an der Stirn und weißen Stulpen an den Füßen. Hinter dem altmodischen McKailon-Sattel war eine aufgebrochene Antilope aufgeschnallt.

In diesem Augenblick schnaubte der Braune zu Barry herüber, aber der schwarze Satan war

scheinbar zu stolz, eine Antwort zu geben. Er blickte nicht einmal zu dem fremden Gaul hin. Yea, nicht ein Auge riskierte er, er hob nur gelangweilt seinen rassigen Kopf und nagte mit emporgezogener Oberlippe an Bens Stetson.

„Er ist nicht gerade höflich!“, sagte das Mädchen,

„Madam, nicht im Wald und in der Wildnis ... aber in einer Stadt macht er sogar Diener und gibt Pfötchen.“

Ah, er wusste nun, dass sie eine Sturra war. Was mochte sie für einen Vornamen haben? Gar zu gerne hätte er es gewusst, hoffte, dass er es aber bald erfahren würde.

Mochte sie Helen, Mary oder Mercy heißen — schön war sie darum doch und vor allen Dingen jetzt, wo sie sich mit Schwung in den Sattel warf.

Wie mochte sie erst in Mädchenkleidern wirken?

Es wurde Ben bei diesen Gedanken etwas schwindelig. Schade, dass sie ihm den Ausweis zurückgegeben hatte. Er würde den Augenblick nie vergessen, als er ihre bebende Hand in der seinen gespürt hatte.

Jetzt führte sie wieder, winkte ihm zu.

„Barry“, seufzte er resigniert, „ich muss diesem Mädchen folgen — und sollte mich der Teufel holen! Vielleicht, Schwarzer, bekommen wir etwas zu futtern.“ Bei diesen Worten schwang er sich ebenfalls auf. Barry wollte sogleich losstürmen und an dem Braunen vorbei die Führung übernehmen. Ben musste ihn kurz nehmen. Wütend schnaubte der Hengst. Er war es nicht gewohnt, die zweite Geige zu spielen und schon gar nicht einen Schrittmacher vor sich zu haben.

Auf sein Schnauben drehte die Reiterin sich im Sattel um.

„Er ist bestimmt ein Killer, Ben Lesly?“, fragte sie.

„Sicher, er ist böse, Madam.“

„Lässt wohl keinen anderen auf sitzen?“

„Nur dann, wenn ich es Barry schriftlich gebe. Im anderen Falle fliegt selbst der beste Broncobuster aus dem Sattel.“

Seine weiteren Worte gingen im Getöse der Eisschollen unter. Sie hatten das Nordufer des Missouri erreicht. Träge eilten, gurgelten die Wassermassen nach Osten, gewaltige Eisbrocken mit sich führend.

Sie verhielt ihren Gaul und ließ ihn herankommen.

„Wir müssen hinüber.“

Ben nickte. Sicher, sie musste es ja wissen! Aber hier gab es keine Brücke, keine Fuhrt und keinen Fährmann. Hatte sie etwa vor, durch die eiskalten Wasser zu schwimmen? Heh, in wenigen Minuten hätten die Eisschollen einem den Garaus gemacht! Oder wollte sie etwa über das Treibeis?

Das waren nette Aussichten! Das Camp im Tannenwald war eigentlich nicht so schlecht gewesen, und sicherlich wäre er vom Wolfsfleisch satt geworden.

Sie ritten nun am Ufer dem Westen zu. Immer wieder spähte Ben zum Südufer, wo sich schon die Schatten der Nacht ballten und über die Landschaft krochen wie unheimliche Schlangen.

,Wir hatten keinen Proviant mehr', hatte sie gesagt. Sie hauste also nicht alleine dort irgendwo am Südufer. Weshalb hatte er sich nur so etwas eingebildet? Wie konnte auch eine Frau in der Wildnis alleine bestehen? Vielleicht war sie verheiratet? Aber dem war entgegenzusetzen, dass sie keinen Ring trug, hatte aber eigentlich wenig zu besagen. Im Grenzland trugen viele Frauen keinen Ring, um sich bei ihrer harten Arbeit nicht zu verletzen.

„Dort, zur Barriere!“, wehte es an sein Ohr und riss ihn aus seinen Gedanken.

Himmel und Hölle! Dort, genau vor seinen Augen, staute sich das Treibeis über den ganzen Fluss. Es war zu Hauf gelagert, knisterte, bildete eine natürliche Brücke, die oft durch den Ansturm neuer Schollen bebte und heftig schwankte. Für wahr, eine unheimliche Brücke, die jeden Augenblick auseinanderbersten konnte.

Barry schien zu ahnen, dass er über diese glitzernde, trügerische Eisdecke zum jenseitigen Ufer sollte. Er warf den Kopf auf, spielte nervös mit den Ohren und schnaubte wütend.

Das war nicht jedermanns Sache! Mancher Mann hätte sich das noch reiflich überlegt. Goddam, das Mädchen war mit katzenhafter Anmut aus dem Sattel geglitten und blickte zu Ben hin. Hochgespannt waren die Augenbrauen. Er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie ihn mit einem höhnischen Blick bedachte und hatte wieder das Gefühl, eine geschmeidige Katze vor sich zu haben.

„Barry“, murmelte er, „sie ist ein Prachtweib und hat die Barriere gewiss schon einmal hinter sich gebracht. Auch jetzt wird sie ohne Bedenken die Todesbrücke abermals benutzen. Heh, Kumpan, es ist nicht daran zu zweifeln, dass sie chinesisches Blut in den Adern hat. Vielleicht war ihre Mutter oder ihr Vater ein Ching.“

„Madam Sturra, mein Schwarzer will nicht so wie ich will!“, sagte er laut, dass sie es verstehen konnte.

„Stranger“, entgegnete sie lässig, „ich bin Mabel Young, gehöre zu den Sturras, aber trage nicht ihren Namen!“

Er hielt den Atem an. Also Mabel hieß sie. Verdammt, ein hübscher Name — und er passte zu ihr! Der Nachname sagte ihm indes wenig. Young ... ho, es gab viele Youngs! Es war ein Chinaname und viele Herdenköche mochten so heißen.

Sie hatte ihn scharf beobachtet.

„Gefällt Ihnen mein Name nicht?“

„Doch, doch“, entgegnete er eilig. Warum sollte ihr Name ihn abstoßen? Namen waren wie Schall und Rauch.

„Ich bin ein Bastard, Ben Lesly!“, erklärte sie. Ihre Augen loderten, zwei zündende Flammen standen darin. Sie war hart zu sich selbst und hart zu ihrer Umgebung. Das Lächeln auf ihrem Gesicht war kalt, machte es zur Maske. Gewiss hatte sie an sich selbst erfahren, wie das Schicksal Mischlinge von Weiß und Gelb ... nachteilig bedachte. Jedenfalls war sie noch besser dran als die Nachkommen von Schwarz und Weiß, von Rot und Schwarz, von Rot und Weiß.

Darum also die schräggestellten Mandelaugen, die pechschwarzen, glänzenden Haare, darum auch die gelbliche Haut! Und das alles zusammen machte ein bezauberndes Mädchen, eine betörende Schönheit aus.

„Wir sind nur Menschen“, kam es rau aus seiner Kehle. Die Hautfarbe spielt dabei keine Rolle.“

Überrascht, fast ungläubig sah sie ihn an, senkte die Augen. Jedoch das Bittere in ihrem Gesicht blieb.

Jäh entschlossen zerrte sie den Braunen an der Kandare hinter sich her, tastete mit den Stiefelspitzen die erste Scholle ab und bevor Ben etwas sagen konnte, beschritt sie schon, von ihrem Reittier gefolgt, die Todesbrücke.

Breitbeinig schaukelte der Braune hinter ihr drein. Er hatte die Ohren hochgestellt, den Hals angezogen und den Kopf beinahe auf ihre Schultern gelegt. Unter seinen Hufen knirschte es. Manchmal rutschte er aus, torkelte, war aber sofort wieder hoch, verweilte, wobei es über seinem Fell vor Aufregung zuckte.

Ben zögerte. Er sprach beruhigend auf Barry ein.

„Schau, alter Knabe. Der Braune kann es, und was er kann, müsste für dich ein Kinderspiel sein!

Well, du willst dich doch nicht vor einer Lady blamieren. Denke daran, was du einem gewissen Verein schuldig bist, komm!“

Barry schnappte mit gebleckten Zähnen nach seiner Hand und wollte die Hufe nicht auf die Eisdecke setzen.

Doch Ben ließ nicht locker, zerrte an der Halfterung. Er musste sich beeilen, denn das Mädchen und der Braune waren nur noch verwehte Schatten.

Zwei Schritte wagte Barry, dann warf er sich auf, stieg auf die Hinterhand und riss Ben in die Höhe, wirbelte herum. Ben wurde durch die Luft geschleudert und prallte am Ufer gegen etwas Hartes. Seitlich von ihm donnerte Barry vorbei, wurde wenig später von der Nacht geschluckt.

Er unterdrückte einen Fluch, richtete sich benommen auf, tastete sich ab. Sein rechtes Bein schmerzte. Ah, was machte das schon, er musste Barry haben! Sein Pfiff gellte auf. Lauschend hob er den Kopf. Nichts, er war allein. Zum ersten Mal hatte Barry die Dressur vergessen. Der Teufel mochte wissen, was dem Rappen eingefallen war ... Jedenfalls war die Situation ungemütlich. Der einzige Trost war die Tatsache, dass seine Eisen in den Schlaufen steckten.

Wieder pfiff er. Abermals wartete er vergeblich auf einen Hufschlag, auf ein freundliches Wiehern. Resigniert hob er die Schultern, wankte einige Schritte, stand vor der Eisbrücke und spähte in die Nacht.

Caramba, jetzt brauchte nur der Sturm von neuem einzusetzen und Schneemassen herabzuwehen, dann war Holliday für immer. Irgendwo würden die reißenden Fluten ein braunes Pferd und ein bezauberndes Mädchen ans Gestade spülen.

Keuchend stieß er den Atem aus, sah schnell zum Ufer und  warf sich nieder. Grell flammte es aus den Büschen. Die Detonation eines Schusses hieb in seine Trommelfelle. Jetzt hatte er keine Zeit mehr, auf das Mädchen zu achten, nach Barry zu suchen. Seine ganzen Sinne mussten auf die Gefahr ringsum gerichtet sein, denn der Tod grinste von allen Seiten.

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4.Kapitel

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Ben riss den rechten Colt ans der Schlinge, ergriff einen Ast und zerrte den Stetson vom Kopf. Dann hob er die Kopfbedeckung mit Hilfe des Astes aus der Deckung — und prompt fiel der Schütze auf diesen uralten Trick herein! Drei, vier Schüsse peitschten auf, hieben in den Schnee, und einer sauste durch das weiche Filz hindurch.

„Ich bin in eine Falle hineingestolpert“, murmelte er. „Eine hübsche Larve hat aus mir einen Narren gemacht!“ Er nahm den Stetson zurück, setzte ihn auf und robbte an der Böschung entlang. Irgendwie musste seine Bewegung aufgefallen sein, denn wieder fauchte es heran, bellten Revolver einen üblen Song, und jetzt erst hatte er heraus, dass es nicht ein, sondern mehrere Schützen sein mussten.

Diese Erkenntnis war keineswegs beruhigend, doch für Ben besagte sie nichts. Er kroch in eine

Mulde hinein, folgte ihr so schnell es möglich war, ließ das Ufer hinter sich und war etwas später hinter einem Gebüsch. Er blieb mit pumpenden Lungen liegen und spähte zu dem kleinen Wäldchen, aus dem es aufgeblitzt hatte.

„Buddy, du hast ihn erwischt!“, grölte es laut.

„Ich glaube, du irrst“, kam die prompte Antwort. „Heh, Stranger, komm heraus! Wollen dich mal aus nächster Nähe betrachten!“ Dieser Ruf galt Ben. Er gab keine Antwort, sondern benutzte die Mulde weiterhin als Deckung und schlich geduckt weiter. Sein Bein schmerzte, aber er verbiss den Schmerz und murmelte: „Werde mir die Gents aus der Nähe ansehen. Scheinen üble Burschen zu sein, die ohne Anruf knallen! Werde sie vor meine Läufe stellen und dann werden sie singen — und by Jove, sie werden einen feinen Song anstimmen.“

Buschwerk und Sträucher dienten ihm als Deckung, doch bevor er den Wald erreichte, sah er den huschenden Schatten, der links von ihm zum Ufer rannte. Mit einem Satz sprang er aus der Deckung, hörte die krächzende Stimme des anderen.

„Verdammt, er ist nicht mehr hier.“

„Buddy, du irrst“, fauchte Ben und war heran. Der geduckte Schatten flog herum, riss das Eisen

hoch, doch Bens Faust war schneller und traf dessen Handgelenk. Der Kerl jedoch reagierte augenblicklich, stieß die geballte Linke vor, erwischte Bens Kinn und schleuderte ihn in die Fäuste eines bulligen Kerls, der wie ein Schemen auftauchte, sofort zum Angriff überging und zwei Schwinger anbrachte, die Ben um die eigene Achse warfen.

„Heh! Sagte dir doch gleich, dass es niemals unser Boss sein kann!“, fauchte der Kerl dem anderen zu. Der Zurückprall hatte Ben fast von den Beinen gerissen. Seine Fäuste wirbelten und trafen die Krempe des Stetson, trieben die Kopfbedeckung dem ersten Angreifer über die Ohren und Augen, machten ihn für Sekunden hilflos. Und diese Sekunden nutzte Ben, um eine Serie wuchtiger Leberhaken anzubringen.

Der Kerl schrie und der Bullige mischte mit. Drei Männer droschen aufeinander ein, wirbelten durcheinander, fetzten den Schnee auf und gaben sich ihre Fäuste zu kosten. Einmal ließ Ben den Bullen über seine vorgestreckten Stiefel stolpern, krallte seine Faust in den Stiernacken und schlug unbarmherzig zu. Jeder normale Mann wäre schlafen gegangen, doch der Bulle verdaute alles mit einem Grunzen, wälzte sich und kam federnd auf die Beine. Im ungewissen Licht wirkte er wie ein kompakter Felsen, wie ein Rammbock. Für Sekunden stand er schnaufend da und sah aus geweiteten Augen, wie Ben seinen Kumpanen aus dem Stand hob, ihn mit einem Ruck hoch stemmte — und dann war es für ihn zu spät auszuweichen, denn Ben ließ los, wuchtete den eigenen Genossen gegen ihn. Beide gingen zu Boden, und als sie sich auf richteten, stierten sie in die dunkle Mündung einer Gürtelkanone, die wenig freundlich auf sie gerichtet war.

„Sonnies, seid schön brav“, lächelte Ben sparsam, „ihr habt mir einen wenig freundlichen Empfang bereitet, und ich wollte mich dafür bedanken! Streckt sie hoch, Gents!“

Er sah, wie die Hände der Burschen langsam in die Höhe kamen. Jetzt erst konnte er sie sich näher ansehen. Teufel, das waren keine Banditen, das hier waren Cowboys! Man sah es ihnen an, die Art, wie sie gekämpft und vorgegangen waren, zeigte nur, dass sie zu einer wilden Mannschaft gehörten. Aus schmalen Augen, die in verkniffenen Gesichtern standen, lauerten sie ihn an. Warfen abwägende Blicke über ihn, schielten sich gegenseitig zu.

„Umdrehen“, befahl Ben. Die Kerben um seinen Mund vertieften sich. Beide mochten das für kein besonders günstiges Zeichen halten, kamen etwas zögernd dem Befehl nach, und Ben glitt wie ein Schatten an sie heran, riss ihnen die Eisen aus den Holstern, warf sie hinter sich. Dumpf klatschten sie auf, waren im Schnee und Gesträuch verschwunden.

Jetzt erst schnellte er zurück, steckte die Waffe mit einem Ruck in die Schlingen.

„Front zu mir, Gents!“

„Hast einen verdammt glatten Zug“, knurrte der Bullige, nagte dabei mit seinen Stummelzähnen. Sein rechtes Auge war nun zugeschwollen, und die Wange neigte dazu, Zahnschmerzen anzuzeigen. Das alles war die Wirkung einiger Hiebe, die er hatte hinnehmen und verdauen müssen.

„Yea, für Cowpuncher habe ich immer eine offene Hand“, schnaufte Ben ergrimmt, verschränkte die Arme über die Brust und lehnte sich wie gelangweilt gegen einen Stamm.

„Würde euch raten, einen feinen Song anzustimmen. Was, zum Teufel, soll das?“

„Nichts, Mister“, giftete der Hagere, rieb sich verstohlen sein geschwollenes Kinn und blickte Ben aus schrägen Augen an. „Es war wohl nur eine Verwechslung, Mister!“

„Wer hat euch diesen Auftrag gegeben?“

„Keiner, wir waren auf der Jagd.“

„Für welche Ranch reitet ihr?“, klang es schnell und die Tonart machte sie langsam stutzig.

„McTemce, Mister.“

„Dachte es mir, umdrehen und dann marsch!“

„Himmel, wir tragen keine Uniform, Mister“, keuchte der Bullige.

„Noch nicht! Habe aber davon gehört, dass der Teufel seinen Genossen in der Hölle eine Uniform anzieht. Vielleicht wird sie euch besonders gut kleiden. Ist Lod schon zurück?“ Auf's Geratewohl warf er ihnen die Frage zu. Sie zuckten zusammen, schauten sich unsicher an.

„Lod ist der Sohn von unserem Boss, Mister.“

„Well, hat lange genug hinter Gittern gesessen. Hat wohl ein Gnadengesuch eingereicht, wie?“

Sie gaben keine Antwort darauf, ließen die Köpfe beschämt hängen.

„Wer bist du, Stranger?“, zischelte der Bullige mühsam und rang sichtlich nach Beherrschung. Seine Augen schienen auf Stielen zu stecken, verschlangen Ben, waren erfüllt von einer sonderbaren Gier.

„Vielleicht bin ich der Mann im Mond oder der Präsident der Vereinigten Staaten.“

„Dann bin ich der King von Kuba“, schnappte er wütend zurück. „Wer du auch bist, Stranger, so groß bist du wiederum nicht, um gegen die McTemces zu gehen. Sie sind die Herren hier im Land — und du würdest gut daran tun, deinen Gaul zu suchen und fortzureiten. Misch dich nicht in Sachen, die dich nichts angehen. Das ist mein Rat, Mister!“

„Well“, lachte Ben, „wer sagt dir, dass ich mich in eine Sache mischen will, wie?” Scharf, antwortheischend war die Frage. Jählings war die Stimme wie mit Eis erfüllt. Sie war kalt, unpersönlich und zerrte an den Nerven.

Das Gesicht des Bulligen verzerrte sich. Der Hagere indes blickte weg, stand wie teilnahmslos dabei, und doch schielten seine Augen immer wieder zu Ben, starrten auf die Eisen in den Schlaufen.

Der Bullige schluckte, würgte. Es fiel ihm schwer zu sprechen, dann aber sprudelte es förmlich aus ihm heraus:

„Du bist ein Greifer.“

Nur für den Bruchteil einer Sekunde weiteten sich Bens Augen, dann aber lachte er seltsam rau.

„Musst wohl etwas auf dem Kerbholz haben, wie?“

„Ich mag Männer nicht, die mit einem Orden spazierenreiten“, erklärte der Bullige. „Noch viel

weniger kann ich Männer ausstehen, die ihren Orden im Stiefelabsatz oder in der Hosentasche tragen  und verdammt, jeder Cowboy denkt so wie ich, Mister. Das Gesetz mag überall gut sein, aber hier an der Grenze ist es ungültig, hier schreibt der Colt das Gesetz.“

„Yea, in diesem Falle also ich, Buddys! Ich habe meine Eisen — und ich sage euch, sie werden verdammt bellen und beißen, wenn ihr nicht sofort Farbe bekennt, wenn ihr es nicht zugeben wollt, dass ihr dem Mädchen auflauern wolltet! Wer gab den Befehl dazu?“

Das war endgültig, abschließend. Er beugte sich etwas vor und behielt die Hände in der Nähe der drohenden Kolben, sah gespannt in die blassen Scheiben der Gesichter vor sich.

Ein Stein fiel ihm vom Herzen. Jetzt wusste er, dass nicht das Mädchen ihn in eine Falle geführt hatte, und diese Gewissheit machte ihn eigenartigerweise froh. Auch in seiner Stimme musste es zum Ausdruck kommen. Die beiden Cowboys rissen die Köpfe hoch, musterten ihn mit schnellen Blicken.

„Mister . . es ist eine Sturra — und das allein genügt“, erklärte der Bullige lauthals. „Alle Sturras sind mit Vorsicht zu genießen. Wenn Sie aus dieser Gegend wären, wüssten Sie, dass Hay Sturra ein reißender Wolf ist! Und Sie würden wissen, dass es keine schnellere Kanone gab, keinen tollwütigeren Schießer als ihn. Er hat die Gegend in Unruhe gebracht, hat den Sheriff auf dem Gewissen, und der Teufel mag wissen, was er sonst noch für Dreck am Stecken hat!“

„Well ... aber was hat das mit dem Mädel zu tun?“, fauchte Ben und trat einen halben Schritt vor.

„Sie wird nicht besser sein, Mister, und wir hatten tatsächlich den Auftrag, sie zu überwachen, denn allem Anschein nach ist sie nicht so alleine wie sie vorgibt. Wir reiten für die McTemce- Ranch, und wir halten uns unsere Weide sauber ... das ist alles!“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738915761
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Dezember)
Schlagworte
kehr cowboy

Autor

Zurück

Titel: Kehr zurück, Cowboy