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Löhndorff Gesamtausgabe #5: Aufstieg und Fall des Königs von Feuerland

2017 310 Seiten

Leseprobe

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Aufstieg und Fall des Königs von Feuerland

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Roman von Ernst F. Löhndorff

Der Umfang dieses Buchs entspricht 284 Taschenbuchseiten.

Der Kartograph und Geologe Julius Popper ist überzeugt, in Feuerland Gold finden zu können, entgegen aller gut gemeinten Ratschläge und Warnungen. Zusammen mit einem Haufen zu Allem entschlossener Männer macht er sich auf den Weg. Dieser Roman zeichnet einen Teil des Lebens von Julius Popper nach, der als anerkannter Wissenschaftler zu großem Reichtum kam. Sein Kampf gegen unfähige Regierungen und Korruption jedoch ist auch ein Kampf gegen Windmühlenflügel.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Requiem

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... es war einmal in Buenos Aires.

In einem fashionablen Hotel dieser Metropole wurde ein Toter gefunden. Angekleidet, das Gesicht von der Agonie krampfhaft entstellt, lag er quer auf dem breiten, zerwühlten Bett.

Auf dem runden Mahagonitisch des in abgenütztem roten Samt und unechter Goldleistenspiegelpracht schäbig glühenden Zimmers sah man ferner eine geleerte Portweinflasche, zwei Gläser – davon eines scheinbar sauber – und einen Aschenteller voller Zigarrenstummel.

Untersuchung und Obduktion ergeben tödliche Zyankali-Vergiftung! Selbstmord?

Eine derartige, schnell fertig begründete Hypothese wäre in einer Großstadt nichts Besonderes: Ein paar Zeilen Kleinstdruck im Polizeibericht der Blätter, und die Affäre ist abgetan.

Paciencia, amigos! Geduld, Freunde! Denn der da sterben musste, ist eine bekannte Persönlichkeit, dessen Taten wieder und wieder die argentinische und chilenische Presse mit Sensationen fütterte. Ein Eroberer, der nur einige Jahrhunderte zu spät auf die Geschichtsbühne trat, und deshalb durfte er seine Conquista nicht behalten ...

Ein merkwürdiger Mann. Aber ein Mensch und keine skrupellose, herzlose, zweibeinige Bestie. Einst Offizier, dem der seelenlose europäische Gamaschendienst zu inhaltslos wurde, dann Abenteurer im besten Sinn, Goldsucher, Unternehmer, Naturforscher, Gelehrter. Ein Träumer wohl auch, aber einer, der seine Schlösser im Mond mit unbeugsamer Energie auf Erden verwirklichte. Er hinterließ der Welt seine eigene, wunderbar farbige Lebensgeschichte, aus der wir unter anderem entnehmen, dass er ein Geologe und Topograph ersten Ranges war, der eine der ersten, wirklich brauchbaren Karten von Feuerland und Patagonien zeichnete. Zudem war er Freelance-Journalist und Jurist genug, um seine eigene gute oder schlechte Sache mit glänzendem Schmiss zu verfechten. Und – ein wahrer Freund seiner Freunde.

Ja, er war schon ein Kerl, dieser Mann, der kühn die damalige argentinische Regierung angriff und den korrupten Gouverneur von Feuerland in Ushuaia, jenem seelenlos finsteren Schwerverbrecherzuchthaus am „Aussteigeplatz der Welt“, mit List, Diplomatie und, als es nicht anders ging, mit Waffengewalt lange Zeit in Schach hielt.

Ein höchst kurioses Individuum war er, und in Abständen daher auch immer wieder eine südamerikanische Pressesensation: Ein Gentleman von besonderer Art, der einfach, weil er sich im Recht dünkte, einem ganzen Land den Fehdehandschuh hinwarf.

„So einer, und Selbstmord? Wenn das wahr wäre, so würden sogar die Götter im Olymp lachen!“, schreibt ein kleines bissiges, in einer obskuren Nebengasse des „Paseo de Julio“ redigiertes, oppositionelles Boulevardblättchen.

„Mord!“, schreiben die anderen. Und: „Täter oder Täterin?“ ist nun die Frage. Wer brachte es fertig, mit diesem fremdländischen Gringo, der mit allen Wassern gewaschen, von allen Hunden gehetzt, und dennoch ein echter Caballero war, friedlich bei Havannahs und Old Mellow Port zu plaudern, ihm dabei Gift ins Glas zu praktizieren und endlich gar zu verhindern, dass er im kurzen, aber schweren Todeskampf Lärm schlug? Bei der Madonna, wer konnte das Zeug dazu gehabt haben, zu guter Letzt auch noch das eigene Glas auszuspülen und darauf spurlos, aber auch wirklich spurlos, zu verschwinden?!

War es einfacher Raubmord oder vielleicht ein galantes Schäferstündchen, mit vorbereitet tragischem Eifersuchtsdrama? Wer, wer???

Bizarre Theorien und Gerüchte rascheln und flackern wie Pampero und Steppenbrand durch die Zeitungen. Und verrauschen, ersticken, verklingen im bezaubernd gemütlichem Leitmotiv Lateinamerikas: Quien sabe? Manana.

... und der auf Gold aufgebaute Kleinstaat, den dieser Geheimnisvolle in „El Paramo“ auf Feuerland schuf, verlor nun endgültig in ihm den letzten, noch übriggebliebenen Mann.

Unwillkürlich drängt sich der Vergleich mit dem unfreiwilligen, gutherzigen, dem „armen“ Goldkönig von Kalifornien auf, jenem biederen menschenunkundigen Schweizer „General“ Johann Sutter. Aber beider Charakter und Leben waren gänzlich verschieden ...

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Kap Horn Rhapsodie

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Hat man heute in unseren, von Kriegen und sonstigen finsteren Zukunftsdrohungen so reichen, schnelllebigen Tagen den sagenhaft gewordenen ungekrönten König von Tierra del Fuego schon vergessen?

Fragt in den Kneipen, Bars und Klubs von Punta Arenas (das sie heute zu Ehren des großen Seefahrers „Magallanes“ nennen), erkundigt euch in Ushuaia und anderen Orten. Forscht auf den Estancias der Millionen Schafherden oder auch bei den Pelzjägern und unentwegten Goldsuchern. Auch bei den Arbeitern in den wenigen Kohlenminen könnt ihr Nachfrage halten.

Oh, da erinnert man sich noch an den Caballero Julius Popper, genannt „Don Julio“ oder „El Coronel“ oder „The Colonel“! Nur wenige existieren mehr, die ihn selbst kannten; aber alle wissen von ihm und haben eine wahre Saga aus Dichtung und Wahrheit zusammengesetzt und mit den wunschkräftigen Bildern blühender Phantasie umwoben. Es sind einzelne Abenteuer strotzende Bruchstücke, die sich zur schillernden Kette reihen, wenn man sich müht, die losen Perlen aufzuziehen. Eine Geschichte von Tierra del Fuego, Patagonien und dem schwarzen, Schnee umwirbelten, Schiffe und Menschen mordenden Kap Horn. Eine Chronik, die noch keinen phantasiebegabten Jack London oder Joseph Conrad fand.

Nun, dieser Julius Popper stammte aus dem Banat. Als ihm das alte Europa zu eng wurde, quittierte er seine Offizierslaufbahn und reiste, von einer seit Jahren gehegten und theoretisch sorgfältig ausgearbeiteten Idee besessen, in die Neue Welt. Er reiste direkt, soweit es bei den Transportmitteln möglich war, nach dem untersten Zipfel Südamerikas, wo der eisige Gradbogen der Antarktis das wilde Land anhaucht und wo dem Laien unvorstellbare, schwärzliche Riesenwogen zweier Ozeane, vom Orkan gepeitscht, brüllend und rauschend gegen das böse Kap Horn schmettern.

Kap Horn: Stolz und Schrecken der Segelschiffsmänner, die auf hölzernen und eisernen Kästen fuhren und eiserne Herzen hatten und so die schwarz marmorierten, weißmähnigen Titanenrosse der See entweder besiegten oder von ihnen verschluckt wurden.

Dort schiebt der prachtvolle, zweitausendvierhundert Meter hohe Monte Sarmiento sein eisiges Haupt aus Dunst, Nebel und Wolken; er wirkt gewaltig und unbeschreiblich hoch, weil er im Schmuck seiner ungeheuerlichen Gletscher, Wunder strotzenden Buchten und zahllosen Kanäle auf einmal, ganz ohne Vorland, aus dem Meer steigt.

Und es dehnen sich da ineinander verfilzte, nasse oder frostglatte Urwälder unter einem grauen, tropfenden oder Schneeflocken wirbelnden Himmel unheilvoll aus. Schwermütige triste Steppen verlieren sich in violetter Unendlichkeit. Bisweilen aber, wenn die Sonne des kurzen Sommers strahlt und funkelt, dann ist Feuerland wie ein herrliches Märchen der Natur.

Punta Arenas liegt auf Patagonien, doch dem Nimbus nach gehört es eigentlich zur großen Insel Feuerland. Heute heißt dieser allen Seefahrern mindestens dem Namen nach bekannte Ort „Magallanes“. Er ist eine mit Luxus und Bequemlichkeit versehene kleine „Großstadt“ von rund 35 000 Einwohnern geworden. Aber immer noch erkennt man, wenn man die Plaza mit den schönen

Häusern verlässt, die alten Bretterbuden von einst; jene Wellblechsiedlung, deren abenteuerliches Leben so vielen englischen und amerikanischen Romanmagazinen Stoff lieferte. Und immer noch heißt sie mit mehr oder weniger Recht: der „Aussteigeplatz“ der Welt. Denn viele, die hingingen oder hingehen, haben alle Brücken hinter sich abgebrochen.

Es lockte und lockt sie immer wieder der fast greifbare, in Wahrheit jedoch so dürftige Glanz des roten und gelben Goldes! Es winkten und winken Vermögen an Edelpelzen zu verdienen, obwohl die Nutria dort heute fast ausgerottet wurde. Und für diejenigen, die ihr Herz vor sich in den Wind werfen, schimmern dort unsagbare, mit brennenden Sinnen zu erlebende Erlebnisse. All das zieht die namenlosen Außenseiter vieler Länder an, die sich dem trügerischen Goldfunkeln auf Gedeih und Verderb verschrieben und sang- und klanglos für immer aus der Welt verschwinden; oder auch plötzlich als tüchtige Geschäftsleute wieder auftauchen ...

Seit Goethals das technische Wunder des Panamakanals vor die bis zuletzt ungläubigen skeptischen Augen einer pessimistischen Welt fertig hinstellte, laufen nicht mehr viele Dampfer durch die Magellanstraße oder die Straße Le Maire oder navigieren vorsichtig um Staaten Island herum. Und jene herrlichen Schwäne aus dem Märchen der Wahrheit, ich meine „die letzten Segelschiffe“, von denen heute noch rostige Wrackreste in brüllender Brandung auf schwarzen Klippen sitzen, wo sie milchiger Gischt umtost, ruhelose Möwen und Albatrosse sie umflattern und dunkle Robben um sie herumspielen, ja, diese letzten Zeugen einer alten harten Romantik, die nach oder von den Salpeter- und Guanohäfen der Westküste oder für Weizen nach Portland-Oregon und von dort erst nach Australien segelten, sie sind nun nach dem zweiten Weltkrieg (nachdem sie der erste fast dezimierte) wohl bis auf wenige, wie prächtige Anachronismen wirkende Schiffe von den sieben Meeren verschwunden.

Verschwunden auch oder zurückgedrängt sind die wetterharten Indios, die stelzenden Strauße, die Viscachas und weichfelligen Guanacos. Auf Pampas und Ebenen weiden jetzt nur noch Millionen blökender, mit köstlichem Vlies geschmückte australische Schafe, und es sieht aus, wenn man von einem Bluff auf sie hinabschaut, als ob breite Flüsse, Ströme und Seen langsam, ziellos, wie weißliches Gold und grelles Silber, über das dunkle Land hin und her fluten. Und wenn der lange Winter kommt, mit tiefem, tiefem Schnee, so verschmilzt alles, Tier und Erde, uferlos, hell aufleuchtend und funkelnd, oder schattenlos fahl, zum leise klagendem Ganzen.

Feuerland: Urwelt wildester, majestätischer Größe, düsterer Schwermut, dunkler heroischer Taten und Tragödien, aber auch solcher von wunderbar lieblicher Reinheit – von Freundschaft und Bruderschaft zwischen Natur, Mensch und Tier.

Feuerland: Nest der klirrenden Fröste, kalter peitschender Regen, heulender Nordoststürme. Heimat merkwürdiger Eingeborener, seltsamer Tiere. Fanfaren der Antarktis gleich, lodern kurze Sommer fackelbunt zwischen langen Wintern, und dann steigert sich die Schöpfung zu Paradoxen, die dem Zoologen wundersame Rätsel stellen: farbenprächtige Papageien, langbeinige Nandus oder Avestruzes (Strauße), seidenlockige Guanacos, wie Edelsteine schimmernde Kolibris, stolze schneeweiße Schwäne mit schwarzen Hälsen und Köpfen, Flamingos, die beim Aufflattern den Himmel in eine tönende, rauschende, rosig scharlachfarbene altchinesische Ochsenblutschale verwandeln. Solche Tropengeschöpfe siehst du dann dicht neben dem spautenden Wal, neben grunzenden Seals, naiven See-Elefanten, herrlichen Albatrossen und stellenweise fast unübersehbaren Nationen grotesk lustiger, kindlich vertrauender, liebenswert harmloser, wie verzauberte Menschen einher watschelnder Pinguine. Aus einsamer Höhe aber stößt der Seeadler. Und von schwindelnden, kluftreichen Zinnen schraubt sich der riesige Condor in die Tiefe, wo seine Augen das gefallene Schaf oder Kaninchen erspähten.

Klingende Namen von Seefahrern, Entdeckern und Abenteurern, gleich unsterblichen Melodien, geistern um und über Tierra del Fuego, Patagonien, die Magellanstraße, die Straße Le Maire und Kap Horn.

Feuerland: Weltende, wo Atlantik und Pazifik in donnernder dunkler Symphonie einander in die Arme prallen oder – rar sind solche Tage! – zärtlich lispelnd, in Gold und Silber und Perlmutt gehüllt, sich traumsüß taumelnd vermählen.

Dies alles ist der bunte Rahmen des geheimnisvollen, wilden Landes, in dessen Mitte für viele Jahre die Figur des Julius Popper stand. Die Natur tat ihm nichts, sie schenkte ihm und den Seinen sogar fast mühelos unerhörte Goldschätze, wie keinem zuvor oder nachher. Aber unter den Menschen, die ihm sein Recht weigerten, verlor er alles. Und sie raubten ihm endlich, als er zum letzten Mal in die ferne Hauptstadt Buenos Aires fuhr, um dieses Recht zu verteidigen und wiederzugewinnen – wer kennt die wahren Zusammenhänge und wer kann darüber urteilen? – das Leben.

Es ist die moderne Saga Feuerlands und des Don Julio und auch teilweise diejenige der „Frau, die aus dem Wasser kam“ und die ihm den Sohn gebar, den der Vater, gleichsam als Omen seines eigenen düsteren Endes prophetisch „Julio Ultima Esperanza“ taufte. Ultima Esperanza – so nennen sie noch heute das Land: „Letzte Hoffnung“.

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Stimme des Ozeans

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... und hörst du das kalte, wasserstaubatmende Meer verhalten brausen, grollen, glucksen und zischen? Und siehst du dort drüben, ah, dort liegt ...

„Ja, das ist die Küste. Aber es kann noch gute Weile dauern, ehe wir an Land gehen, Colonel Popper, dear!“

In diesiger, Kälte dampfender, seidig-grauer Luft segeln so wunderbar leicht mit weit ausgespannten, fast immer reglosen Schwingen die stolzen Herolde der Antarktis und des schwarzen Kap Horn, die schneeweißen, riesigen Albatrosse. Schieferfarbenes, stumpf-schwarzes, creme und silbrig-marmoriertes Wasser. Aus unermesslicher Tiefe grollt es wie noch verhaltene, sich zum ekstatischen Ausbruch vorbereitende Titanenkraft, in breiten Wogen rollt es einher ...

„Was meinen Sie, Käpt’n Walker?“ Der schlanke Mann mit dem van-Dyck-Bärtchen unterbricht seine Musterung der schemenhaften Küste, wo er – nur er weiß es bestimmt, und ein frohes, festes Lächeln geht über sein Gesicht – sagenhafte Reichtümer finden wird. Er nimmt den Kieker vom Auge, hält sich mit der Linken am Leewant fest.

„Weshalb?“, wiederholt er, und sein Englisch ist sorgfältig, korrekt und langsam, wie auf wankenden, aber doch nicht fehlenden Stelzen schreitend.

„Ostwind! Darum! Sehen Sie doch genau hin!“, sagt der Yankee-Schiffer des guten, in Montevideo beheimateten, aber unter argentinischer Flagge segelnden Schoners „Muchacha Feliz“.

„Wissen Sie, Colonel, dear, wenn der kleine Schlepper der Kohlenstation uns nicht einbringt, weil er gerade woanders steckt oder weil sein Käpt’n keine Lust hat, da er recht gut weiß, dass er von mir keinen Cent für diesen Freundschaftsdienst kriegen wird, oder weil er ’nen Longdrink in der „Seven Seas Bar“ schluckt, und wenn der Wind nicht schralt, dann können wir hier beigedreht schwabbeln und von Zeit zu Zeit halsen und ’nen kurzen Schlag kreuzen. Damit uns nicht dort drüben der Hals voll Salzwasser läuft! – Vielleicht einen Tag oder zwei oder mehr. Quien sabe, wer weiß es!, sagt man hierzulande!“ Der Seemann schnellt seinen Priem aus dem Mund. Noch ehe das zerkaute Tabakklümpchen das Wasser berührt, ist es von einer im Gleitflug herbeischießenden, schwarzweißen Kaptaube in freier Luft geschnappt und verschluckt.

„Das war eine lange Erklärung, Mister! Rede sonst nicht so viel, wie Sie wissen, aber man ist gefällig. Und Sie, Colonel, dear, haben was an sich, das ...‟ Er deutet auf die bunte Männergruppe, die sich mittschiffs und auf der Back staut. Bärtige Gesichter spähen nach der wieder und wieder, gleich einem Zauberstück, aus Dünsten auftauchenden und verschwindenden Küste. Arme und Hände gestikulieren, rollende Worte, in den weichen Balkansprachen oder in Spanisch und Italienisch, kommen achteraus geweht, wo die beiden hinter dem Rudermann stehen.

„Eine tolle Brüderschaft! Erstaunlich ist mir’s immer von Neuem, dass diese holden Knaben Ihnen so sanft auf Wort und Wink folgen, Mister! Wochenlang hab ich’s nun gesehen und gehört, aber es geht jedes Mal über meinen Horizont, der in Nantucket, woher die besten Seeleute und Schiffe der Welt kommen, groß geworden ist!“, brummt der Amerikaner.

... und schrill schneidet der Sturm um Stagen, Wanten und Takelage. Pardunen summen und vibrieren, gleich abgestimmten Harfensaiten ...

Gutmütig erwidert Popper: „Es sind ja fast alles Landsleute von mir. Ehrliche Burschen, die zwar etwas herunterkamen, weil sie Pech in Argentinien hatten; das kann jedem passieren. Ich habe die meisten in Buenos Aires zusammengetrommelt!“

„Salonpuppen und Stehkragenjohnnies kämen auch nicht weiter an der Teufelsküste dort drüben, die an der einen Seite Patagonien und an der anderen Feuerland heißt. Wahrscheinlich deshalb, weil’s so unmenschlich kalt ist. Colonel, nehmen Sie’s nicht übel, ich hab’s ja schon öfters gesagt und fange wieder davon an: Dass Sie dort drüben Gold finden wollen und zwar in Mengen, dass sich’s rentiert, seien Sie mir nicht böse – halte ich für ein bisschen, na, Sie wissen schon!“

„Verrückt? Das wollen Sie doch sagen, Käpt’n Walker!“

Der Yankee verzieht das scharf geschnittene, kluge Gesicht. „Well, das meine ich. Gott weiß, ich gönn’s euch allen, besonders Ihnen. Denn Sie sind ein netter, ehrlicher Gent. Aber eher gibt’s dort an Land Ananasplantagen, Porzellanpagoden und Radschahs, die auf weißen Elefanten reiten, als viel Gold. Die paar Körner, die von halbverhungerten Prospektoren hin und wieder gefunden werden, zählen ja nicht.“ Bedauernd blickt er dem Rumänen in die braunen Augen.

... und Albatrosse durchsegeln mühelos die heulenden Lüfte, in denen der empor geschleuderte Meeresstaub verdampft. Wunderbar schön gebaut, schrankenlos frei, gebieten sie mühelos dem Aufruhr, kreisen und schwenken hin und her, auf und nieder. Scharf ist ihr wild melancholischer Schrei und sphinxhaft, geheimnisvoll das große Auge. Auf den rollenden, klatschenden, dröhnenden Wogen und ihren Kämmen reiten und schaukeln, wie Flocken, zu Sippen und Familien geordnet, unermüdlich schwatzend, zankend, Hunderte der kleinen Kaptauben ...

Während der Nacht hatte der Schoner mit fliegender Brise Kap Virgenes umrundet und navigierte glücklich durch die flaschenförmige Bucht mit den zwei engen Wasserstraßen. Nun fegte ihm plötzlich der Sturm in die Zähne, und beigedreht schlingern sie auf dem wieder offenen und weiten Fahrwasser. In kurzen Stunden könnten sie am Ziel vor Anker gehen, wenn jetzt dieser kleine Oststurm nicht wäre.

Vorne blitzt es zeitweilig auf. Dort rennt die polternde See gegen eine trostlos aussehende Küste an. Dort ballt sich hinter flachem Sand und einem Geröllgürtel niederes Bergland, kugeln Wolken, verschmelzen ineinander und bilden ein merkwürdig geisterhaftes Gemälde. Aus schwelendem Grau, tiefen bleifarbenen unruhigen Dünsten, flatternden, eilenden milchigen Nebeln und hoher Brandung tauchen ab und zu schattengleiche Gegenstände auf – etwas wie ein kleiner Kai, ein Kran und eine hohe schräge Kohlenschute, nackte Masten kleiner Segler, ein dicker kurzer Dampfer. Alles torkelt hin und her. Bohrt sich aus Dunst und Gischt. Erlischt in kreisenden Nebeln, kommt wieder hervor. Unaufhörlich.

... weiß und gefährlich blitzt die Brandung. Tief, eintönig und dennoch von einer leidenschaftlichen wilden Wucht sind die Geräusche der Wasser, die, von zwei entgegengesetzten Polen gekommen, sich am Kap Horn, dort hinten, weit hinten, rauschend vermengen ...

„Vierzig Jahre befuhr ich die sieben Meere. Davon die letzten Zehn in dieser Gegend, wo der liebe Gott dem Satan einen Zipfel Welt und, was drauf und darum ist, übergeben hat. Und habe allerlei Volk getroffen. Gute und böse, interessante und langweilige Menschen, Leute aus vielen Nationen. Aber noch nie einen netteren und leider gleichzeitig sonderbareren Gent gefahren, wie Sie sind, Mister Popper. Manchmal werden Sie mir fast unheimlich, Colonel, dear!“

Stumm drückt ihm der Rumäne die Hand, und jener redet weiter. „Wenn Sie sich doch auf den Pelzhandel verlegen wollten, so würde ich zu Ihrem Unternehmen Ja und Amen sagen, obgleich Sie auch darin ein komplettes Greenhorn wären. Könnte Sie mit einigen Nutriajägern bekannt machen, Skandinavier fast alle und gute Jungen in ihrer Art. Die würden Ihnen den richtigen Kurs weisen und gute Tipps sagen, denn sie halten etwas auf denjenigen, der von mir empfohlen wird. Aber Gold? Pah, segeln Sie doch nach Australien oder Kalifornien, dort gibt’s Gold klumpenweise in den Bergen. Aber hier auf Feuerland finden Sie nicht genügend, um die Ausrüstung zu bezahlen, und wenn Sie so alt werden wie unser Rip van Winkle!“

„Ich werde aber viel finden!“ Ruhig, sicher und ohne Überhebung waren die Worte.

„Well, ein paar kleine Nuggets. Mag sein. Hören Sie, Mister: Mancher hatte den Spleen und suchte, als der Goldrausch wieder über die Neue Welt kam, auch das gelbe Metall auf Tierra del Fuego. Und ging oder geht vor die Hunde. Ohne Mammon! Ihre Gesellschaft wird auseinanderlaufen, Sie auslachen oder noch Ärgeres. Wahrscheinlich, wie ich annehme, haben Sie die letzten Cents in Ausrüstung und Passage gesteckt und alle diese Makkaronijohnnies – bitt’ um Vergebung! – glauben, in drei Wochen Millionäre zu sein!“

„Beinahe, aber nicht ganz. Ich meine die letzten Cents! Aber dort drüben liegt es und wartet. Viel Gold. Das weiß ich so gut, wie ich das Evangelium kenne. Und warum ich’s weiß, würden Sie nicht verstehen. Oder vielleicht? Ich bin nebenbei Geologe, Käpt’n!“

„Und haben in Rumänien daheim, theoretisch auf der Landkarte – von Feuerland gibt’s gar keine, die etwas wert wäre! – geometrische und geodätische Geisterseherei getrieben, wie ich annehme. Pshaw! Ich will aber die Sache anders und menschlicher betrachten und daher sagen: Sie haben ein Girl im alten Lande warten und wollen reich heimkommen. Kann ich begreifen, hätte ja selber beinahe die Maggie daheim genommen, aber sie konnte nicht warten, und jetzt sag’ ich jeden Tag zu mir Gott sei Dank! Aber ich würde, um amerikanisch zu sprechen, ’nen Savvy für solche Idee haben. Denn wegen der Maggies und Lizzies ist schon mancher Mann arm oder reich und manchmal zum Esel oder Klugbold geworden und umgekehrt und so weiter!“, orakelte der Amerikaner und sah seinem Passagier, der ihm während der nicht ungefährlichen Fahrt ans Herz gewachsen war, tief in die Augen.

„Nein, kein Mädchen ist’s. Und was ich mit dem Golde, das ich finden werde, anfange, weiß ich noch nicht so ganz genau. Man könnte vielleicht auf Feuerland eine ...‟ Seine Stimme war immer leiser geworden, und der Sturm verschlang den angefangenen Satz. Verzückt starrte er nach der undeutlichen Küste.

... und hell schreien die königlichen Albatrosse, und das Meer dröhnt. Es orgelt, wispert, ächzt, und trotz verdeckter Sonne bilden sich in den krausen Mulden und gefurchten Grüften vergehende und entstehende, bunte Schleier. Und auch über den zusammenrauschenden Kämmen sprühen viele leuchtende, blitzende, verlöschende und sich neu bildende Miniaturregenbogen.

„Kommen Sie, Mister. Der Steuermann kann so lange Deckwache gehen. Wir wollen nach unten und einen heißen Brandy mit Zucker und Zitrone trinken. In Punta Arenas gibt’s nur Pisco für arme Leute, und das ist meines Erachtens konzentrierte Schwefelsäure, mit ’nem Schuss Höllenfeuer!“

Gutmütig fasst er Popper am Arm und führt ihn in die schwankende Kajüte. Dort sitzen sie auf dem mit schwarzem Leder bespannten schmalen Sofa. Der „Junge“, ein sechzigjähriger Antofagastamann, bedient. Walker stopft aufatmend seine alte Pfeife und schiebt eine Kiste Manilas vor den Gast.

Und draußen paukt die hohle See gegen den stöhnenden Schiffsrumpf. Anschwellendes unaufhörliches Dröhnen! Trompetenklar ist der Schrei der Albatrosse aus der Ferne. Und wie aus noch größerer Ferne, unwirklich fast heranschwebend, unentwirrbar, merkwürdig klanglos, als ob sie von Watte umgeben sind, sinken und schwellen die Stimmenechos der vierzig sich an Deck aufhaltenden Abenteurer. Julius Popper hat sie in den Spelunken am La Plata so begeistert, dass sie seither alle zusammen eine feste, verschworene Gemeinschaft bilden. Popper hat ihnen versprochen, dass sie viel Gold finden werden! Keiner zweifelt daran, denn alle diese Männer sind ihm, so sonderbar es dem beobachtenden Kapitän auch dünkt, und ohne dass sie selbst wissen wie es zuging, hörig geworden. Und der skeptische Schiffsführer auch. Dies verbirgt Walker zwar tunlichst, und so gerne er seinen Fahrgast hat, es wird ihm eine schwere, unsichtbare, unbegreifliche Last von der Seele fallen, wenn „Ali Baba und seine vierzig Räuber“ – wie er manchmal scherzhaft sagt – erst an Land sind. Denn Walker, dessen Leben und Seele von Jugend auf dem Meere verfallen sind, merkt zu seinem Entsetzen nach jeder Unterhaltung mit dem Rumänen, dass er selbst auf der Kippe steht, Schiff, Beruf, See und Existenz fahren zu lassen, um sich der Chimäre des theoretischen Goldsuchers zu verschreiben. Ja, Walker wird dem Herrgott danken, wenn die ganze merkwürdige Gesellschaft und ihr absonderlicher Anführer erst von Bord gehen.

Übrigens: So ganz unbeachtet konnte sich in Buenos Aires die Expedition nicht bilden. Die Zeitungsleute dort bekamen Wind davon und brandmarkten das Unternehmen als eine Idee Wahnsinniger und nannten den Ex-Hauptmann aus dem Banat einen Menschenverführer und Moloch.

Aber es geht eine ruhige, innere Kraft von ihm aus, die jene Männer, die er zusammengesucht hat, wie Kletten an ihm hängen lässt. Und mancher empfindet wohl flüchtig, dass es eigentlich merkwürdig ist. Aber langes Spintisieren liegt diesen Leuten nicht. Popper gab ihnen neuen Lebensmut, und als die Abreise festgesetzt wurde, war keiner, der den Rückzieher machte.

„Caramba Caballeros, er hat euch behext und lockt euch den letzten Peso aus den Taschen!“, hatte sie der junge Vertreter der Zeitung „La Prensa“ gewarnt.

Bonifacio, ein brauner Neapolitaner mit blitzenden Augen, der fünf Jahre Gaucho in den Pampas absolvierte, machte den Sprecher. „Lassen Sie sich nicht auslachen, Caballero! Woher sollten wohl Pesos in unsere armen Taschen geraten, wenn nicht von ihm! Was wir am Leibe haben, was wir essen und trinken, und das Passagegeld nach Punta Arenas, alles bezahlt Don Julio, der ein Gentilhuomo ist. Und ich würde der lieben gnadensüßen Madonna von Torre di Greco von Herzen gerne eine fußlange, duftende Wachskerze opfern, wenn es mir vergönnt wäre und ich Ablass dafür erhielte, Euer Gnaden mit meinem spitzen Cuchillo ganz zart an dero ehrenwertem Hals zu kitzeln. Ich war Mitglied der Camorra, mein Liebster, Bester!“

„Ihr seid einem gefährlichen Narren aufgesessen. Nach Tierra del Fuego geht freiwillig kein vernünftiger Christ. Entweder ersauft ihr schon unterwegs, denn die Fahrt ist voller Tücken, oder wenn ihr mehr Glück habt, so erfriert oder verhungert ihr an Land. Und bedenkt die wilden Indios! Kannibalen, wie man sagt! Euer Don Julio ist der Sendbote des Antichrist! Seid ihr nicht alle gute Katholiken?“, warnte der Vertreter eines orthodoxen Blattes und verteilte Heiligenbildchen.

„Don Julio geht jeden Sonntag in die heilige Messe, Signore!“, trumpft Beppo auf und berührt das an seinem Hals hängende geweihte Medaillon. Beppo stammt vom blauen Amalfi-Golf, hat eigentlich das Licht der Welt im nahen Neapel erblickt, doch war er einige Jahre ein romantischer Abruzzenräuber.

„Bueno, Señores, da ihr nicht hören wollt, so fahrt denn los! Aber wenn ihr wirklich gesund bleibt – Gold findet ihr keines auf Feuerland und Patagonien! Darauf wette ich ein volles Reportermonatsgehalt!“, ließ der „Prensa“Mann sich wieder hören.

„Die Wette gilt, Caballero. Ich will sie einfordern, wenn ich wieder an den La Plata komme!“, sprach langsam eine warme Stimme. Popper war unbemerkt in die Versammlung getreten. Mit lautem

„Viva!“, umringten ihn die Vierzig. Verärgert zogen die Zeitungsmenschen ab, und die künftigen Goldsucher riefen ihnen saftige Schimpfworte nach und ein Hagel von kleinen Maté calabazas umschwirrte die Köpfe der Unglücklichen.

Und dann sprach wieder Popper beschwörend von kommenden Strapazen, von Kälte, Hunger und Not, und zuletzt vom Gold. Gold auf Feuerland, das noch keiner von ihnen – er selbst, wie sie wussten, auch nicht – jemals betreten hatte.

Der Schoner stach mit seiner hoffnungsvollen Menschenladung in See. Wochenlang bildeten sie und besonders ihr Anführer, das große unverständliche Wunder und die Freude, aber auch geheime Sorge des sophistischen, mit vieler Skepsis gesegneten Yankee-Schiffers.

Nun liegt die „Muchacha Feliz“ beigedreht im sausenden Oststurm, unweit der Reede von Punta Arenas. Und so Gott will, vielleicht heute oder morgen, es kann auch noch länger dauern, werden sie an der „Sandspitze“ an Land gehen. Und dann, dann, weit hinten in den Bergen oder ...

... ruhelos schweben die weißen Schemen der Albatrosse unter grauen Wolken über grauer Kimmung. Es dröhnt, lockt und droht das ewige Meer.

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Sieben Meere Bar

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Vai Dios de mi alma! Que amargo es tu amor!“ Dem singenden Chileno flackert zu viel Piscoschnaps aus den dunklen Augen, während die schlanken bräunlichen Finger über stramme Gitarrensaiten raspeln.

„Amargo tu amor! Fort satan djabla na manner!“, spottet ein blonder Däne, indem er an die Endstrophe des spanischen Liedchens seinen derben skandinavischen Fluch hängte.

Die „Seven Seas Bar“ ist typisch für Alt-Punta Arenas. Einstöckig, aus Holz und Wellblech. Diese Wellblechmode trat damals gerade ihre weltumspannende Siegeslaufbahn an. Aber auch heute noch, während ich dies schreibe, weiß ich, dass das Bauen mit Wellblech aus dem modernen reichen Magallanes nicht ganz verschwand, obwohl manchenorts die aufgeschnittenen Zehn-Gallonen-Kanister der „Standard Oil“ beliebter sind. Leere Ölkanister bekommt man nämlich, wenn man ein geschicktes Mundwerk hat, meist geschenkt.

Heute ist in der „Sieben Meere Bar“ einmal wieder, wie immer, wenn primitive Männer zusammenkommen, um zu trinken und auszuruhen, „Fiesta con baile“ – für Englischsprechende „Dancing Fete“. In dem schmalen verwahrlosten Hinterhof der Bar aber hocken die vierzig Getreuen des Julius Popper in ihren für dieses Klima nicht gerade geeigneten Zelten. Mancher unter ihnen ist schon über die argentinischen Kordilleren gestiegen und kennt die eisige Puna, die auch sommernachts kalt genug ist, um einen Becher Wasser bis auf den Grund gefrieren zu lassen. Aber was hilft’s?

Sie sitzen in ihrem Zelt, rauchen und frösteln; aber unerschütterlich steht ihnen das goldene Ziel, das der Anführer ihnen täglich vor Augen malt, in glückbringender Zukunft.

In der einen Baracke, wo zeitweise durch Ritzen hereinpressende Windstöße die golden brennende amerikanische Hurricanlampe leise pendeln machen, sitzen der Rumäne und sein „Leutnant“.

Pierre Duprez, weiland Marchand Tailleur zu Straßburg, hat keine traditionelle Schneiderfigur. Er ähnelt eher einem starken Packer, solchen, die bei Wohnungsumzügen gleichsam mit schweren Klavieren und Eichenschränken Ball spielen. Ein struppiger Haarurwald bedeckt drei Viertel seines gutmütigen Gesichts, aber in einer Epoche, wo des „Mannes Zierde“ überall aus furchtbaren Schnurr- und Backenbärten besteht, ist das in bester Ordnung.

Dieser kraftvolle Kleiderkünstler a. D., und noch mehr der zierliche mittelgroße Popper verschwinden jedoch fast neben den sieben mächtigen Pelztierjägern skandinavischer und kanadischer Herkunft, die den beiden Gesellschaft leisten. Die sehen in ihren dicken isländischen Wolltroyers, den hohen Seehund-Lederstiefeln und mit ihren blonden Bärten und eisblauen Augen aus wie die Söhne Hymirs in der nordischen Edda.

Jetzt lauschen diese Jäger aus der großen Einsamkeit der beschwörenden, magnetischen Stimme des Rumänen. Als ob ihre Seligkeit davon abhinge, so sind sie der überzeugenden rhetorischen Magie des neuen Goldpropheten von Feuerland verfallen, der vorher noch keinen Fuß auf besagte Insel gesetzt hat und erst knappe acht Tage in Patagonien weilt.

Im Nebenraum aber geht es stürmischer zu. Eine Liverpooler, nach Hamburg vercharterte Viermastbark voll peruanischem Guano sitzt, entmastet und durchlöchert, seit Wochen in der furchtbaren Brandung auf den Rocks der Straße Le Maire. Yaghanindios und Alacalufen kamen auf ihren gebrechlichen Kanus und haben das Wrack geplündert, wie es ihre Art ist. Und haben die halbe Besatzung ermordet. Nur ein paar konnten vorher ein Boot aussetzen und wurden eine Stunde später von einem Kohlendampfer aufgefischt und in Punta Arenas an Land gesetzt. Nun warten sie, bis der konsularische Vertreter sie heimschickt oder sie vielleicht hier eine Chance finden.

Im britischen Seemannsheim geht es aber puritanisch zu, und deswegen schlafen und essen die Söhne der See zwar dort, finden aber Mittel und Wege, nachts außer Hause zu schleichen, um

sich in der sündigen „Seven Seas Bar“ zu amüsieren. Zumal sie einige Dollars und Pfunde besitzen.

Der Bar-Wirt ist ein braungebrannter, breitschultriger, dabei aalglatter Kerl mit einem Gesicht von einmaliger abgründiger Hässlichkeit. Und er weiß die Fäuste fast so gut zu gebrauchen wie seine Verschlagenheit.

Rattenjack ist mindestens jedem Kauffahrtei-Seemann der damaligen Zeit vom Hörensagen bekannt, und der entsetzliche Nimbus dieses „Shanghaiers“ ist ebenso groß wie der seines Kollegen Sally Brown an der Barbary-Cast von San Francisco. – Und wenn jetzt einer der Leser kommt und mir sagt, dass es seit dem großen Erdbeben keine „Barbarenküste“ mehr in Frisco gibt, so sage ich, dass ich das ebenso gut weiß, und dass übrigens der Beginn meiner Geschichte in jener „barbarischen“ Zeit spielt, obwohl ich es dahingestellt lasse, ob unsere Tage besser sind.

Rattenjack gibt sich soeben die beste Mühe, die Janmaaten des Liverpooler „Blackballers“ zum reichlichen Piscogenuss zu verleiten. Er lässt die Klauenhand nicht von der Flasche, immer zum Einschenken bereit, sobald wieder jemand einen Peso oder Dollar auf die Schanktischplatte knallt. Er schwatzt allerlei süß und nett klingenden Unsinn und, was für ein feines Schiff er eventuell für sie hätte – wobei er aber nicht erwähnt, dass es sich um einen alten Walfänger handelt, der noch rund drei Jahre Südseefahrt vor sich hat, und dessen Kapitän und Offiziere von jener herzlich rauen Sorte sind, die jeden Befehl mit einem „damn you“ und dem zarten Wink mit der Handspake begleiten.

Und jene Matrosen kennen Rattenjack und verachten, misstrauen, bewundern ihn, und fürchten und hassen ihn zugleich, weil sie ahnen, dass er sie, wenn sie betrunken sind, auf einen derartigen Höllenkasten „vershanghaien“ wird. Man trinkt, bis man umfällt, weil Rattenjack dieser Bewusstlosigkeit geschickt mit einigen chemischen Tropfen nachhilft. Und wenn man dann auf hoher See mit furchtbarem Kater erwacht, findet man sich auf einem fremden Schiff und erfährt, dass so und so viele Dollar bei dem guten Heuerbas versoffen wurden, und die hat das Schiff ausgelegt und jetzt soll man sie abarbeiten.

Rattenjack lässt eben, zu unlöblichem Tun bereit, die Gesamtbatterie seiner Durchtriebenheit spielen. Denn gestern hat ein amerikanischer Waler zur Proviantergänzung vor Punta Arenas geankert. Das geschieht nicht oft; noch werden die großen Säugetiere in den warmen Gewässern der Südsee aus offenen Booten mit der Harpune gejagt. Man rüstet noch keine solchen schwimmenden Fabriken für die Antarktis aus, in die sich die Wale flüchten. Und deshalb ist dieser alte Trankasten hier vor Patagonien eine Seltenheit. Der Alte, ein hartfäustiger Yankee, war schon bei Rattenjack und gab diesem einen Wink, denn es sind ihm eine Menge Leute auf den paradiesischen Inseln entsprungen. Er braucht Ersatz. Und Rattenjack weiß Bescheid, er wird das schon machen.

„Gold!“, sagte eben Popper wieder. Rattenjack holt gerade eine neue Flasche vom Regal, die für das Nebenzimmer bestimmt ist, und hört das Wort. Geringschätzig zuckt er die Achseln. An solchen Schwindel glaubt er nicht mehr, obwohl es ja wunderschön auch für ihn wäre. Er fühlt aber irgendwie Respekt vor dem zierlichen Rumänen, denn der hat etwas an sich, das ... wie schon Käpt’n Walker feststellte.

Poppers sieben Zuhörer, die in ihrer Kleidung so ungeschlacht wirken, aber in Wirklichkeit breitbrüstige, schlankhüftige, muskelgeschmeidige Jäger sind, hören wie gebannt zu. Und das Wunderbare ist: Sie haben solche Worte im Laufe der Jahre schon oft gehört und nur darüber gelacht; bei Popper lacht keiner. Im Gegenteil, sie glauben es plötzlich!

„Es könnte wahr sein! Hab’ bereits drüber nachgedacht. Machten unser Geld bisher mit Nutrias, Ottern, Seals und dergleichen gefährlich zu jagenden Tieren. Aber Gold?“

Ein anderer: „’s will mir einleuchten, Colonel, wenn man Sie sprechen hört!“

„Skal!“, quetscht der Jäger Sven langsam heraus und trinkt sich selbst bedächtig zu. Seine Freunde paffen dicke Wolken aus ihren Shagpfeifen.

Verstohlen winkt Rattenjack den Musikanten. Meisterhaft spielt jener Chileno seine Gitarre! Die quietschende Fiedel und ein stark rheumatisches Piano sind eigentlich nicht die richtige Begleitung dafür. Aber sie machen Lärm, und das braucht der kundige Budiker. Radau und Tabaksqualm beschleunigen nämlich den leichtsinnigen Alkoholparoxysmus, in dem Männer zu Dummköpfen werden.

Popper, den sie in Punta Arenas bereits „Colonel“ oder „Coronel“ nennen, schweigt nun. Und wartet.

Und die anderen, die „vierzig Räuber“?

Draußen in den Zelten warten auch sie geduldig. Es sind gute Kameraden, sie wissen genau, dass Popper sehr sparen muss, weil Punta Arenas, das am Ende der Welt liegt, für den gemeinsamen Geldbeutel sündhaft teuer ist. Und so gerne auch sie jetzt in der molligen Bar mit den Señoritas ein bisschen tanzen und schäkern möchten, sie sehen das ein: Es geht nicht, und hocken nun eben in ihren Unterkünften, nippen Pisco, von dem der Chef ihnen zwei Gallonen hinausgeschickt hat, rauchen ihre Pfeifen oder Cigaros und warten. Sie wissen ja, worum es geht und warum der Colonel die Pelzjäger freihält! Diese landeskundigen Männer sollen nämlich für die Expedition gewonnen werden, ansonsten es mit dieser bald aus wäre. Sie sind ja selbst alle in dieser Gegend doch nur hilflose Greenhorns, die, bloß um sich mit Fleisch zu versorgen, noch nicht einmal einen Seelöwen oder ein Guanaco beschleichen und schießen könnten.

Greenhorns! Wirklich, ganz Punta Arenas – und groß ist diese Stadt just nicht – ist sich einig, dass nie größere Idioten als diese Vierzig je den Fuß auf Patagonien setzten. Don Julio, der Colonel, hm, ja, das ist eine Ausnahme, benimmt sich fast so, als sei er hier geboren, und ist trotz seiner sanften, warmen Höflichkeit ein richtiger Caballero, mit dem nicht gut Kirschen zu essen sein mag. Das merkt man irgendwie. Käpt’n Walker, dessen Meinung etwas gilt, hat ja auch verschiedene Andeutungen gemacht.

„Gold!“, klang es wieder durch eine Musikpause.

„Muchachas, schlaft ihr?“, scharf wie schneidende Cuchillos sind „Rattenjacks“ Ermahnungen. Sie dringen durch Tabaksqualm, Parfüm, Puderstaub und Waltrandüfte. Dringen sogar durch die Träume von Glück und Ausruhen, worin sich eben die müde Seele einer anwesenden, gewissen Juanita verirrte.

„Elisa fühlt sich krank!“, schrillt die Stimme eines schwarzäugigen, alten jungen Mädchens. Ihre linke Wange verunziert eine breite Messerstichnarbe, die auch Puder und Schminke nicht ganz verdecken. Unsäglich gleichgültig und leer sind ihre Augen, und die knochige, sicher einmal entzückend schlank gewesene Figur wird durch ein rosa tief dekolletiertes Abendkleid bloßgestellt.

„Soll einen Pisco schlucken! Kranksein gibt es nicht in diesem Hause. Sonst ...‟ Rattenjack“ deutet wie ein böser Teufel nach der Tür, hinter der der Sturm rüttelt und Regen klatscht. Und weiter oben, nicht fern vom Haus, liegt der Campo Santo, der Gottesacker von Punta Arenas.

Langsam erheben sich sechs Damen von den Stühlen oder Knien ihrer in raue Wolle und Öltuch gekleideten Anbeter.

Schön sehen diese armen Huris der patagonischen Wasserfront nicht aus. Das Leben geht zur Neige für sie, ist nur noch schaler, dürftiger, bitter schmeckender Rest. Von Etablissement zu Etablissement sind sie einst gereist; vielleicht in Paris anfangend, über Bukarest, Marseille, Stambul, Port Said, Kalkutta, Bombay, Shanghai, Frisco, New York, Montevideo, Rio und Buenos Aires. Überall täuschender Glanz, Bequemlichkeit, Nichtstun und glitzernder Schmuck. Und viel, viel Alkohol, Haschisch, auch Marihuana, Kokain, Morphium und Heroin. Und von Jahr zu Jahr wurden die Etappen kürzer und dürftiger. Die erstklassigen „Häuser“ weichen zweit- und drittklassigen. Und mit einmal sind sie Ausschuss und am „Ende der Welt“ angelangt. In Patagonien und auf Feuerland. Bei Kap Horn!

Das ließen sich diese armen, durch eigene oder fremde Schuld in ihre tragische Bahn gelenkten charakterschwachen Geschöpfe, die einst glücklich zu Füßen ihrer Mütter spielten, nie träumen. Dass sie hier am Ende der Welt anlangen und auch an dem ihren, wissen diese armen, von zehntausend Küssen verbrannten, von brutalen Umarmungen zerquetschten Mädels kaum. Denn ein gütiges Schicksal hat es so eingerichtet, dass sie nur ganz selten mit ihren Alkohol umnebelten Gehirnen kurze Blicke in ein anderes, besseres Dasein, das vielleicht das ihre hätte sein können, gewinnen. Wie Blitze, ganz weit weg, an dunklen Horizonten wetterleuchten, so zuckt dann manchmal eine friedliche Erinnerung durch diese stumpf gewordenen Frauen, die, scheinbar von Gott und dem Teufel verlassen, hier am Ende der Welt warten, was da komme.

Ach was, wir wollen tanzen, trinken und lustig sein! Das Leben ist kurz, das Leben ist schön!

Und sie locken und reizen mechanisch mit ihren verrenkten, dürren oder unförmigen, flittergeschmückten Leibern die halb betrunkenen Gäste in Jacks dreckiger Bar. Manchmal, auch das hat eine weise Schöpfung so gewollt, ist es ihnen unbewusst gegeben, Männern, die das ganze Jahr fast unter täglicher Lebensgefahr in den Kanälen und Buchten Patagoniens und Feuerlands jagten – einsam, höchstens einen Freund oder einen Hund zum Partner, solchen Männern, die halb verrückt sind von unstillbarer Sehnsucht, die sie zuweilen so überfällt, dass sie dann mit Möwen, Eisschollen und Pinguinen zu sprechen versuchen – diesen Männern, wenn sie dann nach Punta Arenas oder Ushuaia kommen, um ihren Verdienst oft in wenigen Tagen zu verjubeln, ehe sie zurück in die große Einsamkeit ziehen, immerhin ein wenig das Leben zu versüßen! Weil eben die Einsamen in solchen Stunden des rauschhaften Traumes hinter jeder Hure noch die Frau und Mutter suchen.

Und darum, sag ich, scheltet nicht über die „Weiber“ von Patagonien und Feuerland und anderswo, sondern es suche ein jeder in seiner Erinnerung und kehre dann vor der eigenen Tür.

Allerdings, wenn diese Señoritas ihren traurigen Beruf nicht mehr ausüben können, weil sie selbst für Feuerland zu hässlich wurden und krank? Dann, ja dann ...

Es gab schon damals, während diese Geschichte spielt, in Punta Arenas ein kleines Hospital und einen Arzt, der ein junger enthusiastischer Boy aus Alabama ist und oft vor eigener Hilflosigkeit verzweifeln will; aber er tut, was er kann, und beinahe noch mehr.

Es gibt auch einen verhältnismäßig großen Friedhof am Hügel von Punta Arenas und bei Ushuaia, und dort schlafen viele Frauen aus allen Ländern. Mehr, als man ausrechnen kann, denn viele Gräber sind längst zerfallen und haben anderen, neuen, Platz gemacht. Aber wenn der Jüngste Tag kommt, dann werden diese Frauen sicher nicht die Allerletzten sein, sie haben zwar im Leben viel gesündigt, aber vielleicht noch mehr gebüßt.

„Walzer, spielt Walzer, ich bin gar nicht krank!“, kreischt Elisa. Und der wieder ausbrechende Lärm übertönt das Heulen und Prasseln des draußen wütenden Unwetters und auch die beschwörende Stimme des Mannes in der Ecke, der da von Gold redet.

Pisco fließt in Strömen und Rattenjack schmunzelt, denn er setzt auch „echten Champagner“ ab und zwar zu tollen Preisen. Die Trinker merken ja nicht mehr, dass sie ein schnödes Gemisch aus schlechtem Rebensaft, Essig, Rosinen, Mineralwasser und Zucker schlucken.

Unbeirrt spricht Popper auf die Sieben ein, und schließlich streckt ihm einer nach dem andern die große, schwielige, von Frost zerbissene Rechte hin, und sieben Augenpaare sind nicht mehr wie kalter unnahbarer Gletscher und Eisblink, sondern glänzen voll Vertrauen und Abenteuerlust und Golddurst.

Und ein Pakt wird geschlossen, der zwischen den Skandinaviern und dem Rumänen nicht mehr gebrochen wird; sie halten ihn bis in den Tod, der sie schon für die Zukunft, außer der Reihe, vorgemerkt hat.

Sie sind sich einig, und der „Colonel“ gratuliert sich innerlich.

Denn diese Sieben werden seiner Gesellschaft drüben auf Feuerland eine stille Bucht suchen; ihnen zeigen, wie man warme Häuser aus Holz und Robbenhäuten baut, und wie man die hungrigen Mägen mit Frischfleisch versorgen kann. Und sie werden nebenher Pelze jagen, und mit dem Erlös kann man das teure Mehl und andere Unentbehrlichkeiten kaufen. Und sie werden ihnen, was das Wichtigste ist, das Land erklären und, wie man sich darin zurechtfindet. Schon nimmt er sich vor, topographische und naturkundliche Arbeiten zu machen und ...

Was aber verlangen diese Sieben und die anderen Vierzig von ihm, Julius Popper, genannt Don Julio oder Colonel.

Gold. Viel Gold. Er hat’s ihnen versprochen, und daran glauben sie wunderbar fest.

„He, Muchachas, jetzt wollen wir tanzen. Und trinken und singen!“

„Elisita, das erste Nugget, das ich finde, lasse ich an eine Kette machen, und die hänge ich um deinen Hals. Für nur einen Kuss im Voraus!“

Und es rauscht und klirrt und schrillt die Musik, Stöckelschuhe klappern, und Seestiefel pochen dumpfen Takt, und draußen tobt die Natur. Und Männer suchen und finden sekundenlang in den Augen von Frauen Dinge, an die sie seit Langem nicht mehr gedacht.

Im Nebenzimmer, das nun abgeschlossen wurde, liegen gleich Toten die Seglermatrosen. Rattenjack schmunzelt über seine Teufelsvisage.

Popper raucht seine letzte Manila und sieht im goldenen Lichtschein der blinzelnden Lampen viele Visionen. Keine goldenen Klumpen oder „rötlichen Staub“, sondern das, was er damit erschaffen kann. Sieht große Estancias und weidendes Vieh und einen von Schiffen wimmelnden Hafen und sieht Hirten und sieht glückliche Familien mit ihren Kindern. Auf Feuerland, gegen das das Meer anbraust, wo die Steppen sich in schimmernde Fernen verlieren, wo die königlichen Berge ragen. Und sieht auch ...

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Ethnologie

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Der Wissenschaft unvergessliche Namen von Entdeckern, Seefahrern und Priestern, die meist längst in ihren Gräbern vermoderten, geistern durch heulende Stürme, über aufgewühlte Wogen! Klirren auf im Spiel der schwankenden Eisschollen, sind das geheimnisvolle Echo in zahllosen Naturkanälen und Buchten, schweben über den Gletschern, die sich im Meere verlieren, und über den Riesen der Anden, huschen durch undurchdringliche, starre Wälder und rascheln im dürren Gras melancholischer Pampas.

Magelhaes, den der Eingeborenenspeer auf den fernen tropischen Philippinen tötete ... Francis Drake, der lustige, burschikose Seeheld der guten Queen Bess ... Sconten ... Darwin, der die Fauna, Flora und den Homo sapiens von Feuerland manchmal falsch beschrieb ... Nordenskjöld, dessen Ziel die europäisch-asiatische Nordwestpassage war ... Le Maire, nach dem die berühmte und berüchtigte Meeresstraße benannt wurde ... Horn, der dem schwarzen Kap seinen unvergänglichen Stempel aufdrückte ... Pater Agostini der Kartograph, und andere, die das Land und Insellabyrinth durchsegelten, erforschten und zu erforschen suchten ...

Als im Mittelalter die ersten Schiffe der „weißen Götter“ sich in die brausenden, von Kreuz- und Querströmungen zerrissenen und von unsichtbaren, tödlichen Riffen strotzenden Wasserstraßen wagten, da flammten viele hunderte Feuer an den ungastlichen Küsten. Damit riefen die Indios ihre Genossen von den Bergen und aus den Pampas, damit auch sie die Göttervögel sehen sollten, die da unter weißer Segellast schaukelnd vorbeifuhren.

Tags qualmten Rauchpyramiden zum wirbelnden Wolkenhimmel, nachts loderten rote Flammenzeichen und säumten die Küste wundersam.

Und deshalb nannten die ersten Entdecker jene kalten Küsten: Feuerland!

Und das Gebiet östlich der eisbedeckten oder schwärzlich-nackten Bergeshäupter und der ins Meer hängenden Rieseneissturze, das Land, das dann flach und grau als Pampa bis zum Atlantik reicht, bekam den Namen Patagonia. Denn es lebten dort – so erzählt die sinnige Fama der alten, harten, naiven Seeleute – Indianer, drei Meter hoch, deren Füße so gewaltig seien, dass sie sich damit bei Regen bedecken könnten. Diese Indios nannte man Patagos, d. h. Großfüßler, und seither heißt das Land prosaisch Patagonia – was dem Sprachunkundigen sehr romantisch klingt.

Zuerst, d. h. lange, lange, nachdem die Gegend entdeckt war und fast wieder in Vergessenheit geriet, kamen in dieses neue Land die tüchtigen, sympathischen und arbeitsamen Chilenos. Sie gründeten dort, wo heute Magallanes liegt, am Eingang der gleichnamigen Meeresstraße, die Sträflingskolonie Punta Arenas nach dem englischen Vorbild der Botany-Bay in Australien! Aber die chilenischen Verbrecher wollten durchaus nicht arbeiten, sondern schlugen einander tot, benahmen sich wie die Rote Cora oder verkamen in der Wildnis und wurden von den Indios totgeschlagen. Chile gab daher den ganzen Versuch mit den Sträflingen auf, sandte dafür aber einige richtige Kolonisten, zu denen sich Jäger und andere abgehärtete Männer gesellten, und der Ort gedieh. Später, zu Poppers Zeiten, entstanden noch die Orte Porvenir und Natales.

Punta Arenas war, ehe der Panamakanal seine Schleusen der Schifffahrt öffnete, eine bekannte Kohlenstation für alle nach der Westküste gehenden Dampfer. Geld rollte, Tag und Nacht ging es lustig zu, besonders wenn Waler aus Nantucket, Bedford und Marthas Vineyard nach jahrelanger Fahrt ankerten, um den Proviant zu ergänzen.

Kurz nach Chile erschien Argentinien auf dem Plan. Argentinien, das in den Zeiten des Gauchodiktators Rosas die wahre Hölle war, kam und reklamierte den östlichen Teil von Tierra del Fuego. Und errichtete südlich am Beaglekanal, der meines Erachtens zu den wahren, leider noch wenig bekannten Weltwundern der Natur gehört, die Sträflingskolonie oder besser gesagt, das Zuchthaus Ushuaia. Und Ushuaia gedieh und gedeiht heute noch, und die Sträflinge, die das südlichste Zuchthaus der Welt bewohnen und die alle schwere Burschen sind, gedeihen auch; denn man behandelt sie menschlich, und ihre Arbeit ist erträglich. Aus Ushuaia entkommen ist allerdings noch keiner, der davon erzählen könnte. Die Natur selbst sorgt schon dafür und schiebt da, wo der Stacheldraht und die Posten aufhören, ihre unbesiegbaren, schrecklichen Riegel vor.

Mit dem Panamakanal kam die große Pleite, die aber dann plötzlich wieder bis heute währenden guten Zeiten wich; denn die Schafe mit ihrer Wolle und der damit verbundenen, modernen Gefrierfleischindustrie von Rio Grande machten diesen öden Aussteigeplatz der Welt zu einer der reichsten unter den chilenischen und argentinischen Provinzen.

Schafe, Schafe, nur Schafe! Ackerbau ist des rauen Klimas wegen nicht möglich; alle Versuche schlugen bisher fehl. Gold wurde gefunden, aber das war unrentabel, weil es zu wenig war. Der einzige Mensch, der eine zeitlang in dieser Beziehung aus dem Vollen schöpfte, war Don Julio, und darüber wird ja noch vieles zu sagen sein ...

Es gab Robben, Seals und Nutrias in Massen; Herden wilder Guanacos, kostbare Graufüchse, Strauße, Ottern. Es gab Pumas und eben die Indios.

Nun, die Guanacos sind bis auf wenige verschwunden, die Nutrias wurden rar, die Füchse auch, Strauße liefern keine guten Federn dortzulande; und Otternbälge – ach, die wiegt man längst beinahe mit Gold auf. Und die Indios? Die starben in Menge an Alkohol, Pulver nebst Blei, an Pocken und an wirklich gut gemeinten, aber falsch angefangenen Zivilisationsversuchen.

Kurzum: Nur die Schafe kamen, und die sind geblieben. Und auch die Pumas, die gern wehrlose Schafe fressen, haben sich streckenweise phantastisch vermehrt. Sie wohnen in den Wäldern und Schluchten, sind ebenso schlau wie blutdürstig; die Jagd auf sie aber ist mühsam und wenig ertragreich. Weil eine elegante Damenwelt noch nicht auf die Idee kam, Pumapelze zu tragen.

Und die Menschen? Eine Zeitlang wüteten blutige Kämpfe zwischen Goldgräbern, Jägern, Banditen und den starken großen Onaindianern der Pampas und den krummbeinigen Kanuleuten der Yaghans und Alacalufes. Dann kamen Soldaten und schossen die Onas, die sich in der Unschuld der Naturmenschen an den Schafen vergriffen, tot; auch legten sie Strychnin vergiftete Schafkadaver aus, und die Onas, die Hunger hatten, starben daran. Und einmal gab’s eine Zeit, da bekam man für ein paar Indianerohren eine Geldprämie ...

Bis endlich der Skandal zu groß wurde und beide Regierungen einschritten und die Onas unter Reservations- und Naturdenkmalschutz stellten: Man schaffte alle, die noch lebten, auf die große Dawsoninsel, wo sich ihrer die Salesianermönche aufs beste und uneigennützigste annahmen und es ihnen hätte gut gehen können.

Leider wiederholte sich aber auch hier der gleiche Fehler, der sich schon öfter in der Völkergeschichte zum Untergang ganzer primitiver Rassen auswuchs: Man gab diesen dreiviertel nackten, kerngesunden und sich ohne viel Kleider wohlfühlenden Menschen aus moralischem Muckertum und kurzsichtiger Gutmütigkeit europäische Tracht, aus Kattun und Baumwolle, und zwang die freien Nomaden, in stinkenden luftarmen Holzschuppen zu leben. Das konnten sie nicht vertragen, sie brauchten frische Luft und Nacktkultur. Und nach zwei Dutzend Jahren hatten die Padres und Missionarios nichts mehr zu tun. Fast alle Onas waren bei der plötzlichen Umstellung auf Zivilisation an galoppierender Schwindsucht in ihre seligen glücklichen Jagdgründe eingegangen.

Die noch existierenden Feuerland-Indios – es sind nur ein paar Dutzend – haben sich an Kleider und Körperschmutz gewöhnt, das Jagen verlernt und sind gewiefte, englisch und spanisch sprechende Piscosäufer geworden, die lesen und schreiben können.

Mit den Yaghans und Alacalufen ist es anders. Als Kanuindianer sind sie nicht so athletisch gebaut wie die Onas, sondern klein und hässlich; sie gehen übrigens auch fast nackt. Ihre Kanus sind Backtrog ähnliche, mit Weiden, Sehnen und Lehm zusammengesetzte „Boote“ oder Seelentränker. Darin gehen sie auf den Robben- und Fischfang und trotzen kühn den ärgsten Stürmen. Und wenn dann einmal so ein Salpetersegler in der „Straße“ auf die Felsen läuft, plündern sie eiligst das Wrack und bringen dabei gewöhnlich die Überlebenden um.

Ihre Nahrung besteht aus allem, was da kreucht, fleucht und schwimmt, und es tut ihrem Magen keinen Schaden, einen vor Wochen zur Sommerzeit gestrandeten und halbverfaulten Wal oder Tümmler auszuweiden und sich mit dem stinkenden, von Maden wimmelnden Blubber bis zum Platzen vollzufressen.

Aber auch diese Yaghans und Alacalufen werden langsam zivilisiert, obwohl die meisten nicht viel davon wissen wollen und man sie ihrer Lebensweise wegen nur schwer in die Hand bekommt. In den Städten von Argentinien und Chile veranstaltete man damals gutgemeinte Kleidersammlungen für die, wie man meinte, „frierenden armen Wilden“.

Der Erfolg? – Viele starben wie die Fliegen an Masern und Pocken, denn zufällig – und es steht fest, dass es ein wirklicher unglücklicher Zufall und keine böse Absicht war – befanden sich unter den alten Fräcken und Abendroben, mit denen man die Wilden erfreuen wollte, einige infizierte, aus einem Hospital.

Aber es gibt noch Alacalufen und Yaghans, und manche Dampfer oder Seglermannschaft, die bei gutem Wetter durch die Straße Le Maire oder durch die Magellanstraße fährt, hat sich über diese splitternackten Kerle amüsiert. Auf den deutschen Kosinosdampfern nannte man sie seltsamerweise „Lehmänner“, die in ihren Kanus anlegen, an Deck klettern und um Tabak oder Schnaps betteln. Ihre Weiber aber lassen sie, im Gegensatz zu anderen Naturvölkern, vorsorglich hübsch unten in den Fahrzeugen, obwohl denn doch schon starke Nerven dazu gehörten, mit einem derartigen, mit stinkendem Tran beschmierten, hängebusigen Yaghanschönchen eine Schäferstunde abzuhalten.

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Der Fitzroy Kanal

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... hohe, steile Berge, grün von Nadelhölzern bewachsen, unten mit prachtvollen weitverzweigten, aber windgebeugten Buchen umsäumt, darüber ragende schneeglitzernde Kuppen und der hellblau strahlende Himmel. Herbe, duftende, von Frost durchsetzte Luft, die sich wie Champagner trinkt. Auf dem breiten, über hundert Kilometer langen Meereseinschnitt, der heute auf den Karten als Otwaysea verzeichnet steht, aber außer von Indianern und dem monatlich aufkreuzenden chilenischen Miniaturdampfer kaum von weißen Menschen besucht wird, segelte damals ein winziges Fahrzeug.

Sieben Männer sitzen in diesem alten, lecken, vor Monaten in Punta Arenas teuer gekauften Boot, dessen Bug man gegen überkommendes Wasser notdürftig mit einer Spritzdecke schützte. Nicht ganz in der Mitte steht der niedrige schwache Mast. Klüver und Großsegel sind alte, von einem Walfänger ausrangierte Fetzen, und was ein Walfänger ausrangiert, wirft man sonst über Bord oder auf den Müllhaufen. Sie bauschen sich jetzt in steifer Brise. Zuweilen laufen bösartige unterseeische Kreuz- und Querströmungen hin und her, kreisen wie irrsinnig und versuchen das schwache Fahrzeug zu schütteln, vollzuschlagen, zum Kentern zu bringen.

Sven, der Blondbärtige, Blauäugige, Schweigsame, früher Nutria und Sealjäger, führt das steuernde Ruder, und auf den Bänken verteilt, hocken sechs Männer von der Apenninhalbinsel, von Griechenland und dem Karst, die mit Don Julio nach Feuerland kamen, um dort reich zu werden. Es ist aber schon eine lange, lange Zeit verstrichen, seit sie damals von Punta Arenas über die Magellanstraße nach der großen Insel übersetzten...

Stumm, gezwungen ruhig, sitzen sie, und ihre Augen starren geradeaus. Die von Entbehrungen gezeichneten, kantigen Gesichter zucken, und nur auf diese Weise tobt sich ihre, sonst zur südländischen Gestikulation neigende Erregung aus. Denn sie sitzen so gedrängt neben Proviantsäcken, Ballen und Waffen. Die Bordwand ist nur wenige Zentimeter über Wasser, und das Boot rüttelt tanzt und springt so gefährlich, dass jede überflüssige Bewegung den Insassen sehr gefährlich werden könnte. Und ohne die Hände zur Hilfe zu nehmen, ist es für Südländer schlecht, sich zu unterhalten.

Angst hegt keiner, nur ein unaussprechliches Gefühl: Die Ehrfurcht, das Staunen vor der großartigen Wildheit der Natur und ihre eigene daran gemessene Winzigkeit und Erbärmlichkeit, lebt in ihnen. Und so segeln sie auf dieser wochenlangen Erkundungstour, die dem roten Golde gilt, über ihnen kreisen schwarze, von je einer flimmernden Gloriole umrandete Punkte, zwei Kondore.

Grünlich, vom Eisschmelz gefärbt, ist das Wasser.

In toller rasender Fahrt, mit den Pfoten peitschend und den flossenähnlichen Flügelstummeln schlagend, sausen gleitbootartig ganze Schwärme von „Dampfbootenten“ nach allen Richtungen auf den Wellen. Hunderte von Schwänen, blendend weiß, mit schwarzen Hälsen und Köpfen, bilden stolze Flotten.

Sachte fielen die hohen Berge zurück, machten runden bewaldeten Hügeln Platz, in deren sanfte Schluchten schon die Ausläufer der Pampas festlich grün und blumenbunt eindringen. Und überall sind Vögel! Schwäne, Gänse, Enten und andere, zu Vieltausenden! Sie fliegen oder schwimmen, rudern, tauchen, manchmal kreischen sie wild durcheinander, manchmal schweigen sie. Und dann singt nur der Kielsog so geheimnisvoll, murmelt und erzählt eintönig; bis auf einmal wieder Bewegung in die Tiere kommt und sie von neuem ihre grellen Stimmen erheben.

Flacher wurde das Land zu beiden Seiten, tiefer gedrängt engt sich das Otwaymeer zu dem langen gewundenen Strom, der auf heutigen Karten Fitzroy-Kanal benannt ist.

Beängstigend schnell braust, zischt, große platzende Blasen, runde Trichter und Wirbel und stiebenden Gischt an Felsen und Inselchen hochjagend, das wilde Wasser gen Norden, der fernen,

dort wieder offenen See zu. Es reißt und fegt, schleudert das Boot mit sich.

An den Ufern stehen Gänse, einige Strauße ergreifen windschnell die Flucht. Schneeflecken bedecken stellenweise die grünende Pampa. Und es flattert und schüttelt empor wie eine Wolke aus Rosenblättern, als sausend eine große Flamingofamilie sich dem strahlenden Himmel entgegen schwingt.

Nach allen Seiten staunen die Männer im Boot, und einer schreit verblüfft auf, weil ein Papagei plötzlich quer über den Strom im Zickzack fliegt.

Und dann geht irgendwo die Sonne unter. Ganz langsam. Im Westen hinten glühen Berge, brennen, schillern und leuchten so wunderbar. Die Pampa glitzert, von letzten Strahlen liebkost. Violett-blaue Schleier weben um die in Dünsten verschwimmenden Hügel; und dann geht wie ein Hauch, ein Kuss der Natur, der Wind zur Ruhe. Perlmutter wird jetzt der Himmel, er schimmert wie die Innenkuppel einer unendlichen unwirklichen Moschee.

Mit dieser Schönheit und den unbeschreiblichen Farben will das Schicksal den Sieben im Boot noch ein letztes Geschenk machen, damit sie nicht verzagen, und wie um sie vorzubereiten auf das Unfassbare, Unbekannte, dem sie verfallen sind.

Plötzlich bockt das Boot, der Kiel scharrt und knirscht, die verfaulten lecken Planken öffnen sich, und das ganze Fahrzeug klappt fächerförmig auseinander.

Sieben in schwere Kleider und Schuhwerk gehüllte Männer, eben noch an die Zauberbilder ihres Wunderlands verloren vom Golde träumend, stürzen jäh, zusammen mit dem Durcheinander von Säcken und Trümmern und Waffen, in den jagenden, nun wie in wilder Freude rauschenden Strom.

Wie mit Messern schneidet die Kälte des gletschergenährten Wassers, und es hat viele Wirbel und starke, unwiderstehlich nach unten schraubende, schmatzende Trichter, und es ist kalt, o so kalt.

„Ai, Mama!“, wimmert noch einer.

Die meisten können schwimmen, aber hier nützt das nichts; auch sind die Ufer an dieser Stelle zu weit entfernt.

Einige Kistchen, ein Ruder und eine Mütze rasen auf dem eiligen Wasser weiter; schwanken und wippen, ein paar Planken sind auch dabei.

Und die fernen Berggipfel flammen, brennen, bluten und triefen in roten und goldenen Tinten. Der Strom glänzt gleich einer geriffelten Spange aus Rosenquarz. An den Ufern stehen unbekümmerte, sich des Lebens freuende Vögel. Und eintönig jetzt, matt und wie zufrieden, murmeln die Wasser. Zwei sich haschende Kolibris zucken als rasende Feuerfunken.

Langsam erlischt der bunte Farbentumult. Der Westen gleißt violett, und aus Osten naht die blaue Dunkelheit. Das große kurze Ausruhen breitet sich nach allen Seiten aus. Die Tiere schweigen. Schon schimmern silberne Sternintarsien im dunklen Blau der Frühlingssommernacht, über Feuerland, dem Ende der Welt und dem Ende und Anfang vieler, vieler Leben!

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Robinsone am Ende der Welt

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... von Patagonien sind sie in alten, flachbodigen, gebrechlichen sogenannten Scheuerprahms, die für teures Geld gekauft werden mussten, damals, in der Nacht der „Seven Seas Bar“, nach Feuerland übergesetzt. Diese Fahrt in den verrückten Booten war an und für sich schon eine Versuchung Gottes. Aber die Pelzjäger waren dabei, und das ist aller Glück, weil sonst alle ertrunken wären; oder später, falls sie wirklich die Magellanstraße bezwungen hätten, wären sie erfroren oder verhungert.

Sie haben nun eine große Hütte aus Holz gebaut; der Kälte wegen wurde sie halb in einen schrägen Hang gegraben, mit Robbenhäuten und schweren Steinen gedeckt. Im Innern gibt es primitive Kojen mit Pampasgras gefüllt, rohe Tische und Bänke und einen riesigen Kamin, in dem Tag und Nacht Holzscheite brennen.

Doch entdeckte Popper eines Tages gute Steinkohle in unerschöpflicher Menge. Man muss deswegen keinen Schacht anlegen, auch nicht sprengen, denn in diesem wunderbaren Lande am Ende der Welt liegt stellenweise das schwarze Gold auf der Erdoberfläche! Es gibt Plätze, wo die drei bis vier Meter dicke Ader plötzlich zutage tritt und sich dann, in breiter werdender Bahn, aus Kohlengeröll und Blöcken bestehend, den Hang hinab ins Meer und in dieses hinaus weit unter Wasser erstreckt. Fertige, reine Anthrazitkohle, die man nur einzusammeln braucht.

Nach allgemeiner Beratung, damals vor der Abfahrt aus Punta Arenas, wurde Poppers letztes Geld weise zum Ankauf von Munition, Mehl, Kaffee, Werkzeugen, Angelgerät, warmen Kleidern und ähnlichen Dingen verbraucht. Und ohne einen Peso oder Centavo, aber ziemlich gut ausgerüstet und alle Herzen voll goldklingender Hoffnung, begann die moderne Robinsonade.

Fast ein Jahr verging, und die Männer aus Südeuropa und der Levante wurden echte tüchtige abgehärtete „Feuerländer“, die eine Robbe beschleichen können, ihre Schuhe und Kleider mit Pelzwerk und Häuten ausbessern und auch die scheue, die Küstensäume bevölkernde Nutria mit sicherem Schuss im Wasser erlegen; und die auch ein Kanu paddeln können und erfolgreich auf Guanacos jagen.

Die Abenteuer, die von den gruppenweise ausziehenden Männern in den Kanälen und Buchten, auf den Bergen, im Dorngestrüpp und auf der Pampa erlebt wurden, könnten alle Romanschreiber der Welt auf Lebenszeit mit Material versorgen. Abenteuer, die wahr und so bunt sind, so phantastisch, dass niemand, der in Europa hinterm warmen Ofen hockt und auch dichtet, sie glauben würde. Denn dass die Wirklichkeit viel krasser und phantastischer sein kann als die zügelloseste Einbildung, wird immer noch zu wenig begriffen.

Gold! Haben sie bisher Gold gefunden? Ja, sie sammelten bei ihren Streifzügen hie und da durch harte Arbeit ein bisschen gelben Staub, ein paar dürftige Körner und Nuggets, aber die ganze Ausbeute von neun Monaten voller unsäglicher Strapazen bedeckt kaum zentimeterhoch den Boden eines Tabakbeutels aus Seehundsfell.

Unermüdlich rechnet, plant und hofft und strahlt Don Julio, sucht oder untersucht Gesteinsproben und Sand, dringt bei ständiger Lebensgefahr in enge Buchten, wo das Meer in ewiger schrecklicher Brandung die großen Strandblöcke mit ohrenbetäubendem Geknatter hin und her rollt, erklettert halsbrecherische Schluchten, paddelt in lecken Prahms über breite, von furchtbaren Unterströmungen und vom Sturm hin und her gepeitschte Kanalwasser, wo jede Minute den Tod bergen kann.

Er zieht durch die raschelnde Pampa, schlüpft durch Wälder, die ein urweltliches Durcheinander gestürzter, verfaulter oder glashart gefrorener Stämme und Zweige bilden. Und immer wieder betrachtet er in stummen Gedanken, die er keinem anvertraut, den selten aus Wolken und Dunst königlich hervortauchenden, eisglitzernden Monte Sarmiento.

Wenn der Schneesturm pfeift und draußen alles weiß überzieht, sitzt er bei den andern in der warmen Hütte vor den Kojen am Kamin und erzählt unendlich viel Anekdoten; reißt Witze, dass die manchmal verzweifelnden Männer sich vor plötzlichem Übermut auf die Schenkel klatschen, und malt das Ziel Gold, eine Bonanza von Gold vor ihre Augen, so greifbar und logisch überzeugend, dass sie wieder in den magnetischen Bann des zierlichen Mannes fallen und schwören: „Wir suchen und werden es finden, und wenn’s zehn Jahre dauert!‟

Aber furchtbar für alle war dieser Winter!

Es gab auch für Poppers Leute zuerst einige Feuergefechte mit zwei, drei Ona-Horden – mit tragischem Ende für die Angreifer! Die Skandinavier und seine Balkanmänner, Griechen und Montenegriner hatte der Colonel vorausschauend ausgebildet, förmlich für den Kleinkrieg exerziert; fast jeder war ein sogenannter Todesschütze geworden.

Dann erlernte Popper von den Pelzjägern notdürftig die gutturale Indianersprache, und ging eines Tages allein, unbewaffnet einen grünen Zweig schwingend, nach den Reisighütten der nächsten Ona-Siedlung. Dort sprach er dann auf dem festgestampften Schnee mit den Männern, streichelte die nackten, robusten Kinder und gab den stolzen hochgewachsenen misstrauischen Frauen Geschenke.

Und fortan herrscht Frieden zwischen ihnen.

Die Indios kümmern sich nicht viel um die Weißen und umgekehrt. Poppers Leute, durch seine Persönlichkeit in zwanglose, den einzelnen bei der Ehre packende Disziplin gehalten, belästigen niemals die Indiofrauen. Guanacos und anderes essbares Getier gibt es genügend für alle, niemand braucht zu hungern, wenn er sich mit der freilich etwas eintönigen Kost zufrieden gibt.

Und so haben denn langsam die Tausende von Onas, die zu Familiensippen verstreut in den Steppen Feuerlands hausen, vertrauensvoll gelernt, dass Poppers Gesellschaft nicht mit den andern Goldsuchern zu verwechseln ist, jenen verwilderten, weggelaufenen Matrosen und Strauchrittern, die sich bandenweise herumtreiben und jeden Indio über den Haufen schießen und seine Frauen und Töchter vergewaltigen ...

Allerdings: Als man versucht, die Indios nach Goldvorkommen auszufragen, schütteln sie die Köpfe, lachen dann verständnislos. Guanacofelle halten warm, und ihr Fleisch schmeckt gut, wozu brauchen da die Kinder der Wildnis das gelbe Metall?

Zeitweilig kommt ein alter, weißhaariger Ona nach der Siedlung. Poppers Leute nennen ihn „Häuptling“, obwohl die Onas keine Stammesoberhäupter haben; sein Name ist den Weißen unaussprechlich. Wie er ihnen mühsam mit Hilfe der zehn Finger erklärt, zählt er über hundert Jahre, aber er hält sich noch aufrecht in seiner ganzen Körpergröße von fast zwei Metern, und seine Muskeln spielen und ballen sich bei jeder Bewegung wie bei einem Athleten.

Er hat eine junge Frau in seiner Reisighütte, undda bei den Onas das schönere Geschlecht im wahrsten Sinne des Wortes das Zepter schwingt, ist er bisweilen recht froh, die Weißen besuchen und die Gebieterin daheim lassen zu können. Er kann es jedoch nie lange in der Hütte aushalten, er braucht die frische Luft. Doch am Kamin sitzt er gerne, starrt dann in die  züngelnden Flammen, raucht aus einer geschenkten Pfeife und ist sehr erfreut, wenn er einen kleinen Schluck Pisco erhält.

Popper versuchte den Indios beizubringen, dass die zutage liegende Kohle viel wärmer, besser und länger brennt, aber sie hören nicht darauf, sie wollen von dieser Neuerung nichts wissen und begnügen sich mit winzigen Feuern, vor und in ihren aus Gerten errichteten Hütten, durch die der Wind pfeift und immer Schneeflocken dringen.

Und wenn der Rumäne oder seine Gefährten bisweilen mit diesem oder jenem Indio auf die winterliche Guanacojagd gehen, so lachen die rotbraunen Männer, die nur ein Fell um die Hüften und niedere Mokassins tragen, über die Schwäche der weißen Männer! Die schleppen sich mit Schlafsäcken ab und brauchen gewaltige Lagerfeuer, um die sie fröstelnd hocken; sie selbst legen sich einfach auf den Schnee, scharren sich eine Schneewehe über die Füße und geben sich auf diese Art sorglos dem Schlaf des Gerechten hin.

Und doch, denkt Popper, sind es diese verzärtelten, von weißen Müttern abstammenden weißen Männer, die mit ihrer Ausdauer die Welt eroberten ...

Und meist, aber nicht immer, ist der Magnet, der sie anzieht, der sie Wüsten, Berge, glühende Hitze und grausame Kälte überwinden und Strapazen aushalten lässt, denen jede abgehärteten Eingeborenen letzten Endes doch erliegen: Gold, Gold!

Um das gelbe Metall zu finden, wohnen jetzt Don Julios Männer in ihrer primitiven Hütte. Sie leben größtenteils von der Jagd, wobei man nicht wählerisch sein darf. Sie backen Brot, das mehr Eichen und Birkenrinde enthält als Mehl, verzichten auf Frauen und auf Kaffee, Tee, Zucker und andere Annehmlichkeiten. Denn die Vorräte wurden längst aufgebraucht! Und sie besiegen mit ihrem unverwüstlichen Lachen und ihrem Glauben die eigene Verzweiflung. Alles um ihres wunderbaren Traums vom Golde Willen.

Freilich, ohne Popper wäre dieser kleine Männerstaat schon längst auseinandergelaufen, wäre zugrunde gegangen in Schnee, Eis, Sturm, Hunger und Trübsinn. Er ist ihr Halt. Don Julio! Der Colonel! The Colonel! El Coronel! II Coronello! Wie ein strahlendes, seelenwärmendes Südlicht erhellt er immer wieder die Nacht der Enttäuschung und Ungeduld, die täglich über den Männern zusammenschlagen will.

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Die Gerechten von Feuerland

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Im schmalen Talkessel, an drei Seiten durch niedrige sanft gewellte Berghänge beschützt, ist das Lager mehrerer, aus vielleicht hundert Köpfen bestehender Onasippen. Kaum heben sich die runden, dürftig mit Fellen beworfenen Zweighütten, einige spitze Guanacofellzelte und das lange, ebenfalls aus Zweigen und Häuten, nur etwas stabiler gebaute Zeremonien und Shamanenhaus von der weißen Schneefläche ab.

Die herkulischen Jäger sind heimgekehrt, werfen nach ihrer Art stumm die Beute hin; sie wird sofort zerlegt und nach strenger Regel ganz gleich an die ebenso hochgewachsenen wortkargen Frauen verteilt. Bald riecht das ganze Lager nach gebratenem Fleisch. Eine kalte sternfunkelnde Winternacht wölbt sich wunderbar rein über Feuerland. Windstöße summen, Holzscheite prasseln, rosa Schimmer und aufglühende Schlaglichter der Flammen malen goldrote Figuren auf bläulichen Schnee.

Die Männer treten aus den Behausungen, knüpfen kurze, in seltsamem Kehllaut geführte Unterhaltungen mit den Gästen an: Don Julio, seinem Leutnant Pierre, dem Kanadier Gerard und fünf Serbiern.

Dabei wischen sie sich mit dem Arm über den Mund, streichen ihre fettglänzenden Finger an den Ponyfrisuren ab. Und gehen dann langsam, stolz und aufrecht, ins Shamanenhaus.

Dort donnert und klappert eine Handpauke.

Die Frauen kommen, bilden einen großen, lockern Kreis um den hart gestampften Versammlungsplatz, flüstern und lachen; und aus den Hütten lugen naseweise, kraftstrotzende, schmutzige und splitternackte Kinder.

Ein paar Säuglinge, kaum in Felle gewickelt, schmatzen eifrig an den bloßen festen Brüsten ihrer Mütter.

Die Weißen haben sich ein mächtiges Feuer gemacht; sie hocken auf Fichtenzweigen, rauchen ihre Pfeifen und sind eng vermummt. Der Atem der vielen Menschen hängt als schwacher Dampf in der Luft. In den Wäldern bellen Füchse, und einmal durchschneidet ein nicht sehr lauter, aber furchtbarer Schrei wie von einer gequälten Frau die übrigen verworrenen Geräusche.

„Puma!“, sagt der Kanadier. Und lacht leise: „Wahrhaftig, beinahe wie bei einem Siwashpotlatsch in Alaska kommt mir’s vor. Nur sind die Roten dort nicht solche Riesenkerle und minder abgehärtet und nackt als diese Burschen hier und ihre Squaws. Von den Papooses ganz zu schweigen. Und noch etwas fehlt, worüber ich mich immer wieder wundere – und bin doch schon so lange auf Feuerland.“

„Was meinst du, Gerard?“, fragt Popper.

„Die Hunde, Mann, die Hunde! In Alaska hat jede Indianersippe mehr Hunde als Menschen. Sie ziehen den Schlitten, begreifst du? Und im Sommer haben die Hunde ihre fetten Tage, wo sie Lachse mit den Pfoten aus den Bächen fangen. In solchen Schneenächten wie heute aber, wenn dort die Nordlichter tanzen, da sitzen diese Huskies vor den Zelten, recken die haarigen Schnauzen zum Himmel und heulen. Heulen, dass es einem durch Mark und Bein schneidet. Aber irgendwie packt’s einen, und es ist wunderschön. Man versinkt in alte Zeiten dabei, als die Menschheit noch jung war. – Ja, ich kann das Heulen der Alaska-Huskies nie vergessen. Ganz abgesehen davon, dass beim Potlatsch Rum und Whisky in Strömen fließt. – Ja! Und diese erstaunlichen Onas hier haben nicht ’nen einzigen Hundeschwanz! Komisches Volk das!“ Er zieht an seiner Pfeife.

Dumpf dröhnt die Trommel.

„Sie haben ihre jungen Burschen mannbar gemacht, während der letzten Nächte!“, sagt er wieder.

„Mannbar? Doch nicht etwa beschnitten, mon Dieu?“

Die Männer vom Balkan lachen, und der Jäger erklärt: „Non, mon vieux, so was kennt man hier nicht. Aber die Männer und der Shamane setzen sich da nachts Masken auf – scheußliche geschnitzte Dinger, ihr werdet sie eines Tages oder vielleicht heute schon sehen. Und sie bemalen sich, machen sich unkenntlich. Und kriechen dann nachts dem Jüngling auf die Brust und grunzen und versuchen ihn nach allen Regeln der Kunst zu erschrecken. Dadurch sollen die jungen Burschen furchtlos werden, savvy?“

Auf einmal schlägt der Fellvorhang des Shamanenhauses zurück, und eine sonderbare, in der wilden Umgebung teuflisch wirkende Prozession quillt im Tanzschritt, einer hinter dem andern, ins Freie. Voran der Shamane, ein alter, aber ungebeugter, mit getrockneten Fischen, Eidechsen, Kolibris, Muscheln und Fuchsschwänzen über und über behangener Indianer. Gelbe und blaue Kreise aufs Gesicht gemalt, in der Hand die kleine Pauke, so führt er sie an.

Die anderen Männer haben über die Köpfe groteske, schreckliche, aus Holz und Pumarachen hergestellte Masken gestülpt, aus deren Schlitzen ihre Augen funkeln. So bilden sie alle, mit dem Zauberer an der Spitze, eine Figur wie eine lange, sich windende Schlange, die sich dann auf dem Ratsplatz zu einem fast geschlossenen Kreis fügt, dessen Mittelpunkt der paukende, hüpfende und jaulende Shamane ist. Nun klatschen die Frauen rhythmisch in die Hände, unaufhörlich und unaufhörlich schreit und brüllt der Zauberer.

Fern bellen Füchse; von Zeit zu Zeit fauchen Windstöße, dass die Scheite knistern und die Flammen auf purpurn beschienenen Schnee blutrote Bilder malen, durchbrochen von den riesig langen Schatten der stumm tanzenden, sich drehenden, stampfenden Männer.

Alle Kinder sind angstvoll in den Hütten und Zelten verschwunden.

Es ist ein phantastisches, lebendes Gemälde urweltlicher Wildheit. Ein Bild, das sich bei den Onas seit tausend und mehr Jahren wiederholt hat.

„Prächtig!“, brummt Gerard, und der Elsässer flüstert: „Mon Dieu, das auf der Vaudevillebühne in Paris oder New York, und die Kerle würden Geld wie Heu verdienen! Superbe!“

Mit glänzenden Augen starrt Don Julio auf das Gewoge der Leiber und Flammen.

„Das allein lohnt die Reise und alle Strapazen. Das will ich morgen in mein Skizzenbuch aquarellieren!“, murmelt er selbstvergessen.

Sie sind alle im Bann der Stunde.

Die Zeit verstreicht. Und nichts ändert sich. Die Onas tanzen stumm, und ihre Frauen klatschen in die Hände, beugen sich hin und her, hin und her ...

Der Shamane trommelt, jault, schreit. Hoch oben funkeln die Sterne als Silberstickerei in einer unermesslichen Kuppel reinster Bläue.

Einer der Onas – er trägt als Maske einen Hairachen mit Teufelshörnern rechts und links, taumelt aus dem Kreis, schlägt dann lang in den aufstiebenden Schnee. Bleibt liegen.

Und wieder vergehen Zeiten.

„Wie lange dauert das?“, flüstert der Serbe Ristic unbehaglich.

„Bis der Letzte umgefallen ist. Und das kann bis morgen früh gehen, denn die Roten sind kräftig!“, erwidert Gerard.

„Ich nehme an, dass wir bis zuletzt bleiben müssen?“, erkundigt Popper sich.

„Ay, ay! Sonst sind sie beleidigt und schießen uns Pfeile in die Bäuche. Aber keiner wird etwas sagen, wenn wir unser Feuer nicht ausgehen lassen.“

Jemand schleudert neue Scheite auf die Glut.

Ein Säugling fängt an zu weinen. Die Mutter unterbricht ihr Händeklatschen: sie stopft ihm die spitze Brust ins Mäulchen.

Eine andere Frau erhebt sich, tritt aus dem Ring und schleift den Ohnmächtigen in die nächste Hütte. Sie kommt nicht zurück.

Wieder wankt ein Tänzer. Fällt seitwärts in den Schnee. Dann noch einer und ein Dritter. Nach geraumer Weile werden sie von ihren Frauen in die Hütten geschafft.

Der Kanadier rollt sich in seiner Decke eng ans Feuer. „Gute Nacht, bonne nuit! Ich will schlafen. Das nehmen sie nicht krumm, nur weggehen darf niemand!“

Und es vergehen Zeiten ...

Wie in einer Trance starren die Europäer auf den urweltlichen Tanz. Wieder scheiden einige aus, aber noch wogen und stampfen dort an die dreißig Onas. Auch die Frauen wurden weniger, da sie bei ihren besinnungslosen Männern in den Hütten blieben.

Don Julio schreckt empor. „Wo ist Ristic?“

„Sacre, er hat sich weggeschlichen!“

Der Kanadier rollt sich aus der Decke, richtet sich auf: „Hoffentlich hat der Shamane nichts gemerkt.“

„Das gefällt mir nicht! Ristic ist der einzige, dem ich nicht ganz traue!“, flüstert ihm Popper ins Ohr.

„Weiß ich, weiß ich schon lange! Er ist sozusagen weibstoll! – Die Onas schlagen oder schießen jeden tot, wenn sie dergleichen merken. Und uns womöglich dazu!“

Trommeln, Jaulen und Stampfen. Knisterndes Brennholz, huschende Schlaglichter; und darüber, fern, ganz fern, die kreisenden Sterne. Fuchsgebell in den Wäldern, die schwarz und unnahbar wuchten.

Da! Ein Schrei, ganz anders als das heisere Heulen des Zauberers. Einige Tänzer heben die Köpfe. Die Indianerinnen erstarren in ihren Bewegungen. Und wieder ein Schrei. Aus Frauenmund! Gellend, entrüstet und dann drohend!

Aus dem nächsten Zelt rennt eine Ona, jung, prächtig gewachsen, nackt, wie Gott sie schuf.

Und wie an einer gemeinsamen Schnur gezogen, die eine unsichtbare Hand regiert, so halten die Tänzer inne. Ein paar sinken nun um, die andern bilden eine quirlende Gruppe um den Shamanen. Kreischende Worte kommen aus Frauenmund, tief klingen die Antworten und Fragen des Shamanen. Und entrüstet, mit funkelnden Augen, zeigt die Nackte nach einer Hütte.

Dort taumelt, noch halb benommen von der Tanzekstase, ihr Mann heraus, und an seinem Arm hängt, von starker Faust am Genick gepackt, ein zappelndes Bündel. Ristic, der Serbe!

„Verfluchter Dummkopf, hat er das Weib vergewaltigen wollen, während sie den besinnungslosen Mann pflegte. Jetzt kann allerlei passieren. Mischt euch nicht ein, bleibt um Gottes Willen stehen!“, überstürzen sich des Kanadiers Worte.

Was sollen sie auch tun? Ihre Waffen haben sie, um den Onas ihre Freundschaft zu beweisen, wie immer, wenn sie Besuch machen, nicht bei sich. Das Camp ist ja auch nicht weit.

Der Ona schleudert seinen Gefangenen in den Schnee, setzt seinen breiten Fuß auf dessen Nacken. Ristic krümmt sich, bleibt aber liegen. Aus seinem Munde quillt wimmerndes Hilfe heischen. Die nackte Frau geht mit königlicher Haltung in ihre Hütte, und tritt dann, in ein Fell gehüllt, wieder zu der Gruppe.

Die Indianer reden aufgeregt miteinander und werfen böse Blicke auf alle Weißen. Da tritt Don Julio in den Ring. Und fragt in der Onasprache: „Was hat er getan?“

„Das weißt du und wissen die deinen ebenso. Aber frage ihn selbst!“

„Ristic, hast du der Indianerin das Fellkleid abgerissen und wolltest du sie ...“

Ristic flucht, er jammert und droht abwechselnd in seiner Muttersprache; dann fällt er ins Italienische, das sie alle, mit Ausnahme des Pelzjägers und der Onas, verstehen. „Du hast uns Gold versprochen, und nichts haben wir gefunden! Und ich bin ein Mann und brauche Weiber, hört ihr?!“

„So geht’s uns auch. Aber wir sind Menschen und keine Tiere und wissen uns zu beherrschen! Ristic, was hast du getan! Ich fürchte, wir können dir nicht viel helfen!“

„Lauft ins Lager, holt die anderen und Flinten! Schießt die Roten zusammen!“, heult er in wieder ausbrechender Angst.

Stumm horchen die Indianer, die Männer, die Frauen, selbst die neugierig aus den Behausungen gekrochenen Kinder. Und unter dem Plattfuß eines großen Ona krümmt sich der Schuldige.

Poppers Stimme klingt noch schwerer und gewichtiger, ohne den warmen Ton, der ihm sonst die Menschen zu Freunden macht. Todernst ist sein Gesicht. Und die Seufzer aus dem Munde seiner Freunde hängen wie Echos an seinen Worten.

„Und die Gerechtigkeit, Ristic? Wie könnten wir weißen Männer vor diesen armen Indios bestehen, die uns als Gäste aufnahmen und die unsere Freunde sind? Und wie könnten wir uns vor dem eigenen Gewissen verantworten? Ristic, du hast ein Verbrechen begangen, das, wie du genau weißt, bei diesen Indianern als das größte angesehen wird. Strafe muss sein! Ist es nicht so, Kameraden?“

Und alle antworten schwer und schauen dabei auf den Boden: „Strafe muss er leiden!“

„So verprügelt mich oder setzt mich auf halbe Rationen oder schickt mich nach Punta Arenas zurück. Oder setzt mich in der Wildnis aus! Nur nicht ...“

„Ristic, ich will mein Bestes für dich tun, denn ich habe dich in dieses Land gebracht. Aber ich fürchte ...“

„Ihr wollt mich doch nicht etwa diesen Rothäuten ausliefern? Und ihr nennt euch Christen?!“, tobt und jammert der Unglückselige.

Popper legte dem großen Ona die Hand auf die nackte Schulter, spricht zu ihm und dem Shamanen: „Er hat euch böses Unrecht zugefügt, was um so schmachvoller ist, da ihr ihn als Gastfreund aufnahmt. Und ...“, er deutet zu den Sternen. Feierlich klingt es: „... bei dem großen Geist, der dort unsichtbar oben thront! Der Übeltäter soll seine Strafe erhalten!“

Die finsteren, verächtlichen Mienen der Indios entspannen und glätten sich. Würdig antwortet der Zauberer: „Wir wissen, dass du gerecht und unser wahrer Freund bist, und danken dir. Auch die deinen sind uns willkommen. Aber es gibt zuweilen einen giftigen Fisch unter vielen guten. Und ein solcher muss ausgerottet werden!“

„So sind wir uns einig. Wir brechen jetzt auf, und morgen mögen die Ältesten und auch jene Frau dort in unser Lager kommen und zusehen, dass wir unparteiisch richten!“

Stille. Weit, weit weg Fuchsgebell. Nahe, ganz nahe Kinderweinen.

„Halt! Wir glauben dir. Aber nicht ihr dürft ihn richten. Nach den Gesetzen gehört der Mann uns, und wir werden ihn verurteilen, nach unserm Brauch, der so alt wie das Land, das Meer und der Himmel ist!“ Warnend hob der Shamane die Rechte.

Eindringlich, beschwörend, bittend und viele Versprechungen machend, redet Popper auf die Indianer ein. Wieder und wieder. Eine Stunde lang. Zwei Stunden ...

Er versprach ihnen den halben Proviant der Expedition, versprach ihnen alles mögliche und dass er den Schuldigen wirklich streng bestrafen würde.

Umsonst. Die Onas wollen das selber tun!

Fortwährend schreit, geifert und bettelt Ristic unter dem riesigen Fuß des Indianers. Und dessen Stammesgenossen haben plötzlich ihre nie fehlenden Pfeile und die starken, schön geglätteten Bogen in Händen.

„Was wollt ihr mit ihm tun?“, fragt endlich, traurig und erschöpft, nach langer Zeit der Rumäne.

Die Indios beratschlagen leise, dann verkündet der Shamane: „Die Onas sind keine Quäler! Der Weiße, der den Frieden einer unserer Frauen morden wollte, wird, wie es unser Brauch ist, mit Pfeilen getötet. Die Onas schießen gut, und ihr sollt sehen, dass er nicht leidet!“

Zusammenfassung

Aufstieg und Fall des Königs von Feuerland
Roman von Ernst F. Löhndorff

Der Umfang dieses Buchs entspricht 284 Taschenbuchseiten.

Der Kartograph und Geologe Julius Popper ist überzeugt, in Feuerland Gold finden zu können, entgegen aller gut gemeinten Ratschläge und Warnungen. Zusammen mit einem Haufen zu Allem entschlossener Männer macht er sich auf den Weg. Dieser Roman zeichnet einen Teil des Lebens von Julius Popper nach, der als anerkannter Wissenschaftler zu großem Reichtum kam. Sein Kampf gegen unfähige Regierungen und Korruption jedoch ist auch ein Kampf gegen Windmühlenflügel.

Details

Seiten
310
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738915709
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Dezember)
Schlagworte
löhndorff gesamtausgabe aufstieg fall königs feuerland

Autor

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Titel: Löhndorff Gesamtausgabe #5: Aufstieg und Fall des Königs von Feuerland