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Die große Wende

2017 190 Seiten

Leseprobe

Die große Wende

Larry Lash

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

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Die große Wende

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Western von Larry Lash

Der Umfang dieses Buchs entspricht 191 Taschenbuchseiten.

Als Ed Sullivan die große Stadt mit ihrem hektischen Leben, ihren Ausschweifungen und Lastern verlässt, da tut er es mit dem Willen, alles hinter sich zu lassen; denn er weiß zu gut, dass das Leben, wie er es bislang führte, haarscharf an der Grenze von Recht und Unrecht entlangglitt, dass es früher oder später ihn in den Abgrund ziehen würde. Ja, er wurde zum Revolvermann, zu einem Einzelgänger, dem man tunlichst aus dem Wege ging. Auf seinem langen Krankenlager – nach einer wilden Schießerei – beschließt er, in der Einsamkeit der Prärie Vergessen zu suchen.

Doch die Einsamkeit wird zur rauen, nüchternen Wirklichkeit, und abermals wird Ed Sullivan in den Strudel eines turbulenten Geschehens hineingerissen. Die gute Saite in seinem Charakter klingt wieder an, als er auf Brad Panet stößt, einen jener aufrechten und unerschrockenen Pioniere im Indianerland, dem er ein Partner wird, mit dem er durch dick und dünn geht. Brad Panets Kampf wird sein Kampf, und seine Not Ed Sullivans Not. Als die Auseinandersetzungen mit heidnischen Indsmen und üblen Revolverbanditen endlich ausgestanden sind, weiß Ed,dass es sich gelohnt hat, für eine gute Sache zu reiten.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover by P. R. Goodwin, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1.

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Das magere Pferd, auf dem Sullivan ritt, war ebenso staubig wie die Stadt, die er gerade verließ und deren rauchende Schlote, Fördertürme und Baracken von einer hektischen Betriebsamkeit zeugten.

Nicht einen Blick mehr warf Ed Sullivan zurück. Er hatte, wie man so sagte, die Nase voll und war gerade noch mit heiler Haut davongekommen, denn zwischen den Bergwerksbetrieben Daly, William A. Clark und Augustus Heinze herrschte eine ernste Auseinandersetzung. Frisch vernarbte Wunden, Ekel und Groll waren nach allem Durchgemachten übrig geblieben. Es kam hinzu, dass sein Geld während des langen Krankseins dahingeschmolzen war. Der Doc und auch die Behandlung im Krankenhaus hatten eine Menge Geld gekostet. Ed war nur sein Pferd geblieben, dazu die unvollkommene Ausrüstung und die Sehnsucht, aus dieser Stadt herauszukommen, in der der Teufel tanzte. Er kannte den berüchtigten Saloon „Bucket of Blood“ in Livingstone, und er hatte das Mannweib von der Grenze, Calamity Jane, reiten und schießen gesehen, und das in einer Art, wie es kaum ein Mann vermochte. Er hatte aber auch gesehen, wie dieses Weib gewaltsam aus dem Tanzsaal von Mrs. Bull auf die Straße gesetzt wurde, und zwar eigenhändig von der 190 Pfund schweren Wirtin selbst.

Zum Teufel, von allen Städten Montanas, in denen Bergbau betrieben wurde, war Ed nun restlos bedient. Der Traum, durch harte und ehrliche Arbeit schnell zu Geld zu kommen und ein neues Leben anzufangen, war ausgeträumt. In all den Städten, in denen mit Schlägel und Eisen gearbeitet wurde, war es höllischer zugegangen als in den wildesten Rinderstädten. Der Tod hatte dort Tag für Tag reiche Ernte gehalten. Vor zwei Jahren hatte Ed Sullivan noch geglaubt, dass es sein Glück sein würde, wenn er in Montana arbeiten und untertauchen könnte. Er hatte gehofft, dass es seine Chance sein würde, die wilde Vergangenheit auszulöschen, doch war alles anders gekommen. Nun aber war sein Gastspiel hier zu Ende.

Rings um ihn herum lagen die Berge Montanas. Der Himmel war grau, und ein kalter Wind kündigte den kommenden Herbst an. Er spielte mit dem Schweif- und Mähnenhaar des mageren Pferdes, das gerade eine leichte Kolik überwunden hatte. Das Pferd war Ed geblieben. Die zwei Jahre in der Minenstadt hatten es älter und noch unansehnlicher gemacht, als es ohnehin schon war. Beide Ohren waren im Kampf mit Artgleichen zerbissen worden. Das Tier hatte eine abgeschürfte Hüfte und Hornspalten an den Hufen. Diese Merkmale trugen gewiss nicht zur Schönheit des Tieres bei. Ed sah jedoch darüber hinweg. Vielleicht fühlte auch er sich so elend wie das Pferd unter seinem Sattel. Eine gewisse Gleichgültigkeit für die Zukunft mochte in ihm sein. Er ritt ohne Eile und saß recht lässig im Sattel.

Seine Haut war ein wenig bleich. Die Zeichen der überstandenen Verwundungen und der harten Arbeit waren in seinem Gesicht zu lesen. Ed Sullivan machte einen sehr männlichen Eindruck. Er besaß breite Schultern und schmale Hüften, lange nervige Hände, die fest die Zügel hielten. Ausgerüstet war er mit einem 45er Colt und einer abgesagten Schrotbüchse. Hinter dem Sattel befand sich eine zusammengerollte Decke, aus der der Stiel einer Bratpfanne herausragte. Der Griff dieser Bratpfanne war so rostrot wie Eds Haar, welches ihm unter dem grauen, flachkronigen Stetsonrand hervorquoll.

Irgendwie würde es schon weitergehen. Niemals hatte er sich große Sorgen um die Zukunft gemacht. Er war noch jung, und das Leben stand ihm offen. Immer war es irgendwie weitergegangen. Mit dreizehn, als er die Eltern bei einer Pockenepidemie verlor und bei einem Onkel weiterleben sollte, war er ausgerissen und hatte Arbeit auf einem Missouriboot als Schiffsjunge bekommen. Er hatte auf die Erziehung durch seinen Onkel verzichtet und sein Leben selbst in die Hand genommen. Damals dünkte es ihn sehr leicht und abenteuerlich, doch die Lektionen kamen sehr bald. Stets lernte er mehr hinzu. Von den Männern, die damals, als er sechzehn war, zu seinen Bekannten zählten, konnte man nichts Rühmliches berichten. Die Hafenkneipen von St. Louis waren der Nährboden für Leute, die ohne Mühe und Arbeit reich werden wollten. Ed, der unerfahren und zu jung war, geriet in einen Strudel hinein, der ihn fast in die Tiefe gerissen hätte. Als die Bande aufflog, konnte er nur mit Mühe entkommen.

Sein Versuch, mit ehrlicher Arbeit weiterzukommen, scheiterte. Wieder zerrte es ihn in die Gesellschaft düsterer Elemente hinein. Er ritt mit Bankräubern und Rustlern. Später nahm er den Posten eines Rausschmeißers an und wurde schließlich ein Spieler, der mit seinen Tricks sein Leben fristete und anderen Leuten das Geld aus den Taschen nahm. Sein Pech, auf der Schattenseite des Lebens zu stehen, verfolgte ihn gerade zu.

Doch was sollte er tun? Wo er auch um Arbeit nachfragte, man wies ihn ab. Er musste jedoch weiterleben und etwas zu beißen haben. Sein Hass gegen die Menschen, die es zu etwas gebracht hatten, wuchs. Oft genug ertappte er sich bei dem Gedanken, dass es ihn immer mehr nach der anderen Seite hinzog, zu jenen Menschen, die offen reiten und jedem offen in die Augen sehen konnten. Dieser Wunschgedanke war so mächtig in ihm, dass er sich entschloss, ihn in die Tat umzusetzen. Es war ein vergeblicher Versuch, denn er sollte den Machtkampf der Grubenbesitzer am eigenen Leibe spüren. Ein Stöhnen kam bei diesen Gedanken über seine Lippen. Mit dem rechten Handrücken wischte er sich den Schweiß von der hohen Stirn.

Sein Dasein, so dachte er, war wie verhext. Was immer er auch anstellte, es schlug fehl. Immer geriet er in schlechte Gesellschaft hinein. Trotz aller Fehlschläge aber war er nicht müde geworden und hatte immer wieder den Versuch gemacht, sich aus dem Schmutz zu lösen. Dieser Wille in ihm unterschied ihn sicherlich von den Männern, deren Bekanntschaft er gemacht hatte. Der gute Kern in ihm trug auch dazu bei, dass er noch nicht auf Menschen geschossen hatte. Für ihn selbst war das kaum ein Grund zum Stolz, denn genug Finsteres klebte trotzdem an ihm. Das war durch kein noch so heißes Bad und durch keine Seife abzuwaschen.

Bei diesen Gedanken legten die Hufe seines Pferdes Meile um Meile zurück. Gegen Abend war er bereits so weit von den Minenstädten entfernt, dass der graue Rauch ihrer Schlote nicht mehr zu sehen war. An einer Quelle rastete er, ließ den Grauen trinken und grasen. Er selbst bereitete sich von dem mitgeführten Proviant eine Mahlzeit. Eier brutzelten im ausgelassenen Speck in der Pfanne. Der Duft vermischte sich mit dem Harzgeruch der Wälder. Man konnte vergessen, dass der Himmel grau und von Wolken überzogen war und keinen Sonnenstrahl durchließ. Der Odem der Freiheit ließ ihn vergessen, dass ein kalter herbstlicher Wind ständig wehte. Weithin konnte Ed Sullivan vom Hang her in das Land sehen. Von seinem Standort aus lag Livingstone weit im Süden und Butte, Anaconda und Deerlodge im Südwesten der Bitter-Root-Mountains. Hier irgendwo auf den Höhen der Big-Belt-Mountains entsprang der Musselshell-River, der seine Wasser an den Crazy-Mountains vorbei nach Osten fließen ließ, um später in weichen Windungen nach Nordost abzubiegen.

Es war ein wildes, herrliches Land, das vor seinen Blicken lag. Ziehende Rinderherden waren als winzig kleine Punkte zu erkennen. Sie zogen über saftige Weiden und Almmatten, um bald wieder aus seinem Blickfeld zu entschwinden. Wild aller Art hatte Trittsiegel hinterlassen. Am Himmel wanderten schwarze Wolken. Man hatte den Eindruck, als würden sie irgendwo gegen die gigantischen Felsmassive prallen.

Ed gab sich ganz seinen Gedanken hin. Es tat ihm wohl, die freie Luft atmen zu können. Dass in diesem weiten Lande Montana noch die Sioux, Cheyenne-Völker, zu Hause waren, und dass es noch Machtkämpfe mit den kriegerischen Völkern der Indianer gab, davon wusste jeder in Montana zu berichten. Der Tag jedoch, an dem General Custer nach einer schrecklichen Schlacht auf dem Big Horn mit seinen 277 Soldaten bis auf den letzten Reiter niedergemetzelt werden sollte, lag noch in der Zukunft. Der Bozeman-Weg war vorerst einer der gefährlichsten Trailwege. Bei klarem Wetter hätte Ed Sullivan gewiss einige Windungen dieses Weges erkennen können.

Über sechzig Meilen hatte Ed Sullivan nun hinter sich gebracht. Hier an der Quelle wollte er sein Nachtlager aufschlagen. Nach wenigen Stunden der Ruhe sollte sein Ritt fortgesetzt werden. Ed freute sich auf das Essen, das in wenigen Minuten fertig sein würde. Er freute sich darauf, dass er nach langer Zeit wieder einmal, in eine Decke gerollt, unter freiem Himmel schlafen konnte. Der Geruch der feuchten Erde, der Wälder und der Bäche, das war etwas, was er lange schon vermisst hatte. Es war ihm, als wäre er einer Gefangenschaft entflohen und endlich wieder heimgekehrt. Kein Wunder, dass ihn der Bozeman-Weg nicht anlocken konnte, noch die Goldfelder, die von weißen Männern entdeckt und gegen alle Verträge mit den Indianern besetzt und ausgeplündert wurden.

Wie jedermann wusste auch Ed, dass die unrechtlich besetzten Goldfelder den Indianern vertraglich zugesprochen worden waren. Niemand hatte somit ein Recht, sie zu besetzen. Die Regierung duldete es stillschweigend. Die Armee konnte nichts tun als zuzusehen, wie immer mehr Abenteurer, Glücksritter und zweifelhafte Existenzen, Menschen aller Hautfarben und Rassen aufbrachen, um in den Goldfeldern ihr Glück zu machen. Die Armee konnte nicht eingreifen, wenn die Trecks überfallen wurden und die Menschen ihr Ziel nicht erreichten. Die Armee hielt sich an die abgeschlossenen Verträge. Sie schritt weder gegen die Indianer, die ihr Land gegen den Strom der Weißen verteidigten, noch gegen jene Menschen ein, die das Gold lockte. Montana war somit ein Land voller Spannungen und Überraschungen.

Zwei Jahre Minenarbeit hatten Eds Sinne gewiss abgestumpft und ihn ein wenig sorglos für die Wildnis gemacht, zudem widerten ihn die Goldfelder genauso wie die Silber- und Kupferminen an. Er wollte den Start in ein neues Leben noch einmal versuchen. Das sollte dort geschehen, wo es nach Rindern und Sattelleder, nach Tabak und gesunder Arbeit roch,

Ein Geräusch hinter seinem Rücken ließ Ed Sullivan plötzlich auf horchen und die Rechte vom Pfannenstiel nehmen. So leise das Geräusch auch gewesen war, es wiederholte sich nicht.

Eine Eidechse oder sonst ein Kleinvieh, dachte er, wobei er seinen Grauen beobachtete. Das Pferd graste ruhig weiter. Es schien nichts Verdächtiges gewittert zu haben. Das beruhigte Ed. Einen Augenblick später schon bereute er seine Sorglosigkeit.

„Bewege dich nicht!“, sagte eine tiefe Bassstimme hinter ihm aus der Deckung heraus. „Ich habe dich vor meinem Eisen und den Zeigefinger am Drücker. Eine falsche Bewegung, und du bist ein toter Mann!“

Das war sehr deutlich und unmissverständlich, für einen erfahrenen Mann wie Ed Sullivan sicherlich nichts Außergewöhnliches. Er brauchte einige Sekunden, um sich von seiner Überraschung so weit zu erholen, dass er mit spöttischem Klang in der Stimme erwidern konnte „Das ist nicht die richtige Art, Freund, um sich zum Essen einzuladen!“

„Es ist die beste Art, um ein Essen und ein Pferd dazu zu bekommen“, sagte der Unsichtbare. „Schnall ganz langsam ab und wirf Colt mitsamt dem Waffengurt und der doppelläufigen Schrotbüchse hinter dich. Los denn!“

Ganz vorsichtig hatte Ed sich aus der Hocke erhoben und sich so weit herumgedreht, dass er den Lauf der auf sich gerichteten Winchester sehen konnte. Der Mann, der sie auf ihn gerichtet hatte, war durch zwei mannshohe Felsbrocken gedeckt.

Er schien keinen Sinn für Humor zu haben. Gewiss hatte er sich mit der Geschicklichkeit einer Raubkatze angeschlichen. Allein das besagte schon, von welcher Art er war, und dass man ihn nicht hinhalten und es mit einem Trick versuchen konnte.

Ed schnallte ab und warf den Waffengurt mitsamt dem im Holster steckenden Colt einige Schritte weit fort. Die Schrotbüchse warf er hinterher.

„Was nun?“, fragte er zu dem Mann gewandt, der sich aus der Deckung schob und langsam mit vorgehaltener Waffe näher kam. Dunkle, tief schwarze Augen ließen Ed nicht aus. Sie brannten in einem hageren, braungebrannten Gesicht, das von einer frischen, blutroten Narbe entstellt war.

„Ich weiß, dass du allein bist“, sagte der schwarzhaarige, stoppelbärtige Mann, dessen abgerissene Kleidung staubbedeckt war, und dessen schiefgetretene, sporenlose Stiefel Ed verrieten, dass dieser Mann einen gewaltigen Marsch hinter sich gebracht haben musste. „Ein Fremder teilt nicht gern sein Pferd“, sagte er beim Nähertreten, „wohl das Essen, doch das ist mir im Augenblick nicht so wichtig.“

„Was heißt das?“

„Dass ein Rudel Hunkpapa-Sioux hinter mir her ist, Buddy“, erwiderte der Schwarzhaarige, ohne die geringste Bewegung zu zeigen. „Über ein Dutzend rote Krieger haben es auf meinen Skalp abgesehen. Mir ist aber nicht danach zumute, ohne Haar durch die Gegend zu laufen. Dein Pferd wird mir also sehr nützlich sein.“ Der Mann wollte in gehörigem Abstand an Ed vorbei, doch Ed sagte rau: „Wie wäre es, wenn wir uns die roten Gents näher ansehen würden?“

Der Schwarzhaarige stutzte, verzog höhnisch die Lippen und lachte spöttisch. Nachdem sein Lachen verklungen war, sagte er: „Die roten Gents auf meiner Fährte sind mit einem großen Treck fertig geworden. Es sind besonders erfahrene und ausgesuchte Krieger, ausgewachsene Wölfe, gegen die ein noch so wilder Haushund keine Chance hat. Mit meinen eigenen Augen habe ich den Untergang des Trecks gesehen. Sie haben niemanden geschont, nicht einmal die Frauen und Kinder. Sie waren wie eine Höllenmeute ohne Erbarmen. Aber wozu erzähle ich dir das, ich kann es nicht ändern. Ich kam davon und werde weiter fliehen.“

„Bis zu dem Tag, an dem du in einen Spiegel blicken und dein eigenes Gesicht nicht mehr sehen

willst, Freund“, unterbrach ihn Ed. „Es ist doch auffallend, dass nur du davongekommen bist!“

„Ich allein? Hölle, nein! Sicherlich leben noch einige, aber es ist besser, ein toter Mann als ein Gefangener der Hunkpapas zu sein.“

„Wann und wo wurde der Treck überfallen?“, wollte Ed wissen.

Der Bärtige schluckte schwer. Sein spöttisches Grinsen vertiefte sich.

„Was geht es dich an?“, war seine Erwiderung. Er ging jetzt weiter, schritt zum Feuer und ergriff den Pfannenstiel, nahm die Pfanne vom Feuer herunter und setzte sie zum Erkalten auf den Boden. „Für dich bedeutet das alles nichts, Buddy“, fuhr der Fremde, der noch immer die Waffe auf Ed gerichtet hatte, fort. „Dich brauchen weder das Essen, noch der Überfall zu interessieren, denn in einer Viertelstunde wirst du um dein nacktes Leben kämpfen müssen. Schlage dich nur tapfer und hole so viel Hunkpapas wie möglich von den Ponys herunter.“ Mit spitzen Fingern, ohne Ed aus den Augen zu lassen und seine Waffe zu senken, begann er den Eierkuchen zu verzehren. Er aß heißhungrig wie einer, der lange Zeit gedarbt hat. Er hatte die Mahlzeit eilig heruntergeschlungen, und ohne sich die Finger abzuwischen ging er auf das angehobbelte graue Pferd zu.

„Eine Frage noch, Freund“, sagte Ed, „wenn ich wider Erwarten mit den Schwierigkeiten hier fertig werde, bei wem habe ich mich da zu bedanken?“

„Himmel und Höhe, ich habe dir doch nicht zu viel Schwierigkeiten gemacht! Du hast einfach Pech, weiter nichts!“

„Mag sein, Freund, doch nach wem kann ich fragen, wenn ich meinen Grauen zurückholen will? Ich nehme doch nicht an, dass der Pferdewechsel als Diebstahl ausgelegt werden soll, oder?“

Ed Sullivans Worte waren voller Spott. Selbst sein Bezwinger zuckte zusammen.

„Du scheinst einen festen Glauben zu haben“, entgegnete er zynisch. „Ich habe dich vor einer Gefahr gewarnt und werde dir deine Waffen lassen, das heißt, wenn du dich beherrschen kannst. Es macht zudem nicht viel aus, wenn ich dir meinen Namen sage, denn die Hunkpapas werden dir den Mund schließen. Denke an Dan Alan Newland, Buddy, wenn die Hunkpapas angreifen.“

„Alan Newland“, wiederholte Ed. Es war ein ganz besonders stählerner Klang in seiner Stimme. „Sicher, Dan Alan Newland, ich werde an dich denken. Der Feige floh, anstatt um Hilfe zu bitten. Steige nur in den Sattel und verschwinde! Eines Tages werde ich vor dir stehen, Newland ...‟

Newland lachte nur und tippte sich an die Stirn.

„Vor Geistern habe ich keine Angst“, erwiderte er rau, indem er sich über die verharschte Gesichtswunde tastete. Er ging weiter und löste dem grauen Wallach die Hobbelung, wobei er jedoch Ed Sullivan nicht aus den Augen ließ. Er ging so geschickt dabei vor, dass man wieder einmal sehen konnte, wie erfahren er war.

„Wie soll ich den Geist anreden, Mister?“, fragte er dabei höhnisch.

„Ed Sullivan“, wurde ihm geantwortet.

„He, dein Name ist nicht unbekannt, wenn du Sullivan bist, der als Kartenhai in Dodge City ...“

„Der bin ich, Newland“, unterbrach ihn Ed. Sein Gegner hatte überrascht den Kopf vorgestreckt. Jetzt betrachtete er Ed nochmals, doch schien ihn seine Musterung nicht zu erheitern.

„Wenn du wirklich dieser gefährliche Kartenhai bist, habe ich der Welt und den Menschen einen Dienst erwiesen, dass ich dich zum Kampf gegen die Hunkpapas zwang. Jetzt kannst du wirklich beweisen, wie schnell du bist, wie hart du kämpfen kannst.“

Er lachte laut und höhnisch auf. „Deinetwegen brauche ich mir keine Gedanken zu machen, Sullivan. Viele Leute werden aufatmen, wenn sie dich nicht mehr auf der Welt wissen.“ Er hatte jetzt die Hobbelung gelöst und richtete sich zur vollen Größe auf, wobei er nach den Zügeln des Grauen griff. Mit schmal gezogenen Augen, wachsam und schussbereit, hielt er seine Waffe auf Ed gerichtet.

Ed fühlte, dass dieser Gejagte keine Hemmungen haben würde, wenn ihm etwas gegen den Strich gehen sollte. Er fühlte, dass der andere einen wehrlosen, unbewaffneten Mann, ohne mit der Wimper zu zucken, niederschießen würde, wenn ihm etwas gegen den Strich ging, nur um selbst einer höllischen Gefahr zu entgehen. Die Unruhe, die Dan Alan Newland gepackt hatte, wurde nur noch schwer von ihm gemeistert. Immer wieder wanderten seine Augen rasch hin und her und suchten die Umgebung ab, um jedoch rasch wieder zu Ed Sullivan zurückzukehren.

Für diesen Gegner war Ed nichts weiter als ein gefährlicher Außenseiter, ein Mann, dessen trauriger Ruhm weit ins Land gedrungen war. Es war das alte Lied. Eds Name war wie ein Schatten, der, wo er auch genannt wurde, Abwehr auslöste. Nur der Himmel mochte wissen, was die

Menschen nur dazu trieb, immer mehr aus einer Sache zu machen.

„Bevor wir uns trennen, sollst du noch hören, dass gerade ein Mann deiner Art mir am wenigsten Lehren erteilen kann“, hörte er Newland sagen. „Ich gehörte nicht einmal zum Treck, sondern hatte meine persönlichen Gründe, um dem Treck nachzureiten. Meine Schwester ist mit einem Kerl durchgebrannt. Ich weiß, dass sie beim Treck waren. Leider hatte ich Pech. Ich stieß auf den Treck, als die Hunkpapas aus den Hügeln brachen und mir die Abrechnung mit dem Entführer meiner Schwester vereitelten. Nun, ich konnte sie nicht zurückholen, konnte auch nicht mehr den Kerl, der sie überredete, vor meine Laufmündung holen. Vielleicht sind beide tot. Es wäre das beste für meine Familie. Was kümmert es mich noch, ich habe meine Pflicht getan.“

„Newland, du bist ein noch größerer Schuft, als ich dachte! Du schreibst deine Schwester einfach ab?“

Dan Alan Newland schwang sich vorsichtig mit der Waffe im Anschlag auf den Rücken des grauen Wallachs. Vom Sattel her erwiderte er: „Ja, sie hat ihr Schicksal selbst herausgefordert. Doch zum Teufel mit deiner Fragerei, ich bin dir keine Rechenschaft schuldig!“ Die letzten Worte schrie er heraus, als ob er für einen Augenblick die Beherrschung verloren hätte.

Gewiss hatte er in den letzten Stunden seiner Flucht Ungeheures erlebt. Es stand fest, dass man ihm das Pferd unter dem Sattel weggeschossen hatte, und dass er den Untergang eines Trecks mitangesehen hatte. Niemand brauchte große Phantasie zu haben, um sich einiges ausmalen zu können. Die Hunkpapa-Sioux gehörten zur Stammesgruppe der Teton-Dakota, deren sieben Sippen zu den kriegerischen Hochprärie-Indianern zählten. Es gehörten noch die Sichangu, Oglalas, Itazipho, Sihasapa, Miniconju und Urthenopas dazu. Aus dem Stamm der Hunkpapas sollte ein berühmter Medizinmann eines Tages weltgeschichtliche Bedeutung bekommen: Sitting Bull, der Sitzende Stier. Doch das lag in der Zukunft.

Ed wusste nur, dass die Stammesgruppe der Teton-Dakota-Indianer große Häuptlinge besaß: Rote Wolke, Amerikanisches Pferd und Crazy Horse – alles Namen von Häuptlingen, deren strategisches Können jedem amerikanischen Kavalleriegeneral die Waage hielt.

Dan Alan Newland hatte das Grauen gepackt. Es saß ihm im Nacken und hielt nur einen Gedanken in ihm fest, nämlich Flucht, das Grauen hinter eich zu lassen und sich zu retten, um am Leben zu bleiben.

Ed Sullivan nagte an der Unterlippe. Er sah ein, dass jedes vernünftige Wort fehl am Platze war und der andere seine Absicht nicht aufgeben würde.

„Nein, du bist nur dir und einem, der über uns allen steht, Rechenschaft schuldig, Newland“, sagte Ed Sullivan aus seinen Gedanken heraus. „Reite nur, reite und verschwinde aus meinen Augen.“

„Sicher, wenn nur dein Gaul nicht solch ein alter Schinder wäre“, entgegnete Newland. Er setzte den Grauen in Bewegung und ritt, das Tier rückwärts gehen lassend, davon. Als er außer Schussweite war, riss er den grauen Wallach herum und preschte davon, als ob die Hölle hinter ihm ihn verschlingen wollte. Er jagte den Hang hinunter und verschwand kurz darauf hinter den Büschen der Talsohle. Der Staub, den die Pferdehufe aufwirbelten, hob sich zwar noch hinter den Büschen und zeigte die Richtung der Flucht an, doch das interessierte Ed nicht mehr.

Sein Pferd, seine kümmerliche Ausrüstung und seinen Proviant war er los. Damit musste er sich

abfinden, ob es nun schmerzte oder nicht. Wichtig waren im Augenblick für ihn die Waffen und die Munition. Er holte sich die Waffen, nahm sie von der Stelle auf, wo er sie hingeworfen hatte. Zum Glück hatte er die Munition, als er die Waffe gereinigt hatte, neben das Lagerfeuer gelegt. Er nahm sie an sich und löschte das Lagerfeuer. Dabei überlegte er sich, ob das überhaupt noch Zweck hatte, denn die Dämmerung war bereits hereingebrochen, und der Feuerschein war weithin sichtbar gewesen.

Ed atmete schwer. Für einen Augenblick drohte eine Art Panikgefühl ihn zu überrumpeln, doch war genug innerliche Kraft in ihm, um seinen sinkenden Mut wieder aufzurichten. Ho, es war nicht das erste Mal in seinem Leben, dass er sich in einer schier ausweglosen Situation befand, jedoch das erste Mal, dass er Angst empfand. Nein, früher hatte er das Gefühl nicht gekannt, doch jetzt nach dem Leben in den Minen und der Niederlage peinigte es ihn. Die Erinnerung war zu frisch, als dass sie nicht eine gewisse Wirkung gehabt hätte. Jetzt flüsterte er den Namen des Mannes, der ihm das Pferd genommen hatte, heiser vor sich hin. Er fragte sich, ob er in der gleichen Situation ähnlich wie Newland gehandelt hätte, und musste es verneinen. Himmel und Hölle,so weit wäre er nie gegangen, so erbärmlich tief war er nie gesunken.

Er schulterte die doppelläufige Schrotflinte, schnallte seinen Waffengurt mitsamt Halfter und 45er Colt um und rückte die tiefhängende Waffe griffbereit nach vorn. Er spürte, dass er um sein Leben kämpfen musste, dass er in eine Situation geraten war, in der ihm nichts geschenkt würde.

„Ich bin wohl ein ausgemachter Pechvogel“, sagte er beim Verlassen des Lagers halblaut zu sich selbst. Ein bitterer, sich selbst verspottender Klang lag in seiner Stimme. Stets hatte sich das Schicksal gegen ihn gestellt, immer war er trotz seiner Anstrengungen in den Schmutz gezerrt worden. Er hatte Kämpfe zudiktiert bekommen, die er gar nicht gewollt hatte. Jetzt halfen keine Auflehnung und keine Vorwürfe. Jetzt hieß es wachsam sein, die Nerven zu behalten, alles an sich herankommen zu lassen, und im richtigen Augenblick zuzuschlagen. Nichts würde ihm erspart bleiben. Es war ein Glück für ihn, dass die Schatten der Nacht sich über das Land senkten.

Dass diese Situation eine Unmenge von Gefühlen in ihm lebendig machte und ihn Vergleiche mit anderen Begebenheiten ziehen ließ, war indes kein Wunder. Das alles erhöhte den Druck und die Spannung in ihm, es machte ihn schließlich aber auch innerlich kalt wie einen Eisblock. Die Tatsache, dass nach dem Verklingen des Hufschlages nicht geschossen worden war, hatte wenig zu sagen. Hunkpapas konnten auch lautlos töten. Ein schwirrender Pfeil, eine geworfene Kriegslanze, ein Kriegsbeil, das waren Möglichkeiten, um den fliehenden Newland zu erwischen. Vielleicht war er schon gestraft und von den Sioux mit ihrem grausigen Zeichen gekennzeichnet. Der Gedanke, dass es so sein könnte, brachte Ed Sullivan keine Erleichterung. Im Gegenteil, es regte ihn innerlich auf. Heiser sagte er im Selbstgespräch:

„Er gehört nur mir, ihr rothäutigen Gents. Hoffentlich entkommt er euch.“

Eigenartigerweise hatte er um sein eigenes Leben keine Sorge. Das zeigte deutlich genug, wie niedrig er es einschätzte, und wie deprimiert er im Augenblick war. Lautlos bewegte er sich zwischen den Steinen und blieb immer wieder stehen, um zu lauschen. Er zuckte beim geringsten Geräusch zusammen und suchte die Ursache des Geräusches zu erkunden. In diesem Augenblick war es, als lösche die Zeit, die er als Minenarbeiter verbracht hatte, in ihm aus. Alles das, was er durch harte Lektionen hatte lernen müssen, wurde wieder hellwach in ihm.

Er brauchte drei Minuten, bevor er den Kamm erreichte.

Seine Hände rissen an den kantigen Basaltsteinen auf. Das Klettern strengte ihn an. Er spürte, dass er außer Übung war, und war froh, als er sich auf den Kamm hinaufziehen konnte. Er wagte nicht, sich aufzurichten, wohl wissend, dass seine Silhouette gut in der Umgebung gesehen werden konnte. Er wagte nur den Kopf aus den ringsum wuchernden Sagebüschen herauszuheben.

Deutlich sah er die gewaltige, dreistufige Terrasse sich zur Tiefe hin abstaffeln. Er sah die Kerbe, die wie von einem Riesenbeil in alle drei Terrassen hineingeschlagen worden zu sein schien, mit ihren von der Erosion zernagten Rändern zur Tiefe hin abweisen. Tief unten am Grunde blitzte es hell auf. Er brauchte einige Minuten, um klar zu erkennen, dass es die schäumende Gischt eines Flusses war. Wirbelnde, strömende Wassermassen, eingeklemmt in ein enges Tal, kochten und brodelten dort auf. Nur einen Teil des Flussbetts konnte Ed von seinem Standort aus überblicken. Um so besser aber erkannte er den schmal gewundenen Indianerpfad auf der untersten Terrasse. Was er dort sah, drohte ihm das Blut in den Adern gerinnen zu lassen. Sein Herzschlag schien ihm beim Anblick der Reiter im Stich zu lassen.

Dan Alan Newland hatte nicht zu viel gesagt. Es waren vierzehn Reiter, die sich hintereinander wie eine suchende Wolfsmeute auf ihnen Pferden bewegten. Trotz der Dämmerung waren Reiter und Pferde gut zu erkennen. Braune Schecken und buntfarbene Ponys trugen hochgewachsene, schmalschädelige Krieger mit heidnischem Federschmuck. Das lange, glatte und blauschwarze Haar der heidnischen Reiter, die grelle Kriegsbemalung in den dunklen Gesichtern, ihre Bewaffnung, die Punkte und Striche in ihren Kopfputzfedern, all das deutete auf eine erfahrene Kriegertruppe hin. Menschenhaar verschiedener Farbe flatterte an den Lanzenenden. Es waren frische Skalps, die trocknen sollten, um später die Totempfähle an den Wigwams der roten Gents zu schmücken.

Die Kälte in Ed wuchs bei diesem Anblick. Seine Zähne knirschten hörbar zusammen. Er dachte an die Menschen seiner Hautfarbe, denen man das Haar genommen hatte und die nun tot und starr irgendwo auf dem Bozeman-Weg lagen. Er wartete, bis die Kriegerkavalkade aus seinem Blickfeld

entschwunden war und hastete dann auf allen Vieren weiter. Er suchte nach einer besseren Position zur Verteidigung. Jetzt wusste er, dass Dan Alan Newland seinen Häschern vorerst entkommen war.

Ja, vorerst, denn Newlands Beutepferd, Ed Sullivans grauer Wallach, konnte nicht mit den Pferden der roten Gents konkurrieren. Niemand wusste das besser als Ed Sullivan selbst.

So unscheinbar und mager die Indianerpferde auch aussahen, sie waren besonders zäh und ausdauernd. Zwar konnten sie auf kurze Strecken kein Kavalleriepferd, das mit Hafer und Mais gefüttert wurde, schlagen, doch auf weite Distanzen waren sie ausdauernder. So ein Indianerpferd konnte in seinem langen Wolfstrab siebzig Meilen durchstehen. Das hielt kein anderes Pferd durch.

Als die Meute zum zweiten Mal sichtbar wurde, hatte Ed Sullivan seine Deckung erreicht und lag bereits, die Schrotbüchse im Anschlag, am Rande der großen Felskerbe hinter Felsgeröll versteckt. Seine Augen waren zu schmalen Schlitzen zusammengekniffen, und seine Nasenflügel vibrierten wie bei einem witternden Tier, das, von einer Wolfsmeute gestellt, zum letzten Kampf bereit war. Fliehen? Nein, fliehen mochte er nicht. Ohne Pferd hatte sich der letzte Kampf nur wenig hinausgezögert.

Es hätte außerdem den Nachteil gehabt, dass nicht er, sondern seine Gegner sich den Ort der letzten Entscheidung ausgesucht und ihn dorthin dirigiert hätten.

Was in Ed Sullivan vorging, war aus seinem Gesicht nicht herauszulesen. Es war ihm nicht anzusehen, wie die Gedanken in ihm arbeiteten. Äußerlich schien er ganz ruhig zu sein. Die Schrotbüchse hielt er schussbereit, den Finger am Abzug.

Die Meute ritt weit auseinandergezogen, Die Rothäute wussten, dass der von ihnen Gejagte eine weitreichende Schusswaffe besaß, und sie hatten sich danach gerichtet. Jetzt verschwanden sie wieder aus dem Sichtfeld. Wenn sie erneut auftauchen würden, waren sie im Schussbereich. Ed Sullivan spürte, wie sein Herz hart gegen die Rippenwandung schlug, als wollte es ihm den Brustkorb sprengen. Der leise Huftritt der unbeschlagenen Siouxpferde blieb jedoch aus.

Himmel, Ed ahnte, dass die Meute abgesessen war, dass sie die Nähe des Kamms als Drohung empfand. Jetzt würden sie sich anders fortbewegen. Der Instinkt der kampferfahrenen Krieger war sicherlich bewundernswert. Sie waren wohl zu der Überzeugung gekommen, dass sie Dan Alan Newland gestellt hatten. Sicherlich hatten sie an den Trittsiegeln, die Newland hinterlassen hatte, die Müdigkeit des Verfolgten festgestellt. Jetzt sollte das letzte Jagen beginnen. Lautlos und unsichtbar wollten sie es machen. Sie verstanden das meisterlich. Kein Volk der Erde verstand sich darauf so gut wie die Teton-Dakotas. Diese Gabe hatten vor allem die Krieger vom Stamme der Hunkpapas.

Ed wusste genau, dass er es nicht mit verdreckten Agenturindianern zu tun hatte, sondern mit Hochprärieindianern, denen nur die Apachen im Süden gleichkamen. Mit den Apachen hatte Ed Sullivan schon zu tun gehabt. Er war also nicht ganz unerfahren in den Auseinandersetzungen mit den Indianern. Was ihn jetzt wunderte, war, dass die Siouxmeute nicht vor dem Beginn der Nacht haltmachte. Es war nicht die Art der Sioux, in der Dämmerung einen Angriff zu führen. Ihren Vorstellungen entsprechend würde ein in der Dämmerung oder in der Nacht zu Tode gekommener Krieger ewig in der Nacht oder Dunkelheit umherirren müssen. Dass sie trotz dieser Vorstellung angriffen, bewies, wie wenig Achtung sie vor Dan Alan Newland hatten. Sicherlich glaubten sie, ein leichtes Spiel mit ihm zu haben.

„Nun gut, kommt nur!“, sagte Ed leise. „Es wird euch überraschen, wenn euch ein anderer entgegentritt.“

Er gab einen Standort auf und bewegte sich leise tiefer. Er benutzte jede Deckung und vermied es, dass sich auch nur ein winziger Stein unter seinen Stiefelsohlen löste. Das Hinabpoltern hätte ihn todsicher verraten. Er wusste, dass die geringste Unachtsamkeit seinem Leben ein Ende setzte. Wenn er schon sterben musste, dann sollten einige Hunkpapa-Sioux mit ihm auf die lange Reise gehen. Einige Begleiter ins andere Land würden die Kälte dort nicht so unerträglich machen. Das waren Eds Gedanken, die sich ihm in grimmigem Spott aufdrängten. Dieser Spott sollte die unerträglich werdende Spannung in ihm ein wenig mildem.

Wahrhaftig, es war ein Risiko sondergleichen, sich seinen Feinden entgegen zu bewegen. Das tat Ed jetzt in voller Absicht. Er war nicht lebensmüde und hatte auch die Nerven nicht verloren. Sicherlich wollte er auch kein Held sein, denn für Heldentum hatte er nichts übrig. Heldentum verlangte Zuschauer. Er aber war allein, einsam wie nie zuvor, und ganz auf sich selbst gestellt. Er hatte nicht weniger als vierzehn Feinde gegen sich.

Das war eine verteufelt große Übermacht, wenn er bedachte, dass diese Gegner keineswegs zweitrangig waren. Immer wieder hatten die kleinen Indianerhorden im Gegenteil bewiesen, dass sie in kleinen Gruppen die Armee empfindlich schlagen konnten. Es gelang ihnen auch immer wieder, in kleinen Horden die Trecks, die stark bewaffnet waren, mit Erfolg anzugreifen. Die falsche Vorstellung, dass ein Weißer genügte, um einem Dutzend roter Krieger die Furcht ins Mark zu jagen, war ganz und gar fehl am Platze. Ed wusste das.

Vorsichtig bewegte er sich weiter. Er erreichte die zweite Steinterrasse, die wie der Kamm von Sagebüschen und Steingeröll bedeckt war. Wieder machte er halt und blieb geduckt in einer Felsspalte stehen.

Über ihm ertönte der Ruf einer Eule, und obwohl dieser Schrei verteufelt echt klang, wusste Ed, dass er, von menschlichen Lippen nachgeformt, der Verständigung diente, und dass einige Indianer seitlich an ihm vorbeigekommen sein mussten. Die Tatsache würde zur Folge haben, dass sie bald die Quelle und die Spuren des Feuers entdeckt haben würden. Sie würden wie Spürhunde weitersuchen und in wenigen Minuten herausfinden, was sich an der Quelle zugetragen hatte. Hunkpapas konnten in Spuren wie in einem aufgeschlagenen Buch lesen. Selbst das harte Felsgestein, das nur wenig verriet, würde die Meute nicht täuschen können. Es war an den zehn Fingern auszurechnen, was dann folgen würde. Ed spürte, wie es ihm abwechselnd kalt und heiß über den Rücken rann.

In diesem Augenblick hörte er ein Geräusch nur wenige Schritte unter sich. Zugleich sah er eine schattenhafte Bewegung. Blitzschnell sprang er aus der Felsspalte heraus, riss die Schrotbüchse von der Schulter, fasste sie am Lauf, dass der Nussbaumkolben der Waffe wie eine Keule in die Höhe schnellte. Niemand hätte Ed erst zu sagen brauchen, dass ein Schuss seinen Standort vorzeitig aufgedeckt hätte. Er handelte rein instinktiv. Es war, als hätte eine magische Kraft ihn gelenkt.

Seinem Gegner musste er wie ein Geist aus der Unterwelt erscheinen. Es war zu spät für den Indianer, seinen verfehlten Pfeilschuss zu korrigieren und nach dem Kriegsbeil zu greifen.

Der Kolben der Schrotbüchse schmetterte ihn nieder. Das kam so überraschend für den Indianer, dass er keinen Laut mehr über die Lippen brachte. Das Geräusch, das er beim Niederfallen verursachte, war kaum stärker als das Surren des Pfeiles, das Ed verdächtig nahe gehört hatte. Dennoch schien es Ed, als müssten alle Geräusche weit hörbar in die Nacht gedrungen sein. Er stand geduckt über dem toten Krieger, bereit, vorzuschnellen und weiterzukämpfen, doch regte sich nichts. Alles blieb unheimlich still.

Himmel, der Anblick des toten Indianers war nichts Erhebendes, doch Ed hatte keine andere Wahl gehabt. Entweder er oder der rote Krieger. Falsche Vorstellungen machte er sich nicht. Wenn er den Gegner nicht erwischt hätte, wäre er jetzt tot gewesen. So war es nun einmal, entweder du oder ich. Das war verteufelt, war aber nicht zu ändern.

Ed beugte sich rasch über den Toten. Er löste die drei Federn mit dem Stirnband von den blauschwarzen Haaren und zog dem Toten das perlenbestickte, hirschlederne Hemd aus. So rasch er nur konnte, wechselte er das eigene Hemd und seinen Stetson gegen das Hirschlederhemd und das Stirnband des Toten aus. Er nahm sich die Zeit, den Toten aufzurichten und schob ihm die langen schwarzen Haare unter den Stetson. Dann hockte er ihn auf, so dass es den Anschein hatte, als säße er auf der Lauer. Nachdem dies geschehen war, setzte Ed sich rasch in Bewegung.

Seine Knie waren weich, und ein Frösteln ließ ihn erbeben. Jetzt, nachdem alles geschehen war, war es ihm, als klebte das Hirschlederhemd wie ein Eisenpanzer auf seiner Haut und versuchte ihn immer mehr einzuengen. Mit dem Stirnband und dem Hirschlederhemd hatte er sich für die Nacht in einen Indianer verwandelt.

Unauffällig musste er nun zu den Pferden kommen. Sicherlich waren die Ponys weiter unterhalb abgestellt. Ed musste die Tiere finden, denn sie waren seine letzte Hoffnung. Nur mit diesem Ziel vor den Augen hatte er sich das Hirschlederhemd angezogen, wohl wissend, dass indianische Ponys einen verteufelt feinen Geruchssinn hatten. Das Lederhemd sollte den Pferden einen Indianer vorgaukeln. Das war es, was Ed erreichen wollte.

Was aus Dan Alan Newland wurde, das war ihm in dieser Situation gleichgültig. Zum Teufel mit Newland! Hier hieß es, das eigene Leben zu retten. Die Tatsache, dass die roten Krieger so nahe in die von Weißen besiedelte Gegend kamen, hatte Ed davon überzeugt, dass noch allerlei Schwierigkeiten von den Sioux-Nationen zu erwarten waren. Jetzt war jedoch nicht die Zeit dazu, daran zu denken, jetzt galt es, die Nerven nicht zu verlieren. Es war ihm klar, dass eine gehörige Portion Glück dazu gehörte, um durchzukommen. Er hatte diesen Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als einige Schritte von ihm entfernt eine Gestalt gleich einem Schatten auftauchte und in der Siouxsprache rief: „Warum kehrst du um, Vetter?“

Ed, der Siouxsprache nicht mächtig, verstand keines der Worte. Der rote Krieger war immerhin so weit entfernt, dass er Ed für seinesgleichen hielt. Ed zögerte einen Moment, doch das war schon zu lange. Sein Gegner war ein wachsamer Krieger und wurde sofort misstrauisch. Fliegender Pfeil, so war der Name des Hunkpapakriegers, ein Verwandter des berühmten Sitting Bull, den die Weißen den roten Napoleon nannten, hatte in der Tat Grund, misstrauisch zu sein. Er handelte schnell, gleich wie Yantanka Yotanka, der Sitzende Stier, zu handeln pflegte. Er schrie keine Warnung heraus, dazu war er zu stolz und zu Siegessicher. Er wollte den Skalp allein und ohne Hilfe erbeuten. Er riss ein wenig zu schnell die Winchester hoch und feuerte. Die Kugel ritzte Ed die Kopfhaut auf, so dass er erschreckt zusammenzuckte und die doppelläufige Büchse fallen ließ, jedoch schnell zum Colt griff. Er bekam die Waffe zügig aus dem Holster, und bevor der Gegner den zweiten Schuss aus der Winchester herausfeuern konnte, hieb ihn Eds Kugel zu Boden.

Ed hatte nicht mehr Zeit, sich der Winchester des Gegners zu bemächtigen, denn ringsum in den Klippen dröhnte der gellende Siouxkriegsruf, als ob tausend Teufel auf den Augenblick gewartet hätten, um zuzuschlagen. Ed hob blitzschnell die Schrotflinte auf und rannte davon. Ed rannte um sein Leben. Es war ihm aber in der Eile nicht entgangen, dass die Mündungslichter über ihm im Berg aufblitzten. Das Rudel musste somit an ihm vorbeigekommen sein. Wie Ed aus der Schussrichtung feststellen konnte, schossen auch einige der roten Gents auf den Toten, dem Ed seinen Stetson hatte aufsetzen können. Nur die wenigsten begriffen, dass Ed sich den indianischen Kopfschmuck aufgesetzt hatte. Vielleicht war es auch zu dunkel und die Position der einzelnen zu unterschiedlich, dass Ed in allem Unglück doch das Glück hatte, ungetroffen in die nächste Deckung zu kommen, von wo aus er sich in eine Felsspalte schwingen konnte, die ihm als Rutschbahn diente und ihn in die Tiefe zur ersten Terrasse beförderte.

Schon während der Rutschpartie schlug ihm der stechende Dunst indianischer Pferde entgegen. Sicherlich war es ein Zufall, dass die roten Krieger gerade am Eingang der Felsspalte die Pferde abgestellt hatten. Unten angekommen, fand er nicht sofort den Halt und stolperte einige Schritte den erschreckt zurückweichenden Pferden entgegen.

„Nicht so eilig, Vetter“, sagte der indianische Pferdewächter. Auch er hatte sich von dem Federschmuck irreführen lassen und kam herbei, um seinem Kriegsgefährten, wie er glaubte, auf die Beine zu helfen.

Zu seiner Überraschung flammte es ihm rot leuchtend entgegen. Er fiel sofort nieder. Eine Kugel war ihm über den Schädel gefahren und brachte ihn von den Beinen. Seine Ohnmacht dauerte nur einige Minuten, doch diese Zeitspanne reichte Ed voll und ganz aus. Er hatte die Pferde erreicht, schwang sich auf den Rücken eines Rappen, und nahm die Longe in die Rechte, die alle Pferde miteinander verband. Im Augenblick hatte er alle Hände voll zu tun, und es wäre ihm nicht möglich gewesen, einen Schuss abzufeuern. Den Colt hatte er ins Holster zurückgesteckt und die Schrotbüchse am Gurt über die Schulter geworfen. Nun versuchte er, die Pferde in Gang zu bringen. Seine schrillen Schreie ließen vierzehn indianische Ponys in die von ihm gewünschte Richtung durchgehen.

Er spürte den Reitwind und den trommelnden Hufschlag unter sich, er hörte das laute Gebrüll der indianischen Krieger in seinem Rücken. Näher kam das Rauschen der Wasser Der Pfad zur Talsohle hinunter war breit genug, dass alle Pferde nebeneinander laufen konnten. Das änderte sich, als er am Wegknick ankam. Dort standen die Felsen so eng, dass nur zwei Pferde die Stelle passieren konnten. Ed sah es früh genug und setzte alle Kraft ein, um die Tiere zu zügeln, doch als das nichts half, als ein Tier das andere wie in einer Stampede mit sich riss, holte Ed sein Messer, das er im Innenfutter seines Stiefels immer mit sich führte, heraus und zerschnitt die Longe. So leid es ihm tat, es ging nicht anders. Die Gefahr, dass seine Gegner bald wieder beritten sein würden, musste er also in Kauf nehmen. Ein anderer Mann hätte sicherlich einige Pferde erschossen, doch Ed konnte das nicht. Nein, alles in ihm sträubte sich gegen eine solche Tat.

Mit grimmiger Genugtuung sah er, wie sich die breite Formation der anstürmenden Pferde auflöste. Alle anderen fielen jetzt, nach der Befreiung von der Longe, zurück. Nur der Rappe unter ihm stürmte weiter, so als wollte er in ein dunkles Loch hineinfliegen. Er zügelte das Tier, so gut er konnte. Schließlich schaffte er es. Der Rappe wurde langsamer und konnte so den gefährlichen Engpass, ohne anzuecken oder zu straucheln, nehmen.

Hinter Ed schallte das Triumphgebrüll der Sioux wie ein Höllengelächter aus den Felsen. Unwillkürlich ließ diese Reaktion der Roten die Frage in ihm auftauchen, ob er wohl den falschen Weg geritten war.

Es war Ed zumute, als schlüge ihm eine feurige Lohe ins Gesicht. Es war nur die innerliche Erregung in ihm, die dieses Gefühl erzeugte.

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2.

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Näher kam das Brausen und Rauschen. Es wurde so stark, dass es den Hufschlag des Rappen übertönte. Die Felsen links und rechts zwangen den Rappen zu einer langsameren Gangart. Sie standen jetzt so eng, dass Ed sie, hätte er die Hände ausgebreitet, berühren konnte. Über ihm verjüngten sie sich und ließen nur einen schmalen Lichtschacht offen. Das Gefühl, in ein Mauseloch hineinzureiten, verstärkte sich in Ed Sullivan. Es gab kein Zurück, was auch immer sich vor ihm auftun mochte. Selbst wenn es die Hölle gewesen wäre, er hätte hineinreiten müssen. Er hatte ein komisches Gefühl im Magen. Kein Wunder auch, denn irgendwo oberhalb des Mausganges befanden sich seine Gegner.

Ed war diesen Gegnern nach seinen Teilerfolgen um so wertvoller. Man würde ihn mit besonderer Ausdauer verfolgen und seinen Tod besonders dramatisch gestalten; jetzt erst, nachdem er einige Sioux erledigt hatte, wurde er von den Hunkpapas besonders respektiert. In dieser Anschauung unterschieden sich die Sioux keineswegs von den Apachen. Nur ein besonders tapferer Gegner genoss die Achtung dieser heidnischen Reiter. Nun, Ed legte keinen besonderen Wert darauf.

Er atmete erlöst auf, als es vor ihm plötzlich heller wurde. Der Rappe blies die Nüstern auf, schnaubte mit hochgerissenem Kopf und steil aufgerichteten Ohren. Er blieb von allein stehen. Das Pferd schien Angst vor den milchig aufsteigenden Wassernebeln zu haben, die mit kühler Feuchtigkeit in den Hohlweg hineinschlugen. Die Steine waren glatt und schlüpfrig, sie ließen jeden Auftritt zur Gefahr werden. Obwohl Ed das sah, trieb er seinen Rappen weiter neben dem wild in seinem Bett schäumenden River.

Ein Blick in das etwa zehn Fuß unter ihm liegende Flussbett, in dem die gischtigen Wasser tobten, zeigte ihm sehr deutlich, was jedem lebenden Wesen geschehen musste, wenn es den Halt verlor und in die Tiefe stürzte. Der Tod hätte sofort zugegriffen. Nadelscharfe Felszacken, tobende, entfesselte Wasser, in denen gigantische Kräfte steckten, hätten jeden Versuch zur Rettung vereitelt. Jedes lebendige Wesen war in diesem Falle nur ein Spielball, völlig den Gewalten preisgegeben und in der eigenen Ohnmacht gefesselt.

Aus einem Impuls heraus riss sich Ed das Stirnband mit den heidnischen Federn vom Kopf und warf es in den Fluss hinein, dann trieb er seinen Rappen ganz langsam, doch drängend weiter. Das Tier ging ruhig und vorsichtig über die schlüpfrigen Steine, die von den hochgeworfenen Wasserdünsten immerzu feucht gehalten wurden. Niemals zuvor hatte sich ein Reiter auf den parallel zum Fluss verlaufenden Saumpfad hinausgewagt. Oder etwa doch?

Ed stellte sich die Frage beim Anblick dieses uralten, in den Stein gemeißelten Pfades, der Hunderte von Jahren alt sein mochte, von Völkern angelegt, deren Namen verweht und vergessen waren, deren Spuren ausgelöscht waren und von deren Existenz nur dieser unheimliche Pfad zeugte. Wohin er wohl führen mochte?

Einmal musste Ed vom Pferd herunter, musste alle Geschicklichkeit anwenden, um sich und das Tier heil weiterzubringen. An das Getöse ringsum hatten sich Pferd und Reiter gewöhnt. Ed, der immer wieder zurückblickte, der kaum die Nässe spürte, die auf ihn und das Pferd niederging, wunderte sich, dass kein Verfolger auftauchte,

In der Tat, an jener Stelle, wo er den Hohlweg verlassen hatte, tauchte kein brauner Krieger auf. Ed ahnte nicht, dass einer seiner Gegner, der sich wieder beritten gemacht hatte, das treibende Stirnband im Fluss von seinem Beobachtungsort vorbeischwimmen sah. Er ahnte auch nicht, dass viele Augenpaare ihn außer Schussweite verfolgten, als er an der schmalsten Stelle des Flusses anhielt. Der Weg brach unvermittelt ab. Die Augen der indianischen Gents blitzten auf, denn sie hatten gewusst, dass dort, wo der Saumpfad aufhörte, die alte Brücke längst von den Gewalten der Natur eingerissen worden war. Jetzt hofften sie, dass er umkehren würde und verständigten ihre Späher, die sich vor dem Hohlweg postiert hatten. Jetzt musste er umkehren und wie ein Tier zurückhetzen. Man brauchte nur zu warten und im rechten Augenblick zuzugreifen. Aus dieser Hölle würde der weiße Mann nicht zurückkommen. Sein Geist würde sich niemals von den schäumenden Wassern lösen können.

„Woyuonihan“, sagte einer der schmalschädeligen Hunkpapakrieger. Er meinte damit den bösen Geist, der dem weißen Mann unten auf dem Saumpfad Einhalt gebot. Vielleicht meinte er auch, dass dieser böse Geist bald in den Weißen Mann fahren würde. Schließlich hatte er einen nahen Verwandten von Sitting Bull getötet.

„Hun, hun, he!“, gellte es vielstimmig.

Ohne Ausnahme sagten sie alle die geheiligten Worte der Freundschaft, ohne Ausnahme verrieten sie alle, dass sie echte Hunkpapakrieger waren, denn was Ed Sullivan sich anschickte zu tun, das forderte ihre ganze Achtung und Bewunderung heraus. Solch einen tapferen Gegner, der sein Pferd zurücktrieb, herumriss und in einem halsbrecherischen Galopp auf die Felskante vor dem Wasser zutrieb, sah man nicht alle Tage. Der weiße Mann schaute dem Tod sozusagen mitten ins Gesicht. Der weiße Mann hohnlachte dem bösen Geist.

Der Rappe unter Ed Sullivan bäumte sich auf, galoppierte und schien wie von einer Sehne abgeschossen vorzuschnellen, mitten in den von Wassernebeln dampfenden Raum.

„Vetter, du bist dein Kriegspferd los“, sagte einer der Hunkpapas mit schriller Stimme zu seinem Begleiter.

Einen Augenblick später landete der Rappe auf der gegenüberliegenden Felsleiste. Man sah deutlich, dass sich der Reiter in den Mähnenhaaren des Tieres verkrallt hatte und mit aller Macht kämpfte, um auf dem Pferderücken zu bleiben.

„Hg-un! Hg-un!“, schallte der Ruf der Sioux, doch Ed Sullivan horte es nicht. Es gelang ihm mit letzter Kraft, auf dem Rücken des Tieres zu bleiben und den Rappen unter sich zu beruhigen, dass er im Schritt ging. Es dröhnte Ed im Schädel. Er konnte es nicht fassen, dass der Sprung geglückt und Pferd und Reiter heil über den Abgrund gekommen waren. Der harte Aufschlag hatte ihn mächtig erschüttert. Seine Hände zitterten. Er hielt den Rappen an und sah in die Höhe. Schräg über sich in den Felsen sah er braune Gestalten.

Er hob die Rechte und winkte den Hunkpapas zu.

„So long ...“, sagte er. „Es tut mir leid, dass ihr leer ausgehen müsst. Ihr hattet es euch so nett mit mir ausgedacht. Ein andermal, Freunde. Vielleicht habt ihr dann mehr Glück!“

So unbekümmert eine Worte auch klangen, er wusste, dass er der Falle entronnen war, entronnen etwa, um Dan Ahn Newland zu stellen? Wer wollte diese Frage beantworten?

Dan Alan Newland war davongekommen und außer jeder Gefahr. Er hatte einen Vorsprung herausgeholt, befand sich aber noch im Indianergebiet. Seine Absicht war es nicht, sich mit den Indianern herumzuschlagen.

Auch Ed Sullivan beabsichtigte nichts dergleichen. Der Kampf, der ihm aufgezwungen worden war, trug nicht dazu bei, ein Siegesgefühl in ihm zu erzeugen. Es widerte ihn im Gegenteil alles an. Er hatte kämpfen und töten müssen, um das eigene Leben zu erhalten. Der Sprung zu dem Felsen schien ihm ein Zeichen des Schicksals zu sein, der Anfang eines neuen und besseren Lebens. Wenn er hier heil herauskam, so würde er sich niemals wieder auf die Schattenseite des Lebens stellen.

Er sagte das laut, so als müsse er seine eigenen Worte hören, um sie sich wie ein Vermächtnis einzuprägen. Bisher hatte er viele Dinge getan, die sein Leben dem Abgrund zutreiben ließen. Der Sprung über den Abgrund schien ihm nun ein Symbol zu sein. Er hatte nun die feste Hoffnung, dass es auch anders ging.

Sein befreites Lachen schluckte das Grausen des Wassers, wie es auch seine Worte geschluckt hatte. Der helle Mond über ihm, dessen Licht er erst als unangenehm empfunden hatte, hatte doch sein Gutes gehabt. Zur rechten Zeit war das Mondlicht durch die Wolken gekommen. Bei vollkommener Dunkelheit wäre er verloren gewesen.

Er blickte zu den Sternen auf, die fern und weit am Himmel blinkten. Der Indianerrappe suchte sich selbst den Weg. Er hinderte das Tier nicht daran, denn der Berg trat zurück, und ein sanft ansteigender Hang führte zu einem offenen Fichtenwald hinauf. Er ritt, bis die Schatten der Bäume ihn umfingen und der Rappe von selbst Halt machte. Es mochte drei Stunden vor Sonnenaufgang sein, als er sich ein sicheres Camp aussuchte, abstieg, den Rappen anband und aus Fichtenreisern, die er abbrach, ein Lager errichtete.

Er schlief todmüde und traumlos, bis er plötzlich durch irgend etwas aus dem Schlaf gerissen wurde. Graue Morgennebel geisterten zwischen den schlanken Säulenstämmen der Bäume und hinter dem Mann, der auf den Hacken vor Eds Lager hockte.

Es war kein Hunkpapakrieger, wie man nach all dem Vergangenen hätte schließen können, sondern ein Weißer. Seine Kopfbedeckung bestand aus einem blutbefleckten Verband. Sein bleiches Gesicht war Ed zugewandt und die Augen fest auf ihn gerichtet. Ed fuhr überrascht hoch und griff zum Colt, den er neben sich gelegt hatte. Der Colt war nicht an seinem Platze. Eds Rechte griff ins Leere und schloss sich sofort zur Faust.

Zum zweiten Mal war er nun überrascht und gestellt worden, nur mit dem Unterschied, dass im Augenblick keine Waffe auf ihn gerichtet war und der Fremde ihn nicht über seine Laufmündung anblickte, sondern mit heiserer Stimme sagte: „Freund, deinen Colt nahm ich dir einstweilen fort Ich hatte gedacht, dass es kein freudiges Erwachen würde. Entschuldige, dass ich so handelte.‟

Er holte den Waffengurt samt Eisen hinter seinem Rücken hervor und hielt den Gurt so, dass er den Colt leicht herausziehen konnte. Dabei fuhr er fort zu reden.

„Es wäre unhöflich von mir gewesen, einen Menschen, der so fest schlief, unsanft zu wecken. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als abzuwarten und achtzugeben. Ich, Brad Panet, habe sozusagen deinen Schlaf bewacht, und das, obwohl ich selbst hundemüde bin. Ich dachte mir aber, dass es besser ist, wenn man seine eigenen Wünsche zurückstellt und wachsam bleibt. Hunkpapakrieger können mit bösen Überraschungen aufwarten! Es streifen noch genug Krieger hier in der Gegend herum, die sich frische Skalps holen wollen. Auf fuchsrote Schöpfe haben sie es besonders abgesehen!“

Der Mann zog den Colt nicht aus dem Holster. Er wartete und beobachtete Ed angespannt mit leicht verkniffenen Augenlidern. Hinter ihm bewegte sich der Rappe, der, wie Ed jetzt sah, sich in Begleitung einer Fuchsstute befand. Die Fuchsstute trug einen alten McCellan-Sattel. Eine Rolle aus Decken war hinter dem Sattel aufgeschnallt. Der Rappe schien sich trotz der verhassten Witterung des weißen Mannes schon an die Stute gewöhnt zu haben. Das bedeutete, dass sie schon eine Weile hier sein musste, denn ein Indianerpferd, wie es der Rappe war, brauchte Zeit, um sich an einen anderen Artgenossen zu gewöhnen. Aber nicht nur diese Feststellung machte Ed, er bemerkte auch, dass der Fremde ihm sympathisch war. Es war wohl schon immer so, dass sich Freundschaften und Feindschaften auf den ersten Blick entschieden.

So war es auch hier. Es schien, als durchschaue der Fremde ihn, denn er legte den Gurt samt Holster und Waffe wieder ins Gras hinein, hob die Rechte und deutete mit dem Daumen über seine Schulter.

„Eine ungewöhnliche Art, sich beritten zu machen! Irgendein Hunkpapakrieger dürfte sein Pferd sehr vermissen!“

„So ist es“, sagte Ed, doch der andere fuhr schon fort: „Bei dem Angriff auf unseren Treck sah ich den Rappen bereits. Wie schnell doch der Besitzer eines Pferdes wechseln kann!“

Düstere Schatten waren in den Augen des Mannes, der sich Brad Panet nannte. „Der Rappreiter hat es uns besonders schwer gemacht, Mister ... ?“

„Sullivan, Ed Sullivan“, ergänzte Ed, indem er sich aufhockte und dem Mann fest in das bleiche Gesicht sah. „Es ist ja geradezu ein Glück, dass ich den Rappen reite“, sagte Ed.

„Der Rappe gehört einem Hunkpapakrieger, der zwei Siedler umbrachte und ...“ Brad Panet brach ab, als würde er von den Erinnerungen überwältigt. Die Schatten in seinen Augen vertieften sich.

„Nur wenige kamen davon“, fuhr er rau fort. „Nur wenige Meilen von hier entfernt liegen die Überreste des Trecks, ausgebrannt, leer geplündert.“ Er tastete zu seinem Verband und strich sich über die Schläfe, als wollte er grausige Bilder aus seinem Gedächtnis fortwischen. Er berichtete nicht weiter, sondern änderte das Thema.

„Seit einer Stunde bin ich hier. Zuerst hielt ich dich wirklich für einen der Kerle, die gegen die eigene Rasse mit den Sioux kämpfen und schlimmer sind als die roten Schufte, doch dann hast du im Schlaf gesprochen, und so erfuhr ich einiges, was dir widerfahren ist. Auch nanntest du den Namen von Dan Alan Newland! Ritt der Kerl wirklich mit deinem Pferd davon?“

„Hölle, ich muss schon weit mit meinen Nerven heruntergekommen sein, dass ich im Schlaf spreche, Panet!“, unterbrach ihn Ed.

„Viele tun es und wissen es nicht, Sullivan“, erwiderte Panet, wobei ein Lächeln um seine schmalen Lippen geisterte. „Nimm es nicht so tragisch.“ Das Lächeln verschwand, und in seinen Augen blitzte es auf. „Dass dir ausgerechnet der größte Schuft begegnete, ist Pech, Sullivan. Diesem Burschen ist das Schicksal seiner von den Hunkpapas gefangenen Schwester gleichgültig. Er denkt nur an die eigene Haut und nicht daran, was seiner Schwester geschehen kann. Ich brauche wohl nicht noch deutlicher zu werden, Sullivan!“

Das brauchte er wirklich nicht. Allein die Vorstellung, was eine Frau bei den Hunkpapas erwartete, konnte einem das Blut in den Adern erstarren lassen, denn in einem Tipi als Sklavin verdammt zu sein, die niedrigste Arbeit zu tun, war schlimmer als lebendig begraben zu sein.

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3.

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Ed betrachtete sein Gegenüber eindringlich. Der Mann war kaum älter als er selbst. Er war schlank, breitschultrig und schmalhüftig. Seine Haare waren blond, die Augen hatten einen bernsteingelben Farbton. Er trug Radsporen an den verstaubten Stiefeln, Cordhosen und ein kariertes Hemd, dazu einen Gurt mit zwei Holstern, in denen 45er Colts steckten. Er trug die Eisen tief geschnallt. Ein einziger Blick genügte, um zu erkennen, dass er sie auf eine besondere Art trug. Es stand fest, dass Brad Panet diesen Eisen den Durchbruch aus der tödlichen Umklammerung der Indianer zu verdanken hatte. Er konnte damit umgehen und trug sie bestimmt nicht zur Zierde.

„Panet, wie kommt es, dass du Dan Alan Newland so gut kennst?“, fragte Ed. Er sagte nicht, dass er von Dan Alan Newland selbst erfahren hatte, dass dieser den Treck nicht einmal erreicht haben wollte. Was war daran wahr? Vielleicht konnte Brad Panet die Wahrheit sagen.

Panet schien keineswegs aus der Fassung gebracht zu sein. Seine Lippen pressten sich fester zusammen, so dass sie wie Geißelschnüre wirkten. Die finsteren Schatten in seinen Augen vertieften sich.

„Ich habe nichts zu verheimlichen, Sullivan“, entgegnete er prompt. „Loretta Newland ist meine Frau.“

„Newland stellte es ganz anders hin“, unterbrach ihn Ed. „Er sprach vom Entführer seiner Schwester.“

„So, tat er das?“, entgegnete Panet mit einem heiseren Klang in der Stimme. Ein tiefer Atemzug hob seine Brust. Mit der Rechten öffnete er den obersten Knopf seines Hemdes, als brauchte er Luft, um besser atmen zu können.

„Zur Hölle mit Dan Alan Newlands Lügen! Zur Hölle mit ihm und mit seinem Bruder John! Beide sind Teufel und keinen Deut besser als die Revolvermannschaft, die sie aufstellten.“

„Panet, ich komme da nicht ganz mit. Wie du es darstellst, sind deine Schwäger gegen dich?“

„Nicht ohne Grund“, erwiderte Panet. „Sie hatten meiner Frau und mir die Hölle auf Erden geschaffen. Es begann an dem Tag, als Loretta ihren Brüdern in den Weg trat und erklärte, dass sie nicht weiter mitmachen und nicht dulden würde, wie die beiden Zug um Zug das Land eroberten. Sie sagte John und Dan Alan, dass sie Unrecht täten, dass es eine Gemeinheit von ihnen sei, die Not der Siedler und Kleinrancher auszunützen, sie zu ruinieren und sich in den Besitz des erbeuteten Landes zu bringen. Von dem Tag an hassten sie Loretta, und mich dazu. Ich war nie ihr Freund oder Partner gewesen. Ich heiratete Loretta ohne das Einverständnis der beiden Brüder. Ich nahm sie auf meine Ein-Kuh-Ranch, und wir waren glücklich miteinander, bis ihre Brüder den Frieden im Lande endgültig zerbrachen. Loretta und ich mussten vor der rauen Revolvermannschaft der beiden Brüder fliehen.“

„Panet, John und Dan Alan hätten dich als Partner gewinnen sollen. Für sie wäre ein Mann, der zwei Colts tragt, besonders wertvoll gewesen.“

„Sie haben es auch sehr nachdrücklich versucht“, erwiderte Panet. „Sie haben mir ihre Partnerschaft angetragen, doch ich schlug sie aus, blieb fest und standhaft. Es nützte meinen Schwägern nichts, dass sie mir meine Vergangenheit vorhielten, mit Drohungen das erreichen wollten, was gutes Zureden und Versprechungen nicht vermocht hatten. – Aber wozu darüber reden, Sullivan. Es ändert nichts mehr und hilft auch meiner Frau nicht.“ Seine Schatten verfinsterten Augen irrten von Ed ab in die Richtung, in der der Wagentreck überfallen worden war. „Ich hätte nie fliehen sollen“, fügte Panet in tiefe Gedanken versunken nach einer Weile hinzu. „Ich hätte es durchstehen und austragen sollen. Meine Flucht hat alles nur noch viel schlimmer gemacht.“

„Gegen die eigenen Schwäger kämpfen, das ist etwas, was sehr hart sein dürfte, Panet!“

„Das habe ich auch gedacht“, antwortete Panet. „Ich wollte nicht, dass es zum Kampf kam, und dass meine Frau eines Tages in mir den Mann sehen sollte, der ihre Brüder aus der Welt schaffte. Das wollte ich nicht und verdammte mich zur Untätigkeit. Darüber hinaus noch musste ich zusehen, wie das Unrecht wuchs, wie das Leid größer wurde, wie Menschen in den Staub getreten und zugrunde gerichtet wurden. Ich wollte durchhalten. Doch dann platzte mir die Galle. Ich versuchte meinen Schwägern ein endgültiges Halt zu gebieten. Es war vergeblich. Von dem Tage an griffen sie mich an. Aus dem Hinterhalt wurde auf mich geschossen, bezahlte Revolverschwinger zwangen mich zum Kampf. Es wurde schlimmer und schlimmer. Loretta hielt es nicht mehr durch und überredete mich zur Flucht. Wir schlossen uns einem Treck an. Das Weitere weißt du.“

„Noch nicht ganz. Warum verfolgte euch Dan Alan Newland?“

Panet begegnete Eds festem Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. Er entgegnete: „Sie hassten mich dermaßen, dass sie meinen Tod wollten. Sie wussten, dass sich alle Bedrängten, Hilflosen und Entrechteten hinter mich gestellt hatten. Ich trat für diese Menschen so weit wie möglich ein und so weit ich mit dem Gesetz nicht in Konflikt kam. Die letzte Fessel zerreißt jedoch, wenn Loretta etwas zugestoßen ist, wenn ...‟

Er brach ab, wagte nicht auszusprechen, was seine erregte Phantasie ihm vorgaukelte. Er stand auf und atmete schwer. Der Blick seiner Augen wurde so kalt wie Eis, als er zu Ed sagte: „Zwei weiße Frauen kamen mit dem Leben davon und wurden als Gefangene von den Hunkpapas mitgeschleppt. Ich bleibe auf der Fährte der Roten und lasse mich nicht abschütteln. Dir habe ich nun die Frage zu stellen: Willst du mitmachen?“

Ed zögerte nicht einen Sekundenbruchteil mit seiner knappen und ruhigen Antwort.

„Die Frage erübrigt sich, Panet.“ Eds Augen leuchteten. „Bisher habe ich mein Leben für schlechtere Dinge eingesetzt und habe meine Lektion dafür erhalten. Ich denke, dass ich mein Versprechen gegenüber Dan Alan Newland halten weide!“

„Was für ein Versprechen?“, wollte Panet wissen.

„Dass ich ihm eines Tages in den Weg treten werde“, kam es entschlossen von Eds Lippen. „Worauf warten wir noch?“, fragte er nach einer kleinen Pause seinen neuen Partner.

Der verkniffene Ausdruck um den Mund Panets löste sich. Mit einem Schlag schienen auch die Schatten in seinen Augen zu weichen. Er schluckte wie an einem Kloß, den er nicht hinabwürgen konnte. Seine Rechte streckte sich Ed impulsiv entgegen. Ed nahm sie, und ein Händedruck besiegelte die neue Männerfreundschaft.

„Wir sollten uns erst eine Mahlzeit gönnen“, sagte Brad kehlig, „doch werden wir mit einem kalten Essen vorliebnehmen müssen. Ein Feuer können wir uns nicht machen. Die roten Gents haben besonders feine Nasen und noch bessere Augen. Sicherlich sind sie nicht weniger gefährlich als die Revolvermannschaft der Newlands. Es sieht so aus, als hättest du dich in eine schlimme Sache eingelassen, Ed!“

„Es ist wohl mein Schicksal“, erwiderte Ed. „Immer treibt es mich mitten hinein.“ Es sollte spöttisch klingen, aber der bittere Unterton in seiner Stimme war stärker.

Jetzt erst bemächtigte er sich seines Waffengurtes, schlang ihn um und schnallte ihn zu, dann

prüfte er die Ladung seines Colts. Nicht eine Patrone fehlte. Sein neuer Partner hatte die Patronen nicht herausgenommen. Das zeigte, dass Brad keinen Trick versucht hatte.

Während Brad zu seiner Fuchsstute ging, um aus der Deckenrolle etwas Proviant zu holen, konnte Ed darüber nachdenken, in welch eine Sache er sich da eingelassen hatte. Es würde hart werden. Jetzt waren sie zwei Männer, die sich auf die Fährte eines Kriegstrupps setzen wollten und sich vorgenommen hatten, zwei weißen Frauen die Freiheit zu bringen, bevor die Unerträglichkeit ihrer Gefangenschaft die Frauen vielleicht zum Selbstmord treiben würde.

Später, nachdem sie gegessen hatten, fragte Ed nach der Anzahl der Gegner. Er bekam zu hören, dass es eine Hundertschaft war. Es schien ihn keineswegs zu erschrecken. Für ihn schienen hundert dunkeläugige rote Krieger nichts weiter als eine wilde Meute zu sein.

Er sagte es auch sehr deutlich, so dass Brad jetzt eindeutig klar war, mit was für einem Partner er die schwierige Aufgabe lösen wollte. Sicherlich hätte er sich keinen Besseren wünschen können, doch das brauchte er Ed nicht erst zu sagen. Ed Sullivan, das hatte Brad Panet jetzt heraus, gehörte zu den seltenen Männern, deren wild bewegtes Leben, wie auch sein eigenes, hart am Abgrund entlang führte, bis zur großen Wende.

Männer dieser Art fürchteten weder Tod noch Teufel. Es war, als ob die Düsternis ihrer Vergangenheit durch den letzten Einsatz für eine gute Sache fortgewischt werden sollte. Sie fragten gegenseitig nicht, woher sie kamen, was sie trieben, was sie hinter sich gebracht hatten; sie nahmen ihre neue Gemeinschaft an, ihre Partnerschaft und wussten dabei, dass sie mit einem auf Tod und Leben verschworen waren, ohne dass große Worte fielen. Männer dieses Schlages machten keine Versprechungen, die sie nicht halten konnten. Was sie sich jetzt nach dem Essen mitzuteilen hatten, war rein informatorisch.

Als sie dann aufbrachen, hätte ein Beobachter sicherlich eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem rothaarigen und dem blonden Mann festgestellt. Niemals hatte man wohl zwei so fest entschlossene Reiter im Sattel gesehen, die gewillt waren, dem Hunkpapatrupp auf Tod und Leben zu folgen.

Sicher, für Brad Panets Haltung gab es logische Gründe, ihn würden weder Himmel noch Hölle davon zurückhalten, seiner jungen Frau zu folgen.

Er hatte das Bestreben, sie bei der erstbesten Gelegenheit zu befreien.

Ed jedoch kannte weder Loretta Panet noch das Siedlermädchen, das sich in Lorettas Gesellschaft befand und ihr Los mit der jungen Frau teilte. Er wusste nur, dass zwei weiße Frauen in höchster Not waren, und allein das war für ihn Grund genug, alles zu wagen, sollte es auch das eigene Leben kosten.

Ed ritt das Indianerpony, das nur eine Hackemoore trug und eine perlenbestickte, bunte Decke. Ed Sullivan trug auch noch das Hirschlederhemd des Hunkpapakriegers, der es gewiss nicht mehr benötigte, und glich so in der Tat einem Squawmann. Wie Brad Panet hatte auch er keine Kopfbedeckung mehr, wenn man von Panets blutverschmiertem Kopfverband absah. Beide Männer sahen verwildert aus und glichen Buschläufern. Als sie nebeneinander herritten, zeigte es sich, dass der Rappe nicht mehr vor der Fuchsstute zurückschreckte. Auch die Stute hatte sich an das Pony gewöhnt. Diese Tatsache erleichterte die Reiter, die sich schon auf Unannehmlichkeiten gefasst gemacht hatten. Sie brauchten so nicht allzu viel auf die Tiere achtzugeben und konnten ihre Aufmerksamkeit auf wichtigere Dinge konzentrieren. In diesem feindlichen Lande war das lebenswichtig. Jede geringste Unaufmerksamkeit konnte böse Folgen haben.

Zweimal, so sagte sich Ed Sullivan, hatte er Glück gehabt. Jetzt würde er sich nicht mehr auf sein Glück verlassen können. Die Tatsache, einen Partner neben sich reiten zu sehen, wirkte erleichternd auf ihn. Zwei Augenpaare sahen mehr als eines, zwei Männer konnten sich gegenseitig unterstützen und ergänzen.

Etwa gegen neun Uhr sahen die Partner die verkohlten Trümmer der Treckwagen vor sich. Ein Rudel Coyoten flüchtete von den Kadavern der niedergeschossenen Pferde. Der Hufschlag der beiden sich nähernden Pferde trieb sie davon. Geier flogen schwerfällig und übersättigt davon. Vor dem trüben Hintergrund des Himmels hoben sich einige zerstörte, ausgebrannte Prärieschoner wie anklagende Gerippe als Silhouette ab.

Ein wenig nachdenklich sagte Brad Panet im Reiten zu Ed: „Die Toten beerdigte ich gestern. Ich glaube, ich werde das so schnell nicht vergessen. Ich wollte nicht, dass die Coyoten und Geier über sie herfallen sollten. Einen noch brauchbaren Spaten fand ich bei den abgebrannten Wagen. Einer der Siedler, der seine Munition verschossen hatte, kämpfte mit dem Spaten weiter. Sicherlich hat er nicht daran gedacht, dass es der gleiche Spaten sein würde, mit dem ich für ihn das Grab schaufelte.“

Sie hielten jetzt beide ihre Pferde an. Gewiss hätten sie jetzt, wenn sie Stetsons aufgehabt hätten, die Kopfbedeckungen abgenommen, als letzten Gruß für die Opfer des Überfalls. Der langgestreckte Grabhügel zog ihre Blicke an. Beide schwiegen und waren mit ihren Gedanken beschäftigt. Was immer sie auch denken mochten, es stand fest, dass der düstere Anblick wie ein ätzendes Gift auf sie einwirkte. In diesem Augenblick mochte in Ed Sullivan das letzte Bedauern, das durch den ihm aufgezwungenen Kampf mit den Hunkpapakriegern noch lebendig war, verlöschen und einer unheimlichen Kälte in ihm Platz machen.

„Es waren Kinder und Greise dabei, Ed“, hörte er die feste Stimme seines Partners wie aus weiter Ferne kommend. „Fee Morrows kleiner Bruder Pete hatte noch die alte Rifle seines kampfunfähigen Großvaters in der Hand, als ich ihn fand. Er war der jüngste Kämpfer. Fee Morrow hat alle ihre Angehörigen verloren.“

„Teilt sie jetzt das Schicksal deiner Frau?“

„Ja“, erwiderte Brad Panet. „Sie wollte mit ihren Eltern und Geschwistern wie viele andere zu den Goldfeldern.“

„Frauen und Kinder! By Gosh, welche Vorstellungen hatten diese Menschen nur von den Goldgräbercamps? Wurden sie nicht gewarnt? Wurde ihnen nicht gesagt, dass es harte Männercamps sind, in denen der Teufel, die Gier, die Unverfrorenheit und alle Laster sich streiten?“

„Doch“, erwiderte Brad Panet. „Was nützten alle Warnungen und Mahnungen? Das Gold stellte den armen Teufeln ein besseres Leben in Aussicht. Die Morrows zum Beispiel wurden von den Newland-Brüdern von ihrer Siedlung vertrieben und waren bettelarm. Sie besaßen nur den Prärieschoner und die Kleidung, die sie auf dem Leibe hatten. Fünf Personen zählte die Familie. Was blieb ihnen anders übrig, als alles zu wagen? Das Leben hatte nicht mehr viel Wert für die Familie, denn sie hungerte und darbte. Sie haben alles zurücklassen müssen, was ihnen lieb war. Begreifst du nun, weshalb sich Dan Alan Newland nicht beim Treck hat sehen lassen? Es waren zu viele Menschen dabei, die ihn, ohne Pardon zu geben, in Stücke geschossen hätten.“

„Zum Teufel, was wollte er nun wirklich?“

„Mich abschießen, Partner!“, erwiderte Brad rau. „Zweimal hat es aus dem Hinterhalt geknallt. Leider ist Dan Alan Newland ein schlechter Gewehrschütze und hat sich nie Zeit genommen, seine Fehlschüsse zu korrigieren. Er flüchtete jedes Mal, um sich erneut eine Gelegenheit zu suchen. Er hatte ein sehr schnelles Pferd und war nicht zu fassen.“

„Es kommt mir sonderbar vor, dass er nicht einen Mann aus der Revolvermannschaft für diese hinterhältige Aufgabe einsetzte?“

„Dan Alan will vor diesen Männern als ein besonderer Schießer und Revolvermann dastehen“, antwortete Brad Panet. „Er leidet an einer unverständlichen Geltungssucht, die ihn wie eine furchtbare Krankheit befallen hat. Sie lässt ihn vor keiner Gemeinheit zurückschrecken. Gewiss hätte er bei seinen Revolverschwingern Kerle gefunden, denen es direkt ein Vergnügen gewesen wäre, diese Aufgabe zu übernehmen. Er wollte es jedoch selbst sein, der Loretta zurückbringen würde. Er wollte es sein, der sagen konnte, ich habe den Beidhandschützen Panet ausgeschaltet. Das hätte seiner traurigen Ruhmsucht Befriedigung geschaffen. Zum Teufel mit den Kerlen, die nach Revolverruhm trachten, zum Teufel mit den Männern, die keine Hemmungen haben! Ich hätte mit Loretta nicht fliehen sollen!“

Er verstummte und trieb seine Fuchsstute an.

Ed folgte auf dem Rappen. Sie ritten, ohne sich noch einmal umzusehen, an der Unglücksstätte vorbei. Sie nahmen die gut sichtbare Fährte auf, welche die Hunkpapas hinterlassen hatten. Beide wussten, dass sie alles tun mussten, um die eigene Fährte unlesbar zu machen.

Der kleine Hunkpapatrupp, der hinter ihnen aufkreuzen konnte, durfte keinen Augenblick vergessen werden. Sicherlich hatten die Krieger irgendwo eine Furt über den River gefunden.

„Brad, ist sonst jemand davongekommen?“, erkundigte sich Ed.

„Daniel Buck und Red Rargo waren nicht bei den Toten. Ich habe vergeblich nach ihnen gesucht. Nur der Himmel mag wissen, wo sie stecken.“

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4.

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Um elf Uhr vormittags ritten sie an einem Waldsaum entlang, vorsichtig spähend, immer erwartend, dass heidnische Reiter hinter den Bäumen hervorbrechen könnten.

„Ein Unrecht zieht noch größeres nach sich“, sagte Ed zu seinem Partner. „Und warum das alles? Hätte man die Verträge mit den Indianern nicht gebrochen und die Millionen Büffel, die die Hauptnahrung der Roten sind, bis auf einige Restbestände abgeschossen, hätte man nicht fragwürdigen Händlern Lizenzen erteilt und das Verkaufen von Handelswhisky und pockenverseuchten Decken gestattet, dann ...“

„Schon gut“, erwiderte Brad. „Wir beide können es nicht ändern, es ist nun einmal so. Mir hat der Anblick der toten Trailkameraden gereicht. Nun befinden wir uns selbst auf dem Weg zur Hölle.“

Details

Seiten
190
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738915662
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v385906
Schlagworte
wende

Autor

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Titel: Die große Wende