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Kein Glück im Norden

2017 180 Seiten

Leseprobe

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Kein Glück im Norden

Western von Larry Lash

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Der Umfang dieses Buchs entspricht 164 Taschenbuchseiten.

Ein Mann muss erkennen, dass alles, was ihm lieb und wert war, alles, woran sein Herz hing, zerbricht. Für ihn, Clay Fletscher, fällt damit eine Welt zusammen, die ihm fast zur Heimat geworden war. Er wird aus gestoßen aus ihrem Kreis, verdammt. Man treibt ihn auf einen Pfad, auf dem ihm das Letzte abverlangt wird.

Doch er zerbricht nicht daran, sondern stählt sich an den Ereignissen, wird härter als seine Gegner und schlägt zurück.

Er findet wieder etwas, woran er festhalten kann, entdeckt, dass auch außerhalb der Armee echte Männer leben, und erkennt, dass es auch für ihn keinen Weg mehr zurück gibt.

Oh, yeah, er hatte auf dem Trail nach Norden kein Glück, stand aber in allen Dingen seinen Mann und bezwang so das Schicksal.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover nach einem Motiv von Edgar Payne mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1.

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Ein dunkles Augenpaar war auf Clay Fletscher gerichtet. Schien ihn zu durchbohren. Er biss die Zähne aufeinander, hob das markante Kinn, und wilder Trotz flammte in seinen Augen auf, erlosch in Sekundenschnelle wieder.

No, jetzt half ihm kein Aufbegehren mehr – man hatte den Stab über ihn gebrochen.

In wenigen Minuten würde all das, was ihn jetzt wie eine starre Front umgab, bedeutungslos, würde für ihn eine Welt zusammenbrechen. Er stand auf dem Übungsplatz, und alles um ihn herum schien aus einer Mischung schlechten Traumlebens und brutaler Wirklichkeit zu bestehen.

Genau vor ihm war die erste Kompanie in strammer Haltung angetreten. Sergeant Will Parker stand am linken Flügel, und er schien wie alle Soldaten zu jener schwarzhaarigen Frau hinzuschielen, die halbrechts bei einer Zivilistengruppe stand.

Yeah, alle wussten es, dass Clay Fletscher Susan Jeffers wegen vor der Kompanie stand. Jeder dieser anwesenden Menschen kannte die Skandalgeschichte, die sie herauf beschworen hatte, und ein jeder kannte auch den Ausgang, der mit einem Duell endete.

Und es war auch jedem bewusst, dass Clay Fletscher, Captain des siebten Kavallerie-Regiments, nicht anders handeln konnte, als die Forderung des älteren Offiziers anzunehmen.

Nun, Hay Moore lebte nicht mehr.

Doch hätte man Clay noch einmal vor die Wahl gestellt, er würde nicht einen Moment gezögert haben, auf die gleiche Weise mit Hay Moore abzurechnen. Er hatte es nicht anders verdient, und Susan hatte endlich Ruhe vor seinen Gemeinheiten.

By Jove, er war sich völlig klar darüber, dass seine Handlungsweise und auch das Duell nichts mit Eifersucht zu tun hatten. Jeder rechtschaffene Offizier hätte nach seiner Auffassung nicht anders handeln können.

Leiser Trommelwirbel schreckte ihn aus seinen Gedanken. Er sah, wie Sergeant Parker zusammenzuckte und die Mannschaft zu ihm hinblickte.

By Gosh, er kannte jeden seiner Männer und doch war es ihm noch nie so deutlich bewusst geworden, dass die Uniform ihnen allen den gleichen Stempel aufdrückte und ihre Gesichter zu leeren Landschaften machte. Weder Mitgefühl, Bedauern oder andere menschliche Gefühle spiegelten sich darin wider. Jetzt war er irgendeiner, ohne Rang und ohne Namen, einer, der bald für immer aus ihrem Leben scheiden würde.

Unwillkürlich straffte sich Clays Haltung. Sein hartes Gesicht wurde grau, und seine dunklen Blauaugen glichen glühenden Kohlen, die nunmehr auf Major George Gabby gerichtet waren, der aus dem Hauptgebäude trat und an einer Gruppe von Offizieren vorbei schritt. Er bewegte sich mit der etwas steifen Arroganz, die ihm eigen war und die alle an ihm hassten.

Gabby war ein Freund Moores gewesen. In seinem ledergegerbten, hochmütigen Gesicht zeigte sich die Genugtuung darüber, dass er es sein konnte, der diesen Fall zu bearbeiten hatte. Er warf einen kurzen Blick zu Fletscher hin. Für den Bruchteil einer Sekunde begegneten sich ihre Augen, und dann trat ein zynisches Lächeln um die Mundwinkel des Majors, wich auch dann nicht, als er auf die Zivilistengruppe zutrat und sich vor der bildschönen Susan Jeffers elegant verbeugte.

Clay konnte nicht verstehen, was er sagte, er sah nur, wie Susan ihre Glutaugen hob und seinen Blick suchte, sah, wie sie plötzlich den Major stehen ließ, kehrtmachte und rasch davonlief.

Gabby jedoch bekam einen hochroten Kopf und nagte verlegen an der Unterlippe.

Clay atmete erleichtert auf. Er fühlte sich irgendwie befreit. Ah, mochte jetzt kommen, was wollte. Er konnte alles ertragen, wenn nur sie nicht zuschaute.

„Achtung! Die Augen links!“

Parkers Befehl grollte über den Platz.

Major Gabby gab sich einen Ruck. Langsam trat er vor die Front, ohne Fletscher anzuschauen. Der Trommler am rechten Flügel brachte sein Instrument zum Schweigen. Augenblicklich trat Stille ein. Major Gabby zog den Tagesbefehl aus der Ordonnanztasche.

„Captain Fletscher – stillgestanden!“

Unwillkürlich spannte sich Clay. Seine Eisen klirrten zusammen. Groß und hager stand er da. Ein guter Offizier, mit einem Körper, den die rauen Berge und das Leben im Sattel so ausgedörrt hatten, dass keine Unze überflüssiges Fett an ihm haften blieb.

Major Gabby musste an dieser hohen Reitergestalt aufsehen, und seine rotgeränderten Augen blinzelten dabei. Nein, er hatte nicht diese schmalen Hüften, die langen Beine und den knochigen Oberkörper. Der alte Hass gegen Fletscher flammte stärker auf. Ah, bald würde er einer von vielen sein, aus der Armee ausgestoßen, ein Tramp in der endlosen Kolonne, die niemals Wurzel fassen können.

„Laut Kriegsgerichtsbeschluss vom ...“

Clay hörte nur Bruchstücke, aber was er hörte, brannte sich in ihm ein.

„... gegen die Bestimmungen, im Duell Leutnant Hay Moore getötet zu haben. Ein solches Verhalten ist nicht mit einem Offizier zu vereinbaren. In Befolgung des Urteils des Kriegsgerichts wird daher mit gleicher Stunde Clayton Fletscher, ehemals Captain des siebten Kavallerie-Regiments, aller Rangabzeichen und Auszeichnungen entkleidet! – Rühren!“

Kalte Wut blitzte in den Augen des Majors auf, als er vortrat und Clay den Säbel abschnallte, ihn über seinem Knie zerbrach und achtlos fallen ließ.

Die Wut verwandelte sich in Hohn, als er Fletscher die Schulterstücke abriss und heiser, nur für Clay verständlich, sagte: „Die Sache ist nur scheinbar erledigt, Fletscher. Wenn Sie Ihr Fell in Sicherheit bringen wollen, dann müssen Sie sich sehr beeilen. Es gibt für Sie kein Glück im Norden. Und noch eins: Wenn es nach mir ginge, ständen Sie jetzt an der Wand und ein Exekutionskommando würde Ihnen ein rasches Ende bereiten!“

„Gabby, geben Sie sich keine Mühe, und scheren Sie sich zum Teufel!“, entgegnete Clay ruhig.

Für einen Moment schien es, als wolle Major Gabby seinen Säbel ziehen. Sein Gesicht wurde fahl und bleich. Seine Hand zuckte, fing sich jedoch mitten in der Bewegung wieder und sackte herab.

„Ich habe vergessen, dass ich es mit einem Zivilisten zu tun habe.“

„Und dass Sie zu feige sind, um mit mir eine Kugel zu wechseln! Sie möchten dem guten Hay Moore nicht zu schnell in die Grube folgen“, ergänzte Clay in kalter Ruhe. Noch hielt er an sich, ließ es zu, dass der andere ihm die Orden abriss, sie zu den Schulterstücken und dem zerbrochenen Säbel in den Staub warf.

„Sie haben ein verdammt großes Maul, Fletscher, aber ich kann zu Ihrer Beruhigung sagen, dass ich mich mit einem Tramp nicht schlage.“

„Ich werde mir den Tramp merken, Gabby!“

By Jove, niemand hatte diese leise, scharfe Unterredung gehört, denn der Trommelwirbel hatte wieder eingesetzt.

Zwei Männer sahen sich in die Augen, und sie wussten, dass diese Begegnung nicht die letzte sein würde, wussten, dass sie Todfeinde waren und nur dann Ruhe finden würden, wenn einer von ihnen in die Grube sank.

„Sergeant Parker! Der Zivilist Fletscher ist wegen Beleidigung vierzehn Tage in Haft zu setzen. Führen Sie ihn ab!“

„Auch das wird wenig nützen“, murmelte Clay mit zuckenden Lippen. Seine Fäuste ballten sich. By Gosh, er wusste, wie wenig ihm jetzt ein Auflehnen nützen würde, wusste, dass jeder Widerstand seine Lage noch verschlimmern würde. Major Gabby vertrat den Standpunkt, mit ihm machen zu können, was er wollte. Nun ja, er vertrat in diesem Fort die Staatsgewalt, und sein Befehl war Gebot.

Parker kam heran, salutierte vor dem Major.

„Zivilist Fletscher ist abzuführen, Sir!“

„Halten Sie ihn scharf im Auge, Sergeant!“

„All right, Sir!“

Er packte Clay hart an der rechten Schulter und stieß ihn vorwärts.

Nach zwanzig Yards wurde Parker sanfter.

„Captain! Was zum Teufel haben Sie dem Alten gesagt?“

„Deinen Captain kannst du ruhig an den Nagel hängen, Parker“, erwiderte Clay.

„Damned, was war denn los?“

„Wir haben uns alles Gute für die Zukunft gewünscht, Will!“

„Du hättest dir Zügel anlegen sollen, Clay“, murmelte Will grimmig. „Was heute passierte, wird mich dazu zwingen, meinen Abschied zu, nehmen. Ich kann die Tage am Hod-River schlecht vergessen.“

„Papperlapapp! Die Armee hat dich bisher gut ernährt, mein Junge. Du hast hier alles, was du nur brauchst, und keine Sorgen für den kommenden Tag. Das ist sehr wichtig, Will“, entgegnete Clay ruhig.

Unsicher schielte Parker ihn von der Seite an. Er hatte ein hochrotes, fleischiges Gesicht, war robust und stämmig gebaut und besaß eiskalte, kleine Augen.

„Ich freue mich, dass du es so ruhig geschluckt hast, Clay“, murmelte er. „Ich hatte schon das Allerschlimmste befürchtet. Well, die vierzehn Tage Arrest gehen auch vorüber, und dann bist du ein freier Mann! Selbstverständlich werde ich mit dir reiten, ich habe sowieso die Nase voll. Gabby ist nicht mein Freund. Eines Tages macht er dasselbe mit mir wie mit dir. Es trifft sich gut, dass ich vor Kurzem meinen längst fälligen Urlaub einreichte. Morgen trete ich ihn an. Anschließend werde ich meinen Abschied nehmen. Dieses Leben im Fort ist nicht nach meinem Geschmack, und die Greenhorns von Offizieren, die niemals eine Front sahen, verursachen mir immer Magenschmerzen. Yeah, ich habe Sehnsucht nach einer freien Weide, nach Staub und Rindern! Hier ersticke ich bestimmt noch eines Tages!“

„Bleibe in der Uniform, Will, bis du herausgefunden hast, was Gabby mit seinem Arrest bezwecken will. Meines Erachtens kann es ihm doch gleich sein, ob ich jetzt oder in vierzehn Tagen reite.“

„Er wollte dich in den Staub treten und dich seine Macht fühlen lassen, Clay. Für ihn bist du jetzt ein schäbiger Zivilist. Du weißt doch, welche Ansicht er vertritt: Alles, was unter seinem Dienstgrad steht, ist für ihn Dreck.“

*

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DRECK WAR AUCH IN DEM Kerker, in dem Will Parker ihn einsperrte. Es war nicht das Soldatengefängnis, sondern der Raum, den man für widerspenstige Redmen, trunkene Zivilisten und Tramps bereithielt. Eine Pritsche stand in dem engen Loch, Gitter waren an den kleinen Fenstern angebracht, und der Fußboden bestand aus gestampftem Lehm.

Clay ließ sich auf die Pritsche fallen, als die Tür ins Schloss fiel und Will Parker sich entfernt hatte.

„Aus“, murmelte er vor sich hin. Yeah, jetzt war alles dahin, worauf er einst so stolz gewesen. Die Uniform, die er als Idol vaterländischer Pflichterfüllung angesehen hatte, war zerfetzt, und die Orden und Ehrenzeichen waren in den Staub getreten. Yeah, Orden, welche man ihm nach mörderischen Schlachten verliehen hatte. Mit Stolz hatte er sie getragen, jetzt aber war nichts mehr geblieben als die stumme Verbitterung und das grinsende, höhnische Maskengesicht Major Gabbys.

Sein Stolz war es auch gewesen, der ihn dazu zwang, gegen Major Gabby Stellung zu nehmen, als man ihn demütigte. Yeah, der Stolz, der ihm die klare Erkenntnis gab: Jetzt bist du frei von allen Banden der Armee!

Frei!

Damned, eine verteufelte Freiheit jedoch, mit der er kaum etwas anfangen konnte.

Wohin sollte er sich wenden?

Er hatte kein Ziel vor sich. Besaß keine Eltern oder Geschwister. So lange er denken konnte, war die Armee für ihn alles gewesen: Elternhaus und Heimat.

Eine Patrouille hatte ihn als kleines Kind aus einem brennenden Wagenzug herausgeholt, der von Indianern überfallen worden war. Er wurde als einziger Überlebender von den Soldaten aufgezogen, und sie nannten ihn Clay Fletscher. Gewiss hatten seine Eltern einen ganz anderen Namen, aber wer fragte schon heute noch danach?

„Quin sabe?“

In diesem Lande gab es harte Schicksale. Nicht nur er hatte daran zu tragen.

Er sann und grübelte, und die Stunden flossen dahin. Er schlief ein und wurde durch das Trommeln des Regens, der auf das Dach und an die Scheiben prasselte, wach.

Draußen fluchten einige Soldaten, und irgendwo auf dem Platz brüllten Kommandos.

Wie wenig ihn das alles noch berührte.

Er war ausgestoßen, hatte nichts mehr gemeinsam mit den ehemaligen Kameraden.

Gegen Abend wurde ihm das Essen gebracht. Zwei Soldaten blieben an der Tür stehen, bis er das lukullische Mahl verzehrt hatte. Eine entwürdigende Sache für einen Mann, der Offizier war und ein anderes Leben kannte.

Aber auch das schluckte er und spürte, wie der Groll in ihm stärker wurde.

Später, als er wieder auf seiner Pritsche lag, hörte er den Posten die Runde machen.

Jetzt, da er gern geschlafen hätte, blieb er hellwach. Er schaute aus dem Fenster. Drüben bei den Mannschaftsbaracken brannten die Petroleumlampen, und dort, wo die Offiziere wohnten, schaukelten die Karbidlampen sanft im Nachtwind hin und her.

Er beobachtete eine Kavallerie-Abteilung, die zur nächtlichen Streife aus dem Fort zog. Sah Männer, die zur Kantine eilten, und wandte seinen Blick zum Mond, der mit silbernem Glanz durch die Wolken brach und die Welt mit seinem Hauch streifte.

Um Mitternacht trat aus Major Gabbys Haus der junge Leutnant Warren. Er war nicht mehr ganz nüchtern und drückte sich scheu an seinem Kerker vorbei, als hätte er ein schlechtes Gewissen.

Clay trat vom Fenster weg, als aus dem gegenüberliegenden Arrestlokal der Soldaten einige Kerle herausgeführt wurden.

Der wachhabende Posten näherte sich seinem Fenster und höhnte:„Vierzehn Tage, Fletscher.“

„Geh zur Hölle!“

„Genau dort führt dein Weg hin“, brummte der Mann wütend und setzte seine Runde fort. By Jove, yeah, dieser fromme Wunsch stammte noch aus einer Zeit, als Clay ihn vor dem Feinde schlafend erwischt und zusammengestaucht hatte. Clay hatte es damals damit bewenden lassen, hatte von einer Bestrafung abgesehen, denn er gehörte nicht zu den Vorgesetzten, die weder Mitleid noch Erbarmen kannten.

Plötzlich strafften sich seine Muskeln, denn in diesem Moment sah er am Arsenal die flüchtige Bewegung eines Schattens. Er hob den Kopf und sah genauer hin.

By Gosh, yeah, zwischen den Schuppen bewegte sich lautlos eine Gestalt und glitt heran. Sie hielt sich im Schatten und zögerte, blieb plötzlich vor der Mondlicht übergossenen Fläche, die vor dem Arsenal lag, stehen und sah zurück.

„Wer da?“

Der Posten gab sich einen Ruck und riss die Winchester von der Schulter, brachte sie laut Vorschrift in Anschlag, im festen Glauben, dass der wachhabende Offizier seine Zuverlässigkeit prüfen wollte.

Die Gestalt im Schatten bewegte sich, glitt leichtfüßig in das gleißende Mondlicht hinein.

„Susan“, hetzte es von Clays Lippen.

Yeah, das konnte nur Susan sein. Der Duft der Frühlingsblumen schien sie zu umschweben, und mit ihr kam ein Hauch von einer verwunschenen Traumwelt im Mondlicht.

Der Posten senkte seine Waffe, so dass die Laufmündung zu Boden wies. By Gosh, ihr Anblick musste selbst den stursten Burschen wachrütteln, musste eine Flut von Gedanken und Wünschen wachrufen.

„Madam, es ist verboten ...‟

„Ah, was ist nicht alles verboten!“, unterbrach sie ihn.

Der Posten schluckte heftig.

„Jetzt ist keine Besuchszeit, Madam!“

„Doch, wenn man einen Passierschein hat, den Major Gabby selbst unterschrieben hat!“

Der Posten verbeugte sich leicht, blieb jedoch in gespannter Haltung stehen, und als sie den Schrieb aus der Tasche ihres Kleides hervorzauberte, legte er die Hand an die Kopfbedeckung und sagte heiser: „All right! Sie können mit dem Zivilisten Fletscher sprechen. Aber nur zehn Minuten!“

„Sie missverstehen das Schreiben. Major Gabby hat mir unbegrenzt Zeit gelassen, schauen Sie doch richtig hin!“

Unsicher kam er ihrem Wunsch nach, dann drehte er sich beinahe schroff auf dem Absatz um und ging ihr voraus. Der Schlüssel bewegte sich im Schloss.

„Ich werde eine Lampe holen, Madam!“

„Nein danke, es ist hell genug!“

Die Tür schwang auf. Susan trat über die Schwelle. Man konnte ihr Gesicht kaum erkennen.

„Captain Fletscher?“

Er stand ihr mit hängenden Schultern gegenüber und sah sie forschend an.

Was mochte sie von ihm wollen? Ihr schmales Gesicht mit den großen Glutaugen und den wundervoll geschwungenen Lippen war ihm zugewandt. Ihre schlanke Gestalt zeichnete sich deutlich vor dem Licht-Viereck der Tür ab. Sie stand abwartend da, bis der Posten sich wieder in Bewegung setzte. Dann kam sie näher auf ihn zu und eine Welle berauschender Wohlgerüche schien mit einem Male den Raum neu zu gestalten.

„Sie sind mir böse?“

„Wie könnte ich, Madam?“

„Sie sind auch nicht erstaunt, dass ich Sie jetzt aufsuche? Um diese Zeit macht man im Allgemeinen keine Aufwartungen.“

„Sie wären mir immer und zu jeder Zeit willkommen. Es ist nur bedauerlich, dass ich Ihnen keinen Platz anbieten kann.“

„Und doch habe ich das Gefühl, dass Sie etwas gegen mich haben“, sagte sie heftig.

„Nun, Sie haben einen Passierschein von Gabby erhalten, Madam. Das sagt viel.“

Sie sah ihn verdutzt an. In ihren Augen tanzten Funken. Sie kam so nahe an ihn heran, dass ihr Atem seine Wange streifte.

„Captain, ich habe mir den Durchlassschein selbst ausgestellt“, sagte sie leise und drückte dem völlig Verdutzten den Zettel in die Hand. „Glauben Sie nur nicht, dass Gabby sich hätte jemals dazu bewegen lassen, mir einen solchen Dienst zu erweisen.“

Er starrte auf den Zettel.

Ein einfaches Stück Papier, auf dem er im Zwielicht die Worte entziffern konnte: „Gabby ist der größte Schuft in diesem Camp.“

„Und das hat der Posten gelesen?“

„Yeah!“

„Allmächtiger!“

„Oh, keine Ursache zur Aufregung, bevor ich hierher kam, habe ich mich genau über den Mann erkundigt, der jetzt Wache hält. Er kann weder lesen noch schreiben“, gestand sie mit einem unterdrückten, kehligen Lachen.

Doch er stimmte nicht in ihr Lachen ein, wirkte besorgt.

„Wenn Gabby von diesem Streich erfährt, Madam, wird er Ihnen die Hölle heiß machen. Er versteht keinen Spaß.“

„Das ist genau das, was ich sagen wollte. Gabby würde selbst einer Frau gegenüber keine Hemmungen haben. Vor Allem dann nicht, wenn er in dieser Frau eine Spionin vermutet, die hinter gewisse Schliche gekommen ist.“

„O Gott!“

„Die Zeit drängt, Clay“, unterbrach sie seinen Einwand. „By Jove, Sie haben mir mehr als nur einen Dienst erwiesen. Sie haben mich davor bewahrt, entdeckt zu werden, Captain.“

„Madam, ich verstehe das alles nicht.“

„Oh, yeah, ich weiß. Sie können mich auch nicht verstehen, weil Sie als Gentleman gehandelt haben, als Mensch und nicht als Soldat. Sie haben Hay Moore im Duell erschossen, haben mich vor seinen Zudringlichkeiten bewahrt, die er meinte, sich herausnehmen zu können, weil er von irgendeiner Seite Wind bekommen hat, warum ich hier bin. Nein, Sie ahnen nicht, was hier gespielt wird, Captain. Sie sind in dieses Spiel hineingeraten, ohne zu wissen, dass es ein tödlich gefährliches Spiel ist. Sie müssen hier heraus, und zwar schnell!“

„Madam!“

„Ich sagte schon, die Zeit drängt. Später kann ich Ihnen alles genau erklären, und wir können alles Weitere besprechen ... später, außerhalb dieses Forts. Ich habe alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Sie zu befreien. Sie werden dann nach Norden reiten, nach Dalmiton. Dort werden Sie bei Amb Elkins bleiben.“

„Ich versteh wirklich nicht ... weiß nicht, was ...“

„Es ist auch im Moment nicht möglich“, nahm sie ihm das Wort, „es Ihnen zu erklären. Ich kann Ihnen nur versichern, dass Gabby Sie hier so lange festhalten will, bis Edwin Moore, der Bruder Hays, in der Gegend ist. Sie kennen Edwin nicht. Er ist ein Killer, ein eiskalter Mann, der eine Bande von Raureitern führt.“

Ihre Augen leuchteten in der Dunkelheit wie funkelnde Diamanten. „Glauben Sie mir, Clay, Sie dürfen nicht hierbleiben!“

„Gut! Aber was wird aus Ihnen?“

„Auch ich werde fliehen, denn wenn man erfährt, dass ich bei Ihnen war, bin ich meines Lebens nicht mehr sicher. Ich habe mit Will Parker alles zur Flucht vorbereitet.“

Bei diesen Worten hob sie ein wenig den bauschigen Rock, bückte sich eilig, und als sie sich wieder aufrichtete, hielt sie ihm einen Waffengurt mit zwei Halftern entgegen, aus dem die glatten, schweren Kolben der 45er herausragten.

Er griff danach, schlang ihn sich um die Hüften, zog die Schnalle fest und rückte die Kolben handgerecht, dann nahm er das Schreiben, legte es mitten auf den Tisch, sagte: „Man wird es finden und Gabby überreichen. Einen besseren Abschiedsgruß hätte ich mir nicht ausdenken können.“

Seine Augen bekamen einen seltsamen Glanz. Zwei tiefe Falten kerbten sich wie Furchen von der Nase bis zu den Mundwinkeln. Einen kurzen Moment sah er sie fragend an. Damned, er ließ sich hier in ein Abenteuer ein, verstrickte sich in eine Sache, die schon bald mit dem Tod enden konnte.

Als er jedoch in das flehende Gesicht seiner Besucherin blickte, wurden seine letzten Zweifel beseitigt. Yeah, von ihren Lippen kamen keine Lügen. Irgend etwas, das fühlte er deutlich, wurde von Major Gabby durch seine Autorität als Offizier verdeckt. Irgend etwas hatte dieser hochmütige Mann im Hintergrund, was das Tageslicht zu scheuen hatte.

„Wo ist Will?“, fragte er aus seinen wirbelnden Gedanken heraus.

„Er wartet bei den Pferden.“

„Sie haben ein gutes Auge, Madam.“

„Es war nicht schwer herauszufinden, dass der Sergeant Ihr Freund ist, Captain.“

„Den Captain können Sie ruhig beiseite lassen, Madam. Es gibt nur noch Clay Fletscher, den Zivilisten.“

Einen Moment schaute sie ihn mitfühlend an, erkannte die Bitterkeit in seiner Stimme, sagte dann jedoch nur: „Brechen wir auf, Clay!“

„Mir soll es recht sein.“

Sie wandte sich um, schritt bis zur Tür und rief leise den Posten.

„Was ist los, Madam?“

„Captain Fletscher geht es nicht gut.“

Schritte näherten sich. Clay verstand ihre Absicht und huschte hinter die Tür.

Susan ließ den Mann vorbei und in dem Augenblick, als sein vorgestreckter Kopf sichtbar wurde, schlug Clay mit seinem Colt zu. Das schien der Bursche nicht zu vertragen, denn schlaff ging sein Körper zu Boden.

„Er wird außer meiner Uniform noch eine Beule als Andenken behalten“, sagte Clay sarkastisch.

„Es wäre besser, wenn ich Ihre Uniform bekommen würde, Clay. Es wird leichter sein, aus dem Fort zu kommen.“

„All right! Ich verstehe!“

In aller Ruhe zog er dem Ohnmächtigen die Uniform aus und legte ihn dann in Unterhosen und Hemd auf die wacklige Pritsche.

Susan nahm seine Sachen und zog sie über ihre Kleider. Die Fülle ihrer Haare versteckte sie unter dem Käppi. Es war gut, dass es dunkel war, denn keineswegs hätte Susan in ihrer Aufmachung einer näheren Betrachtung standhalten können.

Sicherheitshalber fesselte Clay den Wächter mit Stricken, die Susan mitgebracht hatte. Yeah, auch daran hafte sie gedacht, als sie den Plan der Befreiung schmiedete. Er prüfte nochmals alles sorgfältig, nickte dann befriedigt.

„Gehen wir?“

„Nicht bevor ich die Stiefel des Burschen anhabe“, antwortete sie.

Er schaute sie an, wunderte sich über ihre Ruhe und Gelassenheit in diesen Minuten, die jeden Augenblick die Entdeckung bringen konnten. No, so kannte er sie nicht. Mochte aus dieser Situation das größte Abenteuer seines Lebens werden, mochte es die größte Dummheit seines Lebens sein! Er bereute es nicht.

Weit dehnte sich seine Brust. Jetzt war er endgültig mit der Armee fertig. Und das alles wegen einer Frau, von der er verdammt wenig wusste!

Diese Erkenntnis traf ihn jäh und ließ ihm den Atem stocken. Sie stand vor ihm und schien sich der verlockenden Weiblichkeit ihrer Person nicht einmal bewusst zu sein.

Die dunklen, schweren Lider ihrer Augen senkten sich, so, als wollten sie den leidenschaftlichen Blick verdecken, der ihm entgegenbrannte.

„Helfen Sie mir bitte, die Stiefel anziehen, Clay.“

Das war eine Aufforderung, der er gerne nachkam. Die Stiefel des Postens waren ihr naturgemäß viel zu groß. Doch sie machte sich nichts daraus, ging vor ihm her zur Tür, blieb dort stehen und wartete, bis tiefziehende Wolken das Mondlicht auslöschten.

Eilig verließen sie das Arrestlokal, tauchten zwischen den Ställen unter, als ihnen eine Gestalt in den Weg trat.

„Clay!“

„Will?“

Am Klang der Stimme hatte Clay seinen Freund erkannt.

„Die Pferde stehen bereit! Es kann losgehen!“

„All right!“

„Es war höchste Zeit, Clay! Ich habe herausgebracht, dass Major Gabby vorhin einen Mann empfangen hat, der sich Edwin Moore nannte.“

„Ein mir nicht unbekannter Name“, erklärte Clay.

„Das mag sein! Aber die Tatsache, dass Edwin Moore in Wirklichkeit Big Black ist, dürfte doch neu sein.“

„Big Black?“, stieß Clay heraus.

Oh, dieser Name hatte einen verteufelt bitteren Beigeschmack an der Grenze. Jeder kannte ihn, und die Mütter benutzten ihn, um ungehorsamen Kindern das Fürchten beizubringen.

„Weißt du das sicher?“

„Ich kann mich nicht irren. Ich bin ihm zwar nur einmal begegnet, doch ich habe mir sein Gesicht gut eingeprägt. Ich frage mich nur, welche Beziehungen er zu Gabby hat. Sollte dieser etwa nicht wissen, mit wem er es zu tun hat? By Gosh, Clay, mir schmeckt das hier nicht mehr. Es riecht nach Verdruss!“

Sie bewegten sich eilig zwischen den Ställen, hielten erst an, als sie die Corrals erreicht hatten. Drei Pferde standen dort aufgesattelt und gezäumt.

„Parker!“

„Yeah, Madam?

„Big Black ist also hier?“

„Yeah, ich habe ihn mit eigenen Augen gesehen!“

„Um das herauszubringen, habe ich mich hier im Fort aufgehalten. Wir wollten immer wissen, mit wem Big Black zusammenarbeitet und von wem er seine Informationen bezog. Jetzt ist es eindeutig. Er bezog sie aus erster Quelle. Sein Bruder und Gabby sorgten dafür, dass er dort zuschlug, wo keine Soldaten auftauchten, wo er, ohne überrascht zu werden, plündern und rauben konnte. Moore und Gabby steckten mit Big Black unter einer Decke!“

Sie gab keine weiteren Erklärungen, murmelte: „Wir müssen fort! Wenn Big Black hier ist, wird bald die Hölle losbrechen.“

Will Parker starrte sie an. Ein Lächeln zuckte um seine Mundwinkel, ein Lächeln, das sofort wieder erlosch.

By Gosh, sie sah ganz gut aus in der Uniform, obwohl sie ihr reichlich groß war.

„Well, reiten wir!“

Clay hielt ihr die Steigbügel, schwang sich dann auf eines der nervös stampfenden Pferde, und auch Parker tat es ihnen nach. Er setzte sein Tier als erster in Bewegung und lenkte auf eines der abseits gelegenen Tore zu, die hinter dem Arsenal lagen.

„He da, wohin?“

„Order zum Erkundungsritt, Kamerad! Öffne das Tor!“

Die Wache rührte sich nicht. Man sah einen Gewehrlauf schimmern und hörte die dunkle Stimme des Postens.

„Wer gab den Befehl?“

„Major Gabby“, gab Parker zurück.

„Duffan, du solltest deinen Sergeanten auch des Nachts erkennen.“

„All right, Sir“, gab der Posten erschrocken zu verstehen.

„Major Gabby scheint überhaupt im Moment verrückte Parolen herauszugeben. Mach das Tor auf, Bill!“

Im Schatten bewegte sich eine zweite Gestalt. Das Tor quietschte in den Angeln.

Der Regen hatte den Boden schlüpfrig gemacht. Einzelne Lachen hatten sich gebildet, und es war ein Glück, dass die Wolken den Mond verhüllten.

Susan und Clay hielten sich dicht hinter dem Sergeanten und hatten die Käppis weit in die Stirn gezogen, hockten weit vorgeneigt im Sattel, jederzeit bereit, die Sporen über Flanken und Weichen zu ziehen.

Das Tor öffnete sich viel zu langsam für sie, und schon kam die Frage auf: „Sergeant, warum passieren Sie nicht die Hauptkontrolle?“

„Befehl des Majors, Duffan. Vielleicht fragst du selbst an.“

„All right, ihr könnt passieren!“

Sie ritten an.

Parker manövrierte dabei sein Pferd so geschickt, dass die beiden anderen an ihm vorbei durch das Tor kamen, drängte dann scharf hinterher und hatte kaum das Tor passiert, als von den Arrestlokalen drei peitschende Salven die Nacht zerrissen.

„Sergeant, Alarm!“, kreischte der Posten.

„Geht und schaut nach, Boys!“, riet Parker, indem er seinem Tier die Sporen gab, so dass es unter ihm vor Schreck erzitterte und wie von einem Katapult geschleudert in die Nacht hineinbrach.

Zwei Feuerlichter rasten hinter ihm her. Eine Kugel durchbohrte seinen Stetson und die andere sauste an seinem linken Ohr vorbei.

Hinter ihm wimmerte eine Trompete, und ein Trommelwirbel brachte das Fort in wilden Aufruhr. Schüsse peitschten von den Balustraden, verpufften irgendwo wirkungslos und schadeten kaum den drei Reitern, deren Pferde in die Nacht hinein donnerten, so dass ihre Hufe zu einer einzigen, in der Ferne immer mehr verebbenden Melodie verschmolzen.

Bügel an Bügel jagten sie dahin. Am Waldsaum vorbei überquerten sie einen Creek, jagten weiter den Bergen zu.

Einige Male sah Clay zur Seite. Seine Hochachtung vor dem Mädel wuchs. Sie ritt, als ob sie im Sattel geboren wäre, kühn und frei, gleich einer Amazone. Sie zeigte nach zweistündigem Ritt weder Erschöpfung noch Müdigkeit. Ihr Haar hatte sich gelöst und quoll unter der Kopfbedeckung hervor. Ihre Gestalt schien aus biegsamem Stahl zu sein, denn sie verschmolz fast mit ihrem Pferd. Eine Reiterin, wie man sie wirklich selten sah.

Sie mäßigte das Tempo erst, als sich auf den Decken der Pferde dunkle Schweißflecken zeigten und die Vorhügel ihnen Deckung gaben. Sie vermieden es, über die Kämme zu reiten und hielten sich in nördlicher Richtung.

Als die Morgendämmerung aufzog, hielten sie an und aßen ein wenig von dem Proviant, den Will Parker vorsorglich in den Satteltaschen untergebracht hatte. Die Pferde wurden getränkt, und sie gönnten sich und den Tieren ein wenig Ruhe.

„Wir reiten nach Dalmiton, Clay Fletscher!“

„Das habe ich mir bereits gedacht.“

„Um so besser“, erwiderte sie ruhig. „Doch vorher werden wir uns unserer Uniformen entledigen.“

Er entgegnete nichts.

Sie jedoch lachte leise vor sich hin, meinte: „Es gibt einen Mann, der sich ein Vergnügen daraus macht, uns mit dem Nötigsten zu versorgen. Er besitzt vierzig Meilen von hier entfernt eine Ranch, das heißt die Überreste einer Ranch, denn Edwin Moore war vor einem Monat mit seinen Raureitern zu Gast bei ihm. Damit nicht genug! Den größten Teil seiner Rinder hat man abgetrieben.“

„Und er hat sie nicht zurückbekommen?“, mischte sich Will Parker in das Gespräch.

„Nein, die Spuren verloren sich auf dem Granitboden der Hawkin-Mountains, und bei dem Versuch, die Tiere zurückzuholen, verlor Mark Prondon einige seiner besten Cowboys.“

Sie schwieg, und in ihren dunklen Augen brannte ein seltsames Feuer.

„Yeah, Big Black hat der Gegend um Dalmiton seinen Stempel aufgedrückt. Er vertrieb Leute, die Land auf der Strecke hatten, die die Armee für Wegbaurechte beanspruchte. Er raubte, mordete, plünderte, und immer war er dort, wo ihn niemand erwartete.“

„Und dann haben die Spitzen der Behörde sich zusammengesetzt und darüber nachgedacht, von wo aus das Ganze ging, und kamen zu der Überzeugung, dass die Armee ihre Finger in der heißen Suppe haben könnte, stimmt′s?“

„So ungefähr war es“, gab sie offen zu.

„Jedenfalls war auffällig, dass gerade die Gebiete, die von der Armee gefordert wurden, besonders schlimm von den Banditen bedacht worden waren. Man brauchte einen Spion, der im Fort selbst die Augen offen hielt. Nach einigem Drängen erlaubte man dann, dass ich als Frau diese Aufgabe übernahm. Nun, es hat sich gelohnt, ich weiß nun sicher, dass Big Black und Major Gabby gemeinsame Sache machen. Sein Bruder und der Major waren wohl auch die einzigen, die wussten, wo und wann immer er zu erreichen war. Nun, Gabby wird die längste Zeit der Armee Schaden zugefügt haben. Man wird ihn an den Pranger stellen und nach Washington bringen“, stieß sie heftig hervor.

Clay nagte an der Unterlippe.

„Damit ist Edwin Moore nicht erledigt.“

„Nein“, gab sie zu. „Aber er hat damit seinen rechten Arm verloren.“

„Warum haben Sie sich eigentlich in diese ganze Sache eingelassen, Madam?“

„Nun, warum haben Sie sich für mich eingesetzt?“, parierte sie mit einer Gegenfrage.

„Ah, jeder rechtschaffene Mann hätte Ihnen den Schuft vom Leibe gehalten.“

Sie nickte ihm zu, sagte leise: „Auch Sie haben nicht daran gedacht, was das für Folgen hat, daran, dass damit ihr eigenes Leben zerstört und Sie in den Dreck gestoßen würden. Der Unterschied zwischen uns beiden besteht darin, dass ich erst handelte, als die Folgen von Big Blacks Taten mich so erschütterten, dass eine Welt in mir zusammenbrach. Hören Sie zu, Clay. Meine Eltern und mein Bruder starben vor meinen Augen. Ich konnte es nicht verhindern und musste ohnmächtig zusehen, wie sie in den Flammen umkamen.“

Ihre Brust hob und senkte sich. Düster brannten ihre Augen in der Erinnerung jener schrecklichen Bilder, die ihr Leben völlig umgekrempelt hatten.

Ein feuchter Schleier zog über ihre Augen, die irgendwo in der Dämmerung hingen, als suchten sie in der Ferne das Glück, das weit, weit hinter ihr lag.

„Edwin Moore führte die Bande“, klang es anklagend aus ihrem Munde.

Nun verstand Clay, was sie bewogen hatte, das Fort aufzusuchen. Jetzt begriff er, weshalb sie vor Soldaten gesungen und mit Hay Moore geflirtet hatte. Jetzt erst konnte er sich viele Dinge erklären, die er vorher nicht verstanden hatte. Und wieder musste er sie ansehen, konnte es kaum glauben, dass in diesem zarten Mädchenkörper ein so starker Wille wohnte.

„Hat Gabby herausgefunden, warum Sie im Fort waren?“, fragte er heiser.

Ihre Blicke trafen sich, klammerten sich fest.

„Ich denke, yeah“, erwiderte sie leise.

„Dann wissen Sie auch, was das bedeutet?“

„Oh yeah, er wird alles daransetzen, meiner habhaft zu werden!“

„Und jetzt, da Sie mit mir geflohen sind, dürfte Edwin Moore seine Bande auf uns ansetzen.“

„Wenn sie uns erwischen, werden sie keine Gnade kennen.“

Parker unterbrach das Gespräch, indem er sagte: „Wir wollen aufbrechen, haben noch einen langen Ritt vor uns!“

Sie widersprachen nicht, und wenig später trabten sie auf ihren Tieren einen sanften Hang hinauf, bewegten sich an einem Tannenhain entlang, der sie zur Höhe führte.

Von einer geschützten Stelle aus konnten sie weit zurück ins Land sehen. Sie beobachteten einige Minuten scharf das Gelände. Irgendwo da draußen gleißte Staub im Licht der Morgensonne.

„Sie sind auf unserer Fährte“, sagte Susan ohne ihre Ruhe zu verlieren.

„Wir werden sie abschütteln!“

„Yeah, noch drei Meilen, und wir haben Granitboden unter den Hufen“, erwiderte sie fast heiter. „Endlich kann man sie mit ihren eigenen Tricks schlagen!“

Nein, sie gaben sich nicht einmal die Mühe, sich nach ihren Verfolgern umzusehen, und ritten in einer weit ausholenden Gangart, die die Pferde nicht zu sehr ermüdete und ihnen für den Notfall noch genug Reserven für einen schnelleren Spurt ließ.

Schon bald erkannte Clay, dass die Staubwolke ständig näherrückte. Doch weder Parker noch Susan trieben ihre Tiere zu einer schnelleren Gangart an.

„Ich habe den Verdacht, dass sie Reservepferde bei sich führen, Clay. Auf keinen Fall sind es Kavalleristen, die sich hinter uns bewegen.“

„Um so schlimmer, Will!“

„Teils, teils! Jedenfalls möchte ich nicht gern auf Menschen schießen, die mit mir einige Jahre zusammen waren. Da sind mir Moores Raureiter schon lieber“, knurrte er vor sich hin, wobei er die Winchester aus dem Sattelschuh zog und liebevoll über den Lauf strich.

„Bestes Armeematerial“, grinste er Clay an.

Dann wurde es still zwischen den dreien. Der Weg stieg an, war oft so schmal, dass sie von den Pferden steigen mussten, um sie an den Zügeln zu führen. Mühsam war der Aufstieg. Die Sonne stieg höher, und ihre Lichtbahnen vergoldeten die Welt.

Nach anstrengendem Marsch kamen sie endlich auf einen Reitweg, der sie hoch an einer Granitwand vorbeiführte. Zur rechten Hand gähnte der fast senkrechte Abgrund. Die Schroffen und Zacken ragten ihnen drohend entgegen. In schwindelerregender Tiefe bewegte sich ein Twenty-Houl-Team, eines jener dreiteiligen Wagengespanne, vor dem zwanzig, paarweise bespannte Maultiere in schnellem Tempo durch die Gegend trabten.

Aus ihrer schwindelnden Höhe wirkte das ganze Team wie ein Spielzeug. Es tauchte aus einer Bodenwelle auf, kurvte am Waldrand entlang und verschwand wie ein Spuk gen Süden.

Gegen Mittag bewegten sich die Pferde über ein riesiges Plateau, dessen Felsgestein tiefrot glänzte. Hunger und Durst machte den drei Reitern schwer zu schaffen, und erneut hielten sie an und gönnten sich und den Tieren eine kleine Pause.

Als Parker eine Bemerkung über Susans Tapferkeit machte, sah sie ihn frei und offen an, erklärte: „Ich habe Pionierblut in den Adern und bin so schnell nicht kleinzukriegen.“

Als sie den Ritt wieder aufnahmen, setzte Clay sich an Susans Seite, sagte: „Ich habe den Eindruck, als wolle Edwin Moore unbedingt seinem Bruder einen Mann nachschicken, der ihm die Stiefel putzt.“

Sie nickte, sah ihn eine Weile von der Seite an, erklärte: „Ich nehme kaum an, dass Sie der Mann dazu sind, Clay.“

Nun wandte sie ihre ganze Aufmerksamkeit wieder dem beschwerlichen Ritt zu. Über Geröllhalden und zerklüftetes Gestein, das sich in bizarrer Schönheit vor ihnen ausbreitete, ging der Weg.

Die zunehmende Hitze zwang Susan dazu, sich der Jacke zu entledigen und sie hinten am Sattel festzuschnallen. Parker ritt voraus, und Clay hatte die Nachhut. Er hatte somit das Vergnügen, sie vor sich zu haben, und konnte sein Augenmerk, so oft er wollte, auf das anmutige Bild richten. Yeah, alles war friedlich ringsumher, und man konnte fast vergessen, dass eine tollwütige Meute auf ihren Fersen war.

Plötzlich kam Parkers Stimme zornig auf.

„Sie haben uns den Weg verlegt! Die Meute befindet sich schon auf dem Pass. Oh, Hölle, sie waren schneller als wir!“

„Haben sie dich gesehen?“

„No, bis jetzt noch nicht, und sie erwarten uns auch bestimmt nicht aus dieser Richtung.“

Unwillkürlich hatte Clay sein Reittier angehalten und blickte Susan an, die ihren Wallach kurzhielt und das unruhige Tier hin und her tänzeln ließ.

„Das Beste wird sein, wir steigen erst einmal ab, Susan“, sagte Clay schnell.

„Nun ja, eine kurze Rast ist immer angenehm“, dehnte sie.

Er sprang vom Pferd, half ihr aus den Steigbügeln.

Parker kam zurück. Er führte sein Tier heran und hobbelte es an.

„Sie haben sich häuslich eingerichtet, diese Schufte“, wütete Parker. „By Gosh, sie wissen genau, dass wir über den Pass müssen.“

„Wir brauchen nicht“, lächelte Susan.

Beide Männer sahen sich an. Clay zog die Stirn kraus und rieb sich das Kinn.

„Ich verstehe, Susan. Sie denken an den River?“

„Yeah!“

„Aber glauben Sie, dass sich Big Blacks Leute nicht ebenso dort eingenistet haben? Außerdem ist unser Aufzug derart auffällig, dass ...“

„Ganz einfach, wir wechseln die Kleider in dieser Nacht. Ich sprach doch schon von Mark Prondon. Seine Ranch ist ganz in der Nähe. Wir müssen nur die Dämmerung abwarten. Ich kenne dieses Gelände ziemlich genau, und es wird mir nicht schwer fallen, zu Marks Ranch zu finden. Vielleicht sollten wir überhaupt einige Tage bei ihm bleiben?“

„Das wäre auf keinen Fall zweckmäßig. Major Gabby dürfte eine kleine Schwadron Kavallerie zu Mark Prondon schicken. Ich möchte jede Wette halten, dass sie uns dicht auf dem Fuß folgen.“

Sie überlegten eine Weile und wurden sich klar, dass sie tatsächlich in der Klemme saßen.

„Egal wie es kommt, wir werden den Fluss benutzen“, sagte Clay nach kurzem Schweigen. „Vielleicht haben wir sogar Glück und können ein Schiff benutzen, das bis Dalmiton fährt. Unsere Bekleidung jedoch werden wir uns leider aus dem Drecknest Calters Bek holen müssen.“

Oh, Hölle, yeah, es gab keine andere Möglichkeit! Denn gerade dort, in Calters Bek, würde man sie am wenigsten vermuten. Die kleine Stadt lag zu offen, zu sehr auf dem Präsentierteller.

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2.

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Die Abenddämmerung senkte sich weich auf die kleine Stadt am Powder River, einem träge dahinfließenden, schlammig gelben Fluss, der seine trüben Wassermassen nach Nordost trieb.

Man nannte Calters Bek auch „Stadt des Schlamms“, denn in ihr war alles ebenso trübe und undurchsichtig wie im Fluss. Die Häuser schoben sich nahe ans Flachufer heran, schienen sich ängstlich zwischen die kahlen Hügel zu drücken, als ob sie voreinander Schutz suchten.

Es war, als ob in den morschen Bretterbauten noch die Angst jener Stadterbauer festsaß, die einst die Furt entdeckten und von einer wilden Athapasken-Horde überfallen wurden.

Außer den ungestrichenen, schäbig aussehenden Hütten gab es noch Lehmbauten, die sich am Stadtrand ausdehnten und kleine Gärten mit Gemüsebeeten und tief geschachtete Schwingbrunnen aufwiesen. Das trübe Flusswasser war ungenießbar, und es war schon angebracht, einen Brunnen zu besitzen.

Das allgemeine Bild des Schmutzes schien die Bewohner der Stadt wenig zu stören. Sie hatten sich daran gewöhnt. Calters Bek war kein Cowboyzentrum, keine Stadt, zu der Rinderhirten ihre Herden hintrieben und in der der Dollar rollte. Sie ernährte sich hauptsächlich vom Wollexport, die die Schafherden der Umgebung lieferten. Große Ballen davon lagen an den Piers aufgestapelt. Düstere Kerle arbeiteten hier und verfrachteten Wollballen in den gefräßigen Bauch eines Schaufelraddampfers.

Die „Elisa“ war das einzige Schiff, das zur Zeit im Hafen lag. Es war schmierig und rostig. Im selben Zustand waren auch die Mannschaft und der Kapitän.

An der Reling standen gelangweilt zwei scharfäugige Kerle. Wenn man sie längere Zeit ansah, fühlte man die Anspannung der beiden, bemerkte man die falkenartigen Blicke, mit denen sie ihre Umgebung musterten. Ab und zu spuckten sie einen Strahl braunen Tabaksaft in die leise ziehenden Wellen unter sich.

„Ich halte es für zwecklos, noch länger hier zu warten“, sagte der Kleinere der beiden, ein Kerl mit einem ungepflegten Gesicht.

„Sie wären wahrlich vom Wahnsinn befallen, wenn sie hierher kommen würden.“

„Fletscher ist ein schlauer Fuchs, und man weiß nie, was er vorhat. Denk nur an die Art, wie er aus dem Fort gekommen ist“, wandte der andere bedächtig ein.

„Himmel, yeah, aber er wird lieber nach Mark Prondons Ranch aufbrechen, als hierher zu kommen. Das heißt, wenn der Pass überhaupt schon besetzt sein sollte.“

„Vielleicht wittert er die Falle, die ihm Gabby stellen will. Ich bin nicht einmal so davon überzeugt, dass er Mark Prondon aufsucht. Eins ist jedenfalls sicher, sollte er sich mit Parker und Susan Jeffers hierher wagen, ist Gabby alle Sorgen los.“

Der Kleine grinste zynisch vor sich hin. Sein bleiches, eingefallenes Gesicht mit den lidlosen Augen wandte sich der Brücke zu, auf der der dickbäuchige Kapitän in einem Liegestuhl lag und sich von der Dämmerung einlullen ließ.

Lud Minor spitzte die Lippen und spuckte wieder einen braunen Tabakstrahl in die trägen Fluten, und der kleine Leo Askin neben ihm riss mit seinen gelben Raubtierzähnen ein großes Stück Priemtabak ab.

„Wir bleiben, wie der Boss es befohlen hat“, murmelte er. „Big Black ist auf Fletschers Skalp wie versessen. Unsere Leute sind überall postiert, und er kann praktisch nicht entwischen.“

„Sollte Fletscher es aber dennoch schaffen“, grinste der bleiche Minor, „dann ist Major Gabby die längste Zeit bei der Armee gewesen, dann wird er sich eine andere Tätigkeit suchen müssen.“

Bei diesen Worten tastete er nach seinen Eisen. Sie hingen ihm verteufelt tief auf den Schenkeln. Die Kolben der Waffen waren mit Kerben übersät.

Askin trug ein Schulterhalfter, und er machte sich nicht einmal die Mühe, die Waffe zu verdecken, trug die Jacke offen, so dass man den schwarz lackierten Kolben sehen konnte. Yeah, beide waren zwei höllisch scharfe Eisen, beide hatten ihre Lektionen hinter sich, und man sagte von ihnen, dass sie weder Herz, noch irgendwelche menschliche Regungen hätten.

Ihre Steckbriefe hingen in allen Towns. Doch was bedeutete das schon in einer Stadt wie Calters Bek? In einer Stadt, die nicht einmal einen Sheriff kannte, die in der Nähe des Forts lag, und die Big Black sein eigen nannte. By Gosh, sämtliche Städte, die sich in unmittelbarer Nähe befanden, waren tabu für den Boss. Das beruhte auf einem Abkommen, das er mit Gabby getroffen hatte, und an das er sich streng hielt.

„By Jove, Gabby hätte Susan Jeffers in Eisen legen sollen oder alles daran setzen müssen, sie aus dem Fort zu jagen. Stattdessen ließ er es zu, dass sie sich mit Fletscher in Verbindung setzte. Ah, er hat es sich selbst zuzuschreiben, wenn es diesmal hart für ihn wird!“

„Wer, zum Teufel, hätte ahnen können, dass sie es herausbekommen würde, he? Nicht einmal unsere Späher wussten, dass sie im Fort war. Aber noch ist es nicht zu spät! Alle drei werden in die Grube sausen, darauf kannst du dich verlassen!“

Das war endgültig.

Minor starrte zu den Häusern hin, zu den Maultiergespannen und Reitern, die sich durch die Fahrbahn bewegten, und zu den Pferden, die man an den Holmen abgestellt hatte.

Er klatschte sanft auf seine gekerbten Kolben und hob plötzlich den Kopf.

„Selter kommt!“

„Well, und er hat es verdammt eilig!“

Beide blickten auf den zerlumpten Burschen, der sich durch die schwer arbeitenden Männer drängte, die die Wollballen verluden. Der bullige, kleine Mann schwitzte, kam erregt heran und blieb schwer atmend vor den beiden stehen.

„Was ist los, Selter?“

Selter gehörte zu den Mittelsmännern, die Big Black in allen Städten unterhielt. Er besaß einen Store, handelte mit Waffen und Särgen in einem Schuppen, der außerhalb der Stadt lag.

„Seit wann trägst du einen Armeerock?“, schnappte Minor bissig. Er kniff die Augen zusammen und starrte den Storehalter eindringlich an.

„Einen ausgedienten Offiziersrock würde ich selbst dann nicht anziehen, wenn ich nackt wäre“, platzte Askin böse heraus und machte damit seiner Abneigung Luft, die er gegen die Armee hegte.

„Ich habe ihn angezogen, damit ihr sofort Bescheid wisst“, fauchte es von seinen Lippen.

Beide prallten wie von einem Peitschenschlag getroffen zurück, dann streckte Minor seinen langen Arm vor, krallte die Finger in den blauen Offiziersrock und zog den Storehalter mit einem gewaltigen Ruck heran.

„Fletscher?“

„Yeah, er ist in der Stadt!“

„Hast du ihn selbst gesehen?“

„No! Es standen jedoch drei Pferde mit dem Armeebrand nicht weit von meinem Store an einen Baum gebunden. Die Hufe waren mit Lappen umwickelt.“

Er keuchte, rang nach Atem, und der Schweiß grub Furchen in sein verstaubtes Gesicht.

Die langen Greifer Minors ließen nicht los, zerrten fester an seiner Kleidung.

„Drei Pferde mit dem Armeebrandzeichen – drei Braune mit weißer Blässe, wie?“

„Yeah, genau dieselben, Minor!“

„Mit leeren Satteltaschen?“

„Yeah“, fauchte der Storehalter. „Ich habe sie jedoch nicht geleert.“

„Diesmal glauben wir dir sogar, Kleiner“, hetzte Minor höhnisch heraus. „Was hast du sonst noch gefunden?“

„Einen Zettel, auf dem stand, die Pferde gehören dem siebten Kavallerie-Regiment und sind nicht verkäuflich. Sie sind abzugeben bei Major Gabby!“

„Allmächtiger, das ist ein starkes Stück“, fauchte Askin.

„Sag, was hast du unternommen?“

„Zuerst wollte ich Alarm schlagen, aber dann sagte ich mir, dass sie so nur vorsichtiger würden. Ich ließ also die Pferde, wo sie waren, und rannte zu meinem Store zurück. Dort fand ich meinen Gehilfen gefesselt und geknebelt vor. Ich befreite ihn, und er erzählte, dass er von Fletscher überwältigt worden sei. Er musste zusehen, wie man sich vor seinen Augen mit Kleidern, Munition und Proviant eindeckte, musste es sich in ohnmächtiger Wut gefallen lassen, dass Fletscher den Zettel auf seine Brust legte, mit der Bemerkung: Die Rechnung bezahlt die Armee für den rückständigen Sold an Captain Fletscher. Vorzulegen bei Major Gabby, so lange er noch im Dienst ist!“

„Oh, man hätte ihn in die Grube legen sollen“, wütete Minor mit verzerrtem Gesicht.

„Und das Mädel war auch dabei?“

„Yeah.“

„Sie befinden sich also in der Stadt?“

„Das ist anzunehmen! Wo sollten sie sonst sein?“

Minor gab sich einen Ruck, stieß den zappelnden Storehalter von sich, blies scharf den Atem aus.

„Well, es kann losgehen!“, zischte er.

„So groß ist Fletscher nicht, um aus dieser Mausefalle herauszukommen. He, Kapitän!“

Die schmierige Gestalt im Liegestuhl richtete sich schlaftrunken auf, blinzelte herüber.

„He, was schreist du so, Minor?“

„Fletscher ist in der Stadt!“

Mit einem Ruck richtete sich Kapitän Druja auf, und sein breitflächiges, stoppelbärtiges Gesicht wurde ausdruckslos. „By Gosh, er hat es geschafft!“

„Yeah, aber er wird es nicht schaffen, mit der Elisa nach Norden zu kommen, verstanden?“

Der Mann auf der Brücke nickte, erklärte: „Ich werde Posten aufstellen lassen.“

„Das genügt nicht! Du wirst die Arbeit einstellen lassen, die Anker lichten und ausfahren. Ich möchte kein Risiko eingehen.“

„Okay, in einer halben Stunde ist es soweit“, brummte der Kapitän.

Er versuchte nicht, Widerstand zu leisten. Er tat das, was in diesem Falle das Beste war: gehorchen! Er wollte keinen Verdruss, wusste, dass er sich auf seine kleine Mannschaft nicht verlassen konnte, und sah ein, dass jede Auflehnung nur zu seinem eigenen Schaden gereichen würde.

Langsam rückte er sich die Mütze tiefer ins Gesicht und sah zu, wie Minor, Askin und der Storehalter sich eilig über die Laufplanke zum Ufer bewegten.

„Eine eiserne Faust müsste man haben“, murmelte er heiser vor sich hin. „Die drei Burschen stinken mehr als meine Fracht in den Laderäumen.“

Nein er war kein Freund der Big-Black-Bande, und er glaubte auch nicht daran, was diese Burschen ihm von Captain Fletscher erzählt hatten.

Details

Seiten
180
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738915655
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Dezember)
Schlagworte
kein glück norden

Autor

Zurück

Titel: Kein Glück im Norden