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Löhndorff Gesamtausgabe #8: Unheimliches China

©2017 300 Seiten

Zusammenfassung

Als ich in mein Zimmer im „Gloucester Hotel“ in Hongkong zurückkehrte, saß dort ein Mann, den ich nicht kannte. Er war Holländer und hieß Harmsen – und er hatte schon jede Menge Alkohol getrunken. Zuerst wollte ich ihn hinauswerfen lassen, aber dann bettelte er förmlich darum, mir seine Lebensgeschichte zu erzählen. Sein Leben sei nichts mehr wert, sagte er, denn er sei mit Leib und Seele einer schönen Chinesin verfallen, die „Lotos auf blauen Teichen“ hieß. Harmsens erbärmliche Situation machte mich neugierig, und ich beschloss, ihm zuzuhören. In diesem Moment ahnte ich allerdings noch nicht, dass Harmsens Geschichte mich nicht mehr loslassen, sondern sogar selbst verfolgen würde. Bis zu dem Augenblick, an dem das Schicksal über Leben oder Tod entschied!

Leseprobe

ERNST F. LÖHNDORFF

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UNHEIMLICHES CHINA

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ROMAN

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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ALS ICH IN MEIN ZIMMER im „Gloucester Hotel“ in Hongkong zurückkehrte, saß dort ein Mann, den ich nicht kannte. Er war Holländer und hieß Harmsen – und er hatte schon jede Menge Alkohol getrunken. Zuerst wollte ich ihn hinauswerfen lassen, aber dann bettelte er förmlich darum, mir seine Lebensgeschichte zu erzählen. Sein Leben sei nichts mehr wert, sagte er, denn er sei mit Leib und Seele einer schönen Chinesin verfallen, die „Lotos auf blauen Teichen“ hieß. Harmsens erbärmliche Situation machte mich neugierig, und ich beschloss, ihm zuzuhören. In diesem Moment ahnte ich allerdings noch nicht, dass Harmsens Geschichte mich nicht mehr loslassen, sondern sogar selbst verfolgen würde. Bis zu dem Augenblick, an dem das Schicksal über Leben oder Tod entschied!

LI’PO: DICHTER DER TANG-DYNASTIE

Ich wache, und Mondstrahlen spielen um mein Lager,

glitzernd wie Raureif für meine staunenden Augen.

Und ich hebe mein Antlitz dem wundervollen Monde entgegen,

dann sinke ich zurück,

und Gedanken an die Heimat kommen.

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Fern

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Gewaltige gelbe Ströme fließen durch eine gelbe Landschaft, in der gelbe Menschen wohnen; Ströme, die den unnahbaren Gletschern des verbotenen Tibets entspringen, die jahraus, jahrein Abertausende von Menschen und Tieren verschlingen und nach langem Lauf sich in gelbe, von Taifunen aufgewirbelte Meere ergießen.

Bezaubernder und abstoßender Ferner Osten!

Shanghai, Tummelplatz ehrlicher und unehrlicher Abenteurer, ist der Nabel deines unübersehbaren Riesenleibes. Dein Herz und dein Gehirn kenne ich nicht, sie liegen dort, wo die heulenden Sandstürme der Gobi die geschnörkelten Dächer uralter Städte und Pagoden polieren. Singapore und Hongkong sind deine Augen, du fernöstlicher Gigant.

In diesen beiden Städten kommt denjenigen, die abendländische Kultur mit der Muttermilch einsogen, der Gedanke, als ob ihre Augen hier tatsächlich das ganze bunte Durcheinander erfassen könnten - erfassen vielleicht, aber nicht verstehen, denn der Ferne Osten, und besonders China, ist eine Sphinx.

Und in diesem Land alter Weisheit und dämonischen Aberglaubens, in diesen Städten, Dörfern und Tempeln, auf diesen Gewässern und in den Lüften darüber, befriedet von stiller, fremdartiger Schönheit, umlodert von Flammen und Rauch, durchtönt vom Marschtritt angreifender und flüchtender Armeen, dem Krachen niedersausender Fliegerbomben, spielen sich die nachfolgenden Ereignisse ab, die ich niederschrieb gegen Ende des Jahres 1938, fern von hier ... in China.

Obwohl ich im Fernen Osten weile, liegt mir nichts ferner, als ein Buch über chinesische Verhältnisse zu schreiben. Das kann nur ein Chinese selbst; denn um eine derartige Absicht einigermaßen ehrlich auszuführen, genügt es nicht einmal, wenn man ein paar Jahrzehnte hier draußen lebt; oder es gehört eben die Frechheit und Gewissenlosigkeit literarischer Globetrotter dazu.

Ein paar knappe Wochen hier - einige dort, jeweils ein erstklassiges Hotel, nette kleine Flirts, Cocktails, offene Augen und Ohren, etwas Kombinationsgabe - und alles zusammen ergibt ein Buch. Diese Methode nachzuahmen, fällt mir nicht ein, aber ich kann trotzdem etwas über China erzählen. China bescherte mir die seltsamsten Menschen, Erlebnisse und Schrecknisse, China nahm mir beinahe das Leben. Jetzt, da alles vor den Ereignissen des Krieges in die wenigen sicheren oder neutralen großen Küstenorte eilt oder schon geeilt ist, sind diese natürlich wahre Sammelplätze menschlicher Absurditäten geworden.

Hier traf ich ihn, den Holländer Harmsen, unter den dramatischsten Verhältnissen, die es im Leben geben kann. Ich schreibe alles so nieder, wie er es mir berichtete - eine Erzählung, die keinerlei Ausschmückung durch die Fantasie bedarf. Er ist nun tot, ich kenne nur den letzten und tragischsten Abschnitt seines Daseins.

Das Drama seiner Liebe, das von Hongkong über das teilweise zerstörte, ein Flammenmeer bildende Kanton bis zum ebenfalls brennenden Hankau führt und von den Schützengräben bei Shum Chun wieder nach Hongkong zurück reicht, hat als Schicksalsmotiv eine Frau, eine seltsame exotische Frau, in der Liebe und krankhafter Patriotismus sich stritten.

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Koloss auf tönernen Füßen

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Grünsilberne Schleier, die aus dem Perlfluss steigen, sich rasch verdichten und zu einer erst schillernden, dann langsam grau werdenden Dunstmasse verfärben. Gespensterhaft ruhen Zehntausende von Dschunken und Sampans auf der trägen Strömung.

Der seltsame Duft Kantons, ein Geruch, wie er über jeder größeren Chinesenstadt lagert und den hier die Nebel der Tropenhitze noch mehr verstärken, legt sich wie ein Gewand um den Europäer; ein Gewand, dessen schweren, ungewohnten Falten er sich gern entledigen möchte, wenn es nur ginge.

China wird von vielen fremden Nationen ausgebeutet, doch tut dies dem gewaltigen Reich keinen Abbruch, sondern dient ihm eher zum Vorteil. Doch China rächt sich trotzdem, es rächt sich durch seine Atmosphäre. Diese durchdringt die Gedanken und Handlungen aller Landfremden, und sie alle haben - auch die gesündesten und widerstandsfähigsten - ihre seltsamen Minuten, Stunden und Tage in diesem Land der Makueili, wie man die Geister nennt.

China blieb zweitausend Jahre stehen wie das Räderwerk einer nicht mehr aufgezogenen Uhr, und nun will es seit kurzem, mit den unbeholfenen, aber dennoch zielbewussten Schritten eines Riesen, die verschlafenen zweitausend Jahre einholen und sogar überflügeln. Der Koloss schreitet vorwärts, die Füße gleichen Tonklumpen, von denen die Zehen abbröckeln; das ganze gewaltige Gebilde schwankt, es droht umzufallen und zu zerschellen. Bürgerkriege und Angriffe von außen unterhöhlen den Boden, auf dem der Riese torkelt, bald rückwärts, bald vorwärts taumelt. Aber dennoch geht sein Weg vorwärts. Der Bienenfleiß von vierhundert oder fünfhundert Millionen - über die Zahl streiten sich Berufenere als ich - bescheidener, duldsamer, emsiger Menschen setzt dem Koloss immer wieder neue Gliedmaßen an seine Tonfüße, und deshalb schwankt er weiter. Aber eines Tages wird er fest dastehen, seine riesigen Arme wie Besen benützen und alles Fremde ins Meer fegen - so träumt jeder Chinese. Noch wird sein Patriotismus ausgenutzt von unehrlichen Generalen und Politikern, aber alles dies hält das langsame, zögernde Vorwärtstasten nicht auf.

Frei von europäischem oder amerikanischem Einfluss! - das ist der laut und leise geäußerte Traum eines jeden Chinesen und einer jeden Chinesin.

Aber kenne ich China ? Kann ich mir ein Urteil erlauben? Maskee! Nitschewo! Macht nichts.

Bei Kanton lag Nebel über dem Perlfluss. In Hongkong empfing mich ein Farbenrausch. Hongkong ist eine wunderschöne Stadt, ein Traum, der Wirklichkeit wurde. Britischer Fleiß und britische Kolonisationstüchtigkeit haben es geschaffen. Was machen ein paar Morde, Diebstähle und Schmuggeleien aus, wie sie fast täglich vorkommen. In Hongkong herrscht trotzdem Ordnung, eine unfühlbare, zwanglose Ordnung, aber dennoch ist sie da. Und deswegen ist diese herrliche, fantastische Buntheit, aus der die Terrassenstadt besteht, eines der schönsten Erlebnisse für den Reisenden.

Märchenbunte Bilder in unübersehbarer, sich an Fremdartigkeit und Schönheit förmlich übersteigernder Folge erfassen seine Augen. Er kann in einem erstklassigen Hotel sitzen wie in England und Amerika, oder er kann China um sich haben, wie es leibt, lebt, duftet, stinkt, wie es speist, wie es im Elend auf den Straßen schläft, wie es bettelt und arbeitet, stiehlt und ehrlich ist. Er kann Landschaften innerhalb und außerhalb Hongkongs erleben, die zu den schönsten dieser Welt gehören. Sonnenuntergänge, die aus purpurnen Fluten, goldenen Schleiern, ragenden Bergspitzen, sanften Hügeln und grellroten Dschunkensegeln zusammengewebt sind und ein Gemälde bilden, wie es kein Pinsel wiedergeben kann. Mondschein, in silbernen Bündeln und Flecken auf tintendunkler Flut schillernd ...

Alles, aber auch alles ist schön in dieser Stadt, sogar das Elend wirkt bunt und romantisch; und es gibt wahrhaftig genug Elend in dieser durch den Krieg auf über zwei Millionen angeschwollenen Menge. Hongkong ist mit Flüchtlingen überfüllt, seit die japanischen Bomber über die „gute Mutter Erde“ dahinbrausen und chinesische Guerillas Freund und Feind brandschatzen. Hongkong ist so schön, dass ich hier lange Zeit verweilen werde.

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Traumland

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WanChai Wasserfront!

Draußen auf den schillernden Fluten schwanken Schiffe aus aller Herren Länder, näher unter Land ragen die dunklen Umrisse englischer Kriegsschiffe, und auf der breiten, promenadenähnlichen Hafenstraße herrscht reges Leben: Chinesenfamilien, die sich ergehen, Bettler und Taschendiebe, Omnibusse, die mit großen Scheinwerferaugen heranrollen, anhalten, ein paar Menschen ausspeien und weiterfahren. Manchmal ein Taxi oder leiser Sohlentritt trabender Rikschakulis.

Kleine Kinder, die vor den erleuchteten Eingängen der Häuser spielen. Obdachlose, die zu Dutzenden, Hunderten und Tausenden auf freien Plätzen kauern oder längs der Häuser wie schwarze, ununterbrochene Linien des Elends auf dem Pflaster liegen. Lärm elektrischer Klaviere. Der große Sandsteinbau des Seemannsheims mit Kübelpalmen, welche die Aufgangstreppe einfassen. Geschrei, Gelächter und aus grell erleuchteten Nebenstraßen das Geknatter von Pulverfröschen.

Alte Chinesen mit unbewegten Gesichtern und langstieligen Pfeifen stehen vor ihren Läden. Maskenhaft und spöttisch überlegen mustern sie mich. Ihre Gedanken, die hinter den gelben Stirnen wohnen, sind ebenso überlegen. Kinder treiben sich umher, kaum zehn Jahre alt; ihre Augen sind schwarz und schon voll dunkler, halb verborgener Drohung gegen alles Weiße, alles Westliche.

Soll ich mich wundern, dass schon Kinder in mir dieses Gefühl auslösen? Doch das ist China! Und in China darf man sich nicht wundern, weil sonst keine Zeit für andere Dinge übrig bliebe.

Läden, langen Gewölben gleich, an deren Decken gepresste Enten wie seltsame Missgestalten im Luftzug zittern. Papierlaternen in allen Formen und Farben, von Fingerhutgröße bis zu solchen, in denen ein Mann bequem stehen könnte - grellbunt oder in wundervoll abgestimmten Farbtönen. Hellrotes und leuchtend blaues Neonlicht, das die fantastischen Schriftzeichen der Geschäfte übergießt, und überall raschelndes, murmelndes oder lachendes Leben. Als Zwischenspiel eine Ratte, gefolgt von einer zweiten, die im blitzschnellen Zickzacklauf die Straße überqueren und im Schatten der Hafenmauern oder eines Hauseinganges verschwinden.

Wieder das Geknatter der Pulverfrösche! Von den Fenstern des ersten Stockwerks einer großen Speisewirtschaft hängt ein Riesenkorb, aus dem sich plötzlich Hunderte von Zetteln ergießen, hin und her flattern und langsam auf das schmutzige Pflaster sinken. Quietschendes Gedudel, das hinter einem von Pflanzenkübeln und Wäschestücken verdeckten Balkon hervorkommt. Englische und amerikanische Kriegsschiffsmatrosen, schottische Hochländer und Tommies, ihre Stückchen unter dem Arm, eilen mit bezeichnender europäischer Hast suchend umher. Um sie wogt, flutet und ebbt China, sitzen und gehen Menschen, für die das Wort Zeit nur ein leerer Begriff ist.

Eine geschmacklose, hell erleuchtete Hausfront taucht auf und ein winziger kubistischer Eingang. Die Chinesen, die dort umherstehen, werfen lange Schatten auf die Straße. Innen befindet sich die Bar, die nur alkoholfreie Getränke ausschenkt. Einige Tische, Stühle und Bänke und weiß gekleidete, mich gleichzeitig frech und unterwürfig musternde Chinesenkellner stehen umher. Dann eine große quadratische Tanzfläche, eingefasst von eng nebeneinander stehenden Stühlen. Rechts befinden sich neben dem erhöhten Podium der Musiker noch einige Tische, an denen Tommies sitzen. Vor ihnen blinken Gläser mit Fruchtsaft, doch manchmal greift einer von ihnen nach der verborgenen, mit Whisky gefüllten Hüftflasche.

Schlag neun belebt sich das Tanzparkett, die Reihen der Stühle werden besetzt von Chinesinnen aller Provinzen des großen Reiches: Tanzmädchen, deren Beruf es ist, zu tanzen und krampfhaft lustig zu sein! Einige Halbblütige sind darunter. Die Vollblutchinesinnen sitzen sehr ruhig da, ihre Gesichter, die sie mir manchmal zuwenden, sind Masken. Ich weiß nicht, was sie von mir halten, und wenn ich versuche, mich in ihr Dasein hineinzudenken, so erfahre ich zu meinem Erstaunen, dass das nicht möglich ist. Eine fremde Atmosphäre steht wie eine Mauer zwischen mir und jenen.

Es fällt mir auf, dass keines dieser Mädchen sich auffällig benimmt; still sitzen sie da und warten auf Tänzer, die sehr selten sind, oder tanzen paarweise, und zuweilen lachen sie hell und klingend wie Kinder.

Ich weiß, sie verdienen nicht viel, manche leidet Hunger, und dennoch, keine dieser Asiatinnen drängt sich auf oder wirft etwa mit herausfordernden Blicken um sich. Deswegen ist „Dreamland“, dieser Tanzpalast an der Wan Chai Wasserfront, immer schlecht besucht, denn der europäische Kriegsschiffsmatrose, und lediglich solche verkehren dort, geht nur so lange dahin, als der Reiz des Fremdartigen und Neuen ihn in Bann schlägt.

Ich sehe die Gesichter der Tanzmädchen. Sie alle sind eigenartig schön, und alle diese Mädchen sind gut gewachsen, unauffällig angezogen und ohne Aufdringlichkeit zurechtgemacht. Ein Gegensatz zu Europa, diesmal ein wohltuender.

Gesichter mit Pfirsichblütenhaut, bräunliche von der Grenze Siams oder Indochinas, dann zitronengelbe und solche, die im grellen Licht der Neonlampen fast grünlich wirken, und andere wieder, die so weiß sind wie frischer Schnee, dazwischen alle Abstufungen von Hautfarbe. Gesichter, die manchmal lächeln und mich unergründlich anschauen. Dazu moderne Jazzmusik und Tanzende.

Das beste europäische Tanzpaar im „Gloucester“ in Hongkong wirkt plump gegen die natürliche Geschmeidigkeit eines chinesischen Mädchens, dessen Leben darin besteht, Abend für Abend mit fremden Männern zu tanzen. Die Chinesin tanzt nicht nur gut, sondern auch anständig; und wenn überhaupt jemand tanzen kann, dann ist es die Chinesin.

Und wieder gehe ich hinaus auf die Straße. Rikschakulis bieten mir ihre Dienste an, lassen aber sofort ab, wenn ich ein lächelndes „Niao“ rufe. Sie lächeln dann selbst.

Seltsam, manchmal oder oft - ich weiß nicht, wann und wie und wo - ist Chinas Gesicht ein freundliches, sympathisches. Doch das sind Blitze, die eine Nachtlandschaft erhellen.

Die Hafenstraße ist immer noch belebt. Dunkle Gruppen, auf und ab wandelnde Liebespaare, Kinder, Leute auf Fahrrädern mit rasselnden Klingeln. Die großen, plötzlichen Lichtaugen der Automobilscheinwerfer, die mich rasch umfassen, alles in grelle Fluten tauchen und mich ebenso schnell in weiches Halbdunkel zurücktaumeln lassen. Feuerfrösche krachen.

Die helle Front von „Traumland“ versinkt hinter mir ...

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Der eigentliche Anfang der Geschichte

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Vom Balkon meines Zimmers im siebten Stockwerk des „Gloucester Hotels“ zu Hongkong kann ich in eine tiefe Straßenschlucht hinabschauen. Dort unten sehe ich Autos, Rikschas, Palankine, Straßenbahnen und viele, viele Menschen - elegante Weiße, Chinesen, Hindus und andere bunte Rassen. Zu gewissen Zeiten verschmilzt das Gewimmel ineinander, und ich kann mir mit sehr wenig Phantasie einbilden, in die Tiefe des Grand Canon hinabzuschauen, zweitausend Meter senkrecht hinab, wo bunte Nebel und Dünste über dem unsichtbaren Wasser des brüllenden Colorado tanzen ...

Nach diesem Balkon der Träume hatte ich mich soeben zurückgesehnt, denn die Musik im „Cafe wise man“ war wirklich nicht schön, eine Beleidigung der Ohren und des Magens, wenn man sich gerade beim Essen befindet. Ich hatte ein sehr spätes Frühstück eingenommen und strebte jetzt zum Hotel zurück, voller Verlangen nach dem Blick auf meine Straßenschlucht.

Der Aufzug brachte mich nach oben. Im Korridor saß der weiß gekleidete Page, der die Schlüssel hütete und gleichzeitig Schuhe putzte - recht schlecht, wie mich Erfahrung lehrte. Maskee! Macht nichts! Mit diesem Wörtchen schüttelt man im Fernen Osten die Dinge ab, die unangenehm und unabwendbar sind. Aber sonst ist das „Gloucester“ erstklassig, und ich kann das höchste Loblied auf seine halb wienerische, halb schweizerische Leitung anstimmen.

Mein Schlüssel hing nicht am Brett. Ah, ich hatte ihn ja stecken lassen. Maskee! Ich schritt über den Korridor, öffnete meine Tür und starrte in das käseweiße Gesicht eines gutgekleideten Europäers, der mir einen Revolver entgegen hielt.

Ich handelte rein gefühlsmäßig, meine Hand schnellte vor, ein kleiner Ruck, und dann war der Revolver vorläufig mein. Der Mann hätte mich aber trotz meiner Schnelligkeit dreimal erschießen können, aber anscheinend wollte er es gar nicht. Ein Rundblick überzeugte mich, dass im Zimmer alles unberührt war. Also kein Dieb! Er zitterte am ganzen Leib, sein Gesicht war wirklich grün-weiß, und seine Augen erinnerten mich irgendwie an die eines geprügelten Hundes.

„Nun, wo fehlt es denn?“, entfuhren mir die Worte.

Mein unheimlicher Gast stöhnte leise: „Ach!“ Also ein Landsmann, denn ich hatte deutsch gesprochen. Wie ein Kind ließ er sich zum nächsten Sessel führen und sank auf dem Polster zusammen.

„Ich wollte ... ich wollte mich erschießen!“, flüsterte er. Seine Aussprache des Deutschen war hart und erinnerte an Holland.

„Ausgerechnet in meinem Zimmer! Mann Gottes, es kommen ja in Punkto Selbstmord und so weiter allerlei Edgar Wallace ähnliche Sachen in diesen Hotels des Fernen Ostens vor, aber warum gerade hier in Nummer 715, wo ich hause?“

„Ich war heute Nachmittag oben im Speisesaal, in der Gesellschaft, nachher irrte ich allein umher. Habe verschiedene Türen probiert und fand Ihre offen!“

Seine Stimme hatte entschieden einen fremdartigen Klang. Ich war num sicher, ohne dass er es mir gesagt hatte - der Mann war ein Holländer.

Ich drückte auf den Klingelknopf, der Boy kam.

„Zwei Flaschen Ingwerwasser und einen doppelten Napoleon-Brandy!“, bestellte ich. Lautlos huschte der Boy hinaus.

„Jetzt beruhigen Sie sich erst einmal, und dann schütten Sie Ihr Herz aus. Wenn es sich aber um Geld handeln sollte, dann kann ich allerdings nicht helfen, denn ich besitze selber nur wenig. Sie wissen ja, wie es mit den Devisen für uns Deutsche bestellt ist“, ermunterte ich ihn.

Sein Gesicht verzerrte sich zu einem müden Lächeln. Langsam griff seine Hand in die Brusttasche und zog ein dickes Banknotenbündel hervor. Er hielt mir das Geld hin, und seine Augen sagten, als spräche er es in Worten: ,Geben Sie mir die Waffe wieder, Sie können die Summe behalten!“

Ich schüttelte den Kopf, zögernd steckte er das Geld wieder ein. Jetzt kam der Boy und brachte die Getränke. Ich unterschrieb den Schuldschein, der Bedienstete ging.

„So, trinken Sie jetzt den Kognak und hinterher das kalte Ingwerwasser!“

Mein Gast ergriff das Glas. Seine Hand zitterte, die Hälfte der guten Flüssigkeit, für die das „Gloucester“ zu loben ist - im Gegensatz zu dem nebenan gelegenen „Hongkong Hotel“ in Pedderstreet, wo leider manchmal gepanscht wird -, ging verloren. Sein Gesicht bekam wieder Farbe, die Augen verloren ihre Starrheit. Unaufgefordert trank er nun das Ingwerwasser, und mit einem tiefen Seufzer leimte er sich dann zurück.

„Lotos auf blauen Teichen!“, murmelte er und stöhnte wieder. Ich wartete gespannt, was folgen würde. Das klang nach Japan, ich war vor kurzer Zeit aus dem Land der aufgehenden Sonne gekommen. Geishas und nette, höfliche Menschen kehrten in meiner Erinnerung ein ...

„,Lotos auf blauen Teichen will mich verlassen! Ganz China brennt an allen Ecken, Leichen stinken zum Himmel, eine Millionenbevölkerung flüchtet auf den Landstraßen dahin. Bettler, Aussätzige, Diebe und Leichen bleiben in den Städten zurück. Und die Japaner rücken immer weiter vor.“

Nach diesem gestammelten Durcheinander schwieg er wieder.

„,Lotos auf blauen Teichen ist wohl eine Japanerin?“, erkundigte ich mich.

Er schüttelte verneinend den Kopf. „Eine Vollblut-Chinesin aus dem alten Peiping. Ach, sie ist schön wie ...“, seine Worte erstarben in einem Wimmern.

„Weiß schon! So schön wie eine Kitschszene aus dem Hollywoodfilm, betitelt ,Glanz des Femen Ostens' “, entfuhr es mir hart, denn der Mann da spielte mir eine zu verächtliche Rolle. Da saß er, der mindestens seine fünfzig Jahre auf dem Rücken hatte, ein kräftiger Holländer, wie ein altes Weib im Sessel und dachte an Selbstmord, weil irgendeine Chinesin nichts mehr von ihm wissen wollte!

„Kipling sagt ...“, fuhr ich fort.

Er unterbrach mich: „Ich weiß, was Kipling und Sie sagen: ,Ost ist Ost, und West ist West, und zwischen beiden gibt es kein Verständnis, außer den Regenbogenbrücken der Fantasie!“'

„Hm!“, machte ich erstaunt, der Mann sah eher wie ein fahrender Kaufmann aus und nicht wie ein Kollege von der Feder.

„Kann ich einen Whisky Soda haben?“, fragte er nach einer Pause.

Ich musste lachen und war dann noch erstaunter, als er auf meine Antwort: „Zwei, wenn Sie wollen!“, schlagfertig entgegnete: „Dann lieber gleich drei. Es wird mich wieder auf die Füße stellen.“

Ich klingelte, der Boy führte den Befehl aus. Nach dem dritten Glas wurde mein Besucher schon merklich ruhiger, und das vierte - ich bestellte nämlich auch dieses - wirkte Wunder. Ein sonnenverbrannter, energischer Fünfziger saß in meinem Sessel und lugte sichtlich beschämt nach dem Revolver, mit dem ich immer noch gedankenlos spielte. Ich nahm rasch die Patronen heraus.

„Wollen Sie sich immer noch totschießen?“

Zuerst kam ein kleiner Seufzer und ein gemurmeltes: „Lotos auf blauen Teichen“ und schließlich ein kräftiges: „Nein, ich muss verrückt gewesen sein!“

„Whisky, alles Whisky, lieber Freund. Schaffen Sie sich doch eine andere an, zum Beispiel eine, die Mandelblüte über grünem Rasen heißt. Das ist doch hierzulande nicht schwer und kostet nur hundert Dollar im Monat!“, riet ich.

Er wehrte ab. „Kipling hat recht ... Darf ich jetzt gehen? Ich fühle mich wie ein Schuljunge.“

Sonderbarer Kauz! dachte ich. Aber er schien wirklich nicht mehr an Selbstmord zu denken. Vielleicht würde ich ihn später einmal wiedersehen.

„Hier, nehmen Sie Ihre Kanone wieder mit. Ich habe keinen Waffenschein, und die Engländer sind höllisch scharf in solchen Dingen“, sagte ich.

Er erhob sich, steckte Revolver und Munition ein.

„Herzlichen Dank!“, endete er steif, machte eine ebenso steife Verbeugung und ging. Ich eilte ihm mit dem nächsten Aufzug nach und lief unten durch die Halle. Richtig, da sah ich ihn, wie er selbstbewusst in ein schnittiges Zweisitzercabrio stieg und über die „De Voeux Road“ davonsurrte.

Beruhigt kehrte ich zurück. Herr Heller, der zweite Geschäftsführer, kam nachher auf einen Schluck Pilsener zu mir.

„Sonderbare Leute gibt es hier!“, sagte ich.

Er nickte: „Ja, es gibt hier in China viele Leute, Europäer besonders, die stunden- oder tageweise ganz verrückt sind. Maskee! Wenn Sie lange genug hierbleiben, werden Sie’s auch.“

„Lotos auf blauen Teichen!“, sagte ich abwesend...

Er blinzelte mir zu. „Ist sie hübsch? Wohnt sie in der Queensroad oder in Wan Chai ?“, neckte er. Wir tranken uns zu und lächelten.

Und dann vergaß ich in der Fülle anderer Ereignisse den Mann mit dem Revolver. Erst als ich eines Nachmittags einen kleinen Club an der Wasserfront in der Nähe von Blake Pier aufsuchte, sah ich ihn wieder. Der Raum war fast leer, der Mann saß allein in einer Ecke. Jetzt war er mir eigentlich unsympathisch, denn er trank nicht, sondern er soff geradezu! Während der kurzen Zeit seit meinem Eintritt hatte er schon genug getrunken, um einen gewöhnlichen Sterblichen unter den Tisch zu bringen; auf ihn aber schien der Alkohol die gegenteilige Wirkung auszuüben.

Seine Gestalt straffte sich sichtlich, der unstete Blick wurde ruhiger, heller. Ich setzte mich unaufgefordert an seinen Tisch, obwohl mir der chinesische Boy heimlich abgeraten hatte; Master Harmsen liebe keine Gesellschaft. Er schaute mich auch sehr abweisend an, als ob er mich nicht wiedererkennen würde.

„Ich wollte Ihnen doch einiges aus der Mandschurei erzählen“, fing ich aus dem Stegreif an. Eine merkwürdige Einleitung, aber merkwürdige Leute sind nur auf solche Art zu fangen.

„Meinetwegen vom Mond. Scheren Sie sich zum Teufel!“, brummte er und nahm einen mächtigen Schluck.

„Gemütsmensch!“, lachte ich und bestellte mir eine Flasche Holstenbier.

„Gemüt? Glauben Sie noch an so etwas?“

„Natürlich!“, antwortete ich.

„Maskee! Dann sind Sie eben ein Gemütsmensch. Prost! Und worüber wollen Sie erzählen? Aus der Mandschurei oder Mandschukuo, wie das heute heißt ? Wie sieht’s in Harbin und am Amur oben aus? Kleine Keilerei im Gange zwischen den Söhnen der aufgehenden Sonne und den Towarischs Väterchen Stalins?

Obwohl er mich nicht wieder erkennen wollte, war doch das Eis gebrochen. Harmsen fing plötzlich an zu erzählen. Er gehörte zu jenen Menschen, die eine natürliche, aber übertriebene Scheu fast ein Lebensalter davon abhält, Gesellschaft zu suchen. Eine sehr gefährliche Einstellung zum Dasein, nebenbei bemerkt. Dazu war er dreißig Jahre in China, sieben davon in Kanton. Wer Kanton kennt - seit einigen Wochen ist es mehr oder weniger ein Aschenhaufen -, der wird nachdenklich.

Außerdem Arbeit - nicht übertrieben -, ferner Alkohol, kleine Konkubinen, vielleicht einmal eine Periode Opium oder Heroin - das Ergebnis ist nicht schön.

Ganz überraschend begann Harmsen zu erzählen. Es war, als ob aus einer entkorkten Seltersflasche der Schaum herausschießt. Nach einer Weile wurde der Fluss seiner Rede langsamer, klarer und, worüber ich erstaunte, schöner, wahrhaft poetisch. Es handelte sich nicht um das übliche Gejammer eines alten Trinkers nach dem verlorenen Paradies, ganz im Gegenteil.

Harmsen merkte gar nicht, wie sehr seine Worte mich gefangennahmen und wie ich mich bemühte, sie zu behalten. Wir waren jetzt ganz allein. Der Club war leer, die Boys hielten sich hinter der Bar auf. In der Folge kamen wir noch oft an solch stillen Abenden zusammen, zuweilen im Club, manchmal auch drüben in Kowloon, wo er eine Villa bewohnte.

Nach und nach erzählte Harmsen mir die ganze lange Geschichte von ,Lotos auf blauen Teichen', das Schicksal der seltsamen Chinesin und seiner einzigen großen Liebe.

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Und also sprach Harmsen

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... kleine, süße Lotosblume, ich denke immer an sie, sie ist so schön und bezaubernd! Die Monate, die sie nun bei mir weilt, verstrichen wie Stunden. Ich lebe in einem Märchen. Aber zuweilen denke ich daran - und die Anzeichen mehren sich bereits -, dass die schöne Idylle ihr Ende nehmen kann, das macht mich oft traurig und verzweifelt. Soll es mir so gehen wie so vielen anderen, deren Märchen in Grau erlosch?

Früher, als ich allein war, ein einsamer, alternder Mann, da wünschte ich mir oft eine schöne, alles verstehende Frau, ihr wollte ich meine Erlebnisse und Wünsche zu Füßen legen. Und dann kam ,Lotos auf blauen Teichen' plötzlich in mein Leben, das durch ihre Gegenwart wieder Glanz empfing. Aber trotzdem wir uns lieben, verstehen wir einander nicht ganz. Weiß Gott, es liegt nicht an uns, wir geben uns redliche Mühe; aber ein Abgrund gähnt zwischen uns, eine vieltausendjährige, unüberbrückbare Kluft, die uns voneinander trennt.

Osten und Westen können nie zusammenkommen. Sonne und Mond werden nie zusammen am heiteren Himmel wandeln. Wenn das Tageslicht im flammenden Erröten untergeht, kommt die Nacht; unaufhaltsam schiebt sich ihr Düster empor und breitet sich aus. Manchmal aber, ausnahmsweise nur, verwandelt sich das Grau in die wundervolle Skala durcheinander huschender Farben; vom prangenden Rot bis zum leuchtenden Grün breiten sich Töne aus, die dem Schmelz der schönsten Meeresmuschel gleichen und Tag und Nacht mit feenhaften Wunderbrücken verbinden. Doch bald erlischt der Zauber, unerbittlich nach dem Tag kommt die Nacht.

So ist es zwischen Lotos und mir, auch uns verbindet eine Brücke des Lichts, die nur trügerischer Schimmer ist. Manchmal denke ich wirklich, das schöne Bild, dieses schöne Märchen gehörte ganz mir, und ich verstünde es bis in die geringste Einzelheit ... Da stirbt das Licht, und ich schaue in das unergründliche Gesicht einer Sphinx. ,Lotos auf blauen Teichen' ist Chinesin, und das sagt alles, aber auch alles ...

Eine kleine, süße Mandschufrau, die das Schicksal von der großen Mauer hinab nach Kanton und dann weiter nach Hongkong und schließlich in meine Arme verschlug. Sie ist wirklich reizend. Ihre Augen sind groß und schwarz, und wenn je das abgegriffene Wort von den Teichen, in denen man ertrinken möchte zutrifft, dann sind es ihre Augen. Ihre Haut ist elfenbeinfarben wie bei vielen Chinesinnen des Nordens; sie pflegt durch stundenlange, geduldige Arbeit den Glanz halbreifer Pfirsiche darauf zu zaubern, und ihre Lippen gleichen der gespaltenen roten Kirsche. Aus diesem allerliebsten Spalt schauen die kleinen, weißen Zähne, wenn sie lacht. Wie melodisches Vogelgezwitscher klingt ihr Lachen, es verschönt ihr kleines Gesicht entzückend. Ihr Wuchs ist wie - nun, jeder, der den Femen Osten kennt, und sei es auch nur Shanghai oder Hongkong, wird mir bestätigen, dass wenige Geschöpfe unter der Sonne so viel natürliche Anmut entfalten wie diese schlanken Chinesinnen.

Lotosblume trägt wie die meisten Frauen ihres Landes den ,Yshang‘. Er erinnert an ein eng anliegendes, an der Seite bis zum Knie geschlitztes Abendkleid ohne Vorder- und Rückenausschnitt mit einem den Hals umschließenden Kragen, dessen Höhe alle paar Jahre je nach der Mode wechselt. Die Ärmel sind kurz oder halblang. Dazu trägt sie hohe Stöckelschuhe. Es ist das raffinierteste Kleid der Welt, aber nur die Chinesin kann es tragen, jede andere Frau würde darin plump oder gemein wirken.

,Lotos auf blauen Teichen* besitzt die natürliche Anmut einer Königin, ihr Gang ist ein Gleiten in vollster Harmonie des Körpers. Sie macht darin keine Ausnahme unter vielen ihrer Mitschwestern, aber dennoch ist sie für mich etwas Besonderes; denn ich lernte sie so gut kennen, wie man eine Chinesin nur kennenlernen kann. Wie sehr lernte ich sie kennen - und doch wie wenig! ...

Manchmal, auf einer Wanderung oder Autofahrt, taucht plötzlich eine betörend schöne Landschaft vor einem auf. Man hält an, bewundert sie und fürchtet - nein, man weiß es schon genau -, beim Näherkommen wird sich die ganze herrliche Farbenpracht verlieren; aber trotzdem steht man still und bewundert. Tritt man jedoch näher - dann auf einmal erlischt die Sonne, der glänzende Zauber wird aufgeschluckt, ausgelöscht vom Grau der Dämmerung und dem Dunkel der rasch folgenden, undurchdringlichen Nacht ...

Sehen Sie, so ist’s mit den Frauen des Fernen Ostens, wenn wir, deren Wiege im Westen stand, ihre Seele erhaschen wollen.

,Lotos auf blauen Teichen'! Ich fand sie hier in Hongkong, der wundervollen malerischen Stadt, die auf einer Insel ruht, welche dem weit geöffneten Kelch einer riesenhaften Lotosblume gleicht. Und ihr gegenüber liegt Kowloon, das Land der neun Drachen, und dahinter das unendliche Reich der Mitte. Neun Drachen! Aber der Drache bedeutet hierzulande kein böses Tier aus der Sagenwelt, sondern er verkörpert höchste Freude und höchstes Glück.

Als ich sie zum ersten mal sah, stand ich an der ,Star Ferry‘ und wollte gerade nach Kowloon übersetzen, wo ich im ,Peninsula' mein Zimmer hatte. Das Boot legte eben an, und mitten in dem Gewimmel bunter Nationalitäten, welche die Wasserfront Hongkongs im Verein mit Dschunken und ankernden Dampfern so anmutig beleben, entdeckte ich eine schlanke, reizend gekleidete Chinesin. Hinter ihr lief die Amah her, die ein Köfferchen trug. Ein halbnackter Kuli, dem der Schweiß lange Furchen über die bestaubte Brust zog, kam mit einem großen Koffer aus der dritten Klasse heraus und schloss sich der Amah an.

Ich weiß nicht, wie es geschah, denn es ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, mit einer besseren Chinesin auf der Straße anzuknüpfen - aber unsere Augen trafen sich. Ich lächelte ohne irgendwelche Hintergedanken. Sie schaute anmutig zu Boden, blickte wieder auf, und dann las ich die Botschaft, eine Botschaft, die so klar und deutlich war, als hätten Worte geklungen: ,Will der große weiße Barbar mir helfen ?‘ ...

Ich stand einen Augenblick verwirrt, da war sie schon vorbei, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen. Der Kuli mit dem Holzkoffer stieß ein paar Kehltöne aus, beinahe streifte mich seine Last.

Die Absicht, nach Kowloon hinüberzufahren, gab ich vorläufig auf, schritt langsam der kleinen Prozession nach und gab gut acht, sie nicht aus den Augen zu verlieren, denn die Straßen von Hongkong wimmeln von Menschen. Aber ich brauchte nicht weit zu gehen, alle drei verschwanden im Eingang des „Cecil“.

In diesem Hotel verkehren ehrliche Seeleute, eine halbwegs gute Kapelle - Musik ist leider ein schwacher Punkt in dieser von England erschaffenen Wunderstadt - spielt dort Wiener Walzer. Aber das „Cecil“ ist doch in mancher Hinsicht ein wenig anrüchig.

Nun, der Chinese hat eine von uns Menschen des Westens gänzlich verschiedene Lebensauffassung, und diese äußert sich natürlich auch gefühlsmäßig. Ich wunderte mich daher nicht, dass diese Dame, der man ansah, dass sie nicht zu den Töchtern der Freude gehörte, ins ,Cecil‘ ging.

Maskee! Macht nichts! dachte ich. Mit Maskee tut der Chinese Tod und Leben ab, mit Maskee setzt er sich über Cholera, Dammbrüche, Hungersnot und japanische Angriffe und Fliegerbomben hinweg.

Im Hotel fragte ich den chinesischen Geschäftsführer nach dem Namen der Dame, die vermutlich eben ein Zimmer genommen hätte. Seine Schlitzaugen betrachteten mich prüfend, er zuckte die Achseln, lächelte vielsagend, als wollte er ausdrücken: ,Nichts zu machen bei der da, mein lieber, verdammter, rotgesichtiger weißer Barbarenteufel!‘

Nun, ich bin sieben Jahre in Kanton gewesen und kann daher gut Kantonesisch. Ein „Fettih! Fettih! - schnell, schnell!“ ließ ihn die schwarzen Augenbrauen noch höher emporziehen, dann kam eine Flut von Kantonesisch über seine schmalen Lippen:

„Vermutlich ein Flüchtling, kommt aus Kanton mit ihrer Amah. Der letzte Luftangriff der Japaner veranlasste sie, hierher zu reisen. Morgen präsentiere ich die Rechnung, und wenn sie kein Geld hat oder keinen wertvollen Jadeschmuck, dann - maskee! - muss sie hinaus. Sie kann ja Tanzgirl werden im „Dreamland“ draußen in Wan Chai oder nebenan im ,Majestic!‘ Das Leben ist hart, Sir, auf den Straßen schlafen Hunderttausende von Flüchtlingen, wie Sie bemerkt haben werden.“

Er zuckte die Achseln und lächelte heuchlerisch.

Ich legte meine Karte auf den Tisch. Er warf einen Blick darauf, dann grinste er untertänig: „Zu Ihren Diensten, Sir! Die Dame wird nicht auf die Straße gesetzt, wenn sie keine Mittel haben sollte.“

„Sorgen Sie bitte dafür“, erwiderte ich. Seine Augen wanderten nach dem Telefon. Nur meine Gegenwart hielt den unverschämten Burschen ab, im Peninsula anzurufen und sich nach meiner Zahlungsfähigkeit zu erkundigen. Da zog ich einen Hongkonghunderter aus der Tasche.

„Wo der herkam, sind noch mehr!“

Mit diesen Worten gab ich ihm das Geld. Seine Höflichkeit wurde jetzt triefend. Damit will ich nicht ausdrücken, dass alle Chinesen unsympathisch sind, im Gegenteil; aber nirgends in der Welt gibt es größere Gauner und Schufte, liebenswürdigere, ehrlichere Menschen, größere Patrioten und auch das gerade Gegenteil von allen in solch gleichmäßig verteilter Menge wie in China! Der Kuli und der Bauer sind das eigentliche Rückgrat dieser seltsamen Nation.

„Sprechen Sie Mandarin?“, fragte ich.

Er nickte. „Das Haus meines ehrwürdigen Vaters und seiner, vortrefflichen Ahnen steht in Peiping.“

Bei der Erwähnung seines Erzeugers machte er eine kleine Verbeugung. Der ganze Mann war sofort sympathisch. So sind sie alle! Eltern und Ahnenkult sind ihnen das Höchste, und dazu sind sie sehr kinderlieb. In chinesischen Augen ist es zum Beispiel der Höhepunkt an Barbarei, dass wir Weißen Heime haben, in die wir unsere alten Eltern einkaufen können; so etwas versteht ein Chinese einfach nicht.

„Dann richten Sie der Dame aus - und ich verlasse mich auf Ihre besondere Höflichkeit!-, dass der Herr, den sie an der Star Ferry sah, sie bittet, keine Sorge zu haben. Ich fragte Sie eben, ob Sie Mandarin sprechen, weil ich glaube annehmen zu dürfen, dass die Dame aus dem Norden stammt.“

Er nickte wieder. Wahrscheinlich wunderte er sich zum tausendsten Mal darüber, dass die weißen Barbaren so viel Aufhebens um Frauen machen. Der Chinese ist in der Beziehung anders. In einem weißen Haushalt bedarf es vieler Donnerwetter, und die aufwartenden Boys werden es von Zeit zu Zeit immer wieder vergessen, und zwar mit voller Absicht, dass man die Missy zuerst bedient und dann erst den Master.

Ich verließ das „Cecil“. Wunderbare, geheimnisvolle Frau! Tief in Gedanken fuhr ich hinüber nach Kowloon ...

Vom Hotel schaute ich auf das Hafengewimmel. Der Singsang eines Fischverkäufers drang zu mir herauf. Es war doch gut gewesen, dass ich Kanton verlassen hatte; jetzt wusste ich das erst richtig ...

Ist es hier nicht schön? Die rötlichen Segel der Dschunken glühen wie Drachenflügel in der Sonne. Wie Schnee glitzern die weißen Schaumkronen draußen in Repulse Bay, Deepwater Bay, Bigwawe Bay und wie sie alle heißen! Wundervoll klingt der Gesang der braunen nackten Männer, die an den Tauen ziehen, herüber. Die grünen Hänge, die wie schwere Falten Samt ins tiefblaue Meer sinken. Die roten Hibiskusblüten, die Palmen, die Eukalyptusbäume und die Föhren des hohen Nordens bilden eine üppige Wildnis.

Herrliche Schmetterlinge, wie man sie sonst nirgends in China sieht, wiegen sich in den warmen Lüften. Merkwürdig bunte Vögel, die von weitem wie Elstern aussehen und aus der Nähe Fasanen und Papageien gleichen, beleben die Büsche. Villen klettern die Berge hinan, und der Victoria Peak trägt manchmal eine Krone aus milchweißen Dünsten. Wahrlich, die Engländer haben ein Paradies aus Hongkong geschaffen. Aber kein Paradies ohne Schlange!

Hongkong! Traumland! Glücklicher Ort, wo das alte China und das moderne Europa Seite an Seite schreiten; wo mächtige Bauten sich neben Strohhütten türmen; wo die elegante Residenz neben dem geschnörkelten Tempel steht; wo alles ein Farbenrausch, eine wilde Tonsymphonie, ein fortwährendes Genießen und sich gehen lassen ist; wo größter Reichtum und erbärmlichstes Elend, menschliche Güte und Gemeinheit sich zu einem seltsamen Durcheinander vereinen, aus dem bald hier, bald da ein Sternchen abbröckelt und durch ein neues, andersfarbiges ersetzt wird.

Die Menschen hetzen nur scheinbar durcheinander, in Wirklichkeit hat niemand derartig viel Zeit und für das irdische Dasein so wenig Gedanken übrig wie der Chinese; wohlgemerkt, ich meine nicht die Leute in den Hafenstädten, obwohl es auch in diesen noch sehr viele ,echte Chinesen' gibt.

In Kanton saß ich, kaufte und verkaufte, wie es viele andere Europäer und Amerikaner dort auch tun. Der eine wird reich, der andere bleibt arm. Opium, Whisky, Faulheit oder zierliche, kleine Konkubinen richten manchen zugrunde. Andere, die sich Hals über Kopf in die chinesische Welt hineinstürzen, holt der Teufel, sie werden einfach verrückt.

Ich sage, China ist ein Land voller Geheimnisse, ein Land, das uns Weißen auf die Dauer gesundheitlich oder geistig auf keinen Fall zuträglich ist, besonders nicht, wenn man sieben Jahre mehr oder weniger ausschließlich auf der künstlichen Insel Shameen zugebracht hat, ein winziges Fleckchen Land bei Kanton, auf dem die europäischen Konzessionen zusammengepfercht sind. Man hat da außer dem bisschen Geschäft wirklich nichts zu tun.

Wehe dem, der Junggeselle ist und weder Energie noch Klugheit genug besitzt, wenigstens die Landessprache ein wenig zu erlernen, denn in Kanton ist man ohne Chinesisch hilflos. Obwohl es von Hongkong aus nur wenige Stunden den Perlfluss aufwärts liegt, ist Kanton urchinesisch; außer bei einigen Gebäuden ist europäischer Einfluss fast nicht zu merken, er hat sich auf Shameen beschränkt.

Also muss man sich ein wenig ,chinesieren‘, wie ich mich ausdrücken möchte. Und wohin das führt? China übt einen seltsamen Einfluss auf das Gehirn der Weißen aus. Gut, wer sich außerhalb der Geschäftsstunden nicht mit Chinesen einlassen will, der geht eben in den Club oder sitzt im Hause und fängt an zu trinken. Ausnahmen bestätigen nur die Regel. Trinken ist an sich schon ungesund, aber in China wird es besonders gefährlich. Man verblödet, man pfeift auf gute Musik .und Konzerte, liest nichts mehr außer den Zeitungen und kommt auf unsinnige Ideen. Geht es mir nicht genau so?

Kleine Lotosblume auf blauen Teichen, was wird aus uns werden ? Wird dich, wenn du mich verlassen hast und zurückgehst in die Hölle des Krieges, eine japanische Bombe in Atome zerreißen? Oder liegst du nach einem Luftangriff in Poklo oder Hankau auf einer Straße, lang ausgestreckt neben anderen blutbespritzten Opfern zur Feststellung für Verwandte und Bekannte ?

Wirst du in das Maschinengewehrfeuer irgendeiner brennenden Stadt geraten? Wird Szetschuan dein Aufenthalt sein ? Aber vielleicht arbeitest du einst, dunkle Ringe unter deinen schönen Augen, als barmherzige Schwester in den leichenverseuchten Schützengräben am Jangtse; und in deinen kleinen Ohren, die ich so gern küsse, gellt der Schrei der Verwundeten nach Wasser und nach den Müttern!

Kann es sein, dass du einst eine der armen Frauen bist, die ohne Hilfe im Regen längs der Eisenbahnlinie von Kowloon nach Kanton in furchtbaren Wehen liegen, ehe ein kleines Bündel Mensch in diese Welt des Jammers kommt? Dort, wo auf der anderen Seite des Schienenstranges die von Bombentrichtern zerrissene Straße führt, trappeln Schritte, ertönen Stimmen, Erst Dutzende, dann Hunderte, zuletzt Tausende und aber Tausende von Greisen, Frauen und Kindern sind’s, denen das Grauen auf den gelben, mageren Gesichtem eingemeißelt ist. Menschen, die vor Angst schreien, wimmern oder sogar singen! Eine Armee des Elends.

Trapp! Trapp! machen die Sandalen oder die nackten Füße. Die Bevölkerung aus den zerstörten Angriffsgebieten eilt gen Kowloon, wo die neun Berge des Glück bringenden Drachen stehen, eilt britischem Schutz entgegen. Aber ich greife vor ...“

Harmsen sah plötzlich auf die Uhr. „Ich muss gehen“, unterbrach er sich, „höchste Zeit.“

Er leerte sein Glas, gab mir hastig die Hand und ging ohne ein weiteres Wort. Erstaunt sah ich ihm nach.

Es war dunkel geworden. Die bunten Reklamelichter der Straße schimmerten herein, und die Scheinwerfer vorüberfahrender Autos huschten über die Decke des Zimmers.

Ich saß lange da und dachte über diesen sonderbaren Menschen nach, der sich erst in meinem Zimmer erschießen wollte und dann plötzlich die Geschichte seiner Liebe zu erzählen begann. Wie unwahrscheinlich war das alles, wie romanhaft!

Würde er wiederkommen ? Würde ich den Schluss seiner Erzählung je erfahren?

Ich fand in dieser Nacht kaum Schlaf, immer wieder kreisten meine Gedanken um diesen seltsamen Mann und sein Schicksal.

*

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BEREITS AM NÄCHSTEN Morgen ließ Harmsen sich bei mir melden, und ohne irgendeine Einleitung fuhr er fort in seiner Erzählung.

Am nächsten Nachmittag ging ich wieder ins ,Cecil‘, ich wollte und musste sie sprechen. Ein paar Seeleute saßen bei ihren Gläsern, die Musik spielte, und draußen vor der Tür wandelten einige hübsche Chinesenmädchen auf und ab und warteten auf jemand, der einige Dollars zuviel hatte.

Der Empfangsmensch lächelte. Auf seinen Wink ging mir ein Boy voraus zum Aufzug, und fünf Minuten später saß ich der Frau von der Star Ferry gegenüber. Wir sagten uns gegenseitig Komplimente, die sehr vielseitig waren, wobei ich als Mann, im Gegensatz zu europäischer Sitte, die meisten erhielt und auch annehmen musste.

In der Ecke saß die Amah und nähte. Neben der kleinen Chinesenfrau, die übrigens von Sekunde zu Sekunde an Reiz gewann, saß Miss Lam Ku Ying, eine Freundin, denn eine Chinesin wird, wenn sie allein ist, nie einen fremden barbarischen Teufel einladen, den sie noch nicht kennt - es sei denn, sie ist in ihn verliebt, oder sie gehört zu den Töchtern der Freude.

Es ging alles sehr förmlich zu, aber doch nett und natürlich dabei. Die Stimmen der beiden hörten sich an wie schnäbelnde Reisvögel. Die Frau - Lotos auf blauen Teichen - lautet ihr Name in der Übersetzung, sprach Mandarin, war aber einige Monate in Kanton gewesen und konnte daher die dort übliche Sprache verstehen. Fräulein Lam Ku Ying plapperte mit.

Wir erzählten uns vom Wetter, von Hongkong, und beide Damen - denn Damen waren es und keine Singsong-Girls - lächelten interessiert, als ich Hongkong-Hafen mit Rio de Janeiro verglich; dann kam die Rede auf den bösen Krieg, auf Luftangriffe, brennende Städte und vom Erdboden vertilgte Dörfer; Lotosblume hatte alle diese Dinge erlebt, das sah ich ihr an.

Lotosblume stammte aus Peiping; sie war in Plankau, wo sie zu Besuch weilte, vom Krieg überrascht worden und nach allen möglichen Abenteuern, die sich wie eine weibliche chinesische Odyssee anhören, mit ihrer Amah nach Kanton gekommen. Ihr Mann - während sie von ihm sprach, machte sie eine allerliebste, aber sehr ernsthafte Verbeugung - war bei einem japanischen Bombenangriff auf Hankau ums Leben gekommen. In Kanton verkaufte Lotos einige Schmuckstücke - sie besitzt herrlichen Jade - und lebte zurückgezogen und bescheiden.

Als die Fliegerangriffe auf Kanton begannen, kam sie mit einem der letzten Züge, die nach Kowloon fuhren, hierher. Da die Eisenbahn verschiedentlich bombardiert wurde, brauchte Lotosblume acht Tage, in normaler Zeit fährt man ungefähr vier Stunden.

Lotosblume war begeistert über die Ordnung hier in Hongkong und über das üppige Grün, mit dem der Peak bedeckt ist. Wir drei tranken chinesischen Tscha, der dem Neuling wie schwacher Heuaufguss schmeckt. Fräulein Lam Ku Ying lächelte ihrer Freundin zu. Darauf wagte ich es, Fräulein Lotosblume aut blauen Teichen zu Spazierfahrten einzuladen.

Sie wechselte einen schelmischen Blick mit ihrer Freundin, dann nickten beide mit ihren frisierten und wundervoll geschminkten Köpfchen wie Blumen, die ein Zephir am Stengel bewegt. Die lieblichen Gesichtchen wurden aber etwas unschlüssig, als ich ihnen die Eröffnung machte, dass mein Wagen leider nur ein Zweisitzer sei. Etikette und gute Form bedeuten sehr viel in China! Ich beeilte mich daher hinzuzufügen, dass man ja auch ein Taxi mieten könne, da wäre Platz für alle vorhanden.

Die beiden niedlichen Frauenblüten - anders und zutreffender kann ich mich nicht ausdrücken - nickten entzückt und klatschten erfreut in die Hände ...

Die Spazierfahrt mit Lotos und ihrer Freundin war ein Erfolg in jedem Sinn. Die alte Amah blieb im Hotel. Das Eis brach, und als wir die Reste unserer Hummermahlzeit im „Lido“ zu Repulse Bay liegenließen, war ich verliebt wie noch nie in meinem Leben. Ich glaube wirklich, dass ich die Wahrheit rede, obwohl wir Männer in der Leidenschaft so etwas leicht sagen!

Die Sache endete damit, dass ich Lotosblume und ihrer Amah ein kleines, versteckt liegendes Haus auf der Kowloonseite einrichtete. Dort habe ich die glücklichste Zeit meines Lebens verbracht ...

Nun saßen Lotos und ich oft in unserem Garten, und jeder war mit seinen Gedanken beschäftigt. Die ersten Lichter von Kowloon blitzten auf, die Umrisse der neun Drachenberge wurden zu grauen Schemen. Das Wasser leuchtete in tausend Fünkchen. Hongkong, die Stadt, die etwas von Genua, von Neapel, von Rio und Algier und sehr viel von China hat, brauste im Taumel des Lebens, das sich durch die Adern seiner Straßen ergießt. Quiekende Musikinstrumente, das Flattern der Fahnen, Gemurmel von sich unterhaltenden Fußgängern, lautes Herausfordern der Warenausrufer, Autohupen und Keuchen von Lastträgern - alle diese Geräusche schwimmen auf dem endlosen ,Klippklapp‘ tausender Sandalen.

Besonders im Chinesenviertel ist dieser Lärm vorherrschend, eine Melodie, die von schier unfassbarer Geduld erzählt. Sie erinnert an das Klappern der ,Getas‘ im Land Nippon, ist aber doch wieder anders. Und die Musik der chinesischen Sandalen wird auf den Gerüchen des Fernen Ostens getragen, die sich aus den Düften von Garküchen und tausend anderen Ausdünstungen zusammensetzen.

Jede Stadt hat ihre besondere Note, das gilt sogar für den Lärm. Hongkong, oder vielmehr Kowloon, macht darin keine Ausnahme. In den bunten Häuserschluchten von Hongkong, wo ein buntes Menschengewirr sich weiterschiebt, ist der Lärm eine Symphonie des Ostens. Vorherrschend ist dort das Getöse der Autos und der Flugzeugpropeller vom nahen Flugplatz Kai Tak. Aber in den Straßen, die sich hinausziehen - zum Beispiel die Austin Road hinauf, herrscht wohltuende Ruhe. Manchmal wird sie gestört, wenn ein Chinese auf seinem Fahrrad bergab saust. Er hat seine Schelle mit der Schnur derartig an der Lenkstange befestigt, dass es ununterbrochen klingelt, solange er fährt.

Man muss Geduld haben in China. Und Humor! Damit kommt man weit. Fluchen, mit der Faust auf den Tisch schlagen und andere grobe Winke mit dem Zaunpfahl bewirken das gerade Gegenteil von dem, was man wünscht.

Harmsen schwieg einen Augenblick, trank seinen Whisky aus und klingelte den Boy herein.

„Whisky“, knurrte er kurz.

Der Boy brachte neue Gläser und entfernte sich lautlos. Harmsen starrte versonnen auf die Muster der bunten Tischdecke und schwieg lange. Plötzlich fuhr er fort.

„Wer ist jemals bei Mondlicht in die glitzernde See hinausgeschwommen, wenn das Wasser kleine Wellen schlägt, die wie Haufen durcheinandergeschütteter Silbermünzen glänzen, und der eigene Körper schimmert, von flüssigem Feuer umrandet? Wenn die Dschunken wie vorweltliche Ungetüme auf der Dünung tanzen und das Land dahinter liegt wie eine dunkle, von einzelnen Lichtaugen durchbohrte Bastei? Wenn der Sprüh zischt und ein ferner Dampfer dumpf brüllt wie eine friedlich weidende Kuh - dann ist alles ein zur Wirklichkeit gewordenes, traumhaftes Märchen. In solchen Nächten nannte ich sie „Lotos auf silbernen Teichen“.

Unser Garten war nicht sehr groß, aber reizvoll. Sattgrüne Büsche, deren Blätter wie poliertes Leder glänzten, rahmten ihn ein; weiße, rote und violette Blumen bildeten bunte Kleckse auf dem Rasen. Zarte Windenblüten schaukelten, sich am Gitterwerk der Veranda. Zikaden zirpten, Fledermäuse fächelten lautlos, und von fern tönte der dumpfe Lärm Kowloons. Hinter dem Garten schimmerte die Wasserfläche, von dunklen Schiffsrümpfen und eiligen Fährbooten bedeckt, und gegenüber das feenhafte Bild des strahlenden Hongkongs, wie es terrassenweise die Hänge erklettert und sich an das schwarze Massiv des Peak anlehnt, dessen Grate von erleuchteten Villen eingesäumt sind. Es gibt außer Rio wohl kein schöneres Nachtbild in der Welt!

Die Bambusstühle knarrten leise, wenn wir uns bewegten. Wir saßen dicht nebeneinander, auf dem Tisch standen die hohen Gläser mit Fruchtsaft, Eiskristalle schwammen darin, und wenn ich das Glas zum Mund führte, dann klirrte das Eis wie windbewegte Porzellanglöckchen an Pagoden. Der Jadeschmuck der Frau schimmerte wolkig grün.

Ach, im Anfang unserer Bekanntschaft war Lotos so fröhlich und heiter wie ein Kind, das dennoch im wahrsten Sinne das ewig Weibliche verkörpert. Ich liebe diese Frau - und doch fehlt irgend etwas. Unterhaltung ? Du mein Gott, man kann sich ausgezeichnet mit einer Chinesin unterhalten, die eine amerikanische Universität besucht hat; aber man kann doch nicht immer nur plaudern, die Hände halten, und sich küssen.

Vor unseren Augen lag die Wasserfläche mit dem Zackenmassiv des Peak dahinter. „Kleine Lotosblume auf blauen Teichen“, sagte ich dann zu ihr, so fing unsere Unterhaltung jeden Abend an, wenn wir vom Schwimmen zurückgekehrt waren; und wie immer drehte sie mir das lächelnde Gesicht zu. Bei der Bewegung stieg eine leichte Wolke von Parfüm aus dem Yshang. Und wie jeden Abend bisher legte ich den Arm um ihre schmalen Hüften und ertrank, ertrank in ihren Augen, die wie große Tintenseen in dem feinen Oval ihres Gesichts schimmerten ... Fantasiere ich, weil ich ein alter, versoffener Ostasiate bin? Ist es so weit, bin ich schon verrückt geworden ? Ich weiß nicht mehr, was mit mir ist ... Hält Lotos mich zum Narren? So vieles ist seltsam an ihr, so unheimlich verlockend und doch wieder so fremd. Wenn ich sie nicht so lieb hätte ...“

Harmsen seufzte tief auf und sah lange schweigend vor sich hin, ehe er fortfuhr.

„Ich nahm sie auf meine Arme, sie ist so leicht wie ein Kätzchen und schmiegt sich auch so an. Zuerst trug ich sie durch den Garten, ihre Händchen mit den rot lackierten Fingernägeln tasteten spielerisch nach den Blumen, und ich war glücklich. Nachher, auf der Schlafveranda, lagen wir nebeneinander auf dem breiten Bett. Der Mond stand gerade so, dass sein Licht hell zu uns hereinfiel, und die ganze wundervolle Linie des Frauenkörpers zeichnete sich als Schatten neben uns auf der gekalkten Rückwand ab.

Einer von den großen Nachtfaltern umflatterte uns und verschwand wieder. Ein leichter Luftzug strich durch die Büsche. Sommernächte in Hongkong sind heiß und erhitzen das Blut. Wir liebten uns seit unserem ersten Zusammensein, so ist es immer noch! Und zu solchen Zeiten fühle ich, dass wir einander ganz gehören, dass nichts uns trennen kann ... Dann erzählte sie von Peiping und ihrem längst zu seinen ehrwürdigen Ahnen versammelten Vater, Von den bunten Straßen, durch welche die Trampeltiere schwanken, von vielen Tempeln und dem Palast der letzten Kaiserin in der Verbotenen Stadt.

Lotosblume auf blauen Teichen war meine Märchenerzählerin des Fernen Ostens! Ihre kleinen Hände streichelten mich, ihre Worte lullten mich ein wie ein Wiegenlied. Die gütigen Drachen Chinas erstanden vor meinem geistigen Auge, der Teegott strich seinen langen, dünnen Bart und lachte mir zu. Ich hörte das Klingeln der Glöckchen an den Porzellantürmen und sah den friedlichen Landmann mit einem Büffel durch das Reisfeld pflügen ...

Auf einmal änderte sie die Stimme, eine leise Schärfe machte sich darin bemerkbar, Bitterkeit klang darin auf, Wolken, die über den Meeresspiegel klimmen; und die durch ihre Worte in meine Fantasie gemalten Bilder änderten sich.

Flammen und Rauch stiegen auf, ganze Stadtteile brachen krachend zusammen und verschütteten wimmernde Menschen in ihren Ruinen. Fliegerbomben heulten schrill wie Legionen von Teufeln. Straßen, in denen eine geschäftige Menschenmenge wogte, wurden zur schrecklichen Hölle.

Schluchzen erschütterte dann die Stimme der Erzählerin. Ich streichelte Lotos’ Hand, und sie sprach weiter, während der Abglanz des Meeres silbergrünen Lichtschimmer gegen die Wand malte.

Ich sah, wie khakigekleidete Männer in dichten Schwärmen über sumpfige Reisfelder eilten, wie sie Bergriegel erklommen und sich darin eingruben wie Käfer in einer Brotrinde. Panzerwagen, gleich grauen und schwärzlichen Ungetümen, schoben sich ruckweise auf schlechten Straßen vor. Das Gebrüll der Schlacht ließ den Boden erzittern. Gelbe Wolken schlugen sausend nieder, grellrote Stichflammen brachen daraus hervor, und Zehntausende von Menschen starben. Grünliche Giftgasschwaden wälzten sich über die Niederungen, wo der Tod seine Ernte hielt. Die Luft dröhnte von Propellern ...

Lotos auf blauen Teichen erzählte weiter, endlos lang, das endlose Elend ihres Volkes.

Ein gewaltiger Fluss, gelb wie das Land, das ihn umgibt, und wie die Farbe der Menschen, die es bewohnen, ergoss sich brausend durch die zerstörten Dämme. Rauschend überschwemmten die Wasser alles, was sich in ihren Weg stellte, verschluckten Dörfer, brandeten gegen die Mauern uralter Städte, spielten Ball mit den Körpern Zehntausender, strömten weiter, überschwemmten eine ganze Provinz. Und wenn sie endlich zum Stillstand kamen, zogen sie sich nicht zurück, sondern blieben, und aus den stehenden Flächen stiegen das Fieber und die Schwärme unzähliger Malariamücken, und beide vernichteten weitere Zehntausende.

Und wo das Land gleich Inseln aus der stillen, bleifarbenen oder lehmgelben Wasserfläche ragte, wo Dörfer noch standen und Menschen von Grauen erfüllt auf das Ende warteten, da stießen die metallenen Vögel herab. Maschinengewehrhagel prasselte, und wie müde Garben sanken Männer, Frauen, Kinder, Kühe, Schweine und Hühner auf den feuchten Boden. Krähen senkten sich herab, wo stille Gestalten lagen und tote Augen den Himmel zu fragen schienen, warum das geschehen musste ...

Neben mir schluchzte es auf. Da legte ich den Arm um den bebenden Körper und zog ihn an mich. Und so lagen wir lange.

Die silbergrünen Wellen der See spielten vor dem Garten, spiegelten sich und schleuderten ihren Glanz in die Veranda. Die Büsche standen unbeweglich, wie gelähmt.

*

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EINES ABENDS GING ICH mit Lotos ins chinesische Theater.

Tamtams rasselten, Schellen klingelten, und keilgleich drängte sich eine quietschende Musik dazwischen. Dünn, nasal, aber dennoch auch für mein Ohr zeitweise durchaus nicht unmusikalisch schwang sich der Singsang der ,Prinzessin Duft‘ über das ganze Durcheinander hinweg. In ihrer Stimme lag so viel Ausdruck, dass sogar ein des Chinesischen Unkundiger den Sinn der Handlung verstehen musste.

Kaiser Wutschung hatte, wie so viele Männer, seine Gunst einer Nebenfrau geschenkt. Jetzt musste er auf Vorwürfe antworten. Seine Stimme klang wie das bald klägliche, bald ärgerliche Miauen eines alten Katers, wobei er am Schnurrbart zerrte und sehr ausdrucksvoll den Mund verzog.

Die Kostüme waren prächtig: Seide und Stickereien von starker, aufeinander abgestimmter Buntheit. Entgegen der alten chinesischen Sitte, die keine Dekoration kennt, war hier schon sichtlich Anlauf zu einem Ausstattungsstück genommen. Die weiblichen Rollen hingegen wurden immer noch von Männern dargestellt, und so wurde auch ,Prinzessin Duft' von einem verkleideten Schauspieler gespielt.

Der Streit auf der Bühne ging weiter. Ein paar mal schaute mich Lotos an, und ihre großen, schrägen Augen sagten mir etwas, das weh tat; aber ich wusste nicht warum. Ich wollte sie fragen, doch da wandte sie den Blick weg, und die Dinge auf der Bühne nahmen meine volle Aufmerksamkeit in Anspruch.

Das Theater war zum Bersten voll, und trotz der weit vorgeschrittenen Stunde waren ziemlich viele Kinder unter den Zuschauern vorhanden. Das chinesische Kind scheint nie zu Bett zu gehen, aber dennoch lernt es - wenn es überhaupt dazu angehalten wird - vielleicht viel mehr als jedes andere Kind der Welt. Vierzehn Schulstunden täglich sind keine Ausnahme; denn die Sprache, ihre Schriftbilder und verschiedenen Tonarten sind ja so außerordentlich zahlreich und schwer.

Wieder kam der Kaiser, angemeldet durch Tamtam-Anschlag. Streit wie anfänglich. Durchdringender Diskant und Miauen in Tenorlage. Schließlich wurde der Kaiser liebenswürdig. Sie lachte ihn aus, und als er näher kam mit elefantenhafter Tapsigkeit, die aber zugleich etwas Katzenartiges hatte, griff sie in ihren weiten Ärmel und zog ein blitzendes Schwert heraus. Damit deutete sie ihren Selbstmord an. Schwert nach Schwert zauberte die Schöne aus den weiten Falten ihrer Gewänder und beschrieb damit blitzende Kreise um ihren Kopf. Kaiser Wutschang machte eine Verbeugung. Schließlich warf sie ihm die letzte Waffe vor die Füße. Großer Tamtam der Instrumente ...

In diesem Augenblick zupfte mich Lotos am Ärmel, und wir gingen. Die warme Luft draußen war Balsam gegen die Atmosphäre des soeben verlassenen Theaters.

Mein Wagen parkte vor dem „Supreme Court“. Wir ließen ihn stehen und gingen langsam die kleine Strecke bis zur Star Ferry. Statt der Ferry nahmen wir ein Waliah Wallah. Diese kleinen Dampfboote versehen den Passagierdienst noch in später Nacht, wenn nach halb zwei Uhr keine Fähre mehr geht. Am Kowloonufer brachten uns die Rikschas nach Hause. Starke Düfte hingen im Garten. Die Büsche waren wie dunkle, kauernde Drachen, das Haus eine verschwommene Masse. Draußen am Ufer brachen sich die Wellen.

Lotos setzte sich an ihren schweren, geschnitzten Toilettentisch, auf dem Dutzende von kleinen Büchsen und Schälchen standen. Ich nahm unterdessen ein Bad, und nachher trafen wir uns auf der Veranda ...

Es gibt in der Erotik nichts Bezaubernderes und Raffinierteres, aber auch nichts Einfältigeres und für Kameradschaft und sich verstehen so Ungeeignetes wie diese Frauen des Fernen Ostens!“

Harmsen seufzte auf. Trauer und Wehmut zogen über seine Mienen, er nickte ein paar mal vor sich hin und sank ein wenig in sich zusammen; dann griff er wieder nach seinem Glas.

„Die Japaner werden bald in Bias Bay, einen Katzensprung von Hongkong entfernt, landen. Lotos und ich sprachen oft über diesen unseligen Zwist zwischen Japan und China; als Chinesin trat sie natürlich für ihre Landsleute ein. Es nützte nichts, ihr zu sagen, dass China das ärmste Land der Welt und das am meisten ausgebeutete ist; aber nicht etwa ausgebeutet von uns paar weißen Barbarenteufeln - das spielt keine große Rolle -, sondern von seinen eigenen Leuten. Und da sind es wieder oft diejenigen, die ihre Bildung aus Oxford, Harvard oder von der Columbia Universität geholt haben. Das sind in vielen Fällen Mischungen von hoher Intelligenz und Skrupellosigkeit. Ausnahmen sind natürlich vorhanden, zahlreiche sogar. Es gibt viele Chinesen, die in der japanischen Eroberung die Rettung Chinas sehen, das sonst unfehlbar dem Bolschewismus in die Hände fällt ...

Bis jetzt sind die Chinesen durch Schaden noch nicht klug geworden - hier ein kleines Beispiel: Der General und Bürgermeister irgendeiner Stadt, ich will ihn kurz ,Py‘ nennen, hält eine große Rede: „Wir werden nie unterliegen, die Japaner werden nie durch diese Mauern einmarschieren! Unsere braven Truppen haben die verhassten Inselzwerge schon zurückgeworfen! Gebt freudig, spendet, damit wir weiter siegen!“

Und was geschieht in Wirklichkeit? Am nächsten Tag steht schwarz auf weiß in der Zeitung: General Py geflohen; man sagt, er hat Bestechungsgelder empfangen. Er soll bereits mit dem Flugzeug in Haiphong gelandet sein und schifft sich mit seinem fetten Bauch, einer großen Hornbrille und etlichen Milliönchen Golddollar nach Paris ein. Japaner ohne Schwertstreich in die Stadt eingedrungen, die an allen Ecken brennt, während man die Hauptgebäude in die Luft sprengt. Was an diesen Nachrichten wiederum wahr ist, das wissen vorläufig auch nur erst die Götter. Man kann nichts glauben, wissen Sie, am wenigsten den chinesischen Zeitungen.

Aber wahr ist auf alle Fälle: In China gehen Hunderttausende zugrunde, denen man erst das letzte Scherflein abpresst, ehe man sie krepieren lässt ... Seltsames Land, China!

Ich schweife ab, immer wieder drängt sich das Schicksal dieses unheimlichen Landes in mein eigenes; alles verwirrt sich mir und läuft durcheinander. Seit Wochen geht das schon so, seit Monaten! Zuweilen vergesse ich mich wirklich darüber und lebe in den Aufregungen der täglich sich überstürzenden Ereignisse; aber das dauert nur kurze Zeit. Dann ist alles wieder weg, ganz allein stehe ich dann wieder in diesem ungeheuren Land, ganz allein ... Warum erzähle ich Ihnen das alles, warum komme ich immer wieder? Ich weiß es nicht. Maskee! Aber es muss heraus aus mir, ich muss es einmal jemandem erzählen! Es erwürgt mich langsam! ...“

Harmsen keuchte, starrte lange in sein Whiskyglas und seufzte.

„Lotos auf blauen Teichen ... Ich weiß nur, dass wir uns lieben, wie ich nie wieder lieben werde ...

Sie sah mich lächelnd an. Was das heißt? Das Lächeln einer hübschen Chinesin ist, als schaute man zu, wenn eine jener weiß und rot gesprenkelten Kamelien an einem goldenen Rivieramorgen tauglitzernd sich entfaltet. Ihr Gesichtchen schiebt sich langsam näher - Perlen in Korallenfassung, nur damit könnte man Lotos’ lächelnden Mund vergleichen, und die geschminkten Brauen sind zwei fein gezeichnete Schatten. Und die Augen glänzen wie Meereswellen, wenn es wetterleuchtet ... Immer wieder versuchten wir, uns innerlich näherzukommen - aber irgendwo ist eine verfluchte Grenze. Wir lieben uns, weiß Gott; aber - es ist entsetzlich!

Jeden Morgen, an dem ich erwache, fällt mir ein, dass ich stunden- und nächtelang in ihren Armen gelegen habe, indessen ihr kleiner Mund mir erzählte, betörend süße und schreckliche Geschichten. Und ihre feinen, gütigen Hände strichen wie zarte Winde über meine Stirn. Ich kann nicht von ihr los ...

Ich habe mir in diesem verfluchten Land ein ganz schönes Vermögen zusammengearbeitet, für Lotos werfe ich es buchstäblich zum Fenster hinaus; nicht für Schmuck oder Kleider oder dergleichen, nein, für die chinesische Kriegsanleihe, von der ich doch genau weiß, dass sie nicht das Papier wert sein wird, auf dem sie gedruckt ist. Aber ich muss einfach, weil eine kleine süße Chinesin, eine glühende Patriotin, die mir das Schicksal in den Weg geführt hat, es so will!

Ob sie eine Agentin ist, ob ich ihr nur Geldgeber bin und weiter nichts? Zuweilen kann ich mich gegen diesen Gedanken nicht wehren. Ich hatte einen, den ich meinen Freund nannte, er ist es jetzt nicht mehr, weil er mir in dürren Worten sagte, dass er Lotos für eine chinesisch-bolschewistische Agentin halte, die nur mein Vermögen für ihre Zwecke wolle. Gewiss, Lotos ist oft fort, bei Bekannten, wie sie mir erklärt, und immer wenn sie wiederkommt, schmeichelt sie mir neues Geld ab, große Summen! Ach, sie bezaubert mich, und ich sage zu allem ja und Amen, was sie wünscht."

Wieder füllte Harmsen sein Glas. Er trank viel. Sein Gesicht erzählte von den Schlägen, die das Schicksal ihm zugefügt hatte, und von der Leidenschaft, die ihre Spuren in seinen Mienen hinterlassen hatte.

„Lassen Sie mich ruhig“, sagte er, als er mein erstauntes Gesicht bemerkte, „es hat ja doch alles keinen Sinn mehr. Alkohol ist Gift ? Und was sind Frauen, diese chinesischen Frauen für einen Europäer?“

Ein eigenartig lebloser Blick traf mich aus seinen Augen, die tief in den Höhlen lagen und zuweilen fieberhaft aufblitzten und umherirrten.

„Vielleicht glauben Sie auch, ich wäre schon so besoffen oder geistig ruiniert, dass ich deshalb immer wieder die Zustände in China, die Geschehnisse in dieser Stadt und die Geschichten des Krieges in meine Erzählung einflechte. Sie irren. Gerade das muss ich Ihnen erzählen, Sie sind noch nicht lange im Land. Nur in der Verknüpfung mit all den tausend Ereignissen und Zusammenhängen in diesem unheimlichen Land werden Sie mich verstehen können. Ach was, verstehen oder nicht, mir ist es gleich. Nur heraus muss das alles aus mir, ich muss es einmal erzählen, irgend jemandem mitteilen. Ich kann allein nicht mehr damit fertig werden!“

Harmsen sprang auf.

„Morgen hole ich Sie ab, wir fahren auf den Peak. Ich kann es in den Zimmern nicht mehr aushalten.“

Details

Seiten
300
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738915631
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Dezember)
Schlagworte
lehndorff gesamtausgabe unheimliches china
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Titel: Löhndorff Gesamtausgabe #8: Unheimliches China