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Grabräuber: Mein Freund Tutenchamun

2017 160 Seiten

Leseprobe

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Alfred Bekker

Mein Freund Tutenchamun 2

Grabräuber

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EIN CASSIOPEIAPRESS E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2013 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

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NA KOMM SCHON, TJESEM!“, sagte Tutenchamun und streckte die Hände aus. Der Hund sah den erst zehnjährigen Herrscher Ägyptens aufmerksam an und stellte die Ohren auf. „Was ist – fürchtest du dich etwa?“, fragte der junge Pharao, als der Hund immer noch zögerte. „Tjesem!“

„Na, den Göttern sei Dank, dass dir Ägypten besser gehorcht als dieser Windhund!“, spottete seine Schwester Anchesenamun, die den Umgang ihres Bruders mit dem ringelschwänzigen, schlanken Windhund schon eine ganze Weile beobachtete.

Sie befanden sich auf der königlichen Barke, einem Nilschiff, das vollkommen aus Papyrus gefertigt worden war. Der mächtige Nil war die Lebensader der beiden Länder Ober- und Unterägypten, wie man das Reich des Pharaos offiziell nannte. Er floss von Süden her zuerst durch Oberägypten mit der alten Hauptstadt Theben, dann viele Meilen durch die Wüste und erreichte schließlich Unterägypten mit der neuen Hauptstadt Memphis. In Unterägypten teilte sich der Nil und ergoss sich ins Mittelmeer.

Der Wind wehte fast immer aus Norden und so war es ein Leichtes den Nil flussaufwärts zu segeln. Auch das Segel der königlichen Barke war die ganze Zeit über gebläht, sodass sie gut vorankamen. Wollte man mit dem Schiff in umgekehrte Richtung reisen, brauchte man einfach nur das Segel zusammenzurollen und sich von der Strömung treiben zu lassen.

Tjesem stand ganz am Rand des Schiffes. Die Bugwelle, die eines der Begleitschiffe der königlichen Barke aufwühlte, spritzte auf. Gischt machte ihm den Kopf nass. Der Windhund erschrak erst und um ein Haar wäre er in die Fluten des Nils gefallen. Dann schüttelte er sich.

„Na, ist doch ganz angenehm so eine Abkühlung – bei der Hitze!“, meldete sich nun ein anderer Junge zu Wort. Er unterschied sich in Kleidung und Aussehen von den Ägyptern an Bord. Gekleidet war er in eine Tunika mit einem breiten Gürtel und Sandalen. Sein Haar war im Gegensatz zu allen anderen an Bord viel heller und seine Augen leuchtend blau anstatt so dunkel, wie es bei Tutenchamun und seiner Schwester der Fall war. „Komm zu Herkos!“, sagte der hellhaarige Junge – und tatsächlich hörte der Windhund mit zur Spirale aufgerollten Schwanz auf ihn. Dieser Ringelschwanz gehörte zu den besonderen Kennzeichen dieser sehr schlanken, windschnittigen Hundeart, die dafür bekannt war, unwahrscheinlich schnell laufen zu können. Man hatte sie für die Jagd von Hasen gezüchtet.

Der Hund kam zu Herkos, ließ sich von ihm den Nacken kraulen und wedelte dabei mit dem Ringelschwanz. Dann legte er sich zu Herkos' Füßen.

„Alle Achtung!“, grinste Anchesenamun in Herkos' Richtung. Dann wandte sie sich an ihren Bruder und fuhr fort: „Und dabei ist Herkos nur ein Prinz und wird vielleicht mal in seiner Heimat ein König – du aber bist jetzt schon Pharao, und beide Länder Ägyptens verneigen sich vor dir - nur nicht dieser Hund!“

Herkos kraulte Tjesem hinter dem Kopf und der Windhund streckte sich gemütlich aus. Der hellhaarige Junge war ein Sohn des Königs der Insel Kreta, aber ob er selbst mal König werden würde, das stand noch gar nicht fest. Schließlich hatte sein Vater viele Söhne und welcher davon eines Tages einmal den Thron bestieg, musste sich erst noch zeigen. Eine feste Regel gab es dafür nicht. Irgendwann würde sein Vater einfach einen seiner Nachkommen zum Kronprinz ernennen. Und da Herkos noch ein paar ältere Brüder hatte, standen seine Chancen eher nicht so gut.

Allerdings konnte sich das schnell ändern. Die Menschen starben schnell und auf Kreta gab es längst nicht so gute Ärzte, die einem bei Krankheit helfen konnten, wie das in Ägypten der Fall war. Dort gab es mit Imhotep sogar einen eigenen Gott für die Ärzteschaft. Herkos hatte schon mit angesehen, wie diese Ärzte Operationen auf dem Marktplatz durchgeführt hatten und dadurch Krankheiten heilen konnten, bei denen es andernorts keine Rettung gegeben hätte.

So konnte es gut sein, dass Herkos doch den Thron besteigen musste, wenn seine Brüder plötzlich an irgendeiner Krankheit oder den Folgen eines Unfalls starben.

Aber darüber machte er sich im Moment wenig Gedanken.

Seit drei Jahren schon lebte Prinz Herkos nämlich am Hof des jungen Pharao Tutenchamun. Herkos war eine Geisel. So lange die Beziehungen zwischen Ägypten und Kreta gut waren, sollte es auch ihm gut ergehen. Er wurde von ägyptischen Gelehrten ausgebildet, hatte deren Sprache und die Hieroglyphen-Schrift erlernt und vieles über ihre Götter gelernt. Und wenn er eines Tages nach Kreta zurückkehrte, um dort einen wichtigen Posten einzunehmen oder sogar doch noch König zu werden, dann war es für den Herrscher Ägyptens natürlich einfacher mit jemandem zu verhandeln, der die ägyptische Sprache verstand.

Für den Fall allerdings, dass der König von Kreta auf den Gedanken kam, sich etwa mit den Feinden Ägyptens zu verbünden, würde es Herkos schlecht ergehen. Und so hoffte man am Hof des Pharao, dass Herkos' Vater es sich zweimal überlegen würde, seinen Sohn in Gefahr zu bringen.

Obwohl Herkos eine Geisel war, hatte er sich allerdings bisher sehr wohl am Hof des Pharaos gefühlt. Er konnte sich vollkommen frei bewegen. Wohin hätte er auch fliehen sollen? Er konnte weder in die Wüste noch über das Meer flüchten. Und davon abgesehen hätte er dann auch das Wort gebrochen, das sein Vater gegeben hatte und mit dem das Bündnis zwischen Ägyptern und Kretern besiegelt worden war.

Bisher gab es für Herkos keinen Grund, sich Sorgen zu machen, zumal er sich inzwischen ein wenig mit dem jungen Pharao angefreundet hatte. 

„Scheint, als hätte er sich seinen Herrn selbst ausgesucht“, meinte Tutenchamun nun nachdenklich und deutete auf den Hund, der sich sichtlich wohlzufühlen schien. Der Hund war noch nicht lange an Bord der LICHT DES HORUS, wie das Schiff des Königs hieß. In der letzten Nacht hatte die kleine Flotte von prächtig hergerichteten Papyrus-Schiffen, in deren Begleitung Tutenchamun flussaufwärts zog, in einem kleinen Ort am Flussufer übernachtet.

Der örtliche Wesir hatte seinem Herrscher diesen Hund zum Geschenk gemacht. Da der Gott der Windhunde in dieser Gegend besonders verehrt wurde, sollte dieses Geschenk auch ein Zeichen für die Verbundenheit der Menschen, die hier lebten, mit dem Pharao sein.

Obwohl Tjesem eigentlich ein Tier war, das viel Auslauf brauchte, war er nun gezwungen, schon den ganzen Tag über auf der verhältnismäßig engen LICHT DES HORUS auszuharren. Hier musste er sich mit einem Platz begnügen, der kaum zwei Schritt durchmaß. Außerdem stiegen ihm dauernd die Düfte der Wesen in die empfindliche Nase, die an Bord der LICHT DES HORUS als Proviant mitgeführt wurden. Manches davon stellte offenbar auch für einen Windhund eine Köstlichkeit da und Tjesem hatte sich diesbezüglich auch schon mit dem königlichen Koch angelegt, der Tutenchamun selbstverständlich auf dieser Reise begleitete.

Aber jetzt lag er vollkommen ruhig bei Herkos und ließ sich kraulen.

Selbst die würzigen Düfte schienen ihn kaum noch abzulenken. Einmal schnaufte er zwar, so als müsste er niesen, aber er ließ den Kopf gesenkt. Der königliche Koch Meten-chepru sah ihn nur mit einem sehr finsteren Blick an und Tjesem winselte kleinlaut.

„Ich glaube, unser ehrenwerter Meten-chepru will damit sagen, dass du besser hier bei mir bleibst, wenn du nicht in den Kochtopf landen willst!“, raunte Herkos dem Hund zu. „Und wenn du nochmal darüber nachdenken solltest, ins Wasser zu springen und ans Ufer zu schwimmen, dann kann man dich nur warnen!“

Die LICHT DES HORUS segelte etwa in der Mitte des Flusses, der im Augenblick Hochwasser führte und dadurch an manchen Stellen so breit war, dass man das Gefühl hatte, sich auf einem Meer zu befinden - oder zumindest auf einem etwas größeren See.

Jedenfalls hörte Herkos manchmal einige der Ägypter an Bord der LICHT DES HORUS darüber auf diese Weise reden. Das lag ich daran, dass der Nil breiter wurde, je weiter man flussaufwärts fuhr. Viele der Besatzungsmitglieder waren zum ersten mal so weit nach Oberägypten gelangt. In Wahrheit hatte keiner von denen wirklich eine Ahnung davon, was es bedeutete, über ein richtiges Meer zu fahren, so fand Herkos. Er jedenfalls war wohl der einzige, der das schon erlebt hatte, als er mit von Kreta aus nach Ägypten gebracht worden war.

„Vielleicht solltest du Tjesem eine richtigen Namen geben, mein Pharao“, sagte Herkos. Schließlich war 'Tjesem' einfach nur das ägyptische Wort für Windhund. Man unterschied neun verschiedene Arten und für jede dieser Windhund-Arten gab es  eine eigene Gottheit.

Tutenchamun beugte sich etwas vor und sah sich den Hund, den er bis jetzt einfach Tjesem genannt hatte. „Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht sicher, welcher der neun Arten er überhaupt angehört“, meinte er. „Und damit kann ich mir auch nicht sicher sein, welchem der neun Windhundgötter ich ihn weihen sollte, wenn ich ihm einen Namen gebe!“

„Könnte ein Mischling sein!“, glaubte Herkos.

Aber Tutenchamun schüttelte energisch den Kopf. „Das glaube ich nicht. Niemand würde es wagen, mir einen minderwertigen Hund zu schenken!“

„Wer sagt, dass er minderwertig ist!“, erwiderte Herkos. „Im Gegenteil: Kann doch sein, dass er die guten Eigenschaften von mehreren Arten in sich vereinigt!“

„Und die Macht von mehreren Windhundgöttern!“, mischte sich Anchesenamun ein.

Aber bei dem jungen Pharao überwogen die Zweifel. „Wenn ich ihm einen falschen Namen gebe oder ihn der falschen Windhund-Gottheit weihe, dann könnte das Unglück bringen. Die Götter soll man nicht beleidigen...“

„Naja, aber die neun Tjesem-Götter sind ja nun wirklich nicht die bedeutendsten Götter Ägyptens!“, meinte Herkos etwas leichtfertig. „Wenn es jetzt Amun oder Osiris, der Herr der Unterwelt... Aber...“

„Für jemanden, der von einer fernen Insel kommt und für den unsere Götter fremd sind, mag das stimmen“, schnitt ihm Tutenchamun das Wort ab. „Aber nicht für den Pharao! Ich werde Tjesem also erstmal keinen Namen außer Tjesem geben, denn damit beleidige ich keinen der neun Windhundgötter!“

Herkos zuckte mit den Schultern.

Tjesem bellte einmal laut und kräftig, fast so, als würde er den Worten des jungen Pharao zustimmen. „Mir soll es recht sein“, sagte Herkos.

„Sieh dich um, Herkos“, sagte Tutenchamun. „In allem, was hier lebt und herumfliegt und sich bewegt ist die Macht der Götter enthalten. Der Nil selbst ist ein Gott und in den Krokodilen lebt Sobek. Die Nilpferde, die heiligen Ibisse, die mit ihren krummen Schnäbeln auf Fischjagd gehen und den streunenden Katzen in den Straßen unserer Hauptstadt – in jedem dieser Wesen lebt die Macht der Götter genauso, wie in der Sonnenscheibe, die jeden Tag im Osten aufsteigt und am Abend hinter den Sanddünen der Wüste im Westen wieder in die Finsternis des Totenreichs versinkt. In alledem zeigt sich die Macht der Götter! Sie nehmen die unterschiedlichsten Gestalten an und erscheinen uns auf vielfältige und manchmal unerwartete Weise! Unsere Götter sind wie die Schauspieler, die an meinem Hof auftreten und verschiedene Masken anlegen und es ist unmöglich ihrer Macht zu entgehen!“

„Was mein Bruder damit sagen will ist: Dass wir nicht den Fehler unseres Vaters wiederholen wollen!“, mischte sich nun Anchesenamun ein.

Herkos nickte.

„Das verstehe ich“, sagte er.

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HERKOS WAR LANGE GENUG am Hof des Pharao um zu wissen, was es mit dessen Vater auf sich hatte. Echnaton hatte alle Götter abschaffen und sie durch einen einzigen, nämlich die Sonnenscheibe Aton ersetzen wollen. Aber das hatte großen Widerstand im Land ausgelöst – vor allem natürlich bei den Priestern der anderen Götter. Und bevor Tutenchamun den Thron bestieg, musste er dem Glauben daran, dass die Sonnenscheibe Aton der einzige Gott sei, abschwören und sogar seinen Namen ändern.

Früher hatte er Tutenchaton geheißen, was Ebenbild des lebenden Aton hieß. Jetzt bedeutete sein Name Ebenbild des lebendigen des Amun, nach dem zeitweilig verbotenen mächtigen Gott Amun. Er wurde vor allem in Oberägypten verehrt und zumeist als Mensch mit blauer Haut und Federkrone dargestellt. Manchmal trug er aber den gehörnten Kopf eines Widders.

Die Priester des Amun misstrauten dem jungen Pharao und immer wieder gab es Gerüchte darüber, dass sie am liebsten jemand anderen an seine Stelle setzen wollten.

„Ich muss sehr vorsichtig sein, was die Götter betrifft“, erklärte Tutenchamun. „Denn jeder Fehler könnte mir so ausgelegt werden, dass ich vielleicht ähnliche Pläne hege wie mein Vater Echnaton und den Priestern wieder ihren Besitz wegnehme!“

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DIE STUNDEN GINGEN dahin und ein Diener reichte zwischendurch ein paar Früchte. Anschließend bekamen auch Anchesenamun und Herkos etwas davon angeboten. Für größere Mahlzeiten war es einfach zu heiß. Herkos bemerkte, wie sich im hinteren Teil des Schiffes zwei Männer sehr intensiv unterhielten. Der eine war groß und breitschultrig. Er trug die Rüstung eines Befehlshabers, die aus vielen kleinen Platten aus Kupfer bestand, die miteinander auf kunstvolle Weise verbunden waren. In der Sonne glitzerte diese Rüstung prächtig, aber es war gewiss nicht gerade angenehm, sie bei dieser Hitze zu tragen, obwohl er unter einem Schirm platzgenommen hatte. Nur sehr hohe Befehlshaber in der Armee des Pharaos besaßen solche Rüstungen und dasselbe galt für das Bronzeschwert, das er an der Seite trug. Die einfachen Soldaten, von denen mehrere Hundert auf weiteren Papyrus-Schiffen die Barke des Pharao begleiteten, waren normalerweise mit einer Streitaxt aus Bronze sowie Speer und Schild bewaffnet. Ein kleinerer und besonders ausgebildeter Teil unter ihnen trug Pfeil und Bogen. Aber der breitschultrige Mann unter dem Schirm war schließlich auch der oberste Befehlshaber des Heeres. Sein Name war Haremhab. Er hatte sich vom einfachen Soldaten in diesen hohen Rang hochgearbeitet und schon Tutenchamuns Vater Echnaton gedient.

Manche sagten, dass Haremhab im Reich eigentlich mächtiger war, als der Pharao selbst.

Der zweite Mann war schon älter. Sein Haar grau und er trug ein schneeweißes Gewand, auf dem deutlich eine Kette mit einem Amulett zu sehen war, das ihn als Großwesir des Pharaos kennzeichnete. Sein Name war Eje und solange Tutenchamun noch nicht volljährig war, führte er den Großteil der Regierungsgeschäfte.

Was die beiden miteinander besprachen, konnte Herkos nicht verstehen, aber es musste sehr wichtig sein. Nur ein paar Worte konnte Herkos dabei aufschnappen. „Amun“ und „Abydos“ lauteten sie.

Letzteres war die große Totenstadt, in der unglaublich prächtige Tempel standen und die Zeremonien zu ihren  Westlichen abgehalten wurden, wie man die Toten in Ägypten zu nennen pflegte. Schließlich war dort, wo die Sonne unterging, also im Westen, der Eingang zu diesem unterirdischen Reich, das vom Gott Osiris regiert wurde.

Herkos hatte schon viel über diese Totenstadt gehört. Dass man eine ganze Stadt nur zu Ehren der Toten errichtete, das gab es wohl in keinem anderen Land. Zumindest soweit Herkos darüber Bescheid wusste.

Diese Totenstadt war das Ziel ihrer Reise – und so neugierig Herkos auf der einen Seite auch war, so sehr schauderte ihn der Gedanke daran doch auch.

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AM ABEND SUCHTEN SIE eine Stelle am Ufer, wo man die Schiffe gut festmachen und ein Lager aufschlagen konnte.

Bei Nacht wurde die Reise nicht fortgesetzt. Das wäre einfach zu gefährlich gewesen. Krokodile und Nilpferde waren nur einige der Gefahren, die dann lauerten.

Die Soldaten, Schiffsleute und Diener gingen zuerst an Land und machten sich daran, ein Lager zu errichten.

Tjesem ließ es sich natürlich nicht nehmen, mit einem großen Sprung an Land zu gelangen, noch bevor die Barke des Pharao überhaupt richtig angelegt hatte.

„Worauf wartest du? Hinterher, Herkos!“, rief Anchesenamun spöttisch. „Auf einen Prinzen von Kreta hört dieser Hund ja schließlich, während ihm das Wort des Pharaos vollkommen gleichgültig ist!“

Herkos ärgerte sich etwas über den Hochmut von Prinzessin Anchesenamun. Aber so war sie nunmal. Inzwischen hatte Herkos längst begriffen, dass diese Art, die auf den ersten Blick wie Hochmut wirkte, gar nicht böse gemeint war. Sowohl Anchesenamun als auch ihr pharaonischer Bruder waren einfach in der Überzeugung aufgewachsen, etwas ganz Besonderes zu sein.

Herkos sprang an Land und rannte hinter Tjesem her.

Natürlich konnte er ihn zunächst nicht einholen. Der Windhund war so schnell, dass man ihn gerade noch davon huschen sah. Seine schlanken Beine schienen die Erde kaum zu berühren, so leichtfüßig rannte er davon.

Herkos nahm alle seine Kräfte zusammen.

Zum Glück war es jetzt schon ein bisschen kühler geworden, seitdem die Sonnenscheibe schon zu mehr als der Hälfte bei den Westlichen im Totenreich versunken war.

Dennoch – der Abstand wurde immer größer.

Am Flussufer gab einen schmalen Streifen, der mit Sträuchern und ein paar Bäumen bewachsen war. Dort war der Boden dunkel durch den Nilschlamm, den der Fluss jedes Jahr mitbrachte. Das war das schwarze Land.

Hier war dieser fruchtbare Streifen besonders schmal.

Nach kurzer Zeit hatte Herkos es bereits durchquert. Der Windhund hatte ein paar Haken durch die Sträucher und Büsche  geschlagen. Ein paar halbverdorrte Bäume warfen einen großen Schatten, aus dem Herkos ihn dann noch einmal kurz auftauchen sah. Vielleicht folgte Tjesem ja irgendeinem kleinen Tier, das er gesehen hatte und nach dem er jetzt auf der Jagd war.

Jenseits der verdorrten Bäume begann bereits das rote Land.

So nannte man das Reich des Wüstengottes Seth.

So weit das Auge blickte war hier nur Geröll, rötlicher Sand und steinige Einöde zu sehen.

Herkos rang nach Luft.

Er blickte über das rote Land und achtete dabei auf jede Bewegung. Vielleicht lag es daran, dass ihm Tjesem erst gar nicht auffiel. Er stand nämlich vollkommen starr neben einem  Felsblock und sah dabei aus wie eines der Standbilder, die man von den neun Windhundgöttern an manchen Orteten bewundern konnte.

Kein Laut kam aus seinem halb geöffneten Maul und der Schwanz wirkte so ordentlich aufgerollt, dass man kaum glauben konnte, dies sei wirklich ein lebendes Wesen war.

„Tjesem! Bleib stehen! Ich komme zu dir!“, kündigte Herkos an. Und dabei dachte er: Nicht auszudenken, wenn ich schuld daran sein sollte, dass ein so wertvolles Geschenk an den Pharao einfach in die Wüste davonläuft!

Herkos überlegte schon, wie er Tjesem festhalten konnte. Leider trug der Windhund kein Halsband. Und so würde es wahrscheinlich sehr schwierig werden, ihn einfach so zu packen, ohne dass er dem Prinz von Kreta durch die Finger glitt.

Herkos näherte sich also vorsichtig.

Und dann bemerkte er ein Zischen am Boden. Etwas von dem rötlichen Sand wurde aufgewirbelt und eine Kobra richtete sich auf. Mit diesem Tier war ganz gewiss nicht zu spaßen. Es öffnete sein Schlangenmaul etwas und die gespaltene Zunge wurde sichtbar. Immer wieder schnellte diese Zunge aus dem Schlangenmaul. Die Giftzähne waren darunter deutlich sichtbar.

Der Körper der Kobra war jetzt gespannt wie ein Bogen. Sie schien bereit, jeden Moment nach vorn zu schießen und sich auf Tjesem zu stürzen.

Tjesem wiederum wirkte so starr wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange, obwohl er eigentlich ja ein Windhund war. „Na lauf doch!“, hätte Herkos ihm am liebsten noch einmal zugerufen. Aber er schluckte diese Worte herunter, denn er wusste sehr wohl, dass jedes weitere Geräusch den Angriff der Schlange auslösen konnte, die jetzt noch drohend und zischend vor Tjesem stand.

Warum bewegte er sich nur nicht, ging es Herkos durch den Kopf. Hatte der Bann der Schlangengöttin Uto ihn getroffen? Schlangen und insbesondere Kobras waren schließlich – so wie zahllose andere Tiere auch in Ägypten – heilig.

Herkos näherte sich noch ein wenig.

Eine Hand umgriff den kurzen Zierdolch, den er am Gürtel trug. Die Klinge war aus Bronze und sogar recht scharf. Aber für den Kampf mit einer Schlange war Herkos viel zu langsam und außerdem hatte er sich auch zu nahe an das Reptil heranwagen müssen, um mit dem Bronzemesser irgend etwas ausrichten zu können.

Also nahm Herkos vorsichtig einen Stein vom Boden auf.

Für einen Moment wirkten sie alle drei – Herkos, Tjesem und die Schlange - so starr wie die Bilder an den Wänden der Amun-Tempel. Dann schleuderte Herkos den Stein. Er traf die Schlange genau. Mit einem wütenden Zischen schlängelte sie sich durch durch den rötlichen Sand davon und verschwand in einer Öffnung zwischen den Felsen.

Herkos atmete tief durch. Dann klopfte er auf seine Schenkel. „Na komm schon, Tjesem! Oder willst du dummer Windhund darauf warten, dass die Schlange wieder aus ihrem Loch kommt!“

Tjesem stieß einen hohen, fiependen Laut aus. Die Begegnung mit der Schlange hatte ihn offenbar auch sehr erschreckt. Dann rannte er auf Herkos zu und ließ sich bereitwillig von ihm in die Arme schließen.

„Also, um dich zu tragen, bist du mir zu schwer!“, sagte der junge kretische Prinz. „Du folgst mir jetzt am Besten auf dem Fuß!“

Herkos hielt Tjesem an den langen Haaren fest, die der Windhund am Nacken besaß. Als er aufsah bemerkte er einen der Bogenschützen aus Haremhabs Garde, die die Reise Pharaos begleiteten. Die Haut des Kriegers war tiefschwarz. Er kam aus dem Land Nubien, das weit im Süden lag – dort, wo man den Nil nicht weiter flussaufwärts fahren konnte, weil Stromschnellen und Wasserfälle diese gewaltige Wasserstraße immer wieder unterbrachen. Viele Nubier waren für die Armee des Pharao angeworben worden – vor allem als Bogenschützen.

„Du hast Glück gehabt“, sagte der Nubier und senkte den bereits gespannten Bogen, in den er auch schon einem Pfeil eingelegt hatte.

„Ach, die Schlange war doch noch weit von mir entfernt!“, meinte Herkos leichthin. „Und das Steine werfen habe ich auf Kreta gelernt. Ich war ziemlich gut darin, sie zum Beispiel über das Wasser flitschen zu lassen, sodass sie immer wieder aufspringen... Richtige Wettbewerbe haben wir da früher gemacht! Allerdings war ich etwas aus der Übung, schließlich kommt man im Palast des Pharao nicht allzu oft dazu!“

Tjesem bellte kurz auf.

Herkos beugte sich und tätschelte ihm das Fell. „Ja, ist alles gut gegangen, Tjesem!“ Und an den Nubier gewandt fuhr er fort: „Jedenfalls danke ich dir dafür, dass du mir helfen wolltest.“

„Du hast mich missverstanden“, erklärte nun der Nubier.

Herkos blickte auf. „In wie fern?“

„Du hast deswegen Glück gehabt, weil ich keine Schlange töten musste, um dich oder diesen Hund zu retten! Die Schlangengöttin Uto zu beleidigen hätte vielleicht Unglück für uns alle heraufbeschworen – und gerade auf dem Weg in die Totenstadt Abydos sollte man mit den Göttern im Reinen sein!“

Herkos zuckte mit den Schultern.

„So habe ich das noch gar nicht gesehen“, gab er zu.

„Das solltest du in Zukunft aber. Vor allem dann, wenn wir in Abydos heiligen Boden betreten und unter besonderer Beobachtung der Götter stehen werden!“

„Du sprichst fast wie ein Priester und dabei...“

„...bin ich nur ein Bogenschütze?“, vollendete der Nubier den Satz.

„So wollte ich das jetzt nicht sagen“, beteuerte Herkos.

„Ist schon in Ordnung“, sagte der Nubier. „Aber die Amun-Priester würden niemanden aufnehmen, der aus einem fremden Land kommt und dessen Familie nicht hohes Ansehen genießt. Und davon abgesehen müsste ich dann die Hieroglyphen lesen lernen und dazu hätte ich nicht die Geduld.“

„Wie heißt du?“, fragte Herkos.

„Mein Name ist Pentafer“, sagte der Bogenschütze.

„Ich habe nicht bemerkt, wie du dich genähert hast.“

„Das muss ein Bogenschütze können, denn wir gehen auch für den Pharao auf die Jagd.“

„Du musst mir unbedingt bei Gelegenheit mal zeigen, wie du das gemacht hast – dich so lautlos zu nähern!“

„Jemand wie du wird das nie zu lernen brauchen“, erwiderte Pentafer. „Du bist doch schließlich eine der königlichen Geiseln.“

„Das stimmt.“

„Und das bedeutet, du wirst eines Tages in deine Heimat zurückkehren und eine sehr wichtige Stellung einnehmen. Man wird dich mit Pauken und Trompeten ankündigen – aber du wirst dich ganz gewiss nirgendwo anschleichen müssen!“

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SIE GINGEN ZURÜCK ZU den anderen. Tjesem folgte Herkos nun auf dem Fuß, ohne, dass er ihn noch weiterhin an den Nackenhaaren festhalten musste.

Haremhab kam ihnen entgegen.

„Da bist du ja, Herkos!“, sagte der Befehlshaber der Armee des Pharaos. „Ich hatte mir schon Sorgen gemacht! Man hat dich übrigens schon vermisst!“

„So?“

„Der lebendige Horus verlangt nach dir!“

Der lebendige Horus – das war einer der Namen, die der Pharao trug, denn der Herrscher Ägyptens galt als die Verkörperung des Gottes Horus, der vor langer Zeit gegen seinen Onkel, den Wüstengott Seth der Legende nach achtzig Jahre darum gekämpft hatte, wem die Krone Ägyptens zustand. Sie hatten sich dabei in Krokodile, Nilpferde und andere Tiere verwandelt und sich gegenseitig bis zum Letzten bekämpft – allerdings nicht nur mit Klauen, Zähnen und den unterschiedlichsten Waffen, sondern auch vor dem Gericht der Götter, das sich in all der Zeit nicht entscheiden konnte, wer recht hatte, denn es folgte in seiner Beurteilung immer der Aussage des letzten Zeugen. Schließlich aber siegte Horus – und seitdem waren alle Pharaonen Verkörperungen dieses Gottes.

Wenn Haremhab den Pharao so nannte, dann sollte das die besondere Hochachtung ausdrücken.

Inzwischen hatten Diener und Soldaten damit begonnen, ein Zeltlager für die Nacht zu errichten. Die Papyrus-Schiffe waren festgemacht und so weit wie möglich an das schlammige Ufer herangezogen worden.

Ein paar Kundschafter kehrten zurück und meldeten sich bei Haremhab. „Keine Krokodile in der Nähe!“, erklärten sie.

„Das ist gut“, sagte Haremhab zufrieden. „Wir wollen schließlich nicht in Sobeks Reich eindringen und seine Geschöpfe stören! Ich möchte trotzdem, dass die doppelte Anzahl der üblichen Wachen für die Nacht eingeteilt wird!“

„Sehr wohl, edler Herr!“, sagte einer der Soldaten und verneigte sich zusammen mit den anderen vor Haremhab.

„Gibt es Grund zur besonderen Vorsicht?“, fragte Herkos den Befehlshaber.

Haremhab musterte den jungen Prinzen einen Augenblick und lächelte dann verhalten. „Nein, nur die Übliche!“, behauptete der Befehlshaber. „Und falls es anders wäre, würde ich ganz bestimmt nicht mir dir darüber sprechen!“

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HERKOS BEGAB SICH ZU Tutenchamun und seiner Schwester, die sich interessiert ansahen, wie die Zelte hergerichtet wurden. Die Dienerschaft musste sich damit beeilen, denn schon sobald die Sonnenscheibe bei den Westlichen versunken war, würde es sehr dunkel werden. Zwei Diener waren damit beschäftigt, dem Pharao und seiner Schwester Luft zuzufächeln.

„Schön, dass das Geschenk nicht verloren ging“, sagte Tutenchamun lächelnd und deutete dabei auf Tjesem. Der Hund hielt sich dabei allerdings eng an seinem Bein. „So können wir auf dem Rückweg zumindest in jenem Dorf anlegen, ohne dass sich der lebendige Horus lächerlich macht, weil ihm ein Hund entlaufen ist!“

„Herkos sollte in Zukunft auf ihn achten“, meinte nun seine Schwester.

„Es gibt genügend Diener, die das übernehmen können!“, gab Tutenchamun zu bedenken.

„Ach Tut, du siehst doch das Herkos offenbar den Segen der neun Windhundgötter besitzt – sonst würde sich Tjesem doch nicht so an ihn schmiegen.“

„Gut“, sagte der Pharao schließlich. „Er soll fürs erste bei dir bleiben und auch in deinem Zelt schlafen!“

„Sehr wohl, mein Pharao“, nickte Herkos und verbeugte sich leicht. Sie hatten sich zwar angefreundet, seitdem Herkos dem Pharao mehrmals aus sehr ernsten Schwierigkeiten herausgeholfen hatte. Aber trotzdem war Tutenchamun immer noch der Pharao und Herkos nur eine Geisel. Wenn es darum ging, Entscheidungen zu treffen, ließ der junge Pharao auch keinen Zweifel daran, wer von beiden es zu sagen hatte.

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HERKOS ÜBERNACHTETE in einem Zelt zusammen mit ein paar Beamten und Schreibern, die den Pharao auf die Reise nach Abydos begleiteten. Von den anderen Geiseln, war niemand auf diese Reise mitgenommen worden.

Herkos konnte diesen Umstand durchaus als Auszeichnung ansehen. Tutenchamun wollte ihn anscheinend einfach gerne in seiner Umgebung haben. Seine Schwester hatte zuerst geglaubt, dass er vielleicht ein Spion der Amun-Priester oder von irgendjemand anderem war, der ein Interesse daran haben konnte, den Pharao auszuhorchen.

Herkos fragte sich, ob sie vielleicht ihre Meinung geändert hatte. Es war fast anzunehmen. Erstens behandelte Anchesenamun den Prinzen aus Kreta weitaus freundlicher als früher und zweitens hatte Herkos sehr schnell gemerkt, was für einen großen Einfluss das Mädchen auf seinen Bruder hatte. Eigentlich war nicht anzunehmen, dass Herkos überhaupt auf die Reise nach Abydos mitgenommen worden wäre, wenn Anchesenamun dagegen ihren Widerspruch eingelegt oder auch nur Bedenken geäußert hätte.

Anscheinend hat sie nichts dagegen gehabt, dachte Herkos.

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TJESEM LEGTE SICH ZU ihm und der Hund schlief rasch ein.

Herkos war auch ziemlich müde. Außerdem wusste er, dass es am Morgen beim ersten Strahl der Sonne gleich weiter gehen würde.

Eine Weile hörte Herkos noch die Stimmen aus den anderen Zelten durcheinander reden. Die Gespräche der Soldaten mischten sich mit denen der Schreiber, Beamte und Priester, die den Pharao ebenfalls begleiteten. Herkos schnappte hier und da ein paar Worte auf. Einer der Steuerleute meinte, dass  auf diesem Teilstück des Nils der Fluss eigentlich am besten zu befahren war. „Es gibt keine Untiefen und Sümpfe“, hörte einen der Steuerleute sagen, der diese Strecke wohl früher schon öfter gesegelt war und der jetzt vor den anderen offenbar mit seiner größeren Erfahrung prahlte.

Über diesem Gerede schlief Herkos schließlich ein.

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IRGENDWANN MITTEN IN der Nacht schrak er plötzlich hoch. Er hatte schlecht geträumt. Verschwommen erinnerte er sich noch an Bruchstücke aus diesem Traum. Die Schlange, die er mit einem Stein getroffen hatte, war darin aus ihrem Loch zurückgekehrt und hatte sich in die Schlangengöttin Uto verwandelt. Manchmal wurde sie als Frau mit einer Schlangenkrone, manchmal auch einfach als Schlange dargestellt. In Herkos Traum war sie ein Mischwesen aus Schlange und Mensch gewesen und hatte Tjesem angegriffen. Dabei war ihr Maul plötzlich so groß geworden, dass sie den Hund mit einem einzigen Bissen verschlungen und heruntergewürgt hatte.

Herkos war schweißgebadet. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis er begriff, dass das alles nur ein Traum gewesen war.  Das durchdringende Schnarchen eines der Hofbeamten sorgte unter anderem dafür, dass ihm das klar wurde. Er sah sich um, fühlte in der Dunkelheit neben sich und erschrak aufs Neue. Tjesem war verschwunden!

Nein, nicht schon wieder!, ging es ihm durch den Kopf.

Es blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als zu schauen, wo der Windhund geblieben war. In Zukunft werde ich ihn festbinden, nahm er sich vor.

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HERKOS GING VORSICHTIG ins Freie.

Der klare Sternenhimmel wölbte sich über dem Land. Deutlich war ein auffälliges Sternbild aus sehr hellen Sternen zu sehen. Wenn man sie miteinander verband, bildeten sie einen Krieger oder Jäger. Dort erschien Horus, so glaubten die Ägypter und wenn ein Pharao gestorben war, dann stieg eine Seele genau zu diesem Sternbild hinauf.

Herkos sah sich um.

Tjesem war nirgends zu sehen. Also lief er durch das Lager.

Er traf einen der Wächter an, der eingeschlafen war und dabei seinen Speer wie eine Puppe im Arm hielt und vor sich hinschnarchte.

Vom Nilufer waren die Rufe von Vögeln zu hören, die die Nacht bevorzugten. Herkos kannte sie nicht. Außerdem erfüllte das Zirpen von Grillen die Nacht. Es war viel kühler geworden. Herkos nahm an, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis die ersten Sonnenstrahlen über dem Horizont glitten und der neue Tag beginnen konnte.

Herkos schlich an den Zelten vorbei zum Rand des Lagers. Wenn er Glück hatte, dann fand er Tjesem wieder und am Morgen würde niemand etwas davon bemerkt haben, dass der Hund ein zweites Mal weggelaufen war. Ansonsten gab es bestimmt Ärger. Es war zwar eine Ehre, dass der Pharao den Hund bei ihm persönlich in Obhut gegeben hatte. Aber das hatte natürlich auch die Kehrseite, dass er damit für Tjesem verantwortlich war.

„Tjesem“, flüsterte er.

Aber von dem Hund war nirgends etwas zu sehen.

„Was machst du da?“, fragte eine Stimme – tief und rau. Herkos zuckte zusammen.

Er stotterte vor sich hin.

„Ich...“

Aus dem Schatten trat der Nubier Pentafer. Er war wohl gerade zur Wache eingeteilt und sah nach dem Rechten.

„Du hast mir aber einen Schrecken eingejagt.“

„Und du mir meine Frage nicht beantwortet“, war die strenge Erwiderung.

„Ich suche den Hund! Er ist fort!“

„Du solltest besser auf ihn aufpassen.“

Plötzlich ertönte in einiger Entfernung ein Gebell. Anschließend ein Knurren, so als stünde der eigentlich doch so friedliche Tjesem zähnefletschend einem Feind gegenüber.

„Windhunde werden zur Kaninchenjagd gezüchtet – nicht für die Jagd auf Schlangen“, meinte Pentafer. „Das solltest du  diesem Exemplar möglichst bald beibringen!“

In diese Moment war aber auch ein menschlicher Schrei zu hören.

Pentafer nahm seinen Bogen vom Rücken und begann loszuspurten. Noch während er lief, legte er einen Pfeil ein.

Herkos folgte ihm so schnell wie möglich.

„Bleib wo du bist!“, rief Pentafer dem Jungen zwar zu, aber Herkos dachte nicht einen Moment daran, sich an die Anweisung des Bogenschützen zu halten.

Zwischen ein paar knorrigen, halb verdorrten Bäumen sahen sie dann Tjesem mit gefletschten Zähnen dastehen und  drohend knurren. Das Licht des hellen Vollmondes schien ihm dabei genau in das Gesicht und ließ seine Augen glänzen. Er sah nun fast so aus wie eine Erscheinung des schakalköpfigen Gottes Anubis, der der Schutzherr der Mumifizierer war.

Ganz in der Nähe war eine schattenhafte Gestalt zu sehen.

„Wer ist da?“, rief Pentafer furchtlos.

„Ich bin Maatmosis, der Lotse, der dem Pharao gesandt wurde“, behauptete der Schatten. „Aber diese Ausgeburt des Hundedämons hat mich ins Bein gebissen!“

„Weil du dich ans Lager angeschlichen hast“, behauptete Pentafer.

Wie zur Bekräftigung der Worte des Bogenschützen bellte Tjesem noch einmal laut und vernehmlich.

Inzwischen waren auch einige andere bewaffnete Wächter bekommen. Der Schatten war schnell eingekreist. An Flucht war jetzt auf jeden Fall für ihn nicht mehr zu denken.

„Nein, ich habe mich nicht angeschlichen!“, rief der Schatten. „Ich bin wirklich der Lotse! Überprüft das Amulett, das ich um den Hals trage und das versiegelte Papyrus, das ich dem Pharao von meinem Herrn, dem Unterwesir von Abydos zu überbringen habe! Aber nehmt bloß diese Bestie aus Seths Wüstenhölle fort!“

„Komm her, Tjesem!“, forderte Herkos nun energisch – und der Hund kam nach kurzem Zögern tatsächlich zu ihm gelaufen.

Der Fremde trat nun aus dem Schatten der Bäume, sodass sowohl das Mondlicht als auch die Fackeln einiger herbeigeeilter Soldaten ihn beleuchteten. Er trug tatsächlich ein Amulett.

Pentafer nahm es dem Fremden ab und sah es sich eingehend an. Aber anscheinend konnte er nicht beurteilen, ob dieser Mann tatsächlich ein Gesandter des Unterwesirs war.

Auch Haremhab war inzwischen geweckt worden und am Ort des Geschehens eingetroffen. Pentafer informierte ihn mit ein  paar knappen Sätzen und gab ihm das Amulett.

Der Befehlshaber sah es sich an, hielt es in das Licht einer Fackel und nickte dann. „Das ist tatsächlich ein Lotse!“, erklärte er. „Allerdings wundert es mich, dass man uns einen schickt. Der Nil gilt in dieser Gegend eigentlich als leicht zu befahren.“

„Es gibt einige schwierige Stellen und Untiefen, die man besser umfahren sollte“, erklärte der Fremde, der sich Maatmosis nannte. „Und die letzten Zweifel sollte mein Brief zerstreuen, den mein Herr direkt an den Pharao gerichtet hat und dem nur ihm persönlich ausgehändigt werden darf.“ Er nahm ein zusammengerolltes und mit einem wächsernen Siegel versehenes Papyrus hinter seinem Gürtel hervor und reichte es Haremhab.

„Zeigt es mir!“, forderte jetzt eine autoritätsgewohnte, aber noch sehr junge Stimme.

Es bildete sich sofort eine Gasse unter den Soldaten. Manche deuteten eine Verbeugung an, ohne dabei den Fremden namens Maatmosis aus den Augen zu lassen oder schon die Speere und Bronzeäxte zu senken.

Es war niemand anderes als der Pharao selbst, der durch den Tumult natürlich ebenso wie alle anderen geweckt worden war. Anchesenamun war bei ihm.

„Mein Pharao, es wäre besser, wenn...“, begann Haremhab, aber der Befehlshaber kam gar nicht mehr dazu, auszusprechen, dass er es eigentlich lieber gesehen hätte, wenn der junge Herrscher in seinem Zelt geblieben wäre.

Aber Tutenchamun schnitt ihm das Wort ab und sagte: „Soll  der lebendige Horus denn immer der Letzte sein, der Neuigkeiten erfährt?“

„Mein Pharao!“

„Ja, schon gut, Ihr habt alles wunderbar im Griff, Haremhab. Und abgesehen davon weiß ich schon, dass Ihr mich davor warnen wollt, dieses Papyrus zu nah an mein Gesicht zu halten, weil es mit einem Gift versehen sein könnte!“

„Er hat recht“, mischte sich nun Eje ein. Der Großwesir des Pharao war als letzter eingetroffen. „Bedenkt, dass Ihr viele Feinde in diesem Teil Ägyptens habt!“

Tutenchamun sah sich kurz das Siegel an und brach es dann auf. Anschließend las er sich das Papyrus durch und nickte. „Es hat alles seine Ordnung“, erklärte er. „Dieser Mann ist uns wirklich als Lotse geschickt worden.“

„Einen Moment!“, unterbrach Haremhab, dessen Tonfall das Misstrauen anzuhören war. Er wandte sich an Maatmosis, unterzog ihn einer eingehenden Musterung und runzelte schließlich die Stirn. „Wieso hat man dich über Land geschickt, Lotse – anstatt dich uns mit einem Schiff entgegen zu senden!“

„Was spricht denn dagegen?“, fragte Maatmosis. „Es gibt nur wenige Plätze, an denen man gut anlegen kann und wo das Schiff des Pharaos vermutlich für die Nacht angelegen wird, um ein Lager zu errichten. Auf dem großen Fluss kann man sich schonmal verpassen. Aber dieser Lagerplatz war eigentlich nicht zu verfehlen!“

„Ich weiß nicht, ob mich diese Erklärung wirklich zufrieden stellen soll“, meinte Haremhab.

„Sie entspricht der Wahrheit. Ich hatte den Auftrag, euch hier an einem der in Frage kommenden Plätze zu treffen!“

„Ja, steht es auch in diesem Brief“, bestätigte Tutenchamun. „Und das Siegel ist echt!“

Maatmosis fiel vor dem Pharao auf die Knie. „Der lebendige Gott Horus hat in seiner Weisheit die Wahrheit erkannt!“,  stieß er hervor. „Und mein Herr Chep-meket preist Euch über die Maßen!“

„Ich komme nach Abydos, um am Begräbnis seines Vorgängers,  des Wesirs Ahmose teilzunehmen“, sagte Tutenchamun. „Hast du auch ihm schon gedient?“

„Aber gewiss, Herr! Ahmose war ein guter Wesir, der überall hohes Ansehen genoss – bei den Lebenden wie auch bei den Toten, zu denen er jetzt gehört.“

„Hast du gehört, woran Ahmose gestorben ist?“, fragte Tutenchamun jetzt.

Der Lotse war sichtlich überrascht, diese Frage gestellt zu bekommen. „Man hört etwas von verdorbene Essen und einer Krankheit, bei dem die Hilfe der Ärzte zu spät kam“, sagte Maatmosis. „Imhotep hat ihnen keine Einsicht darüber geschickt, woran er wohl gelitten hatte!“

„Oder die Ärzte haben die Weisheit ihres Gottes nicht verstanden und dem Armen deswegen nicht helfen können“, schloss Tutenchamun. Imhotep war vor sehr langer Zeit selbst Arzt gewesen, bevor er nach seinem Tod zu einem mächtigen Gott hatte werden können, der vor allem die Heilkundigen schützte und ihnen dabei half, die Krankheiten richtig zu erkennen.

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MAATMOSIS SCHLIEF BEI den Soldaten. In der kurzen Zeit bis zum Sonnenaufgang versuchte Herkos zu schlafen. Tjesem band er diesmal mit einem Riemen fest, dessen anderes Ende er sich um das Handgelenk schlang. „Wenn du jetzt abzuhauen versuchst, werde ich das merken“, sagte er dem Hund, von dem er manchmal fast den Eindruck hatte, dass er seine Worte verstand. Allerdings wohl nur dann, wenn er das auch wollte.

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AM NÄCHSTEN TAG GING es weiter. In aller Frühe wurde das Lager abgebaut und alles auf den Papyrus-Schiffen verstaut.

Der Lotse fuhr auf der Barke des Pharaos mit.

Der Steuermann erkundigte sich mehrfach nach wenigen Stellen, wo er Untiefen vermutete, denen man besser auswich. Aber der Lotse sagte nicht viel dazu. „Lass dich einfach vom Wind weiter nach Süden tragen!“, erklärte er.

Herkos saß zusammen mit Tutenchamun und Anchesenamun im hinteren Teil der Barke. Einen Sonnendach schützte sie vor dem grellen Licht der Sonne. Tjesem kauerte aufmerksam neben dem Jungen aus Kreta. Und wann immer sich der Lotse auf der Barke bewegte, um sich zum Beispiel von einem der Diener ein Stück Melone geben zu lassen, knurrte Tjesem leise.

„Was haben wir den neun Windhundgöttern getan, dass dieses Tier seinen Zorn darüber nicht verbergen kann?“, fragte Tutenchamun.

„Tjesem mag den Lotsen nicht, Tut!“, erklärte Herkos.

Sie waren im Moment ziemlich unbeobachtet und niemand an Bord hörte ihrem Gespräch zu. Deswegen nannte Herkos den Pharao auch ausnahmsweise einfach nur 'Tut'. Das hatte Tutenchamun seinem Freund Herkos ausdrücklich erlaubt – als Zeichen ihrer Freundschaft. Aber Herkos wusste sehr genau, dass er den Pharao nur dann so anreden konnte, wenn sie unter sich waren.

„Was hat Tjesem gegen ihn?“, fragte der Pharao.

Herkos zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, er kann ihn wohl einfach nicht riechen!“

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AM NÄCHSTEN ABEND LEGTEN sie bei einem kleinen Dorf am Nilufer an. Die Menschen dort waren hellauf begeistert, als sie erfuhren, dass der Pharao persönlich sie besuchte. Das ganze Dorf versammelte sich, um Tutenchamun zu empfangen.  Hier und da wurden Dankesgesänge angestimmt. Man dankte dem Pharao für die Nilflut, die den fruchtbaren Schlamm aus den Bergen im Süden herbeischaffte und ohne den man selbst am Flussufer nichts hätte anbauen können. Tutenchamun nahm all diese Huldigungen geduldig hin. Er brauchte nichts weiter zu tun, als einfach nur in seiner Sänfte zu sitzen und seinen Krummstab zu schwenken – das Symbol seiner Herrschaft.

Herkos hielt sich dabei am Rande des Geschehens auf, denn er gehörte ja nur zum weiteren Gefolge des Herrschers.

Tjesem war bei ihm und wich nicht von seiner Seite. Den Riemen, mit dem Herkos ihn in der Nacht festgebunden hatte, benutzte er nun nicht mehr. „Wäre doch gelacht, wenn so ein Mischling aus mehreren Windhundgöttern nicht schlau genug wäre, um zu lernen, wie sich ein Hund benehmen sollte!“, raunte er dem Tier zu, während sie dem Treiben im Dorf zusahen.

Tjesem sah ihn nur an und stellte dabei die Ohren auf.

Herkos kraulte ihn am Hals und beobachtete mit wachsender Sorge, dass dem Pharao von den Leuten aus dem Dorf zahllose Geschenke gemacht wurden. „Ich hoffe nur, es kommt nicht irgendwer auf die Idee, dass Tutenchamun noch einen weiteren Windhund gebrauchen könnte!“, meinte er.

Tjesem wirkte unruhig. Er blickte zu den am Ufer liegenden Schiffen. Dort waren jetzt nicht einmal mehr Wächter zurückgeblieben, denn Pentafer und die anderen Soldaten des Pharaos hatten alle Hände voll zu tun, ihren Herrscher zu bewachen, denn inzwischen hatten sich immer mehr Menschen versammelt. Offenbar hatten sich auch aus nahegelegenen Nachbardörfern Menschen auf den Weg gemacht, um dem lebendigen Horus zu begegnen. Sooft kam es ja nun wirklich nicht vor, dass ein Pharao in diese abgelegene Gegend kam und sie dazu Gelegenheit hatten.

Nur einer war bei den Papyrus-Schiffen geblieben.

Und das war Maatmosis, der Lotse.

Tjesem bellte kurz auf.

„Ganz ruhig, er tut dir nichts!“, meinte Herkos.

Aber in dieser Hinsicht hatte Tjesem ein sehr viel besseres Gespür, wie sich schon bald herausstellen sollte.

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AM NÄCHSTEN MORGEN, als Tutenchamun und sein Gefolge in aller Frühe aufbrachen, um die letzte Etappe der Reise hinter sich zu bringen, war der Lotse plötzlich nicht mehr auffindbar.

Er war wie vom Erdboden verschluckt.

Zuerst wurde angenommen, dass er sehr wahrscheinlich Verwandte in einem der benachbarten Dörfer hatte, die er besuchen wollte und das er sich deswegen nur verspätet hatte.

Als die Papyrus-Schiffe reisefertig waren und selbst der  Pharao bereits unter seinem Sonnendach auf der Königsbarke saß, war Maatmosis allerdings noch immer nicht wieder aufgetaucht. Tjesem lag hingegen ruhig bei Herkos und schmiegte sich an dessen Knie. Dass der Lotse nicht mehr an Bord war, schien ihn zu beruhigen.

Haremhab wandte sich an Tutenchamun. „Der Steuermann hat mir gesagt, dass der Lotse ohnehin nicht besonders gut Bescheid wusste und er sich schon gefragt hat, weshalb man uns einen so ahnungslosen Stümper geschickt hat. Er schlägt vor, dass wir einfach weitersegeln.“

„Es beunruhigt mich, dass dieser Maatmosis einfach so verschwunden ist!“, gab Tutenchamun zu. „Wir werden immer noch pünktlich zu den Begräbnisfeiern zu ehren des Wesirs Ahmose kommen, wenn wir noch ein oder zwei Stunden warten... Mit einem Lotsen zu reise ist doch letztlich einfach sicherer, auch wenn wir das Glück haben, eine erfahrenen Steuermann für die königliche Barke zu haben!“

„Ich glaube, Ihr werdet vergeblich warten“, meinte Haremhab.

„Dann schickt ein paar Eurer Soldaten in die Nachbardörfer! Wenn sie unverrichteter Dinge zurückkehren, brechen wir auf!“

Haremhab verneigte sich. „Wie Ihr wünscht, Herr.“

Nachdem der Befehlshaber sich in seiner prächtigen Rüstung zurück an Land begeben hatte und Pentafer herbeirief, wandte sich Tutenchamun an Herkos. „Die großen Entscheidungen lassen mich Eje und Haremhab nicht allein treffen. Gegen wen Ägypten Krieg führt und ob die Steuern erhöht werden, damit wir genügend Soldaten ausrüsten können, entscheiden die beiden. Aber dafür lassen sie mir bei den kleinen Dingen meistens meinen Willen!“

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DIE SOLDATEN, DIE HAREMHAB ausschickte, kehrten unverrichteter Dinge zurück. Maatmosis war nirgends zu finden gewesen. Und es gab auch niemanden in der Gegend, der mit ihm verwandt oder bekannt war.

„Eigenartig“, meinte Tutenchamun als Haremhab sich zu Eje  in den vorderen Teil der Königsbarke begeben hatte.

„Vielleicht sollten deine Diener mal überprüfen, ob vielleicht irgend etwas fehlt!“, schlug Herkos vor.

„Du meinst, dieser Lotse könnte ein Dieb gewesen sein?“

„Wäre doch eine Möglichkeit!“

„Aber er hatte das richtige Amulett und an dem Brief war auch nichts auszusetzen!“

„Wer es wagt den Pharao zu bestehlen, der hätte sicherlich auch keine Schwierigkeiten, das Siegel des Wesirs an sich zu bringen!“, mischte sich jetzt Anchesenamun ein.

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SIE WAREN SCHON EINIGE Zeit auf dem Wasser. Die Barke des Pharao segelte zusammen mit ihren Begleitschiffen nach Süden. Der Wind war stetig und gerade kräftig genug, um die Segel zu blähen und dafür zu sorgen, dass die entgegengesetzte Strömung überwunden wurde und man gut vorankam. Plötzlich schrie eine der Dienerinnen, die zum Gefolge des Pharaos gehörten, schrill auf.

Herkos schreckte auf, dann sah er, wie sich die Barke in der Mitte teilte. Ein Licht entstand und wurde rasch größer. Flusswasser spülte ihm wenig später um die Füße.

Einige Diener, Soldaten, Köche und Schreiber sprangen gleichzeitig von ihren Plätzen auf und das sorgte dafür, dass das Papyrus-Schiff endgültig aus dem Gleichgewicht geriet. Es zerfiel förmlich. Die einzelnen Papyrus-Taue lösten sich voneinander, während das Schiff kenterte. Der Mast wurde mitsamt dem Segel durch den Wind nach vorn gedrückt. Im nächsten Moment strampelte Herkos im Wasser und versuchte zu schwimmen, während sich über ihn das Segel wie ein großes Leichentuch legte.

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HERKOS HATTE ALS KLEINER Junge schwimmen gelernt. Das kam ihm nun zu Gute. Er tauchte unter dem Segel weg und kam wieder an die Oberfläche. Überall schrien Stimmen durcheinander. Die Barke des Pharao hatte sich in einzelne Papyrusbündel aufgelöst, die im Fluss trieben. Krieger, hohe Beamte und Diener versuchten gleichermaßen sich zu retten, indem sie sich an diesen Bündeln festhielten. Was mochte das nur sein? Hatte man vielleicht irgendeinen der Götter beleidigt, der mit der Nilflut verbunden war?

Aber eigentlich konnte das nicht sein. Hauptsächlich war Horus für die Nilflut zuständig – und Horus hatte sich doch in Gestalt des Pharaos an Bord der Barke befunden? Wie konnte  unter diesen Umständen so ein Missgeschick geschehen?

Seltsam war auch, dass nur dieses eine Schiff offenbar von dem furchtbaren Fluch getroffen worden war. Herkos sah in einiger Entfernung wie gleich mehrere Soldaten versuchten, Haremhab in seiner schweren Rüstung zu retten, die ihm jetzt zum Verhängnis zu werden drohte und ihn in die Tiefe zog.

In seiner Nähe hörte Herkos jemanden schnaufen und nach Luft ringen.

„Wo ist Tut?“, fragte eine helle Stimme.

Das war Anchesenamun. Der Schwester des Pharao klebte das dunkle Haar nass am Kopf. Einen Großteil ihres Kopfschmucks hatte sie beim Sturz ins Wasser verloren. Aber sie konnte immerhin einigermaßen schwimmen und sich über Wasser halten.

Sie war allerdings doch ziemlich erleichtert, als sie eines der im Nil dahintreibenden Papyrusbündel erreichte und sich daran festhalten konnte. „Herkos – wo ist Tut? Er kann nicht richtig schwimmen!“, rief Anchesenamun daraufhin noch einmal, nachdem sie gerade wieder etwas zu Atem gekommen war. Herkos sah sich um. Unter dem Segel, das sich auf die Wasseroberfläche gelegt hatte und dessen Stoff sich nun langsam vollsog bewegte sich etwas. Herkos zögerte nicht, noch einmal zurückzuschwimmen. Ein paar kräftige Züge und er war dort. Dann tauchte er unter das an den Rändern schon ziemlich schwer gewordene und mit Wasser vollgesogene Segel. Er tauchte tiefer und öffnete dabei die Augen. Das Wasser war nicht besonders klar. Man konnte kaum etwas sehen. Eine strampelnde Gestalt fiel ihm dennoch auf – und der Krummstab, den diese Gestalt offenbar krampfhaft umfasste.

Das musste Tutenchamun sein! Er schien nicht einmal mehr so recht zu wissen, wo eigentlich oben und unten war. Er strampelte einfach nur um sich. Herkos packte ihn und zog ihn mit sich. Sie stiegen zusammen an die Oberfläche und hoben das feuchte Segel über ihnen mit den Köpfen an. Immerhin konnten sie Luft holen.

„Atme so tief du kannst, Tut!“, rief Herkos. „Wir müssen nämlich gleich nochmal tauchen, bevor sich das Segel so vollgesogen hat, dass es noch schwerer wird und uns hinunter in die Tiefe zieht!“

Tutenchamun konnte gar nichts sagen. Er ächzte nur.

„Was soll ich tun?“, keuchte er schließlich.

„Gar nichts! Ich ziehe dich mit mir. Du musst dich einfach nur fallen lassen!“

„Es wäre ein Witz der Götter, wenn gerade der Bewahrer der Nilfut in der Nilflut ertrinkt!“, murmelte Tutenchamun und spuckte etwas Wasser. „Ein schlechtes Omen für die Zukunft der beiden Länder!“

Also packte Herkos ihn unter den Armen, zog ihn mit sich  und tauchte mit ihm zusammen unter dem Segel hindurch.

Als sie wieder auftauchten war bereits eines der anderen Schiffe in der Nähe, die die Insassen der gekenterten Königsbarke nach und nach an Bord nahmen. Überall hatten sich die nämlich an den auseinanderdriftenden Papyrusbündeln festgehalten. An manchen dieser Bündel hingegen so viele Menschen, dass selbst das Papyrus sie nicht mehr zu tragen vermochte und unter die Wasseroberfläche gedrückt wurde.

„Wo ist der Pharao?“, rief eine durchdringende Stimme. Die gehörte einem älteren, grauhaarigen Mann in einem völlig durchnässten weißen Gewand. Es war der Großwesir Eje, der natürlich wie alle anderen auch von Bord der LICHT DES HORUS ins Wasser geschleudert worden und in der Zwischenzeit wohl gerettet worden war. Das Gewand klebte ihm am Körper.

„Hier ist der Pharao!“, rief Herkos laut – denn Tutenchamun war gar nicht in der Lage dazu, im Moment auch nur irgendeinen Ton herauszubringen.

„Herkos!“, rief Anchesenamun, die inzwischen ebenfalls gerettet worden war und an der Reling des Papyrus-Schiffes stand. Einer der Männer an Bord warf das Ende eines Seils herüber. Herkos fing es auf, sodass man sie zum Schiff ziehen konnte. Anchesenamun half ihrem völlig erschöpften Bruder dabei, an Bord zu steigen. Aber letztlich mussten ihn zwei starke Soldaten heraufziehen. Herkos schaffte es gerade noch allein. Als er an Bord war, schüttelte er sich und fasste seine Tunika zusammen, um sie etwas auszuwringen.

Um den Pharao kümmerte sich inzwischen seine Schwester Anchesenamun. Außerdem waren eine Reihe besorgter Wächter und Diener bei ihm.

Nachdem Herkos wieder etwas zu Atem gekommen war, sah er sich nach Tjesem um. Seitdem das Segel sich über sie beide gesenkt hatte, war von dem Windhund nichts mehr zu sehen gewesen. Herkos hatte ihn im Verlauf der aufregenden Ereignisse vollkommen aus den Augen verloren.

„Tjesem!“, rief er in den Tumult hinein. Allerdings war der Lärm so groß, dass wohl kam eine Chance bestand, dass der Hund ihn hörte. Überall redeten und schrien aufgeregte Männer und Frauen durcheinander. Eine der Dienerinnen, die mit der LICHT DES HORUS gekentert war, stieß einen durchdringenden Schrei aus, als sie von der Reling des Papyrus-Schiffes wieder abrutschte und zurück ins Wasser fiel. Ein Seil wurde ihr zugeworfen.

Überall schwammen größere und kleinere Papyrusbündel herum – aber auch Gegenstände, die leicht genug waren, um an der Oberfläche bleiben zu können. 

In all dem Chaos bemerkte Herkos dann plötzlich einen Hundekopf, der sich mühsam über Wasser hielt.

„Ich wusste es doch!“, entfuhr es ihm nun.

Der Hund bellte. Er schien nicht so recht zu wissen, wo er in all dem Durcheinander hinschwimmen sollte.

„Der Hund des Pharaos muss noch gerettet werden!“, rief Herkos, aber es hörte ihm niemand zu. Im Moment drehte sich alles um Tutenchamun selbst.

So sprang Herkos kurz entschlossen zurück ins Wasser.

„Heh, bist du noch bei Trost?“, rief ihm einer der Soldaten hinterher.

Aber Herkos achtete nicht weiter darauf. Mit kräftigen Schwimmzügen näherte er sich dem Hund, dessen Kräfte offenbar ziemlich erschöpft waren. Tjesem versuchte, ein im Wasser treibendes Fass zu erklimmen, aber das drehte sich nur immer wieder und ließ den Windhund abrutschen.

Tjesem platschte ins Wasser, tauchte zuerst unter und kam dann wieder an die Oberfläche.

Dann hatte Herkos ihn erreicht und fasste nach ihm. „Na komm! Zum Schiff, du dummer Hund!“

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WENIG SPÄTER ERREICHTEN Herkos und Tjesem die MACHT DES OSIRIS. Ein Soldat half ihnen hinauf.

Tjesem schüttelte sich das Wasser aus dem Fell.

„Wenigstens haben wir einen Windhund, falls uns unterwegs der Proviant ausgehen sollte und wir darauf angewiesen sind, auf Hasenjagd zu gehen!“, lachte der Soldat – seinen Abzeichen nach ein Hauptmann aus Haremhabs Garde.

Aber Herkos konnte die Worte des Hauptmanns im Moment nicht witzig finden. Er war einfach nur froh, dass sie beide gerettet waren.

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IST ALLES IN ORDNUNG mit dir?“, fragte Anchesenamun ihren Bruder.

„Die Götter Ägyptens stehen auf meiner Seite!“, murmelte Tutenchamun.

„Oh, Tut, wir hatten alle schon befürchtet, dass du...“

„Keine Sorge, Anchi! Osiris, der Herr der Unterwelt, will seinen Sohn Horus noch nicht bei sich haben!“ Er lächelte matt. Haremhab und Eje waren dann sofort bei ihm. Außerdem wurde der Leibarzt des Pharao gerufen. An seinem nassen Gewand sah man, dass auch er zuvor bereits aus den Fluten gerettet worden war.

Der Arzt betastete sehr eingehend die Knochen und vor allem das Rückgrat des jungen Pharao und wollte immer wieder wissen, ob der Druck auf diese oder jene Stelle Schmerzen verursachte.

Herkos sah sich das ganze an. Während die Rettung der anderen Gekenterten weiterging, trug man den Pharao in den hinteren Teil des Papyrus-Schiffes. Nicht einmal Anchesenamun durfte mitkommen.

Herkos und Anchesenamun blieben zurück. Er musterte kurz ihr Gesicht. Da gibt es irgend etwas, das ich noch nicht weiß!, ging es ihm durch den Kopf.

Sie bemerkte seinen Blick.

Die überhebliche Art, die sonst so typisch für sie war, konnte man nun nicht mehr an ihr bemerken.

„Ich hoffe, dass Tut nichts Ernsthaftes geschehen ist“, sagte sie schließlich. „Und es scheint, als hätten die Götter dich gesandt, um ihn zu schützen!“

„Von diesen Dingen habe ich nicht allzu viel Ahnung, obwohl ich jeden Tag mehr über eure Götter erfahre.“

„Als Schwester des göttlichen Pharaos danke ich dir, Herkos. Und Tut wird es auch tun. Aber du solltest nicht anfangen, dir etwas darauf einzubilden, dass du ihm das Leben gerettet hast!“

„Da du inzwischen ja wohl nicht mehr glaubst, dass ich ein Spion der Amun-Priester oder irgendeiner anderen Gruppe bin, die dem Pharao feindlich gesonnen ist, könntest du mir vielleicht eine Frage beantworten“, wandte sich Herkos an sie.

Sie hob die Augenbrauen, die nach der Sitte hochgestellter ägyptischer Adeliger und Angehöriger der Königsfamilie, nur aufgemalt waren.

„Nun gut! Stell deine Frage!“

„Ist Tut krank?“

„Dass er dir erlaubt hat, dich Tut zu nennen, heißt noch lange nicht, dass mir das gefallen muss!“, erwiderte das Mädchen. Eine Pause folgte. Herkos befürchtete schon, dass sie vielleicht doch nicht die Absicht hatte, zu antworten. Aber schließlich fuhr sie doch noch fort. „Ja, du hast recht, er ist krank. Es ist ein Leiden an den Knochen, von dem unsere Ärzte nicht wissen, wie sie es heilen sollen. Aber es führt dazu, dass der Pharao manchmal sehr schwach ist und bestimmte Gefahren besser meiden sollte.“

„Ich bin zusammen mit ihm schon ziemlich rasant auf einem Streitwagen gefahren!“, stellte Herkos fest.

„Ich weiß. Seine Ärzte sind nicht sehr begeistert davon, wie sie ihm auch das Schwimmen und alle Kampfspiele verboten haben. Aber mit einem Wagen daherzurasen und als wiedererstandener Horus zu erscheinen, wie es viele seiner Vorfahre schon getan haben, das wollte er sich einfach nicht nehmen lassen! Schwimmen allerdings hat er nie richtig gelernt!“

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ES DAUERTE BIS ZUM Mittag bis die Flotte endlich ihren Weg fortsetzen konnte. Zum Glück hatten alle, die über Bord gegangen waren, gerettet werden können. Einige der Papyrusbündel und Ausrüstungsgegenstände hatte man ebenfalls noch eingesammelt. Die Papyrusbündel zog man daraufhin einfach an Hanfseilen hinter den Schiffen her.

Aber vieles von dem Gepäck des Pharaos und seines Gefolges war nicht mehr zu retten gewesen. Die Strömung des Flusses zog alles mit sich in nach Norden.

Die kleine Flotte Tutenchamuns war ebenfalls durch die Rettung der Schiffbrüchigen ein ganzes Stück nordwärts getrieben worden. Schon tauchte in der Ferne wieder jenes Dorf am Ufer auf, in dem man die Nacht verbracht hatte.

Aber der Wind stand günstig und war stark genug, sodass die Segel gut gebläht waren und die Papyrus-Schiffe nun wieder kräftig südwärts schob, in Richtung des Ziels dieser Reise.

MACHT DES OSIRIS hieß das Schiff, auf dem sich Herkos und die beiden königliche Geschwister nun befanden.

Auch dort gab es für den Pharao ein Sonnendach auf dem hinteren Deck. Tutenchamun ließ Herkos von einem Diener  ausrichten, dass er dort hin kommen sollte. Zuvor hatte Herkos gesehen, wie der junge Pharao sich lange mit Eje und Haremhab unterhalten hatte. Der Leibarzt war dabei weggeschickt worden. Selbst Anchesenamun war währenddessen nicht unter dem Sonnendach gewesen.

Was immer die drei auch zu besprechen hatten, es musste sich um eine Staatsangelegenheit von allergrößter Wichtigkeit handeln.

Als Herkos sich zu dem Pharao setzte, kehrte auch Anchesenamun zurück. Herkos bemerkte, dass auf der Matte, auf der Tutenchamun saß, auch noch ein paar Stücke eines Hanfseils lagen. Der Junge aus Kreta konnte sich zuerst keinen rechten Reim darauf machen, was es damit wohl auf sich haben mochte.

Details

Seiten
160
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738915525
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (März)
Schlagworte
grabräuber mein freund tutenchamun

Autor

Zurück

Titel: Grabräuber: Mein Freund Tutenchamun