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Alfred Bekker Western: Blutspur

2017 140 Seiten

Zusammenfassung

Blutspur
Western-Roman von Alfred Bekker
XX
Der Umfang dieses Buchs entspricht 105 Taschenbuchseiten.

Wesley Carrington war ein Mann, der den Streit anzog wie der Dreck die Fliegen. Unglücklicherweise gehörte er zu meiner Treibmannschaft, mit der ich 3000 Rinder nach Mexiko bringen wollte... Und damit nahm das Verhängnis seinen Lauf...

Leseprobe

Dedication

Ich begann mit sieben Jahren, Geschichten zu schreiben. Meine Eltern hatten ein Haus gebaut und da wohl in allen Familien, die so etwas wagen, das Geld etwas knapp ist, verkauften sie nebenberuflich als Provisions-Vertreter Häuser jener Fertighaus-Firma, von der sie ihr eigenes Haus erworben hatten. Unser Haus fungierte als Muster-Haus. Zu einem besonderen Werbe-Event waren über den Tag verteilt ca. 3000 Menschen bei uns, um sich das “Muster-Haus” anzusehen.

Ich saß da und schrieb. Dutzende dieser Leute fragten mich: “Na, machst du Hausaufgaben?”

Und ich sagte: “Nein, ich schreibe einen Roman!” Wenn ein Siebenjähriger das sagt, erntet er dafür nur ungläubige Blicke. Ich versuchte vergeblich, das zu erklären. “Also du schreibst etwas für die Schule”, bekam ich dann beispielsweise von verständnislosen Erwachsenen zur Antwort. Ich habe zunächst tapfer zur Flagge der Wahrheit gestanden und meinen Gesprächspartnern versucht zu erklären, was ich tue. Irgendwann, nach vielleicht einem Dutzend  “Machst-du-Hausaufgaben?”-Fragen, habe ich es dann aufgegeben und nur noch gesagt: “Ja, ich mache Hausaufgaben.” Manchmal will die Wahrheit eben einfach niemand wissen, und vor allem dann, wenn sie von der erwarteten Antwort abweicht, irritiert sie die meisten Menschen  nur.

ALFRED BEKKER

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Blutspur

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Western-Roman von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 105 Taschenbuchseiten.

Wesley Carrington war ein Mann, der den Streit anzog wie der Dreck die Fliegen. Unglücklicherweise gehörte er zu meiner Treibmannschaft, mit der ich 3000 Rinder nach Mexiko bringen wollte... Und damit nahm das Verhängnis seinen Lauf...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Ich stand an der Bar des "Drunken Sinner"-Saloon in Dodge City und hatte gerade meinen Whisky geleert, als die Schwingtüren auseinander flogen.

Drei Männer traten ein.

Sie trugen die Revolver tiefgeschnallt um die Hüften.

Einer von ihnen hielt eine Shotgun im Anschlag.

Das Trio wandte sich dem Spieltisch in der Mitte des Schankraums zu. Ein hagerer Mann mit dunklem Hut und brauner Cowboy-Weste saß dort mit drei anderen Männern beim Pokern.

Der Kerl mit der Shotgun trat vor, richtete den Lauf der Waffe auf den Hageren und rief: "Jetzt wird abgerechnet, Wesley Carrington!"

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2

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Eine Augenblick lang herrschte absolute Stille im Saloon.

Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Die Männer am Kartentisch waren zu Salzsäulen erstarrt.

Wesley Carringtons Hände befanden sich beide auf dem Tisch.

Er behielt sein Blatt in der Rechten.

Der Kerl mit der Shotgun verzog das Gesicht.

"Na, da staunen Sie, dass wir uns so schnell wiedersehen, was?"

Er wandte sich an die anderen Männer am Tisch. "Dieser Mann ist ein Falschspieler! Meine Freunde und mich hat er auch übers Ohr gehauen!"

Einer der beiden anderen Eindringlinge meldete sich zu Wort. Er war der Kleinste von den dreien, hatte einen schwarzen Vollbart und die Rechte am Coltgriff. "Ich hatte gleich das Gefühl, dass es bei unserer Poker-Runde im Grassland King Saloon von Topeka nicht mit rechten Dingen zuging", meinte er. "Das Saloon-Girl, das unsere Karten ausspioniert und dir Zeichen gegeben hat, war ziemlich gesprächig..."

"Was habt ihr mit Sally gemacht?", höhnte Carrington.

"Wahrscheinlich den Revolver an die Schläfe gesetzt..."

"Das war gar nicht nötig", erwiderte der Mann mit der Shotgun.

"Ein Golddollar hatte dieselbe Wirkung."

"Wenn Sie wollen, können wir nach draußen gehen und die Sache ausschießen", schlug Wesley Carrington vor.

Er wollte sich erheben.

Die Stimme des Bärtigen ließ ihn erstarren.

"Bleiben Sie sitzen und rühren Sie sich nicht, Carrington", fauchte der Bärtige. "Eine falsche Bewegung und Sie haben ein Loch im Kopf."

Carringtons Hände ballten sich unwillkürlich zu Fäusten.

Der Bärtige ging ein paar Schritte nach rechts.

Der dritte Mann, ein breitschultriger blonder Hüne, blieb bei den Schwingtüren.

Inzwischen wandte sich der Kerl mit der Shotgun an die Männer, die mit Carrington am Pokertisch saßen.

"Verschwindet besser, Jungs. Ihr habt mit der Sache nichts zu tun."

Das ließen sich die Pokerspieler nicht zweimal sagen. Es waren Farmarbeiter aus der Umgebung. Keiner von ihnen trug einen Revolvergurt.

Sie waren froh, mit heiler Haut aus dieser brenzligen Situation heraus zu kommen, steckten ihre Einsätze ein und gingen zur Seite.

Die drei Fremden hatten genau das, was sie wollten. Ein freies Schussfeld, um Carrington über den Haufen zu schießen.

Ich wandte mich an den Saloon-Keeper.

"Besser, jemand holt den Town Marshal!", sagte ich.

"Ich habe den Küchenjungen losgeschickt!", raunte der Keeper.

"Aber heute ist Samstag, da geht Marshal Davis häufig angeln."

"Damned!", stieß ich hervor.

"Sorry, ich kann's nicht ändern!"

Die drei Fremden hatten Wesley Carrington inzwischen eingekreist.

"Vielleicht können wir das Problem auf zivilisierte Weise lösen", mischte ich mich ein.

"Halten Sie sich da raus, Mister!", fauchte mir der Mann mit der Shotgun entgegen. "Sonst kann ich für nichts garantieren! Gott weiß, wie viele rechtschaffene Männer dieser Betrüger schon um ihren Besitz gebracht hat! Jetzt ist es Zeit, einen Teil davon zurückzugeben!"

In Wesley Carringtons Gesicht zeigte sich jetzt ein zynisches Grinsen. Mir war dieser hagere Mann schon eine ganze Weile zuvor aufgefallen. Er hatte nämlich verdächtig oft gewonnen.

Ein überhebliches Lächeln spielte um seine Mundwinkel.

"Wenn ihr Bastarde Geld von mir wollt, müsst ihr es euch holen, Gents!" Er lachte rau. "Aber ich wette, dazu seid ihr nicht Manns genug!"

Das Gesicht des Bärtigen lief dunkelrot an.

"Das kannst du haben!", schrie er.

Er riss den Colt heraus. Aber Carrington war dermaßen schnell, dass der Bärtige gar nicht mehr zum Schuss kam.

Getroffen sackte der Kerl in sich zusammen.

Einen Augenaufschlag später krachte die Shotgun des Anführers der Gruppe los.

Carrington hatte das vorausgeahnt und sich seitwärts auf den Boden gehechtet.

Die Bleiladung der Shotgun zerfetzte den Stuhl, auf dem Carrington gerade noch gesessen hatte. Zwei Unbeteiligte an benachbarten Tischen bekamen etwas von dem tückischen Schrot in die Beine und schrieen auf.

Carrington rollte blitzartig auf dem Boden herum und feuerte zurück.

Er traf den Shotgun-Schützen mitten in die Stirn.

Der Mann fiel der Länge nach zu Boden. In verrenkter Haltung blieb er regungslos liegen.

Inzwischen hatte der blonde Hüne bei den Schwingtüren längst den Revolver in der Hand.

Aber sein Schuss auf den am Boden liegenden Carrington war überhastet und schlecht gezielt. Eine Handbreit neben Carringtons rechter Schulter ging die Kugel in die Fußbodenbretter. Holz splitterte.

Carringtons Kugel traf den großen Blonden hingegen in die Schulter.

Der Blonde schrie auf. Halb vor Wut halb vor Schmerz. Er taumelte rückwärts durch die Schwingtüren aus dem Saloon.

Carrington rappelte sich auf.

Er machte zwei schnelle Schritte in Richtung der Schwingtüren.

Offenbar wollte er dem Blonden nachsetzen.

Ich hörte von oben Schritte, blickte hinauf und sah, wie ein Mann mit einer Sharps-Rifle hinter der Balustrade auftauchte und auf Carringtons Rücken zielte. Der Rifle-Schütze musste auf das Vordach des Saloons geklettert und durch eines der Zimmerfenster ins Obergeschoss gelangt sein.

Er drückte seine lange Sharps-Rifle ab.

Ich riss den Colt heraus, feuerte annähernd im selben Moment und traf den Kerl in der Brust. Mit einem Schrei sackte er über die Balustrade. Sein eigener Schuss wurde dadurch verrissen und ließ den Leuchter in Scherben gehen, der mitten im "Drunken Sinner"

von der Decke hing.

Der Rifle-Schütze fiel auf einen der Tische. Sein massiger Körper ließ die Tischbeine aus dem Leim gehen und drückte die Platte auf den Boden. Whisky-Gläser kegelten klirrend zu Boden.

Wesley Carrington wirbelte blitzartig herum, den Colt in der Faust.

Von draußen war das Geräusch eines galoppierenden Pferdes zu hören.

Der blonde Hüne machte sich wohl gerade auf und davon.

Carrington sah mich an, grinste schief. Er steckte den Revolver ein. Ich tat dasselbe. Nie zuvor hatte ich einen Revolverschwinger gesehen, der schneller das Eisen in der Hand hatte als Wesley Carrington.

"Danke, Mister..."

"Burns", sagte ich. "Jim Burns."

"Nichts für ungut. Schätze, ich bin Ihnen jetzt was schuldig!"

Ich deutete auf den Toten mit der Sharps-Rifle. "Mir gefällt es einfach nicht, wenn versucht wird, jemanden von hinten zu erschießen."

Carrington lachte.

"Mit drei Männern wäre ich fertig geworden -—aber der Vierte hätte mir mit Sicherheit den Garaus gemacht. Das war wirklich knapp."

"Was waren das für Männer?", fragte ich.

Carrington zuckte die Achseln und machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Ich kenne ihre Namen nicht. Ich habe sie flüchtig bei einer Pokerrunde in Topeka kennen gelernt. Die Gentlemen konnten es wohl einfach nicht verwinden, dass sie kein Gefühl für die Karten in den Fingern haben..."

"...oder dass sie tatsächlich betrogen wurden!", mischte sich einer der anderen Männer ein.

Carringtons Hand glitt unwillkürlich zur Hüfte.

Meine ebenfalls.

Wir rissen beide annähernd gleichzeitig die Waffe heraus, nur dass seine in Richtung des Mannes zeigte, der die Bemerkung hatte fallen lassen. Der Kerl war Mitte fünfzig, grauhaarig und so überrascht, dass er seinen Colt nicht rechtzeitig aus dem Holster bekam. Jetzt stand er vollkommen erstarrt da. Gegen einen Schützen wie Carrington zu ziehen, wenn dieser den Colt schon in der Hand hielt, war Selbstmord, das wusste er.

"Das Eisen weg!", befahl ich.

Carrington atmete tief durch.

Sein Gesicht hatte eine dunkelrote Farbe angenommen.

"Ich sagte ja, Sie haben was gut bei mir", wandte er sich an mich.

Er steckte den Revolver zurück ins Holster und trat zu mir an den Schanktisch. "Sie sind aber auch ganz schön schnell, Mr. Burns!"

"Man tut, was man kann!"

"Was trinken Sie?"

"Whisky."

"Whisky für mich und den Gentleman, der mir im wahrsten Sinn des Wortes den Rücken frei gehalten hat!", rief er dem vollkommen blass gewordenen Keeper zu. "Na los, worauf warten Sie?", bellte Carrington ihn an, nachdem sich der Salooner zunächst nicht rührte.

Erst danach löste er sich aus seiner Erstarrung.

"Ich gebe Ihnen einen guten Rat: Lassen Sie die Finger von den Karten!", sagte ich. "Die scheinen Ihnen nur Ärger einzubringen!"

"Wollen Sie mich etwa auch als Betrüger beschuldigen?"

"Nein, kein Gedanke."

Er lachte heiser. "Wenn ich es einem verzeihen würde, dann Ihnen!" Er trank seinen Whisky in einem Zug. "Was machen Sie eigentlich, Burns? Sie sehen aus wie ein Cowboy, mit Ihren staubbedeckten Chaps."

"Zusammen mit einem Partner habe ich eine Ranch hier in der Nähe. Wir züchten Rinder."

"Oh, dann habe ich Sie unterschätzt." Er bestellte einen weiteren Whisky, trank das Glas abermals in einem Zug aus und fügte anschließend hinzu: "Den ganzen Tag im Sattel, das ist ein Knochenjob. Vor allem während des Round up."

"Sie haben so etwas schon mal gemacht und kennen sich aus?"

Carrington nickte. "Ist schon ein paar Jahre her. Reich wird niemand dabei."

"Wem sagen Sie das!"

"Heute wäre das nichts mehr für mich, glaube ich."

Ich hob die Augenbrauen. "Schade, wir suchen nämlich Leute.

Die Eisenbahn zahlt so gute Löhne, dass es schwer ist, noch jemanden für einen normalen Cowboy-Lohn anzuheuern."

"Ich habe gehört, die Bahn soll über Dodge City geführt werden."

"Zurzeit legen sie die Schwellen in der Nähe von Travis.

Schätze, es dauert noch 'ne Weile, bis sie hier in Dodge angelangt sind."

Eine der anderen Männer am Schanktisch wandte sich plötzlich an mich.

"Habe ich das richtig gehört, Sie sind Rinderzüchter?"

Ich wandte mich herum und blickte in das Gesicht eines etwa vierzig Jahre alten, rundlichen Mannes. Er trug Anzug, Weste und Schleife, dazu einen Stetson. "Das stimmt", bekannte ich.

"Wie groß ist Ihre Herde?"

"Etwa dreitausend Stück Vieh."

Er reichte mir die Hand. "Entschuldigen Sie, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe. Mein Name ist Ashton. Phil Ashton. Ich bin Handelsagent und möchte Ihnen ein Geschäft vorschlagen, Mr.

Burns -—so war doch Ihr Name?"

"Wenn das heißt, dass Sie mir ein paar Rinder abkaufen wollen, bin ich ganz Ohr, Mr. Ashton."

"Ein paar Rinder?", echote er und lachte. "Die ganze Herde will ich! Zum doppelten des üblichen Preises, den man Ihnen zurzeit auf dem Rindermarkt in Wichita bezahlen würde!"

"Wie bitte?"

Ich glaubte schon, mich verhört zu haben.

"Sie haben ganz richtig verstanden, Mr. Burns. Meine Provision zahlt übrigens der Mann, dem Sie die Herde übergeben werden.

Damit haben Sie nichts zu tun. Sie können also ein kleines Vermögen machen."

"Was ist das für ein Kunde, der so dringend Rinder braucht?"

"Er heißt José Ramirez, ist Halb-Mexikaner und residiert in Laredo. Das ist auch der Haken an der Sache. Sie müssten bereit sein, Ihre Herde nach Laredo zu treiben!"

Ich pfiff durch die Zähne.

"Ein ganz schöner Weg! Und nicht ungefährlich! Mit den Indianern kann man im Allgemeinen verhandeln, aber das Stück Niemandsland zwischen Kansas und Texas macht mir Sorgen. Dort gibt es kein Gesetz für Weiße. Die Indianer der sogenannten zivilisierten Stämme, zu deren Gebiet dieses Land zählt, haben ja ihre eigene Justiz..."

"Mr. Burns..."

"In diesem Gebiet gibt es jede Menge Gesindel. Die Viehdiebe warten dort doch nur darauf, dass eine Treibherde vorbeikommt, die sie übernehmen können! Leichter als sich selbst eine Herde heranzuzüchten ist es auf jeden Fall!"

"Nun, wenn Ihnen die Sache zu heiß ist, Mr. Burns..."

"Das habe ich nicht gesagt!"

"Ich hatte Sie eigentlich auch so eingeschätzt, als wären Sie aus einem etwas härteren Holz geschnitzt!"

Ich grinste breit.

"Warum zahlt dieser Ramirez einen so hohen Preis für die Rinder?", hakte ich nach. "Und vor allem: Warum kauft er sie nicht in der Umgebung von Laredo?"

"Zum zweiten Teil Ihrer Frage: Sie haben sicher von der Dürre gehört, die den texanischen Chaparral im letzten Jahr heimgesucht hat?"

"Es war auch hier in Kansas ganz schön trocken", erwiderte ich.

Ashton nickte. "Mag sein, aber dort unten am Rio Grande sind die Rinder wie die Fliegen gestorben. Ganze Herden sind zu Grunde gegangen. Ramirez hat alles aufgekauft, was er noch finden konnte.

Aber das wird nicht reichen. Und weiter nördlich haben viele Züchter feste Kontrakte mit Händlern in Montana und Wyoming unterschrieben, aus denen sie nicht einfach heraus können..."

"Und was will dieser Ramirez mit all den Rindern?"

"Er verkauft sie nach Mexiko weiter!"

"Ich dachte, da herrscht Krieg!" Alles was man im Moment aus Mexiko hörte lief auf Chaos hinaus. Rebellen unter der Führung eines gewissen Benito Juarez erhoben sich gegen die Herrschaft des Kaisers Maximilian. Außerdem hörte man von Apachen-Horden, die ganze Landstriche unsicher machten.

"Die Rinder werden weiter an die mexikanische Golfküste verkauft. Zur Versorgung der französischen Truppen, die dort anlanden und ohne die Kaiser Maximilian wohl schon längst nicht mehr regieren würde!"

"Dann verkaufe ich letztlich also an die mexikanische Regierung?"

Ashton bestätigte das. "Das ist korrekt."

Ich zuckte die Achseln. "So lange ich die Herde nicht über mexikanischen Boden treiben muss, soll mir das gleichgültig sein!"

"Das ist garantiert. In Laredo sind Sie die Herde los. Mein Wort drauf!"

An dem Handel, den Ashton mir vorgeschlagen hatte, war nichts auszusetzen.

"Ich denke, wir könnten uns einig werden. Ich muss die Sache zwar noch mit meinem Partner durchsprechen, aber ich nehme an, dass er das genauso sieht!"

"Sofern er rechnen kann bestimmt! Wann geben Sie mir bescheid?"

"Auf jeden Fall heute noch!"

"Gut! Ich bin in Grayson's Hotel zu erreichen, Mr. Burns!"

"Sie hören von mir!", versprach ich.

Ashton sah auf seine Taschenuhr. "Ich habe noch einen dringenden Termin. Sie entschuldigen mich."

"Natürlich."

"Wir sehen uns, Mr. Burns."

"Hat mich gefreut, Sie kennen zu lernen!"

Der Handelsagent verließ den Saloon.

Wesley Carrington hatte unserer Unterhaltung aufmerksam zugehört.

"Sie sehen aus, als hätten Sie den Deal Ihres Lebens gemacht, Mr. Burns", stellte er fest.

Ich lachte. "Kann man wohl sagen."

Wenig später tauchte der Town Marshal auf. Marshal Davis war ein großgewachsener, breitschultriger Mann mit dunklen Haaren und tiefliegenden Augen.

Er deutete auf einen der Toten, die immer noch auf dem Boden lagen.

"Es soll hier 'ne Schießerei gegeben haben", stellte er fest.

Er ließ sich von verschiedenen Zeugen das Geschehen schildern.

Alle Befragten konnten bestätigen, dass die Männer aus Topeka zuerst gezogen hatten. Wesley Carringtons Handlungsweise war juristisch also als Notwehr zu betrachten.

Trotzdem wandte sich Marshal Davis an Carrington, der nichts weiter getan hatte, als sich zu verteidigen.

"Ich möchte, dass Sie aus der Stadt verschwinden, Carrington", forderte Davis.

Carrington schob sich den Hut in den Nacken.

"Was werfen Sie mir denn vor, Marshal? Dass ich mein Leben verteidigt habe?"

"Sie ziehen den Ärger an wie die Motten das Licht. In Missouri werden Sie als Falschspieler und Betrüger gesucht. Außerdem erschießen Sie verdächtig viele Männer in Notwehr!"

"Ich bin ein rechtschaffener Bürger!"!

"Nein, das sind Sie nicht, Carrington. Ich weiß nicht, warum die Männer aus Topeka Sie unbedingt umbringen wollten, aber eins steht für mich fest: Diese Toten hier sollen die letzten sein, die in Dodge City mit Ihrem Namen in Zusammenhang gebracht werden!"

"Hören Sie..."

"Sehen Sie zu, dass Sie raus kommen, sich auf Ihren Gaul setzen und so viele Meilen wie nur irgend möglich zurücklegen!

Andernfalls überlege ich mir, ob ich Sie nicht doch einloche und telegrafisch in den benachbarten Staaten abfrage, ob da noch etwas gegen Sie vorliegt!"

Carrington schluckte.

Er wandte sich an mich.

"Man sieht sich immer zweimal, Mr. Burns."

Dann wandte er sich zum Gehen. Mit weiten Schritten verließ er den Saloon und ließ dessen Türen hinter sich schwingen. Im nächsten Augenblick hörte man die Hufgeräusche eines davon galoppierenden Pferdes.

"Was wissen Sie über den Kerl, Davis?", wandte ich mich an den Marshal. Ich kannte Davis schon einige Jahre lang. Bevor er den Job als Town Marshal bekommen hatte, war er Vormann auf unserer Ranch gewesen. Als Marshal verdiente er immerhin einen Dollar mehr am Tag.

"Ein übler Bursche. Lungert seit einer Woche hier in Dodge herum. Ein Revolverheld, der es immer so hinkriegt, dass der andere zuerst zieht. Ich kann Ihnen einiges über ihn erzählen... Leider gab es bislang keinen juristisch einwandfreien Grund, gegen ihn vorzugehen. In Kansas gibt es keinen gültigen Haftbefehl gegen ihn." Davis seufzte. "Ihn aus der Stadt zu werfen war auch nicht einwandfrei, aber vielleicht hätte ich das trotzdem schon früher tun sollen. Jetzt ist es jedenfalls zu spät, um das zu bedauern." Dabei deutete er auf den Toten mit der Sharps-Rifle.

"Den da habe ich auf dem Gewissen", sagte ich. "Er wollte Carrington von hinten erschießen, da bin ich ihm zuvor gekommen."

"Auf jeden Fall hat Carrington nicht den gleichen Sinn für Fairness wie Sie, Burns", stellte Davis fest. "Wussten Sie übrigen, dass er mal Hilfssheriff war?"

"Nein."

"Drüben in Missouri. Man hat ihn aus dem Amt gejagt, weil er einen Gefangen misshandelte. Der Kerl starb an den Folgen der Sonderbehandlung, die Carrington ihm zuteil werden ließ."

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Mein Partner Allan Parker war zunächst skeptisch, als ich ihm von dem Handel erzählte, den Ashton mir vorgeschlagen hatte.

Aber als wir später in Grayson's Hotel einen Kontrakt vorgelegt bekamen, an dem nun wirklich nichts auszusetzen war, konnten wir nicht anders als uns auf die Sache einzulassen. Der Viehtrieb nach Laredo war ein Knochenjob, dass war Allan und mir schon klar.

Aber auf der anderen Seite hatten wir einen festen Abnehmer für unsere Rinder, der außerdem einen verdammt guten Preis zahlte.

In den nächsten Tagen begannen wir damit, eine Mannschaft anzuwerben. Wir brauchten jeden Mann und konnten nicht wählerisch sein. Gute Cowboys waren rar. Allan und ich hatten Mühe, überhaupt eine Treibmannschaft zusammen zu stellen.

Zu unserer Überraschung fand sich auch Wesley Carrington auf unserer Ranch ein. Ich hatte Allan Parker von ihm erzählt. Die Geschichte von der Schießerei im "Drunken Sinner" hatte unter unseren Leuten in der Zwischenzeit sowieso die Runde gemacht.

Gerüchten zu Folge war Carrington Richtung Norden verschwunden, nachdem Davis ihn aus der Stadt geworfen hatte.

Offensichtlich war an diesen Geschichten nichts dran.

Carrington preschte mit seinem Gaul durch das Ranchtor. Ich stand gerade mit Allan und McGrath, einem unserer Cowboys am Corral.

Carrington hielt auf uns zu, zügelte sein Pferd.

"Ich habe gehört, Sie suchen Leute für einen Viehtrieb!"

"Schon richtig", antwortete ich. "Aber ich dachte, Rinderzucht wäre Ihnen zu anstrengend, Carrington!"

"Leider brauche ich dringend einen Job!", bekannte er.

"Was ist los? Hat das Kartenglück Sie verlassen?"

"Kann man wohl sagen!", bestätigte er. "Drüben in Beacham City habe ich alles verloren, was ich besaß. Ich bin vollkommen pleite."

Allan Parker mischte sich in das Gespräch ein. "Vielleicht waren Sie ja das erste Mal ehrlich", knurrte er. Vom ersten Augenblick an konnte Allan diesen Mann nicht leiden.

Carrington blieb ruhig.

"Ich will einen Job und keinen Streit."

"So viel wie beim Kartenspiel können Sie hier allerdings nicht verdienen", versetzte Allan ziemlich eisig. Er schien von dem Gedanken, dass dieser Revolvermann bei uns anheuerte, alles andere als begeistert zu sein.

Carrington zuckte die Achseln.

"Ich habe schon auf einer Ranch gearbeitet und Sie suchen dringend Leute. Schätze, wir könnten uns gegenseitig helfen—-zumal ich ohnehin vorhabe, Richtung Südwesten zu ziehen."

"Richtung Südwesten?" Allan lachte. "Sie meinen nicht zufällig die mexikanische Grenze? Wird Ihnen wohl zu heiß hier?"

"Jedenfalls haben wir denselben Weg. Aber wenn Sie nicht wollen, dann werde ich anderswo nach einem Job fragen."

Carrington lenkte seinen Gaul herum, ließ ihn langsam wieder in Richtung des Rundbogentors traben.

"Wir brauchen ihn", raunte ich Allan zu.

Er winkte ab. "Sorry, Jim. Aber ich mag den Kerl nicht!"

Wir zwei waren mehr, als nur Partner, die zusammen eine Ranch aufgebaut hatten. Es war eine einmalige Freundschaft, die uns miteinander verband.

Wir waren wie Brüder.

Es kam nicht oft vor, dass wir verschiedener Ansicht waren und wenn, dann trugen wir das offen und fair zwischen uns aus. So wie jetzt.

Keiner von uns brauchte bei diesen Gelegenheiten ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

"Sehen wir uns erst einmal an, was er kann!", schlug ich vor.

"Vielleicht ist er ja zu gebrauchen!"

"Das, was er am besten kann, hat er ja bereits im "Drunken Sinner"-Saloon demonstriert!", meinte Allan Parker sarkastisch.

"Und das ist genau das, was wir nicht brauchen! Wenn man wochenlang mit einer Longhorn-Herde in der Wildnis unterwegs ist, immer begleitet von Indianern und Viehdieben und tausend anderen Problemen, dann liegen selbst bei hartgesottenen, ruhigen Männern die Nerven mitunter blank! Da brauchen wir diese lebende Dynamitstange nicht auch noch..."

"Wenn wir nicht rechtzeitig genug Männer für die Treibmannschaft zusammen bekommen, platzt der Deal, den Ashton uns vermittelt hat!", gab ich zu bedenken. "Und du weißt genau, dass wir eine derartige Chance in zwanzig Jahren nicht noch einmal bekommen!"

Allan machte eine wegwerfende Handbewegung. "Okay, auf deine Verantwortung, Jim!"

"Carrington!", rief ich.

Er zügelte sein Pferd, drehte sich im Sattel herum.

Ich winkte ihn herbei.

Er kam zurück, stieg von seinem Pferd und machte die Zügel am Corral fest.

"Wenn ich merke, dass Sie Ihr Handwerk nicht gut genug verstehen, schicke ich Sie sofort nach Hause, klar?", sagte ich.

"All right, Mr. Burns! Aber Sie können ganz beruhigt sein. Ich war sogar schon einmal Vormann auf einer Ranch..."

Ich runzelte die Stirn.

"Der kann uns alles mögliche erzählen, Jim!", rief Allan mir aufgebracht zu.

Ich zuckte mit den Schultern.

"Wie gesagt, es wird sich herausstellen, was er kann..."

Allan wandte sich jetzt an den Neuen. "Wenn wir Sie einstellen sollten, dann will ich kein Kartenspiel bei Ihnen finden!"

"Aber..."

Carrington wirkte verblüfft. Er schob sich den Hut in den Nacken.

"Das ist eine Bedingung", unterstützte ich Allan in diesem Punkt.

"Wenn es Ihnen nicht passt, brauchen wir gar nicht weiter zu reden!"

Er wirkte ein wenig zerknirscht.

Mir gefiel die Art nicht, wie er das herunterschluckte. Jeder, der bei einer Treibmannschaft dabei ist, muss auch etwas einstecken können. Dagegen ist an sich gar nichts zu sagen. Aber die Art und Weise stimmte bei ihm nicht. Er schluckte es herunter, aber man hatte bei ihm immer den Eindruck, dass er alles sorgfältig irgendwo in seinem Gehirn auflistete, um es einem später als Rechnung zu präsentieren.

"Okay", zischte er. "Sie sind der Boss, Mr. Burns!"

"Es wäre gut, wenn Sie das nicht vergessen würden, Carrington!"

Ich sah zu Allan hinüber. Er zuckte mit den Schultern und nickte dann.

Später wünschte ich mir, dass ich mich an jenen Tag nicht gegen Allan durchgesetzt hätte.

Aber wider Erwarten schien Wesley Carrington mir zunächst Recht zu geben.

In der ersten Zeit nahm er sich ziemlich zusammen und war deutlich besser als sein Ruf. Es gab keinerlei Probleme mit ihm.

Zwar war er wirklich nur ein mittelmäßiger Cowboy und ich bezweifelte bald, dass er wirklich jemals als Vormann angestellt gewesen war, aber es gab andere, die ihre Sache auch nicht besser machten als er.

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Ein paar Tage später brachen wir mit 3000 Longhorns, einer Handvoll Männer und einem gut gefüllten Chuck Waggon Richtung Laredo auf. Die Prärie erzitterte unter den Hufen der Rinder, als sich die Herde langsam in Bewegung setzte. Ein gewaltiger Anblick.

"Auf das Geschäft unseres Lebens!", rief Allan mir zu.

Die ersten Tage verliefen reibungslos.

Wesley Carrington passte sich besser in die zusammengewürfelte Mannschaft ein, als ich es je zu hoffen gewagt hätte.

Gefährlich wurde es dort, wo das Niemandsland zwischen Kansas und Texas begann, das später dem Bundesstaat Oklahoma zugeschlagen wurde. Zurzeit gab es in diesem mehr als hundert Meilen breiten Streifen allerdings keinerlei staatliche Autorität. Kein Marshal und kein Richter sorgten hier für Ordnung. Und die Army hatte durch die seit Ende des Bürgerkriegs aufflammenden Indianerkriege andere Sorgen.

Das Gesindel der umliegenden Staaten wurde von diesem Zustand der Gesetzlosigkeit natürlich angelockt.

Die ersten Schwierigkeiten begannen, als wir einen kleinen Wasserlauf überqueren wollten, der als Devil's Creek bekannt war.

Der Name rührte daher, dass dieser flache Bach bei Regen innerhalb kurzer Zeit zu einem reißenden Strom anschwoll. Zurzeit führte der Devil's Creek ziemlich viel Wasser und hatte auch eine ganz beachtliche Strömung. In den nahe Bergen musste es geregnet haben.

Wir gingen auf die bewährte Art und Weise vor, indem wir zunächst eine seichte Stelle suchten. Im Gegensatz zu Pferden können Rinder nämlich nicht schwimmen. Ein Arzt aus Dodge, zu dessen Patienten sowohl menschliche als auch vierbeinige Patienten gehörten, erklärte mir mal, dass Rinder keinen Schließmuskel besäßen. Bei zu hohem Wasserstand liefen sie einfach voll und soffen ab.

"Wir müssen zusehen, schnell ans andere Ufer zu gelangen", meinte Allan. "Wenn der Wasserstand noch höher wird, sitzen wir hier entweder wochenlang fest oder müssen einen meilenweiten Umweg machen."

Ein Umweg, der uns durch unwegsames Gelände geführt hätte.

Dort hätten wir damit rechnen müssen, einen wesentlich höheren Anteil der Tiere zu verlieren, als man normalerweise als Transportverlust auf einem Viehtrieb einkalkulierte.

Nachdem wir eine geeignete Stelle gefunden hatten, brachten wir zunächst das Leittier auf die andere Seite. Die anderen Longhorns würden dann folgen.

Aber es war immer noch schwierig genug, die Tiere durch das Wasser zu treiben. Unsere Leute mussten dabei ihr ganzes Können als Cowboys zeigen.

"Na, wie schmeckt die Arbeit?", wandte ich mich zwischendurch an Carrington, während er einen Schluck aus seiner Wasserflasche nahm.

Er setzte die Flasche ab und grinste breit.

"Ich gewöhne mich gerade dran", meinte er. "Ist schließlich 'ne Weile her, dass ich Longhorns durch einen Wasserlauf getrieben habe!"

"Scheint, als hätten Sie nichts verlernt, Carrington!"

Er lachte.

"Ich vergesse nie etwas, Mr. Burns. Nie!"

Ich blickte hinüber zur anderen Seite.

Dort fanden sich eine Reihe schroffer Erhebungen, die das von sanften Hügeln gezeichnete Grasland unterbrachen. Ich hatte dort einen Schatten gesehen, der sich bewegte. Als ich den Feldstecher hervorholte, um genau hinzusehen, war nichts mehr zu erkennen.

Ich machte mir Sorgen.

"Hey, Jim!", hörte ich Allan Parkers Stimme hinter mir. Er kam zu mir herangeritten. "Was ist los? Denkst du dasselbe wie ich?"

"Wir werden beobachtet", erklärte ich im Brustton der Überzeugung.

Allan nickte. "Ich habe schon eine ganze Weile diesen Eindruck", sagte er. Die Tatsache, dass Allan darüber genauso dachte, wie ich, machte mich absolut sicher. "Glaubst du, dass es Indianer sind, Jim?"

Ich schüttelte den Kopf.

"Nein, das halte ich für ausgeschlossen."

"Und wieso?"

"Dies ist kein Indianergebiet... Außerdem sind wir mit den Kiowas immer gut ausgekommen."

"Und wenn es nun keine Kiowas sind, sondern fremde Stämme, die erst vor Kurzem in die Gegend gekommen sind?"

Ich schüttelte erneut den Kopf.

"Wenn es Indianer wären, würden sie es besser verstehen, sich an uns heranzuschleichen. Glaub mir, Allan, dann hätten wir nicht das Geringste bemerkt..."

Er zuckte mit den Schultern.

"Viehdiebe?", fragte er.

"Wer sonst!", meinte ich. "Was glaubst du, mit wie viel Männern wir es zu tun bekommen?"

Allan zuckte die Achseln.

"Schwer zu sagen... Selbst wenn sie nur halb so viele sind wie wir, können sie die Herde ganz schön durcheinanderbringen."

Wir trennten uns und warnten die Männer, ohne dabei allzu viel Aufsehen zu machen.

Diese Banden von Viehdieben waren zu einer wahren Landplage geworden. Sie wussten, welche Wege die großen Herden nahmen.

Sie lauerten an den entsprechenden Trails, bis eine geeignete Beute auftauchte.

Ein paar Schüsse und so eine Herde war ein einziges, wildes, unbezähmbares Chaos.

Keine noch so gute Mannschaft konnte sie dann lenken.

In einer solchen Situation war es keine Kunst, sich einen Teil der Herde oder sogar das gesamte Vieh unter den Nagel zu reißen, je nachdem mit wie vielen Männern angegriffen wurde und wie erfahren die Angreifer im Umgang mit den Longhorns waren.

Fest stand, dass unsere Gegner auf jeden Fall in der besseren Position waren. Die Rinder würden ihre unfreiwilligen Verbündeten sein. Aber vielleicht hatten wir ja Glück und es handelte sich nur um herumziehende Mountainmen oder Jäger.

Doch daran mochten wir alle nicht so recht glauben.

Es gab keinen Weg zurück und keine Möglichkeit zum Ausweichen. Mit so einer Herde am Hals ist es unmöglich, sich einfach davon zu machen und der Gefahr aus dem Weg zu gehen.

Wenn diese Kerle beabsichtigten, uns die Rinder abzujagen, konnten sie uns überall von neuem aufzulauern.

Es blieb uns nichts anderes übrig, als abzuwarten, unseren Weg fortzusetzen und sehr wachsam zu sein. Dann würde der Angriff wenigstens nicht völlig überraschend kommen.

Wir waren entschlossen unser Bestes zu geben, um die Herde zu verteidigen.

Die Tiere waren ruhig, aber das würde nicht mehr lange so sein.

Unsere Aufmerksamkeit galt jetzt mehr der Umgebung.

Allan trieb sein Pferd vorwärts, sodass er wieder neben mir ritt.

"Wenn sie uns tatsächlich die Herde abjagen wollen, haben sie sich einen guten Ort dafür ausgesucht", meinte mein Partner und ich nickte grimmig.

"Ja, allerdings..."

Ich wusste, was er meinte.

Die umliegenden Anhöhen boten Sichtschutz.

Die Viehdiebe konnten uns unbehelligt folgen.

Für die Angreifer gab es Deckung, für uns nicht.

Und wenn sie uns dann aus den Sätteln geputzt hatten, konnten die Tiere nicht in jede beliebige Richtung davon stürmen.

Das erleichterte unseren Gegnern die Arbeit vermutlich ganz erheblich.

Noch herrschte Ruhe.

Alles schien wie immer.

Kaum etwas deutete auf das hin, was schon im nächsten Augenblick mit tödlicher Wucht über uns hereinbrechen sollte.

Es war wie vor einem großen Gewitter, bei dem jeder weiß, dass es kommen wird, aber niemand genau sagen kann, wann es zum erstenmal kracht.

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Wir trieben die Longhorns durch ein langgestrecktes Tal.

Immerhin war es hier etwas leichter, die Herde beieinander zu halten. Die Hänge zu beiden Seiten der gut dreihundert Yards breiten und sich wie ein Schlauch dahinziehenden Senke waren gerade steil genug, um Longhorns davon abzuhalten, aus der Herde auszubrechen. Für Pferde waren diese Hänge allerdings ohne weiteres passierbar.

Ich sah zu Cyrus hinüber, einem Schwarzen, der fast bei jedem Viehtrieb dabei gewesen war, den Allan und ich gemacht hatten.

Cyrus nahm seine Winchester aus dem Sattel. Er lud die Waffe mit einer energischen Bewegung durch und ließ den Blick aufmerksam umherschweifen.

Offenbar hatte er etwas Verdächtiges bemerkt.

Cyrus kam nicht mehr dazu, die anderen zu warnen.

Reiter tauchten hinter den Hügelkämmen auf und begannen sofort zu schießen.

Die Angreifer hatten sich gut verteilt.

Ein wahres Bleigewitter krachte los. Aus gut einem Dutzend Rohren wurde von den Kämmen der umliegenden Anhöhen aus geschossen.

Die Ballerei galt nicht in erster Linie uns, sondern den hellbraunen Longhorn-Rindern.

Die Tiere wurden halb verrückt vor Angst und jagten wie von Sinnen davon. Ihre Hufe pflügten den Prärieboden auf.

Die Herde wurde innerhalb weniger Augenblicke zu einer großen, formlosen Masse, die sich unaufhaltsam vorwärts wälzte.

Da gab es nichts, was man tun konnte, außer hinterher zu reiten, um die Herde nicht zu verlieren.

Dabei musste man hoffen, dass zumindest der Großteil der Tiere zusammenblieb, sonst war man später tagelang damit beschäftigt, sie wieder zusammen zu treiben.

Donnernd stampften die Hufen der Longhorns über das trockene Präriegras. Der Boden erzitterte förmlich.

Sich einer solchen wild gewordenen Herde entgegenzustellen, wäre reiner Selbstmord gewesen. Ich zog meinen Revolver aus dem Holster und feuerte ein paar Mal in Richtung der Angreifer. Mein Pferd scheute, stellte sich auf die Hinterhand. Ich hatte Mühe es zu bändigen. Die Angreifer feuerten jetzt gezielt auf unsere Leute.

Aus den Augenwinkeln sah ich dann, wie einer unserer Cowboys am Oberkörper erwischt wurde. Sein Name war Quinn. Ein guter Mann, auf den Verlass war. Er wurde durch die Wucht des Schusses vom Pferderücken gerissen und landete im braunen, bereits von unseren Longhorns platt getrampelten Präriegras.

Er hatte keine Chance.

Die Hufe der Longhorns zermalmten ihn, pflügten ihn buchstäblich in den Boden hinein. Ich hörte noch seinen gellenden Schrei, der für einen Augenblick sogar die Schussgeräusche und das dumpfe Donnern der Longhorn-Hufe übertönte.

Unbändige Wut stieg in mir auf.

Niemand hatte so einen Tod verdient!

Dann kamen die Angreifer von den Anhöhen herunter. Etwa ein Dutzend Reiter waren es, die da in wildem Galopp heranstürmten, fast wie eine Kavallerie-Abteilung, die eine Attacke ritt.

Ich feuerte mit dem Revolver auf die herannahenden Viehdiebe.

Die zwei Ersten holte ich aus dem Sattel, einem Dritten schoss ich den Gaul unter dem Gesäß weg, sodass er unsanft auf dem Boden landete. Er hatte Glück, dabei nicht der wildgewordenen Rinderherde in die Quere zu kommen. Nur ein paar versprengte Outsider trampelten rechts und links an ihm vorbei.

Meine Revolvertrommel leer.

Der Mann, dessen Gaul ich getroffen hatte, rollte sich auf dem Boden herum, riss seine Winchester hoch und richtete den Lauf in eine Richtung.

Einige Yards hinter mir krachte ein Schuss, der den Mann mitten am Kopf erwischte.

Ich drehte mich im Sattel halb herum und sah Allan, meinen Partner, der Schuss um Schuss in Richtung der Viehdiebe abfeuern.

Etwa ein Dutzend Pferdelängen weiter zurück befand sich Cyrus, der immer wieder seine Winchester loskrachen ließ.

Der Rest unserer Männer hetzte hinter der Herde her und das war auch gut so. Die Tiere würden sich irgendwann wieder beruhigen.

Es war zwar unmöglich, sie zu stoppen, aber vielleicht gelang es der Mannschaft, sie wenigstens ein bisschen zu lenken.

Genau das wollten unsere Gegner auch.

Ich nutzte den Feuerschutz, den ich im Moment hatte, um meinen leergeschossenen Colt wieder einzustecken und die geladene Winchester aus dem Sattel zu ziehen.

Wir feuerten zu dritt und die Angreifer drehten etwas zur Seite ab.

Sie hängten sich geschickt seitwärts an ihre Pferde, so wie es die Prärieindianer machten, und benutzten auf diese Weise ihre Gäule als Deckung.

Einige holten wir trotzdem aus dem Sattel.

Die Meute zog sich daraufhin hinter die nächste Anhöhe zurück.

Wie die Hasen preschten sie davon.

Dann gab ich den beiden anderen ein Zeichen. Wir mussten hinter der Herde her.

Ich wandte mich kurz an Allan.

"Danke! Das war vorhin verflixt knapp!"

Er nickte mir zu. Wir brauchten nicht viele Worte. Jeder von uns wusste, dass der andere für ihn einstehen würde, wenn es sein musste.

Dann mussten wir weiter. Der Herde würde nicht auf uns warten.

Wesley Carrington kam uns entgegen.

"Wie steht's da vorne?" fragte ich ihn.

"Keine Ahnung! Ein riesiges Durcheinander. Die Herde hat den Kopf verloren!", brummte er finster. "Ich dachte, hier wird vielleicht ein Revolver gebraucht."

Ich blickte in die Richtung, in die die Meute verschwunden war.

"Die Coyoten haben sich zurückgezogen", stellte ich fest.

Wesley Carrington zog den Revolver, ließ ihn um den Zeigefinger herumkreisen und anschließend elegant zurück ins Holster gleiten.

"Schade", sagte er. "Ich hätte mich gerne für die Sache im

"Drunken Sinner"-Saloon revanchiert. Ich bleibe ungern jemandem etwas schuldig, Mr. Burns."

Allan lächelte dünn. "Keine Sorge, Carrington, dazu bekommen Sie vielleicht noch eher Gelegenheit, als Ihnen lieb ist. Ich glaube nämlich nicht, dass wir die Bande zum letzten Mal gesehen haben!"

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Den Pferden hatten wir die Sporen gegeben und jetzt galoppierten sie über das plattgewalzte Gras hinter den Longhorns her, die uns schon um einiges Voraus waren.

Dort wurde auch geschossen, aber das Gefecht schien schnell entschieden, denn die Ballerei verebbte schon bald wieder.

Das Gelände war unübersichtlich, so konnten wir nicht sehen, was geschehen war.

Etwa ein Dutzend der Viehdiebe tauchten jetzt wieder hinter einer Hügelkette hervor. Sie feuerten in unsere Richtung und hetzten wie ein Rudel hungriger Steppenwölfe hinter uns her. In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen jagten sie uns dabei ihr Blei um die Ohren.

Wir pressten uns dicht an die Pferdenacken und versuchten das Letzte aus den Gäulen heraus zu holen, um die Herde einzuholen und die Verfolger auf Abstand zu halten.

Immer wieder drehten wir uns dabei immer wieder im Sattel um und feuerten mit den Revolvern auf die Verfolger. Dabei jemanden zu treffen wäre schon großes Glück gewesen. Es reiche uns, dass die Meute ihr Tempo reduzierte und vorsichtiger war.

Aber die Kerle hatten Ausdauer.

Wie ein Rudel blutgieriger Wölfe hetzten sie hinter uns her.

Das langgezogene Tal, in dem wir uns befanden, wurde jetzt etwas enger und bog sich nach Südwesten hin.

Ein Teil der Herde war bereits um die Biegung herum, der Rest würde auch bald verschwinden. Inzwischen hatten wir den Abstand zwischen uns und den Verfolgern zusehends vergrößern können. Sie ballerten jetzt nicht mehr wie wild hinter uns her, weil sie wussten, dass das auf diese Entfernung keinen Zweck hatte. Zumindest nicht, wenn man treffen wollte.

Aus Richtung der Herde kam ein Reiter auf uns zu.

Es war McGrath, einer von den Cowboys. Wir vier ritten in ziemlich scharfem Galopp und auch McGrath hatte ein hohes Tempo drauf.

So dauerte es nicht lange, bis wir uns trafen.

Ich zügelte meinen Gaul und stoppte, während die anderen meinem Beispiel folgten.

"Wie steht es da vorne, McGrath?", rief ich kurz zu ihm hinüber.

McGrath holte tief Luft.

"Da war noch eine zweite Gruppe von Viehdieben, aber mit der sind wir fertiggeworden!"

"Ausgezeichnet!", meinte ich. "Aber mit denen dahinten müssen wir noch rechnen!"

McGrath war kein Dummkopf. Er kapierte sofort, als er den Pulk von Reitern herankommen sah.

Ich deutete dann auf eine Gruppe von Felsen ganz in unserer Nähe.

"Ich schlage vor, dass wir dort in Deckung gehen und sie erwarten!", wandte ich mich an Allan.

Allan überlegte nur einen kurzen Augenblick lang. Dann nickte er.

"Ja, das scheint das Beste zu sein!"

Ich drehte mich zu McGrath herum.

"Was meinst du, kommen die anderen da vorne allein zurecht?"

"Zumindest bleiben sie den Tieren auf den Fersen!", meinte McGrath. "Aber es wäre gut, wenn wir ihnen zumindest den Rücken freihalten würden!"

Wir preschten auf die in der Nähe gelegene Formation von Felsblöcken zu, ließen uns aus den Sätteln gleiten nahmen unsere Winchester-Gewehre und machten die Pferde an einer geschützten Stelle fest. Anschließend gingen wir in Deckung.

Die Verfolger näherten sich.

Ein Haufen roher Kerle, die es vorzogen, sich eine Herde innerhalb von kaum mehr als einer halben Stunde unter den Nagel zu reißen, anstatt sie mühsam selbst heranzuzüchten.

Wir feuerten aus allen Rohren.

Die ersten der Viehdiebe wurden aus dem Sattel gerissen. Einige der Pferde bekamen auch etwas ab.

Sie waren in deutlicher Übermacht, aber wir hatten uns eine günstige Stelle ausgesucht, um sie aufzuhalten. Und das mussten wir, denn wenn es ihnen wieder gelang, näher an die Herde heranzukommen, dann hatten unsere Cowboys keine Chance, langsam wieder die Kontrolle über die Longhorns zu gewinnen.

Schuss um Schuss ließen wir aus den Winchester-Karabinern krachen.

Unsere Gegner feuerten zurück, standen diesmal aber ohne Deckung da, was ihre zahlenmäßige Überlegenheit ausglich.

Todesschreie gellten.

Das Gefecht war diesmal recht schnell entschieden. Die Meute hatte mit unserer geballten Feuerkraft nicht gerechnet.

Einige von ihnen lagen getroffen im Präriegras, die anderen sahen zu, dass sie schleunigst davon kamen.

"Aufhören!", rief ich den Männern zu, als von der anderen Seite nicht mehr gefeuert wurde.

Es waren Halunken, aber es widerstrebte mir dennoch, sie von hinten niederzuschießen. Die Sache war entschieden, sie suchten das Weite.

Und wahrscheinlich würden sie es bei uns so schnell nicht wieder versuchen.

"Ich verstehe Sie nicht, Burns!", meinte Carrington, dessen Waffe noch rauchte. Er hatte den Colt genommen, nachdem er sein Winchester-Magazin leergeschossen hatte. Carrington steckte den Revolver ins Holster zurück. Sein Gesicht war so finster wie eh und je.

"Was verstehen Sie nicht, Carrington?", fragte ich.

"Warum sollen wir nicht so viele wie möglich von den Viehdieben noch über den Haufen schießen?", knurrte er. Er verzog ein wenig den dünnen Strich, der sein Mund war. "Dann sind auf jeden Fall ein paar weniger, wenn wir das nächste Mal auf sie treffen!"

"Das wäre unnötiges Blutvergießen", antwortete ich.

Carrington lachte rau.

"Unnötig?"

"Ja", erwiderte ich ruhig. "Die Schurken haben sich blutige Nasen geholt und ein paar von ihnen haben die Sache hier mit dem Leben bezahlt. Sie werden nicht wieder kommen, Carrington.

Darum können wir wetten!"

Carrington schien das unverständlich zu sein.

"Pah", machte er. "Sie sind schon ein seltsamer Mensch, Jim Burns!"

Ich zuckte mit den Schultern.

"Ich finde nichts Seltsames daran, wenn einem ein Menschenleben so viel wert ist, dass man es nur dann nimmt, wenn es sich nicht vermeiden lässt!"

"Eigenartige Ansichten haben Sie!"

"Dieser Ansicht verdanken Sie Ihr Leben, Carrington", gab ich zu bedenken.

Er lachte auf. "So kann man das natürlich auch sehen!"

Wir gingen über das Schlachtfeld.

Einer der am Boden liegenden Männer regte sich noch. Er war blutüberströmt, aber ein Teil des Blutes stammte vielleicht von seinem Pferd. Das Tier lag neben ihm - tot.

Der Mann stöhnte. Er war schwer verletzt. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Blut rann ihm zwischen den Fingern der Hände hindurch, die er sich gegen den Leib presste. Das Gesicht war eine Maske des Schmerzes. Es musste ihm klar sein, dass seine Lage vollkommen hoffnungslos war.

Seine Komplizen waren jedenfalls auf und davon. Von ihnen konnte er keinerlei Hilfe mehr erwarten.

Es verging kaum ein Augenblick, dann sah ich Carrington bei dem Verletzten, der sich jetzt am Boden herumwälzte.

Die Augen des Viehdiebes glänzten und waren weit aufgerissen.

Er hatte kaum noch Kraft.

Sein Revolver lag mehrere Schritte entfernt. Er hatte ihn vielleicht verloren, als er vom Pferd gestürzt war.

Carrington warf mir einen Seitenblick zu, grinste zynisch und holte dann sein Eisen aus dem Holster.

Er legte die Waffe auf den am Boden Liegenden an und spannte fast genüsslich den Hahn.

"Halt!", sagte ich. "Stecken Sie das Eisen weg, Carrington!"

Er spuckte aus.

Dieser Mann hatte einfach Spaß am Töten.

"Was machen Sie, wenn ich es nicht tue, Jim Burns?", fragte er provozierend.

Jetzt war er also da, jener Augenblick, von dem mein Verstand gehofft hatte, dass er nie eintreten würde, während mein Gefühl wusste, dass er unvermeidlich war. In meinen Ohren echote das Stöhnen des Viehdiebs.

Carringtons Finger spannte sich um den Stecher seines Peacemakers.

Blitzschnell riss ich meinen Revolver heraus und richtete ihn auf Carrington. Er war offensichtlich von meiner Reaktion überrascht.

Wesley Carrington erstarrte zur Salzsäule.

"Ich hatte gesagt: Waffe weg, Carrington!", wiederholte ich.

Jeder Muskel und jede Sehne an Carringtons Körper wirkte angespannt. Einen Augenblick lang blieb alles in der Schwebe, dann entspannte sich seine Körperhaltung etwas und er steckte den Colt weg.

Unsere Blicke begegneten sich.

Carrington war ein außergewöhnlich schneller Revolverschütze, aber er hatte jetzt zum zweiten Mal gesehen, dass ich mindestens ebenso schnell mein Eisen aus dem Holster ziehen konnte, wenn man mich dazu zwang.

Einen ganz kurzen Moment lang glaubte ich so etwas wie Respekt in seinem Gesicht zu erkennen.

Wahrscheinlich war ein blitzartig gezogener Colt das Einzige, was er respektierte.

Ich trat an den Verletzten heran und kniete nieder.

Aber es war zu spät.

Der Mann war bereits tot.

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Es dauerte bis zur Nacht, bis wir den Großteil der Herde wieder unter Kontrolle gebracht hatten. Wir lagerten, hielten das Vieh so gut es ging zusammen und schickten ein paar Leute aus, um nach versprengten Tieren zu suchen. McGrath und Cyrus waren Spezialisten dafür.

Die erlittenen Verluste an Rindern konnten wir nur annähernd beziffern. Allan schätzte, dass wir mindestens 200 Stück Vieh verloren hatten.

Den Großteil davon hatten sich wahrscheinlich die Viehdiebe unter den Nagel gerissen.

Schwerer wog allerdings, dass wir mehrere Tote zu beklagen hatten. Unter unseren Leuten gab zusätzlich noch zwei leicht Verletzte, die Streifschüsse abbekommen hatten.

Wir verarzteten sie gut wir konnten. So fern sie sich nicht eine Infektion zuzogen, hatten sie gute Chancen, mit einer kleinen Narbe davonzukommen.

Zwei Tage lagerten wir und suchten nach versprengten Tieren.

Außerdem bargen wir die Toten und begruben sie.

Dann setzten wir unseren Weg fort.

Nach anderthalb Wochen kamen wir durch das Gebiet der Kiowas.

Wir hätten es auch umreiten können, aber dann wären wir durch unwegsames Gebiet gekommen und hätten außerdem einen Umweg von fast einer ganzen Woche in Kauf nehmen müssen.

In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen sahen wir am Horizont die Umrisse einiger Krieger auftauchen.

Jeder unserer Schritte wurde beobachtet, aber das störte mich nicht.

Einige der Männer - besonders diejenigen, die so etwas zum erstenmal mitmachten - waren sichtlich angespannt und nervös.

Allan und ich taten unser Bestes, um ihre Nerven etwas abzukühlen. Wir führten eine kleine Gruppe von Ponys mit uns, die wir den Kiowas für die ungehinderte Durchquerung des Landes überlassen wollten.

An Rindern hatten sie nämlich kein Interesse.

Die Kiowas waren Büffeljäger und obwohl die Bisonherden immer spärlicher wurden, hätte der Hunger dieser stolzen Krieger schon ziemlich groß sein müssen, um das Fleisch eines Longhorn-Rindes zu essen. Das wäre unter ihrer Würde gewesen.

Aber für die Ponys hatten sie immer Verwendung.

Es war ein Handel und der Vorteil lag auf beiden Seiten.

Die Dämmerung setzte bereits ein, als uns eine Gruppe von Kriegern entgegen ritt.

Allan beherrschte die Zeichensprache, die von allen Präriestämmen bis hinauf zu den Blackfeet in Montana und Alberta beherrscht wird.

Daher übernahm Allan auch die Verhandlungen.

Er wurde schnell mit den Kiowas einig.

Hunderte von Herden waren in den letzten Jahren durch dieses Gebiet getrieben worden. Die meisten davon allerdings nicht von Nord nach Südwest, sondern in umgekehrter Richtung vom texanischen Chapparal zu den wilden Rinderstädten in Kansas.

Wichita zum Beispiel. Oder von dort aus Richtung Norden nach Wyoming und Montana, wo man zurzeit versuchte, die Rinderzucht ebenfalls zu etablieren und daher einen großen Bedarf hatte.

Das stumme Palaver zwischen Allan und den Indianern zog sich etwas hin.

Schließlich zogen die Indianer mit ihren Ponys zufrieden ab. Ihr triumphierendes Johlen war noch zu hören, nachdem sie hinter der nächsten Hügelkette verschwunden waren.

"Von denen haben wir keinen Ärger zu erwarten", wandte sich Allan an mich.

"Noch mal könnten wir Sie ja auch nicht mit den Ponys zufrieden stellen", gab ich zu bedenken.

Allan lachte. "Nein, wenn sie noch einmal auftauchen sollten, wären unsere Whisky-Vorräte dran! Auch wenn ich nichts davon halte, Indianer betrunken zu machen - besser als ihnen einen Teil unserer Waffen zu überlassen wäre es auf jeden Fall."

Beides wäre ein unkalkulierbares Risiko gewesen.

"Diese roten Hunde sollte man so schnell wie möglich ausrotten", mischte sich Carrington in das Gespräch ein, der sein Pferd zu uns hin gelenkt hatte.

Er hatte offenbar verstanden, was wir geredet hatten.

"Ich denke, wir haben von den Kiowas nichts mehr zu befürchten", meinte Allan nüchtern.

"Daran glaube ich erst, wenn wir deren Gebiet endlich hinter uns gelassen haben", knurrte Carrington. Er riss die Zügel des Pferdes herum und ließ den Gaul vorwärts preschen.

"Der Kerl ist unverbesserlich, Jim!", knurrte Allan in meine Richtung.

"Bislang können wir uns nicht über ihn beklagen. Und im Kampf gegen die Viehdiebe war sein zielsicherer Umgang mit dem Eisen eine gute Unterstützung."

Allan machte wegwerfende Handbewegung.

"Sorry, ich kann den Mann einfach nicht leiden."

"In Laredo kriegt er sein Geld und wir sehen ihn nie wieder."

"Dann mache ich drei Kreuze!"

"Hey, gib' ihm 'ne Chance, Allan!"

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Bei Einbruch der Dunkelheit errichteten wir ein Lager.

Der Mond stand voll und rund am sternklaren Himmel.

Unsere Longhorns waren ruhig und friedlich. Und wir alle hofften, dass das die Nacht über bis zum Morgengrauen so bleiben würde.

Einige Lagerfeuer waren angezündet worden.

Die meisten der Männer redeten nicht viel. Sie hatten einen harten Tag hinter sich und morgen würde es in aller Frühe weitergehen.

Da hörte ich Ray Dickson, einen jungen Kerl, der zum ersten Mal bei einer Treibmannschaft dabei war, mit Carrington streiten.

Carrington hatte mit drei Blechtassen und einem Knopf eine Art Hütchenspiel aufgezogen. Der Einsatz war ein Dollar, zahlbar bei Auszahlung des Treiblohns.

Ray Dickson verlor zum dritten Mal hintereinander.

Da platzte ihm der Kragen.

"Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen!", meinte Dickson und sprang auf. "Es scheint, dass es stimmt, was über dich gesagt wird!"

"So, was wird denn gesagt?", fragte Carrington mit schneidendem Unterton.

"Dass du ein Betrüger bist! Und diesmal habe ich es genau gesehen!"

"Der Dollar gehört mir. Und wenn du einen Funken Ehre im Leib hast, zahlst du ihn mir, wenn wir unser Geld bekommen, Junge!"

"Einem Betrüger werde ich keinen Cent geben!"

Carrington erhob sich.

Seine Hand befand sich am Colt.

"Ich lasse mich von niemandem einen Betrüger nennen", sagte Carrington. "Wir können das hier und jetzt austragen, wenn du kein Feigling bist!"

"Es heißt, du sollst ein richtiger Revolverheld sein!", erwiderte Dickson. "Ein Killer!"

Carrington kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen.

"Zieh, wenn du den entsprechenden Mumm hat -—oder halt's Maul!", fauchte er.

Ray Dickson schluckte. Vielleicht hatte er den Mund etwas zu voll genommen und bereute es schon. Aber jetzt konnte er nicht mehr zurück, oder er stand als Waschlappen da. Carrington kostete das genüsslich aus.

Dicksons Hand wanderte inzwischen ebenfalls zur Hüfte. Der Junge war nervös. Sein Gesicht wurde dunkelrot. "Man sagt, du hast ein paar Leute beim Kartenspiel erschossen", meinte er. Vielleicht um Zeit zu gewinnen.

"Wenn es so war, dann waren es Falschspieler."

"Komisch, ich habe die Story genau anders herum gehört!"

Ich erhob mich und nahm die Kaffeetasse in die Linke.

"Ich hab's dir prophezeit", hörte ich Allan sagen, der offenbar ebenfalls mitbekommen hatte, was sich zwischen Ray Dickson und Wesley Carrington für eine explosive Stimmung zusammenbraute.

"Ich sehe mal zu, dass ich die Lunte austrete", raunte ich.

"Wenn du Hilfe brauchst - sag Bescheid! Ich erteile diesem Carrington gerne eine Lektion!"

Ich schüttelte den Kopf.

"Danke, nicht nötig. Das schaffe ich schon."

Einen Augenblick später näherte ich mich dem Feuer, an dem die beiden Streithähne sich gegenüber standen.

Carrington verzog das Gesicht zu einer höhnischen Grimasse.

"Na los, Junge! Was ist? Hast du die Hosen voll?"

"Du wirst schon sehen, was du davon hast!", erwiderte Ray Dickson schwach.

"Ich krieg ja richtig Angst vor dir!", lachte Carrington. "Hör zu, ich lass dich zuerst ziehen..."

Ray war jung und unerfahren. Wenn er ein paar Jahre älter gewesen wäre, hätte er gewusst, dass man einen Mann wie Carrington besser nicht reizte.

Wenn man Rinder züchtet, dann hat man es manchmal mit verwilderten Bullen zu tun, die als Einzelgänger herumziehen.

In der Regel sind diese Tiere von Grund auf bösartig.

Man muss sie töten.

Es bleibt einem nichts anderes übrig, denn sie sind in keiner Herde tragbar. Wesley Carrington hatte etwas von so einem Einzelgänger... Im Gegensatz zu Allan hatte das leider nicht früh genug erkannt.

Carrington funkelte den jungen Ray an.

"Du bekommst deine Ladung Blei direkt zwischen die Augen, das garantiere ich dir!"

Ray schluckte.

Schweißperlen standen ihm auf der Stirn.

Die Handfläche berührte den Revolvergriff.

Die anderen waren wie erstarrt. Keiner hatte mit so einer Wendung gerechnet. Ich auch nicht.

Dann ging Rays Hand zum Coltgriff.

"Wenn Sie sich mit jemandem schießen wollen, dann mit einem Schützen, der Ihnen gleichwertig ist", mischte ich mich ein.

Er wandte den Kopf.

Seine Miene war düster.

"Na los, Carrington! Mal sehen, ob du jetzt immer noch so ein Maulheld bist!", setzte Ray Dickson dummerweise noch einen drauf.

Er war ein Kindskopf. Ein verdammter, unreifer Kindskopf und ich verfluchte ihn innerlich.

"Du lässt deinen Colt stecken, Ray!", sagte ich in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete.

"Aber..."

"Das ist ein Befehl, Ray. Ich schmeiß dich aus der Treibmannschaft, wenn du ihn nicht befolgst!"

Es fehlte mir noch, dass Ray zum Colt griff und sich damit todsicher das eigene Grab schaufelte. Jemand wie er hatte gegen einen Gunslinger von Carringtons Format nicht den Hauch einer Chance. Es kam dabei gar nicht in erster Linie auf die Schnelligkeit, sondern auf die Treffsicherheit an. Wenn ein geübter Revolvermann einen x-beliebigen Kerl dazu aufforderte, gegen ihn zu ziehen, lief das in meinen Augen auf Mord hinaus. Gleichgültig wer zuerst gezogen hatte oder wie die Justiz das beurteilte.

In Carringtons Augen blitzte es.

Er hatte es mal wieder geschafft, jemanden soweit zu provozieren, dass er bereit war, gegen ihn zu ziehen. Carrington konnte getrost abwarten, bis der Junge seinen Colt aus dem Holster gezogen hatte.

Dann war immer noch Zeit genug für einen Schützen seines Schlages, die Waffe zu ziehen, den Hahn zu spannen und den Gegner in aller Ruhe abzuknallen.

"Schluss jetzt!", fuhr ich dazwischen.

Carrington wandte provozierend den Kopf zu mir herum.

Vielleicht hoffte er, dass der dumme Ray die vermeintliche Gelegenheit nutzen und zur Waffe greifen würde.

"Der junge Hitzkopf will es so!", meinte er lakonisch.

Ich trat von der Seite etwas näher an Carrington heran. Bis auf wenige Schritt.

Carrington wandte wieder den Blick in Dicksons Richtung und musterte ihn mit einem Blick, der deutliche Geringschätzung ausdrückte.

Ich griff blitzartig und offenbar völlig unerwartet an die Hüfte und richtete Sekundenbruchteile später den Revolver auf Carrington.

Ein Ruck ging durch seinen Körper.

Er wollte ziehen, erkannte aber dann noch rechtzeitig, dass es jetzt zu spät war.

"Schön stecken lassen!", befahl ich.

"Was soll das, Burns?", fauchte er mich an, ohne die Hand vom Revolvergriff zu nehmen. "Warum mischen Sie sich ein? Dieser Bastard hat mich einen Betrüger genannt!"

"Schätze, das werden Sie verwinden müssen, Carrington!"

"Ich habe jedes Recht, mich mit ihm zu schießen!"

"Aber nicht hier. Nicht, solange Sie beide Teil meiner Treibmannschaft sind!"

"Pah!"

Ich musste nach wie vor aufpassen.

"Abschnallen!"

Es war ein kurzer, knapper Befehl, den ich ihm da gab.

Nicht mehr und auch nicht weniger.

Es war eigentlich nicht misszuverstehen, aber zunächst reagierte Carrington nicht.

"Ich..."

"Ich sage es nicht ein zweites Mal, Carrington!"

Er knirschte die Zähne aufeinander. Ray wirkte jetzt etwas erleichtert und auch die Züge der anderen Männer entspannten sich.

Sie hatten alle gewusst, was Carrington für ein Revolverschütze war und deshalb hatte keiner von ihnen gewagt einzuschreiten.

Mit einem Gesicht aus dem der nackte Hass sprach, schnallte er schließlich seinen Revolvergurt ab und warf ihn zu Boden.

"Zufrieden?", zischte er. Er kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen.

Ich gab Allan ein Zeichen mit der Hand.

"Nimm seine Winchester aus dem Sattel!", rief ich ihm zu.

"Bin schon unterwegs!", gab Allen zurück.

Carrington war außer sich. Diese Entwaffnung traf ihn ins Mark.

"Hey, was soll das? Die Sachen sind mein Eigentum! Ich habe 'ne Menge dafür gezahlt, verdammt noch mal!"

Details

Seiten
140
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738915488
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (März)
Schlagworte
alfred bekker western blutspur

Autor

Zurück

Titel: Alfred Bekker Western: Blutspur