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SAN ANGELO COUNTRY #55: Stuart Hamish muss sterben!

2017 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Stuart Hamish muss sterben!

Klappentext:

Roman:

SAN ANGELO COUNTRY

 

Band 55

 

Stuart Hamish muss sterben!

 

Ein Western von Bill Garrett

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Klaus Dill, 2017

Früherer Originaltitel: Stunde der Entscheidung

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Der Rancher Tom Calhoun ist mit einer Rinderherde von Mexiko zur Grenze unterwegs. Sein Vormann Jay Durango hat vor kurzem die Mannschaft verlassen, um einem Amerikaner namens Dave Corbett zu helfen. Der will Rache für den Tod seines Vaters, mit dem er in der Sierra Diablo nach Gold suchte. Nur einmal hat Corbett das Gesicht jenes Mannes gesehen, auf dessen Befehl sein Vater unter der Kugel eines gekauften Revolvermannes fiel. Doch er weiß, dass er es wiedererkennen wird. Der Name jenes Mannes ist Stuart Hamish. Und genau den will er zur Verantwortung ziehen! Er weiß jedoch nicht, dass Hamish und ihn etwas miteinander verbindet. Durango und die Rancho Bravo-Crew werden schon bald in erbitterte Kämpfe verwickelt ...

 

 

 

Roman:

Der Wind trug das Echo ferner Schüsse über die Hügelkette am Westufer des Rio Casas Grande. Es hörte sich an, als ließe ein Mann Erbsen in eine leere Konservendose fallen.

Jay Durango und Dave Corbett lenkten die Pferde zum Wasser. Sie hielten an und schauten gespannt über den Fluss. Minuten vergingen, während sie lauschend im Sattel hockten. Nach einer kurzer. Pause hörten sie abermals Schüsse - diesmal lauter als zuvor. Und wieder herrschte nach wenigen Sekunden Ruhe.

Dave Corbett zog den Karabiner aus dem Scabbard und klemmte sich die Waffe unter den Arm.

„Da versuchen irgendwelche Leute den Fluss zu erreichen“, sagte er mit einem Anflug von Ärger in der Stimme. „Ich kann mir schon vorstellen, wie die Kerle aussehen, die das verhindern wollen.“

Jay Durangos Blick ging über die Hügelkette hinweg, deren sandige Kämme in der Hitze zu flirren schienen. Außer dem Murmeln des flachen, schnell dahinfließenden Wassers war nichts zu hören. Nicht weit von ihnen entfernt schnellte ein Katzenfisch im Schatten, den eine alte Korkeiche weit in den Fluss hinauswarf, ein paar mal aus dem Wasser. Doch plötzlich gab er dieses Spiel auf, und Jay Durango sah ihn wie einen Pfeil in das Sonnenlicht ziehen und flussaufwärts verschwinden, als wäre die Strömung des Wassers nicht das geringste Hindernis für ihn.

Jay Durango suchte erneut die Kämme ab, über die der heiße Wind rötliche Sandwolken trieb, die sich wie sanfte Schatten vor dem tiefblauen, gleißenden Sommerhimmel abhoben.

Plötzlich war Hufschlag zu hören, zuerst matt und schwach. Dann schwoll dieses Geräusch an, und es schien, als hätte eine Riesenfaust den Reiter auf dem Kamm des Hügels geworfen, auf dem er nun entlangstob. Das Prasseln des Hufschlags wurde noch lauter. Als der Reiter sein Pferd zum Fluss hinunterlenkte, tauchten an der Wasserscheide seine Verfolger auf.

Es waren vier Mexikaner. Sie trugen Sombreros, weite dunkle Ponchos und Gamaschenhosen. Sie ritten im Pulk und hatten Gewehre in den Händen. Als sie den Flüchtling entdeckten, kamen sie den Hügel herunter.

Jay Durango und Dave Corbett sahen, wie das Pferd des Flüchtlings vor dem Wasser scheute. Aber der Reiter trieb es mit einem derben Sporenschlag vorwärts.

Das Wasser reichte dem Tier knapp bis zur Brust. Den Kopf hochgeworfen, die Ohren angelegt und mit angstvollen, großen Augen kämpfte es gegen die Strömung an.

Die vier Mexikaner parierten ihre Pferde am Ufer, rissen die Gewehre an die Schultern und schossen.

In der Flussmitte bäumte sich das Pferd auf. Der Reiter rutschte im hohen Bogen über die Kruppe aus dem Sattel und verschwand platschend im Wasser. Aber er tauchte sofort wieder auf, während sein Pferd zusammenbrach und sich in dem flachen Wasser zu drehen begann.

Bis an den Bauch im Wasser watend, kämpfte sich der Reiter ans Ufer. Einmal glitt er aus, versank, kam prustend wieder hoch und bewegte sich mit rudernden Armen weiter. Mit einer schnellen Bewegung riss er sich den Stetson vom Kopf, den er dank des Kinnriemens bis dahin nicht verloren hatte, und schleuderte ihn fort. Da erst entdeckten Jay Durango und Dave Corbett, dass der Reiter eine Frau war.

Heftig atmend klomm sie auf allen vieren das Ufer herauf. Einer der Mexikaner hatte sein Pferd schon bis in die Flussmitte getrieben, und als sich die Frau aufrichtete, warf er seine Reata. Sie sah das Lasso nicht kommen, das sich um ihren Oberkörper legte.

Der Mexikaner grinste gemein. Er hielt das Leder straff, so dass sich die Frau nicht befreien konnte, trieb sein Tier aus dem Wasser, ritt das Ufer hinauf und galoppierte an. Die Frau wurde wie ein Lumpenbündel herumgerissen.

Doch da waren Jay Durango und Dave Corbett zur Stelle.

Dave Corbett nahm das Gewehr an die Schulter. Er setzte es sofort wieder ab, als er Jay Durangos Lasso durch die Luft schwirren sah.

Jay Durango hatte gut gezielt. Das Lasso legte sich um den Mexikaner, und Jay riss ihn mit einem Ruck aus dem Sattel.

Dave Corbett sprang vom Pferd und rannte zu der Frau hinüber.

Jay Durango zog den Revolver und ritt langsam auf den Mexikaner zu. Als er sich aufrichtete, hob Jay die Schlinge ab und holte das Lasso mit einer Hand ein. Er kümmerte sich nicht darum, dass die anderen Mexikaner langsam durch den Fluss herangeritten kamen.

Der Mexikaner starrte Jay Durango hasserfüllt an. Doch irgendwie war er viel zu verblüfft, um ein Wort zu verlieren.

„Nimm dein Pferd und verschwinde“, sagte Jay Durango. Er hätte dem Mexikaner am liebsten eine Tracht Prügel verabreicht. weil er nicht begreifen konnte, dass ein Mann imstande war, so roh mit einer Frau umzuspringen, was immer sie getan haben mochte.

Der Mexikaner starrte ihn unsicher, aber auch verschlagen an. Seine Kumpane standen am Ufer, von Dave Corbetts Gewehr in Schach gehalten. Corbett stand neben der Frau, die noch am Boden kniete. Jay Durango sah, dass sie am ganzen Leibe zitterte.

„Verschwindet!“, sagte er scharf. „Und erzählt zu Hause von eurem Glück, dass ihr noch am Leben seid.“

Der Mexikaner warf Jay Durango einen hassvollen Blick zu, holte langsam seine Reata ein und wandte sich dann seinem Pferd zu, das in einiger Entfernung stehengeblieben war. Ohne ein Wort zu verlieren, saß er auf und ritt zum Fluss. Dort schwenkten seine Kumpane sofort ein und folgten ihm. Als sie über den Hügeln verschwunden waren, steckte Jay Durango die Waffe ein und ließ sich aus dem Sattel gleiten.

Die Frau hatte das Gesicht in den Händen verborgen. Dave Corbett ließ das Gewehr sinken und zuckte hilflos die Schultern.

Jay Durango kniete nieder, fasste die Frau an den Armen und zog sie sanft hoch.

„Es ist alles in Ordnung“, sagte er lächelnd. „Sie haben jetzt nichts mehr zu befürchten.“

Sie hob langsam den Kopf und sah Jay Durango aus tränenfeuchten Augen an. Ihr Körper wurde von einem Schluchzen geschüttelt. Es klang wie ein Stöhnen. Sie war noch sehr jung und sehr schön. Sie hatte grüne Augen, dichtes rötliches Haar und sanft geschwungene Brauen.

„Was waren das für Leute?“, fragte Dave Corbett, den ihre Schönheit so sehr beeindruckte, dass er seinen Stetson abnahm und sich verlegen das Haar zurechtstrich.

„Ratten aus Hamishs Stall“, erwiderte sie und wischte sich mit einem Tuch die Tränen aus dem Gesicht. „Und wenn Sie wissen wollen, warum: Zum Spaß. Nur zum Spaß haben mich diese Leute gejagt.“

Jay Durango und Dave Corbett sahen sich wortlos an. Sie waren also noch auf der richtigen Spur.

„Zum Spaß?“, fragte Jay Durango. „Wie soll ich das verstehen?“

„Sie sind fremd, nicht wahr?“

„Wenn Sie von Hamish reden, sind wir hier zu Hause“, erwiderte Dave Corbett grimmig.

Jay Durango stand auf und half dem Mädchen auf die Füße.

„Wenn Sie Stuart Hamish kennen, dann wissen Sie ja Bescheid“, sagte sie. „Mit mir haben diese vier Kerle ihren Spaß gehabt. An Sie aber werden sie sich noch halten.“

Dave Corbett betrachtete sein Gewehr. Er drehte es in den Händen und packte es dann am Schaft. Dabei sah er auf, und seine Augen schienen zu brennen, als er sagte: .Madam, mit uns kann jeder Kirschen essen, wenn er sich dazu eingeladen fühlt - und wenn er sich vorher im klaren ist, wie er die Kerne schluckt.“

„Sie sind nicht von hier, sonst würden Sie nicht so reden“, sagte sie lächelnd. „Ich danke Ihnen, und ich möchte jetzt gehen, damit ich Sie nicht aufhalte. Diese vier Männer können in einer Stunde wieder hier sein, und sie werden bestimmt nicht allein kommen. Glauben Sie nur nicht, dass Sie hier von irgend jemandem Hilfe erhalten werden. Das ganze Land zittert vor Hamishs Leuten. Das beste für Sie ist. Sie reiten nach Osten weiter Sie können dann die Berge noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen. Sobald Hamishs Leute merken, dass Sie in die Berge geritten sind, werden sie sicher aufgeben. Es ist kein Vergnügen, jemanden in den Bergen zu suchen.“

„Janos ist nicht weit von hier“, erwiderte Jay Durango. „Sind Sie dort zu Hause?“

„In der Nähe von Janos“, erklärte sie. „Meine Eltern betreiben eine Ranch. Das Übel daran ist nur, dass unser Land wie ein Keil in Stuart Hamishs Besitzungen hineinragt und dass Stuart Hamish das gern lindern möchte. Außerdem haben wir viele Wasserstellen auf unserem Land.“

„Die möchte diese Kanaille natürlich auch haben“, sagte Dave Corbett zornig. „Und der Keil passt ihm auch nicht, wie? Was treibt er eigentlich, wenn er oder seine Leute nicht gerade hinter einem Mädchen her sind?“

„Er lebt von diesem Land“, erwiderte sie. „Er lässt von seiner Miliz, von denen Sie eben vier Männer kennengelemt haben, Steuern eintreiben, so oft und soviel er will.“

„Wieviel solcher Kanaillen reiten für ihn?“, fragte Dave Corbett.

„Soviel er gerade benötigt“, antwortete sie. „Aber diese Burschen sind nicht einmal die Schlimmsten. Womit er Furcht und Schrecken verbreitet, ist eine Crew amerikanischer Revolvermänner. Nun wissen Sie, mit wem Sie sich angelegt haben.“

„Das ist gut so. Wir sind ganz wild auf Ärger mit Hamish“, versetzte Dave Corbett.

Sie hielt ihm die Hand hin.

„Einen Augenblick“, sagte er. „Sie - Sie...“

„Ich heiße Theresa Noria.“

„Sie müssen uns noch mehr über Hamish erzählen“, sagte er. „Ich bin Dave Corbett. Das ist Jay Durango. Alles, was Sie wissen, interessiert uns, Theresa. Wohnt Hamish in Janos? Hat er Familie? Wie sieht er aus? Wer sind seine Freunde? Das wissen Sie doch sicher?“

Sie schaute von einem zum anderen. „Sie können dabei nur Ihr Leben verlieren. Das ist alles, was ich wirklich weiß.“

Sie schaute an den Männern vorbei und ihr Blick wurde starr.

Jay Durango drehte sich um. Eine dunstige Staubglocke war im Süden zu erkennen, die träge nordwärts zog.

„Das ist unsere Herde“, sagte Jay Durango. „Wir sind vorausgeritten, um den Weg zu erkunden. Nun wissen Sie also, dass wir nicht allein sind. Warten Sie hier mit uns, Theresa. Wir werden Ihnen ein Pferd aus der Remuda leihen und Sie heimbringen.“

„Ja, natürlich!“, sagte Dave Corbett eifrig. „Wir begleiten Sie zurück, Madam.“

Theresa Noria sah Jay Durango bitter an.

„Sie sind nicht nur im Begriff, Ihr Leben zu verlieren, sondern auch die Herde. Reiten Sie zurück, und sehen Sie zu, dass Sie mit der Herde aus diesem Gebiet hinauskommen. Die Richtung kennen Sie ja.“

Sie wandte sich um, ging zum Ufer hinunter, stieg ins Wasser und watete zu ihrem toten Pferd, das im flachen Wasser lag.

Jay Durango strich sich nachdenklich über das Kinn.

„Sie redet sicher nicht nur so dahin“, sagte Dave Corbett. „Das ganze Land scheint vor Hamish zu zittern. Reite zurück, Jay, und ändere die Richtung. Ich werde mich um das Mädchen kümmern. Außerdem habe ich schon viel zuviel Zeit verstreichen lassen.“

Sie sahen zu, wie sich das Mädchen im Wasser abmühte, den Sattel von dem toten Tier zu lösen. Als sie dabei ausglitt und für einen Moment im Wasser versank, rannte Dave Corbett los, und Jay Durango begriff, dass Corbett nun nicht mehr zu halten sein würde. Seit sie bei der Herde waren, hatte er das Gespräch immer wieder auf Hamish gebracht. Dieses neue Erlebnis schien seinen Entschluss endgültig gefestigt zu haben.

Theresa Noria kam prustend hoch. Dave Corbett half ihr auf die Beine und zog den aufgeschnallten Sattelgurt unter dem Tier hervor. Während er das Mädchen stützte, hob er den schweren, nassen Sattel aus dem Wasser und wuchtete ihn sich auf die Schulter. Dann kam er mit dem Mädchen zurück. Triefend vor Nässe kletterte sie ans Ufer. Theresa Noria strich sich die Haarsträhnen aus der Stirn und schüttelte sich. Dave Corbett ließ den Sattel fallen und presste sich das Wasser aus den Hosenbeinen.

„Ich mach mich mit ihr auf den Weg. Jay“, rief er keuchend. „Je eher, desto besser wird es für uns alle sein. Weiche mit der Herde aus, und lass es dir gutgehen in Texas.“

„Du machst einen Fehler, Dave“, versetzte Jay Durango.

Dave Corbett lächelte nur, holte sein Pferd und saß auf. „Geben Sie mir den Sattel, Theresa, und sitzen Sie mit auf. Der Braune ist stark genug, uns beide zu tragen.“

Sie sah ihn verwundet an. Doch dann hob sie den Sattel aus dem Ufergras und lief zu ihm hin.

„Mit Pferden kennen Sie sich aus, Mr. Corbett“, sagte sie. „Aber sich selbst scheinen Sie zu überschätzen.“

„Sie irren sich“, erwiderte er kühl. „Genau genommen bin ich nur noch am Leben, um zu erfahren, was es mit diesem Hamish auf sich hat.“

Sie zögerte, als er ihr den Arm hinstreckte. Doch dann griff sie zu, stemmte den Fuß in den Bügel, den er ihr freigab und schwang sich hinter ihm auf das Pferd.

Dave Corbett ritt sofort an. In der einen Hand das Gewehr, in der anderen den nassen, schweren Bocksattel am Horn gepackt, das Mädchen hinter sich, trieb er den Braunen ins Wasser und ritt durch den Fluss. Das Wasser gischtete und schäumte vor der Brust des Braunen.

Jay Durango wartete, bis sie über die Hügel verschwunden waren, dann ging er zu seinem Pferd. Er schlaufte das Lasso in die Schlinge, saß auf, drehte den Rappen und galoppierte an, der rostroten Staubfahne entgegen. Es war für ihn klar, dass er Dave Corbett folgen würde; er musste es einfach tun.

Irgendwie ahnte er, dass Dave Corbett in Schwierigkeiten kommen würde. Dieses Mädchen in Männerkleidung schien Dave Corbetts Verstand völlig durcheinander gebracht zu haben. Nach allem, was sie über Hamish erfahren hatten, bestand nicht die geringste Chance, an ihn heranzukommen, um ihn für den Mord an Dave Corbetts Vater zur Rechenschaft zu ziehen, geschweige denn, etwas über den Verbleib des Goldes zu erfahren, das Dave Corbetts Vater gestohlen worden war.

 

*

 

Zuerst stieß er auf den Küchenwagen, der rasselnd und in halsbrecherischem Tempo aus einer Senke herausgeschossen kam. Die vier Maultiere legten sich mächtig ins Zeug, ohne dass sie von dem mexikanischen Koch Jubal Cortez getrieben zu werden brauchten. Jay Durango kam es vor, als habe der knochendürre, stets mürrische Oldtimer den Maultieren vor der Abfahrt nur gut zugeredet.

Jubal Cortez, den Tom Calhoun für diesen Trail angeworben hatte, war so wunderlich wie seine Maultiere. Dass Jay Durango allein zurückgeritten kam, schien ihn überhaupt nicht zu interessieren. Er hob nur die Zügel etwas an, um auch mit Sicherheit an dem Reiter vorbeizukommen, den er, obwohl es sich um den Vormann von Rancho Bravo handelte, als ein Objekt betrachtete, das ihn und seine Maultiere störte und ihm, wie alle anderen Lebewesen, ob Mensch oder Tier, irgendwie im Weg war.

„Halt an, zum Teufel!“, rief Jay Durango und stoppte sein Pferd.

Coretz stemmte sich in die Zügel und zog die Stockbremse an. In eine Staubwolke gehüllt, kam das Gespann zum Stehen. Aufgebracht drehte Jay Durango sein Pferd und ritt zurück.

Cortez stieg gelassen vom Bock, lief an dem Gespann entlang und strich den Tieren beruhigend über das Fell, als wollte er den Maultieren damit für die Unterbrechung der stürmischen Fahrt eine Erklärung geben.

„Warte hier auf die Herde“, sagte Jay Durango. „Wir werden wahrscheinlich die Richtung ändern.“

Cortez drehte sich um und grinste. „Das ist mir egal“, erklärte er gleichgültig. „Aber ich muss der Herde wenigstens drei Meilen voraus sein, wenn ich den Jungs ein anständiges Mahl zubereiten soll, das sie im Sattel einnehmen können. Ich habe noch nicht einmal Feuer im Plerd.“

„Du wartest hier, Jubal!“, befahl Jay Durango gereizt. „Mit dem Essen wird es sich heute haben. Es sieht jedenfalls so aus. Nimm dein Gewehr unter den Arm und lass das andere Ufer nicht aus den Augen. Sobald Reiter auftauchen, ehe wir mit der Herde nah genug sind, machst du kehrt und kommst zurück. Auf der Stelle. Warte nicht, bis diese Burschen deine Maultiere mit ihren Knarren zu kitzeln versuchen.“

Er zog sein Pferd herum und trieb es in einen wiegenden Galopp. Als er über die nächste Bodenwelle ritt, sah er die Herde kommen. Tom Calhoun und Rio Shayne ritten an der Spitze. Sie trieben ihre Pferde an und kamen dem Vormann entgegen.

„Wo ist Corbett?“, fragte derRancher, als sie neben ihm anhielten. „Sagen Sie nur, er ist nach Janos geritten, um Stuart Hamish herauszufordern.“

„Du brauchst gar nichts zu erklären, Vormann“, sagte Shayne und machte ein bekümmertes Gesicht. „Aber nimm unseren Rat an und halte dich und uns aus der Sache heraus. Wir haben schon viel zuviel Zeit verloren. Wenn du dich erinnerst, wirst du wissen, dass wir mit den Rindern längst zu Hause sein wollten. Auf der Ranch geht sicher alles drunter und drüber.“

Jay Durango verzog das Gesicht. „Ich kann Dave jetzt nicht allein lassen.“

„Jay“, sagte Tom Calhoun gereizt.. „Er ist ein erwachsener Mensch!“

„Du hast eine Menge mit ihm erlebt, und wir verstehen das durchaus“, wandte Shayne ein. „Aber...“

„Wenn das so weitergeht, kommen wir mit der Herde in den Winter“, fiel Tom Calhoun ihm ins Wort. Es war seine Art, manchmal zu übertreiben.

„Ja“, sagte Shayne. „Es ist schon jetzt schwierig, immer einen guten Weg durch Grasland zu finden.“

„Ich möchte Weihnachten zu Hause sein“, brummte der Rancher. „Sonst machen sich die übrigen Jungs noch Sorgen. Ganz zu schweigen von John und Billy ...“

„John wird uns bestimmt jeden Tag verfluchen, weil wir nicht kommen“, sagte Shayne. „Du kennst ihn. Wenn er sich mal Sorgen macht...“

„Lasst mich mal zu Wort kommen“, sagte Jay Durango ruhig.

Der Rancher und Rio Shayne sahen sich an. Schließlich nickte TomCalhoun. „Na schön. Was schlagen Sie vor, Jay?“

Shayne stützte sich auf das Sattelhorn und musterte Jay verdrossen.

„Erkläre uns, was zu tun ist, und vielleicht kannst du uns jetzt schon wissen lassen, wann wir wieder mit dir rechnen können, Vormann.“

„Keine drei Meilen von hier entfernt haben Dave und ich mitangesehen, wie vier Halunken aus Stuart Hamishs Crew aus purem Zeitvertreib ein Mädchen hetzten, ihr mitten im Fluss das Pferd unter dem Sattel zusammenschossen und einer von ihnen sie mit dem Lasso fing. Wahrscheinlich wäre sie jetzt tot, wenn Dave und ich nicht eingegriffen hätten. Dave bringt das Mädchen heim, und ich reite ihm jetzt nach. Es ist möglich, dass die Banditen mit Freunden zum Fluss zurückkommen und dann auf euch stoßen werden.“

Calhoun und Shayne richteten sich steif auf.

„Warum habt ihr es diesen Bastarden nicht heimgezahlt?“ fragte Shayne. „Ein Mädchen wie einen räudigen Hund zu jagen!“

Jay Durango sah seinem Rancher an, dass er Weihnachten vor Zorn glatt vergessen hatte. Und Shayne befand sich auf dem gleichen Weg.

„Wir werden die Herde hier stehenlassen und mit allen Leuten nach Janos reiten, um es diesen Bluthunden zu geben“, sagte Tom Calhoun grimmig und drehte die Zügel in den Händen, als habe er einen dieser Burschen am Kragen.

Jay Durango lächelte amüsiert. „Ich wusste es, dass wir uns schnell einigen würden.“

Shayne streckte die Hand aus. „Davon kann keine Rede sein. Wir sind beide dagegen, dass Dave und du diese Geschichte allein zu regeln gedenkt.“

Jay Durango drehte sein Pferd.

„Ich will hier nichts regeln, Rio“, sagte er. „Ich reite eigentlich nur nach Janos, damit Dave Corbett aus diesem Rattenloch heil herausicommt. Das ist auch schon alles. Ihr seid also gewarnt. Zieht weiter nordwärts und bleibt am Fluss. Einen besseren Weg werden wir für die Herde nicht finden. Aber seid auf der Hut.“

„Wollen Sie das wirklich allein machen?“, fragte Tom Calhoun. Er kannte seinen Vormann jetzt lange genug, um zu wissen, dass er manchmal gewisse Freiheiten benötigte.

„Nein“, versetzte Jay Durango. „Ihr bewacht die Herde. Schließlich kann ich mich nicht um alles kümmern.Ich habe Cortez aufgehalten“, erklärte Jay Durango. „Er wartet hinter der Bodenwelle. Und noch einmal: Seid auf der Hut! Wehrt euch. Auf dieser Seite gibt es nur freies Land.“

Shayne hob die Hand und grinste. „Wir werden uns die Butter schon nicht vom Brot kratzen lassen.“

Jay Durango galoppierte an, schwenkte auf den Fluss ein und war kurz darauf über der Hügelkette verschwunden.

 

*

 

Calhoun schob sich den Hut in die Stirn und raufte sich die Haare.

„Es treibt uns von einer Bedrängnis in die andere“, brummte er. „Sollten wir noch einmal hier herunter müssen, werde ich das nicht wieder mit so wenig Leuten machen. Ich nicht. Ich werde dann darauf bestehen, dass wir eine Kampfmannschaft mitnehmen, die diese Dinge für uns regelt.“

„Wenn Sie sie aus der eigenen Tasche bezahlen, wird Jay sicher einverstanden sein“, versetzte Rio trocken.

Calhoun schaute zurück. Die Spitze der Herde hatte sie fast erreicht. Er brachte sein Pferd in Gang und ritt auf die Bodenwelle zu.

„Wir werden genau an der Stelle lagern. an der es den Zwischenfall mit dem Mädchen gegeben hat“, sagte Rio, der seinem Boss folgte. „Es ist schließlich möglich, dass Jay unsere Hilfe braucht. Zum anderen möchte ich wirklich erleben, dass so ein paar von den Hundesöhnen uns die Richtung zu weisen versuchen.“

„Bei dir dampft es wieder ganz schön, Rio“, knurrte Calhoun. „Ich glaube nicht, dass es dir gelingt, gerade in dem Augenblick den Helden zu spielen, in dem dieses Mädchen zuschaut.“

Rio lächelte, ohne sich verletzt zu fühlen und spähte über den Fluss.

Calhoun musterte ihn und grinste nach einer Weile. „Jetzt möchtest du wissen, wie sie aussieht, wie?“

„Natürlich“, gestand Rio. „Ich versuche sie mir die ganze Zeit vorzustellen.“

„Das ist doch ganz einfach“, erwiderte Calhoun. „Sie kann reiten wie der Teufel, sonst wäre sie wahrscheinlich kaum bis zum Fluss gekommen. Sieh dir die Burschen an, die ewig im Sattel sitzen. Sie haben ganz krumme Rücken. Außerdem kann ich mir vorstellen, dass dieses Mädchen Hamishs Burschen ganz schön die Zähne gezeigt hat. Große Zähne und lange.“

„Da mache ich mir ein anderes Bild von dem Mädchen“, sagte Rio versonnen lächelnd. „Es ist bestimmt bildhübsch. Keine großen Zähne. Aber Augen wie Sterne. Sanft und zart im Wesen und in der Art, und die Figur ...“

„Männerkleider, eckige Schultern“, unterbrach Calhoun seinen Cowboy.

Rio stoppte sein Pferd. „Fünf Dollar!“

Auch Calhoun zügelte sein Tier. Er stützte sich auf das Horn und drehte sich im Sattel. „Ich sage, sie ist keine Schönheit. Aber so billig wollen wir das nicht machen, meinJunge.“

Rio schaute über den Fluss. „Ein Mädchen, wie aus einem Traum. Fünf Dollar, Boss!“

„Dein Traum scheint dir nicht viel wert zu sein.“

Rio sah ihn an. „Zehn!“

Calhoun bekam ein Pokergesicht. „Zwanzig Dollar. Sie kann der Tochter vom alten Ramsey in San Angelo nicht das Wasser reichen. Einigen wir uns auf diese Formulierung.“

Rio grinste. „Sie werden vorsichtig, Boss.“

Calhoun schürzte die Lippen und wiegte den Kopf. „Nur damit klar ist, was ich meine. Es gäbe dann kein Drumherumreden. Du wirst doch bestimmt behaupten, dass sie schöner ist als Ramseys Tochter?“

Rios Augen wurden schmal. „Sie wollen mich ’reinlegen. Ich meine natürlich Ramseys Lilly. Die anderen, Lulu und Marlene, sind ja schon alte Weiber.“

„Lilly ist eigentlich noch ein Kind“, sagte Calhoun. „Aber gut.“

„Einverstanden, zwanzig Dollar“, erwiderte Rio und streckte die Hand aus.

Tom Calhoun griff blitzschnell zu, und da Rio die Hand im letzten Moment zurückziehen wollte, riss er ihn fast aus dem Sattel.

„Wicht!“, knurrte Calhoun. „Jetzt habe ich dich. Im letzten Frühjahr sind wir uns alle einig gewesen, dass Lilly mal eine Frau werden wird, deren Schönheit eine andere kaum überbieten kann. Sogar Marshal Clayburn hat das behauptet. Hast du das vergessen, mein Junge?“

„Ich sagte doch, es gilt“, murmelte Rio.

Calhoun ließ ihn los, und Rio massierte sich das Handgelenk.

„Als wir über Lilly sprachen, sind Sie ziemlich betrunken gewesen. Marshal Clayburn meinte, dass aus Lilly Ramsey nichts anderes als ein Kleiderständer werden würde, sollte sie sich nicht doch noch aufs Essen verlegen. Nirgends ein bisschen Speck.“

„Rede dir nur Mut zu.“ Calhoun grinste. „Diesmal sitzt du in der Tinte, mein Junge, und total betrunken werde ich sein, wenn ich mir deine zwanzig Dollar an einem einzigen Abend durch die Kehle jage. Das schwöre ich dir.“

Rio lachte. „Ihnen werden die Augen aus dem Kopf fallen, wenn ich Ihr Geld ausgeben kann.“

„Lilly Ramsey ist der Maßstab!“, mahnte Calhoun.

Rio brachte sein Pferd in Gang. „Sie haben jetzt schon verloren.“

Calhoun nahm die Zügel in die Faust und schloss auf.

„Wölfe und Schakale werden am anderen Tag mit Knüppeln zu erschlagen sein, weil sie sich krumm und lahm gelacht haben. Aber ich habe dir ja schon immer prophezeit, dass du dir in deinem Leichtsinn noch einmal gewaltig die Hörner abstoßen wirst. Die Eierschalen werden dir hinter den Ohren wegfliegen. Zwanzig Dollar, mein Junge!“

Sie hatten mittlerweile den Kamm der Bodenwelle erreicht und hielten an. Cortez war gerade im Begriff, den Küchenwagen zu drehen. Nicht weit von ihm entfernt ritten sechs Reiter durch den Fluss.

Calhoun und Rio sahen sich kurz an. Dann galoppierten sie los.

Der alte Cortez sah sie kommen, zögerte und fuhr dann den Kreis voll aus. Als er den alten Platz erreicht hatte, hielt er an. Calhoun und Rio ritten an ihm vorüber und hielten vor den Maultieren. Der Großteil der Herde quoll hinter ihnen über den Kamm der Bodenwelle, während die sechs Reiter direkt auf sie zugeritten kamen.

Cortez fuhr erneut an und stoppte das Gespann dicht hinter ihnen, als die Reiter heran waren und ihren Pferden in die Zügel fielen. Sie musterten Calhoun und Rio eine ganze Weile. Endlich trieb einer sein Pferd aus der Reihe.

„Wir suchen einen schwarzhaarigen Burschen, Mitte dreißig und seinen Kumpan, der etwas jünger ist“, sagte er. „Habt ihr sie nicht gesehen?“

Tom Calhoun stützte sich auf das Sattelhorn. Dabei sah er Rio an. „Sie meinen sicher die Burschen, die uns nach einem Job fragten.“

Rio fiel ein: „Ich ahnte sofort, dass sie etwas auf dem Kerbholz haben. Sie sind nach Süden geritten. Sie haben es mächtig eilig gehabt, nachdem wir ihnen sagten, dass sie bei uns nicht unterkommen könnten.“

„Ihr seid mit einer Herde unterwegs?", fragte der Mexikaner. Er war groß und kräftig, größer als Mexikaner es gewöhnlich waren. Sein freundliches Lächeln wirkte irgendwie hinterhältig.

Calhoun wies über die Schulter. „Ja, Amigo. Mit einer Herde. Mit der da.“

„Das ist mexikanisches Gras hier, Americano“, erwiderte der Mexikaner. „Was schätzt du, was es wert ist? Nenn mir die Summe pro Rind.“

„Nichts, mein Freund“, versetzte Calhoun und machte eine umschreibende Geste. „Es wächst von selbst, wie es dem Herrgott gefällt.“

Das Lächeln des Mexikanes gefror langsam. Seine Augen wurden schmal und blickten starr.

„Wir werden trotzdem kassieren“, verkündete er, und seine Stimme klang frostig.

Mit den Meikanern war zu reden, immer und über alles, doch nur bis zu einem gewissen Punkt, und der war jetzt erreicht. Ohne dass sich Calhoun und Rio zu verständigen brauchten, griffen sie zu den Revolvern. Sie hörten, wie sich Cortez von der Fahrerbank erhob, und sie wussten, dass er seine Schrotflinte erhob.

„Wir sind mächtig friedliche Leute“, knurrte Calhoun. „Wir werden nur sauer, wenn man uns zur Armee holen sollte, oder wenn irgendwelche Hitzköpfe versuchen, uns das Fell über die Ohren zu ziehen. Reitet nach Hause, Amigos. Sagt eurem Boss, dass er seinen Wegzoll von uns bekommen kann. Wir bezahlen mit Blei!“

„Ich habe Spitzschrot geladen“, rief Cortez vom Wagen. „Das ist auch keine schlechte Währung. Vor allem dann nicht, wenn man die Körner aus einem Mann holt, den ich damit in zwei Hälften zersägt habe. Seht euch die Kanone nur richtig an. Sie hat Löcher, in die jeder von euch seinen großen Zehen bohren kann.“

„Macht auf der Stelle kehrt“, zischte Rio. „Es liegt uns wirklich nichts daran, euch aus den Sätteln zu holen. Aber wir werden nicht kneifen, wenn ihr es darauf anlegt.“

„Das sind verdammt große Worte, Americano“, sagte der Anführer des Rudels vorsichtig, den Blick auf Rios Revolver gerichtet.

Tom Calhoun nickte. „Wenn du herausfinden möchtest, ob wir dazu stehen, bist du herzlich eingeladen.“

Die sechs Mexikaner starrten die drei Rindermänner ausdruckslos an. Dann machten sie kehrt und ritten davon. Sie nahmen den gleichen Weg, den sie gekommen waren.

Calhoun und Rio steckten die Revolver ein.

„Jetzt ist es ziemlich sicher, dass es Ärger geben wird“, sagte Calhoun finster, während er mit seinem Blick die abreitenden Mexikaner verfolgte.

„Und es ist sicher, dass sie hinter Jay und Dave her sind“, sagte Rio.

Jubal Cortez kletterte hinter ihnen vom Wagen und kam herangestapft.

„Da hat sich euer Vormann etwas ausgesucht“, brummte er. „Diese Halunken werden wiederkommen. Sie sahen mir nicht so aus, als würden sie sich dreimal hintereinander auf die gleiche faule und für sie erniedrigende Weise heimschicken lassen. Beim nächsten mal wird es ganz schön donnern.“

Calhoun zog sein Pferd herum. „Donnere Holz in deinen Ofen, Jubal. Wir halten die Herde hier an, und wenn das geschehen ist, möchten die Jungens etwas zwischen die Zähne nehmen.“

Cortez kehrte schimpfend zum Wagen zurück. Calhoun und Rio ritten ans Ufer und schauten lange hinüber, ohne sich dabei an ihre Wette zu erinnern. Sie dachten nur an Jay Durango und Dave Corbett und wogen in Gedanken die Schwierigkeiten ab, die beide haben würden.

Rio war dafür, die Rinder ihrem Schicksal zu überlassen und Jay und Dave Corbett mit der Mannschaft zu folgen. Aber Calhoun hielt nichts davon, und so machten sie sich daran, die Herde am Ufer des Flusses anzuhalten, was nicht schwierig war.

Cortez stellte den Küchenwagen der Herde in den Weg, und die Mannschaft drängte die Rinder zum Wasser. Die Sonne sank, und weit im Osten nahm der Himmel eine tiefblaue Färbung an, als sich die Mannschaft am Küchenwagen versammelte.

 

*

 

Wenige Meilen hinter dem Fluss erreichte Jay Durango die Poststraße, die Janos mit Chihuahua verband. Wie ein schmales, staubiges Band wand sie sich durch die ausgedörrte, von der Sonne verbrannte Landschaft. Obwohl die Sonne bereits am Horizont stand, schien der hartgetretene und festgefahrene Boden vor dem Reiter zu kochen.

Nach einer halben Stunde tauchte plötzlich ein Reiter in Jay Durangos Blickfeld auf, der reglos im Sattel hockte und auf ihn zu warten schien. Daran, wie der Mann auf seinem Pferd saß, erkannte Jay Durango, dass es Dave Corbett war. Beim Näherkommen entdeckte Jay Durango auch den Pfad, der von der Straße abzweigte und durch eine Geröllhalde nordwärts führte - zu der Ranch Theresa Norias, die nur zwei Meilen von der Straße entfernt war, wie Jay Durango dem verwitterten Wegweiser entnehmen konnte, neben dem Dave Corbett angehalten hatte.

Jay Durango hielt den Rappen an.

„Du scheinst hier auf mich gewartet zu haben, Dave“, bemerkte er.

Dave Corbett erwachte aus seiner Starrheit und stützte die Hände auf das Sattelhorn.

„Als ich über den Berg geritten kam, sah ich einen einzelnen Reiter vom Fluss her auf die Straße zukommen. Da sich hier kaum jemand allein irgendwohin zu wenden wagt, nicht einmal ein Halunke aus Stuart Hamishs Crew, wie ich inzwischen erfahren habe, war es nicht einmal schwer, dich in dem Narren zu vermuten, zumal ja auch die Richtung stimmte. Was ist mit der Herde, Jay?“

„Sie wartet. Ist mit dem Boss alles besprochen.“

Dave Corbett musterte ihn ausdruckslos. „Ich reite jetzt nach Janos.“

„So ungefähr habe ich es mir gedacht“, versetzte Jay Durango. „Hast du das Mädchen abgeliefert?“

„Mhm“, murmelte Dave Corbett. „Dabei bin ich auch wieder trocken geworden.“

„Auch hinter den Ohren, Dave?“

Dave Corbett trieb sein Pferd auf die Straße und ritt an. „Wenn du damit meinst, dass ich es aufgegeben habe, Hamish zu erledigen, dann muss ich sagen: nein!“

Jay Durango schloss zu Dave Corbett auf. „Finden wir Hamish denn in der Stadt?“, fragte er.

„Seine Behausung gleicht einer uneinnehmbaren Festung, habe ich mir sagen lassen“, antwortete Dave Corbett. ,,Wer etwas von ihm will und keine Feldhaubitzen zur Verfügung hat, kann nur hoffen, ihn in Janos zu erwischen.“

„Du hoffst, dass er sich dort allein blicken lässt?“

Dave Corbett lachte rau. „Ein Mann wie Hamish lässt sich nirgends allein blicken. Wenn es soweit ist, wird er nicht einmal allein beim alten Petrus anklopfen. Es ist ziemlich klar, dass er sich nur mit Hilfe seiner Revolvergarde behauptet. Diese Burschen treiben für ihn Steuern ein und halten das Land fest unter der Knute. Viele mutige Männer haben versucht, sich zu widersetzen. Aber sie haben Mann für Mann den gleichen unverzeihbaren Fehler gemacht und den Kampf gegen seine Wölfe aufgenommen, statt nach guter alter mexikanischer Sitte dem Tyrannen den Kopf abzuschlagen.“

Er wandte den Kopf und sah Jay Durango grimmig lächelnd an. „Diesen Fehler werde ich nicht mehr machen, Jay.“

„Uns fehlen die Feldhaubitzen.“

Dave Corbett schaute geradeaus. „Dabei ist alles mit einem einzigen Schuss zu erledigen“, sagte er nach einer Weile sinnend.

„So einfach wird Hamish nicht zu erwischen sein“, sagte Jay Durango. „Selbst wenn es gelingt, ihn in Janos zu stellen und ihn aus seinem Revolverrudel herauszuschießen, ist das keine Lösung. Es wäre nur billige Rache. Keiner der armen Schlucker würde sein Land wiederbekommen, oder das, was er an Hamish verlor."

„Hamish ist nicht nur reich und in dieser Gegend der mächtigste Mann“, murmelte Dave Corbett. „Sein Einfluss reicht bis nach Chihuahua und sicher noch weiter. Er hat viele Freunde unter den Mächtigen in diesem Land. Er muss sie haben, Jay. Wie konnte er sich als Amerikaner anders verhalten? Ich weiß, du möchtest, dass er vor ein Gericht kommt. Aber urteile selbst. Es käme nicht viel dabei heraus, höchstens unser Ende. Und beim Henker, ich habe mir einmal ein Lasso um den Hals binden lassen. Nie wieder!“

 

*

 

Sie ritten schweigend weiter. Die Sonne sank, und der Himmel, den der glühende Sonnenball den ganzen Tag über in grelles Licht getaucht hatte, nahm eine tiefe azurblaue Farbe an.

Wind kam auf und trug das Wimmern einer Glocke über die wie starr daliegende Einöde. Vom nächsten Hügel rücken aus sahen sie die Stadt unter sich. Es war eine kleine Stadt, in typischer spanischer Bauart errichtet. Von der Größe her glich sie eher einem Dorf. Eine einzige Straße schnitt die Ansammlung von weiß getünchten Adobehütten und Häusern in zwei Hälften. Am Rande des Zocalos, des Dorfplatzes, stand eine kleine Kirche mit hellem, weißem Mauerwerk und dunkel gestrichenem Holzdach. Im offenen Turm sahen sie die Glocke sich schwingend bewegen.

Nebeneinander ritten sie die Straße hinunter auf die Stadt zu, während die Dämmerung rasch hereinfiel.

Als sie zwischen den ersten Hütten mitten auf der Straße in die Stadt einritten, beschlich sie das Gefühl, als würde nicht eine Seele darin leben. Die menschenleere Straße und das Wimmern der Glocke in dem offenen Turm der kleinen Kirche wirkten bedrückend und ließen die Bedrohung ahnen, die über der abendlichen Stadt lag. Alle Türen und Hofeingänge zu beiden Seiten der hartgebackenen Fahrbahn waren geschlossen. Nicht einmal ein Straßenköter war zu sehen.

Doch plötzlich tauchten vom Zocalo her zwei Reiter auf.

Jay Durango und Dave Corbett drängten die Pferde an den Straßenrand und hielten am Hitchrack eines größeren Adobehauses an, dessen Anschrift das Haus als eine Cantina auswies. Die Tür war zu, und die Fensterläden waren geschlossen. Durch die Ritzen konnten sie jedoch sehen, dass drinnen Licht brannte.

Die beiden Männer ritten hintereinander, und beim Näherkommen erkannten Jay Durango und Dave Corbett, dass der vordere Mann das zweite Tier am Zügel führte, dessen Reiter an einem sonderbaren Gestell im Sattel festgebunden war. Er hielt die Augen geschlossen, und sein Gesicht war seltsam grau. Um den Hals trug er noch eine Schlinge. Das Seilende vor seiner Brust schwang im Takt des Hufschlages hin und her.

Ohne die Fremden zu beachten, ritten sie an ihnen vorüber.

„Mein Gott, ein Toter“, murmelte Dave Corbett krächzend. „Ein Mann, der hingerichtet worden ist.“

Jay Durango fror plötzlich. Er zog die Schultern hoch und schaute sich spähend um. Nun schien klar zu sein, weshalb die Bürger von Janos die Straßen mieden. Da Jay Durango und Dave Corbett wussten, wer in dieser Stadt die Gesetze machte, ahnten sie, dass dieser Gehenkte ein ehrlicher, rechtschaffener, armer Schlucker gewesen war, der nichts weiter verbrochen hatte, als sich gegen Hamishs Willkürherrschaft aufzulehnen.

Sie sahen sich an, und Dave Corbetts Gesicht glich einer steinernen Maske. Wortlos brachten sie ihre Pferde wieder in Gang und ritten zum Zocalo. Als sie den Platz einsehen konnten, hielten sie jedoch ruckartig die Pferde an.

Von rußenden Fackeln erhellt, bot sich ihnen eine eigenartige Szene.

Mehr als zwei Dutzend bis an die Zähne bewaffnete Reiter in zerlumpten mexikanischen Charro-Anzügen, von denen jeder zweite eine brennende Fackel in der Faust hielt, hatten vor dem Brunnen, neben dem ein Galgengerüst aufgebaut worden war, in einem Halbkreis Aufstellung genommen. Die Gewehre waren schussbereit auf eines der größeren Adobehäuser gerichtet. Vor dem Haus stand eine Gruppe von Bravados, die von einem großen blonden Mann in schwarzer Kleidung angeführt wurden. Er überragte die Bravados um Haupteslänge.

Jay Durango und Dave Corbett sahen, dass er auf zwei Männer einsprach, die offensichtlich aus diesem Haus herausgekommen waren. Bleich und verstört hörten sie dem blonden Amerikaner zu, die Blicke auf das Galgengerüst gerichtet, auf das der Amerikaner immer wieder wies.

Jay Durango konnte den Mann nicht genau verstehen. Er verstand nur soviel, dass der Amerikaner irgend etwas forderte. Hamish, schoss es Jay Durango durch den Kopf. Stuart Hamish mit seiner Kampfmannschaft. Dave Corbett legte ihm die Hand auf den Arm. Jay Durango drehte den Kopf. Dave Corbetts Gesicht war dunkel vor Zorn.

„Diesen Mann kennst du, Jay“, sagte er krächzend. „Es war der andere Amerikaner, der mit Hamish, Roja und den Rurales aus der Schlucht ritt, nachdem sie meinen Vater ermordet hatten. Erinnerst du dich?“

Jay Durango erinnerte sich nur zu gut. Er hatte Dave Corbett damals niedergeschlagen. damit er nicht auf die Gruppe schoss, die sie beide sonst todsicher in den Felsen ausgehungert hätte. Er erinnerte sich aber auch daran, dass er Dave Corbett vor der brennenden Hütte gefragt hatte, ob er wüsste, wer diese beiden Amerikaner seien. Dave Corbett hatte behauptet, es nicht zu wissen. Erst später gestand er, dass einer dieser Amerikaner Hamish gewesen sei, und Jay Durango hatte sich die ganze Zeit gefragt, warum er das verschwiegen hatte.

„Dieser Kerl heißt Bat Morgan“, raunte Dave Corbett. „Er ist Stuart Hamishs engster Vertrauter und erster Revolvermann, und ich weiß jetzt, dass nur er meinen Vater erschossen hat, denn Stuart Hamish konnte es nicht tun.“

Jay Durango musterte Dave Corbett, und er war sich plötzlich sicher, dass ihm Dave Corbett etwas verschwieg, von allem Anfang an.

Dave Corbett schien die Frage in Jay Durangos Blick zu lesen. Aber er ging nicht darauf ein.

„Er will Tribut für Hamish eintreiben“, erklärte er Jay Durango ausweichend. „Kannst du verstehen, was er sagt?“

„Ich verstehe manches nicht“, versetzte Jay Durango zweideutig.

Dave Corbett ging mit einem Lächeln über diese Erwiderung hinweg.

„Einer von diesen beiden vor dem Haus scheint der Alkalde zu sein“, sagte er. „Bat Morgan macht ihm klar, dass er seine Pflicht gegenüber Hamish zu erfüllen habe. Wahrscheinlich hat Hamish dem Alkalden auferlegt, die Steuern von den Bürgern zu kassieren, und der arme Bursche versucht Bat Morgan klarzumachen, dass er es nicht kann, da ihm Soldaten fehlen, um sich durchzusetzen. Bat Morgan erzählt nun etwas von einem Cholla, der mit den Bravados in der Stadt bleiben wird, bis der Alkalde die Steuern eingetrieben hat. Dabei kündigt er dem Alkalden an, dass Cholla, der die Bravados zu führen scheint, jeden aufhängen lassen wird, der sich weigert.“

„Cholla? Ist das nicht eine giftige Kakteenart?“, fragte Jay Durango.

„Sicher. Ein passender Name für so einen Kerl“, erwiderte Dave Corbett.

Nun vernahm auch Jay Durango den Namen Cholla. Bat Morgan rief ihn zu den Reitern hin. Dort brachte einer der Bravados sein Pferd in Gang, ritt aus der Reihe heraus und hielt neben den anderen vor dem Haus.

Es war ein großer, massiger Bursche mit breiten Schultern und einem bulligen Gesicht, das im Licht der Fackeln mahagonibraun glänzte. Er lachte und zeigte zwei Reihen kräftiger Zähne, während Bat Morgan auf ihn einsprach.

Als Hamishs Revolvermann verstummte, hob Cholla die Hand und drehte sein Pferd. Die Reihe der Bravados geriet in Bewegung. Die Fackeln flogen auf einen Haufen. Reiter auf Reiter schwenkte ein und schloss zu Cholla auf, der zur Straße ritt und genau auf Jay Durango und Dave Corbett zukam. Er hatte die Fremden sofort entdeckt, als er sein Pferd drehte.

„Verliere jetzt nicht die Nerven, Dave“, raunte Jay Durango. „Wir haben nicht die geringste Chance.“

„Nur keine Sorge“, erwiderte Dave Corbett murmelnd. „Diesmal habe ich einen klaren Kopf.“

Damit meinte er jene bittere Stunde, als sie beide in den Felsen über der brennenden Hütte seines Vaters hockten und Hamish mit Bat Morgan und Rojas Lanzenreitern davonziehen sahen. Damals hatte Dave Corbett unbedingt schießen wollen, was für beide das Ende bedeutet hätte. Doch Jay Durango hatte ihn zur Vernunft gebracht. Vielleicht waren sie beide nur noch deshalb am Leben.

Cholla kam heran und stoppte zwei Pferdelängen vor ihnen, während sich seine Reiter hinter ihm versammelten. Es war noch hell genug, so dass sie sich auf diese Entfernung ohne weiteres in die Augen blicken konnten.

Cholla senkte die Lider und schaute von einem zum anderen.

„Wer seid ihr?“, fragte er.

Jay Durango neigte sich vor und stützte beide Hände auf das Sattelhorn. „Reisende. Reisende in Blei“, antwortete er kühl und furchtlos, weil er genau wusste, dass dieser Kerl nur damit zu beeindrucken war.

Chollas Blick zuckte von einem zum anderen. Dabei zog er die rechte Augenbraue hoch, und ein teuflisches Lächeln riss ihm plötzlich förmlich die Lippen von den Zähnen.

Er wollte etwas sagen. Aber er unterdrückte seinen Wunsch, brachte sein Pferd in Gang, das viel zu klein für ihn war, und ritt an Jay Durango und Dave Corbett vorüber.

Mann für Mann zogen die Bravados vorüber, die Blicke feindselig auf Jay Durango und Dave Corbett gerichtet. Als der letzte Bravado aus ihrem Blickfeld verschwand, sahen sie Bat Morgan allein über den Zocalo kommen. Kein Mensch war mehr auf dem Platz zu sehen, nur Bat Morgan. Die Fackeln brannten wie ein Scheiterhaufen, und in diesem Licht kam Hamishs Revolvermann auf sie zu.

Als er vor ihnen stehenblieb, sahen sie, wie hell sein Haar wirklich war. Die Perlenschnur seines schwarzen Stetsons schimmerte matt und staubig. Er gab sich den Anschein von Freundlichkeit. Sein Blick blieb auf Jay Durango hängen.

„Wer sind Sie? Haben wir uns nicht schon gesehen?“, fragte er.

Jay Durango schüttelte langsam den Kopf. „Ich glaube nicht.“

„Mein Name ist Bat Morgan. Sie müssen mich kennen.“

„Ich wüsste nicht, wo ich Ihnen begegnet sein könnte“, antwortete Jay Durango.

„Woher kommen Sie?“

„San Angelo, Texas.“

Bat Morgan senkte die Lider. „Direkt?"

„Es ist schon ein paar Wochen her“, erklärte Jay Durango. „Ich hatte geschäftlich inMexiko zu tun.“

Bat Morgan stützte die Fäuste auf die Hüften. „Wollen Sie vielleicht mal sagen, was Sie damit genau meinen?“

Jay Durango verlagerte sein ganzes Gewicht auf das Sattelhorn und zog die Schultern höher. „Finden Sie es heraus, Morgan.“

„Ich möchte wetten, Sie schon irgendwo gesehen zu haben“, überging Bat Morgan diese Herausforderung. „Wie heißen Sie?“

„Jay Durango.“

Bat Morgan gab sich den Anschein, als würde er nachdenken. Dann schüttelte er den Kopf. „Der Punkt geht an Sie. Den Namen habe ich tatsächlich noch nicht gehört. Wie man sich täuschen kann.“

„Mein Name ist Dave Corbett, wenn Sie das interessiert“, sagte Dave.

Bat Morgans Augen schienen zu schimmern. Aber nur einen Augenblick lang war dieses flirrende Glitzern zu erkennen. Dann lächelte er schon wieder, fast noch freundlicher als zuvor.

„Hallo! Natürlich interessiert es mich, wer in diese Stadt kommt. Aber es ist kein Pflaster für Amerikaner. Lassen Sie sich durch meine Anwesenheit nicht täuschen, Gentlemen.“

Nach diesen Worten setzte er sich in Bewegung, und im nächsten Augenblick war er auch schon verschwunden.

„Das war nicht sehr klug von dir, Dave“, sagte Jay Durango.

„Weil ich meinen Namen genannt habe? Wieso?“

„Ich denke, du weißt es selbst“, erwiderte Jay Durango.

Dave Corbett nahm die Zügel in die Fäuste. Das Feuer des brennenden Fackelhaufens war zusammengefallen. Doch die Flammen schienen noch hell genug, um in der inzwischen herrschenden Dunkelheit Dave Corbetts Gesicht auszuleuchten, das von einer seltsamen Entschlossenheit erfüllt war.

Dave Corbett hob den Kopf und schaute zum Turm der Kirche, in dem das grelle Wimmern inzwischen verstummt war. Die Flammen des Fackelhaufens warfen die Schatten des Galgengerüstes grell an die weiß getünchte Wand der Kirchenmauer, die rund um den Schatten des Gerüstes rot zu glühen schien.

„Stuart Hamish wird begreifen, dass dieses Galgengerüst das Zeichen für ihn allein ist“, murmelte Dave Corbett.

„Dort drüben ist der Mietstall“, sagte Jay Durango und brachte den Rappen in Gang. „Komm Dave! Du bist mit deinen Gedanken schon viel zu weit.“

Sie ritten über die Straße und trieben die Pferde durch die enge Einfahrt in den Hof des Mietstalles. Ein junger Mexikaner kam ihnen entgegen. Er hielt die Laterne hoch, um die Besucher besser sehen zu können.

Sie hielten und schwangen sich aus den Sätteln.

„Platz für Pferde ist knapp, Amigos“, sagte der Mexikaner lächelnd. „Bleiben Sie lange in Janos?“

„Red nicht drumherum“, knurrte Dave Corbett gereizt. „Wir zahlen in amerikanischer Währung. Zufrieden?“

„Ein Platz für drei Tage einen Dollar“, sagte der Mann grinsend. „Sie können auch bei mir schlafen. In meinem Stroh liegt es sich besser als im Hotel Juarez, dieser alten Wanzenbude.“

Jay Durango warf ihm die Zügel des Rappens zu. „Das mit dem Dollar geht in Ordnung. Aber stiehl uns nichts. Wir drehen dir sonst den Hals um.“

Der Mexikaner bekreuzigte sich.

„Ich will verflucht sein!“, murmelte er unterwürfig und streckte dabei die Hand aus.

Jay Durango und Dave Corbett bezahlten und kehrten auf die Straße zurück.

„Hamishs Leute sind alle in der Cantina“, sagte Dave Corbett. „Ich vermute, dass wir nur dort etwas zu essen bekommen.“

„Ich denke eher, du hast Hunger auf etwas anderes“, erwiderte Jay Durango lächelnd.

 

*

 

Sie setzten sich in Bewegung und liefen die Straße zurück, auf der nun Leben war. Den beiden entging jedoch nicht, dass sich die Leute eilig und scheu bewegten.

Uber zwei Dutzend Pferde waren am Hitchrack der Cantina festgemacht. Mariachi-Musik drang durch die offenstehende Tür. Durch die Fenster sahen sie Pärchen, die sich im Tanz drehten. Das helle und kreischende Lachen eines Mädchens schallte ihnen entgegen. Der ganze Bau schien unter den im Takt stampfenden Stiefeln der Bravados zu erzittern.

Jay Durango und Dave Corbett traten über die Schwelle und gingen zum Tresen.

Chollas Bande und ein paar Mädchen in grellfarbenen Kleidern waren die Gäste. Der Mann hinter dem Schanktisch schien der einzige Bürger aus Janos zu sein.

Bat Morgan hockte neben dem Musikanten auf einem Stuhl. Cholla saß neben ihm, eines der Mädchen auf dem Schoss, das aus seinem Glas trank.

Jay Durango und Dave Corbett bestellten sich Whisky, und erst in diesem Augenblick wurden sie von Cholla erkannt, der sofort jedes Interesse an dem Mädchen verlor. Er packte es derb am Arm und riss es von den Knien.

Sofort trat Ruhe ein. Die Mariachi-Musik brach jäh ab.

Jay Durango drehte sich langsam um und setzte dabei das Glas ab, das er eben in die Hand genommen hatte. Dave Corbett jedoch schien sich an nichts zu stören. Er lächelte dem Keeper zu, trank den Whisky und sagte dann in die lastende Stille hinein: „Wir möchten morgen in aller Frühe Mr. Stuart Hamish besuchen. Sie können mir doch sicher den Weg zu seinen Besitzungen beschreiben.“

Der Keeper erschrak. Er schaute ängstlich zu Cholla und Bat Morgan hinüber. Dann schüttelte er den Kopf.

„Ich glaube nicht, dass ich das kann“, sagte er.

Dave Corbetts Hand fiel auf den Tresen und das leere Glas ging in Scherben.

„Ich könnte Ihnen dabei helfen“, sagte er laut.

Der Keeper schien förmlich zu schrumpfen.

Jay Durango blickte schnell in die Runde. Cholla und Bat Morgan saßen auf ihren Stühlen. Morgan lächelte zynisch. Chollas Gesicht war dunkel geworden. Der Musikant hinter ihnen schien erstarrt zu sein, ebenso die Mädchen, die sich vor der Hintertür versammelt hatten, um dem Ausgang nahe zu sein. Die Blicke der Bravados waren von Feindseligkeit erfüllt. Abwartend standen die Männer da. Jay Durango bemerkte, wie sie ihn und Dave Corbett abschätzten und wie ihre Blicke immer wieder zu den Revolverholstern glitten, die er und Dave Corbett tiefgeschnallt trugen.

Dave Corbetts laute Worte schwangen wie eine Herausfordexung durch den Raum. Cholla schnaufte. Er schien in kurzer Zeit eine Menge getrunken zu haben. Jay Durango sah, wie sich sein Gesicht rot färbte. Dann stemmte er sich blitzschnell hoch und kam zum Tresen gestampft. Bat Morgans Lächeln wurde immer grausamer. In seinen hellen Augen war keine Wärme.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738915464
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v384947
Schlagworte
angelo country stuart hamish

Autor

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Titel: SAN ANGELO COUNTRY #55: Stuart Hamish muss sterben!