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Sterben für ein Ehrenwort

2017 120 Seiten

Leseprobe

Sterben für ein Ehrenwort

Larry Lash

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

STERBEN FÜR EIN EHRENWORT

Larry Lash

Western

––––––––

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Titelbild: Nach einem Motiv von Klaus Dill, 2017

Korrektorat: Kerstin Peschel

Früherer Titel: Auf Rio-Wort

© dieser Ausgabe 2017 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext:

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Wer bleibt am Ende übrig?

Das härteste Gebiet des Wilden Westens war immer schon die Gegend des Rio Grande. In keinem Landstrich gibt es mehr Härte, mehr Schärfe als in dem Gebiet, das man das Buschland nennt.

Und so wie das Land, so wild, so unnachgiebig sind die Männer, die sich in diesem Grenzgebiet zusammenfinden. Es sind Männer aus allen Schichten, gute und schlechte, und nur eines gilt ihnen allen gemeinsam, sie halten, was sie versprechen, ALLES! Sie kämpfen und werden bekämpft, je nach ihren Zielen. Und wenn sie ihr Wort geben, kann man es mit dem Leben oder dem Tod gleichsetzen. Dieses Ehrenwort ist das RIO-WORT. Wer es hält, schafft sich damit Lebensraum oder das eigene Grab.

Gull Trinned blieb keine andere Wahl: Er wurde gezwungen dieses Ehrenwort zu geben und er zwang sich selber, es zu halten.

Ihn hält man für den berüchtigtsten Mörder und Desperado der Gegend. Ihn will man für den anderen erledigen, und er war es, der von Sheriff OcBrien verhaltet werden sollte ...

Gull ist auf der Suche nach seinem Bruder. Keinen Freund hat er auf diesem Trail, und doch spielen sich viele als seine Freunde auf; sogar der echte Tude Warren.

Gull reitet zwischen zwei Feuern und bekommt dies zu spüren. Gebunden an sein Wort, gerät er immer tiefer in die Kämpfe dieser Gegend, die am Ende nur das Leben oder den Tod bedeuten können ...

***

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DER TEUFEL IST GEGEN ihn harmlos und des Teufels Großmutter eine gesittete Tante ...“

(aus diesem Buch)

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1.

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Schwingend war ihr Gang. Unverkennbar hatte sie die Grazie einer Wildkatze und vollendete Geschmeidigkeit eines Pumas in sich vereint.

Die Augen der gelangweilten Cowboys leuchteten auf, als sie sie sahen, saugten sich fest, tranken ihren Anblick wie ’nen alten „Old-Crow-Pur“ in sich hinein und wurden dabei etwas duselig, unterbrachen ihre Reden.

Das Mädchen störte sich nicht daran. Es schritt stolz und aufrecht mitten auf der Fahrbahn. Die Flut ihres tizianroten Haares wippte bei jedem Schritt. Der laue Abendwind liebkoste die Locken, wühlte etwas frech darin herum, und manchem Cowboy schlug das Herz bis zum Halse hinauf ...

Rita hieß sie, und jeder noch so krummbeinige Weidereiter nannte sie innerlich oder halblaut bei ihrem Vornamen, wagte es indes kaum, die beiden Silben laut auszusprechen.

Goddam! Sie würde es nicht dulden. Sie konnte jeden mit ihren großen dunkelblauen Augen so eigenartig ansehen, dass vielen die Kehle wie zugeschnürt war. Und dann fanden sich immer schnell Männer, die nur darauf warteten, für das verführerische Wesen die Kanonen anzulüften; die bereit waren, für einen traumhaften Blick aus ihren Augen sich auf der Stelle mit Blei vollpumpen zu lassen oder selbst zwanzig Cents für eine Patrone zu opfern.

Und dann gab es in Seatle-City böse Zungen, die behaupteten, dass Rita McDunn eine Hexe sei, die seit ihrem Auftauchen in der Stadt für den Teufel und dessen Spießgesellen den Boden bereitete.

Heh! Wenigstens das erste war eine nachweisbar freche Lüge. In Seatle-City wurde immer schon geschossen, und damals, als vor Jahren dieses elende Nest am Rio aus dem Boden gestampft wurde, soll sogar ein Schild am Stadtrand gestanden haben.

War kein gewöhnliches Schild. Stand ein wohlgemeinter, aber selten beachteter Spruch darauf:

„Leg dein Vermögen unter einen Baum,

und pack’ nur Kugeln ins Gepäck.

Die City ist des Lebens wüster Traum.

Heil kommst du rein, doch seltener zurück.“

Pest und Schwefel! Es war kaum zu glauben. Nur wenn man sich den Friedhof von Seatle-City ansah, wurde man unsicher, denn der Gottesacker war fast so groß wie das Städtchen selbst und der Totengräber entschieden der bestbeschäftigte Mann im Country.

No, Rita McDunn hatte sichtlich nichts damit zu tun. Zwar konnte man nicht verkennen, dass die Schießfreudigkeit gewaltig anstieg, nachdem die biegsame Wildkatze einen flotten Saloon eröffnete.

Tanzhalle-Saloon-Store“ stand auf dem großen Plakat über dem Eingang, und es tat nichts zur Sache, dass ein Coltkünstler jeden Buchstaben mit Einschusslöchern nachgezogen hatte. Im Gegenteil, es lachte magnetisch alle Männer an.

Rita steuerte auf das Lokal zu. Ihre dunklen Augen leuchteten im Besitzerstolz.

Sie lächelte. Es war ein süßes Lächeln, und die drei Cowboys, die herumstanden, bekamen schwimmende Augen, grinsten sparsam, zogen mit linkischen Bewegungen die Stetsons, stierten ihr herausfordernd nach und bekamen das Schlucken, als sie sich unter dem Holm duckte und auf den Gehsteig sprang.

„Himmel und Hölle! Sie hat Rasse“, stotterte einer anerkennend und schnalzte hörbar.

„Du warst zu lange Broncobuster, Kid“, spottete sein Nebenmann sofort. „Bleib da, bei Rassepferden kannst du nicht einbrechen.“

Sie grinsten diskret und Kid antwortete lässig:

„Und du bist zu lange hinter Kühen geritten. – Sage dir, sie ist auch nicht anders als alle anderen. Man muss nur zupacken und festhalten!“

„Geh hin und versuch’s“, grinste Lane zurück. „Du bist zu klein, Kid, und mit deinen krummen Beinen bist du keine Empfehlung. Du müsstest zwei Eisen tragen und damit umgehen können wie ein Zauberer. Du müsstest dir den Weg zu ihr freischießen. – Heh! Und auch dann noch werden dir einige tolle Burschen vor die Eisen springen. – Holly Gee! Du würdest eher aus den Stiefeln sein, als dir lieb ist. – Bleib’ also bei Broncos, Kid. Hör’ auf mich.“

Die tizianrote Schönheit hörte nichts von diesem leise geführten Gespräch. Für sie waren nachstarrende Cowboys einfach nicht vorhanden. Sie hatte sich an vieles in dieser rauen Stadt gewöhnt, und auch das Grinsen beunruhigte sie keinesfalls.

Plötzlich blieb sie stehen, warf den Kopf wie erschreckt in den Nacken.

Groß und weit wurden ihre Augen. Jähe Blässe bedeckte ihr Gesicht. Stürmisch hob und senkte sich die Brust, und ihr Atem kam pfeifend über die blutroten, geschwungenen Lippen.

„Mein Gott“, stieß sie heiser heraus. Ihre Stimme klang abgerissen, seltsam gepresst. „Mein Gott, das ist doch ...“

Sie schwieg jäh. Wie gebannt blickte sie auf den Reiter, der vom Süden her in die Stadt einritt.

Die Abendsonne warf ihre letzten Strahlen in den Straßenstaub. Violette Lichter woben hin und her, verloren sich im bizarren Spiel zwischen den primitiven Häusern. Die einfallende Dämmerung webte dunstige Schatten, streute sie aus und ließ den Reiter und sein Tier größer, wuchtiger erscheinen, als beide in Wirklichkeit waren.

Müde waren beide ... müde, abgekämpft, fast erschöpft. Eine Schicht aus Staub und Dreck hatte Mensch und Tier überzogen.

Der Reiter trug den verbeulten Stetson weit ins Genick geschoben. Sein kurzgeschnittenes, wirres Schwarzhaar lugte in feinen Strähnen über der hohen, eckigen Stirn.

Und das Haar passte zu diesem Mann, der drahtig, schlank und doch sehr muskulös gebaut war. Unter dem roten Staub der Berge erkannte man dennoch die Bronzetönung seiner Haut, die nicht von Geburt aus, sondern durch Witterung, Sonne, Wind und Regen so geworden war.

Helle, stahlharte Augen schwelten in tiefen Höhlen. Mit seinen sechseinhalb Fuß und ungefähr hundertsiebzig Pfund Gewicht hockte er schläfrig auf dem Gaul. Aber man hatte das sichere Empfinden, dass er sofort hell wach sein konnte, dass ein Mann wie dieser eigentlich nie schlief.

Seine Faust umkrampfte das Sattelhorn. Über dem erdfarbenen Hemd leuchtete rot das Halstuch. Braun, abgewetzt waren die Chaps. Zwei Eisen trug er. Kalt und drohend ragten die griffbereiten Kolben nach außen, ließen die Kerben sehen, und jede bedeutete den Tod eines Menschen. – Und diese Eisen drückten dem Reiter sofort einen Stempel auf.

Jäh verstummten die Gespräche, hoben sich Männerköpfe ruckartig, wurden schmal, abweisend, abwehrbereit. Scheu, unsicher flackerten die Blicke zu ihm hin, wurde getuschelt.

„Wer ist das?“, zischelte Kid halblaut.

Er bekam keine Antwort. Die Männer zogen die Schultern ein, wandten sich finster ab. Lane knurrte eine Verwünschung, brummte leise:

„’ne reitende Kanone, Kid. Ich würde dir raten, einen Colt mehr umzuschnallen. Wenn ein Beidhandschütze sich in diesem verteufelten Nest sehen lässt, bedeutet das nichts Gutes. Habe das Gefühl, es gibt Musik und die Luft füllt sich bald mit Blei.

Ist ein verdammtes Nest. – Zu viel Gesindel von Mexiko und den Staaten. Sie können über die Grenze, wenn der Boden zu heiß ist, und herüber, wenn wieder Gras darüber wächst. Ist übel, Sonny, sehr übel.“

Er drehte sich um und beobachtete den Fremden, der seinen Grauschimmel zur linken Straßenseite heranführte.

Hin und her flogen seine Blicke. Er schien sich für die vielen Kneipen und Bars zu interessieren.

Aber er konnte sich nicht entschließen, trieb immer wieder seinen Gaul mit heiseren Kehllauten an.

Tanzhalle-Saloon und Store zum Paradies

Ein leises Lachen flatterte auf. Der Fremde hob sich in den Steigbügeln und blickte zu Ritas Saloon. Der Platz, an dem die Inhaberin noch vor wenigen Minuten gestanden hatte, war leer.

„Well, Alter. Wir sind im Paradies“, sagte der Reiter halblaut zu seinem Grauen. Alle Müdigkeit war plötzlich von ihm gewichen. Scharf und hell waren seine Blicke, die er zu den Pferden an den Holmen eilen ließ und die die unterschiedlichen Brandzeichen prüften.

Befriedigt nickte er und schwang sich aus dem Sattel. Kaum hatte er mit seinen Sohlen den Boden berührt, als eine schneidende Stimme im Rücken ihn anfauchte:

„Rühr dich nicht, Buddy!“

Für Augenblicke war es so, als wollte der Fremde blitzschnell herumwirbeln. Jäh versteifte er sich, schien zu wachsen und war plötzlich eine Statue aus Erz, an der sich kein Muskel bewegte.

Heiser quoll ein ersticktes Lachen aus seiner Kehle.

„Streck dich zum Himmel, Buddy“, war die nächste, wenig freundliche Aufforderung.

Der Sprecher schob sich um die Hausecke, stand breitbeinig und etwas vorgeneigt auf der Veranda. Seine raue Stimme bebte in unheimlicher Erregung.

„Kann ich mich umdrehen, Boy?“, fragte der Schwarzhaarige fast milde. „Ich hab’ etwas gegen Menschen, die aus dem Hinterhalt einen Mann bedrohen!“

„Buddy, gerade du solltest darüber schweigen, anstatt dein Maul aufzureißen, gerade du!“

Der Fremde lachte wieder. Es war ein unangenehmes, schneidendes, durchdringendes Lachen, nicht laut und auch nicht leise. Aber es hatte eine sonderbare Wirkung auf die Zuschauenden. Unsicher spritzten sie auseinander.

Goddam, der Schwarze war einer von denen, die es fertigbrachten, sich ’nen Dreck um den Colt im Rücken zu kümmern, sich herumzuwerfen – und dann ...?

Es war besser, sich rechtzeitig aus der Schusslinie zu bringen. Auch Kugeln tollwütiger Schießer konnten den Falschen treffen, und wohl niemand hatte Lust, den Weg einer Kugel unnütz zu kreuzen.

Der Fremde sah die beiseite spritzenden Gestalten, sah auch, wie neugierige Gesichter sich an den Fensterscheiben die Nasen plattdrückten. Einige grinsten unverschämt, andere zeigten unverblümt ihre Gier, gerne einen Menschen aus den Stiefeln fahren zu sehen. Nur wenige blickten besorgt und wütend darein.

Alle Geräusche verstummten. Selbst die hämmernden, quietschenden und polternden Töne eines Klaviers brachen mit schrillem Missklang ab.

Das war noch nicht dagewesen! Noch niemals.

Keine Schießerei, kein allmächtiger Feuerzauber hatte die Mainstreet der City zum Verstummen gebracht. Jetzt war sie stumm, hielt den Atem an. Eine Hauptstraße schien plötzlich tot.

Langsam hob der Schwarze die Hände, sah zur Seite, konnte den Mann mit der Waffe nicht sehen, ließ die Augen in die Fenster der Tanzhalle schweifen.

Ein blasses, verzerrtes Mädchengesicht fand er und Blauaugen, die zu sprühen und zu funkeln schienen, die ein tödliches Feuer ausstrahlten. Dunkelrotes Gelock schmiegte sich wie lodernde Flammen um das jetzt hartgeschnittene Gesicht. Blutrot, wie eine verbotene, lockende Frucht war ihr Mund, wetteiferte in der Farbe mit der Korallenkette, die ihren biegsamen Hals schmückte und die auf den vollen Ansätzen der jungen Brust ruhte.

Wie zwei Klingen kreuzten sich ihre Blicke, bis das Mädchen entschlossen und schnell vom Fenster zurücktrat.

„Wer du auch bist, Daisy. Es ist kein schöner Empfang im Paradies!“, rief ihr der Reiter nach und lächelte wieder.

„Aber ein schöner Empfang für die Hölle, Buddy“, tönte es heiser hinter ihm. Einen Teufel wie dich, wird der Satan auf seiner Gabel brauchen. – Dreh dich herum!“

Das war ein Befehl.

Der Schwarze wandte sich lässig. Leise klirrten seine Sporen. Jetzt sah er den Mann auf der Veranda.

Schmal wurden die Augen, glommen aus zwei Schlitzen, hefteten sich auf den blinkenden Stern, den der andere auf seinem Rockaufschlag trug.

„Das Gesetz ...“

„Yeah“, unterbrach der Sheriff wild. „Endlich trifft es dich. Hast dich bisher immer aus den Schlingen winden können, Buddy.

Das hier ist zwar eine verruchte Stadt und für Leute deiner Art wie geschaffen, aber von allem trampelnden Gesindel habe ich dich am liebsten herausgefischt, Buddy!“

„So?“, lachte es trocken, ungläubig, heiter.

Der Stranger nagte an der Unterlippe, grinste unverschämt in das Narbengesicht des Sheriffs hinein und fragte:

„Wie lange soll ich in der Luft nach einem Halt angeln? Finde, das ist eine schlechte Stellung für einen Mann. Meine Arme werden müde, Mister!“ „Erspare dir das ‚Mister‘! Buddy. – Dies ist hier eine heiße Gegend. Für manche zu heiß. Du wirst schnell genug mit den Beinen nach einem Halt suchen, und die Zunge wird dir dabei verdammt trocken werden“, fauchte es bissig zurück.

„Ich werde verrückt, Mister mit dem Orden. Well, in welchem Buch steht geschrieben, dass ein Mann, der einen Stern auf dem Bauch hat, mit einer Kanone jedem harmlosen Reiter das Kreuz kitzeln kann? Damned, so ein Ding kann plötzlich losgehen und die Haut verbrennen. Aber wenn Ihr unbedingt einen Hals verrenken wollt, sucht Euch einen anderen aus!“, knirschte der Fremde und drehte sich dem Sheriff voll zu.

„Steh! Deine Frechheit ist bekannt“, donnerte er. „Wird dir hier wenig nützen, weil dein Trail zu Ende ist. An dir werde ich ein Exempel statuieren, das den anderen die Lust für Seatle-City nimmt“, harschte er wütend, und mit kehliger, von Wut zerfressener Stimme fuhr er fort:

„Heh, Tonny, Samuel, geht von hinten an ihn ran und langt euch die Kanonen!“

„Mit welchem Recht, Sheriff?“, fuhr der Fremde auf.

„Er fragt nach Recht ... hört Leute, Ladys, Gents. Tude Warren fragt, warum wir ihn nicht mit Hurra begrüßen, warum wir zu seinem Willkommen keine Ehrenjungfrauen mit Blumen stellen!“, höhnte der Sheriff schrill, reckte und dehnte sich. Seine Brust weitete sich vor Stolz. Das hier war seine große Stunde, und sie würde sich nicht wiederholen.

„Ein Killer fragt nach Recht!“

Wirre Rufe sprangen auf.

„Tude Warren“, scholl es gedämpft, seltsam leise, lief es von Mund zu Mund, schien Flügel zu bekommen und durch die Stadt zu rasen.

„Tude Warren“, echote es überall, und die Stimmen wurden hart.

Den Stranger berührte das nicht. Er lächelte still vor sich hin.

„Scheint bekannt zu sein, der Mann, der sich Tude Warren nennt?“, fragte er leise und doch laut genug, dass alle ihn verstehen konnten.

„Kerl“, knirschte der Sheriff, „du stehst mit beiden Beinen im Jenseits. Aber der Totengräber wird dir keine Grube ausheben, du wirst ...“

„Stopp“, knurrte der Fremde den Sheriff unterbrechend. Mit einem Schlag war das kleine Lächeln in seinem Gesicht verweht, verlöscht, war ausradiert, und gleichzeitig schwang in seiner Stimme gnadenlose Kälte.

Sofort stoppten die beiden Hilfssheriffs, die sich bis auf wenige Yards genähert hatten. Es war, als hätte sie mitten in der Bewegung eine unsichtbare Faust zurückgeschleudert. Unsicher, betreten schauten sie sich an, blickten mit flackernden Augen zum Sheriff hinüber, warteten, zauderten, waren sich nicht schlüssig.

Selbst der Sheriff warf den Kopf auf, schob grimmig das Kinn vor und entblößte die gelben Zähne vor Überraschung. Sein kurzgeschnittenes Haar sträubte sich vor Eifer. Die Hand mit dem Colt zuckte vor.

„Lasst euch nicht aufhalten, Boys. Die Bestie faucht nur. Holt euch die Eisen! Holt sie! ...“

Eine gelbrote Flammenzunge zuckte über die Straße. Zugleich grollte die Detonation des Schusses, zerriss die zaudernde Stille.

Sheriff Tom OcBrien stieß ein gurgelndes Röcheln aus und verstummte.

Kraftlos sackte er in sich zusammen. Weit aufgerissen waren seine Augen, hafteten auf dem Fremden, der beide Colts herausgerissen hatte und den herabsausenden Händen der Hilfssheriffs Einhalt gebot.

„Schuft, elender ...“, wehte es herüber.

Tom OcBrien versuchte mit letzter Kraft seinen Colt hochzureißen und abzudrücken. Aber die Waffe glitt aus seiner Faust, fiel in den Staub. Dunkel klaffte die Wunde. Mit rasender Schnelle verbreiterte sich der Blutfleck. Schaum jagte mit dem schnellen keuchenden Atem aus den Lungen, und dann fiel Tom OcBrien mit einem schrillen Schrei über das Haltegelände, krachte schwer vor zwei hervorstehende Bohlen und blieb reglos liegen.

Die Hilfssheriffs zuckten zusammen, stierten in die drohenden Mündungen, die der Fremde auf sie gerichtet hatte.

Seltsam verändert hatte sich das Gesicht des Schwarzen. Es war mit öligem Schweiß überzogen, glich einer verzerrten Maske, und die aufgerissenen Grauaugen darin waren zwei unergründliche Klüfte. Die Colts in seinen Fäusten schienen leise zu beben und auf seinem erdfarbigen Hemd zeigte sich ein heller Blutfleck, vergrößerte sich ebenfalls zusehends.

„Tut mir leid, Gents“, brach es heiser aus ihm heraus. „Der Kerl, der das getan hat, muss wohl auch ein Schuft gewesen sein!“

Stoßweise kamen seine Worte, abgehackt, keuchend. Das Reden musste ihm schwerfallen. Seine Zunge lallte.

Zum Teufel, was war mit ihm los? Man hatte doch nur einen Schuss gehört, und es stand außer Frage, dass dieser schwarzhaarige Fremde ebenfalls Blei geschluckt hatte.

Wer hatte ihm die Pille verabreicht?

Waren es doch zwei Schüsse gewesen?

„Warren. Meine Augen täuschen sich nicht. – Sheriff OcBrien hat dich erwischt und du wirst nicht weit kommen. Gib auf. Der Strick ist dir gewiss!“, zischte Samuel Grensetter aufgebracht, und seine Lippen zuckten entschlossen.

„Mich erwischt?“, schrillte es drohend. „Das hier ist eine alte Verwundung, Mister. Sie ist aufgebrochen und, das ist meine Sache. Deine ist es, nachzusehen, was mit dem Sheriff ist und wer diesen üblen Schuss abfeuerte ...“

„Das wirst du uns beantworten müssen, Warren“, biss Samuel Grensetter zurück. „Das mit der alten Verwundung ist ein übler Trick. So stark blutet keine alte Wunde, und mir scheint, dass du bald ausläufst.“

Er deutete auf die Wunde. „Wenn du noch einige Minuten bleibst, bist du geliefert!“, sagte er dann langsam und hielt den Colt bereit.

Es schien wirklich so. Hinter den Fensterscheiben, an den Hausecken und in den Nischen kam Bewegung auf.

Der Schwarze sah es und lachte grell.

„Die Meute macht sich bereit. Sie hat Blut geleckt und will neues Blut sehen ...“ Er brach ab. Schüsse peitschten auf. Kugeln summten, zwitscherten, krachten in Holzverkleidungen, Aufbauten und brachten Fensterscheiben zum Klirren.

„Hierher, Boss ...kreischte es durch den Tumult.

„Hierher, Tude Warren!“, schrien Männer.

„Dein Rudel ... Tude Warren, dein Rudel ruft!“, höhnte Grensetter.

„Mein ... damned! Ich habe kein Rudel und heiße nicht Warren ...“

„Lüge ... sie rufen dich, schießen, damit du frei raus kommst. Aber es wird dir wenig nützen. Eines Tages werden wir abrechnen“, giftete Samuel Grensetter.

„Warum schießt du nicht? Auf einen Mord kommt es dir nicht an!“, stieß er heraus, und die Todesfurcht ließ seine Stimme aufgellen.

Hart, fast brutal lachte der Schwarze.

„Du irrst, Sonny. Ich bin nicht Tude Warren, habe nie einen Tude Warren gekannt, aber wenn ich ihm begegne, wird er mir für das hier Antwort stehen müssen! Und er wird antworten ... Mein Wort darauf!“

Seine Zunge konnte kaum noch die Worte formen. Unheimliche Schmerzen durchtobten ihn, und dennoch hielt er sich aufrecht, langte nach den Zügeln des Grauen, sprang in den Sattel. Aus dem Stand heraus preschte das Tier in rasendem Galopp vorwärts.

Links und rechts pfiffen Geschosse vorbei, bellte, krachte, barst es. Feurige Räder kreisten vor den Augen des Reiters. Schmerzen zerhieben ihm die Nerven. Schemenhafte Gestalten tauchten aus brodelnden Nebelmassen, duckten ab, schnellten fort. Plötzlich waren Reiter um ihn herum.

... Inmitten eines Pferderudels trieb der Grauschimmel dahin. Verzerrte Gesichter schoben sich aus dem Dunst. Fratzen, Galgenvisagen. Aber der „Schwarze“, hob die Waffen nicht, ritt wie in einem wüsten Traum, der wie eine höllische Halluzination bald verfliegen würde.

Dunkel wurde es um ihn. Schwarze Schatten ballten sich zusammen, dann war er nur noch ein treibendes Blatt, das vom Sog der anderen erfasst, vorwärtswirbelte.

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2.

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Obwohl Gull Trined erwacht war, hielt ihn etwas davon ab, die Augen zu öffnen. Die Mattigkeit in seinen Gliedern war wie Bleigewichte. Stimmengemurmel drang dumpf hinter einer Tür hervor. Klirrende Sporen, taktmäßige und schlürfende Schritte näherten sich. Eine Tür klappte zu.

Kalte Luft wehte herein. Sie brachte den würzigen Geruch von grauer Sage ins Zimmer. Eine leichte Brise vom Frühling und von harzigen Wäldern.

Gull hob und senkte die Brust, atmete gleichmäßig wie ein Schlafender. Der Schmerz in der alten Wunde hatte nachgelassen. Wie mit tausend Nadeln stach es darin, war ein Zeichen, dass die Wunde sich wieder geschlossen hatte und wahrscheinlich auch verbunden worden war.

Dumpf entsann er sich.

Man hatte ihn für Tude Warren gehalten.

Wer war Tude Warren? – Ein Killer wohl?

Weshalb musste der Sheriff sterben?

Heh, wo befand er sich, wohin hatten ihn die Hufe des Grauschimmels getragen? Wer waren die Reiter?

Er strengte sich an und in diesem Augenblick spürte er den heißen Atem eines Menschen über sein Gesicht wehen. Eine schnelle Hand tastete über ihn hinweg, zerrte hier und dort an der Decke und wieder strich es über sein Gesicht hinweg. Haare mussten es sein, lange Haare, die den Geruch von Wildrosen an sich hatten und seine Nase kitzelten. Plötzlich brannten zwei Lippen auf seinem Mund. Es waren weiche, heiße Lippen, und sie brannten vor Sehnsucht und Verlangen, schlugen wie Flammen über ihm zusammen.

Gull beherrschte sich, spielte weiter den Schlafenden, obwohl er versucht war, die Augen aufzureißen und sich das Wesen aus Fleisch und Blut genauer anzusehen, denn es war auch für ihn immerhin interessant zu wissen, wen er vor sich hatte und wer so küssen konnte, dass ...

Seltsam, in diesem Augenblick dachte er an dunkelblaue Augen, an ein gemmenhaft geschnittenes Gesicht, an tizianrote Haare, an ein Fenster in der Paradies-Bar!

„Was tust du, Pesquita?“, keifte es gallig.

„Sei still, Manuela, dieser Señor hier gleicht Freddy ...beschwichtigte die Stimme neben ihm das Gekeife.

„Du kannst ihn nicht vergessen, Täubchen?“, klang es weniger bitter.

„Wie könnte ich ...raunte Pesquita stiller, und ein Seufzer flog über die Lippen.

„Er ist tot, hörst du?“, kam es eindringlich zurück. „Ich weiß“, tönte es müde, verhalten. „Sie haben ihn in eine Falle gelockt. Er wusste zu viel, und darum musste er sterben. – Er ist nicht der Letzte ...“

„Wie meinst du das?“

„Ich habe meine eigenen Gedanken ...“

„Dann lass sie den Señor nicht hören!“, warnte Manuela besorgt.

„Der? ... nein, der schläft. Er wird Tage hindurch schlafen. Ich kann nicht verstehen, wie er den Ritt durchgehalten hat. Er ist fast verblutet und lebt dennoch. – Er muss das Leben eines Pumas haben, kraftvoll, zäh. Jeder andere Mann wäre gestorben, wäre aus dem Sattel gefallen. Aber er hielt durch ...“

„Er ist ein Zweirevolvermann, Pesquita, stammt wohl aus Texas.“

„Du kennst ihn, Manuela?“, sprang die weiche Stimme hoffend auf. Zart liefen die Finger über Gull Trinneds Stirn.

„Ich habe viele Männer aus Texas gesehen, Täubchen, und er gleicht ihnen“, sagte die Ältere tonlos und scharrte laut mit den Geräten, die sie gerade benutzte.

„Du liebst die Männer aus Texas nicht?“

„Nein, ich hasse sie!“, fauchte die Frau von drüben. „Brad Solway, Toddy Benter und Mob Hay, die Leibgardisten der roten Hexe sind auch Texaner. Sieh sie dir an, dann ...“

„Aber Freddy war auch aus Texas, Manuela“, warf Pesquita dazwischen, und die Frau ließ etwas in der Schärfe nach.

„Sicher, aber er war entweder ein Verräter, oder nicht schnell genug ...“

„Er war kein Verräter. Man hat ihn dazu gestempelt, weil er einigen Leuten im Weg war...“ „Tochter, er war angeworben, um gegen die Texaner vorzugehen, man muss Gift mit Gift bekämpfen, und wenn dieser Bursche wieder auf die Beine kommen sollte, so wird er hören, was er zu tun hat!“

„Und wenn er nicht will?“

„Er hat keine andere Wahl. Im Übrigen sieht er aus, dass er seine Colts verkauft. Er wird bezahlt und das muss ihm genügen ... oder?“

„Zähe Männer sind stolz, Manuela. Vielleicht täuscht ihr euch in ihm ...“

„Er ist Tude Warren, Täubchen. Wo er auftaucht, wird man ihn hetzen. Er muss bei uns bleiben und die drei Männer, die ihn herausholten und herbrachten, ebenfalls!“

„Seine Männer gefallen mir nicht ...“, murmelte Pesquita tonlos und suchte zum ersten Male besorgt die Decke.

„Mir gefallen sie auch nicht, Pesquita. Aber ein Mann wie Tude Warren hat keine große Wahl. Er muss die Leute nehmen, die ihm ihre Colts anbieten. Es sind harte Männer. Zwei von ihnen bekamen Streifschüsse in Seatle-City. Bis zu unserem Valley kamen sie, dann waren sie ausgepumpt, erschöpft, fertig und Tude Warren erledigt.

Don Pedro wird wissen, was er jetzt zu tun hat. Er wollte schon immer mit Warren in Verbindung kommen. Jetzt kann er seine Bedingungen stellen.“

„Mein Bruder sollte die Hände aus diesem Spiel lassen!“, klang es erregt. „Warum hasst er die rote Hexe?“

„Quien sabe“, murmelte die andere Stimme. „Er wird seine Gründe haben. Mal suerte – unser Pech, dass wir es nicht wissen.“

Gulls Gedanken jagten sich. Undeutlich fühlte er, dass er auf einer mexikanischen Hazienda war.

Knistern und Rauschen von schwerer Seide, Stiefelklirren und die leicht knirschenden Geräusche sich entfernender Schritte ließen ihn die Augen spaltweit öffnen.

Sonnenstrahlen flirrten mit ihrem goldenen Licht herein, malten helle Reflexe auf die weißgestrichenen Lehmmauern des schmucklosen Raumes.

Zwei Frauen zeigten ihm den Rücken.

Eine war hochgewachsen, schlank und rank wie eine Tanne, biegsam und geschmeidig. Das blauschwarze Haar fiel auf das reine Weiß der Bluse. Sie hatte prächtige Schultern, und die Reithose sowie die schwarzen Lackstiefel, an denen Silbersporen blitzten, unterstrichen die Formen noch bedeutender.

Die andere Frau war klein, unförmig, hatte eine strenge Haarfrisur, in der ein Perlmutterkamm steckte, und über den etwas hängenden Schultern lag ein buntfarbener Umhang.

Über und über war sie mit Silberschmuck und funkelnden Ketten, Geschmeiden und Edelsteinen beladen. Am Hals, im Haar und an den Fingern blitzte es.

Der wandelnde Juwelierladen rauschte hinaus. Holly Gee, Gull schauderte es. Sollte ihn etwa der Schmuckspeicher mit so verzehrender, leidenschaftlicher Glut geküsst haben?

Unwillkürlich stieß er einen heftigen Seufzer aus.

Sofort wandten sich beide Frauen und blieben stehen.

„Er ist erwacht!“, keifte die Señora.

Gull lächelte sanft. Jetzt wusste er es. Die Schlanke hatte ihn geküsst. Und so vielen Frauen er im Leben schon begegnete, mit der dort konnte sich keine messen.

Als beide ihn ansahen, erkannte er auch den Unterschied. Die kleine, dicke war eine Schönheit – gewesen. Spuren davon hingen noch in ihrem Gesicht, denn in Erweiterung der Formen waren überall Fettpolster aufgekommen, und statt eines Kinnes hatte sie gleich deren drei. Eins schob sich immer unter das andere, erweiterte das Gesicht ins Verschwommene.

„Schnell, Manuela, etwas zum Trinken ... Señor Warren wird es brauchen!“

„Le doy las grazias más expresivas por el favor que me hace“, sagte Gull formal. Seine Stimme klang spröde, und er wunderte sich über den Klang.

Mit einem wütenden Augenaufschlag verschwand Manuela, rauschte ab. Gull Trinned betrachtete in Ruhe das Wesen, dessen Lippen ihm trotz allem etwas voreilig vorkamen.

Mit emporgezogenen Brauen hielt sie seiner Musterung stand. Ein kleines spöttisches Lächeln erschien auf ihren Lippen.

Klassisch war die Linie ihres feinen Gesichts. Schwere, dunkle Wimpern umschatteten ihre Augen, die groß und strahlend, seltsam tief und doch unergründlich blieben. Blütenfrisch, von Perlmutterglätte war die weiße Haut. Sie glich einer exotischen Blume, von der jeder Mann träumt und die er nie im Leben sehen wird. Ihr Körper straffte sich unter der knappsitzenden Bluse. Sie lächelte, zeigte perlweiße Zähne, und als sie sprach, bebte ihre schwingende Altstimme ein wenig.

„Señor, Sie haben lange geruht!“

Er antwortete nicht sofort, verdaute ihren Anblick wie einen schweren Wein, der jäh zu Kopfe steigt.

Wahrhaftig, sie war eine Dulcinea, eine Königin, und der Teufel mochte wissen, warum sie ausgerechnet ihn geküsst hatte.

„Zu lange, Señorita“, entgegnete er leise.

„Vier Tage!“

Die beiden Worte trafen ihn, ruckten ihn etwas hoch.

„Sie müssen still liegenbleiben und sich wenig bewegen, Señor, sonst bricht Ihre Wunde wieder auf. Sie können keinen Tropfen Blut entbehren.“

„Nur ein Kratzer...wehrte er ab.

Sie lachte glockenhell.

„Ein schöner Kratzer, Señor. In Seatle-City haben Sie ihn sich nicht geholt.“

Sie war nahe an ihn herangetreten, schob die Decke mit schnellen Händen zurück, und er hatte Gelegenheit, ihre Hände zu bewundern. Sie waren lang und schmal, fein modelliert und doch kräftig.

Zwanglos setzte sie sich neben ihn auf die Lagerstatt. Sie war ihm so nahe, dass er wieder den Geruch wunderbarer Wildrosen zu spüren glaubte.

„Aus Seatle-City haben Sie einige Streifschüsse mitgebracht. Sie sind fast verheilt und verharscht. – Wollen Sie einen Spiegel?“, fragte sie unvermittelt.

„No, danke“, entgegnete er schärfer als er wollte.

Ihre schmalen, abgezirkelten, an feine Pinselstriche erinnernden Augenbrauen hoben sich erstaunt.

„Ich wusste nicht, dass Männer eitel sein können!“, sagte sie langsam.

Er ging nicht auf die verfänglichen Worte ein und stieß schroff hervor:

„Wo bin ich hier?“

Jetzt stand Überraschung in ihren Mandelaugen. Erschrocken wollte sie aufspringen, als er sich schnell aufrichtete.

„Mein Gott, so bleiben Sie doch liegen. Sie sind in Mexiko, auf der Hazienda Avonso de Azurte del Panama. Sie gehört meinem Bruder ...“

„Mexiko?“, murmelte er.

„Wo dachten Sie?“

„Ähnlich!“

„Seien Sie froh, Señor. In den Staaten hätte man Sie schon gefasst. Drüben waren mehrere Aufgebote auf Ihrer Fährte, und Sie waren fast tot, als Sie hier anlangten!“, berichtete sie und ließ keinen Blick von ihm. Selbstsicher sprach sie, wusste, was sie wollte.

„Mein Bruder und ich haben Sie verbunden. Die Kugel war schon aus der Schulter entfernt.“

„Sie haben recht, Señorita“, gab er zu. „Das Blei erwischte mich nicht in Seatle-City, es flog mir in den Guedalupe-Montains entgegen. Ein Digger holte es heraus! Ich konnte nicht warten, bis die Wunde heilte, musste weiter ...“

„Dann lohnt sich dieses Leben?“, warf sie ein und beobachtete ihn scharf.

Er presste die Lippen zusammen.

Sie hielten ihn hier für Tude Warren, für den Banditen, für den er seine Haut fast zu Markte getragen hatte. Aus den Gesprächsfetzen ahnte er manches. Trotzdem blieb seine Stimme verbindlich.

„Señorita, was wissen Sie davon, was sich außerhalb Ihrer Hazienda abspielt“, plauderte er. „Für Ihren Bruder reiten Vaqueros, und für die Arbeit gibt es Peons. Sie leben hier, sind behütet und beschützt.

Was wissen Sie vom Leben? Was wissen Sie von den Männern, die jederzeit ihr Leben verteidigen müssen? Von denen, die gezwungen sind, immer auf dem Trail zu sein ...?“

„Wer zwingt sie dazu ...“, unterbrach sie schroff.

Seine Augen verengten sich. Wie gebannt sahen sie sich an. Sie spürte, dass dieser Mann anders war als alle Männer, denen sie auf der Hazienda begegnete. Von ihm strahlte eine körperlich spürbare Kälte aus, die sie erschauern ließ, und in seinem gekrausten Lockenhaar zeigten sich die ersten silbernen Fäden.

Er holte tief Atem. Seine Stimme war rau, verhangen und belegt.

„Das Leben zwingt sie, Señorita. Die Kugel, die man mir in den Guedalupe-Mountains unter die Haut jagte, galt einem anderen ...“

„Das verstehe ich nicht!“

„Señorita, man kann manches nicht verstehen, wenn man die Hintergründe nicht kennt“, erklärte er etwas zweideutig. Ein grimmiges Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Könnten Sie zum Beispiel verstehen, dass ein Bruder den anderen Bruder sucht...?“

„Es kommt darauf an, weshalb?“, fuhr sie auf.

„Richtig, die Gründe sind entscheidend. Well, ich bin auf dem Trail, um meinen Bruder zu finden ... damit er die Ranch der Eltern übernimmt ...“

„Und haben Sie ihn gefunden?“

„Mein Aufenthalt in Seatle-City war zu kurz, um ...“

„Sie wollten sich dort treffen?“, stieß sie aus und raffte ihren Rock.

„Yeah, seinen letzten Brief bekam ich in Montana ... Vor drei Monaten etwa.“

„Das ist ein Irrtum!“, presste sie sich ab, und ihre Augen wurden zu feurigen Kohlen, brannten, sprühten ihn regelrecht an. „Vor drei Monaten waren Sie nicht in Montana. Vor drei Monaten fing das grässliche Spiel an der Grenze an, und Tude Warren war es, der das Spiel in Szene setzte!“

Tude Warren? Damny! Sie hielten ihn dafür. Er verstand nicht, wollte etwas erwidern, und als er sich über die Worte klar geworden war, schlürfte Manuela herein. Ihr Schmuck klimperte, und ihre schwarzen Jettaugen funkelten böse, glitten über das Mädel, bohrten sich in Gull Trinned fest. Gurrend lachte das Mädchen.

„Lass uns allein!“, sagte sie weich. „Wir haben noch etwas Wichtiges zu besprechen, Manuela!“ „Si, Täubchen“, knurrte sie. Heftig stellte sie den Tonnapf neben Gull, wandte sich um und verschwand.

„Manuela ist um meinen Ruf besorgt, Mister!“ „Dann ist Tude Warren kein beliebter Partner?“ „Für meinen Bruder schon!“, lächelte sie und schlug die Beine übereinander.

„Und ... für Sie?“, lauerte Gull und drehte sich eine Zigarette.

„Ich weiß mich selbst zu schützen“, erklärte sie offen und schaute ihn mit ihren großen Augen voll an. Sie glaubte sogar, was sie sagte, weil sie vielleicht noch keinem Mann begegnet war, der sie vom Gegenteil überzeugte.

Gull Trinned lächelte. Unvermittelt fragte er nach seinem Grauschimmel. Schon fühlte er wieder seine alte Kraft, schon sah er sich wieder im Sattel.

„Machen Sie sich keine Sorgen. Mein Bruder liebt Pferde, und Ihr Grauer ist gut untergebracht. Sie sollten lieber essen statt zu fragen. Warten Sie ...“, sagte sie leichthin.

„Und – warum lässt sich Don Pedro nicht sehen?“, sprang er unvermittelt auf ein anderes Thema, und da fuhr sie auf, glitt von der Lagerstatt und stand vor ihm. Die dünne Bluse spannte sich unter heftigen Atemstößen. Röte jagte über ihr Gesicht. Erschreckt legte sie die Hand auf die Lippen. Starr sah sie ihn an.

„Madonna hilf, mein Gott, Sie haben alles gehört!“, bebte sie heraus.

Er nickte nur, beobachtete sie scharf und gab ihr keine Zeit, den Schrecken zu überwinden.

„Alles, Señorita, und ich weiß auch, dass ich Freddys Aufgaben weiterführen soll, weiß, dass angeblich „meine“ Männer auf mich warten! – Heh, diese Männer werde ich mir ansehen!“

Er schien mit jedem Wort ein anderer zu werden. Kantig, verbissen wurde sein Gesicht. Seine Augen glichen eiskalten Gletschern. Mit einem Ruck schob er die Decke von sich und langte sich seinen Waffengurt vom Bettpfosten.

Mit einem leisen Schrei wich sie von ihm zurück und streckte abwehrend die Hände aus. Wie konnte ein Mann nach solch einem Krankenlager solch eine Energie aufbringen? Sie fasste es nicht.

„Keine Angst, Señorita. Ich habe noch nie auf Frauen geschossen, die mich küssten ... Der Himmel möge mich davor behüten“, lief es glatt über seine schmalen Lippen.

„Sie ... Sie wissen, dass ich Sie ...“ Ihre Stimme verlöschte. Wie leblos fielen ihre Arme herab.

„Wenn Sie es wünschen, habe ich es vergessen ... denn es galt nicht mir, sondern einem anderen. Der Mann ist zu beneiden!“, grinste Gull frivol und griff nach dem zweiten Stiefel.

„Sie ... Sie ... Tramp!“, schleuderte sie ihm entgegen. Hoch aufgerichtet stand sie mitten im Zimmer. Seltsam blass, bebte sie am ganzen Körper. Die ungeheure Erregung und die Scham vor dem eigenen Mut schüttelten sie durch und durch.

„Wenn Sie ein Mann wären, Señorita ... so wüsste ich, was ich zu tun hätte ...“

„Als Tude Warren wissen Sie es nicht?“, höhnte sie und ihre Züge verzerrten sich.

Er zurrte die Gurtschnalle zu, rückte die Holster nach vorn, dehnte, reckte sich und schnupperte den Dampf, der aus der Tonschüssel aufstieg.

Sekundenlang sahen sie sich unentwegt in die Augen.

„Yeah“, entgegnete Gull dann ruhig.

„Sie scheinen ein Mann zu sein, der in jeder Situation das Richtige für sich herausfindet und es restlos für sich in Anspruch nimmt“, höhnte sie weiter, war darauf aus, ihn zu verletzen, zu kränken, zu reizen.

„Stimmt“, murmelte er und schritt auf sie zu.

Jetzt, da er aufgerichtet stand, schrak sie vor seiner Größe zurück. Keuchend stieß sie den Atem aus. Hatte das brennende Verlangen, sich herumzuwerfen und aus dem Zimmer zu fliehen. Plötzlich fiel ihr ein, dass Tude Warren der Schrecken der Grenze war und sie diesen Mann unterschätzte.

„Rühren Sie mich nicht an“, schrie sie auf. Gleichzeitig riss sie ihre Hände hoch, und als er zupackte, klirrte ein Dolch zu Boden.

Sie fühlte seinen Arm im Rücken und wurde unwiderstehlich nach vorn gezogen. Angst flackerte in ihr auf, und dann spürte sie seine Lippen auf den ihren.

„Es tut mir nicht leid, Pesquita“, sagte er rau, nahm die Hände von ihr, schritt schnell an ihr vorbei, und sie sah sein verzerrtes, blasses Gesicht, seine grauen Augen, die dunkel, seltsam traurig glänzten.

Sie stand allein, wusste nicht, was ihr geschehen war. Er hatte gewagt, sie in seine Arme zu nehmen und zu küssen.

„Tude Warren, es tut dir nicht leid, aber du wirst es bereuen“, murmelte sie mit bebenden Lippen, stampfte den rechten Stiefel in den Lehmboden, dass die Silbersporen leise klirrten.

„Was bist du schon, Warren? Ein Bandit, ein Desperado ... ein Schuft!“

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3.

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Gull Trinned fühlte die Schwäche in seinem Körper. Vier Tage hatten ihn etwas heruntergebracht, waren nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Es störte ihn wenig, konnte ihn nicht aufhalten, er musste die Kerle sehen, die ihn hierher gebracht hatten und behaupteten, er sei der Boss.

Zum Teufel! Sie sollten seine Fragen beantworten, und er würde sie holen, wenn sie nicht den Mund aufmachten und redeten.

Rau lachte er auf, schob die gespreizten, sehnigen Hände hinter den schwarzen Kolben, ging schnell, hart, hatte es eilig.

Das Blut rauschte in seinen Ohren. Die wallende Hitze in ihm ließ ihn Nebelschleier vor Augen sehen, und dann geschah es ...

Er prallte auf etwas Weiches, Nachgiebiges, sah den vollen Busen Manuelas zurückweichen. Der Schmuckladen der dicken Maid rasselte, klirrte. Die kurzen Arme spreizten sich, und ihr Schrei drang Gull in die Ohren. Blitzschnell reagierte er, fing die Stürzende auf und bewahrte sie davor, in den Staub zu rollen.

„Por dios, carambota“, keifte sie schrill. Gull erstickte weitere Flüche, indem er ihr die Hand auf den Mund legte.

„Wo sind meine Männer, Dona?“, fragte er, und sie streckte ihren Arm aus.

Links und rechts standen kleine Lehmbauten. Im Hintergrund ragten Schwarzpappel und Espen auf, dahinter schoben sich die Konturen der weiß gestrichenen Hazienda.

Corrals und Einfriedigungen schoben sich ins Blickfeld. Reiter tauchten auf, sahen nur kurz herüber. Sie boten mit ihren breitrandigen Sombreros, den Charroanzügen mit den geschlitzten Beinkleidern, den Stickereien und den bunten Verzierungen einen recht malerischen Anblick.

Vaqueros waren es, die Cowboys der südlichen Weide, stolze, harte Männer, die im Sattel unermüdlich waren.

Sie kamen nicht nahe genug heran und verschwanden hinter den Bauten, hinter dem Espen- und Pappelhain. Gull sah die Hausrinder in der Koppel und dann prächtige Pferdeherden hinter den Umzäunungen. Jeder seiner Schritte wirbelte weißen Staub auf. Sand knirschte unter den Stiefelsohlen. Leise klirrten die Sporen, die tiefen Holster klatschten vor die Chaps und rieben sich an dem abgewetzten Leder.

Ein alter Mex begegnete ihm, riss die Augen auf und sprang zur Seite.

Gull ließ sich nicht stören. Von alten Männern soll man sich nicht aufhalten lassen, aber er wusste nicht, dass es nur seine Augen waren, die den Greis entsetzten. Seine Augen, die aus tiefliegenden Höhlen seltsam dunkel blickten und in denen es weit hinter der Iris gelb flackerte, in denen die gelben Flammen loderten wie in den Lichtern der Wölfe, wenn sie sich zum Angriff entschlossen hatten ...

Als die Senke mit dem Geräteschuppen vor ihm lag, verhielt er und saugte das Bild in sich hinein. Buschwerk und Bäume verdeckten den Schuppen, wucherten ringsherum, untermalten mit ihrem grünen Laub das schöne Bild, und wenn es auf dieser Hazienda einen herrlichen Flecken gab, dann war es dieser hier. Er lud zum Träumen ein und zum Nachdenken, und gerade hier hatten sich seine Leute niedergelassen.

„Goddam, Don Pedro muss viel für diese Burschen überhaben!“, zischelte Gull. Seine Gedanken jagten sich, langsam ging er weiter.

Es waren keine erfreulichen Gedanken, die hinter seiner Stirn tobten, und je näher der Schuppen rückte, umso verzerrter wurde sein Gesicht.

Jetzt blieb er in der Deckung der Baumschatten, und nun knirschte der Sand unter den Sohlen nicht mehr.

Lautlos, katzenhaft gewandt glitt er auf das niedrige Gebäude zu, lauschte hin und wieder, hörte sein Herz wie rasend pochen und fühlte schnell nach der Wunde.

Er hatte keine Schmerzen. Trocken und fest fühlte sich der Wundverband an. Langsam wischte er sich den ätzenden Schweiß aus der Stirn.

Damned! Er war schwach auf den Beinen und hätte bei Pesquita essen sollen. Er war ein Narr, ein verteufelter Narr. Jetzt war es zu spät.

Irgendwo trillerte ein Vogel. Mücken umsummten ihn. Durch das Zweigwerk der Bäume fielen tanzende Lichtfinger der Sonne und malten bizarre Reflexe auf schattigem Grund.

Er erreichte die Tür. Weich senkte sich seine Hand auf die Klinke. Er zögerte, reckte sich, lauschte.

Der Raum war leer. Grimmig lächelnd schob Gull die Eisen in die Holster zurück. Seine Augen tasteten umher. Drei Lagerstätten waren an den Wänden errichtet. Ein Tisch und drei Hocker standen herum. Auf Holzpflöcken an den Wänden hingen Sättel, Zaumzeug, Gebrauchsgegenstände aller Art.

Der Teufel mochte wissen, was das für Kerle waren, die ihn für ihren Boss ausgaben, musste wissen, was sie für ein Spiel trieben!

Von draußen tönten Stimmen.

„Bill, sieh nach, wer uns die Siesta stört!“, brummte jemand.

„Wer sollte sich hier schon sehen lassen, Kid? Bin zu faul... Sieh selbst nach!“, bekam er zur Antwort.

„Sieh nach, sage ich!“, klang es schärfer, „oder ich muss dir die Ohren besäumen!“

„Du wirst nervös, Kid. Von den Greasern traut sich keiner ...“

„Halt den Mund und sieh nach“, fauchte es eigenwillig. „Ich habe etwas gehört, und verdammt will ich sein, wenn sich einer erdreisten sollte, um uns herumzuschleichen“, schimpfte Kid wütend, und der Dritte schaltete sich ein:

„Mach schon, Lane, Kid ist schlecht gelaunt, wenn er einen Anfall bekommt, hustet er Blei!“, röhrte seine Stimme dazwischen. „Vielleicht ist der Boss aus dem Schlaf erwacht und Dreistimmig war das folgende Gelächter. Gull wirbelte herum und verließ den Raum. Seitlich näherten sich Schritte, und bevor der Mann um die Hausecke bog, hatte Gull sich hinter den Büschen in Deckung gebracht und wartete.

Er brauchte es nicht lange; sorglos kam der Bursche heran, sah nur flüchtig in die Dunkelheit hinein und lachte heiser vor sich hin.

„Gents, der Boss ist leider nicht gekommen, wir müssen weiter warten.“

„Nicht mehr, Bill“, sagte Gull Trinned leise und zeigte sich nicht.

Bill war abgebrüht und mit allen Wassern gewaschen. Er fuhr weder zusammen, noch machte er eine unbedachte Bewegung zum Colt.

„Na also“, sagte er nur. Betont lässig verschränkte er die Arme über der Brust und wandte sich herum. Er war hager, sehnig und schlank. Hatte eine Geiernase und blutleere Lippen. Kleidung und Haltung waren die eines Cowboys, und doch war dieser Bursche alles andere eher, als ein ehrlicher Weidereiter. In seinen dicht beieinanderstehenden Augen lag eine versteckte Bereitschaft.

Gull musterte ihn mit ausdruckslosen Augen. Er konnte es beschwören, dass er diesen Mann nie im Leben gesehen hatte. Zoll für Zoll tastete er den Mann ab, lachte leise vor sich hin, deutete mit der Linken auf die tiefen Holster und sagte wie beiläufig:

„Halte die Arme still, Bill. Gegen Schulterholster habe ich eine begründete Abneigung, und wenn du Attrappen bevorzugst, dann pass auf, dass sie echt aussehen, trägst sie als Gewichtsausgleich, heh?“ „Du hast gute Augen Boss“, klang es gepresst. „Bisher hat das noch keiner festgestellt...“

„Weil sie mit der Nase vorher im Dreck lagen!“, unterbrach Gull rau.

Er trat schnell einen Schritt näher.

„Bill, du weißt genau, dass ich nicht dein Boss bin, und die beiden anderen hinter dem Haus wissen es auch. – Habe mir gleich gedacht, dass ihr keine Greaser seid. Dreh dich herum, Sonny, und dann marschiere los.“

„Wohin ...“, fauchte der Kerl bissig.

„Zu deinen Kumpanen. Sonny, ich bin musikalisch, und ein gesungenes Liedchen erfreut mich oft“, lächelte Gull herzlos und wedelte sein Eisen eindrucksvoll herum.

Die Blicke des Langen flackerten.

„Well“, dehnte er, „vielleicht wird das ein Spaß.“ Hämisch verzog sich sein Gesicht. Nachdenklich schaute er Gull an, ließ die Blicke auf den dunklen Kolben der Waffe ruhen und stieß zwischen den Zähnen hervor:

„Es gibt Männer, die nur darauf warten, einem Mann zu begegnen, der die Holster so wie du trägt. Well, lass uns gehen ...“ Irgendetwas hielt den Mann davon ab, seine Kanonen anzulüften. Vielleicht waren es Gulls Augen, die ihn nachdenklich stimmten. Schroff wandte er sich um und bot Gull den Rücken.

„Du scheinst keine Angst davor zu haben“, brummte der.

„Und du bist kein Mann, der dazu fähig ist, Buddy. Ich will meinen Stetson fressen, wenn du jemals die Wirbelsäule zuerst zerschießt.“

Bill Narry trippelte mit kleinen Schritten vor ihm hin. Die hochhackigen Absätze seiner Reitstiefel klirrten leise.

Sie kurvten um die Hausecke. Mächtige Bäume warfen kühle Schatten, und zwischen Stämmen waren drei Hängematten gespannt. Eine war leer, die anderen besetzt. Zwei Männer rekelten sich etwas faul darin herum, wurden plötzlich sehr beweglich und sausten hoch, als ob der Teufel selbst ein Feuerchen unter ihrem Hintern angezündet hätte.

„Gents, der Boss“, schnarrte Bill Narry und blieb wie angewurzelt stehen.

„Willkommen“, höhnte der Mann, der die linke Hängematte benutzt hatte. Sonnenstrahlen spielten auf seiner Glatze, tanzten über die Knollennase hinweg und ließen die Schweißperlen auf der verlängerten Stirn aufblitzen.

Beim Sprechen entblößte er eine Reihe abgenagter Zahnstummel und hatte auch sonst eine täuschende Ähnlichkeit mit einer satten Ratte. Selbst die tückischen, unter Fettpolstern fast verschwindenden Augen verstärkten den Eindruck.

„Capitano, ich neige mich in Ehrfurcht!“, zischte der dritte Kerl und verneigte sich etwas, doch so, dass seine Augen Gull nicht ausließen.

Dieser Bursche war ein Fuchs im wahrsten Sinne des Wortes und von dem Trio der Gefährlichste. Bestimmt war er eiskalt und blitzschnell.

Alle drei waren Leute vom schnellen Eisen, sozusagen reitende Kanonen. Männer, die sich mit ihrem Colt den Lebensunterhalt verdienten.

Gull musterte sie alle drei, musterte sie von den Stiefelspitzen bis zum Stetson. Ihre höhnenden Blicke prallten an ihm ab. Er sah, wie sie sich versteiften, sich mit schnellen Blicken verständigten, wie ihre Arme hin und her pendelten und die Finger sich zu Greiferkrallen öffneten. Nur Bill verschränkte wieder die Arme, weil das für einen Schulterholster-Schützen die beste Ausgangsstellung war.

Gull Trinned störte sich nicht daran. Er machte zwei Schritte auf sie zu und blieb breitbeinig stehen.

„Wer von euch hat den Sheriff erschossen?“, fragte er fast versöhnlich und suchte erneut ihre Pupillen.

Das Grinsen auf den Gesichtern erstarb. Ihre Blicke verkrallten sich. Sie rechneten. – Sie waren drei scharfe Burschen und nicht gewohnt, Fragen zu beantworten.

Und diese Frage überraschte sie dennoch alle, ließ ihnen keine Wahl. Schlagartig lud sich die Luft mit knisternder Spannung.

Man sah es ihnen an, was sie tun würden, wenn ...

Lane Satue, der Rotfuchs, wippte aufreizend auf den Stiefelspitzen hin und her, knurrte:

„Sonny, woher weißt du, dass es OcBrien war?“ „Meine Sache, Buddy, wer von euch hat ihn aus dem Hinterhalt abgeräumt?“

„Sonny, du kaust verkehrt rum. – Sei vorsichtiger“, keifte der glatzköpfige Kid Mever. „Zum Teufel, du solltest froh sein, dass wir dir aus der Klemme geholfen haben. Sie hätten ein Sieb aus dir gemacht. – Ke... Rita McDunns Schießer hatten dich im Visier, und sie haben nur gezögert, weil der Sheriff von Seatle-City ihnen die Arbeit abnehmen wollte ...“

„Es hat keinen Sinn, dem Gent etwas zu erklären. Er kapiert es doch nicht“, schnappte Bill Narry ein und spie seine Tabakklumpen aus.

„Scheint mir auch so. Wir hätten uns nicht die Mühe machen sollen“, dehnte Lane Satue und streckte sich.

Ruhig stand Gull Trinned da.

„Ich frage nicht gern zweimal, Boys. – Wer hat OcBrien erschossen?“, sagte er und eine tödliche Drohung lag in seiner Stimme ... Sie hörten sie genau heraus.

Bill Narry warf den Kopf hoch. Kid Mever stieß ein eigenartiges Grunzen aus und Lane Satue zog die Schultern hoch. Gleichzeitig stießen ihre Hände zu den Waffen.

„Stopp“, gellte es.

Sie rissen die Augen auf, sahen sich etwas betreten an, denn Gull hatte beide Colts im Anschlag.

„Goddam, du hast eine verdammt schnelle Hand“, knurrte Kid Mever ehrlich erstaunt und bestürzt. Der dicke Glatzkopf konnte es verdauen, auch Bill, nicht so sehr aber Lane Satue. Sein Fuchsgesicht zuckte, war eine teuflische Maske geworden. Er war ein Schießer mit einem übersteigerten Ehrgeiz, konnte es nicht vertragen, wenn ein Mann im Ziehen schneller war als er selbst. Aber auch er musste anerkennen, dass Gull schneller war, und das machte ihn wild.

Nur mit Mühe unterdrückte er seine Wut. Man sah ihm an, dass es ihm schwer wurde, die Beherrschung zu behalten. Geifernd lefzten seine Lippen. Die Nasenflügel bebten.

„Gents, meine Geduld ist erschöpft, ich gebe euch eine Minute, dann werdet ihr es mir sagen, oder ...“

„Ich ... werde es Ihnen sagen, Amigo!“, tönte es hinter ihm.

Gull wirbelte wie ein Blitz herum und riss den rechten Colt hoch.

„Sie sind sehr nervös, Amigo“, lachte der schlanke, drahtige Mann vor ihm.

Sein Charroanzug war aus schwarzem Samt, Gold- und Silber-Zierrate blitzten. Schmal und rassig war sein Gesicht, und weiß schimmerten die Zähne, wenn er lachte ... und jetzt lachte er, während sich die Blicke kreuzten.

„Sie können die Eisen ruhig einstecken, Amigo, denn mit den Waffen können Sie nichts ausrichten. Ich habe mir erlaubt, die Patronen aus den Kammern zu nehmen. – Sie geben doch zu, dass es sehr klug von mir war, lieber Freund?“

Gull ließ die Waffe sinken. Heiseres Gelächter war hinter ihm. Jetzt wusste er, dass das Trio ebenfalls unterrichtet war und mit ihm eine Komödie gespielt hatte, die er für echt hielt.

Wut flammte in ihm auf, heiser gurgelte er zwischen den Zähnen: „Da ... das ...“

„Ein Mann sollte immer zuerst seine Waffen prüfen“, klang es kalt, belehrend.

Gull musste es einstecken. Goddam, Don Pedro hatte recht. Er war einfach losgezogen und hatte sich durch seine eigene Unachtsamkeit in die Nesseln gesetzt.

„Geben Sie sich keine Mühe, Amigo, drehen Sie sich um und Sie werden erkennen, dass es für Sie besser ist, ruhig zu bleiben.“

Gull kam der Aufforderung nicht nach. Er wusste genau, dass die Kerle in seinem Rücken die Eisen angelüftet hatten und damit herumwedelten. „Well“, sagte er und stieß die angestaute Luft pfeifend über die Lippen. „Ich wusste nicht, dass Sie mit von der Partie sind, Don Pedro.

Die Glutaugen des Gachupins leuchteten jäh, weiteten sich. Er trat einen Schritt vor und wippte mit der Reitgerte so dicht vor Gulls Gesicht hin und her, dass er den Luftzug förmlich spürte.

Dessen Wangenmuskeln arbeiteten unter der gebräunten Haut, und die Zähne nagten an der Unterlippe.

Plötzlich brach Don Pedro die Stille, die den Raum drückend überlagerte:

„Caramba, Sie haben eine Nase für gewisse Dinge!“, stieß er hervor, und wie Nadelspitzen wurden seine Pupillen, klein, stechend.

„Yeah“, dehnte Gull. Steif, statuenhaft blieb er stehen, wo er stand und nahm das Gesicht vor der sausenden Reitgerte keinen Zollbreit zurück. „Sie waren mit Ihren Leuten in Seatle-City, und auf Ihren Befehl wurde der Sheriff erschossen ... Auf Ihren Befehl hin hat man meine Flucht in Szene gesetzt, und Sie legen Wert darauf, dass ich als Tude Warren ...“

Die Reitgerte hielt jäh inne.

Don Pedros Augen wurden noch schmaler und die Oliventönung der Haut spielte ins Grau, in ein seltsames Grau. Der edle Don schluckte schwer im Halse und brachte trotz allem keinen Ton hervor.

Einige Sekunden brauchte er, um sich wieder zu erholen, dann gellte sein Lachen auf, schnitt durch Mark und Bein, fraß noch mehr an den Nerven als die Stille vorher.

„Sie hätten Captain bei den Rangern werden sollen, Amigo“, zischte er endlich mit verzerrten Zügen. „Ja, ich habe gewollt, dass Sie aus der Klemme kamen. – Kann es nicht in Zukunft so sein, dass ...“

„Lassen wir die Komödie, Don Pedro, wir kommen an keinen gemeinsamen Tisch und ich lege auch keinen Wert darauf, dass wir das gleiche Pferd reiten“, erklärte Gull mit kalter Gelassenheit.

Unsicher geworden streiften ihn die Blicke Don Pedros.

Gull wartete, war entschlossen, die Wahrheit zu erfahren, zu ergründen, wie es weitergehen sollte und aufzudecken, welches seine Rolle in dem unsauberen Spiel sein sollte, und der Don mochte das fühlen, lachte wie irr auf, und dann sprudelte er im Bewusstsein seiner Überlegenheit hervor:

„Amigo, Sie haben einen Blick fürs Geschäft. – Ich war mit diesen Männern hier in Seatle-City, um eine kleine Angelegenheit zu bereinigen. Wir wollten es in dem Augenblick austragen, als Sie mit Ihrem Grauen vor dem Paradies haltmachten und aus dem Sattel kletterten. Es war ein schlechter Ort für Sie, denn das Paradies war überwiegend von Revolvermännern besetzt.

Sheriff OcBrien war ein gutgläubiger Irrer, und er hätte das besser wissen sollen. – Aber gerade an diesem herrlichen Tage wollte er, der gute Boy, beweisen, dass er das Vertrauen der Bürger und seinen Orden auf der Brust nicht umsonst bekommen hat. Er hat Ihnen gehörig einheizen wollen, und für einen schlechten Empfang haben Sie nicht die Nerven. –

Caramba! Ich selbst hielt Sie für Tude Warren, dann erkannte ich meinen Irrtum, und die Leibgarde der Rita McDunn zögerte nur darum, weil der Sheriff ihnen die Arbeit abnahm, und dann schoss Rita gegen alle Logik auf den Sheriff!“

Der Don trat einen schnellen Schritt vor, streckte die Arme aus und rüttelte Gull an den Schultern.

„Ihr müsst das Mädel doch gesehen haben ... Ihr müsst ...“

„Ich habe ein Mädel gesehen“, unterbrach er. „Sie hatte dunkelrotes Haar. Aber keinen sichtlichen Grund, den Sheriff zu erschießen ...“, brummte Gull und betonte jedes seiner zweideutigen Worte.

Don Pedros Gesicht verzerrte sich. Gellend lachte er. Nervös trampelten die drei Schießer hinter ihm, hatten die Siesta und die Hängematten vergessen.

„Sie schoss –, weil Tude Warren ihr Geliebter ist, Amigo. Eine Frau scheut vor nichts zurück, wenn man ...“

„Sie glauben das, Don Pedro? ... Sie hat doch eine Leibgarde, die ...“

„Ich sagte es!“, schnaufte der Don. „Ich rate Ihnen, mich keiner Lüge ...“, drohte er, und Gull wehrte lässig ab.

„Diese Leibgarde steht gegen Tude Warren, sagen Sie?“, forschte Gull eindringlich.

„Amigo. – Vielleicht ist Rita McDunn kaum mehr als eine Gefangene. Sie weiß wenig von dem, was ihre Schießer für dunkle Geschäfte tätigen. Und auch Warren weiß es kaum.“

„Und Sie, Don ... Sie sind ein Freund von Tude Warren?“

Abwehrend hob Don Pedro die Hände.

„Ich hasse ihn“, stieß er gallig hervor und biss in verächtlichem Zynismus in seine Fingerspitzen.

Goddam, etwas stimmte nicht. Es klang alles zu schön, zu seltsam, um wahr zu sein. Und Gull Trinned zeigte ein kleines, unscheinbares Lächeln, während seine Stirn langsam faltiger wurde.

„Warum hassen Sie ihn so?“, fragte er fast harmlos und nur, wer ihn genau kannte, ahnte die Spannung hinter seinen Worten.

„Das ist meine Sache“, klang es schneidend zurück ...

Ein harter Blick streifte Gull und flog dann zu den Schießern hin.

Gull Trinned wusste Bescheid, kannte den Grund, glaubte außer ihm noch mehr zu ahnen.

Langsam, gezogen, jedes Wort wägend, sprach er, und seine Augen beobachteten die Wirkung seiner Rede.

„Sie ... lieben Rita McDunn?“, warf er dem Don leise zu.

Es konnte nur so sein, dass Don Pedro liebte, dass er das rothaarige Mädchen von Seatle-City wie alle Spanier leidenschaftlich liebte, und die Eifersucht gegen Tude Warren war es, die seinen Hass schürte, die ihn gegen die Dunns und Warren so handeln ließ. Eifersucht – und nur ganz wenig von dem, was man Tude Warren sonst noch nachwerfen mochte.

Aus funkelnden Augen starrte der Don ihn an.

„Sie sprechen die Wahrheit! Ja, ich liebe sie“, murmelte er abgehackt, heiser.

„Und ... was habe ich mit dieser Sache zu tun?“, fragte Gull ohne Pause und presste die Lippen fest zusammen. Jetzt war es gesagt, jetzt fiel die Entscheidung.

Rasch und tief saugte der Spanier die Luft ein. Seine Augen flackerten, die Lippen schienen zu beben.

„Was soll die Frage?“, zischte er Gull durch die Zähne an, lauernde Gespanntheit erschien in den olivfarbenen Zügen.

Stolz reckt sich Gull Trinned. „Sie haben mich herausgehauen, fordern Sie Ihren Preis. Ich bleibe niemandem etwas schuldig!“, sagte er fest, und Don Pedro atmete auf.

„Sie sind ein Hildalgo, Mister“, betonte er befriedigt, und gleichzeitig war seine Melodie eine andere, waren seine Worte gewählter.

Und obwohl Gull Trinned wusste, dass es unter Spaniern eine Ehre besonderen Ranges war, mit „Hildalgo“, angeredet zu werden, ließ er sich keinen Honig um den Mund schmieren.

„Was habe ich zu tun?“, wiederholte er leise, und noch leiser kam es zurück:

„Sie sollen mir den Weg freikämpfen. Es ist für Sie leichter, denn Sie sind fremd. Man hält Sie für Tude Warren, und Sie haben Eingang bei ihr. Drei Männer bewachen sie. Alle drei sind üble Burschen und bringen sie mit ihrer Art ins schlechte Licht. Ich habe Informationen und weiß, dass Warren sich nicht darum kümmert, wenn sie Vieh und Waffen nach Mexiko liefern.“

„Weiß sie davon?“

„Nein!“

„Und ich soll eine Aufgabe durchführen, an der Freddy scheiterte?“

Don Pedro prallte zurück. Sein Gesicht wurde zur starren Maske.

„Was wissen Sie von Freddy?“, stieß er keuchend heraus und suchte Fassung zu bewahren.

„Nichts ... Außer, dass er einige Yards unter der Erde liegen soll ...“, tastete Gull vorsichtig näher, reizte, bohrte, beobachtete.

„Irrtum ...“, röchelte Don Pedro, „Freddy ist ... Tude Warren! Und der Teufel soll ihn holen!“

In Don Pedros Augen brannte Hass, echter Hass. Die Peitsche zerschnitt die Luft, klatschte gegen die Stiefelschäfte.

Ganz langsam drehte Gull Trinned sich um. Fast schwerfällig stampfte er seinem Lager zu und niemand hinderte ihn daran.

Die Schmerzen, die von der Verletzung her seinen Körper peinigten und für die kurzen Minuten der Unterredung von ihm gewichen waren, kamen konzentriert zurück, brannten nicht nur an einer Stelle. Sie jagten die Pulse, ließen das plötzlich überanstrengte Herz härter schlagen, verursachten ein Rauschen in seinen Ohren.

Je näher er dem Schlafhaus kam, desto mehr fühlte er seine Kräfte schwinden. Unklar erfassten die Augen den Eingang, waren unfähig, die Gegenstände in seinem Zimmer zu unterscheiden, und weil die Sonne draußen zu sehr grellte, fühlte er sich fast blind.

Schweiß stand auf seiner Stirn. Es war nicht nur der Schweiß, den die Sonne aus dem Körper treibt. Gull Trinned glühte innerlich noch heißer, und in seinem von Schmerz und der Schwäche gepeinigten Hirn jagten sich die Gedanken ...

Drei Monate brauchte er, um herzukommen. Drei Monate trailte er, um die Spur seines Bruders zu finden. Und als er glaubte, sie zu haben, da hielt man ihn für einen Desperado, für einen Mörder, für einen Gesetzlosen.

Und anstatt für sich und seinen Bruder zu stehen, soll er für einen fast wahnwitzigen Haziendero drei Männer stellen?

Wahnsinn war es, was Don Pedro da vorhatte. Unlogisch, widersprüchlich alles, was er behauptete. – Vielleicht war es sogar Zwecklüge, Gemeinheit, Betrug ... bis auf den Hass gegen Tude Warren.

Damny! Gull Trinned hatte die Besitzerin der „Paradies-Bar“, gesehen, hatte keine Waffe an ihr bemerkt ... und doch sollte sie ...? Warum sollte er dann als Tude Warren? ... Wozu der ganze Aufzug?

Gull lachte ein raues, verachtendes Lachen und taumelte gegen einen Hocker, fiel auf sein Lager, stöhnte. – Jetzt kümmerte sich niemand um ihn.

Ohnmacht und Schlaf deckten ihn zu. Fieberträume zerrissen ihm die Stunden des Tages.

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4.

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Drei Tage waren inzwischen vergangen. In diesen drei Tagen hatte sich Gull Trinned erholt. Kaum dass er den Kerlen des Trios begegnete. Sie gingen ihm aus dem Weg, und er hatte auch keine Sehnsucht nach ihnen.

Ein Peon und Manuela brachten ihm abwechselnd das Essen. Stundenlang hockte er dann im Schatten vor der Hütte und dachte nach. Aber es war vergebens, alles blieb verworren. Er konnte keine Klarheit, keinen Sinn in die Geschichte bringen und auch Pesquita blieb ihm fern.

Er war unruhig und wusste selbst nicht warum.

Wenn der Tag zu Ende ging, ärgerte er sich und schließlich ahnte er, dass er nur auf Pesquita wartete. Er lachte über sich selbst, aber das nagende Gefühl in seinem Herzen blieb.

Immer wieder sann er darüber nach, was Don Pedro gesagt hatte, döste vor sich hin, und seine Gedanken wirbelten durcheinander.

Der laue Abendwind streichelte sein Gesicht. Blumengeruch lag in der Luft. Aleon, Yuccas und Palmettas vereinten ihren Duft mit dem Geruch der herben Sage.

Aus dem Bunkhouse der Vaqueros tönte Stimmengewirr, und Gitarrenklang wehte heran. Wahrscheinlich tranken sie ihre Pulqua oder genossen den scharfen Tequila, von denen schon zwei Gläser genügten, einen Mann umzuwerfen.

Abend war es. Weiche Schatten flohen vor der Nacht und verwandelten die Landschaft.

Gull spähte in die Dämmerung, plötzlich gab er sich einen Ruck, klopfte sich den Staub von den Chaps und schlenderte davon.

Er vermied es, direkt auf das Herrenhaus zuzusteuern, denn in den wenigen Tagen hatte er herausgebracht, dass das Revolvertrio Don Pedros Leibwache war, die tagsüber in der Nähe des Geräteschuppens herumlümmelte und sobald die Dämmerung hereinbrach, ihre Posten vor der Hazienda bezog.

Gull musste vor ihnen anlagen, dann würde er das Mädchen treffen können.

Er brachte die Schwarz-Pappeln hinter sich, blieb stehen und lauschte.

Das goldene Laub der Espen verblich schon in der Dämmerung. Aus der Salbeiniederung stiegen milchige Nebel, schwangen wie Schleier hin und her.

Seine Colts waren mit Patronen versorgt. Ein grimmiges Lächeln erschien in seinen Mundwinkeln.

Da ... durch die Nebelschleier der Salbeiniederung schoben sich Rinder. Reiter tauchten aus dem Dunst. Dumpfes Rindergebrüll tönte weithin.

„Ich will meinen Grauen verwetten, wenn die Herde nicht über den Rio kommt. Don Pedro scheint ihr Großabnehmer zu sein ... fragte wahrscheinlich nicht nach dem Brandzeichen, fragte nicht, von welcher Weide die Tiere stammen. – Goddam! Er hat ein glattes Benehmen aber kein Gewissen“, grollte er vor sich hin und stand einige Minuten beobachtend da.

Gull Trinned bekam einen galligen Geschmack in den Mund.

Er war selbst Cowboy, verstand etwas von Rindergeschäften und Rustlern. – Doch diese Sache hier am Rio ging – wenn er richtig schätzte – weit über das hinaus, was er jemals davon gehört oder gelesen hatte.

Überall gab es Rustler. Aber hier betrieb man das Geschäft im Großen, lockte das Grenzgebiet Rowdys, Desperados und Rustler, die am Rand der Hölle standen, und dennoch versuchten, aus ihrem Zwitterdasein etwas zu machen ...

Zum Teufel! Warum schickte Don Pedro nicht seine eigenen Schießer nach Seatle-City, um reinen Tisch zu machen?

Heh! Durfte er sich jenseits der Grenze nicht sehen lassen? Waren seine Leute nicht schnell genug?

Die Leibgarde Rita McDunns bestand aus Texasleuten, aus Männern, die aus dem Land der schnellen Eisen stammten, und auch sie fischten im trüben, wie alle hier an der Grenze; versuchten so schnell wie möglich reich zu werden, versuchten den anderen die Geschäfte zu zerstören, um sich Ellenbogenfreiheit zu verschaffen.

Gull Trinned lachte bitter.

Eine Frage blieb: Was war mit Tude Warren?

Stand er zwischen den Parteien?

Wurde der von allen gleich stark gehasst?

Stimmen wurden hörbar, kamen aus Richtung der Geräteschuppen.

Eilig huschte er davon, hielt sich in den tintigen Schatten der Bäume verborgen, kam unbemerkt am Bunkhouse vorbei, schlich geduckt über eine ungedeckte Stelle und glitt lautlos in den Schlagschatten der Hazienda hinein.

Wieder verhielt er, warf den Kopf hoch.

Über ihm schwang sich in der leichten Abendbrise das Geäst einer Weißeiche. Das Blattwerk raschelte und raunte, gab geheimnisvolle Laute von sich.

Einen Moment zögerte er, dann sprang er hoch, riss die Arme empor, fasste einen starken Ast und wenige Augenblicke später verschwand er im dichten Laub.

Durch die Blätter hindurch erkannte er die wuchtige Gestalt Kid Mevers. Der Schießer sicherte nach allen Richtungen, witterte misstrauisch wie ein Big-Horn, hatte seinen Stetson weit in den Nacken geschoben, und seine Glatze leuchtete matt und seltsam wie der aufgehende Mond.

Gull bewegte sich nicht. Er wartete und spähte.

Von der Hausecke her drang ein ersticktes Gurgeln.

Sofort wurde Kid Mever munter.

„Damned“, knurrte Gull. Die Beweglichkeit des Zweizentnermannes gaben ihm zu denken, auch die Art, wie der Dicke im Laufen seine Colts herausbrachte, war nicht schlecht.

Was ist da unten los?, fragte er sich.

Einige Sekunden vergingen.

Kid Mever musste die Hausecke erreicht haben. Ein dumpfer Fall dröhnte auf, dann ein Rascheln, und wieder breitete sich das Schweigen der Dämmerung aus.

Gull wartete nicht länger. Der Teufel mochte wissen, was die Gorillas miteinander für Späße trieben ... Mochten sie sich Luftlöcher in den Pelz brennen; ihn störte es kaum.

Er sah den Ast entlang. Er reichte fast in ein Fenster der Hazienda.

Tief saugte er die würzige Luft ein, dann schwang er sich vor, und glitt durch das Fenster in die Dunkelheit des unbekannten Raumes hinein.

Er fasste Fuß, trat zur Seite und hielt die Luft an.

Gleichmäßig, ruhig, arbeitete sein Herz. Seine Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit, flogen umher.

Er stand auf einem handgewebten Indianerteppich. An den Wänden hingen schwere Gemälde. Ein Schreibtisch, einige Schränke und hochlehnige Stühle vervollständigten die Einrichtung. Irgendwo tickte eine Uhr. Das hier war ein Arbeitszimmer.

Lautlos durchquerte er den Raum. Ohne ein Geräusch öffnete er die Tür. Ein Flur lag vor ihm.

Er entschied sich für den Weg nach links. Die melodische Singstimme einer Frau lachte ihn an, und obwohl er nur wenig spanisch verstand, hörte er heraus, dass das Mädchen ein altes Volkslied mit einer monotonen Melodie vor sich hin summte.

„Pesquita“, hofften seine Gedanken.

Schritt für Schritt tastete er sich vorwärts, achtete auf alle Geräusche, hörte nichts Verdächtiges.

Atemlos hielt er an ihrer Tür an. Hinter den dünnen Brettern musste Pesquita sein. Das rötliche Licht einer Petroleumlampe drang durch Spalten und Risse.

Er legte die Hand leicht auf die Klinke, konnte sich für Sekunden nicht entschließen, konnte doch nicht so ohne Weiteres in das Zimmer eindringen, wusste, dass das hier in Mexiko fast Selbstmord sein konnte, stieß sie nur einen Schrei aus.

Grimmig lächelte Gull.

Er hatte immerhin sie, und sie hatte ihn geküsst, und jetzt war er hier und würde nicht eher gehen, bis sie seine Fragen beantwortet hatte.

Langsam drückte er die Klinke nieder. Leise, Zoll für Zoll senkte sich die Hand, dann schob er die Tür auf.

Ewigkeiten lange schien es zu dauern, qualvolle Ewigkeiten.

Der Gesang wurde deutlicher. Gull schob sich durch die Öffnung hindurch, wagte kaum zu atmen, erstarrte zur Bildsäule.

Caramba! Man sollte nie unvorbereitet in das Zimmer einer schönen, jungen Dame einbrechen. Gull Trinned war fast geblendet von dem, was seine Augen sahen.

Er trank den Anblick wie ein Verdurstender in sich hinein.

Schwere Vorhänge aus Goldbrokat und Seide, geschnitzte Möbel, auf denen kostbare Services standen, umfingen seine Blicke. Aus einer geöffneten Kassette blitzte, gleißte, funkelte es. Diamanten, Diadems und eine wundervolle Ansammlung von Geschmeide leuchteten ihm entgegen ... Aber das Kostbarste von allem war sie ... war das Mädchen Pesquita.

Seine Zähne pressten sich zusammen. Trocken und spröde wurden seine Lippen, und sein Herz schlug dumpf wie die Kürbistrommel der Yaquis. Weich und schmeichelnd fiel das Petroleumlicht auf sie. In den eigenen Anblick versunken stand sie vor einem verzierten Spiegel, sang leise, wehmütig. Das matte Licht modellierte ihre Formen, kostete, schmeichelte. Die elfenbeinfarbene Haut stand im Wettstreit mit der Perlenkette, die als schimmernde Monde Glanzfarben auf die Haut zauberten.

Gull war verzaubert. Widerstreitende Gefühle rissen ihn hin und her. Er wollte gehen, verschwinden, die Tür hinter sich schließen und brachte den Willen dazu nicht auf.

So hatte er sie nie gesehen. Die Tracht ihres Landes war für ihre Schönheit der richtige Rahmen.

Ihre Hände spielten an rosafarbenen Schulterträgern und ihre Fingerspitzen nestelten daran; plötzlich fiel rauschender Atlas.

Das steife Kleid lag auf den Dielen, war wie ein duftender, blumiger Traum, und sie stand in einem verführerischen Unterkleid, das mit wertvollen Spitzen besetzt, ihre königliche Figur zur Venus werden ließ. Ihre Hände hoben sich, griffen nach den Schulterträgern ...

„Nicht ... tun sie es nicht, Señorita“, stöhnte Gull, streckte die Arme vor, schlug die Hände vors Gesicht, blinzelte durch die gespreizten Finger.

Pesquita wirbelte herum, presste beide Hände vor die heftig wogende Brust. Ihr roter Mund öffnete sich in panikartigem Entsetzen, jähe Furcht ließ sie erbleichen.

„Ich bin es“, murmelte Gull gefasster.

„Sie?“, schleuderte sie ihm entgegen. „Gehen Sie, gehen Sie sofort ... oder Sie werden sterben ...“

„Señorita, Sie vermieden es, meinen Weg noch einmal zu kreuzen“, brachte er heiser heraus. „Ich ...“

„Mit Ihnen habe ich nichts zu schaffen. Ich verachte, hasse Sie ...“

„Sie müssen mich anhören!“, sagte Gull fest und hielt ihrem Blick stand.

„Gehen Sie...“, forderte sie gepresst.

„Nein!“

Er lehnte sich etwas zurück, suchte einen Halt, zog ruhig Tabak und Papier hervor, drehte sich eine Rolle.

„Was wollen Sie?“, keuchte Pesquita entsetzt. „Wenn mein Bruder zurückkommt, sind Sie verloren!“

„Don Pedro ist sehr um seine eigene Sicherheit besorgt, Señorita. – Aber das ist seine Sache“, antwortete er lässig. Der Ton seiner Stimme zwang sie ihren Kopf hinter dem Wandschirm zu zeigen, hinter den sie sich geflüchtet hatte.

Noch immer waren ihre Augen versengende Flammen, leuchteten Unwille und Abwehr in ihnen.

„Was tun Sie“, schrie sie auf.

„Ich rauche, Señorita“, erklärte er mit fast sanfter Ruhe.

„Mein Bruder wird Sie töten“, zischte sie hart, und ihre Augen waren Dolche, die töten wollten.

„Das sagten Sie schon“, erwiderte er gleichmütig. „Sie können versichert sein, dass er es sich überlegen wird ... Well, vielleicht lässt er mich später umlegen. Im Augenblick braucht er mich, um seine Kastanien aus Seatle-City zu retten. Er hat keinen anderen, der sich die Finger verbrennen will!“

„Sie sprechen in Rätseln, Cowboy!“, murrte sie und wagte sich etwas versöhnlicher vor.

„Nicht so sehr, ich soll Freddys Aufgabe übernehmen. Die Aufgabe, an der er scheiterte, Señorita!“

„Ich habe es geahnt“, stöhnte sie auf. „Sie sollen ...“

„... gegen drei scharfe Eisen ziehen!“

„Und Sie werden es nicht!“, hauchte sie erbittert und schleuderte eine Bürste aus der Hand. Ihre Augen glänzten.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738915426
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v384943
Schlagworte
sterben ehrenwort

Autor

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Titel: Sterben für ein Ehrenwort