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Die Ulmer Erbschaft

2017 200 Seiten

Zusammenfassung

Die Ulmer Erbschaft
Kriminalroman von Walter G. Pfaus

Der Umfang dieses Buchs entspricht 172 Taschenbuchseiten.

Pit Fetzer schlägt sich als Privatdetektiv in Ulm mehr schlecht als recht durch. Als sein Kumpel Alfie ihn um Hilfe bittet, weil er seine Freundin Moni vermisst und der Ganove Grunski versucht hat, ihn umzubringen, weiß Fetzer noch nicht, worauf er sich einlässt. In der schwäbischen Kleinstadt Karlingen, wo Monika Weiß in der Gemeindeverwaltung tätig war, schlägt ihm Misstrauen und Ablehnung entgegen. Schnell wird klar, dass Monis Verschwinden mit einer Erbschaft zusammenhängt, für die es angeblich keine Erben gibt. Offensichtlich will sich die Gemeinde den Nachlass der verstorbenen Veronika Ludwig unter den Nagel reißen. Aber würde der Bürgermeister deshalb einen Mord begehen?

Leseprobe

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Die Ulmer Erbschaft

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Kriminalroman von Walter G. Pfaus

Der Umfang dieses Buchs entspricht 172 Taschenbuchseiten.

Pit Fetzer schlägt sich als Privatdetektiv in Ulm mehr schlecht als recht durch. Als sein Kumpel Alfie ihn um Hilfe bittet, weil er seine Freundin Moni vermisst und der Ganove Grunski versucht hat, ihn umzubringen, weiß Fetzer noch nicht, worauf er sich einlässt. In der schwäbischen Kleinstadt Karlingen, wo Monika Weiß in der Gemeindeverwaltung tätig war, schlägt ihm Misstrauen und Ablehnung entgegen. Schnell wird klar, dass Monis Verschwinden mit einer Erbschaft zusammenhängt, für die es angeblich keine Erben gibt. Offensichtlich will sich die Gemeinde den Nachlass der verstorbenen Veronika Ludwig unter den Nagel reißen. Aber würde der Bürgermeister deshalb einen Mord begehen?

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Dieser Roman spielt in einer fiktiven Kleinstadt. Handlung und Personen sind frei erfunden. Sollte dennoch jemand glauben, sich darin wiederzufinden, liegt es einzig und allein an ihm.

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KAPITEL 1

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Das Telefon riss mich aus einem schrecklichen Alptraum. Ich stand mit Jack Daniels und Bier gemeinsam im Ring, und sie hatten mich fast am Boden. Das Schrillen des Telefons bewahrte mich vor einem erneuten Niederschlag.

Schweißgebadet richtete ich mich auf. Das Telefon stand auf dem Schreibtisch, wo es hingehörte. Ich lag auf dem kleinen, braunen Ledersofa, das ich mir vor zwei Jahren von meinem dritten Honorar gekauft hatte. Wenn ich am Tag schlafe, habe ich meistens Alpträume. Ich träume von meinem aussichtslosen Kampf gegen den Alkohol. Es ist mir bis heute nicht gelungen, ihn zu vernichten.

Das Telefon schrillte unerbittlich weiter. Mühsam erhob ich mich und taumelte schlaftrunken zum Schreibtisch. Ich nahm den Hörer ab.

»Was, zum Teufel, ist los mit dir, Pit?«, drang eine laute, aufgeregte Stimme aus dem Hörer, noch bevor ich ihn ganz am Ohr hatte. »Hast du geschlafen?«

Pit, das bin ich. Pit Fetzer. Es gibt ein paar Freunde, die mich Pit rufen. Aber die meisten nennen mich Fetzer. Oder einfach nur Fetz. Wenn ich Kohle habe, habe ich viele Freunde, wenn ich blank bin, machen die meisten einen Bogen um mich.

Sch... Schöne Freunde.

Der am Telefon musste zu denen gehören, die sich ab und zu bei mir erkundigen, ob ich noch am Leben bin.

Oder er war in Schwierigkeiten.

»He, bist du dran, Pit?«

»Ich bin dran«, brummte ich verschlafen und heiser.

»Habe ich dich geweckt?«, erkundigte sich der Anrufer.

»Ja, das hast du«, sagte ich.

»Tut mir leid, Pit. Aber ich habe extra bis halb zwölf gewartet ...«

»Es gibt Leute, die haben keinen Acht-Stunden-Tag«, sagte ich. »Ich habe eine harte Nacht hinter mir.«

Die Stimme des Anrufers kam mir bekannt vor. Aber ich wusste nicht, wer es war.

»Ich konnte nicht mehr länger warten!«, schrie der Anrufer, und ich hielt vorsichtshalber den Hörer ein Stück von meinem Ohr weg. »Es geht um Leben und Tod!«

Also war er in Schwierigkeiten. Auf meine Freunde ist eben absolut Verlass.

Eigentlich hasse ich diesen Satz. Es gellt doch immer um Leben und Tod. Ich kann eine Treppe hinuntersteigen und glücklich unten ankommen, und ich lebe. Ich kann aber auch stolpern und mir das Genick brechen - und bin tot. Jeden Tag, wenn ich in meinen Wagen steige, geht es um Leben und Tod. Bei inzwischen rund fünfzig Millionen zugelassenen Fahrzeugen in der Bundesrepublik sind täglich mindestens ein Prozent Wahnsinnige unterwegs. Ich kann Pech haben, und ich treffe auf einen, und ich bin tot.

Ich nehme solche dramatischen Sätze nicht mehr so ernst.

»Mit wem spreche ich eigentlich?«, erkundigte ich mich.

»Aber das habe ich dir schon gesagt!«, schrie der Freund am anderen Ende der Leitung. »Hier ist Schöner! Alfred Schöner ... Alfie!

»Ach, Alfie ... Ich dachte schon, dich gibt es nicht mehr.«

»Fast hätte es mich auch nicht mehr gegeben!«, schrie Alfie. »Fast! Jemand wollte mich umbringen!«

»Was du nicht sagst.«

»Es ist die Wahrheit, Pit! Jemand wollte mich umbringen! Du musst es mir glauben!«

»Schön«, seufzte ich. »Für ich mal so, als ob ich dir glaube.«

»Verdammt, Pit, du sollst nicht bloß so tun, als ob du mir glaubst! Du sollst mir glauben! Es ist die Wahrheit, Pit! Jemand will mich umbringen!«

»Was hast du angestellt, Alfie?«

»Nichts«, sagte Alfie. »Jedenfalls bin ich mir keiner Schuld bewusst.«

»Wer ist hinter dir her?«

»Grunski saß in dem Wagen. Ich hab ihn genau gesehen. Du kennst doch dieses Schwein.«

Ich kannte Grunski. Ehemaliger Boxer. Jetzt Zuhälter und Dealer. Ich hatte schon mit ihm zu tun. Seitdem bin ich im Besitz zweier nagelneuer, herausnehmbarer Schneidezähne. Die Rechnung stand noch offen. Beim Zahnarzt und mit Grunski.

»In welchem Wagen?«

Alfie sagte: »In dem Grunski saß! Er wollte mich überfahren!«

»Würdest du mir die Geschichte von vorn erzählen?«

Er tat es. Er sagte, er wäre in der vergangenen Nacht, etwa gegen ein Uhr, aus dem >Hollywood< gekommen und zu Fuß zum Münsterplatz gegangen, wo er seinen Wagen abgestellt hatte. Dort hätte ihn schon ein schwarzer Geländewagen mit laufendem Motor erwartet.

Mit hohem Tempo wäre der Wagen genau auf ihn zugerast. Am Steuer hätte Grunski gesessen. Bei seiner hastigen Flucht wäre er dann rückwärts über den Bordstein gestolpert und mit dem Hinterkopf auf den Asphalt geknallt.

Alfie fügte hinzu: »Ich bin erst wieder zu mir gekommen, als sie mich auf einer Bahre in einen Krankenwagen schoben.«

»Hast du das auch der Polizei erzählt?«

»Natürlich. Aber die haben mir kein Wort geglaubt.«

Ich glaubte ihm auch nicht. Zumindest glaubte ich ihm nicht, dass er nicht wusste, weshalb Grunski hinter ihm her war.

»Du musst mir helfen, Pit«, jammerte Alfie. »Du bist der Einzige, der mir helfen kann. Es geht weniger um mich. Ich bin hier ziemlich sicher. Es geht um Moni. Ich habe Angst, dass sie ihr was antun.«

»Wer ist Moni?«

»Meine Freundin. Aber du kennst sie doch. Die kräftige Blondine mit der rauchigen Stimme.«

»Ach, die Dicke?«

»Sie ist nicht dick!«, verteidigte sie Alfie. »Nur griffig.«

»Was hat sie mit deinen Schwierigkeiten zu hm?«

»Nichts. Ich habe nur Angst, dass sie sich jetzt an Moni halten. Könntest du mal bei ihr vorbeischauen?«

»Warum machst du das nicht selbst?«

»Weil ich mit einer schweren Gehirnerschütterung im Krankenhaus liege und nicht rauskann!«, schrie Alfie.

»Für einen Hirngeschädigten hast du ein außerordentlich lautstarkes Organ«, sagte ich.

»Ich muss doch schreien, weil du mir ganz offensichtlich nicht zuhörst!«

»Ich höre dir zu«, erklärte ich. »Warum rufst du sie nicht einfach an, wie du mich anrufst?«

»Ich habe es versucht«, sagte Alfie verzweifelt. »Den ganzen Morgen versuche ich es schon. Auf ihrer Dienststelle ist sie nicht, und zu Hause hebt niemand ab. Ich fürchte, ihr ist etwas zugestoßen.«

»Wieso sollte ihr etwas zugestoßen sein?«, erkundigte ich mich. »Grunski will doch dir an den Kragen.«

»Ich weiß es nicht, Pit«, murmelte Alfie. »Es ist einfach nur so ein Gefühl.«

»Weißt du was, Alfie?«, schlug ich vor. »Ich lege jetzt auf, und du denkst in Ruhe über alles nach. Wenn du mir dann etwas mehr erzählen möchtest, rufst du mich wieder an. Wenn nicht, kannst du dir den Anruf sparen.«

Ich legte den Hörer auf und griff nach der Zigarettenpackung. Ich steckte mir einen Sargnagel zwischen die Lippen und suchte nach einem Feuerzeug. Aber ich fand keines. Dafür beglückte mich der allmorgendliche Hustenanfall. Der Anfall trieb mir die Tränen in die Augen, und ich hustete mir fast die Lunge aus dem Leib. Ich beachtete diesmal das Warnzeichen und schob die Zigarette wieder in die Schachtel zurück.

Dann klingelte das Telefon. Ich nahm den Hörer erst gar nicht ganz ans Ohr. »Bist du wahnsinnig, Pit?«, schrie Alfie. »Du kannst doch nicht einfach auflegen!«

»Du hast doch gesehen, dass ich es kann«, erwiderte ich noch etwas außer Atem.

»Pit, ich beschwöre dich!«, sagte Alfie weinerlich. »Lass mich nicht im Stich. Du musst mir helfen!«

»Was hast du mir über Grunski zu sagen?«

Alfie senkte plötzlich die Stimme. »Nicht am Telefon, Pit! Ich sage dir alles, aber nicht jetzt!«

»Gut, dann komme ich jetzt zu dir, und du erzählst mir alles, was ich wissen will.«

»Aber erst siehst du nach Moni«, forderte Alfie. »Hast du gehört? Erst will ich wissen, was mit Moni ist.«

»Okay«, sagte ich. »Mein Tagessatz beläuft sich auf dreihundert Mark plus Spesen ...«

»Großer Gott!«, fiel mir Alfie stöhnend ins Wort. »Kannst du einem Freund nicht mal einen kleinen Gefallen tun, ohne deinen Tagessatz herunterzuleiern?«

Ich wusste es. Meine Freunde ...

Seufzend legte ich auf.

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KAPITEL 2

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Ich parkte meinen Wagen hinter dem Rathaus. Die letzten paar Meter ging ich gern zu Fuß. Gleich bei meinem ersten Auftrag hatte mir das Glück gebracht. Also behielt ich es bei.

Moni wohnte in einem alten Haus in der Kronengasse, nicht weit vom Weinhof entfernt. Neben dem Haus war eine türkische Gaststätte. Ich ging eine knarrende Treppe in den ersten Stock hinauf. Unter einem Klingelknopf neben der ersten Tür links stand ihr Name: Monika Weiß.

Ich drückte auf den Klingelknopf und wartete. Es rührte sich nichts. Ich versuchte es noch zweimal. Aber niemand kam an die Tür.

Ich trat wieder auf die Straße hinaus und blickte zu einem Fenster hoch, das zu ihrer Wohnung gehören musste. Der Vorhang bewegte sich nicht.

Eine Frau, klein, schlank, etwa Mitte fünfzig, kam vom Weinhof her und blieb vor der Tür stehen, durch die ich vorher rausgekommen war. Sie suchte in ihrer Einkaufstasche nach einem Schlüssel. Ich trat neben sie.

»Entschuldigen Sie, kennen Sie Monika Weiß?«

»Wieso soll i des entschuldigen?« Sie suchte weiter in ihrer Tasche nach dem Schlüssel.

»Kennen Sie Monika Weiß?«

»Wer will des wissen?«

»Ich. Ich bin ein Freund von ihr.« '

»Was Sie net saget.« Sie hatte den Schlüssel endlich gefunden. Sie klimperte mit den Schlüsseln herum, ohne mich anzusehen.

»Sie ist nicht zu Hause«, sagte ich. »Wissen Sie, wo ich sie erreichen kann?«

»Keine Ahnung«, antwortete sie.

»Danke.« Ich wandte mich um und wollte weggehen.

»He, nix danke!« Sie hielt mich zurück. »Fünf Mark.«

»Ich kann mich nicht erinnern, dass Sie mir eine befriedigende Antwort gegeben haben.«

»Da kann i doch nix dafür.«

Ich ließ sie stehen und ging zu meinem Wagen zurück. Eigentlich war damit mein Freundschaftsdienst beendet. Ich war dort gewesen und hatte festgestellt, dass sie nicht zu Hause ist. Ich suchte nach einer Telefonzelle, um Alfie zu informieren. Aber ich musste dazu die Neue Straße überqueren. Seufzend stellte ich mich an die Ampel und wartete auf Grün.

Es dauerte eine Weile, bis ich Alfie an der Strippe hatte.

Ich sagte: »Sie macht nicht auf, Alfie.«

»Hast du auch lange genug geklingelt?«

»Mir tut noch der Daumen weh.«

Alfie schrie: »Dann ist ihr bestimmt etwas passiert! Du musst in ihre Wohnung!«

»Das wollte ich, aber sie macht nicht auf.«

»Herrgott, Pit, mir ist nicht nach Scherzen zumute!«, heulte er. »Komm her! Ich habe einen Schlüssel für ihre Wohnung.«

»Das artet jetzt endgültig in Arbeit aus. Mein Tagessatz ...«

»Lieber Himmel, da hat man tausend Freunde, aber wenn man in Not gerät, hilft einem keiner!«

»Wem sagst du das? Das Auffinden von Personen oder Informationen ist mein Beruf, das solltest du wissen. Aber nichts auf dieser Welt ist umsonst. Ich muss auch leben. Das ist wie bei einem Arzt. Ein Arzt gibt dir auch keine Ferndiagnose. Du musst zu ihm kommen, oder er kommt zu dir, und er tut etwas für dich. Und dafür stellt er dir eine Rechnung ...«

»Okay, okay!«, schrie Alfie. »Es ist gut! Du bekommst deine zweihundert Mark!«

»Dreihundert. Plus Spesen.«

»Herrgott noch mal, du wirst doch wohl noch einen Freundschaftspreis machen können!«

»Das ist schon ein Freundschaftspreis.«

»Gut, gut, du bekommst dein Geld! Aber kümmere dich um Moni! Sieh zu, dass du sie findest!«

»Ich komme jetzt erst einmal zu dir.«

Ulm ist eine herrliche Stadt. Sie hat gerade die richtige Größe. Noch nicht zu groß, um sich darin zu verlieren, und nicht zu klein, um als Privatdetektiv zu verhungern. Es reichte zum Leben. Aber in der Mittagszeit herrscht auf den Straßen das gleiche Chaos wie in den Großstädten. Ich brauchte fünfundzwanzig Minuten, um zur Uni zu kommen.

Ich war bislang erst zweimal in der Uni-Klinik gewesen. Aber jedes Mal, wenn ich das Gebäude verlassen hatte, hatte ich das Gefühl gehabt, einem Labyrinth entronnen zu sein.

Diesmal war es nicht anders. Ich rannte durch die weitverzweigten Gänge, und als ich zum zweiten Mal an derselben Schwester vorbeikam, sprach sie mich an.

»Wen suchen wir denn?«

Ich sagte ihr, wen wir suchen, sie sagte uns, wo wir ihn finden, und ich marschierte los, Diesmal klappte es auf Anhieb.

Sie lagen zu dritt in dem Zimmer. Die beiden anderen waren jünger als Alfie. Der im hinteren Bett mochte vielleicht achtzehn sein. Der andere zwanzig.

Alfie Schöner lag im ersten Bett.

Als ich eintrat, sagte Alfie zu den beiden anderen: »Los, verschwindet für zehn Minuten!«

Der im hinteren Bett, ein blonder Junge mit pfiffigem Gesicht, wandte Alfie den Rücken zu und zeigte sein blankes Hinterteil. »Du kannst mich mal!«

Alfie sagte zu mir: »Hau ihm mal eins auf den Arsch.«

Der Braunhaarige im mittleren Bett tat es. Es klatschte laut, der Blonde schrie auf, und der Braunhaarige forderte: »Los, komm jetzt!«

Als die beiden draußen waren, sagte ich anerkennend: »Die hast du schon recht gut im Griff.«

»Es sind zwei dumme Jungens«, brummte Alfie abfällig. »Der Blonde kommt aus einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche. Wird morgen operiert. Hat einen Leistenbruch. Der andere ist ein braver Bauernsohn. Ist zur Beobachtung hier, sagt er.«

»Und du? Bist du auch zur Beobachtung hier? Du siehst nicht aus, als hätte es dir das Gehirn durcheinandergeschüttelt.«

»Mein Aussehen täuscht. Ich habe immer noch schreckliche Kopfschmerzen. Aber ich lasse es mir nicht anmerken. Ich habe keine Zeit dazu. Ich mache mir große Sorgen um Moni.«

»Weshalb machst du dir um Moni Sorgen?«, erkundigte ich mich. »Was hat sie mit Grunski zu tun?«

»Nichts«, erklärte Alfie hastig. »Gar nichts. Ich glaube, sie kennt ihn nicht einmal.«

»Ich hoffe nicht, dass du mich hierhergebeten hast, um mich zu verarschen«, erwiderte ich.

»Es stimmt!«, versicherte mir Alfie. »Ich schwör's! Es ist nur so, dass sie etwas weiß, das vermutlich auch Grunski weiß. Und Grunski lässt sich nicht gern in die Karten sehen, das weißt du doch!«

Das wusste ich. Es war noch nicht zu lange her, dass Grunski mir das eingehämmert hatte.

»Würdest du es mir sagen, damit auch ich weiß, was Grunski weiß?«, schlug ich vor.

»Hör zu, Pit«, erklärte Alfie vorsichtig. »Es ist nur eine Vermutung. Ich weiß es nicht genau. Moni ließ nur neulich etwas fallen ...«

»Lass es auch fallen, Alfie«, seufzte ich. »Ich hebe es dann auf und überprüfe es.«

»Moni arbeitet doch bei der Gemeindeverwaltung in Karlingen. Das heißt, sie arbeitet nicht dort, sie ist dort.«

»Worin liegt da der Unterschied?«

»Bei der Gemeindeverwaltung arbeitet man nicht, da ist man. Das Wort Arbeit ist da verpönt. Vermutlich ist das bei allen öffentlichen Ämtern so ...«

»Komm zum Thema, Alfie.«

»Also, in Karlingen ist vor etwa zwei Wochen eine alte Frau gestorben. Sie hieß Veronika Ludwig. Da die Frau in den letzten zwei Jahren schlecht zu Fuß war, sah Moni jeden Tag bei ihr rein. Du musst wissen, Moni ist aus Karlingen. Sie hat sich nur in Ulm die kleine Wohnung gemietet, weil sie endlich auf eigenen Füßen stehen wollte.«

Alfie schwieg, und ich wartete.

»Bei ihren täglichen Besuchen bei der alten Dame erfuhr Moni von ihr, dass da noch eine Nichte in Berlin leben soll. Bei der Gemeindeverwaltung wurde der Todesfall aber so behandelt, als gäbe es keine Verwandten mehr. Das Vermögen fiel an die Gemeinde.«

»Hat Moni dem Bürgermeister von der Nichte berichtet?«

»Hat sie. Aber der sagte, er wisse nichts von einer Nichte, wolle sich aber darum kümmern. Zwei Tage später habe er ihr erklärt, die Suche nach der Nichte erweise sich als sehr schwierig, weil man nicht einmal den richtigen Namen wisse. Damit konnte Moni auch nicht dienen. Aber es ärgerte sie, dass der Todesfall nach wie vor so behandelt wurde, als gäbe es keine Verwandten. Der Tod der alten Dame kam der Gemeinde natürlich sehr gelegen.«

»Was hat die Gemeinde für einen Vorteil von ihrem Tod?«, erkundigte ich mich. »War die Frau sehr vermögend?«

»Ich glaube schon«, bestätigte Alfie. »Moni sagte mir, dieser Frau Ludwig hätten zwei Häuser gehört. Ein kleines am Ortsrand, in dem sie selbst wohnte, und ein großes, altes Haus in der Ortsmitte, das sie vermietet hatte. Und gerade dieses alte Haus in der Ortsmitte ist für die Gemeinde von großem Interesse. Die ehrgeizigen Gemeinderäte wollen sich gerade an der Stelle ein Denkmal setzen. Dort sollen ein Rathaus, ein Bankgebäude, ein Supermarkt und einige Büros errichtet werden.«

»Bekam die Frau Ludwig vor ihrem Tod Kaufangebote?«, wollte ich wissen.

»Natürlich. Der Bürgermeister hat sich oft genug bemüht, und ein Makler aus Karlingen auch. Aber die Frau Ludwig wollte nicht verkaufen.«

»An was ist die Frau gestorben?«

»Herzversagen.«

»Wer hat den Totenschein ausgestellt?«

»Ihr Hausarzt ...« Alfie riss die Augen weit auf. »Glaubst du etwa, man hat sie umgebracht?«

»Ich glaube gar nichts. Ich frage nur ... Wie passt Grunski zu all dem?«

»Ich weiß es nicht«, erklärte Alfie verzweifelt. »Ich sagte ja schon, es ist nur eine Vermutung. Ich habe Grunski schon ein paarmal in Karlingen gesehen. Dann der Mordanschlag auf mich, und jetzt ist Moni verschwunden ...«

»Das steht noch nicht fest.«

»Aber sie ist nicht da!«, kreischte Alfie. »Sie ist weder zu Hause noch im Büro. Wenn sie verreist wäre, hätte sie es mir gesagt.«

»Warum machst du dich nicht selbst auf die Suche?«

»Weil ich Schriftsetzer bin und kein Detektiv!«, schimpfte Alfie wütend. »Du kannst das doch besser!«

»Na schon«, seufzte ich. »Was kannst du mir noch sagen?«

»Nichts. Ist das, was ich dir erzählt habe, nicht genug?«

»Sehr dürftig. Vor allem, was Grunski angeht.«

»Was? Er bringt mich fast um, und du nennst das dürftig?«

»Grunski ist ein Schwein, deshalb heißt er Grunski«, erklärte ich Alfie. »Der tut das auch schon mal zum Spaß. Einfach nur, um Leute zu erschrecken.«

»Ach, und was hatte er dann in Karlingen zu suchen?«, fragte Alfie sarkastisch.

»Was hattest du dort zu suchen?«

»Na, hör mal! Ich habe Moni besucht. Manchmal habe ich sie auch abgeholt.«

»Und da hast du Grunski gesehen?«

»Ja. Zwei oder dreimal.«

»Wann hast du Moni zum letzten Mai gesehen?«

»Gestern Abend. Ich habe etwa gegen zehn Uhr ihre Wohnung verlassen und bin noch ins >Hollywood< gegangen. Als ich das Lokal gegen ein Uhr verließ, hat mir Grunski aufgelauert.«

»Hat dich jemand gesehen, als du von Moni weggegangen bist?«

»Ja, die Alte von nebenan.«

»Klein, schlank, Mitte fünfzig?«

Alfie sah mich erstaunt an. »Du kennst sie?«

»Es gehört zu meinem Beruf, Leute zu kennen«, erwiderte ich.

Ich streckte die Hand aus. »Gib mir jetzt die Schlüssel.«

Alfie reichte mir ein Schlüsselbund.

»Und die Kohle.«

Er zog einen Scheck unter dem Kopfkissen hervor und reichte ihn mir. Ich warf einen Blick darauf. Er war auf tausend Mark ausgestellt.

»Ah, du kennst also meine Sätze?«

»Du darfst den Scheck aber erst in drei Tagen einlösen, wenn du das Geld verdient hast«, erklärte Alfie.

»Du solltest mich eigentlich besser kennen«, meinte ich.

»He, Pit, sei nicht gleich beleidigt. Das war nicht so gemeint.«

Ich war nicht beleidigt. Man gewöhnt sich an das anfängliche Misstrauen der Klienten. Vor allem bei den sogenannten Freunden. Ich ging zur Tür. »Du hörst von mir.«

»He, Pit!«, hielt mich Alfie zurück. »Finde meine Moni.«

»Ich tu', was ich kann.«

Dann zog ich die Tür hinter mir zu.

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KAPITEL 3

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Die Treppe zu Monis Wohnung hinauf knarrte wieder laut. Als ich vor der Tür stand, sah ich mir das Schloss an und suchte unter den sieben Schlüsseln den passenden heraus. Der zweite passte.

»Was machet Sie da?«, fuhr mich plötzlich jemand von hinten an. Ich kannte die Stimme. Sie gehörte der kleinen, schlanken Frau, deren Bekanntschaft ich schon gemacht hatte.

Ich wandte mich langsam um. »Ich schließe die Tür auf.«

»Sie scho wieder!« Sie deutete auf den Schlüsselbund. »Woher habet Sie den Schlüssel?«

»Das ist doch wohl meine Sache!«

»Des isch net bloß Ihre Sache!«, herrschte sie mich an. »I bin in dem Haus der Sheriff, und mir hat jeder Rede und Antwort zu stehen.«

»Jeder schon, bloß ich nicht.«

Sie spuckte in ihre dünnen, kleinen Hände und baute sich breitbeinig vor mir auf. »Wollet Sie sich mit mir anlegen? Na, dann los! I hab keine Angst vor Ihne! I schlag Ihne die Nüsse zusammen, schneller als Sie denken können.«

Ich wich einen Schritt zurück und mimte den Geschlagenen.

»Okay, okay, Sie haben gewonnen.«

»Möcht i scho hoffen ... Also, wer sind Sie, und was wollen Sie da drin? Und vor allem: Woher habet Sie den Schlüssel?«

»Ich bin Privatdetektiv«, sagte ich und reichte ihr meine Lizenz.

»Privatdetektiv?« Sie starrte mich eine Weile ungläubig an und blickte dann auf die Lizenz. »Tatsächlich ein Detektiv! I hätt' nicht für möglich gehalten, dass es so was wirklich gibt.«

»Es gibt mich wirklich.« Ich nahm ihr meine Lizenz aus der Hand. »Darf ich?«

»Und was wollet Sie da?«

»Ich muss nachsehen, ob Monika Weiß zu Hause ist.«

»Die isch net da!«, platzte sie heraus.

»Woher wissen Sie das?«

»I weiß alles, was in dem Haus passiert.«

»Wann ist sie weggegangen?«

»Letzte Nacht, so gegen halb elf.«

»War sie allein?«

»Bis zehne war ihr Macker do.«

»Ich meine, als sie wegging.«

»Da war sie allein. Ich hab' se zwar net gesehen, aber es hat sich angehört, als war' bloß eine Person auf der Trepp'. Und ich hör' no recht guat, Herr ... Wia war jetzt der Name?«

»Fetzer. Pit Fetzer ... Haben Sie eine Ahnung, warum sie um diese Zeit noch wegging?«

»Hab' i.«

»Und? Dürfte ich das erfahren?«

»I hab' mal in einem Film gesehen, dass dia Detektive für Informationen aus erschter Hand guat zahlen.«

»Man sollte alle amerikanischen Kriminalserien aus dem Programm streichen«, seufzte ich. Ich hatte für solche Fälle immer einen Fünfer oder Zehner in der Tasche. Ich gab ihr den Fünfer.

»Wenig«, sagte sie. »Herzlich wenig. Ob i mi für so wenig noch genau erinnern kann ...«

»Hören Sie«, sagte ich. »Sie sind doch eine intelligente Frau. Sie wissen doch, dass Film mit der Realität überhaupt nichts zu tun hat ...«

»Da hend Sia recht«, unterbrach sie mich grinsend. »En der Wirklichkeit, also em richtiga Leaba, da wird no mehr gschmiert, als ma sich vorstella kann. Gucken Sie bloß nei in d' Zeitung ...«

»Okay, okay, schon gut.« Ich nahm ihr den Fünfer aus der Hand und legte den Zehner hinein. »Also, warum ist sie weggegangen?«

»Wenn se jetzt den Zehner mit dem Fünfer beschweren, dann fällt es mär bestimmt ein.«

Ich hatte keinen Moment geglaubt, dass sie mit dem Fünfer oder Zehner zufrieden sein könnte. Deshalb hatte ich das Fünfmarkstück noch in der Hand behalten. Ich legte es ihr auf den Zehner.

»Sie hat en Anruf kriagt.«

»Das wissen Sie genau?«

»Ganz genau. Mir wohnet doch Wand an Wand, und sie hat ihr Telefon genau an der Wand, an der i mei Sofa standa hab'. Und wenn i da sitz', hör' i emmer ihr Telefon schnarra.«

»Und was sie gesprochen hat, haben Sie auch gehört.«

»Fehlanzeige. Des hab' i net höra könna. Aber sie isch glei nach dem Anruf wegganga.«

»Und wann ist sie wieder zurückgekommen?«

»Bis jetzt net.«

»Gut. Darf ich jetzt hinein?«

»Se isch net da.«

Ich seufzte. »Das sagten Sie schon. Dürfte ich mich selbst davon überzeugen?«

»Wenn Se meinet ... Aber bloß, wenn i drbei sei darf.«

»Ich nehme an, es hat keinen Sinn, Sie davon zu überzeugen, dass ich das alleine machen muss.«

»I bewundere Ihren Scharfsinn.«

»Wissen Sie, ich bin Detektiv.« Ich drehte den Schlüssel im Schloss und stieß die Tür auf. Der Korridor war schmal und leer. Nur an der linken Wand waren drei Kleiderhaken befestigt. Am vorderen hing ein roter Regenmantel. Darunter standen zwei Paar flache Frauenschuhe.

Vor dem Mantel führte eine Tür ins Bad. Es war ein einfaches Bad. Eine weiße Wanne aus Metall, ein weißes Waschbecken, eine Kloschüssel. Über der Wanne hing Damenunterwäsche Größe vierzig oder zweiundvierzig. Am Wannenrand hingen zwei Handtücher. Ein weiteres Handtuch lag zusammengeknüllt im Waschbecken. Ich nahm es heraus und zog es auseinander. Es roch nach Schweiß. Sonst war nichts zu sehen.

Die Küche war sauber aufgeräumt. Im Spülbecken standen zwei Gläser. Es gab noch einen Hängeschrank, eine Kommode, einen Elektroherd, einen Tisch mit drei Stühlen und einen halb gefüllten Abfalleimer. Es roch leicht nach Putzmittel, als wäre die Küche erst vor Kurzem gereinigt worden.

Das Wohnzimmer war klein und ebenso spärlich möbliert wie die Küche. Ein Sofa, ein Sessel, ein kleiner, alter Schrank mit Glastüren und ein kleiner Schwarz-Weiß-Fernseher.

Im Schlafzimmer standen ein altes, ziemlich ramponiertes Doppelbett und ein schmaler Schrank, der nicht zum Bett passte. Auf den ersten Blick schienen keine Kleider zu fehlen.

Von Monika war nichts zu sehen.

»Sie ist nicht da«, erkannte ich.

»Bravo«, sagte die Frau.

Ich wandte ihr den Rücken zu und schob die wenigen Kleidungsstücke im Schrank hin und her.

»Da fehlt nix«, erklärte die Frau.

»Woher wollen Sie das wissen?«

»Sie hot koin Koffr drbei ghabt, als se ganga isch.«

»Ach was«, erwiderte ich spöttisch. »Ich dachte, Sie haben Sie gar nicht gesehen, als sie ging.«

»Hab' i au net. Aber wenn sie einen Koffer dabei ghabt hätt', hätt' i des an ihrem Schritt ghört.«

»Aha.« Ich ging ins Wohnzimmer hinüber. Sie folgte mir. Das Telefon hatte ich vorher nicht gesehen. Es stand auf einem kleinen Brett, das mit einem Winkeleisen an die Wand geschraubt war. Ich nahm den Hörer ab.

Die Frau deutete auf das Brett. »Sehet Sie, deshalb hör' i des zwar klingeln bei mir drüba, aber i ka dann net hören, was gschwätzt wird.«

»Das ist mir jetzt auch klar«, sagte ich und begann zu wählen.

»Wollet Sia eigentlich net wisse, wie i heiß'?«, erkundigte sich die Frau.

»Ich frage Sie, wenn ich es für nötig halte.«

»I halt' des für nötig.« Sie sah mich auffordernd an.

Ich hatte die Nummer des Krankenhauses gewählt und wartete.

»Na, was is?«

Ich gab ihr keine Antwort. Eine Frau meldete sich in der Telefonzentrale der Uni, und ich verlangte Alfred Schöner.

»I heiß' Maria Fuchsberger«, erklärte die Frau.

»Das wusste ich schon«, grinste ich.

»Das hätt' i jetzt au gsagt.«

»Wir Detektive sind gar nicht so dumm, wie wir aussehen«, erklärte ich immer noch grinsend. »Ihr Name steht sehr deutlich an Ihrer Tür.«

»Awa, des geits jo it«, sagte Maria spöttisch.

»Wie bitte?«, fragte ich ins Telefon.

»Ach was, das gibt es ja nicht«, wiederholte sie es auf hochdeutsch.

»Der muss aber da sein«, sagte ich in den Hörer. »Fragen Sie einen der Jungs in seinem Zimmer.«

»Mit wem schwätzen Sie eigentlich? Mit mir oder mit dem Telefon?«

»Ich telefoniere, wie Sie sehen.« Und dann war Alfie am anderen Ende. »Sie ist nicht da, Alfie.«

»Es muss ihr etwas passiert sein«, jammerte Alfie. »Es muss ihr etwas passiert sein!«

»Es muss gar nichts ...«

»Du musst herausfinden, wann sie gestern Abend weggegangen ist«, sagte Alfie.

»Das habe ich schon. Sie ging um halb elf weg.«

»Aber das war ja schon eine halbe Stunde, nachdem ich gegangen bin!«

»So muss es gewesen sein.«

»Wo, zum Teufel, ist sie hingegangen?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete ich. »Ich weiß nur, dass sie einen Anruf bekommen hat?«

»Einen Anruf? Von wem?«

»Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass sie gleich nach dem Anruf weggegangen ist.«

»Von mir wissen Sie das«, sagte die Fuchsberger.

»Ja, von Ihnen habe ich das«, seufzte ich.

»Mit wem redest du da?«, schnauzte mich Alfie an.

»Ich rede mit Monikas Nachbarin«, sagte ich. »Sie hat Monika weggehen gehört.«

»Ja, ich weiß«, sagte Alfie. »Die Fuchsberger hört alles. Der entgeht nichts.«

»Sie hat nichts mitgenommen, als sie ging«, fuhr ich fort. »Ich nehme an, Monika hat sich mit dem Anrufer verabredet.«

»Mit wem sollte sie sich verabredet ...« Alfie unterbrach sich und fuhr dann mit tonloser Stimme fort. »Grunski! Dieses verdammte Schwein!«

»Gut, ich werde mich um ihn kümmern«, sagte ich.

»Tu das! Aber tu es richtig!«

»Ja.« Ich legte auf.

»Des war sichr dr Macker von der Moni«, sagte die Fuchsberger.

»Sie hätten Detektiv werden sollen.«

»I war' beschtimmt a guate Detektivin wora. I riech's nämlich förmlich, wenn was stenkt.«

»Stellen Sie sich vor, wenn es stinkt, rieche ich es auch.«

»Sia solltet sich net über mi luschtig macha.«

»Ich werde mich hüten.«

»I nehm' an, er war der Anrufer net.«

»Er sagt nein.«

»Hat er a Idee, wer's gwesa sei könnt'?«

»Ich glaube nicht, dass Sie das was angeht«, sagte ich und schob sie zum Ausgang.

»Sie send net sehr kooperativ«, beschwerte sich Frau Fuchsberger.

»Das mag sein«, gab ich zu und drängte sie weiter zur Tür.

Sie blieb im Korridor stehen und drehte sich zu mir um.

»Stellet Sie sich vor, Sia habet morga wieder a paar Fraga an mi, und i geb' Ihne koi Antwort.«

»Das wäre fatal«, seufzte ich.

»Sehet Sie! Sehet Sie! Sia brauchet mi. Also, eine Hand wäscht die andere. Sia saget mir, wen der Alfie em Verdacht hat, und i helf' Ihne bei de Ermittlunga.«

»Großartig!«, stöhnte ich. »Ich liebe Amateurdetektive.«

»Um Gottes willa, Sia müßet mi net lieba! Sonscht wellet Sia bloß alle Auskünft umsonscht. Und i vrdien mir nebabei gern a paar Mark.«

Es war sinnlos. Ich wusste, ich würde sie nicht loswerden, solange ich ihr nicht was zukommen ließ. Also sagte ich: »Sagt Ihnen der Name Grunski was?«

»Sagt mir nix. Scheint mir aber en wilder Knocha zu sei ... Wenn oiner scho Grunski hoißt... Hoißt der wirklich so?«

»Der heißt wirklich so. Arnulf Grunski. Aber niemand nennt ihn Arnulf.«

»Gut. I werd' meine Lauscher auf d' Reise schicka. Fraget Sia mi morga mal, was i rauskriegt hab'.«

»Hören Sie, mit Grunski ist nicht zu spaßen.« Ich fletschte die Zähne. »Die zwei falschen Zähne verdanke ich ihm.«

Sie grinste mich an. »Aha, also doch a wilder Knocha ...« Sie schlug die rechte Faust in die linke Handfläche. »Jetzt fängt dia Sach an, Spaß zu macha.«

Ich hatte sie endlich draußen und schloss die Tür ab. »Hören Sie auf mich, lassen Sie die Finger da weg.«

»Des lasset Se no mei Sorg sei, gell. Übrigens, wie erreiche ich Sie denn?« Ich drückte ihr meine Karte in die Hand. »Aber nur an rufen, wenn es etwas Wichtiges ist.«

»Nur.«

Ich hob die Hand und ging hastig die Treppe hinunter.

»Fallet Se net die Trepp' nunter!«, rief sie mir hinterher.

Ich war fest entschlossen, den Fall, falls es einer werden sollte, zu lösen, ohne diese Frau noch einmal etwas fragen zu müssen.

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KAPITEL 4

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Grunski wohnte in einer Eigentumswohnung in der Hafengasse. Heutzutage besitzen alle, die ihr Geld nicht gerade auf legale Weise verdienen, irgendwelche Immobilien. Ein Haus oder mindestens eine Eigentumswohnung. Nur Detektive haben nichts dergleichen vorzuweisen.

Auf mein Klingeln öffnete mir eine schwarzhaarige Frau, die fast nur aus Busen zu bestehen schien. Ein winziger schwarzer BH hielt die Massen notdürftig zusammen. Ansonsten trug die Frau nur noch einen schwarzen Slip.

»Was wollen Sie?«, fauchte sie mich an.

»Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie nicht Grunski sind?«, erkundigte ich mich freundlich.

»Aha, ein Witzbold!« Sie hob etwas heftig den rechten Arm und deutete zur Treppe. Ihr Busen wogte bedenklich. »Verpfeif dich!«

»Wo ist er?«

»Nicht da!« Sie wollte mir die Tür vor der Nase zuschlagen. Aber auf solche Reaktionen bin ich immer vorbereitet. Mein Fuß war schneller und verhinderte das Zuschlägen der Tür. Ich musste mich kräftig dagegenstemmen, um sie wieder ganz aufzubekommen.

Ich baute mich drohend vor ihr auf. »Hör zu, Torte, du wirst vor einem Haufen Schwierigkeiten stehen, wenn du mir nicht augenblicklich sagst, wo ich Grunski finde.«

»Wer will mir Schwierigkeiten bereiten?«, fragte sie spöttisch. »Du etwa?«

»Ich denke nicht daran«, sagte ich, mit einem Blick auf ihre beeindruckenden Brüste. »Das wird Grunski schon besorgen.«

»Was willst du von ihm?«

»Geschäfte. Dringende, unaufschiebbare Geschäfte. Wenn ich Grunski nicht bald finde, mache ich sie mit einem anderen, und das wird dir Grunski nie verzeihen.«

»Woher weiß ich, dass du koscher bist?«

»Du kennst ihn noch nicht lange, nicht wahr?«

»Ich kenne ihn lange genug.«

»Gehst du für ihn anschaffen?«

»Wenn du eine Nummer brauchst, such dir eine Nutte!«, fuhr sie mich an.

Ich stand halb im Korridor, deshalb hörte ich die Schritte draußen zu spät. Als ich mich umdrehte, stand Harald Menge schon vor mir. Menge gehörte zu Grunskis Freunden oder Geschäftspartnern. Er war klein und drahtig, hatte ein schmales Gesicht und eine große Nase.

»Sieh mal einer an, der zahnlose Detektiv«, spottete Menge.

»Was ist der? Detektiv?« Der schwarzhaarige Fleischberg sah mich angriffslustig an. »Und mir wollte er weismachen, er mache Geschäfte mit Grunski.«

»Soso, Geschäfte.« Menge schob mich weiter in die Wohnung und warf die Tür zu. »Das einzige Geschäft, das der täglich macht, macht der auf dem Scheißhaus. Ansonsten ist er nichts weiter als ein Möchtegern-Detektiv, ein mieser Schnüffler und ein hinterhältiger Fenstergucker ...«

»Halte dich zurück, Nasenbär«, brummte ich gelangweilt. »Sonst mache ich deine Nase um einen Meter kürzer.«

Menge war für den gefährlich, der ihn nicht kannte und ihn unterschätzte, ich kannte ihn. Ich wusste, dass er seinen Gegner als Erstes in die Eier trat. Also machte ich blitzschnell einen kleinen Schritt nach hinten, packte seinen Fuß, als er kam, riss ihn hoch und drehte ihn gleichzeitig. Menge fiel unsanft auf die Schnauze, und ich steifte meinen rechten Fuß sofort in sein Genick.

»Beweg dich nicht, Nasenbär«, sagte ich. »Es könnte das Letzte sein, das du tust.«

Menge lag flach auf dem Bauch, die Arme nach vorn ausgestreckt und rührte sich nicht. Die Schwarzhaarige bewegte ihre Massen auf mich zu.

»Bleib mir vom Leib!«, warnte ich sie. »Noch ein Schritt, und ich könnte mich veranlasst sehen, zuzutreten.«

»Du bringst ihn ja um!«, schrie sie entsetzt.

»Das tu' ich bestimmt, wenn du nicht dort stehen bleibst, wo du jetzt bist.« Ich wandte mich an Menge. »Wo ist Grunski?«

»Isch weisch esch nisch«, kam es dumpf und undeutlich von unten.

»Und was ist mit dir, Torte?«

»Ich habe keine Ahnung, ich schwör's!«

»Wann hast du ihn zum letzten Mal gesehen?«

»Heute Morgen. Er ging gegen neun weg.«

»Und er hat nicht gesagt, wohin er will?«

»Das sagt er mir nie.«

Ich wandte mich wieder an Menge. »Und was äst mit dir, Nasenbär? Warm hast du ihn zuletzt gesehen?«

»Vor einer Wosche«, sagte Menge. Er log natürlich. Ich verlagerte mein Gewicht etwas mehr auf das rechte Bein, und Menge schrie auf. Er verbesserte sich und sagte vor drei Tagen und das sei die Wahrheit.

Mehr war aus den beiden nicht herauszubringen. Ich nahm meinen Fuß aus seinem Genick.

»Bleib liegen, Langnase. Wenn die Tür hinter mir zufällt, kannst du aufstehen.«

»In deiner Haut möchte ich nicht stecken, wenn Grunski dich in die Finger kriegt«, sagte Miss Riesenbusen.

»Er macht Haschfleisch aus ihm«, nuschelte Menge, aber er blieb brav liegen.

»Das lasst nur meine Sorge sein.« Ich ging hinaus und warf die Tür hinter mir zu.

Für die Gemeindeverwaltung in Karlingen war es zu spät, und für ein Bierchen in einer Kneipe des Dorfes war es zu früh. Also fuhr ich nach Hause. Als ich vor dem Haus in der Nähe des Zundeltores aus dem Wagen stieg, verspürte ich wieder den üblichen Hunger. Ich hatte stets Hunger, wenn ich hier aus dem Wagen stieg.

Der Tisch war wie immer gedeckt. Ich habe meine Mutter schon oft gefragt, woher sie wisse, wann ich zum Abendessen käme. Sie hat mir jedes Mal darauf geantwortet, ich komme doch immer um dieselbe Zeit. Und das stimmte wirklich nicht. Ich kam manchmal schon um fünf und manchmal erst um sieben. Trotzdem stand immer das Essen auf dem Tisch, und der Tee war frisch aufgebrüht.

»Du hast es wieder mal erraten«, sagte ich.

»Vielleicht liegt es einfach daran, dass ich die Mutter eines Detektivs bin«, erklärte sie.

»Das wird es sein«, sagte ich und machte mich über das Essen her. Es gab Rinderbraten mit Spätzle und einer köstlichen Soße.

»Du solltest dir langsam ein besseres Immitsch zulegen«, meinte sie, während sie mir beim Essen zusah. »So wie die Detektive im Fernsehen.«

Ich seufzte. »Verschone mich damit, Mama. Ich habe genug Image. Mehr brauche ich nicht.«

»Du solltest wirklich auf mich hören«, fuhr sie unbeirrt fort. »Mit Immitsch meine ich, dass du dir einen besonders originellen Hut anschaffst oder einen Vogel in dein Büro stellst ...«

»Mama, die Detektive im Fernsehen haben meistens einen Hund oder eine Katze oder einen Vogel. Und ich habe dich.«

»Aber das ist doch nicht dasselbe ...«

»Nein, natürlich nicht. Aber ich bin ja auch ein anderer Detektiv.«

»Oooch, du nimmst mich nicht ernst.«

»Ich nehme dich viel zu ernst, Mama. Und jetzt ist Schluss mit dem Thema!«

»Na schön, wenn du dir nicht helfen lassen willst ...«

»Du hilfst mir schon genug, Mama. Immer wenn ich komme, steht das Essen auf dem Tisch. Das ist genug.«

»Ich könnte dir noch mehr ...«

»Danke, Mama. Du tust genug für mich. Du nimmst ja auch noch Telefonanrufe für mich entgegen ... Übrigens, heute bin ich wieder nirgends erreichbar. Ich rufe dich gegen zehn Uhr an, falls es etwas Wichtiges gibt.«

»Wo bist du denn heute Abend?«

»In Karlingen.«

»In Karlingen? Oh, dann musst du aber unbedingt Marlene Mühe von mir grüßen. Ich habe sie schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen.«

Ich seufzte wieder. »Ja, Mama, wenn ich Zeit habe ...« Und dann fiel mir was ein: »Sag mal, Mama, du warst doch schon ein paarmal bei deiner Freundin. Habt ihr mal über eine Veronika Ludwig gesprochen?«

»Ludwig? Veronika Ludwig? Nicht dass ich wüsste.«

»Okay, schon gut.«

»Ich kann Marlene anrufen, wenn du willst.«

»Nicht nötig. Ich fahre bei ihr vorbei. Ich muss sie ja ohnehin von dir grüßen.«

»Wehe, du vergisst es.«

Ich versprach ihr, dran zu denken.

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KAPITEL 5

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Marlene Mühe gehörte offensichtlich nicht gerade zu den Frauen, die über alles Bescheid wussten. Aber sie freute sich, mich zu sehen.

»Wie geht es denn Ihrer Mutter?«, erkundigte sie sich.

»Gut«, antwortete ich. »Es geht ihr ausgezeichnet. Ich schone sie auch, wo ich kann.«

»Das hoffe ich doch. Sie ist nämlich eine herzensgute Frau.«

»Ja, das weiß ich«, sagte ich. »War das Veronika Ludwig auch?«

»Mein Gott, da fragen Sie mich was. So gut kannte ich sie eigentlich nicht. Ihre Mutter kenne ich besser.«

»Was wissen Sie von ihr?«

»Von Ihrer Mutter?«

»Nein, von der Ludwig.«

»Nicht viel. Sie wurde vergangene Woche beerdigt.«

»Stimmt es, dass die Gemeinde an einem ihrer Häuser interessiert war?«

»Also, davon weiß ich nichts. Hatte sie denn mehrere Häuser?«

Hier war ich ganz offensichtlich falsch am Platz. »Gibt es jemanden, den die Ludwig gut gekannt hat?«

»Oh ja, das weiß ich zufällig. Der Herbst war oft bei ihr. Thomas Herbst. Er wohnt in einem alten Haus in der Stadtmitte.«

»Gut, ich werde ihn mal aufsuchen. Vielen Dank, Frau Mühe.«

Ich verabschiedete mich und versprach ihr, das nächste Mal meine Mutter mitzubringen.

Das Haus von Thomas Herbst gehörte zu den ältesten Häusern der Gemeinde. Es hatte kleine Fenster mit grünen Fensterläden. Die Haustür hing etwas schief in den Angeln. Eigentlich hatte das ganze Haus eine leichte Schräglage. Vor der Treppe, die zur Haustür führte, befand sich ein schmaler Graben. Ein Brett führte über den Graben zur Tür. Es gab einen Klingelknopf, aber die Klingel funktionierte nicht. Ich klopfte ein paarmal an die Tür und an eines der Fenster. Aber es schien niemand zu Hause zu sein.

Eine junge Frau mit einem kleinen Kind kam vorbei.

»Wissen Sie, wo ich den Herrn Herbst finden kann?«, erkundigte ich mich freundlich.

»Der wird irgendwo seine Biersuppe zu sich nehmen«, antwortete die Frau. Das Kind starrte mich mit großen Augen an.

»Wissen Sie auch, wo?«

»Keine Ahnung. Irgendwo. Der ist in allen Kneipen zu Hause. Wenn Sie ihn finden wollen, müssen Sie alle Kneipen abklappern. Aber wir haben ja nur zehn.«

Sie ging einfach weiter.

»Danke!«, rief ich ihr hinterher.

Sie hob nur kurz die Hand, ohne sich umzudrehen.

Ich begab mich auf die Suche nach Kneipen. Etwas anderes fiel mir im Moment nicht ein.

Die erste Kneipe, die ich betrat, war eine typische Dorfschenke. Gegenüber der Theke saßen zwei Männer in blauen Arbeitsanzügen am Tisch. Der eine saß vornübergebeugt und sabberte in sein Bierglas. Der andere hatte seinen Kopf auf eine Hand gestützt. Die Finger lagen an seinem Ohr. Zwischen den Fingern qualmte eine selbst gedrehte Zigarette. Es sah aus, als würde er aus dem Ohr rauchen.

»Ist einer von Ihnen Thomas Herbst?«, fragte ich.

»Wer will das wissen?«, fragte der mit der Zigarette, ohne seine Sitzstellung zu verändern.

»Ich.«

»Dann leck mich am Arsch.«

»Sie sind sehr freundlich.«

»So bin ich halt.«

»Also ist keiner von Ihnen Thomas Herbst.«

»Wer sagt das?«

Hinter der Theke erschien eine kleine, schlanke Frau mit kurzen Haaren und breitem Mund. Ihr linkes Auge war blutunterlaufen.

»Was willsch trenka?«, erkundigte sie sich nicht gerade besonders freundlich.

»Ich suche Thomas Herbst.«

»Der wohnt net da!«

»Das weiß ich. Aber er verkehrt doch manchmal hier.«

»Na und?«

»Ist er heute hier?«

»Sehet Sie ihn?«

»Vielen Dank für die freundliche Auskunft«, erwiderte ich sarkastisch und wandte mich zur Tür.

»Also wellet Sie nix trenka?«

»Danke, ich bin für heute bedient.«

»Ich habe doch gewusst, dass das ein Arschloch ist«, sagte der mit der Zigarette.

Dann war ich endlich draußen und atmete tief durch. Ich war noch nicht lange genug in meinem Beruf tätig, um mich an so liebe Mitmenschen gewöhnt zu haben. Es kostete mich noch sehr viel Überwindung, in solchen Situationen ruhig zu bleiben.

In der nächsten Kneipe gefiel es mir schon viel besser. Es waren fast ausschließlich junge Leute da. Ich schwang mich auf einen Barhocker, und noch bevor ich etwas zu trinken bestellt hatte, stieß mich jemand von der Seite an.

»He, Pit, was machst du denn hier?«

Ich blickte in das Gesicht eines jungen, hübschen Mädchens. Sie mochte vielleicht siebzehn oder achtzehn sein. Irgendwie kam sie mir auch bekannt vor, aber ich wusste nicht, woher ich sie kannte.

»Hilf mir mal. Ich weiß, ich müsste dich kennen, aber im Moment weiß ich nicht, woher.«

»Café Samuel, Ulm. Ich war dabei, als Grunski dir zwei Zähne ausschlug«, sagte das Mädchen.

»Oh Gott!«, stöhnte ich. »Da hast du mich an einem meiner schlechtesten Tage kennengelernt. Ich bin im Allgemeinen besser drauf.«

»Das dachte ich mir schon«, erklärte sie. Es klang ehrlich. »Wir haben gehört, dass du Kerle wie den eigentlich zum Frühstück verspeist.«

»Du lieber Himmel, mit wem habt ihr geredet?«

»Mit Mac. Er war auch dabei ...«

»Richtig. Jetzt erinnere ich mich wieder.« Mac, der eigentlich Marcus Mäckler hieß, war einer jener Freunde, die ich hatte, wenn ich bei Kasse war oder wenn er mich brauchte. Allerdings zählte er zu denen, die mir manchmal sogar ein Bier spendierten. »Du warst aber damals nicht allein. Du hattest einen Typ bei dir.«

»Richtig. Jimmi. Er sitzt da hinten. Komm doch mit an unseren Tisch. Wir wollten ohnehin schon lange mal mit dir reden. Du bist doch Detektiv, oder?«

»Um was geht es denn?«, erkundigte ich mich vorsichtig.

»Komm mit.« Sie packte mich am Arm und zog mich vom Hocker. »Das lässt du dir am besten von Jimmi erzählen.«

Ich rief dem Wirt hinter der Theke zu, er solle mir ein Pils einschenken.

Dann ließ ich mich von dem Mädchen nach hinten zu einem Tisch führen, an dem zwei Jungen und ein Mädchen saßen. Jimmi erkannte ich sofort, und er erkannte mich.

»Kennst du den noch?«, sagte das Mädchen zu Jimmi.

»Und ob ich den kenne.« Er reichte mir die Hand. »Hallo, Pit! Hast du Heidi sofort erkannt?«

»Sie hat mich erkannt.«

»Das ist Pit Fetzer, der Detektiv, von dem ich euch schon erzählt habe«, stellte mich Jimmi vor. Eigentlich wusste ich nicht so recht, wie mir geschah. Dass man mich hier in diesem Dorf als Detektiv kannte, sprach nicht unbedingt für mich. Als Detektiv hatte man da so seine Schwierigkeiten. Einerseits sollte man möglichst bekannt sein und einen guten Ruf haben, um an Aufträge zu kommen. Andererseits sollte man so unbekannt wie möglich sein, um ungestört seine Aufträge ausführen zu können. Hier kannten mich jetzt schon vier Leute.

»Dir haben sicher die Ohren geklingelt, so oft haben wir über dich geredet«, sagte Jimmi.

»Ach Gott, so schlimm war es nicht«, erklärte ich. »Und die beiden Schneidezähne wollte ich mir sowieso ziehen lassen.«

Sie lachten alle vier, und ich zog mir einen Stuhl heran.

»Wir haben nicht schlecht über dich geredet«, beruhigte mich Heidi. »Ehrlich nicht. Wieso sollten wir auch? Mac hat gesagt, du wärst in Ordnung.«

Na, wenigstens etwas.

Jimmi sagte: »Wir haben über dich geredet, weil wir überlegt haben, ob wir dich anrufen sollen.«

Ich sagte nichts, ich sah Jimmi nur an.

»Erzähl du's«, wandte sich Jimmi an den anderen Jungen. Er hatte blonde Haare, ein rundes, sympathisches Gesicht und eine kräftige Figur. »Das ist Martin Heine. Er hatte die Idee, dich anzurufen. Er würde dich auch bezahlen.«

Ich sah Martin interessiert an.

»Dieser Grunski handelt mit Koks und Heroin«, sagte Martin.

»Das ist nicht neu«, erwiderte ich. »Aber habt ihr Beweise?«

»Wir könnten welche beschaffen. Das heißt, wir könnten es so drehen, dass du bei einem Deal Augenzeuge wirst.«

»Das klingt schon mal recht gut«, sagte ich. »Aber das dürfte eher ein Fall für die Polizei sein.«

Martins Gesicht verfinsterte sich. Er wandte sich an Jimmi. »Ich dachte, mit dem Typ könnte man reden.«

»Mit den Bullen wollen wir nichts zu tun haben«, versuchte Jimmi zu vermitteln. »Deshalb wenden wir uns ja an dich.«

»Ich nehme an, ihr habt einen Grund, weshalb ihr die Polizei ablehnt«, sagte ich betont gelangweilt.

»Tausend Gründe«, bestätigte Jimmi.

»Wir wollen eben nicht, dass die Bullen bei uns rumschnüffeln«, sagte Heidi.

»Geht ihr in Ulm zur Schule?«, erkundigte ich mich.

»Nein, hier«, sagte Jimmi. »Hier im Heger-Gymnasium.«

»Okay«, sagte ich. »Ihr zieht euch ab und zu einen Joint rein. Nicht jeden Tag. Nur so manchmal, bei kleinen Feten und mal am Abend. Ich nehme mal an, jeder von euch hat ein bisschen Gras in der Bude, und jetzt habt ihr Angst, die Polizei könnte euch den Spaß verderben, wenn sie wegen Grunski ermittelt. Und den wollt ihr weghaben, weil der mit harten Drogen handelt.«

Martin sah mich mit offenem Mund an. »Wie hast du das erraten?«

»Ich bin Detektiv«, erinnerte ich. »Und ich kenne das Leben. An anderen Schulen wird auch gekifft.«

»Steigst du ein?«, fragte Martin.

»Ungern«, sagte ich. »Sehr ungern. Die von der Fahndung haben es nicht gern, wenn man ihnen die Dealer frei Haus liefert. Die hätten es gern, wenn man sie vorher informiert. Die machen mir auch so schon genug Schwierigkeiten.«

»Wieso machen dir die Bullen Schwierigkeiten?«, erkundigte sich Jimmi erstaunt. »Du bist doch auf ihrer Seite.«

»Mach das denen mal klar«, sagte ich. »Die halten mich für einen Dilettanten, weil sie eine Polizeischule besucht haben. Nur, die richtige Nase, die kriegen sie nicht, und wenn sie tausend Jahre zur Schule gehen.«

»Und du hast die richtige Nase?«, fragte Martin.

»Bis jetzt hat sie mich am Leben gehalten«, erklärte ich.

»Ich würde es mich fünf Hunderter kosten lassen, wenn wir diesen Grunski los wären«, erklärte Martin. »Er versaut uns die ganze Schule. Drei hängen schon an der Nadel. Wenn die Lehrer dahinterkommen, ist es aus mit dem schönen Leben. Dann gibt es nur noch täglich Razzien, keine Feten und keinen Budenzauber, und vor allem kein Gras und kein Alkohol mehr. Aber das brauchst du hier, um dir wenigstens ab und zu die Birne vollzuhauen. Grunski ist uns dabei im Wege. Und die drei, die an der Nadel hängen, kriegen wir wieder clean.«

Mein Bier kam, und wir schwiegen. Dann meinte ich: »Das klingt nicht schlecht, wie ich schon sagte. Aber ich bin hinter Grunski wegen einer anderen Sache her. Und wenn ich ihn jetzt wegen Heroinhandel hinter Gitter bringe, dann werde ich wohl nie erfahren, ob er bei der anderen Sache seine Finger mit im Spiel hatte.«

»Ist die andere Sache so wichtig?«, fragte Heidi erstaunt.

»Sehr wichtig«, bestätigte ich.

»Kannst du nicht beides miteinander verbinden?«, fragte Martin.

»Nicht gut«, sagte ich. »Ich weiß ja nicht mal, ob er in der anderen Sache drinhängt. Hat es nicht noch eine Weile Zeit?

»Was ist für dich eine Weile?«, wollte Martin wissen.

»Ich weiß nicht. Eine Woche vielleicht.«

»So lange hat es Zeit.«

»Wann liefert Grunski das nächste Mal?«

»Den Termin bestimmen wir«, sagte Martin.

»Gut, ich melde mich. Wo erreiche ich euch?«

»Einer von uns vier ist jeden Tag hier in der Kneipe anzutreffen«, sagte Jimmi.

»Okay.« Ich trank mein Bier aus. »Ihr hört von mir. Zahlen!«

Martin sagte: »Das übernehme ich.«

»In Ordnung, danke.« Ich erhob mich und kam noch mal zurück. »Kennt einer von euch einen Thomas Herbst?«

»Was willst du von dem?«, fragte Jimmi. »Das ist doch ein Alki.«

»Nichts weiter«, sagte ich. »Nur ein paar Fragen.«

»Geht es etwa um das Bauvorhaben der Gemeinde?«, erkundigte sich Martin neugierig.

»Was wisst ihr darüber?« Ich setzte mich wieder.

»Nichts«, sagte Martin. »Nur was die Leute reden.«

»Die sagen, die alte Ludwig ist nicht von alleine gestorben. Man vermutet, dass da jemand nachgeholfen hat.«

»Und wer könnte da nachgeholfen haben?«, erkundigte ich mich ruhig.

»Keine Ahnung«, erwiderte Jimmi. »Die Politik hier in der Stadt kümmert uns wenig. Vielleicht waren es die Leute von der Supermarktkette.«

Details

Seiten
200
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738915327
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
ulmer erbschaft

Autor

Zurück

Titel: Die Ulmer Erbschaft