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Tony Ballard #110: Im Reich der Seehexen

©2017 120 Seiten

Zusammenfassung



Im Reich der Seehexen

Tony Ballard Nr. 110

Teil 2/2

von A.F.Morland

Tony Ballard ist der Dämonenhasser. Er kämpft gegen die Mächte der Finsternis und begegnet dem Unfassbaren. Vampire, Dämonen, Werwölfe und andere Kreaturen der Schattenwelt sind seine unbarmherzigen Gegner. Erfolgsautor A. F. Morland schuf diese einzigartige Horror-Serie, die jetzt endlich auch im E-Book vorliegt.

Leseprobe

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Im Reich der Seehexen

Tony Ballard Nr. 110

Teil 2/2

von A.F.Morland

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Tony Ballard ist der Dämonenhasser. Er kämpft gegen die Mächte der Finsternis und begegnet dem Unfassbaren. Vampire, Dämonen, Werwölfe und andere Kreaturen der Schattenwelt sind seine unbarmherzigen Gegner. Erfolgsautor A. F. Morland schuf diese einzigartige Horror-Serie, die jetzt endlich auch im E-Book vorliegt.  

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild Michael Sagenhorn

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Im Reich der Seehexen

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Eliott Hyams rümpfte seine Knollennase, Er lehnte an der Reling und schaute in die Ferne. Morgennebel lagen auf dem Meer, dessen dunkelgrüne Fluten von einer sanften Dünung bewegt wurden.

Hyams fröstelte. Der Tag war noch jung. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber sie kündigte ihr Erscheinen im Osten bereits an.

Es würde wieder ein herrlicher Tag werden, ohne eine Wolke am azurblauen Himmel.

Ein Tag aber auch, der Angst und Schrecken über die Männer bringen würde, die sich an Bord der SIRENA befanden - und das schien Eiliott Hyams zu spüren.

Hyams war Engländer wie seine drei Freunde, mit denen er zusammen die SIRENA gemietet hatte. Sie befanden sich im Tirrenischen Meer, südlich von Elba und nördlich einer kleinen Insel, die sich Montecristo nannte.

Geschichtsträchtiger Böden befand sich unter ihnen - tief unter ihnen: eine versunkene Insel namens Palmiana. Zahlreiche unheimliche Sagen und Legenden rankten sich um diese Vulkaninsel. Immer wieder lockte sie abenteuerlustige Taucher an, die etwas Besonderes erleben wollten, und für so manchen wurde das Meer an dieser Stelle zum nassen Grab.

Hyams fuhr sich mit der Hand über die dicke Nase. Er besaß in Brighton ein kleines Hotel, hatte es von seiner alten Tante geerbt. Mrs. Mansfield leitete es für ihn, so daß er nur ab und zu mal nach dem Rechten zu sehen brauchte.

Die restliche Zeit verwendete er dafür, Cartoons zu zeichnen. Da er aber nicht allzuviel Talent dazu hatte, konnte er nur selten etwas davon verkaufen.

Das störte ihn nicht. Er zeichnete, weil es ihm Spaß machte. Es war sein Hobby. Und wenn es hin und wieder Geld einbrachte, war das mehr, als er eigentlich erwartete.

Jemand betrat hinter ihm das Deck. Er drehte sich nicht um. Sein verlorener Blick blieb in die Ferne gerichtet.

»Ach, hier bist du«, sagte James Wallace. Er war der Clown der Gruppe, sah großartig aus, war rotblond und machte sich einen Sport daraus, jede Frau, die er kennenlernte, aufs Kreuz zu legen. Jedenfalls versuchte er es immer wieder. Er grinste mit blitzweißen, regelmäßigen Zähnen. »Ich dachte schon, du hättest dich in die Klomuschel gestellt und selbst hinuntergespült, nach dem Motto: Lebwohl, grausame Welt!«

Elliott Hyams richtete sich seufzend auf. Wenn James in der Nähe war, war’s mit der Ruhe vorbei.

Wallace trat neben ihn. »Sag mal, hast du die ganze Nacht hier gestanden und auf die Sonne gewartet? Dachtest du, sie würde heute zur Abwechslung mal nicht aufgehen?«

»Guten Morgen, James«, sagte Hyams.

»Wie lange stehst du schon hier, Alter?« fragte Wallace.

»Ungefähr eine Stunde. Ich konnte nicht mehr schlafen. Irgend etwas beunruhigt mich«, sagte Hyams.

»So? Was denn?«

Elliott Hyams zuckte mit den Schultern. »Es kommt aus der Tiefe. Es steigt hoch, und ich kann es spüren.«

»Ich spüre nichts.«

»Weil du eine Haut hast, die dicker ist als die eines Nilpferds«, sagte Hyams. »Aber ich bin sensibel.«

»Klar, du bist unser Künstler«, sagte Wallace schmunzelnd. »Künstler müssen sensibel sein.« Er legte dem Freund den Arm um die Schultern und drückte ihn herzlich an sich. »Nun verrat mir mal, was dir dein privates Echolot signalisiert. Kommt Palmiana, die versunkene Insel, wieder hoch? Es wäre nicht das erstemal, daß eine Insel wieder auftaucht. Menschenskind, vielleicht stehen wir mit unserem alten Kahn bald auf trockenem Boden. Das wär’n Ding.« Elliott Hyams zog die Augenbrauen zusammen. »Wir sollten da nicht hinuntergehen«, sagte er düster. »Das ist gefährlich.«

»Tauchen ist immer gefährlich«, erwiderte Wallace. »Aber nur für Anfänger, und das sind wir nicht.«

Hyams starrte in die dunklen Fluten. »Dort unten ist etwas. Es wartet nur darauf, zuzuschlagen.«

Wallace kniff die Augen zusammen. »Haie? Meinst du Haie? Verdammt, ich mag diese Biester nicht. Sie sind blutrünstige Killer, die in ihrer Gier alles verschlingen, was sie sehen. In Kalifornien sollen sie einen Hai gefangen haben, in dessen Magen sich sogar zwei Autokennzeichen befanden.«

»Ich spreche nicht von Haien«, sagte Hyams ernst.

Wallace lachte. »Du willst mir Angst machen, wie?«

Die Sonne ging auf.

»Da ist sie«, sagte James Wallace. »Du hast auf sie gewartet. Nun ist sie da, und du kannst hinunterkommen. Es gibt Frühstück - alles frisch aus der Dose. Mann, wie ich das liebe. Wenn es doch nur Miezen in Dosen gäbe - ich wäre wunschlos glücklich. Aber da verlange ich wohl zuviel vom Leben.«

Elliott Hyams’ Blick war immer noch auf das Wasser gerichtet.

»Reiß dich davon los, Alter«, sagte James Wallace heiter. »Glaub mir, da ist nichts, was dich beunruhigen müßte. Vor einer Stadt, die ersoffen ist, brauchst du dich nicht zu fürchten.«

»Niemand von uns sollte da hinuntergehen«, sagte Hams.

Wallace lachte. »Du tickst wohl nicht richtig. Genau das ist der Grund, weshalb wir hier sind.«

***

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WIR BEFANDEN UNS IN der Vergangenheit, und keiner von uns wußte, welches Jahr man schrieb. Es war zwischen Gut und Böse zu so großen Spannungen gekommen, daß ein Riß in der Zeit entstanden war, und das hatte sich ein Dämon namens Clessius zunutze gemacht.

Er hatte im antiken Rom eine Gladiatorenschule geleitet und sich Menschen aus der Zukunft geholt, um zu sehen, wie sie kämpften.

Nun, es war uns gelungen, Clessius zu vernichten, doch als wir in das Rom des zwanzigsten Jahrhunderts zurückkehren wollten, hatte sich herausgestellt, daß sich der Zeitriß wieder geschlossen hatte. Es gab ihn nicht mehr, und wir waren Gefangene in der Vergangenheit.

Noch waren Clessius’ Gladiatoren konfus, weil wir einen unmöglichen Sieg errungen hatten. Ich hatte den Echsendämon mit meinem Dämonendiskus geschafft, und nun standen seine kraftstrotzenden Kämpfer dumm herum, aber es würde wohl nicht allzu lange dauern, bis sie sich von dem Schock erholt hatten, und dann würden sie mit Sicherheit alles daransetzen, um Clessius’ Tod zu rächen.

Wir waren durch einen Anruf in dieses turbulente Abenteuer geraten. Ein Ganove namens Orson Vaccaro hatte sich mit mir in Verbindung gesetzt und behauptet, er kenne Jubilees Vater. Für viel Geld wäre Vaccaro bereit gewesen, mir dessen Namen zu verraten.

Ich hatte mich zusammen mit Mr. Silver nach Rom begeben. Und wir hatten erfahren, daß Vaccaro entführt worden war. In der Via Diavolo! Und nicht von Gangstern, sondern von Gladiatoren!

Es war uns gelungen, Vaccaro zu folgen. Wenn ich ihm das Leben gerettet hätte, wäre er bereit gewesen, mir sein Wissen für die Hälfte der ursprünglich geplanten Summe zu nennen, aber er verlor die Nerven und brachte sich damit gewissermaßen selbst um jede Chance.

Er lebte nicht mehr. Auch Alva Morena, ein attraktives Fotomodell, hatte ihr Leben verloren. Wir wußten es nicht genau, aber wir nahmen an, daß Clessius sie getötet hatte.

Die Überlebenden hießen Renata Gallone, die Brüder Giuliano und Carmine Rovere, Mr. Silver und ich, Tony Ballard.

Soeben hatte Mr, Silver festgestellt, daß wir hier nicht mehr in unsere Zeit zurückkehren konnten, und Renata Gallone weinte unglücklich. Sie war blond und blauäugig, eine Seltenheit für eine Italienerin.

Obwohl sie gewußt hatte, daß es gefährlich war, die Via Diavolo zu betreten, hatte sie darauf bestanden, sich mit ihrem Freund Giuliano dort zu treffen.

Wie immer hatte sie ihren Dickkopf durchgesetzt. Inzwischen hatte sie das längst bereut und geschworen, anders zu werden, wenn es ihr das Schicksal erlaubte, ins Rom des zwanzigsten Jahrhunderts zurückzukehren.

Giuliano drückte ihr einen innigen Kuß auf die Stirn. »Nicht weinen, Renata. Hab keine Angst. Ich bin bei dir. Es wird alles gut.«

Bestimmt glaubte er selbst nicht so recht daran, denn seine Worte klangen nicht besonders überzeugend.

Wir befanden uns in einer Straße mit alten, einfachen Häusern, in denen niemand zu wohnen schien.

»Was nun?« fragte Carmine Rovere, Giulianos älterer Bruder. Er war Polizist, war hinter Orson Vaccaro hergewesen und hatte gesehen, wie die Gladiatoren den Verbrecher entführten.

Tja, was nun? Ich konnte ihm diese Frage nicht beantworten. Wie kommt man von der Vergangenheit in die Zukunft - zurück in die Zeit, in die wir gehörten?

Wenn einer eine Antwort darauf wußte, dann war das Mr. Silver. Der Ex-Dämon stand gewissermaßen über den Dingen, hatte einen Überblick, der uns nicht möglich war.

Wir richteten unsere fragenden Blicke auf den Hünen mit den Silberhaaren.

»Es gibt natürlich nicht nur solche willkürlich entstandenen Öffnungen im Raum-Zeit-Gefüge«, erklärte uns Mr. Silver. »Es gibt auch echte Zeittore, die immer bestehen.«

»Tore, die in unsere Zeit zurückführen?« fragte Giuliano Rovere hoffend. Mr. Silver nickte.

»Wo?« fragte der 18jährige Junge aufgeregt. »Wie viele gibt es davon? Befindet sich wenigstens ein solches Tor in unserer Nähe?«

»Kann sein«, sagte Mr. Silver. »Am Tag sind sie kaum zu finden. Aber nachts würde uns das Sternbild des Trogis den Weg weisen.«

»Hörst du das, Renata?« rief Giuliano erregt aus. »Es gibt eine Möglichkeit, zurückzukehren. Ich wußte es. Wir brauchen nur zu warten, bis es dunkel ist.«

»Und der Himmel muß sternenklar sein«, sagte Mr. Silver.

»Wir werden ein solches Tor finden«, sagte Giuliano begeistert, »Wir brauchen nicht in der Vergangenheit zu bleiben, Renata. Wenn wir uns Mr. Silver anvertrauen, wird er uns sicher in unser Rom zurückführen.« Er wischte seiner Freundin die Tränen ab.

»Es sind noch so viele Stunden bis zum Abend«, schluchzte Renata. »In dieser Zeit kann noch so schrecklich viel passieren.«

»Wir werden uns verstecken«, sagte Giuliano Rovere eifrig. »Ja, wir verstecken uns in einem dieser Häuser und warten auf den Abend. Was halten Sie davon, Mr. Silver?«

»Wäre ganz gut, wenn wir von der Straße verschwinden würden«, antwortete der Ex-Dämon und blickte sich um. »Die Sache hat nur einen Haken«, raunte er mir zu.

»Nicht schon wieder«, stöhnte ich.

Der Hüne sprach so, daß es Renata Gallone und die Rovere-Brüder nicht hören konnten: »Manche Tore sind Fallen, Sie führen nicht in eine andere Zeit, sondern ins Verderben.«

***

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JAMES WALLACE SETZTE sich. »Mann, bin ich hungrig. Ich könnte Steine fressen.«

Steve Strode, der die Rolle des Kochs übernommen hatte, lachte. »Dann tu’s doch.«

»Mit dem Verdauen hätte ich keine Probleme«, behauptete Wallace. »Aber mit dem Beißen hätte ich Schwierigkeiten. Sagt mal, erinnert ihr euch an die Bond-Filme, in denen dieser Riese mit dem Stahlgebiß mitwirkte? Solche Zähne hätte ich gestern bei deinen Frikadellen gebraucht, Steve.«

»Wenn du denkst, besser zu kochen als ich, kannst du den Küchendienst sofort antreten«, erwiderte Strode.

»Du willst wohl, daß ich die ganze Mannschaft vergifte. Meine Kochkenntnisse erschöpfen sich mit dem Öffnen einer Konservendose. Ich bringe es sogar fertig, den Tee anbrennen zu lassen. He, wißt ihr, was Elliott getan hat, während wir friedlich schlummerten? Er hat über unseren Schlaf gewacht und dafür gesorgt, daß die Sonne zeitgerecht aufgeht. Ist er nicht phantastisch? Ich finde, damit hat er sich heute eine Extraportion Schimmelkäse verdient.«

»Du weißt, daß ich keinen Schimmelkäse mag«, brummte Elliott Hyams.

»Klar weiß ich das«, erwiderte James Wallace und zwinkerte schlau. »Du sollst sehen, daß auch ich bereit bin, Opfer zu bringen. Was du nicht ißt, darfst du getrost auf meinen Teller abladen.«

»Wo ißt du das bloß hin?« fragte Steve Strode lachend.

»Keine Ahnung. Fragt unseren Arzt, Vielleicht kann er es euch erklären«, sagte Wallace. »Hallo, Doc! Wieso bist du so schweigsam heute morgen?«

»Weil einer am Tisch sitzt, der die Klappe nicht halten kann«, antwortete George Leacock. »Du läßt ja keinen anderen zu Wort kommen.«

»Na schön, wenn du was zu sagen hast, dann heraus damit. Ich halte solange die Luft an«, bemerkte Wallace.

»Für mich bist du ein medizinisches Wunder«, sagte Leacock. »Du stopfst in dich mehr hinein als wir drei zusammen und bist trotzdem nicht fett.«

»Ich bin eben ein guter Futterverwerter, Freunde. Bloß keinen Neid deswegen. Ich habe für diesen Urlaub genauso geblecht wie ihr,«

»Und nun siehst du zu, daß daraus kein Verlustgeschäft wird, nicht wahr?« sagte Steve Strode lachend. »Möchte jemand Ham and eggs?«

Leacock und Wallace zeigten auf, »Was ist mit dir?« fragte Strode den dritten Freund.

Elliott Hyams blinzelte kurz, schüttelte dann den Kopf und sagte: »Für mich gar nichts, nur Kaffee. Ich fühle mich heute nicht besonders.«

»Der Künstler tritt sein Frühstück an mich ab«, rief James Wallace sogleich.

George Leacock wandte sich an Hyams. »Was hast du?«

Dieser hob die Schultern, »Weiß ich nicht.«

»Wo fehlt’s denn?«

»Bei Elliott?« mischte sich James Wallace grinsend ein. »Im Kopf natürlich.«

»Das mußt ausgerechnet du sagen, wo du den größten Dachschaden von uns allen hast«, bemerkte Strode, während er auf dem Propangasherd den Schinken anbriet. Der Geruch stieg allen in die Nase. Wallace verdrehte die Augen.

»Hm, wie das duftet. Mir läuft das Wasser im Muxid zusammen. Ich kriege die erste Portion, okay?«

»Wieso du?« fragte Strode.

»Weil in meinem Mund bereits alle Brücken unter Wasser stehen. Willst du, daß wir hier eine Überschwemmung haben?«

Strode schüttelte den Kopf. »Du bist und bleibst ein Clown.«

»Ohne mich war’s hier stinklangweilig. Ich schlage vor, wir knobeln nach dem Frühstück, wer zuerst hinuntergehen darf.«

»Ich scheide aus«, sagte Elliott Hyams und goß sich schwarzen Kaffee ein.

»Ich gebe dir nachher eine Tablette«, sagte George Leacock.

»Brauche ich nicht«, erwiderte Hyams. »Du bist immer gleich mit ’ner Pille zur Hand. Kann man sich nicht mal mies fühlen, ohne gleich alles mögliche chemische Zeugs einwerfen zu müssen?« fragte Hyams.

»Natürlich darfst du«, sagte Wallace und biß herzhaft in eine Schnitte Weißbrot. »Du darfst alles, Freund, wenn du deinen schlechten Tag hast. Ich bin schon mächtig gespannt, was dort unten los ist, Kameraden. He! Vielleicht finden wir einen Schatz! Wie würde euch das gefallen? Etruskisches Gold oder so. Meine Güte, vielleicht sind wir schon bald reich. Wir sitzen hier herum und schlagen uns den Wanst voll, während dort unten ein Vermögen auf uns wartet.«

»Ich möchte etwas klarstellen«, sagte Doc Leacock. »Nur du schlägst dir den Wanst voll, sonst keiner.«

Elliott Hyams beteiligte sich nicht an dem Gespräch. Er fragte statt dessen: »Was haltet ihr davon, die Rückfahrt anzutreten.«

»Hab’ ich’s nicht gesagt?« rief James Wallace aus. »Er ist heute nicht ganz dicht.« Er schlug dem Freund auf die Schulter. »Mach dir nichts draus, Kumpel, das kommt schon wieder in Ordnung.«

»Warum gefällt es dir hier draußen nicht mehr?« fragte Leacock. »Ist doch alles wunderbar. Wir vertragen uns gut, das Wetter ist prächtig. Wir haben Palmiana direkt unter uns.«

»Und Gold!« rief James Wallace dazwischen. »Tonnenweise Gold.«

»Blödsinn«, sagte Hyams. »Da sind höchstens ein paar Ruinen unten, sonst gar nichts. Wenn sich auf Palmiana jemals Gold befunden hat, wurde es längst hochgeholt.«

»Wir bleiben trotzdem und sehen uns Palmiana ganz genau an«, sagte Wallace. »Was meint ihr dazu?« fragte er Strode und Leacock.

Strode nickte.

»Doc?« fragte Wallace.

»Klar bleiben wir. Schließlich sind wir hierhergekommen, um uns die Unterwasserstadt anzusehen.«

Wallace hob die Hände und zeigte Elliott Hyams die Handflächen. »Damit bist du überstimmt.«

Nachdem er drei Portionen Ham and eggs verdrückt hatte, sagte er: »Was haltet ihr von den Geschichten, die sich um Palmiana ranken?«

»Da ist bestimmt nichts dahinter«, behauptete der nüchterne Leacock.

»Bist du sicher?« fragte Wallace mit leichtem Zweifel.

»Wie ihr wißt, bin ich Atheist«, sagte Steve Strode. »Für mich gibt es keinen Gott und keinen Teufel. Wenn also behauptet wird, daß diese Weiber auf Palmiana den Teufel angebetet haben, kann ich nur lachen.«

»Sie sollen mit ihm schreckliche Orgien gefeiert haben, wilde Feste, bei denen Menschenopfer gebracht wurden«, sagte James Wallace.

»Alles Humbug«, sagte Strode. »Palmiana soll sehr schnell versunken sein«, sagte Wallace. »So schnell, daß sich die Bewohner nicht in Sicherheit bringen konnten. Man sagt, daß alle ertranken, nur diese Weiber nicht. Sie haben überlebt. Es heißt, der Satan hat sie zu sich geholt und würde mit ihnen seine blutigen Feste nun unter Wasser feiern. Der arme Teufel. So viele Weiber - und er ist ganz allein. Ich würde ja gern mal aushelfen, damit ihn die Unterwasserpuppen nicht gar so fertigmachen.«

»Sollte dir eines dieser Mädchen begegnen«, sagte Doc Leacock, der die Sache auch in den Bereich der Fabel abtat, »wärst du gut beraten, dich schleunigst in Sicherheit zu bringen, James.«

»Wozu denn? Ich würde es ihr ordentlich besorgen. Sie würde keine Freude mehr an dem haben, was ihr der Höllenfürst zu bieten hat. Ich bin ein Stier.«

»Irrtum«, sagte Strode grinsend. »Du bist ein Ochse.«

»Diese Weiber halten sich angeblich dadurch am Leben, indem sie sich die Seelen von Seeleuten holen«, sagte George Leacock.

»Seht ihr«, sagte Wallace. »Ich habe nichts zu befürchten, denn ich bin kein Seemann.«

»Außerdem werden sie die Seele eines Verrückten nicht haben wollen«, stänkerte Strode. »Du kannst also gefahrlos runtertauchen.«

»Sie warten«, murmelte Elliott Hyams und blickte zum Bullauge. »Sie haben es nicht eilig, denn sie wissen, daß wir ihnen gewiß sind.«

James Wallace lachte unbekümmert. »Elliott hat heute seinen schwarzen Tag. Nicht ich bin der Verrückte in dieser Runde, sondern er ist es.«

***

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CAMENUS SAH SEINE CHANCE gekommen. Er war ein kraftstrotzender Gladiator, ein häßlicher Mann mit nur einem Auge. Das andere hatte er im Kampf verloren. Eine tiefe Schwertnarbe reichte von der Stirn über die leere Augenhöhle bis zum Wangenknochen.

Diese Verletzung war ihm beigebracht worden, bevor er zu Clessius gekommen war. Seit er für Clessius kämpfte, war er nicht mehr verletzt worden, denn der Dämon hatte ihm für die Dauer des Kampfes einen magischen Schutzpanzer verliehen, den kein Gegner durchdringen konnte.

Lange Zeit hatte Camenus im Schatten von Varcus gestanden, den der Dämon immer bevorzugte. Das hatte die ganze Zeit in Camenus genagt, denn er war davon überzeugt gewesen, daß er nicht schlechter kämpfte als Varcus.

Dennoch hatte dieser als einziger von Clessius eine magische Waffe bekommen: die Flammenpeitsche!

Jetzt lag sie im Sand der Arena. Clessius war zu Staub zerfallen, und Varcus hatte durch die Flammenpeitsche den Tod gefunden. Die Peitsche lag auf dem Boden, und wer sie sich holte, dem gehörte sie.

Bevor jemand anders auf die Idee kam, flankte Camenus über die steinerne Brüstung. Er lief zu Varcus und hob dessen magische Waffe auf. Ein unbeschreibliches Triumphgefühl erfüllte ihn. Mit der Flammenpeitsche in der Hand richtete er sich auf und blickte sich stolz um.

Eine neue Zeit brach für die Gladiatoren an. Clessius’ Magie schützte sie nicht mehr. Sie würden von nun an in jedem Kampf verwundbar sein und ihr Leben genauso aufs Spiel setzen wie ihre Gegner.

Camenus hatte sich in den Besitz der einzigen magischen Waffe gebracht, die es gab. Damit erhob er sich über alle anderen Gladiatoren.

Mit anderen Worten: Er machte sich zu ihrem Anführer. Sie mußten ihm gehorchen, denn er hielt eine Waffe in seiner Hand, der keiner von ihnen etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen vermochte.

Auch die anderen Kämpfer begaben sich in die Arena. Sie versammelten sich in Camenus Nähe.

Ihre Helme glänzten im hellen Gleißen der Sonne.

Camenus wandte sich ihnen zu. »Ihr habt es alle miterlebt: Clessius ist vernichtet! Wir haben keinen Herrn mehr! Auch Varcus ist tot, und ich bin sein Nachfolger! Was geschehen ist, schreit nach Rache! Wir dürfen die Männer und das Mädchen nicht entkommen lassen! Clessius hat sie hergeholt, damit sie in dieser Arena ihr Leben verlieren, und so soll es geschehen! Ich, Camenus, bin von nun an euer Anführer! Seid ihr damit einverstanden?«

Alle waren es.

Nur einer nicht: Parso!

»Nein!« rief er hart und laut.

Es zuckte in Camenus' Gesicht. Er kniff wütend sein Auge zusammen. Er hatte befürchtet, daß ihm Parso die Führungsposition streitig machen würde.

Parso war ein wilder Hund, einer, der sich nur vor Clessius, dem Dämon, gebeugt hatte. Von niemandem sonst war er bereit, Befehle entgegenzunehmen.

Die Gruppe der Gladiatoren teilte sich, und Parso trat vor, ein Recke, der Netz und Dreizack wie kein anderer zu handhaben wußte. Furchtlos und trotzig maß er den Einäugigen.

»Ich werde die Gladiatoren anführen«, sagte er entschieden, als wäre kein Widerspruch möglich.

»Wieso du?« fragte Camenus, bebend vor Zorn.

»Und wieso du?« fragte Parso zurück.

»Weil ich die Flammenpeitsche besitze?«, erklärte Camenus.

»Die wirst du mir übergeben, denn ich habe ältere Rechte. Ich kam vor dir in diese Gladiatorenschule!«

»Das interessiert mich nicht! Der Stärkste und Kampferfahrenste muß die Gladiatoren anführen!«

»Das bin ich!« behauptete Parso und trat zwei weitere Schritte vor. »Leg die Flammenpeitsche weg und laß uns um sie kämpfen. Dem Sieger soll sie gehören!«

Camenus grinste. »Ich werde nicht um etwas kämpfen, das ich bereits besitze. Wenn du die Flammenpeitsche haben willst, mußt du sie mir wegnehmen, und das wird dir wohl kaum gelingen. Einen Kampf verlangst du. Du kannst ihn haben, aber zu meinen Bedingungen!«

Camenus war entschlossen, Parso zu töten. Er mußte dem Recken das Leben nehmen, denn Parso würde ihm sonst bei der erstbesten Gelegenheit in den Rücken fallen.

Camenus zog sein Kurzschwert und warf es weit fort. Er brauchte es nicht. Er besaß nun eine bessere Waffe. Mit ihr würde er Parso bezwingen, Die anderen Gladiatoren wichen zurück. Ihnen war es egal, ob ihr Anführer Camenus oder Parso hieß. Sie würden sich demjenigen unterordnen, dem die Flammenpeitsche gehörte.

Parso setzte sich mit geschmeidigen Schritten in Bewegung. Sein Oberkörper war leicht nach vorn geneigt. Er ließ Camenus und die magische Peitsche nicht aus den Augen.

Der Einäugige sah sich schon als Sieger, doch Parso rechnete sich Chancen aus. Wäre es nicht so gewesen, hätte er sich wohl kaum zum Kampf entschlossen.

Man mußte die Flammenpeitsche auch zu führen wissen, und wenn er mit dem Netz schneller war als Camenus, nützte diesem die magische Waffe überhaupt nichts.

Parso zog das dunkle Netz über den goldfarbenen Sandboden. Er hatte Ähnlichkeit mit einem Raubtier, das seine Beute umschleicht. Er ging jetzt nicht mehr direkt auf Camenus zu, sondern bewegte sich halb schräg nach links, Camenus drehte sich langsam. Er wartete noch. Parso war nicht nahe genug. Er hätte vorschnellen und zuschlagen können, doch es war ihm lieber, abzuwarten.

Parso sollte angreifen, denn jeder Angreifer mußte sich eine Blöße geben, und die wollte sich Camenus dann augenblicklich zunutze machen.

»Willst du es dir nicht noch überlegen?« fragte Parso. »Noch ließe sich der Kampf vermeiden. Gib mir die Peitsche, und es wird dir nichts geschehen.« Camenus verzerrte sein häßliches Gesicht zu einem höhnischen Grinsen.

»Du hast Angst! Du weißt, daß du verlieren wirst! Deshalb willst du, daß es nicht zum Kampf kommt!«

»Ich werde dich töten!« sagte Parso daraufhin hart. »Es wäre zu riskant für mich, dich am Leben zu lassen!«

»Wir denken beide das gleiche«, sagte Camenus. »Wir sind uns sehr ähnlich.«

»Wahrscheinlich ist das der Grund, wieso wir keine Freunde sind«, sagte Parso, und dann griff er unvermittelt an.

Camenus hatte nicht damit gerechnet. Schnell wie der Blitz war Parso. Er stach mit dem Dreizack zu, und Camenus riß seinen gepanzerten Kampfarm hoch, um sich zu schützen.

Metall klirrte gegen Metall. Die scharfen Spitzen des Dreizacks ratschten über das Blech, das Camenus’ Arm umhüllte, und traf die Schulter.

Camenus stöhnte auf und sprang erschrocken zurück. Er spürte warmes Blut über seine schweißglänzende Haut rinnen.

Schon flog das riesige Netz hoch. Es breitete sich in der Luft weit aus, und Camenus hatte den Eindruck, es würde mit seinen engen, widerstandsfähigen Maschen wie eine dunkle Wolke die Sonne verdecken.

Er federte nach rechts. Wenn er auch nur eine Sekunde gezögert hätte, wäre das Netz auf ihn gefallen, und er hätte sich darin rettungslos verstrickt.

Camenus hatte im Kampfhof oft mit Parso geübt. Er hatte es nie freiwillig getan, sondern nur, wenn es ihm Clessius befohlen hatte. Er kannte Parsos Tricks, und er wußte, daß sein Gegner nun wieder mit dem Dreizack zustechen würde.

Das Netz landete auf dem Boden. Parso riß es zurück und kam tatsächlich mit dem Dreizack. Darauf hatte Camenus gewartet. Er bewegte sein Handgelenk, und die magische Peitsche zischte vorwärts.

Sie traf den Metallschaft des Dreizacks, und die Magie raste in Parsos Hand. Ein glühender Schmerz riß Parso einen lauten Schrei von den Lippen.

Von diesem Moment an wußte Camenus, daß er Parso bezwingen würde, denn die Finger des Gegners umschlossen den Dreizack nur noch kraftlos.

Camenus schlug sofort wieder zu. Er traf Parsos Bauch, und die heiße Peitsche rief eine häßliche Verletzung hervor. Parsos Gesicht verzerrte sich.

Er mußte zurückweichen. Camenus folgte ihm. Er setzte nach, fügte ihm eine Verletzung nach der anderen zu. Parso verlor mit jedem Treffer Kraft.

Er konnte den Dreizack nicht mehr halten, verlor ihn. Verzweifelt versuchte er, Camenus doch noch unter sein Netz zu bekommen, doch dieser wich aufmerksam aus, schwächte den Gegner mit weiteren Hieben und tötete ihn schließlich mit dem Dreizack, den er rasch aufhob und dem Mann in die Brust stieß.

Parso brach röchelnd zusammen. Sein Blick wurde leer. Er umklammerte mit beiden Händen den Schaft des Dreizacks - auch dann noch, als er nicht mehr lebte.

Camenus streckte den Arm mit der magischen Waffe hoch. »Ist noch jemand unter euch, der mir die Flammenpeitsche streitig machen möchte?«

Niemand meldete sich.

Die Gladiatoren hatten einen neuen Anführer.

***

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WIR BRAUCHTEN EIN VERSTECK, wo wir auf die Nacht warten konnten. Ich rechnete damit, daß die Gladiatoren bald ausschwärmen und uns suchen würden.

Sie sollten uns nicht finden. Keiner von uns war an einer Neuauflage des Kampfes interessiert, den wir eben erst hinter uns gebracht hatten.

Mr. Silver spielte den Kundschafter. Er entfernte sich kurz, und als er wiederkam, sagte er, er hätte ein Versteck gefunden. Er führte uns in ein düsteres, feuchtes Haus. Fauliger Gestank wehte uns entgegen, und Schimmelpilzkolonien wucherten in den Ecken.

Das Haus war leer. Wir setzten uns auf den Boden, und Renata Gallone sagte, sie hätte Hunger.

»Ich werde sehen, ob ich etwas Genießbares auftreiben kann«, lenkte Mr. Silver ein.

»Ich komme mit dir«, sagte ich.

Der Ex-Dämon schüttelte den Kopf. »Es ist besser, du bleibst hier, Tony, und paßt auf unsere Freunde auf. Wir wollen doch nicht, daß ihnen etwas zustößt, oder?«

Er hatte recht. Es wäre nicht klug gewesen, die Rovere-Brüdser und das Mädchen schutzlos zurückzulassen.

»Bleib nicht zu lange weg«, sagte ich.

»Ich werde versuchen, Obelix sein Wildschwein zu klauen«, sagte der Hüne grinsend und verließ uns.

Ich zog meinen Colt Diamondback. Ich wollte die Kampfpause nützen, um den Revolver nachzuladen.

Renata Gallone und Giuliano Rovere saßen dicht beisammen und beschäftigten sich miteinander. Carmine Rovere rutschte zu mir und sah mir beim Laden zu.

»Ich bewundere Ihren Mut, Signore Ballard«, sagte der junge Polizist. »Sie scheinen ein Mann zu sein, der weder Tod noch Teufel fürchtet.«

Ich lächelte. »Oh, es gibt Momente, wo auch ich Angst habe.«

»Sie haben sehr viel Kampferfahrung, und Ihnen stehen außergewöhnliche Waffen zur Verfügung.«

»Die brauche ich. Ohne sie könnte ich in diesen Kämpfen nicht bestehen«, sagte ich.

»Ich würde gern mehr über Sie erfahren«, sagte Carmine Rovere. Ich lieferte ihm einen kurzen Lebenslauf, der ihn beeindruckte.

»Schade, daß es mir nicht gelang, Vaccaro zu retten«, sagte ich, und ich erzählte ihm Jubilees unglaubliche Geschichte. »Seit dieses Mädchen bei uns ist, suchen wir ihre Eltern. Endlich meldet sich jemand, der wenigstens ihren Vater kennt, doch bevor er mir sagt, wer das ist, verliert er sein Leben. Ich wäre bereit gewesen, viel Geld für den Namen zu bezahlen. Hinter mir steht einer der reichsten Männer Englands. Tucker Peckinpah hätte jeden Betrag akzeptiert. Orson Vaccaro hat’s verdorben. Er war ein Narr. Er hätte nicht so schnell aufgeben sollen.«

Vor meinem geistigen Auge lief die Szene noch einmal ab. Orson Vaccaro hatte sich das Leben genommen. Er hatte sich in das Schwert des Gegners gestürzt, um den Kampf zu beenden.

»Er stand die nervliche Belastung nicht durch«, bemerkte Carmine Hovere.

»Er machte damit die beste Chance zunichte, die wir je hatten, Jubilees Eltern zu finden«, sagte ich ernst.

»Vielleicht ist noch nicht alles verloren«, sagte der junge Polizist. »Orson Vaccaro hatte einen Komplizen. Was Vaccaro wußte, weiß mit Sicherheit auch Peter Black.«

»So heißt der Mann?« fragte ich. Carmine Rovere nickté.

»Ein Lichtblick«, sagte ich.

»Ich muß Ihrer Freude aber gleich wieder einen Dämpfer aufsetzen«, sagte Rovere.

»Lebt Black in Rom?«

»Ja, aber wir wissen nicht, wo. Wir hofften, es von Vaccaro zu erfahren, und dann hätten wir beide aus Italien abgeschoben. Wir haben selbst genug Verbrecher. Wir brauchen nicht auch noch welche aus dem Ausland.«

»Ich sehe in Black trotzdem einen Lichtblick«, sagte ich.

»Wenn wir es schaffen, nach Rom zurückzukehren, werde ich mich bemühen, Vaccaros Komplizen für Sie zu finden«, versprach der junge Polizist.

Ich grinste ihn an. »Sie waren mir von Anfang an sympathisch, Carmine. Passen Sie gut auf sich auf, okay?«

»Ich werde tun, was ich kann«, sagte Rovere.

Mr. Silver kehrte zurück. Er brachte et was zu essen mit.

Aber auch eine unangenehme Nachricht: »Gladiatoren! Sie durchsuchen jedes Haus in dieser Straße!«

***

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DAS LOS FIEL AUF JAMES Wallace. Er durfte als erster in die Tiefe tauchen.

»Tja, Glück muß man eben haben«, sagte er grinsend.

»Quatsch. Du hast bestimmt gemogelt«, sagte Steve Strode.

»Warst immer schon ein schlechter Verlierer«, sagte Wallace.

Sie befanden sich alle vier an Deck, und seine Freunde waren ihm beim Anziehen des Taucheranzugs behilflich. Elliott Hyams sah ihn dabei recht kummervoll an.

»Ich werde den rassigen Unterwasserweibern einen schönen Gruß von euch bestellen«, tönte Wallace. »Keiner von euch zieht mich hoch, wenn ich eine der Puppen gerade in der Arbeit habe, verstanden? Sonst kann ich für nichts garantieren.«

»Du solltest oben bleiben«, sagte Hyams.

»Damit Steve an meiner Stelle als erster hinuntergeht?« fragte Wallace.

»Keiner sollte da hinuntergehen.«

»Schon gut, Junge. Ich verspreche, dir keine Unkosten zu bereiten. Ihr braucht nicht für einen Kranz zu sammeln. Ich mach’ nur einen kleinen Ausflug, sehe mich ein bißchen um, sage den Ladies guten Tag und komme wieder hoch. Dann darf der nächste runter. Vielleicht entschließt sogar du dich noch zu einem kurzen Abstieg.«

»Bestimmt nicht«, sagte Elliott Hyams. Er holte den schweren Kugelhelm.

Sie setzten ihn Wallace auf, und Strode sagte lachend: »Halt jetzt die Klappe, sonst beschlägt das Guckloch, und du ki legst von dort unten überhaupt nichts mit.«

Strode und Hyams schraubten den Helm fest. George Leacock schaltete die Pumpe ein. Mit schweren Schritten begab sich Wallace zur Heckleiter.

Steve Strode brachte ihm die Harpune und den Haistab. Der Stab war mit einer elektrisch geladenen Spitze versehen. Zumeist genügte eine Berührung damit, und der Hai ergriff die Flucht, Reichte der Stab nicht, so stand dein Taucher noch die Harpune zur Verfügung.

Wallace grinste breit hinter dem dicken Glas des Metallhelms, Er machte eine Faust, und sein Daumen wies nach oben. Rückwärtsgehend näherte er sich der Leiter, und dann stieg er die Metall -sprossen langsam hinunter.

Elliott Hyams sah ihm nach, als wüßte er, daß er ihn zum letztenmal lebend gesehen hatte.

»Der feiert dort unten garantiert eine Party«, sagte Steve Strode lachend und massierte seinen runden Bauch. »Mit Seesternen und Algen geschmückt.« Indessen tauchte James Wallace hinab in die nasse grüne Welt des Meeres. Er sank langsam tiefer und fühlte sich großartig. Es gefiel ihm, in einen Bereich vorzudringen, der eigentlich den Fischen Vorbehalten war.

Das Blubbern der Luftblasen war Musik in Wallaces Ohren. Sie stiegen über ihm zur Meeresoberfläche empor, wäh, rend er einer Stille entgegensank, die ihn faszinierte.

Es war großartig, einzudringen in diesen fremden, auch feindseligen Lebensbereich. Wallace spürte, wie der Wasserdruck zunahm. Er schaute hinunter in die dunkelgrüne Tiefe und glaubte, die Überreste von Palmiana zu erkennen.

Das Meer hatte die vulkanische Insel verschlungen.

Der Teufel hatte die Weiber, die um ihn buhlten, zu sich geholt, wie es in der Sage hieß. Wallace rechnete nicht wirklich damit, dort unten ein menschliches Wesen zu sehen, aber er spielte den verrückten Gedanken durch. Dafür war er immer zu haben.

Wenn diese Frauen schon so lange unter Wasser lebten, mußten sie sich den Gegebenheiten angepaßt haben. Vielleicht waren ihnen Schwimmhäute gewachsen und Flossen, Vielleicht waren sie zu Kiemenatmern geworden, mit Fischmäulern und Froschaugen.

Bei diesem Gedanken lachte Wallace in sich hinein. Er versuchte sich so ein Unterwassermädchen vorzustellen. Es wurde ein Monster daraus. Er schüttelte sich. Nein, wenn sie tatsächlich so ausgesehen hätten, hätten sie ihn nicht für sich gewinnen können. Er war ein Ästhet. Er liebte alles, was schön war, und das waren Mädchen mit dicken Fischlippen und vorquellenden Froschaugen nun mal überhaupt nicht.

Er bekam unvermittelt einen Stoß und zuckte zusammen.

Verdammt, er war mit seinen Gedanken nicht bei der Sache gewesen. Nun drehte er sich hastig um - und sah sich einem Hai gegenüber, der ihn mit kalt glitzernden Augen anstarrte.

***

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NICHT IMMER BEIßEN Haie gleich zu, das geschieht sogar in den seltensten Fällen. Zuerst stupsen sie ihre Opfer an, als wollten sie sie auf sich aufmerksam machen.

Mit einer geschmeidigen Bewegung drehte der Hai ab, schwamm einen Kreis und kam wieder zurück, ln einiger Entfernung bemerkte James Wallace einen zweiten Meereskiller.

Er hätte an der Leine ziehen können, die ihn mit der SIRENA verband, dann hätten ihn seine Freunde hochgehievt, aber er hatte noch nie vor einem Hai die Flucht ergriffen, und er wollte dies auch jetzt nicht tun.

Der Mörder mit der flachen Schnauze näherte sich ihm mit trägen Bewegungen, als gäbe es nichts Unwichtigeres für ihn als James Wallace.

Der Taucher hob den Haistab. Je näher der Fisch kam, desto schneller schwamm er. Immer kräftiger bewegte er den Schwanz hin und her. Wallace erwartete ihn gespannt.

Jetzt schoß das Tier heran, und Wallace stach zu. Der Hai erschrak. Entsetzt zuckte er, drehte sich um die eigene Achse, verlor die Lust an der Beute und schoß pfeilschnell davon.

Innerhalb weniger Augenblick verlor sich das graue Tier im unendlichen Grün des Meeres.

Aber es gab noch den zweiten Hai, der zunächst nur auf der Lauer gelegen hatte. Der schlaue Bursche hatte dem anderen die grobe Arbeit überlassen und sich dann gewissermaßen an den gedeckten Tisch setzen wollen.

Nun mußte er selbst ran, und er zögerte auch nicht, den Taucher anzugreifen. Er wirkte aggressiver als der andere, und als ihn Wallace mit dem Haistock traf, ergriff er nicht die Flucht, sondern wurde nur noch wütender.

Sein peitschender Schwanz schlug mehrmals gegen den Taucher. Wallace verlor den Haistab. Diese unblutige Verteidigungswaffe »segelte« langsam dem Meeresboden zu.

Na gut! dachte James Wallace grimmig. Wenn du’s nicht anders willst, kannst du’s auch hart haben!

Er griff mit beiden Händen nach der Harpune. Der Hai befand sich über ihm. Er hob den Kopf, richtete die Harpune auf das Tier, aber der Killer rückte aus.

Na warte, du verfluchter Teufel! dachte Wallace. Du denkst, Katz und Maus mit mir spielen zu können. Wer zuletzt lacht, lacht am besten, mein Lieber, und das werde ich sein!

Der Hai kam wieder. Er versuchte Wallace in den Rücken zu fallen, doch der Taucher drehte sich rasant um, zielte und drückte ab. Zischend verließ der Pfeil die Harpune und durchbohrte den gierigen Mörder.

Der Hai vollführte verrückte Drehungen, schraubte sich zuckend an Wallace vorbei, sank in die Tiefe, rollte noch einige Male um die eigenen Achse und regte sich dann nicht mehr.

Das hast du davon! dachte Wallace triumphierend. Er merkte, daß sein Herz schneller schlug, beruhigte sich und; ging tiefer. Schwärme schillernder Fische zogen in einiger Entfernung an ihm vorbei, und er sah unter sich die schattenhaften Umrisse uralter Bauwerke, die vor langer Zeit versunken waren.

Der Taucher war beeindruckt von dieser stillen Unterwasserstadt, auf die er zusank. Er sah Zeugen einer längst vergangenen Epoche. Das Meer hatte sie verschlungen, aber nicht zerstört.

Irgendein starker Zauber schien die Bauten konserviert zu haben. War etwa doch etwas dran an diesen alten, geheimnisvollen Geschichten, die sich die Menschen erzählten?

Unwillkürlich fiel Wallace das ernste Verhalten seines Freundes Hyams ein. War es möglich, daß er irgendein Unheil gefühlt hatte? Besaß Elliott Hyams so etwas wie das zweite Gesicht?

Ist mir noch nie aufgefallen, sagte sich James Wallace.

Allmählich wurden die Bauwerke deutlicher. Wallace erkannte einen Säulentempel, und vor einem stufenähnlichen Gebäude mit schattigen Bögen stand ein schlanker Obelisk.

Auf moosbewachsenen Felsen wuchsen buschartige Pflanzen, Sie hatten die verschiedensten Formen. Einige sahen aus wie gebündelte Schlangen, die sich in der Meeresstörmung sanft hin und her wiegten.

Unter einem dieser Felsen bewegte sich etwas!

Es war groß, und James Wallace dachte zuerst an einen Fisch, aber er kannte keinen einzigen Fisch, der eine so rosige Haut hatte.

Das ist Menschenhaut! durchfuhr es ihn. Menschenfleisch!

Lag dort unten etwa eine Leiche?

Rostrotes Haar wallte auf und schmiegte sich an den Felsen, und Sekunden später sah Wallace das Gesicht eines Mädchens.

Er hatte bei seinen Freunden den Mund ziemlich voll genommen, doch nun war er allein, und er hatte Angst.

Es gibt sie also doch! schrie es in ihm, und dann riß er wie verrückt an der Leine, damit ihn seine Freunde hochzogen.

***

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SIE LEBEN VON SEELEN! dachte Wallace, und er glaubte plötzlich jedes Wort von diesen unheimlichen Geschichten. An und für sich war er kein Feigling, aber wenn ihm etwas so unbegreiflich war wie das hier, verließ ihn der Mut.

Das Mädchen hatte sich wieder hinter den Felsen zurückgezogen.

Sie wartet auf mich! dachte Wallace, aber ich werde nicht kommen! Du liegst dort unten umsonst auf der Lauer, Süße! Mit mir brauchst du nicht zu rechnen!

Seine Freunde reagierten nicht auf sein Zeichen.

Verdammt noch mal, seid nicht so lahmarschig! brüllte er im Geiste. Holt mich endlich hoch!

Wieder zog er ungestüm am Seil, und endlich merkte er, daß sie ihn hochzogen. Sein Herz schlug bis zum Hals hinauf. Er verspürte nicht das geringste Verlangen danach, seine Seele an diese Wasserhexe zu verlieren.

Ein trüber grüner Schleier breitete sich über den Meeresgrund und deckte die Gefahr zu, die Wallace gesehen hatte.

Dieser Elliott... dachte er. Woher weiß er...? Wieso spürt er...? Ich versteh’s nicht.

Der klobige Taucherhelm durchstieß die Meeresoberfläche. Wallace sah das Wasser in der Mitte des Gucklochs schaukeln. Er griff mit beiden Händen nach der Leiter und zog sich hoch.

Oben beugten sich ihm Steve Strode und George Leacock entgegen. Sie packten ihn und hievten ihn mit vereinten Kräften an Bord. Elliott Hyams schraubte die Verschlüsse auf.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738915259
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Dezember)
Schlagworte
tony ballard reich seehexen
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Titel: Tony Ballard #110: Im Reich der Seehexen