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Sheng #14: Clantons blutiger Terror

2017 130 Seiten

Leseprobe

SHENG – DER KUNG FU-KÄMPFER

Band 14

Clantons blutiger Terror

Ein Western von Uwe Erichsen

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild:  Edward Martin

Redaktion und Korrektorat:  Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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WER SICH DEM MÄCHTIGEN Rancher Clanton in den Weg stellt, der bekommt sehr bald Probleme. In der Form, dass Clantons Revolvermänner und Schläger denjenigen so lange einschüchtern und drangsalieren, bis dieser schließlich aufgibt. Nur die Geschwister Betty und Matt Howard lassen sich von Clanton nicht bedrohen. Sie haben es sich in den Kopf gesetzt, eine Mustangherde einzufangen. Das passt Clanton überhaupt nicht, denn auch er hat es auf die Pferde abgesehen. Und wenn Clanton etwas besitzen will, dann darf ihn nichts und niemand daran hindern.

Er hat allerdings nicht damit gerechnet, dass Betty und Matt plötzlich Hilfe von erwarteter Seite bekommen. Der Halbchinese Sheng steht den Geschwistern bei, als diese von Clantons Revolvermännern bedroht werden. Ein Mann wie Sheng lässt sich nicht in die Enge treiben, auch wenn er selbst in Gefahr gerät – und seine Art, zu kämpfen, ist für Clanton und dessen Handlanger völlig neu. Denn Sheng ist der Tiger-Mann, einer der besten Kung Fu-Kämpfer überhaupt ...

Der große einsame Mann verharrte an der Felswand. Ein Lächeln glitt über sein Gesicht mit den dunklen, leicht geschlitzten Augen.

Das Dröhnen kam rasch näher. Es waren Pferde. Wildpferde. Drüben auf der anderen Seite des Canyons jagten sie dahin, fast völlig in den langen, dunklen Staubschleier gehüllt, den die trommelnden Hufe emportrieben.

Ein großer, schwarzer Hengst aber hatte sich von der Herde getrenntl Er kam genau auf den Mann zu, der reglos im Schatten stand. Shengs Blick hing voller Bewunderung an dem kraftvollen Tier.

Es war der Leithengst!

Er wurde von zwei Reitern verfolgt. Geschickt lockte der schwarze Mustang sie immer weiter von der Herde weg. Die beiden Männer ritten Bügel an Bügel. Sie waren dem schwarzen Hengst bereits bedrohlich nahe gekommen. Beide schwangen die Lassos ...

Der schwarze Hengst missachtete die Gefahr.

Er schoss heran, stoppte mehrere Schritte vor Sheng, ging steil hoch, trompetete und wirbelte die Vorderhufe durch die Luft.

Der Hengst schaute zu Sheng herüber. Ein tollkühner Bursche. Er nahm die tödliche Gefahr auf sich, in der Hoffnung, das Interesse seiner Verfolger auf den Mann an der Felswand zu lenken.

Aber diese Rechnung ging nicht auf. Die Reiter sahen Sheng nicht.

Einer stieß einen schrillen Schrei aus, und die Lassos flogen.

Förmlich im letzten Augenblick ging der Hengst wieder auf alle vier Hufe nieder und sprengte mit einem wilden Satz davon. Die Schlingen verfehlten ihr Ziel, klatschten auf seinen Rücken und fielen zu Boden. Er aber raste weiter, schlug einen Bogen, fegte zur anderen Seite hinüber und jagte davon.

Fluchend galoppierten die Reiter an Sheng vorbei. Es waren gute Reiter. Sie holten die Lassos voller Karriere ein und gewannen dabei eine volle Pferdelänge gegen diesen schwarzen Teufel. Drüben drängten sie ihn gegen die Felswand.

Die Herde war inzwischen verschwunden. Das war dem schwarzen Satan geglückt! Aber die Reiter hatten es wohl nur auf ihn abgesehen. Sheng kam es jedenfalls so vor.

Der Hengst stieg vor der Felswand hoch. Täuschte einen Ausbruch nach rechts vor. Die Reiter reagierten blitzschnell. Sie warfen die abgehetzten Pferde herum, um den Ausbruch zu verhindern. Wiehernd jagte der Schwarze in der alten Richtung weiter. Seine Finte war gelungen.

Dennoch: Einer der Reiter musste damit gerechnet haben. Blitzschnell parierte er seinen Braunen durch, trieb ihn ein zweites mal um die Hand, setzte hinterher und warf das Lasso.

Diesmal erwischt es den Schwarzen, dachte Sheng.

Die Schlinge umspannte den Hals des Mustangs. Er bäumte sich auf - und machte einen mächtigen Satz vorwärts. Der Braune stürzte! Es krachte, und Staub stieg auf.

Aus dieser Staubglocke schoss der schwarze Hengst allein hervor und jagte davon. Im fliegenden Galopp. Das Lasso war an seinem Hals nicht mehr zu sehen.

Der zweite Reiter hatte schon vorher aufgegeben. Er hatte angehalten und schaute dem Hengst nach.

Sheng lächelte. „Viel Glück in der Freiheit!“, murmelte er.

Der Reiter hatte sich verletzt. Das Pferd stand schon wieder. Doch der Mann blieb liegen. Sein Gefährte trabte zu ihm und glitt aus dem Sattel.

Die Sache schien schlimm ausgegangen zu sein.

„Mein Gott Matt! Wach doch auf!“, rief der zweite Reiter verzweifelt.

Sheng machte schmale Augen und ging hinüber. Der zweite Reiter war eine Frau. Jung und schön! Doch ihr Gesicht war angstverzerrt, als Shengs Schatten auf sie fiel und sie aufblickte. Sie zuckte zurück, als wollte sie fliehen.

„Sie müssen keine Furcht vor mir haben, Ma’am!“, sagte Sheng.

Die junge Frau starrte den großen Fremden an. „Er ist tot!“ stammelte sie.

Sheng warf das Deckenbündel von der linken Schulter, kniete nieder und schob sie zur Seite. Ein kurzer Blick genügte ihm.

„Vielleicht ist er verletzt“, sagte er. „Aber er ist nicht tot. Nur bewusstlos, Ma’am!“

„Er lebt?“, fragte sie ungläubig.

Sheng nickte und stand auf. „Ich helfe Ihnen! Aber wir müssen vorsichtig sein.“

Er sah sich nach dem Braunen um. Das Tier stand ohne Sattel da. Der Sattel lag drei Pferdelängen weiter. Zwischen zwei Felsklippen gekeilt. Der Mann hatte das Lassoende um das Horn geschlungen. Zuerst war der Bauchriemen gerissen, dann die Lassoschlinge.

„Es ist nicht weit“, sagte die Frau. „Unser Camp befindet sich am Ende des Canyons.“

„Gehen Sie mit den Pferden voran!“, befahl Sheng.

Sie blickte ihn überrascht an.

„Ihr Mann kann sich den Rücken verletzt haben“, erklärte Sheng.

„Er ist mein Bruder!“, sagte sie.

Sheng bückte sich und hob den Bewusstlosen auf. Er war ein breitschultriger Mann. Die Adern traten an Shengs Hals und den Schläfen hervor, als er ihn aufhob.

„Aber es sind nicht nur ein paar Schritte!“, warnte die Frau. „Der Canyon ist eine Meile lang.“

Sheng lächelte. „Ich weiß! Kümmern Sie sich um die Pferde, Ma’am!“

Er setzte sich in Bewegung. Viele Dinge konnten ihn erledigen. Doch nicht Hitze und eine schwere Last.

Die Frau kam ihm mit seinem Bündel und den Pferden nach und holte ihn ein. Sie musterte ihn von der Seite.

„Ist er nicht zu schwer? Soll ich mit anfassen? Wollen wir ihn nicht lieber auf ein Pferd legen?“

„Reiten Sie voraus!“, erwiderte Sheng. „Er benötigt ein weiches Lager!“

„Aber ...“

Shengs Blick brachte sie zum Schweigen. Sie schwang sich aufs Pferd und ritt los. Er schaute ihr nach. Sie war nicht nur sehr schön, sie war auch groß und schlank. Sie trug Männerkleidung. Von hinten konnte man eigentlich kaum erkennen, dass sie eine Frau war. Daran erinnerte nur ihre Haltung.

Sie war eine Frau, die Sheng ausnehmend gut gefiel.

Dass ihr Bruder bewaffnet war, konnte Sheng verstehen. Ebenfalls dass im Scabbard ihres Pferdes ein Gewehr steckte. Doch weshalb baumelten die zwei Revolver an ihren Hüften? Eine rätselhafte Lady, dachte der Kung Fu-Mann. Noch rätselhafter, wenn sein Eindruck stimmte, dass sie mit den beiden Eisen auch umgehen konnte.

Ihr Buder war ein Pferdejäger, und sie ersetzte ihm wohl den Partner. Vielleicht lag es daran.

*

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DIE FRAU HATTE INZWISCHEN das Camp erreicht. Sie glitt mit einer geschmeidigen Bewegung aus dem Sattel, um plötzlich wie zur Salzsäule erstarrt zu sein.

Das Camp war eine Höhle in der Felswand. Sheng hatte das alles schon am frühen Morgen von einem Felsplatz aus gesehen. Die Feuerstelle, die Korrals und die großen, mit Segeltuch bespannten Fangzäune waren zu dieser Zeit noch völlig intakt gewesen. Jetzt bot die Anlage ein Bild der Verwüstung.

Fassungslos sah die Frau sich um. Die Zügel des Pferdes entglitten ihrer Hand. Drei Männer traten aus der Höhle.

Es handelte sich um große Männer mit harten Gesichtszügen. Sie waren wie Weidereiter gekleidet. Aber das war nicht ihr Beruf. Ihre tiefgeschnallten, mit dünnen Riemen an die Schenkel gebundene Halfter verrieten Sheng nur zu deutlich, zu welcher Gilde die Kerle gehörten.

Diese Sorte kannte er!

Die drei Revolvermänner wandten den Kopf und blickten neugierig zu Sheng herüber. Seelenruhig warteten sie ab, bis er mit seiner Last den Vorplatz der Höhle erreicht hatte.

Zwei waren blond. Der Mahn in der Mitte besaß schwarzes Haar, und ein schmales Bärtchen zierte seine Oberlippe. Er sah Sheng an und lächelte angewidert.

„Ein Chink!" sagte er verächtlich. „Na los! Lege deine Last ab! Ist er tot?“

„Nein, nur bewusstlos!“, antwortete Sheng.

Der Kerl betrachtete die Frau in einer geradezu beleidigenden Art und Weise'von oben bis unten.

„Betty, ihr müsst jetzt packen!“, sagte er langsam. „Clanton will das so! Schön, dass ihr euch einen Knecht zugelegt habt. Da geht das Ganze viel leichter und schneller über die Bühne.“

„Haben Sie diese Zerstörung angerichtet?“, fragte Sheng.

Dfe drei starrten ihn an, belustigt und wütend zugleich.

„Natürlich!“, sagte der Mann mit dem Oberlippenbärtchen. „Wir haben mit dem Aufräumen und Einpacken schon mal angefangen, Chink! Und du machst jetzt weiter. Lass ihn fallen!“

Plötzlich hielt der Kerl seinen Revolver in der Faust.

Sheng ließ den bewusstlosen Mann langsam zu Boden gleiten und richtete sich wieder auf.

„Er ist verletzt!“, erklärte er. „Wir müssen uns zuerst um ihn kümmern.“

„Komm mal her!“, befahl der Mann scharf.

Sheng ging zu ihm und blieb dicht vor ihm stehen. Sie starrten sich in die Augen.

„Was ich hier in der Kanone habe, das sind keine Pfannkuchen“, sagte der Revolvermann mit Nachdruck in der Stimme.

„Er ist nicht bewaffnet!“, rief die Frau, die sich von ihrem ersten Schrecken erholt hatte.

Der Kerl mit dem Oberlippenbärtchen sah sie an. „Ich bin ja nicht blind! Und deshalb frage ich mich auch, woher er den Mut nimmt, sein ungewaschenes Maul derart weit aufzureißen.“

Er starrte Sheng wieder an. „Los fang an zu packen! Wir haben nicht die Zeit darauf zu warten, bis du hier Wurzeln schlägst.“

Sheng schwieg.

„Oder soll ich dir den Colt auf die gelbe Nuss schlagen?“, schrie der Revolvermann und holte zum Schlag aus.

Shengs Linke zuckte hoch. Er traf nur den rechten Unterarm. Aber der Mann fand sich Sekundenbruchteile später im Sand wieder, und sein Colt flog im hohen Bogen durch die Luft.

Seine Gefährten griffen hastig zu den Waffen. Aber als sie die Colts in der Faust hatten, war Shengs blitzschnelle Aktion bereits beendet. Hatte er sich überhaupt bewegt?

Gesehen hatte es niemand. Nicht einmal der Kerl mit dem Oberlippenbärtchen, der sich mit schmerzverzerrtem Gesicht im Sand wälzte, und Sheng hasserfüllt anstarrte.

Seine beiden Gefährten blickten Sheng an, als wäre er ein Wundertier. Wut und Überraschung kennzeichnete ihre Gesichter. Fassungslos wanderten ihre Augen zu dem Kerl mit dem kurzgestutzten schwarzen Bärtchen hinüber. Der Mann schien ihr Anführer zu sein, und sie verstanden die Welt nicht mehr, als sie ihn plötzlich hilflos vor sich am Boden sahen. Hingestreckt von einem unbewaffneten Gegner.

„Du verdammter Hund!“, keuchte der Mann am Boden mit rasselnder Stimme.

Verstohlen sah er sich nach seinem Colt um. Die Waffe lag rechts hinter ihm. Fünf Schritte entfernt. Hinter seiner Stirn arbeitete es.

Sheng lächelte grimmig.. „Lassen Sie die Waffe lieber liegen! Ich bin vor Ihnen dort, Mister!“

Die beiden arideren schienen die Erniedrigung ihres Anführers nicht länger ertragen zu können.

„Du verdammter chinesischer Bastard!“, brüllte einer von ihnen und stürzte vorwärts, um Sheng zusammenzuschlagen. Sein Kumpel sprang hinterher. Die Colts wie Schlageisen in den Fäusten, rückten sie auf den großen Mann zu.

„Er ist nicht bewaffnet!“, rief die Frau wieder.

Sheng sah aus den Augenwinkeln, dass sie einen Schritt zurücktrat, und dass ihre Hände zu den Colts zuckten. Einen Lidschlag später befand er sich in voller Aktion. Steif wie ein Brett, die gespreizten Füße voran, flog er den Männern entgegen. Wie vom Blitz gefällt krachten die beiden zu Boden. Sheng landete auf dem Rücken. In einer geschickten Rolle fing er den Fall auf und war sofort wieder auf den Beinen.

Seine Gegner hatten Mühe, wieder hochzukommen. Halb betäubt rappelten sie sich auf.

Der Kerl mit dem Oberlippenbärtchen wollte sich in Richtung seines Colts werfen. Doch er erstarrte, als er Sheng wie eine aus der Halterung fliegende Stahlfeder auf die Beine kommen sah.

„Verschwindet!“, sagte die Frau mit fester Stimme. Ihre Colts waren unmissverständlich auf die Männer gerichtet.

Sheng ging zu ihr, nahm ihr beide Waffen ab, schob ihr eine ins Halfter und bedrohte mit der anderen die drei Männer.

„Ja! Verschwindet und kommt nie wieder! Lasst euch hier nicht wieder sehen!“, sagte er beherrscht.

Die beiden wagten nicht, die Colts aufzuheben. Der Mann mit dem Oberlippenbärtchen richtete sich auf.

„Ihr werdet eine Menge Schwierigkeiten bekommen“, knurrte er - und trollte sich.

„Nehmt die Revolver mit!“, sagte Sheng.

Nein! Er wollte die Männer nicht demütigen. Gefahr sollte man nicht herausfordern. Schon gar nicht auf solche Weise. Sie hatten gespürt, an wen sie geraten waren. Im vollen Umfange würde es ihnen schon noch dämmern.

Vorsichtig hoben die drei ihre Colts auf und steckten sie in die Halfter. Dann machten sie sich davon. Sie strebten zum Canyonausgang. Dort entdeckte Sheng ihre Pferde, als er ihnen nachschaute.

Sein alter chinesischer Lehrmeister fiel ihm ein, Li Kwan, der oberste Mönch des Klosters vom Weißen Lotus.

„Sei nie ein grausamer Feind“, hatte der alte Mönch oft genug gelehrt. „Nennen die Guten dich gut, sei zufrieden. Aber strebe auch danach, dass die Schlechten dich gut nennen können. Das ist die Güte der Tugend und ihre Weisheit.“

„Wir hätten die Kerle erschießen müssen“, sagte die Frau, als die Reiter verschwunden waren.

Sheng drehte sich nach ihr um und lächelte. „So gefährlich sind sie nicht! Was hätten wir von ihrem Tod?“

„Sie werden wiederkommen!“, behauptete die Frau.

„Die drei?“, lächelte Sheng. „Ich glaube nicht, Ma’am! Jedenfals kommen sie uns nie wieder so nah.“

„Das war Joker mit seinen Freunden!“

„Ich bin Sheng!“

Sie lächelte verwirrt. „Entschuldigen Sie, dass ich uns noch nicht vorgestellt habe. Ich bin Betty Howard. Mein Bruder heißt Matt!“

„Es wird Zeit, dass wir uns um ihn kümmern!“

Sie ging zu Matt und kniete neben ihm nieder. Er kam gerade zu sich. Doch das sah Sheng nicht. Er betrachtete die Frau, und bei diesem Anblick fielen ihm wieder Worte von Li Kwan ein:

Offenbare dein einfaches Selbst!

Umfasse deine Urnatur!

Beherrsche deine Selbstsucht!

Bezähme deine Begierden!

*

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ER BLICKTE KURZ IN die Ferne, um sein Chi zu sammeln und sich von ihm helfen zu lassen. Dann ging er zu den beiden.

Matt Howard sah ihn mürrisch an. „Ein Chink? Was hat er hier zu suchen?“, fragte er seine Schwester.

„Sheng!“, entgegnete sie. „Sheng ist sein Name. Er hat mir geholfen, dich ins Camp zu bringen.“

Matt Howard musterte den großen Mann mit den leicht geschlitzten Augen. „Erwarte nicht, dass ich vor Dankbarkeit zerfließe. Betty wird dir zu essen geben. Damit ist es abgegolten.“

„Joker ist hier gewesen“, sagte Betty. „Mit Hank Sullivan und Joe Pastor!“

„Was?“, fragte Matt Howard überrascht und stemmte sich auf die Ellenbogen. Er ließ sich aber sofort wieder zurücksinken und stöhnte. „Wo sind sie?“ .

„Sheng hat sie verjagt“, erklärte ihm Betty.

„Was?“, fragte Matt Howard wieder. Abermals glitt sein Blick über Shengs Gestalt. Es war Sheng klar: Er suchte die Waffe. Aber den Colt hatte er Betty schon zurück gegeben.

Sheng lächelte.

Matt Howard sah seiner Schwester in die Augen. Sie nickte.

Matts Blick glitt von einem zum anderen. Dann wechselte er das Thema. „Ich muss mir das Kreuz gebrochen haben“, sagte er stöhnend und mit schmerzverzerrtem Gesicht. „Sieh nach Betty! Dreh mich auf den Bauch.“

Sheng ging ihr sofort zur Hand. Matt war schließlich ein massiger Mann.

„Ich glaube nicht, dass Sie sich etwas gebrochen haben, Mister Howard.“

Er zog ihm Jacke und Hemd hoch und befühlte das Rückgrat.

„Starke Prellungen!“, stellte er fest. „Nichts Schlimmes! Aber bis Sie wieder auf einem Pferd sitzen können, werden Tage vergehen, wenn nicht Wochen.“

Matt Howard fluchte. „Wir brauchen den schwarzen Mustang und seine Herde! Und ausgerechnet jetzt, wo er mal wieder hier ist...“

„Der Hengst wird mit seiner Herde auch später noch kommen“, sagte Sheng.

„Verstehst du etwas von Pferden?“, fragte Matt Howard gespannt.

Sheng lächelte. „Ein bisschen!“

„Willst du bleiben und meiner Schwester zur Hand gehen?“, fragte Matt Howard. „Sie ist eine verdammt gute Reiterin.“

„Aber Matt! Sieh die Korrals! Joker und seine Kumpane haben uns alles zerschlagen. Sobald es dir besser geht, sollten wir zur Ranch zurückkehren.“

Matt Howard musterte Sheng wieder. „Du bist doch Arbeit gewöhnt?“

„Natürlich!“, erwiderte Sheng.

„Aber Joker!“, erinnerte Betty verzweifelt. „Er wird wiederkommen. Clanton hat ihn uns auf den Hals gehetzt. Das hat er selbst gesagt.“

„Dieser Clanton!“, zischte Matt Howard erregt. „Sobald ich nur auf meinen Beinen stehen kann, wird er mir das büßen.“

Er wälzte sich auf die Seite, stemmte sich auf den Ellenbogen und wollte noch mehr sagen. Aber die Schmerzen verschlossen ihm den Mund. Er ließ das Gesicht auf Bettys Knie sinken und stöhnte.

„Sie müssen auf dem Rücken liegen bleiben“, sagte Sheng. „Und zwar fest. Sonst werden Sie ewig Last damit haben.“

Matt Howard fluchte wieder, ohne dass er aufsah.

Betty schaute Sheng an. „Wir sollten ihn in die Höhle tragen. Da ist es nicht so heiß.“

Sheng nickte. Er bückte sich und nahm den großen Mann wieder auf die Arme. Betty wollte ihm behilflich sein. Doch Sheng drängte sie sanft zurück und trug Matt in die Höhle.

Es handelte sich um ein sehr geräumiges Felsenloch, das sich die Geschwister wohnlich hergerichtet hatten. Im rückwärtigen Teil standen zwei Pritschen. Auch ein Tisch und Stühle waren vorhanden. Kisten, in denen sich Geschirr und Proviant befanden, stellten einen Schrank dar.

„Du bist ein verdammt starker Kerl“, sagte Matt Howard stöhnend, als Sheng ihn auf eine Pritsche legte. „Und ich habe immer geglaubt, ihr Chinks, ihr seid nur kleine Mickermänner.“

„Beleidige ihn doch nicht!“', sagte Betty.

„Er hat mich nicht beleidigt“ behauptete Sheng.

„Da hörst du es!“, lachte Matt Howard. „Wieso bist du so groß geraten? Ich habe schließlich schon viele Gelbe gesehen.“

„Mein Vater ist Amerikaner!“

„Na also!“, sagte Matt Howard zu seiner Schwester. „Ich wusste doch, dass ich mich nicht täusche. Aber wie hast du Joker geschafft? Ich sehe an dir keine Waffe. Und Hank Sulivan war dabei, dieses verdammte Schlitzohr?“

Betty nickte. „Ja! Sullivan und Pastor.“

„Ich habe den Revolver Ihrer Schwester benützt“, antwortete Sheng. „Einen davon.“

„Aber da war schon längst alles vorbei!“, erklärte Betty. „Er hat zuerst Joker zu Boden gestoßen. Dann Sullivan und Pastor.“ Sie sah Sheng an. „Noch nie habe ich einen Mann auf diese Weise kämpfen sehen.“

Matt Howard machte schmale Augen. „Kümmere dich ums Essen, Betty! Unser Chink wird bestimmt Hunger haben. Ah, verflucht! Ich kann ja nicht mal richtig den Kopf bewegen.“

„Sheng hat es dir doch gesagt! Du musst ganz ruhig liegen bleiben.“

Sheng nickte, und Betty ging hinaus. Die Männer sahen sich an.

„Du gefällst mir, Chink!“, sagte Matt Howard und lächelte. „Willst du bei uns bleiben? Ich könnte einen Helfer gebrauchen. Allerdings, Bezahlung ist nicht drin. Es geht nur fürs Essen. Vorläufig jedenfalls. Doch später, wenn meine Pferdezucht mal Gewinn abwirft, würde ich dafür um so besser bezahlen.“

„Ich bleibe, bis Sie wieder gesund sind, Mister Howard!“

Betty hantierte draußen mit einem Topf. Matt blickte zum Eingang und sah dann Sheng wieder an.

„Ach so! Ich verstehe“, sagte er langsam und schüttelte trotz der Schmerzen energisch den Kopf. „Das schlage dir mal aus dem Schädel, Junge!“, sagte er. „Ein Gelber! Nie würde ich das zulassen.“

Sheng lächelte. „Wenn Sie mich brauchen, rufen Sie mich, Mister Howard. Es gibt draußen viel zu tun.“

„Ja geh!“

Sheng machte kehrt und ging hinaus. Betty hatte die Kochstelle bereits wieder hergerichtet.

„Wir benötigen eine ziemliche Menge Holz, Ma’am!“, sagte er. „Die Zäune und Stangen sind nur noch als Brennholz zu verwenden. Die Kerle haben ganze Arbeit gemacht.“

Sie sah auf und lächelte. „Warum so förmlich, Sheng? Sagen Sie doch nicht Ma’am zu mir. Ich heiße Betty. Ich dachte immer, es wäre ein hübscher Name.“

„Das ist er auch! O ja!“

„Na also!“

Sheng nickte. „Betty!“

*

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SUGAR CLANTON LEHNTE sich in dem weichen Ziegenledersessel zurück. Der Tränensack unter seinem rechten Auge zuckte verräterisch. Er war wütend. Sein Blick wanderte.

Vor ihm standen Joker, Sullivan und Pastor. Zu seiner Linken saß Nathan Montellier, der in allen Fragen sein engster Vertrauter war. Auf der Kante eines Schreibtisches hockte Wes Gruber, der Advokat, der jedoch noch nie sein volles Vertrauen besessen hatte.

„Ihr seid ausgewachsene Männer – Revolvermänner!“, rief er polternd. „Aber euer Geld seid ihr nicht wert.“

Joker breitete kurz zu einer unschuldsbeteuernden Geste die Arme aus.

„Wir hatten heute einfach keine Chance!“, behauptete er. „Nachdem wir alles kurz und klein geschlagen hatten, kamen sie auf einmal an. Zu dritt! Die Howards mit einem verdammten Chink. Und du weißt doch, wie dieses Weib schießt. Es blieb uns nichts anderes übrig, wir mussten erst einmal in Deckung gehen.“

„Ein Chink! Das ist doch lachhaft!“, zischte Clanton.

Sulivan rieb sich die Magengrube. „Ja - ein Chink! Aber dieser gelbe Hurensohn ist groß und breit wie ein Schrank. Auf seinen Armen hat er Matt Howard durch den ganzen Canyon getragen.“

Wes Gruber, der Advokat lächelte belustigt. „Was? Hat sich Matt Howard jetzt einen Träger zugelegt, um nicht mehr laufen zu müssen?“

Jokers Blick kam zu spät.

„Nein!“, sagte Pastor. „Matt Hover war bewusstlos.“

Clanton schlug die Hände auf die Sessellehnen. „Zum Henker! Was ist das für ein Bericht? Eben habt ihr noch behauptet, dass ihr nichts tun konntet, weil euch die Hunde dort zu dritt unter Feuer genommen haben. Nun höre ich, dass ihr es mit einem einzelnen Mann zu tun hattet. Auch noch mit einem Chink!“

Wieder kam Jokers warnender Blick zu spät.

„Ja!“, sagte Pastor. „Aber dieser Kerl hat einen Tritt wie ein Pferd. Mir ist jetzt noch nicht ganz klar, wie ich auf den Boden und hinterher wieder auf die Beine gekommen bin. Das ging blitzschnell! Ich habe seinen Schlag gar nicht kommen sehen. Ich dachte, er fasst sich an den Hut. Aber da lag auf einmal Joker da. Ich wollte mir den Schweinehund greifen. Aber da explodierte irgendetwas. So kam es mir jedenfalls vor. Im selben Moment lag ich schon am Boden. Neben mir Sullivan! Den muss er zur gleichen Zeit erwischt haben. Stimmst’s Hank?“

Hank Sullivan schoss das Blut ins Gesicht. Von diesem Bericht wurde er genauso entlarvt wie Joker. Beiden war Pastors Gerede äußerst peinlich.

„Was denn, was denn!“, knurrte Clanton wild. „Ihr habt mit diesem Drecksack gekämpft? Das höre ich ja zum ersten Mal! Das kann doch nicht wahr sein! Drei meiner bestbezahlten Männer lassen sich von einem Chink verprügeln? Soll ich mich totlachen? Erzählt ihr mir das vielleicht deshalb? Oder soll ich in Tränen ausbrechen, weil ich seit Jahren mein Geld zum Fenster hinauswerfe? Wofür habe ich euch? Vielleicht um die ganze Dreckarbeit selbst zu machen, he?“

„Der Solarplexus, Sir das ist ein Punkt, wenn Sie da eine draufkriegen, fliegen Ihnen die Ohren weg“, sagte Pastor. „Und genau dorthin habe ich einen Hieb oder Tritt erhalten. Aber noch ist ja nicht aller Tage Abend. Ich denke, dass wir gleich morgen früh nochmals hinausreiten. In aller Herrgottsfrühe, verstehen Sie! Und wir sollten noch zwei Mann zur Verstärkung mitnehmen.“

„Was ist mit Matt Howard geschehen?“, wandte sich Clanton wütend an Joker. „Wieso hat ihn dieser Chink getragen?“

Joker zuckte die Schultern. „Ich glaube, er ist vom Pferd gestürzt. Der schwarze Hengst ist wieder im Canyon gewesen. Da ist doch Matt Howard nicht zu halten und nicht zu bremsen. Ich denke mir, dass dabei etwas passierte.“

Clanton senkte die Lider. „Und das mit den Zäunen? Stimmt das wenigstens so?“

„Das kann ich beschwören!“, beeilte sich Joker zu versichern. „Da ist nichts mehr zu nageln oder zu leimen. Es wird Tage dauern, bis die Howards mit ihrem Chink neues Holz herangefahren haben. Dann kommt das Zuschneiden und Neusetzen. Sie müssen noch einmal ganz von vorn anfangen. Wochen werden vergehen..

„Nichts wird vergehen!“, unterbrach ihn Clanton wütend. „Habe ich euch etwa nur hinausgeschickt, dass ihr Matt Howard nur mal so ein bisschen bei der Arbeit stört. Dieser Bastard soll verschwinden. Das ist das Ziel gewesen.“

„Den Schwarzen und seine Herde Matt Howard vor der Nase wegzuschnappen, wäre doch auch ein Spaß, Sir!“, warf da Nathan Montellier ein. „Soll er doch Holz reinschleppen in den Canyon, Pfosten einstampfen und alles noch mal neu aufbauen. Wenn Sie ihm den Schwarzen und seine Herde abgejagt haben, kann er dort nur noch auf Füchse warten, die ihm in den Fangkorral gehen.“

Clanton blickte ihm in die Augen. „Gute Idee, Nath!“, sagte er spöttisch. „Darauf wäre ich selbst gar nicht gekommen. Sagst du mir vieleicht auch, wer von unseren Extramännern dieses Kunststück vollbringen könnte? Oder hast du gar an dich selbst gedacht?“

„Das wäre doch nicht schwierig“, erwiderte Nathan Montellier gelassen. „Wichtig ist nur, dass Matt Howard den Hengst nicht bekommt. Sie sind doch auf dieses Tier nicht angewiesen.“

„Abknallen?“, fragte Clanton betroffen.

Nathan Montellier zuckte die Schultern. „Dieser schwarze Teufel ist nicht leicht zu fangen. Er würde ein Dutzend unserer Leute tagelang binden. Aber es könnte auch Wochen dauern. Eine Kugel wäre eine glatte und schnelle Sache.“

„Bist du verrückt!“, polterte Clanton. „Der Schwarze besitzt eine Herde von fünfzig Tieren. Glaubst du wirklich, ich nehme das auf mich, sie alle abzuschlachten? Kennst du die Leute auf einmal nicht mehr? Nicht einmal die Straßenköter würden mich danach noch angucken. Zum Teufel, etwas Besseres fällt dir wohl nicht ein! Um mir hier einen guten Namen zu machen, habe ich Unsummen spendiert. Die Schule, die neue Kirche und die Brücke über den Fluss - das alles ist von meinem Geld gebaut worden. Die Leute achten und verehren mich. Du weißt doch selbst, was ich alles schon getan habe. Soll das zum Fenster hinausgeschmissen sein, was ich an Geld aufgewendet habe, nur um Ansehen in der Stadt zu erwerben?“

„Ihr Name brauchte doch damit gar nicht in Verbindung gebracht zu werden“, meinte Nathan. „Wir könnten ein paar Leute anwerben ...“

„Nein!“, bellte Clanton. „Davon will ich nichts wissen, verdammt noch einmal. Wildpferde abschlachten! Ich bin froh, dass es sie noch gibt. Jedes Mal, wenn ich sie dort draußen sehe, erinnert mich ihr Anblick an die alten Zeiten. Daran, wie’s damals war, als ich hier angefangen habe. Nein und noch einmal nein! Zum Teufel mit den Hundesöhnen, die den Schwarzen und seine Herde fangen wollen, um eine Pferdezucht aufzubauen.“

Er stand auf und zog sich die Jacke glatt.

„Ich lege es in deine Hände, Nath!“, sagte er ungehalten. „Finde heraus, was mit Matt Howard geschehen ist. Vielleicht hat er sich das Kreuz gebrochen und ist bereits tot. Ich will es morgen wissen! Vor allem aber schicke mir den Chinesen zur Hölle. Dass das geschehen ist, will ich morgen ebenfalls hören. Sollte Matt Howard tot sein, wird seine Schwester bestimmt aufgeben. Lass sie wissen, dass ich bereit bin, für die heruntergekommene Ranch einen fürstlichen Preis zu bezahlen.“

Er stapfte zur Tür und ging hinaus. Nathan Montellier und der Advokat erhoben sich. Die Tür fiel ins Schloss, dass es wie ein Gewehrschuss krachte.

Nathan Montellier sah die Revolvermänner gereizt an. „Ihr Pfeifen! Auf meinen Knochen bleibt es nun wieder sitzen.“

Joker reckte sich. „Den Chink übernehmen wir! Wir reiten gleich noch mal hinaus.“

„Well, den Bastard biegen wir über den Leisten und stampfen ihn in den Boden“, sagte Hank Sullivan entschlossen. „Und zwar drei Fuß tief.“

„Von mir kriegt dieser Skunk eine ganz besondere Abreibung“, sagte Joe Pastor grimmig.

„Bevor ich euch drei nochmal allein hinausschicke, soll mich der lebendige Teufel holen!“, knurrte Nathan Montellier. „Sagt den anderen Bescheid. Wir reiten drei Uhr nachts los, damit wir im Morgengrauen an Ort und Stelle sind.“

„Mit allen Leuten?“, fragte Joker ungläubig. Hank Sullivan und Joe Pastor grinsten geradezu mitleidig.

„Eine Pleite genügt Clanton, und mir auch!“, zischte Nathan Montellier grimmig. „Ich werde nicht vergessen, dass wir es euch zu verdanken haben.“

Die drei gingen sofort zur Tür und verließen hintereinander den Raum, ohne sich noch einmal umzusehen.

„Mister Clanton sollte seine Taktik ändern“, sagte der Advokat, nachdem die Tür zu war. „Matt Howard ist doch ein Mann mit einer ziemlichen Vergangenheit. Warum setzt er nicht da den Hebel an?“

„Weil ihm nichts nachzuweisen ist“, sagte Nathan Montellier. „Dass man damit nicht operieren kann, sollten Sie als Advokat doch wissen.“

„Da wüsste ich aber ein Mittel!“ Nathan Montellier verzog das Gesicht. „Wollen Sie vielleicht einen von Matt Howard durchgeführen Bankraub inszenieren?“

„Muss ja nicht gerade ein Bankraub sein“, sagte der Advokat. „Ein Viehdiebstahl würde die öffentliche Meinung auch schon beeinflussen.“

Nathan Montellier winkte ab. „Ich werde das Problem lösen. Auf meine Weise und bis morgen.“

„Das alles geht doch auf Mord hinaus!“, gab der Advokat zu bedenken.

Nathan Montellier starrte ihn an. „Wenn mich so ein Schweinehund angreift, reden Sie von Mord? Ich dachte immer, das heißt Notwehr!“

Der Advokat schüttelte den Kopf. „Kein Mensch wird Ihnen abnehmen, dass Sie von Betty Howard angegriffen worden sind.“

„Ich werde die Sache schon so hinstellen, dass man mir das glaubt. Aber sie wird dabei nicht sterben. Jedenfalls nicht gleich. Es muss ja jemand übrigbleiben, von dem Clanton die Ranch erwerben kann.“

Er trat an Clantons Schreibtisch, nahm sich eine seiner Zigarren und steckte sie an.

„Die harte Tour ist immer die beste“, sagte er paffend, „weil sie endgültige Resultate schafft. Aber dazu müssen Sie Ihren Segen nicht geben.“

„Den würden Sie auch nicht bekommen“, versicherte Wes Gruber kühl. „Mir liegen mehr die eleganten Lösungen.“

Nathan Montellier lachte. „Das hört sich ja so an, als hielten Sie sich damit schon bereit. Aber Sie verschwenden nur Ihre Zeit. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihre Dienste in dieser Angelegenheit gefragt sind. Mir ist zu Ohren gekommen, dass Betty Howard Ihnen gefällt. Aber ich muss Sie da enttäuschen. Clanton hat keinen Auftrag für Sie, der Sie in Betty Howards Nähe bringt. Es sei denn, Sie reiten heute Nacht mit mir. Aber ich sage Ihnen jetzt schon, da fallen nur Schüsse und keine zärtlichen Worte.“

Dem Advokaten schoss das Blut ins Gesicht. „Wie sprechen Sie mit mir? Ich bin nicht Joker!“

„Stimmt!“, erwiderte Nathan Montellier. „Sonst hätte ich Sie längst hinausgeschmissen.“

Wes Gruber reckte sich. Er öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder. Nathan Montellier hatte den Raum bereits verlassen.

Wes Gruber setzte den Hut auf und nahm die Aktentasche vom Tisch. Langsam ging er zur Tür. Als er aus dem Zimmer trat, kehrte Clanton zurück.

„Sie sind noch hier, Gruber?“, lächelte der Rancher. „Gibt es denn noch Fragen?“

„Ja!“, sagte Wes Gruber. „Wieviel würden Sie für die Howard Ranch bezahlen? Ich meine, wie hoch würden Sie notfalls gehen?“

„Ich bin doch an der Ranch gar nicht interessiert!“, lachte Clanton. „Ich will nur keinen Konkurrenten haben. Pferdezüchter in dieser Gegend bin ich und sonst niemand. Das muss und wird so bleiben.“ Ein kaltes Licht erschien in den Augen des Ranchers als er fortfuhr: „Man nennt mich nicht umsonst den Mustang-König. Ich besitze hier die Macht. Und keiner wird sie mir streitig machen.“

Wes Gruber nickte. „Das meinte ich damit! Wie hoch würden Sie gehen? Sie könnten den Howards für die Ranch ja auch ein faires Angebot unterbreiten.“

Clanton lächelte bleich.

„Ein faires Angebot? Gruber, Sie sind wohl nicht bei Trost! Ich habe doch Sie und meine Revolvermänner nicht engagiert, um irgendwelchen Leuten faire Angebote zu unterbreiten. Wer, zum Henker, ist denn jemals mir gegenüber fair gewesen?“ Er lachte. „Nicht einmal mein Vater! Als ich vierzehn wurde, verlangte er von mir, dass ich ihn mal für eine Weile ernähre. Mein eigener Vater hat das von mir verlangt. Das müssen Sie sich vorstellen!“

„Was haben Sie geantwortet?“

Clanton war verblüfft über die Frage.

„Nichts!“, sagte er. „Ich habe gewartet, bis er sich umgedreht hat. Dann habe ich ihm in den Hintern getreten und bin abgehauen. Das Pferd hatte ich schon vorher gesattelt. Das einzige, das wir besaßen. Er war so betrunken, dass er wohl nie erfahren hat, wer ihn getreten und ihm das einzige Pferd gestohlen hat. Mit diesem Pferd habe ich hier angefangen. Sie wissen ja selbst, was ich damit auf die Beine gestellt habe. Bei ihm wäre dieser Braune eines Tages doch nur verhungert. Aber nun halten Sie mich nicht für einen undankbaren Menschen. Als ich hier fest auf den Füßen stand, habe ich eine Kutsche mit einer Eskorde von fünf erstklassigen Reitern losgeschickt, um meinen Vater herzuholen. Aber da war er schon tot.“

„Ja, es gibt Leute, die brauchen aber auch für nichts Zinsen zu zahlen!“

Clanton lachte amüsiert. „Gut formuliert, Gruber! Man merkt, dass Sie ein studierter Mann sind. Aber nun mal los! Sie haben eine weiche Stelle von mir erwischt. Setzen Sie einen Vertrag für Betty Howard auf. Ich kaufe die Ranch für ... fünfhundert Dollar!“

„Sir! Die Ranch wäre das Zehnfache wert“, sagte Gruber. „Das Land, die Weidegründe und das Wasser!“

Clanton nickte. „Ich weiß! Aber denken Sie an all die Unkosten, die ich habe! Sie kosten mich Geld! Meine Revolvermänner müssen bezahlt werden. Diesen ganzen verdammten Apparat muss ich in Schwung bringen, um die Ranch überhaupt kaufen zu können. Oder glauben Sie vielleicht, Matt Howard, der ehemalige Bandit würde seine Ranch für fünftausend Dollar hergeben?“

„Haben Sie es versucht?“

„Dann hätte ich Sie und meine Revolvermänner ja erst einmal zum Teufel schicken müssen!“

„Ich danke Ihnen! Sie haben meine Frage erschöpfend beantwortet“, sagte Wes Gruber und ging zur Treppe.

Clanton sah ihm argwöhnisch nach. „Gruber, Sie leben von mir, seitdem Sie sich hier als Advokat niedergelassen haben. Ihre Anzüge und Ihr Körpergewicht können sich seitdem sehen lassen.“

Der Advokat blieb an der Treppe stehen. „Ja, das hatte ich ganz vergessen. Ich werde den Kaufvertrag für Betty Howard vorbereiten.“

„Tun Sie das!“, knurrte Clanton und ging weiter.

*

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BLUTROT WAR DIE SONNE jenseits des Canyons versunken. Der Himmel färbte sich tiefblau, und die weißen Wolkenschleier wurden allmählich unsichtbar. Weit im Osten blinkten die ersten Sterne. Einsam verhallte der Schrei eines Pumas in der Ferne.

Matt Howard hatte geschlafen. Er hob ein wenig den Kopf.

Betty sah auf. „Ein Puma, Matt! Drüben in den Bergern“

„Ich höre einen Reiter!“, sagte Matt Howard.

Erst in diesem Augenblick vernahm auch Sheng den Hufschlag. Er stand auf und wollte hinausgehen.

„Halt!“, sagte Matt Howard wild und griff nach dem Gewehr, das auf seiner Pritsche lag. Mit einer wütenden Bewegung schleuderte er die Waffe Sheng vor die Füße. „Knall ihn ab! Frag nicht erst. Gesprochen wird hier nur noch unter uns dreien.“

Sheng bückte sich und fing das Gewehr mit einer blitzschnellen Bewegung auf, noch ehe es den Boden berührte.

„Sheng!“, raunte Betty entsetzt und sprang auf.

Sheng lächelte und ging mit dem Gewehr hinaus. Es war ein einzelner Reiter. Er kam den steilen Hang beim Canyoneingang heruntergetrabt, obwohl es besser gewesen wäre, dort langsam zu reiten. Der Rappe geriet auch einige Male ins Stolpern. Doch der Mann fing ihn wieder und trieb sein Tier in einen hastigen Galopp. Der Reiter kam aus der Stadt. Das verriet nicht nur die Richtung, sondern auch sein Anzug. Als er sein Pferd aufnahm und die letzten hundert Yard im Schritt ritt, weil er Sheng gesehen hatte, trat Betty aus der Höhle.

„Er ist allein!“, sagte Sheng.

Betty ging dem Mann ein paar Schritte entgegen. „Mister Gruber!“, rief sie erstaunt.

Der Reiter hielt und saß ab. Er lüftete den Hut. „Miss Howard, ich muss mit Ihnen reden.“

„Sheng!“, brüllte Matt Howard in der Höhle.

Sheng ging hinein. Matt Howards Gesicht war dunkel. Er kochte regelrecht vor Wut. Mühsam richtete der Verletzte sich von seinem Lager auf.

„Das ist Clantons Advokat!“, zischte er. „Nimm das Gewehr und knall ihn ab!“

„Er ist allein und möchte mit Ihrer Schwester sprechen“ sagte Sheng.

„Kannst du nicht hören, verdammt!“, keuchte Matt Howard wild. „Knall ihn ab! Das ist ein Befehl.“

Er zitterte vor ohnmächtiger Wut darüber, dass er dazu selbst nicht imstande war.

„Mister Howard, Sie können mir nicht befehlen, einen Menschen zu töten.“

„Du bist mein Helfer! Also tu, was ich dir sage!“, schrie Matt Howard.

Sheng schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht Ihr Helfer! Ich helfe Ihrer Schwester.“

Matt Howard starrte ihn an. „Du verfluchte gelbe ...“

Betty trat mit dem Advokaten in die Höhle. Sheng trat zur Seite. Der Mann musterte ihn kurz, aber trotzdem sehr genau.

„Mister Gruber ist hergekommen, um uns zu warnen“, sagte Betty und trat zu ihrem Bruder. „Er rät uns dringend, den Ganyon zu verlassen. Sofort!“

Matt Howard betrachtete den Advokaten mit einem flammenden Blick.

„Sie verfluchter Hundesohn!“, bellte er. „Scheren Sie sich zum Teufel! Hauen Sie ab! Und lassen Sie sich hier nie wieder blicken. Nicht hier und nicht auf unserer Ranch. Sie können von Glück sagen, dass ich an diese verdammte Pritsche gefesselt bin und mich nicht rühren kann. Erwürgen würde ich Sie sonst. Sie und Clanton!“

„Matt, ich bitte dich!“, rief Betty verzweifelt. „Sei still! Sag nichts! Mister Gruber will uns doch helfen.“

Howard starrte seine Schwester wütend an. „Bist du verrückt? Wie kannst du ihm das glauben? Weil er mal hinter dir her gewesen ist? Diese Ratte ist Clantons Mann! Ratten können nur nagen und nicht helfen."

„Ich kann Ihren Zorn verstehen“, begann Gruber heiser. „Er ist für mich völlig verständlich. Aber versuchen Sie um Himmels willen Ihren Groll zu vergessen, und denken Sie an Ihre Schwester.“

„An meine Schwester soll ich denken!“ Matt Howard lachte hasserfüllt. „An die denken Sie doch schon!“

„Matt!“, unterbrach ihn Betty, setzte sich zu ihm und legte ihm die Hände beschwörend auf die Brust. „Höre Mister Gruber doch wenigstens einmal an. Im Morgengrauen kommen Clantons Revolvermänner in den Canyon, um dich und Sheng zu töten und mich zu zwingen, die Ranch an Clanton zu verkaufen. Sobald ich unterschrieben habe, werden sie auch mich töten.“

Matt Howard starrte den Advokaten wild in die Augen. „Diesen Vertrag haben Sie wohl schon mitgebracht?“

„Lassen Sie uns das nicht zerreden, Matt!“, drängte Gruber mit bebender Stimme. „Wir verlieren nur Zeit.“

„Mister Gruber riskiert für uns sein Leben!“, rief Betty eindringlich.

„Mein Leben vielleicht nicht“ berichtigte Gruber. „Aber bestimmt meinen Job und meine Existenz in der Stadt.“

„Mister Gruber schlägt vor, dass wir uns auf die Ranch zurückziehen“, sagte Betty. „Clantons Revolvermänner werden auch dorthin kommen. Doch bis dahin wird der Sheriff da sein. Mister Gruber wird ihn informieren.“

„Ich denke nicht daran, mich vor Ratten feige zurückzuziehen!“ zischte Matt Howard. „Ich kann mich ohnehin nicht rühren. Also bleibe ich. Ich werde hier auf die Hurensöhne warten und sie gebührend empfangen, sobald auch nur einer seine Visage in die Höhle steckt.“ „Sheng und ich bringen dich weg!“ sagte Betty.

„Das wirst du nicht tun!“ bellte Matt Howard. „Sheng, mein Gewehr!“

„Sind Sie doch vernünftig, Mister!“ wandte sich Gruber an Sheng. „Helfen Sie Miss Betty. Ich habe gehört, dass Sie drei von diesen Männern überwältigt haben. Doch im Morgengrauen werden mehr als ein Dutzend Leute hier auftauchen. Sie haben gar keine Chance. “

„Sheng, bitte! Helfen Sie mir!“, sagte Betty.

„Das wirst du nicht tun!“, knurrte Matt Howard wütend. „Sheng, ich bin hier der Boss. Nicht meine Schwester!“

„Nehmen wir den Wagen?“, wandte sich Sheng an Betty.

Sie nickte sofort.

„Gelber Hund!“, schimpfte Matt Howard.

„Mit Ihren Freunden gehen Sie nicht gerade zimperlich um“, sagte der Advokat. „Wer Sie so reden hört, könnte Sie glatt für Clanton persönlich halten. Sie haben viel mit ihm gemein, genau betrachtet unterscheidet sie beide nur sein Reichtum.“

„Verschwinden Sie!“

Sheng legte das Gewehr auf eine Kiste und ging hinaus, um den kleinen Farmerwagen fertigzumachen. Der Advokat folgte ihm.

„Es freut mich für Betty, dass Sie da sind, Mister“, sagte er leise. „Sie sollen Chinese sein? Sie sehen gar nicht so aus!“

„Wäre das schlimm?“

„Entschuldigen Sie, Sheng! So habe ich das nicht gemeint.“

„Mein Vater ist Amerikaner.“

Sie bleiben neben dem Wagen stehen. „Sie sagen das, als suchten Sie ihn. War er drüben?“

Sheng lächelte. „Ja, es ist so, wie Sie vermuten Mister Gruber“, sagte er. „Mein Vater lernte meine Mutter in China kennen. Aber er musste das Land Hals über Kopf verlassen, um nicht getötet zu werden.“

Gruber ergriff Shengs linke Hand und schob den Jackenärmel zurück. Shengs Unterarme waren tätowiert. Auf dem linken trug er das Zeichen der Schlange, auf dem rechten das des Tigers. Gruber besah sich beide Tätowierungen.

„Sie sind ein Priester!“, sagte er und lächelte überrascht.

„Ich gehöre dem Weißen Lotus an“, erwiderte Sheng freimütig. „Meine Mutter durfte mich nicht behalten. Es wäre ihr Tod gewesen. Die Mönche vom Kloster des Weißen Lotus haben mich aufgezogen und ausgebildet.“

„Kung Fu!“, sagte Gruber lächelnd „Davon habe ich vor Monaten gehört. Als die Männer, die Sie hier überwältigt haben, Clanton berichteten, fiel es mir gleich wieder auf. Kümmern Sie sich um Betty! Helfen Sie ihr. Ihr Bruder ist ein ehemaliger Bandit. Überreden Sie Betty, die Sache hier aufzugeben. Niemand ist Clanton gewachsen. Und Sie, junger Mann, haben mit Ihrer Kampfweise gegen zwölf Revolvermänner auch keine Chance. Der Tiger ist mutig, die Schlange ist listig, ich weiß! Aber Blei ist schneller. Es tötet den Tiger und auch die Schlange. Beide denken. Blei aber ist hirnlos. Ist das in einer für Sie verständlichen Sprache gesagt?“

„Durchaus!“

Gruber klopfte ihm auf die Schulter. „Ich verlasse mich auf Sie, Sheng! Wenn Sie hier in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen, befolgen Sie Bettys Anweisungen. Ihr Bruder ist auch hirnlos!“

Er wollte zu seinem Pferd gehen, aber Betty kam heraus.

„Ich danke Ihnen, Mister Gruber“, sagte sie und ergriff seine Hand.

„Aber nicht doch!“, sagte Gruber. „Nicht der Rede wert. Sehen Sie zu, dass Sie mit Ihrem Bruder wegkommen. Sheng wird Ihnen helfen. Aber noch etwas, Betty! Geben Sie hier auf! Ihr Bruder ist Clanton nicht gewachsen. Wir haben einen Sheriff, doch es gelten nur Clantons Gesetze. Vergessen Sie das nicht. Eines Tages wird er die Vergangenheit Ihres Bruders ins Spiel bringen. Vielleicht morgen schon. Dann haben Sie die öffentliche Meinung auch noch gegen sich. Verkaufen Sie die Ranch! Ich helfe Ihnen und Ihrem Bruder, irgendwo einen neuen Besitz zu finden. Bieten Sie Clanton die Ranch an. Für fünftausend Dollar. Ich werde dafür sorgen, dass Ihr Angebot in dei Stadt bekannt wird. Da bleibt Clanton keine Wahl. Und Fünftausend sind doch ein annehmbarer Preis.“

Betty sah ihn schweigend an.

„Denken Sie wenigstens darüber nach!“, sagte Gruber und ging zu seinem Pferd. „Mit fünftausend Dollar in der Hand kommt Ihr Bruder überall vorwärts. Es muss doch nicht unbedingt hier sein. Fünftausend Dollar oder den Tod, da fällt die Wahl nicht schwer.“

Er saß auf und ritt weg. Die Dämmerung war hereingebrochen. Nach ein paar Pferdelängen war er im Schatten der Felswand verschwunden. Nur zu hören war er noch.

„Was sagen Sie dazu, Sheng?“, fragte Betty leise. „Fünftausend Dollar!“

„Der Vorschlag hörte sich vernünftig an!“, erwiderte Sheng.

„Aber mein Bruder ist nicht vernünftig!“

„Er ist im Augenblick nicht in der Lage, seinen Willen durchzusetzen. Und ich habe den Eindruck, dass Sie Mister Gruber trauen können.“

„Oh ja!“, sagte sie seufzend. „lhm können wir bestimmt trauen.“

Sheng lächelte. „Dann lohnt es sich doch, seine Vorschläge zu befolgen. Denken Sie darüber nach.“

„Wenn Sie meinen ...“

„Tun Sie das, Betty!“

„Würden Sie mir helfen, Sheng?“

„Aber ja.“

„Ich kann Sie im Moment nicht bezahlen, aber ich tue es, sobald ich die Ranch verkauft habe.“

„Geld bedeutet mir nichts!“

„Aber ... Sie sind doch arm!“

„Woher wissen Sie das, Betty?“

Sie musterte ihn im letzten Schein des Tageslichtes und lächelte.

„Es gibt verschiedene Arten arm zu sein. Wenn sie an Geld denken, haben Sie recht. Aber es ist jetzt nicht die Zeit, darüber zu reden. Kommen Sie! Ich trage Matt nach draußen. Dann schirren wir die Pferde ein.“

Er kehrte in die Höhle zurück.

„Rühr’ mich nicht an!“,, warnte ihn Matt Howard.

Sheng griff schweigend zu, hob ihn behutsam auf und trug ihn vorsichtig vor die Höhle. Betty folgte mit einigen Decken, die sie auf der Ladefläche ausbreitete.

„Wir werden miteinander abrechnen!“, krächzte Matt Howard.

„Gewiss!“, sagte Sheng.

*

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CLANTON STAPFTE WÜTEND auf und ab. Diesmal stand Nathan Montellier vor ihm. Gruber, der Advokat, saß in einem Sessel und grinste verstohlen.

„Gut!“, sagte Clanton, warf wütend die Rechte hoch und blieb vor Nathan Montellier stehen. „Die Howards haben den Canyon geräumt. Aber weshalb, zum Teufel, habt ihr die Ranchgebäude nicht in Rauch und Flammen aufgehen lassen? Dort hattet ihr die Howards und den verdammten Chinesen doch alle beieinander, wie die Ratten in ihrem Nest.“

„Und der Sheriff?“, fragte Nathan Montellier. „Sollten wir ihn mit umlegen?“

Clanton winkte wütend ab und nahm die Wanderung wieder auf.

„Ich dachte, mich trifft der Schlag, als ich den Sheriff aus dem Ranchhaus kommen sah“, erklärte Nathan Montellier.

Clanton fluchte. „Wie ist dieser Hundesohn überhaupt dort hin gekommen?“

Nathan Montellier zuckte die Schultern. „Angeblich will er gehört haben, dass sich auf der Howard-Ranch ein angeschossener Mann befindet. Da wollte er nur mal nach dem Rechten sehen.“ Clanton fluchte wieder. „Das sieht mir aber verdammt komisch aus!“

„Eine ziemliche Pleite“, warf Gruber ein. „Ich wäre um ein Haar in der Nacht mit den Männern losgeritten.“

„Sie?“, unterbrach ihn Clanton. „Weshalb denn?“

„Ich wollte von Betty Howard den Kaufvertrag unterschreiben lassen. Fünfhundert Dollar. Ich habe die Verträge fertig. Aber nun kann ich die Papiere wohl zerreißen.“

„Das lassen Sie mal bleiben!“, sagte Nathan Montellier. „Noch sind wir damit nicht am Ende.“

„Aber Betty Howard befindet sich in der Stadt“, sagte Gruber. „Sie ist mit dem Sheriff gekomen. Und jedem, der es hören oder nicht hören will, erzählt Sie, dass Sie Ihnen die Ranch verkaufen will. Zum Vorzugspreis von fünftausend Dollar.“

„Was?“, griente Nathan Montellier. Clanton schwieg. Ihm hatte es die Sprache verschlagen. Er öffnete den Mund und blickte den Advokaten an, als wäre er ein Geist.

Gruber zuckte die Schultern. „Sie ist in Begleitung des Sheriffs bei mir gewesen. Ihr Angebot liegt also damit ganz offen auf dem Tisch.“

Clanton war mit zwei Schritten vor ihm. „Und das haben Sie sich angehört?“

„Ich habe es schriftlich!“, erwiderte Gruber und zog ein Schriftstück aus seiner Aktentasche.

Clanton riss es ihm förmlich aus der Hand, überflog es und ließ das Blatt sinken. Dabei wich alle Farbe aus seinem Gesicht.

„Ein verdammt gerissener Zug von Betty Howard“, sagte Gruber.

Clanton starrte ihn an. „Gerissen? Wieso denn das?“

„Sie müssen zugreifen oder ablehnen“, erklärte Gruber. „Und zwar ebenfalls in aller Öffentlichkeit.“

„Ich muss?“, brülte Clanton.

Gruber zuckte die Schultern.

„Dieser Chinese!“, sagte Nathan Montellier langsam. „Dieser verdammte gelbe Hund!“

Clanton starrte ihn an. „Wie kommst du denn auf den?“

„Ich habe mir den Kerl angesehen“, erklärte Nathan Montellier. „Ein ganz geriebener Bursche ist das. Gescheit ,und gerissen wie sieben chinesische Weise zusammen. Er hat Betty das alles eingeblasen. Als ich ihn gesehen habe, ist mir auch klar geworden, wieso er Joker und dessen Freunde aufs Kreuz legen konnte. Das ist ein ganz gefährlicher Bursche. Das sage ich Ihnen!“

Clanton verschränkte die Hände auf dem Rücken und schob den Kopf bullig vor.

„Ich bin auch gefährlich!“, bellte er. „Ihr alle kennt mich bloß noch nicht. Los Gruber! Ich kaufe die Ranch! Lassen Sie das überall bekannt machen. Ich werde die fünftausend Dollar zahlen. Gleich gehe ich zur Bank, damit auch bekannt wird, dass ich mir das Geld geholt habe.“

Er baute sich vor Nathan Montellier auf.

„Mit dem Geld werde ich morgen auch zu den Howards hinausfahren. Bloß bei meiner Ankunft wird dort draußen niemand mehr am Leben sein. Matt und Betty Howard werden tot sein. Ermordet! Erschlagen! Und zwar von dem Chinesen. Dieser Hund aber darf nie mehr gefunden werden. Brauchst du noch irgendwelche Befehle?“

Gruber stand auf. „Betty Howard befindet sich noch in der Stadt!“

Clanton starrte ihn an. „Hier bleibt sie doch nicht ewig!“

„Der Sheriff wird mit Ihr zurückreiten!“, sagte Gruber.

„Der Sheriff?“, knurrte Clanton. „Wieso denn das?“

Er sah Nathan Montellier an, doch der zuckte die Schultern.

„Vielleicht, weil Betty Howard um seine Begleitung gebeten hat“, warf Gruber ein.

In Clantons Augen blitzte es.“ „Dem Sheriff werden wir eine andere Beschäftigung besorgen. Schicke einen Mann zum Westvorwerk, Nath! Dort sollen sich ein paar Cowboys gegenseitig zur Hölle jagen. Bringt das irgendwie in Gang, damit der Sheriff zu tun hat. Da war doch mal eine alte Geschichte zwischen zwei Männern, deren Land ich erworben habe und die jetzt für mich arbeiten. Heize diese Sache an, damit die Kerle sich in die Haare kriegen, und es kracht und raucht!“

Gruber ging schnell zur Tür und ließ dabei vor Aufregung seinen Hut liegen.

„Ich habe die Besitztitel in meinem Tresor“, bot er sich eilfertig an. „Ich suche sie heraus. Da gibt es tausend Gründe, dass sich die Weelforks und der alte Messhower nochmal in die Haare kriegen.“

Er wartete Clanton’ Antwort gar nicht ab. Wie der Wind war er draußen.

Clanton und Nathan Montellier sahen ihm überrascht nach.

„Was hat er denn?“, fragte Nathan Montellier verwundert. „Wo rennt er hin?“

Clanton wandte sich ab und trat an den Sessel, in dem der Advokat gesessen hatte. Er hob dessen schwarzen Hut auf und betrachtete ihn von allen Seiten.

„Er hat seinen Hut vergessen!“, bemerkte Nathan Montellier.

Clanton sah ihn ernst an. „So ein gescheiter Mann ist der Chinese gar nicht“, sagte er trocken. „Ich glaube vielmehr, dass wir einen Verräter in unseren Reihen haben.“

Nathan Montellier schluckte. „Ein Verräter...“

Clanton nickte und ließ den Hut auf den Sessel fallen. „Los! Schicke ihm Perl nach. Er soll Gruber nicht aus den Augen lassen und jeden seiner Schritte genau überwachen.“

„Ich verstehe Sie nicht, Sir!“, stammelte Nathan Montellier. „Ich glaube da eher ...“

„Mach schon!“, brüllte Clanton wütend. „Lauf! Bewege dich! Nicht eine Minute lang soll mir Perl diesen Hundesohn aus den Augen lassen, oder ihr alle könnt zum Teufel gehen!“

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738915211
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v383665
Schlagworte
sheng clantons terror

Autor

Zurück

Titel: Sheng #14: Clantons blutiger Terror