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Vier Wintermorde: 4 Kriminalromane

von Alfred Bekker (Autor) Walter G. Pfaus (Autor) Hans-Jürgen Raben (Autor) Theodor Horschelt (Autor)

2017 800 Seiten

Leseprobe

Vier Wintermorde - 4 Kriminalromane

Alfred Bekker et al.

Published by Casssiopeia-XXX-press, 2017.

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Vier Wintermorde – 4 Kriminalromane

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Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Alfred Bekker: Kubinke und der verschwundene Flüchtling

Walter G. Pfaus: Das ideale Mörderpaar

Hans-Jürgen Raben: Maßlose Gier

Theodor Horschelt: Gangster, Killer und ein Mädchen

Die beiden BKA-Ermittler Harry Kubinke und Rudi Meier hat es aus der Hauptstadt in die sächsische Provinz verschlagen. Der Mord an einem Kollegen muss aufgeklärt werden. Die Liste der Tatverdächtigen ist lang. Und die örtliche Polizei ist leider keine Hilfe. Hat der verschwundene Flüchtling mit dem Mord zu tun?

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Kubinke und der verschwundene Flüchtling

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Krimi von Alfred Bekker 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 130 Taschenbuchseiten.

Die beiden BKA-Ermittler Harry Kubinke und Rudi Meier hat es aus der Hauptstadt in die sächsische Provinz verschlagen. Der Mord an einem Kollegen muss aufgeklärt werden. Die Liste der Tatverdächtigen ist lang. Und die örtliche Polizei ist leider keine Hilfe. Hat der verschwundene Flüchtling mit dem Mord zu tun?

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Personen:

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Harry Kubinke - Kriminalhauptkommissar beim BKA.

Rudi Meier - sein Kollege.

Der Wirt - mag die beiden nicht.

Rüdiger Schmitten - ein BKA-Mann, der ermordet im Wald gefunden wurde.

Abdullah Abu Khalil - ein syrischer Flüchtling, der im Verdacht steht, Kontakte zu islamistischen Terrorgruppen zu haben.

Jürgen Dahlheim - Leiter der örtlichen Polizeidienststelle.

Regina Dörfner - eine junge Polizeibeamtin.

Bernd Ludwig - besitzt eine doppelläufige Jagdbüchse

Heino Zäuner - wird von Harry Kubinke erschossen.

Devid Dresel - hat einen Baseballschläger.

Ferdinand von Bleicher - ein Kämmerer, der eine dubiose Rolle spielt.

Martin Keller - der windige Bürgermeister.

Jennifer Möhrke - kennt Devid Dresel etwas besser - oder auch nicht.

Dr. Sven Frankenberg - Devid Dresels Verteidiger, Studienfreund und Burschenschaftskamerad von Ferdinand von Bleicher

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Es war ein ziemlich öder Dezembertag, als wir in dieses kleine Dorf in Sachsen fuhren. In Berlin war gerade ein islamistischer Terrorist mit einem gekaperten Dreißigtonner in einen gut besuchten Weihnachtsmarkt hineingerast. Die Kollegen dort waren jetzt nicht zu beneiden. Ermittlungen unter besonderer Anteilnahme der Öffentlichkeit und der Politik sind immer besonders unangenehm. Leute wie uns sollte man einfach ihre Arbeit machen lassen. Aber noch bevor der erste Fingerabdruck genommen und die erste DNA-Spur ausgewertet ist, gibt es immer jede Menge Schreihälse, die gleich irgendwelche - meistens nicht sehr sinnvollen - Konsequenzen fordern.

Wir hatten mit der Sache in Berlin jedenfalls ermittlungstechnisch nichts zu tun.

Wir waren nicht involviert.

Stattdessen hatten wir einen anderen Fall, der auch dringend war.

Und es bestand die reelle Chance, dass man uns in Ruhe ermitteln ließ. Im Windschatten eines viel größeren Verbrechens gibt es so etwas hin und wieder.

Kommt selten vor, aber es kommt vor.

Wie auch immer: Wir fuhren in dieses Dorf in Sachsen. Ich will seinen Namen nicht nennen. Der Ruf dieser Ortschaft ist schon schlecht genug. Und er wird durch diese Geschichte sicher nicht besser.

“Ermitteln Sie mit Fingerspitzengefühl”, hatte Kriminaldirektor Bock uns am Morgen noch gesagt. “Und möglichst schnell. Und vergessen Sie nicht, dass es um einen Kollegen geht.”

Als ob das Leben eines Kollegen für uns mehr wert gewesen wäre als das irgendeines Penners, der von Neonazis zusammengetreten wird und an seinen Verletzungen stirbt. Ich zumindest habe das nie so gesehen. Und bei Bock konnte ich mir das eigentlich auch nicht vorstellen. Ich denke, , dass er einfach nervös war. Kam bei ihm selten vor, aber wie es schien, hatten mein Dienstpartner Rudi Meier und ich einen dieser seltenen Momente erlebt. Wie es dazu gekommen war, konnten wir uns natürlich denken. Kriminaldirektor Bock hatte das gar nicht weiter ausführen müssen. Es war sonnenklar, dass er Druck von oben bekommen hatte.

Der Fall war brisant.

Ein BKA-Ermittler hatte in diesem sächsischen Dorf nach einem syrischen Flüchtling gesucht, der im Verdacht stand, mit radikalen islamistischen Terrorgruppen in Kontakt zu stehen. Aber anstatt, dass der Kollege den Flüchtling aufspürte, verschwand auch der Spürhund. Und nach einiger Zeit fand man unseren Kollegen dann. Jemand hatte ihm den Schädel eingeschlagen.

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2

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Das Hotel, das man für uns gebucht hat, war nicht gerade erstklassig.

“Sag jetzt nichts”, raunte mir Rudi zu, nachdem er meinen Blick registriert hatte und wohl auch richtig zu deuten wusste. Rudi und ich sind schon sehr lange Dienstpartner. Und wir sind Freunde. Schon eine dieser Eigenschaften würde ausreichen, um irgendwann in der Lage zu sein, die Gedanken des anderen zu lesen.

Der Wirt war ein kleiner, hutzeliger Mann mit einer unangenehm scharf klingenden Stimme. Dazu kam noch sein sächsischer Akzent. Man kann so etwas durchaus als Folter für die Ohren bezeichnen.

“Also Ihr Zimmer ist im ersten Stock und hat die Nummer 12.”

“Aha”, sagte ich.

“Es ist die Nummer 12 auf der rechten Seite. Wir haben auch links eine Nummer zwölf, weil wir die Nummer 13 nicht vergeben. Sie verstehen, nicht wahr?”

“Nein.”

Er beugte sich über den Tresen und sprach in gedämpftem Tonfall weiter. “Aberglauben.” Er klopfte auf das Holz des Tresens. “Ich glaub ja nicht dran.”

“Nee, schon klar.”

“Aber sicher ist sicher, würde ich sagen.”

“Was ich nicht verstehe, ist, wie Sie von einem Zimmer sprachen”, mischte sich jetzt Rudi ein. “Wir brauchen zwei. Und die sind auch gebucht worden.”

“Es tut mir leid, aber da muss ein Missverständnis vorliegen. Es gibt nur ein Zimmer für Sie.” Der Wirt grinste schief. “Aber es macht so Leuten wie Ihnen doch sicher nichts aus, etwas enger zusammenzurücken”, meinte er dann noch. “Sie verstehen schon, was ich meine.”

“Nee, verstehe ich nicht”, sagte ich.

Ich wollte es auch eigentlich gar nicht verstehen. Das dreckige Grinsen des Wirtes machte ihn mir auch nicht gerade sympathischer.

“Na ja ...”

“Na ja, was?”, fragte ich.

“So Leute wie Sie ... Aus der Hauptstadt ... Da ist doch kaum noch einer vom richtigen Ufer. Die Schwulen sind doch da vermutlich schon in der Mehrheit.” Er knallte den Schlüssel auf den Tisch. “Ich habe auch nur einen Schlüssel. Tut mir leid, den zweiten Schlüssel hat mal ein Gast verbummelt. Das war letztes Jahr, als dieser Monteurstrupp hier war. Aus Polen. Die haben sowieso alles mitgenommen, was nicht festgeschraubt war, kann ich Ihnen sagen. Dagegen sollten Sie mal was unternehmen. Sie sind doch von der Kripo, oder?”

“Bundeskriminalamt”, sagte ich.

“Früher hätte man gesagt Stasi. Ist ja auch egal.”

“Nein, das ist nicht egal.”

“Meine Güte, so humorlos, wie Sie sind, Herr ...”

“Kubinke”, unterbrach ich ihn.

“Sie sind wegen dem Bullen hier, den man umgebracht hat?”

“Das war ein Beamter des Bundeskriminalamtes. Für Bullen sind Veterinäre zuständig.”

“Was?”

Er sah mich einen Moment lang verständnislos an.

Ich nutzte die Gelegenheit, um gleich eine Frage hinterherzuschieben, denn der Wirt stand ohnehin auf der Liste der Personen, mit denen wir uns unterhalten wollten. Ich hielt ihm mein Handy hin. Auf dem Display war ein Bild des ermordeten Kollegen zu sehen. “Wir reden über diesen Mann, nicht wahr?”

Auf dem Foto war zu sehen, dass er tot war. Und da der Kollege ein paar Tage im Wald gelegen hatte und man ihm mit einem stumpfen Gegenstand auf den Schädel gehauen hatte, sah er entsprechend aus.

Der Wirt wagte nur einen kurzen Blick.

Er runzelte die Stirn.

“Er hat hier gewohnt”, stellte ich fest. “Hier in diesem Hotel.”

“Hatte aber schon ausgecheckt”, sagte der Wirt. “Er war nur eine Nacht hier, dann hat er am Morgen seine Sachen genommen und ausgecheckt. Und da lebte er noch. Schmitten heißt er, nicht wahr? Also ich wollte sagen: So hieß er.”

“Rüdiger Schmitten”, wiederholte ich.

“War hinter einem Terroristen her. Irgendein Abu Abdul irgendwas.”

“Woher wollen Sie wissen, dass das ein Terrorist war?”, fragte mein Kollege Rudi Meier.

Der Wirt hob die Augenbrauen. “Na, was denn sonst?”

“Der Mann, den Kommissar Schmitten gesucht hat, müsste sich laut unseren Informationen hier im Ort aufhalten”, sagte ich.

“Müsste”, wiederholte der Wirt. “Tut er aber nicht.”

“Wieso sind Sie da so sicher?”

“Na, weil ...” Er zögerte. “Der ist sicher wieder weg. Und überhaupt, was spielt das für eine Rolle?” Er wirkte plötzlich nervös. Sehr nervös sogar. “Also, ich kann dazu eigentlich auch gar nichts weiter sagen. Wirklich nicht.” Er druckste etwas herum. Redete davon, dass er es nicht gut fände, dass so viele Fremde ins Land gekommen seien. Und das dürfte man ja wohl auch mal sagen.

Dann zeigte er uns das Zimmer.

“Davon habe ich immer schon geträumt, Rudi”, meinte ich.

“Wie bitte?”

“Na, mit dir in einem Bett schlafen.”

“Ich hoffe, du schnarchst nicht, Harry.”

“Doch, tue ich”, sagte ich.

“Wenn ich das geahnt hätte ...”

“Was dann?”

“Dann hätte ich Ohropax mitgenommen. Aber in diesem Ort gibt es wahrscheinlich nicht einmal einen Laden, wo man sich so etwas besorgen kann.”

Der Wirt war die ganze Zeit über im Zimmer geblieben. Er hatte uns mit einem Gesichtsausdruck zugehört, der schwer zu deuten war. Aber mir war die v-förmige, tiefe Furche auf seiner Stirn gleich aufgefallen. Er wirkte skeptisch.

“Was ist noch?”, fragte ich.

“Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben dürfte ...”

“Aber immer”, meinte Rudi. “Oder bist du da anderer Ansicht, Harry?”

“Keineswegs”, meinte ich.

Der Wirt schluckte. Er rieb die Handflächen gegeneinander. Und er wich meinem Blick aus. “Sehen Sie zu, dass Sie das erledigen, was Sie hier zu erledigen haben und dann verschwinden Sie am besten wieder. Wir mögen hier keine ...”

“Keine was?”, hakte ich nach.

“Leute von auswärts, die hier nicht hinpassen.”

“Na, das beruhigt mich aber”, meinte mein Kollege Rudi Meier daraufhin. “Ich hatte schon gedacht, Sie wären ausländerfeindlich oder so. Aber in Wahrheit mögen Sie anscheinend nicht einmal deutsche Polizisten!”

“Hier gelten ungeschriebene Gesetze”, sagte er. “Wie gesagt: Ich kann Ihnen nur einen guten Rat geben. Mehr nicht. Befolgen müssen Sie ihn nicht.”

“Hat Herr Schmitten Ihre Ratschläge vielleicht auch nicht befolgt?”, hakte ich dann nach.

Der Wirt sah mich an. Und zwar auf eine Weise, die erkennen ließ, dass er mich zum Teufel wünschte. Aber da war noch etwas anderes in seinem Gesichtsausdruck.

Angst.

Eine sehr deutliche Portion Furcht, von der ich mir im Augenblick nur noch nicht erklären konnte, wodurch sie begründet war.

Aber das sollten wir noch erfahren.

Schneller, als es uns lieb war im Übrigen.

Aber ich will an dieser Stelle nicht vorgreifen.

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Mein Kollege Rudi Meier stellte den Nachttisch etwas um, sodass er sein Laptop besser darauf abstellen konnte. Bevor wir in das Dorf gefahren waren, hatten wir uns im gerichtsmedizinischen Institut in Leipzig von einem Pathologen mit der Feinfühligkeit eines Veterinärs erläutern lassen, was die gerichtsmedizinische Untersuchung ergeben hatte.

“Unser Kollege Schmitten muss irgendetwas herausgefunden haben, was er nicht herausfinden sollte”, meinte ich.

“Und irgendjemand hat ihm dann eins über den Schädel gezogen”, ergänzte Rudi.

“Genau. Ein Baseballschläger könnte die Tatwaffe gewesen sein.”

“Oder irgendein anderer stumpfer Gegenstand, Harry. Davon gibt es unzählige. Aber mal was anderes.”

“Und was?”

Rudi Meier tippte auf der Tastatur herum. Dann nahm er sein Handy. Offenbar musste er einen mobilen Hotspot einrichten.

“Schnelles Internet ist in dieser Gegend anscheinend ein Fremdwort”, meinte Rudi.

“Du hättest den Wirt ja um das Passwort für das W-LAN fragen können, Rudi.”

“Der weiß doch gar nicht, was das ist.”

“Vielleicht unterschätzt du ihn.”

“Glaube ich nicht. Worauf ich hinaus wollte, ist noch ein anderer Punkt, Harry.”

“Dann mal raus damit.”

“Der Leiter der örtlichen Polizei war vor ein paar Jahren mal in den Schlagzeilen.”

“Wieso?”

“Weil er die Ermittlungen gegen eine Gruppe von Neonazis mehr oder minder boykottiert hat, die den einzigen Punk des Ortes so übel verprügelt haben, dass er eine Woche später an den Folgen seiner Verletzungen starb.”

“Hat das was mit unserem Fall zu tun, Rudi?”

Mein Kollege zuckte mit den Achseln. “Keine Ahnung, ich würde sagen, das muss sich noch herausstellen.”

“Wundert mich, dass der Kerl noch im Polizeidienst ist”, meinte ich.

“Wundert dich das wirklich?”, fragte Rudi. “Früher hieß es doch immer: ‘Sachsen, wo die hübschen Mädchen wachsen ...’”

“Na ja ...”

“... und heute ist es das Land der Neonazis.”

“Ich würde sagen, dass weder früher alle Sächsinnen hübsch waren noch dass heute alle Sachsen Nazis sind.”

“Nicht alle, Harry. Aber viele. Zu viele.”

“Und du meinst, die haben diesen Dienststellenleiter gedeckt?”

Rudi deutete auf das Display seines Laptops. “Ich habe mir das Dossier über die Vorgänge von damals nochmal aufgerufen und wenn du mich fragst, gibt es eigentlich nur diese eine Erklärung.”

“Na dann auf freundliche Zusammenarbeit”, murmelte ich.

Wenige Tage bis Weihnachten - und wir hatten diesen Mistfall an der Backe.

Da kann man sich wirklich Schöneres vorstellen.

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Wir fuhren zur örtlichen Polizeidienststelle. Eine junge Beamtin begrüßte uns. Sie hieß Regina Dörfner und dies war ihre erste richtige Stelle. Dementsprechend unsicher war sie auch.

“Wir würden gerne mit dem Dienststellenleiter sprechen”, sagte ich.

“Also der Herr Dahlheim ist gerade nicht da”, sagte die junge Beamtin. Die Uniform hing ihr wie ein Sack am Leib. Der Stress war ihr ins Gesicht geschrieben. Und es hätte mich in diesem Moment schon interessiert, ob dieser Stress etwas mit ihrem Vorgesetzten zu tun hatte.

“Das ist aber seltsam”, meinte mein Kollege Rudi.

“Was ist seltsam?”, fragte die junge Beamtin. Sie wirkte abwesend und irgendwie nicht so ganz in der Spur.

“Na, wir sind mit Herrn Dahlheim verabredet. Sowas nennt man auch landläufig einen Termin. Und da finde ich es schon eigenartig, dass er ausgerechnet dann nicht im Büro ist.”

“Waren Sie das, mit dem ich gesprochen hatte? Am Telefon?”, meinte Regina Dörfner jetzt und sah Rudi mit großen Augen an.

“Ja, das war ich. Ich hatte angerufen, als wir noch auf der Autobahn waren.”

“Ja, ich habe Jürgen ... also Herrn Dahlheim ... natürlich Bescheid gesagt. Aber da war irgendwas Dringendes, weswegen er wegmusste.”

“Und Sie wissen nicht was”, hakte Rudi nach.

“Nee, weiß ich nicht”, sagte sie.

“Ist auch seltsam”, meinte Rudi. “Einfach so zu verschwinden und nicht sagen, wo man hingeht. Ich dachte immer, der Polizeidienst sei vor allem Teamarbeit ...”

“Na ja, hier draußen auf dem Land, da ...”

“Da gibts keine Teamarbeit?”, unterbrach Rudi sie.

“Will ich jetzt so nicht sagen.”

“Dann sagen Sie's doch mal so, wie Sie es meinen.”

Sie atmete tief durch. “Ich bin noch nicht lange hier und möchte eigentlich auch nicht unbedingt gerne anecken, wenn es sich vermeiden lässt. Können Sie das verstehen?”

Ihre Abwehrhaltung war nicht zu übersehen.

“Wir sind wegen unserem BKA-Kollegen Rüdiger Schmitten hier”, sagte ich, um das Gespräch irgendwie wieder in eine Bahn zu bringen, die zumindest die Chance beinhaltet, dass es nicht als völliges Desaster endete und in das mündete, was man auch als eine kommunikative Sackgasse bezeichnen könnte.

“Ich hatte eigentlich nicht viel mit ihm zu tun. Das hat der Jürgen alles mit ihm geregelt. Also, der Herr Dahlheim.”

“Sie kennen den Herrn Dahlheim gut? Ich meine, wenn Sie ihn Jürgen nennen”, meinte ich.

“Das hat nichts zu sagen.”

“Wieso nicht?”

“Das ist hier halt so üblich. Auf unserer Wache, meine ich. Und wie ich schon sagte ...”

“Sie wollen einfach nur nicht anecken.”

“Eben!”

“Und was hat ‘der Jürgen’ in Bezug auf Rüdiger Schmitten so geregelt, wie Sie das nennen?”

“Am besten Sie besprechen das mit dem Jürgen selbst. Ich glaube wirklich, dass das das Beste ist ...”

“Ja, aber der ist doch nun mal nicht hier!”, erwiderte ich.

Eine Pause entstand.

Es war eine Pause von der Art, die sich für alle Beteiligten irgendwie unangenehm anfühlt. Aber meistens lohnte es sich, solche Pausen auszuhalten. Wer als Erster redet, hat dann verloren. Und ich bin das in der Regel nicht.

“Also, ich weiß wirklich nicht viel über die Sache. Aber es ist natürlich furchtbar, was da mit dem Kollegen Schmitten passiert ist. Wer auch immer das getan haben mag ...” Sie redete plötzlich wie ein Wasserfall. Manchmal tun Leute das, um die eigentliche Information zu verbergen. Man verbirgt Worte in Worten, Informationen in Informationen, die nichts bedeuten. Manche machen das bewusst, andere instinktiv. Falls das bei unserer jungen Kollegin der Fall war, dann war sie meinem Gefühl nach eher der instinktive Typ.

Aber egal.

Manchmal kommt bei solchem Redeschwall auch noch irgendetwas heraus, was eigentlich gar nicht gesagt werden sollte. Und genau das sind dann die interessanten Dinge.

“Also, ich weiß, dass der Herr Schmitten hier war und der Jürgen sich so aufgeregt hat”, fuhr sie fort.

“Wieso?”, hakte ich nach.

“Weil sich der Schmitten so aufgeführt hat, als hätte er hier das Sagen, weil er vom BKA kommt. Und das kann der Jürgen nun mal nicht leiden.”

“Weil er es selber gerne zu sagen hat”, schloss ich.

Ihr Lächeln war flüchtig. Aber authentisch.

“Genau”, meinte sie. “Jedenfalls ging es darum, dass der Schmitten einen Flüchtling gesucht hat. Und der war aber nicht hier im Ort.”

“Laut unseren Unterlagen hätte er aber hier sein müssen”, sagte ich.

Sie zuckte mit den Schultern und verschränkte die Arme vor der Brust. “Keine Ahnung. Es ist nicht immer jeder da, wo er sein sollte, wenn Sie verstehen was ich meine.” Sie seufzte. “Ich komme aus Dresden. Ich habe es mir nicht ausgesucht, meine erste Stelle in so einem Loch zu bekommen und sobald ich mich versetzen lassen kann, bin ich hier auch weg.”

“Kann ich absolut nachvollziehen”, sagte ich. “Aber ich weiß jetzt nicht, was das jetzt eigentlich mit unserem Kollegen Rüdiger Schmitten zu tun hat oder mit dem Flüchtling, hinter dem er her war.”

In diesem Moment ging die Tür auf und der Dienststellenleiter kam herein. Jedenfalls nahm ich an, dass es der Dienststellenleiter war. Die Körpersprache sagte alles: Hier bin ich der Boss! Gesehen hatte ich ihn ja noch nicht, aber eigentlich war ich mir sicher, dass er kein einfacher Kollege war. Und ich sollte Recht behalten. Jürgen Dahlheim musterte zuerst uns, dann seine Kollegin, dann wieder uns.

“Harry Kubinke, BKA”, stellte ich mich vor und zeigte meinen Ausweis. Dann deutete ich auf Rudi. “Das ist mein Kollege Rudi Meier. Wir sind wegen des Falls Schmitten hier.”

“Ah, ja ...”

“Sie sind Jürgen Dahlheim?”

“Bin ich.” Er wandte sich an die junge Kollegin. “Hast du mit denen geredet?”

“Herr Dahlheim, hier stellen wir die Fragen. Und wir haben ein paar davon an Sie.”

Er sah mich ziemlich ärgerlich an. “Man hat Sie mir schon angekündigt.”

“Wir hatten einen Termin”, erinnerte Rudi ihn.

“Nennen Sie es, wie Sie wollen.”

“Wollen wir das hier machen, oder haben Sie dafür noch einen gemütlichen Raum?”, fragte ich.

“Kaffee gibt's nicht”, sagte Dahlheim ziemlich unfreundlich. “Maschine ist kaputt.” Er wandte sich an die junge Kollegin. “Geh mal für eine Weile an die frische Luft.”

Sie wirkte etwas irritiert.

Dahlheim schien es für nötig zu halten, seiner Aufforderung noch etwas Nachdruck zu verleihen. “Na los! Bei unserer hohen Kriminalitätsrate ist es unerlässlich auch mal Streife zu gehen.”

Sie verließ den Raum.

Die Art, wie sie dafür sorgte, dass die Tür knallte, sagte auch einiges über das gute Betriebsklima dieser Dienststelle.

Ich wechselte mit Rudi einen kurzen Blick.

Da wir schon lange Dienstpartner sind, verstehen wir uns manchmal auch ohne, dass einer was sagen muss.

Der Gedanke, der Rudi im Moment im Kopf herumschwirrte, war ihm quasi auf die Stirn geschrieben: Hier möchte ich nicht arbeiten müssen!

In dem Punkt waren wir uns einig.

“Was wollen Sie?”, fragte Dahlheim.

“Ein bisschen Unterstützung wäre nicht schlecht”, meinte ich.

Er verzog das Gesicht. “Unterstützung ist gerade ausverkauft”, meinte er. “War ein Witz”, fügte er dann hinzu. “Stellen Sie einfach Ihre Fragen und lassen Sie uns zusehen, dass wir den Mist hinter uns bringen.”

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Das Gespräch mit Jürgen Dahlheim verlief ziemlich unbefriedigend. Wir erfuhren kaum etwas, was wir nicht schon vorher gewusst hätten. Danach hatte Schmitten den syrischen Flüchtling, der im Verdacht stand, Kontakte zu einer Terrorgruppe zu unterhalten, nicht aufgefunden.

“Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht, wieso Schmitten danach nicht einfach sofort wieder abgereist ist”, meinte Dahlheim.

“Sie kennen doch die Leute hier”, meinte ich.

“Ja, das will ich hoffen.”

“Dann haben Sie doch vielleicht auch eine Theorie darüber, wer  möglicherweise dafür in Frage kommt, einem BKA-Mann eins über den Schädel zu ziehen.”

“Was soll das denn nun heißen? Dies ist ein ordentlicher Ort. Es gibt hier keine Drogensüchtigen und Obdachlose. Und die Leute haben Anstand.”

“Eigenartig, dass man da immer wieder auch andere Dinge hört”, sagte ich.

“Ich bin mal gespannt, wer Ihrer Meinung nach ‘man’ in diesem Fall ist und worauf Sie damit hinauswollen!”

“Nun ...”

“Wenn Sie irgendeine Kritik an unserer hiesigen Polizeiarbeit haben, dann wenden Sie sich bitte an meine Vorgesetzten. Sie kennen ja den Dienstweg. Ansonsten habe ich dazu nichts zu sagen.”

“Es heißt, es soll hier schon mal üblich sein, dass die Polizei wegsieht, wenn rechte Schläger einen Punk verprügeln oder ein Asylantenheim anzünden.”

Jürgen Dahlheim hob das Kinn. Sonst veränderte sich nichts in seinem Gesicht. Es blieb völlig regungslos. Aber das Anheben des Kinns genügte schon, um ihm trotzdem einen völlig anderen Ausdruck zu verleihen.

“Niemand kann alles sehen”, sagte er dann.

“Das klingt jetzt genau so, wie ich es eigentlich nicht hören wollte”, bekannte ich.

“War’s das?”, fragte Dahlheim. “Ich denke, wir haben beide noch viel zu tun heute. Zumindest gilt das für mich.”

“Nett und kollegial klingt das nicht gerade”, meinte Rudi.

“Nett und kollegial ist es auch nicht, wenn Sie eine junge, unerfahrene Kollegin hinter meinem Rücken ausquetschen, nur damit Sie irgendwelche Munition gegen mich in der Hand haben”, platzte es jetzt aus Dahlheim heraus.

Das war nun wirklich eine komplette Verdrehung der Tatsachen.

Eine gelinde gesagt sehr unfreundliche Über-Interpretation unserer Unterhaltung mit Dahlheims Kollegin.

“Zu dem Gespräch mit Frau Dörfner ist es nur gekommen, weil Sie Ihren Termin mit uns nicht eingehalten haben”, erinnerte ich ihn.

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“Was hältst du von dem Kerl?”, fragte mich Rudi, als wir die Wache verlassen hatten.

“Dem Jürgen?”

“Dem Jürgen und seiner Regina. Ich nehme an, dass er sie auch beim Vornamen nennt.”

Ich zuckte mit den Schultern. Wir waren auf dem Weg zu unserem Wagen. Ein gutes Dutzend Schritte hatten wir noch vor uns. “Die haben was zu verbergen.”

“Na, dazu muss man nicht studiert haben, um das zu merken, Harry!”, meinte Rudi.

“Ja, aber falsch wird es dadurch doch auch nicht, oder?”

“Mann, du lässt aber auch manchmal ein paar Klöpse raus, Harry!”

“Ich frage mich die ganze Zeit schon, was wir partout nicht wissen sollen.”

“Es muss nichts mit Schmittens Tod und unserem Fall zu tun haben, Harry.”

“Ach, nein?”

“Die sind vielleicht einfach nur nicht gut auf Leute wie uns zu sprechen.”

“Das glaubst du doch nicht wirklich.” Rudi hob die Augenbrauen.

“Nein.”

“Eben!”

“Aber wir sollten diese Möglichkeit trotzdem nicht ganz außer Acht lassen. Wenn bei uns in der Abteilung jemand von außen käme und jeden Stein dreimal umdreht, wären wir auch sicher nicht begeistert.”

“Das ist was anderes!”

“Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.”

Wir stiegen in den Wagen.

Ein paar Sekunden herrschte Schweigen.

Ich tickte nervös mit den Fingerkuppen auf dem Lenkrad herum.

Rudi mag das nicht. Aber es war zu spät. Ich hatte nicht dran gedacht. Und mir hilft diese Tickerei manchmal, meine Gedanken besser zu sortieren.

Rudi verdrehte also genervt die Augen.

“Schon gut, sag nichts!”

“Nützt sowieso nichts, oder?”

Ich atmete tief durch. “Fahren wir als Nächstes dorthin, wo auch Schmitten hinwollte.”

“Okay.”

“Unter anderen Umständen hätte ich Dahlheim nach dem Weg gefragt.”

“Oder ihn sogar mitgenommen!”, ergänzte Rudi.

Ich nickte.

“Schließlich kennt er die Leute hier. Und unter normalen Umständen ist das auch ein Vorteil.”

“Aber nur unter normalen Umständen ... Macht nichts, wir haben ja ein Navi.”

Aber noch ehe einer von uns dazu gekommen wäre, die Adresse ins Navi einzutippen, die wir jetzt als Nächstes ansteuern würden, klingelte mein Handy.

Ich stellte das Gerät auf laut, denn schon an der Anzeige im Display sah ich, dass es sich um niemand anderen als Kriminaldirektor Bock handelte.

Ein flüchtiger Blick zur Uhr sagte mir, dass die Bürostunden unseres Chefs eigentlich gerade seit einer halben Stunde vorbei waren.

Eigentlich.

Aber Kriminaldirektor Bock kannte so etwas wie einen geregelten Feierabend gar nicht. Nein, ich muss mich korrigieren: Er kannte den Begriff Feierabend nicht. Er schien ständig an seinem Schreibtisch zu sitzen. Morgens, wenn unsereins dort auftauchte, dann war er schon längst da und vermittelte jedem Kollegen den Eindruck, schon seit Stunden auf dem Posten zu sein. Und spät abends oder mitten in der Nacht, dann konnte man ihn oft noch immer in seinem Büro antreffen. Eine Liege oder ein Feldbett habe ich dort nie gesehen. Es schien so, als wäre Kriminaldirektor Bock einfach ein Mensch, dessen Schlafbedürfnis in Relation zu anderen Menschen extrem reduziert war.

Aber es gab natürlich auch noch einen anderen, tragischeren Grund dafür, dass unser Vorgesetzter offenbar schwer Schlaf zu finden vermochte.

Man kann das in diesem Fall wirklich einmal wörtlich nehmen.

Vor Jahren hatte ein Straftäter seine Familie umgebracht. Seitdem widmete sich Bock mit ganzer Kraft und vor allem nahezu rund um die Uhr der Bekämpfung des organisierten Verbrechens. Jeder hat seine Triebfeder, um zu tun, was er tut. Bei unserem Chef war es ein furchtbarer Verlust.

Weder mein Kollege Rudi Meier noch ich hatten etwas erlebt, was auch nur annähernd damit vergleichbar war.

“Es geht um den Flüchtling, dessen Aufenthaltsort der Kollege Schmitten überprüfen solle”, sagte Kriminaldirektor Bock.

“Was gibt es Neues über ihn?”

“Dass er mit dem Tod unseres Kollegen nichts zu tun haben kann”, erklärte Kriminaldirektor Bock. “Er ist nämlich bereits vor zwei Monaten in Paris erschossen worden.”

“In Paris?”, echote ich.

“Er hat sich mit einem Kontaktmann einer radikalen Organisation getroffen, die in Europa für die Anwerbung von Kämpfern für den Djihad wirbt und mit Drogengeldern Waffen besorgt. Bei einer Routine-Razzia der Polizei eröffnete der Kerl sofort das Feuer und unser Mann bekam eine ganze Handvoll potenziell tödlicher Treffer dabei ab.”

“Wieso wissen wir das erst jetzt?”, fragte ich.

“Tja”, sagte Bock. Es war ein ganz besonderes ‘Tja’, in dem noch viel mehr mitschwang. Dinge, die der Kriminaldirektor eben entweder nicht so einfach sagen konnte oder wollte. “Tja”, wiederholte er sich dann noch einmal. “Sowas nennt man europäischen Informationsaustausch. Aber vielleicht kann man den Kollegen diesmal auch gar keinen besonders großen Vorwurf machen.”

Nanu, dachte ich. War Kriminaldirektor Bock von einer Art vorzeitigen Altersmilde erfasst worden?

Ansonsten kannte ich ihn, was seine Beurteilungen anging, als jemanden, der durchaus streng und hart argumentierte und dem es zuwider war, ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Und zwar ganz gleich, um wen es ging. Wenn es Kollegen betraf, war er sogar besonders streng, hatte ich manchmal den Eindruck. Diesmal aber wohl offenbar nicht.

Bock fuhr fort: “Unser Mann lag zunächst als unidentifizierte Leiche in einem Gefrierfach in Paris. Sein Gesicht war durch die Schießerei in einem Zustand, der eine Identifikation schwierig machte und darüber hinaus unterscheidet sich die französische Transkription desselben arabischen Namens manchmal erheblich von der deutschen Schreibweise.”

“Wenn ich das richtig verstanden habe, dann war unser Mann schon länger nicht in diesem idyllischen Örtchen in Sachsen, wo er eigentlich hingehört hätte”, meldete sich Rudi zu Wort.

“Sie sagen es”, meinte Bock. “Genau dieser Punkt bereitet auch mir Kopfzerbrechen. Denn in dem idyllischen Ort, wie Sie dieses Nest in Sachsen nennen, hätte das eigentlich jemandem auffallen müssen, wenn sich jemand wie Abdulla Abu Khalil einfach davonmacht.”

“Scheint, als hätten es da ein paar Verwaltungsbeamte am nötigen Ehrgeiz fehlen lassen”, sagte ich.

“Wie auch immer. Das ändert nichts an der Tatsache, dass ein BKA-Kollege in diesem idyllischen sächsischen Ort ums Leben gebracht worden ist und Sie herausfinden sollen, was passiert ist.”

“Das kriegen wir raus”, sagte ich, obwohl ich zugeben muss, dass da im Moment wohl eher der Wunsch Vater des Gedankens war, denn ich hatte diesmal wirklich keine Ahnung, in welche Richtung es fahndungstechnisch gehen sollte. Wirklich nicht die geringste.

“Ich vertraue Ihnen”, sagte Kriminaldirektor Bock.

“Wenigstens einer”, meinte Rudi, nachdem das Gespräch beendet war.

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Wir fuhren zu der Adresse, wo Abdul Abu Khalil, der Mann, den der Kollege Schmitten gesucht hatte, gemeldet gewesen war und fanden ein altes Haus. Früher mal eine Villa, dann das Lagerhaus einer landwirtschaftlichen Genossenschaft und jetzt ...

Ein Flüchtlingsheim.

Ich stellte den Wagen ab und wir stiegen aus.

“Sieht aus wie ...”

“... ein Geisterhaus?”, erriet ich Rudis Gedanken.

“Sieht ein bisschen so aus.”

“Ja, es gibt wirklich trostlose Ecken hier in der DDR ...”

“Na, die Zeiten haben sich aber inzwischen ein bisschen geändert, Rudi.”

“Was soll ich sonst sagen? Fünf neue Bundesländer?”

“Neu sind die nicht mehr.”

“Mein Vater sagte immer Ostzone.”

“Jetzt mal im Ernst, Rudi: Hier soll ein Flüchtlingsheim sein und offensichtlich wohnt hier niemand.”

Rudi Meier atmete tief durch und zog sich die Hose hoch. Das ist nämlich der Nachteil, wenn man eine schwere Dienstwaffe trägt. Die zieht einem nach und nach die Hose runter, wenn sie im Holster steckt.

“Jetzt wundert es mich auch gar nicht mehr, dass wir nie jemanden erreicht haben, der für die Betreuung der Flüchtlinge zuständig ist”, meinte er.

“Sehen wir uns mal um”, schlug ich vor.

Rudi hob die Augenbrauen. “Denkst du, die sind alle nur auf Urlaub oder was?”

“Ja, kann doch sein. Was weiß ich. Ich will mich einfach mal umsehen.”

Das Haus glich einer Ruine. Teilweise fehlten die Fenster. Manche waren eingeschlagen, andere hatte man ausgebaut. Die Tür stand offen. Der Wind bewegte sie etwas und ließ sie dann herumschlagen.

Vor dem Hintergrund der hereinbrechenden Dämmerung mit dazugehörigen dramatischen Wolkengemälde sah das wirklich so aus wie ein Geisterhaus aus einem Horror-Film der Sechziger und Siebziger. Irgendein B-Movie von Roger Corman oder etwas in der Art.

Ich betrat das Gebäude.

Rudi folgte mir.

“Sieht nicht so aus, als hätte hier in den letzten Jahren überhaupt mal jemand gewohnt”, meinte ich.

“Vielleicht doch”, widersprach mir Rudi und wies mich auf die Reste einer Feuerstelle hin, die sich mitten in einem großen, möbellosen Raum befunden haben musste. Und zwar vor noch gar nicht so langer Zeit.

“Vielleicht hat es sich hier ein Obdachloser gemütlich gemacht”, meinte ich.

Rudi betätigte einen Lichtschalter.

Ohne Reaktion.

“Ohne Strom und Heizung - was bleibt einem da anderes, als es sich bei einem Lagerfeuer gemütlich zu machen”, meinte er.

“Ein Flüchtlingsheim ist das jedenfalls nicht”, stellte ich fest.

“Harry! So weit waren wir schon”, meinte Rudi mit tadelndem Unterton.

“Wir sollten uns mal erkundigen, wo die alle geblieben sind.”

“Wer?”

“Na, die hier angeblich sein sollen! Die Flüchtlinge, die Betreuer ... Alle!” Rudi griff zum Smartphone. Wenig später hatte er den Kollegen Max Vandersteen am Apparat, einen Innendienstler in unserer Zentrale in Berlin. “Hallo, Max! Schön, dass du noch im Büro bist ... Was? Überstunden darfst du im Moment nicht abfeiern wegen Terrorgefahr und so? Ja, was sollen wir sagen? Kurz vor Weihnachten in einem Rattenloch in Sachsen ... Hör mal, es ist wichtig. Du musst was für uns überprüfen ...”

Ich hörte nur mit halbem Ohr hin, wie sich Rudi mit unserem Kollegen Max Vandersteen unterhielt, denn jetzt waren von draußen Geräusche zu hören.

Motorengeräusche.

Ich ging zu einem der glaslosen Fenster. Ein paar Scherben steckten noch im Kitt.

Draußen brausten ein halbes Dutzend Fahrzeuge heran.

Männer stiegen aus. Stimmen waren zu hören. Ich sah Bomberjacken, Baseballschläger, grimmige Gesichter und sogar ein paar Gewehre.

“Rudi! Wir kriegen Besuch.”

“Einen Moment.”

“Rudi, das wird unangenehm.”

Rudi trat neben mich, nachdem er das Gespräch mit Max Vandersteen beendet hatte. “Uff”, meinte er.

“Ein wahres Wort.”

“Soll ich Verstärkung rufen?”

“Und wer würde da schnell genug kommen? Unsere Kollegen aus Berlin vielleicht.”

“Na ja ...”

“Bei den Kollegen hier im Ort bin ich mir nicht so sicher, auf welcher Seite die stehen würden.”

“Auch wieder wahr.”

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Natürlich machten wir trotzdem eine kurze Meldung. An die Zentrale in Berlin. Das ging am schnellsten. Zumindest würde man dann wissen, was uns zugestoßen war.

Ich ging vor die Tür, das Smartphone in der Hand, und machte Fotos. Ein paarmal Klick-Klick und ich hatte sie alle einmal im Kasten. Ein Knopfdruck und die Bilder waren bei unserem Kollegen Max Vandersteen in Berlin.

“Hey, du Arsch!”, rief einer der Kerle und hob die doppelläufige Schrotflinte.

“Das würde ich nicht machen!”, erwiderte ich. Rudi hatte schon die Waffe herausgerissen. “Bundeskriminalamt”, rief er.

“Das kann ja jeder sagen!”, meinte der Kerl.

“Das Gewehr weg! Sofort!”

Die anderen starrten uns an und warteten ab.

Mir fiel auf, dass einer unter seine Bomberjacke griff.

Er zog eine Pistole. Oder besser, er versuchte es, denn ehe er die Waffe auf uns richten und abdrücken konnte, hatte ich meine Dienstwaffe aus dem Holster gerissen und gefeuert.

Er sackte zusammen.

Noch ehe sein Körper den Boden erreichte, gab er einen ungezielten Schuss ab, der irgendwo in die Wand hinter uns ging. Dann blieb er liegen und rührte sich nicht mehr.

Blut sickerte aus der Schusswunde.

“Ey Scheiße, der ist tot!”, rief einer der anderen Kerle.

Der Typ mit der doppelläufigen Schrotbüchse drückte auch ab, aber es löste sich kein Schuss. Irgendetwas blockierte da. Vielleicht wusste er auch einfach nicht richtig, wie man mit so einer Waffe umgehen musste oder hatte sie nicht geladen.

Rudi ging auf ihn zu. “Jetzt aber runter mit dem Schießprügel!”, sagte er.

Der Mann gehorchte nun. Er sah sich vorher noch kurz um, aber von seinen Kampfgefährten mit Baseballschlägern hatte wohl keiner Lust, sich eine Kugel einzufangen.

“Scheiße, der ist wirklich tot!”, rief derselbe Rufer von eben noch einmal. Er schien einem psychischen Ausnahmezustand sehr nahe. Sein Gesicht hatte sich zu einer Fratze verzerrt, die zur einen Hälfte Wut und zur anderen Entsetzen ausdrückte. Das ist eine gefährliche Mischung.

“Ganz ruhig!”, sagte ich und näherte mich nun dem Toten. Ich holte meinen Ausweis heraus und hielt ihn hoch. “Bundeskriminalamt! Auch wenn das hier keiner glauben will.”

Ich konnte das Raunen hören.

Einer machte ein paar Schritte in Richtung seines Wagens.

“Hier verlässt keiner diesen Ort!”, sagte ich im Brustton eines Mannes, der tatsächlich die Macht gehabt hätte, das zu verhindern.

Hätte ich nicht.

Mir war das wohl bewusst.

Wenn sich all diese Kerle einig gewesen wären und einfach angefangen hätten, wegzulaufen, wären Rudi und ich wohl erstmal machtlos gewesen. Wir hätten sie schließlich nicht alle mit Kugeln in den Rücken niederstrecken können. Und davon abgesehen, BKA-Leute, die flüchtenden Bürgern in den Rücken schießen, so etwas kommt nicht gut in der Presse.

Wir wären am Ende die Dummen gewesen und hätten uns auch noch strafbar gemacht. So sind nun die Gesetze. Kann man bedauern oder nicht.

Aber manchmal gewinnt nicht die Seite, die in Wahrheit die stärkere ist, sondern derjenige, der mit der größeren Überzeugungskraft auftrat. Und da hatten Rudi und ich durchaus einiges an Routine vorzuweisen.

“Ihr legt jetzt alle eure Knüppel nieder und setzt euch auf den Boden”, sagte ich. “Und wer das nicht tut, wird erschossen!”

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“Haben Sie das wirklich gesagt?”, fragte mich Kriminaldirektor Bock sehr viel später in seinem Büro.

“Was?”

“Na, dass jeder erschossen wird, der sich nicht auf den Boden setzt!”

“Sie kennen mich, Herr Bock.”

“Ja, ja ...”

“Und Sie wissen doch ...”

“... dass Sie so etwas nie sagen würden?”

“Das haben Sie jetzt gesagt!”

“Allerdings gibt es ein Dutzend Aussagen, die das Gegenteil behaupten.”

“Ich kann ja nichts dafür, dass die anderen in der Mehrheit waren, oder?”

“Nein.”

“Wir hatten keine andere Wahl”, sagte ich.

“Wenn man es genau betrachtet, dann war das rechtlich gesehen eine Bedrohung. Und dazu kommt noch, dass Sie im Amt begangen wurde.”

“Und wenn Sie mal genauer darüber nachdenken, dann werden Sie feststellen, dass jede denkbare Alternative schlechter gewesen wäre.”

“Da will ich Ihnen nicht widersprechen.”

“Ich nehme an, dass ich noch Ärger wegen der Sache bekomme, nicht wahr.”

“Mehr Ärger jedenfalls als wegen des Kerls, den Sie erschossen haben.”

“Das war Notwehr.”

Kriminaldirektor Bock nickte. “Daran hat inzwischen auch niemand mehr irgendeinen Zweifel”, versicherte er.

Aber wie ich schon sagte, das war viel später.

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An jenem Tag, als Rudi und ich das Geisterhaus aufgesucht hatten und ich diese Gruppe von lokalen Schlägern mit meiner brutalen und entgegen meiner sonstigen Gewohnheit gesetzlosen Drohung dazu genötigt hatte, sich auf den Boden zu setzen, geschah noch so einiges.

Erstmal musste ich noch einmal in den Boden schießen, um meiner Forderung auch etwas Nachdruck verleihen zu können.

Dass die Stimmung etwas angespannt war, lag wohl auch daran, dass ein Mann tot in seinem Blut lag.

Rudi sammelte alle Baseballschläger und sonstige Waffen ein. Es kamen auch ein paar Messer und Schlagringe zum Vorschein. Und die doppelläufige Flinte nahm er natürlich auch an sich.

Ein Schuss löste sich aus der Waffe.

Zum Glück ging die Ladung ins Nichts und niemand wurde verletzt.

“Scheint nicht mehr ganz zuverlässig zu sein, dieses Ding”, meinte Rudi.

“Das ist mein Eigentum!”, meinte der Kerl, dem sie gehört hatte. Sein Name lautete Bernd Ludwig. Und da er eine Schusswaffe auf uns gerichtet und abgedrückt hatte, genoss er das Privileg, eines von zwei Paar Handschellen angelegt bekommen zu haben, die Rudi und ich dabeihatten.

Das andere Handschellenpaar trug jetzt ein kahlköpfiger Typ in den Dreißigern, der auf mich einfach besonders aggressiv gewirkt hatte.

Für einen Fall wie diesen waren Rudi und ich einfach nicht richtig ausgerüstet.

Wir stellten vor allem die Personalien fest, soweit das möglich war. Aber anhand von Führerscheinen, Personalausweisen und Mitgliedsausweisen im örtlichen Schützenverein ließ sich schnell feststellen, mit wem wir es zu tun hatten.

“Hast du sowas schon mal gesehen?”, fragte Rudi und zeigte mir etwas, das wie ein selbstgemachter Fantasieausweis aussah. ‘Vorläufiger Ausweis des Deutschen Reichs’, stand dort zu lesen.

“Gesehen noch nicht, aber ich habe davon gehört, dass es so etwas gibt”, meine ich. “Ein Reichsbürger.”

Der Fantasieausweis hatte dem Toten gehört und war auf den Namen Heino Zäuner ausgestellt - wenn das das richtige Wort dafür ist. Gefälscht wäre wohl passender. Aber das sahen diese sogenannten Reichsbürger wohl genau andersherum. Schließlich waren die ja der Meinung, dass das Deutsche Reich niemals aufgehört habe zu existieren und sie deswegen den staatlichen Autoritäten und der Gerichtsbarkeit der Bundesrepublik Deutschland nicht zu gehorchen hätten. Diesem irrigen Gedanken folgend war es natürlich auch kein besonders großer Schritt mehr, es für völlig in Ordnung zu halten, auf die Polizei oder andere Repräsentanten dieses verhassten Staates einfach zu schießen.

“Die Welt ist voller Spinner”, meinte Rudi.

“Ich habe das Recht, eine Waffe zu tragen”, sagte jetzt Bernd Ludwig, der Kerl, der mit seiner Doppelläufigen auf uns zu schießen versucht hatte. “Ich bin Jäger!”

“Aber wir sind keine Hirsche”, sagte ich.

“Aber ich habe einen Waffenschein und ich bin Jäger!”

“Dann wird es Zeit, dass man Ihnen den Waffenschein schleunigst abnimmt”, meinte ich. “Bei einer so offensichtlich unzuverlässigen Person dürfte das wohl auch keine Schwierigkeit sein.”

“Das ist mein Recht!”, rief er. “Ich bin ein freier Deutscher und ich kann ...”

“Auch du liebe Güte!”, meinte Rudi. “Ich hoffe, es kommt bald jemand und holt den Idioten ab.”

“Und ich lasse mich nicht beleidigen, du Schwuchtel!”, rief er dazwischen.

Rudi machte eine wegwerfende Handbewegung. “Erstmal hätten wir noch ein paar Fragen an Sie.” Er ließ den Blick über die auf dem Boden sitzenden Männer schweifen. “An Sie alle!”

“Wir wollten nur gucken, wer sich da an dem Haus zu schaffen macht”, meinte einer.

“Wie heißen Sie?”, fragte ich.

“Leck mich!”

“Muss ich erst alle eingesammelten Ausweise durchsehen?”

“Devid Dresel”, sagte er.

“Devid mit >e<”, meinte Rudi mit dem Blick auf einem der Führerscheine, die er eingesammelt hatte. “Wie in der DDR früher. Die konnten eben kein Englisch.”

“Scheiß-Wessi!”, knurrte Devid Dresel. “Und scheiß Kanaken-Arsch!”

“Ich glaube, wir unterhalten uns besser in gepflegter Atmosphäre mit den Herren”, meinte ich.

“Du meinst, einen Verhörraum?”, gab Rudi zurück.

“Exakt.”

Rudi machte trotzdem noch einen Versuch. “Hier soll eigentlich ein Flüchtlingsheim sein”, sagte er. “Wieso ist das nicht hier?”

“Weiß ich doch nicht”, meinte Devid Dresel.

“Sind eben weg”, ergänzte Bernd Ludwig. Wenigstens wiederholte er nicht zum hundertsten Mal seine Ansicht, wonach er ein Recht dazu hatte, eine Waffe zu tragen.

“Was soll das heißen: Sind weg?”, wandte sich Rudi jetzt an Bernd Ludwig, den großen Jäger, der meinen Kollegen und mich als Jagdwild auserkoren hatte und jetzt mit beiden Pobacken auf dem Boden der Tatsachen saß.

“Na, was ich gesagt habe: Die sind nicht mehr hier, die Kanaken. Sieht man doch. Haus ist leer.”

“Heißt das, es hat hier tatsächlich ein Flüchtlingsheim gegeben?”, wunderte ich mich, denn ich konnte mir kaum vorstellen, dass in den letzten Jahren hier tatsächlich jemand unter einigermaßen menschenwürdigen Bedingungen hatte leben können.

“Ich sag nichts mehr”, knurrte Bernd Ludwig nun.

Dann herrschte Schweigen. Und außerdem kam die örtliche Polizei, die wir eigentlich gar nicht dabeihaben wollten. Wir hatten sie auch gar nicht verständigt. Die Sache war vermutlich so gelaufen: Unsere Kollegen in der Zentrale hatten die Polizei in Dresden verständigt und um Hilfe gebeten und diese Idioten hatten dann nichts Besseres zu tun gehabt, als ihre Kollegen vor Ort anzurufen.

“Da hätten wir uns auch die ganze Mühe sparen können”, meinte Rudi.

“Da sagst du was!”

“Wie immer die Wahrheit, Harry!”

Wir sahen bei dieser Gelegenheit auch unsere Kollegen Jürgen Dahlheim und Regina Dörfner wieder. Begleitet wurden sie von ein paar weiteren Kollegen. Alle schon etwas älter. Die meisten sicherlich seit Jahrzehnten bei der Polizei und mutmaßlich schon zu Zeiten im Dienst, als die Polizei in diesem Teil des Landes noch Volkspolizei hieß.

Sie schauten Rudi und mich an wie exotische Tiere.

“Wir warten eigentlich auf die Kollegen aus Dresden”, sagte ich.

“Aber hier sind wir zuständig”, meinte Jürgen Dahlheim.

“Hier ist der zuständig, von dem wir sagen, dass er zuständig ist”, erwiderte ich ruhig. “Es ist nett, dass Sie uns bei der Bewachung der Gefangenen unterstützen, aber ...”

“Gefangene?”, fragte Dahlheim.

“Ey, Jürgen, sorg mal dafür, dass die blöden Ärsche uns freilassen und der ganze Spuk sein Ende hat!”, rief einer der Festgesetzten.

“Dein Jürgen hat da nichts zu sagen”, erklärte nun Rudi in Richtung des Sprechers. “Sie sind alle vorläufig festgenommen. Und wir werden Ihre Baseballschläger und was Sie sonst noch so bei sich hatten, sehr genau unter die Lupe nehmen. Genau genommen nicht nur wir, sondern auch einige Kollegen, die in den kriminaltechnischen Labors arbeiten. Und wenn an einem dieser Prügel auch nur ein mikroskopisches Tröpfchen Blut oder irgendeine andere Spur unseres Kollegen Rüdiger Schmitten sein sollte, dann werden die das herausfinden. Das verspreche ich Ihnen.”

“Hören Sie, ich finde, Sie übertreiben hier ein bisschen”, sagte Dahlheim. “Sie können doch nicht ...”

“Ich kann sehr wohl”, schnitt ich ihm das Wort ab. “Und Sie halten sich bitte auch noch zu unserer Verfügung, denn es kann sein, dass wir noch ein paar Fragen an Sie haben.”

“Wie kommen Sie mir denn?”

“Es ist genau genommen sogar sehr wahrscheinlich, dass wir noch Fragen an Sie haben”, ergänzte Rudi. “Man könnte auch sagen: Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche.”

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Die Kollegen aus Dresden trafen dann doch noch ein. Klar, dass ihr Weg etwas weiter war als der der Kollegen vor Ort. Dass sie denen Bescheid gesagt hatten, war ärgerlich, aber nicht zu ändern.

Rudi und ich fuhren auch nach Dresden. Es würde spät werden. Und Rudi hatte schon Zweifel, ob wir unsere Hotelbetten in dem Doppelzimmer überhaupt noch brauchen würden.

“Konnte ja keiner ahnen, dass wir am Abend noch nach Dresden müssen”, sagte ich.

“Nee, ahnen konnte man das nicht”, stimmte Rudi zu. “Eigentlich schade.”

Ich fragte: ”Wieso?”

“So werde ich nie erfahren, ob du schnarchst.”

“Rudi, das ist politisch nicht korrekt.”

“Was?”

“Wenn zwei Hetero-Männer sich über Schwule lustig machen, indem sie sich vorstellen, man könnte sie für schwul halten, nur weil sie gut befreundet sind.”

“Seit wann kümmerst du dich um Political Correctness, Harry?”

“Na ja ...”

“Außerdem hört es hier im Wagen ja niemand.”

“Bist du dir sicher?”

“Ich traue den Kollegen aus der sächsischen Provinz vieles zu, aber nicht, dass sie es geschafft haben könnten, bei uns im Wagen eine Wanze zu installieren.”

Das überzeugte mich.

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Die Verhöre in Dresden waren zäh. Das lag auch daran, weil wir nicht viel Unterstützung von den dortigen Kollegen bekamen. Sie hatten einfach nicht genügend Vernehmungsspezialisten, hieß es. Schon die Tatsache, dass sie Dahlheim und seine Kollegen vor Ort alarmiert hatten, was sie ausdrücklich nicht hatten tun sollen, zeigte uns, dass wir auch hier mit Gegenwind zu rechnen hatten. Nicht ganz so stark wie in dem Provinzloch, aber immer noch stark genug, dass wir es zu spüren bekamen.

Ich rechnete jetzt nicht unbedingt damit, dass die Dresdner Kollegen die Typen, die wir gerade verhaftet hatten, gleich wieder freiließen. Da stand die Justiz vor. Und die Staatsanwaltschaft war durchaus auf unserer Seite.

Bei den Polizei-Kollegen hingegen mussten wir wohl am ehesten mit einem hinhaltenden, passiven Widerstand rechnen. Die hatten einfach nicht vor, uns mehr zu unterstützen als unbedingt nötig.

Dieses Eindrucks konnten wir uns einfach nicht erwehren.

Also mussten wir die meisten Verhöre selbst führen und die Protokolle derjenigen, die wir nicht geführt hatten, waren am Ende kaum zu gebrauchen. Sicher, es war viel verlangt von den Kollegen, sich so schnell in die Materie einzuarbeiten, aber eigentlich waren sie das gewöhnt. Und mit etwas mehr Engagement hätten sie das ganz sicher auch etwas besser hinbekommen.

Ich konnte nur hoffen, dass die Abteilung für kriminaltechnische Untersuchungen besser arbeitete. Rudi hatte schon erwogen, die ganzen Baseballschläger und was wir sonst noch so eingesammelt hatten, nach Berlin zu schicken. Da waren schließlich unsere eigenen Spezialisten. Die besten, die es in Deutschland gab. Und vor allem garantiert Leute, die keine Sympathien für rechte Schläger hatten und vielleicht ein Auge mehr zudrückten, als einer unabhängigen und vor allem zielführenden Ermittlung am Ende dienlich war.

In einer Verhörpause sprachen wir darüber mit unserem Chef, der offenbar entschlossen war, die Nacht in seinem Büro zu verbringen.

Es wäre nicht die erste gewesen.

In einem der Schränke in Herrn Bocks Büro befand sich angeblich ein ausklappbares Feldbett. Niemand hatte es wirklich je mit eigenen Augen gesehen, nicht einmal Mandy, seine Sekretärin. Aber das Gerücht hielt sich seit Jahren und ich war inzwischen überzeugt davon, dass auch etwas dran sein musste.

Und mit dieser Überzeugung war ich keineswegs allein.

“Ich schicke ein paar Kollegen, die das ganze Beweis-Zeug noch in dieser Nacht abholen”, meinte Kriminaldirektor Bock. “Sie haben völlig recht, wir dürfen da kein Risiko eingehen.”

Ich hatte mein Smartphone auf laut gestellt, sodass auch Rudi mithören konnte. Wir hatten für das Telefonat eines der Büros im Dresdner Polizeipräsidium zur Verfügung gestellt bekommen. Die Beamten, die hier normalerweise ihren Dienst nachgingen, hatten längst Feierabend.

Etwas, wovon unsereins wohl nur träumen kann.

Aber daran wird sich auf absehbare Zeit wohl auch nichts ändern.

“Ich hatte schon befürchtet, Sie würden unsere Sorgen für übertrieben halten”, meinte Rudi.

“Nein, das tue ich nicht, wie ich Ihnen ausdrücklich versichere”, sagte Kriminaldirektor Bock.

“Was wir brauchen, sind schnelle Ergebnisse”, sagte ich.

“Mehr als den Kollegen die Dringlichkeit der Sache klar zu machen, kann ich nicht tun”, erwiderte Bock. “Sie wissen ja, wie das läuft. Und im Übrigen haben wir bei uns in Berlin sicher die allerbesten kriminologischen Kapazitäten versammelt, aber Sie wissen ja, wie das im Moment hier läuft.”

“Der Terror ...”, meinte ich wissend.

“Nennen wir es: die Sicherheitslage”, korrigierte mich Kriminaldirektor Bock. Je höher man in der Hierarchie kommt, desto mehr scheint man die Tendenz zu bekommen, die Dinge freundlicher auszudrücken. Oder unklarer. Vielleicht auch so verschwurbelt, dass niemand mehr so genau weiß, was eigentlich gemeint ist.

“Meinetwegen, die Sicherheitslage”, gab ich zurück.

“So etwas wie die Sache mit dem Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt frisst einfach Kapazitäten und Ressourcen, die dann anderswo fehlen”, stellte Kriminaldirektor Bock fest, fast so, als müsste er sich bei mir dafür entschuldigen. Musste er natürlich nicht. Aber anscheinend schien er im Moment viele Gespräche führen zu müssen, bei denen er sich rechtfertigen musste.

Mal auf die eine und mal auf die andere Weise.

Und das färbte ganz offensichtlich auf seinen gegenwärtigen Sprachgebrauch stark ab.

Ich konnte ihm das nicht verdenken.

Das war in seinem Fall wohl so etwas wie eine Art Berufskrankheit.

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Es war fast vier Uhr morgens, als wir schließlich unser Hotel erreichten.

Es ist schon dumm, wenn man fast nichts erreicht hat und man das Gefühl einfach nicht loswird, trotz all der Bemühungen in seinen Ermittlungen irgendwie auf der Stelle zu treten.

So etwas verbessert nicht unbedingt die Laune, und die ist morgens um vier sowieso auf einem Tiefpunkt.

Ich gähnte, als wir aus dem Wagen stiegen. Rudi hatte schon die ganze Fahrt über so stark und ausdauernd gegähnt, dass das auf mich so richtig ansteckend gewirkt hatte. Nur unter Aufbietung all meiner Kräfte hatte ich wach bleiben können.

“Wenn du jetzt nochmal gähnst, übernachten wir auf einem Parkplatz und nicht im Hotel!”, hatte ich ihm gedroht.

“Nee, dann fahre ich das letzte Stück”, war seine Erwiderung gewesen.

“Das glaubst du auch nur!”

“Wieso?”

“Weil ich lebend ankommen will und mich nicht von einem Schlaftrunkenen fahren lasse!”

“Ach, und du bist immer noch fit wie ein Turnschuh, Harry?”

“Na ja, wie ein Turnschuh ...”

“Eher wie eine alte Socke, oder?”

Jetzt hatten wir es also geschafft und waren tatsächlich angekommen. Unterwegs hatten wir schon befürchtet, dass der Wirt in unserem Provinzhotel bereits alle Schotten dichtgemacht hatte und uns einfach draußen stehen ließ.

Angesichts der überwältigenden Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft, die uns ja bisher in diesem Nest zuteilgeworden war, hielt ich nichts mehr für unmöglich.

Aber man erlebt immer wieder Überraschungen.

In diesem Fall bestand sie darin, dass der Wirt offenbar auch zu dieser nachtschlafenden Zeit noch wach war.

Es brannte Licht und er öffnete uns.

Man hatte fast den Eindruck, dass er regelrecht auf uns gewartet hatte.

“Guten Abend”, sagte er unpassenderweise und in einem erwartungsvollen Tonfall.

“Abend ist gut”, gab ich zurück. “Man könnte eher von frühem Morgen sprechen.”

“Ist doch egal”, meinte der Wirt. “Dunkel ist doch dunkel, oder?”

“Ja, wenn man das so sieht”, musste ich zugeben.

“Sehe ich so”, sagte er.

“Na, dann ...”

“Sollen ich Ihnen noch was zu trinken hinstellen?”

Ich hatte in diesem Moment nur einen Gedanken: Wenn der Kerl glaubt, dass er uns jetzt zu dieser Stunde über den Stand der Ermittlungen ausfragen kann, dann hat er sich aber getäuscht!

Genau deswegen war er nämlich noch auf den Beinen.

Er war schlicht neugierig und konnte es nicht abwarten, bis all die Neuigkeiten irgendwann mal in der örtlichen Zeitung standen. Oder zumindest im lokalen Internet-Portal des Heimatvereins.

“Sind müde”, sagte ich und Rudi unterstützte meine Argumentation mit einem für seine Verhältnisse recht hemmungslosen Gähnen.

“Wann gibt es Frühstück?”, fragte ich.

“Ab acht.”

“Für uns bitte ab sieben, wenn’s recht ist.”

“Für Sie tue ich doch alles”, behauptete er.

“Vielen Dank.”

“Es gibt dann allerdings keine frischen Brötchen, wenn Sie so früh frühstücken wollen.”

“Das ist nicht weiter tragisch”, meinte ich.

Rudi und ich ließen uns den Schlüssel geben und wollten bereits hinauf zum Zimmer gehen, aber dann sagte der Wirt den Satz, auf den ich eigentlich schon die ganze Zeit gewartet hatte, seit wir wieder zurück waren.

Er fragte: “Was haben Sie denn herausbekommen - bis jetzt?”

“Gute Nacht”, sagte ich.

“Man hört ja so einiges hier im Ort.”

“Gute Nacht.”

“Und man macht sich auch so seine Gedanken.”

Rudi hatte schon die erste Treppenstufe genommen, da setzte der Wirt noch einen drauf und meinte: “Unter anderem habe ich darüber nachgedacht, ob ich Ihnen nicht vielleicht doch noch etwas mehr erzählen sollte.”

Jetzt hatte er uns.

Wir standen da, wechselten erst einen kurzen Blick miteinander und sahen dann zum Wirt hinüber. Eins musste man ihm wirklich lassen: Er verstand etwas davon, sich zu verkaufen.

Vielleicht wollte er uns allerdings auch nur für dumm verkaufen, ging es mir durch den Kopf. Auch das lag immerhin im Bereich des Möglichen. Einen Hang zur Wichtigtuerei hatte er ja ohnehin, wie mir nicht entgangen war.

“Heißt das, Sie haben uns noch irgendetwas Wichtiges nicht gesagt, was zur Aufklärung des Falles beitragen könnte?”, hakte ich nach und gab mir redlich Mühe, auch zu dieser je nach Perspektive späten oder sehr frühen Stunde einen hinreichend strengen Tonfall hinzubekommen. Einen Tonfall, der das Gegenüber möglichst dazu brachte, doch noch auszupacken.

“Tja ...”

“Ja oder nein? Wenn Sie nur Wind machen wollen, ohne dass etwas dahintersteckt, sind mir die letzten paar Minuten meiner schon fast nicht mehr vorhandenen Nachtruhe zu schade dafür. Aber sollten Sie irgendetwas wissen, was ich auch wissen sollte, dann ...”

“Ja, so meine ich das ja nicht.”

War das jetzt schon der Rückzug auf Raten, wie man ihn bei Wichtigtuern und Schwätzern häufig antrifft?

Ich wechselte einen kurzen Blick mit Rudi, der mindestens so genervt war wie ich. Rudi verdrehte die Augen und machte sich diesmal auch gar nicht die Mühe, sein Gähnen zu unterdrücken.

“Wie meinen Sie es denn?”, hakte ich nach.

“Hier gehen manche Dinge etwas anders”, sagte der Wirt.

“Etwas anders als wo?”, hakte ich nach.

Er druckste herum. Vielleicht wusste er doch etwas und hatte nur nicht den Mut, es zu sagen. Oder er war doch nur ein neugieriger Wichtigtuer. Ich war mir im Moment nicht mehr so ganz sicher.

“Wissen Sie etwas darüber, wer von den vielen Baseballschläger-Benutzern in diesem Ort unserem Kollegen Rüdiger Schmitten eins über den Schädel gezogen hat? Oder haben Sie eine Vermutung?” Ich sah ihn ernst an und machte einen Schritt auf ihn zu. Nur einen. Ich wollte ja schließlich nicht zu bedrohlich auf ihn wirken. Nur ein bisschen. Bedrohlich genug, dass er redete. Aber nicht so bedrohlich, dass es ihm den Mund völlig verschloss. Das ist immer eine schmale Gratwanderung. Und nicht immer liegt man dabei richtig. Aber das ist eben so. Fehler macht man in jedem Job und mit der Zeit hilft einem die Erfahrung, das richtig abzuschätzen.

“Ich sag besser nichts”, meinte der Wirt dann.

“Hören Sie, wir waren bei diesem alten Haus, in dem sich angeblich ein Flüchtlingsheim befinden sollte. Wissen Sie darüber etwas.”

“Wieso soll ich darüber was wissen?”

“Wo sind die Flüchtlinge jetzt?”

“Was weiß ich. Weg. Also wenn ich ...”

“Ja?”

“Wenn ich ein Flüchtling wäre, dann würde ich auch zusehen, dass ich so schnell wie möglich von hier wegkomme.”

“Wieso?”

“Na ja, die Leute sind hier sehr eigen. Die mögen keine Fremden.”

“Für Sie gilt das nicht?”

“Ich mag keine Muslime und Turbanträger und so etwas. Gegen Neger habe ich nichts.”

“Ach, wirklich?”

“Zu DDR-Zeiten hatten wir manchmal so Vertragsarbeiter aus befreundeten Bruderländern. Zum Beispiel aus Moçambique. Die waren schwarz und es gab trotzdem keine Schwierigkeiten.”

“Na, dann ...”

“Nur die Vietnamesen, die konnten richtig hinterhältig sein. Nee, mit denen sind die meisten hier nie so richtig warm geworden.”

“Und mit den Flüchtlingen, die vor kurzem hier einquartiert wurden, wohl auch nicht, oder?”

Er atmete tief durch. “Es gibt da ein paar Leute hier in der Gegend, die greifen da ziemlich grob durch.”

“Die meinen mit dem Baseballschläger”, stellte ich fest.

“Ich find das auch nicht gut, aber so ist das hier nun mal. In der DDR durfte es keine Faschisten geben. Schließlich waren wir doch per Definition die Anti-Faschisten. Und deswegen hat man auch nichts gegen sie gemacht und sich stattdessen lieber um harmlose Friedensaktivisten gekümmert, die keiner Fliege was zuleide getan haben und Udo Lindenberg hören wollten.”

“Gewalt gegen Ausländer gibt es hier seit Jahren”, sagte Rudi jetzt. “Aber wir sind eigentlich hier, weil ein Kollege von uns ums Leben gekommen ist.”

Ich sah Rudi kurz an.

Es schien ihm selbst inzwischen aufgefallen zu sein, dass das, was er gerade gesagt hatte, ziemlich eigenartig klang.

Fast so, als wäre es ganz normal, dass das BKA und sein Fahndungsapparat erst aktiv werden, wenn einer umgebracht wird, der selbst dazu gehört.

Jemand, der als wichtig genug gilt.

Ein Zielfahnder wie Rüdiger Schmitten zum Beispiel.

“Also ich will ja nichts sagen, und ich finde auch nichts dabei, dass einige hier im Ort dafür sorgen, dass sich hier nicht so viel Gesindel herumtreibt. Aber einem Polizisten eins über den Schädel zu geben, das geht dann doch zu weit.”

Asylbewerber mit dem Baseballschläger verprügeln war für ihn offenbar in Ordnung. Ich verschluckte die Bemerkung, die mir dazu auf der Zunge lag. Immerhin schien das Gewissen dieses Wirtes wenigstens bei einem Polizistenmord angesprungen zu sein. Und ich hatte schon gedacht, dass es so etwas wie ein Gewissen bei diesem Kerl gar nicht gab.

“Also jetzt heraus damit, was wissen Sie über den Tod des Kollegen Schmitten?”, konnte Rudi seine Ungeduld nicht bremsen.

“Sie haben ein paar Männer verhaftet”, wich der Wirt aus.

“Weil Sie uns angegriffen und bedroht haben, als wir uns in dem Haus umgesehen haben, in dem angeblich ein Flüchtlingsheim sein sollte”, sagte ich.

“Es spricht sich hier alles sehr schnell herum, Herr Kubinke. Sehr schnell.”

“Mag sein.”

“Unter anderem wird gesagt, dass Sie Devid Dresel verhaftet haben.”

“Wenn Sie das schon wissen, brauche ich ja nichts mehr dazu sagen”, meinte ich.

“Devid ist eigentlich ein guter Kerl, aber er hatte eine schwere Kindheit und es hätte sich in den entscheidenden Jahren jemand mehr um ihn kümmern sollen ...”

“Was wollen Sie mir damit sagen?”

Eine Pause entstand. Der Wirt zögerte noch einen Augenblick, ehe er schließlich weitersprach. Was er dann sagte, hatte es in sich. Ich hatte mit so einem Hammer zu dieser späten Stunde nicht mehr gerechnet und Rudi wohl auch nicht. Meinem Kollegen blieb fast der Mund offen stehen, was vielleicht auch daran lag, dass er gerade gähnte, als unser Gegenüber die entscheidenden Sätze sprach.

“Ich habe gehört, wie Devid zu einem der anderen gesagt hat, dass er den Herrn Schmitten umgebracht hat. Mit seinem Baseballschläger.”

“Wann und wo soll das gewesen sein?”, fragte ich.

“Sie glauben mir nicht?”

“Ich muss Ihre Angaben einfach überprüfen, sonst kann ich damit nichts anfangen.”

“Sie glauben mir nicht. Aber ich kann Ihnen nicht mehr als die Wahrheit sagen und Sie davor warnen, Devid Dresel wieder auf freien Fuß zu setzen. Nach 48 Stunden, glaube ich, müssen Verdächtige doch freigelassen oder dem Haftrichter vorgeführt werden. Sehe ich das richtig?”

Ich nickte. “Das sehen Sie richtig”, bestätigte ich.

“Na, also!”

“Und warum wollen Sie uns warnen, Herrn Dresel wieder auf freien Fuß zu setzen?”

“Weil er mich dann vielleicht umbringen wird. Deshalb.”

Rudi und ich wechselten einen Blick.

Hätte dem das nicht früher einfallen können?, schien Rudis Gesicht zu sagen. Und der Gedanke, der mir zurzeit im Kopf herumschwirrte, war ganz ähnlich. Aber manche Dinge hat man eben einfach nicht im Griff. Vor allem gilt das für das Verhalten anderer Leute.

Man mag es manchmal als Frechheit empfinden, aber sie empfinden mitunter einfach, was sie wollen.

“Wo und wann haben Sie das mitbekommen?”, fragte ich. “Und wer war Dresels Gesprächspartner?”

“Das war Heino Zäuner.”

“Der ist leider tot und kann das nicht bestätigen.”

“Habe ich auch von gehört. Der Heino, das war ein ganz harter. Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, dass Sie ihn erschossen haben.”

“Das ist also auch schon herum.”

“Was denken Sie denn! Und ich sag Ihnen eins: Freunde haben Sie sich hier in der Gegend damit sicher nicht gemacht!”

“Ich bin auch nicht hier, um Freundschaften zu schließen”, sagte ich. “Und abgesehen davon würde Herr Zäuner noch leben, wenn er nicht versucht hätte, uns mit der Waffe anzugreifen.”

“Ja, das ist alles richtig. Wie gesagt, ich habe ja Verständnis dafür ...”

“Verständnis dafür, dass wir gerne am Leben bleiben wollten?”, mischte sich Rudi ein. “Zu gütig. Mit so viel Mitgefühl hätte ich gar nicht gerechnet.”

“Verstehen Sie mich bitte nicht falsch!”, meinte der Wirt.

“Und jetzt mal Tacheles: Wo fand das Gespräch statt?”

“Na im FDJ-Haus.”

“Wie bitte?”

“Ja, wissen Sie, Herr Kubinke, das nennt man hier immer noch so, obwohl es die FDJ natürlich schon lange nicht mehr gibt. Aber Versammlungen finden da immer noch statt. Wenn hier im Ort irgendetwas ist, dann kommen alle dahin.”

“Und was war das dann für eine Versammlung?”

“Es ging um verschiedene Dinge, die eben geregelt werden mussten. Mit den Flüchtlingen zum Beispiel. Das überfordert ja viele Gemeinden, wenn Sie verstehen, was ich meine. Na jedenfalls, da steht der Devid Dresel bei dem Heino Zäuner und erzählt ihm, dass er den Typ vom BKA - so hat er sich ausgedrückt: Typ vom BKA - allegemacht hätte.”

“Allegemacht. Das hat er so gesagt?”, hakte ich nach.

“Ja, das waren seine Worte. Ich dachte erst, er wollte nur vor dem Heino Zäuner angeben, diesem superharten Reichsbürger, wie er sich nennt, der keine Sau auf sein Grundstück lässt, weil das ein eigener Staat sei und was dem nicht alles für eine Kacke im Hirn rumschwirrt. Aber dann habe ich gehört, dass Ihr Kollege erschlagen worden ist und da war mir klar, dass das nicht einfach nur Angeberei war.”

“Und wieso sollte dieser Devid Dresel unseren Kollegen umgebracht haben?”, hakte ich nach.

“Was heißt hier schon ein Grund? Was hatte er denn für einen Grund, um Sie anzugreifen?”

“Wo er recht hat, hat er recht”, meinte Rudi.

Ich sah auf die Uhr. “Wir werden aus dem, was Sie uns gesagt haben, noch eine richtige Aussage machen müssen. Mit Unterschrift und schriftlich.”

“Können Sie mich da nicht besser offiziell rauslassen?”

“Rauslassen?”, echote ich. “Es geht hier um einen Mord an einem Kriminalbeamten! Also entweder, Sie haben wirklich gehört, was Sie gehört haben wollen, dann ist das eine wesentliche Aussage oder Sie sind nur ein Wichtigtuer und haben sich durch eine falsche Beschuldigung strafbar gemacht. So oder so - rauslassen kann man Sie da jetzt nicht mehr.”

“Verstehen Sie doch”, sagte der Wirt. “Ich will hier eigentlich den Rest meines Lebens verbringen und der Dresel hat hier seine ganze Verwandtschaft und viele Freunde. Also möchte ich ungern irgendwas unterschreiben oder irgendwie in Erscheinung treten. Aber der Tipp, den ich Ihnen gegeben habe, müsste doch eigentlich ausreichen, damit Sie was daraus machen können, oder?”

Ich seufzte.

Ganz ehrlich. Solche Zeugen würde ich jedes Mal gerne ohrfeigen.

Aber das ist natürlich gegen unsere Dienstvorschriften und sämtliche Gesetze und kommt daher nicht in Frage. Aber in seinen Wünschen ist man ja frei.

“Wir sehen morgen weiter”, meinte Rudi.

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In meinem Job bin ich kurze Nächte gewöhnt. Aber diese war besonders kurz.

Es war mein Smartphone, das mich weckte. Ich verwünschte den Klingelton, den ich im Moment programmiert hatte. Es war das Beam-Geräusch aus >Raumschiff Enterprise<.

“Ja, hier Kubinke. Was ist los? Wer gönnt mir keinen Schlaf?”

“Ich bin‘s.”

“Wer ist ich?”

“Max Vandersteen, BKA-Innendienst, Berlin. Siehst du das nicht auf deinem Display? Sag bloß, du hast mich gar nicht einprogrammiert. Mann, Harry, was ist das für eine Dienstauffassung. Weiß Kriminaldirektor Bock davon?”

“Um das Display sehen zu können müsste ich erst ein Streichholz finden, dass ich unter eines meiner Augenlider klemmen könnte, Max.”

“Was ist los? Ihr hattet doch eine gemütliche Fahrt und eine Nacht in einem schönen Hotel.”

Inzwischen war auch Rudi im Begriff, wach zu werden. Aber ich sah nicht ein, dass ich auf ihn Rücksicht nehmen sollte. Und wenn der Kollege Max Vandersteen uns irgendetwas mitzuteilen hatte, dann war es ja schließlich auch wichtig, dass Rudi das mitbekam.

“Ich schalte mein Smartphone mal eben auf laut”, kündigte ich Max gegenüber also an. “Der Rudi soll dich auch hören.”

“Was ist los?”, knurrte der schlaftrunken.

“Ist das Rudi oder irgendeine Schnapsleiche, die du freundlicherweise in dein Zimmer gelassen hast?”, fragte Max Vandersteen, der aus irgendeinem Grund ganz gegen seine sonstige Art zu Scherzen aufgelegt zu sein schien.

“Sehr witzig”, knurrte Rudi.

“Jetzt schieß schon los, Max”, verlangte ich. “Und ich kann nur hoffen, dass du uns nicht umsonst geweckt hast. Oder aus nichtigem Anlass!”

“Sowas würde ich nie tun”, versicherte Max.

Ich seufzte. “Na, dann ...”

“Also, es geht darum, dass es in den vergangenen zwölf Monaten zahlreiche Anfragen des BAMF zur Aufenthaltsfeststellung von Flüchtlingen gab. Unter anderem zum Abgleich von Doppelmeldungen.”

Das BAMF - eine der schönen Abkürzungen, die man sich in Deutschland zur Bezeichnung von Behörden so ausgedacht hat. BAMF heißt eigentlich Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Das klingt etwas weniger nach dem Namen für einen Verwandten des Krümelmonsters als BAMF, oder?

“Okay, und was haben sich da für Auffälligkeiten ergeben?”

“Bei keinem Einzigen der nachgefragten Personen konnte schließlich bestätigt werden, dass der Betreffende sich tatsächlich in eurem beschaulichen sächsischen Provinznest aufhielt.”

“Und was ist daran ungewöhnlich? Ich dachte, im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise sei es massenhaft zu Doppelmeldungen gekommen.”

“Richtig. Aber auffällig ist, dass in diesem Fall keine einzige der nachgefragten Personen auch dort war, wo sie hätte sein sollen. Das ist mehr als nur irgendein statistischer Ausreißer.”

“Dann sollte man dem vielleicht weiter nachgehen”, meinte ich. Und Rudi nickte dazu.

“Auch meine Meinung”, sagte er.

Das war wohl sein ultimatives Signal dafür, dass er inzwischen auch wach genug war, um an dieser frühmorgendlichen Telefonkonferenz geistig teilnehmen zu können. Mein Kollege unterdrückte dann allerdings vergeblich ein Gähnen, das auf jeden Fall laut genug ausfiel, dass unser Innendienstler Max Vandersteen das mitbekommen haben musste.

Allerdings war Max taktvoll genug, es einfach zu überhören, anstatt noch einen weiteren Witz auf Rudis Kosten daraus zu machen.

“Es gibt noch ein paar weitere Seltsamkeiten, was das Stichwort Flüchtlinge in eurem sächsischen Kleinstadtnest angeht”, berichtete Max anschließend.

“Noch mehr?”, fragte ich.

“Die Person, die dieses Flüchtlingsheim angeblich leitet heißt Annemarie Högel.”

“Wir haben vergeblich versucht, sie zu erreichen oder uns mit ihr zu treffen”, stellte ich klar.

“Das ist auch kein Wunder”, gab Max zurück. “Jüngsten Informationen nach wohnt diese Frau Högel schon seit geraumer Zeit dauerhaft auf Mallorca.”

“Das ist interessant.”

Rudi warf ein: “Scheint ein nicht so anspruchsvoller Job zu sein, wenn man den von Mallorca aus erledigen kann.”

“Vorausgesetzt, es hat diesen Job und dieses Flüchtlingsheim je gegeben”, meinte ich. “In dem Haus, wo es sich angeblich befinden soll, ist es jedenfalls nicht. Und wahrscheinlich haben dort auch nie Flüchtlinge gelebt, wie wir gestern feststellen konnten.”

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Der Wirt war ziemlich einsilbig, als wir das Frühstück einnahmen. Dass es zu früh für frische Brötchen war, hatte er uns ja schon angekündigt. Insofern hielt sich die Enttäuschung bei Rudi und mir über diesen Punkt in engen Grenzen.

Das Wichtigste war ohnehin der Kaffee. Und immerhin war der einigermaßen stark, sodass ich auf eine Dosis Koffein hoffte, die ausreichte, um mich die nächsten Stunden über so wach zu halten, wie es unser Job zweifellos erforderte.

“Wollen wir nochmal über gestern Nacht sprechen”, wandte ich mich schließlich an unseren Gastgeber, nachdem ich das Gefühl gewann, dass er uns mehr oder minder auszuweichen versuchte.

“Ich weiß nicht, was Sie meinen“, behauptete er.

“Wir haben uns doch gestern Nacht - oder heute Morgen, ganz wie Sie wollen - noch unterhalten.“

“So?”

“Über Devid Dresel und das, was er zu Heino Zäuner gesagt hat.”

“Da müssen Sie sich irren”, erklärte er dann. Er konnte lügen, ohne rot zu werden. Diese Fähigkeit immerhin ist so selten, dass ich nicht umhinkonnte, ihm dafür ein gewisses Maß an Anerkennung zu zollen.

“Wie bitte?”, fragte Rudi.

Seine Stirn war so stark gefurcht, wie ich es bei meinem Kollegen selten bemerkt hatte.

“Ich erinnere mich nicht an ein Gespräch. Wollen Sie noch Kaffee?”

Offensichtlich hatte er es sich anders überlegt, was seine Aussage anging.

Vielleicht war seine Angst vor der Baseballschläger-Fraktion im Ort einfach auch nur sehr viel stärker ausgeprägt als die Ehrfurcht vor dem Gesetz und denjenigen, die es verkörpern und durchsetzen sollten.

Also uns.

Rudi wollte noch einmal nachhaken, aber ich schüttelte den Kopf.

Es hatte einfach keinen Sinn. Das hatte ich im Gespür.

“Es möchte Sie übrigens jemand heute Morgen dringend sprechen”, eröffnete der Wirt dann. Er vermied dabei den Blickkontakt.

“Und wer?”, fragte ich.

“Der Bürgermeister. Herr Martin Keller.” Der Wirt sah auf die Uhr an seinem Handgelenk. “Er hat gesagt, dass er rechtzeitig hier sein wird, um Sie noch anzutreffen.”

In diesem Moment betrat ein Mann in den Vierzigern den Raum. Er trug einen Anzug, der ihm offenbar vor ein paar Jahren mal gepasst hatte, jetzt aber deutlich zu klein war. Darüber einen Parka, den er jetzt abstreifte und über den nächstbesten Stuhl warf.

Die Krawatte hing ihm wie ein Strick um den Hals. Sein Kopf war hochrot.

Auf seiner hohen Stirn war eine Ader zu sehen, die deutlicher hervortrat, als es gesund wirkte.

Er sah zu mir, zu Rudi, dann zum Wirt und wieder zu mir. Dabei rieb er die Handflächen gegeneinander.

“Sie sind die Herren vom BKA, nicht wahr?”

Es war keine ernst gemeinte Frage, sondern eigentlich eine Feststellung.

“Kommissar Harry Kubinke”, stellte ich mich vor und deutete auf Rudi. “Und das ist mein Kollege Rudi Meier.”

“Ich bin Martin Keller.”

“Der Bürgermeister”, stellte Rudi fest.

Keller lächelte breit und verlegen. “Wie ich sehe, wurde ich bereits angekündigt.”

“Wir werden nicht viel Zeit haben”, kündigte ich an.

Keller sah noch einmal kurz zum Wirt hinüber und der verstand das Signal jetzt endlich. Es hieß: Verschwinde und lass uns allein!

Also verdrückte sich der Wirt, obwohl seine Neugier ihm sicher etwas anderes eingeflüstert hatte.

“Sie haben nichts dagegen, wenn ich mich zu Ihnen setze”, sagte Keller dann und wartete gar nicht erst ab, bis Rudi oder ich dazu etwas sagen konnten.

Da saß er nämlich schon.

“Was können wir für Sie tun?”, fragte Rudi für meinen Geschmack eine Spur zu ehrerbietig. Bürgermeister sind ja schließlich auch nur Menschen. Meistens jedenfalls.

“Sehen Sie, ich weiß, dass Sie nur Ihre Pflicht tun, aber ich wäre Ihnen wirklich sehr dankbar, wenn Sie Ihre Ermittlungen nicht künstlich in die Länge ziehen würden.”

“Wir machen einfach nur so gründlich wie möglich unsere Arbeit.”

“Ja, das weiß ich ja!”, fuhr mir Keller gleich in die Parade.

“Na, dann sind wir uns doch im Grunde einig. Oder habe ich da irgendetwas nicht richtig verstanden?”

“Ich hoffe nur, dass Sie auch mich richtig verstehen”, sagte Martin Keller jetzt mit einem Gesicht, das auf einmal sehr ernst wirkte. Fast schon konnte man seinem Mienenspiel zusammenfassend die Note ‘finster entschlossen’ geben. Und die Art und Weise, in der er mit uns sprach, gefiel mir ganz und gar nicht.

“Ich habe leider keine Ahnung, was Sie meinen”, erklärte ich.

“Ganz einfach: Jede Stunde, die Sie hier im Ort sind, richtet Schaden für das Ansehen unserer Gemeinde an. Das ist nicht von Ihnen beabsichtigt, aber es ist eine Tatsache, die Sie nicht bestreiten können. Und deswegen wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie die Sache so schnell wie möglich abschließen.“

“Ein Kollege ist brutal ermordet worden - und um herauszufinden, wer der Täter war, werden wir uns so viel Zeit nehmen, wie wir brauchen”, mischte sich jetzt Rudi etwas ungehalten ein.

Ich hob die Augenbrauen. “Mein Kollege hat eigentlich schon alles gesagt, was es dazu zu sagen gibt”, fügte ich noch hinzu. “Oder wollen Sie etwa irgendeinen Einfluss auf unsere Ermittlungen nehmen?”

“Sie haben doch jemanden verhaftet, nicht wahr?”

“Wir haben eine Reihe von Personen festgenommen, die uns tätlich angegriffen haben. In den nächsten Tagen wird sich herausstellen, gegen welche dieser Personen sich vielleicht der Verdacht erhärtet, dass sie auch etwas mit dem Tod unseres Kollegen zu tun hat.”

“Das heißt, Sie haben gegen keinen dieser Festgenommenen irgendwelche konkreten Beweise, dass sie für den Tod Ihres Kollegen verantwortlich sind?”, hakte Keller jetzt nach.

“Das scheint Sie ja fast etwas zu erleichtern”, stellte ich überrascht fest.

Kellers Lächeln wurde jetzt sehr breit.

“Ich persönlich glaube nicht, dass Ihr Kollege von jemandem aus unserer Gemeinde umgebracht wurde. Allerdings hat sich die Sicherheitslage sehr zugespitzt, seit wir einen dramatisch hohen Zuzug von Menschen aus anderen Kulturkreisen zu verzeichnen haben.”

“Sie meinen Flüchtlinge.”

“Wie auch immer. Hat Ihr Kollege nicht nach einem Flüchtling gesucht?”

“Hat er”, bestätigte ich.

“Ist dieser Flüchtling eine Person, die sich Ihren Erkenntnissen nach noch hier im Ort aufhält?”

“Nein, davon gehen wir nicht aus.”

“Dieser Flüchtling wollte vielleicht nicht gefunden werden. Wenn er tatsächlich Kontakte zu terroristischen Gruppen hatte, dann bedeutete das Auftauchen dieses BKA-Zielfahnders eine Bedrohung für ihn und das wiederum ergibt ein perfektes Motiv für einen Mord. Oder sehe ich das falsch?”

“Nein, das sehen Sie richtig”, sagte ich.

“Na, also!”

“Ihre Theorie hat nur einen Schönheitsfehler.”

“Und der wäre?”

“Der Mann, den Kollege Schmitten suchte, war zu dem Zeitpunkt längst in Paris erschossen worden.”

“Oh”, murmelte Keller.

“Sie scheinen gut über die Sache informiert zu sein”, stellte Rudi fest.

“Durch Ihren verstorbenen Kollegen, Herrn Schmitten.”

“Er hat mit Ihnen gesprochen?”

“Ziemlich lange sogar. Ich habe natürlich alles getan, um ihn zu unterstützen und vielleicht hier und da ein paar Türen zu öffnen, wenn Sie verstehen, was ich meine.”

Ich schüttelte entschieden den Kopf. “Nein, wenn ich ehrlich bin, verstehe ich nicht, was Sie meinen.”

“Naja, es gibt hier Leute, die gegenüber Außenstehenden ziemlich verschlossen sind und noch aus der DDR-Zeit ein sehr reserviertes Verhältnis zu staatlichen Stellen und der Polizei haben ...”

“Wenn Sie diese Reichsbürger meinen, dann hat das wohl weniger mit der DDR-Zeit und irgendwelchen miesen Erfahrungen mit der Volkspolizei zu tun”, widersprach ich.

“Wie auch immer. Aber Sie sind ja in Eile, wie Sie sagten. Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass ich auch Sie natürlich voll umfänglich unterstütze, wann immer das opportun ist.”

“Wir kommen dann gerne auf Sie zurück, Herr Keller”, erklärte ich. “Für den Anfang könnten Sie uns ja mal etwas dazu sagen, wie es kommt, dass eine Frau Högel hier ein Flüchtlingsheim leitet, aber in Wahrheit auf Mallorca lebt. Und das wir außerdem weder die Flüchtlinge noch das Heim irgendwo finden konnten.”

“Da muss irgendwas mit dem Datenaustausch und dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nicht so richtig geklappt haben. Aber wie auch? Da sind eine Million Menschen innerhalb kürzester Zeit über die Grenzen gekommen und man hört ja allerorten, dass da einiges ziemlich chaotisch abgelaufen ist. Gerade bei Ihnen da oben in Berlin ... Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden. Ich bin eigentlich nämlich auch auf dem Sprung, wenn Sie verstehen, was ich meine.”

Nachdem Martin Keller den Gastraum verlassen hatte, schaute Rudi mich fragend an. “Kommt mir das jetzt nur so vor, oder hat er uns gar keine Antwort auf unsere Frage gegeben?”

“Ist eben ein Politiker”, sagte ich.

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Martin Keller griff nach seinem abgelegten Parka und war so schnell verschwunden, wie er hereingekommen war. Ich sah durch das Fenster, dass er zum Handy griff, nachdem er sich im Freien befand. Noch während er auf seinen geparkten Mercedes zuging, tippte er eine Nummer ein und hatte wenig später das Gerät am Ohr. Natürlich konnte man nicht verstehen, was er sagte, aber seiner ausholenden, ausdrucksstarken Gestik war anzumerken, dass der Bürgermeister dieses beschaulichen Ortes offenbar ziemlich mit den Nerven am Ende war.

Ich hatte das dumpfe Gefühl, dass Rudi und ich auf irgendeine Art und Weise dazu beigetragen hatten, ohne dass ich bislang dafür den genauen Grund hätte benennen können.

Da blieb einfach nur ein beständiges Rumoren in der Magengegend. Ein untrügliches Gefühl dafür, dass hier irgendetwas zum Himmel stank.

“Was war das denn für ein Spinner, Harry?” hörte ich Rudis Kommentar zum Auftritt des Bürgermeisters wie aus weiter Ferne. Ich antwortete zuerst nicht, denn meine Gedanken rasten in diesem Augenblick nur so.

Ich versuchte verzweifelt, die Einzelteile dieses Ermittlungspuzzles auf eine Art und Weise zusammenzufügen, die irgendeinen Sinn nahelegte.

Aber so weit waren Rudi und ich wohl einfach noch nicht.

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Martin Keller saß am Steuer seines Wagens. Schneeregen hatte eingesetzt. Die Scheibenwischer schafften es kaum, eine freie Sicht zu gewährleisten.

Sein Handy klingelte.

“So‘n Mist aber auch”, murmelte der Bürgermeister vor sich hin.

Er griff nach dem Apparat.

Sollte man eigentlich nicht machen, wusste er.

War nicht erlaubt. Aber erstens war die Wahrscheinlichkeit recht gering, dass ihn auf dieser Straße ein Polizist erwischte. Und noch unwahrscheinlicher war, dass dieser Polizist ihn dann auch für sein Vergehen zur Kasse bat, wie es eigentlich hätte sein müssen. Dass Jürgen Dahlheim oder einer seiner Kollegen tatsächlich den Bürgermeister anhielten, weil er während der Fahrt verbotenerweise sein Handy benutzte - undenkbar!

Hier galten eben ein paar andere Regeln.

Alle waren gleich, aber es gab ein paar, die gleicher waren. Normalerweise fiel Martin Keller das gar nicht auf. Aber ab und zu, wenn er in die Kreisstadt oder gar nach Dresden fahren musste und ihn unterwegs die Polizei anhielt, weil er während der Fahrt mit dem Handy telefoniert hatte, dann wurde der Unterschied umso offensichtlicher.

Sobald er nämlich den engeren Umkreis um seine Gemeinde verlassen hatte, galten die Privilegien nicht mehr, die hier für ihn selbstverständlich waren.

Was diesen speziellen Fall anging, waren die Grenzen seiner privilegierten Existenz mit den Grenzen des Zuständigkeitsbereichs der örtlichen Polizeidirektion identisch.

“Jetzt mach dir nicht ins Hemd”, sagte Keller in sein Handy, während er mit der anderen Hand am Lenkrad klebte. Und diese andere Hand hatte im nächsten Moment auch eine Menge zu tun. Mit einer ruckartigen Bewegung musste er einem Traktor ausweichen, der mehr von der Fahrbahnbreite einnahm, als ihm zugestanden hätte.

Es ging gerade noch einmal gut.

“Idiot”, murmelte Keller, nur um sich im nächsten Moment bereits zu korrigieren: “Nein, nicht du, Ferdi!”, beeilte er sich.

Dann hörte er eine Weile zu, während der Schneeregen heftiger wurde. Das matschige graue Etwas, verwandelte sich mehr und mehr in richtige weiße Flocken. Die Umgebung wirkte wie gepudert. “Ich habe mit den BKA-Leuten gesprochen ... Ja, auch wenn die sich nicht reinreden lassen, eins ist aber wohl auch klar: Richtige Beweise haben die nicht. Ja, wenn ich’s doch sag! Die stehen mit leeren Händen da. Ganz bestimmt!”

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Wir hatten noch keine Neuigkeiten vom Erkennungsdienst und der kriminaltechnischen Untersuchung, kurz KTU, wie man das eigentlich nennt. Aber solche Bezeichnungen ändern sich auch alle paar Jahre und wenn man ein bisschen länger dabei ist, verliert man die Lust darauf, sich jedes Mal sprachlich anzupassen. Ist sowieso meistens alter Wein in neuen Schläuchen.

Manche Dinge brauchen Zeit.

DNA-Abgleiche, ballistische Tests und so weiter. Es gibt Fälle, die sind wie Gras. Und Gras wächst ja auch bekanntlich nicht schneller, nur weil man dran zieht.

Möglich, dass irgendeine Erkenntnis, die sich dabei ergab, der ganzen Sache einen völlig neuen Dreh gab.

Jedenfalls hatten wir so die Gelegenheit, der Devid-Dresel-Spur noch etwas tiefergehend nachzuspüren. Wir fuhren zunächst mal zu seiner Adresse. Ein Durchsuchungsbeschluss war uns elektronisch zugegangen. Rudi hatte ihn mit dem Mobildrucker seines Laptops ausgedruckt.

“Dort, wo dieser Dresel wohnt, ist nur ein gewisser Ferdinand von Bleicher gemeldet”, sagte Rudi während der Fahrt. “Ist wohl so eine Art Herrensitz.”

“Und Dresel?”

“Na, der wohnt da ... irgendwo. Ich habe mir das auf einem Satellitenbild im Netz mal angesehen.”

“Und?”

“Großflächiges Gelände. Wenn uns dieser Herr von Bleicher nicht behilflich ist, können wir lange suchen.”

“Vielleicht sollten wir mal etwas mehr Personal für diesen Einsatz anfordern.”

“Ich denke, man geht in Berlin davon aus, dass uns die lokale Polizei unterstützt, Harry. Aber im Moment würde ich nicht mal der Polizei in Dresden oder dem Landeskriminalamt trauen.”

“Du sagst es.”

“Mal wieder ein Film mit dem Titel ‘Allein für das Recht’.”

“Kennen wir doch, Rudi.”

“Gut finden muss ich es trotzdem nicht, oder.”

“Nee.”

“Übrigens gibt es über diesen Ferdinand von Bleicher einiges Interessante im Internet zu lesen. Erstens ist er der Kämmerer der Gemeinde. Und zweitens ....”

“So, wie du jetzt Luft holst, hört sich das an, als wäre zweitens etwas länger als erstens, Rudi.”

“Also Ferdinand von Bleicher ist der Enkel eines gleichnamigen Wehrmachtsoffiziers, der zum erweiterten Kreis des 20. Juli gehörte und den Widerstand gegen Hitler unterstützte. Der jetzige Träger dieses Namens ist politisch allerdings ganz anders eingestellt. Er hängt den sogenannten Reichsbürgern an, wurde wegen Holocaust-Verleugnung verurteilt, darf nicht mehr als Anwalt praktizieren und hat ein Buch darüber geschrieben, welche Schande sein Großvater angeblich über die Familie gebracht habe, weil er sich dem Widerstand gegen Hitler anschloss.”

“Ach so einer ist das”, meinte ich.

“Sein Buch über den gleichnamigen Großvater heißt ‘Der Volksverräter’ und ist in einem obskuren rechtsorientierten Verlag erschienen, der ansonsten vor allem Bücher über Verschwörungstheorien, Kritik an Israel und Kriegsverbrechen der Alliierten publiziert.”

“Ich dachte immer, Adeligen sei Harmonie in der Familie immer sehr wichtig, Rudi.”

Rudi zuckte mit den Schultern.

“Harmonie herrschte in dieser Familie offenbar nicht.”

“Und was hat dieser Herr von Bleicher jetzt mit Devid Dresel zu tun?”, hakte ich nach.

“Tja, wie wär’s, wenn wir ihn gleich mal selbst fragen.”

“Wenn dieser Ferdinand von Bleicher auf diese Weise in der rechten Szene aktiv ist, dann gibt es vielleicht Berichte des Verfassungsschutzes oder dergleichen mehr.”

Rudi verzog das Gesicht.

“Hier in Sachsen? Da ist man doch auf dem rechten Auge eher blind. Dieser Herr von Bleicher ist außer wegen Holocaust-Verleugnung auch noch mehrfach wegen Verstößen gegen die Waffengesetze verurteilt worden. Das scheint aber auch niemanden alarmiert zu haben.”

“Unser Kollege Max kann doch mal sehen, ob es da nicht doch was gibt.”

“Ich habe ihm schon eine Mail geschrieben.”

“Du befürchtest nur, dass nichts dabei herauskommt?”

“Sollte ich mich da wirklich so irren, Harry?”

“Du kennst mich doch.”

“So?”

“Ich bin grundsätzlich Optimist, Rudi.”

“Na, dann.”

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Wir erreichten den ausgedehnten Landsitz, auf dem sich Ferdinand von Bleicher niedergelassen hatte. Wir parkten vor dem Haupthaus. Es gehörten noch ein paar Nebengebäude zum Anwesen. Außerdem ausgedehnte Ländereien. Auf einer Wiese grasten Pferde.

“Dass sich ein so aristokratisch angehauchter Lebensstil gerade hier erhalten konnte”, staunte Rudi.

“Du meinst, in der ehemaligen DDR?”

“Genau. Das ist schon eine Ironie. Von Bleicher kommt allerdings aus dem Westen.”

“Also irgend so ein Graf, der seine Ostbesitztümer nach der Wende wieder in Besitz genommen hat?”

“Könnte man fast so sagen.”

“Vielleicht erzählt er uns ein paar Einzelheiten.”

“Sofern er überhaupt mit uns redet.”

“Wieso?”

“Na, er ist doch ein sogenannter Reichsbürger. Für den sind wir Polizisten eines fremden Landes, die auf seinem Territorium keinerlei Befugnisse haben.”

“So soll der mir mal kommen!”

“Vielleicht ist es besser, wenn wir Schutzwesten anlegen. Was meinst du?”

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Wir stiegen aus. Die Schutzwesten ließen wir dann aber doch dort, wo sie waren - im Kofferraum nämlich. Es hatte zwar Fälle gegeben, in denen sogenannte Reichsbürger auf Polizisten geschossen hatten, aber das musste ja nicht immer so ausgehen.

Vielleicht traute ich dem Adel einfach gepflegtere Umgangsformen zu als dem Otto Normal-Neonazi.

Na ja, die Wahrheit ist wohl, dass ich diese Kevlar Westen einfach hasse. Sie sind unbequem und man kann sich darin schlecht bewegen.

Wir klingelten an der Tür.

Ein junger Mann öffnete uns. Er war kahlköpfig. Und sehr breitschultrig.

“Sie wünschen?”

“Wir wollen mit Herrn Ferdinand von Bleicher sprechen”, eröffnete ich.

“Die Frage ist, ob der auch mit Ihnen sprechen will”, sagte der Kahlköpfige. Ein breites Grinsen in seinem Gesicht mischte sich mit dem eher gleichgültig wirkenden Ausdruck, der bis jetzt seine Züge beherrscht hatte.

“Ich glaube schon”, sagte ich und zeigte ihm meinen Dienstausweis.

“Dann werde ich mal sehen, ob der Ferdi Zeit für Sie hat”, lenkte der Kerl ein. Ich hatte mich innerlich schon auf eine unsinnige Diskussion darüber eingestellt, ob dieses Grundstück nun ein Teil des Territoriums der Bundesrepublik Deutschland war oder nicht und ob das BKA hier irgendeine Zuständigkeit hatte.

Aber das blieb uns Gott sei Dank erspart.

Warum auch immer.

“Warten Sie hier”, sagte der Kahlköpfige dann und schlug uns erstmal die Tür wieder vor der Nase zu.

“Und sowas sollen wir uns bieten lassen?”, meinte Rudi.

“Abwarten und ruhig bleiben, Rudi.”

“Also nach deeskalierendem Verhalten ist mir im Moment nicht unbedingt zumute.”

“Kann ich gut verstehen, nützt aber nichts.”

Rudi seufzte.

“Ich weiß.”

“Soll ich dir sagen, was mir im Kopf herumgeht?”

“Vielleicht der Polizist, der neulich von einem sogenannten Reichsbürger erschossen wurde, weil der es gewagt hatte, dessen persönliches ‘Reich’ zu betreten?”

“Sag bloß, du kannst das wirklich ganz ausblenden.”

“Nein, kann ich nicht”, gab ich zu.

“Na eben, Harry.”

Ich versuche mir immer zu sagen, dass das ein genauso fieses Vorurteil ist, wie das Vorurteil, dass ein bärtiger Araber in seinem Rucksack wahrscheinlich eine Bombe hat.”

“Und trotzdem muss man darauf gefasst sein.”

“Ach, hör auf, Rudi.”

“Wieso denn?”

“Wenn man darüber zu viel nachdenkt, traut man sich am Ende nicht mehr aus dem Haus - geschweige denn in die Höhle eines ...”

Die Tür ging auf.

Der Kahlkopf war wieder da.

Sein Gesicht wirkte betont grimmig. So als wollte er damit auf uns Eindruck machen. Oder es lag ein krasses Beispiel für Botox-Missbrauch vor. Aber ich beschloss, darüber nicht weiter nachzudenken.

“Kommen Sie mit”, sagte der Kahlkopf ungefähr auf die Art und Weise, wie man sich das vielleicht in einem finsteren, vergangenen Zeitalter, als man diesen Landstrich noch die ‘sowjetisch besetzte Zone’ genannt hatte, von einem politischen Kommissar vorgestellt hätte.

“Dann hat es sich Herr von Bleicher also überlegt”, meinte Rudi.

Der Kahlkopf hatte sich schon beinahe ganz den Rücken zugewendet.

Aber jetzt drehte er sich wieder zu uns um und unterzog uns einer verächtlichen Musterung. Einmal von oben bis unten. Keine Frage, dass seine letzte Bemerkung das ausgelöst hatte.

“Herr von Bleicher ist bereit, mit Ihnen zu sprechen. Allerdings ohne Anerkenntnis Ihrer Rechtsbefugnis. Sie sind Gast auf exterritorialem Gebiet, und ich möchte Sie bitten, sich auch so zu verhalten.”

Dann drehte er sich um und lief voraus.

Ich wechselte mit Rudi einen erstaunten Blick.

Natürlich enthielten wir uns jetzt beide jeden Kommentars, aber wir kannten uns gut genug, um im Wesentlichen sofort zu erfassen, was der andere dachte.

Kollegiale Gedankenübertragung sozusagen.

Manchmal, so ging es mir durch den Kopf, waren einem die alten Neonazis herkömmlicher Machart doch irgendwie lieber. Die brüllten unflätig herum und griffen einen an, sodass man ihnen im Rahmen der Selbstverteidigung eins aufs Maul geben konnte.

Aber was machte man mit diesen neuartigen Faschisten, die so geschwollen reden, dass man fast glauben könnte, dass sie einen Schulabschluss hätten?

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“Hier sind die Auswärtigen, Ferdi”, sagte der Kahlkopf, nachdem wir in einen weiträumigen, an das Haupthaus angebauten Wintergarten geführt worden waren.

Ferdi ..., ging es mir durch den Kopf. Ich fragte mich, wie nahe sich Ferdinand ‘Ferdi’ von Bleicher und sein kahlköpfiger Hanswurst und Türöffner wirklich standen. Flache Hierarchien widersprachen doch eigentlich dem von diesen Leuten propagierten Führerprinzip.

Aber da lag ich vielleicht nicht hundert Prozent richtig, was diesen Punkt betraf.

“Wenn es Probleme geben sollte ...”, begann nun der Kahlkopf und vollendete seinen Satz nicht. Stattdessen blickte er in unsere Richtung.

“Wir wollen doch nicht gleich vom Schlimmsten ausgehen”, meinte von Bleicher. Seine Haltung war betont aufrecht. Ungefähr so, wie man sich in vergangenen Zeiten die Haltung eines Offiziers vorgestellt hätte. Sein Anzug war eigenartig geschnitten. Insbesondere die Jacke ähnelte in ihrem Schnitt den Fantasie-Uniformen mancher James-Bond-Bösewichte. Feldgrau schien die Farbe zu sein, die er bevorzugte.

Sein durchdringender Blick musterte uns.

Ein Blick, in dem Hass und Verachtung so offensichtlich und völlig ungeniert offenbart wurden, dass einem schaudern konnte.

“Harry Kubinke, Bundeskriminalamt”, stellte ich mich vor und zeigte auch meinen Ausweis. Ordnung muss schließlich sein. Und auch wenn mein Gegenüber darüber vielleicht etwas anders dachte - wir waren ja immerhin in Deutschland! Ich deutete auf Rudi. “Das ist mein Kollege Herr Meier.”

“Mit welcher Anmaßung dringen Sie denn heute in mein Reich ein?”, fragte von Bleicher. “Will mir die Systempolizei irgendetwas anhängen? Nur zu, es wäre nicht das erste Mal.”

“Eigentlich haben wir nur ein paar Fragen an Sie.”

“Und die wären, Herr ...”

“Kubinke”, erinnerte ich ihn an meinen Namen, den er offenbar demonstrativ vergessen wollte. Er sollte sich an diesen Namen erinnern. So oder so. Dafür wollte ich sorgen. So wahr ich hier vor diesem eigenartigen Landadeligen neueren Typs stand.

“Die Unverbindlichkeit meiner Auskünfte und die Tatsache, dass ich Ihnen gegenüber zu nichts verpflichtet bin, möchte ich durchaus noch einmal betonen. Aber ich bin gerne bereit, Ihnen Ihre Fragen zu beantworteten, soweit sie nicht Sachverhalte betreffen, über die ich Ihnen keine Auskunft geben möchte. Eine Begründung werde ich Ihnen im Einzelfall dafür nicht geben, da ich dazu Ihnen gegenüber keine Verpflichtung sehe.”

Oh Mann, dachte ich. Die AGB so mancher Versicherungsgesellschaft klangen dagegen schon fast wie sensible Lyrik.

“Hier wohnt ein gewisser Devid Dresel”, stellte ich fest.

“Das trifft zu”, erklärte von Bleicher. 

Na, immerhin!, dachte ich. Ein Anfang war gemacht. Und mein Gegenüber hatte mir sogar eine Frage beantwortet, ohne mir gleich auch noch eine zusammenfantasierte Rechtsbelehrung zu geben. Wenn das kein Grund zum Optimismus war!

“Wir haben einen Beschluss, der uns erlaubt, die Räume zu durchsuchen, die von ihm bewohnt werden”, sagte ich.

“Sie haben ihn verhaftet”, stellte von Bleicher fest. Seine Stimme erinnerte dabei an den Klang von klirrendem Eis. Sein Mund bewegte sich kaum, als er sprach. Die Lippen bildeten einen dünnen Strich. “Die Anschuldigungen gegen ihn und die anderen Verhafteten ...”

“Der Buschfunk scheint hier gut zu funktionieren”, meinte ich.

“... sind absurd, wollte ich sagen. Und sie werden sich in Nichts auflösen.”

“Wie können Sie sich da so sicher sein?”, fragte ich verblüfft. “Ich meine, schließlich war ich dabei - und Sie nicht!”

“Sie haben einen Menschen erschossen, der hier in der Gegend viel Wertschätzung genoss.”

“Sie sprechen von Heino Zäuner!”

“Exakt.”

“Das war leider nicht zu vermeiden. Wir wurden mit Schusswaffen angegriffen.”

“Ja, das nennt man dann wohl eine Schutzbehauptung. Aber Sie hatten mich ja eigentlich nach Devid Dresel gefragt.”

“Richtig”, nickte ich, immer noch mit einer Mischung aus Verblüffung und Bestürzung darüber, wie gleichgültig meinem Gegenüber das Leben von Kriminalbeamten war.

“Devid - und das gilt auch für die anderen, für deren Festnahme Sie gesorgt haben, ist ein guter Kerl.”

“Tja, ehrlich gesagt habe ich bis jetzt seinen guten Kern noch nicht so richtig kennengelernt”, gab ich zurück.

“Ach, nein? Hätte ich mir denken können.”

“Aber Sie können mich gerne aufklären, Herr von Bleicher.”

“Devid hat es nicht leicht gehabt. Schwieriges Elternhaus, Vater früh an den Folgen von Alkoholismus verstorben, die Mutter ... Ich will jetzt nicht den Eindruck entstehen lassen, dass ich Mitleid für ihn erwecken will. Das hat Devid auch gar nicht nötig. Ich habe ihn etwas unter meine Fittiche genommen. Er hat einen Job, er wohnt hier und er ist auf einem guten Weg.”

“Was hat er für einen Job?”

“Er kümmert sich hier auf dem Anwesen um die Rasenflächen und das Grün. Und das wird er auch bald wieder.”

“Da wäre ich nicht so optimistisch”, mischte sich Rudi ein. “So, wie es aussieht, wird er sich wegen einem gemeinschaftlichen Angriff gegen Kriminalbeamte verantworten müssen.”

“Das warten Sie mal getrost ab. Ich habe hier viele Freunde und Bekannte. Einer der für das Verfahren zuständigen Staatsanwälte ist ein Studienkollege von mir und ich könnte mir gut vorstellen, dass alle diejenigen, die da in das Netz einer übereifrigen Staatsgewalt geraten sind, schon bald wieder auf freiem Fuß sind.”

“Einer der Staatsanwälte hat mit Ihnen zusammen studiert?”, hakte ich nach. “Wer ist das denn?”

“Herr Dr. Frankenberg. Sven Frankenberg. Wir gehörten im Übrigen auch derselben Burschenschaft an und auch das dürfte ihn für meine Argumente empfänglich machen. Ich selbst darf mich in die Verteidigung leider offiziell nicht einschalten, aber ein anderer Spezi aus Studientagen, ist bereit da einzuspringen. Ein hervorragender Strafverteidiger. Es wird nicht einfach werden, Herr Kubinke. Am Ende wird sich die kranke Justiz dieses fiktiven Staates namens Bundesrepublik allerdings komplett blamieren. Da bin ich mir vollkommen sicher. Und ich sage Ihnen dies: Ich werde es genießen und als Zuschauer im Saal sitzen - sofern man mir nicht wieder meine Grundrechte beschneidet und mich nicht dabei sein lässt.”

“Warum sollte man das tun?”, fragte ich etwas erstaunt. “Prozesse sind in Deutschland normalerweise öffentlich. Schließlich werden die Urteile ja auch im Namen des Volkes gesprochen.”

“Ja, ja ... Schöne Theorie, Herr Kubinke! Schöne Theorie!”

Herr von Bleicher räusperte sich leicht und nahm dabei die Hand vor den Mund.

“Soweit ich mich erinnere, ist Devid Dresel über 21 Jahre alt. Damit ist ein Prozess nach Jugendstrafrecht ausgeschlossen und somit ist auch ausgeschlossen, dass die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird ... “ Mein Satz klang ziemlich eigenartig, wie ich dann selbst fand. “Anscheinend habe ich jetzt eine ganze Menge ausgeschlossen, wie es scheint.”

“Jemand wie Sie muss ja auch nicht unbedingt ein Meister des geschliffenen Wortes sein, Herr Kubinke.”

“Nein, das sehen Sie sicher richtig.”

“Sie fragten danach, weshalb man mir möglicherweise nicht erlauben wird, in Dresden einen Gerichtssaal zu betreten.”

“Ja, richtig, darauf haben Sie noch nicht geantwortet.”

“Wissen Sie, was ein Platzverweis ist? Ein Hausverbot?”

“Was haben Sie getan? Im Gerichtsgebäude randaliert?”

“Man sieht mich als Querulanten an. Und man hat mir mit den Mitteln der gelenkten Siegerjustiz verbieten lassen wollen, Justizangestellte darauf anzusprechen, dass sie einem illegalen, fiktiven Staatsgebilde dienen und ihre Handlungen gegen die Menschenrechte und die UNO-Charta verstoßen.”

“Ich bin jetzt über diese Sachverhalte nicht weiter informiert, Herr von Bleicher ...”

“Die Lügenpresse hat das totgeschwiegen!”, unterbrach mich von Bleicher.

Ich nahm meinen Faden wieder auf:

“... aber kann es sein, dass Ihre Ansprache der Justizangestellten von diesen vielleicht als aggressiv empfunden wurde und man Ihnen deshalb einen Platzverweis erteilt hat?”

Von Bleicher verzog verächtlich den dünnlippigen Mund. Sein Kinn hob sich dabei etwas. Die Verachtung, die sich in seinen Zügen spiegelte, war nicht zu übersehen.

“Das braucht ja nicht Ihr Problem zu sein, Herr Kubinke.”

“Das ist sicher richtig.”

“Wenn ich dann noch irgendetwas für Sie tun kann ...”

“Führen Sie uns zu Devid Dresels Wohnung.”

“Befindet sich im Nachbargebäude.”

“Wenn Sie uns aufmachen oder den Schlüssel geben, brauchen wir die Tür nicht aufzubrechen.”

Von Bleicher atmete tief durch. Eigentlich hatte ich jetzt einen Anfall seiner querulantischen Renitenz erwartet, aber er schien sich auch zurückhalten zu können. “Ich will mit Ihnen jetzt keine Grundsatzdiskussionen über die Unrechtmäßigkeit Ihres Vorgehens anfangen ...”

“Da würden Sie bei uns auch keinen Erfolg haben”, meinte Rudi.

Von Bleicher drehte sich sehr langsam, man hätte auch sagen können, betont langsam in Rudis Richtung und bedachte meinen Kollegen mit einem derart verächtlichen Blick, dass es einem kalt den Rücken herunterlaufen konnte. Woher diese Verachtung?, fragte ich mich. Was war die Wurzel dieses Hasses, der da offenbar schon seit längerem auf dem Land um sich greifen konnte?

“Ich werde Ihre offene Gewaltandrohung gegen mein Eigentum einfach überhören”, sagte von Bleicher dann.

“Offene Gewaltandrohung?”

“Sie wollten die Tür zu Devids Wohnung eintreten. Das nenne ich eine offene Gewaltandrohung. Aber lassen wir das. Ich bringe Sie hin. Offenbar überfordert Sie die Weiträumigkeit meines Anwesens bei der Orientierung.”

“Wir wären Ihnen sehr dankbar, Herr von Bleicher”, sagte Rudi, während ich einen Moment lang sprachlos war.

Passiert mir selten.

Aber in diesem Augenblick war ich es.

Es gibt eben Momente, in denen bleibt einem im wahrsten Sinn des Wortes einfach die Spucke weg.

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Ferdinand von Bleicher ging mit uns zu einem der Nebengebäude. Mit weiten, raumgreifenden Schritten ging er voran und wir folgten ihm. Schließlich standen wir vor einem der Nebengebäude. Die Wohnung von Devid Dresel machte nur einen Teil dieses Gebäudes aus, hatte aber einen separaten Eingang.

“Wer wohnt hier sonst noch?”

“Dauerhaft - niemand außer mir, meiner Frau und dem ein oder anderen Angestellten.”

“Und in der zweiten Wohnung in diesem Nebengebäude?”

“Das ist eigentlich als Gästehaus konzipiert. Und genauso wird es von mir auch genutzt - mit Ausnahme von Devids Domizil.”

“Was für Gäste sind das denn?”

“Sie wollen aber viel wissen, Herr Kubinke.”

Ich zuckte mit den Schultern.

“Bin neugierig.”

“Habe ich schon gemerkt.”

“Ist ‚ne Berufskrankheit.”

“Deswegen nehme ich das auch nicht persönlich übel.”

“Das beruhigt mich ja.”

“Mancher ist eben zur Schnüffelei geboren. Und unser Staat zieht solche Existenzen an wie das Licht die Motten. Das war immer schon so und daran wird sich auch nie etwas ändern.”

“Komisch, gerade hatte ich angefangen daran zu glauben, dass Ihre Phase des freundlichen Small Talks noch etwas andauern könnte.”

Er verzog den dünnlippigen Mund.

“So kann sich eben auch ein Kommissar täuschen, Herr Kubinke.”

“Ja, in der Tat. Man lernt nie aus.”

“So ist es.”

“Meine Frage sollten Sie mir trotzdem beantworten.”

Von Bleicher lachte auf. “Die nach den Gästen?”

“Genau.”

“Ist das nicht eher eine Privatsache?”

“Das finde ich nicht.”

“Frage ich Sie vielleicht nach Ihren Gästen?”

“Ich empfange keine. Meine Wohnung in Berlin ist zu klein und Zeit hat unsereins für sowas ohnehin nicht. Wenn Sie wüssten, was für einen Berg von Überstunden wir vor uns herschieben.”

“Sie tun mir leid.”

“Ach, hören Sie auf!”

“Nein, wirklich, Herr Kubinke. Sie tun mir leid. So ein armer Staatssklave, der in einer Mönchszelle leben muss und nicht einmal mehr Zeit hat, um Gäste einzuladen ...” Sein Tonfall troff nur so vor Zynismus. Es schien ihm wichtig zu sein, sich über seinen Gesprächspartner zu erheben, ihm zu zeigen, dass er in jeder Hinsicht überlegen war. Der überlegene Geist eines Übermenschen, konfrontiert mit dem schlichten Gemüt einer Beamtenseele von Kommissar - so schien seine Wahrnehmung unserer Begegnung zu sein.

Ich hatte nicht vor, dieses Bild vorschnell zu korrigieren.

Das hatte Zeit.

Manchmal kam Hochmut vor dem Fall - und vielleicht war das auch bei Ferdinand von Bleicher irgendwann so.

Noch ehe mir oder Rudi auf so viel unverschämte Überheblichkeit eine passende Antwort einfiel, fuhr von Bleicher dann fort: “Da Ihnen anscheinend so viel an der Klärung der Frage zu liegen scheint, was für Gäste ich hier so empfange: Ich nutze mein Anwesen dafür, bisweilen Seminare zu veranstalten.”

“Seminare?”, echote ich.

“Mein Haus ist zu einem Ort des Wissens geworden. Einer Bildungsstätte für all jene, die unkonventionelle Ansichten vertreten und denen ansonsten kein Gehör geschenkt wird.”

Ich konnte mir so ungefähr vorstellen, was für Leute hier auftraten. Vom Holocaust-Leugner bis zu Verschwörungstheoretikern war wahrscheinlich alles dabei, was in dieser Szene Rang und Namen hatte.

“Und die Teilnehmer kommen dann in den Genuss Ihrer Gästequartiere”, fasste ich zusammen.

“Und unsereins muss in einem Doppelzimmer mit dem Kollegen auskommen!”, knurrte Rudi.

Herr von Bleicher hatte die Tür aufgeschlossen und dabei erst recht umständlich nach dem richtigen Schlüssel gesucht. Er trug einen beeindruckenden Schlüsselbund bei sich, der jedem Gefängniswärter zur Ehre gereicht hätte.

“Den Schlüssel händigen Sie mir bitte aus”, sagte ich. “Wir müssen die Wohnung versiegeln.”

“Was?”, entfuhr es ihm.

“Das kann sich durchaus zu Gunsten von Devid Dresel auswirken. Schließlich könnte es ja sein, dass wir entlastendes Material finden, dass aber dann nicht entsprechend bei der Beweiswürdigung gewichtet werden kann, weil die Regeln nicht eingehalten wurden oder die tatsächliche Herkunft unklar ist.”

Rudi war schon ins Innere gegangen, um sich umzusehen.

Von Bleicher hingegen blieb wie angewurzelt stehen und bedachte mich mit einem für seine Verhältnisse fassungslos wirkenden Blick.

“Sie wollen mich aber auch um jeden Preis provozieren, Herr Kubinke.”

Ich streckte die Hand aus. “Na kommen Sie: Ein guter Rat an das Oberhaupt eines imaginären Klein-Staates vom Repräsentanten einer militärisch überlegenen Großmacht - geben Sie mir den Schlüssel!”

Von Bleicher blieb einen Augenblick wie erstarrt. Aber dann bemerkte ich ein Schmunzeln. Ganz ohne Humor war er offensichtlich doch nicht. Und manchmal ist eine witzige Bemerkung ebenso gut, dass sie sich den Weg zum Gehirn des anderen auch dann bahnt, wenn der Betreffende das gar nicht will.

Er griff zu seinem Schlüsselbund.

Das klirrte wie man sich das sonst von den Ketten eines leibhaftigen Schlossgespenstes vorzustellen pflegte.

Und dann nahm er tatsächlich den Schlüssel ab und gab ihn mir. “Bitteschön”, sagte er.

“Danke.”

“Wie lange habe ich mit der eingeschränkten Nutzung meines Eigentums zu leben?”

“Das weiß ich nicht. Aber wenn es nach mir geht, dann sind wir vor Weihnachten mit der ganzen Suche fertig.”

“Gut.”

“Ich sagte: Wenn es nach mir geht. Das tut es leider nicht immer”, fügte ich noch hinzu.

“Immer alle Optionen offenhalten, sich nie festlegen. Das scheint ein Charaktermerkmal von Ihnen zu sein, Herr Kubinke.”

“Nein, da liegen Sie falsch.”

“So?”

Ich hob die Augenbrauen. “Ich lege mich nicht gerne zu früh fest, sondern versuche, einen Fall unvoreingenommen zu betrachten. Und das ist auch notwendig, weil man sonst schnell in eine falsche Richtung geraten kann.”

“Schon erlebt?”

“Natürlich.”

“Dann hoffe ich, dass Sie in diesem Fall endlich die richtige Richtung finden ...”

“Da kann ich Sie voll und ganz beruhigen, Herr von Bleicher. Früher oder später finde ich die immer. Na ja, zumindest fast immer. Und was diesen Fall angeht, so habe ich sie vielleicht sogar schon gefunden!”

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Wir sahen uns im Wohnbereich von Devid Dresel um. Oder im ‘Quartier’, wenn man in der Terminologie von Herrn von Bleicher bleiben wollte. Dieses ‘Quartier’ bestand aus einem Schlafwohnraum mit Kochecke, einem Bad und einem winzigen Abstellraum, der die Ausmaße eines etwas größeren Einbauschrankes hatte.

Auffällig war, dass alles sehr gepflegt wirkte. Ungewöhnlich gut gepflegt, so kam es mir gleich in den Sinn. So als hätte noch vor kurzem jemand dafür gesorgt, dass alles glänzte. Und es gab so gut wie keine persönlichen Gegenstände. Ein paar Kleidungsstücke im Schrank, das war alles, was wir fanden. Und ein Regal mit Büchern, die aber offenkundig nicht Devid Dresel gehörten. Sie trugen Stempel von Ferdinand von Bleicher und behandelten zumeist militärhistorische Themen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs.

“Hier ist ja kein Krümel zu finden”, meinte Rudi. “Also ganz ehrlich, ich habe in Herrn Dresels Alter nicht so aufgeräumt.”

“Das könnte eine Frage des Charakters und nicht des Alters sein”, meinte von Bleicher.

“Um noch ehrlicher zu sein: Ich kenne kaum jemanden, der so gut auf unvorhergesehenen Besuch vorbereitet ist, dass man denken könnte, da wohnt niemand”, fügte Rudi noch hinzu.

“Ich habe keine Ahnung, was Sie damit sagen wollen”, sagte von Bleicher.

Ich roch an der Tischplatte. “Sagrotan.”

“Gut gegen Keime aller Art”, sagte von Bleicher.

“Entweder Herrn Dresel ist Hygiene wirklich so wichtig, wie ich es sonst nur von Patienten mit Zwangsstörungen kenne - oder hier hat jemand gründlich aufgeräumt.”

“Warum sollte das jemand tun?”, fragte von Bleicher.

“Tja, vielleicht können Sie mir diese Frage beantworten, Herr von Bleicher?”

“Das ist jetzt eine Unterstellung! Und zwar eine der übelsten Art! Ich verwahre mich dagegen und als Jurist ...”

“Ach, Herr von Bleicher!”

“... weiß ich, wie man sich dagegen notfalls robust zur Wehr setzen kann!”

“Davon bin ich überzeugt.”

“Ich hoffe, Sie sind hier bald fertig”, sagte von Bleicher noch.

“Da Sie nicht viel übriggelassen haben, würde ich sagen, dass wir nicht mehr lange brauchen”, meinte Rudi, der gerade eine Schublade öffnete.

“Da wir gerade so nett plaudern”, wandte ich mich an von Bleicher. “Wie vereinbart sich eigentlich Ihre Identität als Reichsbürger oder Oberhaupt eines Mini-Staates, der die Autoritäten der Bundesrepublik Deutschland ...”

“Die BRD ist eine Firma! Eine GmbH! Nichts anderes, aber kein Staat!”, unterbrach mich von Bleicher.

Es gab verschiedene, mehr oder minder wirre Theorien, mit denen die sogenannten Reichsbürger ihre Ablehnung staatlicher Autoritäten rechtfertigten. Bei Herrn von Bleicher hatte ich mittlerweile den Eindruck, dass diese Theorien so miteinander vermischt wurden, dass sie nicht nur von falschen Fakten ausgingen, sondern auch auf jede innere Logik weitgehend verzichteten. Das war aber wohl auch nicht der springende Punkt. Jemandem, der an Magie und Hellseherei glaubt, kann man auch nicht damit kommen, dass die Wissenschaft so etwas nicht kennt.

Nein, ich wollte an einem anderen Punkt ansetzen, der mich schon die ganze Zeit über beschäftigt hatte.

“Was ich sagen wollte, ist: Wie vereinbart sich Ihre Tätigkeit als Kämmerer dieses Ortes mit Ihren Ansichten?”

“Wieso sollte sich das nicht vereinbaren lassen?” Herr von Bleicher hob erst eine seiner leicht nach oben ausgerichteten Augenbrauen und dann die andere, was ihm unfreiwillig ein leicht dämonenhaftes, satanisches Aussehen gab, was durch den dünnen Strich seiner Lippen noch betont wurde.

“Ich will das gar nicht so auf die persönliche Ebene holen. Es ist eher eine allgemeine Frage.”

“Allgemein?”

“Na ja, ich habe gehört, dass es auch in der Bundeswehr, bei der Polizei und in der Lehrerschaft sogenannte Reichsbürger gibt, und man nun überlegt, die aus dem Staatsdienst zu entfernen.”

“Ausdruck eines intoleranten Unterdrücker-Regimes von Kanzlerin Merkel”, sagte Herr von Bleicher wie aus der Pistole geschossen. Einer Pistole, die mit Parolen und Schlagwörtern offenbar gut geladen war und auf Schnellfeuerstöße eingestellt zu sein schien.

“Wie auch immer. Aber ich frage mich, wie kann zum Beispiel ein Reichsbürger es mit seinem Gewissen vereinbaren, in der Armee eines aus seiner Sicht fremden Staates zu dienen? Oder wie können Sie ...”

“Kämmerer sein?”

“Genau!”

“Nett, dass Sie unsereinem überhaupt ein Gewissen zutrauen. Viele von diesen rot-grün versifften Staatsdienern tun das ja nicht.”

“Ich bin ehrlich an einer Antwort interessiert, Herr von Bleicher. Liegt es einfach daran, dass Sie aufgrund der Tatsache, dass Ihr eigener Staat noch nicht genügend Arbeitsplätze vorhält, dazu gezwungen sind, quasi im Ausland tätig zu sein?”

“Das soll wohl ein billiger Witz sein!”

“Nein, ich würde gerne diesen Widerspruch verstehen.”

“Sind Sie nie auf den Gedanken gekommen, dass es mir um den Dienst am Gemeinwesen geht? Dass ich versuche, den Ort, in dem ich lebe, mit meiner ganzen Kraft zu unterstützen und dafür zu sorgen, dass wenigstens hier die Verhältnisse in Ordnung sind?”

“Aber Sie dienen einem fremden Staat und geben dessen Steuermittel aus. Und bezeichnen viele von Ihren Leuten die Erhebung von Steuern durch die BRD nicht als illegal?”

“Das ist richtig, aber es gibt dazu sehr verschiedene Ansichten. Ich persönlich habe mich nie an Steuerboykotten beteiligt.”

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Wir waren schließlich fertig und verließen das Gebäude wieder. Nicht ohne ein Siegel anzubringen und Herrn von Bleicher darauf hinzuweisen, dass ihm bis auf weiteres das Betreten von Devid Dresels Wohnung untersagt war.

“Und was soll das Ganze dann noch?”, ereiferte er sich. “Ich dachte, Sie sind fertig!”

“Möglicherweise schicken wir noch ein Team des Erkennungsdienstes her, um sich alles genau anzusehen”, erklärte ich ihm.

An einer der Pferdekoppeln, die zum Anwesen gehörten, fiel mir eine Frau auf. Sie trug Reitstiefel und eine Steppjacke. Außerdem eine Reiterkappe.

“Ihre Gattin?”, fragte ich.

“Meine Gattin”, bestätigte von Bleicher. “Und jetzt sagen Sie nicht, dass Sie meine Frau auch noch zu belästigen gedenken!”

“Gegebenenfalls zu einem späteren Zeitpunkt”, erklärte ich.

“Das ist nicht Ihr Ernst.”

“Und Ihr Ernst kann es nicht sein, dass ich das jetzt schon ausschließen könnte!”, sagte ich. “Man weiß nie, was noch kommt und wessen Aussage man vielleicht doch noch braucht. Aber im Moment ist das wohl nicht nötig.”

“Ich werde meine Gattin von Ihnen grüßen, Herr Kubinke.”

“Tun Sie das. Und bevor wir jetzt fahren, hätte ich noch eine letzte Frage.”

”Und die wäre?”

Von Bleicher wirkte genervt. Ich hatte seine Geduld offenbar bis auf das Äußerste strapaziert. Aber manchmal sind Aussagen gerade dann besonders aufschlussreich. Gerade bei Personen, die äußerlich so kontrolliert wirkten wie Herr von Bleicher. Ich hatte das Gefühl, dass da unter dieser kultivierten Oberfläche noch ein paar ganz andere Elemente vor sich hin brodelten.

War eine Eingebung meines Instinktes.

Aber auf den konnte ich mich im Allgemeinen ja verlassen. Und so nahm ich auch in diesem Fall nicht an, dass er mich täuschte.

“Meine letzte Frage hat nicht unbedingt etwas mit diesem Fall zu tun”, begann ich.

“Warum stellen Sie sie dann?”

“Weil es mich einfach interessiert. Und weil ich gerne verstehen würde, was hier so vor sich geht. Die berühmten lokalen Verhältnisse, wissen Sie?”

“Ich bin mir nicht sicher ...”

“Der Bürgermeister hat uns kontaktiert. Es war nur ein kurzes Gespräch und er musste dann auch sehr schnell wieder aufbrechen, weil er natürlich einen übervollen Terminkalender hat, was jetzt niemanden wirklich verwundern kann. Denn Herr Keller, den Sie ja sicher gut kennen, ist ein wirklich vielbeschäftigter Mann. Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel.”

“Worauf wollen Sie hinaus, Herr Kubinke?”

“Herr Keller erwähnte etwas in der Art, dass die Gemeinde durch den Zuzug von Flüchtlingen an den Rand ihrer Belastbarkeit gelangt ist. Ich habe den genauen Wortlaut nicht mehr in Erinnerung. Aber etwa in der Art war es.”

“Was wundert Sie daran? Gibt es irgendeine Kommune, die über diese Belastungen nicht stöhnt? Ganz Deutschland diskutiert darüber und Sie bekommen das nicht mit, Herr Kubinke! In welcher Welt leben Sie! Was erzählen Sie mir da!”

“Der Punkt, um den es mir geht, ist der, Herr von Bleicher: Ich habe bisher in diesem Ort nicht einen einzigen Flüchtling getroffen. Und wie diese Gemeinde unter der Belastung so zu leiden hat, ist mir deswegen auch ehrlich gesagt nicht ganz schlüssig.”

“Da werden Sie dann den Bürgermeister persönlich fragen müssen. Ich bin nämlich nicht sein Sprecher. Meine Aufgabe erschöpft sich darin, einen Haushalt aufzustellen und nachzuzählen, wofür wie viel Geld ausgegeben werden kann. Das ist alles.”

“Aber dann müsste doch gerade Ihnen bekannt sein, wie viel die Gemeinde tatsächlich für Flüchtlinge ausgibt und wie stark sie dadurch belastet wird!”

“Guten Tag, Herr Kubinke. Fragen wie die, die Sie mir jetzt gestellt haben, beantworte ich vielleicht den Reportern des Kreisblattes - aber nicht Ihnen.”

“Und warum nicht?”

“Weil, wie Sie selbst schon richtig festgestellt haben, nicht der geringste Zusammenhang zu diesem Fall zu erkennen ist!”

“Nun, aber Sie sind doch schon in anderer Hinsicht so weit über Ihre anfänglichen Dialog-Grenzen gegangen, da könnten Sie mir diese Frage doch eigentlich trotzdem beantworten. Finden Sie nicht?”

Herr von Bleicher schluckte. Sein Gesicht wirkte so unbeweglich, als wäre es aus Stein gehauen. “Sie sind hartnäckig und geben nicht auf.”

“Das trifft zu. Vielleicht eine Berufskrankheit.”

“Leben Sie wohl, Herr Kubinke. Ich will weder Sie noch Ihren Kollegen hier jemals wieder sehen, wenn sich das irgendwie vermeiden lässt.”

“Was das angeht, möchte ich Ihnen lieber keinerlei Versprechungen machen, Herr von Bleicher”, gab ich zurück. “Nein, das kann ich wirklich nicht garantieren ...”

Eigentlich war ich mir sogar ziemlich sicher, noch einmal hierher zurückkehren zu müssen. Und zwar völlig unabhängig davon, ob die Kollegen des Erkennungsdienstes hier irgendetwas finden konnten.

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Wir verließen das Anwesen.

Ich saß hinter dem Steuer unseres Dienstwagens und tickte mit den Fingern auf dem Lenkrad herum, nachdem wir wieder auf der Hauptstraße waren.

“Lass das, Harry.”

“Was?”

“Das Geticke.”

“Aber ...”

“Das macht mich nervös, Harry.”

“Ich denke die ganze Zeit darüber nach, was ich von diesem Typen halten soll.”

“Du sprichst von Herrn von Bleicher, wie ich annehme ...”

“Na ja, so nahe, dass ich ihn jetzt ‘Ferdi’ nennen würde, stehe ich ihm nun wohl wirklich nicht, Rudi.”

“Ich gebe zu, ich kann den Kerl nicht ausstehen. Und ich kann dich für deine Ruhe nur bewundern, Harry.”

“Ich glaube, dass er Devid Dresels Wohnung gereinigt hat. Oder dass er jemanden dafür beauftragte.”

“Ja, das ist ziemlich eindeutig.”

“Fragt sich nur, warum.”

“Weil er befürchtete, dass wir dort etwas finden, was Herrn Dresel belastet hätte.”

“Oder ihn”, meinte ich.

“Häh.”

“Ach, war nur so ein Gedanke.”

“Dann führ den mal etwas aus. Ich kann deinem sprunghaften Gedankengang nämlich ausnahmsweise nicht folgen.”

“Weißt du, ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt, wieso plötzlich diese ganze Armee von Schlägern auftauchte, als wir in dem Geisterhaus waren, in dem eigentlich Flüchtlinge hätten leben sollen!”

“Ja, das wirkte schon sehr ...”

“... koordiniert! Das ist das richtige Wort, Rudi!”

“Und du denkst, dieser Herr von Bleicher könnte der Koordinator im Hintergrund gewesen sein?”

Ich zuckte mit den Schultern. “Wie gesagt, war nur so ein Gedanke. Und da ist noch ein zweiter!”

“Schieß los!”

“Nehmen wir mal an, unser Kollege Schmitten hat hier bei seiner Suche nach einem Flüchtling, der gar nicht im Ort war, irgendetwas herausgefunden, was er nicht herausfinden sollte ... Na, diese Bande, der wir begegnet sind, wäre doch wie prädestiniert dafür, um dem ein Ende zu setzen”

“Vielleicht wollten die den Kollegen Schmitten einfach nur verprügeln oder einschüchtern und das ist dann ausgeartet”, meinte Rudi. “Allerdings spricht der Obduktionsbefund eigentlich eher für was anderes. Da gab es einen gezielten Schlag auf dem Kopf. Aber sein Körper hat kaum etwas abbekommen. Außerdem war der Kollege Schmitten ja auch mit einer Dienstwaffe ausgerüstet. Also, der hätte sich schon zu wehren gewusst, wie ich annehme. In seinen Akten steht übrigens, dass er mal Meister im Vollkontakt-Karate war.”

“Na ja, wenn jemand eine Schusswaffe auf dich richtet, nützt dir das auch nicht viel.”

“Und du meinst, Kollege Schmitten hätte sich dann in aller Ruhe einen auf den Kopf hauen lassen?”

“Wie denkst du denn, dass es war?”

“Ich denke, dass der Schlag sehr überraschend gekommen ist.”

“Weil Kollege Schmitten den Angreifer nicht gesehen hat?”

“Oder ihn kannte und nicht damit rechnete.”

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Das Telefon meldete sich. Und zwar das Gerät von Rudi. Er schaltete auf laut, sodass ich mithören konnte.

Am anderen Ende der Verbindung war Kriminaldirektor Bock.

Im Wesentlichen ging es darum, dass Herr Bock dafür gesorgt hatte, dass ein paar zusätzliche BKA-Kollegen nach Dresden kamen, um bei den Verhören der Festgenommenen zu helfen. Schließlich sollte das alles ja erstens im zeitlichen Rahmen und zweitens mit der nötigen fachlichen Qualifikation ablaufen. Und da war unser Vertrauen in die sächsischen Kollegen inzwischen ja auf ein Minimum zusammengeschmolzen.

Außerdem äußerte Rudi noch den Wunsch, dass Erkennungsdienstler des BKA die Wohnung von Devid Dresel untersuchten.

“Die Kollegen werden in den späten Abendstunden eintreffen”, versprach Kriminaldirektor Bock. “Also vorausgesetzt, ich kann jemanden loseisen.”

“Dann sollten wir Ihnen die Daumen drücken”, meinte Rudi.

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In solchen ländlichen Gegenden ist das in der Regel so: Man kommt von einer sehr schmalen Straße auf eine etwas breitere, und wenn man dann großes Glück hat, gelangt man von dieser etwas breiteren Straße auf eine noch breitere, die dann unter Umständen sogar mit Verkehrsschildern ausgestattet ist, sodass man immerhin weiß, ob man auf dem richtigen Weg ist. Ein Navigationssystem ist zwar eine feine Sache, aber nicht immer haben die Anzeigen auf dem Display auch etwas mit der Realität zu tun. Vor allem dann, wenn es um Orte geht, die ungefähr dort liegen, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.

Und an einer dieser Kreuzungen, an der man von einer winzigen Straße auf eine etwas weniger winzige gelangen kann, hatte sich ein Wagen so hingestellt, dass man unmöglich vorbei konnte.

“Was soll das denn?”, fragte Rudi.

“Vielleicht wieder mal die ganz besonders herzliche Gastfreundschaft gegenüber Fremden, die hier üblich ist”, meinte ich.

“Die kann mir inzwischen gestohlen bleiben!”

“Tja, ich gäbe auch einiges dafür, einen ganz normalen Mord der Libanesen-Mafia im Wedding aufzuklären anstatt ...”

“Ja?”

“... sowas hier!”

“Können wir es uns aussuchen, Harry?”

“Leider nein.”

“Eben!”

Ich betätigte die Hupe.

Zwei Mal.

Aus dem Wagen vor uns stieg eine junge Frau aus. Pferdeschwanz, ein übergroßer Männer-Parka, Jeans, Gummistiefel. So stellte man sich die moderne Landfrau vor.

Ich ließ die Seitenscheibe herunter.

“Sie stehen im Weg”, sagte ich. “Oder vielmehr: Ihr Wagen.”

“Sie sind dieser Kubinke, nicht wahr?”

“Kommissar Kubinke wäre mir auch recht - statt ‘dieser’ Kubinke.”

“Tut mir leid, Herr Kommissar. Ich würde Sie gerne sprechen.”

“Wer sind Sie denn?”

“Mein Name ist Jennifer Möhrke.”

“Das sagt mir jetzt ehrlich gesagt nichts.”

“Ich kenne Devid Dresel. Also eigentlich kennt ihn ja jeder hier. Ich meine ...”

“Sie kennen ihn etwas besser?”

“Ja. Haben Sie einen Moment Zeit?”

“Eigentlich müssen wir dringend nach Dresden. Aber ...” Ich sah auf die Uhr. Wenn sie uns etwas über Devid Dresel sagen konnte, was wir noch nicht wussten, half uns das mutmaßlich weiter. “Okay”, sagte ich schließlich. “Aber wir stehen hier ungünstig.”

“Das macht nichts.”

“Aber hier kann niemand durch.”

“Ich weiß, deswegen habe ich mich ja mit meinem Wagen hier hingestellt, Herr Kubinke.”

“Woher wussten Sie denn, dass wir hier kommen würden?”

“Weil ich von unserem Hof aus beobachtet habe, dass Sie zu der Angeber-Villa vom Grafen fahren. Und da gibt es nur einen Weg hin und wieder zurück.”

“Die Angeber-Villa vom Grafen ...”, echote ich. “Sie meinen ...”

“.... das Anwesen von Herrn von Bleicher, ja.”

“Ich wusste gar nicht, dass er ein richtiger Graf ist.”

“Ist er auch nicht. Aber wir nennen ihn hier so. Angeber-Villa passt auch. Herr Kommissar, Sie können hier wirklich stehen bleiben. Es fährt hier sonst niemand her. Wahrscheinlich die nächsten zwei Stunden auch nicht und ich für mein Teil muss sowieso früher wieder weg, weil dann unsere Kühe dran sind. Mit Melken, meine ich.”

Immerhin war Jennifer Möhrke so freundlich, mir den ungefähren zeitlichen Rahmen zu nennen, den sie offenbar für dieses Gespräch angesetzt hatte. Ich konnte nur hoffen, dass sie nicht die Absicht hatte, diesen zeitlichen Rahmen auch zur Gänze auszunutzen.

Ich nickte Rudi zu.

Im nächsten Moment stiegen wir beide aus.

Es war besser, sich mit Jennifer Möhrke im Freien zu unterhalten, ging es mir durch den Kopf. Besser, als wenn Sie bei uns im Wagen auf der Rückbank Platz genommen hätte. Dann wären wir sie womöglich fürs Erste gar nicht mehr losgeworden.

“So und nun mal raus mit der Sprache, was haben Sie auf dem Herzen”, fragte Rudi.

“Das ist mein Kollege, Kommissar Rudi Meier”, erläuterte ich. “Vom Bundeskriminalamt in Berlin, genauso wie ich.”

Wir zückten unsere Ausweise und hielten sie Jennifer Möhrke gut sichtbar unter die Nase. Das machte für ein paar volle Sekunden sogar einen gewissen Eindruck auf sie, wie mir schien. Aber ich kenn das schon. Solche Effekte sind außerordentlich kurzlebig.

“Ich kenne den Devid - also den Herrn Dresel - recht gut”, begann Sie.

“Haben Sie ein Verhältnis?”, fragte ich.

“Nein. Ich meine, das wäre vielleicht noch gekommen, denke ich.”

“Ich verstehe.”

“Devid ist ein netter Kerl.”

“Den Eindruck hatte ich nicht, als er uns mit seinen bewaffneten Freunden gegenüberstand”, erklärte ich unumwunden. “Verstehen Sie mich dabei nicht Falsch, aber ...”

“Er ist in echten Schwierigkeiten, oder?”

“Ja, das würde ich sagen.”

“Denken Sie, dass er den Fremden umgebracht hat?”

“Mit Fremden meinen Sie jetzt unseren Kollegen Herrn Schmitten?”

“Ja.”

“Ja, das ist durchaus möglich. Er soll sich mit dieser Tat vor anderen gerühmt haben, haben wir gehört. Aber es wundert mich, dass Sie davon wissen!”

Jetzt, so hatte ich das Gefühl, wurde die Sache interessant. Diese junge Frau hatte irgendetwas auf dem Herzen. Da war irgendetwas, was sie loswerden wollte und mutmaßlich mit unserem Fall zu tun hatte. Vielleicht würde das ja doch noch ein ergiebiger Tag ...

“Es wird geredet im Ort”, sagte sie. “Alles spricht sich schnell herum, wenn Sie verstehen, was ich meine.”

“Das heißt, eigentlich weiß jeder davon, dass Devid Dresel behauptet hat, den BKA-Kollegen Schmitten umgebracht zu haben.”

“Das hört sich jetzt so an, als würden wir das billigen oder ...” Sie sprach nicht weiter.

“Hat sich Herr Dresel denn Ihnen gegenüber dazu auch mal geäußert?”, fragte ich. “Ich meine, Sie kennen ihn doch näher, wie Sie sagen, auch wenn Sie sich noch nicht ganz so nahegekommen sind, wie zumindest Sie sich offenbar wünschen.” Aber ich nehme an, nahe genug für eine Unterhaltung war das schon.”

“Wir kennen uns seit der Schule.”

“Ah, ja.”

“Er ist eigentlich ein guter Kerl.”

“Das Wort ‘eigentlich’ klingt in diesem Zusammenhang so, als könnte es auch anders sein. Und dass er eine schwierige Kindheit hatte, kann Entschuldigung sein, um einem BKA-Beamten den Schädel einzuschlagen - immer vorausgesetzt, die diesbezüglichen Mutmaßungen erweisen sich als wahr.”

“Was sich bald herausstellen wird, denn wir warten auf die Ergebnisse der kriminaltechnischen Untersuchung”, ergänzte Rudi.

“Sie haben mir meine Frage noch nicht beantwortet”, sagte ich, nachdem die junge Frau zunächst keine Anstalten machte, noch etwas zu sagen. Sie wirkte plötzlich sehr in sich gekehrt. Fast so, als würde sie ihren Entschluss, sich an uns zu wenden, schon wieder bereuen.

Warum auch immer.

“Hat sich Herr Dresel auch Ihnen gegenüber dazu geäußert, ob er unseren Kollegen Schmitten umgebracht hat?”, wiederholte ich die Frage eindringlich, nachdem ein paar zusätzliche Sekunden verstrichen waren, ohne dass sie etwas gesagt hatte.

“Nein”, sagte sie. “Ich habe halt nur so gehört, was angeblich gesagt worden ist ...”

“Dann hatten Sie in letzter Zeit doch nicht mehr ganz so viel Kontakt. Kann das sein?”

“Ja, das kann sein”, gab sie zu. “Hören Sie, ich weiß nicht, ob Devid sich was hat zu Schulden kommen lassen oder ob er darin verwickelt ist ... Ich weiß nur eins, aus eigenem Antrieb würde der so etwas nie tun! Der ...”

Sie stockte.

“Der ... was?”, hakte ich nach.

“Er ist einer, der leicht zu beeinflussen ist.”

“Und von wem wird Herr Dresel beeinflusst?”

Sie deutete hinüber zum Anwesen von Herrn von Bleicher. “Sie waren doch gerade dort. Hinter jedem Unsinn, den Devid im Kopf hatte, steckte dieser aufgeblasene Kerl. Und weil er Devid geholfen hat, ist Devid so dumm und macht alles für ihn. Mehr sage ich jetzt auch besser nicht ...”

“Doch, jetzt wird es gerade interessant!”

“Ich habe Ihnen schon zu viel gesagt. Unsere ganze Familie kriegt am Ende Ärger deswegen.”

“Ärger? Von wem?”

“Auf Wiedersehen, Herr Kubinke.”

Sie drehte sich um und ging davon. Ihre Gummistiefel schlurften geräuschvoll über den Asphalt. Nicht elegant, nicht damenhaft, aber sehr entschlossen. Und mir war klar, dass es im Moment sinnlos war, sie aufhalten zu wollen. Dazu hatte sie offenbar einfach zu viel Angst.

Sie stieg in ihren Wagen, knallte die Tür auf eine Weise zu, die sehr anschaulich ihre Stimmung illustrierte und fuhr dann mit durchdrehenden Reifen davon.

“Wir hätten vielleicht noch mehr von ihr erfahren können”, meinte Rudi.

“Nein, hätten wir nicht”, sagte ich.

“Bist du sicher?”

“Sie ist jetzt schon bis an die Grenze gegangen, Rudi. Vielleicht auch darüber hinaus.”

“Meinst du, dieser Herr von Bleicher organisiert hier die Schlägerbanden?”

“Wäre als Kämmerer zumindest eine effektive Art der Steuereintreibung”, meinte ich.

“Du machst Witze.”

“Natürlich.”

“Wir sollten den Kerl wirklich im Fokus behalten.”

Ich nickte.

“Sollten wir, Rudi.”

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Es war spät geworden. Die Verhöre in Dresden waren zäh und ziemlich unergiebig. Aber das änderte sich, als wir den Bericht der kriminaltechnischen Untersuchung bekamen. Der Kollege Max Vandersteen rief uns deswegen an. Und einige der Ergebnisse waren schon sehr erstaunlich.

Rudi und ich gingen zurück in den Verhörraum. Sein Anwalt hatte uns das Leben ganz schön schwer gemacht. Dr. Sven Frankenberg, der Studienfreund und Burschenschaftskamerad von Ferdinand von Bleicher, war uns ungefähr nach jedem Halbsatz ins Wort gefallen und hatte behauptet, dass wir die Rechte seines Mandanten in irgendeiner Weise verletzen würden.

Frankenberg war ein großer, kantig wirkender Mann. Sein Gesicht hatte die Form eines quadratischen Kastens, dessen Symmetrie allerdings von einem Schmiss auf der linken Seite gestört wurde.

In Kostümen aus der Zeit des neunzehnten Jahrhunderts hätte das sicher stilecht ausgesehen.

Im Outfit des einundzwanzigsten Jahrhunderts wirkte das einfach nur seltsam.

Wie aus der Zeit gefallen.

Mit fortschreitender Dauer der ganzen Angelegenheit war Dr. Frankenbergs Ehrgeiz, uns möglichst wenig zu Wort kommen zu lassen und zu verhindern, dass sein Mandant irgendeine Frage vernünftig und in ganzen Sätzen beantwortete, etwas erlahmt.

Das war auch alles in allem kein Wunder und vermutlich der zunehmenden Müdigkeit aller Beteiligten geschuldet.

Wären wir selbst noch so frisch wie am Anfang gewesen, hätte uns dieser Umstand vielleicht die Arbeit erleichtert. So kämpften wir jetzt alle mit dem Drang zu gähnen.

Dagegen half auch der starke Kaffee kaum noch, den man uns im Polizeipräsidium servierte.

“Herr Frankenberg, vielleicht unterbrechen Sie mich jetzt ausnahmsweise mal für eine Weile nicht und lassen mich die neuen Erkenntnisse vortragen, die sich durch die kriminaltechnischen Untersuchungen unserer Experten ergeben haben”, sagte ich. “Wäre das möglich?”

“Doktor Frankenberg”, gab er zurück. “So viel Zeit muss sein, Herr ...”

“Ich werde jetzt nicht darauf bestehen, dass ich Kommissar genannt werde.”

“Kriminalhauptkommissar”, korrigierte mich Rudi. “Na ja, so viel Zeit muss ja eigentlich sein, Herr DOKTOR Frankenberg. Oder?” Und dabei betonte Rudi das DOKTOR genauso nachdrücklich, wie Dr. Frankenberg das zuvor getan hatte.

Ein aasiges, kaltes Lächeln spielte um Frankenbergs Lippen. Er bleckte die Zähne wie ein Raubtier.

Sein Schmiss verzog sich dabei auf eigenartige Weise.

Er wirkte in diesem Moment nicht mehr wie ein Burschenschaftler, der sich todesmutig der Mensur gestellt und dafür sein Gesicht verschandelt hatte, sondern eher wie eines der zahlreichen Opfer preiswerter osteuropäischer Schönheitschirurgen in Kombination mit übermäßigem Botox-Missbrauch.

“Schön, dass wir uns so gut verstehen, Herr Kriminalhauptkommissar Kubinke”, sagte er und sprach dabei jede Silbe so deutlich aus, als würde er mit einem Schwerhörigen oder einem Kleinkind sprechen. “Wahrscheinlich machen Sie ohnehin nur Wind und haben in Wahrheit gar nichts in petto!” Er legte Devid Dresel seine Hand auf die Schulter.

Eine Geste, die irgendwie besitzanzeigend wirkte und ganz sicher auch so gemeint war. Red nur keinen Unsinn, Kleiner!, hieß das aus der ihm eigenen Gebärdensprache in klares Deutsch übersetzt.

Nicht zum ersten Mal wünschte ich Frankenberg zum Teufel. Aber es gibt nun mal Regeln, an die wir uns alle halten müssen. Und zwar unter allen Umständen. Und dazu gehört auch das Recht eines Beschuldigten darauf, dass ein Anwalt bei seiner Befragung anwesend ist.

“Bleiben Sie ruhig, wir kriegen das schon hin”, meinte Frankenberg an Devid Dresel gerichtet. “Dieser Kommissar hat nichts. Das ist nur eine - übrigens unzulässige - Irreführung.”

“Mitnichten”, erklärte ich. “Der Bericht der kriminaltechnischen Untersuchung sagt, dass das Holz, aus dem Ihr Baseballschläger besteht, gespalten war. Es lag ein feiner Riss vor. Offenbar müssen Sie irgendwann mal ziemlich heftig zugehauen haben.”

“Ein menschlicher Schädel dürfte da wohl nicht in Frage kommen”, meinte Frankenberg. “Da hätte sich dann nicht das Holz gespalten, sondern ...”

“Ich weiß”, unterbrach ich den Anwalt. “Und genau das ist ja auch geschehen. Durch diesen Spalt haben wir nämlich den Beweis, dass es der Baseballschläger von Herrn Dresel war, mit dem Herrn Schmittens Kopf zertrümmert wurde. Es ist nämlich Blut und Hirnmasse darin gefunden worden und ein Gentest hat eine Übereinstimmung mit der DNA unseres Kollegen Schmitten ergeben.”

Jetzt war sogar Frankenberg still. Ich hatte also die seltene Gelegenheit, mich direkt an Devid Dresel wenden zu können, und zwar ohne dass der Anwalt sofort mit fadenscheiniger Begründung eingriff, in Wahrheit aber nur die Befragung stören und mich aus dem Konzept bringen wollte. Es sind immer die gleichen Tricks. Aber mit der Zeit kennt man sie alle. Und so weit bin ich inzwischen.

Ich sagte: “Sie haben diese Rückstände vermutlich gar nicht bemerkt. Vielleicht haben Sie den Schläger sogar notdürftig abgewaschen, aber die DNA des Opfers war in dem Spalt gut aufgehoben.”

Devid Dresel schluckte.

Er wich meinem Blick aus.

“Es wäre jetzt Zeit für ein Geständnis”, sagte Rudi.

“Die Kollegen haben übrigens auch Fingerabdrücke auf dem Baseballschläger gefunden”, stellte ich fest. “Dass Ihre Abdrücke darauf sind, überrascht niemanden, Herr Dresel. Auch nicht, dass Abdrücke von meinem Kollegen und mir zu finden sind, versteht sich von selbst, schließlich mussten wir dieses mörderische Spielgerät anfassen. In der chaotisch-gewalttätigen Situation beim sogenannten Geisterhaus konnten wir die Regeln einer sauberen Tatort- und Beweissicherungsarbeit leider nicht bis ins letzte Detail gewährleisten und etwa vorschriftsmäßig Latex-Handschuhe überziehen, bevor wir die Schlagwaffen der Verhafteten einsammelten.”

“Devid! Keine Aussage! Hören, Sie, Devid! Kein Wort! Ich will zuerst den Bericht selbst sehen!” Dr. Frankenberg war jetzt aus irgendeinem Grund sehr unruhig geworden. Der Ausdruck überheblicher Gelassenheit, der sein vom Schmiss entstelltes Gesicht ansonsten über weite Strecken geprägt hatte, war jetzt vollkommen verschwunden.

“Vielleicht interessiert es Sie, dass es noch einen Fingerabdruck einer Person an Ihrem Schläger gibt, den wir bisher nicht zuordnen können. Die Kollegen haben keinen Treffer in unserem Datensystem gefunden und es gibt auch keine Übereinstimmung mit den Fingerabdrücken von meinem Kollegen und mir.”

“Sie haben weitere Polizeibeamte zu Hilfe gerufen”, sagte Frankenberg. “Ist es nicht möglich, dass einer von denen den Schläger angefasst hat?”

“Nein, das ist bereits ausgeschlossen worden”, sagte ich.

“Sie arbeiten ja schnell. Ich kann mich nicht erinnern, dass in anderen Fällen, die hier in der Gegend passiert sind, die Ergebnisse so schnell vorgelegen haben.”

“Die Kollegen sind eben gut”, sagte Rudi.

“Es scheint hier ein besonderer Ermittlungseifer des BKA vorzuliegen. Vielleicht auch ein Übereifer!”

Ich beachtete Frankenberg nicht weiter, sondern konzentrierte mich auf Devid Dresel. “Es ist Zeit, uns zu sagen, was passiert ist. Und sollten Sie Ihren Schläger ab und zu mal an jemanden ausleihen, dann sollten Sie uns das auch jetzt sagen.”

“Ich sage nichts”, sagte Devid Dresel.

Unsere Blicke begegneten sich. Er presste seine Lippen aufeinander. Fast so, als müsste er sich dazu zwingen, nicht zu sprechen. Eigentlich, so sagte mir meine Erfahrung, war er nahe daran, dass alles aus ihm herausplatzte. Aber er hielt es zurück. Ich fragte mich, warum. Aber ich war inzwischen überzeugt davon, dass es da noch eine andere Dimension gab, die wir bisher nicht kannten.

Warum schwieg er?

Wollte er kein Verräter sein?

Wollte er jemanden schützen?

War es die einschüchternde Anwesenheit von Dr. Frankenberg?

Der Anwalt war letztlich nichts anderes, als der Arm und das Auge von Ferdinand von Bleicher.

Genau wie Devid Dresel selbst, ging es mir durch den Kopf.

Wie man es auch drehte und wendete, alle Wege schienen zu von Bleichers Landsitz zurückzuführen.

“Mein Mandant hat sich geäußert, und zwar dahingehend, dass er sich nicht weiter äußern will”, sagte Frankenberg. “Also respektieren Sie das bitte.”

“Ja, das respektiere ich”, sagte ich. “Aber ich denke, dass Herr Dresel noch gerne über ein paar weitere Aspekte des Falles informiert wäre. Zum Beispiel, dass der Fingerabdruck auf seinem Schläger von keiner der Personen stammt, die wir zusammen mit ihm festgenommen haben.”

“Ich sag keinen Ton mehr. Sie können mir nichts beweisen.” Er senkte den Blick und sah dann in Richtung von Dr. Frankenberg. “Stimmt doch, oder?”

“Sie sollten ihm erklären, dass wir sehr wohl etwas beweisen können und Ihr Mandant jetzt in dringendem Tatverdacht steht, unseren Kollegen Rüdiger Schmitten ermordet zu haben. Die Frage ist eigentlich nur, ob er die Schuld auf sich allein nehmen will, oder ob er mit uns kooperiert und uns die Gesamtumstände schildert.”

“Was für Gesamtumstände sollten denn da eine Rolle spielen?”, platzte es aus Frankenberg heraus.

“Es könnte einen Komplizen, Mitwisser, Mittäter oder Auftraggeber geben.”

“Jetzt lehnen Sie sich aber ziemlich weit aus dem Fenster hinaus”, sagte Frankenberg.

“Möglich. Aber in diesem Fall wäre das doch zugunsten Ihres Mandanten, weil diese zusätzlichen Umstände ihn entlasten könnten. Insofern verstehe ich nicht, wieso Sie sich so dagegenstemmen, Herr Dr. Frankenberg.”

Einige Augenblicke lang herrschte dann Schweigen.

Ein Schweigen von der Art, die mich spüren ließ, dass danach nichts mehr kommen würde.

Das war’s, dachte ich.

An dieser Stelle konnte man Schluss machen.

Es machte keinen Sinn, jetzt die Befragung fortzusetzen. Devid Dresel brauchte vielleicht etwas Zeit zum Nachdenken. Und außerdem war ich überzeugt davon, dass er nicht reden würde, solange sein Anwalt dabei war, wobei ich mir keineswegs sicher war, wessen Interessen der eigentlich vertrat: Die seines Mandanten oder die Interessen desjenigen, der vermutlich seine Rechnungen beglich.

“Wir unterhalten uns sicher später noch, Herr Dresel. Und falls Sie etwas zu sagen haben, dann lassen Sie es mich bitte umgehend wissen. Ich habe immer ein offenes Ohr für Sie.”

Ich erhob mich.

“Sollten Sie meinen Mandanten das nächste Mal vernehmen, bestehe ich darauf, benachrichtigt zu werden.”

Ich sagte: “Herr Dr. Frankenberg, ich halte mich genau an die Spielregeln, die das Gesetz vorschreibt. Und glauben Sie mir, ich bin lange genug dabei, um diese Regeln inzwischen zu kennen.”

Rudi wies die Vollzugsbeamten an, Devid Dresel wieder in seine Zelle zu bringen.

Herr Dr. Frankenberg hatte ein paar Schwierigkeiten mit dem Schloss seines Diplomatenköfferchens, in dem er seine Unterlagen aufzubewahren pflegte.

“Außerdem ... will ... ich ... alle Berichte ... Umgehend, Herr Kubinke! Umgehend!”

Seine abgehakte, etwas angestrengt wirkende Sprechweise war wohl der Tatsache geschuldet, dass das Schloss seines Diplomatenkoffers sich einfach nicht schließen ließ. Es sprang immer wieder auf und machte dabei ein klackendes Geräusch.

“Viele Grüße übrigens von Frau Jennifer Möhrke”, sagte ich, als Dresel gerade hinausgeführt wurde.

Dresel drehte sich noch einmal um.

“Was?”

“Jennifer Möhrke hat sich nach Ihnen erkundigt und wollte wissen, wie es Ihnen geht.”

Dresel schluckte. Dann drehte er sich um und ließ sich abführen.

Im nächsten Moment waren Rudi und ich allein mit Dr. Frankenberg, der es schließlich endlich geschafft hatte, seinen Koffer zu schließen.

“Tja, die Technik”, sagte Rudi. “Kann schon nerven.”

“Ich wünsche Ihnen noch einen guten Tag”, sagte Frankenberg.

“Wie ich gehört habe, sind Sie ein Studienkollege von Ferdinand von Bleicher”, sagte ich.

Frankenberg, der schon zwei Schritte in Richtung Tür hinter sich gebracht hatte, blieb auf dem Absatz stehen. Er wirkte fast militärisch-zackig dabei. Ein eigenartiger Bewegungsablauf, der irgendwie deplatziert aussah.

“Ich wüsste nicht, was Sie das angeht.”

“Sie sollen auch in derselben Burschenschaft sein.”

“Haben Sie irgendein konkretes Anliegen an mich? Wenn nicht, entschuldigen Sie mich bitte, denn ich habe keinesfalls vor, mit Ihnen Small-Talk zu halten.”

“Herr von Bleicher ist jedenfalls sehr froh darüber, dass Sie sich um die juristischen Belange von Devid Dresel kümmern. Er weiß, dass die Verteidigung bei Ihnen in guten Händen ist.”

“Sie haben mit Ferdi darüber gesprochen?”, wunderte sich Frankenberg. Anstatt zu gehen, wie er es eigentlich angekündigt hatte, blieb er jetzt doch noch und kam sogar wieder einen ganzen Schritt auf mich zu. Und Dr. Frankenbergs Schritte waren durchaus ziemlich raumgreifend ...

“Ja, er bedauert es sehr, dass er die Rechtsvertretung nicht selbst übernehmen kann, da man ihm ja aus gewissen Gründen die Zulassung zum Anwalt entzogen hat.”

“Ach so ...”

“Bezahlt er Ihre Rechnungen? Ich nehme an, dass er es tut, denn ich kann mir kaum vorstellen, dass Devid Dresel Ihre Sätze bezahlen kann.”

“Wer sagt Ihnen, dass ich nicht einfach als Pflichtverteidiger auftrete?”

“Tun Sie das denn? Das ließe sich ja überprüfen.”

“Guten Tag, Herr Kubinke. Unsere Unterhaltung ist damit beendet. Was Ihre Fragerei soll, ist mir schleierhaft. Es geht hier um die Schuld oder Unschuld meines Mandanten am Tod des BKA-Beamten Rüdiger Schmitten. Und um sonst gar nichts.”

“Keine Antwort auf meine Frage? Wollen Sie das so wirklich stehen lassen?”

“Ja.”

“Keine Antwort ist manchmal auch eine Antwort.”

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“Das bringt doch nichts, dieses Gehackel mit dem Anwalt!”, wies mich Rudi später zurecht. Wir gingen zu einem Schnellrestaurant in der Nähe des Polizeipräsidiums und sorgten dafür, dass wir was zwischen die Rippen bekamen. War vielleicht nicht ganz die gesündeste Art der Ernährung, aber in unserem Job geht es oft schlicht und ergreifend darum, schnell und effektiv satt zu werden.

“Der Fall sieht aus, als wäre er gelöst, aber das ist er nicht”, war ich überzeugt.

“Du denkst, dass die Tat nicht auf dem Mist von Devid Dresel gewachsen ist”, schloss Rudi.

“Zumindest nicht allein auf Devid Dresels Mist, Rudi!”

“Dieser zusätzliche Fingerabdruck ...”

“Muss nichts zu bedeuten haben, ich weiß! Er kann schon vorher drauf gewesen sein, er kann auch gar nichts mit dem Mord zu tun haben.”

“Und es könnte sein, dass Devid Dresel die Tat gar nicht begangen hat, sondern jemand anderes seinen Schläger dafür genommen hat!”

“Ja, auch das ist möglich”, gab ich zu.

“Wenn man es so nimmt, dann könnte sich der Fingerabdruck dieser zusätzlichen und bisher unbekannten Person sogar noch als entlastendes Indiz herausstellen.”

“Ja, auch daran habe ich schon gedacht.”

“Herr Dr. Frankenberg wird ganz sicher daran denken”, war Rudi überzeugt.

“Ja, in dem Zusammenhang ist es allerdings seltsam, dass er darauf bisher gar nicht eingestiegen ist. Oder habe ich da was verpasst.”

“Vielleicht reine Taktik, Harry.”

“Wenn du meinst ...”

“Das Gesicht dieses Anwalts mag ja etwas beschädigt sein, aber ich glaube kaum, dass das auch für sein Gehirn gilt. Das ist ein gewiefter Anwalt, der genau weiß, was er tut. Und ich glaube nicht, dass er diesen Fall als etwas ansieht, was man mit der linken Hand erledigen kann.”

Ich aß meinen Hamburger auf. Der Kaffee, den es hier gab, war für meinen Geschmack etwas dünn. Da war ich eigentlich ein Gebräu mit deutlich mehr Substanz - sprich Koffein - gewöhnt. Aber Rudi und ich waren ja schließlich nicht aufgrund einer kulinarischen Entdeckungsreise nach Sachsen gekommen. Da musste man eben nehmen, was man kriegen konnte.

“Du denkst, dass dieser von Bleicher dahintersteckt, nicht wahr, Harry?”

“Ja.”

“Wir könnten einen Fingerabdruck von ihm nehmen. Wird vielleicht etwas schwierig mit der rechtlichen Begründung, aber das sollte klappen. Aber das würde immer noch nichts über den Tathergang sagen.”

“Also trennen wir mal diesen zweiten Fingerabdruck von meinem Verdacht ab”, sagte ich. “Wenn jemand wie Devid Dresel jemanden wie unseren Kollegen Schmitten den Schädel einschlägt, dann kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, dass bei ihm ein persönliches Motiv dahintersteckt.”

“Sondern?”

“Jemand hat ihm die Weisungen. Ihn darum gebeten.”

“Und da kommt nur von Bleicher in Frage!”

“Du hast es erfasst, Rudi!”

“Und aus welchem Grund sollte von Bleicher unseren Kollegen umgebracht haben beziehungsweise dies veranlasst haben?”

“Genau das sollten wir wissen, bevor wir etwas unternehmen. Rudi, da gibt es einfach zu viel, was wir noch nicht geklärt haben.”

Eine Pause entstand.

Dann sagte Rudi: “Was heißt schon ein persönliches Motiv, Harry! Manchmal reicht da schon, dass einer schief geguckt hat und du bekommst irgendwas auf den Kopf.”

“Du denkst, dass es so einfach sein könnte?”

“Vielleicht denken wir einfach zu kompliziert, Harry. Ich meine, wir beschäftigen uns meistens mit den Fällen, die in die oberen Kategorien fallen. Kein gewöhnlicher Mord, sondern organisiertes Verbrechen, Terrorismus, Serientäter - all die Sachen, die über die Kompetenz einer örtlichen Polizei hinausgehen und auch deren Möglichkeiten übersteigen.”

“Ja, und?”

“Du weißt so gut wie ich, dass die meisten Tötungsdelikte aus ganz banalen Gründen geschehen. Zwei Betrunkene geraten in Streit, einer wird so wütend, dass er dem anderen die Flasche auf den Kopf haut. Da ist kein Plan dahinter, noch nicht einmal irgendein Grund, den man im Nachhinein noch irgendwie nachvollziehen könnte. Vielleicht ist wirklich alles einfacher, als wir denken.”

“Nein, in diesem Fall glaube ich das nicht”, beharrte ich.

“Die Möglichkeit an sich solltest du aber nicht einfach ignorieren.”

“Nein, tue ich auch nicht.”

“Na, dann bin ich ja beruhigt, Harry.”

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Ich überlegte, ob ich mir Devid Dresel nochmal vorknöpfen sollte. Und zwar allein. Ohne Anwalt. Aber Rudi riet mir davon ab und ich glaube, er hatte wohl auch Recht.

Im Augenblick brachte das nichts.

Er war offenbar fest entschlossen, zu schweigen.

Auch dann, wenn das bedeutete, dass er am Ende vielleicht die gesamte Schuld zugeschrieben bekam.

Wir überlegten, Jennifer Möhrke vielleicht nochmal ins Spiel zu bringen. Aber ihr Einfluss auf ihn war schwer abzuschätzen. Und noch, so hatte ich es im Gefühl, wussten wir einfach zu wenig darüber, wie in dem kleinen Ort, in dem unser Kollege ermordet worden war, die tatsächlichen Machtverhältnisse waren. Wer gab hier die Befehle, wer sorgte dafür, dass Schläger in Bewegung gesetzt wurden und wer hatte vielleicht einen Grund dafür, unseren BKA-Kollegen Schmitten aus dem Weg zu räumen?

Ich hatte eine Idee, wer uns da vielleicht doch noch weiterhelfen konnte. Jemand, bei dem noch nicht Hopfen und Malz verloren war. Jemand, dessen Rechtsempfinden vielleicht noch nicht ganz so korrumpiert war, wie es bei den meisten anderen Personen der Fall zu sein schien, die in diesem Ort den Ton angaben.

Was dies betraf, hatten Rudi und ich Regina Dörfner im Auge. Die junge, scheinbar so verschüchterte Polizeibeamtin, die es bei Antritt ihrer ersten richtigen Stelle in dieses sächsische Nest verschlagen hatte.

“Es gibt drei Möglichkeiten”, sagte Rudi. “Möglichkeit eins: Sie hat mit ihrem Vorgesetzten Jürgen Dahlheim ein Verhältnis.”

“Dann haben wir Pech gehabt und sie wird uns nichts sagen. In gar keinem Fall”, schloss ich.

“Sehe ich auch so.”

“Aber es gibt ja glücklicherweise noch andere Varianten.”

“Möglichkeit zwei: Regina Dörfner hatte ein Verhältnis mit Dahlheim”, zählte Rudi auf.

“In dem Fall könnten wir erfolgreich an ihr vielleicht noch intaktes Rechtsempfinden als Polizistin appellieren.”

“Möglichkeit drei: Dahlheim oder Regina Dörfner oder alle beide hätten gerne ein Verhältnis, es ist von einer oder von beiden Seiten in der Anbahnungsphase ...”

“Dann sind die Chancen für uns schwer zu kalkulieren.”

“Hängt wohl davon ab, ob das Interesse beidseitig, einseitig und wenn Letzteres der Fall ist, von wem einseitig ist”, meinte Rudi.

“Wir fragen sie einfach und werden sehen”, schlug ich vor.

Die Adresse der Kollegin hatten wir schnell herausbekommen.

Sie wohnte in einem Plattenbau. So erstaunlich es klingen mag, aber auch dieser kleine Provinzort hatte Plattenbauten. Nicht viele und sie waren auch nicht sehr hoch. Drei Stockwerke waren das Maximum. Aber es gab sie. In den meisten Wohnungen hatten Arbeiter gewohnt, die in einem nahegelegenen Kombinat ihrem Job nachgegangen waren, das nach der Wende geschlossen worden war.

Regina Dörfner bewohnte eine Wohnung im zweiten Stock. Aber wir brauchten gar nicht erst hochzugehen, um sie anzutreffen.

Als ich den Wagen parkte und mein besorgter Blick auf die Tankanzeige ging, die mir verdeutlichte, dass ich vor der nächsten Fahrt nach Dresden eine Tankstelle aufsuchen musste, hatte Rudi sie entdeckt.

“Wer hätte das gedacht. Tagsüber schüchterne Polizistin, nach Feierabend Rockerbraut!”

Ich folgte Rudis Blickrichtung.

Da war die Kollegin Dörfner. Sie trug einen ledernen Motorradanzug und stellte irgendwas an ihrer Maschine ein. Den Helm hatte sie noch nicht aufgesetzt. Sonst hätten wir sie gar nicht erkannt und sie wäre uns wohl an diesem Abend einfach davongefahren.

Wir stiegen aus.

“Guten Tag, Kollegin. Wir hätten noch ein paar Fragen an Sie”, sagte ich, als sie gerade den Helm aufsetzen wollte.

Sie wirkte fast genauso unsicher wie bei unserer ersten Begegnung.

Man konnte ihr ansehen, wie wenig begeistert sie davon war, uns zu treffen. Vielleicht wünschte sie sich jetzt sogar den Dienstellenleiter Dahlheim herbei, damit der dann dafür sorgte, dass sie sich irgendwie aus der Situation befreien konnte.

Aber Dahlheim war im Moment natürlich weit und breit nicht zu sehen.

“Ich wüsste nicht, was ich zu Ihren Ermittlungen noch beitragen sollte”, erklärte sie.

“Na ja, um ehrlich zu sein, haben Sie bislang ja auch noch kaum etwas zu unserem polizeilichen Vorgehen beigetragen”, erklärte ich. “Zumal Sie ja nun nicht irgendein Zeuge sind, sondern eine Polizistin, von der wir uns eigentlich etwas mehr Unterstützung erhoffen könnten.”

Sie setzte sich den Helm auf.

“Was soll das?”, drang es dumpf darunter hervor. “Wollen Sie mir jetzt auch noch den Feierabend vermiesen? Nicht mal eine halbe Stunde auf dem Motorrad scheinen Sie mir zu gönnen. Aber das ist mir heilig und werde mich von nichts und niemanden davon abhalten lassen.”

“Erinnern Sie sich noch, weshalb Sie mal Polizistin geworden sind?”, fragte ich.

Sie wollte die Maschine starten. Aber das klappte nicht. Sie war zu hastig.

Ich fuhr fort: “Sollte das irgendetwas mit Recht und Ordnung und dem Einsatz für Schwache und dem Kampf gegen das Verbrechen zu tun gehabt haben, dann sollten Sie sich das vielleicht mal ins Gedächtnis zurückrufen.”

Jetzt ging der Motor an und Regina Dörfner drehte demonstrativ am Gas, sodass die Maschine laut aufheulte.

“Das ist Ruhestörung!”, rief jemand aus dem dritten Stock des Plattenbaus. “Ich ruf gleich die Polizei.”

Ist sogar schon da!, ging es mir durch den Kopf.

Irgendetwas schien Regina Dörfner davon abzuhalten, einfach loszufahren.

Wer weiß, vielleicht war es so etwas wie der gute Kern in ihr.

Jedenfalls war das etwas, das mich hoffen ließ.

Der Motor heulte erneut auf.

Der Auspuff dröhnte.

“Sie können nicht einfach vor der Wahrheit davonfahren!”, rief ich. Ich rief so laut ich konnte und hatte am Ende das Gefühl, dass das Motorengeräusch und meine Stimme eine untrennbare Einheit bildeten und sich akustisch so sehr vermischten, dass es unmöglich war, sie voneinander zu unterscheiden, geschweige denn, einzelne Worte und ihre Bedeutung zu verstehen.

Aber Regina Dörfner schien trotz allem verstanden zu haben, worauf es ankam.

Sie würgte den Motor ab.

Es gab ein Stottern, die Maschine machte einen kleinen Satz nach vorn, Regina Dörfner hatte große Mühe, das Gleichgewicht zu halten und auf den Beinen zu bleiben. Rudi griff zu und stabilisierte das Motorrad.

Regina Dörfner war von ihren körperlichen Voraussetzungen her ohnehin knapp an der Grenze, um so eine schwere Maschine überhaupt beherrschen zu können.

Aber jetzt war sie wohl gleich in mehrfacher Hinsicht aus dem Gleichgewicht geraten. Und das hatte wohl nicht nur etwas mit ihrer Armmuskulatur oder ihrem Gleichgewichtssinn zu tun.

“Hier läuft einiges schief im Ort”, sagte Rudi. “Und Sie haben davor bisher die Augen verschlossen, weil Sie Schwierigkeiten aus dem Weg gehen wollten. Das kann ich bis zu einem gewissen Grad auch verstehen. Sie sind neu und Sie denken vielleicht, dass Sie sich anpassen müssen. Aber es könnte ja sein, dass Sie irgendwann mal wieder in den Spiegel schauen wollen und vor dem Gesicht, dass Sie da erblicken, Respekt haben möchten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihnen das komplett egal ist.”

“Was werfen Sie mir vor?”, fragte sie.

“Wir werfen Ihnen gar nichts vor. Wir bitten Sie nur um Ihre Hilfe”, sagte ich.

“Ist das eine interne Ermittlung.”

“Nein, ist es nicht. Bislang jedenfalls nicht. Und vor allem ist es bislang keine interne Ermittlung gegen Sie”, sagte ich.

Sie schwieg, schluckte, stellte ihr Motorrad ab, nahm den Helm ab. Dann ließ sie den Blick schweifen. Es war auch Rudi und mir inzwischen aufgefallen, dass uns mindestens ein Dutzend Augenpaare aufmerksam beobachteten. Es waren Leute aus der Siedlung.

“Vielleicht ist das hier nicht unbedingt der richtige Ort, wo wir uns unterhalten sollten”, meinte Regina Dörfner schließlich.

“Sehe ich auch so.”

“Meine Wohnung ist auch nicht unbedingt so ideal. Dann werden die Leute hier noch neugieriger.”

“Ich nehme an, dass Ihr Dienststellenleiter Herr Dahlheim so oder so von unserer Unterredung erfahren wird”, sagte ich.

“Ja, kann schon sein.”

“Und das werden Sie einfach aushalten müssen.”

“Ich weiß ...”

“Also?”

“Trotzdem ...”

“Richtung Dresden gibt es doch sicher irgendwo eine Kneipe, wo wir reden können”, meinte Rudi. “Oder notfalls auch eine Autobahnraststätte oder eine Burger-Filiale.”

Regina Dörfner atmete tief durch. “Ich bringe eben die Maschine weg”, kündigte sie an.

“Okay”, sagte ich.

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Regina Dörfner stieg in unseren Dienstwagen. Wir fuhren los. Regina Dörfner hatte auf der Rückbank Platz genommen und kaute auf den Nägeln herum. Sie trug noch immer ihren Lederanzug fürs Motorradfahren. Das Nägelkauen wirkte in Kombination mit diesem coolen Outfit irgendwie besonders eigenartig.

Widersprüchlich eben.

Aber genau so ging es in ihr wahrscheinlich schon seit längerem zu.

Widersprüchlich.

Wurde Zeit, dass sich daran etwas änderte.

Heute war vielleicht der richtige Zeitpunkt dazu.

“Da wir gerade über Herrn Dahlheim sprachen ...”, begann ich.

“Was ist mit ihm?”

“Wie ist Ihr Verhältnis zu ihm?”

“Ich habe kein Verhältnis mit ihm, wenn Sie das meinen. Er hätte das wohl gerne, aber ich nicht.”

“Okay.”

“Ich habe einen Freund in Dresden. Ich hoffe, dass diese Fernbeziehung hält, bis ich hier weg bin.”

“Auf diesen Punkt wollte ich eigentlich gar nicht hinaus.”

“Doch, wollten Sie!”

“Ich meinte eigentlich, dass Ihr Verhältnis zueinander etwas angespannt wirkt - gelinde gesagt.”

“Schon möglich.”

“Steckt da - von unerwiderten erotischen Spannungen abgesehen - vielleicht noch etwas anderes hinter?”

“Ab und zu haben wir Meinungsverschiedenheiten. Aber es hat in diesem Ort und an dieser Dienststelle keinen Sinn, sich gegen den Mainstream zu stellen. Dann hat man nur Ärger.”

“Also haben Sie sich entschlossen, mit dem Strom zu schwimmen?”

“Allein auf sich gestellt und noch dazu als Anfängerin kann man nicht viel machen.”

“Man kann immer etwas tun”, sagte ich. “Und das Einzige, was uns dabei leiten sollte, ist das Recht.”

“Ja, das klingt gut, Herr Kubinke. Das klingt wirklich gut ...”

“Sag ich doch!”

“Es hat nur nicht unbedingt etwas mit der Realität zu tun, würde ich sagen. Das klingt eher so, wie das Gelaber eines Dozenten an der Polizeischule, aber es passt nicht so ganz zu dem, was man in dieser Gegend so erleben kann.”

“Sagen Sie uns, wo wir hinfahren sollen?”, fragte jetzt Rudi.

“Ich zeige Ihnen den Weg.”

“Gut”, sagte ich.

Den Rest der Fahrt über schwieg sie.

Vielleicht war das auch besser so. Ich hatte das Gefühl, dass sie ihre Gedanken etwas sortieren musste und dieser Prozess schien ihm Moment voll im Gange zu sein. Zumindest hoffte ich das.

Mal sehen, was dabei herauskommt, dachte ich.

Immerhin - ihre ablehnende Haltung gegenüber einem Verhältnis mit dem hiesigen Polizeidienststellenleiter schien mir plausibel, die Story mit dem Freund in Dresden auch. Und insgesamt erhöhte diese Konstellation unsere Chance, sie auf unsere Seite zu ziehen.

Eine Seite, die sie nie hätte verlassen sollen.

Die Seite es Rechts nämlich.

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Regina Dörfner lotste uns zu einer Kneipe. Auf die Frage, ob die Entfernung zum Ort des Geschehens nicht doch besser etwas größer sein sollte, antwortete sie: “Die Kneipe liegt jenseits der Gemeindegrenze.”

“Aber nicht sehr weit jenseits”, gab ich zu bedenken.

“Nein, aber das spielt keine Rolle. Die Grenze bewirkt, dass wir mit Sicherheit niemanden aus dem Ort dort treffen werden. Ganz bestimmt nicht. Ich kenne das Lokal, weil wir von der Dienststelle dort mal eine Schlägerei schlichten mussten, aber freiwillig würde niemand in die Nachbargemeinde fahren, um dort ein Bier zu trinken.”

“Sagen Sie bloß.”

“Und das liegt nicht am Bier.”

“Na, dann ...”

“Das ist nämlich in Ordnung, wie ich Ihnen aus eigenem Genuss bestätigen kann. Sowas sind Sie aus Berlin nicht gewöhnt, was?”

“Nein, bin ich nicht”, gestand ich.

“Als die Lokalzeitungen zusammengelegt wurden und denselben Mantelteil bekamen, haben sich die Leute darüber beklagt, dass sie jetzt auch noch die Todesanzeigen aus den Nachbarorten lesen müssten. ‘Mit denen haben wir doch nichts zu tun’, hieß es dann.”

“Schon schlimm, wenn man Fremden nicht mal einen Platz bei den Todesanzeigen gönnt”, meinte Rudi. “Um wie viel schwieriger ist es da, Flüchtlinge zu akzeptieren.”

“Sie sagen es”, murmelte Regina Dörfner. “Aber in unserem Ort gibt es ja auch keine.”

“Wie darf ich das verstehen?”, hakte ich nach.

“Na so, wie ich es gesagt habe”, gab Regina Dörfner zurück. “Natürlich sind auch unserem Ort Flüchtlinge zugewiesen worden und offiziell sind die auch noch alle da. Aber nur offiziell.”

Was heißt das genau?”

“Wer bleibt schon gerne irgendwo, wo man von Schlägern empfangen und schikaniert wird? Dieser Herr von Bleicher und die Typen, die unter seiner Fuchtel stehen, haben dafür gesorgt, dass alle Ankömmlinge es vorgezogen haben, von hier wieder wegzugehen und sich anderswo nochmal registrieren zu lassen.” Regina Dörfner zuckte mit den Schultern. “Mit arabischen Namen ist das so eine Sache, da gibt es unterschiedliche Transkriptionen und die kann man auch schon mal für unterschiedliche Namen halten. Davon abgesehen wurden lange Zeit keine Daten abgeglichen. Gerade in der ersten chaotischen Zeit, als plötzlich so viele Flüchtlinge aus Syrien kamen. Das BAMF war völlig überfordert.”

“Ja, uns ist auch schon aufgefallen, dass da etwas nicht stimmt”, gab ich zu. “Jetzt kommt also unser Kollege Schmitten in die Gegend, sucht einen bestimmten Flüchtling und findet ihn nicht, weil der schon lange ganz woanders lebt und wie sich jetzt herausgestellt hat, zu diesem Zeitpunkt bereits in Paris erschossen worden war. Allein die Tatsache, dass Schmitten vielleicht entdeckt hat, dass es hier keine Flüchtlinge mehr gibt und dass hier rechte Schläger offenbar tun können, was sie wollen, kann doch kaum ein Motiv gewesen sein, ihn umzubringen!”

“Sie sehen das falsch”, sagte Regina Dörfner.

Ich hob die Augenbrauen.

“Was sehe ich falsch?”

“Ihr Kollege Schmitten fand nicht nur heraus, dass die Flüchtlinge, die eigentlich hier sein müssten, in Wahrheit gar nicht mehr hier sind.”

“Sondern?”

“Er fand auch heraus, dass dieselben Flüchtlinge offiziell und auf dem Papier immer noch hier sind und dass dafür auch die entsprechenden Gelder gezahlt werden.”

“Herr von Bleicher ist der Kämmerer. Ich könnte mir vorstellen, dass er das sehr gerne sieht.”

“Und der Bürgermeister ebenso!”, ergänzte Regina Dörfner. “Eigentlich hat der ganze Ort davon profitiert. Selbst unsere Dienststelle. Wir haben eine neue Kaffeemaschine bekommen.”

“Und dafür musste der Kollege Schmitten sterben? Für eine Kaffeemaschine?”

“Nicht eine Kaffeemaschine. Aber vielleicht für die Summen, die wohl einige maßgebliche Leute hier von diesem permanenten Geldstrom für sich abgezweigt haben.”

“Das wissen Sie genau?”

“Das sind genau genommen Gerüchte. Das Hörensagen eines ganzen Ortes, wenn Sie so wollen, und niemand wird sich darüber beschweren. Es gibt hier zwei Sorten von Bürgern. Die einen profitieren selbst auf die eine oder andere Weise von dem Geldstrom, zum Beispiel durch kommunale Aufträge und so weiter. Und die anderen ...” Sie zögerte.

“Was ist mit den anderen?”, hakte ich nach.

“Das sind die, die sich einschüchtern lassen. Die haben einfach Angst, dass plötzlich ein paar Typen mit Baseballschlägern vorbeikommen.”

“Und die Polizei?”

“Kommt zu spät. Und ganz ehrlich: Einen besonderen Ermittlungseifer habe ich bei solchen Taten nie bei meinem Dienstellenleiter entdecken können. Mir ist schnell klar geworden, dass es sinnlos ist, etwas dagegen zu unternehmen.”

Sie winkte den Kellner herbei und bestellte sich ihr zweites Bier.

“Was wissen Sie darüber, was mit Herrn Schmitten passiert ist?”, fragte ich. “Devid Dresel soll gegenüber dritten damit geprahlt haben, ihn erschlagen zu haben.”

“Ja, das habe ich auch gehört.”

“Und? Halten Sie das der Wahrheit entsprechend?”

“Ich weiß nur Folgendes: Erstens, es gibt hier relativ viele Leute, bei denen man mit dem Mord an einem Polizisten durchaus Eindruck machen könnte. Mit dem Mord an einem fremden Polizisten, wohlgemerkt. Einem, der nicht dazugehört, sondern von außen kommt und hier nur schnüffelt. Diese sogenannten Reichsbürger nennen so jemand auch gerne Volksverräter.”

“Und was ist das Zweite, bei dem Sie sicher sind?”

“Dass Devid Dresel so etwas niemals tun würde, wenn er dazu nicht eine Weisung bekommen hätte.”

“Von Herrn Bleicher.”

“Das würde ich annehmen.” Sie beugte sich vor und sprach nun in gedämpftem Tonfall. Sehr verhalten, sehr leise. Aber sie wirkte hochkonzentriert. “Ich nehme Folgendes an: Dieser von Bleicher hat irgendwie gemerkt, was vor sich ging und dieser Schmitten zu einer Gefahr werden könnte. Von Bleicher hat immense Prozessschulden, weil er sich doch gerichtlich mit jedem angelegt hat und außerdem immer wieder behauptet hat, dass es den Mord an den Juden im Dritten Reich gar nicht gegeben hätte. Zwischenzeitlich hätte er beinahe sein Anwesen verloren - aber der warme Geldregen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge hat ihn gerettet.”

“Wie schafft er es, das Geld auf seine Mühlen zu lenken?”

“Die Gemeinde fördert seine dubiosen Seminare als Bildungsprojekte. Da gibt es immer irgendwelche Tricks. Und da von Bleicher ja in seiner Eigenschaft als Kämmerer quasi direkten Zugriff auf die Haushaltsplanung hat ...” Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. “Jedenfalls nehme ich an, dass von Bleicher dann Devid Dresel von der Kette gelassen hat - mit dem Auftrag, Ihren Kollegen Schmitten auszuschalten. Dass dann dieser abgedrehte linke Öko-Bauer die Leiche gefunden hat, bevor Fuchs und Wildschwein sie zerfetzt hatten, konnte ja niemand ahnen.”

“Der Mann steht in unseren Unterlagen”, mischte sich Rudi ein. “Er heißt Felix Hölter. Den Unterlagen nach ist er einem entlaufenen Schaf gefolgt und so auf die Leiche gestoßen.”

“Und er misstraut uns von der hiesigen Polizei, weil Herr Dahlheim nicht gegen die Rechten ermitteln wollte, die ihm immer wieder die Scheiben einwerfen und Nazi-Parolen an seine Scheunenwände sprühen. Also hat er die Kripo aus Dresden angerufen. Und nur aus diesem Grund sind Sie beide letztlich hier.”

Wir hatten mit Herrn Hölter bisher nicht gesprochen. Die Umstände der Leichenauffindung waren ja schließlich in unseren Unterlagen ausreichend dokumentiert. Ob wir diesen Besuch noch nachholen würden, musste sich noch herausstellen. Aber zunächst einmal gab es jemand anderen, den wir dringend aufsuchen mussten.

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Wir fuhren zu von Bleichers Anwesen. Unser Erkennungsdienst Kollege Steinberger war aus Berlin angekommen und derzeit damit beschäftigt, Devid Dresels Wohnung im Nebengebäude kriminaltechnisch unter die Lupe zu nehmen.

Mir war sofort klar, dass der Kollege Steinberger da sein musste, da ich seinen Wagen kannte. Und so viele Fahrzeug mit Berliner Kennzeichen fuhren auf dem Territorium dieses sächsischen Provinznestes nun auch wieder nicht herum.

Ich stellte den Wagen ab. Wir stiegen aus.

“Kommst du alleine mit von Bleicher klar”, fragte Rudi.

“Wieso?”

“Dann könnte ich bei unserem Kollegen vorbeisehen und in Erfahrung bringen, was er herausgekriegt hat. Wir sparen damit Zeit.”

“Okay ...”

“Dann machen wir es so, Harry.”

“Das heißt, du rechnest nicht damit, dass sich im Gespräch mit von Bleicher etwas Entscheidendes tut?”

“Harry!”

“Nein, mal ehrlich, Rudi!”

“Dann mal ehrlich: Glaubst du, der wird jetzt alles zugeben? Ja, es stimmt, was Ihre Kollegin Dörfner sagt, ich schicke ab und zu mal ein paar üble Typen los, die Flüchtlinge, Asylanten, Punks und wer sonst noch stört, in die Mangel nehmen und vertreiben? Notfalls auch die Scheiben von einem grün-orientieren Bio-Bauern einschmeißen, der so frech war, den Fund einer Leiche nicht der örtlichen Polizei, sondern gleich einer höheren Ebene zu melden? Harry, du träumst!”

“Und warum sind wir dann hier?”

“Weil du es wolltest. Und wenn du dich allein mit ihm unterhältst, erfährst du ja vielleicht doch noch irgendetwas, was uns weiterbringt.”

“Ach!”

“Na ja, so eitel, wie der Kerl ist. Der redet sich unter Umständen um Kopf und Kragen. Vor allem dann, wenn er sich nicht bedroht fühlt durch einen zweiten Beamten wie mich. Und davon abgesehen ...”

“Ja?”

Rudi hob die Augenbrauen. “Es schien ihm sehr wichtig zu sein, dich irgendwie ... zu beeindrucken. Er hat vor dir angegeben. So würde ich das subsumieren.” Rudi zuckte mit den Achseln. “Lass ihn das ruhig fortsetzen. Bei der Angeberei setzt meistens der Verstand aus und man achtet nicht so genau darauf, was man alles sagt ...”

“Na, du musst es ja wissen, Rudi!”

“Ja klar! Gerade ich! Die Schlichtheit in Person.”

“Bis nachher.”

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Rudi ging zum Nebengebäude, um mit dem Kollegen Steinberger zu sprechen. Ich wandte mich dem Haupthaus zu. Wenig später stand ich vor der Tür und klingelte.

Es war Frau von Bleicher, die mir öffnete.

Sie trug immer noch Reitstiefel.

Oder schon wieder, ganz wie man wollte.

Offenbar verbrachte sie einen erheblichen Teil des Tages mit den Pferden. Nicht gerade ein preiswertes Hobby. Und es gab sicher Wege, um die Mittel, die eigentlich an nicht vorhandene Flüchtlinge gehen sollten, letztendlich so umzuleiten, dass sie unter anderem eben auch auf dem Konto Ferdinand von Bleichers landeten - und letztlich in der Futterkrippe des Pferdestalls.

“Guten Tag, was kann ich für Sie tun?”, fragte Frau von Bleicher.

Ihr Haar war dunkel und zu einer strengen Knotenfrisur zusammengefasst. Der Knoten saß so niedrig im Nacken, dass es keine Schwierigkeiten machte, einen Reiterhelm zu tragen.

Ich zeigte ihr meinen Ausweis.

“Harry Kubinke, Bundeskriminalamt”, sagte ich.

“Ich weiß. Mein Mann hat mir von Ihnen erzählt. Und ich habe Sie vom Pferdestall aus bei Ihrem ersten Besuch gesehen.”

“Richtig.”

“Sie wollen sicher zu meinem Mann, wie ich annehme.”

“Ja, das ist auch richtig.”

“Mein Mann ist leider nicht hier.”

“Wo kann ich ihn finden?”

“Das weiß ich nicht, aber ich nehme an, dass er seinen Pflichten als Kämmerer nachgeht. Ganz von selbst erledigt sich das schließlich auch nicht.”

“Frau von Bleicher, sind Sie jemals unserem Kollegen Rüdiger Schmitten begegnet?”

Ich zeigte ihr ein Bild auf dem Display meines Smartphones.

“Nein, ich bin ihm nie begegnet.”

“Aber Sie haben davon gehört, dass er umgebracht wurde.”

“Momentan spricht man bei uns ja kaum noch von etwas anderem.”

“Es gibt Zeugen, die erklären, dass Devid Dresel sich damit gebrüstet hat, unseren Kollegen umgebracht zu haben. Herrn Dresel werden Sie ja wohl auch kennen, denn der wohnt ja hier bei Ihnen auf dem Anwesen.”

“Es würde mich interessieren, was das für Zeugen sind.”

“Sie haben nie etwas davon gehört?”

“Ich bin viel bei den Pferden. Sie brauchen eine Menge Fürsorge. Und Sie haben noch einen Vorteil, Herr Kubinke.”

“Ach, ja?”

“Sie reden nicht. Wenn Sie jetzt keine Fragen mehr haben, dann würde ich es vorziehen, jetzt ohne Ihre Gesellschaft auszukommen.”

“Ich wollte Sie keineswegs stören, Frau von Bleicher ...”

“Ja, das sagen die Zeugen Jehovas auch immer - und tun es trotzdem.”

Frau von Bleichers Stimme hatte jetzt einen harten, geradezu metallisch wirkenden Klang bekommen. Eisenhart. Es konnte einen geradezu schaudern lassen. Aber ich war glücklicherweise ja nicht mit ihr verheiratet, und Herr von Bleicher war ja auch alles andere als ein sensibler Feingeist, der durch so etwas irgendwie verstört worden wäre. Beide von Bleichers sorgten anscheinend lieber für Verstörung bei anderen.

“Unser Kollege Schmitten war auf der Suche nach einem Flüchtling, der von unserer Behörde als Gefährder eingestuft worden war - und hat ihn hier im Ort leider nicht gefunden. Haben Sie darüber irgendetwas gehört?”

“Ach wissen Sie, es sind doch so viele illegale Einwanderer innerhalb kürzester Zeit in unser Land gekommen, um von unserer Regierung materiell versorgt zu werden. Da kommt es doch auf einen mehr oder weniger nicht an. Selbst dann nicht, wenn er ein Terrorist sein sollte. Was glauben Sie denn, wie viele Terroristen noch alle unter dieser Flut von Menschen zu finden sind. Unsereinem wird es nicht so leicht gemacht wie denen.”

“Jetzt sagen Sie mir nicht, dass eine Pferdebesitzerin und Bewohnerin eines Anwesens wie diesem hier, tatsächlich neidisch auf Kriegsflüchtlinge ist!”, konnte ich mir eine bissige Bemerkung einfach nicht verkneifen.

Frau von Bleichers Lächeln wirkte sehr, sehr dünn. “Ich hatte den Verdacht, dass Sie das nicht begreifen würden. Ehrlich gesagt hatte ich von ihnen auch nichts anderes erwartet nach den Schilderungen meines Mannes.”

Ich selber empfinde gegenüber niemanden so etwas wie Neid. Daher kann ich es auch nur bedingt nachvollziehen, wenn andere dies tun. Insbesondere dann, wenn es ihnen selbst sehr viel besser geht als den Menschen, auf die sie neidisch sind.

“Ehrlich gesagt, Frau von Bleicher, es wundert mich, dass Sie so sehr unter der Anwesenheit von Flüchtlingen zu leiden hatten, wo es doch in diesem Ort offenbar gar keine Flüchtlinge gibt. Zumindest habe ich sie nicht finden können. Und mein Kollege Rüdiger Schmitten offenbar auch nicht.”

Frau von Bleicher sah mich mit einem Blick an, von dem man mit Fug und Recht hätte behaupten können, dass er in der Lage war zu töten. “Unser Gespräch ist zu Ende”, sagte sie. “Ehrlich gesagt hoffe ich, dass wir uns nicht wiedersehen.”

Damit schloss sie die Tür. Sie machte das auf eine geräuschvolle, demonstrative Art und Weise. Ich hätte mich ohrfeigen können. Auf jeden Fall hatte ich mich alles andere als geschickt angestellt.

Das kommt davon, wenn man innerlich nicht wirklich vollkommen neutral ist, dachte ich.

Zum Beispiel deshalb, weil man Nazis einfach nicht leiden kann.

Ist ja auch eine Art Voreingenommenheit und die trübt immer den Blick und verhindert eine klare Einschätzung der Lage.

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Wenig später traf ich beim Nebengebäude ein.

Rudi hatte das Gespräch mit dem Kollegen Steinberger gerade beendet.

”Lass ihn in Ruhe“, empfahl mir mein Kollege.

“Ich hatte nicht vor, ihn zu belästigen.”

“Das ist gut, Harry. Er will in einer halben Stunde hier weg sein und heute noch nach Berlin zurück.”

“War mal wieder nicht genug Geld für ein Zimmer im Etat?”

“Ich würde sagen, er schläft einfach lieber neben seiner Frau, als in irgendeinem Hotelzimmer.”

Wir gingen zum Wagen.

Rudi wartete damit, mir die Neuigkeiten zu verkünden, bis wir drin saßen und ich bereits den Wagen gestartet und zurückgesetzt hatte.

“Also, was die Todesursache vom Kollegen Schmitten angeht ...”

“Jetzt sag nicht, dass er in Wahrheit an was ganz anderem gestorben ist, als an einem Schlag mit einem Baseballschläger, der ihm den Schädel zermatscht hat!”

“Es waren zwei Schläge.”

Ich sah Rudi einen Moment lang erstaunt an. Und vielleicht dauerte dieser Moment sogar etwas zu lange, wenn man die Tatsache bedachte, dass ich ja hinter dem Steuer eines Dienstwagens saß und mich eigentlich auf meine Umgebung hätte konzentrieren müssen.

Von Verkehr zu sprechen wäre in diesem Fall und an diesem Ort wohl unangemessen gewesen. Es ging eher um den Graben am linken Fahrbahnrand und die Begrenzungspfähle, die ich nicht umlegen wollte.

Ich riss das Lenkrad herum und bekam die Situation in den Griff.

“Brauchst du eine Brille, Harry?”

“Du hast von zwei Schlägen gesprochen!”

“Ja.”

“Seit wann arbeitet der Kollege Steinberger bei der Gerichtsmedizin?”

“Gar nicht. Diese Erkenntnis hat sich auch nicht etwa durch irgendwelche Ergänzungen zum gerichtsmedizinischen Bericht ergeben.”

“Sondern?”

“Es war die kriminaltechnische Untersuchung beziehungsweise der Umstand, dass sich die Kollegen den Befund nochmal genau angesehen haben. Der Spalt an dem Baseballschläger hat uns ja wohl die Spuren in untersuchungsfähigem Zustand erhalten, aber die Verteilung dieser Spuren ist anscheinend nur erklärlich, wenn man zwei Schläge annimmt.”

“Uff.”

“Die Daten bekommen wir als Mail mit dazugehörigem Bericht und so weiter. Vielleicht noch ein, zwei Stunden. Oder morgen früh. Ein Kollege sitzt dran. Aber am Ergebnis wird sich nichts mehr ändern.”

“Der Fingerabdruck von der bisher nicht identifizierten Person auf dem Schläger ...“

“... stammt auf jeden Fall nicht von Herrn von Bleicher”, unterbrach Rudi meinen Gedankengang. “Von Bleicher ist diverse Male erkennungsdienstlich behandelt worden, wegen seiner Verfahren wegen Holocaust-Leugnung und was da sonst noch so zusammenkommt. Jetzt haben die Kollegen des Erkennungsdienstes diesen Abdruck mit denen von Herrn von Bleicher verglichen. Mit negativem Ergebnis.”

“Wieso geschah das erst jetzt?”

“Na ja, du kennst das doch - unterschiedliche Zuständigkeiten. Herr von Bleicher war ja kein Sexualtäter oder Kapitalverbrecher. Die Kollegen sind erst jetzt an die Daten herangekommen. Und davon abgesehen bestand auch kein besonders zwingender Anlass, anzunehmen, dass jemand wie Herr von Bleicher darauf angewiesen ist, sich von Devid Dresel einen kaputten Baseballschläger auszuleihen - zu welchem Zweck auch immer.”

Ich atmete tief ein.

“Was machen wir jetzt?”

“Gute Frage, Harry.”

“Vielleicht muss ich mich an den Gedanken gewöhnen.”

“Welchen?”

“Dass auch Schweinehunde manchmal unschuldig sind.”

“Du sprichst von Herrn von Bleicher?”

“Natürlich.”

“Ein Schweinehund ist er. Unschuldig ganz sicher nicht. Aber ob er wirklich etwas mit dem Mord an unserem Kollegen zu tun hat, das dürfte zweifelhaft ein. Zumindest sehr schwer nachweisbar.”

“Es sei denn, Devid Dresel bestätigt uns, dass er den Auftrag, unseren Kollegen Schmitten umzubringen, von Ferdinand von Bleicher bekommen hat.”

“Er wird das abstreiten und dann steht Aussage gegen Aussage. Einen materiellen Beweis wird man dafür kaum finden können.”

“Trotzdem ...”

“Trotzdem was, Harry? So ist die Lage nun mal. Und davon abgesehen haben wir von Devid Dresel noch gar keine entsprechende Aussage und so wie ich das sehe, ist es auch extrem unwahrscheinlich, dass wir sie bekommen.”

“Ich weiß ...”

“Na wenigsten habe ich mich nicht vertan.”

“Womit?”

“Mit meinem Eindruck, dass du auch bei der Vernehmung von Devid Dresel anwesend warst und dir das eigentlich klar sein müsste, Harry. Genau genommen hast du sogar den Großteil des Verhörs mit deinen Fragen bestritten.”

“Ja, ja ...”, murmelte ich.

“Du hast mich gefragt, wo wir jetzt hinfahren ...”

“Und?”

“Zum Hotel”, sagte Rudi. Er gähnte. “Es muss ja nicht immer so spät werden und im Augenblick bringt uns eine Nachtschicht nämlich auch nicht weiter.”

“Okay ...”

“Vielleicht hat der Wirt ja auch noch irgendetwas Essbares, das man bei ihm zu sich nehmen kann.”

“Nichts dagegen.”

“Dann knurrt dir auch der Magen?”

“Müsstest du doch hören, Rudi ...”

”Ich dachte, das wäre irgendein Nebengeräusch am Motor ...”

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Wir erreichten das Hotel, stellten den Wagen ab und gingen hinein.

Das Erste, was mir auffiel, war, dass an der Tür eine der getönten Scheiben im Format zehn mal zehn Zentimeter eingeschlagen war.

Deswegen betraten Rudi und ich das Hotel mit der Dienstwaffe in der Hand.

“Hallo?”, rief ich.

Wir fanden den Wirt hinter dem Tresen.

Er stöhnte auf. Seine Augen waren geschwollen. Man brauchte kein Fachmann zu sein, um zu erkennen, dass er schlicht und ergreifend vermöbelt worden war. Und zwar ziemlich schlimm.

Blut war auf dem Boden.

“Ich rufe einen Notarzt”, sagte Rudi.

“Nein!”, meinte der Wirt.

“Doch!”, beharrte ich und Rudi hatte auch schon das Smartphone am Ohr. “Ist noch jemand hier?”, fragte ich an den Wirt gewandt.

“Nein!”, stöhnte dieser.

Ich wollte mich davon aber selbst überzeugen und sah mich zumindest in den Räumen des Untergeschosses um. Im Schankraum, in der Küche und im Frühstücksraum. Es war niemand da. Auch niemand von den Angestellten oder der Familie des Wirtes.

Wer immer ihn verprügelt hatte, hatte sich dafür einen günstigen Moment ausgesucht.

Ich kehrte zu ihm zurück.

“Notarzt ist gleich da”, sagte Rudi.

“Okay”, murmelte ich.

“Und der Kollege Steinberger muss Überstunden machen und hier alles unter die Lupe nehmen. Vielleicht findet er ja Spuren, die uns weiterbringen.”

“Hast du ihn schon kontaktiert?”

“Mache ich als Nächstes”, sagte Rudi.

“Ist nicht nötig!”, ergriff nun der Wirt das Wort. Er konnte kaum sprechen. Sein Mund war blutig. Die Schwellungen hinderten ihn am Sprechen. Und außerdem war nicht klar, ob mit seinen Zähnen noch alles in Ordnung war. Aber es schien ihm irgendwie sehr wichtig zu sein, dass wir nichts unternahmen.

Dafür konnte es nur eine Erklärung geben.

Pure Angst.

Diesen Eindruck hatte ich bei dem Wirt ja nicht zum ersten Mal.

“Hören Sie, wer immer Sie da verprügelt hat, Sie sollten ihn nicht einfach so davonkommen lassen! Das ist kein harmloser Streich, sondern schwere Körperverletzung!”

“Es war nichts. Ich bin nur hingefallen ...”

“Hören Sie doch auf ...”

Er zitterte.

Die Angst war zu groß.

Ich redete noch etwas auf ihn ein, während Rudi telefonierte. Dann legte mein Kollege mir die Hand auf die Schulter. Das war das Zeichen zum Aufhören. Es hat keinen Sinn, hieß das.

Und der hatte recht.

Er würde uns nichts sagen.

Und was zu essen bekämen sie wohl auch nicht mehr. Aber das war das geringste Übel an der Sache.

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Unser Erkennungsdienst-Kollege Pascal Steinberger traf ein. Ein Zimmer war in diesem Hotel nicht mehr frei. Pascal Steinberger hätte sich zusätzlich auf einem Feldbett in dem Doppelzimmer einquartieren müssen, das Rudi und ich bewohnten.

“Eine Dreier-WG!”, meinte Pascal Steinberger. “Warum nicht? Erinnert mich an Klassenfahrten in der Schule.”

“Ja, fehlt nur noch, dass Kriminaldirektor Bock dann irgendwann als Lehrer-Imitation und Aufsichtsperson vorbeischaut und nachsieht, ob wir auch wirklich schlafen und keinen Unsinn machen”, meinte Rudi und verdrehte dabei die Augen.

Sein Unterton war etwas gallig.

“Was ist los, Rudi?”, fragte Steinberger. “Habe ich vorhin schon auf dem Anwesen der von Bleichers bemerkt: Irgendwas scheint dir so an die Nieren zu gehen, dass du gar keinen Sinn mehr für Humor hast - geschweige denn für die feine Kunst der Ironie ...”

“Na ja ...”, meinte Rudi und zwang sich zu einem Lächeln. “Großmeister der Ironie hören sich etwas anders an als du, Pascal!”

“Ist das jetzt ein Anlass für mich, beleidigt zu sein?”

“Kämpf du lieber mal ein bisschen um deine Ehre als Erkennungsdienstler und finde irgendwas!”, meinte Rudi.

Der Notarzt war inzwischen auch eingetroffen.

“Wäre besser, ich würde Sie in die Klinik bringen”, meinte der.

“Und wozu?”, fragte der Wirt.

“Um auszuschließen, dass etwas gebrochen ist.”

“Ich werde mich schon melden, wenn ich Beschwerden habe!”

“Erzählen Sie mir nicht, dass Sie keine haben!”

“Ah!”, stieß der Wirt hervor.

Wo der Arzt gedrückt hatte, hatte ich nicht mitbekommen. Aber es schien ziemlich wehgetan zu haben.

Pascal Steinberger fand einen Fingerabdruck an der Tür. Aber es stellte sich heraus, dass der von mir stammte.

“Relevante Spuren gibt es nicht”, sagte Steinberger schließlich. “Es ist alles dokumentiert. Aber ohne eine Aussage des Wirtes werden wir kaum weiterkommen.”

“Ja, das fürchte ich auch.”

“Glaubst du, es besteht noch die Chance, ihn umzustimmen, Harry?”, fragte Pascal Steinberger in gedämpftem Tonfall, sodass nur wir beide was davon mitbekamen.

Ich schüttelte den Kopf.

“Sieht schlecht aus.”

“Habe ich mir schon gedacht.”

“Wo kommst du unter?”

“Ich fahre bis Dresden. Und da gibt es sicher noch was.”

“Okay.”

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Der Wirt machte uns doch noch etwas zu essen. Ich fragte ihn nach seiner Frau, seiner Familie und den anderen Angestellten.

Dabei stellte sich heraus, dass wir eigentlich ziemlich wenig über ihn wussten. Von seiner Frau hatte er sich schon vor Jahren getrennt, seine Kinder waren fortgezogen, weil sie in dem kleinen verschlafenen Nest keine Perspektive für sich sahen. Und das Hotel mit Kneipe zu übernehmen, dass irgendwo lag, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten, dazu hatte von ihnen auch keiner Lust.

Konnte ich irgendwie verstehen.

Eine Goldgrube war das nämlich ganz sicher nicht.

Er hatte eine Küchenhilfe und eine Frau, die die Zimmer machte.

Stundenweise.

Beide waren uns schon begegnet. Beim Frühstück zum Beispiel.

Ansonsten machte er alles allein. Selbstausbeutung konnte man das wohl nennen. Aber er war stolz darauf, unabhängig zu sein und auf eigenen Füßen zu stehen.

Seine Eltern hätten das Hotel die ganze DDR-Zeit hindurch betrieben. Eines der letzten privaten Hotels, die es in der DDR gegeben hätte. “Wie könnte ich sowas aufgeben?”, meinte er. “Wo sie so lange durchgehalten haben. Gegen alle Widrigkeiten. Und davon gab es viele, kann ich Ihnen sagen.”

“Ja, das kann ich mir vorstellen”, sagte ich.

“Nein, das können Sie nicht”, meinte er. “Sie kommen aus Berlin?”

“Ja”, nickte ich.

“West-Berlin.”

“Die Unterscheidung gibt's doch nicht mehr.”

“Die wird's noch fünfzig Jahre geben.”

“Ich komme aus Westdeutschland und kam erst später nach Berlin.”

“Dachte ich es mir doch. So jemand kann das nicht wirklich verstehen”, meinte er.

Wir hatten ihn reden lassen, obwohl es sowohl Rudi als auch mir eigentlich lieber gewesen wäre, einfach nur zu essen und kein Dauergelaber dabei mitanhören zu müssen. Aber wenn jemand redet, dann fasste derjenige manchmal alleine dadurch schon ein gewisses Maß an Vertrauen. Und immerhin hatte er uns ja auch verraten, dass Devid Dresel sich mit dem Mord an unserem Kollegen Schmitten gebrüstet hatte.

Irgendjemand hatte das gewusst oder davon erfahren. Und dafür, so war ich überzeugt, hatte man ihn jetzt bezahlen lassen.

“Ich kann Ihnen nichts sagen”, meinte er schließlich, ohne dass ich oder Rudi aktiv auf dieses Thema zu sprechen gekommen wären. Es schien ihm selbst einfach ein Bedürfnis sein, etwas dazu zu äußern. “Ich kann Ihnen nichts sagen und ich habe Ihnen auch schon zu viel gesagt.”

“Und lassen sich lieber weiter verprügeln - mutmaßlich von den Schlägern, die Ferdinand von Bleicher unter seiner Fuchtel hat.”

“Hören Sie ...”

“Wir haben eine ganze Reihe von denen verhaftet, aber es bleiben anscheinend noch genügend übrig, um Zeugen wie Sie einzuschüchtern! Wenn Sie uns nicht helfen, wird sich daran nichts ändern.”

“Es wird sich auch nichts ändern, wenn ich Ihnen sage, wie das alles zusammenhängt. Das habe ich inzwischen erkannt. Sie können mir im Ernstfall nicht helfen. Und ich will hier weiter leben und dieses Hotel betreiben. Wie gesagt, selbst die DDR hat diesen Betrieb nicht kaputtkriegen können.”

Es hatte wohl wirklich keinen Sinn.

Wir mussten ohne die Unterstützung des Wirtes auskommen.

Und daran würde sich auch nichts mehr ändern, wie ich vermutete.

Es musste einen anderen Weg geben.

Fragte sich nur, wo der zu finden war.

Bis jetzt hatten wir den zweifellos noch nicht gefunden.

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Am nächsten Morgen telefonierte ich mit den Kollegen in Berlin. Nach dem Frühstück hatten Rudi und ich uns das Dossier über die neuesten Erkenntnisse der Kriminaltechnik nochmal angesehen.

Und nun sprach ich mit Max Vandersteen darüber.

Zwei Schläge, das war die Quintessenz.

Die Frage war: Zwei Schläge von zwei verschiedenen Personen oder nur von einer.

“Hat Rüdiger Schmitten nach dem ersten Schlag noch gelebt?”, fragte ich.

“Die Gerichtsmedizin wollte sich da bisher nicht festlegen”, sagte der Kollege Max Vandersteen. “Dr. Heinz wird sich jetzt nochmal alle Daten vornehmen und die Leiche erneut daraufhin untersuchen, ob eventuell erst der zweite Schlag tödlich war.”

“Na ja, im Grunde macht das auch keinen Unterschied.”

“Wenn man annimmt, dass beide Schläge von derselben Person ausgeführt wurden nicht.”

Etwas später gaben Rudi und ich einen telefonischen Bericht an Kriminaldirektor Bock, der natürlich auch über unsere Fortschritte im Bilde sein wollte.

Unsere vermeintlichen Fortschritte, musste man wohl leider sagen, denn bislang stand der Durchbruch für uns noch aus.

Mir ist es ehrlich gesagt immer lieber, man hat irgendwelche handfesten Beweise, anhand derer man einen Täter einwandfrei überführen kann.

Leider ist das nicht immer der Fall.

Manchmal ist man darauf angewiesen, dass ein Zeuge den Mund aufmacht, und wenn er das partout nicht will, hat man dann keine Möglichkeit mehr, jemanden zu überführen.

Das kann mitunter schon sehr frustrierend sein.

“Wie bringt man einen Zeugen zum Reden?”, meinte ich später zu Rudi.

“Wenn du von unserem Wirt sprichst: gar nicht”, sagte Rudi. “Eines Tages werden sie ihn totschlagen, und dann kann er sowieso nichts mehr sagen.”

“Ich spreche nicht vom Wirt.”

“Von wem dann?”

“Von Devid Dresel. Er ist der einzige Augenzeuge des Mordes, das wissen wir.”

“Genau genommen wissen wir nur, dass sein Baseballschläger dabei war. Aber nicht, wer ihn außerdem noch angefasst hat.”

“Na gut, aber auch das wird uns Devid Dresel am ehesten sagen können.”

“Warum gehen wir nicht nochmal zu Jennifer Möhrke?”, fragte Rudi. “Ich meine, auch wenn die Annäherung der beiden noch nicht so richtig fortgeschritten ist: Sie hat mit Sicherheit Einfluss auf ihn. Vielleicht ist sie sogar die Einzige, die Einfluss auf ihn haben könnte.”

“Du meinst abgesehen von Ferdinand von Bleicher und diesem eingebildeten Anwalt mit seiner Ziernarbe im Gesicht.”

“Exakt.”

“Versuchen wir es. Vielleicht spielt diese Jennifer ja in unserem Team.”

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Wir fuhren zu dem Hof, den Jennifer Möhrke bewirtschaftete und trafen sie im Kuhstall. Man musste schon ziemlich aufpassen, wo man hintrat. Und der Geruch war auch gewöhnungsbedürftig. Zumindest für Stadtmenschen wie Rudi und mich. Landluft eben. Sie bewirtschaftete den Hof tatsächlich weitgehend allein, wie sich herausstellte. Der Vater hatte nach einem Treckerunfall ein steifes Bein. Die Mutter war Krebspatientin und verbrachte mehr Zeit in Kliniken und bei Ärzten als auf dem Hof.

“So viel zu der Frage, wie es mir geht”, sagte Jennifer Möhrke. “Sowas wollten Sie gar nicht wissen, nicht wahr?”

“Sie haben es nicht leicht”, sagte ich.

“Kann ich mir auch nichts für kaufen.”

“Wir sind wegen Devid Dresel hier und wollten Sie deswegen nochmal sprechen.”

“Das dachte ich mir schon. Und wahrscheinlich sind Sie auch nicht hier, um gute Nachrichten zu verbreiten.”

Ich versuchte, ihr die Lage zu schildern. Dass wir beweisen konnten, dass mit Devid Dresels Baseballschläger zweimal auf unseren Kollegen Schmitten eingeschlagen worden war. An seiner Schuld gab es kaum einen Zweifel. Die Frage war nur, ob er die Schuld allein auf sich nehmen würde. “Der oder die Personen, die er deckt, meinen es nicht gut mit ihm. Die denken an sich und ihren Vorteil. Devid hat selbst kein bisher bekanntes Motiv für den Mord an Schmitten. Wir vermuten, dass er auf Anweisung gehandelt hat.”

“Ich soll ihn also überreden auszusagen”, stellte Jennifer Möhrke treffend fest.

“Das würde uns sehr helfen”, nickte ich. “Und vor allem würde es Devid Dresel helfen. Denn sonst löffelt er angesichts der derzeitigen Beweislage die Suppe allein aus. Und da sein Anwalt eigentlich nicht so sehr für den Mann arbeitet, den er verteidigen soll, sondern eher loyal zu dem Mann ist, den wir für den Auftraggeber halten, können Sie sich denken, was dabei herauskommen wird.”

“Gut”, sagte sie. “Das mache ich.”

“Dann möchte ich Sie bitten mitzukommen.”

“Ich muss vorher noch die Kühe melken.”

Ich hob die Augenbrauen.

“Okay, so viel Zeit haben wir.”

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Wir fuhren mit Jennifer Möhrke nach Dresden.

“Sie wollen mich ohne meinen Anwalt verhören?”, fragte Devid Dresel. “Ich habe doch gesagt, dass ...”

“Das ist kein Verhör”, sagte ich.

“Was denn dann?”

“Ein Besuch.” Ich deutete auf Jennifer Möhrke, die Devid Dresel zunächst gar nicht weiter beachtet hatte. Aber jetzt blieb sein Blick an ihr haften.

Wir ließen die beiden allein - abgesehen von einem Vollzugsbeamten.

“Ist es nicht eigentlich unzulässig, dass Untersuchungshäftlinge Besuch bekommen?”, fragte uns einer der Dresdener Kollegen.

“In diesem Fall dient es der Wahrheitsfindung”, sagte ich.

“Dann ist es eine Gegenüberstellung? In dem Fall sollten wir Herrn Dr. Frankenberg anrufen.”

“Nein, das sollten wir nicht”, erklärte Rudi.

“Ganz bestimmt nicht sogar”, fügte ich hinzu.

Ein Anruf erreichte uns. Es war Max Vandersteen, unser Kollege aus dem Innendienst. Rudi nahm das Gespräch entgegen. Ich hörte, wie er ein paarmal angestrengt “Ja!” sagte. Anschließend folgte ein “Okay, Max. Danke für die neuen Informationen.”

“Was gibt es?”, fragte ich.

“Die Kollegen, die sich mit Wirtschaftskriminalität, Geldwäsche und so beschäftigen, haben etwas Interessantes herausgefunden” sagte Rudi.

“Sag bloß, das hat etwas mit dem Verbleib der Gelder zu tun, die für die gar nicht mehr hier im Ort befindlichen geflüchteten Flüchtlinge gezahlt wurden.”

“Und ob!”

“Worum geht es?”

“Nahezu alle Zahlungen für Dienstleistungen, Gebäude etc., die in diesem Zusammenhang mit der Gemeinde abgerechnet wurden, gingen an eine GmbH, die eigens zu diesem Zweck gegründet zu sein scheint. Du glaubst nicht, wer deren Geschäftsführer sind, die im Übrigen mit ungewöhnlich üppigen Gehältern bedacht werden!”

“Ferdinand von Bleicher?”

“Das ist der eine.”

“Und der andere?”

“Kennen wir auch: Martin Keller.”

“Der Bürgermeister!”

“So ist es.”

Ich atmete tief durch. “Eins steht jedenfalls fest: Entgegen ihrer Rhetorik hatten weder Herr von Bleicher noch Herr Keller irgendeinen Grund, sich über die sogenannte Flüchtlingskrise zu beschweren.”

“Wenn jemand plötzlich so viel Geld auf dem Konto hat, kann einen das unter Umständen auch in eine Krise stürzen, Harry.”

“Du meinst, wenn man sich nicht entscheiden kann, wofür man es ausgibt.”

“Oder eine Sinnkrise.”

“Nun übertreib mal nicht.”

“Wie auch immer: Diese Informationen unterstützen den Verdacht, den wir hatten, Harry!”

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Es dauerte eine halbe Stunde.

Dann war Devid Dresel bereit auszusagen und uns zu erzählen, wie es wirklich gewesen war.

Er bestand nicht auf der Anwesenheit von Dr. Frankenberg. Und wir wiesen ihn auch nicht darauf hin. Aber es war ganz sicher besser, dass der Burschenschaftsbruder von Ferdinand von Bleicher nicht dabei war.

“Die lassen Sie hängen”, sagte ich zu Devid Dresel. “Ihre feinen Freunde, meine ich. Von denen wird Ihnen keiner helfen, ganz egal, was die Ihnen gesagt haben.”

“Ja, das hat Jennifer auch gesagt”, meinte er.

Jennifer Möhrke hatte den Raum inzwischen verlassen. Bei der jetzt folgenden Vernehmung war es besser, wenn sie nicht dabei war.

“Also, Herr Dresel: Die Wahrheit. Und nichts auslassen.”

“Ferdi hat gesagt ...”

“Herr Ferdinand von Bleicher, meinen Sie.”

“Genau! Ferdi hat gesagt, dass er mich für einen Spezialauftrag braucht. Ich bin ihm einiges schuldig. Er hat viel für mich getan.”

“Was war das für ein Auftrag?”

“Ich sollte den Bürgermeister begleiten.”

“Wobei?”

“Bei einem Treffen mit diesem BKA-Schnüffler.”

“Sie meinen unseren Kollegen Rüdiger Schmitten.”

“Ja.”

“Gab es noch weitere Anweisungen?”

“Ja, ich sollte diesen Schmitten kurz und klein hauen, wenn es nötig wäre.”

“So,dass er nicht mehr aufsteht?”

“Ja”, flüsterte Devid Dresel. Er wich meinem Blick aus. Er schien sich jetzt sogar etwas zu schämen. Immerhin. Ein paar menschliche Regungen funktionierten bei ihm anscheinend noch so, wie man sich das eigentlich wünschte. Ganz abgestumpft war er wohl noch nicht.

“Worum sollte es bei dem Treffen gehen?”, fragte ich.

“Das hat man mir nicht gesagt. Erst, als es dann so weit war, habe ich ein bisschen davon mitbekommen.”

“Sie meinen, als Sie sich getroffen haben.”

“Ja.”

“Wo war das?”

“Ungefähr dort, wo die Leiche später von diesem Öko-Irren gefunden wurde. Ich habe sie ins Gestrüpp geschleift und normalerweise ...”

“Ja?”

“Na, es gibt da viele Wildschweine. Die fressen alles.”

“Schildern Sie uns das Treffen.”

“Herr Keller und Herr Schmitten haben sich gestritten. Es ging darum, dass Herr Schmitten herausgefunden hatte, dass nicht nur der Flüchtling, den er gesucht hat, nicht hier im Ort ist, sondern, dass es hier gar keine Flüchtlinge mehr gibt.”

“Weil Sie und die anderen Schläger die vertrieben haben.”

“Ja. Die haben es hier nicht lange ausgehalten. Aber wir wollten sie ja auch nicht hier haben. Es war wohl so, dass der BKA-Schnüffler damit angelockt worden war, dass man ihm zusätzliche Informationen zum Verbleib des Flüchtlings versprochen hatte, den er suchte.”

“Aber das Geld floss schon in den Ort!”

“Ja, genau darum ging es ja auch in dem Streit. Herr Keller meinte, dass man sich irgendwie einigen könnte. Aber Schmitten wollte nicht. Und dann hat mir Herr Keller ein Zeichen gegeben und gesagt, dann gibt es eben nur noch eine Lösung.”

“Und weiter?”

“Schmitten wollte seine Dienstwaffe ziehen. Ich habe ihm ... eins ...”, er stockte, “... übergezogen.”

“Und dann?”

“Er war nicht tot. Mann, das sah so Scheiße aus. Das ganze Blut und so. Aber er rührte sich noch. Außerdem griff er zum Handy. Vielleicht hätte er noch ein Notsignal absenden können ... Herr Keller geriet in Panik. Er schrie mich an.”

“Was hat er geschrien?”

“Mach ihn alle!, hat er geschrien! Los! Worauf wartest du?”

“Und? Haben Sie ihn alle gemacht?”

Devid Dresel schüttelte den Kopf.

“Nein.”

“Warum nicht?”

“Ich konnte nicht. Ich wollte es. Aber ... Es ging einfach nicht.”

“Und dann?”

Devid Dresel schluckte. Er sah mich jetzt gerade an. Zum ersten Mal, seit wir dieses Verhör durchführten. Der erste offene Blick, geradewegs von Augenpaar zu Augenpaar. “Herr Keller hat mir den Schläger aus der Hand genommen und selbst nochmal zugeschlagen. Das Handy hat er mitgenommen; ich habe dafür gesorgt, dass man die Leiche nicht gleich sieht.”

Eine Pause entstand.

Der Fall war gelöst.

“Ich bin dann nach Hause gefahren. Ich war ja mit meiner eigenen Karre dort.”

“Hat sich Herr von Bleicher nach dem Ausgang der Sache erkundigt?”

“Er wusste schon davon.”

“Von Keller?”

“Ja.”

“Was hat er gesagt?”

“Er hat gesagt, dass es für die SS-Leute auch schwierig gewesen sei, so viele Juden umzubringen, aber dass man manchmal so etwas tun müsste, weil es notwendig sei. Und ich würde auch darüber hinwegkommen. Und er sei stolz auf mich. An den Rest des Tages kann ich mich nicht mehr erinnern. Da war ich besoffen. Anscheinend ...”

“Anscheinend was?”

“Anscheinend bin ich wohl doch nicht so gut darüber hinweggekommen.” Er zuckte mit den Schultern und blickte gegen die Wand. “Ich bin wohl zu weich.”

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Die Tür vom Büro des Bürgermeisters flog zur Seite. Seine Sekretärin hatte vergeblich versucht, uns davon abzuhalten, zu ihm vorzudringen.

”Es tut mir leid, Herr Keller, aber diese Herren ...”

“Herr Keller, wir haben hier einen Haftbefehl!”, sagte ich. “Ausweisen müssen wir uns ja wohl nicht noch einmal, denn wir sind uns ja inzwischen persönlich bekannt.”

“Was soll das?”, entfuhr es Martin Keller, dessen Gesicht augenblicklich die Farbe verlor.

“Wir verhaften Sie wegen des dringenden Tatverdachts, unseren Kollegen Rüdiger Schmitten ermordet zu haben”, ergänzte Rudi. “Er lag schwer verletzt am Boden, aber Sie wollten auf Nummer sicher gehen und haben das vollendet, wozu Devid Dresel nicht fähig war ...”

“Ich will meinen Anwalt sprechen.”

“Einen Anwalt werden Sie auch brauchen. Einen, der sich im Strafrecht auskennt und Sie im Mordprozess verteidigt, und einen, der Sie in dem Prozess wegen Untreue und Betrug berät, der Sie und Ihren Komplizen Herrn von Bleicher noch erwartet.”

“Als Erstes wird man Fingerabdrücke von Ihnen nehmen, Herr Keller”, sagte ich. “Und einer davon wird vermutlich identisch mit dem bisher nicht-identifizierten Abdruck sein, den wir an Devid Dresels Baseballschläger gefunden haben.”

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Wir blieben noch ein paar Tage in dem Ort. Das juristische Gezerre begann nun erst, aber nachdem auch Ferdinand von Bleicher verhaftet worden war, wuchs auch bei anderen die Bereitschaft auszusagen. Wir hatten einen Eisberg angekratzt, von dem bekanntlich immer ein kleiner Teil über die Oberfläche hinausragt und sichtbar ist.

Bevor wir dann nach Berlin zurückfuhren, statteten wir noch Jennifer Möhrke einen kurzen Besuch ab, um uns bei ihr zu bedanken.

“Ich hoffe, ich habe das Richtige getan”, sagte sie.

“Das haben Sie”, versicherte ich ihr.

“Was wird jetzt mit ihm geschehen?”

“Er wird sich verantworten müssen. Aber dank Ihrer Bemühungen und seiner Aussage nicht wegen Mordes, sondern wegen schwere Körperverletzung in Tateinheit mit versuchtem Totschlag.”

Als wir dann Richtung Berlin auf der Autobahn unterwegs waren, schwiegen wir die meiste Zeit.

Ungewöhnlicherweise, denn normalerweise haben Rudi und ich uns immer was zu erzählen. Auch, wenn es nur Quatsch ist.

Aber während dieser Fahrt nicht.

“So richtig zufrieden bin ich nicht”, meinte Rudi schließlich.

Ich wusste, was er meinte.

“Ein richtig gastfreundlicher Ort ist dieses sächsische Nest durch unseren Einsatz nicht geworden”, gab ich zu.

“Da sagst du was!”

“Aber anderswo gibts auch kein Paradies, Rudi!”

“Ja, ich weiß.”

“Und außerdem, sollte man immer auch das Positive sehen.”

“Und das wäre?”

“Wenn es überall nur freundliche Menschen gäbe, hätten wir keinen Job!”

Rudi musste lachen.

“Das meinst du jetzt nicht ernst, Harry!”

“Doch, tue ich.”

Vor uns tauchten bereits die ersten Ausläufer von Berlin auf. Mein Handy war an die Freisprechanlage angeschlossen. Es klingelte. Auf dem Display stand der Name des Anrufers: Kriminaldirektor Bock.

Rudi sah es auch.

“Hier ist ein Funkloch, Harry.”

Es klingelte noch zweimal.

“Okay”, sagte ich. “Schon ärgerlich, so ein Funkloch. Und dann noch so nahe an Hauptstadt.”

Das Klingeln hörte auf.

Vorerst.

ENDE

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Das ideale Mörderpaar

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Kriminalroman von Walter G. Pfaus

Der Umfang dieses Buchs entspricht 182 Taschenbuchseiten.

Paul Cannella braucht Geld. Eineinhalb Millionen. Andernfalls platzt der Wechsel, und der Ruin seiner Firma wäre besiegelt. Es gab nur einen Ausweg: die Lebensversicherung seiner Frau!

Aber dazu hätte Johanna sterben müssen, und Paul liebte sie abgöttisch. Johanna fand die Lösung. Ihr Plan war so genial wie mörderisch. Mit Eifer ging Cannella ans Werk. Wahre Liebe ist zu allem fähig. Aber sie macht auch blind. Und so merkt er erst spät, wie mörderisch Johannas Plan war.

Ein Kriminalroman mit vielen überraschenden Wendungen und einem furiosen Schluss.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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I

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Die Stunde, in der ich sie töten würde, rückte näher. Und je näher diese Stunde kam, desto ruhiger und entschlossener wurde ich.

Es würde leicht sein. Mein Plan war perfekt. Ich hatte nichts dem Zufall überlassen. Jede Kleinigkeit hatte ich berücksichtigt. Ich war sicher, dass ich nichts übersehen hatte.

Ich stützte mich auf die Ellenbogen und betrachtete ihr Gesicht. Sie schlief tief und fest. Ihr Mund war leicht geöffnet, und über ihre Lippen drangen leichte Schnarchtöne. Sie war sehr glücklich; das sah man. Nur glückliche und zufriedene Menschen können so tief und fest schlafen.

Ich beneidete sie um dieses Glück. Ja, ich hasste sie sogar deswegen.

Plötzlich war mir wohler. Jetzt würde alles noch viel leichter gehen. Hass ist der beste Antrieb für einen Mord.

Während meiner langen Vorbereitungszeit hatte ich mir oft die Frage gestellt, ob ich sie so einfach töten könnte. Denn im Grunde hatte sie mir ja nichts getan. Abgesehen von der Tatsache, dass sie da war, dass sie immer um mich herum war und dass ich ihre Gegenwart kaum ertragen konnte. Aber jetzt wusste ich, dass ich es konnte. Es würde mir nicht schwerfallen, sie kaltblütig umzubringen.

Erleichtert atmete ich auf. Dies war der einzige schwache Punkt in meinem Plan gewesen. Nun war auch er beseitigt.

Ich schlug die Bettdecke zurück und stand auf. In meinem Koffer war eine Flasche Whisky. Ich schraubte sie auf und goss ein halbes Wasserglas voll. Der Whisky tat mir gut. Ich trat ans Fenster und schob die Vorhänge auseinander. Draußen wurde es langsam hell. In einer Stunde würde die Sonne aufgehen, und eine Stunde später würden wir das Frühstück einnehmen.

Und dann wird sie höchstens noch zwei Stunden leben, dachte ich. In keinem Fall länger. Sie wird tot sein – und ich um eineinhalb Millionen reicher. Ich warf einen Blick auf das Bett. Sie hatte sich jetzt auf den Rücken gedreht und ihr Schnarchen war lauter geworden.

In Gedanken ging ich noch einmal meinen Plan durch. Ich überprüfte noch mal die kritischen Stellen. In allen Variationen stellte ich mir vor, was auf mich zukommen könnte. Aber ich fand nichts, was ich hätte besser machen können. Ich hatte ganze Arbeit geleistet, jedenfalls bis jetzt. Und nun, nachdem ich bemerkt hatte, dass ich sie sogar hasste, war ich sicher; auch dieser letzte, sicherlich schwierigste Teil meines Plans würde reibungslos verwirklicht.

Ich setzte mich an den kleinen Sekretär, der in unserem Zimmer stand, und zog die Versicherungspolicen heraus. Die Beiträge kosteten mich mein letztes Geld. Unser Haus war ohnehin schon mit drei Hypotheken belastet, und um unser Geschäft vor dem Zusammenbruch zu retten, hatte ich einen Wechsel unterzeichnet, der in drei Wochen fällig wurde. Ich steckte bis zum Hals im Dreck. Wer jemals unter dem Druck eines Viertel-Millionen-Wechsels stand, der weiß, wie einem da zumute ist. Vor allem, wenn man das Geld nicht hat.

Ich hatte es nicht.

Um über den Berg zu kommen, brauchte ich unbedingt eineinhalb Millionen. Aber in weniger als vier Stunden würde ich es geschafft haben. Die größte Hürde war dann genommen. Was mich danach noch von den 1,5 Millionen trennte, waren Formalitäten. Natürlich, ich brauchte gute Nerven. Aber die glaubte ich zu haben. Jedenfalls war ich davon überzeugt, dass ich die Sache durchstehen würde.

Ich las die Policen zum wiederholten Male durch, Wort für Wort, vor allem das Kleingedruckte. Zuerst die Lebensversicherung. Sie war auf Gegenseitigkeit abgeschlossen und lautete auf 600.000 Mark. Bei Unfalltod erhöhte sich die Versicherungssumme auf das Doppelte. Und sie würde durch einen Unfall ums Leben kommen, dafür hatte ich gesorgt. Vier Monate harte, nervenaufreibende Planung waren notwendig gewesen; jetzt aber war alles vorbereitet.

Die Police war in Ordnung. Es gab nichts daran auszusetzen. Ich hatte sämtliche Krankheiten angegeben, so dass es auch in dieser Hinsicht keine Schwierigkeiten geben konnte.

Ich schob die Unterlagen der Lebensversicherung beiseite und nahm die Unfallpolice in die Hand. Sofort fiel mein Blick auf einen bestimmten Passus in diesem Vertrag.

Die Todesfallsumme darf die Invaliditätssumme nicht überschreiten, stand darin. Von neuem stieg der Ärger in mir hoch. Um die noch fehlenden 300.000 DM zu erhalten, war ich gezwungen, eine Versicherung über ebenfalls 600.000 DM abzuschließen. Aber ich beruhigte mich schnell wieder. Die 1.5 Millionen würden mich sehr bald für allen Ärger entschädigen.

Ich steckte die Policen in die Mappe. Danach legte ich sie nicht mehr in den Sekretär, sondern verstaute sie gleich in der Aktentasche, die neben dem Schreibtisch stand. Wenn alles vorüber war, durfte ich sie nicht vergessen. Schließlich waren diese beiden Schriftstücke das Wichtigste an meinem Plan.

Ich schob den Stuhl zurück und stand auf.

Der Stuhl verursachte so viel Lärm, dass Johanna aufwachte. Sie blinzelte, stützte sich auf die Ellenbogen und sah mich an. „Du bist schon auf?“, fragte sie mit verschlafener Stimme.

„Kümmere dich nicht um mich“, antwortete ich leise. Ich versuchte, meiner Stimme einen zärtlichen Klang zu geben. Es gelang mir nur mäßig. Aber ich glaube nicht, dass sie es merkte. „Schlaf weiter, Liebling. Wir haben noch fast zwei Stunden Zeit bis zum Frühstück.“

Sie ließ sich ins Kissen zurücksinken und rekelte sich wohlig. „Wenn du nicht mehr schläfst, will ich auch nicht mehr schlafen.“ Sie gähnte.

Blödes Frauenzimmer, dachte ich. Aber ich blieb freundlich. „Ich weiß doch, dass du morgens länger schlafen möchtest“, sagte ich sanft. „Ich bin ein Frühaufsteher, auch im Urlaub. Du musst dich nicht nach mir richten. Schlaf weiter; es wird dir gut tun. Wir haben einen anstrengenden Tag vor uns.“

Johanna gähnte wieder und schüttelte den Kopf. „Nein, jetzt bin ich schon wach. Ich kann doch nicht mehr einschlafen.“

Sie setzte sich auf und lächelte mich an. Ich ging zu ihr, legte die Hände auf ihre Schultern, küsste sie auf die Stirn. „Es ist fünf Uhr morgens“, erklärte ich. „Selbst hier, auf dieser Insel in der Karibischen See, steht kein Mensch um diese Zeit auf.“

Ich wollte allein sein um noch etwas nachdenken zu können. Man begeht schließlich nicht jeden Tag einen Mord. Aber Johanna wollte jetzt nichts mehr vom Schlafen wissen.

„Du bist so lieb.“ Sie schlang die Arme um meinen Nacken. „Noch nie in meinem Leben hat sich jemand so um mich gesorgt wie du.“

Sanft schob sie mich zurück und stieg aus dem Bett. Dann schlüpfte sie mit einer schnellen, gleitenden Bewegung aus ihrem kurzen Nachthemd und ging zur Badezimmertür.

„Ich bin in ein paar Minuten wieder zurück“, flötete sie. „Ich möchte mich nur ein wenig frisch machen. Dann komme ich, um mich bei dir zu bedanken.“

„Ich kann es kaum erwarten“, antwortete ich.

„Du Schlimmer, du.“ Sie drohte mir scherzhaft mit dem Finger. „Du bist nicht nur der beste, aufmerksamste und liebste Mann, den ich jemals kennen gelernt habe, du bist auch noch der unersättlichste von allen.“ Und dann stieß sie einen spitzen Jauchzer aus. „Aber ich mag das so und... und ich liebe dich.“

Dann schlug die Badezimmertür hinter ihr zu.

Ich dachte: Natürlich mag sie es. Sie mag es sogar sehr. Im Gegensatz zu mir.

Ich war ganz und gar nicht unersättlich. Ich musste mich fast stets dazu zwingen, obwohl sie sämtliche Raffinessen des Liebesspiels kannte und einzusetzen wusste.

Ich zog meinen Schlafanzug aus und legte mich aufs Bett.

Sie wollte sich bei mir bedanken. O ja, sie konnte sich bedanken. Allerdings hatte ich da meine eigenen Vorstellungen. Sie konnte sich zum Beispiel vor ein Auto werfen. Sie konnte ins Meer hinausschwimmen, einen Krampf bekommen und ertrinken. Um mir ihren Dank abzustatten, konnte sie sich vom Dach des Hotels in die Tiefe stürzen. Natürlich wäre ich auch zufrieden, wenn sie auf der steilen Treppe, die in die Halle hinunterführte, ausrutschen und sich beim Sturz das Genick brechen würde.

Es gab eine Menge Möglichkeiten, sich bei mir zu bedanken. Wenn es nur ein tödlicher Unfall war.

Aber dann ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass mir so etwas gar nicht recht wäre. Ich hatte schließlich vier Monate lang jede Minute meiner Freizeit geopfert, um den Mord vorzubereiten. Ich war stolz auf meinen Plan; er war perfekt und ausgefeilt bis in die letzte Einzelheit. Noch nie in meinem Leben hatte ich so intensiv und verbissen an einer Sache gearbeitet. Ich wollte den perfekten Mord begehen.

Mit einem Ruck setzte ich mich im Bett auf. Ja, das war es! Ich wollte den perfektesten Mord begehen, den es je gab.

Die Badezimmertür öffnete sich, Johanna trat heraus. Mit wippenden Brüsten kam sie auf mich zu. Ich legte mich langsam wieder zurück und sah ihr entgegen. Sie war nicht gerade eine Schönheit. Weder ihr schmales Gesicht mit dem breiten Mund noch ihre Figur war dazu angetan, ein Männerherz sofort höher schlagen zu lassen. Trotzdem schaffte sie es immer wieder, mich in Erregung zu versetzen.

Johanna nahm auf der Bettkante Platz. Um ihren breiten Mund spielte ein betörendes Lächeln. Sie roch wieder nach diesem Parfüm, dessen Duft ich so mochte, dessen Namen ich mir aber nie merken konnte.

Vielleicht war es der Duft des Parfüms, vielleicht auch die Art, wie sie mich streichelte, dass ich sofort in Erregung geriet. Ich weiß es nicht. Jedenfalls war ich ihr in diesen Augenblicken hoffnungslos verfallen.

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II

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Wir frühstückten um dreiviertel sieben. Den Frühstücksraum hatten wir für uns allein. Es waren ohnehin nur sehr wenige Urlauber auf der Insel. Bei meiner Planung hatte ich das berücksichtigt. Wer macht schon im November Urlaub in der Karibischen See, abseits der Touristenströme auf dieser kleinen, fast vergessenen Insel Eutera. Sie war der ideale Platz für meinen Mord.

Das Personal des kleinen Hotels war sehr freundlich und zuvorkommend. Obwohl es normalerweise erst ab sieben Frühstück gab, wurden wir sofort bedient. Man brachte uns Spiegeleier mit Schinken, Kaffee, Weißbrot und ein Glas Orangensaft. Da ich dem jungen schwarzen Ober gleich nach unserer Ankunft ein saftiges Trinkgeld zugesteckt hatte, überschlug er sich fast vor Diensteifer und Aufmerksamkeit.

Um sieben Uhr fünfzehn waren wir fertig. Ich zündete zwei Zigaretten an, gab Johanna eine und lehnte mich zurück.

„Was steht denn heute auf dem Programm?“, fragte sie.

„Ich würde eine Wanderung am Meer entlang vorschlagen“, antwortete ich. Nie entschied ich selbst, was wir gemeinsam unternehmen wollten. Ich gab ihr immer das Gefühl, als könnte sie das bestimmen. Aber sie hatte nie einen anderen Vorschlag gemacht, die ganzen fünf Tage nicht. Sie hatte bisher allem begeistert zugestimmt, was ich vorschlug. Also erwartete ich auch jetzt nichts anderes als Zustimmung.

Johanna schwieg eine Weile, zog an ihrer Zigarette und stieß den Rauch langsam aus. Dann sagte sie: „Bist du mir böse, wenn ich heute nicht mitgehe? Ich bin nicht ganz auf der Höhe. Meine Migräne macht mir wieder zu schaffen.“

Ich muss sie einen Augenblick angestarrt haben, als wollte ich sie auf der Stelle umbringen, denn plötzlich zuckte sie erschrocken zurück.

„Was ist, habe ich dich verärgert?“, fragte sie unsicher.

Ich schenkte ihr mein charmantestes Lächeln. „Nein, es ist nicht der Rede wert. Ich bin nur ein wenig enttäuscht, weil ich mich so auf die Wanderung gefreut habe. Weißt du, der Strand ist herrlich; links das schäumende, brausende Meer mit den riesigen Wellen, rechts die hohen, steilen Klippen. Ich hätte es mir so schön vorgestellt, mit dir allein... Aber du hast recht; wenn du Migräne hast, ist es besser, wir bleiben hier.“ Ich strich ihr zärtlich über die langen blonden Haare.  „Ich weiß ja, wie sehr dich deine Migräne immer plagt.“

„Du würdest gern gehen, nicht wahr, Liebling.“ Jetzt lächelte sie wieder.

Ich nickte. „Ja.“

„Dann werden wir gehen“, entschied sie. „Ich möchte die Klippen auch sehen und das Meer und die Wellen erleben. Es wird bestimmt schön werden.“

„Nein“, widersprach ich. „Du hast Migräne. Es wäre unsinnig, dich zu etwas zu überreden, von dem du dann doch nichts hast. Wir bleiben hier.“

„Wir gehen“, beharrte sie. „Meine Kopfschmerzen sind so schlimm auch wieder nicht. Ich werde eine Tablette nehmen, dann dürfte es bald besser werden. Die frische Luft wird mir bestimmt gut tun.“

Ich triumphierte innerlich. So hatte ich es geplant. Sie musste zum Strand wollen, nicht ich. Und ich als liebender Gatte würde ihren Wunsch natürlich respektieren und sie begleiten.

Ich warf einen Blick zu unserem Kellner hinüber; er saß an einem kleinen Tisch und beobachtete uns. Sicherlich hatte er unser Gespräch verfolgt. Es war wichtig, dass er alles mitbekam. Eines Tages konnte ich ihn vielleicht brauchen. Wenn sich jemals herausstellen sollte, dass mein Plan einen Fehler hatte, konnte die Aussage des Kellners für mich von größter Wichtigkeit sein.

Etwas lauter als vorher sagte ich: „Bitte, sei vernünftig, Liebling. Wenn du nicht ganz auf der Höhe bist, sollten wir hier bleiben. Wir können ein anderes Mal zu den Klippen hinausgehen. Morgen oder übermorgen. Wir haben doch noch so viel Zeit.“

„Ich möchte aber.“ Sie lächelte mich an. Das war typisch Frau. Sie wollte ihren Kopf durchsetzen. Jetzt sah es fast so aus, als sei es ihre Idee gewesen, zu den Klippen zu wandern.

Ich überlegte, wie weit ich gehen konnte. Sollte ich gleich nachgeben oder sie noch eine Weile hinhalten? Ich entschloss mich zum Hinhalten.

„Ich weiß nicht recht, Liebling.“ Ich schüttelte bedächtig den Kopf. „Während du deinen Mittagsschlaf gehalten hast, bin ich schon zweimal draußen gewesen. Es ist einfach herrlich dort. Eine wildromantische Gegend, aber gefährlich. Es führt nur ein schmaler, sehr schlüpfriger Pfad zum Strand hinunter. Man muss alle fünf Sinne beisammen haben. Wenn man wie du...“

„Liebling“, unterbrach sie mich lächelnd. „Du bist ja bei mir. Und außerdem sind meine Kopfschmerzen fast weg.“

„Ich möchte, dass du Freude an dem Spaziergang hast...“

„Es wird sehr schön werden.“

„Bist du ganz sicher?“

„Ganz sicher.“

Jetzt war der Punkt gekommen, nachzugeben.

„Gut“, lenkte ich ein, „du hast mich überzeugt. Aber du musst mir versprechen, dass du immer dicht bei mir bleibst.“

„Ich verspreche es“, gurrte sie. „Ich werde keinen Schritt von deiner Seite weichen.“

Ich erhob mich. „Nimm wenigstens noch eine Tablette“, bat ich fürsorglich, „damit du auch wirklich keine Kopfschmerzen mehr hast. Es wäre schade, wenn...“

„Ich werde eine Tablette nehmen.“

Sie erhob sich ebenfalls, und ich legte einen Arm um ihre Hüfte. Beim Hinausgehen warf ich einen Blick auf den Ober. Er lächelte. Gut so. Er würde sich an diese Szene erinnern.

In unserem Zimmer nahm ich meine Wanderschuhe aus dem Schrank. Sie hatte auch welche, aber sie wollte die Dinger nicht anziehen. Ich hatte damit gerechnet. Es war wichtig, dass sie die Schuhe bei diesem Spaziergang nicht trug.

Ich getraute mich diesmal nicht, die Prozedur aus dem Frühstücksraum zu wiederholen. Es könnte mir passieren, dass sie auf meine Bitte hin die Schuhe tatsächlich anzog. Außerdem war ja jetzt niemand da, der zuhörte.

Johanna zog ihre Sandaletten an. Sie war der Meinung, die Wanderschuhe passten nicht zu ihren schlanken Beinen.

„Du hast recht, die Sandaletten passen besser zu dir“, lobte ich. „In den Wanderschuhen siehst du aus wie eine Kuhmagd.“

„Siehst du“, triumphierte sie. „Jetzt sagst du es auch. Ich wusste, dass diese schweren Klötze nicht zu mir passen.“ Und lächelnd fügte sie hinzu: „Ich kann mich ja an dir festhalten, wenn es gefährlich wird.“

„Klar“, bestätigte ich und küsste sie auf die Wange.

Ich griff nach meiner ledernen Umhängetasche. „Nimm deine Tablette“, erinnerte ich sie.

Johanna kramte ihre Schmerzpillen aus der Handtasche. Während sie nach einem Glas Wasser griff, um die Tablette mit etwas Wasser herunterzuspülen, kontrollierte ich hastig, ob ich alles hatte. Es war alles da: der Fotoapparat, zwei Blitzgeräte, auch das Auslösekabel. Die Kamera war sehr teuer gewesen. Aber ich hatte sie dennoch gekauft. Ich brauchte einen Fotoapparat, auf den ich mich hundertprozentig verlassen konnte. Und dieser war sehr zuverlässig.

Ich schloss die Tasche und sah zu Johanna hinüber, die am Spiegel stand und sich die Lippen nachzog.

„Bist du fertig, Liebling?“

„Gleich.“

Sie drückte den Deckel auf den Lippenstift, presste die Lippen ein paar Mal zusammen und wandte sich um. Ihr Mund wirkte jetzt noch breiter. Das machte sie bestimmt nicht schöner.

„Wir können gehen“, sagte sie, hängte sich bei mir ein und zog mich zur Tür. Ich schloss das Zimmer ab; den Schlüssel gab ich dem jungen Mann, der gerade den grauhaarigen Nachtportier ablöste. Sie wünschten uns grinsend einen schönen Tag. Wir bedankten uns, und ich grinste zurück.

Draußen wehte eine frische Brise vom Meer her. Der Himmel war blau und fast wolkenlos. Es würde ein schöner Tag werden. Nur nicht für Johanna. Für sie würde es der letzte Tag ihres Lebens sein. Wenn sie es gewusst , ja, wenn sie nur irgend etwas geahnt hätte, dann wäre sie mir davongelaufen, so schnell sie gekonnt hätte. So aber hängte sie sich an meinen Arm und himmelte mich verliebt an.

Wahrscheinlich war ich der erste Mann, der sie gut behandelte. Nun musste auch ich sie enttäuschen. Aber es würde die letzte Enttäuschung in ihrem Leben sein.

Wir brauchten zwanzig Minuten bis zu den Klippen. Auf Anhieb fand ich den schmalen Pfad, der zum Meer hinunter führte und den ich für mein Vorhaben ausgesucht hatte.

„Lass uns hier runtergehen“, schlug ich vor. „Dieser Weg ist der bequemste.“

„Du scheinst dich ja hier gut auszukennen“, meinte sie. „Warst du schon einmal hier?“

Ich starrte sie an. „Wie meinst du das?“

„Ich meine, ob du früher schon mal auf dieser Insel gewesen bist.“

„Ich? Nein, natürlich nicht. Wie kommst du darauf?“

„Weil du dich hier so gut auskennst.“

Ich glaubte, so etwas wie Misstrauen in ihren Augen zu lesen. Ahnte sie etwas? Nein, das war völlig ausgeschlossen. Ich hatte bei allem, was ich getan und gesagt hatte, äußerste Vorsicht walten lassen. Sie konnte nichts ahnen.

Und dann fiel mir auch ein, woher das kam. Eine Frau wie sie musste einfach misstrauisch sein.

Ich schenkte ihr mein charmantes Lächeln, von dem ich wusste, dass sie ihm nicht widerstehen konnte. Und so war es denn auch. Das Misstrauen schwand aus ihren Augen.

„Aber Liebling“, sagte ich außerdem beruhigend, „Ich habe dir doch erzählt, dass ich schon zweimal hier draußen war, während du deinen Mittagsschlaf gehalten hast. Da muss ich mich doch ein wenig auskennen.“

Dass ich auch nachts zweimal in den Klippen gewesen war, brauchte ich ihr ja nicht auf die Nase zu binden.

„Nachts warst du auch mal hier“, sagte sie plötzlich lächelnd.

Ich stand wie vom Donner gerührt. Diese verdammte Hexe! dachte ich. Hat sie es also doch gemerkt. Aber ich fasste mich sofort wieder. Die Tatsache, dass sie um meine nächtlichen Wanderungen wusste, war kein Grund zur Panik.

„Ich soll nachts hier draußen gewesen sein?“ Lächelnd tippte ich mit dem Finger gegen meine Stirn. „Ich bin doch nicht verrückt. Wer nachts in diesen steilen und scharfkantigen Klippen herumklettert, muss doch lebensmüde sein, und das bin ich bestimmt nicht. Gut, ich bin schon nachts aufgestanden, habe mich angezogen und bin nach unten gegangen, weil ich nicht schlafen konnte. Aber ich war bestimmt nicht hier.“

„Nun reg dich doch nicht auf“, beschwichtigte Johanna. „Ich habe das doch nur so dahergesagt.“

„Ich muss mich schließlich wehren, wenn du der Meinung bist, ich wäre ein Selbstmörder“, erklärte ich.

„Ist doch Quatsch.“ Sie hakte sich wieder bei mir unter. „Komm, lass uns runtersteigen.“

„Okay.“ Ich ging bis zum Rand der Klippen. Gut fünfzig Meter unter uns rauschte die Brandung. Meterhohe Wellen wurden von spitzen, vereinzelt aus dem Wasser ragenden Felsen geteilt und liefen dann langsam im Sandstrand aus.

„Du hattest recht“, seufzte Johanna hingerissen. „Hier ist es herrlich.“

Ich lachte. „Ich habe immer recht.“

„Natürlich“, erwiderte sie ergeben lächelnd. „Du hast immer recht.“

Vorsichtig betrat ich den Pfad. „Bleib immer dicht hinter mir“, mahnte ich.

Sie krallte sich an meinem Gürtel fest und hinderte mich am Gehen. Nach ein paar Metern wären wir um ein Haar beide abgestürzt, weil sie stolperte und mich nach vorne stieß. Ich konnte mich gerade noch an einer Felsenkante festhalten und riss mir dabei die rechte Hand auf.

Als wir das Gleichgewicht wiedergefunden hatten, war ich plötzlich so wütend, dass ich sie am liebsten geschlagen hätte. Aber ich riss mich zusammen, so gut ich konnte. „Bitte, Liebling, halte dich nicht mehr an mir fest“, sagte ich, „sonst stürzen wir noch ab. Du hast ja eben gesehen, was passieren kann.“

„Ich werde mich nicht mehr an dir festhalten“, versprach sie kleinlaut. „Und ich werde jetzt auch besser aufpassen.“

„Hoffentlich“, knurrte ich.

Wir gingen langsam weiter. Sie blieb immer einen Schritt hinter mir und trampelte mir nicht mehr auf den Hacken herum. An einigen besonders steilen und gefährlichen Stellen drehte ich mich um, reichte ihr meine Hand und half ihr vorsichtig weiter. Sie lächelte mir dankbar zu.

Und dann standen wir an der Stelle, die ich mir ausgesucht hatte, an der alles vorbereitet war. Genau an dieser Stelle musste es geschehen. An keinem anderen Platz der Welt hätte ich sie umbringen können, nur hier.

Ich blieb stehen. Meine Handflächen wurden feucht, und ich wischte sie mit einer fahrigen Bewegung an meinen Hosenbeinen ab. Ich fühlte, dass ich zitterte.

Jetzt musst du etwas sagen, dachte ich. Vielleicht, dass wir hier etwas rasten oder den Ausblick genießen wollen oder so. Einfach irgendwas. Sie könnte sonst wieder misstrauisch werden. Aber ich brachte keinen Ton über die Lippen. Meine Kehle war wie zugeschnürt.

„Was ist los, Paul?“, fragte Johanna hinter mir. „Warum gehst du nicht weiter?“

Ich riss mich zusammen. „Sieh dir mal das Meer an.“ Meine Stimme klang ein wenig heiser und gepresst. „Ist es nicht schön?“

„Ja, Paul“, sagte Johanna leise und schmiegte sich an meine Schulter. „Es ist wunderschön hier.“

Jetzt wusste ich, dass sie den veränderten Ton in meiner Stimme nicht bemerkt hatte. Ich spürte, wie mein Zittern nachließ. Jetzt konnte ich mich ihr zuwenden, ohne dass sie eine Veränderung in meinem Gesicht bemerken würde.

Ich hatte sie richtig eingeschätzt. Sie bemerkte nichts. Lächelnd lehnte sie sich an mich, legte ihre Wange an meine Schulter und blickte aufs Meer hinaus.

Ich tat, als bemerkte ich erst jetzt das etwa zwei Quadratmeter große Plateau zu unserer Linken.

„Sieh mal, Johanna!“, sagte ich. „Das Plateau. Das kommt uns wie gerufen. Lass uns ein wenig hier bleiben. Der Blick von hier aufs Meer ist einfach zu schön.“

Sie stimmte sofort zu. Ich zog meine Jacke aus und legte sie auf den blanken Felsen. Wir setzten uns.

Irgendwie musste es jetzt weitergehen. In meinem Plan war alles so einfach gewesen. Jedes einzelne Wort, das ich von diesem Moment an sagen wollte, hatte ich mir aufgeschrieben. Aber plötzlich war alles weg. Es war wie bei einem Schauspieler, der auf der Bühne steht und seinen Text vergessen hat. Nur bruchstückhaft konnte ich mich an das erinnern, was ich mir aufgeschrieben hatte. Aber diese Bruchstücke konnte ich Johanna nicht anbieten. Sie hätte sofort Verdacht geschöpft. Misstrauisch genug war sie ja.

Also sagte ich nichts. Schweigend starrten wir beide aufs Meer hinaus. Weit hinten am Horizont fuhr ein Dampfer. Aber er war viel zu weit weg, als dass jemand uns hätte sehen können. Auch unten am Sandstrand war weit und breit keine Menschenseele. Die besten Bedingungen also für einen Mord. Aber mir fiel nicht ein, was ich sagen wollte.

Es war zum Verrücktwerden.

Ich sah Johanna von der Seite an. Sie hatte wieder diesen glücklichen Ausdruck im Gesicht. Mir gefielen das Meer und das Spiel der Wellen ebenfalls. Aber ich war keineswegs glücklich. Ich konnte gar nicht glücklich sein; dazu waren meine Schulden zu hoch. Ich würde erst aufatmen können, wenn ich wieder Geld in den Fingern hatte. Mit eineinhalb Millionen wären mein Haus und meine Firma gerettet. Und sie konnte mir zu dem Geld verhelfen. Sie würde mir dazu verhelfen müssen.

Plötzlich fiel es mir ein. Der Gedanke an das Geld hatte meinem Gedächtnis auf die Sprünge geholfen.

Ich griff in meine Umhängetasche, holte ein Päckchen Zigaretten heraus, reichte ihr eine und zündete mir selbst auch eine an. Als ich die Zigaretten in die Tasche zurücklegte, bemerkte ich leichthin: „Was hältst du davon, wenn wir ein Foto von uns machen. Hier, mitten in den Klippen, in dreißig Meter Höhe, könnten wir von uns ein tolles Bild schießen.“

Sie lachte. „Du machst Witze. Wie soll denn das funktionieren. Es ist weit und breit niemand zu sehen, der uns knipsen könnte.“

„Das ist nicht nötig“, erklärte ich geduldig. „Mein Fotoapparat hat einen Selbstauslöser.“

„Das weiß ich“, antwortete sie lächelnd. „Aber du schaffst es niemals, in der kurzen Zeit von dort unten wieder heraufzuklettern.“

„Du täuschst dich.“ Ich nahm ein kurzes Kabel aus meiner Tasche. „Weißt du, was das ist?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Das ist ein Verlängerungskabel für den Selbstauslöser“, erklärte ich.

„Davon habe ich noch nie etwas gehört“, gestand sie.

„Das glaube ich dir gern“, erwiderte ich freundlich. Ich zeigte ihr meine Kamera. „Dieser Apparat ist der neueste und modernste, den es auf dem Gebiet der Fotografie gibt. Es ist eine Yashica FR. Sie besitzt statt des herkömmlichen Drahtauslöseranschlusses einen Kontaktnippel für ein Fernauslösekabel. Ich muss jetzt nur die Kamera unten aufbauen, das Kabel richtig anschließen und heraufkommen. Dann kann ich die Kamera mit Hilfe eines Blitzes von hier oben auslösen.“

Johanna sah mich ungläubig an. „Das gibt es doch gar nicht.“

„Oh, doch“, versicherte ich. „Das gibt es. Du wirst es gleich selbst erleben.“

„Das mit dem Kabel leuchtet mir ja noch ein“, murmelte Johanna zweifelnd. „Aber mit einem Blitz eine Kamera auslösen? Ich weiß nicht. Ich kann mir das einfach nicht vorstellen.“

Ich verlor keinen Augenblick die Geduld. Es erfüllte mich mit Stolz, ihr das erklären zu können, auch wenn sie es nicht begriff. Ich musste einfach mein Wissen anbringen. Sie konnte ja nichts mehr weitergeben, denn in wenigen Minuten würde sie  tot sein.

„Mit einem Blitz geht es natürlich nicht.“ Ich zeigte ihr den kleinen Elektronenblitz und den Servoblitzauslöser. „Es funktioniert nur mit diesen beiden Blitzgeräten, wobei der Servoblitzauslöser unbedingt der Mecalux von Metz sein muss. Ich verbinde nun also das Blitzkabel mit dem Mecalux und dem Fernbedienungskontakt der Yashica, komme herauf, nehme diesen Elektroblitz zur Hand und blitze damit in Richtung auf eine lichtempfindliche Stelle des Mecalux. In diesem Moment löst die Kamera aus, und das Bild ist fertig. Allerdings muss ich darauf achten, dass ich mit dem Elektronenblitz nicht gegen die Sonne blitze.“

„Aber die Entfernung“, gab Johanna zu bedenken.

„Das dürfte eigentlich auch kein Problem sein“, stellte ich fest. „Die Firma, die dieses Gerät entwickelt hat, gibt an, dass es auf hundert Meter Entfernung getestet worden ist und dabei einwandfrei funktioniert hat. Wir haben hier höchstens eine Strecke von dreißig Metern zu überwinden. Also müsste es problemlos klappen."

Ich verriet ihr natürlich nicht, dass ich dies schon einige Male ausprobiert hatte. So weit ging mein Mitteilungsbedürfnis doch wieder nicht. Mein Gewissen hatte sich unterdessen etwas beruhigt. Während meiner Erklärungen war ich auf einmal zu der Überzeugung gekommen, dass ich selbst an diesem Mord nur die halbe Schuld trug; die andere Hälfte ging auf das Konto der Technik.

Der Fortschritt der Technik würde mir zu einem perfekten Unschuldsbeweis verhelfen. Hätte ich nicht eine technisch so ausgereifte Kamera zur Hand gehabt, wäre ich nicht in der Lage gewesen, diesen Mord zu begehen. Diese Feststellung beruhigte mich ungemein.

Johanna war sehr beeindruckt von meinen Erläuterungen. Sie war neugierig geworden. Damit hatte ich gerechnet.

„Geh schon, Paul, bau den Apparat auf“, drängte sie. „Jetzt will ich es unbedingt sehen, sonst glaube ich es nicht.“

Ich erhob mich und griff nach meiner Tasche. „Bleib ruhig hier sitzen“, sagte ich. „Ich bin in ein paar Minuten wieder da.“ Und voller Stolz fügte ich hinzu: „Das gibt ein Foto. Ich werde den Apparat so einstellen, dass alle glauben werden, wir wären die glatte, steile Wand hinaufgeklettert.“

„O ja, tu das!“ Sie schlug vor Freude die Hände zusammen. „Das wird eine Wucht.“

Ja, dachte ich, das wird wirklich eine Wucht.

Ich machte mich auf den Weg. Da ich den Pfad schon zweimal nachts im Mondlicht gegangen war, kannte ich ihn gut und war in weniger als zwei Minuten unten. Auf Anhieb fand ich auch die Stelle, an der ich meinen Fotoapparat aufbauen würde. Ich hatte sie unauffällig markiert.

Nachdenklich blickte ich nach oben. Johanna winkte mir, und ich sah das Lächeln auf ihrem breiten Mund.

Nicht mehr lange, dachte ich. Nur noch ein paar Minuten, und du wirst nie mehr lächeln können.

Ich winkte zurück und rief: „Fall mir nicht runter!“

„Nein!“, rief sie zurück. „Ich pass schon auf!“

Ich nahm die Umhängetasche von der Schulter und stellte sie auf den Boden. Als ich sie zu öffnen versuchte, klemmte der Reißverschluss. Mit aller Kraft riss ich daran. Aber es ging nicht. Ein Stück Stoff war eingeklemmt. Unvermittelt wurde ich wieder nervös und unruhig; ich betrachtete die Schwierigkeit als schlechtes Vorzeichen.

Erneut riss ich mich zusammen. Wenn ich jetzt in Panik geriet, war alles vorbei. Ich dachte daran, was ich schon alles geleistet und wie viele Situationen ich bis jetzt gemeistert hatte, ohne auch nur die geringste Spur von Nervosität zu zeigen.

Das half. Meine Finger hörten auf zu zittern. Ich versuchte es erneut mit dem Reißverschluss, diesmal mit mehr Gefühl. Es klappte. Die Tasche war offen. Ich atmete auf.

Ich war jetzt wieder ruhig und eiskalt.

Ohne zu zittern nahm ich das Stativ aus der Tasche. Ich zog es auseinander und brachte es an die markierte Stelle. Dann nahm ich meine teure Kamera heraus, schloss das Blitzkabel an und schraubte den Apparat auf das Stativ. Die blanken Chromteile blitzten in der Sonne. Ein großer Vogel, der lautlos über mich hinwegflog, spiegelte sich darin.

Während ich mich bückte, um die Kamera auf Johanna einzustellen, blickte ich mich unauffällig nach allen Seiten um. Ich trat ein paar Schritte zurück, blickte nach links und nach rechts. Niemand war zu sehen. Hinter mir rauschte das Meer und schwemmte allerlei Kleintiere an den Strand, die die nächste Welle wieder zurücknahm. Das Schiff, das ich vorher weit draußen gesehen hatte, war jetzt verschwunden. Vielleicht war es auch nur von meinem Standort aus nicht zu sehen. Egal, es war weit genug weg.

Ich warf einen Blick hinauf. Johanna saß ruhig auf dem Plateau. Ich winkte, sie winkte zurück. Ihre langen blonden Haare flatterten im Wind, und ich dachte, dass es um diese schönen Haare eigentlich schade sei.

Johanna formte beide Hände zu einem Trichter vor dem Mund. „Wie lange dauert es denn noch, Paul!“

„Ich bin gleich fertig!“

Die Kamera einzustellen war für mich Routine. Das hatte ich tausendmal geübt. Es war mir in Fleisch und Blut übergegangen, und ich hätte jeden Handgriff blind ausführen können.

Ich sah durch den Sucher und stellte die Kamera so ein, dass Johanna am oberen Bildrand zu sehen war. Damit hatte ich noch zwanzig Meter Felswand im Bild.

In diesem Augenblick wurde mir wieder heiß. Ich dachte plötzlich daran, wie lange ich gebraucht hatte, um die Zeit auszurechnen, die Johanna für diesen Weg im Fall brauchen würde. Die Formel für die Berechnung des Weges hatte ich im Kopf. Den Weg konnte ich nur schätzen. Ich brauchte die Zeit. Zahlen und Buchstaben schwirrten mir in meinem Kopf wild durcheinander. Ich war nicht fähig, sie zu ordnen. Das einzige, was ich behalten hatte, war die Formel für den Weg: S = g : 2 . t². Es hatte beim ersten Versuch über eine Stunde gedauert, bis mir einfiel, dass ich die Formal ja nur umzuwandeln brauchte. Jetzt ging es. Ich rechnete zehnmal nach. Die Zahl blieb die gleiche: 2,1 Sekunden. Höchstens so lange durfte es dauern, bis der Elektroblitz den Verschluss der Kamera öffnete.

Bei den vielen hundert Malen, die ich geprobt hatte, war es jedoch noch nie passiert, dass der Verschluss mehr als eine Sekunde abwich. Und er war nie zu früh gekommen, immer etwas zu spät; mal war es eine halbe, mal eine dreiviertel Sekunde gewesen, aber nie mehr als eine Sekunde. Es war schon eine schöne Sache mit der Technik. Ich warf noch einen letzten Blick zu Johanna hinauf. Sie war jetzt auf dem Plateau ganz nach vorne gerutscht, ließ die Beine über dem Abgrund baumeln und winkte mir ungeduldig zu.

Ich lächelte selbstzufrieden. „Du wirst es wohl noch erwarten können“, murmelte ich vor mich hin. „Man stirbt nur einmal. Lass dir Zeit. Koste deine letzten Sekunden aus. Sieh dir das Meer an und die Wellen, nimm alles bewusst in dich auf, denn es muss für eine Ewigkeit reichen.“

Plötzlich dachte ich an meinen Vater. Er nannte mich immer einen Versager. Ich konnte ihm nie etwas recht machen. Nie! Was immer ich in die Finger nahm, war Murks in seinen Augen.

Scheiße, hatte er immer gesagt. Was du machst, ist Scheiße. Kannst du denn nicht einmal etwas richtig machen?

Es kam so weit, dass ich Angst davor hatte, etwas zu tun, wenn er dabei war. Ich drückte mich vor jeder Arbeit.

Vieles, was ich machte, war tatsächlich schlecht. Aber manches war auch gut; doch nicht gut genug für meinen Vater. Bei ihm musste alles perfekt sein. Und perfekt war nichts, was ich machte. Ich war und blieb für ihn ein Versager bis zu seinem Tod. Wenn er damals nicht so plötzlich durch einen Autounfall ums Leben gekommen wäre, hätte ich nicht einmal die Firma geerbt. Er hätte mir niemals die Fähigkeit zugetraut, die Firma zu leiten.

Ich lächelte grimmig. Wenn er mich jetzt sehen könnte. Vielleicht würde ich dann endlich einmal ein Lob aus seinem Munde hören. Was ich diesmal geplant hatte und jetzt ausführte, war perfekt bis ins Detail.

„Was ist los, Paul?“, hörte ich Johanna rufen. „Warum kommst du denn nicht?“

„Ich komme!“, rief ich zurück.

Es war soweit. Johanna hatte nur noch Minuten zu leben.

Ich begann den Aufstieg. Nicht so schnell oder gar hastig und nicht zu langsam. Ich hatte mich wieder ganz in der Gewalt. Ich ging so, wie ich es geprobt hatte, um nicht außer Atem zu geraten. Zu dem, was nun kam, brauchte ich eine ruhige Hand. Nach etwa drei Minuten stand ich neben Johanna.

„Und?“, fragte sie. „Klappt es?“

„Natürlich“, sagte ich. „Es muss klappen.“

Ich trat hinter Johanna. Ein kurzer Blick in die kleine Nische am hinteren Ende der Festplatte sagte mir, dass mein Werkzeug noch da war – und dass sie es nicht bemerkt hatte. Es war ein unauffälliger, eineinhalb Meter langer Stock, der ungefähr die Farbe der Felsen hatte.

„Und wie geht es jetzt weiter?“, fragte Johanna.

„Nun können wir uns in Positur stellen“, antwortete ich.

„Also gut, stellen wir uns hin.“ Und dann: „Wie soll ich mich geben? Brav und züchtig oder sexy?“

„Sexy“, forderte ich. „Nur sexy.“

Sie kam mir geradezu entgegen. Besser hätte ich es mir gar nicht wünschen können.,

Ich fasste sie um die Hüften und schob sie ein Stück nach rechts. „Stell dich hierhin... nein, weiter nach rechts... gut so. Und jetzt nimm den rechten Fuß nach vorn und stell ihn auf den kleinen Vorsprung... ja, so ist es gut. Ausgezeichnet!“

Ein Blick nach unten. So musste es gehen.

Ich stellte mich neben sie. Johanna hob den Rock hoch. Als ich hinsah, stellte ich fest, dass sie nichts darunter trug.

„Das ist die Idee“, sagte ich.

Ich blickte kurz nach dem Stock. Er lag griffbereit dort, wo ich ihn brauchte.

Jetzt musste ich hinter sie kommen.

„Wir stehen noch nicht richtig“, sagte ich. Vorsichtig löste ich mich von ihr und ging in ihren Rücken. „Stell dich etwas besser in Pose. Zeig alles, was du hast. Alles.“

Ich schob mich langsam zurück.

Jetzt der Stock.

Johanna hob den Rock höher und spreizte die Beine.

Ich griff nach dem Stock und setzte ihn an ihrer rechten Ferse an. Gleichzeitig versuchte ich, mich so tief wie möglich in die Nische zu drücken.

„Ist es so gut?“, hörte ich Johanna fragen.

„Ja, so ist es gut. Bleib so. Nicht mehr bewegen.“

Meine Stimme war rau und brüchig. Kalter Schweiß trat auf meine Stirn.

Ich schob meine linke Hand mit dem Elektronenblitz nach vorn.

Jetzt!

Ich machte beides gleichzeitig.

„Paul, warum...“

Dann folgte ein grauenhafter Schrei.

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III

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Um ganz sicherzugehen, wartete ich drei oder vier Sekunden. Dann wagte ich mich an den Rand des Plateaus.

Der Schreck, der mir durch die Glieder fuhr, lähmte mich am ganzen Körper und trieb mir einen eisigen Schauer über den Rücken.

Johanna war nicht abgestürzt.

Sie hielt sich an der Kante des Plateaus fest und schaute mich aus weitaufgerissenen Augen an. Ich blickte auf ihre Hände. Sie krallte sich mit den Fingerspitzen am Felsen fest, und es war nur noch eine Frage der Zeit, ihrer Kraft und ihrer Ausdauer, bis sie wirklich abstürzen würde.

„Warum hast du das getan, Paul?“ Ihre Stimme klang hoch und schrill; ihr Gesicht war von Todesangst verzerrt; ihre Augen traten fast aus den Höhlen.

Ich rührte mich nicht. Ich war nicht fähig, die Tat zu vollenden, auf die Finger zu schlagen, damit sie losließ. Ich hockte auf allen vieren am Rand der Felsplatte und starrte in Johannas hervorquellenden Augen.

„So hilf mir doch, Paul! Hilf mir hinauf!“

Ich sagte noch immer nichts.

Ihre Kräfte ließen jetzt offenbar nach. Wie gebannt hingen meine Augen an ihren Händen. Nur noch wenige Sekunden, dann würde alles vorbei sein...

„Ich will noch nicht sterben, Paul! Bitte, hilf mir hinauf! Paul...“

Der Schrei von vorhin wiederholte sich. Diesmal länger und schriller. Er ging mir durch Mark und Bein; auf meinem Körper bildete sich eine Gänsehaut.

Als ihr Kopf gegen einen Felsvorsprung prallte, verstummte ihr Schrei abrupt. Sie schlug noch zweimal gegen die Felsen, bevor sie mit einem dumpfen Schlag im Sand landete.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich noch bewegungslos auf dem Plateau verharrte. Plötzlich war mir kalt. Ich fror entsetzlich.

Zitternd erhob ich mich und starrte aufs Meer hinaus. Das Schiff war jetzt nicht mehr zu sehen. Die Wellen schlugen noch genauso hoch wie vorher, brachen sich an den Felsen und liefen langsam im Sand aus. Ein paar Vögel schrien in den Klippen. Zwei zankten sich; ihr Geschrei übertönte sogar noch das Rauschen der Brandung.

Ich spähte den Strand hinauf und hinunter. Es war niemand zu sehen. Ich war allein.

Wie ein Automat setzte ich mich in Bewegung. Erst als ich den halben Wag zurückgelegt hatte, dachte ich daran, was ich noch alles erledigen musste, um den Mord als Unfall erscheinen zu lassen.

Ich zerbrach den trockenen Stock, der mir als Werkzeug gedient hatte und den ich noch immer in der Hand hielt, in viele kleine Teile. Die Holzstücke warf ich ins Meer hinaus. Sie würden von der Brandung zwar wieder angeschwemmt werden, aber das hatte keine Bedeutung. Es wurden eine Menge Holz und anderes Zeug von den Wellen an den Strand getragen. Daraus konnte mir niemand einen Strick drehen.

Anders war es schon mit dem Auslöserkabel. Das musste ich verschwinden lassen. Das Versteck hatte ich ebenfalls vorher ausgesucht. In der Felswand gab es genügend Felsspalten und Höhlen, und in einer dieser Höhlen hatte ich ein Loch gegraben.

Ich zog das Auslöserkabel aus dem Apparat und vergrub es. Dann erst ging ich langsam dorthin, wo Johanna aufgeschlagen war.

Schon an der Art, wie sie lag, sah ich dass sie tot war. Stumm und regungslos starrte ich auf sie hinunter. Ich fühlte nichts, rein gar nichts. Ich wunderte mich noch nicht einmal über meine Kaltblütigkeit.

Johannas Rock war ganz nach oben gerutscht. Sie musste mit dem Kopf zuerst aufgeschlagen sein. Ich setzte mich neben sie in den Sand, rückte den Rock zurecht und blickte aufs Meer hinaus.

Die Wellen waren kleiner geworden. Der Wind hatte nachgelassen, und die Temperatur stieg an. Oben im Dorf würde es sicherlich wieder sehr heiß sein. Ich hoffte darauf, denn auch das gehörte zu meinem Plan.

Ich hatte mich vorher genau erkundigt. Von dieser Insel wurden Tote nicht in ihr Heimatland überführt. Alle, die hier starben, wurden spätestens einen Tag nach ihrem Tod verbrannt. Es war hier unmöglich, die Toten drei Tage lang aufzubahren, wie dies in europäischen Ländern üblich ist; es gab keine kühle Leichenhalle.

Tote Touristen wurden von den besten Ärzten der Insel darauf untersucht, ob sie einwandfrei nicht mehr lebten. War dies der Fall, kamen sie sofort ins Krematorium.

Eine schöne Einrichtung, dachte ich. Jedenfalls ist sie für mich sehr schön und praktisch.

Und dann kam mir langsam zum Bewusstsein, dass ich ja nun die Rolle des trauernden Ehemannes zu spielen hatte. Ich musste gut und überzeugend wirken.

Ein Blick noch auf Johanna. Unter ihrem Kopf hatte sich ein großer dunkler Fleck im Sand gebildet. Es war Blut. Johannas Blut. Es erinnerte mich daran, dass sie beim Absturz mit dem Kopf gegen den Fels geschlagen war.

Obwohl ich die Wunde nicht sah, spürte ich ein Rumoren in meinem Magen. Ich würgte. Schnell stand ich auf, ging ein paar Schritte weg, lehnte mich an einen Felsen und übergab mich.

Es war für mich schon immer eine schreckliche Qual gewesen, wenn ich mich übergeben musste. Diesmal war es besonders schlimm. Ich glaubte, auf der Stelle sterben zu müssen. Tränen traten mir in die Augen, und ich hatte das Gefühl, jeden Moment zu ersticken.

Plötzlich stand er neben mir.

Er war sehr alt, hatte schlohweißes Haar und einen weißen, stoppeligen Bart. Seine braune Haut wirkte wie gegerbtes Leder. Er steckte in ausgefransten Shorts und einem zerschlissenen Leibchen, das ehemals ein Unterhemd gewesen sein musste. Aus seinem schmalen, hohlwangigen Gesicht musterten mich schwarze, stechende Augen.

Der Schock über sein urplötzliches Auftauchen erlöste mich von meinem quälenden Würgen. Es war vorbei. Aber ich muss einen mitleiderregenden Anblick geboten haben, denn das Stechende in seinen Augen verschwand.

Er fragte mich etwas in der mir fremden Sprache der Inselbewohner. Ich verstand ihn nicht und zuckte hilflos mit den Schultern. Aufgeregt brabbelte er in seinem Dialekt weiter; ich versuchte, mich in Englisch verständlich zu machen. Aber das verstand er nun wieder nicht.

Ich packte ihn am Arm und zog ihn zu Johanna. Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen. Er kniete neben ihr nieder, murmelte Unverständliches vor sich hin, fuchtelte mit den Armen und blickte mich schließlich fragend an.

Ich deutete nach oben. „Meine Frau... sie ist... Ich wollte gerade ein Foto von ihr machen, verstehen Sie? Ein Foto, ein Bild.“ Ich zeigte auf die Kamera, die immer noch an der gleichen Stelle stand. Er sah hinüber und nickte. „Und dann ist sie heruntergefallen“, fuhr ich fort. „Sie ist ausgerutscht.“ Ich machte eine entsprechende Bewegung mit dem Fuß. „Sie ist ausgerutscht und abgestürzt.“

Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen, und über seine blassen Lippen drangen klagende Laute. Dann wandte er sich mir zu, redete auf mich ein und fuchtelte dabei sehr viel mit den Armen. Ich verstand kein Wort, aber ich nickte einfach zu allem, was er sagte. Endlich war er fertig. Er drückte mich sanft neben Johanna auf den Boden und ging weg.

Ich sah, wie er auf flinken Beinen den Pfad hinaufstieg, den ich vorher ebenfalls benutzt hatte. Als er sich einmal umdrehte, schlug ich die Hände vors Gesicht und ließ mich zusammensacken.

Eine halbe Stunde später waren eine Menge Leute an dem vorher menschenleeren Strand.

Ich stand mitten unter ihnen, starrte, wie ich es eingeübt hatte, ins Leere und beantwortete keine Frage. Immer wieder murmelte ich Johannas Namen vor mich hin, was den Arzt schließlich veranlasste, die Polizisten abzudrängen und mich zwei schwarzen Männern mit weißen Kitteln zu übergeben.

Sie fragten mich in Englisch, ob ich gehen könnte.

„Johanna! Wo ist Johanna?“, klagte ich.

Sie packten mich auf eine bereitliegende Trage und schleppten mich mit irrsinniger Mühe den schmalen Pfad hinauf. Sie taten mir beide leid; ich wäre am liebsten abgestiegen und zu Fuß gegangen. Aber ich musste meine Rolle gut spielen. Der Schock musste echt wirken. Ich nahm mir vor, den beiden morgen oder übermorgen ein gutes Trinkgeld zuzustecken.

Hinter uns gingen der Arzt und noch einige Leute.

Sie brachten mich in das kleine Krankenhaus. Der Arzt verpasste mir eine Spritze. Wenig später war ich eingeschlafen.

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IV

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Als ich erwachte, war es kurz nach Mittag. Eine hübsche Krankenschwester saß an meinem Bett. Sie erhob sich, als sie bemerkte, dass ich die Augen aufgeschlagen hatte.

„Nun?“, fragte sie mit dem schönsten Lächeln, das ich je bei einer Frau gesehen hatte. „Wie geht es uns jetzt?“

Ich antwortete nicht und starrte immer noch ins Leere.

„Ich werde jetzt den Doktor holen.“ Sie ging zur Tür.

„Wo bin ich hier?“, fragte ich langsam, als würde es mir unendliche Mühe bereiten.

„In einem Krankenhaus“, antwortete sie. „Auf der Insel Eutera.“ Sie lächelte mir noch einmal zu, öffnete die Tür und ging hinaus.

Wenig später kam sie mit dem Arzt zurück, der mir die Spritze gegeben hatte. Hinter ihnen drängten sich zwei Männer in Uniform herein; ein älterer braungebrannter Mann mit grauen Haaren und ein junger Schwarzer mit großem Mund, großen Zähnen und großer Nase.

Der grauhaarige Polizist war zuerst an meinem Bett.

„Guten Tag, Herr Cannella“, begrüßte er mich in gutem Englisch; deutsch sprach auf dieser Insel anscheinend niemand. „Wie ich sehe, geht es Ihnen schon wieder recht gut. Sicher werden Sie mir jetzt einige Fragen beantworten können.“

„Langsam“, mahnte der Doktor. Er rückte seine große Hornbrille zurecht und schob dann den Polizisten zur Seite. „Ich muss den Mann erst untersuchen, dann sind Sie dran.“

Ich war ihm von Herzen dankbar. So hatte ich noch ein wenig Zeit, die Geschichte noch einmal genau zu prüfen, die ich mir zurechtgelegt hatte.

Der Arzt setzte sich auf die Bettkante, schaute in meine Augen, fühlte meinen Puls und maß mit Unterstützung der schönen Krankenschwester meinen Blutdruck.

Ich vermied es, die Schwester anzusehen. Das fiel mir zwar sehr schwer, aber ein Mann, der gerade seine geliebte Frau durch einen tragischen Unfall verloren hat, tut so was nicht.

Also unterließ ich es. Statt dessen versuchte ich, mir ein paar Tränen aus den Augen zu quetschen.

Es gelang mir nicht.

„Fühlen Sie sich stark genug, dem Captain ein paar Fragen zu beantworten?“, fragte der Arzt, als er seine Untersuchung beendet hatte.

Ich beantwortete seine Frage nicht. „Johanna!“, schrie ich. „Wo ist Johanna? Was ist mit ihr?“ Ich packte den Doktor am Revers. „Was ist mit meiner Frau los? Bitte sagen Sie es mir, Herr Doktor. Ist sie...“

Ich sah ihn mit entsetzt aufgerissenen Augen an.

Er nickte langsam und drückte mich sanft ins Kissen zurück. „Ja“, sagte er leise. „Ja, sie ist tot.“

„Oh, Gott.“ Ich schlug die Hände vors Gesicht, drehte mich zur Seite und zuckte mit den Schultern.

„Herr Cannella.“ Es war wieder die Stimme des älteren Polizisten. „Sind Sie in der Lage, uns zu erzählen, wie das passieren konnte?“

Ich blieb auf der Seite liegen und mimte weiter den Trauernden. Es war ruhig im Zimmer. Niemand sprach. Alle warteten darauf, dass ich etwas sagen würde. Aber ich hatte gar keine Eile.

„Vielleicht sollten wir ihm noch ein wenig Ruhe gönnen“, hörte ich die Schwester leise sagen. Sie war nicht nur hübsch, sie hatte auch eine angenehm klingende Stimme.

Ich merkte, dass der Doktor sich erhoben hatte.

„Kommen Sie, meine Herren“, bat er. „Der Patient braucht Ruhe. Er scheint sich von dem Schock noch immer nicht erholt zu haben.“

Aber gerade das passte mir gar nicht. Sie sollten nicht gehen. Ich wollte es hinter mich bringen.

Details

Seiten
800
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738915204
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v383459
Schlagworte
vier wintermorde kriminalromane

Autoren

  • Autor: Alfred Bekker

    Alfred Bekker (Autor)

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Titel: Vier Wintermorde: 4 Kriminalromane