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Winnewolf

2017 500 Seiten

Zusammenfassung

Der Mayer Karl, der Tausendsassa aus Radebeul in Germany, hat schon so ziemlich alles erlebt: Er jagte Hexen und Dämonen im deutschen Walde und kämpfte gegen böse Beduinen und tückische Tuareg in den Weiten der Sahara. Jetzt lockt ihn das Abenteuer in den Wilden Westen, wo er eine Truppe Eisenbahnbauer gegen wütende Werwolf-Indianer beschützen soll. Bald aber stellt er fest, dass die Werwolf-Apachen trotz ihres verderblichen Fluchs von edler Gesinnung sind - allem voran der junge Winnewolf, der den Frieden sucht zwischen Weißen und Roten, Menschen und Wölfen. - Eine spaßige Parodie auf die Romane von Karl May und eine Hommage an den Abenteuer- und Spannungsroman.

Leseprobe

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Winnewolf

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Die grausige Wahrheit über den Apachenhäuptling

(Gesamtausgabe)

Roman von Peter Thannisch

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

Die Originalausgabe erschien 2010 im Piper-Verlag unter dem Titel „Winnetou unter Werwölfen“.

Dies ist der „Author's Cut“ - die ungekürzte Originalversion des Autors.

© der Digitalausgabe 2013 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

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Für Mark Denver,

Autor des Klassikers „Die Falle in der Geisterschlucht“, erschienen als Bastei-Geister-Western Heft 24.

Würde es dieses Genre ohne wagemutige Männer wie ihn geben?

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Einleitung

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Immer fällt mir, wenn ich an den Werwolf denke, der Indianer ein. Das mag komisch erscheinen, vielleicht auch merkwürdig, seltsam, wunderlich oder gar plemplem, denn zwischen beiden scheint es kaum Gemeinsamkeiten zu geben.

Ja, der Werwolf ist über und über behaart, zumindest in den Vollmondnächten. Der Indianer hingegen kann sich nicht mal einer anständigen Bartpracht rühmen. Der Werwolf beliebt seine Opfer roh zu verspeisen. Der Indianer brät sie stattdessen am Marterpfahle, doch hingegen der Meinung vieler meiner Landsleute verzehrt er sie danach nicht (jedenfalls habe ich dies noch nie mit eigenen Augen gesehen), sondern ernährt sich vom Wild, das er über dem Feuer zubereitet, aber auch von Beeren und sogar von Maisbrei, der dem Werwolf, da er vegetarische Kost verabscheut, sofort hochkommen würde.

Der Werwolf erscheint am Tage für gewöhnlich als Mensch, der Indianer aber bleibt ein Indianer. Womit ich nicht sagen will, dass Indianer keine Menschen wären, aber der Werwolf ist in Menschengestalt nicht mehr als Werwolf zu erkennen, der Indianer aber bei näherer Betrachtung durchaus als Indianer, auch wenn er zuvor ein warmes Bad mit Duftwässerchen genommen hat, sich die Haare hat schneiden lassen und den Lendenschurz gegen Leggins und Baumwollhemd eintauschte. Er ist nun mal eine Rothaut und kann selbige nicht ablegen, wie es der Werwolf nach beendetem Vollmond mit seinem Pelze tut.

Und doch haben Werwölfe und Indianer viel miteinander gemein. Sie beide gelten uns angeblich so zivilisierten Menschen als unleidliche Zeitgenossen und sind zugleich beide vom Aussterben bedroht. Nun gut, mitunter ist der Werwolf tatsächlich recht unleidlich, ich gebe es zu, und auch die Art und Weise mancher roten Völker, mit ungeliebten weißen Einwanderern umzuspringen, ist politisch nicht immer ganz korrekt und gilt bei vielen Siedlern im Lande Amerika als Ausdruck fremdenfeindlicher Gesinnung. Aber haben wir es uns nicht selbst zuzuschreiben, wenn man uns so begegnet? Seit Jahrhunderten hatte der Werwolf seinen angestammten Platz im deutschen Walde, wo er in Eintracht lebte mit allerlei anderen magischen Wesen, mit dem Heinzelmann, den wir zum Gartenzwerg degradierten, mit Feen und Kobolde, über deren Scherze kaum noch einer lachen mag, weil unsere moderne Welt so humorlos ist. Wir vertrieben den Werwolf von dort, jagten ihn, knallten ihn ab mit Silberkugeln und rodeten dann seine Wälder, um Einkaufszentren zu errichten, in denen er kaum noch Futter findet, denn das eingeschweißte Zeug, mit dem man dort die Kunden vergiftet, mag er einfach nicht. In der großen Stadt aber muss der Werwolf zwangsläufig zur Bestie werden. Was soll er anderes tun, als dort bei Vollmond nächtliche Passanten zu reißen?

Nicht viel anders verfuhren wir mit dem Roten Mann. Wir nahmen ihm sein Land, entweder mit der Waffe in der Hand, oder wir tauschten es gegen billigen Tand, gegen wertlose Gasmurmeln etwa, und quatschten ihm als Zugabe noch ein paar originale Indianerdecken ab, die wir dann in den großen Städten für gutes Geld verhökerten.

Oh, was sind wir ach so zivilisierten Menschen doch für Lumpen! Ist es da verwunderlich, dass so mancher Werwolf zur Bestie wurde und der eine oder andere Indianer nur noch Rot sieht? Stell Dir vor, verehrter Leser, Du tauscht Dein Land gegen Glasmurmeln, denkst, die wären eine Menge wert, weil sie so schön bunt in der Sonne glitzern, und Du triffst im Reservoir einen anderen Indianer (der natürlich volltrunken ist, weil im Reservoir alle Flüsse und Seen verseucht sind und man deshalb außer Alk nichts anderes zu saufen kriegt), zeigst ihm voller Stolz deine Murmelsammlung, und der winkt ab und sagt: „Davon habe ich kistenweise in meinem Wigwam, denn meine Brüder und meine Schwäger haben das ganze Land meiner Ahnen dafür verscherbelt.“ Bedenke die enorme Inflation – deine Glasmurmelsammlung kannst Du wegwerfen!

Oder es ist Vollmond, Du verwandelst Dich in einen Werwolf, freust Dich darauf, eine kreischende Jungfrau durch den nebligen Wald zu jagen, doch als Du vor die Hütte trittst, ist der Wald weg, jeder Baum ist abgeholzt!

Kein Wunder, dass so mancher Werwolf da auf grausige Rache schwört und der Indianer es ihm gleichtut. Der eine wetzt seine Krallen, der andere buddelt das Kriegsbeil aus. Doch was können sie tun, als nur vereinzelte Menschen oder allein stehende weiße Siedler zu massakrieren, die jeder für sich kaum Schuld an der ganzen Misere haben? Vergossenes Blut aber bringt neues Blutvergießen hervor, und gegen die Kavallerie hat der einzelne Indianer so wenige Chancen wie der Werwolf gegen eine aufgebrachte Dorfgemeinschaft, die ihr ganzes Hab und Gut gegen Silberwaffen eingetauscht hat. Man schickt den Indianer ins Reservoir, wo er vor dummglotzenden Urlaubern seinen Regentanz aufführen darf, während man dem Werwolf unerbittlich den Garaus macht, denn er kann nicht tanzen und taugt darum nicht zur Touristenattraktion.

Nein, das Los der Indianer und der Werwölfe ist ein bitteres, beide gehen sie dahin, und dies ist auch der Grund, warum mir der Werwolf in den Sinn kommt, wenn ich an den Indianer denke. Mehr noch: Erzählt mir jemand einen Indianerwitz, muss ich sofort den Werwolf beweinen, erzählt mir ein deutscher Förster, er habe einen Werwolf erlegt, beginne ich sofort um den Indianer zu flennen. Ich gebe zu, dass hat schon zu manch unangenehmer Situation geführt, denn meine schwankenden Gemütszustände sind nicht all meinen Mitmenschen verständlich.

Noch schlimmer ist es aber, wenn ich an den Indianer-Werwolf denke, und der ist der eigentliche Grund, warum ich an den Werwolf denke, wenn ich an den Indianer denke, und warum ich an den Indianer denke, wenn ich an den Werwolf denke. Dann denke ich nämlich zumeist an den Indianer-Werwolf, und dann ist das Gejammer gleich doppelt groß.

Warum das so ist? Ist doch klar: Da der Indianer und der Werwolf beide vom Aussterben bedroht sind, ist der Indianer-Werwolf natürlich gleich doppelt vom Aussterben bedroht. Das ist eine ganz einfache Rechnung, wie Du zugeben wirst. Und wenn Du jetzt denkst, der Indianer wäre ein roter Wilder und der Werwolf ein Ungeheuer und also der Indianer-Werwolf ein rotes wildes Ungeheuer, so muss ich aufs Heftigste widersprechen, denn so mancher Indianer-Werwolf ist von durchaus edler Gesinnung und festem Charakter und erfüllt mit dem Stolz einen sterbenden Titanen. (Dieser Vergleich muss jetzt einfach mal erlaubt sein!)

Einst traf ich ihn, den größten Werwolf-Indianer aller Zeiten, drüben in Amerika (hier in Radebeul sind Indianer-Werwölfe recht selten). Die Rede ist von Winnewolf, dem edlen, tapferen Häuptling der Werwolf-Apachen!

Ich will ihm hier das wohlverdiente Denkmal setzen.

Und wenn der Leser, der es mit seinem geistigen Auge schaut, dann ein gerechtes Urteil fällt über den Indianer und den Werwolf und vor allem über den Indianer-Werwolf, dessen treues Einzelbild der Werwolf-Apachen-Häuptling war, so bin ich reich belohnt.

So, es ist Vollmond, und ich muss Gassi!

Radebeul, 1892

Mayer Karl, Mayer mit ay

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Teil 1:

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Der Dämonenhasser von St. Louis

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(Warum ich in den Westen zog)

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Kapitel 1

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Sie nannten mich Lusche

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(... und sollten sich alle mächtig täuschen!)

Lieber Leser, weißt Du, was das Wort Lusche bedeutet? Es ist eine höchst ärgerliche und despektierliche Bezeichnung für denjenigen, auf den sie angewendet wird, und als ich in den Wilden Westen kam, nannte man mich anfangs so. Das war in der Tat ärgerlich, wirklich despektierlich. Vor allem für den, der mich kennt. Und ich kenne mich recht gut.

Denn eine Lusche, das ist einer, der vom wirklichen Leben keine Ahnung hat, der, wenn er auf einen Werwolf trifft, versucht, den haarigen Kerl zu pfählen und sich damit ein paar üble Prankenhiebe einfängt. Der den Ewigen Juden mit einem Kruzifix vertreiben will, was bei diesem natürlich nur ein erstauntes Stirnrunzeln hervorruft. Der sich, wenn er sich auf Vampirjagd begibt, statt mit einer Knoblauchkette zu schützen mit Zwiebelringen schmückt.

Jetzt wirst Du denken: Nun gut, wenn dem so ist, gibt es wohl nicht allzu viele Luschen, denn so einer überlebt keine einzige Geisterstunde. Doch weit gefehlt. Es kommt nämlich nur sehr selten vor, dass die Lusche einem Werwolf gegenübertritt, auf Vampirjagd geht oder eine Nacht in einem Spukschloss verbringt.

Eine Lusche ist nämlich auch ein Feigling, einer, der sich nicht traut, in stürmischen Nächten, wenn das Rad seiner Kutsche gebrochen ist, in einer alten Burg zu übernachten, weil man ihm erzählt hat, dass dort ein Vampirgraf seinen Sarg aufgestellt habe. Der dann lieber im Regen stehen bleibt und sich den Hintern oder Schlimmeres abfriert, statt sich mannhaft in das alte Gemäuer zu begeben, den Blutsauger in dessen Gruft aufzusuchen und ihm einen angespitzten Holzpflock ins untote Herz zu treiben, um anschließend die bleichen, vollbusigen Bräute des Grafen zu pfählen, bevor er auch ihnen den Garaus macht.

Ich sage Dir, lieber Leser: Die Welt ist voll von Luschen, man trifft sie überall. Der Irländer etwa fürchtet sich vor seiner Banshee und bricht bei ihrem Todesruf in hysterische Panik aus, der Engelländer ergreift die Flucht, wenn er nachts der Weißen Frau begegnet, und der Holländer bibbert vorm Klabautermann, über den der Deutsche nur lachen kann.

Ja, der Deutsche gilt nicht umsonst als sehr tapfer und recht gewitzt, denn das muss er auch sein, immerhin ist seine schöne Heimat das Land der Geister und Gespenster. Er ist umringt vom deutschen Walde, der des Nachts und im Winter nicht nur sehr, sehr düster und unheimlich ist, sondern darüber hinaus auch bevölkert wird von allerlei sagenhaften Wesen, vom Rüben zählenden Riesen bis hin zum geistig minderbemitteltem Kobold, der nachts ums Feuer springt und seinen Namen, den niemand wissen darf, in den Wald hinaus brüllt. 

Es ist wichtig für diese Geschichte, lieber Leser, dass Du weißt, was eine Lusche ist, denn dann wirst Du erkennen, dass ich mit absoluter Sicherheit keine bin. Auch ich bin in den deutschen Landen aufgewachsen, in direkter Nachbarschaft mit allerlei Geister- und Spukgestalten, wenn man so will. Doch schon in jungen Jahren verließ ich meine Heimatstadt Radebeul und mein geliebtes Vaterlande, um Abenteuer in fremden, exotischen Ländern zu bestehen ...

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IN DEN OSTSTAATEN DES neuen Landes USA hätte ich sehr wohl ein gutes Einkommen gefunden. Die Amerikaner schätzen die deutschen Tugenden – Ehrlichkeit, Pünktlichkeit, Kadavergehorsam bis zum Schluss -, und ich hätte eine Menge Dollar scheffeln können, doch es zog mich immer weiter in den Westen, hin zum Abenteuer, dorthin, wo es noch Land gab, das es zu zivilisieren galt, indem man es den Wilden abnahm.

Längere Zeit verweilte ich in St. Louis, wo ich Anstellung bei einer ehrlichen, fleißigen, sehr gläubigen, sprich extrem deutschen Familie fand. Die suchte für ihre beiden Kinderlein, einem Mädchen und einem Buben, einen Hauslehrer, der ebenso bewandert war in Sprachen und Literatur als auch in Physik, Mathematik und Geografie. Also einen Tausendsassa. So einen wie mich.

Es gab noch einen weiteren Lehrer, der das Haus der deutschen Familie regelmäßig aufsuchte, um den Kinderlein Unterricht zu erteilen, und zwar in einer Disziplin, die den Eltern sehr am Herzen lag war, nämlich der Religion. So unterrichtete nicht ich dieses Fach, sondern ein ebenfalls aus dem deutschen Landen stammender Mönch, der sich selbst Bruder Heinrich nannte.

Bruder Heinrich war ein knurriger, meist schlecht gelaunter Kerl. Eine finstere Ausstrahlung ging von ihm aus, die die Luft in seiner Nähe mit klirrender Kälte füllte. In seiner Lehre, mit der er den Kinderlein der Familie das Wort Gottes näher bringen wollte, fand sich nichts von fröhlicher Erlösung oder selig machender Frömmigkeit. Stattdessen beschwor er den Kleinen die Hölle auf Erden, predigte vom göttlichen Strafgericht, wetterte gegen jegliche Formen der Sünde – Vielweiberei, Völlerei, den Genuss von Naschwerk - und drohte den Kleinen, dass ihnen auch nur bei der geringsten Verfehlung endlose Pein in Fegefeuer blühe.

Einmal kam ich ins Lehrzimmer der Kleinen, um meine Mathematikstunde zu beginnen, doch Bruder Heinrich war mit seiner leidenschaftlichen Predigt über Sünde, göttlichem Strafgericht und Höllenfeuer noch nicht fertig und überzog mal wieder. So lehnte ich mich an den Türstock und lauschte ihm, während er den beiden Kindern wieder die ewige Verdammnis androhte.

Dann richtete sich der Blick seiner stechenden schwarzen Augen auf den Jungen, und er schrie ihn an: „Legst du nachts auch brav die Hände auf die Decke, statt sie darunter zu stecken?“ Und als der Junge nicht sogleich antworte, schrie er: „Sprich, Elender! Ich frage kein zweites Mal!“

Der Junge wurde bleich im Gesicht, begann zu zittern, stammelte: „Nun, wenn es im Winter kalt ist in der Kammer und mir die Finger frieren ...“

Weiter kam er nicht. „Sünde! Sünde!“, schrie Bruder Heinrich und riss die Arme weit empor, sodass die Ärmel seiner Kutte nach unten rutschten und ich auf seinem linken Unterarm grausige Narben sah, die dort scharfe Krallen hinterlassen haben mussten. „Es ist Sünde, was du da treibst! Die Dämonen der Hölle werden dich holen! Sie kommen des Nachts, in tiefer Dunkelheit, wenn alle braven Christenmenschen schlafen und du dein schändliches Werk verrichtest. Dann holen sie dich, packen dich Gottlosen mit ihren scharfen Krallen und verschleppen dich in ihr düsteres Totenreich, wo sie dir die Haut bei lebendigem Leibe abziehen und dich in Salz einlegen ...“, drohend hob er den Zeigefinger, „... was eine äußerst schmerzhafte Prozedur ist, wie ich hinzufügen möchte ...“, der Finger sank, die Stimme hob sich wieder: „... bevor sie dann dein verdorbenes Fleisch fressen und dir die Augen aus dem Schädel picken, weil Knabenaugen – wie jeder weiß - in der Hölle als Delikatesse gelten!“

Der Junge begann am ganzen Körper zu zittern und nässte sich den schmucken Matrosenanzug ein, während das Mädchen laut schreiend aus dem Zimmer lief und mich fast über den Haufen rannte.

Ein andermal, nachdem Bruder Heinrich seinen gar schaurigen Religionsunterricht beendet hatte, fragte mich das brave, wohlerzogene Mädel: „Herr Mayer, meint auch Ihr, dass ich eine verwerfliche geile Hure bin, die für ihre sündige Wollust auf alle Zeiten in der Hölle schmoren muss?“

Das erschien selbst meiner deutschen Christenseele zu viel des Guten, und ich begab mich am nächsten Tage zu Bruder Heinrich, um ihn ins Gewissen zu reden. „Glaubt Ihr wirklich“, fragte ich ihn, „dass Eure Art der Bibelstunden die richtige Methode ist, aus den Kinderlein gute und gottesfürchtige Menschen zu machen, die aus eigener Willensstärke heraus den Verlockungen Satans widerstehen?“

Da funkelte er mich aus zornigen Augen an: „Gottesfurcht, Satan, Willensstärke“, höhnte er. „Was wisst Ihr denn davon, Ihr Lusche? Vom richtigen Leben hat ein Bücherwurm wie Ihr doch keine Ahnung. Jawoll, ich nenne Euch eine Lusche, denn nichts anderes ist ein Stubenhocker wie Ihr für mich.“

Ich bin ein verträglicher Mensch, Beleidigungen perlen normalerweise an mir ab. Wer mich kennt, der weiß, dass sehr viel dazu gehört, mich derart zu reizen, dass ich zur Gewalt greife, dass ich meine Fäuste erhebe, sie jemanden ins Gesicht rammte, wieder und immer wieder, dass ich ihm die Nase und die Zähne einschlage und ihm anschließend den Kopf so lange auf den Boden hämmere, bis sein Schädel bricht.

Bruder Heinrich hatte es geschafft, mich soweit zu bringen!

Ich packte ihn mit einer Hand, klammerte meine Finger in seine Mönchskutte unterhalb des Kinns und hob ihn einfach hoch, hielt den schweren Mann am ausgestreckten Arm in die Höhe, und zugleich nahm ich mit der anderen Faust Maß, um dem dreisten Mönchlein das Gesicht zu bügeln.

Zum Glück – nicht zu meinem, sondern zu dem von Bruder Heinrich – erschienen in diesem Moment die beiden Eltern, deren Sprösslinge Bruder Heinrich und ich unterrichteten.

Die Dame des Hauses stieß einen spitzen Schrei aus, und darauf verharrte meine Faust in der Luft, dann stellte ich den Mönch wieder auf die Dielen zurück.

Als der Herr des Hauses dann wissen wollte, was los sei, erklärte Bruder Heinrich, indem er sich die Kutte glatt strich: „Ich bat den Kollegen Mayer, mir ein Prinzip zu erläutern, das mir zuvor unklar war. Es betrifft die Hebelwirkung als Reaktion auf unangemessene Unterstellungen.“

„Ich verstehe kein Wort“, gestand der Hausherr.

„Auch ich verstand es eben noch nicht“, sagte der streitlustige Gottesmann. „Inzwischen scheint mir dieses Prinzip jedoch einleuchtend, und ich mag Prinzipien, vor allem Menschen, die solche haben.“ Er nickte mir zu. „Wir sollten dieses Gespräch ein andermal fortsetzen, Herr Mayer. Es gibt noch mehr, was ich von Euch erfahren möchte.“

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VON DIESEM TAGE AN wandelte sich das Verhältnis zwischen Bruder Heinrich und mir radikal. Zwar war sein Auftreten weiterhin das eines grimmigen Unmenschen, der in seinem Nächsten einen elenden Sünder wider Gottes Geboten sah, aber er begegnete mir von nun an mit Respekt, und eines Abends lud er mich gar zu sich ein.

Er lebte nicht weit von meiner Gastfamilie entfernt, in einem kleinen Kloster, das, ganz aus Stein errichtet, eher einer Festung glich, und bevor man mir das wehrhafte Tor öffnete, wurde ich durch eine Sichtklappe misstrauisch beäugt und einer genauen Musterung unterzogen.

„Kämpfender Orden des Schwertes Christi“ – so nannte sich die Bruderschaft, der Heinrich angehörte. Das klang ein bisschen nach einer schlagenden Studentenverbindung, was wiederum die Schmisse erklärt hätte, die mancher der frommen Männer in diesem Kloster im Gesicht trug; erst später erfuhr ich, dass die meisten dieser Narben Hinterlassenschaften mannhafter Kämpfe gegen die Kreaturen der Finsternis waren.

Ein Mönch, dessen Gesicht unter der tief herabgezogenen Kapuze verborgen war, führte mich durch düstere Korridore, die nur von flackerndem Schein vereinzelter Fackeln erhellt wurden. Der Kerl sagte kein Wort und setzte seine Schritte so leise, dass sie nicht zu hören waren. Nicht mal das Rascheln seiner Kutte war zu vernehmen, sodass man fast hätte meinen können, mein Führer wäre ein Gespenst.

Dafür hörte ich das Fiepen von Mäusen und Ratten; Gebete, die wie das leise Flüstern von verdammten Seelen durch die düsteren Gänge wehten; eine Glocke, deren hohler Klang durch das feuchte Mauerwerk drang und sich anhörte wie Totengeläut; das Knallen einer Peitsche und das Schreien eines sich geißelnden Sünders; das wollüstige Stöhnen eines Weibes ...

Das wollüstige Stöhnen eines Weibes? Nun, Letzteres gaukelte mir bestimmt meine Fantasie vor!

Mein unheimlicher Führer hielt knapp vor einer eisenbeschlagenen Tür aus dicken, dunklen Bohlen, und wie von Geisterhand bewegt, öffnete sie sich mit jammerndem Quietschen. Der schweigsame Mönch machte eine einladende Handbewegung, bleib jedoch im Korridor stehen, während ich unter dem Türsturz hindurchschritt.

Ich gelange in eine Art Werkstatt, in der mehrere Werkbänke standen und Werkzeuge an den Wänden hingen. Erleuchtet wurde der Raum durch einen riesigen offenen Ofen. Bruder Heinrich, die Kapuze seiner Kutte zurückgeschlagen, stand über eine Werkbank gebeugt und feilte an einem Stück Eisen herum, das er dort eingespannt hatte. Als er mich bemerkte, blickte er auf, und der Anflug eines Lächelns huschte für einen Wimpernschlag über sein grimmiges Gesicht.

„Ihr seid es, Ihr Lusche!“, dröhnte eine Bassstimme. „Aber so soll ich euch wohl nicht mehr nennen. Denn Bärenkräfte stecken in Euch, das habt Ihr mir bewiesen.“

Ich sah mich um. „Was ist das hier, Bruder Heinrich? Es scheint mir, als wäre dies eine Werkstadt, in der man Waffen herstellt. Recht irdische Waffen, wenn mich mein Auge nicht täuscht.“ Tatsächlich waren auf den Werkbänken die Einzelteile von Gewehren zu sehen. „Verträgt sich dies mit Eurem Glauben?“

„Die Herstellung dieser Art von Waffen bestimmt“, behauptete er und lehnte sich mit der Hüfte gegen die Werkbank. „Ich mag ein Mönch sein, aber keine Lusche, die vor dem Gebrauch einer Waffe zurückschreckt, wenn es darum geht, gegen den Feind zu ziehen.“

„Und dieser Feind ist?“, wollte ich wissen.

„Die Hölle“ gab mir Bruder Heinrich die Antwort, die ich schon erwartet hatte. „Was sonst?“

Ich nickte, nahm mir einen Schemel, nahm darauf Platz und fragte: „Was ist dies für ein Orden?“

Bruder Heinrich schob den rechten Ärmel seiner Kutte hoch und präsentierte mit seinen Unterarm. „Was seht Ihr?“

„Einen Unterarm!“

„Und weiter?“

„Härchen!“

„Ich meine die Narben“, knurrte er ungehalten.

Ich nickte. „Ja, da hat Euch offenbar wer gekratzt.“

„Wer gekratzt!“, äffte er mich nach. „Fürwahr, Ihr seid tatsächlich eine Lusche! Es war eine wandelnde Leiche!“

„Ups!“

„Jawoll! Zu Lebzeiten war der Tote ein arbeitsloser Atheist, dem, weil er sich dem Militärdienst entzog, der Prozess gemacht werden sollte.“

„So ein Lump, verdammter!“, entsprang es meinem deutschen Herzen.

„Oder ...“ Bruder Heinrich geriet ins Grübeln. „War er nicht doch eher ein atheistischer Arbeitsloser?“ Er winkte ab. „Egal, jedenfalls verweigerte er den Dienst an der Waffe.“

„Was ja verwerflich genug ist“, erklärte meine deutsche Seele.

„Doch der vaterlandslose Gesell entzog sich der irdischen Gerichtsbarkeit und vielen wohlverdienten Jahren Straflager, indem er sich in seiner Zelle selbst entleibte.“

„Diese Kanaille!“, empörte sich der Christ in mir.

„So wurde er an einer Friedhofsmauer ohne den Beistand eines Priesters verscharrt.“

„Recht so!“

„Arbeitsscheu, gottlos, feige und Selbstmörder“, fuhr Bruder Heinrich fort. „So einen will nicht mal der Satan haben ...“

„Natürlich nicht.“

„... und so buddelte er sich eines Nachts wieder aus seinem ungeweihten Grabe und wollte sich für seine eigenen Verfehlungen an der gesamten Menschheit rächen.“

„Also steckte doch irgendwo ein Mann in ihm“, meinte ich.

„Er drang in das nächstbeste Haus ein, welches das meinige war, und tötete meine Familie, meine liebliche Frau, die lieblichen Kinder, ein liebliches Mädchen und einen lieblichen Knaben.“

„Und Euch hat er verletzt.“

„Jawoll.“

„Am Unterarm.“

„Und tief in der Seele. Dann gelang es mir, ihm den Kopf wegzupusten, und es war Ruhe.“

„Wo war das?“, wollte ich wissen.

„In der Heimat, in Deutschland.“ Er seufzte schwer. „Dort war ich ein bekannter Büchsenmacher. Vielleicht habt Ihr schon einmal von der Firma ›Heinrich & Koch‹ gehört?“

Ich nickte. Natürlich war mir der Name ein Begriff, zudem war der Werbeslogan von H & K sehr einprägsam: „Mach dich für den Krieg bereit - setz auf deutsche Wertarbeit!“

Bruder Heinrich stieß sich von der Werkbank ab und begann im Raum auf und ab zu stiefeln, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. „Nachdem meine Familie beerdigt war, verkaufte ich meine Anteile an der Waffenschmiede an einem Herrn Heckler und verließ die deutsche Heimat, denn alles dort erinnerte mich an meine gemeuchelte Frau und meine toten Kinder. Ich suchte Trost im Glauben, und zugleich schwor ich allen Kreaturen der Hölle Rache. Als ich dann auf die frommen Brüder vom Kämpfenden Orden des Schwertes Christi traf, trat ich ihnen bei.“

„Und was ist das nun für ein Orden?“, wollte ich endlich wissen.

„Männer, die sich dem Kampf gegen die Sünde und gegen die Hölle verschrieben haben!“, grollte er, während er stehen blieb, um mich mit stechenden Blicken zu fixieren. „Männer, die gegen den Satan und den Ehebruch kämpfen, gegen Unzucht und Dämonen! Ihr fragtet, ob dies hier eine Werkstatt für irdische Waffen sei. Ja, eine Werkstatt ist dies, und ich stelle hier Waffen her. Doch ist ihre Wirkungsweise nicht nur irdischer Natur, denn mein Glauben und der meiner Brüder wirkt auf sie ein, und so werden sie zu Waffen des Herrn!“

„Und damit macht Ihr Jagd auf Ehebrecher?“, fragte ich erstaunt.

„Oh, Ihr Lusche!“, donnerte er da. „Auf Dämonen machen wir damit Jagd! Diese heiligen Waffen befähigen uns, die Knechte der Hölle zu vernichten, wenn sie sich aus den Schwefelklüften in die Welt der Lebenden wagen!“ Bruder Heinrich sah mich an. „Wie sieht es mit Euch aus, Herr Mayer? Seid auch Ihr denn Manns genug, gegen die Mächte der Hölle zu bestehen?“

Es wunderte mich, dass Bruder Heinrich derartige Fragen stellte und mich immer wieder mit Lusche betitelte. Da er doch aus deutschen Landen stammte, hätte er eigentlich die vielen Reiseberichte, die ich schon verfasst hatte, kennen müssen, denn die verkaufen sich in der Heimat alles andere als schlecht, will sagen: sehr, sehr gut. Regelmäßig kehre ich nämlich von meinen Abenteuern in mein geliebtes Radebeul zurück und lege nieder, was ich erlebt habe, schreibe von meinen Kämpfen gegen Vampire, Ungeheuer, arabische Shaitans, Zyklopen und Meuchelmörder auf fliegenden Teppichen. Und ärgere mich – das muss ich hier einfach mal loswerden - über die haltlosen und verleumderischen Behauptungen besserwisserischer, böswilliger und arroganter Kritiker, die allen Ernstes behaupten, ich würde dies alles nur erfinden, kein Mensch könne all diese Abenteuer erleben (ja, aber welcher Mensch könnte sich all dies denn ausdenken?), und um dies zu beweisen, zählen sie Details und Kleinigkeiten auf, die in meinen Tatsachenerzählungen angeblich nicht stimmen. Wenn denn Fehler darin zu finden wären (wovon man mich längst nicht überzeugt hat), dann höchstens, weil ich mich an eine Nebensächlichkeit oder an eine bedeutungslose Bagatelle falsch erinnere. Ansonsten stimmt alles! Herrgott noch mal, ich war ja dabei, die Herrn ach so schlauen Kritiker nicht! [Schriftliche Anmerkung des Autors am Rand des Originalmanuskripts: Wehe dir, Lektor, du streichst das!!!!]

Zurück zum Geschehen in jenem schaurigen Kloster, wo ich Bruder Heinrich gegenüberstand:

„Ich bin Lehrer“, antwortete ich dem Unwissenden nur ausweichend. „Hexen, Geister und Ehebrecher gibt es in unserer gemeinsamen schönen deutschen Heimat leider genug. Niemand erzählte mir aber, dass sie auch in diesem Land so zahlreich sind.“

„Die heidnischen Völker dieses wilden Landes wissen nichts vom Herrn – und auch nichts von der heiligen Institution der christlichen Ehe - und sind daher den Verlockungen des Teufels schutzlos ausgeliefert“, erklärte er mir. „Sie verehren geisterhafte Wesen, die sie Manitus nennen, und nur die Tonsur hat so manch frommen Mann davor bewahrt, während seiner missionarischen Tätigkeit den Skalp zu verlieren. Oh, dies ist ein Land des Unglaubens, und für einen wahren, standhaften Christenmenschen gibt es hier weiß Gott viel zu tun.“ Wieder traf mich sein flammender Blick, dieser Blick, der mir bis ins Mark ging. „Ich frage Euch, Herr Mayer: Seid Ihr so ein standhafter Christenmensch oder doch nur eine Lusche!“

„Dass ich keine Lusche bin, habe ich Euch bewiesen!“

„Ihr habt mir nur bewiesen, welche Kraft in Euch steckt!“, hielt mir der Gottesdiener entgegen. „Doch habt Ihr nicht nur Muskeln, sondern auch Mumm in den Knochen? Seid Ihr ein ganzer Kerl, der auch schießen kann?“

„Natürlich kann ich schießen“, erklärte ich.

„Reiten?“

„Besser als Ihr, soviel ist gewiss.“

Da war es wieder, das wahnhafte Funkeln in seinen Augen, als würde dort selbst das Feuer der Hölle brennen. „Nun gut“, grollte er. „Wir treffen uns morgen Nacht – Punkt zwölf auf dem Friedhof von St. Louis!“

„Was wollen wir dort um diese Zeit?“, fragte ich. „Heimlich auf Kreuze schießen? Ich dachte, Ihr seid ein Mann der Kirche.“

„Nicht auf Kreuze“, berichtigte er mich. „Erst recht nicht auf die wehrlosen Statuen der Heiligen. Und auch ewige Lichter werden wir nicht ausschießen.“ Noch mürrischer wurde sein Blick. „Ihr werdet auf Leichenfresser schießen!“

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Kapitel 2

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Leichenfresser und Satansbraten

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(Ich bestand die höllischen Prüfungen)

Leichenfresser! Damit wollte mir Brüderlein Heinrich wohl ganz besonders Angst einjagen. Mir, die Lusche, das Weichei, den Bettnässer!

Leichenfresser – das ich nicht lache!

Als gebildeter Mensch kennst Du – im Gegensatz zu Bruder Heinrich - meine zahlreichen [Räuberpistolen—im handschriftlichen Originalmanuskript gestrichen und ersetzt durch:] Reiseberichte, die meinen Verleger wohlhabend und mich bekannt gemacht haben, und weißt, dass ich auch viele Jahre im Orient zubrachte und dort an der Seite eines Eingeborenen namens Hatschi, der mir zum treuen Freunde wurde, viele haarsträubende Abenteuer bestand. Dann weißt Du als gebildeter Leser auch, dass der Leichenfresser seine Heimat im Orient hat, wo man ihn als Ghul bezeichnet, und dass ich ihn dort auf meinen Reisen häufig getroffen habe – zumeist zwischen die rot glühenden Glupschaugen.

Jawohl, der Ghul ernährt sich von Leichen. Das heißt, sofern welche in der Nähe sind. Diese Abart des Dämonenreichs haust zumeist auf Friedhöfen, dort buddeln sie sich unter der Erde von Sarg zu Sarg, brechen die Totenkisten auf und verzehren die Verstorbenen. Ganze Tunnelsysteme hat man schon auf solchen Totenackern gefunden. Mit Rattengift allein ist da nichts zu machen.

Gefährlich wird es, wenn die höllische Brut alle Leichen aufgefressen hat und Hunger darben muss. Dann lauert der Ghul dicht unter der Erde, wartet auf einem Grabbesucher, und wenn der im Gebet versunken ist – schnapp! – packt ihn der Ghul und zieht ihn zu sich in sein finsteres Reich, wo der Ärmste ersticken muss, um später, wenn er anfängt zu faulen, von dem Leichenfresser verzehrt zu werden.

Bruder Heinrich und ich hatten uns um Mitternacht vor dem Friedhofstor getroffen und hockten nun hinter einem alten, gesprungen Grabstein, der uns vor Blicken vom Gräberfeld her Deckung gab. Es war eine kalte, neblige Nacht.

Der Mönch und Büchsenmacher hatte mir davon erzählt, dass seit kurzer Zeit ein Leichenfresser auf dem Friedhof von St. Louis sein Unwesen trieb. Die Erde von nur wenigen Wochen alten Gräbern war nachgerutscht, was nicht weiter ungewöhnlich war, aber der „Kämpfende Orden des Schwertes Christi“ war dennoch aufmerksam geworden, und als man die Särge der betroffenen Gräber heimlich freibuddelte, fand man diese aufgebrochen und die Leichen darin angenagt.

Nun waren Bruder Heinrich und ich hier, um uns „den Ghul vorzunehmen“, wie sich der wackere Gottesmann ausgedrückt hatte, womit er offensichtlich meinte, ihm die Rübe von den Schultern zu pusten, was bei allerlei dämonischem Pack und wiederauferstandenen Toten ein effektives Mittel ist, um sie zu vernichten.

Zu diesem Zecke hatte Bruder Heinrich ein Gewehr aus seiner Werkstatt mitgebracht. Die recht kurze, handliche Waffe hätte als ganz gewöhnlicher Stutzen durchgehen können, hätte sich nicht dort, wo bei einem normalen Gewehr das Schloss war, eine faustgroße Eisenkugel befunden, die dem Ganzen ein merkwürdiges, recht eigenwilliges Aussehen verlieh.

Außerdem hatte Bruder Heinrich einen Sack dabei, aus dem es erbärmlich stank. Aus dem holte er eine tote Katze hervor, deren übel riechende und verfärbte Gedärme aus dem aufgeschlitzten Bauch baumelten. Bruder Heinrich schleuderte den Kadaver weit von sich, und er landete auf eines der Gräber. Dann drückte er mir das Gewehr in die Hand und sagte: „Hier, Ihr erledigt den Leichenfresser, sobald ihn der Gestank der Katze angelockt hat.“

„Ha“, entgegnete ich. „Ich dachte, Ihr haltet mich für eine Lusche! Was ist, wenn ich daneben schieße und den Kopf des Dämons verfehle?“

„Dieses Gewehr habe ich selbst gefertigt“, erklärte er mir. „Ihr braucht nicht mal den Kopf des Unholds zu treffen, ein Streifschuss genügt, denn jeder Schuss aus dieser Waffe entfaltet heilige Kräfte, die für jedweden Dämon tödlich sind.“

„Aber was ist, wenn ich eine solche Lusche bin, dass mein Schuss ihn nicht mal streift?“

„Dann habt Ihr noch vierundzwanzig weitere Schuss, um den Leichenfresser zu erledigen“, erklärte er mir und tippte auf die Eisenkugel, die dem Gewehr ein so merkwürdiges Aussehen gab. „Dies ist ein von mir selbst entworfenes Kugelschloss, es enthält fünfundzwanzig Patronen. Nach jedem Schuss dreht sich die Kugel automatisch weiter, und die Waffe ist wieder schussbereit. Selbst eine Lusche müsste dann irgendwann treffen, und sei’s nur aus Zufall.“

Ich gestehe, wie das von Bruder Heinrich erfundene „Kugelschloss“ funktioniert, ist mir bis heute schleierhaft geblieben, obwohl sich diese Waffe nun schon seit Jahren in meinem Besitz befindet. Aber wenn das, was der wackere Gottesmann da von sich gab, der Wahrheit entsprach, so dachte ich damals, war dies tatsächlich eine Zauberwaffe, selbst wenn man keine dämonischen Kreaturen damit zur Hölle pusten konnte.

Er sah das begeisterte Funkeln in meinen Augen, als ich darüber nachsann, welche wunderbare Bedeutung dieses Gewehr für kommende Kriege haben könnte, und er lächelte zufrieden und verkündete stolz: „Ich nenne es den Heinrich-Stutzen!“

Ich wollte noch etwas sagen, da hob er die Hand, gebot mir zu schweigen und lauschte in die neblige Nacht.

„Hört Ihr es?“, flüsterte er.

Ja, da war ein Geräusch, als würde jemand in der Erde wühlen, sie mit bloßen Händen zur Seite schaufeln, dann vernahmen wir ein heiseres, irres Kichern, schließlich ein Reißen und gieriges Schmatzen und zwischendurch eine krächzende Stimme: „Lecker, lecker, lecker!“

Es war der Ghul, der sich gierig über das tote Tier hermachte, daran gab es keinen Zweifel.

Ich erhob mich hinter dem Grabstein und sah eine bleiche, gebeugte Gestalt, die auf einem frischen Grabhügel hockte, den stinkenden Kadaver in beiden Händen, während ihr die fauligen Gedärme der toten Katze schon aus dem Maul baumelten. Der Ghul hatte Ähnlichkeit mit einer wandelnden Leiche hatte, mit gelblicher Haut, unter dem von blauen Äderchen durchzogenes, glibberiges Fleisch zu sehen war. Sein Schädel und sein Körper waren völlig ungehaart, die Augen leuchteten wie rot glühende Kugeln, sein lippenloses Maul war etwas zu breit geraten, und darin befanden sich recht stumpfe Zähne, der Grund dafür, dass sich diese widerwärtigen Kreaturen in erster Linie an Tote vergreift: Das modrige, verwesende Fleisch einer Leiche lässt sich mit diesen Stummelzähnchen einfach leichter vom Knochen nagen.

Ich nahm den Kolben des Heinrich-Stutzens an die Schulter, zielte genau zwischen die rot glühenden Augen, die durch den Nebel leuchteten, der Schuss krachte, und ich sah den Kopf des Leichenfressers zerplatzen.

Bruder Heinrich war aufgesprungen und sah das Ergebnis meiner Treffsicherheit im wallenden Nebel liegen.

„Hol mich der Leibhaftige!“, rief der fromme Mann. „Verflixt, verdammt und angeschissen – was seid Ihr für ein Teufelskerl!“

„Ich gebe zu“, gestand ich, „ich bin schon stolz auf diesen Treffer. Aber Ihr, Bruder Heinrich, könnt ebenso stolz auf diese Waffe sein, die wahrhaft ein hervorragendes Tötungsinstrument ist; sie wird den Wilden Westen revolutionieren!“

„Meint Ihr?“, fragte er ergriffen.

„Aber ja.“

Plötzlich erklangen wieder Geräusche im Nebel vor uns. Es waren schleifende Schritte, bösartiges, feindseliges Knurren.

Bruder Heinrich wurde ganz bleich im Gesicht, und wie ich sah er gut zwei Dutzend rot glühender Augenpaare, die auf uns zu schwankten. „Herr im Himmel, Hölle und Verdammnis!“, entfuhr es ihm. „Es sind noch mehr! Und sie kommen auf uns zu!“

„Natürlich“, sagte ich kalt lächelnd. „Der Leichenfresser tritt nur selten allein auf, haust zumeist im Rudel.“

„Ihr habt das gewusst?“, fragte mich Bruder Heinrich entsetzt. „Und Euch trotzdem hergetraut?“

Ich lachte auf und rief: „Wer von uns beiden ist jetzt die Lusche?“

Ich hatte mitgekriegt, dass sich das von Bruder Heinrich erfundene „Kugelschloss“ nach dem Schuss tatsächlich leicht gedreht hatte, und so durfte ich hoffen, dass der fromme Mann nur halb so wahnsinnig war, wie er auf seine Umwelt wirkte, und das Gewehr tatsächlich wieder schussbereit war.

Diesmal legte ich den Kolben nicht an die Schulter, sondern schoss aus der Hüfte, und tatsächlich spie der Heinrich-Stutzen eine zweite Kugel aus, und sodann drehte sich das Kugelschloss weiter. Der Mechanismus funktionierte wunderbar, ich ließ es mehrmals hintereinander krachen, drehte mich dabei immer wieder leicht hierhin und dorthin, und schoss jedes Mal genau und zielsicher zwischen die rot glühenden Augenpaare im Nebel.

Man hörte die Einschläge der Kugeln, denn es gab jedes Mal einen dumpfen und zugleich klatschenden Laut, mit dem das Geschoss den Stirnknochen durchschlug und dann den Hinterkopf der Kreatur wegsprengte, dabei das grüne Glibbergehirn des Dämons mit sich reißend, um es auf der Friedhofserde zu verteilen.

„Wir werden sterben!“, jammerte der gottesfürchtige und nun völlig verängstigte Mönch.

„Fällt mir nicht ein!“, entgegnete ich. „Sollte ich hier und jetzt draufgehen, würde ich mich doch sehr ärgern!“

„Oh, Allmächtiger“, klagte Bruder Heinrich und sank auf die Knie. „Heilige Scheiße, gottverdammt!“ Er bekreuzigte sich so eilig, dass ihm das Kreuzzeichen misslang.

Ich will mich nicht selbst loben, aber ich blieb eiskalt, während Bruder Heinrich hinter dem Grabstein hockte und zu flennen begann wie eine ... ja, wie eine Lusche eben.

Schließlich näherten sich mehrere Leute aus der Town, angelockt von meiner Rumballerei, und sie kamen noch rechtzeitig, um zu sehen, wie ich mit der allerletzten Kugel im Heinrich-Stutzen den allerletzten Ghul niederknallte.

Bruder Heinrich hockte noch immer hinter dem Grabstein auf den Knien und dankte Gott dem Herrn für meine Schießkünste, sodass es an mir hängen blieb, den braven Bürgern von meiner Heldentat zu berichten.

––––––––

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ZWEI TAGE BRAUCHTE der fromme Bruder Heinrich, um sich von seinem Schrecken zu erholen, dann eröffnete er mir, dass es noch eine weitere Prüfung für mich gäbe, mit der ich ihm beweisen sollte, dass ich keine Lusche sei. „Schießen könnt Ihr, das habt Ihr auf dem Friedhof bewiesen. Aber wie steht es mit Euren anderen Fähigkeiten? Ihr habt behauptet, Ihr könntet auch reiten. Seid Ihr willens, mir das zu beweisen?“

Vielleicht, so überlegte ich, sollte ich Bruder Heinrich eins meiner Bücher signieren und ihm schenken, dann hätte er sich ein Bild über mich machen können, ohne mich diesen dämlichen Prüfungen zu unterziehen.

In der Nacht sollte ich ihn wieder im Kloster des Kämpfenden Ordens des Schwertes Christi aufsuchen, und dort führte er mich zu den klostereigenen Stellungen Stallungen und sprach mit einigen Brüdern. Dabei deutete er mehrmals auf mich. Die Mönche rissen zuerst entsetzt die Augen auf, dann bekreuzigten sie sich, und zwei gingen in einen Stall, vor dessen Tor sich in eingezäumter Bereich befand wie eine Art Koppel.

Bald darauf wurde ein Flügel des Tors geradezu aufgesprengt, und in den umzäunten Bereich, der sich dort befand, donnerte ein Hengst – und was für einer: Das Tier war hatte absolut schwarzes Fell, so schwarz wie eine sternenlose Nacht, die man mit zugebundenen Augen in einer Höhle verbringt, mit dem Kopf im Hintern eines winterschlafenden Grizzlybären. Der Gaul tobte durch den umzäunten Bereich, wieherte laut, schlug mit den Hinterläufen aus, dann wieder stellte er sich auf und drohte den panisch zurückweichenden Mönchen hinter dem Zaun mit kreisenden Vorderhufen. Feuerwölkchen flammten aus seinen Nüstern, wenn das Tier wild und drohend schnaufte.

„Was für ein Satansbraten“, entfuhr es mir.

„Ja, das ist er“, sagte Bruder Heinrich und lachte grollend. „Darum nennen wir ihn auch so: Satansbraten!“

Dann erklärte er mir, dass dieser Teufelsgaul einst einem Phantomreiter gehörte, einem ehemaligen Banditen, der wegen seiner Schandtaten aufgeknüpft worden war. Doch da er mit einem gotteslästerlichen Fluch auf den Lippen starb, war der Weg ins Jenseits verwehrt, und so ritt er weiterhin auf diesem Pferde dahin und verbreitete Terror und Schrecken, bis ihn einige von Bruder Heinrichs Kampfgefährten vernichten konnten. Das Pferd nahmen sie mit.

„Doch etwas von der bösen Kraft des Phantomreiters ist auf das arme Tier übergegangen“ sagte Bruder Heinrich. „Es gelang uns nicht mal, ihm Sattel und Zaumzeug abzunehmen, und noch niemand schaffte es, sich länger als eine halbe Minute auf seinem Rücken zu halten.“ Er schlug mir auf die Schulter und fragte: „Was ist, Herr Mayer? Traut Ihr Euch zu, diesen Teufelshengst zu reiten, oder seid Ihr doch die Lusche, für die ich Euch anfangs hielt?“

Seine Worte ließen mir keine Wahl. Ich nickte mit männlicher Entschlossenheit, dann griff ich in die Seitentaschen meiner Jacke und holte zwei Reitersporen hervor. Es waren Silbersporen, die ich am Nachmittag in einem Lone-Ranger-Fanshop erstanden hatte. Bruder Heinrich hatte mir ja klipp und klar erklärt, dass meine nächste Prüfung mit Reiten zu tun hatte, und dass dabei wieder dämonische Mächte im Spiel waren, hatte ich mir ausrechnen können.

Ich zog die Silbersporen an, flankte über die Umzäunung, wich geschickt den nach mir schlagenden Hufen des schwarzen Hengstes aus und nutze den richtigen Zeitpunkt, als das Tier kurzfristig auf die Vorderläufe niederging: Ich gab dem Gaul meine Rechte zu schmecken, dreschte sie ihm auf die Nüstern, dass er benommen den Kopf schüttelte, mich dann ungläubig anglotzte und empört ein Flammenwölkchen aus den Nüstern prustete. Ich ergriff das Sattelhorn, stieß blitzschnell die Stiefelspitze in den Steigbügel, und bevor sich Satansbraten von seiner Verdatterung erholen konnte, saß ich auf ihm.

Himmel, war das ein Ritt! Satansbraten bockte, stieg auf, ließ sich wieder nach vorn fallen. Ich aber ließ nicht locker, klammerte mich fest und stieß dem Höllenhengst die Silbersporen in die Flanken, und als das Edelmetall mit seinem Blut in Berührung kam, stieß er ein Kreischen aus, so schrill, dass es allen Anwesenden in den Ohren schmerzte.

Das Silber half, das merkte ich, es dämpfte die höllischen Kräfte, die das Tier unter Kontrolle hielten. Aber es konnte nicht verhindern, dass ich an diesem Abend und in der folgenden Nacht dutzende Mal abgeworfen wurde. Doch jedes Mal stand ich wieder auf und stellte mich mannhaft erneut dem Kampf mit der Bestie.

Einmal wurde ich weit über den Zaun geschleudert und krachte gegen die Leiber von drei Mönchen, die ich mit mir zu Boden riss. Schreie gellten, Knochen brachen, doch zum Glück nicht meine. Ich stand auf, während sich zwei der Mönche nie wieder erheben würden, und schimpfte: „So nicht, Satansbraten! Du wirst nicht über mich triumphieren!“

„Ihr habt doch schon gewonnen!“, rief der über alle Maßen entsetzte Bruder Heinrich und rang die Hände wie ein Waschweib, wenn es im Fluss einen nackten Kerl beim Baden entdeckt. „Nie hielt sich ein Mann länger als Ihr auf dem Rücken dieser Bestie! Lasst es dabei bewenden. Ihr habt uns allen bewiesen, was für ein Kerl Ihr seid!“

Doch von seinem Gejammere ließ ich mich nicht beeindrucken, und als mich drei weiteren Mönchen ergreifen wollten, um mich daran zu hindern, mir dem Höllenhengst noch einmal vorzunehmen, streckte ich sie mit den Fäusten nieder, um mir den Weg zu bahnen.

Es gelang mir, mich immer länger im Sattel der tobenden Bestie zu halten. Wieder und wieder stieß ich der Bestie die Sporen in die Flanken, und das Silber schwächte die höllische Kreatur zusehends.

Dampfender Schweiß strömte dem Höllengaul aus allen Poren, der nach Schwefel und Fäulnis stank, und als dann die Sonnen als rot glühender Feuerball über den Horizont kroch und ihre ersten Strahlen das teuflische Untier trafen, knickten seine Läufe ein, und es brach schweißüberströmt und dampfend unter mir zusammen. Schnaubend und keuchend blieb das Pferd im Staube liegen, über und über mit schwefligem Schaum bedeckt, während ich mich erhob und mir die Kleidung abklopfte.

Mein Kampf gegen die Bestie hatte die ganze Nacht bis zum Morgengrauen angedauert, und während ich mir mit diesem Ungeheuer ein Duell auf Leben und Tod geliefert hatte, waren Bruder Heinrich und seine Mönche mit der Zeit eingenickt. Schnarchend lagen sie um den Zaun herum, hatten es sich auf ein paar Heuballen oder Getreidesäcken gemütlich gemacht.

Ich stieß den laut sägenden Bruder Heinrich die Stiefelspitze in die Seite, er schreckte hoch, glotzte mich an, als sähe er ein Gespenst, und ich sagte: „Ich leih mir das mal eben aus!“

Gemeint war der Heinrich-Stutzen, den der fromme Mann bei sich hatte, für den Fall, dass die Bestie ausbrechen würde. Ich nahm ihn, stieg damit über den Zaun und schritt auf Satansbraten zu.

Schnaufend lag das Tier am Boden. Es hob leicht den Kopf, schaute mich an, und da war kein Höllenfeuer mehr in seinen Augen, kein Hass. Ich hatte dem Gaul durch meine Unnachgiebigkeit die dämonischen Energien aus dem Leib getrieben, einen Exorzismus an dem Tiere vollbracht; doch die Kreatur hatte ich nur erlöst, nicht gerettet, denn sie würde sich von dieser Tortur nie mehr erholen.

Ich legte mit dem Heinrich-Stutzen an und gab dem Pferd den Gnadenschuss.

Nie werde ich die Dankbarkeit in seinen treuen Tieraugen vergessen. Leser, wenn du jemals einen Hund hattest, den du als Welpen großgezogen hast (ich meine, nicht als du ein Welpe warst, sondern er), der dir jahrelang zur Seite stand, der als junger Rüde seine erwachenden Triebe an deinem Unterschenkel abreagierte und dir vielleicht schon mehrmals das Leben rettete in brenzliger Situation, der für dich Gefährte war, Freund und vielleicht sogar so etwas wie eine Geliebte, und dieser treue Kerl leidet von heute auf morgen unter Hämorriden, zugleich wächst ihm die Analdrüse zu, er verliert durch einen scheußlichen Unfall beide Vorderpfoten, und die verbliebenen Stümpfe wollen nicht aufhören zu eitern, und der Tierarzt stellt dann noch ein bösartiges Geschwulst im Darm fest, und du nimmst eine Schüppe, sagst zu ihm „Far well, good friend!“, verharrst kurz, schaust ihm in die traurigen Kulleraugen und ziehst ihm dann das Schaufelblatt über den Schädel und hörst es knacken, dann weißt du, was ich meine, wenn ich von Dankbarkeit in treuen Tieraugen schreibe und welche Gefühle sie im Herzen eines empfindsamen Menschen hervorrufen können.

Als ich mich umdrehte, stand Bruder Heinrich hinter mir und nickte anerkennend: „Halleluja, Ihr seid fürwahr ein ganzer Kerl!“ Er wies auf das tote Pferd und meinte: „Das wird einen leckeren Sauerbraten geben!“

Ja, er sagte Sauerbraten, nicht Satansbraten. Erst später erfuhr ich, dass Bruder Heinrich Rheinländer war und der Rheinländer ebenso wie der Rote seinen Gaul einfach auffrisst, wenn er ihn zu Schanden geritten hat.

So wurde aus dem Satansbraten ein Sauerbraten, was eine rheinländische Spezialität sei, wie mir Bruder Heinrich später versicherte.

––––––––

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ES GAB NOCH EINE DRITTE und letzte Prüfung, die mich Bruder Heinrich unterzog, doch die war wesentlich ungefährlicher und unspektakulärer als die beiden davor.

Er führte mich in einem Raum, der nur spärlich möbliert war, mit Regalen an den Wänden, in denen Folianten und Papierrollen lagerten, und mit einem Holztisch in der Mitte mit sechs Stühlen. Auf dem Tisch lagen Karten und Pläne, dazwischen allerlei Messinstrumente, und ich fühlte mich wie in einem geodätischen Bureau.

Der Abt des Klosters und drei weitere fromme Brüder gesellten sich zu uns, nachdem Bruder Heinrich nach ihnen geschickt hatte, und der Klostervorsteher begann ein sehr freundliches Gespräch mit mir. Hauptsächlich drehte es sich um religiöse Themen, denn er wollte wohl erfahren, wie fest ich in meiner christlichen Gesinnung war. Natürlich kamen wir dabei auch auf die Vorhaut Christi zu sprechen, welche – wie Du ja weißt, verehrter Leser - die heiligste Reliquie der Christenheit ist, denn durch die Wiederauferstehung des Fleisches ist uns vom Erlöser ja leider nicht mehr geblieben. So unterhielten wir uns darüber, ob besagte Hinterlassenschaft des Herrn nun wirklich in der Kathedrale von Le Puy-en-Velay, in der die Abtei von Charroux, in einem Kloster bei Antwerpen, in der Kirche von Hildesheim oder doch in eben diesem Kloster von St. Louis aufbewahrt wurde. (Um den armen Mann nicht allzu sehr zu enttäuschen, verschwieg ich meine Meinung, dass er wohlmöglich einem Scharlatan aufgesessen war, als ihm ein Trapper die angebliche Reliquie mit einigen Biberfällen verkaufte.)

Dann lenkte der Abt das Gespräch nahezu unmerklich und mit einigem rhetorischen Geschick von eben jener Vorhaut auf die Instrumente auf dem Tisch, dann auf die Karten, und schließlich zeigte er ein außerordentliches Interesse an der Feldmesskunst.

Nun, ich hatte in meiner geliebten Heimatstadt Radebeul eine ausgesprochen gute Allgemeinbildung erhalten, wie an deutschen Volksschulen üblich, und wenn sich der fromme Mann mit mir über Feldmessung unterhalten wollte, konnte er das haben.

Bald erläuterte ich ihm die Funktionsweise jedes einzelnen der auf dem Tisch liegenden Instrumente, führte sie ihm vor, griff zu den Karten und stellte auf seinen Wunsch hin ein paar komplizierte Berechnungen an. Auch die drei anderen Brüder beteiligten sich schließlich an unserem Diskurs, äußerten gezielte Nachfragen, die so speziell waren, dass ich durchaus erkannte, dass es sich um Fachleute auf dem Gebiet der Feldmessung handelte, und als das Gespräch schließlich versiegte, nickten sie dem Abt zufrieden zu.

Der schaute Bruder Heinrich an, der wiederum das Wort an mich richtete: „Ihr habt alle Prüfungen bestanden, Herr Mayer. Ich muss sagen, dass ich außerordentlich zufrieden bin.“

„Aber welchem Zecke dienten diese Prüfungen?“, wollte ich wissen.

„Heute Abend, im Hause Eurer Gastgeber, werdet Ihr alles erfahren“, versprach mir Bruder Heinrich. „Man erwartet auch mich dort zum Abendessen, und ich habe mir erlaubt, noch einen weiteren Gast einzuladen, der seit ein paar Tagen in St. Louis weilt.“

„Aber ...“, wollte ich entgegnen.

„Ihr werdet alles erfahren, Mayer Karl – heute Abend!“

––––––––

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Kapitel 3

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Nur selten irrt der Howlin’ Sam

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(Mein höllischer Auftrag im Wilden Westen)

Am Abend erschien Bruder Heinrich zum Abendessen, so wie es verabredet war. Meine Gastgeber begrüßten den Mönch höflich, und er hatte einen Strauß Blumen für die Frau Gemahlin mitgebracht.

Noch etwas hatte er dabei, einen langen Gegenstand, den er stümperhaft in Geschenkpapier eingewickelt hatte (Weihnachtspapier, mit Engelchen drauf), mit einer Schleife drum herum. „Dies ist für Euch, Herr Mayer“, verriet er mir. „Aber Ihr dürft es erst später auspacken, wenn wir über eine gewisse Angelegenheit gesprochen haben.“ Er zwinkerte mir zu. „Ihr kommt nie darauf, was es ist.“

Ein Gewehr, erkannte ich sofort. Man musste wahrhaft eine Lusche sein, dies nicht auf einem Blick zu erkennen.

Zwei Minuten später donnerte jemand wie irre mit der Faust gegen die Tür, und ich dachte schon, dort draußen stünde ein Betrunkener oder die Polizei auf der Jagd nach einem entflohenen Sträfling, denn wer immer dort gegen das Türblatt hämmerte, war entweder wirr im Kopf oder hatte eine besonders dringende Angelegenheit zu regeln.

Als die gnädige Frau öffnete – Bruder Heinrich, der Herr des Hauses und ich weilten noch im Eingangsbereich – stand draußen ein kleinwüchsiges, haariges Männlein, das mich an die unheimlichen Bewohner des deutschen Waldes erinnerte, eine Art Schrat, kaum größer als einssechzig, in fransiger Lederkleidung, die vor Dreck starrte, mit einem verfilzten Bart, in dem das Essen der letzten Wochen klebte, und einer dicken Schmutzschicht im faltigen Gesicht. Auf dem Kopf trug er etwas, dass ich zunächst für ein zotteliges Tier hielt, dann für eine Art Mütze aus dem schmutzig-braunen Fell einer mir unbekannten Kreatur. Erst bei genauerem Hinsehen kam mir der Gedanke, dass es sich dabei um die Haarpracht des kleinwüchsigen Gesellen handelt könnte.

An seinem breiten Gürtel waren mehrere gefüllte Beutel festgeschnürt, und allerlei Waffen steckten darin, vom Jagdmesser mit breiter Klinge bis hin zum Revolver. Eine Waffe hielt er auch in der rechten Hand, eine langläufige Büchse. Er kaute schmatzend auf etwas herum, und zwischen seinen Lippen rann bei jeder Bewegung des Kiefers eine schwarze Brühe hervor und versicherte in seinem Bartgestrüpp. Mit Sicherheit handelte es sich um Kautabak, den der echte Westmann immer einer guten Zigarre vorzieht.

Die Dame des Hauses wich mit einem Aufschrei zurück, ich trat vor, um mich dem kleinwüchsigen Unhold zu stellen, der auf mich ganz wie eine kannibalische Gestalt aus der wildesten Wildnis wirkte, doch Bruder Heinrich näherte sich ihm mit ausgebreiteten Armen, unterließ es dann aber, den Drecksspatz damit zu umschließen, sondern ergriff dessen freie Hand und schüttelte sie überschwänglich. „Sam Howlin! Wie schön, Euch zu sehen!“

Auch der Angesprochene grüßte den Mönch, und wie es schien, kannten sich beide recht gut. Dann wurde uns der Waldschrat vorgestellt. „Dies ist Sam Howlin“, erklärte Bruder Heinrich, „genannt Howlin’ Sam! Sam ist ein echter Westmann, ein Präriejäger, wie er im Buche steht.“ Er sah mich an, bevor er hinzufügte: „Ihr werdet von Sam eine Menge lernen, wenn Ihr ihm in den Westen folgt.“

Bevor ich meinem Erstaunen über diese Worte Ausdruck verleihen konnte, überwand die Dame des Hauses ihre verständliche Scheu vor dem Schrat und hielt ihm die Hand hin. „Mister Howlin.“

Doch anstatt die Hand der Dame an seine Lippen zu führen und einen Kuss anzudeuten, wie es der Gentleman tut, wischte sich der Waldschrat mit seinem Ärmel den braunen Tabakssaft, der über seine Lippen geschwappt war, aus dem Bart und sagte: „Mister Howlin war mein Vater, wenn ich mich nicht irre. Ist das Einzige, was ich von ihm weiß. Ich bin der Howlin’ Sam.“ Und dann lachte er meckernd wie eine Ziege.

Howlin’ Sam nannte er sich also, was wahrscheinlich eine Art Kriegsname war, den sich Westmänner geben oder auf irgendeine Weise verdienen. Meiner Ansicht nach hätte der Kampfnahme Rumpelstilzchen besser zu ihm gepasst.

„Wollt Ihr nicht Euer Gewehr ablegen?“, fragte ihn der Herr des Hauses höflich.

„Will’s lieber behalten, wenn’s recht ist“, antwortete der Howlin’ Sam. „Ein echter Westmann trennt sich nicht von seinen Waffen, um mein Gewehr, die gute Liddy, ist mir ans Herz gewachsen wie ein treues Weib, wenn ich mich nicht irre.“

Die Eigenheit, den Beisatz „und wenn ich mich nicht irre“ an dem, was er sagte, anzufügen, schien ein Tick von ihm zu sein, eine Marotte, wie sie viele schräge Vögel pflegen.

Man sah unserem Gastgeber und seiner holden Gattin an, dass auch sie sich über diesen seltsamen Kauz wunderten, so wie auch ich es tat. Dennoch bat uns die Dame des Hauses zu Tisch, und wir begaben uns in den Salon, wo die beiden Kinderlein der Familie brav auf uns warteten und uns artig begrüßten, das Mädle in rosa Kleidchen und mit Haarschleife, der Knabe in schmuckem Matrosenanzug.

Der Tisch war geradezu festlich gedeckt, mit bestem Porzellan und Silberbesteck und Weingläsern aus teurem Kristall. Die drei Herren und die Kinder warteten, bis die Dame des Hauses Platz genommen hatte. Den Howlin’ Sam konnte man offensichtlich nicht zu den Herren rechnen, denn der ließ sich sofort am Tischende nieder, wo er die Beine weit von sich strecke. Den Kautabak spuckte er, bevor er sich auf den knarzenden Stuhl warf, in eine nahe stehende chinesische Vase, die bestimmt von einigem Wert war.

Während Bruder Heinrich ein Tischgebet sprach, stemmte Sam Howlin die Ellbogen auf den Tisch, und kaum war das Kreuzzeichen gemacht, langte er schon kräftig zu, und zwar ganz nach Art des Westmannes, indem er das Fleisch mit bloßen Händen nahm. Sodann schaufelte er sich den Teller voll Kartoffeln, nutzte die Gabel, um sie zu zerquetschen, badete das Ganze in Soße, mit der er kunstvolle Muster auf die Tischdecke malte, und stopfte alles mit dem Silberlöffel in sich hinein, dessen Stiel er umklammert hielt wie einen Faustkeil.

Der Hausherr und die Dame waren sichtlich pikiert über Sam Howlins Tischmanieren, das Mädchen erschrocken, der Knabe musste sich das Grinsen verkneifen – und Bruder Heinrich? Ja, der schlug Sam Howlin, dem er über Eck saß, auch noch auf die Schulter, dass der sich verschluckte und würgte und hustete, und rief: „Fürwahr, Howlin’ Sam! Ihr seid ein echter Westmann, wie man sieht!“ Dann deutete er mit der Gabel auf mich: „Aus diesem Grund will ich Euch diesen Burschen anvertrauen, Sam. Auch er ist ein Mann aus echtem Schrot und Korn, ein Mann, auf den Verlass ist. Und für unsere Mission genau der Richtige!“

„Was für eine Mission?“, wollte ich wissen.

„Pshaw!“, rief der Howlin’ Sam und stopfte sich einen Fleischbrocken zwischen die Zähne, um dann mit vollem Mund zu nuscheln: „Der Gent scheint mir eher eine Lusche!“

Sofort erhob ich mich. (Blöderweise hing mir die Serviette wie ein Lendenschurz vor meinem Schritt, da ich eine Ecke davon der Sicherheit halber in den Bund gestopft hatte.) „Wie nennt Ihr mich?“

Bruder Heinrich hob beschwichtigend die Hände und bedeutete mir, wieder Platz zu nehmen. „Nein, Sam!“, wandte er sich an den Westmann, dessen Gewehr neben ihm am Tisch lehnte, griffbereit, sodass es [sehr leichtsinnig von mir gewesen wäre, ihn herauszufordern—im handschriftlichen Originalmanuskript gestrichen und ersetzt durch:] sehr mutig von mir war, ihm meinen Zorn so offen zu zeigen. „Nein, Herr Mayer ist alles andere als eine Lusche, das hat er mir sehr eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Aus ihm kann ein echter Westmann werden, glaubt mir!“

„Wollen es sehen“, schmatzte Sam Howlin und stopfte sich mit der rechten Hand den Mund mit Fleisch voll, während er in der Linken den Löffel hielt und damit Kartoffeln nachschaufelte. „Wollen es sehen.“

Ich nahm wieder Platz, fixierte Bruder Heinrich und forderte mit ernster Stimme: „Ich will jetzt wissen, wovon Ihr redet, Bruder Heinrich.“

Statt des frommen Gotteskriegers antwortete mein Gastgeber: „Es geht um einen Bekannten von mir, einen Geschäftsmann aus St. Louis, der sich in den Kopf gesetzt hat, eine Bahnstrecke durch das Indianergebiet der Apachen und der Kiowas zu bauen“, erklärte er mir. „Vielleicht habt Ihr schon von ihm gehört, Herr Mayer. Sein Name ist John Bancrott.“

„Nein“, gestand ich.

„Er ist Eigentümer der American Raillines.“

„Ist mir kein Begriff.“

„Nun ja ...“ Meine Unkenntnis machte den guten Mann wohl etwas verlegen, denn dieser Bancrott war ein Geschäftsfreund, und dass er mir so völlig unbekannt war, sprach nicht dafür, dass es sich um einen besonders erfolgreichen Geschäftemacher handelte. „Jedenfalls plant er diese Strecke durch das Gebiet der Apachen und Kiowas ...“

„Die unter einander verfeindet sind, wenn ich mich nicht irre“, setzte Sam Howlin hinzu, bevor er sich den nächsten Fleischbrocken in die Backen schob.

„Und was wollt Ihr von mir?“, fragte ich, dann sah ich Bruder Heinrich an, der soeben sein Weinglas geleert hatte und sich nachschenken ließ, und fügte als zweite Frage hinzu: „Und was habt Ihr als Mann Gottes und Streiter wider die Hölle mit dieser doch recht weltlichen Angelegenheit zu schaffen?“

„Ihr müsst wissen“, erklärte dieser, „dass die Roten nicht nur eine Bande von wilden Heiden sind, denen das Wort Gottes völlig fremd ist, was sie in meinen Augen schon zu Dienern des Teufels macht ...“ Seine Miene wurde wieder grimmig, in seinen Augen loderte erneut dieses fanatische Feuer, und er nahm einen weiteren tiefen Schluck Rotwein, bevor er mir eröffnete: „Die Roten dort, sowohl die Apachen als auch die Kiowas, sind - Werwölfe!“

„Aha“, sagte ich, „Werwölfe also.“ Dann erst sickerte in meinen Verstand, was er mir soeben eröffnet hatte. „Werwölfe?“

„Zwei Stämme, deren Mitglieder allesamt Werwölfe sind, ja!“ Bruder Heinrich nickte ernst, dann stürzte er den Rest des Weines hinunter und fragte mich: „Ihr wisst, was ein Werwolf ist?“

„Was für eine Frage!“, antwortete ich. „Ihr seid ein Landsmann und wisst, dass der Werwolf in Deutschland weit verbreitet ist. Er ist tagsüber ein Mensch, nur wenn der Vollmond scheint, verwandelt er sich in eine reißende Bestie, die nicht mehr weiß, was sie treibt und auch nicht mit wem. Zum Werwolf wird ein Mensch entweder durch einen Familienfluch, was heißt, dass zumeist der Vater bereits ein Werwolf ist, oder indem er den Angriff eines Werwolfs überlebt, von diesem aber verletzt wurde, also ähnlich wie beim Biss des Vampirs ...“

„An dieser Stelle möchte ich Euch unterbrechen, Herr Mayer“, sagte Bruder Heinrich, „denn was Ihr hier äußert, trifft auf den europäischen Werwolf sicherlich zu, doch es gibt mehrere Arten von Werwölfen, und hier im Westen haben wir es mit einem anderen zu tun, als er bei Euch zuhause anzutreffen ist.“ Er machte eine Pause, um sich von der Dame des Hauses erneut nachschenken zu lassen, und leerte dann das Glas auf einem Zug. Es war bereits sein drittes oder viertes, das er in der kuren Zeit, die wir am Tische saßen, geleert hatte. Offenbar war der ansonsten so fromme Mann dem Teufel Alkohol nicht abgeneigt. Mit einem Wink gab er der Gastgeberin zu verstehen, sie solle ihn erneut nachschütten. „Der Indianerglaube ist voll von mystischen Gestaltenwandlern“, führte er dann weiter aus. „Und auch der Werwolf spielt in ihrer heidnischen Vorstellungswelt eine große Rolle. Die Navajo-Indianer etwa nennen ihn den yee naaldlooshii, den Skinwalker, und er verwandelt sich in einem Wolf, ohne dass der Mond irgendeinen Einfluss darauf hätte, sondern ganz aus freiem Willen, sogar am Tage.“

Während Bruder Heinrich wieder einen kräftigen Schluck nahm, staunte ich nicht schlecht. „Ein Werwolf, der im Licht der Sonne sein Unwesen treibt? Der sich zu jeder Tages- und Nachtzeit verwandeln kann?“

Bruder Heinrich nickte finster. „Ihr begreift, dass so eine Bestie noch viel gefährlicher ist als der europäische Werwolf, vor den man sich nur bei Vollmond in Acht nehmen muss.“

„Und diese Indianerstämme, von denen Ihr gesprochen habt“, sagte ich. „Sind alle Mitglieder dieser beiden Stämme Werwölfe?“

„Ja, diese Kiowa- und Apachen-Werwölfe treten nicht allein auf, sondern bilden jeweils ein Rudel, einen Stamm eben.“ Erneut nahm er einen tiefen Schluck und stellte erstaunt fest, dass das Glas wieder leer war. „Sehr unwahrscheinlich, dass sie alle unter einer Art Familienfluch leiden, so wie Euer europäischer Werwolf, oder dass einer den anderen gebissen hat. Nein, hier ist heidnische Zauberei im Spiel ist, die Macht eines Götzen oder eher einer götzenhaften Kraft. Die Wilden in diesem Land beten Naturgeister an, ihre Welt ist durchdrungen von sogenannten Manitus, wie ich Euch gegenüber schon erwähnte, gespensterhaften Wesen, mit denen ihre Hexenmeister, die sich Medizinmänner nennen, in Kontakt stehen, denen sie einerseits Befehle erteilen, deren Willen sie andererseits aber auch ausführen.“ Erneut wurde ihm auf seinem Wink hin nachgeschüttet. „Ich bin davon überzeugt, dass diese beiden Stämme durch die Anbetung und Verehrung eines dieser Manitus dereinst zu Werwölfen wurden, dass sie sich bewusst dafür entschieden haben, um der Natur, die sie so sehr verehren, näher zu sein.“

„Der Natur näher zu sein?“, fragte ich. „Indem man zur reißenden Bestie wird?“

„Reißende Bestie ist etwas übertrieben, wenn ich mich nicht irre“, mischte sich der Howlin’ Sam wieder ins Gespräch ein. Er legte das Messer zur Seite, mit dem er sich zuvor zwischen den Zähnen herumgestochert hatte. „Sie sind nicht wirklich Bestien, will sagen, sie sind auch in ihrer Wolfsgestalt ganz Herr ihrer Sinne und bleiben bei Verstand. Sie werden nicht getrieben von blinder Mordgier, sondern wissen genau, was sie tun.“

„Das ist ... unglaublich!“, rief ich aus.

„Aber es ist so, Herr Mayer.“

Ich blickte in die Runde und sah vier Menschen nickten – den Herrn des Hauses, die Gastgeberin, Sam Howlin und Bruder Heinrich – und zwei weitere Menschen, die käseweiß im Gesicht geworden waren – die lieben Kinderlein, denen es bei unserem Tischgespräch so sehr gruselte, als würde ihnen Bruder Heinrich eine seiner Predigten über Sünde und Verdammnis halten.

„Dennoch“, fuhr Bruder Heinrich fort, „sind sie in der Nacht kräftiger und schneller als am Tage, so als würde das Sonnenlicht sie schwächen, doch am stärksten sind sie bei Vollmond, denn das Licht des Mondes verleiht ihnen zusätzliche Kraft und Energie.“

„Wenn sie allerdings ihre Wolfsgestalt nicht tragen“, fügte Sam Howlins hinzu, „verhalten sie sich und leben wie ganz gewöhnliche Rothäute. Hin und wieder buddeln sie das Kriegsbeil aus, metzeln sich entweder gegeneinander ab oder irgendwelche weißen Siedler, die sie grausam massakrieren oder am Marterpfahl zu Tode quälten. Da merkt man ihnen gar nicht an, was für verruchte Kerle sie in Wirklichkeit sind, hihihi.“ Er lachte kichernd, dann riss er das Maul weit auf, griff sich in den Rachen und bohrte mit dem Nagel des Zeigefingers dort herum, wo er zuvor mit dem Messer gestochert hatte.

Ich nickte grimmig. „Dieses Indianergebiet, in dem diese zwei Werwolfsstämme leben, wo befindet es sich?“

„Esch schlieschd schwischen schen Schwellscheschied schesch Schieo Scheschosch undsch schüschischen Schaschaschischan“, antwortete mir Sam Howlin, der nun schon mit zwei Fingern plus Daumen in seinem Munde an etwas herumzerrte.

„Es liegt zwischen dem Quellgebiet des Rio Pecos und des südlichen Canadian“, übersetzte mir Bruder Heinrich.

Ich wandte mich an meinem Gastgeber: „Und Euer Geschäftsfreund, dieser Herr Bancrott, plant eine Eisenbahn durch dieses Gebiet zu bauen?“

Er nickte. „Die Bisonherden dort lassen sich vom Zug aus hervorragend abknallen. Dafür würden Touristen viel Geld bezahlen.“

„Aber Ihr befürchtet, dass sich Euer Freund in arge Gefahr begibt, richtig?“

„Das stimmt, Herr Mayer.“

„Und wie sollte ich das ändern?“

„Nun, Herr Mayer“, ergriff wieder Bruder Heinrich das Wort und deutete auf Sam Howlin, der gerade ein Knöchelchen aus einer seiner hinteren Zahnreihen gelöst hatte und es stolz präsentierte, „unser Freund, der Howlin’ Sam, und seine beiden Partner Dick Stick und Büffel-Bill arbeiten für Herrn Bancrott als Scouts. Herr Bancrott schickte Sam nach St. Louis, denn er benötigt wohl noch einen Landvermesser, den Sam hier auftreiben soll.“

„That’s right“, bestätigte Sam und warf das Knöchelchen über die Schulter hinweg. „Bancrott und seine Gents brauchen Dick, Bill und mich, weil sie Angst haben, sich ohne uns im Indianerterritory zu verlaufen, wenn ich mich nicht irre. Außerdem sprechen wir die Sprache der Indsmen, sowohl der Apachen als auch der Kiowas, was immer ganz gut ist, wenn man an ihren Marterpfählen landet und um Gnade winseln will. Bancrott schickte mich her, um einen weiteren Surveyor aufzutreiben und ihn mit vielen leeren Versprechungen und für wenig Geld ins Indianergebiet zu locken, weil die drei Flaschen, die er für diese Aufgabe angeheuert hat, für wenig mehr taugen als für einen Schiss in die Prärie. Bancrott ist noch dabei, den künftigen Schienenverlauf zu vermessen, deshalb braucht er zumindest einen fähigen Surveyor, sonst verreckt sein Dampfross an der erstbesten größeren Steigung. Erst anschließend kommen die Bahnbauer, verlegen die Eisentrassen und nehmen den Rothäuten ab, was von Anbeginn der Zeit an ihnen gehörte. Arme Hunde, wenn ich mich nicht irre. Oder ...“ Er kicherte. „... doch eher arme Wölfe, hihihi.“

„Und jetzt kommt Ihr ins Spiel, Herr Mayer“, sprach Bruder Heinrich. „Ihr habt mir bewiesen, dass Ihr das Zeug zu einem echten Westmann habt und über dies auch mit dämonischen Kräften fertig werdet. Außerdem versteht Ihr Euch in der Kunst der Landmessung, eignet Euch also hervorragend als Surveyor.“

„Ihr meint also, ich sollte diesen Posten annehmen, als Landvermesser ins Indianerterritorium gehen, auf Euren gemeinsamen Freund Herrn Bancrott aufpassen ...“, ich holte tief Luft, bevor ich den Satz zu Ende sprach, „... und allein zwei ganzen Werwolf-Stämmen den Garaus machen, falls diese zur Gefahr werden?“

„No, Sir“, widersprach Sam Howlin, „nicht allein, denn Mr. Bancrott hat noch ein paar Aufpasser angeheuert, dreizehn wilde Kerle, deren Anführer sich Ratten-Jim nennt und von sich behauptet, schon mit Gestaltwandlern zu tun gehabt zu haben.“ Er blähte die Brust auf, wobei ihm ein knarrender Furz entfuhr, und fügte nicht ohne Stolz hinzu: „Und außerdem sind da ja noch meine Kumpel Dick Stick und der Büffel-Bill und der Sohn meiner Mutter, wenn ich mich nicht irre.“

„Ich bin sicher, ausgerechnet Ihr werdet mir eine große Hilfe sein“, sagte ich abfällig zu dem kleinwüchsigen, verlausten Kerl, der mich so sehr an einen deutschen Waldschrat erinnerte.

Im nächsten Moment hätte ich mir am liebsten die Zunge abgebissen, denn es ist nicht meine Art, mich derart despektierlich über andere Menschen zu äußern. Aber die Worte waren heraus, und bevor ich mich entschuldigen konnte, ließ der Howlin’ Sam vor Empörung noch einen fahren und brauste dann auf: „Bin ein echter Westmann und mit diesem Land verwurzelt, Sir!“ Das „Sir“ betonte er ganz besonders, in einem ebenso beleidigten wie beleidigenden Tonfall. „Kenne mich hier aus und bin auch mit den Indsmen und ihren Sitten vertraut, was Ihr bestimmt nicht von Euch behaupten könnt, Sir. Und wenn Ihr mir jetzt vorzuhalten gedenkt, ich hätte keine Erfahrungen mit dämonischen Kräften, so irrt Ihr Euch, wenn ich mich nicht irre, Sir!“

Und damit griff er sich an den Kopf, und das verfilzte Etwas, das ich zuerst für ein mir unbekanntes Tier und dann für seine Haarpracht gehalten hatte, entpuppte sich als Perücke – und was darunter zum Vorschein kam, ließ die beiden braven Kinderchen am Tische laut aufkreischen.

Es war ein hässliches, ja, grauenhaft anmutendes Narbengeflecht, das den haarlosen Schädel überzog, mit wulstigen Buckeln darauf und bläulichen Äderchen, die das rosafarbene Narbenfleisch durchzogen. Besonders stachen drei tiefe Kerben hervor, die bis auf die Schädelplatte reichten, eindeutig von messerscharfen Krallen beigebracht.

Sam Howlin schleuderte das filzige Etwas, das diese scheußlichen Narben bisher bedeckt hatte, wütend auf den Tisch, und es landete in einer Schüssel Rosenkohl. „O ja, auch ich bin schon mit den finsteren Kräften der Hölle aneinander geraten. Es war einer jener Kiowa-Krieger, die im benannten Gebiet leben. Er griff mich an in seiner Werwolfsgestalt, und bevor ich ihn mit meiner Liddy den Schädel wegpusten konnte, schlug er zu, um mir den Kopf von den Schultern zu reißen. Flink wie ich bin, duckte ich mich, doch seine Pranke streifte mein Haupt, seine Krallen verfingen sich in meiner blond gelockten Haarpracht, deretwegen mich die Weiber so sehr liebten, und – rrrratsch!!! – riss er sie mir mitsamt der Kopfhaut vom Schädel und hielt diese als blutige Trophäe in der Klaue!“

Erneut schrien die Kinder auf. Offenbar stand ihnen das grässliche Geschehen bildlich vor Augen.

„Das Blut spritzte nur so und lief mir durchs Gesicht“, erzählte Sam Howlin weiter. „Doch mannhaft biss ich die Zähne zusammen, denn ich wusste: Wenn ich der Wolfsbestie die Möglichkeit gab, noch einmal zuzuschlagen, würde sie mir mit ihren messerscharfen Krallen den Bauch aufschlitzen – ritsch-ratsch! -, mir die dampfenden Eingeweide – zuppel, zuppel! - aus dem Leib zerren, meine Gedärme fressen – schmatz, schmatz! - und mich dabei zugucken lassen!“

Ein leises Plätschern verriet mir, dass sich der Knabe wieder mal einnässte, während sein Schwesterchen leichenblass im Gesicht geworden war. Beide konnten sie den Blick nicht von dem verunstalteten Schädel des Westmannes lösen, der mit seiner blutrünstigen Geschichte noch immer nicht zu Ende war.

„Also“, fuhr Sam Howlin fort, „unterdrückte ich den entsetzlichen Schmerz, hob meine Liddy und schoss. Der Kopf des Werwolfs explodierte regelrecht. Stinkendes, dickflüssiges Blut spritzte umher, und etwas Glibberiges traf mein Gesicht, wobei es sich um das Gehirn des Kiowas handelte, wenn ich mich nicht irre.“

Das Mädchen würgte laut, spuckte das Essen zurück auf den Teller. Nicht nur die letzten Bissen, sondern vom Frühstück angefangen alle Mahlzeiten des Tages.

Davon ließ sich Sam Howlin weder beirren noch unterbrechen: „Ich wischte mir das Hirn der Rothaut und mein eigenes Blut aus dem Gesicht und sah, wie die Kreatur zu Boden ging, mit weggesprengtem Kopfe – oder vielmehr ohne Kopf, wenn ich mich nicht irre, hihihi. Trotzdem lebte der Bursche noch für eine Weile, schlug unkontrolliert mit den Armen um sich und strampelte wild mit den Beinen, während er sich in einen Menschen zurückverwandelte und man das Knirschen der sich verschiedenen Knochen hörte. Und während der ganzen Zeit pulste der dampfende Lebenssaft aus dem aufgesprengtem Halsstumpf und ... Was ist denn nun los?“

Auf einmal hielt er doch inne und starrte verwirrt den beiden Kinderlein nach, die aufgesprungen waren und laut kreischend aus dem Raum liefen.

„Ja, ich bin doch noch gar nicht fertig!“, rief Sam Howlin ihnen nach und grummelte: „Stadtkinder!“ Dann sah er mich an. „Ihr sagtet gerade, Sir, dass ein Mann, der von einem Werwolf verletzt wird und dies überlebt, selbst zum Werwolf wird, wenn ich Euch richtig verstanden habe.“

„Ist dies denn bei Euch der Fall?“, fragte ich ihn und ahnte, dass es anders sein musste.

„Nein, ist es nicht. Und das habe ich einzig und allein Bruder Heinrich zu verdanken, wenn ich mich nicht irre.“

Bruder Heinrich hatte sich zwischenzeitlich selbst nachgeschenkt und berichtete nach einem kräftigen Schluck: „Ich selbst hielt mich damals im Indianerterritorium auf, weil ich Erkundigungen über die dort ansässigen Werwolfstämme einziehen wollte, von denen mein Orden gehört hatte. Vom Fauchen der Bestie und Howlin’ Sams Schuss angelockt, fand ich ihn, über und über mit Blut besudelt und die Kopfhaut weggerissen. Ich brachte ihn in eine Mission, wo ich nicht nur seine schlimme Wunde versorgte, an der so manch anderer gestorben wäre, sondern auch einen Exorzismus an ihm durchführte, um den Werwolfskeim in ihm zu bannen.“

„Wen ich mich nicht irre“, sagte Sam Howlin kichernd, „schüttete Bruder Heinrich in diesen Tagen und Nächten mehr Weihwasser in mich hinein, als ich Zeit meines Lebens Whiskey gesoffen hab!“ Er sah die Hausherrin an und bat sie: „Äh, könntet Ihr mir meine Haare herüberreichen. Ich möchte nicht, dass sie die nächsten Tage nach Rosenkohl riechen und womöglich Grizzlys oder andere Feinschmecker anlocken.“

„Es gelang mir“, erklärte Bruder Heinrich, „den Werwolfskeim in Sam soweit zu isolieren, dass er zwar noch vorhanden ist, aber diese bösartige Krankheit nicht bei ihm zum Ausbruch kommt.“

„Der dunkle Keim befindet sich noch immer in Eurem Blut?“, fragte ich Sam Howlin erstaunt, der sich das dampfende Toupet wieder auf den grässlich verunstalteten Schädel setzte.

„Ist leider so“, antwortete er. „Aber ich verwandle mich nicht in einen Wolf.“ Er verzog grimmig das Gesicht. „Nur bei Vollmond, da ...“ Er verstummte.

„Was passiert bei Vollmond mit Euch?“, fragte ich alarmiert.

„Nun, dann kommt es über mich“, erklärte Sam. „Dann ... nun, dann ... äh, heule ich den Mond an!“

„Darum nennt man ihn den Howlin’ Sam“, erklärte Bruder Heinrich.

„Ach“, sagte ich, den Blick auf dem Westmann gerichtet, „und mir kam der Gedanke, es könnt an Euren Namen liegen.“

„Wie ist es nun, Herr Mayer?“, fragte mein Gastgeber. „Seid Ihr bereit, Euch auf dieses Abenteuer einzulassen? Wie Ihr hörtet, ist Sam Howlin nicht nur ein erfahrener Westmann, er selbst hatte schon Berührung mit den Untrieben der Hölle und ihren Kreaturen.“

„Ja, gottverdammt!“, rief Bruder Heinrich und kippte den Inhalt seines neu aufgefüllten Glases hinunter. Danach stellte er es so heftig auf den Tisch ab, dass es zerbrach. „Wäre dies nicht eine Sache nach Eurem Geschmack, wo Ihr doch so vortrefflich scheißen ... äh, schießen und reiten und Dämonen abknallen könnt?“ Sein Versprecher deutete darauf hin, dass auch ihn die Menge an Rotwein, die er in der relativ kurzen Zeit genossen hatte, nicht unberührt ließ.

Er stand auf, wankte, musste sich am Tisch abstützen, wobei er eine Hand in den noch halb vollen Teller stemmte, um griff nach dem Geschenk, nach dem dilettantisch in Weihnachtspapier eingepackten Gewehr, das er hinter sich an die Wand gelehnt hatte. Zwei-, dreimal verfehlte seine Hand den Gegenstand, dann hatte er ihn, reichte ihn mir über den Tisch, wobei er die dort abgestellte Weinflasche zerschlug und die Soßenschüssel gleich mit, sodass sich deren Inhalte auf der Tischdecke zu einer unansehnlichen Pfütze vermengten. „Das ist für Euch, Herr Mayer!“, sagte er feierlich.

Ich nahm ihm das Gewehr aus den Händen, bevor er damit noch mehr Unheil anrichten konnte, und packte es aus. Nur die Schleife bekam ich nicht auf, da sie zu fest verknotet war, und so riss ich das Geschenkpapier rundherum ab.

„Packt es aus!“, forderte mich Bruder Heinrich mit erheblicher Verspätung auf, da sein alkoholisiertes Gehirn mit dem aktuellen Geschehen nicht mehr ganz mitkam. „Nun macht schon!“

Ich hielt das Gewehr bereits in den Händen, nur noch die Schleife drum herum. Es war eine schwere Vorderlader-Doppelbüchse mit zwei extrem dicken Läufen, die sich an der Mündung stempelförmig verbreiterten. Der Engelländer pflegt mit so etwas auf Elefantenjagd zu gehen.

„Ein Gewehr“, verkündete Bruder Heinrich, was jeder sehen konnte. „Damit hättet Ihr nie und niemals gerechnet, was?“

„Dass mir ein Büchsenmacher eine Büchse schenkt?“ Ich schüttelte den Kopf. „Wahrlich nicht.“

„Ich nenne sie den Werwolftöter!“, sagte Bruder Heinrich nicht ohne Stolz. „Ich habe sie selbst gefertigt.“

„Ach.“

„Ratet mal, welche Art schwarzmagischer Kreatur man damit vortrefflich abknallen kann!“

„Werwölfe“, vermutete ich.

Zu meinem Erstaunen antwortete er: „Papperlapapp!“ Er machte eine unwirsche Handbewegung. „Doch keine Vampire!“ Der Alkohol setzte ihm offenbar mehr zu, als ich bisher angenommen hatte. „Weeer-wöl-feee!“, sagte er, jede Silbe betonend, als wäre ich begriffsstutzig. „Darum nenne ich es Werwolftöter.“ Er fuchtelte mit der Hand über dem Tisch herum, was ihn wieder ins Schwanken brachte. „Ihr versteht? Werwölfe – Werwolftöter! Ist doch logisch, oder? Paff, paff!“ Er kicherte. „Das isses, was den Mann von der Lusche unterscheidet – unter anderem: das richtige Gerät zur richtigen Gelegenheit. Und die Gelegenheit heißt nun mal ... äh, Werwölfe. Äh, irgendwie. Äh ...“ Jetzt war er aus dem Konzept, runzelte die Stirn, dachte nach, dann winkte er ab und sagte: „Egal, jedenfalls das richtige Gerät!“

Mein Blick fiel auf die beiden leeren Plätze. Der eine zeichnete sich dadurch aus, dass die Sitzfläche des Stuhls einen nassen Fleck aufwies, der andere durch einen Teller voller Erbrochenem. „Und was geschieht mit Euren Kinderlein?“, fragte ich meine Gastgeber.

„Nehmt es mir nicht übel“, bat Bruder Heinrich, der sich wieder am Tisch abstützen musste, um nicht umzufallen, „Ihr seid gewiss ein echter Mann, wenn’s um Dinge geht, die einen Mann zum Manne machen. Doch seid Ihr leider ein lausiger Pädagoge. Ihr seid zu warmherzig und nachgiebig mit den Kinderlein. Sie haben keine Angst vor Euch und zucken nicht zusammen, wenn Sie Euren Namen hören.“

„Ja, das stimmt“, bestätigte meine Gastgeberin. „Letztens habe ich die beiden reden hören, dass sie Euch gar mögen. Stellt Euch vor!“

„Ein Lehrer, den die Schüler mögen!“, fiel der Herr des Hauses mit ein und sagte ganz nach Art des Deutschen: „Ich habe meine Lehrer gehasst wie der Zigeuner den Hofhund!“ Er lachte dröhnend. „Und so muss es auch sein!“

Vielleicht hatten sie ja recht. Ich hatte so häufig ums nackte Überleben gekämpft während der zahlreichen Abenteuer, die ich bereits bestanden hatte, auf mich war geschossen worden, man hatte mich mehrmals zusammengeschlagen und mich zu Tode foltern wollen, und ich hatte mich sogar mit dem Belzebub und seinen höllischen Schergen angelegt – doch für den Lehrerberuf war ich einfach zu weich.

Ich würde das Mädchen und den kleinen Hosennässer vermissen.

Egal, vor mir lag eine neue Herausforderung!

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Teil 2:

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Blutsauger im Reich der Wölfe

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(Ich - unter Vampiren und Werwolfs-Indianer)

Kapitel 4

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Inglourious Basterds

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(Ein Haufen versoffener Hunde)

Der Howlin’ Sam und ich machten uns also auf in den Wilden Westen. Doch noch bevor wir in St. Louis aufbrachen, versuchte Howlin einen echten Westmann aus mir zu machen, zumindest äußerlich.

„So könnt Ihr unmöglich in den Westen ziehen!“, sagte er mir eines Morgens, als wir unsere Abreise besprechen und den Proviant überprüfen wollten. „Ihr würdet Euch nicht nur bei den Westmännern lächerlich machen, sondern die Rothäute derart erschrecken, dass sie Euch für ein ihnen unbekanntes wildes Tier halten, sich gleich in Werwölfe verwandeln und über Euch herfallen!“

Dass ausgerechnet dieser kleinwüchsige, krummbeinige Schrat behauptete, ich könnte die Roten an ein Tier gemahnen, erstaunte mich nun doch, und ich fragte verwundert: „Was ist an meinem Aufzug so ungewöhnlich?“

„So wollt Ihr doch nicht wirklich in den Westen ziehen?“

Ich wusste nicht, was er hatte. Ich trug wadenlange Lederhosen aus Hirschleder, der dazugehörige Hosenträger wurde von einem aus Holz geschnitzten Hirschgeweih geziert, mein Oberkörper steckte in einem blau-weiß karierten Baumwollhemd, und darüber trug ich einen Janker. Ein Hut mit Gamsbart vervollständigte mein mannhaft-deutsches Erscheinungsbild.

„Was den deutschen Manne im heimatlichen Walde ziert, schmückt ihn auch in der Fremde“, verteidigte ich meine Kluft. „Die Lederhose ist bequem und robust, das Hemd ebenso, der Janker einfach elegant!“

„Nichts da!“, bestimmte der Howlin’ Sam. „So etwas trägt man vielleicht in eurer Heimat, wenn man zum Bierkrugstemmen ins Festzelt geht, nicht aber hier im Wilden Westen. Man wird Euch für eine Lusche halten, wenn Ihr in diesem Aufzug am Rio Pecos auftaucht.“ Und listig grinsend fügte er hinzu: „Und das wollt Ihr doch nicht, wenn ich mich nicht irre, hihihihi!“

Der Howlin’ Sam war ein wirklich seltsamer Kauz, doch hin und wieder schaffte er es, mich mit seinen Argumenten zu überzeugen, denn für eine Lusche wollte ich weiß Gott nicht gehalten werden. Auch das deutsche Mannsbild muss sich ab und zu den gegebenen Gepflogenheiten anpassen, um bei den unzivilisierteren Kulturen nicht allzu sehr aufzufallen, das hatte ich auf meinen Reisen gelernt.

Also zogen wir los, fanden bald einen Western Store, und dort staffierte mich Sam nach Art des Westmannes aus, mit Leggins auf Wildleder und mit Fransen, mit einem Hemd aus Wildleder und mit Fransen und mit einer Jacke aus Wildleder und mit Fransen. Zum Schluss verpasste er mir noch ein paar Stiefel aus Wildleder und mit Fransen und eine schmucke Satteltasche für mein Pferd – natürlich aus Wildleder und mit Fransen.

Einerseits ist die Art, wie sich der Westmann kleidet, eine sehr schlichte, andererseits musste ich zugeben, dass alles recht schön zusammenpasste und ein einheitliches Bild ergab. Wenn ich mich noch sechs Monate lang weder rasierte noch wusch, würde ich aussehen wie der Howlin’ Sam.

Ich kaufte auch noch einen Hut – diesmal ohne Fransen, was das Gesamtbild jedoch nicht störte, dafür aber mit einer sehr breiten Krempe, die ich vorne hochklappen musste, um überhaupt etwas sehen zu können - und einen Revolvergurt mit zwei Revolvertaschen und kleinen Schlaufen rundum, in die ich Patronen stecken konnte, um bei der nächsten Ballerei genügend Futter zum Nachladen zu haben.

Derart ausstaffiert zog ich also an der Seite von Sam Howlin in den Westen.

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UNSERE REISE VERLIEF ohne größere Zwischenfälle. Einmal wurden wir Zeuge eines Postkutschenüberfalls, in den wir eingriffen; wir erschossen die Banditen und wurden von den beiden Damen in der Postkutsche ob unseres heldenhaften Handelns sehr gelobt, während der Kutscher und sein Shotgun uns mit ihrer Dankbarkeit überhäuften. Dann machten wir Halt in einer Town, die von einer Bande Revolverschwinger und einem korrupten Sheriff terrorisiert wurde. Wir erschossen auch diese Banditen, und bei einem Duell auf der Mainstreet spickte ich den Leib besagten Sheriffs mit Blei. Daraufhin wollten mich die braven Bürger zum neuen Ordnungshüter ihrer Stadt ernennen, doch ich lehnte ab; ich hatte an diesem Orte für Ruhe und Ordnung gesorgt, nun zog es mich weiter ins Abenteuer.

Wir retteten einen Treck weißer Siedler vor einen Überfall der Komantschen und vereitelten anschließend einen Überfall weißer Siedler auf das Dorf der Komantschen. Auf diese Weise hatten wir uns beide Seiten zum Feinde gemacht (was bewies, wie prächtige Mannesbilder wir waren) und mussten die Gegend schleunigst verlassen. In einer anderen Town rempelte mich ein Gent an, wohl unabsichtlich, aber dennoch packte ich als angehender Westmann die Gelegenheit natürlich am Schopfe, um eine wilde Saloonschlägerei vom Zaun zu brechen, wie sie an frühen Abenden in dieser Art von Etablissement üblich ist, und weil mir dabei auch der Bürgermeister vor die Fäuste geriet, mussten wir auch aus dieser Gegend schleunigst verschwinden.

Wir trafen auf eine Herde Longhorns, die gerade ihren Weidehirten durchgegangen war und als Stampede über die Prärie donnerte. Da die Cowboys es nicht schaffen, die Tiere zu beruhigen, übernahmen Sam und ich dies. Die Kerls waren so dankbar, dass sie uns zu einer Pfanne Bohnen und zu schwarzem Kaffee an ihrem Lager einluden.

Es geschah also nichts wirklich Aufregendes, nur das Übliche, was der Westmann auf seinen Reisen so erlebte. Doch in diesen wenigen Tagen wurde mit der Howlin’ Sam zum Freunde. Zwar rutsche ihm hin und wieder das üble Wort „Lusche“ über die Lippen, wenn er mit mir sprach und mich belehren wollte, doch ihm nahm ich dies nicht mehr krumm, denn ich hatte erkannt, dass er es nicht böse meinte, sondern mich vielmehr damit freundschaftlich aufziehen wollte. Überhaupt war Sam ein Kerl, den man nichts übel nehmen konnte. Er wurde mir von Tag zu Tag, mit jeder Kugel, die ich verschoss, mit jedem Banditen, den wir gemeinsam lynchten, mit jeder Town, die wir befriedeten, sympathischer und wuchs mir ans Männerherz.

Doch als wir dann das Lager der Eisenbahnbauer erreichten, war die schöne Zeit vorbei. Was ich dort erlebte, war für mich ein wahrer Schock, und dies, obwohl der Howlin’ Sam während unseres Ritts versucht hatte, mich darauf vorzubereiten.

John Bancrott konnte mich bei unserem Eintreffen nicht empfangen; er lag in seinem Zelt und schlief seinen Brandyrausch aus. Seine drei anderen Surveyors, die meine Kollegen werden sollten, lagen vor dem Zelte, ebenfalls völlig zugesoffen; sie hatten sich mit Bancrott die Kante gegeben. Wie ich später erfahren sollte, waren sie tatsächlich ebensolche Pfeifen, als die Sam sie mir beschrieben hatte: zu allem bereit, zu nix zu gebrauchen!

Auch den Revolverhelden Ratten-Jim und seine Coltschwinger, die sich die „Glorreichen 13“ nannten, bekam ich vorerst nicht zu Gesicht. Sam zeigte mir ihre Schlafplätze: Es handelte sich um sieben Pferdewagen, mit geschlossenen Kästen über den Ladeflächen. Als ich einen der Wagen öffnete, sah ich dort zwei Särge stehen.

„Ist hier jemand gestorben?“, fragte ich verwundert. „Das sind Leichenwagen, richtig?“

„Gestorben ist noch keiner, wenn ich mich nicht irre“, antwortete mir Sam Howlin und kicherte. „Die Mesch’schurs sind ein bisschen ... hm, eigenwillig. Will nicht sagen: komisch, merkwürdig, seltsam, wunderlich oder gar plemplem.“ Er ließ den Zeigefinger an der Schläfe kreisen. „Kommen aus einem Land irgendwo im Osten ...“

„Georgia, Carolina, Maryland, Connecticut ...?“ Den letzten Staat konnte ich nicht nur richtig aussprechen, sondern auch fehlerfrei schreiben, was ich schon in Deutschland fleißig geübt hatte. Damit war ich so manchem Amerikaner weit voraus.

„Unterbrecht mich doch nicht ständig, Ihr Lusche!“, fuhr Sam mich an. „Ich wollte sagen: einem Land irgendwo im Osten Europas. Es heißt Rumania.“

„Ihr meint Rumänien.“

„Was hab ich denn anderes gesagt!“

„Und warum haben die Kerls dann Särge bei sich? Wollen sie wen beerdigen?“

„Höchstens sich selbst, hihihihi.“ Als ich ihn nach dieser Antwort erstaunt anblickte, fügte er erklärend hinzu: „Wie gesagt, die Gents sind etwas komisch, merkwürdig, seltsam ...“

„... wunderlich und plemplem“, fiel ich ihm ins Wort. „Und?“

„Sie schlafen tagsüber“, fuhr Sam fort, „damit sie abends fit und ausgeruht sind, wie sie behaupten. Klar, wenn Trouble mit den Werwölfen zu erwarten ist, dann in der Nacht, denn dann sind die Rothäute in ihrer Wolfsgestalt am stärksten. Der Ratten-Jim und die übrigen ›Glorreichen 13‹ stellen sich darauf ein, deshalb schlafen sie tagsüber in den Särgen.“

Ich riss die Augen auf, dann wies ich auf einen der Särge: „Sie schlafen da drin?“

Sam zuckte mit den Schultern. „Sie meinen, dort wäre es sehr bequem.“

„Ich muss sagen, Sam, auch wenn der Westmann ein komischer Kauz ist und seine Eigenheiten pflegen mag, so erscheint mir dies doch recht komisch, ja, merkwürdig, seltsam, wunderlich, will nicht sagen plemplem. Wer schleppt denn ständig einen Sarg mit sich herum?“

Erneut hob Sam die Schultern an. „Ratten-Jim – sein richtiger Name lautet übrigens Ratanescu, wenn ich mich nicht irre – behauptet, in seinem Land Rumania sei dies so üblich. Wenn einem unversehens eine Kugel trifft oder man sonst wie ums Leben kommt, hat man immer seinen Sarg dabei, da braucht nur ein Wanderer, der zufällig des Weges kommt, die Leiche in die Kiste zu werfen und sie einzubuddeln. Das wäre hierenischer“ – er meinte wohl hygienischer – „als jedem Toten am Wegesrand liegen und verrotten zu lassen.“

Diese Argumentation erschien mir durchaus einleuchtend, trotzdem überkam mich ein mulmiges Gefühl.

„Ihr wisst, dass auch ich aus Europa stamme“, sagte ich, doch bevor ich weitersprechen konnte, fiel mir Sam ins Wort:

„Sagtet doch aus Germany!“

„Das liegt in Europa!“

„Dachte, Germany wär ein eigenständiges Land.“

„Hört zu, Sam“, bat ich, während ich den Wagen wieder schloss und mich meinem Freunde zuwandte. „Bei uns in den deutschen Landen haben wir sehr viel mit schwarzmagischen Pöbel zu tun. Unter anderem mit dem Vampire. Ihr wisst, was das ist?“

Er nickte. „So wie wir hier im Westen den Werwolf Wolfman nennen, nennen wir den Vampir Batman.“

Ich war mir nicht sicher, ob das wirklich ein und dasselbe war. „Wir in Germany haben diese Kreatur jedenfalls im Großen und Ganzen bis weit in den Osten vertreiben können, wo sie sich vor allem in jenem Land tummeln, aus dem auch der Ratten-Jim kommt. Der Vampir ruht des Nachts in seinem Sarge, denn das Sonnenlicht tut ihm nicht gut.“

„Ihr meint also, die Glorreichen 13 sind in Wirklichkeit glorreiche Vampire?“, fragte Sam erschrocken.

„Oder dreizehn Vampire und dafür weniger glorreich“, sagte ich bestätigend.

Sam zog die Stirn kraus, kratzte sich am Kopf, wobei seine Perücke hin und her rutschte, dachte so angestrengt nach, dass ich glaubte, es in seinem Schädel klackern zu hören, dann hellte sich seine Miene wieder auf, und er zuckte abermals mit den Schultern. „Und wenn. Die Indsmen sind Indsmen, Ihr seid ein Dutchman, ich bin ein Westman – und Ratanescu und seine Gesellen sind Bat-Männer. Wie auch immer, wenn man in einem Land wie Amerika lebt, trifft man auf viele unterschiedliche Kulturen, und jeder hat seine Eigenheiten: Die einen schlafen tagsüber in Särgen, die anderen binden gern weiße Siedler an Marterpfähle, wieder andere tragen lächerliche wadenlange Lederhosen mit Trägern und Hirschgeweihschmuck.“ Erneutes Schulterzucken. „Soll jeder leben, wie er will, solange er dem anderen den Skalp lässt.“

„Genau das aber ist das Problem“, wandte ich ein.

„Was meint Ihr?“ Sam wirkte erschrocken. „Diese Vampire fressen Skalps?“

„Nein“, sagte ich, „aber sie trinken das Blut anderer Menschen.“

„Nein!“

„Doch!“

„Oh!“ Wieder zog er die Stirn kraus, wieder ruckelte seine Perücke hin und her, dann hatte er eine Lösung gefunden: „Was ist aber, wenn diese Vampir-Gents nicht das Blut von Menschen trinken.“

„Von irgendwas müssen sie sich aber ernähren.“

„Mein Gefährte Dick Stick und auch ich haben den Ratten-Jim – also Mr. Ratanescu – schon mal dabei erwischt, wie er kleine Nagetiere biss und an ihren Kadavern lutschte“, erklärte er. „Wahrscheinlich hat er daher seinen Kampfnamen. Dick und ich haben uns nicht viel dabei gedacht, denn so mancher Westmann entwickelt in der Einsamkeit der Prärie einen Spleen. Nun glaube ich aber, er trinkt deren Blut, also das von Ratten, nicht von Menschen. Immerhin sind er und seine Glorreichen 13 hier, um uns vor den Werwölfen zu beschützen, vergesst dies nicht.“

Sam hatte in diesem letzten Punkt recht. Konnte es ein, dass ich es hier mit zivilisierten Vampiren zu tun hatte, mit solchen, die sich der menschlichen Gesellschaft angepasst hatten?

Einiges sprach dafür, denn im Lager der Eisenbahner waren bisher keine ausgesaugten Leichen aufgefunden worden. Wären Ratanescu und seine zwölf Gefährten blutrünstige Bestien gewesen, wären sie aber längst über Bancrott und seine drei besoffenen Surveyors hergefallen. Oder?

Ich hatte schon häufiger mit Vampiren zu tun gehabt, mit dem Nosferatu, dem blutsaufenden Untoten, der sich in der Nacht aus seinem Sarge erhebt, um Jagd auf die Lebenden zu machen. Mich grauste es immer noch, wenn ich an diese Erlebnisse zurückdachte, an diese widerlichen bleichhäutigen Kreaturen mit ihren nachtschwarzen Augen und den spitzen, langen Fängen. Ich hatte sie in ihren Grüften ausgelauert oder in den Verliesen alter Burgen und ihnen im flackernden Schein einer Fackel einen Eichenpflock durchs Herz geschlagen, worauf sie quiekend und schreiend aus ihrem Totenschlaf zum Nichtleben erwachten und ihnen das Fleisch von den Knochen moderte, bis sie schließlich zu Staub und Knochen verfallen waren.

Sie waren in ihrer Gier nach Blut zumeist völlig unberechenbar, wie ein Opiumsüchtiger, der alles tat, um diese Sucht zu befriedigen. Doch ich war schon auf Vampire getroffen, die sich sehr kultiviert und aristokratisch gegeben hatten, bis die Blutgier sie dann doch in animalische Bestien verwandelt hatte. Sollte es bei Ratanescu und seiner Brut anders sein? Hatten sie es irgendwie geschafft, ihre Gier nach Menschenblut zu bezähmen und sich den Lebenden anzupassen? Hatte ich es bei ihnen mit einer anderen Art Vampir zu tun, so wie bei den Indianer-Werwölfen, die sich doch extrem von den Bestien unterschieden, die ich aus der deutschen Heimat kannte?

Ich entschloss, abzuwarten, obwohl mir die Situation nicht nur komisch, merkwürdig, seltsam, wunderlich und sogar ein bisschen plemplem erschien, sondern geradezu unheimlich, schaurig, beklemmend, Furcht erregend, gespenstisch, ja, geradezu bedrückend.

Es waren sieben Pferdewagen mit hölzernen Aufsätzen auf den Ladeflächen, wie ich schon schrieb, und in diesem einen hatte ich zwei Särge gesehen. Ich schloss daraus, dass auch in weiteren fünf jeweils zwei Särge untergebracht waren und Ratanescu, der Ratten-Jim, den siebten für sich allein beanspruchte.

Die Glorreichen 13 – die Dreizehn war in vielen Kulturen eine Unglückszahl, auch das wollte mir nicht aus dem Kopf.

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SAM UND ICH LIEßEN die Wagen stehen und schlenderten zu einer Feuerstelle, an der zwei Gents saßen, schwarzen Kaffe aus Blechtassen schlürften und Kautabak zu Boden spuckten. Beide trugen sie Leggins auf Wildleder und mit Fransen, Hemden aus Wildleder und mit Fransen, Jacken aus Wildleder und mit Fransen, Stiefel aus Wildleder und mit Fransen und Hüte ohne Fransen, dafür aber mit sehr breiten Krempen, die sie vorn hochklappen mussten, um überhaupt etwas sehen zu können. (Wie dir sicherlich aufgefallen ist, lieber Leser, war ich der gängigen Mode des Westens entsprechend gekleidet.)

Sam stellte sie mir als seine Scout-Gefährten vor, Büffel-Bill und Dick Stick.

Beide begrüßten mich mit mannhaftem Handschlag, und Sam sagte: „Das ist Herr Mayer aus Germany, Mesch’schurs. Noch ist er eine Lusche, aber er hat sich ganz fest vorgenommen, ein echter Westmann zu werden!“

„Dann nehmt bei uns Platz, Lusche!“, sagte Büffel-Bill, und obwohl er das böse L-Wort benutzte, zeigte sein schelmisches Grinsen, dass er es freundlich meinte, und Sam und ich hockten uns hin.

Der Kaffee war stark, hätte einen Toten wieder zum Leben erweckt, ohne dass irgendwelche magischen Rituale vonnöten gewesen wären. Sam gab zum Besten, was wir auf der Reise hierher alles erlebt hatten. Dabei übertrieb er ungemein: Aus den [acht—im handschriftlichen Originalmanuskript gestrichen und ersetzt durch:] dreißig Revolverschwingern in der Town, die wir vom Terror befreit hatten, machte er vierzig, [aus den neun Komanchen—im handschriftlichen Originalmanuskript gestrichen und ersetzt durch:] aus dem Komanchenstamm gleich drei Stämme. Dieser Aufschneider! Doch an den Gesichtern der beiden anderen Scouts war abzulesen, dass sie ihm nicht wirklich glaubten.

„Dann habt Ihr ja schon einige Erfahrungen machen können, wie es hier im Westen so zugeht!“, sagte Dick Stick zu mir. „Well, werden sehen, ob Ihr zum Westmanne taugt.“

„Als Westmann braucht er aber einen echten und griffigen Kriegsnamen“, meinte Büffel-Bill. „Den hat jeder Westmann!“

„Ja, was käme da infrage?“, überlegte Sam. Dann schnippte er mit den Fingern und sagte: „Wie wär’s mit Teutonen-Charly?“

„Oh, nein!“, winkte ich heftig ab. Ich wollte nicht, dass die Eingeborenen schon wieder meinen Namen verunstalteten. Das war mir schon bei meinen Reisen durch den Orient passiert, wo man mich Kara Ben Nimdich nannte, eine Idee von Hatschi übrigens, der damals mein treuer Begleiter war; er hatte mir diesen arabisch klingenden Spitznamen gegeben, da ich anfangs, wie ich zugeben muss, Schwierigkeiten hatte, mich den lokalen Gepflogenheiten anzupassen, und seine Landleute hatten ihn aufgeschnappt und mich fortan so gerufen. „So ein Kriegsname kommt für mich nicht in Frage. Seit ich zurückdenken kann, nennt man mich den Mayer Karl, Mayer mit a y. So soll es bleiben.“

„Mayer Karl, Mayer mit a y“, wiederholte Dick Stick. „Pshaw! Das ist doch kein Kriegsname. Das sagt doch gar nichts!“

„Sam Howlin etwa wird Howlin’ Sam genannt, weil er so schön den Mond anheulen kann“, erklärte der Büffel-Bill. „Und mich nennt man den Büffel-Bill ...“

„... weil Ihr ein Meister in der Büffeljagd seid“, vermutete ich.

„Mitnichten, Sir“, widersprach er. „So nannte man mich, weil mein holdes, untreues Eheweib wie ein Büffel aussah.“

Sam kicherte. „Ja, ich erinnere mich an sie. Bill hat ihr einst heimlich, während sie schlief, den Damenbart rasiert. Hat aber nichts genutzt, sah anschließen aus wie ein rasierter Büffel, wenn ich mich nicht irre.“

„So seid Ihr verheiratet?“, wunderte ich mich.

„Die Ehe scheiterte“, gestand Büffel-Bill mit trauriger Miene, „denn eines Tages, als ich etwas früher als gewöhnlich vom Spurenlesen heimkehrte, erwischte ich sie mit dem Kerl vom Ponyexpress im Bett. Der kam einmal im Jahr vorbei und brachte uns die Post.“ Er machte ein zerknirschtes Gesicht. „Möchte nicht wissen, wie lange das zwischen den beiden schon lief.“

Sam schlug ihn auf die Schulter. „Wein dem untreuen Miststück nicht nach. Sie sah wirklich aus wie ein Büffel, wenn ich mich nicht irre.“

„Aber die Bohnen mit Biberspeck, die sie machte“, schwärmte Bill in trauriger Erinnerung, „die hab ich immer gern gegessen.“

„Und woher habt Ihr Euren Namen, Sir?“, wandte ich mich an Dick Stick.

Zur Antwort bekam ich nur ein dämliches Gekichere aus drei Kehlen.

„Ja, jeder Westmann trägt einen Kriegsnamen“, bekräftigte Sam Howlin, der Howlin’ Sam, noch einmal, und sogleich fielen ihm weitere Beispiele ein. „Da ist etwa der berühmte Old Firehand ...“

„Der bestimmt so heißt, weil er so vortrefflich schießen kann“, vermutete ich.

„Pshaw!“, widersprach Sam. „Weil er sich mal besoffenen Kopfes die Flossen am Lagerfeuer verbrannte.“ Dann setzte er seine Aufzählung fort: „Oder der recht promillente Old Surehand, der immer ganz bestimmt und zielsicher in die Kacke greift und deswegen stets in Trouble und Schwulitäten steckt, wenn ich mich nicht irre ...“

„Oder“, übernahm Büffel-Bill für Sam, „der nahezu legendäre Old Tremblehand, der noch nie getroffen hat ...“

„Ja“, rief Dick Stick, „oder der allseits beliebte Old Shakehands, der so ein ungemein höflicher Bursche ist, dass ihn sogar seine Feinde mögen ...“

„That’s right!“ Sam nickte eifrig und geriet in Ekstase. „Oder Dick und Doof. Oder der fast schon sagenumwobene Lederstrumpf, der ...“

„Lederstrumpf?“, fiel ich ihm ins Wort. „Das hört sich an wie ein indianisches Verhüterli!“

Sam seufzte. „Ich merk’s schon, Mister Mayer Karl, Mayer mit a y, Sir: Ihr seid eine Lusche und werdet’s bleiben. Gebens auf. Für heute zumindest. Werdet Euch schon noch einen geeigneten Kriegsnamen verdienen.“ Wieder kicherte er. „Obwohl Teutonen-Charly nicht so schlecht wär, wenn ich mich nicht irre.“

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ERST EIN PAAR STUNDEN später erwachten Brancrott und seine drei bisherigen Surveyors aus ihrem Rausch. In der Zwischenzeit hatte ich mich anhand der Karten und der Aufzeichnungen selbst darüber ins Bilde gesetzt, wie weit ihre Vermessungen schon vorangekommen waren – oder eher nicht vorangekommen waren, denn in all der Zeit war hier nicht viel geleistet worden.

Bancrott empfing mich in seinem Zelt, in dem es stank, als hätte ein Skunk darin übernachtet. Die drei Surveyor lungerten draußen herum. John Bancrotts Händedruck war übertrieben heftig, so wie der einer Lusche, die vorgibt, ein Mann zu sein. Der Alkohol machte ihm noch immer die Zunge schwer, und aus seinem Gestammel war zunächst kaum etwas Vernünftiges herauszuhören. Offenbar hielt er mir eine Art Moralpredigt, dass er hart arbeitende Männer schätze und Faulenzer in den Allerwertesten zu treten pflege. Nun, da hätte er bei sich selbst anfangen müssen, denn mir war schnell klar, dass Bancrott ein Säufer, ein Trunkenbold, eine Schnapsdrossel und auch sonst am Ende war. Diese Eisenbahnlinie, die er plante, stellte wohl seine letzte Möglichkeit dar, seine finanzielle Lage irgendwie zu retten. Wenn diese Sache schiefging (und wenn er so weitermachte, würde sie das), war er pleite, dann war er als Unternehmer gescheitert und würde seinen Lebensunterhalt fortan mit ehrlicher Arbeit verdienen müssen, was Leuten wie ihm bekanntlich ein Gräuel ist.

Wie es um seine Lage bestellt war, sagte er mir natürlich nicht offen, doch zwischen den gelallten Worten hörte ich es dennoch heraus. Ein bisschen weniger Brandy hätte seine Lebenssituation sicherlich verbessert.

„Ich hörte, die hiesigen Indianerstämme hätten die Fähigkeit, sich nach Belieben in Wölfe zu verwandeln“, sagte ich irgendwann, nur um etwas Vernünftiges zu erfahren.

Er nickte grimmig, hockte hinter seinem Klapptisch auf einem Klappstuhl und schlürfte schwarzen Kaffee, um wieder einigermaßen klar zu werden. „Ja, ja“, knurrte er. „Indianer-Hokuspokus. Heidnische Magie. Irgendein Zauber ihrer elenden Schamanen-Hexer.“

„Habt Ihr keine Angst, sie könnten über Euch herfallen, wenn Ihr Eure Eisenbahn durch ihre Gebiete zieht und Ihnen damit das Land abnehmt.“

„Zerbrecht Euch nicht meinen Kopf, Mayer!“, sagte er mürrisch. „Ihr seid hier, um den Verlauf der Schienen zu vermessen. Um die Rothäute kümmern sich Mr. Ratanescu und seine Männer.“

„Die draußen in ihren Särgen liegen“, sagte ich. „Das erscheint mir ... hm, merkwürdig.“

„Was soll daran merkwürdig sein?“, knurrte er.

Na, was wohl?, dachte ich. War er schon so versoffen, dass ihm das gar nicht seltsam vorkam? Das konnte ich nicht glauben.

„Vampire schlafen tagsüber in ihren Särgen“, sagte ich.

Er verengte die Augen zu schmalen Schlitzen, fixierte mich mit grimmiger Miene. „Was wisst Ihr denn von Vampiren?“

„Mit Verlaub, ich komme aus Germany, und dort, im Herzen des europäischen Kontinents, sind uns solche Spukgestalten durchaus nicht unbekannt. Im Gegenteil kennen wir uns in den deutschen Landen aus mit Vampiren, Hexen, Geistern und Dämonen. Kennt Ihr die Hausmärchen der Gebrüder Grimm?“

„Was, zum Teufel, sind Hausmärchen?“

„Märchen, die so unheimlich sind, dass man, wenn man sie gelesen hat, sich kaum noch aus dem Hause traut“, klärte ich ihn auf. „Deshalb Hausmärchen.“

„Hell and damnation!“, fluchte er. „Eure deutschen Märchen könnt Ihr Euch sonst wo hinschieben! Lasst Ratanescu in Ruhe! Legt Euch bloß nicht mit dem Ratten-Jim an, sonst macht er Euch alle! Und die Rothäute überlasst ihm und seinen Boys, die sind nicht Eurer Problem. Außerdem“, fuhr er dann doch fort, „habe ich mich mit einem der Stämme längst geeinigt. Ihr Häuptling Tuntua ist ein durchtriebener und geldgieriger Bursche, der alles zu tun bereit ist, um sich persönlich zu bereichern. In seinem Herzen ist er also weniger Rothaut als Unternehmer, ein Mann ganz nach meinem Geschmack. Er freut sich auf die Touristen und die Geschäfte, die er mit ihnen machen kann. Er hat schon jetzt eine Massenproduktion von allerlei original indianischem Krimskrams laufen und lässt seine Squaws im Akkord echt indianische Teppiche knüpfen, die er den Weißen, wenn meine Eisenbahn kommt, zu völlig überzogenen Preisen verscherbeln kann. Außerdem plant er, ein Spielkasino und ein Freudenhaus zu errichten.“

„Ein Freudenhaus?“, wiederholte ich fassungslos.

„Ja, ein Freudenhaus“, sagte Bancrott, „einen Puff, ein Bordell, ein Hurenhaus, einen Stall für nackte Hühner. Das ist ein Etablissement, wo Freier gegen Bezahlung ...“

„Ich weiß, was ein Freudenhaus ist!“, unterbrach ich ihn erregt aufgebracht.

„Oh, dann seid Ihr offenbar doch ein Mann“, beleidigte mich Bancrott und grinste unverschämt. „Jedenfalls freut sich Häuptling Tuntua auf den Reibach, den er mit den weißen Touristen machen kann!“

„Mit Ihnen als Geschäftspartner, nehme ich an. Ich bin sicher, er wird Ihnen dafür gehörig Prozente abdrücken müssen!“

Da lachte Bancrott schallend. „Das wird er, aber das ahnt er noch nicht. Er hat seine drei Kreuzchen unter meinen Vertrag gesetzt, dabei ist keiner seiner bepelzten roten Brüder des Lesens mächtig, hahaha!“

Bancrott hatte noch immer eine Menge Alkohol im Blut, nur darum plauderte er mit gegenüber Dinge aus, die er im nüchternen Zustand sicherlich verschwiegen hätte, weil sie mich schlichtweg nichts angingen.

„Ich glaube kaum, dass Häuptling Tuntua wirklich so dumm ist, wie Ihr glaubt“, äußerte ich meine düstersten Befürchtungen. „Er und seine Kiowas sind Werwölfe; sie haben es auf möglichst viele wehrlose Opfer abgesehen. Ihr schafft diese ahnungslosen Touristen hierher, die nicht mehr wollen, als von Eurer Bahn aus auf grasende Büffel zu schießen und ein paar Bisonherden auszurotten, und werft sie diesen Bestien im wahrsten Sinne des Wortes zum Fraße vor. Die Kiowas freuen sich auf die hilflosen Weißen, die sie durch die Vollmondnacht hetzten und dann mit ihren Klauen zerfleischen können. Nur darum geht es Häuptling Tuntua und seinen rotschwarzmagischen Spießgesellen!“

„Genug jetzt!“ Erzürnt schlug Bancrott mit der Faust auf den Tisch. „Was Tuntua letztendlich vorhat, ist mir egal. Ich bin Geschäftsmann, da kann ich mir moralische Anwandlungen nicht leisten. Wie heißt es doch so schön: Als Unternehmer sei gerissen und begrabe dein Gewissen; auf jede Tugend sei geschissen!“ Er lachte dröhnend über diesen Slogan, den wohl irgendein Arbeitgeberverband des Wilden Westens ausgegeben hatte. „Ich habe mit den Kiowas einen Deal ausgehandelt, der für beide Seiten Profit abwirft, das allein zählt für mich. Nur die edlen Apachen könnten noch Schwierigkeiten machen, da ihr Häuptling Schuschuschuna zu senil ist, um überhaupt zu begreifen, was ich von ihm will und dass bei diesem Unternehmen auch für ihn eine Menge herumkommen könnte. Aber für alle Probleme, die sich in dieser Hinsicht ergeben, habe ich ja Ratanescu, damit er sie mir vom Hals schafft!“

„Mit ein paar Kugeln, nehme ich an!“

„So ist es!“

„Da vergesst Ihr aber, dass Werwölfen gegen Kugeln immun sind.“

„Ja, gegen welche aus Blei, da habt Ihr recht!“ Er grinste mich listig an. „Die Glorreichen 13 jedoch haben kistenweise Silberkugeln hergeschafft, mit denen man vortrefflich auf Werwolfsjagd gehen kann, wie Ihr wissen solltet.“ Später sollte ich erfahren, dass jene Silberkugeln Bancrotts letzte Ersparnisse aufgebraucht hatten, wobei ihm der Ratten-Jim noch kräftig übers Ohr gehauen hatte. John Bancrott war das Paradebeispiel für einen Unternehmer. Hätte man auch ihm einen Kriegsnamen gegeben, hätte dieser sicherlich Wirtschaftskrisen-Johnny gelautet.

„Silberkugeln“, murmelte ich. „Ratten-Jim und seine Männer kennen sich, wie’s scheint, bestens mit der Bekämpfung magischer Kreaturen aus.“

„Allerdings“, bekräftige Bancrott, offenbar sehr zufrieden mit sich selbst und wie er alles eingefädelt und vorbereitet hatte.

„Müssen sie wohl als Vampire auch“, setzte ich noch hinzu.

Wieder wollte Bancrott aufbrausen, doch riss er sich zusammen, musterte mich nur aus stechenden, rot geränderten Augen und knurrte: „Ich brauche dringend noch einen Surveyor, Sir, weil Tickman, Trickman und Trackman mit der vielen Arbeit nicht nachkommen. Sonst, Sir, würde ich Euch hier und jetzt für Eure vorlauten Sprüche fristlos kündigen, wie es hier in Amerika gehandhabt wird, wenn einer seinem Boss gegenüber das Maul aufreißt. So aber gebe ich Euch noch eine Chance. Und jetzt geht an die Arbeit! Wir haben genug Zeit mit Schwätzerei vergeudet!“

Ich hatte das Zelt noch nicht ganz verlassen, da vergeudete Bancrott seine Zeit wieder damit, dass er zur Flasche griff.

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EIN PAAR MINUTEN SPÄTER hatte ich die zweifelhafte Ehre, meine neuen Kollegen kennenzulernen. Tickman, Trickman und Trackman waren alles andere als Pfadfinder, sie waren versoffene Spießgesellen, die ebenso wenig Fachkönnen wie Fleiß an den Tag legten. Als ich mich ihnen vorstellte, nannten sie nicht mal ihre Namen, aber ich hätte sie ohnehin stets durcheinander geworfen, denn mit ihren knallroten Säufernasen glichen sie sich wie ein Entenei dem anderen.

Die Arbeit blieb an mir hängen. Noch immer vom Alkohol berauscht, schliefen die Kerls einer nach dem anderen in der Sonne ein. An diesem Nachmittag erledigte ich die Arbeit, die sie zu dritt in den letzten Wochen nicht zustande gebracht hatten. Am Abend besahen sie sich mein Tagewerk, mäkelten ohne jedes Fachwissen daran herum, gaben unqualifizierte Kommentare von sich, wussten alles besser und verzapften dabei einen Unsinn, dass sich selbst einem Laien die Haare gesträubt hätten, und als wir dann Bancrott begegneten, behaupteten sie ihm gegenüber, dies alles zu dritt geleistet zu haben, während ich ihnen nur ein Klotz am Bein gewesen wäre.

„Da müsst Ihr Euch mehr anstrengen, Herr Mayer!“, ermahnte mich Brancrott, mit erhobenem Zeigefinger und Brandyfahne. „Wenn Ihr dem Job nicht gewachsen seid, werde ich mich nach einem anderen Surveyor umschauen müssen. Nehmt Euch ein Beispiel an Tickman, Trickman und Trackman. Auf die drei kann ich mich immer verlassen!“

Ach, lieber Leser! Wenn Du schon mal Dein Geld mit ehrlicher Arbeit verdient hast, wird Dir das Verhalten meiner „Kollegen“ und meines neuen Chefs sicherlich nur allzu bekannt vorkommen.

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Kapitel 5

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So wurde ich Old Silverhand

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(Ich schlug dem Vampir eins aufs Maul)

Am Abend, nach Sonnenuntergang, lernte ich dann endlich Ratanescu – genannt Ratten-Jim – und seine zwölf Spießgesellen kennen. Bancrott, Tickman, Trickman und Trackman saßen zusammen an einem Lagerfeuer, hatten ein Fässchen Brandy aufgestellt und kippten sich die hohlen Rüben voll. Sam, Bill, Dick und ich saßen etwas abseits an einem zweiten Feuer, tranken Kaffee und löffelten Bohnen von unseren Blechtellern, und die drei Westmänner furzten gemütlich in die Nacht, was ihnen offenkundig nicht nur Erleichterung verschaffte, sondern auch Freude machte, denn jedem Brummer ließen sie ein fröhliches Kichern folgen.

Wir unterhielten uns zunächst über den Westen, und jeder der Präriejäger konnte eine amüsante Geschichte zum Besten geben, kamen aber bald auf die Indianerstämme dieser Gegend zu sprechen. Ich merkte den dreien an, dass ihnen das Thema Werwölfe nicht angenehm war, und als dann Sam seinen beiden Kumpels erklärte, dass ich Ratanescu und die Glorreichen 13 gar für Vampire hielt, wurden Dick Stick und Büffel-Bill so bleich, als wären sie selbst Blutsauger.

„Der Mayer Karl hat mit derlei Kreaturen so einige Erfahrungen in seiner Heimat gemacht“, fügte Sam noch bekräftigend hinzu.

„Demnach seid Ihr Euch Eurer Sache sicher?“, fragte Dick leise. Wir alle flüsterten nur, denn Brancrott und die drei Surveyors an seinem Feuer sollten von unserer Unterredung nichts mitbekommen.

Mit einem Nicken bejahte ich Dick Sticks Frage. „Sie schlafen bei Tage in ihren Särgen. Kam Euch das nicht seltsam vor?“

„Nun, ein wenig schon“, gab Dick zu. „Aber sie hatten dafür eine Erklärung ...“

„Ich weiß, was sie Euch erzählten“, sagte ich. „Dennoch bin ich mir fast sicher, dass es sich bei diesen Männern um Blutsauger handelt.“

„Sie sind auch ganz bleich im Gesicht“, erklärte Bill. „Ich dachte immer, das liegt daran, dass sie ja so wenig Sonne abkriegen in ihren Särgen.“ Er schaute mich aus ängstlich geweiteten Augen an. „Ihr meint also, unsere Beschützer sind ebenfalls Geschöpfe der Dunkelheit?“

„Ja, wäre das denn so schlecht?“, fragte Dick. „Ich meine, ihre Aufgabe ist es, uns vor schwarzmagischen Kreaturen zu schützen. Als Vampire haben sie da vielleicht sogar bessere Möglichkeiten.“

Erneut nickte ich. „Ja, der Vampir kann den Wolf beeinflussen, kann ihm sich Untertan machen. Man erzählt sich sogar, in Rumänien würden die Blutsauger Werwölfe als ihre Haustiere halten oder ihre Burgen von ihnen bewachen lassen.“

Eine andere Legende behauptet übrigens, der Werwolf würde als Vampir wiederauferstehen, wenn man ihn tötete. Doch das, werter Leser, ist reiner Aberglaube und hat mit dem wirklichen Leben nichts zu tun.

„Na, wenn also Ratanescu und seine Gesellen tatsächlich Vampire sind, dann stünden unsere Chancen gegen die Apachen also wesentlich besser, oder?“, meinte Sam.

„Vorausgesetzt, diese Geschichten über Werwölfe und Vampire sind wahr“, schränkte ich ein.

„... und der Ratten-Jim und seine Gents haben es nicht auf unser Blut abgesehen“, flüsterte Bill düster, und damit hatte er natürlich recht.

In diesem Moment vernahm ich ein Quietschen, das ich in meiner Heimat schon des Öfteren vernommen hatte. So hörte es sich an, wenn Leichenhände Sargdeckel mit schlecht geölten Scharnieren nach oben drückten und sich die Toten erhoben. Dreizehn Mal war dieses Quietschen zu hören, danach öffneten sich sieben Wagentüren nicht minder kreischend.

Alle waren verstummt, die Westmänner furzten nicht mehr, Bancrott, Tickman, Trickman und Trackman hatten aufgehört, schmutzige Lieder zu singen und üble Witze über Rothäute zu reißen, selbst die Natur um uns herum schien den Atem anzuhalten. Bisher hatte irgendwo in der Ferne ein Kojote geheult; nun war es völlig still.

Ich vernahm auch keine Schritte, dennoch tauchten der Ratten-Jim und seine Gesellen unvermittelt im Schein der Lagerfeuer auf.

Bei ihrem Anblick war ich mir sofort sicher, es mit Untoten zu tun zu haben. Ihre Gesichter waren so bleich, dass sie im Licht der Feuer zu leuchten schienen, ihre Wangen eingefallen, die Lippen dünne Striche, die Augen pechschwarz, und auch waren sie gänzlich in Schwarz gekleidet.

Ratanescu konnte man als Anführer sofort ausmachen. Er schritt vorn weg, trug schwarze, auf Hochglanz polierte Stiefel – das fiel mir auf, denn wer putzt schon in der Wildnis jeden Tag sein Schuhwerk? -, schwarze Leggins, ein schwarzes Hemd und eine schwarze Lederweste, die vorn offen stand. Um seine Hüfte hatte er einen Revolvergurt geschlungen, mit einem Schießeisen an jeder Seite. Sein Gesicht war hässlich und kantig, und eine kreuzförmige Narbe zog sich vom Ansatz seines schwarzen, zurückgekämmten Haars bis zum Kinn über die rechte Hälfte seines Antlitzes.

Vampire tragen keine Narben davon, denn ihre untoten Leiber regenerieren sich auf magische Weise. Es sei denn, sie werden von einem magischen oder geweihten Gegenstand verletzt. Die Narbe, die Ratanescus hässliches Gesicht kaum noch verunstalten konnte, sah aus, als hätte sich ihm ein glühendes Eisen ins blutleere Fleisch gebrannt. Aufgrund der Kreuzform war ich sicher, dass es ein Kruzifix gewesen war, das man ihm in die totenbleiche Visage geschlagen hatte, wahrscheinlich, als er gegen einen Dämonenjäger kämpfte. Der arme Mann hatte es wohl trotz dieser Bewaffnung nicht überlebt, sonst hätte Ratanescu in diesem Moment nicht vor uns gestanden.

Noch etwas fiel mir auf. Sein Kinn und seine Wangen waren so glatt wie ein Babypopo. Ich konnte mir aber nicht vorstellen, dass er sich im Sarg rasiert hatte.

Muss ich noch weiter ausholen? Nein, ich denke, die Sache ist klar: Ratanescu und seine Kumpanen waren genau das, wofür ich sie von Anfang an gehalten hatte.

Ihr Auftritt hatte alle zum verstummen gebracht, nun aber erhob sich Brancrott, schwankte dabei sichtlich, denn er war schon wieder mächtig angeheitert, strecke beide Arme aus, als wollte er den Ratten-Jim zum Liebesspiel in der Prärie empfangen, und rief: „Mr. Ratanescu! Schön, Euch zu sehen! Wollt Ihr Euch zu mir setzen und Euch auch einen schönen, wärmenden Brandy genehmigen, Ihr und Eure Mannen?“

Natürlich lehnte Ratten-Jim das überschwängliche Angebot ab: „Meine Männer und ich trinken keinen Alkohol, wie Ihr wisst, Mr. Brancrott. Stattdessen schauen wir uns lieber in der Gegend um, ob nicht irgendwelche Apachen-Hunde ums Lager schleichen!“

„Stimmt, ach ja!“, rief Bancrott. „Was seid Ihr doch für pflichtbewusste Gents! Denkt immer nur an die Arbeit, genehmigt Euch keinen Tropfen!“

War Bancrott wirklich solch ein Vollidiot? Erkannte er nicht, mit was für Gestalten er es bei Ratanescu und seinen Kerls zu tun hatte? Natürlich tranken sie keinen Tropfen, zumindest keinen Brandy. Der Sinn stand ihnen nach einem ganz anderen Drink.

In diesem Moment fiel der Blick aus Ratanescus nachtschwarzen Augen auf unseren Kreis. Er betrachtete mich, rümpfte die Nase, dann näherte er sich mit kreisenden, überheblichen Schritten unserem Feuer und blieb dicht vor mir stehen.

Ihm folgte ein anderer Bursche mit ebenso brutalem Gesicht, der wohl so etwas wie sein Stellvertreter oder Oberstiefellecker war.

„Euer Gesicht habe ich noch nie gesehen“, sagte Ratanescu zu mir statt eines Grußes. „Wer seid Ihr?“

Ich erhob mich, wie es ein Gentleman tut, wenn er sich einem anderen vorstellt. „Ich bin der Mayer Karl.“

Und Sam fügte hinzu: „Mayer mit a y, wenn ich mich nicht irre!“

„Was habt Ihr hier verloren?“, fragte Ratanescu, meine ihm dargebotene Rechte ignorierend.

Der unverschämte Kerl spielte hier den Boss und führte das Wort, als hätte er das Sagen und nicht Bancrott.

Dieser torkelte auf uns zu, ein dämliches Grinsen im Gesicht, und mischte sich ein: „Aber, Mr. Ratanescu. Ich habe Euch doch erzählt, dass der gute Sam Howlin losgezogen ist, einen weiteren Surveyor zu besorgen. Das ist Herr Mayer, der uns von nun an zur Seite stehen wird.“

„Ihr gefallt mir nicht“, sagte mir der Ratten-Jim ins Gesicht. „Ihr riecht, als würdet Ihr Ärger machen.“

„Das will ich für Euch nicht hoffen, Mr. Ratanescu, Sir“, sagte Sam Howlin, der sich die Laune von dem dreisten Burschen nicht verderben ließ. „Der Mayer Karl hat schon bewiesen, dass er ein ganzer Kerl ist, einer, mit dem nicht zu Spaßen ist. Wenn er Ärger mit Euch sucht, zieht Ihr am Ende noch den Kürzeren, wenn ich mich nicht irre.“ Und er ließ einen fröhlichen Brummer folgen.

Der Ratten-Jim richtete kurz den Blick auf ihn, dann sah er wieder mich an, musterte mich abschätzig von oben bis unten und wieder zurück und knurrte dann: „Ein ganzer Kerl, ja?“ Er spuckte vor mir aus. „Auf mich macht Ihr eher den Anschein, als wärt Ihr eine Lusche!“

Da war es wieder, das böse L-Wort.

Alle hielten den Atem an. Plötzlich schien die Luft mit Elektrizität aufgeladen. Sie schien regelrecht zu knistern. Jeder Blick war auf Ratten-Jim und mich gerichtet.

Ich leg den Kopf schief, hielt mir die linke Handfläche hinter die Ohrmuschel und sagte: „Entschuldigt, Mr. Rattenschwanzko. Wie habt Ihr mich genannt?“

„Ich sagte Lu...“

Er kippte steif nach hinten um und schlug der Länge nach hin, wie ein gefällter Baum, und blieb liegen, als hätte sich die Spannung in der Luft in einem Blitzschlag entladen, der ihn getroffen hatte.

Es war freilich kein Blitz, sondern meine Faust, die ihn niedergestreckt hatte, und die ließ ich nun sinken.

Wie ich schon betonte, bin ich ein äußerst friedliebender Mensch. Es gibt nur die ein oder andere Sache, die ich mir nicht gefallen lasse, und die hatte Ratanescu punktgenau getroffen, so wie meine Faust ihn.

Wieder war es still. Nur der Howlin’ Sam ließ erneut einen freudigen Brummer hören, der in der ansonsten herrschenden Geräuschlosigkeit meilenweit über die Prärie zu hallen schien.

Dann rief Bancrott: „Mayer, was habt Ihr getan?“

Und vor Schreck machte er einen Schritt nach hinten und plumpste unbeholfen auf den Hintern.

Der Halunke aber, der Ratanescu bis zu unserem Feuer gefolgt war, trat bis auf Armeslänge auf mich zu. Sein Gesicht war plötzlich eine Fratze des Hasses, und kurz sah ich seine Vampirfänge in den Mundwinkeln blitzen.

„Dafür wirst du büßen, Kerl!“, grollte er.

Ich hob locker die Fäuste und gab mich völlig unbeeindruckt. „Kommt alle her, ich nehme euch nacheinander vor oder auch alle zusammen“, bot ich ihnen an. „Aber bedenkt, dass ihr jetzt nur noch zu zwölft seid!“

Diese Drohung wirkte. Dass ich ihren Anführer mit einem einzigen Schlage niedergestreckt hatte (und dies, obwohl er ein Vampir war und daher kräftiger und zäher als jeder normale Mann), bewies ihnen, dass mit mir nicht zu spaßen war. Der eine und andere fauchte mich zwar zornig an, zeigte dabei ganz ungeniert seine Augenzähne, dass jeder sie sehen konnte, doch keiner wagte es noch, mit mir anzubinden.

Nur der eine, den ich für Ratanescus Oberlakaien hielt, stand noch immer in drohender Haltung vor mir.

Da aber mischte sich Bancrott ein und beschwor ihn: „Lasst es gut sein, Mr. Satanescu. Sicherlich war dies nur ein Missverständnis.“ Er erhob sich umständlich, stand schwankend da und klopfte sich den Staub vom Hintern, wobei er, da er den Oberkörper drehen musste und schon anständig einen im Kahn hatte, fast wieder auf den Allerwertesten geplumpst wäre. „Außerdem“, fügte er hinzu, „ist Herr Mayer offenbar doch ein ganzer Kerl, so wie Mr. Ratanescu auch, und unter echten Männern ist ein Faustschlag ins Gesicht doch nicht weiter tragisch, oder?“

„Well, stimmt so“, rief der Howlin’ Sam vom Feuer aus und kicherte. „Westmänner pflegen sich einander derart vorzustellen, wenn ich mich nicht irre!“

Satanescu – so also hieß der Bursche – ging weder auf Sams Worte noch auf die Bancrotts ein, sondern funkelte mich hasserfüllt an. Auch seine Augen waren schwarz wie die Nacht und schienen nur aus den Pupillen zu bestehen. Endlich trat er zurück und knurrte: „Seid froh, wenn dies kein Nachspiel hat.“

Er winkte zwei seiner Komplizen heran, die den noch immer bewusstlosen Ratanescu unter die Achseln griffen und ihn aus dem Schein des Feuers zerrten. Sie verschwanden mit ihm in der Nacht, alle, und die Dunkelheit verschluckte sie, als hätten sie nie existiert.

Bancrott schwankte wütend auf mich zu. „Was habt Ihr Euch nur dabei gedacht, den Ratten-Jim derart zu verärgern!“, schnauzte er mich an. „Wir brauchen diesen Mann, dringender als einen vierten Surveyor, denn er und seine Leute sorgen für unsere Sicherheit!“

Ob dem so war, musste sich meiner Ansicht nach noch herausstellen. Vielleicht, so stand für mich zu befürchten, stellten sie aber auch eine größere Gefahr dar als beide Werwolfstämme zusammen.

Ich ließ Bancrott zetern und maulen, drehte mich einfach um und setzte mich wieder ans Feuer meiner Westmann-Gefährten. Daraufhin schwankte Bancrott, noch immer murrend, zurück zu seinen Saufkumpanen und zum Brandy. Er war schon so getrunken, dass es ein Glück war, dass er sich auf der kurzen Strecke nicht in die Wildnis verlief.

„Diesen Mr. Rattengesicht habt Ihr Euch zum Todfeind gemacht, wenn ich mich nicht irre“, prophezeite Sam und kicherte, dann schlug er mir kameradschaftlich auf die Schulter. „Recht so, Teutonen-Charly. Was wäre ein echter Mann ohne Feind.“

Nun, während Sam guter Dinge war, war die Stimmung unter seinen Kameraden ziemlich gedrückt. Ich bemerkte es daran, wie sie in die uns umgebene Nacht blickten, die Köpfe dabei zwischen die Schultern gezogen; ja, sie machten einen geradezu verängstigten Eindruck.

„Habt ihr die Eckzähne dieser Burschen gesehen, als sie den Mayer Karl anfauchten?“, fragte Bill mit leiser Stimme.

„Hell and demnation“, raunte Dick. „Diese Gents sind tatsächlich Vampire!“

„Ja“, sagte Sam vergnügt und nickte mir anerkennend zu. „Vom Leben im Westen habt Ihr Lusche zwar keine Ahnung, weil Ihr noch kein Westmann seid, sondern eben nur eine Lusche, wenn ich mich nicht irre. Aber mit diesem schwarzmagischen Höllengezücht kennt Ihr Euch offenbar bestens aus, Ihr und Eure Landsleute in Germany oder Europa oder wo immer Ihr nun herkommen mögt.“ Dann wandte er sich an seine Scout-Gefährten. „Und ihr scheißt euch mal nicht in die Büffellederhosen, Mesch’schurs! Dass Ratanescu und seine Spießgesellen üble Spitzbuben sind, haben wir vorher gewusst. Dass sie aber auch schwarzblütige Kreaturen sind, kann uns, da sie uns gegen die Indsmen-Werwölfe beschützen sollen, durchaus zum Vorteil gereichen, so wie Dick es schon sagte. Habe gegen die Werwolf-Indianer lieber dreizehn Untote auf meiner Seite als revolverschwingende Aufschneider, die sich vor Angst anpissen, wenn beim ersten Wilden, dem sie begegnen, die Wolfshärchen aus der Rothaut sprießen!“

Dem konnte ich zwar nicht unumwunden zustimmen, denn meine Begegnungen mit Blutsaugern waren bisher stets unerfreulich verlaufen, doch Sams aufmunternde Worte hellten die Stimmung unter seinen Kameraden merklich auf.

Ich warf einen Blick zu Bancrott und meinen drei ungeliebten Kollegen hinüber. Die schütteten sich wieder die Köpfe mit Brandy zu, sodass ihr Verstand statt in Hirnflüssigkeit in Alkohol schwappte. Sie bekamen von unserer Unterhaltung nichts mit.

„Ihr habt fürwahr einen echten Donnerschlag“, sagte auf einmal Bill zu mir. „Ich habe selten einen Mann erlebt, der einen solchen Bums hat.“

„Ja“, stimmte Dick mit ein. „Wenn Euch der Kriegsname Teutonen-Charly nicht gefällt, wie wäre es mit Donnerkeule oder Alte Bumsfaust?“

„Das eine gemahnt zu sehr an Donnerbalken“, widersprach Sam und schüttelte den Kopf, „und unter einem guten Bums kann so mancher Kerl was Falsches verstehen.“

„Ihr müsst Silber in den Fäusten haben, dass Ihr damit einen Vampir einfach niederschlagen könnt“, meinte Büffel-Bill, noch immer ganz ergriffen von dem Rumms, den ich Ratanescu verpasst hatte.

„Yeah!“, rief da der Howlin’ Sam begeistert aus. „Das ist es: Wir nennen Euch Silverhand! Ja, schließlich habt Ihr den bleichen Fatzke niedergestreckt, als hättet Ihr mit einer silbernen Faust zugeschlagen!“

„Nennt mich bitte weiterhin einfach nur den Mayer Karl“, bat ich, „das wär mir lieber.“

Doch Sam ließ nicht locker. „Silverhand“, sagte er. „Oder noch besser: Old Silverhand!“

„Warum alt?“, fragte ich und schaute ihn ergrimmt an. „Sehe ich für Euch so greise aus!“

„Pshaw!“ Sam winkte ab. „Es ist nicht als Beleidigung gemeint, Ihr Lusche. Old heißt im Westen nicht wirklich alt. Man setzt es gern vor einen Kriegsnamen, um damit anzudeuten, dass der Betreffende ihn ganz und gar verdient. Es gilt als Verstärkung der im Namen bekundeten Fähigkeit.“

Ich verstand. „Ah ja, so macht man’s bei uns in Germany auch“, sinnierte ich. „Ein alter Schwede ist längst nicht alt, zumeist nicht mal ein Schwede. Und ein alter Schwerenöter ist sogar meist recht jung, denn ein Greis könnte nicht so vortrefflich schwerenöten.“

„Sehr Ihr, jetzt habt Ihr’s begriffen“, freute sich Sam. „Well, also bleibt’s dabei: Ab heute seid Ihr Old Silverhand!“

Für mich stand dies noch längst nicht fest, doch hatte es wenig Sinn, Sam Howlin weiterhin zu widersprechen. Als wollte er seine Worte bestätigen, ließ der Howlin’ Sam noch einen fahren, dass es laut in die Wildnis krachte.

An diesem Abend, am knisternden Lagerfeuer mit den drei erfahrenen Präriejägern, wäre mir nicht eingefallen, dass mich schon bald der ganze Westen unter diesen Namen kennen und bewundern würde: Old Silverhand.

Nun, Mayer Karl gefällt mir noch immer besser, denn es bringt in die Fremde einen heimatlichen Klang. Andererseits ist Old Silverhand allemal besser als Kara Ben Nimdich.

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AN DIESEM ABEND UND in der Nacht ließen sich Ratanescu und seine Gesellen im Lager nicht mehr sehen. Ich gebe zu, ich rechnete eigentlich mit einem Racheakt seitens des Ratten-Jim, aber das bescherte mir keine schlaflose Nacht. Ich habe einen sehr leichten Schlaf, und den hatte ich auch in dieser Nacht, obwohl ich den Nachmittag mit harter Arbeit zugebracht hatte. Ein Auge war deshalb immer halb offen, und hätte sich jemand an mich herangeschlichen, hätte ich es zudem auch gehört. Doch ich vernahm nicht mehr als die üblichen Geräusche der Prärie und hin und wieder das Heulen eines Wolfes, wahrscheinlich eines der Werwölfe, die diese Gegend unsicher machten, doch es war so weit entfernt, dass es mich nicht zu beunruhigen vermochte.

Als ich am Morgen erwachte, hatten sich Ratanescu und seine Spießgesellen wieder in ihre Särge verkrochen. Dass Ratten-Jim es nicht gewagt hatte, es mir heimzuzahlen, zeigte für mich, dass er im Grunde nicht mehr als eine Lusche war, ob Vampir oder nicht.

Nach einem schnellen Frühstück, das aus schwarzen Kaffee und abermals Bohnen mit Speck bestand, machte ich mich an die Arbeit, und erst gegen Mittag gesellten sich Tickman, Trickman und Trackman hinzu, um mir recht lustlos zur Hand zu gehen; sie waren mir dabei mehr hinderlich als eine Hilfe.

Einer der Dreien – ich konnte sie nicht auseinander halten und gab mir darin auch keine Mühe – wagte es am Nachmittag schließlich doch, über meine Arbeit herumzumosern. Während er dumme Sprüche klopfte, standen die beiden anderen grinsend in der Nähe und kratzen sich im Schritt.

Ich nahm mir den Moserer vor, indem ich plötzlich herumwirbelte und ihm eins auf den Schnabel gab. Er fiel um, steif wie ein Brett, wie am Abend zuvor Ratanescu, und erhob sich bis zum Abend nicht mehr; ein Ausfall, der das Voranschreiten der Landmessung nicht weiter verzögerte. Im Gegenteil, seine beiden Kumpane rissen nach meinem Faustschlag weit die Augen auf, machten dann ängstliche Gesichter und entschlossen sich, in einer anderen Ecke des weiten Landes herumzulungern, sodass sie mir nicht weiter auf den Sack auf den Senken den Keks gingen, was meine Arbeit doch erheblich erleichterte.

Damit hatte ich mir gegenüber den drei Burschen soweit Respekt verschafft, dass sie mich in Ruhe ließen und es auch nicht mehr wagten, sich in meiner Gegenwart bei Bancrott über mich zu beschweren. Dass sie dennoch die Schnäbel aufrissen und Unwahrheiten über mich schnatterten, sobald sie abends mit Bancrott dessen Brandyvorräte dezimierten, war mir klar. Der aber hätte nicht nur ständig betrunken, sondern zudem noch blind sein müssen, um nicht zu erkennen, dass die Arbeit seit dem gestrigen Tage mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit fortschritt. Ja, in eineinhalb Tagen hatte ich mehr Land vermessen, als meine „Kollegen“ in den letzten drei Wochen. Nicht, dass Bancrott das mir gegenüber zugab oder mich gar gelobt hätte. Dafür war er zu sehr Unternehmer.

Sicher fragst Du Dich, lieber Leser, warum ich mich so ins Zeug legte. Nun, erstens tat ich das gar nicht, aber um so wenig zu leisten wie Tickman, Trickman und Trackman hätte ich schlicht aufhören müssen zu atmen und meinen Herzschlag einstellen. Zweitens ist Pflichterfüllung nun mal eine deutsche Tugend, und die legte ich auch in der Wildnis nicht ab.

Am Abend krochen Ratanescu und seine Blutsauger wieder aus ihren Särgen, doch keiner wagte es, sich mit mir anzulegen. Mir war es fast, als würde mir der Ratten-Jim ganz bewusst aus dem Weg gehen. Nur Satanescu, sein Oberarschlecker Oberstiefellecker, funkelte mich hasserfüllt an, als er mich mit Sam und den zwei anderen Westmännern am Lagerfeuer sitzen sah, und machte die Geste des Halsabschneidens. Sam sah es, hob die Hand und ballte eine Faust, wobei er einzig den Mittelfinger ausgestreckt ließ, eine Geste, die ich nicht kannte. Als ich ihn danach fragte, kicherten die drei Scouts nur wieder, und ich nahm an, dass es irgendein indianisches Zeichen war, das jeder echte Westmann kannte.

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Details

Seiten
500
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738915198
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
winnewolf

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Titel: Winnewolf