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Löhndorff Gesamtausgabe #1: Yangtsekiang - Ein China-Roman

2017 200 Seiten

Zusammenfassung



Ein Jahr saß der Deutsche Hans Wendt unschuldig in einem chinesischen Gefängnis.Jetzt ist er wieder frei, aber völlig mittellos– und er hat nach chinesischem Denken „sein Gesicht verloren“. Der Geschäftsmann Tschang Pi bietet ihm einen Job weiter flussaufwärts an. Wendt soll Unregelmäßigkeiten in einer Mine untersuchen. Auch Tschang Pi und seine Tochter Ma Yü reisen auf demselben Dampfer nach Norden– sowie die Deutsche Ursula Kirsten, die ebenfalls in den Diensten des Geschäftsmannes steht und sich um Tschang Pis junge Tochter kümmern soll. Auf dieser Fahrt kommt Wendt mit den beiden Frauen in Kontakt, und er verliebt sich in Ursula. Deren Wege trennen sich jedoch bald wieder– das Schicksal wird aber dafür sorgen, dass sich die beiden Liebenden wenige Wochen später unter dramatischen Umständen wiedertreffen werden.
Es ist die Zeit des blutigen Krieges zwischen China und Japan– und die in China lebenden Europäer werden in die Auswirkungen dieses Krieges mit hineingezogen. Hans Wendt und Ursula Kirsten sind davon betroffen– aber auch die junge Ma Yü…

Ernst F. Löhndorff stellt mit diesem Roman unter Beweis, dass er ein exzellenter Kenner Chinas und dessen Kultur war. In wortgewaltiger bildhafter Sprache erzählt er von dem ungewissen Schicksal zweier Menschen, die in den Wirren des Krieges zueinander finden.

Leseprobe

ERNST F. LÖHNDORFF

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YANGTSEKIANG

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EIN CHINA-ROMAN

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von pixabay mit Steve Mayer, 2017

Redaktion und Korrektorat:  Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau,  herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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EIN JAHR SAß DER DEUTSCHE Hans Wendt unschuldig in einem chinesischen Gefängnis.Jetzt ist er wieder frei, aber völlig mittellos – und er hat nach chinesischem Denken „sein Gesicht verloren“. Der Geschäftsmann Tschang Pi bietet ihm einen Job weiter flussaufwärts an. Wendt soll Unregelmäßigkeiten in einer Mine untersuchen. Auch Tschang Pi und seine Tochter Ma Yü reisen auf demselben Dampfer nach Norden – sowie die Deutsche Ursula Kirsten, die ebenfalls in den Diensten des Geschäftsmannes steht und sich um Tschang Pis junge Tochter kümmern soll. Auf dieser Fahrt kommt Wendt mit den beiden Frauen in Kontakt, und er verliebt sich in Ursula. Deren Wege trennen sich jedoch bald wieder – das Schicksal wird aber dafür sorgen, dass sich die beiden Liebenden wenige Wochen später unter dramatischen Umständen wiedertreffen werden.

Es ist die Zeit des blutigen Krieges zwischen China und Japan – und die in China lebenden Europäer werden in die Auswirkungen dieses Krieges mit hineingezogen. Hans Wendt und Ursula Kirsten sind davon betroffen – aber auch die junge Ma Yü ...

Ernst F. Löhndorff stellt mit diesem Roman unter Beweis, dass er ein exzellenter Kenner Chinas und dessen Kultur war. In wortgewaltiger bildhafter Sprache erzählt er von dem ungewissen Schicksal zweier Menschen, die in den Wirren des Krieges zueinander finden.

Vorspiel

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... WEIT VON HIER, IN einem Land, das den meisten von euch nur aus den purpurnen Schleiern wunschkräftiger Träume auftaucht, wenn die Gedanken auf den windschnellen Zauberrossen eines sehnsüchtigen unstillbaren Fernwehs reiten – dort braust ungestüm oder fließt rauschend und wälzt sich streckenweise fast lautlos, aber geladen mit unheimlicher Macht, ein gelber Strom. Und wunderbarerweise nennen ihn die gelben lächelnden Bewohner jenes Landes den „Blauen Strom“. Yangtsekiang!

In der einsamen, großartigen Bergwelt, wo die uralten, geheimnisvollen Klöster der roten Lamas in grauen Felsentälern wachen, wo der zottige Yak die verschneiten Pässe überklettert, wo seltsame, klappernde Gebetsmühlen und flatternde, zerrissene Fahnen auf unzugänglichen Gipfeln das „Reich der Dämonen“ beherrschen und wo das feierliche eintönige „Om Mani Padme Hum“ der betenden Mönche gleich gedämpften Gongschlägen hallt, dort sprudelt er in kristallener Bläue aus den schimmernden Brüsten der Eisriesinnen im Lande des ewigen Buddha. Yangtsekiang!

Später, wenn seine Wasser auch manchmal noch mit bläulich seidigem Glanz dahinströmen, wird er gelb. So gelb wie die Haut der rätselhaft lächelnden, geduldigen Menschen, die an seinen Ufern in Städten, Dörfern oder Hütten geboren werden, leben und sterben. Gelb wie die Gegend, die er durchfließt! Gelb wie die Prachtgewänder der alten Mandschukaiser, die diese Farbe zur herrschenden erhoben. So gelb wie die Segel und das Holz der Dschunken, die er trägt, weiterbefördert, verschont oder vernichtet. Gelb wie die unermesslichen Sümpfe und Seen, die er bildet, wenn er grollend seine Dämme durchbricht, die stellenweise achtzig Meter hoch senkrecht ansteigenden Ufer mit einem riesigen Schwall überflutet und die gelbe Erde nebst Hunderttausenden von Menschen und Tieren erbarmungslos verschluckt.

Not und Tod, Zwist und Verzweiflung bedrohen diese gelben Menschen, aber fast immer lächeln sie. Warten sie und lächeln, lächeln ...

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Verlorenes Gesicht

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Im Büro des Gefängnisdirektors von Hongkong war es sehr heiß. Zwar brummten die elektrischen Ventilatoren unermüdlich, doch brachten sie keine Kühlung, denn durch die offenen Fenster und Türen quoll unablässig, als unsichtbarer Strom, die feuchte, erschlaffende Tropenwärme.

Vom zweiten Hof her ertönte das jammernde Geschrei eines chinesischen Taschendiebes, der von einem als „Hongkongpolizist“ im britischen Dienst stehenden Landsmann mit kräftigen Stockhieben zu einem Geständnis ermuntert wurde.

Der weiß uniformierte und wohlbeleibte Gefängnisdirektor zwinkerte vergnügt mit den hellen, fettunterpolsterten Augen. Sein rundes, glattrasiertes Gesicht legte sich in wohlwollende Falten, und mit den kurzen, knubbligen Fingern der Rechten trommelte er einen unhörbaren Marsch auf der tintenbespritzten Tischplatte. Dabei betrachtete er aufmerksam einen ihm gegenüberstehenden Mann. Dieser war groß und breitschultrig und trug das aufreizend rote Haar nach der Gefängnissitte halb-kurz geschoren. Sein sommersprossiges Gesicht war beinahe regelmäßig und hätte gutmütig ausgesehen, wenn nicht das mächtige Kinn und ein zeitweiliger trotziger Zug um den Mund ihm etwas Draufgängerisches verliehen hätten. Erhöht wurde dieser Eindruck noch durch die kühn blickenden, grau-blauen Augen. Er steckte in einem groben, hässlichen Drillichanzug, der um die Hüften viel zu weit und überall in unregelmäßigen Abständen mit plumpen roten Pfeilen bedruckt war.

Wieder zwinkerte der Beamte in schlecht verhehlter Zufriedenheit, wie sie ein gutes zweites Frühstück und eine vortrefflich bezahlte, mit wenig Mühe verbundene Stellung mit sich bringen. Das Geschrei im Hof verstummte. Wie gewaltiges und doch gedämpftes Summen, von einzelnen schrillen oder metallisch klirrenden Lauten ununterbrochen durchgellt, hing der Lärm der menschenvollen Stadt in der Luft. Von der Bai wehte das Tuten eines großen Passagierdampfers herüber und erstickte plötzlich in dem überirdischen, wütenden Aufheulen eines britischen Torpedobootes.

Die Finger des Uniformierten hörten auf zu trommeln. Und mit wunderbarer, von langer Übung zeugender Geschicklichkeit sank er etwas tiefer in seinen Sitz zurück und schwenkte gleichzeitig die kurzen Beine vor sich auf den Tisch, sodass das Tintenfass von den weißbeschuhten Füßen eingerahmt war.

Sorgfältig entnahm er dem Bastetui eine Manila, biss die Spitze mit den kräftigen Zähnen ab und zündete sie genießerisch an. Nun warf er einen raschen, gewohnheitsmäßigen Blick auf das große, an der Wand hängende Bild des englischen Königspaares und sprach dann vorwurfsvoll, wie man mit einem Kind redet, das man nicht gerne bestrafen will, zu dem Rothaarigen: „Aber mein bester Mister Wendt, ich dachte wirklich Wunder, was Sie mir zu eröffnen hätten, als Sie um diese dringende Unterredung nachsuchten! Es ist die achte seit Ihrem Hiersein!“

„Ich habe um diese Unterredung bereits vor sieben Wochen vorschriftsmäßig gebeten, Sir!“, erwiderte der Angeredete mit fester Stimme.

Behaglich nickte der Dicke. „Weiß ich, weiß ich, mein lieber Wendt – oder soll ich Sie, wie ich es eigentlich müsste, Gefangener Nummer 638 nennen? Nun, ich will ein Auge zudrücken, da Sie ein weißer Mann sind und eine geachtete Stellung einnahmen, ehe Sie den beklagenswerten Pfad der Sünde und Finsternis beschritten!“

Er machte eine kleine Pause, und es schien, als ob er wohlgefällig dem Echo seiner eigenen Stimme nachlausche, ehe er weitersprach: „Ein Gefängnisdirektor in Seiner Majestät – Gott segne sie! – Kronkolonie Hongkong hat sehr viel zu tun und kann nicht gleich jedem Gesuch nachgeben!“

„Aber ich bin unschuldig, Sir, vollkommen unschuldig, und ich protestiere immer wieder gegen diesen schmachvollen Rechtsspruch, der mich, auf eine abgekartete Sache hin, zu einem Jahr Gefängnis verurteilte!“

„Weiß ich, weiß ich, mein Lieber. Unschuldig sind sie immer alle! Doch das war Sache des Richters, der Sie verdonnert hat. Sogar Ihr eigener Konsul will nichts mehr von Ihnen hören, da er von Ihrer Schuld überzeugt ist! Aber warum denn diese echt deutsche Hast und Überstürzung, lieber Wendt? Nehmen Sie sich doch, da Sie ja schon geraume Zeit im Fernen Osten sind, ein Beispiel an orientalischer Geduld oder, noch besser, an britischer Gelassenheit. Ihr Jahr ist ja fast herum, es fehlen nur noch ein paar Wochen daran. Glauben Sie mir, es hat schon mancher schuldig oder unschuldig im Kittchen gesessen und wurde nachher doch ein angesehener, von Seiner Majestät – Gott segne sie! – geadelter Mann. Aber Sie müssen vernünftig werden. Nur um mir, der ich gar nicht befugt bin, solch dummes Zeug anzuhören, wieder mal Ihre sogenannte Unschuld anzupreisen, haben Sie meine wirklich kostbare Zeit in Anspruch genommen?“

Er schielte nach der Uhr, ob es noch nicht an der Zeit sei, in den Klub zu gehen, und fuhr dann fort: „Ich dachte, heute wirklich etwas anderes, Vernünftigeres von Ihnen zu hören. Sie haben doch die beste Gelegenheit, Ihre Mitgefangenen auszuhorchen! Zum Beispiel könnte man annehmen, dass Sie bei den gemeinsamen Spaziergängen mit dem Gesindel – hehehe, klingt nett, nicht wahr? – also dass Sie bei diesen, der Freude und Erholung gewidmeten Spaziergängen rund um den zementierten Hof unseres Institutes – hehehe! – allerlei zu hören bekommen! Sie sprechen doch ganz leidlich Kantonesisch und auch etwas Mandarin und könnten den Behörden außerordentliche Dienste leisten, wenn Sie herausbrächten, ob Ihr gelber Zellennachbar zu den Piraten der Bias Bai gehörte, die neulich den kleinen Küstendampfer ausgeplündert haben? Unverschämtheit so etwas, dicht vor Hongkong! Und ob das einäugige Halbblut – der Wärter berichtete mir vorhin wahrhaftig, dass der Kerl sich eine Ratte gezähmt hat, die in seiner Zelle aus- und einschlüpft! – ob dieser Bursche bei dem Überfall in der Nathan Road neulich in Kaulun drüben beteiligt war!

Aber stattdessen kommen Sie her und stehlen mir meine kostbare Zeit, um mir zu erzählen, dass Sie unschuldig sind. Goddam, Mann, man hat doch bei Ihnen, dem kontrollierenden Ingenieur der Bahn zwischen Kaulun und Hankau, als Sie in Kanton einstiegen, im Koffer ganz beträchtliche Mengen von Heroin und Kokain gefunden, die Sie in die Kronkolonie Seiner Majestät – Gott segne sie! – einschmuggeln wollten. Es war doch Ihr Koffer! Und zwölf Monate für ein solches Delikt sind eine milde Strafe!“

Angriffslustig schob Wendt sein Kinn vor und protestierte hartnäckig: „Ich bin aber unschuldig, Sir! Irgendein Chinese oder auch ein Weißer, vielleicht war es sogar ein Brite, der neidisch auf meinen schönen Posten war, hat das Rauschgift in meinen Koffer gepackt, als ich im Speisewagen saß!“

„Well, well, möglich ist alles. Aber das geht mich doch nichts an! Tatsache bleibt, dass es eine Ungeheuerlichkeit sondergleichen ist, wenn ein Beamter, wie Sie es waren, Heroin und Koks schmuggelt. Die Herren der Eisenbahndirektion, der, wie Sie wissen, auch einflussreiche Chinesen angehören, waren, wie ich nachträglich hörte, sehr ungehalten über Sie, und einer davon, der sehr ehrenwerte Mister Tschang Pi, hat das Höchstmaß an Strafe für Sie verlangt!“

Wendt stieg das Blut ins Gesicht. „Was, Tschang Pi? Der mich seinerzeit in Schanghai in Dienst stellte? Das ist doch fast unmöglich!“

„Derselbe! Aber, goddam, Mann – hehehe – nehmen Sie die kleine Sache doch nicht so tragisch! Wenn Ihre Zeit herum ist, treten Sie in unseren Polizeidienst oder, wenn Ihnen das nicht passen sollte – nun, China ist groß und steckt voller Möglichkeiten für tüchtige Leute –, gehen Sie doch in die Armee des Marschalls Tschiangkaischek! Vielleicht haben Sie dabei Gelegenheit, dem sehr ehrenwerten Eisenbahnpräsidenten und Millionär, Herrn Tschang Pi, ordentlich eins auszuwischen! Und gleichzeitig, wenn Sie in des Marschalls Hauptquartier sind, können Sie Augen und Ohren aufbehalten. Sie wissen, England liegt viel am Frieden der Welt – und der Secret Service zahlt recht gut, wie ich, Ihnen im Vertrauen zu sagen, von gewisser Stelle aus ermächtigt wurde. Hehehe, trefflich, nicht wahr? Der Ferne Osten bietet, wie ich ja schon sagte und wie Sie auch wissen, ungeahnte Möglichkeiten!“

Die grau-blauen Augen des Deutschen weiteten sich vor Staunen.

„Secret Service?“

„Ja!“, nickte der andere und beobachtete verstohlen das Gesicht seines Gegenübers, auf dem sich ein nachdenklicher Zug ausprägte. „Bin ich dann“, fragte Wendt langsam, „bin ich dann, wenn ich aus dem Gefängnis komme und in Ihre Dienste trete, wieder ein Gentleman, das heißt, ein Ehrenmann?“

Eine lange Pause entstand. In der Bai tuteten hastende Dampfer. Propellerdröhnen drang vom Flugplatz KaiTak herüber. Pfiffig betrachtete der Brite den Deutschen, ehe er begann: „Da Sie im Kittchen saßen – natürlich nicht! Aber machen Sie sich doch einen Dreck daraus, solange Sie schönes Geld verdienen. Old England zahlt gut, wissen Sie!“

„Es hat immer gut gezahlt für Dinge, die für seine eigenen Landeskinder zu schmutzig waren. Sagen Sie denen, die Sie beauftragt haben, dass sie sich zum Teufel scheren mögen!“, stieß der Deutsche schweratmend hervor.

Mit leiser Geringschätzung blickte ihn der Direktor an. Er setzte seine ausgegangene Manila in Brand und blies eine dichte Rauchwolke gegen die Decke des Zimmers. Endlich sprach er in völlig verändertem Ton: „Was faseln Sie da eigentlich von Secret Service und Bezahlung? Die Gefängnisluft hat Ihr Gehirn durcheinandergebracht. Ich werde Ihnen den Anstaltsarzt schicken, Wendt!“

Wie aus den Wolken gefallen, starrte ihn der Deutsche an.

„Sie haben mir doch eben selber angeboten, in den Dienst des Secret Service zu treten, Sir!“, schrie er fast.

Eine neue Rauchwolke stieg zur Decke empor, und dazu schnarrten die Worte: „Ihr Hirnkasten scheint ernstlich gelitten zu haben! Oder pflegen Sie lebhaft zu träumen, Nummer 638? Ich habe Sie doch lediglich gefragt, was Sie nach Ihrer Entlassung zu tun gedenken. Ob Sie zum Beispiel in der Kolonie bleiben wollen? Nun?“

Wendt schluckte ein paar Mal, und seine Finger zuckten. Dann hatte er sich wieder in der Gewalt. Mit bitterem Hohn, eintönig erst, aber von Wort zu Wort in größere Erregung geratend, rief er: „Möge Gott Ihnen diese höhnische Komödie, die Sie hier mit einem Unschuldigen aufführen, vergeben, Sir! Ich wiederhole, dass ich unschuldig bin. Unschuldig! Aber was macht das in diesem Land aus! Sie selber wissen es ja genau, dass der Weiße, der hier draußen einmal im Gefängnis saß, wenn er auch nicht recht ahnte, warum – sein, wie die Chinesen sagen, Gesicht verliert! Das heißt, kein anständiger oder als solcher geltender Mensch will mehr etwas mit ihm zu tun haben, und ehrliche Arbeit findet er nimmer. Es bleibt ihm wirklich nichts anderes übrig, als ein Verbrecher zu werden. Oder“ – er lachte hell auf – „dem britischen Secret Service schmutzige Handlangerdienste zu leisten. Ehe ich jedoch das tue, schließe ich mich lieber jenen Kreisen an, mit denen ich ja in diesem Gefängnis so vertraut wurde. Und dann mag Tschang Pi sich in Acht nehmen!“

Die letzten Worte schrie er und schlug mit der Faust auf den Schreibtisch, sodass eine Flut grüner Tinte sich über die weißen Hosen des Beamten ergoss.

Ein baumlanger, khakigekleideter Sikhpolizist stand plötzlich auf der Schwelle, aber der Dicke winkte ihm, zu verschwinden. Denn er besaß reichliches Phlegma, war im Grunde genommen kein Unmensch und würde die ruinierten Beinkleider vom Staat vergütet bekommen.

Deshalb blieb er ruhig sitzen und sagte, nachdem der Sikh wieder verschwunden war, wohlwollend: „Nummer 638, Mister Wendt, entweder sind Sie ein Dummkopf oder ein Idealist – aber zwischen beiden ist der Unterschied manchmal sehr gering. Ich glaube jetzt selbst beinahe, dass Sie unschuldig sitzen! Gehen Sie in Ihre Zelle zurück, ich kann Sie nicht länger Ihrer Arbeit, für Seine Majestät – Gott segne sie! – Matten zu flechten, entziehen!“

Er drückte auf den Klingelknopf. Zwei geschmeidige eurasische Wärter kamen herein, und Wendt folgte ihrem stummen Wink. Seufzend nahm der allein gebliebene Direktor die Beine vom Tisch und betrachtete die grünen Flecke an den Hosen. Dann zuckte er die Achseln und rief: „Lantschu!“

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Ein britischer Beamter

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Die gelbe spanische Wand, die eine Ecke des Zimmers abschloss, wurde zur Seite gerückt. Ein junger Beamter saß in der Ecke auf einem Hocker. In der Hand hielt er Bleistift und Stenogrammheft.

„Alles mitgeschrieben, Lantschu?“

„Gewiss, Sir!“

„Gut! Ehe Nummer 638 entlassen wird, muss der in Schanghai weilende Eisenbahnpräsident gewarnt werden. Ich glaube zwar, dass der hitzköpfige Deutsche seine Drohung nicht ernst gemeint hat, aber darüber zu entscheiden geht mich nichts an.“

„Sehr wohl, Sir!“

„Gut, ich ziehe mir jetzt ein paar andere Hosen an und will dann in den Klub. Der Boy soll den Wagen vorfahren. Und wenn meine Frau anruft, so bin ich bei einer wichtigen Sitzung und kann nicht gestört werden!“

„Sehr wohl, Sir!“

Der dicke Gefängnisdirektor ging hinaus. Hinter ihm schnitt Lantschu eine höhnische Grimasse und klatschte sich dann leise, aber unzweideutig, auf die Verlängerung seines Rückens. Das war zwar nicht sehr fein, aber Mr. Lantschu konnte nichts dafür. Denn er trug zwar einen wunderschönen weißen Anzug, Seidenhemd und dazu eine farbenfreudige Krawatte, die aus den geheiligten Gefilden Londons, von Saville Row, stammte, hatte korrekt gescheiteltes, mit Pomade angeklebtes Haar, war im „Majestic“ in der „Des Voeux Road“ allabendlich einer der graziösesten befrackten Tangotänzer, der je eine sich langweilende Großkaufmannslady über das Parkett führte – auch war er wohlbestallter Beamter der Gefängnisdirektion in Seiner Majestät – Gott segne sie! – Kronkolonie Hongkong – aber seine zu ihren Ahnen versammelte Mutter war eine wirklich hübsche und zierliche Chinesin aus der Provinz Yünrian gewesen – deren Schönheit leider höher als ihre Moral bewertet wurde.

Und so teilten sich denn in Lantschus Vaterschaft: erstens ein Branntwein liebender Schwarzer von den Antillen, der später im Plafen zu Vera Cruz von Deck eines amerikanischen Öltankers über Bord fiel und an zu viel Wasser starb; zweitens ein verschollener britischer Tommy, der das Licht der Welt in einem obskuren Haus des Londoner Whitechapels erblickt hatte; drittens ein diebischer Mandschure, der nach einem missglückten Tagewerk im Jahre 1938 zu Kanton am lieblichen Ufer des Perlflusses niederkniete, worauf ihm nach guter alter Sitte der hinter ihm stehende Henker den Kopf abschlug, und viertens ein norwegischer Kohlentrimmer, der längst in einem Osloer Trinkerasyl das Zeitliche gesegnet hatte.

Es gab sogar Stimmen in Wan Chai, jener bunten Gegend Hongkongs, wo Lantschu wohnte, die behaupteten, es wären mindestens zehn „fremde Teufel“ bei der Erzeugung dieses braven britischen Beamten beteiligt gewesen! Lantschu, wenn er diese Lästerungen hörte, lachte geschmeichelt und befahl seiner Frau – einem vom Leben zerzausten Russenmädel, die eine von den Behörden heimlich gestattete Opiumkneipe führte, den ärgsten Schreiern für eine Zeitlang schlechtes Opium für ihre Pfeifen zu geben.

Wie dem auch sei, Lantschu hatte, wie so viele Mischblütige, nur die schlechten Eigenschaften seiner Eltern geerbt, und deswegen schnitt er jetzt hinter dem Rücken seines hohen Vorgesetzten jene unehrerbietige Grimasse. Und nachher, als die Luft rein war und sein phlegmatischer Gebieter längst andächtig auf der Terrasse des Hongkong Klubs saß, den dritten Whisky-Soda – sechs Finger Whisky und ein Finger Sodawasser – schlürfte und dabei sein mühseliges Dasein beseufzte, erlaubte sich Lantschu, den Gefangenen Nummer 638, aus purer Freude am Übeltun, einen Tag auf Wasser und Brot zu setzen. Irgendein Grund dafür, falls der Direktor fragen sollte, ließ sich ja leicht finden.

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Allerlei aus Hongkong

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Die Zelle war 2 Meter lang und 1,50 Meter breit. Eine an der Wand befestigte, eiserne Klappbettstelle, auf der eine dünne, schmutzige, graue Regierungsdecke gleichzeitig als Ober- und Unterpfühl diente, und in der Ecke ein zerbeulter angerosteter Eimer bildeten die ganze Einrichtung. Die weiß getünchte Wand wies zahlreiche Kreuz- und Querrisse auf. Oben, unter der Decke, saßen Moskitos klumpenweise und warteten auf die Abendstunden. Tageslicht drang reichlich durch die Gittertür, hinter der ein kurzer, breiter, von großen Fenstern erhellter Korridor unmittelbar in einen viereckigen, von hohen Mauern umgebenen, betonierten Hof mündete.

Gerade waren die Insassen eines anderen Gefängnisteils dabei, ihren vorgeschriebenen Spaziergang zu machen. Die Korridortür, neben der ein eurasischer Beamter saß und die Nuditäten eines Londoner Magazins studierte, war offengeblieben, und Wendt konnte somit von seiner Zelle aus die Spaziergänger beobachten. Es waren meist Chinesen der Kuliklasse, ein paar besser angezogene Mischlinge und einzelne Europäer darunter. Sie saßen wegen Diebstahls, Überfalls, Schmuggels, Mädchenhandels und anderer Delikte, wie sie in Hongkong und dem gegenüberliegenden Kaulun gang und gebe sind.

Vorschriftsmäßig marschierten sie um das Innenviereck des Hofes, wobei der Hintermann dem vor ihm Schreitenden beide Hände auf die Schultern legte. Dadurch bildeten sie eine ununterbrochene Kette. Aufseher, mit glimmenden Zigaretten in den Mundwinkeln, schlenderten umher und passten auf, dass die Sträflinge nicht miteinander sprachen oder flüsterten.

Wendt kannte das. Auch er war zweimal am Tag, seit er hier weilte – ihn dünkte das eine unvorstellbare Zeit! –, Glied einer solchen Menschenkette. An der einen Seite des Hofes befand sich eine durch farbige Striche gekennzeichnete Stelle, wo bei den häufig stattfindenden Exekutionen eine Art Podium mit Falltür und Galgen aufgeschlagen wurde. Wendt hielt es für eine unangebrachte Brutalität, dass man diesen Hof für die Spaziergänge der Gefangenen wählte. Er wunderte sich auch manchmal, warum man die Sträflinge nicht zur heilsamen Erziehung und Abschreckung antreten ließ, wenn jemand aus ihrer Mitte gehängt wurde.

Er zog seine Drillichjacke aus, setzte sich auf sein Bett und dachte an die Freiheit, die ihn binnen wenigen Tagen erwartete. Den Direktor hatte er seit jener denkwürdigen Unterredung nicht mehr gesehen, und seine Beschwerde wegen der üblen Behandlung, die ihm Mr. Lantschu angedeihen ließ, war in den Papierkorb gewandert.

Jeder Gefangene muss Matten aus einer sehr harten Schilfart flechten. Mechanisch flochten Wendts Finger, während er nach dem Hof schaute. Er seufzte. Nur noch einige Tage, und er wurde entlassen! Von seinen weißen Bekannten würden die meisten ihn nicht mehr kennen wollen, und einige andere, sogenannte „gute Kerle“, würden ihm, wenn sie niemand beobachtete, einige Dollars in die Hand drücken. Denn wer als weißer Mann einmal im Gefängnis saß, der trägt, noch mehr in den Tropen als sonst wo, eine Art Kainszeichen, und keiner gibt ihm ehrliche Arbeit.

Keiner? Oh, gewisse Chinesen, Eurasier und im verborgenen Hintergrund auch Weiße können solche Schiffbrüchigen immer sehr gut für ihre dunklen Zwecke gebrauchen. Eine Zeitlang wenigstens! Bis sie wieder ins Gefängnis wandern oder in einer Opiumhöhle verkommen oder auch eines Tages mit einem Messerstich im Nacken aus dem Hafenbecken gezogen werden.

Wendt hatte bei den gemeinsamen Spaziergängen im Hof schon mancherlei mehr oder weniger deutliche Angebote erhalten; auch Adressen und Stichworte waren ihm zugeflüstert worden. Vielleicht – dachte er jetzt – wäre es gar nicht so dumm, sich den Piraten in Bias Bai anzuschließen! Für eine Weile wenigstens. Da könnte er sich auch an diesen Engländern, die ihn hier, ohne auf seine Verteidigung zu hören, ein Jahr eingesperrt hatten, irgendwie rächen!

Merkwürdige Leute, diese Briten! Da reden sie ununterbrochen davon, dass sie überall in der Welt Polizei spielen und Ordnung schaffen müssen, während dicht unter ihrer Nase, kaum fünfzig Seemeilen von dem Kriegs- und Handelshafen Hongkong entfernt, in der berüchtigten Bias Bai, einige Zehntausende Chinesen in Dörfern und Dschunken hausen, die das ehrsame Piratenhandwerk ihrer Väter und Vorväter genauso ausüben, wie einst diese. Und die Einkünfte, die sie durch Ausplünderung von Dschunken, Küstendampfern und aus Lösegeldern entführter Kaufleute erzielen, legen sie mit Wissen der Briten, durch Mittelsmänner, die sehr angesehene Leute in Hongkong sind, in den Banken der Stadt mit guten Zinsen an. Mancher Bankier und Großkaufmann in Hongkong gehörte früher der ehrsamen Gilde der Bias Bai-Piraten an und darf jetzt bei den Empfängen des Gouverneurs im Palast rassige Cocktails trinken.

Wendt musste lachen, als er an diese Tatsachen dachte. Die Spaziergänger hatten inzwischen den Hof verlassen. Der Eurasier an der Tür war immer noch in die netten Bade- und Revuenacktheiten seiner Zeitschrift vertieft. Der Blick des Gefangenen wanderte langsam über die Risse und Sprünge seiner Zellenwand. Seit gestern war der von der Hitze ausgetrocknete Brotteig, mit dem er diese Spalten verstopft hatte, herausgefallen. Über seinem Kopf befand sich in der Wand eine Nische von Zigarrenkistengröße, in der sein blechernes Essgeschirr stand. Ein Kanten Brot lag noch dort. Mit Speichel – Wasser hielt nicht, wie Wendt ausprobiert hatte – knetete er emsig die Krume zu einem Teig. Damit füllte und strich er die Mauerritzen aus, denn in ihnen wohnten Legionen blutdürstiger Wanzen, die nur auf den Einbruch der Dunkelheit warteten. Schade, das Material reichte nicht, um alle Ritzen abzudichten. Und unter der Zellendecke saßen die Moskitos! Er zog die schweren Gefängnisschuhe aus und schleuderte sie ein Dutzend Mal nach oben. Das Blutbad unter den geflügelten Quälgeistern war recht ansehnlich, aber vergeblich, denn die Getöteten wurden durch neue, von außen kommende bald ersetzt.

Wer brüllte denn da plötzlich so entsetzlich, durch Mark und Bein schneidend? Wendt hielt sich die Ohren zu. Aus den anderen Zellen protestierten höhnische oder von rauem Mitleid zeugende Stimmen. Einige Chinesen begannen zu miauen. Aber jener brüllte und tobte weiter, und auf einmal fiel es Wendt ein, dass es der Schwarze Billy sein musste. Der hatte seiner Geliebten, einer chinesischen Prostituierten vom Kennedystadtteil, nach vorangegangenem Streit um einige Dollars Hongkongwährung den Hals abgeschnitten. Und dafür sollte er übermorgen im Hof gehängt werden. Und er wollte doch nicht sterben!

Wendt bemühte sich, nicht mehr hinzuhören. Schließlich hatte er in China während der letzten Jahre Dinge erlebt, gegen die die Verzweiflung des Farbigen eigentlich ein Kinderspiel war. Und wenn Billy ein Chinese gewesen wäre, so hätte er nicht gegen sein unabwendbares Schicksal ohnmächtig losgetobt, sondern wäre ganz ruhig geblieben. Denn der Chinese fürchtet den Tod nicht, er ist für ihn ja nur die Brücke zu einem weiteren Dasein.

Aber Billy, der Jamaikamann, brüllte. Und plötzlich, wie er angefangen, hörte er auf. Nach einer kurzen Pause fing er zu singen an, und er hatte, wie viele seiner Rasse, eine wunderbare klangvolle Stimme. Uralte tief ergreifende Kirchen- und Wiegenlieder, an denen die farbige Bevölkerung der Vereinigten Staaten und der Westindischen Inseln so reich ist, erfüllten das Gefängnis mit ihrer herrlichen klingenden Macht. Wendt stieg etwas Heißes in die Kehle. Nach einer Weile schwieg Billy mit einem tiefen Aufschluchzen.

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Hundemann

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Schritte nahten. Der Eurasier an der Tür schaute auf, nickte kurz und heftete dann seinen Blick wieder auf das bunte Heft. Ein Wärter kam und brachte einen vor Wochen eingelieferten Chinesen vom Verhör zurück. Dieser stand im Verdacht, ein kleiner Mittelsmann der Bias Bai-Leute zu sein – nur die großen Gauner gehen frei aus! –, und er war Wendts Zellennachbar.

Als der schlanke, in die schwarze Tracht der chinesischen „Meeresleute“ gekleidete Südchinese an der Gittertür des Deutschen vorbeigeführt wurde, flog ein winziges Papierknäuel durch die Stäbe auf Wendts Bett. Rasch legte dieser die Hand darauf und wartete, bis sein Nachbar eingeschlossen und der Wärter gegangen war.

Sorgfältig entfaltete er nun das Papierchen. Englische Worte waren darauf gekritzelt. Eine Adresse in Wan Chai, die man ihm schon mehrmals zugeflüstert hatte. Irgendjemand war darauf erpicht, die Bekanntschaft eines weißen, aus dem Gefängnis kommenden Ingenieurs zu machen. Eines Weißen, der „sein Gesicht verloren“ hatte!

Wendt dachte an die Worte des Direktors: China ist groß, und es bieten sich mancherlei Möglichkeiten! Ja, das stimmte! Die es darauf abgesehen hatten, mit ihm in Fühlung zu treten, hatten etwas mit ihm vor. Arbeit! Ob aber ehrliche Arbeit?

Er runzelte die Stirn und las nochmals die Unterschrift. Oder handelte es sich um ein Stichwort? Nein, das Stichwort stand ja auch da, es hieß „Tz’urei“, also Eile. Aber die Unterschrift war in Englisch. „Dogman“. Zu Deutsch „Hundemann“. Merkwürdiger Name! Ihm war, als ob er ihn schon einmal gehört hätte. Und plötzlich fiel ihm ein, man hatte ja im Klub darüber gesprochen! Es war eine jener tragischen, furchtbaren Geschichten, wie sie nur im Fernen Osten, und dort nicht etwa selten, vorkommen. Wie Märchen fangen sie an. und als scheußlicher Spuk enden sie!

Es waren einmal zwei chinesische Brüder. Sie wohnten in der Nähe der wegen ihrer Seide und prachtvollen Stickereien berühmten, zwischen Hongkong und Schanghai liegenden Seestadt Swatau. Beide waren Kaufleute, sehr angesehen, wohlhabend und einander in brüderlicher Liebe zugetan. Sung Wah. der ältere der beiden, liebte die schöne Mei Po, und die Hochzeit wurde nach den vorausgegangenen Verhandlungen und Zeremonien auf einen bestimmten Tag festgesetzt.

Am Vorabend dieses Freudentages für Sung Wah verschwand er plötzlich spurlos. Große Aufregung herrschte, und man suchte; suchte wochen- und schließlich monatelang, aber der vermisste Bräutigam wurde nicht aufgefunden und auch keine Spur von ihm entdeckt. Ah Quong der jüngere, setzte Himmel und Hölle in Bewegung, um seinen geliebten Bruder zu finden. Seine Nachforschungen erstreckten sich natürlich auch bis zu den Piraten der Bias Bai, mit denen er, wie fast jeder tüchtige ehrbare Kaufmann der dortigen Umgegend, heimliche, aber sehr ersprießliche Beziehungen unterhielt.

Aber auch die Piraten wussten nicht, was aus dem verschwundenen Sung Wah geworden war. Endlich nahm man allgemein an, dass Sung Wah aus irgendeinem Grund, vielleicht um ein Verbrechen seiner Ahnen zu sühnen, an verborgener Stelle Selbstmord begangen habe, um die erzürnten Geister zu versöhnen. Solche Dinge sind in China nicht selten!

Der jüngere Bruder übernahm daher die Erbschaft und ließ dem geliebten Sung Wah zum Gedenken eine prächtige Säule errichten, vor der er an jedem Monatsersten viele Räucherstäbchen und das für solche Zwecke in den Begräbnisinstituten erhältliche, falsche Papiergeld verbrannte. Pietätvoll nannte er diese schöne Säule „Die Erinnerung an heimgegangene Güte und Sanftmut“.

Nebenbei tröstete er die schöne Mei Po so zärtlich und mit solchem Erfolg, dass sie ihm Herz, Hand und die damit verbundene reiche Mitgift zu Füßen legte. Dann vergingen ungefähr sechzehn Jahre. Ah Quong war sehr reich geworden und lebte mit Mei Po, einer Kinderschar und etlichen diskret in einem anderen Stadtteil untergebrachten Konkubinen herrlich und in Freuden in Hongkong. Die Säule der „Erinnerung an Heimgegangene Güte und Sanftmut“ stand auch hier im Garten seiner palastähnlichen Villa.

Auf einmal machte ein neuer Piratenanführer der Bias Bai, namens „Dogman“, sehr von sich reden. Und auf Ah Quong, der sich, wie es bald herauskam, eine heimliche Leibwache hielt und dessen gepanzertes Auto keine Revolverkugeln durchließ, wurden mehrere missglückte Entführungsversuche und Attentate gemacht. Bis plötzlich durch den Mund eines – nach Erstattung des Lösegeldes und Abschneiden der Ohren – aus der Piratenhaft entlassenen Macao-Kaufmanns die Wahrheit ruchbar wurde und den unter dem Schutz der Briten lebenden Ah Quong dazu zwang, seine Leibwache um einige tüchtige weiße Abenteurer zu verstärken und nur noch sehr selten seine schöne Villa im Universitätsviertel zu verlassen.

Jener „Hundemann“ entpuppte sich nämlich als der verschollene Sung Wah! Ah Quong der jüngere, der damals auf das Geschäfts- und Liebesglück seines Bruders neidisch wurde, hatte den älteren von einigen ergebenen und gut bezahlten Banditen entführen lassen. Aus irgendeinem Grund – wer kennt die Schnörkel der chinesischen Seele? – ließ er ihn, wie es doch eigentlich am bequemsten gewesen wäre, nicht umbringen, sondern in einem verborgenen, abgelegenen Gebirgsdorf in einen Bambuskäfig stecken. Dieser Käfig war derart gebaut, dass der Gefangene nicht darin stehen, aber auch weder sitzen noch liegen, sondern nur tief gebückt kauern konnte. Sechzehn Jahre brachte der unglückliche Mensch, ohne zu sterben oder wahnsinnig zu werden, in dieser schrecklichen Lage zu, bis er durch einen Zufall befreit und nach der Bias Bai geschleppt wurde, wo er Kraft seiner Intelligenz einer der Piratenanführer wurde und durch seine Taten bald in den Ruf entsetzlicher Grausamkeit kam.

Sung Wah, oder wie er sich jetzt nannte, „Dogman“, war durch den Bambuskäfig zu einer teuflischen Missgestalt geworden. Sein Körper bildete einen gekrümmten Klumpen, die Beine waren auch krumm, ganz dürr, ohne Spur von Fleisch oder Sehnen, und sie vermochten den Körper, auf dem der normal entwickelte Kopf schlenkerte, nicht zu tragen. Nur die Arme waren nicht verkrüppelt, und mit ihnen klammerte sich Hundemann, da er nicht gehen konnte, am Hals eines Dieners, der ihn Huckepack tragen musste, fest.

Das ist die Geschichte der beiden chinesischen Brüder, die so wahr ist, wie die Sonne im Osten auf und im Westen zur Ruhe geht!

Und dieser Hundemann, über den die furchtbarsten Geschichten im Umlauf waren, hatte ein Auge auf Wendt geworfen!

Nachdenklich starrte der Deutsche vor sich hin. Von der St.John Kathedrale auf dem Flügel läuteten die Abendglocken. Und dazu stimmte Billy einen wundervoll melodischen Choral an.

Die Moskitos begannen zu summen, das elektrische Licht flammte im Korridor auf. Der Eurasier legte jetzt sein Magazin weg, seufzte, gähnte gewaltig und zündete sich dann eine Zigarette an. Im Hof klirrten die Blechgefäße der Essenholer. Und aus den Ritzen, die Wendt nicht mehr verstopfen konnte, krochen die ersten Wanzen zu nächtlichem Tun hervor.

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Chinesische Riviera

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Wie unbeschreiblich zarter, in pastellfarbenen Tönen schimmernder Duft lag es über der schönen Landschaft, die von Kundigen „Chinas Riviera“ genannt wird.

Wendt war mit der Tram auf den Victoria Peak gefahren, hatte den bekannten, nach allen Seiten und auf Schritt und Tritt mit den herrlichsten Fern- und Nahsichten gesegneten Rundgang in diesem bezaubernden Landstrich gemacht und sich dann auf einer versteckten Bank niedergelassen. Hinter ihm ragte das grasbewachsene, pyramidenförmige Bergeshaupt gegen den Himmel. In diesem, der wie das seelenvoll blaue, sanft gewölbte Innere einer Riesenkuppel aus Lapis aussah, schwamm ganz langsam als fantastisches Märchenschiff eine einzige Wolke, deren Ränder perlmutterartig und silbern gleißten. Wendt betrachtete das schöne Gebilde und fragte sich dabei, wie viele Menschen außer ihm wohl noch ihre Gedanken mit diesem himmlischen Flaggschiff in eine unbekannte sehnsüchtige Zukunft segeln ließen ...

Fürwahr, eine von Gott gesegnete Gegend, die Insel Victoria mit dem die unteren Falten des ehrwürdigen Berges erkletternden Hongkong! Von hier oben aus sieht die Landschaft mit den einzelnen, in üppigem, blumenbetupftem Grün ertrinkenden Villen, den braunen, rot und grün gestreiften Bergen überall, dem bunten ruhelosen Gewimmel der unzähligen Dschunken, Barkassen und Dampfer im Hafen zwischen Hongkong und Kaulun, dem blauenden Meer in der Runde und den auf flimmerndem Horizontstrich schwimmenden, geheimnisvoll lockenden Inselchen wie eines der Paradiese der Menschheit aus!

Wendt verzog das Gesicht. Er, der diese Stadt und ihre Menschen seit Jahren kannte, wusste genau, welch ein brodelnder Kessel schlimmster Leidenschaften, welch ein wüster Tummelplatz erbarmungsloser Kämpfe zwischen reich und arm der scheinbare Garten Eden in Wirklichkeit war!

Ein riesiger Tropenschmetterling mit nachtblauen Zackenschwingen umflatterte die großen karminroten Kelchblüten, die über der Bank an ihren Ranken baumelten. Bunte chinesische Elstern schwirrten kreischend den dicht bewachsenen Steilhang hinab und fielen hinter Zwergpalmen und Bananenstauden in einen prächtigen Garten ein. Schimmernde Eidechsen huschten über den zementierten Weg. Und deutlich klang das Echo der begeisterten Menge, die in „Happy Valley“ die Pferderennbahn umsäumte, zu dem Einsamen hinauf.

Wendt zündete sich eine Pfeife an und hing seinen Gedanken nach. Er befand sich schon seit über einer Woche in Freiheit. Der Direktor hatte ihn gewarnt, er würde, falls er nicht binnen einem Monat Arbeit fände, nach Schanghai oder Deutschland abgeschoben.

Deutschland? Das kam nicht in Frage! Nach so langer Abwesenheit war es unmöglich für ihn, jetzt, mit dem Stigma eines aus dem Gefängnis Entlassenen, und dazu bettelarm, in die Heimat zurückzukehren. Nein, dann lieber Schanghai!

Schanghai, dessen Internationalität weit größer ist als etwa die New Yorks, hat schon manchem bereits Verzweifelten wieder auf die Beine geholfen. Oder – Wendt runzelte die Stirne und spuckte aus – ihm den Todesstoß versetzt!

Eine Amah, wie die chinesischen weiblichen Hausangestellten heißen, ging langsam mit ihren Schützlingen, zwei blonden kleinen Mädchen, vorüber. Neidisch schaute Wendt ihnen nach. Glückliche kleine Dinger! Die wussten nicht, wie schlimm einem das Leben manchmal mitspielen kann. Die lachten froh in den Tag hinein! Sicher wohnten sie in einer jener prachtvollen Villen, wie sie überall in der Runde standen.

Ein schwitzender Rikschakuli zog sein blankes Wägelchen im Trab den Privatweg zu einem Gebäude hinauf. Tief unten, am Fuß der „Neun Drachenberge“ auf dem Festland von Kaulun, löste sich ein grellweißer, italienischer Passagierdampfer vom Kai. Fröhliche Musikklänge mischten sich mit den Echos von der Rennbahn. Das Wasser schillerte in violetten, blauen und sattgrünen Streifen. Rotgelbe Dschunken schaukelten wie Nachtfalter mit zusammengelegten Schwingen auf der wogenden Fläche. Und fern, ganz fern, ragten die Umrisse einzelner Inseln aus purpurnen Dünsten, wie Edelsteine, die jemand wahllos aufs Meer schüttete. Dahinter schimmerte der Horizont gleich dem Innern einer klaffenden Perlmuschel.

Noch weiter, den Blicken des Träumenden unsichtbar, lag Bias Bai, der Schlupfwinkel der chinesischen Piraten. Hundemann, jener schreckliche bedauernswerte Mensch, der die ihm angetane Unbill mit furchtbaren, zum Himmel schreienden Taten an seinen Landsleuten rächte, wohnte dort. Hundemann!

Wendt schmeckte die Pfeife nicht mehr. Wie felsenfest von seiner Schuld überzeugt doch die öffentliche Meinung sein musste, dass es sogar dieser verfemte Piratenhäuptling wagte, ihn in seine Dienste ziehen zu wollen ...

Und was blieb ihm übrig, wenn er nicht nach Schanghai oder gar nach Europa abgeschoben werden mochte? Seine Freunde, die „Billies, Dicks, Toms, Jimmies“ und wie sie alle hießen, hatten ihn nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis natürlich abgeschüttelt. Keiner wollte ihn mehr kennen! Die meisten Effekten hatte er bereits verkauft, besaß eigentlich fast nichts mehr. Die Trödler gaben so blitzwenig für getragene „Gentlemen Belongings“, wenn sie auch fast neu waren! Und der alte Roe, bei dem er früher wohnte, als er noch ein angesehener Mann gewesen war, und der ihn wieder aufgenommen hatte, brauchte das Zimmer. Er sagte zwar nichts, aber Wendt sah es ihm an der Nasenspitze an. Roe war ein Irländer, der in Kaulun, in einer Seitenstraße der Nathan Road, ein Boardinghaus besaß, das den hochtrabenden Namen „Marble Gate“ führte. Sein Geschäft ging nicht sehr gut. Wendt konnte ihm nicht länger zur Last fallen. Also blieb nur Schanghai. Und was ihn dort erwartete, ob Pech oder Glück, war zweifelhaft. Oder der Hundemann? ...

Wendt mochte es sich selber nicht eingestehen, dass er innerlich schon längst entschlossen war. Hundemanns Angebot reizte ihn, es schlug eine abenteuerliche Ader in ihm an! Und schließlich, was konnte ihm denn passieren? Wenn er die ihm auf dem zugeworfenen Papierchen angegebene Stelle aufsuchte und sich erkundigte, was man von ihm wolle, so hieß das ja noch lange nicht, eine Verpflichtung einzugehen. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Schmuggelei von Waffen oder Likören. Da könnte man mitmachen, solange es sich nicht um Rauschgift handelte. Obwohl es immer noch reiflicher Überlegung bedurfte, denn auch Schmuggel ist ein Verbrechen, und er hatte noch niemals die Hand zu gesetzeswidrigen Dingen geboten!

Er erhob sich, gähnte, steckte sich dann eine neue Pfeife an und ging langsam nach der Peakstation. Ihn hungerte, denn seine Barschaft war schon so knapp geworden, dass er sich nur noch eine Mahlzeit am Tag gönnte.

Die dünnen opalisierenden Schleier der kurzen tropischen Dämmerung, die nur ein Hinübertaumeln des Tages in die Arme der Nacht ist, woben über See und Land. Hunderte von Dschunken sahen jetzt auf der mattblauen Fläche aus wie in der fernen, deutschen Heimat die Dukatenfalter, wenn sie über Kornblumen tanzen ...

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Die Straße der guten Gerüche

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Die Millionen Lichter von Kaulun und Hongkong erklommen in funkelnden Kaskaden die dunklen Berge oder breiteten sich in den niederen Stadtteilen gleich gebündelten Diamantrosetten aus. Ihr Widerschein untermalte den Himmel mit hellroten Lasuren. Gelbe Wunderlampen, die sprühten, zuckten und tanzten! Bald groß, bald klein, in der Ferne zartem Goldpuder ähnlich, so bohrten sich die Sterne der Tropenwelt durch die rosigen Dünste und schleuderten schillernde Reflexe auf das ölig glatte Wasser zwischen Insel und Festland.

Der unbeschreibliche, aus dem Geknatter von Pulverfröschen, dem Klappern zehntausender Sandalen und hoher Absätze, dem Quieken mannigfacher Musikinstrumente, dem Gegrunze der lastentragenden Kulis, den Stimmen lachender, plaudernder oder zankender Menschen und noch vielen anderen unbestimmbaren Geräuschen zusammengebraute Lärm Chinas umfing den Deutschen.

Langsam ging er durch das Gedränge der brausenden, seltsamen, mit tausenderlei Gerüchen erfüllten Gassen des Wan Chai-Viertels. Reizend frisierte, bildhübsche Chinesinnen mit zartbemalten Gesichtern steckten die Köpfe aus dunklen Torwegen in das wogende Licht der Straße und hefteten ihre schwarz schillernden Augen in stummer, asiatischer Überlegenheit auf Wendt. Bettler plärrten um Almosen und zeigten ihre schrecklichen Gebrechen.

Ein Rikschakuli trabte eine Weile neben ihm her, ein andermal stellten sich ihm zwei der in Wan Chai nicht seltenen japanischen Töchter der Freude, die weiße Matrosenblusen trugen, mit einladendem Lachen quer in den Weg. Aus düsteren Gewölben, in denen erblindete elektrische Glühbirnen und qualmende Petroleumfunzeln im vergeblichen Wettstreit miteinander rangen, roch es nach Sandel- und Kampferholz. Es knisterte Seide, klappten Pantöffelchen und lockten geheimnisvolle Stimmen. So süß und betörend, wie nie gehörtes Vogeltrillern!

Opiumhöhlen kündeten sich nur durch ihren eigenartigen, unverkennbaren Geruch an. Ein Leichenzug marschierte vorbei, und die weiß uniformierten Musiker, die von weitem wie die Kadetten der amerikanischen Marineakademie Annapolis aussahen, spielten mit todernsten Gesichtern den uralten Schlager „Es war in Schöneberg, im Monat Mai“. Englische Matrosen kamen breitspurig daher. Immer enger wurde die Gasse. Die zahlreichen Bogenlampen, Papierlampions, Fackeln und Stalllaternen verbreiteten ein rötliches, rauchdurchsetztes Dämmern.

Zeitweilig glänzten satte karminfarbene Schlaglichter auf den nackten, von Schweißrinnsalen durchzogenen Rücken starkknochiger Kulis und auf den lieblichen, porzellanartigen Gesichtchen der mit jener ihnen eigenen, wiegenden Grazie schreitenden Chinesinnen. Obdachlose hockten zu Hunderten längs der Häuser oder schliefen oder kochten auf offener Straße, mitten im Gewimmel ihrer sich gar nicht um sie kümmernden Landsleute, ihren Reis. Die bunten, mit fantastischen Schriftzeichen bedeckten Schilder hingen von den Dächern bis auf die Köpfe der Menschen hinab, und die heiße Luft ließ das Papier zittern und knistern. Dichter wurde der Qualm, beklemmender die brodelnden Düfte Ostasiens und enger zusammengedrängt die wogende, durcheinander quirlende, gelbe unbekümmerte Menschheit.

Plötzlich fühlte Wendt eine sachte Bewegung in seiner Brusttasche. Er griff blitzschnell zu und packte eine gelbe Hand, deren Besitzer vergeblich die Flucht ergreifen wollte. Wendt sah, dass ihm die Brusttasche von außen mit einer, für solche Zwecke von den chinesischen Taschendieben gerne benutzten Rasiermesserklinge aufgeschnitten worden war. Niemand hatte in dem Gedränge darauf geachtet oder es der Mühe wert gefunden, den fremden weißen Barbarenteufel zu warnen.

Grimmig betrachtete er jetzt den jungen, in rosa Baumwolle gekleideten Chinesen. Er lachte endlich kurz auf und rief dem Erstaunten im Kantondialekt zu: „Umsonst! Weder diese Tasche noch meine anderen enthalten Wertsachen, o ehrenwerter jüngerer Herr Bruder aus der Langfingerzunft. Pack dich, fettih fettih!“

Er versetzte ihm einen gelinden Stoß, und jener verschwand schlangenartig zwischen seinen Landsleuten.

Prüfend schaute ihm Wendt nach, dann sandte er die Blicke nach allen Richtungen. Er war zwar mit Hongkong und dessen Stadtteilen ziemlich vertraut, aber hier verließen ihn die Kenntnisse. Schon mehrmals war er an den dunklen stinkenden Mündungen enger Gässchen vorbeigekommen. Dort, gegenüber, befand sich wieder eine derartige Öffnung. An der Ecke hatte ein Sargmacher Laden und Werkstätte. Beides musste gut gehen, denn trotz der späten Stunde schafften Meister und Gesellen noch, und Berge von Sägespänen breiteten sich aus. Es waren wieder einmal zahlreiche Cholerafälle gemeldet ...

Wendt trat näher. Sein Aufenthalt in China hatte ihn nach bitterem Lehrgeld mit der Tatsache bekannt gemacht, dass man im Verkehr mit gelben Menschen am weitesten kommt, wenn man sich großer Höflichkeit und Geduld auch dem einfachsten Kuli gegenüber befleißigt. Der Kuli ist zwar arm und nimmt gern Geschenke an, aber er fühlt sich durchaus als vollwertiger Mensch und will nicht mit Fußtritten und Verachtung behandelt werden. Die Geduld des Chinesen ist zwar bewundernswert und schier unendlich, aber in gewissen Dingen reißt sie sehr bald. Und die Hast und Grobheit Europas empfindet jeder Chinese schmerzlich und handelt danach, indem er den weißen Teufel einfach lächelnd ignoriert oder ihn lächelnd in die Irre schickt.

Höflich grüßte der Deutsche den arbeitsamen Meister, warf dann ein paar Worte hin, die sich auf den Segen des Fleißes bezogen, und erkundigte sich endlich beiläufig nach seinem Ziel, der „Straße der guten Gerüche“.

Der Chinese verbeugte sich anerkennend und sympathisch berührt von der Lebensart des Fremden. Er lobte die guten Zeiten, die zwar für manche Leute schlecht seien – und bedauerte innerlich, dass er diesem weißen Mann wahrscheinlich keinen Sarg verkaufen könne! Denn er sah nicht so aus, als ob ihm jemand gestorben sei. Schade! dachte der biedere Meister und wies mit dem Hobel gegen das dunkle morastige Loch, das den Eingang einer Gasse bildete.

„Wenn der ehrwürdige, ältere Herr Bruder sich bemühen wollte, seinen Schritt auf den ihn gewiss freudig bewillkommnenden Boden jener Gasse dort zu setzen und sie weiter zu verfolgen, so wird Freude und Zufriedenheit sein suchendes Herz erfüllen. Denn diese dort ist die Straße der guten Gerüche, die man in früheren Zeiten ‚Zum Lächeln der gefälligen Frauen‘ nannte. Diese schönen Frauen sind aber leider weggezogen, und wenn der ältere Herr Bruder womöglich ihr Lächeln sucht, so müsste er ein Stück die Straße zurückgehen und erst dort nach links einbiegen, wo der Fleischerladen meines Freundes Ah Tschi durch die zufriedenen Gesichter und Lobsprüche seiner zahlreichen Kunden die Güte seiner Ware sichtlich ankündet!“

Wendt freute sich über die blumenreiche Sprache des Handwerkers und entgegnete mit dankbarem Kopfnicken, dass seine Zeit es zu seiner unbeschreiblichen Betrübnis nicht erlaube, das „Lächeln gefälliger Frauen“ zu erproben und auf dem Wege nach diesem Paradies sich von der unzweifelhaft vortrefflichen Ware des ehrenwerten, sicher auf eine lange Reihe ebenso ehrenwerter Ahnen zurückblickenden Herrn Ah Tschi zu überzeugen. Vielmehr suche er ein Speisehaus, das einem gewissen Pio Ling gehören solle.

Der Sargmacher legte die gespreizten Hände auf die Magengrube, schlürfte dazu mit wonnevollem Gesicht hörbar die Luft ein, rülpste mehrmals kräftig und sagte: „Ho Ling, der Besitzer des Restaurants Liebkosung der Eingeweide – der fremde, ältere, unendlich höfliche Herr Bruder möge nur dieser dunklen Gasse folgen und in das Haus eintreten, vor dem eine Papierlaterne hängt, die aussieht wie der Mond, wenn er voll ist. – Heiheia Tschüh, der ältere Herr Bruder ist sichtlich weise und liebt das Land Cathay, denn es geschieht selten, dass ein weißer Teuf ... ein weißer Herr die Garküche Ho Lings aufsucht, trotzdem dieser einer der besten Köche von Wan-Chai ist! Und wenn es nicht aufdringlich aufgenommen wird, so möchte ich meinem alten Herrn Bruder den Appetit eines Haifisches und den Magen eines Elefanten wünschen! Denn köstlich, fürwahr, kocht Ho Ling!“

Er räusperte sich und fuhr dann fort: „Da der ältere Herr Bruder die Speisen und die Sprache der Chinesen liebt, so hat er vielleicht auch noch andere löbliche Gewohnheiten der Bewohner des Landes Cathay angenommen? Ich habe da zum Beispiel einen wundervollen prächtigen Sarg aus edlem Teak, mit wohlriechendem Kampferholz innen verkleidet, wodurch bekanntlich die Würmer ferngehalten werden. Die Außenschnitzereien zeigen die berühmte Pelikaobrücke, dann die Pagodeninsel auf dem Yangtsekiang und daneben eine Tee-Ernte, über der der lächelnde Teegott mit wehendem Bart auf einer von Seidenspinnern getragenen Wolke schwebt. Auch sind Dschunken zu sehen, wie sie die Schnellen des Yangtse überwinden. Deutlich erblickt man am Ufer den Saumpfad und die schwitzenden, angestrengten Männer, wie sie an den wie Saiten tönenden Stricken ziehen. Und auf dem Verdeck opfert man Räucherstäbchen und warmen Wein, um die Flussgeister zu besänftigen. Ein wunderbarer Sarg und wert, das Wohngemach eines reichen Mannes jahrelang zu schmücken, ehe die pietätvolle Hand seiner Söhne ihn hineinbettet. Ich würde auch für meinen älteren, fremden Herrn Bruder, da er China liebt, einen Ausnahmepreis machen. Sagen wir fünfhundert Dollars ‚Hongkong‘, da ist wenigstens meine Arbeit notdürftig bezahlt!“

Geduldig hörte Wendt zu. Jetzt schüttelte er traurig den Kopf und erwiderte: „Ihre Güte ist sprichwörtlich, mein ganz alter Herr Bruder – aber leider muss ich sehr bald das Land Cathay verlassen und heimkehren. Und Sie wissen, dass man in Europa der Sitte, seinen Sarg im Voraus zu kaufen und bei sich aufzustellen, abhold ist!“

Bedauernd nickte der Handwerker. „Ja, so ist es! Der Westen ist noch jung an Weisheit! Ich wünsche Ihnen, mein älterer ehrenwerter Herr Bruder, eine glückliche Heimkehr. Mögen die Meeresgötter und Untiere der Tiefe ihnen günstig gesinnt sein. Und gedenken Sie manchmal Chinas, wenn es auch andere Sitten hat!“ Er verbeugte sich tief.

Wendt erwiderte die Verneigung und antwortete: „Nicht nur gute, sondern auch höfliche! – Tsching leao! Auf Wiedersehen!“

Er bog in die dunkle Gasse ein. Verschwommene Gestalten standen unbeweglich in engen Türhöhlen. Manchmal ertönte zischendes Flüstern, und es lachte jemand lang und unheimlich kichernd. Es roch betäubend nach Unrat. Ratten huschten überall vor seinen Schritten davon. Aber da winkte schon der Lampion, der so aussah wie der „Mond, wenn er voll ist“.

Dann stolperte der Deutsche in den Eingang, und vor ihm dehnte sich ein kurzer, von Speisedüften erfüllter Korridor. Zwei beschlagene Glühlampen beleuchteten ihn prosaisch. Zur linken Hand hing ein grüner, mit roten Drachen bedruckter Vorhang, der sachte hin und her schwankte. Stimmen, dazu Klappern von Essstäbchen, das Schnarren von Saiteninstrumenten und eines jener chinesischen Lieder, die den Europäer immer wieder an Katzenmiauen erinnern, tönten durcheinander.

Eine Treppe führte in höhere Regionen. In einer Nische saß überlebensgroß, aus Porzellan gebildet, ein feister, sehr gemütlich grinsender Teufel. Zögernd blieb Wendt stehen und holte den Zettel, den er im Gefängnis erhalten hatte, aus der Tasche. Plier musste es doch sein!

Plötzlich, wie herbeigezaubert, stand ein Chinese da.

“What you wantchee, Mastel? No white people chowchow, hele in this house!” Was Sie wollen? Kein Weißeleuteessen hiel in dies Haus! schnauzte er ziemlich grob.

Wendt sprach nur das auf dem Zettel vermerkte Stichwort „Tz’uei!“ aus, und sofort wurde das misstrauische Gesicht des Mannes auffallend freundlich. Er begrüßte Wendt mit einem Wortschwall in Kantonesisch und bat ihn dann zu folgen. Der „Bigmaster“ sei zwar nie da, aber „Littlemaster“ und verschiedene andere Herren wären anwesend, ehrwürdige ältere Brüder – und eine „sehr schöne, von den rosigen Zehen bis zum schwarz glänzenden Scheitelwirbel mit Liebreiz gefüllte jüngere Schwester“!

Nun stieg Wendt hinter dem redseligen Burschen die Treppe empor und fragte sich, ob es nicht besser gewesen wäre, auf dieses Abenteuer zu verzichten. Sein Begleiter öffnete eine Tür, sagte etwas und ließ Wendt an sich vorbei.

Fünf Personen befanden sich in dem mit Rohrsesseln und Lacktischchen ausstaffierten Raum, und alle schauten ihm forschend entgegen. Vier Männer saßen um einen Tisch, wo sie gerade gepokert hatten. Von diesen waren zwei Eurasier – Abkömmlinge asiatischer Mütter und europäischer Väter, der dritte ein pockennarbiger Chinese, und der vierte schien ein Filipino zu sein. Alle trugen elegante Anzüge, und die Farbe ihrer Krawatten stimmte, wie Wendt durch einen Blick neidisch feststellte, mit der ihrer Socken überein.

Die fünfte Person war eine junge Frau von jener eigenartigen „goldenen“ Schönheit, wie sie die Mischung orientalischer und weißer Rassen nicht selten erzeugt. Sie lehnte an einem Blumenständer und heftete ihre großen mandelförmigen Augen auf den Deutschen. Derartige Typen von Frauenschönheit, über die man in Pariser und Londoner Kabaretten in begeisterte Raserei zu fallen pflegt, sind im Fernen Osten sehr häufig, und Wendt war nicht weiter von der unverkennbaren Aufmerksamkeit, die sie ihm schenkte, berührt. Aus Macao, der unfern Hongkong liegenden portugiesischen Spielerkolonie! Mutter Chinesin, Vater oder vielmehr Väter – Portugiesen und Schwarze von der portugiesischen Besatzungstruppe, und vielleicht war auch noch ein Malaie dabei! schätzte er lakonisch.

Langsam führten ihre schlanken Finger mit den knallroten Nägeln einen überlangen Jadehalter, in dem eine brennende Zigarette steckte, an die schön geschwungenen, rot gemalten Lippen. Halb spöttisch, halb erfreut, nickte sie ihm zu. Die Übrigen waren aufgestanden und lachten ihn ebenfalls wie alte Bekannte an.

Und dann sagte der Pockennarbige in einem Englisch, um das mancher Brite ihn beneidet hätte: „Fein, dass Sie endlich kommen, Mister Wendt! Unsere Chiquita hier“ – er wies auf die sich in den Hüften wiegende Frau – „war schon der Meinung, dass Sie nicht mehr erscheinen würden. Ihr zartes Gewissen würde Sie abhalten! Aber nun sind Sie ja da! Nehmen Sie Platz, und bedienen Sie sich! Hier stehen Whisky und Zigaretten.“

Wendt setzte sich, und die anderen gruppierten sich ihm gegenüber, während Chiquita geschmeidig um den Tisch herumglitt. Da alle ihn erwartungsvoll ansahen, fragte Wendt, nachdem er sich bequem zurechtgerückt hatte: „Was wollen Sie eigentlich von mir?“

Langsam glitt die Frau näher. Irgendetwas an ihr stieß ihn ab. Der eine Eurasier, der eine prachtvolle Krawatte trug, gab zur Antwort: „Eigentlich nichts! Wir möchten Ihnen nur eventuell eine Gelegenheit geben, Herrn Tschang Pi, der sich doch, wie Sie wissen, für Ihre Höchststrafe einsetzte, angenehm zu werden. Sie sprechen Deutsch, Englisch und etwas Chinesisch, sind ein guter Ingenieur und sollen, wie wir gehört haben, ziemlich furchtlos sein! Alles Eigenschaften, die wir an Menschen sehr schätzen!“

Wendt stieg das Blut zu Kopf. Jedes Mal, wenn er an den Eisenbahndirektor dachte, packte ihn die Wut! Seine Gemütsbewegung war den anderen nicht entgangen, sie warfen sich zufriedene Blicke zu, und Chiquita stieß ein perlendes Lachen aus.

„Wir wollen“, mischte sie sich ein, „die Sache näher besprechen, wie Sie am besten den alten verdammten Halunken, der zur Zeit in Schanghai ist, seine Gemeinheit zurückzahlen können. Am gescheitesten ist es, Sie schieß ...“

Der Pockennarbige hatte ein warnendes Husten ausgestoßen, und Chiquita schwieg mitten im Wort. Wendt fühlte ihren Blick und hörte noch das Echo ihrer klangvollen Altstimme in den Ohren. Tief schaute sie ihm in die Augen.

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Chiquita

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Jetzt sang sie halblaut, lächelte verführerisch und schlug mit den schlanken Fingern den Takt dazu in der Luft.

“Oh Darling, let’s go to the Yangtsekiang!

Farewell Wai Hai Wai,

Oh come to beautiful Shanghai!

To the shores of yellow Yangtsekiang!”

Wendt schüttelte den Bann der schamlos lockenden, dunklen Augen ab. Er setzte sich und fragte den Pockennarbigen: „Wo ist Hundemann, und was will man eigentlich von mir?“

Die Frau lehnte vor ihm gegen den Tisch, lächelte ihn an und öffnete wieder den Mund, um etwas zu sagen, als ihr der Pockennarbige brüsk zuvorkam: „Halte doch endlich deine süße Klappe, Chiquita, und lass die Vampmanieren! Damit hast du bei Wendt kein Glück, der kennt den Osten!“

Er wandte sich an den Deutschen: „Chiquita ist ein gutes Kind, aber manchmal geht ihr Temperament mit ihr durch. Als sie von unseren Agenten hörte, dass Sie rothaarig seien, da war sie darauf versessen, dieser Unterhaltung beizuwohnen. Und, um ganz ehrlich zu sein, damit es keine Missverständnisse gibt – falls Sie beide aneinander Gefallen finden sollten, haben wir nichts dagegen. Chiquita ist Herrin über sich selbst!“

Der Filipino und die beiden Eurasier grinsten zu den Ausführungen ihres Chefs, und Chiquita machte heiße Augen. Wendt war nicht so leicht durch etwas zu verblüffen, aber jetzt stopfte er doch umständlich die Pfeife und tat, als ob dieses Geschäft so wichtig sei, dass er dabei nicht reden könne. Er musste Zeit gewinnen, um seine Antwort nicht beleidigend klingen zu lassen.

Endlich sagte er diplomatisch: „Wegen meiner roten Haare und meiner Sommersprossen, die sicher auch manche Leute interessant finden, ließ mich Hundemann doch nicht hierher kommen. Die Anteilnahme der Dame schmeichelt mir ja sehr, aber ...“

Er machte eine Pause, weil er nicht mehr weiter wusste. Sofort sprang der Pockennarbige mit verbindlichem Lächeln in die Bresche: „Sie haben ein Jahr im Gefängnis gesessen – unschuldig, wie wir herausbekamen! Demnach sind Sie gewiss nicht gut auf die Gesellschaftsklasse, der Sie diese Ungerechtigkeit verdanken, zu sprechen. Nach außen hin haben Sie Ihr Gesicht verloren, und Sie wissen, dass sich so etwas im Fernen Osten wunderbar rasch verbreitet. Kein sogenannter ehrlicher Mensch wird mehr etwas von Ihnen wissen wollen, und wenn Sie auch von Hongkong bis Mukden und von Yünnanfu bis Tsitsikar reisen. Ruhig – ich will Sie doch nicht beleidigen, seien Sie doch nicht so empfindlich!“, beschwichtigte er, als Wendt Miene machte, aufzuspringen.

Dann fuhr er fort: „Nun etwas anderes! Da Sie den Osten kennen, so wird es Sie nicht wundern, dass Hundemann neben seiner Dschunkenflotte und einigen Tausenden dazugehörigen, je nach Bedarf als Piraten oder als Reisbauern lebenden Dorfbewohnern auch noch andere Dinge sein eigen nennt oder daran beteiligt ist. Zum Beispiel ist er der sehr ehrenwerte Mitinhaber – hinter den Kulissen natürlich! – einer Bank in Hongkong, die Filialen in Saigon hat. Ferner hat er die meisten Aktien in einer kleinen Dampferlinie, die zwischen Hongkong und Manila mit Gemüsen, Früchten, Karabaubüffeln und anderen nützlichen, sehr harmlosen Dingen fährt. An Eisenbahnen ist er nicht beteiligt, aber das kann noch kommen. In China sind viele Dinge möglich. Und besonders jetzt! Ich wollte nur sagen, dass Seine Exzellenz – wie sich unser Chef gerne nennen lässt! – immer auf der Suche nach brauchbaren Mitarbeitern ist. Unser Zwischenmann, der Sie im Gefängnis entdeckte, machte uns auf Sie aufmerksam, und ich denke, dass wir uns gratulieren dürfen!“

„Mitarbeiter? In welcher Art denn? Etwa als Seeräuber?“, erkundigte sich der Deutsche mit leisem Sarkasmus.

Der Chinese lachte: „Das ist nichts für einen Weißen! Überlassen Sie diesen primitiven Beruf ruhig den dazu traditionell veranlagten Leuten der Bias Bai. Und wie ich Sie einschätze, möchten Sie, nachdem man Ihnen wegen Schmuggels den Prozess gemacht hat, nichts mit einer soldien Beschäftigung zu tun haben. Oder ...?“

Die letzten Worte sprach er gedehnt aus und sah dabei seine Gefährten an. Scherzhaft fuhr er dann fort: „Eigentlich wäre das ja ein kapitaler Spaß, wenn Sie das, wofür Sie unschuldig bestraft wurden nun ernstlich ins Auge fassten! Wie? Hei, das wäre ja ein Witzchen! Ein Witzchen, zu dessen Ausführung wir Ihnen, sei es nur, um Ihrer humoristischen Ader entgegenzukommen, gerne an Hand gehen würden!“ Er rieb sich die Hände.

Wendt schüttelte den Kopf. „Der einzige Schmuggel von Bedeutung an diesen Küsten ist der mit Rauschgiften! Und das sollten Sie als Chinese doch als eine Schweinerei empfinden! Haben Sie den Krieg vergessen, den England einst mit China führte, um die freie Einfuhr von Opium in dieses unglückliche Land zu erzwingen?“

„Das ist lange her, und die Verhältnisse haben sich ja grundsätzlich geändert. Aber ...“

Chiquita rief dem Deutschen zu: „Ich bin überzeugt, Reddy, wenn ich Ihnen ein nettes Opiumpfeifchen in meinem Apartment auf dem Peak zurechtmache, so werden Sie diesen, wenn mit Maß genommenen Hochgenuss doch nicht abschlagen?“

„Halt’ die Klappe und lass Männer reden!“, fuhr sie der Filipino wütend an.

Chiquita warf ihm einen geringschätzigen Blick zu: „Zählst du mit deinem Puppenfigürchen dich etwa zu den Männern? Wie komisch!“

„Ruhe, Chiquita! Wenn du jetzt nicht wirklich deinen hübschen Mund hältst, jagen wir dich einfach vor die Tür!“, mahnte der Pockennarbige und sah sie böse an.

Die Schöne zuckte die Achseln und setzte dann umständlich ihre Zigarette in Brand. Zu Wendt: „Was wir mit Ihnen vorhaben, steht noch nicht fest. Fürs erste wollten wir einmal einen Eindruck von Ihnen gewinnen. Und der ist gut! Haben Sie etwas dagegen, wenn wir Sie nach Schanghai schicken, wo Sie das Weitere erfahren würden? Ich bemerke, dass Sie dies zu nichts verpflichtet!“

“Oh come to beautiful Shanghai!”, summte Chiquita leise und warf dem Deutschen einen verheißungsvollen Blick zu.

Er legte die Pfeife weg. „Vorhin meinte doch jemand, dass Sie mir eine Gelegenheit geben wollten, mit Tschang Pi ein Hühnchen zu rupfen? Und die Dame hier sagte, wenn ich recht gehört habe, etwas von Erschießen. Das Wort wurde ihr abgeschnitten!“

„Ach, Reddy, sei doch nicht so wortklauberisch, du enttäuschst mich ja!“, schmollte Chiquita mit allerliebstem Mündchen und glitt plötzlich mit einer überraschenden Bewegung auf Wendts Schoß. Die anderen grinsten und freuten sich sichtlich über die verblüffte Miene des Deutschen. Ganz dicht vor ihm lockten nun die heißen, alles versprechenden Augen. Ein süßliches Parfüm stieg aus den Kleidern und dem glänzenden Haar der Frau und machte ihn eine Sekunde lang schwindlig. Aber rasch hatte er sich wieder in der Gewalt und machte eine Bewegung, als wollte er ein lästiges Insekt abstreifen.

So geschah es, dass Chiquita auf einmal ziemlich unsanft auf dem Fußboden landete und von hier erstaunt zu ihm emporschaute. Über seine Tat beschämt, bückte er sich rasch und half ihr mit einer Entschuldigung wieder auf die Füße. Und nun erst erholte sie sich von ihrer Überraschung und stampfte mit den hochhackigen Schühchen zornig auf. Wutverzerrten Gesichtes keuchte sie: „Du grober Tölpel! Ungebildeter deutscher Barbar – für einen halben Dollar lass ich dir noch heute Nacht den Hals abschneiden!“

Ein eiskalter Blick des Pockennarbigen traf sie. „Chiquita, geh ins Nebenzimmer!“, sagte er sanft, und im Nu glättete sich die Miene der erbosten Frau. Angst sprach auf einmal aus ihren Augen, und langsam, sich in den Hüften wiegend, ging sie nach der Tür.

„Ich versichere Ihnen, Miss, es geschah nicht mit Absicht!“, rief Wendt beschwörend.

Zu seiner Verwunderung warf sie ihm einen koketten Blick über die Schulter zu und flötete: „Ach, Reddy, deshalb bist du doch ein netter Kerl und Ladykiller! In Schanghai sehen wir uns wieder, und hoffentlich bist du dann besserer Laune. Good bye, mein süßer Rotkopf!“

Die Tür flog hinter ihr ins Schloss. Wendt atmete auf.

„Gut gemacht, Mister Wendt!“, lobte der Chinese, und die drei anderen hoben ihre Gläser, um dem Deutschen zuzuprosten.

„Ich weiß nicht recht, ob ich ...“, begann er, doch der Pockennarbige unterbrach ihn mit großer Liebenswürdigkeit: „Ich weiß, was Sie sagen wollen, aber ich bitte Sie dennoch, unseren Vorschlag anzunehmen, er verpflichtet ja, wie ich wiederhole, zu nichts. Fahren Sie ruhig mal nach Schanghai, und suchen Sie die Adresse auf, die Sie von uns erhalten werden. Es steht Ihnen dann immer noch frei, auf die Vorschläge, die man Ihnen machen wird, nicht einzugehen!“

Wendt spielte mechanisch mit seiner Pfeife. „Gut. In Hongkong ist ohnedies nichts für mich zu finden! Aber wie komme ich von hier fort? Ich bin nämlich völlig mittellos, und dies ist der letzte reine Anzug, den ich habe!“

„Das wissen wir alles! Wir erstatten Ihnen die Spesen. Es ist alles ganz korrekt und kaufmännisch, und das zarteste Gewissen könnte daran nichts aussetzen. Natürlich muss jemand wie Sie erster Klasse fahren. Aber Sie brauchen nicht die sonst dafür nötigen Anschaffungen zu machen. Die Fahrt dauert knapp zwei Tage, und wenn Sie keinen Abendanzug haben, lassen Sie sich einfach das große Dinner in der Kabine servieren. Wir haben keineswegs die Absicht, zu knausern, aber da Sie sich ja selber noch unschlüssig sind, ob Sie unserer Offerte nahetreten werden, so handeln wir sicher in Ihrem Sinne, die Summe möglichst niedrig zu halten. Und vergessen Sie nicht, Mister Wendt, dass man Sie nicht für Piraterie engagieren will und dass unser Chef auch sogenannte ehrliche Eisen im Feuer hat!“

„Aber wenn wir uns in Schanghai nicht einigen? Und wenn ich Ihnen dann das Geld nicht zurückgeben kann?“

Vergnügt lachten die vier, ehe der Chinese sprach: „Ihre Meinung von sich selber ist entschieden zu bescheiden, Mister Wendt!“

„Wann soll ich fahren?“, fragte er lakonisch und kam sich vor wie ein Schwimmer, der auf einer unbekannten Strömung treibt.

„Morgen Abend! Der ‚Conte Rosso‘ läuft frühmorgens ein und geht am gleichen Tag weiter. Platz auf dieser letzten Strecke ist immer vorhanden. Setzen Sie sich also bitte morgen gegen elf Uhr vormittags in die Lounge des ‚Gloucester-Hotels‘, und dann wird unser Freund, Senor Alagarto, Ihnen die Fahrkarte überbringen.“ Er entnahm seiner Brieftasche eine Anzahl Banknoten und schob sie mit entschuldigender Geste über den Tisch. „Hier, das dürfte genügen!“

Mechanisch steckte Wendt das Geld ein. Der Pockennarbige hatte recht! Er, Wendt, war jetzt gewissermaßen auf Vorstellung angestellt worden, und wenn man sich nicht einigte, dann war das nicht seine Schuld. Auf jeden Fall kam er auf diese Weise billig von Hongkong weg, wo ihn jeder Hund kannte.

Der Chinese erhob sich und reichte ihm die Hand. „Es hat uns wirklich sehr gefreut, Mister Wendt. Und seien Sie der Kleinen nicht weiter böse! Chiquita ist ein hemmungsloser Charakter, sie hat aber dennoch ihre Vorzüge. Und was sieht man einer schönen Frau nicht nach!“ Er spreizte die Hände und lachte leise.

*

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ALS SICH DIE TÜR HINTER den breiten Schultern des Deutschen geschlossen hatte, sahen sich die vier bedeutsam an. Alagarto, der zierliche Filipino, ergriff zuerst das Wort. „Zu ehrlich!“

„Unsinn! Denk an die Gewissensskrupel, die du hattest, Alagarto, als dein Glück dich damals zu uns führte, nachdem du sechs Monate in Batavia brummen musstest. Dich ärgert nur, dass Chiquita einen Narren an ihm gefressen hat!“, sagte der Chinese.

Die Tür öffnete sich, und Chiquita trat ein. „Ist er fort, mein Reddy? Boys, das ist ein Kerl, der mir wirklich gefallen könnte! Fährt er nach Schanghai?“

Sie wiegte sich in den Hüften und kam näher.

„Du hast ihn mit deinem Gequassel beinahe abgeschreckt. Wendt ist nicht der Mann, dem man gleich reinen Wein einschenken kann. Langsam muss man ihn nehmen, bis er selber keinen Ausweg mehr sieht. Dann geht er mit fliegenden Fahnen über!“, warnte der Pockennarbige.

„An mir soll es nicht liegen!“, versicherte sie.

Er schnitt ein zweifelhaftes Gesicht. „Pah! Ich glaube nicht, dass du den für deine Privatzwecke so leicht einfängst, Kind. Allzu zart hat er dich nicht angefasst!“

„Gerade deswegen! Dafür soll er mir noch auf den Knien Abbitte leisten und vor Verliebtheit Kopf stehen!“

„Solange du unsere Sache nicht vermasselst, kannst du ja dein Glück versuchen!“, brummte der Filipino.

„Er fährt mit dem „Conte Rosso“. Besorge dir eine Karte zweiter Klasse, es kann deiner Eitelkeit nicht schaden, mal bescheiden zu sein, und lass dich unterwegs an Deck nicht sehen!“, riet der Pockennarbige.

Chiquita nickte.

Dann trällerte sie vergnügt die zweite Strophe des Schlagers „Yangtsekiang“ ...

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Menschen, die sich begegnen

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Ursula Kirsten lehnte über der Reling, um das bunte Gewimmel der Kaulun Docks in sich aufzunehmen. Gegenüber, jenseits der schmalen Bai, lockte und gleißte Hongkong. Weiße Häuser, auf deren Fenstern der Abglanz der Sonne lag, sahen aus wie ein blendender Schaumgürtel, den eine hellblaue See um den grünen Fuß des Berges schmiegte.

Es war drückend heiß, aber Ursula konnte sich nicht von dem Anblick losreißen, der einer der herrlichsten dieser Welt ist. Hongkong, die weiße Märchenstadt: grüne und braune Berge, blaues Wasser und violette, zackige Inseln; zahllose Dampfer aller Nationen und Hunderte auf und nieder schaukelnder Dschunken.

Seit sie das neblige England verlassen hatte, war ihr in jedem Hafen, den der von Venedig auslaufende „Conte Rosso“ berührte, das Herz weiter und froher geworden.

In Port Tewfik sagte ein alter whiskyliebender Globetrotter zu Ursula: „Hier beginnt der wahre Osten!“

Dann kam die Hitze des Roten Meeres und farbenreiches, abendliches Wolkengetümmel über Arabiens und Ägyptens blutroten Küsten. Aden, eine Oase in der Berg- und Steinwüste des Hadramaut. Nachher Bombay, wo das Meer malvenblau den Strand umtost.

Colombo! Hier sah Ursula, dass die Kokospalmen wirklich ihre Wurzeln im salzigen Ozeansprüh baden und dennoch gedeihen können. Singapur. Ein kochender, bedrohlicher Völkermischmasch, in dem die chinesische Rasse vorherrscht und aus unergründlichen Sphinxaugen die europäischen Zwingherren betrachtet.

Dann Manila: ein sattgrünes, mit leuchtend bunten Schattierungen verziertes Juwel, in die hellgrün und blau gestreifte Fassung des wogenden Ozeans gebettet. Überall Inseln und Inselchen und feuchte, erschlaffende Hitze. Und endlich Hongkong!

Am Abend sollte der „Conte Rosso“ seine Reise nach Schanghai antreten und sich dann von dort wieder nach Europa zurückbegeben. Ursula sehnte das Ende dieser sechsundzwanzigtägigen Fahrt herbei. Die Reise hatte ihr sehr viel Neues und Wunderbares geboten, und für Langeweile war ihr keine Zeit geblieben. Aber seit Singapur, wo die meisten Passagiere der ersten Klasse ausstiegen, wurde es etwas eintönig. In Hongkong sollten aber, wie der neapolitanische Zahlmeister ihr sagte, wieder neue Fahrgäste zukommen.

Ursula brannte darauf, nun bald endgültig an Land zu gehen. Wie zauberhaft doch die Stadt Hongkong dort drüben lag! Träumerisch gedachte Ursula der Vergangenheit. Damals, nach dem Tod ihrer Mutter, die dem Gatten, einem alten pensionierten Obersten, rasch ins Grab gefolgt war, stand Ursula vor dem Nichts. Und jetzt fuhr sie erster Klasse in einem Luxusdampfer in den Fernen Osten!

Vermögen hinterließen die Eitern nicht, und die wohlsituierten Verwandten kehrten sich von ihr ab, als Ursula von der „guten Partie“, die jene rasch arrangiert hatten, um sich der weiteren Verantwortung zu entziehen, nichts wissen wollte. Wie ein Gottesgeschenk war ihr die Fürsorge eines alten Freundes ihres Vaters erschienen, der ihr eine Stelle als Gouvernante in England verschaffte. Und vier Jahre war sie dann in dem großen Landhaus des lieblichen Sussex geblieben. Lady Deventer war sehr nett zu ihr, die Kinder erwiesen sich zwar anfangs als arge Rangen, aber mit der Zeit lebte sie sich ein und hatte sich schon fast damit abgefunden, ewig als Kindererzieherin ihr Leben in Großbritannien fristen zu müssen. Der eine Urlaub, den sie in der Heimat zubrachte, bestärkte sie nur in diesem grauen Zukunftsbild.

Ihren Herzensroman hatte Ursula, wie sie trotz ihrer knappen dreiundzwanzig Jahre meinte, auch hinter sich. Cecil, jener gut aussehende und so überzeugend redende Clerk, den sie in Brighton kennengelernt hatte, entpuppte sich durch einen grausamen, aber notwendigen Zufall als Familienvater. Daraufhin ergab sie sich in ihr eintöniges Dasein.

Das Schicksal wollte es jedoch anders. Einmal entdeckte sie beim Durchblättern der „Times“ eine auffallende Anzeige. Ein wohlhabender Chinese suchte für seine Tochter, die drei Jahre in einem Schweizer Internat zugebracht hatte, eine gebildete Gesellschafterin. Bedingungen waren: gute Herkunft und gründliche Kenntnisse der deutschen, englischen und französischen Sprache. Das Honorar kam Ursula märchenhaft vor. Interessentinnen sollten sich bei einer angegebenen Londoner Adresse schriftlich melden.

Ursula schrieb hin und bekam zu ihrer Freude die höfliche Aufforderung, sich persönlich unter Vorlage ihrer Papiere und ihres neuesten Lichtbildes vorzustellen. Ein gelber, schlitzäugiger, verbindlich lächelnder Herr empfing sie mit der größten Liebenswürdigkeit und unterhielt sich eine halbe Stunde mit ihr. Dann sagte er ihr, dass Herr Tschang Pi einer der geachtetsten Kaufleute Chinas sei und eine reizende Tochter namens Ma Yü habe. Er bat Ursula um ihr Lichtbild, das er mit Flugpost nach Schanghai schicken müsse, und verabschiedete dann die Deutsche mit einem ziemlich sicher gegebenen Versprechen.

Lady Deventer fiel das veränderte Wesen ihrer Kindererzieherin sofort auf. Und da diese keine Veranlassung hatte, ihre langjährige Dienstgeberin über ihre künftigen Pläne im Dunkeln zu lassen, erzählte sie alles.

Lady Deventer warnte. China und die Chinesen seien nichts für Europäer! Aber Ursula blieb fest. Da musste sich der Gatte der Lady durch das Auswärtige Amt über Herrn Tschang Pi erkundigen, und Lady Frances Deventer wurde wütend, als die Auskunft über den Chinesen erstklassig lautete. Sie machte Ursula eine Szene und warf ihr Undankbarkeit vor. Daraufhin verließ Ursula die Familie. Zum Glück kam fast zur selben Zeit der Bescheid aus China, Miss Kirsten möge sich sofort einschiffen! Alles Weitere veranlasste Tschang Pis Londoner Geschäftsfreund.

Und nun war sie dicht vor dem Ziel. Sie freute sich auf Ma Yü, die ihr bereits keine Fremde mehr war, denn die kleine Chinesin hatte ihr beinahe nach jedem Hafen ein sehr warmherzig gehaltenes Telegramm geschickt.

Ursula lächelte gedankenvoll. Unten auf dem Kai eilten die chinesischen Arbeiter rufend und grunzend hin und her. Europäer kamen und gingen. Es ist immer üblich, wenn ein großer Dampfer in fremden Häfen einläuft, dass man an Bord geht, um einen Cocktail zu trinken. Das unterbricht auf angenehme Weise das Einerlei des Geschäftsbetriebes, und vielleicht trifft man auch Freunde oder macht Bekanntschaften.

Die Deutsche fand es lachhaft, dass diese oft sehr nüchtern und prosaisch aussehenden Europäer alle den stereotypen, grünen chinesischen Papierschirm unter den Arm geklemmt hatten. Am Morgen war nämlich ein heftiger Regenschauer über Hongkong niedergegangen, und in China bedient sich jeder Weiße des billigen, landesüblichen Schirmes.

Schwitzende Kulis brachten an wippenden Bambusstangen, die sie quer über den Achseln trugen, das Gepäck der neuen Passagiere. Dröhnend tutete der Dampfer zur bevorstehenden Abfahrt, und der Strom der Müßiggänger, Freunde und Verwandten vom Schiff aus nach dem Land setzte ein. Langsam aber planmäßig wurde der „Conte Rosso“ geräumt. Der Lotse war schon an Bord, Ursula sah ihn im Schwalbennest der Kommandobrücke stehen. Die Sampans und Dschunken, die an der Wasserseite des Ozeanriesen festgemacht hatten, lösten sich unter dem Gebrüll und Zanken ihrer Besitzer.

Eine sehr elegant gekleidete Frau, deren Gesicht die eigenartige goldgelbe Schönheit gemischten Blutes zeigte, ging den Laufsteg in die zweite Klasse empor. Ursula betrachtete sie mit Verwunderung, denn solche Eleganz passte eigentlich besser in die erste Klasse!

Die Fremde musste den Blick der Deutschen spüren, denn auf einmal schaute sie auf. Ihre dunklen, wunderschönen Augen hafteten spöttisch auf Ursula, und diese zuckte zusammen. War es Täuschung oder war dieser herausfordernde Blick, ehe er weiterglitt, plötzlich zu einer bösartigen Drohung geworden?

Eine neue Gruppe lenkte sie ab. Ein großer Mann in einem grauen Seidenanzug ging jetzt den Steg zur ersten Klasse hoch. Trotz der sengenden Hitze und der Gefahr eines Sonnenstichs hielt er seinen Panama in der Hand. Sein dichtes Haar leuchtete flammend rot. Er sah Ursula, und sie fühlte einen Blick voll offenkundiger Bewunderung. Jetzt lächelte er und zeigte dabei die weißen, kräftigen Zähne. Grüßend neigte er dann den Oberkörper, und Ursula wusste plötzlich, dass sie dem Unbekannten ebenfalls zugelächelt hatte.

Langsam ging der Rothaarige weiter. Bei der Einfallspforte blieb er stehen und verabschiedete sich von seinem Begleiter, den er um Kopfeslänge überragte.

„Hals und Beinbruch, Mister Wendt!“, hörte sie den pockennarbigen Chinesen sagen. Sie fragte sich verwundert, in welchem Verhältnis der Weiße mit dem kühnen, jungenhaften Gesicht zu diesem Asiaten stehen mochte, dessen Eleganz vergebens den sonstigen üblen Eindruck abzuschwächen versuchte.

Da tutete der „Conte Rosso“ zum dritten Mal. Der Pockennarbige lief rasch die Treppe hinab, diese wurde vom Schiffsrumpf weggeschoben, und ganz langsam, zuerst zentimeterweise, löste sich der Koloss vom Kai. Die Musik spielte den lebhaften Conte Rosso-Marsch. Menschen winkten und riefen einander zu, ein paar Japaner warfen, der bei ihnen üblichen Sitte folgend, bunte Papierluftschlangen, die sich um Reling und lachende Menschen wickelten. Sampans tummelten sich wie Mücken um den Dampfer. Und Hongkong schimmerte drüben wie ein Gebilde aus Perlmutt gegen bunten Hintergrund. Summend zog ein Flugzeug über Kai Tak im Abendsonnenschein seine Schleifen.

Ursula wandte sich um, da stieß sie beinahe gegen den Mann im grauen Seidenanzug.

„Verzeihung, Fräulein Kirsten!“, grüßte er und lachte fröhlich. „Ich habe mich natürlich beim Purser erkundigt, ob Deutsche an Bord sind. Er sagte mir, in der zweiten Klasse seien ungefähr dreihundert, aber alle mit Namen wie ‚Frankfurter‘, ‚Veilchensteiner‘, ‚Rosenbaum‘ und ähnlich. Zuletzt nannte er mir noch Ihren Namen. Und da ich Sie vorhin über die Reling lehnen sah, als ich an Bord kam, dachte ich mir gleich, dass Sie das sein müssten!“, erklärte er unbefangen.

Ursula war einen Schritt zurückgetreten und betrachtete diesen Mann, der offenbar keine Schüchternheit kannte. Und ihre kurze Musterung fiel nicht ungünstig für ihn aus! Sein flammend rotes Merowingerhaar passte zu der reckenhaften Gestalt. Und die Sommersprossen verliehen seinem Gesicht, wenn er lachte, etwas Drolliges, das es ihr unmöglich machte, ihm wegen seines formlosen Benehmens böse zu sein.

„Mein Name ist Wendt! Mit Hans davor! Und ich bin ein alter Chinese. Wenn nämlich ein Europäer länger hier draußen ist, so nennt er sich mit Stolz einen Chinesen!“

Ursula merkte auf einmal, dass sie ganz unwillkürlich ihre Hand in die seine gelegt hatte. Obwohl er ihr die Hand mit einer gewissen Vorsicht schüttelte, fühlte sie, welche Kraft dieser Mann haben musste. Sie schrie leise auf.

„Ich muss immer aufpassen, wenn ich jemand die Hand gebe!“, lachte er. Ursula rieb ihre Finger. Er schaute sie an, und sie spürte, dass eine ungeheure sympathische Macht von seinen Augen ausging.

„Schade!“, begann er wieder. „Ich war in Eile und habe deshalb meinen Abendanzug nicht einpacken lassen. Um übrigens ehrlich zu sein, hängt er diesen Moment sicher noch im Trödelladen des Wutsching in Nathan Road. Sonst würde ich Sie sehr bitten, mich heute Abend an Ihrem Tisch sitzen zu lassen!“

„Der Kommodore hat mich heute Abend an seinen Tisch geladen! Und sonst pflegt der Erste Offizier neben mir zu sitzen!“, antwortete sie kühl. Es war ihr, als ob von diesem rothaarigen, sommersprossigen Riesen, der so unbeschwert lachen konnte, unsichtbare Ströme ausliefen, die von ihr Besitz ergreifen wollten...

Ein Steward eilte vorüber. Wendt ließ ihn Deckstühle bringen.

„Zum Umziehen haben Sie noch lange Zeit!“, bat er Ursula, die immer noch mit dem Erstaunen über seine nicht unhöflichen, aber auch nicht üblichen Manieren und dem Verlangen, ihn abblitzen zu lassen, im Kampf lag.

Dann saßen sie nebeneinander, und der „Conte Rosso“ fuhr tutend zwischen Hongkong und Kaulun der offenen See zu.

„Der Zahlmeister sagte mir auch noch, dass Sie in Schanghai aussteigen und dort bleiben!“, fing er wieder an.

Sie raffte sich zusammen. So konnte das nicht weitergehen, der Mann benahm sich ja, als ob er Anspruch auf sie habe!

„Bedauerlicherweise kann Ihnen der Zahlmeister nicht mit meinem Lebenslauf aufwarten. Und von mir erfahren Sie ihn nicht!“, sagte sie ärgerlich und bemühte sich, spöttisch zu wirken.

„Wetten, dass Sie mir noch alles erzählen, ehe wir von Bord gehen? Auf Schiffen pflegt der Mensch aus sich herauszugehen, haben Sie das noch nicht gemerkt? Und außerdem sind wir doch Landsleute!“ Dann huschte es wie Trauer über sein Gesicht, und er sprach langsam weiter: „Sie halten mich gewiss für aufdringlich und taktlos! Aber wenn man solange hier draußen war, und“ – er hielt inne und sah sie forschend an – „dann ist man heilfroh, wieder einmal mit einer Landsmännin, überhaupt einem anständigen Menschen zusammen zu sein!“ Er biss sich auf die Lippen und schwieg.

In Ursula stieg ein wärmeres Gefühl auf, das von dem Wort „Landsmännin“ in ihr ausgelöst wurde. Aber verwundert fragte sie: „Anständige Menschen? Ich sah Sie mit einem Chinesen ankommen. Er machte einen Eindruck auf mich, den ich nicht gern wiedergeben möchte. Der Mann ist doch ein Freund von Ihnen?“

Er lachte. „Der? Mein Freund? Ihr Eindruck ist ganz richtig! Den Herrn würde ich Ihnen nur mit der Feuerzange anzufassen raten. Aber es wird schon alles wieder in Ordnung kommen“, murmelte er. „Maski nennt man das hier!“

„Was wird wieder in Ordnung kommen? Und was bedeutet dieser sonderbare Ausdruck?“, wurde sie nun hartnäckig.

„Maski? Oh, das heißt so viel wie ‚Macht nichts!‘ Man gebraucht das hierzulande bei jeder Gelegenheit und in jeder Lebenslage!“

Wieder wurde sein Gesicht finster, und Ursula erschrak vor der hoffnungslosen Sprache seiner graublauen Augen. In jähem Verstehen entschlüpfte ihr die Frage: „Sind Sie ein Abenteurer?“

Voll Staunen blickte er sie an, und dann rang er sich die mit merkwürdiger Betonung gesprochenen Worte ab: „Ich bin ein Mann, der sein Gesicht verloren hat!“

Ursula erinnerte sich dunkel, diesen Ausdruck und die Erklärung dazu irgendwo gelesen oder gehört zu haben, aber im Augenblick konnte sie sich nicht darauf besinnen. Er ließ ihr auch keine Zeit, ihn zu fragen.

Mit Verblüffung und Empörung sah sie, wie er aufstand, sich verbeugte und hörte ihn sagen: „Verzeihung, Fräulein Kirsten, aber nun ist es wirklich bald Zeit, dass Sie sich zum Dinner umkleiden. Vielleicht erzähle ich Ihnen heute Abend noch, was es heißt, wenn jemand im Fernen Osten sein Gesicht verloren hat! Darf ich? Ja?“

Seine ersten Worte klangen ehrlich besorgt, und jetzt schaute er sie so treuherzig an, dass ihr Zorn sofort verrauchte.

„Der große Salon ist nach dem Abendessen fast immer leer!“, antwortete sie, sprang auf und ging das Promenadendeck entlang.

Wendt schaute noch eine Weile vor sich hin, ging dann ebenfalls in seine Kabine und packte seinen kleinen Koffer aus. Während er sich wusch und rasierte und mit dem Kamm durch das widerspenstige Haar strich, flüsterte er zärtlich vor sich hin: „Ursula! Welch schöner Name! Ursula! Ursel! Uschi! Hm.“

Er seufzte. Dann band er sich eine neue Krawatte um und drückte auf den Klingelknopf.

„Steward! Wir großen Kaufleute und Ingenieure des Fernen Ostens haben immer schrecklich viel zu tun und sind deshalb in mancher Beziehung ebenso vergesslich wie der Professor im Witzblatt! Da habe ich nun in der Eile meinen Abendanzug in Hongkong gelassen. So kann ich natürlich nicht zum großen Dinner kommen, aber Gott sei Dank zieht man sich ja zu den anderen Mahlzeiten nicht extra an. Seien Sie nett, Steward, und bringen Sie mir mein Abendessen in die Kabine. Ein paar Hors d’oeuvres, Oliven zum Beispiel! Ein bisschen Languste vom Mittelmeer, einen Hühnerschenkel oder zwei von einer Brestpoularde, dann etwas Salat, eine Schnitte Papaya aus Sumatra zum Nachtisch und ein Glas Chianti! Ja?“

Ein Geldschein wechselte den Besitzer, und der Steward eilte davon, um die Wünsche des Signore zu erfüllen.

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Schiffe, die aneinander vorbeifahren

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Hans Wendt übte auf einfache Menschen einen Einfluss aus, der sie ihm freudig zu Gefallen sein ließ. Der Kammersteward Ettore brachte ihm daher sehr rasch das Abendessen, und Wendt war schon wieder an Deck, als der Gongschlag ertönte. Er ging langsam um das Mittelschiff herum, über die beiden Promenadendecks, dann nach oben zum luftigen Bootsdeck und wieder hinab.

Am Eingang zum großen Salon blieb er stehen und beobachtete die spärlichen Erste Klasse-Passagiere, die vereinzelt und hitzematt aus den Korridoren krochen, um dann die breite, teppichbelegte Treppe in den Speisesaal hinabzusteigen.

Er nickte erfreut, als er Ursula am Arm des beleibten, gemütlich aussehenden Kommodores aus der Bar kommen sah. Rasch versank er in einem hohen Ohrensessel und konnte von hier aus, selber unbeobachtbar, einen Teil des Speisesaals überblicken.

Das duftige nilgrüne Chiffonkleid gab einen ausgezeichneten Rahmen für Ursulas aschblonde Schönheit ab! Der Kommodore schien ihr Komplimente zu machen, denn Ursula lächelte, und einmal drohte sie ihm mit dem Finger.

Da ging Wendt an Deck zurück und wandelte hier auf und ab. Seine Pfeife hinterließ einen blauen Rauchstreifen. Es war sternenklar und die Nacht mondlos. Das Wasser atmete in langsamer ungekräuselter Dünung, und in der Luft hing der würzige Rauch des nahen Landes. Gleich einem gezackten Schattenriss zog sich an Backbord Chinas Küste entlang. Zu Dutzenden und Hunderten schaukelten, stellenweise wie Feenlichter, die Fischerdschunken mit ihren hell brennenden Azetylenlampen. Geschäftig rauschend und plätschernd schoss der Sog längs des Schiffes nach achtern und verbreiterte sich dort zu einer weithin leuchtenden schnurgeraden Schaumstraße.

Plötzlich tauchte der bläulich stechende Scheinwerferfinger eines abgeblendet fahrenden japanischen Kriegsschiffes den „Conte Rosso“ in schmerzende Helle. Dann huschte diese Helle langsam und ruckweise im Bogen über Meer und Horizont und erlosch.

Wendts Gedanken kreisten ununterbrochen um Ursula, und er spürte, wie sich ein Teil Sorge in sein Gefühl für die Landsmännin schlich. Der Zahlmeister hatte ihm nämlich auch verraten, dass die hübsche Deutsche aus England käme und als Gesellschafterin in das Heim eines reichen Chinesen gehe. Auch wüsste man, dass sie mutterseelenallein in der Welt dastehe.

Hans runzelte die Stirn. Ihm gefiel das Gehörte nicht, denn er kannte den Fernen Osten. Er kannte China und die Chinesen, und er wusste, dass diese ewig lächelnden und stets höflichen Asiaten unzählige gute und bewundernswerte Charakterzüge besitzen, aber auch, dass die Moral Chinas von der westlichen in vieler Beziehung so krass verschieden ist wie Tag und Nacht!

Der Chinese sieht es nicht als Schande an, wenn eine Tochter mit Wissen der Eltern dem Berufe eines Freudenmädchens folgt. Und dass Eltern im Reich der Mitte ihre weiblichen Kinder an Lupanare verkaufen, ist eine Tatsache, über die sich niemand den Kopf zerbricht, weil es eine Selbstverständlichkeit ist. Ferner, wenn ein Chinese es sich leisten kann, seiner Gattin, die den ehrenvollen Titel „Nummer Eins“ führt, noch eine Nummer Zwei, Drei oder noch mehr hinzuzufügen, so ist das in Ordnung. Man lächelt darüber so verstehend, so gütig sanft und menschlich weise, wie man nur in China lächeln kann.

Wendt fragte sich, ob schon jemand Ursula darüber aufgeklärt hätte, dass, wenn ihr künftiger Brotgeber sich ihr auf eine Art zu nähern versuchen würde, die in Europa allgemeine Verdammung fände, ein solches Vorgehen in China von den Chinesen ganz anders beurteilt würde, falls man sich überhaupt der Mühe unterzog, wegen einer solch menschlichen und deshalb in diesem erstaunlichen Land natürlichen Kleinigkeit Worte zu verlieren.

Wie nun – fragte sich Wendt –, wenn jener reiche Chinese, dessen Tochter Ursula Gesellschaft leisten sollte, von „freien asiatischen Sitten“ ist und sich erst im Inneren des Landes, fern von jedem Konsulat, als derart veranlagt entpuppt? Er qualmte heftig. Es drängte ihn, Ursula zu warnen, nur wusste er nicht, in welche Worte er diese Warnung kleiden sollte, denn vorläufig war ja überhaupt kein Grund dazu vorhanden.

Auf einer fernen Insel zuckte ein Blinkfeuer. Die Luft war heiß und klebrig. Da sah er die weiß uniformierte Gestalt des behäbigen Kommodores durch den Salon schreiten. Rasch klopfte er die Pfeife aus, rückte an seiner Krawatte und eilte dann geraden Weges zu Ursula. Sie saß, von der duftigen Chiffonwolke ihres Kleides umwallt, hinter einem Tischchen in der Ecke neben der großen Flügeltür zur Bar.

Ein Lächeln begrüßte ihn. Sie freute sich über den unverkennbaren Eindruck, den sie auf ihn machte! Das war ihr heimlicher Wunsch gewesen, als sie das wunderschöne nilgrüne „Gedicht“ anzog, das sie in London von ihrem reichlich bemessenen Reisezuschuss noch rasch erworben hatte. Der Schmuck ihrer Mutter, eine Kette aus ausgesucht schönen Karneolen, passte dazu.

Don Giuseppe, der väterliche Kommodore, hatte ihr die überschwänglichsten Komplimente über ihr heutiges Aussehen gemacht! Sehr erstaunte es aber Ursula, als Don Giuseppe beim Nachtisch plötzlich ernst wurde und beiläufig von seiner lieben Frau und beider reizenden Tochter Giannina und der kleinen Villa im Valombroso bei Florenz erzählte. Dann sprach er davon, dass China eigentlich ein seltsames, unverständliches Land und voll unbekannter Gefahren für alleinstehende junge Damen wäre. Er druckste und räusperte sich noch eine Weile und platzte dann unvermutet mit dem herzlichen und ehrlich gemeinten Vorschlag heraus, Ursula unentgeltlich als seinen lieben Gast wieder zurück nach Italien und zu seiner Frau zu bringen, die ihr dann bald eine schöne Stellung bei Bekannten besorgen würde.

Als sie verwundert antwortete, dass sie mit dem Chinesen ein bindendes Abkommen getroffen hätte, und sich dann noch halb lachend, halb ängstlich erkundigte, ob China wirklich so gefährlich sei – da lachte auch der gute Don Giuseppe und wechselte geschickt das Thema. Aber zum ersten Mal, seit sie Europa verlassen hatte, fühlte Ursula eine dunkle unbestimmte Bangigkeit in sich aufsteigen. Als sie aber jetzt ihren neuen stürmischen Bewunderer erblickte, wich diese Beklemmung.

Im Barraum spielte die kleine Bordkapelle schmelzende Weisen. Im großen Salon befand sich außer Ursula und Hans kein Mensch. Diensteifrig beugte er sich vor und gab ihr Feuer für ihre Zigarette. Dann begann er sofort mit der ihm eigenen explosiven Art zu reden: „Kennen Sie China? Nein, natürlich nicht. Unnütze Frage – aber vielleicht haben Sie ein bisschen darüber gelesen? Nun wohl, wenn ich Ihnen jetzt sage, dass Sie in diesem Land des ewigen Lächelns die meisten Begriffe, die Sie von drüben mitgebracht haben, auf den Kopf gestellt sehen werden, so mag Ihnen das vielleicht eine kleine Ahnung von Ihrer Zukunft verschaffen!“

Sie grübelte über den versteckten Sinn seiner Worte nach. Und plötzlich musste sie an den Kommodore denken. Wollte dieser ungebärdige Mensch sie am Ende auch warnen? Wie lächerlich!

„Das muss sehr interessant sein!“, antwortete sie mit gut gespieltem Gleichmut. Seine Augen blitzten zornig auf.

„Interessant? Natürlich ist es nicht langweilig in China. Und merken Sie sich, ich persönlich habe absolut nichts gegen die reinblütigen Asiaten im Allgemeinen. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass diese anders als wir denken und dass man sie, wenn sie auch aus den besten Motiven handeln, mit einer gewissen Vorsicht betrachten muss. Das hat schon mancher an sich erfahren, der es erst nicht glauben wollte und alles interessant fand, bis er auf die interessanteste Art zum Teufel fuhr! Maski! Was?“

Zwingend war sein Blick auf sie gerichtet. Und die ganze unermessliche Energie, mit der dieser Mann geladen zu sein schien, schlug sie von neuem in Bann. Prachtvoll ist er! dachte sie und zuckte zusammen, als die nächste Frage förmlich über seine Lippen schoss: „Wie heißt der Chinese, dem Sie sich verpflichtet haben? Und zogen Sie durch das Konsulat Erkundigungen über ihn ein, ehe Sie die Fahrt antraten? Es ist wirklich nicht Neugierde, die mich veranlasst, glauben Sie mir das!“

Details

Seiten
200
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738915167
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
löhndorff gesamtausgabe yangtsekiang china-roman

Autor

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Titel: Löhndorff Gesamtausgabe #1: Yangtsekiang - Ein China-Roman