Lade Inhalt...

Harter Trail nach Santa Fe

2017 180 Seiten

Leseprobe

image
image
image

Harter Trail nach Santa Fe

image

Roman aus dem amerikanischen Westen

von John F. Beck

Der Umfang dieses Buchs entspricht 181 Taschenbuchseiten.

Es beginnt damit, dass der Scout Davy Chester zwei Männern in die Falle ging, die ihn kaltblütig ermorden wollten. Es war in einer kühlen Frühlingsnacht in Westport am Missouri. Und es geschah genau in der Nacht vor dem Tage, da der erste Frachtwagenzug in diesem Jahr zur Fahrt nach dem fernen Santa Fe in New Mexiko aufbrechen sollte.

Und darin lag der Zusammenhang!

Mit dieser Karawane nämlich sollte eine kostbare Fracht nach New Mexiko gehen: neue Repetiergewehre, wie sie bisher im Westen noch nicht benutzt worden waren. Und als Scout dieses Wagenzuges war Davy Chester bestimmt. Darum sollte er sterben: einer der Banditen wollte seine Rolle übernehmen und den Treck in einem Hinterhalt der Comanchen führen.

Davy Chester aber entging mit knapper Not der Knochenfaust des Todes. Und jetzt begann für ihn ein langer, einsamer Ritt - ein Wettlauf mit der Zeit - um die Karawane einzuholen, die von Meile zu Meile der Todesfalle näherrückte. Denn Davy allein wusste von dem geplanten Verbrechen. Er allein konnte das drohende Unheil verhindern.

Das Land aber war weit und wild.

Gefahren bedrängten nicht nur den Wagenzug, der wie eine riesige Schlange Tag für Tag über die Prärie nach Westen kroch. Auch der einsame Reiter, der den Treck retten wollte, geriet immer wieder in die Nähe des Todes.

Indianer, Unwetter, Büffelherden, Sümpfe und reißende Flüsse - all das machte den Weg nach Santa Fe zu einem waghalsigen Abenteuer.

Die Edition veröffentlicht das Lebenswerk des großen deutschen Westernautors und dazu gehört auch das Frühwerk, das John F. Beck noch unter dem Pseudonym Lex Porter im Bewin Leihbuchverlag veröffentlichte. Nur ein Teil dieser 18 Bücher wurde später und nur in verstümmelter oder stark gekürzter Fassung von den Publikumsverlagen noch einmal publiziert.

Die Edition Bärenklau ist der erste Verlag, der diese Bücher nach mehr als 50 Jahren in der Originalfassung veröffentlicht.

image
image
image

Copyright

image

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Nach einem Motiv von Meinard Dixon mit Steve Mayer, 2017 

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

image
image
image

1. Kapitel

image

Eine Hand legte sich auf Davy Chesters Schulter.

„Ich muss Sie sprechen, Mister!“

Davy ließ das Brandyglas sinken und drehte sich halb zur Seite. Der Mann, der vor ihm stand, war groß, hager und besaß ein scharfgeschnittenes Gesicht. Irgendwie erinnerte er an einen Falken. Und seine durchdringenden, hellen Augen verstärkten diesen Eindruck noch. Davy zog seine linke Augenbraue hoch.

„Ist das kein Irrtum?“, fragte er. „Ich kenne Sie nicht.“

Der Fremde ließ seinen Blick hastig durch den niedrigen, verräucherten Saloon schweifen. Petroleumlampen blakten an der Decke. An den rohgezimmerten Tischen war jeder Platz besetzt. Stimmengewirr, Gläserklirren, Kartenklatschen, Stiefelscharren, Lachen und Husten - all das vermischte sich zu einem dumpf brandenden Lärm. Der Keeper hinter der Theke hatte alle Hände voll zu tun, um die Gläser voll zu halten. Ein anderer Barmann eilte von Tisch zu Tisch und sorgte dafür, dass kein Gast ohne Whisky, Brandy oder Gin blieb. Es war eine bunt durcheinandergewürfelte Männerschar, die sich im Saloon aufhielt: Fallensteller, Siedler, Fuhrleute, Scouts, Weidereiter, Spieler, Händler und auch einige Soldaten. Das war typisch für diese Stadt am Missouri - für diese Stadt, die damals noch Westport hieß, und die man später in Kansas City umtaufen würde. Westport - das bedeutete damals die letzte Station der Zivilisation vor den einsamen Weiten der Prärie.

Der Blick des hageren Mannes mit dem Falkengesicht kehrte zu Davy Chester zurück.

„Nun?“, fragte Davy knapp.

„Es ist keine Verwechslung“, erklärte der andere. „Sie sind doch David Chester, nicht wahr?“

„Allerdings! Woher kennen Sie mich?“

„Sie werden es später erfahren. Kommen Sie mit?“

Davy stellte das Brandyglas auf die Thekenplatte und schob den breitrandigen Hut ins Genick zurück. Er war groß, schlank und besaß ein von Wind und Wetter gegerbtes Gesicht. Er war nicht  alt - aber das Leben in der Wildnis hatte bereits seine feinen Linien in dieses Gesicht gegraben. Seine blauen Augen besaßen jenen merkwürdigen Ausdruck, den die Augen von Männern haben, die gewohnt sind, stets in große Weiten zu blicken. Seine Kleidung war aus Hirschleder gefertigt und an den Nähten mit Fransen verziert. Unter der Jacke schaute ein rotes Baumwollhemd hervor. An seiner rechten Seite baumelte an einem breiten Ledergürtel ein schwerer, langläufiger Patterson Colt.

„Wenn Sie etwas zu sagen haben“, hob er gleichmütig die Schultern, „dann können Sie es auch hier tun.“

„Nein!“, schüttelte der andere den Kopf. „Es ist zu wichtig - und nicht für andere Ohren bestimmt.“

Davy lächelte - und dieses Lächeln ließ sein Gesicht harmlos und jungenhaft erscheinen.

„Sie machen mich gespannt, Fremder.“

„Also, kommen Sie?“

Davy langte in die Hosentasche und warf ein paar Geldstücke auf die Theke. Er gab dem Keeper ein Zeichen und drehte sich dann wieder dem Hageren zu.

„Einverstanden!“

Das scharfgeschnittene Gesicht des Fremden zeigte einen zufriedenen Ausdruck. Wieder legte er seine Rechte auf Davys Schulter.

„Gehen wir durch den Hinterausgang“, sagte er.

Davy schüttelte die Hand des anderen ab.

„Es ist besser, Sie gehen voran!“, bestimmte er ruhig.

Der Hagere zog die Augenbrauen zusammen. Er merkte, dass Davys Hand hinter dem Coltkolben baumelte.

„Das ist doch Unsinn!“, sagte er unwillig. „Sie haben von mir nichts zu befürchten.“

„Trotzdem!“, beharrte Davy ruhig. „Es ist wirklich besser, wenn Sie vorangehen.“

„Wie Sie wollen!“

Der Fremde zuckte die Achseln und ging durch den Lärm durchbrandeten, rauchgeschwängerten Saloon auf den Hinterausgang zu. Davy Chester folgte dicht hinterher. Niemand beachtete sie. Ein Betrunkener taumelte vorbei. An einem der Tische stimmten einige Fallensteller in einen rauen, misstönenden Gesang ein. Irgendwo kippte ein Stuhl um. In einer Ecke begannen zwei Männer lautstark zu streiten. Dicht daneben kassierte eben ein Spieler eine beträchtliche Gewinnsumme, und der Verlierer, ein graubärtiger Prärieläufer, fluchte dumpf und ununterbrochen vor sich hin.

Der Hagere erreichte die Hintertüre, blickte kurz über die Schulter zu Davy zurück und stieß dann die Türe auf. Davy schob seine Rechte noch näher an den Kolben des Patterson Colts heran und folgte ihm. Die Türe klappte zu, und der Lärm des Saloons blieb wie abgeschnitten hinter ihnen zurück. Sie standen dicht vor der Türe im Hinterhof. Über den Dächern von Westport spannte sich der samtene Nachthimmel. Sterne blinkten, und der Vollmond schwebte wie ein goldener Ball hinter einem steilen Kamin. Die Luft war kühl und angenehm nach dem Aufenthalt in dem verräucherten Saloon. Ein leichter Wind trug den Geruch von frischem Gras und feuchter Erde in die Stadt herein. Man merkte es, dass der Winter noch nicht lange abgezogen war. Aber gleichzeitig hing bereits die Ahnung von Sonne, Blumen, grünen Flächen und Wärme in der kühlen Nachtluft. Davy atmete tief ein.

Der Falkengesichtige war vor ihm stehengeblieben. Davy ließ ihn nicht aus den Augen.

„Also, was gibt es?“, fragte er.

Der andere verschränkte die Arme vor der Brust, als wolle er betonen, dass Davy von ihm tatsächlich nichts zu befürchten habe.

„Man hat Sie aus Santa Fe geschickt, um die erste Karawane in diesem Jahr über den Trail zu führen, nicht wahr?“

„Sie wissen recht gut Bescheid“, sagte Davy langsam.

Der Hagere lächelte flüchtig.

„Jedenfalls bin ich informiert“, gab er zu. „Man wartet in Fort Union bei Santa Fe schon sehr auf den ersten Wagenzug, oder nicht?“

„Der Winter war lang“, antwortete Davy. „Wie sollte es darum anders sein.“

„Ja, ja, ich weiß. Aber in Fort Union geht es doch nicht nur darum, frischen Proviant nach den langen Wintermonaten zu erhalten. Es geht auch noch um etwas anderes.“

Misstrauen stieg in Davy Chester auf.

„Ich weiß nicht, was Sie meinen“, sagte er zögernd. Seine Augen wurden eisig.

Der Hagere lächelte abermals. Es war ein knappes Lächeln ohne jede Wärme. Es wirkte scharf wie die Augen, und es passte so recht in dieses verwegene, scharfe Falkengesicht.

„Sie wissen recht gut, was ich meine, Chester. Man schreibt das Jahr 1860. Und man hat in diesem Jahr ein neuartiges Gewehrmodell auf den Markt gebracht. Das erste Repetiergewehr. Siebenschüssig. Henry Gewehr nennt man es. Das wird von unschätzbarer Bedeutung für den ganzen Westen sein, nicht wahr?“

„Was habe ich damit zu tun?“

„Nun“, sagte der Hagere, „Sie wissen doch, dass mit der Karawane die ersten dieser Gewehre nach New Mexiko gebracht werden sollen. Darum hat man Sie ja extra aus Santa Fe hierher nach Westport geschickt, um den Wagenzug als Scout zu begleiten.“

Davys Finger schlossen sich um den Coltkolben.

„Woher wissen Sie das alles?“

„Beziehungen - ganz einfach Beziehungen“, lächelte der Fremde scharf.

„Sie sollten zur Sache kommen!“, verlangte Davy. Sein Gesicht wirkte jetzt keineswegs mehr jungenhaft. Es war angespannt und düster. Das Misstrauen in ihm hatte sich verstärkt.

„Ich bin bereits bei der Sache“, erklärte der Hagere, ohne die Miene zu verziehen. „Well, ich will zum Abschluss kommen: Ich biete Ihnen fünfhundert Dollar, wenn Sie noch heute Nacht Ihr Pferd satteln und die Stadt verlassen. Fünfhundert Dollar, wenn Sie den Wagenzug nicht als Scout nach Santa Fe führen!“

Davy Chester hatte sekundenlang das Gefühl, ein Blitz habe vor ihm in den Boden geschlagen. Er schwieg eine Weile, und seine Wangenmuskeln zuckten.

„Ich verstehe Sie nicht!“, murmelte er.

Der andere löste die verschränkten Arme vor der Brust und beugte sich etwas vor.

„Ganz einfach: fünfhundert Dollar, wenn Sie vergessen, dass man Sie aus Santa Fe geschickt hat, um den Treck über den langen Trail zu führen. Das muss genügen. Stellen Sie keine weiteren Fragen!“

Davy sog scharf den Atem ein.

„Die Gewehre! Sie haben es auf die neuen Henry Gewehre abgesehen, was?“

„Ich sagte, Sie sollen keine Fragen stellen! Nehmen Sie mein Angebot an?“

In Davys schmalem, gebräuntem Gesicht arbeitete es.

„Nein!“, sagte er heiser. „Ich werde ...“

„Well“, unterbrach ihn der Falkengesichtige. „Dann biete ich Ihnen achthundert Dollar.“

Noch immer war seine Miene völlig unbewegt. Davy Chesters blaue Augen begannen zu funkeln.

„Hören Sie zu!“, sagte er zornig. „Ich will Ihr Geld nicht! Sie brauchen mir gar nicht mehr zu bieten. Man hat mich angeworben, um den ersten Wagenzug in diesem Jahr heil nach Fort Union und nach Santa Fe zu bringen. Und diesen Auftrag werde ich ausführen, weil ich bereits mein Wort dafür gegeben habe, verstehen Sie mich? Es war ein Fehler von Ihnen, überhaupt mit einem solchen Angebot an mich heranzutreten. Ich weiß jetzt, dass eine Schufterei geplant wird. Und ich werde mich danach richten.“

„Dazu werden Sie keine Gelegenheit mehr haben“, sagte der Falkengesichtige. „Es gibt auch noch einen anderen Weg, um Sie abzuhalten, als Scout mit dem Treck zu reiten.“

Davy zog seinen schweren Patterson Colt. Der Zorn funkelte noch immer in seinen Augen.

„Sie jedenfalls werden diesen Weg nicht gehen“, erklärte er grimmig.

Er richtete den Lauf des Colts auf die Brust des Hageren. Der Mann rührte sich nicht. Das Mond und Sternenlicht traf ihn vom hinten, und der Ausdruck seines Gesichts war nur undeutlich zu erkennen.

„Nehmen Sie die Hände hoch!“, befahl Davy schroff. „Ich werde Ihnen gar keine Möglichkeit mehr geben, dieses Spielchen fortzuführen. Schließlich gibt es bereits einen Sheriff in dieser Stadt.“

Der Hagere regte sich noch immer nicht.

„Sie halten mich wirklich für dumm, Chester“, sagte er, und ein kaltes Lächeln war aus seiner gedämpften Stimme herauszuhören. Im nächsten Moment hörte Davy ein leises Geräusch hinter sich. Er wollte zur Seite springen, aber da traf ihn bereits ein schmetternder Schlag. Er hörte noch ein leises, zufriedenes Auflachen, dann stürzte er zu Boden, und alles um ihn versank in einer tiefen Schwärze.

Als er wieder zu sich kam, fröstelte ihn. Er schlug die Augen auf und schaute in das gelbe Licht einer Petroleumlampe. Sein Kopf schmerzte. Aber er vergaß das, als er sich wieder daran erinnerte, was geschehen war. Er wollte sich aufsetzen und merkte erst jetzt, dass man ihm die Hände auf den Bücken gebunden hatte. Die dünnen Lederriemen schnitten schmerzhaft in die Handgelenke. Der Zorn stieg wieder in ihm auf, und er knirschte unwillkürlich mit den Zähnen.

Über ihm sagte eine raue Stimme: „Er ist zu sich gekommen, Grat!“

Davy drehte den Kopf. Das Lampenlicht spülte über ein verkniffenes Gesicht mit pechschwarzen, glitzernden Augen. Dunkles Haar lugte unter der Krempe eines verbeulten, staubbedeckten Filzhutes hervor. Der Mann trug wie er - Davy - die Hirschlederkleidung der Scouts, Fallensteller und einsamen Präriejäger.

„Na, mein Junge, wie geht es denn?“ Ein höhnisches Lächeln geisterte über das Gesicht des Mannes. Davy antwortete nicht. Gleich darauf tauchte neben dem Schwarzhaarigen der Mann auf, den Davy im Saloon kennengelernt hatte.

„Jetzt sehen Sie, Chester, wie falsch es war, nicht auf mein Angebot einzugehen!“

Davy sagte noch immer nichts.

„Sie werden diese Sache nicht überleben!“, erklärte der Hagere. „Sie hätten achthundert Bucks bekommen, wenn Sie sich aus dem Staube gemacht hätten - jetzt werden Sie den Tod bekommen, Chester. Ein krasser Unterschied, was?“

Davy hörte das leise Gurgeln und Plätschern von Wasser. Er hatte festgestellt, dass sie sich in einer kleinen, kahlen Hütte befanden. Wahrscheinlich stand diese Hütte dicht am Ufer des Missouri, der wie eine riesige Schlange an den Häusern von Westport vorbeizog, um sich weiter östlich mit dem mächtigen Mississippi zu vereinigen.

„Halten wir uns nicht mit langen Reden auf“, sagte der Schwarzhaarige. „Bringen wir es hinter uns!“ Ungeduld schwang in seiner Stimme.

Davy wusste, was er meinte. Ein flaues Gefühl breitete sich in seiner Magengrube aus. Seine Gedanken jagten fieberhaft durch sein Gehirn. Sie suchten nach einem Ausweg, nach einer Chance. Aber sie suchten vergeblich. Davy Chester war in dem Land westlich des Missouri und Mississippi groß geworden. Und das bedeutete, dass er schon oft genug dem Tod ins Auge geschaut hatte. Bisher hatte sich stets eine Chance geboten - ob er nun rothäutigen oder weißen Gegnern gegenübergestanden war, ob er gegen einen wilden Grizzlybären hatte kämpfen müssen oder ob er durch einen mörderischen Blizzard geritten war. Stets hatte er es geschafft - wenn auch manchmal knapp. Diesmal aber - diesmal schien er am Ende angelangt zu sein. Diesmal konnte ihn nur noch ein Wunder retten.

„Also“, drängte der ledergekleidete Schwarzhaarige, „gib ihm schon eine Kugel, Grat!“

„Eine Kugel?“, schüttelte der Hagere den Kopf. „Ich bin nicht verrückt, Clem! Den Schuss würde man ziemlich weit hören. Und das könnte uns verdammte Schwierigkeiten bringen, Mann. Nein, nein, Clem, wir dürfen kein Risiko eingehen. Und außerdem eilt es nicht. Wir wollen nichts überstürzen. Wir haben keinen Grund, um nervös zu werden.“

„Wie du meinst!“, brummte der andere. Er zog sich etwas zurück und nahm die Petroleumlampe von dem Haken, an dem sie bisher befestigt gewesen war. Der Falkengesichtige blieb vor Davy stehen.

„Das hätten Sie sich wohl nicht gedacht, dass Sie diese Nacht nicht überleben werden, Chester, was?“

„Noch bin ich nicht tot!“, sagte Davy fest. Er musste sich sehr um diese Festigkeit bemühen. Noch immer überlegte und rechnete er. Er war nicht der Mann, der vorzeitig aufgab. Aber er machte sich auch keine Illusionen. Er wusste schon von vorneherein, dass sein Überlegen und Rechnen vergeblich war.

„Sie machen sich doch nicht etwa noch Hoffnungen?“, sagte der Hagere. „Das wäre nämlich dumm von Ihnen, Chester. Glauben Sie nur ja nicht, dass mein Freund und ich irgendwie Bedenken haben, Sie aus dem Weg zu räumen. Wir tun es zwar nicht gern - aber es muss eben sein, verstehen Sie?“

„Und ob ich verstehe!“, presste Davy grimmig hervor. „Jedenfalls seid ihr die größten Schufte, die mir je über den Weg gelaufen sind.“

Das Gesicht des Banditen blieb unbewegt.

„Soll das ein Kompliment sein, Chester? Übrigens: Sie wissen noch gar nicht, mit wem Sie es zu tun haben. Mein Freund dort heißt Clem Brackett. Und ich bin Grat Rushton.“

„Auf die Ehre Ihrer Bekanntschaft hätte ich gerne verzichten können!“, sagte Davy beißend.

Grat Rushton lächelte dünn.

„Ich will Ihnen einen Trost geben, Chester. Ich werde Ihnen erklären, um was es eigentlich bei der ganzen Angelegenheit geht.“

„Wie freundlich!“, knurrte Davy. „Rushton, ich werde gleich in Tränen der Rührung ausbrechen.“

„Es freut mich“, sagte Grat Rushton, „dass Sie es so leicht nehmen, Chester.“

„Leicht? Hören Sie schon endlich mit dem geschwollenen Daherreden auf, Rushton!“

„Verdammt, Grat!“, sagte der schwarzhaarige Clem Brackett aus dem Hintergrund. „Wie lange willst du dich denn noch mit diesem Kerl unterhalten?“

„Lass mich doch, Clem!“, zuckte Rushton die Achseln. „Es macht mir Spaß. Und ich denke, dass Chester ein Mann ist, mit dem man gut zusammenarbeiten könnte.“

„Wenn er nicht auf der falschen Seite des Zaunes stünde“, murrte Brackett.

„Allerdings“, nickte Rushton, und seine Miene wurde hart. Dann lehnte er sich gegen die Bretterwand und schaute auf Davy hinab.

„Haben Sie schon den Namen Teiokepeh gehört, Chester? Auf Englisch heißt das Flying Hawk - Fliegender Falke!“

„Hm!“, machte Davy. „Ich denke, ja. Das ist ein Weißer, der seit Jahren unter den Comanchen lebt, nicht wahr? Es heißt, er habe einige Morde auf dem Gewissen und sei deshalb zu den Indianern gegangen und arbeite mit ihnen zusammen.“ Plötzlich zuckte es wie ein Blitzschlag durch Davy Chesters Gehirn, und für einen Moment vergaß er seine hoffnungslose Situation. Er starrte in das hagere Falkengesicht Grat Rushtons und fragte schnell: „Sie sind doch nicht etwa ...?“

Rushton zeigte wieder sein kaltes Lächeln.

„Doch, Chester! Sie sind ein kluger Kopf. Doch - ich bin Teiokepeh, der Fliegende Falke. Und Tsawadih, der Häuptling der Canadian River Comanchen, ist mein Blutsbruder.“

Davy hatte das Gefühl, als griffe eine eisige Faust in sein Genick.

„Ich fange an zu verstehen“, murmelte er heiser. „Sie wollen die Henry Gewehre, die die Karawane nach New Mexiko bringen soll, Ihren Comanchen-Freunden in die Hände spielen.“

„So ist es!“

„Ich hoffe nur“, sagte Davy mit bitterem Zorn, „Sie beißen sich an diesem Vorhaben die Zähne aus!“

„Das werde ich keineswegs tun“, sagte Grat Rushton, der Fliegende Falke.

„Wie wollen Sie es schaffen?“, fragte Davy. Er fragte es teils aus wirklichem Interesse und teils deswegen, weil er Zeit gewinnen wollte.

„Clem Brackett wird mir helfen“, erklärte der hagere Bandit. „Er wird an Ihrer Stelle die Karawane führen - aber nicht nach Santa Fe, sondern in einen Hinterhalt meiner Comanchen-Brüder!“

Das Blut in Davy Chesters Schläfen begann zu hämmern. Er zerrte an seinen Fesseln und merkte es kaum, dass seine Handgelenke zu bluten anfingen.

„Sie gehören an den Galgen, Rushton!“, flüsterte er wild. „Sie und Ihr Freund Brackett!“

Er dachte an Joel Wyndham, der sein Freund war, und der der Boss der Wagenkarawane sein würde. Er dachte an all die .Männer, die schon morgen den 1800-Meilen-Trail nach Westen antreten würden. Den Trail über das endlose, einsame Prärieland, in dem es keine einzige Niederlassung weißer Männer gab - wenigstens jetzt noch nicht. Sollten all die Treckleute morgen ihren letzten Trail antreten? Es durfte nicht sein! Alles in ihm bäumte sich gegen diesen Gedanken auf.

„So einfach wird das nicht sein“, sagte er und zwang sich, ruhig zu bleiben. „Der Karawanenboss weiß, dass ich als Scout bestimmt bin. Er wird keinen x-beliebigen anderen Mann als Kundschafter und Führer einstellen.“

„Doch, er wird! Er muss es ja, wenn Sie morgen nicht auftauchen. Und dann wird Clem Brackett zur Stelle sein und Ihren Job übernehmen. Es wird alles ganz reibungslos verlaufen, Chester, glauben Sie mir.“ Grat Rushton sprach mit überzeugter Selbstsicherheit.

Und wieder wanderten Davys Gedanken zu den Männern hin, die sich morgen bei Tagesanbruch auf dem Frachthof der Drawford & Billing Companie zum Aufbruch rüsten würden. Sie konnten diesen Aufbruch nicht verschieben, das wusste er. Sie würden sich nicht die Zeit nehmen können, nach ihm zu forschen. Sie waren wirklich gezwungen, so rasch wie möglich einen anderen Scout zu nehmen und loszuziehen. Denn in Santa Fe und in Fort Union, New Mexiko, wartete man schon auf sie - wartete man auf die frischen Lebensmittel, die der Treck nach den langen Wintermonaten bringen würde, und vor allem auf die neuen Repetiergewehre, die den ständigen Kampf gegen aufständische und räuberische Indianerhorden erleichtern würden. Und keiner der Fuhrleute würde ahnen, dass zwei skrupellose Verbrecher einen bösen Plan ausgeheckt hatten, der dem Wagenzug das Verderben bringen sollte. Clem Brackett schob sich wieder heran. Er hielt die Lampe in der Rechten.

„Nun, Grat, jetzt wird es aber wirklich Zeit!“

Rushton trat zurück und nahm seinen Blick von dem gefesselten Scout.

„Du hast recht, Clem“, sagte er.

„Weißt du schon, wie wir es machen sollen?“, fragte 'Brackett. „Den Colt willst du ja nicht nehmen.“

„Nein, das auf keinen Fall. Ich weiß eine andere Möglichkeit - eine wesentlich bessere, Clem!“

„Lass hören!“

„Du wirst schon sehen. Los, bring’ Chester ins Freie! Dann sehen wir weiter.“ Er nahm Brackett die Lampe aus der Hand und ging voran. Clem Brackett bückte sich nieder und zerrte Davy hinterher. Der Gefesselte biss die Zähne zusammen, als er hart gegen die kantige Schwelle stieß.

Am Stand der Sterne konnte er sehen, dass die Nacht schon weit vorangeschritten war. Er musste also ziemlich lange bewusstlos gewesen sein.

„Bind ihm die Füße los!“, sagte Rushton. „Er soll ruhig stehen können.“

Brackett gehorchte. Und Davy richtete sich mühsam auf. Sie standen jetzt zu dritt dicht am Ufer des Missouri. Aus geschälten Baumstämmen war ein Kai gezimmert worden. Mehrere Boote waren daran festgemacht. Etwas stromabwärts lag ein großer Schaufelraddampfer vertäut. Er sah aus wie ein gewaltiges, pechschwarzes Tier, das aus dem Wasser emporgetaucht war, um einen Blick auf die Stadt zu werfen. Breit und ruhig floss der Missouri dahin. Das Mondlicht zauberte silberne Bahnen auf die dunklen Fluten. Einige Plankenstege ragten wie dünne Finger vom Kai aus im den Fluss hinein. Auch an ihren Pfosten waren Boote festgebunden. Das Wasser gluckste und plätscherte leise, und die Kähne schaukelten sanft im leichten Wellengang. Manchmal knarrte es, wenn Holz gegen Holz rieb.

„Willst du ihn in den Fluss werfen?“, fragte Brackett ungeduldig. Er kümmerte sich nicht darum, dass Davy direkt neben ihm stand. Es klang, als frage er wegen irgendeiner alltäglichen Angelegenheit.

„Nein“, erwiderte Rushton. „So nahe am Ufer ist das nicht gut. Ich möchte vermeiden, dass er durch irgendeinen Zufall vorzeitig gefunden wird. Er soll verschwinden, Clem - richtig verschwinden, verstehst du?“

„Aber wie?“

„Wir bringen ihn in den Fluss hinaus“, sagte Rushton und wies auf die Mitte des Stromes.

Davy warf einen Blick auf die Stadt zurück. In manchen Fenstern waren die Lichter bereits verlöscht. Schwache Geräusche wehten zum Flussufer her. Nirgends war ein Mensch zu sehen. Die nächsten Häuser waren nicht weit entfernt. Davy überlegte kurz, ob er nicht versuchen sollte, einfach davonzurennen - jetzt, da man seine Fußfesseln gelöst hatte. Aber es war klar, dass die Banditen dann schießen würden - und sie würden ihn treffen. Daran gab es keinen Zweifel.

Ehe er zu weiteren Überlegungen kam, fasste ihn Grat Rushton hart am Oberarm.

„Los, Chester! Vorwärts!“

Sie gingen auf einen schmalen Kahn zu, der mit einem Seil am Kai festgebunden war. Brackett sprang hinein und griff nach den Rudern.

„Jetzt Sie, Chester!“, bestimmte Rushton und gab dem Scout einen Stoß. Davy musste springen, wenn er nicht kopfüber ins Wasser stürzen wollte. Das Boot schaukelte heftig, aber Clem Brackett hielt das Gleichgewicht. Dann stieg Rushton ein und band den Kahn los.

Brackett wollte die Ruder ins Wasser tauchen.

„Einen Moment, Clem!“, sagte Rushton schnell. Er zog ein zweites kleines Boot heran und band es am Heck des Kahnes fest.

„Wozu brauchst du das zweite Boot?“, fragte Brackett erstaunt.

Grat Rushton lächelte .kalt.

„Du wirst schon, Clem!“

Er gab das Zeichen zum Losrudern, und Brackett stieß den Kahn von dem Balkenkai ab. Seine Ruderschläge waren kraftvoll und gleichmäßig. Sie kamen rasch voran. Die Soglinie hinter ihnen gleißte wie Silber im fahlen Mondlicht. Der Bug des leeren Kahnes hob und senkte sich.

Davy Chester sprach kein Wort. Er hatte die Lippen zusammengepresst und saß zwischen den beiden Banditen in der Bootsmitte. Sein Blick schweifte über den nächtlichen Strom hin - diesen Strom, der wahrscheinlich sein Grab werden sollte. Die hölzerne Kaimauer blieb hinter ihnen zurück. Die Kähne, die dort vertäut waren, wirkten wie Spielzeugschiffchen. Nur der dunkle, stille Schaufelraddampfer stromabwärts sah noch immer wie ein urweltliches Ungeheuer aus. Die Lichter der Stadt waren wie glimmende Augen. Dort gab es Wärme, Sicherheit und Leben. Dort war nichts von dem kühlen Todeshauch zu spüren, der über dem nächtlichen Missouri zu liegen schien.

Davy schaute die beiden Männer an. Sie wirkten völlig ruhig. Irgendwie kam Davy seine Lage plötzlich äußerst unwirklich vor. War das möglich, dass ihn diese beiden Männer, die mit ihm im gleichen Boot saßen, kaltblütig ermorden wollten? Er dachte wieder an den verbrecherischen Plan, den ihm Grat Rushton erläutert hatte. Er war der einzige Mann, der von diesem Plan wusste - schon deshalb würde es kein Überleben für ihn geben.

„Du kannst anhalten, Clem!“, sagte die harte Stimme Grat Rushtons in das Platschen der Ruderschläge und das Glucksen des Wassers hinein. Sie befanden sich jetzt ungefähr in der Strommitte. Brackett hielt das Boot auf einem Fleck, indem er mit kurzen Ruderschlägen verhinderte, dass der Kahn von der Strömung abgetrieben wurde.

„Was jetzt, Grat?“, fragte er.

Rushton schaute den Scout an. Dann stieg er wortlos in das zweite Boot hinüber und griff nach den Rudern, die darin lagen. Mit kräftigen Hieben begann er gegen die Bootswand zu hämmern. Nach einer Weile war das Knirschen und Splittern von Holz zu hören. Rushton richtete sich auf und ein kaltes Grinsen lag auf seinen schmalen Lippen. Wieder schaute er Davy an, sagte aber kein Wort. Dann warf er die beiden Ruder, die zu dem zweiten Kahn gehörten, in weitem Bogen in den Fluss hinein. Die Strömung riss sie davon. Sie verschwanden im der Nacht.

„Ihre Höllenfahrt kann beginnen, Chester“, sagte Rushton ruhig und stieg wieder herüber.

Brackett bewegte unablässig die Ruder, damit das Boot nicht abgetrieben wurde.

„Du hast das Boot leckgeschlagen, Grat?“

„Genau!“

„Und du willst ihn in diesem Boot absaufen lassen?“

„Du solltest es nicht so derb ausdrücken, Clem. Aber richtig ist es schon.“

„Ich verstehe!“, nickte Brackett. „Bis das Boot sinkt, hat die Strömung es zur Stadt hinausgetragen, nicht wahr? Man wird seine Leiche also nicht so schnell finden - wenn man sie überhaupt findet.“

Davy konnte nicht verhindern, dass ein kalter Schauder über seinen Rücken lief. Er hatte nie gedacht, dass er einmal auf solch schlimme Art würde umkommen müssen - in einem leckgeschlagenen Kahn auf dem nächtlichen Missouri. Er fühlte ein Würgen in der Kehle.

„Ein guter Plan, nicht wahr, Chester?“, sagte Grat Rushton zu ihm.

Davy spuckte aus und traf den Verbrecher genau auf die Stiefelspitze. Zum ersten Mal zerbrach die Kühle auf Rushtons Falkengesicht. Wilder Hass glühte sekundenlang in den Augen des Banditen auf. Dann hatte sich der Mann, den die Comanchen Teiokepeh nannten, wieder gefasst.

„Es liegt bei Ihnen“, sagte er kühl, „wenn Sie bis zum Schluss den Helden spielen wollen, Chester.“ Er rückte etwas zur Seite und sagte scharf: „Los, steigen Sie in das andere Boot hinüber!“

Davy zögerte. Das Pochen in seinen Schläfen verstärkte sich zu einem wuchtigen Dröhnen. Sein Mund war wie ausgetrocknet. Trotz der Nachtkühle war ihm heiß. Wieder versuchte er, die Fesseln zu lockern. Es gelang nicht.

„Los, los!“, drängte Rushton.

Davy stand auf. Das Boot schwankte. Grimmige Verzweiflung erfasste ihn. Bilder der Erinnerung tauchten vor ihm auf - Bilder aus dem Leben, das hinter ihm lag, diesem rauen Leben in den Weiten des Westens. Und er sah ein schmales, zauberhaft schönes Mädchengesicht vor sich. Wie lange war es schon her, dass er dieses Gesicht nicht mehr gesehen hatte? Wenn er den Trail nach Santa Fe geführt hätte, wäre er zu ihr zurückgekehrt - für immer! Jetzt sollte es nicht mehr möglich sein!

Plötzlich wusste er, dass er irgendwie handeln würde. Er war gefesselt und hatte keine Möglichkeit, sich zu retten. Aber er würde es diesen gnadenlosen Verbrechern nicht so leicht machen. Er würde ...

Er kam zu keinen weiteren Gedanken. Grat Rushton war plötzlich dicht neben ihn getreten. Und ehe Davy den Kopf zur Seite reißen konnte, krachte ihm Rushtons Revolverlauf quer über die Stirn. Zum zweiten Mal in dieser Nacht brach Davy Chester bewusstlos zusammen.

image
image
image

2. Kapitel

image

Im Mannschaftshaus der Drawford & Billing Companie, wo die Frachtwagenfahrer untergebracht waren, war es bereits still geworden. Die Männer lagen in ihren Schlafkojen und versuchten zu schlafen. Morgen, in aller Frühe, mussten sie auf den Beinen sein. Dann würde wieder eine jener harten, langen, zermürbenden Fahrten nach Westen beginnen - eine dieser Fahrten über den Santa Fe-Trail, der in die Geschichte des amerikanischen Westens eingehen sollte.

Joel Wyndham trat an den klobigen Tisch in der Mitte des Unterkunftsraumes und bückte sich zur Petroleumlampe nieder, um die Flamme auszublasen. Joel Wyndham war der Boss des Wagenzuges, der morgen losrollen würde. Er war ein großer, breitschultriger Mann - ein wahrer Hüne von Gestalt. Prall spannte sich sein abgenutztes Hemd über die muskelbepackten Oberarme und der breiten Brust. Es gab kein überflüssiges Gramm Fett an diesem wuchtigen Körper - nur Knochen und Sehnen und Muskeln. Irgendwie wirkte er wie ein Bisonbulle - dieser große, breite Mann. Er besaß flachshelles, dünnes Haar und helle Augen in einem offenen Gesicht. In dem Augenblick, da er die Petroleumlampe ausblasen wollte, wurde die Türe geöffnet. Ein schmales, dunkelbraunes Gesicht erschien in dem Spalt. Und eine Stimme mit unverkennbar mexikanischem Akzent sagte: „Hallo, Boss! Es ist gut, dass du noch nicht schläfst.“

„Was ist los, Rodrigo?“

Eine schlanke, mittelgroße Gestalt schob sich durch die Türe herein. Der Kleidung nach unterschied sich Rodrigo Alvarez nicht von den anderen Frachtfuhrleuten der Drawford & Billing Companie. Aber auf seinem Kopf saß ein mächtiger, wagenradgroßer Sombrero - mit bestickter Krempe und hoher, spitzer Krone. Der Sombrero sah ganz neu aus und schien direkt aus Mexiko gekommen zu sein.

„Man will dich sprechen“, sagte Rodrigo Alvarez und blieb vor der Türe stehen. Er sprach leise, um die Männer, die bereits schliefen, nicht zu wecken.

Mit schweren Schritten ging Wyndham auf ihn zu.

„Mich sprechen? Um diese Zeit?“

„Si!“, nickte Alvarez. „Und du wirst dich erst wundern, Jefe, wenn du erfährst, mit wem du die Ehre haben wirst.“ Er lächelte und zeigte dabei eine Reihe tadelloser blitzender Zähne. Seine schwarzen Augen funkelten. Joel Wyndham blieb vor ihm stehen.

„Nun, red’ schon, Rodrigo!“

„Sie wartet draußen, Jefe!“, lächelte der Mexikaner. „Sie sagt, es sei sehr wichtig.“

Wyndham hielt den Atem an.

„Sie?“, stieß er heiser hervor. „Sie ... sagst du?“

„Gewiss!“, nickte Alvarez. „Jung, schön - eine bezaubernde Señorita!“

Wyndhams breitflächiges Gesicht lief rot an.

„Du willst mich wohl zum Narren machen, Rodrigo, was?“ Er musste sich dazu zwingen, nicht laut loszubrüllen - mit Rücksicht auf die Schläfer. Rodrigo Alvarez zuckte die Achseln.

„Überzeuge dich selbst, Boss! Es ist wirklich eine Muchacha - ich lüge nicht!“

Joel Wyndham beugte sich vor.

„Du hast doch nicht getrunken, Rodrigo, heh?“

„Getrunken? Aber Jefe! Du weißt doch, dass ich Wache bei den Wagen halte. Hast du mich schon einmal während der Wache betrunken gesehen?“

Der Frachtwagenboss schnaufte heftig.

„Es ist gut, Rodrigo“, brummte er. „Du brauchst nicht beleidigt zu sein.“

„Bueno!“, nickte Rodrigo. „Aber du darfst die Señorita nicht warten lassen. Ich ... nun, ich glaube, sie ist eine sehr feine Dame.“

„Hat sie gesagt, was sie will?“, fragte Wyndham heiser und knöpfte sein Hemd zu.

„Si, si!“, lächelte Alvarez mit blitzenden Zähmen. ,,Sie hat es gesagt: Sie will dich sprechen, Jefe!“

„Zum Teufel mit dir!“, grollte Wyndham. Er schob den Mexikaner aus der Türe.

„Wo ist sie denn, diese komische Lady, die mich mitten in der Nacht sprechen will, heh, Rodrigo? Ich bin schon neugierig ...“ Er schluckte und begann zu husten.

Keine drei Schritte von ihm entfernt hatte sich eine schmale Gestalt aus dem Schatten des Gebäudes gelöst. Das Lampenlicht, das durch die offene Türe ins Freie flutete, traf sie wie ein goldener Strom. Sie trug ein helles Reisekostüm und hatte das Haar aufgesteckt. Es war kastanienbraun und besaß im Lampenlicht einen dunkelroten Schimmer. Das Gesicht war oval und feingeschnitten, die Lippen rot und voll wie reife Früchte, und die Augen - die klaren, veilchenblauen Augen - waren das Schönste, das Joel Wyndham je gesehen hatte. Er stand wie versteinert.

„Madam!“, brach es schließlich heiser über seine trocken gewordenen Lippen. „Madam, ich habe ... ich meine ... es ist ... ich verstehe nicht ...“

Sie lächelte - und dieses Lächeln machte ihr Gesicht noch schöner. Sie kam näher, und Joel Wyndham, der raue, riesenstarke Mann der freien Prärie, war fast erschrocken, als er den Duft des Parfüms spürte, der von ihr ausströmte. Ein Anblick und ein Duft aus einer Welt, die für Joel Wyndham bis zu dieser Minute stets etwas Unwirkliches gehabt hatte.

„Sie sind Mister Wyndham, nicht wahr?“ Ihre Stimme klang leise und melodisch. Sie schaute ihn voll an. Nichts von Schüchternheit oder Überheblichkeit war an ihr zu bemerken. Rodrigo Alvarez hatte recht gehabt: Sie war eine feine Dame! Aber doch war sie anders als die Ladys in den Städten, die Joel Wyndham bisher nur von Ferne gesehen hatte. Irgendetwas Frisches, Festes, das der hünenhafte Frachtwagenboss nicht recht erklären konnte, strahlte unsichtbar von ihr aus. Und doch war vielleicht diese Ausstrahlung, die nichts mit ihrer vornehmen Kleidung, dem Duft ihres Parfüms und ihrem Aussehen zu tun hatte, ein wichtiger Bestandteil ihres eigentlichen Wesens.

„Ja!“, nickte Wyndham krampfhaft. „Ja, mein Name ist Wyndham. Was darf es sein ... ich meine, was wollen Sie ...?“ Er geriet wieder ins Stottern und brach ab.

„Ich habe erfahren, dass Sie der Boss der Karawane sind, die morgen nach Santa Fe aufbricht“, sagte das Mädchen. „Und deshalb wollte ich Sie sprechen. Übrigens: Mein Name ist Medary, Shirley Medary.“

„Freut mich“, sagte Wyndham eilig. „Freut mich wirklich, Madam, Sie kennenzulernen.“ Er versuchte eine Verbeugung. Aber sie schien nicht gerade vollendet auszufallen, denn in den veilchenblauen Augen des Mädchens blitzte es amüsiert auf, und aus der offenen Türe ertönte Rodrigo Alvarez’ leises Lachen. Wie von einer Wespe gestochen, fuhr Joel Wyndham herum.

„Rodrigo!“. schnaufte er. „Verschwinde! Hast du vergessen, dass du Wache im Wagenhof hast?“

„Si, Jefe!“, nickte der Mexikaner. „In Ordnung - ich gehe schon.“ Er kam aus der Türe und klappte sie zu. Dann zog er mit flüssiger Grandezza seinen riesigen Sombrero, verbeugte sich leicht und sagte dunkel: „Buenas noches, Señorita!“ Dann verschwand er im Schatten.

Joel Wyndham starrte mit geballten Fäusten hinter ihm her. Dann drehte er sich mit einem Ruck wieder dem Mädchen zu. Er war froh, dass das Licht nicht mehr aus dem Schlafhaus fiel und Shirley Medary sein dunkelrotes Gesicht nicht sehen konnte.

„Ich kann verstehen, Mister Wyndham, dass Sie überrascht sind. Aber es ist wirklich sehr wichtig. Ich konnte nicht früher kommen. Ich hatte erst nachmittags davon erfahren, dass morgen eine Karawane aufbricht, und es dauerte ziemlich lange, bis ich Sie ausfindig machen konnte.“ An ihrer Stimme war zu erkennen, dass sie nicht mehr lächelte. Sie war plötzlich sehr ernst. Und etwas Schweres, Bitteres schwang in ihrem Tonfall. Allmählich ebbte Joel Wyndhams Unsicherheit etwas ab.

„Ich kann Sie leider nicht hineinbitten, Miss Medary“, sagte er rau. „Es ist ein Mannschaftshaus, und die Männer schlafen bereits.“

„Was ich zu sagen habe, kann auch hier gesagt werden“, erklärte das Mädchen leise. „Ich werde Sie nicht lange aufhalten, Mister Wyndham. Außerdem wartet mein Kutscher an der nächsten Straßenecke auf mich.“

„Sie wollen mich wegen des bevorstehenden Trails sprechen?“, fragte der Treckboss.

„Ja“, bestätigte Shirley Medary. „Es ist der erste Trail in diesem Jahr, der nach Westen geht, nicht wahr? Nun, ich will es kurz machen: Ich möchte so rasch wie möglich nach Santa Fe kommen. Und deshalb wollte ich Sie fragen, Mister Wyndham, ob ich mich Ihrem Wagenzug anschließen darf.“

Joel Wyndhams Augen wurden weit. Zwei Sekunden verstrichen, im denen kein Wort fiel. Dann sagte Wyndham heiser: „Ist ... ist das Ihr Ernst, Madam?“

„Gewiss! Was ist daran so ungewöhnlich?“

„Ungewöhnlich!“, wiederholte Wyndham schnaufend. „Mein Gott, Madam! Ungewöhnlich – sagen Sie! Sie wollen wirklich mit meinem Wagenzug nach New Mexiko ziehen?“

„Ich sagte es doch schon“, antwortete das Mädchen ein wenig ungeduldig. „Es ist sehr wichtig für mich, dass ich so schnell wie möglich dorthin komme.“

„Madam!“, sagte Wyndham ernst und heiser. „Madam, der Trail ist 1800 Meilen lang - 1800 Meilen durch wildes, raues, unbewohntes Land - durch Land, wo Büffel, Mustangs und Indianer streifen. Das ist keine Spazierfahrt, Madam. Das ist ein Trail, wie es ihn härter nicht geben kann.“

Shirley Medary senkte den Kopf.

„Ich weiß. Ich habe darüber schon gehört.“

Joel Wyndham holte tief Atem.

„Und Sie sind allein?“, fragte er dann.

„Ja“, antwortete das Mädchen leise.

„Mein Gott!“, brummte Wyndham. Jetzt war er nicht mehr unsicher. Jetzt konnten ihn ihre Augen und der weiche Duft ihres Parfüms nicht mehr aus der Fassung bringen. Jetzt spürte er ihre Unsicherheit, und das gab ihm sein festes Auftreten wieder zurück.

„Miss Medary“, sagte er, „wenn wir morgen losziehen, dann sind wir sechsundvierzig Männer. Es ist keine einzige Frau darunter. Madam, es sind sehr raue Männer, die als Fuhrleute über den Santa Fe-Weg ziehen. Haben Sie sich das überlegt?“

Das Mädchen zögerte. Dann kam leise die Antwort: „Ich sehe keine andere Möglichkeit, um an mein Ziel zu kommen.“

Wyndham brannte die Frage auf der Zunge, was sie denn eigentlich so dringend im fernen Santa Fe zu schaffen habe - ein Mädchen ganz alleine, ohne Eltern, ohne Geschwister, ohne irgendeine Begleitung. Aber er beherrschte sich und drängte diese Frage zurück. Shirley Medary merkte, dass er zögerte.

„Sie brauchen gewiss nicht zu denken, dass ich Ihnen und Ihren Leuten irgendwie zur Last fallen werde“, sagte sie hastig. „Ich kann recht gut für mich selber sorgen. Sie brauchen sich ganz bestimmt nicht um mich zu kümmern, Mister Wyndham. Ich will nur mit Ihrer Karawane ziehen - sonst nichts.“

Joel Wyndham wiegte den Kopf.

„So einfach ist das nicht, Madam. Es gibt so viele Dinge auf dem Trail, die man nicht vorher berechnen kann.“

„Sie brauchen auch nicht umsonst ihre Einwilligung zu gaben, Mister Wyndham. Ich habe Geld und ...“

„Nein, nein, Madam!“, unterbrach sie der Treckboss. „Das spielt in diesem Falle gar keine Rolle. Ich will genauer werden, Miss Medary. Wir haben heiße Fracht - Gewehre für die Forts in New Mexiko. Und wir haben keine Kavallerie-Eskorte bekommen, wie ich gehofft hatte. Das Land ist unruhig. Man hört laufend von Indianerüberfällen. Wenn ich Soldaten dabei hätte, würde ich es vielleicht riskieren, Sie mitzunehmen, Madam. Aber ohne Eskorte kann ich es nicht wagen. Das müssen Sie verstehen, Madam. Es tut mir leid.“

„Sie brauchen sich nicht verantwortlich für mich zu fühlen“, versuchte es das Mädchen nochmals.

„Aber ich würde es tun!“, erwiderte Joel Wyndham ernst. „Jeder meiner Männer würde es tun. Nein, nein, Madam, so einfach ist es wirklich nicht.“

Eine Weile schwiegen sie. Die Art, wie sie den Kopf gesenkt hielt und wie sie vor ihm stand, berührte den flachsblonden Hünen bis tief ins Innerste. Wieder wurde er sich bewusst, dass sie gewiss einen sehr triftigen Grund haben musste, um sich überhaupt auf einen solchen rauen Trail einlassen zu wollen. Etwas sehr Bedeutsames schien sie wie ein Magnet nach dem fernen Santa Fe zu ziehen. Und er merkte, dass für sie nun vielleicht eine große Hoffnung zusammenbrach.

„Ist das Ihr letztes Wort, Mister Wyndham?“, fragte sie schließlich zögernd.

Er hörte das Schwanken ihres Tonfalls. Und trotz der Dunkelheit kannte er feststellen, wie verkrampft und angespannt ihre Haltung wirkte. Joel Wyndham fühlte, dass ihm plötzlich Schweißperlen auf der Stirn standen. Er wusste, wie schwer seine Antwort das Mädchen jetzt treffen würde. Aber dann dachte er an die endlosen Meilen, die ab morgen vor ihm und seinen Männern liegen würden - Meilen voller Härte und Gefahr. Und er sagte rau: „Es ist mein letztes Wort, Miss Medary! Es tut mir wirklich leid - glauben Sie mir!“

Einen Moment stand sie ganz still und unbeweglich. Dann drehte sie sich langsam ab.

„Es ist gut, Mister Wyndham. Entschuldigen Sie, dass ich Sie aufgehalten habe. Gute Nacht.“

„Madam!“, sagte der Karawanenboss heiser. „Es ist ...“ Er brach ab, als er sah, dass sie bereits davoneilte.

Tiefe Falten furchten seine Stirn.

„Gute Nacht!“, rief er hinter ihr her.

Seine Worte waren noch nicht verklungen, da hatte bereits die Nacht ihre schlanke Gestalt verschluckt ...

*

image

DAVY CHESTER SCHLUG die Augen auf und wunderte sich darüber, dass er überhaupt noch einmal in dieser schlimmen Nacht das Bewusstsein erlangte. Über sich sah er den hochgespannten, sternenfunkelnden Nachthimmel. Tiefe Stille war ringsum. Das leise Platschen von Wasser fügte sich harmonisch in dieses Schweigen ein. Davys sehniger Körper wurde steif und eiskalt. Er lag halb in kühlem Wasser. Und immer weiteres Wasser sickerte durch das kleine Leck in den Kahn herein, in dem der hirschledergekleidete Scout den dunklen Missouri hinabtrieb. Das Wasser schlug bereits über seinen ausgestreckten Beinen zusammen, spülte eisig gegen seine Hüften und seine Schultern und stieg ohne Unterlass.

Noch eine oder zwei Minuten - dann würde das kleine Boot voll sein und sinken.

Die alte Verzweiflung stieg wieder in Davy Chester auf. Die Verzweiflung eines Mannes, der ein ganzes Leben voller Hoffnungen vor sich gesehen hatte, und der sich nun dem nassen Tod verschrieben sah. Er dachte an die unbewegten, harten Gesichter der beiden Männer, die ihn in diese Lage gebracht hatten, und trotz des eiskalten Wassers fühlte er es heiß durch seine Adern rinnen.

Seine Augen waren wie gebannt auf das gezackte Loch gerichtet, das Grat Rushton mit der Ruderstange in die Bootswand geschlagen hatte. Immer mehr Wasser strömte herein. Der Kahn glitt ruhig und gleichmäßig dahin.

Davy riss seinen Blick von dem gefährlichen Leck los und versuchte, sich aufzurichten. Arme und Beine schmerzten. Er unterdrückte ein Stöhnen. Und dann schlug es plötzlich wie ein Blitz in sein Gehirn ein! Er war nicht mehr gefesselt! Er merkte es erst jetzt. Seine Arme und Handgelenke waren völlig gefühllos, und er hatte nicht unterscheiden können, ob er noch gebunden war oder nicht. Erst jetzt, da er sich mühsam hochstemmte, merkte er, dass er seine Hände frei bewegen konnte. Und sekundenlang hatte er das Verlangen, seinen Triumph gellend hinauszuschreien.

Schlagartig wurde ihm alles klar.

Die Verbrecher hatten ihm die Fesseln abgenommen, weil sie davon überzeugt gewesen waren, dass er gar nicht mehr zu sich kommen würde, bis das Boot sank. Und wenn man später irgendwie seine Leiche fand, würde alles wie ein Unfall aussehen - da er keine Fesseln mehr trug. So hatten Grat Rushton und Clem Brackett ganz gewiss gerechnet. Aber sie hatten sich verrechnet.

Davy Chester war früher aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht, als die Banditen angenommen hatten. Und er wusste auch warum: Das eisige Wasser war daran schuld. Das eisige Wasser hatte seinem Körper einen Schock versetzt und ihn aus seiner Besinnungslosigkeit gerissen. Und das hatten die beiden skrupellosen Banditen nicht einkalkuliert.

Davy richtete sich hastig auf. Das Boot schwankte leicht. Das Wasser stieg immer weiter. Es reichte dem Manne bereits bis dicht unter die Knie. Noch höchstens eine Viertelminute - und der Kahn würde unter ihm wegsinken und in die Tiefe des Missouri Rivers hinabtauchen.

Davy ließ rasch den Blick in die Runde schweifen. Die gelben Lichter von Westport blinkten weiter stromaufwärts. Er war also von der Strömung schon aus dem Bereich der Stadt herausgetrieben worden. Der Kahn befand sich ungefähr in der Mitte des Flusses. Der Missouri war hier breit, sehr breit, und die Ufer schienen entsetzlich weit weg zu sein. Baum- und Buschgruppen hoben sich als tintenschwarze Flecken und Ballen aus der Nacht hervor. Der Vollmond blinzelte durch das Geäst einer uralten, mächtigen Sykomore. Der Fluss war leer und still. Und immer weiter trieb das Boot nach Osten. Das Leck in der Plankenwand lag bereits unter dem Wasser. Und nur das fortwährende Steigen des Wasserspiegels sagte dem einsamen Manne, dass die Flut immer noch hereindrängte.

Davy zögerte nicht mehr. Mit einem hastigen Griff zur Hüfte hin überzeugte er sich, dass die Banditen ihm den alten, schweren Patterson Colt abgenommen hatten. Er brauchte also nicht auf die Waffe zu achten. Mit voller Wucht stieß er sich mit beiden Beinen gleichzeitig ab und hechtete in den Strom hinein. Hinter sich hörte er ein dumpfes Gurgeln. Die Heftigkeit seines Absprunges hatte das Boot tief ins Wasser hineingedrückt, und wahrscheinlich schlossen sich jetzt schon die Fluten über dem Kahn, der ihn beinahe in den Tod getragen hätte.

Davy blickte nicht mehr zurück. Mit kräftigen Stößen schwamm er auf das Ufer zu, wo Bäume und Sträucher wie starre Gespenster vor dem sternenfunkelnden Firmament standen. Das Wasser umschloss seinen Körper wie eine eisige Faust. Er spürte, wie mächtig die Strömung war, und er kämpfte wild dagegen an. Er hatte vorhin seine Chance erhalten, eine Chance, die wie ein Wunder war, und jetzt wollte er nicht mehr verlieren. Das Bild des Mädchens stand vor seinen Augen, das er liebte. In St. Louis hatte er sie kennengelernt - vier Monate war das schon her, vier lange Monate. Und während dieser Zeit war er ständig entschlossen gewesen, zu ihr zurückzukehren. Wenn der Trail nach Santa Fe hinter ihm lag, dann sollte es geschehen. Und dieser Gedanke gab ihm Kraft. Dieser Gedanke vertrieb die Müdigkeit und die Schmerzen aus seinen Gliedern.

Er biss die Zähne zusammen und kämpfte gegen den Strom.

Seine Kleidung war vollgesogen vom Wasser und behinderte ihn. Er konnte nicht verhindern, dass er ständig abgetrieben wurde. Die Strömung war zu stark. Aber er kam vorwärts - wenn es ihm auch schrecklich langsam schien. Er hatte das Gefühl, als würde das bewaldete Ufer überhaupt nicht näher rücken. Aber er gab nicht auf.

Einmal warf er einen kurzen Blick zurück. Der Strom hinter ihm lag leer und dunkel. Von dem kleinen Boot war längst nichts mehr zu sehen. Durch das Sykomorengeäst warf der Vollmond ein paar dünne Silberstreifen auf die Flut. Davy drehte den Kopf wieder nach vorne. Und noch während dieser Bewegung sah er etwas Dunkles, Großes den Missouri herabkommen - direkt auf ihn zu. Es musste ein Baumstamm oder eine Holzplanke sein. Davy nahm sich nicht die Zeit, das genau festzustellen. Er hatte die Gefahr erkannt, die ihm drohte. Wenn er gerammt wurde, dann konnte das den Tod bedeuten!

Er verdoppelte seine Anstrengung. Er versuchte, aus dem Bereich des herantreibenden Stammes zu kommen. Aber das Treibgut war schon zu nahe, und die heftige Strömung ließ kein schnelleres Vorwärtskommen zu. Wie ein dunkles, unförmiges Ungeheuer kam es auf Davy zugeschossen.

Der Scout sog tief die Luft ein und tauchte.

Irgendetwas Schweres streifte über ihn hinweg. Er tauchte auf, schüttelte prustend den Kopf und sah den Baumstamm wenige Yards von sich stromabwärts durch einen der schmalen Mondlichtstreifen schwimmen. Der Wunsch überkam Davy, sich jetzt auszuruhen, die Augen zu schließen und von nichts mehr zu wissen. Ein grimmiges Lächeln verzog flüchtig seine festgefügten Lippen. In dieser Nacht würde es wahrscheinlich überhaupt keine Ruhe mehr für ihn geben. Er dachte an den verbrecherischen Plan, den ihm Grat Rushton erklärt hatte. Nur er konnte die Fuhrleute der Drawford & Billing Companie warnen - nur er allein. Und auch deshalb musste er den Kampf gegen den mächtigen Fluss gewinnen. Noch in dieser Nacht musste er in die Stadt zurück und seinen Freund Joel Wyndham warnen. Morgen würde es zu spät dazu sein. Morgen würden die Planwagen bereits nach Westen zu über die Prärie rollen.

Die Strömung war plötzlich nicht mehr so heftig. Das Wasser wurde seichter. Davy kam schneller voran. Trotz der Kälte des Wassers glühten seine Schläfen. Plötzlich bekam er Sand unter seine Füße - eine Sandbank, die bis zu den Bäumen am Ufer hin verlief.

Er atmete tief ein und watete stolpernd voran. Gleich darauf langte er zwischen den Büschen und Bäumen an. Laub streifte raschelnd sein Gesicht. Er blickte auf den Fluss zurück und konnte es kaum fassen, was in dieser Nacht alles geschehen war. Dann suchten seine Augen die Lichter der Stadt. Er ballte die Hände, als er feststellte, wie weit sie entfernt waren. Der Strom hatte ihn weiter abgetrieben, als er gedacht hatte. Er zog fröstelnd die Schultern hoch. Das Wasser tropfte von seiner Lederkleidung. Er durfte nicht länger reglos stehen. Er musste sich Bewegung verschaffen, um sich wenigstens einigermaßen zu erwärmen. Und es würde genug Bewegung geben für ihn in den kommenden Stunden. Das dachte er bitter, als er die Entfernung zur Stadt abschätzte.

Er winkelte die Arme leicht an und setzte sich in Bewegung - federnd und kraftvoll. Es war nicht zu erkennen, dass er eben noch verzweifelt und wild und voller Anstrengung gegen den Missouri gekämpft hatte.

Die Worte Grat Rushtons klangen in seinen Ohren. Und die Frage quälte ihn, ob er es schaffen würde, rechtzeitig nach Westport zu kommen, um die Frachtfahrer zu warnen ...

*

image

JOEL WYNDHAM STAND alleine im Unterkunftsraum der Frachtwagenmannschaft und blickte durch das Fenster auf die Straße hinaus. Der Morgen war fahl über den Dächern von Westport her aufgezogen. Aber noch war kein Mensch im Freien zusehen. Joel Wyndhams helle Augen suchten vergeblich nach dem Reiter, auf den er wartete.

Ein Klopfen an der Türe ließ Wyndham den Kopf wenden.

„Herein!“ Ein hoffnungsvoller Unterton schwang in seiner Stimme. Ein stämmiger Mann mit eckigem Gesicht trat ein. Er besaß nur ein Auge, und zwar das rechte. Über die leere, linke Augenhöhle hatte er eine schwarze Klappe gebunden. Irgendwie verlieh ihm das ein wildes, piratenartiges Aussehen. Seine Kleidung war mit vielen Flicken besetzt.

„Hallo, Amb!“, sagte Joel Wyndham etwas enttäuscht. „Was gibt es denn?“

Amb Nicolsons Stimme glich dem Brummen eines wütenden Bären. Aber das war so seine Art zu sprechen. Joel Wyndham wusste das.

„Boss!“, knurrte Nicolson bissig. „Die Wagen stehen zur Abfahrt bereit. Wir können aufbrechen.“

Wyndham drehte sich wieder dem Fenster zu.

„Davy ist noch nicht hier“, sagte er dumpf.

„Was?“, brummte Nicolson heiser. „Dreimal verdammt - er weiß doch, dass wir heute aufbrechen.“

„Allerdings!“, nickte Wyndham rau. „Ich verstehe das nicht.“

„Was soll ich den Männern sagen?“, fragte Amb Nicolson. „Die warten schon alle.“

„Eine halbe Stunde“, sagte Wyndham gepresst. „Eine halbe Stunde geben wir noch zu.“

„Dreimal verdammt!“, knurrte Nicolson. „Du machst dir Sorgen um ihn, heh?“

Joel Wyndham antwortete nicht, sondern starrte weiterhin suchend auf die Straße hinaus.

„Er wird schon noch kommen“, murrte Nicolson. „Es gibt viele Dinge, die einen Mann aufhalten können - dreimal verdammt!“

Wyndham drehte sich halb um.

„Amb!“, sagte er unwillig. „Du solltest dir endlich dieses ständige Fluchen abgewöhnen!“

Nicolsons eckiges Gesicht verzog sich.

„Hab’ ich schon einige Male versucht, Boss. Aber ich schaffe es nicht - dreimal verdammt!“

Joel Wyndham seufzte tief auf. Amb Nicolson zuckte mürrisch die Schultern und wollte sich abwenden. In diesem Augenblick wurde erneut an die Tür geklopft.

„Dreimal verdammt!“, stieß der stämmige, einäugige Frachtfahrer hastig hervor. „Vielleicht ist er das!“

„Herein!“, rief Joel Wyndham und drehte dem Fenster den Rücken zu. Wieder zeigte seine Miene offene Enttäuschung, als es nicht Davy Chester war, der in den Schlafraum trat. Es war ein Fremder - mittelgroß, drahtig, schwarzhaarig und mit dunklen Augen. Er trug fransenverzierte Hirschlederkleidung und hatte eine langläufige Rifle über der Schulter hängen. Er keuchte etwas, als er die Türe hinter sich schloss.

„Guten Morgen!“, sagte er. „Ich bin froh, dass ich nicht zu spät komme. Ich bin hart geritten.“

„Hallo, Fremder!“, grüßte Joel Wyndham. „Wer sind Sie?“

„Mein Name ist Clem Brackett. Ich suche den Boss des Trecks, der sich draußen zum Aufbruch gesammelt hat.“

Wyndham zog die Augenbrauen zusammen.

„Das bin ich“, erklärte er knapp. „Mein Name ist Wyndham.“

Clem Brackett nickte zufrieden.

„Mein Freund schickt mich“, sagte er schnell. „Er sagte ...“

„Ihr Freund? Wer ist das?“

„Davy Chester!“, antwortete Brackett, ohne die Miene zu verziehen.

„Davy?“

Joel Wyndham und der einäugige Amb Nicolson riefen es gleichzeitig.

„Was ist mit ihm?“, setzte der Wagenboss hastig hinzu. „Wir warten bereits auf ihn.“

„Er wird nicht kommen“, sagte Brackett. ,,Deshalb hat er mich geschickt.“

Wyndham ging mit langen, schweren Schritten quer durch den Raum und blieb dicht vor dem schwarzhaarigen Mann stehen.

„Ist das Ihr Ernst?“

„Aber gewiss doch!“

„Dreimal verdammt!“, brummte Nicolson betroffen.

Details

Seiten
180
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738915136
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
harter trail santa

Autor

Zurück

Titel: Harter Trail nach Santa Fe