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Gangster, Killer und ein Mädchen

©2017 180 Seiten

Zusammenfassung

Gangster, Killer und ein Mädchen
Kriminalroman von Theodor Horschelt

Der Umfang dieses Buchs entspricht 215 Taschenbuchseiten.

Es fing so harmlos an ... Gerade deshalb, Jungs, muss ich euch warnen. Dieses ist die tollste Geschichte, die ich seit langer Zeit erlebt habe. Nehmt diesen Schmöker hier, in dem ich euch die Geschichte erzähle mit ins Bett. Meine Nerven waren zu Anfang auch noch ganz prima. Ja, zu Anfang! Die Sache fing richtig blöd an: mit Whisky im Bauch und keinem Taxi weit und breit. Und sie hörte mit viel Blut, mit viel Tränen, viel Schweiß und Pulverdampf auf. Ich habe — außer im Kriege — noch nie so viele Leute hintereinander sterben sehen wie in diesen paar Tagen da in New York.

So, vor dem Anfang und vor dem Ende seid ihr gewarnt. Und das Stück dazwischen, die drei oder vier Tage, waren wahrhaftig nicht besser: Schlägereien, Schießereien, Erpressungen, Entführungen, nein, ich kann's nicht aufzählen. Es war zu viel, besonders wenn ich daran denke, dass mir sogar die Liebe begegnete ... Und wie alles kam? Wir gerieten, ohne es zu wollen, in den Kampf zweier großer Gangsterbanden. Und die führten ihren privaten Krieg wie in den Zeiten der 20er Jahre in Chicago. Es ging um genau eine Million Dollar.

Und dabei fing alles so harmlos an ...

Leseprobe

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Gangster, Killer und ein Mädchen

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Kriminalroman von Theodor Horschelt

Der Umfang dieses Buchs entspricht 215 Taschenbuchseiten.

Es fing so harmlos an ... Gerade deshalb, Jungs, muss ich euch warnen. Dieses ist die tollste Geschichte, die ich seit langer Zeit erlebt habe. Nehmt diesen Schmöker hier, in dem ich euch die Geschichte erzähle mit ins Bett. Meine Nerven waren zu Anfang auch noch ganz prima. Ja, zu Anfang! Die Sache fing richtig blöd an: mit Whisky im Bauch und keinem Taxi weit und breit. Und sie hörte mit viel Blut, mit viel Tränen, viel Schweiß und Pulverdampf auf. Ich habe — außer im Kriege — noch nie so viele Leute hintereinander sterben sehen wie in diesen paar Tagen da in New York.

So, vor dem Anfang und vor dem Ende seid ihr gewarnt. Und das Stück dazwischen, die drei oder vier Tage, waren wahrhaftig nicht besser: Schlägereien, Schießereien, Erpressungen, Entführungen, nein, ich kann's nicht aufzählen. Es war zu viel, besonders wenn ich daran denke, dass mir sogar die Liebe begegnete ... Und wie alles kam? Wir gerieten, ohne es zu wollen, in den Kampf zweier großer Gangsterbanden. Und die führten ihren privaten Krieg wie in den Zeiten der 20er Jahre in Chicago. Es ging um genau eine Million Dollar.

Und dabei fing alles so harmlos an ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover by Klaus Dill,2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1. Kapitel: Die einsame Straße

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Besonders interessant fing diese Geschichte, die ich euch da heute erzählen will, wahrhaftig nicht an. Sie fing damit an, dass eine Straße leer und dunkel war, so leer wie mein Schädel. Kein Taxi weit und breit. Meine Stimmung war flau. Obwohl ich noch den Whiskygeschmack auf der Zunge hatte, kaute ich nur noch auf meiner bitteren Laune herum.

Jimmy ging es wesentlich besser, denn der wusste schon längst nicht mehr, dass es überhaupt Taxis auf der Welt gab. Und Jimmys Schädel war bestimmt nicht leer, sondern mit Whiskydunst und angenehmen Vorstellungen angefüllt. Wie er da neben mir hertorkelte und vor sich hin grinste, konnte man ihm ansehen, dass das ganze Leben und die Zukunft ihm rosarot erschienen.

Der New Yorker Mond verzog sich halb nachsichtig und halb angewidert hinter einer Wolke.

Dann war die Straße nicht mehr ganz leer. In einem Hausflur stand ein Mädchen und lächelte aufdringlich rüber. Ihr braucht wahrhaftig nicht lange zu raten, was für 'nen Beruf sie hatte. Ich zog Jimmy weiter. Es war nicht ganz leicht.

Aber ihr wisst ja, dass es überhaupt nicht ganz leicht ist mit Jimmy. Gestern Nachmittag hatte ich mich hier in New York mit ihm getroffen. Er war gerade frisch aus dem Urlaub zurückgekommen, und ich hatte hier in der Nähe zu tun gehabt. Es drehte sich um einen großen Diamanten, der viel Blut und Tränen gekostet hatte. Die Wiedersehensfreude hatte uns dazu verführt, einen Tropfen zur Brust zu nehmen. Es waren ein paar Tropfen mehr geworden, und weil wir auf dem Weg zum Flugplatz durch die verkehrsreiche Rushhour gekommen waren, hatten wir das Flugzeug verpasst, das uns nach San Franzisko zurückbringen sollte.

Den Schreck spülten wir mit etwas Whisky herunter. Und weil wir nun noch viel Zeit hatten, hatte Jimmy vorgeschlagen, noch einen kleinen Bummel zu unternehmen. Den hatten wir nun auch hinter uns, und da wir nun noch immer kein Taxi erwischt hatten, marschierten wir jetzt zu Fuß zum Hotel zurück. Und meine Laune war schlecht.

„New York ist die schönste Stadt der Welt“, lallte Jimmy, „alles ist sehr, sehr schön. Das ganze Leben, die Stadt, sogar du, Langer!“

„Vor allem ist es schön kalt“, sagte ich und bewegte kräftig meine Schultern.

Vor uns an der Bordsteinkante stand ein Wagen. Genau wie vorhin bei dem Mädchen benutzte Jimmy diesen Anlass, um sich mit dem Wagen zu unterhalten.

„Na“, sagte er freundlich zu dem Auto, „was stehst du denn so hier rum?“

„Hau ab“, sagte das Auto. Aber dann kapierte sogar ich, dass ein Auto nicht sprechen kann. Die Stimme war aus dem Innern des Autos durch das halb heruntergelassene Fenster gekommen. Dann hörten wir den Starter rattern, aber der Motor sprang nicht an.

„Weißt du, was die brauchen, Langer?“, fragte Jimmy schlau. Er drehte den Kopf zu mir rüber und setzte ein pfiffiges Gesicht auf. Ne neue Batterie brauchen die. Soll ich's ihnen sagen?“

Die beiden Insassen in dem Wagen schienen auf Jimmys Rat wahrhaftig nicht sehr scharf zu sein, denn der eine von ihnen, ein zwei Zentner schwerer Gorilla, der hinter dem Steuer saß, starrte Jimmy an, als wolle er ihn lebendig einpökeln. Der Bursche neben ihm, der an dem heruntergekurbelten Fenster saß, machte ein Gesicht, als hätte er die Säure aus der Autobatterie getrunken.

„Hau ab, du Vogelscheuche, und lass deine Fahne woanders wehen!“, knurrte er.

„Nichts gegen meine Fahne“, maulte Jimmy. „Wenn du wüsstest, wie teuer die war! So teuer und kostbar wie jede Fahne auf der ganzen Welt!“

„Komm man, Kleiner“, sagte ich und sah gelangweilt die beiden Visagen in dem Auto an.

„Hast du gehört, Pat?“, stänkerte Jimmy weiter. „Der hübsche Junge da hat unsere Fahne beleidigt! Sag ihm mal, dass man Fahnen nicht beleidigen darf. Da sind schon Leute für erschossen worden!“

„Verzieht euch, ihr Suffköppe!“, knurrte der Batteriemann böse.

Der Gorilla entlockte dem Fahrzeug wieder Geräusche, die sich ungefähr wie ein Düsenjäger anhörten, den man mit Rizinusöl getankt hatte.

„Du, Langer“, sagte Jimmy, „die wollen angeln fahren.“

„Wie kommst du darauf?“ Ich nahm ihn beim Arm, um ihn wegzuziehen.

„Na, sieh dir doch die Decken und das ganze Zeug da an“, sagte Jimmy und deutete in den Fond des Wagens.

Er hatte recht. Es sah beinahe so aus. Der Fond des Wagens war mit Decken und Zeltplanen vollgestopft.

Und dann sah ich, dass sich darunter etwas bewegte.

Plötzlich ahnte ich, dass irgendetwas nicht stimmte. Ich machte einen raschen Schritt auf den Wagen zu und streckte die Hand nach dem Türgriff, und die andere langte schon in meine Tasche nach der Kanone. Aber ich machte beide Bewegungen ein bisschen zu spät, denn im gleichen Augenblick heulte der Motor des Wagens überraschend auf, und meine Hand blieb in der Luft hängen. Dieses verdammte Auto war mir regelrecht durch die Finger geglitten. Wie ein nasser Aal. Aber ich hatte mir wenigstens die Autonummer gemerkt.

„Mist“, knurrte ich.

Der Kleine, der alles mit offen stehendem Mund mit angesehen hatte, klappte ihn jetzt wieder zu und stellte fest: „Jetzt ist er weg!“

„Ich kann nicht widersprechen!“ Ich war wütend. „Komm weiter, Jimmy!“

„Was machst du denn plötzlich für ein Gesicht? Es sieht ja aus, als hättest du auch Autosäure gesoffen!“

„Mir schmeckt was nicht.“

„Wieso denn das? Der Whisky war doch dufte!“

Ich zog Jimmy weiter. Unter dem Kissen- und Deckenhaufen hatte sich was bewegt. Die beiden Kerls hatten nicht besonders vertrauenserweckend ausgesehen. Stimmte was nicht, oder trieb nur der Whisky in meiner Fantasie Blasen hoch?

Jimmy schlingerte, ohne von irgendwelchen Problemen belastet zu sein, in meiner Kiellinie hinter mir her. Er beschäftigte sich jetzt wieder mit leeren Konservendosen, die hier herumlagen, und es schepperte jedes Mal laut, wenn er sie mit dem Fuß vor sich her stieß.

Ein paar Arbeiter, graue dunkle Schatten, kamen an uns vorbei. Sicher gingen sie zur Arbeit, aber sie sahen so aus, als kämen sie von 'ner Nachtschicht.

Jimmy hörte auf, Konservenbüchsen aus dem Weg zu räumen. Er holte mich ein und hielt mich fest.

„Nun sag mir, weshalb du nach deinem Schießeisen gefasst hast!“ Er schien auf eine merkwürdige Weise plötzlich nüchtern geworden zu sein.

„Trink erst 'nen Kaffee!“, sagte ich.

„Pfui Teufel!“, maulte Jimmy.

Aber dann fanden wir einen Drugstore an der nächsten Ecke. Auf der Scheibe waren mit weißer Farbe die Spezialitäten des Hauses verewigt. Eine missmutige einsame Lampe beleuchtete widerwillig und mit sichtlicher Anstrengung den Laden. Graue, mürrische Männer an der Theke und dahinter der Barkeeper mit dunklen Augenringen, die fast wie eine Hornbrille wirkten.

Wir setzten uns an die äußerste Ecke der Theke, wo wir etwas ungestörter sprechen konnten. Jimmy stützte den Kopf auf die Arme und sah mich neugierig an. Ich bestellte bei dem Mann mit den Augenringen heißen Kaffee.

Jimmy rülpste, und in dieses laute und kräftige Rülpsen hinein hatte er schon seine Frage gelegt:

„Na, was hast du nun wieder für Gespenster gesehen, Alter?“

„Keine Gespenster!“, brummte ich und trank vorsichtig einen Schluck von dem Kaffee.

„Nun schieß schon los!“

„Glaubst du, dass die beiden Kerls in dem Wagen tatsächlich angeln oder zum Camping fahren wollten?“

„Na, warum denn nicht?“

„Ich glaube, die beiden waren Ganoven von der übelsten Sorte. Zum Beispiel Kidnapper.“ Ich machte eine lange Kunstpause.

Jimmy schwieg eine Weile und sah mich teilnahmsvoll an.

„Du spinnst! Wenn die beiden was geklaut haben, dann war es höchstens dein kleiner schäbiger Rest Verstand.“

„Na, okay, von mir aus! Hast du nicht die Haufen Decken und das ganze Zeug im Fond der Karre gesehen?

„Na klar, ich hab's dir doch erst gesagt! Du denkst doch nicht etwa, ich sei besoffen. Dafür gibt es ja noch mehr Erklärungen. Wenn sie nicht zum Camping wollten, waren sie vielleicht Stoffvertreter. Oder sie hatten einen kleinen Umzug vor.“

„Kleiner Witzbold!“ Ich grinste ihn an. „Sahen die beiden wie Campingreisende aus? Sahen sie wie Stoffvertreter aus? Macht man um diese Zeit einen Umzug mit so 'ner Karre? Und wenn es schon ein Ballen Stoff war oder 'ne Campingausrüstung oder Umzugsgut, welche Erklärung hast du denn dafür, dass das Zeug sich bewegte?“

Jimmy starrte mich an und ließ den Unterkiefer herabhängen. Er war jetzt ganz nüchtern.

„Es bewegte sich?“, flüsterte er leise.

Ich nickte und schlürfte ein paar Schluck von dem heißen Kaffee. Über den Rand der Tasse sah ich ihn an.

„Kann's nicht ein kranker Hund gewesen sein?“, fragte Jimmy schüchtern.

„Daran glaubst du selber nicht“, sagte ich.

„Du hast recht“, murrte Jimmy und stierte vor sich auf seine Kaffeetasse. „Deshalb hatten die beiden auch so ein Theater gemacht, als ich sie anquatschte.“

„Na bitte. Jeder andere hätte doch höchstens gelacht oder Witze gemacht über deinen Whiskyschädel und dein Gesabbel. Die aber haben Gesichter gemacht, als wollten sie uns fressen.“

„Du meinst, da war'n Mädchen drin? Oder 'n Mann?“

„Mädchen.“

„Wieso?“

„Ein Stückchen Kleiderzipfel hing runter. Männer haben selten Kleider an. Es war ein bunter Stoff.“

„Na schön, Alter“, sagte Jimmy ergeben, „ich weiß schon, wie es weitergeht. Von Schlafen keine Rede, wie?“

„Genau richtig!“

„Ich wundere mich nur, dass du noch so viel Ruhe hast, hier den Kaffee zu saufen. Warum du nicht gleich wie 'n Kerl mit 'ner Rakete im Hintern durch die Stadt gesaust bist, um die Polizei, die Feuerwehr, wenn es geht, auch noch die Heilsarmee zu alarmieren.“

„Das liegt an deinem verdammten Whisky“, knurrte ich. „Ich wollte erst mal 'n bisschen wach werden. Der Kaffee hat mir geholfen.“

„Und wie geht es weiter?“

„Ich hab die Wagennummer. 205382. Das ist immerhin schon was.“

„Oder nichts. Wenn nämlich die Nummer falsch ist.“

„Und die Hausnummer. Henderson Street 268b. Sie werden bestimmt nicht das Mädchen kilometerweit dort hingeschleppt haben.“

„Nein, das nicht. Aber weißt du denn, ob die Karre nicht nur zufällig an der Stelle stehen geblieben ist und die Kerls schon vorher längst mit ihr unterwegs waren?“

„Glaube ich nicht. Erstens hatte die Karre nur Krankheiten an der Batterie, die meist beim Starten auftreten, und zweitens haben sie ganz dicht an der Bordschwelle gestanden.“

„Ich möchte nur wissen“, knurrte Jimmy böse, „wozu man überhaupt Urlaub macht, wenn am ersten Abend gleich das Theater mit dir wieder losgeht. Warum musstest du Idiot dir das Auto so genau ansehen?“

„Warum musstest du die anquatschen, Jimmy? Und warum musstest du so viel Whisky trinken?“

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2. Kapitel: Nichts Neues

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Was nun weiter?“ Jimmy sah mich böse an, als wir wieder draußen auf der Straße standen.

„Wir kümmern uns erst mal um das Auto!“, sagte ich.

„Nicht um das Haus? Vielleicht finden wir dann gleich eine Spur.“

„Erst um das Auto“, sagte ich.

Jetzt erwischten wir auch endlich ein Taxi. Die Biester waren nur so lange weggeblieben, wie wir noch in unser Hotel zurückwollten. Jetzt waren plötzlich genug da. Wir fuhren zum Hauptquartier der New Yorker Stadtpolizei, und dort mussten wir kilometerweite Korridore durchlaufen, die muffige Luft abgestandenen Rauches einatmen und in verschlafene und griesgrämige Gesichter sehen. Ich habe nie geahnt, wie schwer es ist, in New York den Besitzer einer bestimmten Autonummer zu ermitteln. Versucht's mal, wenn ihr nächstens hinkommt.

Endlich aber hatten wir es doch erreicht. Besitzer des Wagens mit der New Yorker Nr. 205382 war ein Mister Jameson aus Queens. Beruf: Autoverleiher.

„Aha“, sagte Jimmy, „damit ist alles klar. Also stimmt die Nummer tatsächlich. Aber die Namen der Leute werden nicht stimmen. Sie werden die Karre dort gemietet haben.“

„Wir werden ihn selbst fragen“, sagte ich, „das ist einfacher.“

Wir schnappten uns also ein neues Taxi und fuhren nach Queens hinaus.

War kein übles Häuschen, das der Mister Jameson dort am Rande der Stadt bewohnte. Er schien ganz nette Geschäfte zu machen.

Jimmy machte ein Stockfischgesicht. Er war sauer. Sauer, nüchtern und schlecht gelaunt. Trotzdem stieg er als Erster aus und ging durch den kleinen Vorgarten und klingelte dort. Ich blieb beim Taxi stehen und wandte mich dem Chauffeur zu.

„Wäre mir lieb, wenn Sie auf uns warten würden.“

Der Mann rollte mit den Augen und ließ einen mächtigen Wortschwall aus dem großen Mund entfleuchen, dass ich nicht viel Mühe brauchte, um seine italienische Abstammung zu erkennen. Ihm imponierte nicht einmal ein Trinkgeld. Er fuhr einfach wieder los, nachdem ich bezahlt hatte.

Ich zuckte nur mit den Schultern und wandte mich Jimmy zu. Während ich durch den Vorgarten schlenderte, sah ich, wie Jimmy nach wie vor ununterbrochen den Klingelknopf bearbeitete. Offenbar sollte der unter seiner schlechten Laune leiden. Aber hinter der hell gestrichenen Eichentür regte sich nichts. Nur die Klingel schepperte einsam und ungehört vor sich hin.

Jimmy sah jetzt nicht einmal mehr wie ein getrockneter Stockfisch aus. Er hatte eine Menge Sorgenfalten im Gesicht. Whisky, Sorgen, Langweile, Müdigkeitsfalten.

„Mein Daumen ist gleich abgestorben“, knurrte er. „Sollen wir nun mit dem Quatsch aufhören?“

„Nimm den anderen“, sagte ich.

Der Kleine wechselte gehorsam seinen Finger aus. Und während er mit dem frischen weiter auf den Knopf drückte, wackelte er mit dem anderen Daumen hin und her, offenbar um ihn schon für die nächste Ablösung zu trainieren.

„Merkste nicht, Pat, dass der Vogel ausgeflogen ist?“

„Mach weiter“, sagte ich. Aber ich war wütend. Ich hatte gehofft, dass es jetzt gleich weitergehen würde.

Endlich ging es auch weiter. Hinter der Tür hörten wir plötzlich ein lautes Poltern. Die Klingel schrie wie zum Protest hysterisch auf. Jimmy nahm den Daumen vom Klingelknopf, und wir lauschten.

Aber jetzt rührte sich wieder nichts. Jimmy sah mich an.

„Hört sich an, als würde gerade einer abgemurkst.“ Er sagte es mit einer Betonung, die an die Vorfreude eines Teenagers für ihren ersten großen Ball erinnerte.

„Du spinnst“, sagte ich. Und jetzt drückte ich die Klingel. Bei mir funktionierte es besser. Ich hatte den Klingelknopf kaum berührt, da hörten wir schlürfende Schritte langsam, wie zögernd, hinter der Tür näher kommen.

„Nu' man immer sachte“, ließ sich unwillig eine verschlafene Bierstimme vernehmen. „Ich hab' doch auch nur zwei Beine!“

Dann ging die Tür einen Spalt breit auf, und ein graues Schwammgesicht kam zum Vorschein. Jimmy stieß wütend die Tür auf, sodass sie Teiggesicht vor den Bauch knallte.

„Schlafen Sie so fest, oder waschen Sie sich nie die Ohren?“, fragte Jimmy.

„Ich schlafe so fest“, entgegnete Teiggesicht vergnügt, fügte im nächsten Augenblick aber etwas gepresst hinzu: „Sind die Herren von der Polizei?“

„Nee, wir sind russische Geheimagenten“, grinste Jimmy.

„Na, denn is' ja gut. Aber ich dachte bestimmt, Sie wären von der Polente.“

„Wieso?“, mischte ich mich ein. Der Mann schien zwar einen guten Schlaf, aber ein recht strapaziertes Gewissen zu haben. Da sieht man mal wieder, was Sprichwörter wert sind.

„Nur die Bullen haben solche idiotische Ausdauer. Und wenn man sie dann tatsächlich reinlässt, werden sie auch noch grob.“

„Ein Mann mit Lebenserfahrung, Pat!“, grinste Jimmy und verlor zusehends seinen Stockfischausdruck.

„Also, meine Herren, was kann ich dann für Sie tun, wenn Sie nicht von der Polizei sind?“, erkundigte sich Teiggesicht vorsichtig, der noch immer der Sache nicht ganz traute.

„Gehört Ihnen der Wagen mit der New Yorker Zulassungsnummer 205382?“, sagte ich.

„Ja. — Also doch von der Polizei?“

„Wieso? — Was hat das damit zu tun? — Was ist mit dem Wagen?“

Der dicke Teigmann sah mich sprachlos an. Jimmy feixte:

„Du hast wohl vorhin gerade deine Olle um die Ecke gebracht, dass du so eine Angst vor den Polypen hast?“

„Ich? — Wieso?“ Teigmann sah merkwürdig aus. Vornehme und gebildete Leute würden sagen, er war konsterniert.

„Also, was ist mit dem Wagen?“, bellte ich.

„Nichts, aber gar nichts!“ Der Hängebauch des Mannes wackelte unter dem knallroten Schlafrock aufgeregt. Jameson machte ein Gesicht, als zweifle er ehrlich an unserem Verstand.

„Na, wo ist denn die Karre?“, fragte Jimmy gemütlich.

„Ich hab sie vermietet.“ Eigentlich war es keine überraschende Antwort.

„An wen?“, fragte ich.

Der Mann zögerte.

„Nun los schon!“, sagte Jimmy energisch, und ich grinste innerlich ein bisschen. „Name und Adresse! Aber dally!“

Jimmy meinte wohl, dass die ganz harte Tour oder das, was er dafür hielt, bei dem Mann funktionierte.

Aber der Kerl ließ sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen.

„Also seid ihr doch von der Polente?“, überlegte er laut. Das schien ihn jetzt gar nicht besonders zu beunruhigen. Er stellte es nur ganz sachlich fest.

„Na und?“, machte Jimmy herausfordernd und streckte dabei seine Brust raus wie ein Mantelpavian, der sich seine Rückfront entlaust. „Nu antworte schon, Knabe! Der Inspector hier hat dich nach Namen und Adresse des Mieters gefragt“, sagte Jimmy mit Überheblichkeit. Ich bewunderte ihn beinahe dafür.

„Jawohl, Sergeant!“, buckelte Teiggesicht.

Jimmy machte ein hochmütiges Gesicht. Teiggesicht konnte sich ausrechnen, dass er ihn einen Dienstgrad zu wenig tituliert hatte.

„Na?“, knurrte Jimmy drohend.

„Jawohl, ja!“, sagte Teiggesicht eifrig. „Also, der Mann heißt Smith. Ich weiß es zufällig aus dem Kopf. Er wohnt in der 15. Straße. Nr. 87.“ Seine kleinen Schweinsäuglein guckten zwischen Jimmy und mir hin und her. Ich sah ihm deutlich an, dass er jetzt neugierig herausfinden wollte, ob wir vielleicht noch Wünsche auf dem Herzen hatten.

„Das ist alles, Mr. Jameson!“, sagte Jimmy amtlich. „Sie werden in der Sache noch von uns hören.“ Er wandte sich mir zu und kommandierte: „Kommen Sie!“ Er schob den Hut ins Genick und wandte sich ab.

„Noch 'ne kleine Frage, Mr. Jameson“, sagte ich.

„Wenn Sie sich so genau an Mr. Smith aus der 15. Straße erinnern, werden Sie sicher noch wissen, wie er aussah.“

„Leider nicht“, sagte Jameson. „Meine Kontoristin hat ihn bedient. Ich habe es nur von der Einfahrt im Hof gesehen.“

„Aha, na schön. — Danke.“

„Es war mir ein Vergnügen“, beeilte sich Teiggesicht zu versichern.

Die Tür wurde sachte hinter uns geschlossen, und wir gingen über den Zementsteig durch den Vorgarten zur Straße zurück.

„Mein Gott“, sagte Jimmy, „das war 'ne Rübe. Wenn der nicht 'ne faule Sache gemacht hat, dann will ich alle faulen Sachen, die in New York gemacht worden sind, nachträglich noch in guten Geruch setzen.“

*

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WIR FANDEN WUNDERBARERWEISE sehr schnell ein Taxi. Mit ihm gondelten wir dann über die Queensboro Bridge nach Manhattan zurück.

Die 15. Straße unterscheidet sich nicht ein bisschen von der 14. oder 16. Aber sie unterscheidet sich wie Tag und Nacht von der Fifth Avenue, in deren nächster Nachbarschaft sie ja liegt. Es war eine feudale Gegend. Wenn man genau sein wollte, könnte man sogar sagen, es war eine miese Gegend.

Obwohl das Haus Nr. 87 früher gewiss mal weiß gewesen war, bestand nicht die geringste Gefahr, dass man es etwa mit dem Weißen Haus in Washington verwechseln könnte. Der Putz, der überall von den Wänden runterhing, trug nicht gerade zur Verschönerung des Anblicks sei.

Unten im Hauseingang stand eine schlampige Alte gegen die Mauer gelehnt. Sie hatte eine endlose Zigarre im Mund, die man auf einen viertel Meter schätzen könnte.

„So früh schon auf, Tantchen?“, fragte ich.

Sie paffte eine Antwortwolke durch die Landschaft.

„Wohnt hier Smith?“, fragte ich.

Die Zigarre in der Hand der Alten stieß wie ein qualmender Fabrikschornstein senkrecht in die Höhe, vollführte dann vier kreisförmige Bewegungen, um gleich wieder in den zahnlosen Mund zurückgestopft zu werden.

„Vierte Etage!“, kam zwischen Zigarre und Lippen die Antwort vorgequetscht.

Wir stapften in den Hausflur, und sofort umfing uns der obligate Kohlgeruch und das Aroma von sieben Tagen altem Fisch.

Jimmy gefiel merkwürdigerweise dieser Duft, denn er erinnerte ihn ans Essen.

„Du, Pat, ich hab mir gerade überlegt, dass der Mensch auch mal was zum Essen braucht“, sagte er nachdenklich, während wir über die knarrenden Treppenstufen in die oberen Regionen des Hauses kletterten. „Wie steht's damit?“

„Schlecht“, sagte ich lakonisch.

„Mit mir steht's genauso“, stöhnte der Kleine.

„Ach, was heißt eigentlich schon stehen. Ich falle nämlich gleich um.“

„Smith“, stand auf dem Schild neben dem Klingelknopf. Ich drückte auf den Knopf, aber die Klingel schwieg sich aus.

„Lass mich mal“, sagte Jimmy, schob mich einfach zur Seite und begann wie ein Dampfhammer auf die etwas zerbrechlich scheinende Tür einzuschlagen.

„Ich denke, du fällst gleich um?“, grinste ich.

„Dafür reicht's noch“, sagte er stolz.

Im gleichen Augenblick wurde die Tür aufgerissen, und ein schmächtiges Männchen erschien auf der Bildfläche.

„Sind Sie Mr. Smith?“

„Ja“, antwortete eine piepsende Stimme, die noch zehnmal dünner war als das Männchen selbst. „Müssen Sie deshalb gleich meine Tür ruinieren?“

„Dann lassen Sie sich gefälligst die Klingel reparieren“, sagte Jimmy patzig.

Das Männchen sah ihn vorwurfsvoll an. Er hatte etwas Weinerliches und Quengeliges in der Stimme, als er sich ein bisschen aufplusterte und empört fragte:

„Was fällt Ihnen eigentlich ein? Wie kommen Sie dazu ...“

„Pst!“, machte ich nur, und da verstummte der kleine Mann. Er war im gleichen Augenblick wieder nichts weiter als ein kleines ängstliches Hutzelmännchen.

„Es handelt sich um den Wagen, den Sie von der Autovermietung Jameson ausgeliehen haben“, sagte Jimmy amtlich.

„Ach, mein Gott, ach, mein Gott“, begann nun eine Stimme zu jammern, und die Zwei-Zentner-Frau, der sie gehörte, drängte sich nun auch noch in die Tür hinein, sodass das Männchen völlig gegen den Pfosten genagelt wurde. „Ich hab's ja gewusst, Willy, dass es so kommt. Ach, was sollen wir nur tun?“

„Als Erstes hältst du den Mund, Patricia“, fuhr das Männchen sie an, „und das andere werde ich schon regeln. — Also, meine Herren?“, setzte er dann noch herausfordernd hinzu. Er war schon wieder ganz schön frech.

„Sie haben doch einen Wagen bei der Firma geliehen, nicht wahr?“, fing ich wieder an.

„Ja, das habe ich. Wollte an meinem Geburtstag eine kleine Spazierfahrt unternehmen“, erklärte er, indem er seine nicht vorhandene Brust noch weiter rausstreckte.

„Und wo ist der Wagen jetzt?“, wollte Jimmy wissen.

Die Frau fing wieder an zu jammern.

„Ach, mein Gott. Was sollen wir nur tun?“

„Das weiß ich nicht“, sagte das Männchen mit normaler Stimme.

„Wie das?“, machte Jimmy ein bisschen dumm.

„Weiß ich auch nicht. Ich guckte heute Morgen zum Fenster hinaus, und da sah ich, dass der Wagen nicht mehr zu sehen war.“

„Und da haben Sie gar nichts unternommen?“, fragte Jimmy verblüfft.

„Na, was sollt' ich denn schon tun? Und außerdem kann ja so ein Wagen nicht einfach aus der Welt sein.“

„Haben Sie vielleicht schon mal gehört, guter Mann, dass auch Autos gestohlen werden?“, fragte Jimmy milde.

„Oh Gott, oh Gott. Gestohlen!“, jammerte die Frau.

„Tst, tst!“, machte das Männlein, „es sind heute schon schlimme Zeiten. Sogar Autos werden gestohlen. Nächstens wird einem noch das Haus über dem Kopf weggestohlen. Tst, tst.“

Jimmy sah mich an und ich ihn. Wir dachten wahrscheinlich beide das Gleiche. Jimmy schüttelte leise den Kopf. Er zweifelte wohl an dem Verstand des kleinen Mannes. Vielleicht war auch der kleine Mann ein klein wenig verrückt? Oder wir waren es. Erst als die dicke Frau wieder mit ihrem Jammern begann, wachte ich auf.

„Sie wissen genau, dass es der Wagen mit der Zulassungsnummer 205382 war?“, fragte ich.

„Na, hören Sie!“, erwiderte er empört. „Welcher normale Mensch wird sich denn eine solche unmögliche Nummer merken? Es war eben ein Auto, ein nettes Auto. Was Sie da sagen, wird schon richtig sein, denn ich habe ihn ja schon von Jameson gemietet, und außerdem ...“

Der kleine Mann machte eine Pause und betrachtete mich genau. Irgendwie schien Misstrauen in ihm hochzukommen.

„Ist ja hübsch“, knurrte Jimmy, „dass es ein schönes Auto war. War es ein 50er De Soto?“

„Ein was?“, fragte das Männchen stirnrunzelnd.

„Er meint das Fabrikat des Wagens“, sagte ich nachsichtig.

„Nein, das kann ich Ihnen auch nicht sagen. Ich habe überhaupt nicht recht gewusst, dass es mehrere Wagenfabrikate gibt. Eigentlich dachte ich immer nur, es gäbe Fordwagen.“

„Gib's doch auf, Pat, alter Junge. Hier haben manche Leute 'ne Scheibe.“ Jimmy kratzte sich nachdenklich den Kopf und betrachtete das seltsame Gespann dort in der Tür. Dieses winzige Männchen, das sich wie ein Löwe zu fühlen schien, und diese dicke Frau, die wie ein Waschweib aussah, obwohl sie Patricia hieß.

„Ja, wir wollen Sie nicht länger belästigen, Mr. Smith. Sie haben uns sehr geholfen. — Also, auf Wiedersehen.“

„Auf Wiedersehen, die Herren! Es hat mich sehr gefreut.“

„Macht's auch gut, Leutchen, und passt auf, dass euch nächstens nicht noch einer das Bett unterm Hintern klaut!“, rief Jimmy über die Schulter zurück, während er vor mir schon die Treppe runterstapfte.

Unten vor der Haustür stand noch immer die alte Frau gegen die Mauer gelehnt und starrte Löcher in die Luft und paffte Zigarrenwolken.

„Na?“, fragte sie.

Ich war schlecht gelaunt und überquerte die Straße zu unserem Taxi. Wir waren kaum einen Schritt weitergekommen. Wir wussten nur, dass die Ganoven den Wagen geklaut hatten.

Halt mal, dachte ich dann. Eigentlich 'n bisschen komisch, dass ausgerechnet ein Wagen geklaut wird, den vorher ein anderer von einem Wagenverleih gemietet hat. Ob der Mr. Smith nicht doch etwa ... aber nein, sagte ich mir dann, sicher nicht!

„Und was sollen wir jetzt tun?“, fragte Jimmy.

„Ein anständiges Steak essen“, sagte ich.

Ich brauche euch wohl nicht zu verraten, dass Jimmy nichts dagegen hatte.

Ja, so blöd fing alles an! Und wie schrecklich ging alles weiter!

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3. Kapitel: Sie hieß Jacky

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Die dauernde Warterei auf ein Taxi war uns auf den Wecker gefallen, und deshalb hatten wir uns nach dem Mittagessen einen Wagen gemietet. Jimmy wollte erst nochmals zu dem dicken Jameson und von ihm den Wagen mieten. Aber wir hatten zu wenig Zeit, um wieder nach Queens hinauszufahren. Deshalb holten wir uns einen Wagen an der nächsten Ecke aus einem Autoverleih. Jimmy hatte sich hinter das Lenkrad gequetscht.

Nachdem er die Speisekarte des Restaurants einmal rauf und runter gegessen hatte, fühlte er sich wieder mächtig in Form.

Jetzt hatten wir die Straße erreicht, in der wir ein paar Stunden vorher, als es noch dunkel gewesen war, mit leeren Konservendosen gespielt und zwei Gangster in einen streikenden Auto kennengelernt hatten.

Jetzt um diese Zeit bot die Straße ein anderes Bild. Kein schöneres, ein anderes.

Überall standen nun schon die professionellen Nichtstuer und die kleinen Gelegenheitsganoven herum. Sie lehnten zu zweit oder zu dreien an den Hauswänden und pafften zerknitterte Zigaretten, oder sie standen in großen Haufen vor den Türen der Wettbüros, der Kneipen und Drugstores und quatschten.

„Ist es hier?“, fragte der Kleine und fuhr schon den Wagen an die Bordschwelle. Er bremste so hart, dass der Wagen noch ein Stück über den Asphalt schlidderte.

„Ist ja nicht meiner“, sagte er entschuldigend.

Wir kletterten aus dem Wagen, und während Jimmy um den Wagen herum zu mir kam, reckte und streckte er sich, als hätte er eine Tausendmeilenfahrt hinter sich. Er sah sich missbilligend um und grunzte:

„Keine sehr vornehme Gegend, Pat. Ich fand sie heute Nacht eigentlich viel vorteilhafter. Viel schöner als jetzt bei Licht besehen.“

„Das lag an dem Whisky“, sagte ich. „Er verklärte alles in deinem Gehirn.“

„Das Haus da müsste es sein“, sagte Jimmy und deutete auf eine Haustür, in der auch ein paar jener zweifelhaften Ehrenmänner herumstanden. Sie bewegten sich nicht einen Zentimeter beiseite, als wir an ihnen vorbeiwollten. Aber ich hatte keine Lust zu sinnlosen Streitereien, deshalb quetschte ich mich schweigend an ihnen vorbei und sah Jimmy streng an. Wer Jimmy kennt, wird es verstehen.

Sogar im Hausflur standen noch einige herum, wie die Orgelpfeifen gegen die Wand gelehnt. Sie sahen uns von unten herauf an, verschlagen, misstrauisch, feindselig. Einer von ihnen hatte große Sommersprossen und dicke aufgeworfene Lippen. Er grinste ein bisschen.

Ich grinste zurück und fragte ihn:

„Wohnt hier im Haus das junge Mädchen, oder ist es nebenan?“, fragte ich. „Ich glaube, sie ist alleinstehend. Ich muss dringend mit ihr reden. Wohnt sie hier?“

Ich wusste, dass man die Frage nicht viel dümmer stellen konnte. Aber was sollte ich schon machen? Ich wusste ja nicht mal, wie die Kleine aussah.

Der Kerl, den ich angesprochen hatte, schien sich erst eingehend zu überlegen, ob er mir antworten sollte oder nicht. Er sah mir gerade in die Augen, konnte es aber trotzdem nicht vermeiden, dass sein Blick unstet und verschlagen war. Er schien angestrengt zu überlegen, denn seine Zigarette wippte zwischen seinen dicken Lippen auf und ab. Als ich schon dachte, der Kerl würde überhaupt nicht mehr antworten, fing er an:

„Ja, wissen Sie, Mister, hier gibt's 'ne Menge von den Puppen. Sie müssen mir schon sagen, wie sie aussieht.“ Er nahm die Hand aus der Tasche, wahrscheinlich, weil jetzt von mir ein Dollar kommen sollte. Ich hatte den Dollar auch schon hervorgeholt, aber da zischte hinter mir ein anderer:

„Halt die Klappe, Charlie! Sag dem nichts!“ Der andere Kerl spuckte aus. „'s sind Bullen.“

Der Kerl, den ich angesprochen hatte, zog seine Hand zurück. Und Jimmy fuhr den Mann, der ausgespuckt hatte, an:

„Hör mal, du zweibeiniges Lama, ich würde an deiner Stelle besser die Klappe halten und mich nicht einmischen.“

„Selber Klappe, du Großkotz!“, sagte der Spuckheini frech.

„Komm schon, Jimmy, es hat keinen Zweck“, sagte ich zu dem Kleinen, der schon auf den Kerl losgehen wollte.

„Soll ich mir das etwa gefallen lassen, Pat?“

„Kommt nichts bei raus, Jimmy! Du ramponierst dir deinen Anzug. Weiter nichts.“ Ich fasste ihn an den Arm und zog ihn den Flur entlang.

„Na ja, eigentlich hast du recht“, sagte er. „Kämmen müsste ich mich nachher auch noch.“

Hinter uns hörten wir die Meute verhalten lachen. Triumphierend, giftig, böse. Und einer von ihnen sagte laut:

„Schlappschwänze.“

Ich glaube, es war der Spuckheini. Man müsste ihm das Maul mal stopfen. Aber ich hatte dazu keine Lust. Er würde schon noch mal jemanden finden, der es besorgte.

Vor der Tür am hinteren Ende des Flures blieben wir stehen. Ich klopfte gegen die mit allerlei obszönen Kreidezeichnungen bedeckte Tür. Sie wurde sofort aufgerissen, als hätte man nur darauf gelauert, dass jemand klopfte.

Die Frau, die da erschien, war klein und schien immer in Bewegung zu sein. Ihr Haar war unordentlich und grau, und ihrem Mund sah man schon förmlich an, dass er ihr wehtat, wenn sie ihn mal nicht öffnen konnte.

„Wenn Sie Bürsten, Staubsauger, Fernsehapparate oder Eisschränke verkaufen wollen, können Sie gleich wieder abhauen. Wenn Sie von der Polizei sind, können Sie genauso schnell verduften. Mein Haus ist nämlich 'n anständiges Haus, und hier wohnen nur Ehrenmänner.“

„Die Ehrenmänner da vorn auch?“, fragte Jimmy vorlaut wie immer.

„Sagen Sie, sind Sie nur hergekommen, um mir die Zeit zu rauben und mich dann noch dazu zu veräppeln, he?“

„Aber keinesfalls doch, Madam“, sagte Jimmy feierlich. „Nur ist unser Anliegen ein bisschen ungewöhnlich. Nein, nicht eigentlich ungewöhnlich, sondern ich weiß eigentlich nicht, wenn ich ehrlich sein soll, wie ich die Sache ausdrücken soll.“

„Ha! Also doch Vertreter. Was wollen Sie mir denn aufschwatzen, einen Patentblitzableiter, ein neuartiges Mottenpulver, oder was sonst?“

„Weder noch“, sagte ich und wedelte mit einer Zehndollarnote.

„Na ja, warum haben Sie das denn nicht gleich gesagt, meine Herren? Und inwiefern soll denn jetzt noch etwas Schwierigkeiten bereiten?“ Ihre kleine Runzelhand riss mir förmlich den Schein aus der Hand.

„So treten Sie doch erst mal näher, meine Herren.“

Wir traten näher. Die Luft war derart dick, als wäre die Wohnung ein Jahr nicht mehr gelüftet worden.

Wir latschten hinter der Alten her. Sie führte uns in ein Zimmer, das mit Möbelwracks vollgestopft war. Und während der ganzen Zeit redete sie:

„Schon mein Seliger sagte immer, Schwierigkeiten sind dazu da, dass man sie überwindet.“

„Glaub kaum, dass der mit dieser Weisheit selig geworden ist“, brummte Jimmy.

„Und der musste es ja wissen. Der hatte Menschenkenntnis. Sie müssen nämlich wissen, er war vierzig Jahre bei der Underground. Stationsvorsteher war er nachher. Was meinen Sie, mit vielen Leuten der zusammengekommen ist. Was der sich da Tag für Tag anhören musste.“

„Bestimmt nicht mehr als zu Hause“, flüsterte Jimmy. „Die redet doch mehr als 'n ganzer Bahnsteig voller Menschen!“

„Und mein Seliger war ein schlauer Mann. Jedem konnte er die richtige Antwort geben.“

„Nur dir nicht“, brummte Jimmy. „Und das Klügste, was der in seinem Leben wohl getan hat, war wohl, dass er abkratzte.“

Endlich war der endlos lange Korridor zu Ende, und wir traten in ein Zimmer, in dem es so muffig roch wie überall.

„Machen Sie es sich bequem, meine Herren“, lud uns die Alte ein und ließ sich in ein Sesselmonstrum fallen, das gut und gerne seine zwei Zentner wog. Jimmy prüfte erst misstrauisch alle Sessel und Chaiselongues. Dann schmiss er sich kurz entschlossen in den nächstbesten Sessel, weil sich alle Möbel in dem gleichen miserablen Zustand befanden. Ich zog es vor zu stehen. Das war bestimmt bequemer.

„Was kann ich also für Sie tun?“, fragte die Alte sachlich.

Ich hielt es für besser, der Alten vorerst nichts von dem zu sagen, was ich wusste oder vermutete. Ich sagte deshalb nur:

„Wir suchen ein junges Mädchen. Wir wissen weder wie sie heißt, noch wie alt sie ist, noch wie sie aussieht. Wir wissen nur, dass es ein alleinstehendes Mädchen ist, das in diesem Hause wohnt, und das ein Kleid aus buntbedrucktem Stoff trägt.“

Die Alte sah mich an, als hätte ich mich plötzlich vor ihren Augen in eines jener längst ausgestorbenen Fabelwesen verwandelt.

„Na, hören Sie mal, Mister, was würden Sie denn tun, wenn plötzlich jemand bei Ihnen antanzte und Ihnen so 'nen Quatsch auftischte?“

„Rausschmeißen wird er ihn“, brummte Jimmy in seinen nicht vorhandenen Bart.

„Was wollen Sie denn von diesem Mädchen?“ Die Alte wurde nun misstrauisch.

„Nichts weiter als ihren Namen“, sagte ich. „Die Auskunft ist nur noch zehn weitere Dollar wert. Aber mehr holen Sie nicht raus.“

Die Augen der Alten begannen begehrlich zu glitzern.

„Na gut, wenn's so ist.“ Die Alte streckte mir die Hand hin. Ich legte schweigend noch zehn Dollar rein.

„Also da gibt's eigentlich nur zwei, die Sie meinen könnten. Da ist einmal Vera Williams im zweiten Stock, und dann dieses Mädchen, diese Jacky Brain.“ Die Alte sah mich an, um zu ergründen wie ich ihre Antwort aufnehmen würde.

„Ist das nun alles, oder wollen Sie noch etwas wissen?“

„Nein, nichts mehr“, sagte ich. „So viel Geld hab ich nämlich gar nicht.“

Jimmy erhob sich schwerfällig von seinem Sessel und folgte mir. Die Alte hatte sich ebenfalls erhoben und machte Anstalten, uns zu folgen. Aber Jimmy erklärte ihr:

„Bemühen Sie sich nicht, werte Dame. Sie brechen sich am Ende nur noch das Genick in dem finsteren Korridor.“

Die Alte brabbelte etwas, aber es war nicht zu verstehen. Sie legte wohl auch keinen Wert auf weitere Diskussionen, denn so schnell hatte sie bestimmt noch nicht zwanzig Dollar verdient.

Jimmy hatte auch schon die Wohnungstür hinter sich zugezogen, und damit war gleichzeitig das Gebrabbel der Alten hinter uns verstummt.

Im zweiten Stock klopfte Jimmy an die Tür, an der mit einem Reißzwecken eine schmutzige Karte befestigt war, auf der mit abenteuerlicher Handschrift und Tinte „Vera Williams“ gemalt war.

Eine Klingel war nicht vorhanden. Jimmy klopfte laut. Er hatte im Türeneinschlagen ja einige Übungen, aber diesmal war das nicht nötig, denn schon nach sehr kurzer Zeit klappte eine Tür. Ich hörte das Patschen nackter Füße, die sich langsam der Tür näherten, während eine verschlafene Stimme lallte:

„Komm ja schon, Jungs. Komm ja schon. Werdet doch noch 'n Moment euch am Riemen reißen können.“

„Das ist die Falsche!“, sagte ich und hatte große Lust, einfach wieder abzuhauen.

„Oder die Richtige“, gab Jimmy lakonisch zurück.

Dann wurde die Tür aufgemacht, und ein Mädchen mit roten Haaren und wenig bekleidet stand vor uns.

„Hallo, Jungs, kommt rein!“

Es war nicht das, was man ein Mädchen nennt. Es war ein sehr viel älteres Mädchen. Ihr Gesicht war vom Alkohol verquollen, sie hatte dunkle Ringe unter den Augen und eine graue schlaffe Haut. Und ein penetranter Fuselgeruch ging von ihr aus.

„Entschuldigung, wir haben uns in der Etage geirrt! Wollten Sie nicht stören.“

„Macht doch nichts. Könnt trotzdem reinkommen. Kommt jeder zu mir rein. Hab 'n ausgesprochen gastfreies Haus,“ sagte sie mit ihrer Transtimme.

„Glaub ich schon, aber wir haben's wirklich eilig. Ein andermal vielleicht“, sagte ich.

„Ach, schade“, maulte die Schnapseule. „Aber so seid ihr Männer! Erst haut ihr einem fast die Tür ein, und dann wollt ihr gar nichts wissen.“

„Ich würd ja gern reinkommen, Mädchen. Aber der Arzt hat mir vormittags Fleisch verboten.“ Jimmy setzte sein bestes Grinsen auf.

Das Mädchen streckte uns die Zunge raus und knallte dann die Tür zu, dass der Stuck von den Wänden rieselte.

„Das war also eine Niete.“

„Aber auch 'ne Nummer für sich“, fügte Jimmy hinzu.

Wir stiegen noch die vier weiteren Treppen hinauf. Dann standen wir auf dem obersten Treppenabsatz.

Zwei Türen waren da. Eine verrostete, feuersichere, die zum Boden führte, und eine weiß gestrichene. Ein Schild oder eine Karte fanden wir an der Tür nicht, und auch eine Klingel hatte man anscheinend für überflüssig gehalten. Wir traten an die Tür heran, und ich wollte schon anklopfen, da sah ich, dass die Tür nur angelehnt war. Ich stieß die Tür mit dem Fuß auf und trat gleichzeitig einen Schritt zurück, falls unangenehme Dinge dahinter harren sollten. Jimmy pfiff durch die Zähne.

„Sieht ganz so aus, als hättest du recht gehabt.“

Wir gingen vorsichtig in die Wohnung hinein, und Jimmy brüllte:

„Ist hier niemand? Hier ist der Gasmann!“ Aber niemand antwortete. Es blieb so still wie in der Leichenhalle, und da war nur das Knarren der Dielen unter unseren Füßen.

„Wetten? Gleich finden wir eine schöne frische schrankfertig verpackte Leiche.“ Jimmy hat manchmal so eine bezaubernde Art von Humor.

Aber mir war gar nicht danach zumute. Ich grunzte nur. Außerdem war ich ziemlich sicher, dass wir hier keine Leiche finden würden. Ich fürchtete sogar, dass wir gar nichts fänden.

Natürlich fanden wir nichts. Auch nicht das Geringste. Niemand war dort in der Wohnung, und am allerwenigsten eine Leiche.

„Warum hast du denn nicht auch so besoffen sein können, wie ich es war, dann säßen wir jetzt längst in unserer Maschine nach Hause“, stöhnte Jimmy.

Wir nahmen uns die Wohnung ein bisschen näher unter die Lupe. Sie bestand aus zwei Zimmern und einer Küche. Auf Jimmys Gebrabbel ging ich nicht weiter ein.

Aber dann fing er wieder an. Deshalb gab ich ihm ärgerlich Antwort:

„Hör doch endlich auf, Jimmy! Wenn es ein paar Gangster waren, die das Girl gekidnappt haben, dann ist doch wohl klar, dass wir versuchen werden, ihnen in die Suppe zu spucken! Oder?“

„Na ja, ist ja schon richtig, Langer“, knurrte er. „Aber zu verdienen gibt es hier bestimmt nichts dabei, das sage ich dir schon heute.“

„Abwarten“, sagte ich. Allerdings zweifelte ich auch daran, dass wir in diesem Fall einen finden würden, der zum Schluss die Rechnung bezahlt. Was sollte hinter solch einer Sache eigentlich stecken? War die Kleine vielleicht ein Gangsterliebchen gewesen und ein bisschen zu kess geworden? Um große Summen konnte es sich kaum drehen. Sonst hätte sie hier nicht gewohnt.

Aber darauf kam es auch nicht an.

Wir hatten uns als Erstes die Küche angesehen. Aber dort war alles in Ordnung. Es stand kein schmutziges Geschirr herum, und es roch nicht nach alten Speiseresten. Jimmy hatte den Küchenschrank geöffnet, die Tür dann aber mit enttäuschtem Gesicht zugeschlagen.

„Kein Whisky da!“, verkündete er.

Als wir die Küche verließen, um uns die beiden Zimmer vorzunehmen, sagte Jimmy in einer Anwandlung von Sentimentalität:

„So ein Mädchen müsste man heiraten.“

„Meinst du? — Vielleicht ist sie hässlich wie die Nacht.“

„Ich glaube kaum, dass irgendwer seine Zeit darauf verwendet, urhässliche Mädchen zu klauen.“

„Wenn sie Geld haben“, grinste ich.

„Sieht es hier so aus, als ob das Mädchen Geld gehabt hätte?“

„Das nicht. Aber trotzdem hatte sie irgendetwas, das sie so wertvoll machte, dass man sie einfach entführte.“

„Vielleicht ist sie auch nur verreist oder zur Arbeit gegangen.“

„Du meinst, weil du immer solche Unordnung zurücklässt, wenn du verreist, ja? — Aber die Wohnungstür lässt noch nicht mal du offen stehen, nicht wahr?“

Das Zimmer, in dem wir uns nun befanden, hatte wohl als Schlafzimmer gedient. Und im Gegensatz zu der Küche herrschte hier eine schaurige Unordnung. Das Bett war zerwühlt, Schubfächer waren herausgezogen, und der Kleiderschrank war nahezu ausgeräumt, und überall lagen Kleidungsstücke auf dem Fußboden verstreut umher. Es war schon etwas Wahres daran, als Jimmy sagte, es sähe so aus, als wäre jemand ganz plötzlich verreist. Denn ich sah gleich, dass der größte Teil der Kleider und Wäsche, und was es da sonst noch geben mochte, fehlte, und diese paar Dinge, die da auf dem Boden lagen, konnten unmöglich alles gewesen sein, was dieses Mädchen besessen hatte.

Wir sahen noch kurz in das andere Zimmer, aber dort schien nichts zu fehlen, und es gab da auch keine Unordnung. Wir gingen wieder in das Schlafzimmer zurück, und Jimmy betrachtete eingehend diese hauchdünnen Fummel, die junge Mädchen nun einmal in Mengen besitzen, selbst wenn sie nun nicht gerade zu den Reichen dieser Erde gehören. Indessen stöberte ich systematisch alle Schränke und Schubfächer durch. Aber ich fand nur alte Rechnungen, Kinobillets und ähnliches Zeug, aber keinen Namen.

„Es sind keine Papiere da. Auch nicht der geringste Fetzen, der beweisen könnte, dass dieses Mädchen überhaupt jemals gelebt hat.“

Aber Jimmy hörte gar nicht zu. Er saß auf dem Bett und starrte versonnen auf ein hauchdünnes Etwas, das er zwischen den Fingerspitzen hielt.

„Mein Gott, du kommst wohl allmählich wieder in deine Kinderjahre zurück.“

Jimmy sah hoch und grinste verlegen.

„Was sagtest du?“

„Ich sagte, dass ich keine Papiere gefunden habe. Keine Legitimationskarte, keine Geburtsurkunde. Einfach nichts.“

„Vielleicht hatte sie keine Papiere. Vielleicht war sie ein Engel“, seufzte er wehmütig. „Wie hieß sie denn überhaupt?“

„Jacky Brian. Aber nun komm schon und wache wieder auf. Solltest besser nachts träumen.“

Plötzlich hörte ich draußen im Korridor die Dielen knarren. Jimmy hatte das trotz seiner Träumerei anscheinend ebenfalls gehört. Er sah mich bedeutsam an und erhob sich schnell und lautlos vom Bett. Wir postierten uns rechts und links von der Zimmertür und lauschten auf die vorsichtig tappenden Schritte, die sich langsam auf das Zimmer zu bewegten. Ich sah, wie Jimmy nach seiner Knarre tastete, aber ich schüttelte den Kopf.

Die Frau, die ins Zimmer trat, war alt, schmächtig und gebückt, als trüge sie eine Zentnerlast auf dem Rücken. Sie ging bis zur Mitte des Zimmer, ohne uns zu bemerken. Plötzlich drehte sie sich ruckartig um. Ihre Kinnlade klappte kraftlos runter, ihre Augen weiteten sich vor Schrecken derartig, dass ich schon befürchtete, sie würden jeden Augenblick aus den Höhlen herausfallen. Jimmy legte den Finger auf den Mund. Aber er tat es zu spät, denn die Frau fing an zu schreien:

„Hilfe! Einbrecher! Mörder! — Hilfe!“

Und damit raste sie mit einer Geschwindigkeit, die wir ihr nicht zugetraut hätten, zwischen uns hindurch. Das Ganze spielte sich in Sekundenschnelle ab, und wir standen noch immer da. Jimmys vor Staunen weit geöffneter Mund bildete ein großes O. Und dazwischen hörten wir das schrille Gekreische einer Frau, das immer dünner und piepsender wurde, je weiter sie die Treppe hinunterraste.

„Hu, die kann aber rennen. Das ist 'ne neue O1ympiahoffnung. Sollen wir jetzt etwa hinterher?“, fragte Jimmy.

„Warum? Pass auf, in spätestens fünf Minuten haben wir eine Volksversammlung, wie wir sie uns nur wünschen können. Dann können wir den Leutchen in Ruhe unsere Fragen vorlegen.“

„Oder sie lynchen uns.“ sagte Jimmy pessimistisch.

„Eigentlich gemein, da kommt nun so 'ne alte Sprinterin reingeplatzt, wo ich doch mindestens diesen Gorilla oder einen anderen von diesen Brüdern erwartete.“

„Wie kommst du denn darauf? Meinst du, Gorilla und seine Kumpane finden es hier so reizvoll, dass sie hier ihre Freizeit verbringen wollen?“

„Na, hör mal, Pat, der Verbrecher kehrt immer wieder an den Tatort zurück!“, dozierte Jimmy.

„Hm, das ist schon eine schöne Weisheit, nur habe ich bis jetzt noch nicht viel davon bemerkt.“

„Möglich, dass es einfach nur daran lag, dass wir nicht lange genug gewartet haben.“

Von der Treppe her hörten wir nun vielstimmiges Gemurmel und dazwischen immer wieder aufgeregt die schrille piepsende Stimme der Alten von vorhin. Dann drängte sich die Meute durch die Zimmertür hindurch und füllte die Hälfte des Zimmers aus. Zum größten Teil bestand der Haufen aus den Kerlen, denen wir schon unten im Hausflur begegnet waren. Graugesichtig, unrasiert und finster starrten sie uns an. Ganz vorn stand die Alte, die uns vorhin vorexerziert hatte, wie schnell man laufen kann, wenn einem die Angst im Nacken sitzt. Sie streckte den Finger nach uns aus und keuchte nun doch ziemlich außer Atem:

„Das sind sie!“

Jimmy hatte beide Fäuste geballt und hielt sie einsatzbereit in Hüfthöhe.

„Wie sollen wir's erledigen. Kurz und trocken, oder langsam und mit Genuss?“, fragte er.

Inzwischen war uns das Pack noch ein Stück weiter auf den Hals gerückt. Und der Spuckheini aus dem Hausflur knirschte zwischen den Zähnen hervor:

„Wat habta mit dem Meechen gemacht?“ Ihm war das „Meechen“ natürlich höchst egal. Ihm ging es nur darum, uns eins auszuwischen.

Da keifte die Alte wieder:

„Nu macht doch endlich die Strolche fertig. Oder habt ihr vor die da Angst? — Und so wat will nu 'n Mannsbild sein.“ Sie spuckte verächtlich aus. Spucken schien hier überhaupt als eine besonders vornehme Ausdrucksweise zu gelten.

Der Spuckheini trat mutig noch zwei Schritte vor. Die anderen folgten ihm zögernd.

„Ich hab euch was gefragt, ihr Bastarde. Ihr seid sogar zu blöd, auf 'ne vernünftige Frage zu antworten, he?“

Jimmy grinste nur und spuckte dem Kerl zielsicher auf den linken Schuh. Mir kam es vor, als lernte Jimmy sehr schnell die Sitten und Gebräuche etwas fremdartiger Volksstämme.

„Reicht dir die Antwort, Großkotz?“, fragte Jimmy höflich.

Der mit dem befeuchteten Schuh sah sehr nachdenklich auf seinen bespuckten Latschen runter, und er machte keinen weiteren Schritt auf uns zu. Auch die anderen kamen zum Stehen. Mut haben und spucken können schienen eben doch zwei grundverschiedene Dinge zu sein.

Der mit dem verschönten Schuh fragte nur, und er bemerkte dabei überhaupt nicht, dass er sich wiederholte:

„Wo is das Meechen?“ Vielleicht aber umfasste sein Wortschatz nicht mehr Vokabeln.

„Sie ist verschwunden, und deshalb sind wir nämlich hier“, sagte ich nur.

„Sie haben sie umgebracht, die Strolche“, keifte die Alte. Und dann mit schrillem Sirenenton: „Mörder!“

Nun trat der Chor in Aktion. Er murmelte und brabbelte, fauchte, zischte und fluchte. Das schien allen irgendwie Mut zu machen, denn sie rückten uns erneut weiter auf den Pelz. Ich sah Jimmy an, und er grinste nur. Wir hatten uns für die kurze trockene Tour entschlossen. Doch wir kamen gar nicht dazu, diesen Burschen zu zeigen, wie man sich aus der Klemme zieht. Denn plötzlich hörten wir von hinten ein Murmeln und Füßescharren und eine energische, befehlsgewohnte Stimme.

„Was geht hier vor, he? — Was drückt ihr euch hier herum und haltet Maulaffen feil, ihr Lumpenpack? Arbeitet lieber und bezahlt eure Miete!“

Und schon drängte sich die Inhaberin der Stimme durch die Meute hindurch, indem sie die Kerle nach rechts und links zur Seite schob. Und in diesem Moment war mir die geschwätzige Portiersfrau direkt sympathisch, obwohl sie auf die Dauer wohl auf jeden wie ein Brechmittel wirken musste. Dann stand sie vor der Meute, sah erst kurz uns an und drehte sich dann zu der stumm und mürrisch dastehenden Front ihrer ehrsamen Mieter. Jeder von denen schien bei ihr anscheinend tief in der Kreide zu stehen, sodass sie es sich leisten konnte wie ein Diktator in Schaftstiefeln aufzutreten.

„Nun? — Ich warte“, herrschte sie den verstockten Chor an.

„Es handelt sich um diese Jacky Brian“, sagte ich. „Sie ist verschwunden. Und nun denken die Burschen, wir hätten damit etwas zu tun.“

„Als ob diese Bande da überhaupt denken könnte. Du wolltest bloß mal wieder Rabbatz machen, Carmichael“, wandte sie sich an den Spuckheini, der wortlos auf seinen linken Schuh runtersah. Er hatte bestimmt seit einem Jahr schon keine Miete mehr bezahlt.

„Kann der doch gar nicht. Hat er gar keine Courage zu“, verteidigte Jimmy aus unerfindlichen Gründen den Kerl.

„Ruhe!“, fuhr die Portiersfrau Jimmy an und durchbohrte ihn mit einem eisigen Blick. Jimmy kroch schuldbewusst in sich zusammen.

„Also Jacky Brian ist verschwunden. — Meine beste Mieterin! Immer bezahlte sie pünktlich die Miete, und nie hatte ich mit ihr Scherereien.“

„Wovon bezahlte sie die Miete? Arbeitete sie denn?“, fragte ich.

„Nein, sie arbeitete nicht. Trotzdem aber bezahlte sie immer pünktlich.“

„Ist sie vielleicht verreist? Manche Leute verreisen doch auch mal?“, ließ sich jetzt Jimmy vernehmen.

„Nein, das glaube ich nicht. Sie ist noch nie verreist.“

„Sie sagten, Jacky Brian hätte immer ihre Miete bezahlt. Wissen Sie vielleicht, woher sie das Geld, hatte, wenn sie nicht arbeitete?“

„Na, hören Sie mal, glauben Sie etwa, ich verbringe meine Zeit damit, meine Mieter zu bespitzeln?“ Die Frau tat empört.

„Schon gut. Könnte ja sein, dass Sie es zufällig wüssten.“

Die Meute, der durch das Erscheinen der Portiersfrau der Wind aus den Segeln genommen war, hörte sich alles gespannt mit an. So etwas gefiel den Leuten anscheinend noch besser als eine handfeste Prügelei.

„Ich wüsste eigentlich nicht“, überlegte die Frau. „Vielleicht kriegt sie eine Rente für ihren Vater. Aber nein, das glaube ich auch nicht.“

„Was ist denn mit ihrem Vater los?“

„Ach, wissen Sie, der Kerl verließ seine Familie vor — warten Sie, das muss jetzt schon fünfzehn Jahre her sein. Ist einfach abgehauen und hat Frau und Kind sitzen lassen. Und vor einem Jahr ist nun auch die Mutter des Mädchens gestorben. — Das arme Ding!“, fügte sie dann noch schwer schluckend hinzu.

„Weshalb verließ er sie? — Fiel ihm seine Alte so sehr auf 'n Wecker?“, wollte Jimmy wissen.

„Aber wo denken Sie denn hin? Sie zankten sich nie und schienen überhaupt recht gut miteinander auszukommen, was man von den anderen hier in diesem Hause ja nun gerade nicht behaupten kann“, setzte sie mit schiefem Blick auf die Meute hinzu, und ein Protestgemurmel antwortete ihr.

„Hatte der Vater denn Geldschwierigkeiten, oder hatte er etwas ausgefressen?“, fragte Jimmy, bevor ich ihn noch stoppen konnte. Denn mich interessierte die Geschichte des verschwundenen Vaters herzlich wenig. Ich wollte das Mädchen wiederfinden.

„Nein, Geldschwierigkeiten, glaube ich, hatte er nicht, wo er doch ein Wettbüro in der Concort Street drüben in Brooklyn besaß. Und dass er was ausgefressen hatte, glaube ich auch nicht, obwohl ja in dieser Gegend hier eigentlich schon jeder ein paar Jährchen runtergerissen hat.“

„Aber etwas anderes.“ Ich wandte mich an das Ohren und Augen auf reißende Volk. „Hat jemand von Ihnen in der Nacht irgendwelche verdächtige Geräusche aus dieser Wohnung hier gehört?“

Jimmy sah mich etwas erstaunt an, aber ich nickte ihm nur zu.

Inzwischen hatte die Meute wohl beraten, ob sie antworten sollte oder nicht, denn das Gemurmel schwoll wieder an. Dann sagte ein unrasierter Mann, der im Unterhemd dastand und mit beiden Händen seine Hosen festhielt:

„Hm, ja, 'n bisschen stürmisch ging's ja schon zu. Dachte erst, die Kleene hätte sich 'n Liebhaber angeschafft, und der is 'n bisschen sehr stürmisch.“

Die Meute lachte, und einige von ihnen benutzten die Gelegenheit, um ein paar sehr eindeutige Bemerkungen über dieses Thema zu verzapfen.

Aber die Portiersfrau sagte:

„Sie müssen gar nicht auf die da hören. Das ist alles nur Quatsch. So eine war nämlich die Jacky nicht. Die hat noch nie in ihrem Leben 'n Kerl gehabt. War 'n sehr anständiges Mädchen. So eins von der alten Sorte, wo man die heute nicht mehr findet.“

„Aber sie hatte doch bestimmt Bekannte? Jeder Mensch hat doch welche“, sagte Jimmy.

„Ja, das ist auch noch sehr merkwürdig daran, denn wenn ich's genau überlege, hatte sie noch nicht mal so was, was man Bekannte oder Freunde nennt. Sie war eigentlich immer allein.“

Jetzt begann wieder der Chor zu murmeln, und einige machten wieder Bemerkungen, die sie anscheinend für witzig hielten. Und einer von denen da maulte:

„Hör mal, Alte, deine Augen werden wohl schlecht, haste denn noch nie den Kerl da gesehen, mit dem sie manchmal war?“

Die Portiersfrau durchbohrte den Mann mit einem giftigen Blick, weil der sie erst erinnern musste.

„Ach ja, richtig. Da war ja manchmal auch ein Mann. Aber kein Kerl, sondern schon mehr ein Gent. Dachte immer, es war ihr Onkel oder so was.“

„Onkel is gut“, lachte einer und hielt dann einen Vortrag über Onkels. Aber er wurde von der Portiersfrau durch eine Handbewegung zum Schweigen gebracht.

„Weiß jemand von Ihnen den Namen und die Adresse dieses Mannes?“, fragte ich.

Aber nur ein Stimmengemurmel antwortete mir. Da war also auch nichts mehr zu machen. Ich wusste, mehr würde ich nicht mehr herausbekommen, und das, was ich erfahren hatte, war auch sehr dürftig.

Ich versuchte es noch mal: „Kennt denn niemand irgendeinen Bekannten dieses Mädchens? Weiß niemand, wo sie verkehrte, was sie machte?“

Überraschenderweise antwortete mir ausgerechnet dieser Spuckheini.

„Geh doch mal in Johnnys Bar und frag da rum.“

Der Kerl grinste höhnisch. Das war natürlich, nach allem, was ich vorher gehört hatte, eine unsinnige Antwort, aber vielleicht sollte ich ihr nachgehen. Im Grunde war es nämlich das einzig Konkrete, das ich erfahren hatte. Ich wollte ihm gerade noch einige weitere Fragen vorlegen, da keifte die Portiersfrau los:

„Jetzt reicht's aber, Carmichael. Das ist doch wohl der größte Blödsinn, den du je verzapft hast. Da bist du höchstens zu finden, aber doch nie das Mädchen. — Und nun aber raus mit euch allen! Ich muss diese Herren hier noch allein sprechen.“ Und damit drängte sie einfach den ganzen Haufen zur Tür hinaus. Die Meute wich nur widerwillig, aber sie gehorchte, und die Frau knallte die Tür hinter ihnen zu. Dann drehte sie sich um und sah uns forschend an.

„Sind Sie vielleicht nun doch von der Polizei, weil Sie sich um dieses Mädchen kümmern?“

„Nein, wir sind Privatdetektive.“

Ich sah, wie die Frau aufatmete, denn von der Polizei wird man für Auskünfte nicht bezahlt. Sie sah mich fordernd an, aber ich stellte mich tot. Zwanzig Dollar schienen mir genug.

„Jetzt muss ich wohl noch die Polizei wegen des Mädchens verständigen. Ach, was meinen Sie, was ich da für Scherereien haben werde. Erst die Scherereien mit Ihnen, und dann noch die Polizei! Glauben Sie ja nicht, dass es so leicht war, dieses Pack zu bändigen. Ich wollte ja man wissen, was die mit Ihnen gemacht hätten, wenn ich nicht dazugekommen wäre.“

Die Frau seufzte tief.

„Na, gib ihr schon was, Langer. Sie hat uns ja schließlich tatsächlich 'ne Menge geholfen.“

Ich zuckte ergeben die Schultern. Es ist nicht gerade schön, zu erleben, wenn einem der Freund in den Rücken fällt.

„Fünf!“, sagte ich.

Die Frau seufzte noch mal. Diesmal aber noch viel tiefer, noch kummervoller.

„Na schön, also zehn!“

Nun seufzte die Portiersfrau nicht mehr, aber ihre Augen blieben doch nichtsdestoweniger noch immer so melancholisch, wie die eines kleinen Hundes vor dem Schaufenster einer Fleischerei. Doch mir konnten diese Hundeaugen nur sehr wenig imponieren, und ich fand, dass zehn Dollar für die Frau schon hundert Prozent zu viel waren. Ich griff in die Tasche und fischte einen Zehndollarschein raus, den sie mir wieder mit beängstigender Gier aus der Hand fetzte.

Dann wünschte mir die Frau einen guten Tag und einen Haufen genauso Dummer, die wie wir nur so mit den Dollars um sich warfen.

Als wir dann in unserem gemieteten Wagen saßen, sagte Jimmy nur:

„Uff. Das war schon allerhand.“

„Aber leider zu wenig. Im Grunde genommen nämlich gar nichts“, antwortete ich.

Ich dachte an das unbekannte Mädchen.

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4. Kapitel: Bei Johnny

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Wie doch die Zeit vergeht! Da saßen wir also schon wieder beim Essen. Jimmy aß wie immer mit äußerst gutem Appetit, während sich mein Hunger in äußerst mäßigen Grenzen bewegte. Wir befanden uns in einem kleinen Restaurant am unteren Broadway. Der Tisch, an dem wir saßen, stand direkt am Fenster, und man konnte von hier aus auf die Straße mit ihren Vergnügungsetablissements und den billigen Bars hinaussehen.

Jimmy kaute auf beiden Backen und brachte es außerdem noch zustande, dabei die Stirn zu runzeln. Dadurch sah er eigentlich ziemlich interessant aus.

„Hör mal, Pat, willst du jetzt wenigstens vernünftig sein und diese Sache der Polizei überlassen?“

Ich sage am besten überhaupt nichts, wenn Jimmy auf seine Nörgeltour kommt. Mein Widerspruch würde ihn nur ermuntern, bis in alle Ewigkeit weiterzuquasseln. Stattdessen bewunderte ich, wie schön er es fertigbrachte zu essen, zu sprechen und dabei auch noch seine Stirn in bühnenfähige Dackelfalten zu legen.

„Sieh mal, Langer, was wissen wir denn schon eigentlich von der ganzen Sache? Eigentlich gar nichts!“

Nun runzelte ich die Stirn. Aber ich kaute wenigstens nicht dabei.

„Na ja“, lenkte er ein, „etwas mehr ist es doch schon. Aber doch nicht genug, um sich so ekelhaft gründlich in die Sache reinzudenken.“

„Ich glaube, wir wissen genug.“ Ich machte eine Pause, die bedeutungsvoll sein sollte. Aber Jimmy verzog nur den Mund.

„Also wir wissen, dass man ein Mädchen entführte. Schließlich sahen wir es ja mit an.“

„Ich nicht!“, maulte Jimmy, während er sich eine neue Ladung Nahrungsmittel in den Mund schob.

„Du natürlich nicht. Du warst auch grade damit beschäftigt, leere Konservenbüchsen aus dem Weg zu räumen.“

„Und was hast du gemacht?“, fragte er, und ich konnte dabei die Ladung Kartoffeln sehen, die in seinem Mund in halb durchgekautem Zustand sehr appetitanregend wirkten.

„Gar nichts.“

„Na, siehst du! Der Wagen, in dem die beiden Gangster das Mädchen abtransportierten, gehört einer Autovermietung, deren Manager anscheinend ein chronisch schlechtes Gewissen hat. Dieser hatte aber den Wagen an einen Smith verliehen, einen Menschen, den es eigentlich nur in Märchen, Sagen und Hollywoodfilmen gibt. Und diesem wurde nun der Wagen gestohlen. Nämlich von den Gangstern, die die Sache machten.“

„Oder Smith hat selber die Sache gemacht“, warf ich ein. „Aber ich glaube auch nicht daran.“

„Wenn dieser Smith die Sache gemacht hat, vertilge ich dir glatt hintereinander noch zwei von den Portionen.“

„Ich zweifle nicht daran. Wenn diesem Smith der Wagen gestohlen worden ist, sind wir dann auch gleich am Ende dieser Spur angelangt. Doch wir kannten das Haus, in dem das Opfer wohnte. Ein Mädchen namens Jacky Brian ist verschwunden. Der Vater des Mädchens, ein ehemaliger Wettbürobesitzer, verließ vor fünfzehn Jahren aus unerfindlichen Gründen die Familie. Vor einem Jahr starb die Mutter. Das Mädchen arbeitete nicht, hatte aber trotzdem Geld, wenn auch nicht viel, so doch immerhin zum Leben genug. Sie hatte keine Freunde, keine Bekannten ...“

Jimmy unterbrach mich:

„Du Pat, je mehr ich über das Mädchen nachdenke, desto sympathischer wird sie mir. Keinen Freund ...

Er machte eine Pause.

„Also weiter“, sagte ich. „Das Mädchen hat keine Freunde, keine Bekannten. Außer einem Mann, einem Gentleman, wie die Portiersfrau versicherte. Doch niemand kennt den Namen des Mannes.“ Nachdenklich fügte ich hinzu: „Dann zu allerletzt sagt uns noch jemand, wir sollten doch mal bei 'Johnnys' nachfragen, wenn wir etwas über das Mädchen erfahren wollen.“

Ich sah auf Jimmys durch Kaubewegungen beanspruchte Gesichtsmuskulatur und dachte flüchtig daran, dass der Kleine es eines Tages noch zum muskulösesten Gesicht der Welt bringen würde, wenn er so weitermachte.

„Sag mal, Langer“, knautschte er hervor, „wieso wolltest du wissen, ob irgendjemand Kampfgeräusche aus der Wohnung gehört hat?“

„Es fiel mir nur so ein, als man die Story von dem verschollenen Vater erzählte. Es wäre doch möglich, dass der noch lebt und aus irgendwelchen Gründen seine Tochter holen ließ. Aber wer wird das schon seiner eigenen Tochter antun. Ganz abgesehen davon, dass ein Vater doch nur zu seiner Tochter hinzugehen braucht und ihr sagt, sie solle mit ihm kommen.“

„Aha“, machte Jimmy, „in allgemeinverständlicher Sprache soll das also heißen, dass der Vater als Täter ausscheidet.“

Jimmy verwandte wieder neunzig Prozent seiner Konzentration auf die Esserei und sah mich abwartend an.

„Wenn wir nun dieses Mädchen aufspüren wollen“, sagte ich leise und nachdenklich, „müssen wir erst herausfinden, was mit dem Mädchen los war. Denn sie muss für irgendjemand einen Wert besitzen. Wer raubt sonst schon ein alleinstehendes Mädchen ohne jede Verbindungen, ohne Geld und Beziehungen.“

„Was war es also, was das Mädchen so wertvoll machte? Das ist die erste Frage. Die zweite: Woher bekam das Mädchen das Geld? Die dritte: Wer war der Mann, mit dem sie öfter zusammen gesehen wurde? Die vierte: Was ist mit 'Johnnys' los?“

„Die fünfte ...“, äffte Jimmy und grinste.

„Warum hatte der Täter so viel Interesse daran, alle persönlichen Papiere, ja sogar Ausweise beiseite zu schaffen?

„Die sechste, die siebente, die achte, die neunte, die zehnte ...“

„Hör schon auf. Ist kein Spaß.“

„Weiß ich, aber warum fragst du nicht gleich: Wo ist das Mädchen? Dann kannst du dir diese anderen Fragen ruhig sparen.“

„Kluges Kind.“

„Hab ich schon immer gesagt“, nuschelte Jimmy und kaute weiter. „Und was machen wir jetzt? — Ich meine, wo willst du ansetzen?“

„Wir gehen zu 'Johnnys'“, sagte ich.

„Jetzt?“

„Ganz recht.“

Ich stand auf und bezahlte den Kellner, der inzwischen auf leisen Sohlen herangeschwebt war.

*

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ÜBER DEM LADEN WAR in roten Leuchtbuchstaben „Johnnys'“ angebracht. Wir hielten und ich sagte:

„Weißt du, worüber ich gestaunt hab'“,

„Na?“, kam es uninteressiert von Jimmy zurück.

„Dass du nach dieser Fresserei überhaupt noch hinter das Steuer gepasst hast.“

„Ja“, sagte er ernsthaft, „bei diesen Wagen weiß man ja nie.“

Johnnys Bude versuchte gar nicht erst, durch Sauberkeit und einen Anstrich von Ordentlichkeit den Anschein von Vornehmheit zu erwecken. Als wir in den Schuppen reingingen, war es früher Nachmittag, und eine Leere von schalem Rauch und billigem Whisky gähnte uns entgegen. Außerdem war es da drinnen so duster, dass ich schon meinte, wir würden uns glatt verirren und statt zur Theke zum Hinterausgang oder sonst wohin gelangen. Einige graue schattenhafte Gestalten hockten an den Tischen und dösten über ihrem Fusel wie in 'ner Halbnarkose.

Die Theke war mindestens acht Meter lang, und ich stellte mir vor, wie es hier nach Mitternacht aussehen musste, wenn sich hier Ganoven, große und kleine, Kartenhaie, Zuhälter und Straßenmädchen rumdrückten. Zu dieser Stunde aber war die Theke leer wie das Deck eines Flugzeugträgers bei Windstärke soundsoviel.

Der Kerl hing in einem Hemd, das nicht mehr ganz weiß war. Aber vielleicht mochte das auch nur an der feudalen Beleuchtung des Ladens liegen. Er stand genau am entgegengesetzten Ende der Theke. Er schien nicht recht zu wissen, ob er zu uns oder wir zu ihm kommen sollten. Schließlich kam er selbst, haute sich vor uns auf, betrachtete uns eingehend und nicht sehr wohlwollend. Offenbar stellte er fest, dass wir in dem Laden fremd waren, er also ein Auge auf uns haben musste.

„Was wollt ihr?“ Der Kerl hatte eine Stimme, die er sich wohl durch allzu vieles Brüllen ruiniert hatte. Sie erinnerte an eine Kreissäge.

Details

Seiten
180
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738915129
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
gangster killer mädchen
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Titel: Gangster, Killer und ein Mädchen