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Tony Ballard #109: Via Diavolo - Straße des Bösen

2017 120 Seiten

Zusammenfassung



Via Diavolo - Straße des Bösen

Tony Ballard Nr. 109

Teil 1/2

von A.F.Morland

Tony Ballard ist der Dämonenhasser. Er kämpft gegen die Mächte der Finsternis und begegnet dem Unfassbaren. Vampire, Dämonen, Werwölfe und andere Kreaturen der Schattenwelt sind seine unbarmherzigen Gegner. Erfolgsautor A. F. Morland schuf diese einzigartige Horror-Serie, die jetzt endlich auch im E-Book vorliegt.

Leseprobe

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Via Diavolo - Straße des Bösen

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»Ich werde verfolgt«, sagte Orson Vaccaro grimmig. Er telefonierte mit seinem Freund und Komplizen Peter Black. »Verdammter Mist!« kam es zurück. »Sind es die Bullen oder die anderen?«

»Kann ich nicht sagen. Jedenfalls treffen wir uns heute nicht Sch rufe dich morgen wieder an,«

»In Ordnung, Junge«, sagte Black. »Paß gut auf dich auf.«

»Ausgerechnet jetzt, wo uns der Reichtum winkt, tauchen Schwierigkeiten auf«, maulte Vaccaro und hängte ein. Er verließ die kleine Bar in der Nähe des Trevi-Brunnens in Rom, eilte an der Galleria Colonna vorbei und bog wenig später in die Via Diavolo ein und lief in sein Verderben...

Sie waren zwei kleine Gauner, hatten sich in London kennengelernt und zusammengetan. Sowohl Vaccaro als auch Black hatten immer vom ganz großen Coup geträumt, doch es war nie dazu gekommen.

Sie schafften es gerade, sich mit kleinen Fischzügen über Wasser zu halten. Das große Geld verdienten andere, die besser waren als sie.

Als ihnen der Londoner Boden unter den Füßen zu heiß wurde, packten sie ihre Siebensachen und verließen das Land.

»Wir gehen nach Italien!« hatte Vaccaro damals entschieden. »Back to the roots!«

»Zurück zu den Wurzeln?« hatte Peter Black erwidert. »Ich dachte, du bist britischer Staatsbürger.«

»Das bin ich, aber meine Großeltern lebten in bella Roma.«

»Dann fließt dein Blut wohl durch Makkaroni.«

»Blödmann.«

Vaccaro kannte sich aus in Rom. Er hatte seine Großeltern oft besucht. »In Italien kommen wir ganz groß raus!« hatte er Black versichert. »Italien ist der richtige Boden für uns. Ich hab’ da ein paar Kontakte, die uns den Einstieg erleichtern werden.«

Als sie in Rom ankamen, stellte sich jedoch heraus, daß diese Kontakte nicht viel wert waren. Sie buken wieder nur kleine Brötchen. So sehr sie sich auch anstrengten - nach oben kamen sie nicht. Da konnten sie noch so strampeln.

Sie erreichten nur, daß sie sowohl der Polizei als auch einigen Unterweltsbossen unangenehm auffielen, und zur Zeit mußten sie besonders höllisch aufpassen, um nicht zwischen die Mühlsteine zu geraten.

Sie hatten einiges auf dem Kerbholz, hatten alteingesessenen Verbrechern ein paar Geschäfte weggeschnappt, was diese natürlich nicht so einfach hinzunehmen gedachten.

Sie wollten sie beide kriegen: die Polizei ebenso wie die Gangster von Rom, wobei es für sie gesünder gewesen wäre, wenn die Bullen das Rennen machten, denn die Unterweltler fackelten nicht lange. Man verstand es in Italien, schnell und unauffällig zu töten.

Die Via Diavolo war eine Sackgasse. Allerdings nicht für Fußgänger. Für Fahrzeuge gab es ein Hindernis: eine Treppe mit etwa zehn Stufen.

Darauf lief Orson Vaccaro zu. Er warf einen nervösen Blick zurück. Sein Gesicht war schmal, die Augen standen eng beisammen. Wurde er noch verfolgt?

Sehen konnte er niemanden, aber hören. Hastig überlegte er sich, wie er den Verfolger abschütteln konnte. Oder sollte er sich hier irgendwo auf die Lauer legen und auf ihn warten?

Er war kein mutiger Kämpfer, aber wenn man ihn in die Enge trieb, konnte er ziemlich hart zuschlagen. Solange es jedoch eine Möglichkeit gab, das Weite zu suchen, entschied er sich lieber dafür.

Als er den Fuß auf die erste Stufe setzte, erschrak er. Ein seltsames Gefühl beschlich ihn. Er lief hier nicht zum erstenmal lang, aber noch nie war ihm dabei so komisch zumute gewesen.

Irgend etwas stimmt hier nicht! durchfuhr es Vaccaro. Auf der Treppe lag ein merkwürdiges Flimmern. Vaccaro sank knöcheltief darin ein und konnte seinen Fuß nicht mehr sehen.

Das gibt’s doch nicht! dachte er.

Wenn er den Verfolger nicht im Nacken gehabt hätte, wäre er umgekehrt, denn die Sache kam ihm nicht geheuer vor. Aber so mußte er weiter.

Die Stufen schienen klebrig zu sein.

Bei jedem Schritt zog es ihm fast die Schuhe von den Füßen. Wenn ich sie verliere, renne ich in Socken weiter, sagte er sich. Ich bleibe auf keinen Fall stehen.

Er erreichte das obere Ende der Treppe. Irgendwie kam ihm die Straße heute anders vor, aber das war wohl nur Einbildung. Der Gestank nach faulen Eiern wehte ihm entgegen, und ihm kam es vor, als hätte die Luft vor ihm einen vertikalen Riß. Das war natürlich Unsinn.

Die Luft kann keine Risse haben, sagte sich Vaccaro. Luft ist ja nichts als... eben nur Luft!

Aber durch diesen Riß drangen Geräusche! Metall klirrte! Schritte knirschten, obwohl niemand zu sehen war.

Meine Güte, ich bin verrückt! dachte Orson Vaccaro. Bei mir ist eine Schraube locker! Gleich werde ich kleine grüne Männchen sehen.

Er glaubte ganz fest, eine Halluzination zu haben, doch das, was nun geschah, war so real wie er selbst...

***

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CARMINE ROVERE WAR Polizist.

»Mein Sohn ist bei der Polizei!« erzählte Rossana Rovere, seine Mutter, überall stolz.

»Oh, tatsächlich?« sagten jene, die es hörten, und hoben fast ehrfürchtig die Augenbrauen.

Aber Carmine Rovere fand den Stolz seiner Mutter ebenso übertrieben wie die Ehrfurcht jener einfachen Leute, die noch nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen waren und für die ein Polizeibeamter ein halber Gott war. Noch dazu, wenn er bei der Kriminalpolizei war. Carmine Rovere sah seinen Status wesentlich realistischer.

Er war ein besserer Laufbursche.

Alle, die unter Kommissar Michele Ciangottini arbeiteten, waren bessere Laufburschen, egal, wie lange sie schon bei der Polizei waren. Ciangottini degradierte sie ausnahmslos und rücksichtslos. Er ließ keinen neben sich aufkommen, war ein Herrscher, ein Despot, und niemand wagte ihm zu widersprechen. Sein Wort war Gesetz. Seine Befehle hatten unverzüglich ausgeführt zu werden. Er regierte mit eiserner Hand und heimste die Erfolge ein, die seine Untergebenen mühsam errangen. Kritik dagegen gab er an seine Leute weiter, ohne jemals zu vergessen, sie gehörig zu verstärken.

Es war nicht leicht, mit Kommissar Ciangottini auszukommen, aber wenn man mit ihm arbeitete, hatte die Sache auch ihr Gutes: Man konnte viel von diesem unangenehmen Vorgesetzten lernen.

Egal, wie man über ihn dachte, eines mußten ihm selbst seine erbittertsten Feinde konzedieren: daß er ein hervorragender Polizist war. Er verstand es, seine Leute zu Höchstleistungen anzuspornen, und die Unterwelt achtete peinlich darauf, sich nicht mit ihm anzulegen, denn wenn Ciangottini einen auf seine Abschußliste setzte, dann schoß er ihn auch ab. Eher gab er keine Ruhe.

Carmine Roveres Auftrag lautete, Orson Vaccaro ins Präsidium zu bringen, und der junge Polizist rechnete mit keinen Schwierigkeiten. Rovere war fünfundzwanzig, dunkelhaarig und hatte eine etwas zu groß geratene Nase.

Er hatte eine Menge gegen Vaccaro. Er mochte keine ausländischen Verbrecher. Die Unterwelt Roms war groß genug. Mußten sich da auch noch ausländische Ganoven hineindrängen?

Man würde Vaccaro ein bißchen kneifen, ihm auf die Zehen treten und ihm entlocken, wo sich sein Komplize Peter Black versteckte, und anschließend würde man sie beide abschieben, denn es war kein Platz für sie in den römischen Gefängnissen.

Rovere erreichte die Via Diavolo. Er bog um die Ecke und sah Vaccaro die Treppe hinauflaufen. Die Schuhe des Engländers waren dabei nicht zu sehen. Merkwürdig.

Orson Vaccaro erreichte das obere Ende der Treppe, und im nächsten Moment passierte etwas, das Carmine Rovere völlig aus der Fassung brachte.

***

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DER RIß IN DER LUFT wurde größer, klaffte auseinander, und seine unregelmäßig gewellten Ränder glänzten feucht. Etwas glitt hindurch, wurde ausgestoßen - aus der Vergangenheit in die Gegenwart.

Obwohl Orson Vaccaro es mit seinen eigenen Augen sah, glaubte er es nicht. So etwas konnte es einfach nicht geben. Das konnte nur einem kranken Geist entspringen.

Was Vaccaro sah, war nicht nur ein Riß in der Luft, sondern gleichzeitig auch ein Riß in der Zeit. Magische Kräfte hatten das Gefüge von gestern und heute durcheinandergebracht.

Die Zeit »stimmte« nicht mehr. Dadurch war es möglich, daß Vergangenes in der Gegenwart passieren konnte -und umgekerht. Doch wie hätte Orson Vaccaro auf eine solche Erklärung kommen sollen? Er wußte nichts von magischen Kräften, und wenn man es ihm zu erklären versucht hätte, hätte er es nicht begriffen.

Hände! Aus dem Riß griffen Hände!

Orson Vaccaro prallte zurück, und seine Hand stieß ins Jackett. Er wollte seinen Revolver ziehen, aber hatte das einen Sinn? Sollte er auf eine Sinnestäuschung schießen?

Sollte er nicht lieber weiterlaufen, um den Verfolger abzuhängen? Renn einfach durch dieses Trugbild! dachte er. Du wirst sehen, es wird dir nichts geschehen. Laß die Kanone stecken. Du kannst es dir sparen, Löcher in die Luft zu ballern.

Er wollte weiterlaufen, doch seine Beine gehorchten nicht. Sein Instinkt warnte ihn davor, auch nur einen Schritt weiterzugehen. Er drehte sich nervös um und erblickte Carmine Rovere.

Verfluchter Bulle! durchzuckte es ihn. Er hatte ihn sofort wiedererkannt.

Weiter! schrie eine Stimme in ihm. Hau ab!

Er drehte sich wieder dem Riß zu, und die eng beisammenstehenden Augen quollen ihm aus dem Kopf.

Die Hände schoben sich vor, Arme folgten, und dann... Körper!

Orson Vaccaro stand drei kraftstrotzenden Gladiatioren gegenüber!

***

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SIE TRUGEN GOLDENE Helme, und ihr Kampfarm war gepanzert. Bis auf einen schmalen roten Schurz, der von einem breiten Ledergürtel gehalten wurde, waren sie nackt. Ihre Muskeln glänzten, als wären sie mit Olivenöl eingerieben. Sie waren breit in den Schultern und schmal in den Hüften. Metall schützte ihre Knie, und sie waren mit kurzen Schwertern bewaffnet.

Gladiatoren! Im zwanzigsten Jahrhundert! schrie es in Orson Vaccaro. Ich bin reif für die Irrenanstalt!

Nach wie vor redete er sich ein, ein Trugbild vor sich zu haben, und da er Carmine Rovere im Nacken hatte, wollte er die Halluzination ignorieren.

Endlich wagte er sich einen Schritt vor, auf die Gladiatoren zu. Gleich werden sie wie Seifenblasen zerplatzen, dachte Vaccaro. Oder ich gehe durch sie hindurch, als wären sie nicht vorhanden. Ach, was denke ich denn da? Natürlich sind sie nicht vorhanden!

Er machte den nächsten Schritt. Da setzte ihm plötzlich einer der Gladiatoren das Schwert an die Kehle. Orson Vaccaro wurde zum Eisblock.

Er spürte die Schwertspitze. Sie saß unter seinem Adamsapfel. Wenn er so verrückt war, trotzdem weiterzugehen, war er erledigt.

Eine Sinnestäuschung spürt man nicht. Folglich mußten diese drei Gladiatoren echt sein. Vaccaro konnte sich das zwar nicht erklären, aber war in dieser Situation noch eine Erklärung nötig?

Vorwärts konnte er also nicht, denn vor ihm lag der Tod! Also mußte er zurück, und zwar schnell. Es war besser, Carmine Rovere in die Arme zu laufen, als von einem Gladiatorenschwert durchbohrt zu werden.

Er zuckte in Gedankenschnelle herum. »Rovere, helfen Sie mir!« schrie er.

Gleichzeitig startete er, und Carmino Rovere griff zur Dienstwaffe. Vaccaro dachte nicht mehr an seinen Revolver. Er dachte nur noch an Flucht.

Aber die Gladiatoren wollten ihn nicht entkommen lassen. Als Vaccaro startete, schlug jener Kämpfer, der ihm vorhin das Kurzschwert angesetzt hatte, mit der Waffe zu.

Er hätte ihn töten können. Er hätte das Schwert nur geringfügig zu drehen brauchen, dann hätte die doppelschneidige Klinge den Verbrecher getroffen.

So aber bekam Vaccaro den Schlag mit der Breitseite ab. Sterne spritzten vor seinen Augen hoch wie bei einem nächtlichen Feuerwerk. Vaccaro stöhnte.

Seine Beine gehorchten ihm nicht mehr. Die Kraft wich aus seinen Knien. Er knickte ein.

Carmine Rovere wurde Augenzeuge der ungewöhnlichsten Entführung, die es in Rom jemals gegeben hatte.

Er hielt die Dienstwaffe mit beiden Händen, wagte aber nicht abzudrücken, weil Gefahr bestand, daß er eventuell Vaccaro traf.

Rovere war kein besonders guter Schütze. Er haßte Waffen, und ihm gingen die Pflicht-Schießübungen gegen den Strich. Waffen bringen Unglück. Das war seine Ansicht.

Aber manchmal konnten sie auch Menschen retten. Wie jetzt, möglicherweise.

»Vaccaro!« schrie er. »Fallenlassen!«

Es wäre nicht nötig gewesen, das zu rufen, denn Orson Vaccaro konnte sich sowieso nicht mehr auf den Beinen halten.

Kaum sackte er zusammen, da drückte Carmine Rovere ab. Der Knall der Waffe peinigte sein Trommelfell.

Die Kugel traf einen gepanzerten Arm und jaulte als Querschläger davon.

Rovere zog noch einmal durch. Er hoffte, mit dem zweiten Schuß mehr Glück zu haben, und das Geschoß traf tatsächlich einen der Gladiatoren in die Brust.

Deutlich konnte Carmine Rovere das dunkle Loch in der Herzgegend sehen. Der nackte Kämpfer machte eine unwillige Handbewegung, aïs wollte er ein lästiges Insekt wegfegen, und als er den Arm sinken ließ, war die Verletzung verschwunden.

Orson Vaccaro drohte auf die Stufen zu stürzen und diese hinunterzupurzeln, doch das verhinderten die Gladiatoren. Sie packten ihn mit eisenhartem Griff.

Es tat weh, und er brüllte mit schmerzverzerrtem Gesicht auf. »Helfen Sie mir, Rovere!« schrie er verzweifelt.

Die Gladiatoren hielten ihn fest. Er wehrte sich wild, doch seine Kraft reichte nicht aus, sich vom Griff der Feinde zu befreien. Sie zogen sich mit Vaccaro zurück, schleiften ihn auf den unheimlichen Riß zu.

»Rovere, so tun Sie doch etwas«, heulte der Verbrecher. »Sehen Sie nicht zu, wie man mich verschleppt!«

Carmine Rovere lief auf die Treppe zu. Er hatte keine Ahnung, wie er Vaccaro retten sollte. Was konnte er gegen Kerle ausrichten, die einen tödlichen Treffer wie nichts wegsteckten?

Außerdem waren die Gegner zu dritt Er war allein. Sollte er sein Leben aufs Spiel setzen? Für einen Verbrecher? Sein Gewissen sagte ja, denn Orson Vaccaro war in erster Linie ein Mensch.

Ein Mensch, der in Gefahr schwebte. Carmine Rovere befürchtete, daß die Gladiatoren mit dem Mann verschwanden.

Er dachte jetzt lieber nicht daran, wie er das seinem Vorgesetzten beibringen sollte. War so etwas überhaupt glaubhaft zu erklären?

Er näherte sich den Stufen. Sein Herz trommelte wie verrückt gegen die Rippen. Orson Vaccaro brüllte immer wieder seinen Namen, während die Gladiatoren ihn auf den merkwürdigen Riß zuschleiften.

»Ich will nicht!« schrie Orson Vaccaro außer sich vor Angst. »Laßt mich los! Ihr sollt mich loslassen, ihr verdammten Bastarde!«

Die Gladiatoren erreichten die feucht glänzenden Ränder. Sie wurden von der länglichen Öffnung aufgenommen, tauchten ein in ein helles, fleischiges Rot.

Vaccaro sah Wände - oder etwas in der Art -, an denen sie entlangglitten. Abermals schrie er Roveres Namen, doch er hatte den Eindruck, daß ihn der Polizist nicht mehr hörte.

Das Flimmern auf der Treppe nahm ab. Gleichzeitig schloß sich der Riß in der Luft. Von den drei Gladiatoren und ihrem Opfer war nichts mehr zu sehen.

Sie waren verschwunden. Nur noch ganz dünn waren die Rufe des Verbrechers zu hören. Sie wurden schwach und schwächer, während Carmine Rovere die Treppe hinaufkeuchte.

Als er oben ankam, war der Riß nur noch ein schmaler, gezackter Strich, und als er diesen erreichte, löste er sich mit einem leisen, kaum wahrnehmbaren Knistern auf.

Roveres Hand zitterte, als er sich damit über die schweißnasse Stirn fuhr. Er hatte so etwas Unerklärliches noch nie erlebt Die Geschehnisse stellten sich gegen alle Naturgesetze und entbehrten jeglicher Logik. Was sich ereignet hatte, war eigentlich unmöglich, und doch war es passiert.

Ich habe es doch mit meinen eigenen Augen gesehen! dachte Carmine Rovere fassungslos.

Er trat zwei Schritte vor. Verschwunden! Die Gladiatoren waren mit Orson Vaccaro verschwunden. Rovere schob seine Dienstwaffe in das Gürtelholster und zündete sich eine Zigarette an.

Das glaubt mir niemand! überlegte er.

Der Spuk war vorbei. Stille herrschte jedenfalls in der Via Diavolo. Niemand schien die Schüsse gehört zu haben. Jedenfalls öffnete sich nirgendwo ein Fenster.

Keine Neugierigen tauchten auf. Es wohnten nicht viele in der Via Diavolo. In den alten Häusern links befanden sich größtenteils Büros. Rechts ragte eine alte Kathedrale auf; kein besonders sehenswertes Bauwerk, deshalb war es auch in keinem Stadtrundfahrt-Programm zu finden.

Rovere rauchte die Zigarette sehr hastig, dann warf er die Kippe auf den Boden und trat darauf. Mit hängenden Schultern kehrte er um. Er hatte etwas erlebt, das er geistig wohl kaum jemals würde verarbeiten können.

Wie bringe ich das nur dem Kommissar bei? fragte sich der junge Polizist.

***

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AN MANCHEN TAGEN ARBEITETE Kommissar Michele Ciangottini rund um die Uhr. Er war ein zäher Mann, hart zu sich selbst. Er hatte kaum Freunde, weder bei der Polizei noch sonstwo, aber das störte ihn nicht. Er ging in seinem Beruf voll auf, war ein grauhaariger Tyrann, der seinen Leuten das Letzte abverlangte. Seine Devise lautete: Man muß das Unmögliche verlangen, um das Mögliche zu erreichen.

Trotz der vorgerückten Stunde telefonierte er noch mit dem Bürgermeister. Sie hatten eine Meinungsverschiedenheit, und Ciangottini nahm sich kein Blatt vor den Mund.

Carmine Rovere betrat das Büro seines Vorgesetzten. Der Raum war spartanisch eingerichtet. Rovere konnte nicht verstehen, wie sich der Kommissar in dieser nüchternen Umgebung wohlfühlen konnte.

Michele Ciangottini bedeutete seinem Assistenten, sich zu setzen. Rovere nahm Platz. Was er erlebt hatte, lag ihm wie ein schwerer, unverdaulicher Klumpen im Magen.

Der Kommissar schrie dem Bürgermeister einige Beleidigungen ins Ohr und legte dann auf. »Idiot!« sagte er noch, aber da war die Verbindung bereits unterbrochen.

Ciangottini lehnte sich zurück. »Er macht mir das Leben schwer, wo er kann, aber das lasse ich mir nicht gefallen. Wenn mich einer in die Wade beißt, schadet er sich auf lange Sicht nur selbst damit. Ich habe ein Gedächtnis wie ein Elefant. Was mir einer antut, das vergesse ich nie.«

Carmine Rovere wußte nicht, was er darauf erwidern sollte. Er schlug ein Bein über das andere. »Der Bürgermeister ist ein mächtiger Mann. Er hat einflußreiche Freunde.«

»Sie meinen, mit so einem legt man sich besser nicht an. Ich habe keine Angst vor einflußreichen Leuten. Ich bin vielen unbequem, doch niemand wird jemals etwas gegeñ mich unternehmen, weil man weiß, daß ich unersetzlich bin. Wo ist Vaccaro?«

Carmine Rovere gab es einen Stich. »Signore Kommissar, wäre es möglich, die Via Diavolo für den öffentlichen Durchgang zu sperren?«

»Im Prinzip wäre es möglich, aber warum sollte man das tun?« wollte Ciangottini wissen.

»Weil es gefährlich ist, diese Straße zu betreten«, antwortete Rovere.

»Gefährlich?« fragte der Kommissar unwillig. »Wieso gefährlich? Was ist mit Vaccaro? Sie möchten geschickt von ihm ablenken, wie? Er ist Ihnen entwischt, geben Sie’s zu!«

»Nicht... entwischt, Signore Kommissar.«

»Also haben Sie ihn nun mitgebracht oder nicht?«

»Nein, Signore Kommissar«, antwortete Carmine Rovere kleinlaut. Sein Vorgesetzter nickte. »Na also. Deshalb kommen Sie mir damit, es wäre gefährlich, die Via Diavolo zu betreten. Halten Sie mich für einen Schwachkopf?«

»Aber nein, Signore Kommissar!« erwiderte Carmine Rovere erschrocken, »Was soll dann dieses idiotische Ablenkungsmanöver?«

»Es ist kein Ablenkungsmanöver«, erwiderte Rovere heiser. »Ich bin Orson Vaccaro gefolgt...«

»Aber er rückte aus!«

»So kann man es nicht nennen«, sagte Rovere.

»Wo haben Sie Vaccaro aus den Augen verloren?«

»In der Via Diavolo«, sagte Rovere. »Ich verstehe«, brummte Kommissar Ciangottini.

»Ich fürchte, das tun Sie nicht, Signore Kommissar«, wagte Carmine Rovere zu erwidern.

Michele Ciangottini starrte ihn so durchdringend an, daß ihm eiskalt wurde, »Was ist in der Via Diavolo passiert, Rovere?« wollte der Kommissar wissen, »Erzählen Sie es mir in allen Einzelheiten. Stehen Sie zu Ihrer Unfähigkeit. Das ist immer noch besser, als sich hinter irgendeiner Lügengeschichte zu verstecken. Ich weiß, daß Sie nicht gerade mein bester Mann sind, Rovere. Sie geben sich Mühe, Das rechne ich Ihnen an, aber es wird noch sehr viel Wasser den Tiber hinunterfließen, bis ich aus Ihnen einen guten Polizisten gemacht habe.«

Carmine Rovere spürte, wie er zu schwitzen begann. Er räusperte sich nervös. »Signore Kommissar, bevor ich mit meinem Bericht beginne, muß ich vorausschicken, daß ich keine Erklärung für das habe, was passiert ist. Ich kann Ihnen nur die Fakten liefern und Sie bitten, mir zu glauben. Ich würde so etwas Ungeheuerliches niemals erfinden, bloß um davon abzulenken, daß mir Vaccaro durch die Lappen ging.«

»Sie lieben es wohl, Spannung zu erzeugen. Warum betätigen Sie sich nicht schriftstellerisch, Rovere? Ihre Bücher müßten Weggehen wie warme Semmeln.«

Carmine Rovere ignorierte den beißenden Spott seines Vorgesetzten. »Ich war Orson Vaccaro dicht auf den Fersen«, begann er gepreßt mit seinem Bericht. »In der Via Diavolo wollte ich ihn mir schnappen, aber da geschah etwas... Wie ich schon sagte, ich kann es nicht erklären. Es ist mir unbegreiflich. Da... da war auf einmal ein Riß in der Luft.«

»Soso, ein Riß in der Luft.«

»Ja«, sagte Rovere mit belegter Stimme. »Signore Kommissar, Sie müssen mir glauben. Kein Mensch kann sich so eine unglaubliche Geschichte aus dem Finger saugen.«

»Fahren Sie fort, Rovere!«

»Aus diesem Riß kamen drei Männer...« berichtete der junge Polizist, »Als Vaccaro sie sah, geriet er in Panik. Er wollte fliehen, aber das ließen die Männer nicht zu. Sie packten ihn. Er schrie um Hilfe...«

»Was haben Sie getan?« fragte Ciangottini.

»Ich wollte ihm natürlich helfen. Ich gab zwei Schüsse ab...«

»In der Aufregung schossen Sie wahrscheinlich daneben. Ihre Schußleistungen waren immer schon miserabel.«

»Meine Kugel traf einen der drei Kerle in die Brust«, sagte Carmine Rovere.

Der Kommissar beugte sich vor. »Sie haben jemanden erschossen? Demnach ist es gefährlich, die Via Diavolo zu betreten, wenn Sie dort sind.«

»Signore Kommissar, der Mann brach nicht zusammen. Ich habe die Wunde gesehen, Aber nur für einen kurzen Moment, dann war sie weg.«

»Mein lieber Rovere, Sie stellen meine Geduld auf eine harte Probe!«

Es blieb dem jungen Polizisten nichts anderes übrig, als weiter zu berichten.

»Diese Männer zerrten Vaccaro mit sich. Sie verschwanden in diesem Riß... Er schloß sich, und alle waren weg.«

»So weg wie die Schußwunde, die Sie dem einen Kerl zugefügt haben wollen«, sagte der Kommissar.

»Mir war von Anfang an klar, daß Sie mir nicht glauben würden, Signore Kommissar, aber es ist die Wahrheit, so wahr ich hier vor Ihnen sitze.«

»Orson Vaccaro wurde vor Ihren Augen von drei Männern entführt. Sie konnten es nicht verhindern. Ich bezweifle, daß Sie es überhaupt richtig versucht haben. Aber lassen wir das zunächst einmal. Abgesehen von dem Riß in der Luft ist nichts Unglaubwürdiges an Ihrer Geschichte. Ich hoffe, Sie sind wenigstens in der Lage, die drei Männer, die Ihnen Vaccaro vor der Nase weggeschnappt haben, so genau zu beschreiben, daß wir nach ihnen fahnden können. Was waren das für Kerle, Rovere?«

»Das waren...« der junge Polizist fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. »Es waren... Gladiatoren, Signore Kommissar.«

***

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CARMINE ROVERE BETRAT sein Stammlo kal. Ein Bekannter schlug ihm freund schaftlich auf die Schulter. »Na, Sherlock Holmes, wie geht’s?«

»Laß mich in Ruhe«, knurrte Rovere. »Was hast du denn?« fragte der andere verwundert.

»Hau ab, Mann!« erwiderte er bissig. »Schon gut«, sagte der andere und hob die Arme, als würde er sich ergeben. »Ist ja schon gut. Ich wußte nicht, daß du heute deinen aggressiven Tag hast.« Rovere verlangte einen Grappa. Er begab sich mit dem Glas ins Hinterzimmer. Salvatore Lupo umrundete dort gerade den Billardtisch.

»Ist ziemlich langweilig, allein zu spielen«, sagte Lupo. »Machst du mit?«

»Nein.«

Lupo schaute den jungen Polizisten groß an. »Nein? Diese Antwort höre ich heute zum erstenmal von dir, wenn ich dich zu einem Spiel einlade.«

»Ich hab’ keine Lust.«

»Ärger mit den Ganoven?« fragte Salvatore Lupo grinsend.

»Ärger mit dem Vorgesetzten.«

»Das ist schlimmer«, sagte Lupo, der Kommissar Ciangottini kannte. »Macht er dir mal wieder das Leben schwer?«

»Er hätte mich beinahe gefeuert.«

»Was hast du ihm angetan?« wollte Lupo wissen.

»Nichts. Ich habe ihm nur die Wahrheit gesagt.«

Salvatore Lupo lachte. »Ja, manche Menschen können die Wahrheit nicht vertragen.«

»Ciangottini sagt, ich bin überfordert. Ich mußte mir Urlaub nehmen«, knirschte Carmine Rovere. Er nahm einen Schluck vom Grappa.

»Möchtest du nicht doch mit mir spielen?« fragte Lupo. »Heute bin ich nicht besonders in Form. Du hättest gute Chancen, zu gewinnen. Ich wäre auch mit einem attraktiven Einsatz einverstanden.«

»Was ist? Willst du mich auch ärgern? Ich habe nein gesagt. Reicht einmal nicht?«

»Dann eben nicht«, lenkte Lupo ein. Er war ein großer Bursche mit schwarzem, gewelltem Haar und einem Dutzendgesicht. Er war Reporter und hatte eine gute Nase für interessante Stories. »Willst du mir dein Herz ausschütten? Wieso ist der Kommissar so sauer auf dich, wenn du ihm die Wahrheit erzählst?«

»Weil sie sich wie die verrückteste Lügengeschichte anhört, die je erfunden wurde.«

»Macht es dir etwas aus, sie mir zu erzählen?« fragte Lupo.

»Du wirst sie mir genausowenig abnehmen wie der Kommissar«, erwiderte Rovere.

»Ich verspreche, dir zu glauben.«

»Du solltest damit vorsichtig sein«, sagte Carmine Rovere. Er überlegte kurz. Dann meinte er: »Na, von mir aus. Warum sollte ich dir die Geschichte nicht erzählen?«

Salvatore Lupo grinste. »Eben.«

Bei dem, was er dann aber von Rovere zu hören bekam, sträubten sich seine Nackenhaare. Er war entschlossen, diesem Mysterium auf den Grund zu gehen.

***

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WIR WAREN MIT EINEM Mann namens Orson Vaccaro in Rom verabredet. Das heißt, eigentlich hatte ich die Verabredung allein getroffen, aber Mr. Silver wollte mitkommen, und ich hatte keinen Grund, es ihm zu verwehren.

Vaccaro hatte mich mitten in der Nacht angerufen und behauptet, er kenne Jubilees Vater. Wenn das stimmte, konnten wir vielleicht schon bald ein weiteres großes Problem abhaken.

Ein Heer von Detektiven - bezahlt von Tucker Peckinpah - suchte seit langem Jubilees Eltern. Erschwert wurde die Suche dadurch, daß Jubilee nicht wußte, wie sie mit Familiennamen hieß.

Sie war mit vier Jahren von einem Dämon entführt worden und hatte dreizehn Jahre auf der Prä-Welt Coor gelebt.

Wir waren vorsichtiger geworden, reagierten auf solche Meldungen nicht mehr euphorisch, denn wir waren vor nicht allzu langer Zeit ziemlich raffiniert hereingelegt worden.

Es hatte geheißen, Jubilees Eltern würden nicht mehr leben, aber ihre Großeltern gäbe es noch. Wir packten uns zusammen und suchten diese Leute auf und kamen dann gehörig ins Schleudern. [1]

Da man bekanntlich aus Erfahrung klug wird, nahmen wir Jubilee nicht gleich wieder mit. Mr. Silver und ich wollten das Terrain sondieren.

Es lag im Bereich des Möglichen, daß uns wieder ein Schwarzblütler leimen wollte, deshalb würden wir uns Orson Vaccaro vorerst allein vornehmen und prüfen, ob er die Wahrheit gesagt hatte.

Was mich irritierte, war der Umstand, daß er behauptet hatte, Jubilees Vater zu kennen. Wieso kannte er nicht auch ihre Mutter? Hatten sich Jubilees Eltern getrennt? Lebte Jubilees Mutter nicht mehr?

Ich hatte viele Fragen in meinem leichten Gepäck, und ich war gespannt, welche Antworten wir von Vaccaro bekommen würden.

Der Mann handelte nicht aus edlen Motiven, als er sich mit mir in Verbindung setzte. Er wollte Geld haben. Ich hatte Rücksprache mit dem Industriellen Tucker Peckinpah gehalten, und mein Partner hatte gesagt: »Wenn Sie glauben, daß Vaccaros Information etwas wert ist, feilschen Sie nicht mit dem Mann, Akzeptieren Sie seine Forderung. Egal, wie hoch sie ist.«

Wir durften wirklich neugierig sein, was dabei herauskam.

***

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SALVATORE LUPO SAGTE dem jungen Polizisten nicht, was er vorhatte, denn Carmine Rovere betonte immer wieder, es wäre gefährlich, die Via Diavolo zu betreten.

Wenn Rovere etwas zu sagen gehabt hätte, hätte er diese Straße des Unheils absperren lassen, aber er war nur ein kleines Rädchen, das froh sein mußte, im großen Getriebe der Polizei untergekommen zu sein.

Kommissar Ciangottini hätte etwas tun können, aber er hatte ihm nicht geglaubt, und er mußte froh sein, daß sein Vorgesetzter ihm nur befohlen hatte, Urlaub zu nehmen. Es hätte auch schlimmer kommen können.

Lupo verabschiedete sich unter einem fadenscheinigen Vorwand. Carmine Rovere war ohnedies lieber allein. Der Reporter verließ das Lokal und stieg in seinen roten Fiat.

Die Bereitschaftstasche, in der sich seine Fotoausrüstung befand, stand im Kofferraum. Er hatte eine Kamera mit einem sehr lichtstarken Objektiv, und er verwendete äußerst lichtempfindliche Filme. Scherzhaft behauptete er, mit seiner computergesteuerten Kamera könne er sogar noch in der Mitte eines kilometerlangen, unbeleuchteten Tunnels scharfe Bilder knipsen.

Lupo fuhr am Vatikan vorbei. Wolken zogen über den dunklen Himmel. Immer wieder deckten sie den Vollmond zu, gaben ihn aber schon bald wieder frei.

Als Lupo die Via Diavolo erreichte, nahm er den Fuß vom Gaspedal. Er bog in die dunkle Straße ein und rief sich ins Gedächtnis, was ihm Carmine Rovere erzählt hatte.

Merkwürdig. Obwohl auch er sich diese Ungeheuerlichkeit nicht erklären konnte, glaubte er dem jungen Polizisten. Rovere nahm es mit der Wahrheit sehr genau.

Lupo stoppte den Fiat neben der Kirche, stieg aber noch nicht aus. Er ließ den Motor laufen, kurbelte das Fenster nach unten und ließ die düstere Szene auf sich einwirken.

Ein Riß in der Luft! Lupos Augen suchten die Stelle, wo das ungefähr gewesen sein mußte. Er war entschlossen, darüber zu schreiben, und er war neugierig, wie die Leser es aufnehmen würden. Er hatte die Story schon in groben Umrissen im Kopf. Was für die Leser zu starker Tobak war, ließ sich auf eine recht einfache Weise abschwächen. Man brauchte die ungeheure Behauptung lediglich mit einem Fragezeichen zu versehen.

Ein alter, aber immer noch gern verwendeter Journalistentrick. Lupo verstand sein Handwerk.

Verbrecher von Gladiatoren entführt?

Eine beklemmende Stille, die nur vom Blubbern des Motors gestört wurde, herrschte in der Via Diavolo. Der Reporter griff nach dem Zündschlüssel und zog ihn ab.

Nun störte nichts mehr die Stille der Via Diavolo. Lupo öffnete den Wagenschlag und stieg aus. Er kniff die Augen zusammen und blickte sich argwöhnisch um.

Er hätte die Gladiatoren sehr gern gesehen. War es möglich, daß Männer aus der Vergangenheit in die Gegenwart gekommen waren? Hatten sie Orson Vaccaro in ihre Zeit verschleppt?

Der Reporter hatte ein eigenartiges Gefühl zwischen den Schulterblättern. Eine innere Stimme riet ihm, gleich wieder in den Wagen zu steigen und zu verschwinden.

Er hätte sich mit dem begnügen können, was ihm Carmine Rovere erzählt hatte, aber man sagte ihm nach, er wäre beim Recherchieren eine Laus, lästig bis dorthinaus.

Er fand, daß er lediglich gründlich war. Schließlich mußte er für das, was er schrieb, mit seinem Namen geradestehen, und was er seinen Lesern diesmal zumuten wollte, mußte auf einer sehr soliden Basis stehen, sonst schoß ihn der Chefredakteur zum Mars.

Er drückte die Tür ins Schloß und begab sich zum Kofferraum. Wurde er beobachtet? Es kam ihm so vor. Salvatore Lupo fragte sich, was er tun würde, wenn ihm die drei Gladiatoren erscheinen würden.

Ich werde die Beine in die Hand nehmen und so schnell rennen, wie nie zuvor in meinem Leben, dachte er. Aber erst, nachdem ich die Kerle fotografiert habe.

Er öffnete den Kofferraumdeckel, ließ den Chromverschluß der schwarzen Bereitschaftstasche aufschnappen und griff nach der Kamera. Er machte mehrere Aufnahmen von der leeren Via Diavolo. Der Verschluß klickte, und der Film wurde leise summend automatisch weiterbefördert.

Lupo begab sich zur Treppe. Er ging die Stufen hinunter, Obwohl nichts Ungewöhnliches zu bemerken war, war ihm diese bleischwere, drückende Stille nicht geheuer.

Irgend etwas war hier tatsächlich nicht in Ordnung. Noch fehlte Lupo die Gewißheit. Noch war’s nur ein Gefühl, aber er glaubte zu wissen, daß der Beweis nicht lange auf sich warten lassen würde.

Er vernahm die Schritte eines Mädchens. Das Hacken ihrer Stöckel pendelte durch die Via Diavolo. Salvatore Lupo zog sich in den pechschwarzen Schatten einer Mauernische zurück und verhielt sich völlig ruhig.

***

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IHR NAME WAR ALVA MORENA. Blutjung, schwarzhaarig und gertenschlank war sie. Sie trug eine karmesinrote Bluse und einen kurzen weißen Rock, der das Schwingen ihrer Hüften zur Sensation machte. Zwei Armreifen aus Elfenbein zieræn Alvas Handgelenk, und die braune Tasche, die sie an einem Schulterriemen trug, paßte zu ihren hochhackigen Schuhen.

Alva war Fotomodell. Da die Konkurrenz groß war, nahm sie auch Angebote an, die jenseits konventioneller Moralbegriffe lagen. Sie war nicht prüde. Es gab nur ganz wenige Dinge, die Alva für Geld nicht getan hätte.

Heute hatte sie für eine Hard-Core-Serie vor der Kamera gestanden. Die wenigsten ahnten, wie anstrengend das war. Alva war fix und fertig. Sie konnte keinen Mann mehr sehen.

Sobald sie zu Hause war, würde sie ein heißes Bad nehmen und so lange in der Wanne liegen bleiben, bis das Wasser kalt war.

Alva Morena ging durch die menschenleere Straße. Sie hatte keine Angst.

Viele Mädchen fürchteten sich in dunklen, einsamen Straßen. Alva nicht.

Sollte sich ein Mann einbilden, sie wäre eine leichte Beute für ihn, so würde er sein blaues Wunder erleben, denn Alva wußte ihre Handtasche wie eine Waffe einzusetzen. Sie hätte damit jeden Sittenstrolch k.o. geschlagen.

Kurz bevor sie die Treppe erreichte, die nach unten führte, fiel ihr ein roter Fiat auf. Der Wagen war leer, das Seitenfenster offen. Leichtsinnig, sagte sich Alva. Sehr leichtsinnig in einer Stadt wie Rom.

Ein leises Knistern war plötzlich hinter ihr. Sie ging weiter, ohne sich umzudrehen. Sie maß dem Geräusch keine Beachtung bei.

Hinter dem schwarzhaarigen Mädchen klaffte die Luft auf eine geheimnisvolle Weise auf, und ein fauliger Gestank wehte hinter Alva Morena her.

Das veranlaßte sie nun doch, stehenzubleiben und sich umzudrehen.

***

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SALVATORE LUPO SAH das schöne Mädchen und drückte auf den Auslöser. Plötzlich war ihm, als sähe er hinter dem Mädchen einen vertikalen Strich in der Luft.

Ging es mit dem unheimlichen Zauber jetzt los? Würden die Gladiatoren noch einmal in Erscheinung treten?

Das schwarzhaarige Mädchen blieb stehen und drehte sich um. Lupo überlegte, ob er ihr eine Warnung zurufen sollte. Aber er war zu sehr Journalist und begierig, seinen Lesern eine Sensation bieten zu können, deshalb schwieg er und fotografierte.

Die Luft öffnete sich. Das Mädchen hatte jetzt ein oben und unten spitz zulaufendes Oval vor sich. Zwischen den gewellten Rändern bemerkte der Reporter eine eigenartige Röte. Vor Aufregung zitternd, hielt er die Kamera vor sein Auge. Seine Spannung wuchs von Sekunde zu Sekunde.

Klick - klick - klick...

Salvatore Lupo fotografierte wie besessen. Er hätte das Mädchen von dort oben fortholen sollen. Das wäre wichtiger gewesen, als die Bilder, denn Alva Morena befand sich in großer Gefahr. Vielleicht unterschätzte der Reporter sie. Auf jeden Fall unternahm er nichts, um dem schwarzhaarigen Mädchen beizustehen.

Alva Morena hob plötzlich die Arme. Aus welchem Grund sie das tat, konnte der Reporter nicht sehen. Sie stieß einen krächzenden Schrei aus und wich vor etwas zurück.

Lupo hielt jede Einzelheit im Bild fest. Seine Nerven waren bis zum Zerreißen angespannt. Er konnte es kaum noch erwarten, die Gladiatoren auf den Film zu bannen.

Doch an ihrer Stelle erschien etwas anderes!

***

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ALVA MORENA STARRTE mit weit aufgerissenen Augen in die rote Öffnung. Sie konnte sich nicht erklären, wie es dazu gekommen war. Ihr Herz schlug schneller, und die Angst näherte sich ihr auf leisen Sohlen.

Die Öffnung wurde größer, ging in die Breite, und wie ein gefährlicher Höllenschlund würgte sie ein grauenerregendes Ungeheuer hervor. Ein schreckliches Tier wurde dem fassungslosen Mädchen entgegengepreßt.

Eine Echse, die mit angewinkelten Beinen schwer und breit auf dem Boden lag. Ein Zackenkamm verlief - am Kopf beginnend - über den Rücken bis fast zum letzten Ausläufer des Schwanzes hin. An den Füßen hatte die Höllenechse scharfe Krallen, und in ihrem Maul blitzten lange, spitze Zähne.

Der Blick der kleinen roten Monsteraugen wirkte mordlüstern, und vom Unterkiefer tropfte heller Geifer, während aus der Tiefe des roten Rachens ein entsetzliches Fauchen drang.

Es war nicht verwunderlich, daß Alva Morena in diesem Moment glaubte, nicht mehr Herr ihrer Sinne zu sein. Sie riß verstört die Arme hoch und wich zurück.

Zum ersten Mal erfuhr sie, was Todesangst ist. Dieses Gefühl wünschte sie ihrem schlimmsten Feind nicht.

Die Echse drückte ihren massigen Körper hoch. Alva Morena rechnete mit einem Angriff und wich einen weiteren Schritt zurück, ln ihrer Aufregung hatte sie übersehen, daß sie bereits die Treppe erreicht hatte.

Jetzt trat ihr Fuß ins Leere. Ein spitzer Schrei flog von ihren Lippen, während sie hintenüber die Stufen hinunterstürzte. Sie verlor ihre Handtasche, schrammte sich die Knie auf.

Die Panik trieb sie hoch. Als sie sich halb aufgerichtet hatte, schob sich die Riesenechse über den grauen Treppenrand und kam einige Stufen hinunter.

Die Augen des gewaltigen Reptils begannen zu strahlen. Das Licht, das von ihnen ausging, hüllte Alva Morena ein. Eine geheimnisvolle Verbindung entstand zwischen dem Mädchen und dem Ungeheuer.

Zitternd stand Alva Morena auf. In ihrem Kopf befand sich auf einmal ein Befehl.

»Komm zu mir!«

Alva begriff überhaupt nichts mehr.

Konnte diese Riesenechse tatsächlich zu ihr sprechen?

»Gehorche!« verlangte das Höllenreptil, und Alva setzte sich langsam in Bewegung.

Mit schlotternden, blutenden Knien näherte sich das schwarzhaarige Mädchen dem Ungeheuer. Das rote Leuchten hüllte sie nun beide ein. Es wurde so dunkel, daß Salvatore Lupo die Echse und das Mädchen nicht mehr sah.

Endlich hörte er auf zu fotografieren. Endlich beschloß er, dem Mädchen beizustehen.

Doch zu spät!

Das Leuchten verblaßte. Lupo sprang aus seinem Versteck und rannte zur Treppe. Immer schneller verblaßte die Farbe. Ehe der Reporter die Treppe erreichte, war sie nicht mehr zu sehen, und mit ihr waren das Mädchen und die Echse verschwunden.

Es war beinahe wie ein böser Traum, doch Träume hinterlassen keine Spuren.

Aufgeregt bückte sich der Reporter und hob die Ledertasche des verschwundenen Mädchens auf.

Schuldgefühle meldeten sich in ihm. Ich hätte früher eingreifen müssen, sagte er sich. Aber woher hätte er wissen sollen, daß eine Höllenechse in der Via Diavolo erscheinen würde?

***

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ALS WIR IN ROM EINTRAFEN, sprang mir die Schlagzeile ins Auge: Monster in Rom!

Ich kaufte die Zeitung und las den Bericht, den ein gewisser Salvatore Lupo verfaßt hatte. Je länger ich las, desto mehr packte mich die Story. Als ich damit fertig war, sagte ich zu Mr. Silver: »Wir kommen zu spät.«

»Du solltest dich mit Orson Vaccaro doch erst heute nachmittag treffen«, sagte der Ex-Dämon.

»Scheint so, als könnten wir dieses Treffen vergessen«, sagte ich.

»Vaccaro wurde entführt.« Ich drückte meinem Freund die Zeitung in die Hand. »Aber nicht von irgendwelchen Verbrechern, denn da bestünde noch Hoffnung, ihn irgendwann doch noch zu treffen. Drei Gladiatoren haben ihn sich geschnappt und sind mit ihm verschwunden.«

»Sind das die Monster, über die diese Zeitung berichtet?« fragte Mr. Silver.

»Lies selbst.«

»Ich bin zu faul dazu.«

»Das sieht dir ähnlich«, sagte ich und erzählte ihm, was ich gelesen hatte. »Was hältst du davon?« wollte ich wissen.

Der Hüne hob die Schultern. »Wenn ich mir ein genaues Bild von der Sache machen soll, muß ich mehr wissen.«

Ich klopfte mit der Hand gegen die Zeitung. »Vielleicht weiß dieser Salvatore Lupo mehr, als er seinen Lesern zumuten wollte. Wir werden uns mit ihm unterhalten. Und dann sehen wir uns die Via Diavolo an.«

»Wollte ich gerade vorschlagen«, sagte Mr. Silver.

Wir mieteten uns auf dem Flughafen Fiumicino einen Wagen und fuhren zu unserem Hotel. Die Zimmer hatte ich von London aus telegrafisch bestellt, obwohl dies nicht nötig gewesen wäre, wie sich herausstellte.

Vom Hotel aus rief ich die Zeitungsredaktion an. Salvatore Lupos Bericht hatte für einige Aufregung gesorgt. Man war gezwungen, einen Telefondienst einzurichten.

Ich verlangte den Chefredakteur. Mein Italienisch ist zwar nicht überwältigend, aber ich kann mich verständigen. Natürlich war der Chefredakteur für mich nicht zu sprechen.

Ich konnte das verstehen. Der Mann ließ sich abschirmen, um in Ruhe seine Arbeit tun zu können. Ich fragte nach Sal vatore Lupos Adresse. Das Mädchen, mit dem ich sprach, war die Freundlichkeit in Person, aber Salvatore Lupos Anschrift bekam ich nicht. Sie sagte, ich müsse das verstehen, sie könne nicht jedem Lupos Adresse geben... Ich verstand und legte auf.

Ich hoffte, Lupos Nummer im Telefonbuch zu finden, hatte aber auch damit kein Glück. Also mußte ich mit Mr. Silver zur Zeitungsredaktion fahren.

Das Zeitungsgebäude befand sich auf dem Corso di Francia. Ich stellte den Mietwagen auf einem Parkplatz für Besucher ab und sagte zu Mr. Silver: »Hör zu, du bist doch so gut im Hypnotisieren...«

»Soll ich dich mal?« fragte der Ex-Dämon sofort grinsend. »Wäre nicht übel, dich hier vor dem Zeitungsgebäude einen Veitstanz aufführen zu lassen.«

»Ich tue dir den Gefallen ein andermal, okay?« erwiderte ich.

»Und was soll ich jetzt tun?«

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738915099
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
tony ballard diavolo straße bösen

Autor

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Titel: Tony Ballard #109: Via Diavolo - Straße des Bösen