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Tony Ballard #107: Das Monster aus der Todeswolke

©2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Das Monster aus der Todeswolke

Tony Ballard Nr. 107

von A.F.Morland

Tony Ballard ist der Dämonenhasser. Er kämpft gegen die Mächte der Finsternis und begegnet dem Unfassbaren. Vampire, Dämonen, Werwölfe und andere Kreaturen der Schattenwelt sind seine unbarmherzigen Gegner. Erfolgsautor A. F. Morland schuf diese einzigartige Horror-Serie, die jetzt endlich auch im E-Book vorliegt.

Leseprobe

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Das Monster aus der Todeswolke

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Der Teufel wird nie aufhören, sich neue »Knüppel« zuzulegen, mit denen er die Menschen schlagen kann.

Manchmal weiß er allerdings selbst nicht, welche Ausmaße die Dinge annehmen, die er anzettelt, denn selbst er ist nicht allwissend. Er experimentiert gern, prüft die Ergebnisse und zieht daraus seine Schlüsse. Was er sich diesmal ausdachte, war für ihn zunächst ein neuer Test, den er, wenn er einmal lief, in keiner Weise mehr beeinflussen wollte.

Doch dann eskalierte das Grauen. Und es kam zur Katastrophe...

Jerry LeRoy genoß das Gefühl der Freiheit. Er saß allein in der einmotorigen Beechcraft Bonanza. 285 PS hatte die einmotorige Maschine, und LeRoy überflog mit einer Höchstgeschwindigkeit von 334 km/h soeben den Berliner Forst. Wie eine Nadel stach der Fernmeldeturm auf dem Schäferberg aus der Landschaft, und vor LeRoy glänzte der große blaue Wannsee.

Jerry LeRoy war Amerikaner, Journalist von Beruf. Er lebte in New York und hatte sich als cleverer, unbestechlicher Spürhund einen Namen gemacht.

Er prangerte Mißstände an und deckte Skandale auf. Vor ihm zitterten Politiker und Manager von Großkonzernen, wenn sie Dreck am Stecken hatten und er sie aufs Korn nahm.

Er hatte eine Nase, die darauf geschult war, zu riechen und aufzuspüren, was faul war, und wenn er erst einmal Blut geleckt hatte, war er von einer Fährte nicht mehr abzubringen.

Er stellte seine Opfer mitleidlos und erledigte sie. Kaum ein anderer verfügte über einen so ausgeprägten Gerechtigkeitssinn wie Jerry LeRoy.

Daß er sich damit eine Menge Feinde schuf, wußte er zwar, aber es machte ihm nichts aus. Er war ein harter, eiserner Besen, der unermüdlich bestrebt war, seine Stadt, sein Land sauberzufegen. Es wäre für die Menschen von großem Nutzen gewesen, wenn es mehr von seiner Sorte gegeben hätte.

LeRoy nahm Kurs auf den Flugplatz Gatow.

Die Beechcraft gehörte einem Freund: Ulrich Wied. LeRoy besuchte ihn einmal im Jahr. Sie hatten sich auf Hawaii kennengelernt. LeRoy hatte dort beruflich zu tun gehabt, Wied war privat dagewesen, als Tourist.

Sie freundeten sich innerhalb weniger Tage an, und Wied lud LeRoy nach Berlin ein. Zwei Monate nach Hawaii tauchte LeRoy zum erstenmal in Berlin auf, und er war von dieser Stadt so begeistert, daß er seitdem immer wiederkam; und das nun schon seit sieben Jahren.

Inzwischen hatte ihn Wied auch schon etliche Male in New York besucht. Im Zeitalter der Düsenclipper war es kein Problem, Freundschaften über so große Entfernungen aufrechtzuerhalten.

Vor der Maschine tauchte eine seltsam geformte Wolke auf. Sie glich entfernt einem Gesicht und leuchtete leicht rötlich.

Die Wolke dehnte sich nach allen Seiten aus. LeRoy hatte noch nie gesehen, daß sich eine Wolke so schnell vergrößerte. Er war ihretwegen jedoch nicht beunruhigt. Es handelte sich ja schließlich nur um eine Wolke.

Beruflich war Jerry LeRoy sehr erfolgreich; privat nicht so sehr. Er hatte eine dreijährige Ehe hinter sich. Drei Jahre Krieg mit Olivia. Heute wußte er, daß er sie nicht hätte heiraten dürfen.

Sie hatte einen miserablen Charakter gehabt, war mal sehr arm gewesen und hatte nie wieder arm sein wollen. Sie hatte nicht verstehen können, daß Jerry LeRoy sich nicht bestechen ließ.

Er hätte immens reich werden können. Es gibt viele Journalisten, die nicht von dem leben, was sie schreiben, sondern von dem, was sie nicht schreiben.

Er war seiner Frau zu anständig gewesen, und sie verachtete ihn deswegen, Als sich Olivia einem reichen Gangster an den Hals warf, brachte Jerry den Mann ins Gefängnis und reichte die Scheidung ein.

Jetzt lebte Olivia irgendwo in New York. Jerry kannte ihre Adresse nicht, und er hatte auch nicht den Wunsch, sie wiederzusehen. Dieses unangenehme Kapitel war für ihn abgeschlossen.

Die Beechcraft näherte sich der merkwürdigen Wolke, deren blasses Rot dunkel geworden war. Dröhnend schraubte sich der Propeller drauf zu.

LeRoy überlegte, ob er ausweichen sollte. Wenn er die Maschine nach links zog, kam er daran noch leicht vorbei. Er leitete das Ausweichmanöver sofort ein.

Da geschah etwas Verblüffendes: Die Wolke ging mit! Sie machte LeRoys Ausweichmanöver damit zunichte. Wie ein riesiger Teufelsschädel sah sie mit einem Male aus, nach unten spitz zulaufend, nach oben breiter werdend und in langen Hörnern endend.

Der Amerikaner, ein erfahrener Pilot, dirigierte die Beechcraft nach rechts. Die Wolke ging wieder mit, und LeRoy hatte den Eindruck, als ob die Teufelsfratze ihn hämisch angrinsen würde, aber dabei konnte es sich nur um eine Einbildung handeln.

Es gab keine grinsenden Wolken!

Dann fliege ich eben mittendurch, dachte Jerry LeRoy gleichmütig.

Sicher hielt er das Steuerhorn in den Händen. Was war schon eine Wolke -doch nur eine Ansammlung winziger Wassertröpfchen. Ihre rote Färbung mußte diese Wolke von der tiefstehenden Sonne bekommen. Die seltsame Form war nach LeRoys Ansicht zufällig zustandegekommen.

Die einmotorige Maschine stieß in die Satansfratze hinein und verschwand darin.

Und dann ging die Saat auf, die Asmodis ausgeworfen hatte.

***

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WIR HATTEN ANWARD BREWSTER, den Vampir, vernichtet, aber es war uns nicht gelungen, die Fleischwerdung des Ober-Ghouls Gaddol zu verhindern.

Ghouls, Leichenfresser, haben einen schlechten Ruf. Sie sind das mieseste, was die Hölle zu bieten hat - Dämonenabschaum! Verachtet sogar von den Schwarzblütlern.

Gaddol sollte das ändern. Er sollte zunächst die Ghoul-Sippen Europas vereinen und ihnen zu Macht und Ansehen verhelfen. Gemeinsam würden die Leichenfresser so stark sein, daß sie das Höllengefüge gewaltig zum Wanken bringen würden.

Was die Ghouls in der Hölle planten, war uns egal. Was Gaddol mit ihnen jedoch auf unserer Erde vorhatte, machte mir ehrlich gesagt Sorgen.

Er hatte sich aus dem Staub gemacht, und wir wußten nicht, wohin er sich abgesetzt hatte. Wir hatten uns zu unseren Freunden begeben, die zusammen den »Weißen Kreis« bildeten, und wir hatten versucht, mit Hilfe von Yuums Auge Gaddols Spur zu finden.

Es hatte nicht geklappt, denn das magische Auge ließ sich nicht beeinflussen. Es zeigte zwar schwarze Aktivitäten auf, doch die Auswahl wurde von ihm getroffen.

Wir waren gezwungen zu warten, bis wir von Gaddol hörten. Grauenvolle Dinge konnten bis dahin geschehen, ohne daß wir sie verhindern konnten.

Mr. Silver glaubte, daß uns die Hexe Cuca hätte helfen können, doch die Mutter seines Sohnes, mit der er seit kurzem zusammenlebte, verriet uns nicht, was sie wußte.

Sie hatte sich entschlossen, einen neutralen Status einzunehmen, also weder Gutes noch Böses zu tun. Wenn sie etwas von ihrem Wissen preisgegeben hätte, hätte das Zünglein der Waage in unsere Richtung ausgeschlagen, und das wollte sie nicht.

Aber Mr. Silver wollte nichts unversucht lassen, um Cuca ihr Wissen doch zu entlocken.

Wir befanden uns im Living-room jenes Hauses, das Tucker Peckinpah dem Ex-Dämon und seiner Familie zur Verfügung gestellt hatte. Im Raum hielten sich Mr. Silver, der Parapsychologe Lance Selby, ich und... Shavenaar, das Höllenschwert, auf.

Lance, der den Geist der weißen Hexe Oda in sich trug, hatte an Shavenaar eine Reihe von Tests vorgenommen. Wir wollten nichts dem Zufall überlassen.

Schließlich war Shavenaar ein Lebewesen, und wir wollten wissen, wie wir mit ihm dran waren.

Nach dem letzten Test musterte ich den Parapsychologen, mit dem ich seit vielen Jahren befreundet war. Er bewohnte in Paddington das Haus neben meinem. Ich konnte mir keinen angenehmeren Nachbarn wünschen.

Lance Selby war groß und hatte gutmütige Augen mit einer Andeutung von Tränensäcken. Sein dunkelbraunes Haar begann an den Schläfen leicht grau zu werden.

Lance sagte nichts. Er betrachtete das Höllenschwert, das auf dem Tisch lag, stumm und massierte dabei seinen Nacken.

»Na komm schon, Lance«, drängte ich ihn ungeduldig. »Tu endlich deine Meinung kund. Oder spuck wenigstens die Buchstaben aus, damit wir’s uns selbst zusammensetzen können.«

Lance schaute mich an. »Also wenn du mich fragst, Tony... Ich glaube, man kann Shavenaar nun bedenkenlos vertrauen. Das Höllenschwert scheint sich bedingungslos unterworfen zu haben.«

»Was soll das heißen - du glaubst... es scheint? Warum diese Einschränkungen, Lance?« fragte ich.

»Du darfst nicht vergessen, Shavenaar ist und bleibt eine schwarze Waffe. Eine geringe Unberechenbarkeit wird aus diesem Grund immer bestehen.«

»Also ist Shavenaar mit Vorsicht zu genießen«, sagte ich.

»Nun, vielleicht solltest du dem Höllenschwert nicht ganz so sorglos den Rücken zukehren wie zum Beispiel Mr. Silver und mir.«

Ich grinste. »Wer sagt denn, daß ich Silver uneingeschränkt über den Weg traue?«

Der Hüne mit den Silberhaaren sagte kein Wort. Aber er bestrafte mich, indem er den köstlichen Pernod, der sich in meinem Glas befand, in billigsten, ungenießbaren Fusel verwandelte.

Ich bemerkte es nicht, nahm einen großen Schluck davon und hustete das üble Zeug gleich wieder ins Glas zurück.

Mr. Silver griente. »Merk dir das: Man legt sich mit keinem Silberdämon an. Dabei zieht man immer den kürzeren.«

***

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DIE BEECHCRAFT BEFAND sich mitten in der Höllenwolke. Eine eiskalte Strahlung stach durch das bruchsichere Glas, traf den Körper des Piloten und drang in diesen ein.

Etwas packte hart zu und ergriff von Jerry LeRoy Besitz. Die Kälte durchraste ihn, sauste hoch bis in die letzte Haarspitze und setzte sich fest.

Der Amerikaner hatte plötzlich das Gefühl, nicht mehr sich selbst zu gehören. Er meinte, eine Veränderung in sich festzustllen. Schwarz war für ihn nicht mehr nur eine Farbe, sondern auch ein Zustand, eine Richtung, eine Kraft, die sein Blut umwandelte.

Aber dann gab ihn die unheimliche Wolke frei, und er fühlte sich wieder normal. Er bereitete sich auf die Landung vor. Die Idee, ein Versuchskaninchen der Hölle zu sein, kam ihm nicht.

Sicher brachte er die Beechcraft runter. Er ließ sie auf den Hangar für Sportflugzeuge zurollen, stellte den Motor ab und stieg wenig später aus.

Er nahm den Helm ab und fuhr sich mit den Fingern durch das dichte, rötlichblonde Haar. LeRoy war knapp über dreißig, sah aber um mindestens fünf Jahre jünger aus.

Ulrich Wied kam auf ihn zu - leicht übergewichtig, weiße Hosen, weißes Polo-Shirt, mit einem grünen Krokodil darauf. Er war in der Computerbranche tätig, belieferte Großkonzerne mit Software; ein Geschäft, das ihm eine Menge Geld einbrachte.

Er war genauso alt wie der Amerikaner, doch ihm sah man es an. Lachend schlug er dem Freund auf die Schulter. »Na, wie war’s? Du fliegst wie ein junger Gott.«

LeRoy wies mit dem Daumen über seine Schulter. »Hast du das vorhin mitgekriegt?« fragte er. Sein Deutsch war verständlich, jedoch nicht akzentfrei.

»Meinst du die Wolke?«

»Sie wollte mich nicht vorbeilassen«, sagte Jerry LeRoy.

»Ja, ich sah, daß du ihr ausweichen wolltest. Was heißt, sie wollte dich nicht vorbeilassen?«

»Sie machte die Ausweichbewegungen mit«, sagte LeRoy.

»Kann sich um plötzlich aufgetretene Turbulenzen gehandelt haben«, vermutete Ulrich Wied. »Inzwischen hat der Wind die Wolke zerrissen und aufgelöst.«

Der Amerikaner wandte sich um. Die Wolke war tatsächlich nicht mehr zu sehen.

»Hatte eine eigenwillige Form«, murmelte Jerry LeRoy. »Wie ein riesiger Teufelsschädel. Und ihre Farbe...«

»Vergiß sie. Sie -ist nicht mehr da«, sagte Wied. Er lachte. »Hey, du denkst doch nicht etwa, dir wäre dort oben der Teufel begegnet.«

»Quatsch.«

»Meine ich auch«, sagte Ulrich Wied. »Jetzt komm aber! Heute ist dein letzter Tag in Berlin. Morgen geht es wieder zurück in die Staaten, und wenn ich zwischendurch nicht mal rüberjette, sehen wir uns erst in einem Jahr wieder. Das heißt, daß wir gründlich Abschied feiern müssen. So mit allem Pipapo, verstehst du? Ich schlage vor, wir ziehen einmal den Ku-Damm rauf und runter und lassen anschließend bei mir daheim eine Super-Party steigen.«

Sie fuhren in Wieds dickem Mercedes nach Hause und machten sich stadtfein. Jerry LeRoy schlüpfte in einen taubengrauen Anzug, und er merkte, daß er sich darin nicht wohl fühlte. Der Anzug spannte um die Mitte. Hatte er zugenommen? Als er den Anzug vorgestern getragen hatte, hatte er ihm noch gepaßt.

Wied telefonierte, als LeRoy das Gästezimmer verließ. Er sprach mit Iris, einer Nobelnutte. Sie hatte schon im vergangenen Jahr erheblich dazu beigetragen, daß die damalige Abschiedsparty ein voller Erfolg wurde.

»Ja, der Amerikaner ist wieder da«, sagte Wied soeben. »Ich will ihm den Abschied so schwer wie möglich machen. Ist doch klar.« Er lachte. »Wir wiederholen die Sause vom letzten Jahr - mit allen Schikanen. Wie? Klar hab’ ich Champagner im Haus. So viel, daß du darin baden kannst... Was? Das willst du wirklich? Okay, warum nicht? Du kannst mich beim Wort nehmen. Sag mal, wie hieß doch gleich noch die Kleine, die du voriges Jahr mitgebracht hast? Jackie? Ja, ich glaube, sie nannte sich Jackie. Ich wäre dir dankbar, wenn du sie wieder mitbringen könntest. Schließlich möchte ich nicht dasitzen und Däumchen drehen. Wieso geht das nicht? Was? Sag das noch mal. Tot? Wieso ist sie denn tot? Sie war doch erst einundzwanzig. Das verdammte Rauschgift. Hast du einen Ersatz für Jackie? Wie heißt sie? Marlies? Okay, dann bring die mit. Ich hoffe, sie ist kein Kind von Traurigkeit. Dann ist es ja gut Also dann. Punkt zweiundzwanzig Uhr geht’s los. Bringt gute Laune mit.«

Er legte auf.

Jerry LeRoy trat ein.

Wied wies auf den Apparat. »Das war Iris. Du erinnerst dich noch an die Superbiene?«

LeRoy lachte. »Wie könnte man die vergessen?«

»Sie wird dafür sorgen, daß du dieses Haus morgen auf dem Zahnfleisch verläßt... Komisch.«

»Was ist komisch?« fragte der Amerikaner.

»Wieso ist dir auf einmal die Hose zu kurz?«

LeRoy grinste. »Vielleicht bin ich gewachsen.«

Wied tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. »Mit über dreißig Jahren. Du willst mich wohl verarschen.«

Sie verließen das große Haus. Da sich wertvolle Kunstgegenstände darin befanden, war das Gebäude mit einer Alarmanlage gesichert, die Ulrich Wied nun einschaltete.

»Gib den Dieben keine Chance«, sagte er grinsend. »An meiner Alarmanlage beißen sich selbst die gerissensten Profis die Zähne aus. Hör mal, bist du wirklich gewachsen, oder trägst du Schuhe mit hohen Absätzen? Wir waren bisher doch gleich groß. Mischt ihr Amerikaner neuerdings ein wachstumförderndes Präparat in eure Speisen?«

Sie stiegen in den Wagen, und Wied fuhr los.

Er parkte den Mercedes in der Budapester Straße. Das Leben und Treiben auf dem Kurfürstendamm faszinierte LeRoy immer wieder. Der Lichterglanz nahm ihn gefangen. Noch nie hatte ihn das so sehr beeindruckt. Ihm war, als würde sich ihm eine neue Dimension eröffnen.

Er erlebte alles anders, intensiver. Wo Licht ist, ist auch Schatten, und zu diesem fühlte sich Jerry LeRoy hingezogen. Sie gingen von einer Bar in die andere, aßen zwischendurch eine Kleinigkeit, tranken einiges.

Leichte Mädchen, die ein gutes Geschäft witterten, machten sich an sie ran. LeRoy wäre nicht abgeneigt gewesen, sich mit einer von ihnen zu vergnügen, doch Wied wimmelte sie alle ab.

»Wir haben Iris und Marlies«, sagte er zu seinem amerikanischen Freund. »Man darf sich nicht verzetteln, Junge. Heb deine ganze Kraft für Iris auf. Sie wird es dir danken.«

Beim Verlassen einer Bar, die einen exotisch klingenden Namen hatte, stieß Jerry LeRoy mit einem vierschrötigen Kerl zusammen. Der Macho kam sich mächtig stark vor. Zwei Mädchen befanden sich in seinem Schlepptau, und denen wollte er zeigen, daß er der Größte war.

»Kannst du nicht aufpassen?« stänkerte der Vierschrötige.

»War nicht meine Schuld«, sagte LeRoy.

»Auch noch’n Yankee!« sagte der Vierschrötige abfällig. »Ami, go home!«

»Hör mal, laß meinen Freund in Ruhe!« schaltete sich Wied ein.

»Halt’s Maul, Mann, sonst dresche ich dir die Zähne in den Hals!«

»Verdammt, mach keinen Ärger!« sagte Wied.

»Dein ausländischer Freund hat keine Manieren. Ich werd’ sie ihm beibringen. Er muß sich bei mir entschuldigen.«

Die Mädchen kicherten nervös.

Wied, der eine Schlägerei verhindern wollte, sagte schnell: »Okay, mein Freund entschuldigt sich. Zufrieden?«

»Nein.«

»Wieso nicht?« fragte Wied.

»Er muß es sagen.« Der Vierschrötige wies auf Jerry LeRoy.

»Er kann nicht so gut Deutsch«, sagte Wied.

»Ich denke nicht daran, mich zu entschuldigen!« knurrte LeRoy.

»He, ich denke, du kannst nicht so gut Deutsch.«

»Mein Deutsch reicht aus, um dich ungespitzt in den Boden zu rammen, wenn du mir nicht gleich aus dem Weg gehst«, sagte LeRoy aggressiv.

Wieder kicherten die Mädchen.

»Wir unterhalten uns draußen weiter, wenn’s recht ist«, sagte der Vierschrötige.

LeRoy nickte.

Wied paßte das gar nicht. Er griff nach LeRoy und wollte ihn mit sich aus dem Lokal ziehen, doch der Amerikaner schüttelte seine Hand ab.

»Sei vernünftig«, raunte ihm Wied zu. »Der ist stärker als du. Er macht dich fertig. Denk an Iris. Willst du im Krankenhaus landen?«

Der Vierschrötige verließ die Bar. Die Mädchen nahm er mit. Schließlich sollten sie seinen Triumph über den Amerikaner ja aus nächster Nähe miterleben.

Ein dünner Blutfaden sickerte aus LeRoys Nase. Er war sehr erregt. Der Vierschrötige bog um die Ecke und ging noch ein paar Schritte. Die Gasse war schmal und düster.

Lerry LeRoy folgte dem Macho. Er wartete nicht, bis sich der Kerl umdrehte, sondern schlug sofort auf ihn ein.

Der Vierschrötige hatte von Anfang an keine Chance. LeRoy schlug ihn nieder und trat ihn mit den Füßen. Die Mädchen, die eben noch gedacht hatten, ihrem Freund könnte nichts passieren, schrien nun entsetzt, während LeRoy nicht aufhörte, den Macho zu mißhandeln.

Ulrich Wied hätte nie gedacht, daß LeRoy so stark wäre. Angst stieg in ihm hoch. Angst um das Leben des Mannes, der sich auf dem Boden krümmte, und von dem LeRoy immer noch nicht abließ.

»Jerry!« schrie er. »Um Himmels willen, hör auf! Komm zu dir, Junge! Willst du ihn umbringen?«

Doch der Amerikaner machte weiter. Der Macho stöhnte bei jedem Treffer, und Wied stürzte sich auf seinen Freund, um ihn zurückzureißen.

»Er hat genug, Jerry!« keuchte er. »Laß ihn in Ruhe! Es reicht!«

Die Mädchen schrien nach der Polizei.

Wied überredete den Amerikaner, mit ihm zu gehen. Sie verließen die schmale Gasse. Wied winkte einem Taxi. Sie stiegen ein, und Wied nannte dem Fahrer seine Adresse.

Wied wollte dem Amerikaner Vorwürfe machen, aber was er zu sagen gehabt hätte, war nicht für die Ohren des Taxifahrers bestimmt, deshalb schluckte er seinen Groll hinunter.

Es war 21 Uhr, als sie zu Hause ankamen. Sobald Ulrich Wied mit seinem Freund allein war, meinte er kopfschüttelnd: »Mann, so habe ich dich noch nie erlebt. Was ist denn in dich gefahren, Jerry? Okay, der Kerl war ein Idiot, und er hat um Prügel gebettelt, aber was er von dir bekommen hat; war mehr. Es war zuviel, Jerry. Wenn ich nicht dabei gewesen wäre, wäre der Mann jetzt tot. Tot! Du wolltest diesem Kerl nicht nur einen Denkzettel geben. Du wolltest ihn killen!«

Jerry LeRoy schwieg.

»Sieh mich nicht so an, als hättest du das gleiche mit mir vor«, sagte Ulrich Wied. »Kannst du auf einmal Freund und Feind nicht mehr auseinanderhalten? Wir wollen den Vorfall schnellstens vergessen, ja? Schwamm drüber. Du hattest einen Ausrutscher, und der Kerl wird sich die Leute, die er anpöbelt, von nun an genauer ansehen. Schlimm wär’s nur gewesen, wenn wir Ärger mit der Polizei gekriegt hätten, aber das blieb uns zum Glück ja erspart. Sag mal, Jerry, hörst du mir überhaupt zu?«

LeRoy setzte sich. »Gib mir was zu trinken!«

»Hilfst du mir, den Champagner aus dem Keller zu holen?«

»Später. Erst will ich was trinken.«

Ulrich Wied goß Kognak in zwei Schwenker. Während er trank, musterte er den Freund argwöhnisch. Irgend etwas stimmte mit LeRoy nicht. Er hatte sich verändert, war nicht mehr umgänglich und sympathisch, sondern störrisch wie ein Esel und erschreckend aggressiv.

Nachdem sie den Kognak gekippt hatten, begaben sie sich in den Keller und holten eine Menge Champagnerflaschen herauf.

»Iris möchte in Champagner baden«, sagte Wied. »Sie denkt, das geht bei mir nicht. Sie wird sich wundern. Ist’n toller Gag, was? Wir sehen ihr dabei alle zu.«

Er entkorkte die erste Flasche und ließ den Inhalt in die Wanne rinnen. LeRoy ließ auch ein paar Korken knallen, und perlender, schäumender Champagner stieg in der Badewanne immer höher.

Wied bemühte sich, den Ärger, den es gegeben hatte, zu vergessen, und mit der Zeit gelang ihm das auch. Anfangs klang sein Lachen noch gekünstelt. Da er aber immer wieder auch einen Schluck von der Flasche nahm, kam er allmählich in Fahrt.

Fünf Minuten vor zehn trafen die Mädchen ein. Iris war langbeinig und blond. Marlies war ebenfalls blond und sehr üppig.

»Habt ihr gute Laune mitgebracht?« fragte Ulrich Wied an der Tür.

»Mehr, als wir in einer Nacht verbrauchen können«, sagte Iris lachend.

»Dann kommt rein, ihr süßen Käfer.«

»Hey, wo ist denn mein guter Freund aus Amerika?« fragte Iris kichernd. »Du hast ihn vor mir doch hoffentlich nicht versteckt.«

»Er erwartet dich im Wohnzimmer«, sagte Wied. »Sei sehr nett zu ihm, damit er sich recht lange an dich erinnert.«

»Mach’ ich schon. Schließlich muß man hin und wieder was zur Völkerverständigung beitragen.«

»Sehr richtig«, sagte Wied, und Iris bekam von ihm einen Klaps auf den Po, aber er nahm die Hand nicht wieder weg, sondern schob das Mädchen vor sich her, auf die offene Schiebetür zu, die ins Wohnzimmer führte. »Übrigens, das Champagnerbad ist vorbereitet.«

»Wirklich?« Iris kicherte und strahlte. »Mann, ist das irre. Das wird die verrückteste Party, an der ich jemals teilgenommen habe.«

Im Wohnzimmer stand Jerry LeRoy. »He! Da ist er ja, mein großer, starker Amerikaner!« rief Iris und rannte auf ihn zu. Sie warf sich ihm in die Arme.

Er grinste breit. »Hallo, Iris-Baby. Wie geht’s?«

Ulrich Wied rieb sich die Hände. »Ich schlage vor, wir trinken erst mal einen schönen Schluck. Was haltet ihr davon?«

»Keine schlechte Idee«, pflichtete Marlies bei.

»Das wird eine schöne, lange Abschiedsfeier werden«, sagte Iris zu Jerry LeRoy. »Wie lange bist du schon in Berlin?«

»Eine Woche.«

»Und morgen geht’s wieder in die Staaten zurück?«

»Tja, die Pflicht ruft«, sagte Jerry LeRoy.

»Du hättest mich schon vor einer Woche anrufen sollen, Süßer«, flötete Iris, drückte sich gegen ihn und rieb ihre Hüften an ihm. »Eine Nacht ist zuwenig.«

»Sie wird reichen«, sagte LeRoy zuversichtlich.

Sie bekamen die Drinks. Ulrich Wied füllte die Gläser mehrmals, wobei er darauf achtete, daß die Mädchen immer etwas mehr erwischten. Schließlich hatten Marlies und Iris ja aufzuholen.

»Wann ziehst du die große Nummer im Bad ab?« wollte Wied wissen.

»Von mir aus jetzt gleich.«

»Einverstanden!« rief Wied.

»Zuerst möchte ich mit ihr allein sein«, sagte Jerry LeRoy heiser. Ein seltsamer Glanz befand sich in seinen Augen.

»Genußspecht«, sagte Wied und grinste. »Aber wenn das dein Wunsch ist, müssen wir ihn respektieren. Es ist deine Party. Heute läuft alles so, wie du es möchtest. Gib ihm tüchtig Zunder, Iris!«

»Kein Problem«, sagte diese und ergriff LeRoys Hand. »Komm mit, Kleiner, du frierst.«

Sie zog ihn mit sich ins Bad. Als sie den Champagner in der Wanne sah, kicherte sie. »Ulrich ist verrückt. Man sieht ihm nicht an, was für ein ausgeflippter Typ er ist. Nach diesem Bad werde ich herrlich duften und noch besser schmecken.«

LeRoy schloß die Tür und legte den Riegel um.

»Das ist doch nicht nötig«, sagte das Mädchen. »Wir haben nichts zu verbergen.«

»Ich möchte mit dir ungestört sein«, sagte Jerry LeRoy mit kratziger Stimme.

Iris zog sich aus. Gekonnt, und auf den bestmöglichen Effekt bedacht, schälte sie sich aus dem Kleid. Sie zog es zuerst nur über die wohlgerundete Schulter, während sie dem Amerikaner unter gesenkten Wimpern in die Augen sah, streifte es dann weiter über ihre pfirsichweiche Haut und machte eine sehenswerte Schau daraus.

Mit schlängelnden Bewegungen sorgte sie dafür, daß das Kleid über die schwellenen Hüften glitt und raschelnd zu Boden fiel.

»Wie du siehst, ist noch alles dran«, sagte sie schmunzelnd. »Ich habe mich nicht verändert,«

»Wäre auch schade gewesen«, sagte Jerry LeRoy erregt. Eine Ader schwoll über seiner Nasenwurzel an. Es würde wohl nicht lange dauern, bis das Nasenbluten wieder einsetzte.

»Aber du«, sagte Iris. »Du bist nicht mehr ganz so, wie ich dich in Erinnerung habe.«

»Wie hast du mich in Erinnerung?« fragte der Amerikaner, und seine Augenbrauen zogen sich zusammen.

»Irgendwie anders«, sagte das Mädchen und zuckte mit den Schultern. »Lockerer. Gelöster. Unbeschwerter. Und vor allem... nicht ganz so groß. Das gibt’s doch nicht, daß du gewachsen bist.«

»Doch, das bin ich«, erwiderte LeRoy. »Um ein paar Zentimeter. Ulrich ist es auch schon aufgefallen.«

»Du nimmst mich auf den Arm.«

»Es ist wahr«, sagte LeRoy.

»Kein Mensch wächst mehr in deinem Alter.«

»Ich schon«, erwiderte der Amerikaner. »Und jetzt ab in die Wanne mit dir.«

»Ganz wie du willst, Süßer.« Iris stieg in den Champagner. »Ist ein bißchen kühl«, stellte sie fest.

Über der Tür hing ein Heizstrahler, dessen Stäbe mit einemmal zu glühen begannen.

»Hast du den Strahler eingeschaltet?« fragte Iris verwundert.

»Du sagtest doch, der Champagner wäre kühl.«

»Aber der Schalter befindet sich doch draußen.«

»Ist’n kleiner Trick dabei«, verriet ihr Jerry LeRoy.

»Hast du noch weitere Tricks auf Lager?« fragte das Mädchen.

»Eine ganze Menge«, antwortete der Amerikaner. »Zum Beispiel diesen.«

Plötzlich öffneten sich die Spiegelschranktüren.

Iris riß verdutzt die Augen auf. »Ist ja toll. Wie machst du das?«

»Du wirst es gleich erfahren«, sagte Jerry LeRoy mit einem Lächeln, das nicht seine Augen erreichte. »Setz dich!«

Iris beschlich ein unangenehmes Gefühl. Sie ließ es sich aber nicht anmerken. Der Champagner hatte sich erwärmt, hatte jetzt Körpertemperatur.

Die goldene Flüssigkeit umspülte den sündhaft schönen Leib des Mädchens. Hochsteigende Bläschen kitzelten über ihre Haut. Im Spiegelschrank entstand ein unerklärbarer Sturm, der alles herausschleuderte, was sich darin befand.

»Das... das ist Teleportation«, sagte Iris. »Du kannst mit der Kraft deines Willens Dinge bewegen. Ich finde das phantastisch.«

»Ich kann noch mehr«, sagte LeRoy.

»Wer hat dir das beigebracht?«

»Niemand. Ich entdecke jetzt erst, daß ich diese Fähigkeit besitze. Du wirst staunen.«

Iris spürte es schon: Die Temperatur des Champagners stieg, als hätte LeRoy unter der Wanne ein Feuer entfacht. Immer mehr Bläschen stiegen hoch.

Iris fühlte sich nicht mehr wohl in der Wanne. Sie wollte aufstehen.

»Sitzenbleiben!« herrschte LeRoy sie an.

»Jerry, ich bin bestimmt keine Spaßverderberin«, sagte sie nervös. »Aber was du tust, macht mir Angst.«

Er grinste. »Vielleicht bezwecke ich das.«

»Wozu?« Ihre Hände hielten sich am Wannenrand fest. »Hör auf damit, okay? Der Champagner ist zu warm. Stell das bitte ab, Jerry.«

Der Amerikaner lachte. »Von zu warm kann noch lange keine Rede sein, Baby. Er muß kochen.«

»Aber doch nicht, wenn ich drinsitze.«

»Warum nicht?«

»Jerry, treib den Spaß nicht zu weit«, sagte Iris ängstlich. Sie wollte trotz seines Verbots aufstehen, doch er ließ es nicht zu. Ihre Finger rutschten aus einem unerfindlichen Grund ab, und die Temperatur des Champagners stieg gleichzeitig weiter an. Die Hitze trieb dem Mädchen den Schweiß auf die Stirn.

Jerry LeRoy blutete plötzlich aus der Nase. Sein Gesicht war zu einer bösen Grimasse verzerrt.

Ich muß hier raus! dachte Iris entsetzt, doch jeder Versuch, die Wanne zu verlassen, scheiterte. Iris begriff, daß sie Hilfe brauchte. Ulrich und Marlies mußten ihr beistehen. Der Amerikaner mußte den Verstand verloren haben.

»Hör auf damit!« keuchte Iris. »Hör sofort auf, Jerry. Es ist genug. Es tut weh.«

»Das soll es.«

»Bitte, Jerry!« flehte Iris.

Etwas Schwarzes flog auf sie zu. Im ersten Augenblick sah es aus wie eine Zigarre. Das Ding blieb vor Iris in der Luft hängen.

Es war ein Rasiermesser!

Jetzt klappte es auf, und blitzende Reflexe tanzten auf der breiten, scharfen Klinge. Dem Mädchen stockte der Atem.

Die Hitze nahm ständig zu, war schon nicht mehr auszuhalten. Iris mußte schreien. Als sie es tat, zuckte das Messer heran.

Sie spürte die Berührung, aber es tat nicht weh. Der Champagner färbte sich rot. Schwärze legte sich auf die Augen des Mädchens. Langsam brach ihr Blick.

***

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WÄHREND SICH JERRY LeRoy mit Iris im Bad »vergnügte«, sprachen Ulrich Wied und Marlies tüchtig dem Alkohol zu.

»Bin gespannt, wie lange das noch dauert«, sagte Wied mit schwerer Zunge. »Ich will auch sehen, was in der Badewanne läuft.«

»Warum lassen wir beide uns inzwischen nicht ein nettes Spielchen einfallen?« fragte Marlies.

Wied grinste. »Ja, warum eigentlich nicht? Mach einen Vorschlag. Ich bin zu jeder Schandtat bereit.«

»Wie wär’s mit...« Sie neigte sich vor und wollte es ihm ins Ohr flüstern, als Iris im Badezimmer einen Schrei ausstieß.

Ulrich Wied sprang auf. »Verdammt, was stellt er denn mit Iris an?«

Der Schrei riß ab, doch Wied beruhigte sich nicht. Ihm fiel ein, wie Jerry LeRoy den Macho fertiggemacht hatte, Sein amerikanischer Freund schien heute seinen brutalen Tag zu haben.

»Der bricht Iris doch hoffentlich keine Verzierung ab«, sagte Marlies ängstlich.

Ulrich Wied machte drei unsichere Schritte. Seine Augen waren glasig, die Lippen feucht, das Haar in Unordnung, und der Krawattenknopf hing auf halbmast.

»Jerry?« rief er.

LeRoy antwortete nicht. Wied warf Marlies einen unsicheren Blick zu, schürzte die Unterlippe und zuckte mit den Schultern.

»Sieh mal nach, was sie treiben«, empfahl ihm Marlies.

»Er wird sie mit irgendwas erschreckt haben«, sagte Wied und wies grinsend auf eine bestimmte Stelle seines Körpers.

»Damit kann man Iris nicht erschrecken«, behauptete Marlies und kicherte.

Wied schaukelte aus dem Wohnzimmer. Er leckte sich die Lippen und faßte sich an die Schläfen. »Mann. Mann. Heute hast du ein bißchen zu schnell getankt. Paß auf, daß du nicht vorzeitig abstürzt. Wäre schade um die Party.«

Er erreichte die Badezimmertür, klopfte.

»Jerry? Iris? Alles in Ordnung?« erkundigte er sich.

Weder das Mädchen noch sein amerikanischer Freund antworteten.

Wied lachte. »Ihr sprecht wohl nicht mit jedem, was?«

Niemand reagierte auf seine Worte. Er drückte die Klinke nach unten, doch die Tür ließ sich nicht öffnen.

»Sagt mal, ihr Spinner, weshalb habt ihr euch denn eingeschlossen?« fragte Ulrich Wied.

Da sie ihn immer noch ignorierten, rüttelte er an der Klinke. »Jerry, würdest du bitte mal aufmachen?« Er vernahm ein leises Gurgeln und Sprudeln. »He, habt ihr aus meiner Badewanne einen Hot Whirl Pool gemacht? Warum sagt ihr denn nichts? Ist was passiert? Iris! Jerry! Verdammt, man kann’s auch übertreiben! Hör zu, Jerry, du machst jetzt sofort die Tür auf und läßt mich rein.« Schließlich holte Ulrich den Steckschlüssel, mit dem er den Riegel hochstellen konnte.

Nun ließ sich die Tür öffnen. Es dampfte so sehr im Badezimmer, daß Wied in diesem Nebel zunächst nichts sehen konnte. Erst als ein Teil des Dampfs durch die Tür entwichen war, lichtete sich der Nebel etwas.

Als erstes fiel Wied der offene Spiegelschrank auf. Dann bemerkte er seinen amerikanischen Freund, der reglos dastand.

»Jerry!«

LeRoy schien geistig völlig weggetreten zu sein. Es war heiß im Badezimmer. Wied trat ein und spürte die Hitze des Heizstrahlers. Er konnte sich nicht erklären, wieso der Champagner so stark dampfte und sprudelte.

Jerry LeRoy wandte sich um. Ulrich Wied sah das Blut, das aus der Nase seines Freundes rann.

»Jerry, was geht hier vor?« fragte er, als er näher trat.

Der Dampf lichtete sich so sehr, daß Wied das Mädchen in der Wanne sehen konnte.

Als er begriff, daß Iris tot war, weiteten sich seine Augen in panischem Entsetzen.

»O Gott!« stöhnte er, und Übelkeit würgte ihn. »O mein Gott, Jerry, was hast du getan?«

***

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METAL, DER SILBERDÄMON, hatte sich zu uns gesellt. So wie Cuca hatte auch er versprochen, von nun an ein neutrales Leben zu führen. Mr. Silver hatte ihn zu diesem Versprechen gezwungen.

Wäre Metal nicht dazu bereit gewesen, hätte Mr. Silver ihn mit dem Höllenschwert getötet. Der Ex-Dämon hatte lieber keinen Sohn, als einen auf der schwarzen Liste haben wollen.

Vorläufig fühlte sich der Silberdämon an sein Versprechen - obwohl es ihm abgepreßt worden war - noch gebunden.

Aber das konnte sich im Handumdrehen ändern. Bisher war Metals Standhaftigkeit noch keiner Prüfung unterzogen worden.

Vielleicht würde er umfallen. Keiner von uns wußte, ob man sich auf ihn verlassen konnte. Metal wußte das nicht einmal selbst. Für mich stand jedenfalls fest, daß dieser Neutralitätsstatus lediglich eine Übergangslösung sein konnte. Irgendwann würden Metal und seine Mutter Farbe bekennen müssen. Entweder waren sie unsere Freunde oder unsere Feinde. Dieses Dazwischen würde auf die Dauer untragbar sein.

Man muß wissen, woran man bei jemandem ist.

Metal sah gut aus. Er war so groß wie sein Vater, hatte breite Schultern und gelocktes Haar. Mr. Silvers Haar war glatt.

Da beide Silberdämonen waren, verfügten sie über die gleichen Fähigkeiten. Das bedeutete, daß sich diese Fähigkeiten gegenseitig aufhoben, wenn sie gegeneinander kämpften.

Was dann den Ausschlag gab, war vor allem die größer Kampferfahrung Mr. Silvers.

Metal hätte sich des Höllenschwerts auch gern so bedient wie wir, doch das ließ Mr. Silver nicht zu.

Bis vor kurzem war Metal noch mit Mago, dem Schwarzmagier, verbündet gewesen. Es wäre leichtsinnig gewesen, ihm eine so starke Waffe wie Shavenaar vertrauensselig zur Verfügung zu stellen.

Metal ärgerte sich über das Mißtrauen, das ihm sein Vater entgegenbrachte. Er sagte ihm das auch, und Mr. Silver sagte: »Du mußt erst beweisen, daß niemand von uns von dir etwas zu befürchten hat. Im Moment halte ich es für vernünftiger, dir mit Vorsicht zu begegnen. Du bist zwar mein Sohn, aber du stehst noch nicht auf meiner Seite.«

»Dazu wird es nie kommen«, behauptete Metal ernst.

»Warum nicht?« fragte ich den Silberdämon.

»Soll ich all meine bisherigen Ansichten und Prinzipien als falsch verwerfen und vergessen?« fragte Metal zurück.

»Warum nicht?« sagte ich.

»Ich müßte mich selbst verraten und verachten.«

»Man kann seine Einstellung doch ändern«, behauptete ich.

»Dazu habe ich keinen Grund.«

»Aber du trägst die Erbanlagen von Mr. Silver in dir«, sagte ich.

»Irgendwann werden sie durchschlagen«, bemerkte Mr. Silver zuversichtlich. »Das wird ein langer Umwandlungsprozeß sein. Du wirst umdenken müssen. Eines Tages werde ich dir dann vollstes Vertrauen entgegenbringen können. Wenn es soweit ist, wird Shavenaar auch dir bedingungslos gehorchen, das verspreche ich dir. Bis dahin aber ist es besser für dich, wenn du die Finger von meinem Schwert läßt.«

***

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MARLIES LEGTE DEN KOPF in den Nacken und ließ den letzten Tropfen ihres Drinks aus dem hochgehaltenen Glas in ihren offenen Mund fallen.

Sie hatte gehört, daß sich Ulrich Wied mit dem Steckschlüssel Einlaß ins Bad verschafft hatte, und nun wollte sie sehen, was Iris und Jerry dort trieben.

Schwankend setzte sie sich in Bewegung. Auf ihrem hübschen Gesicht lag ein dümmliches Lächeln. So viel hatte sie in so kurzer Zeit schon lange nicht mehr getrunken.

Sie stützte sich immer wieder an der Wand ab, verließ das Wohnzimmer und taumelte in Richtung Bad. Sie versuchte sich zusammenzunehmen, doch es wollte ihr nicht gelingen. Marlies hörte, wie Ulrich Wied sagte: »O Gott! O mein Gott, Jerry, was hast du getan?«

Sie schluckte unwillkürlich. Was mochte passiert sein? Iris hatte diesen lauten Schrei ausgestoßen...

War Jerry in seiner Verrücktheit zu weit gegangen? Hatte er Iris verletzt?

Marlies blieb einen Augenblick stehen. Die Gelegenheit wäre günstig gewesen, das Haus zu verlassen.

Iris, Jerry und Ulrich befanden sich im Bad. Wenn sie ging, würde es nicht auffallen. Aber sie wollte Iris nicht allein lassen. So ging sie weiter. Obwohl sie betrunken war, bildete sich in ihrer Magengrube ein Klumpen.

Dampf schwebte ihr entgegen. Sie erkannte Jerry LeRoy und Ulrich Wied zunächst nur schemenhaft, doch je näher sie kam, desto deutlicher sah sie die beiden.

Und sie sah auch Iris, die in der Wanne lag und sich nicht rührte. Was war los mit Iris? War ihr schlecht geworden?

Sie trat noch zwei Schritte näher, und nun entdeckte sie einen roten Strich an Iris’ Kehle.

Plötzlich erschrak sie. Himmel, nein! Das war kein Strich, sondern eine Schnittwunde.

Mit einem Mal begriff Marlies alles: Warum Iris geschrien hatte... Warum sie jetzt so still war und sich nicht bewegte... Warum Ulrich Wied diese entsetzten Worte ausgesprochen hatte...

Der Amerikaner hatte aus irgendeinem Grund durchgedreht und Iris umgebracht!

Der Schock ernüchterte Marlies mit der Wucht eines Keulenschlages.

Tot! schrie es in ihr. Iris ist tot! Jerry LeRoy hat sie umgebracht! Was werden Wied und LeRoy nun tun? Werden sie versuchen, den Mord zu vertuschen? Dann müssen sie mich beseitigen, damit ich nichts verraten kann!

Ihr brach bei diesem Gedanken der Schweiß aus allen Poren. Sie hätte am liebsten ihre schreckliche Angst herausgeschrien. Damit der Schrei nicht aus ihrem Mund konnte, biß sie sich bebend in die Faust.

Jerry LeRoy blutete leicht aus der Nase. Er sah seinen Freund merkwürdig an. Triumphierend, aggressiv...

»Jerry...!« stöhnte Ulrich Wied. »Warum?«

»Ich hatte einfach Lust, sie zu töten«, antwortete der Amerikaner.

Wie konnte er etwas so Ungeheuerliches sagen? Marlies biß sich fester in ihre Faust.

Ich muß weg! dachte sie zitternd. Wenn ich in diesem Haus bleibe, ende ich so wie Iris!

»Aber... sie hat dir doch nichts getan«, sagte Wied verständnislos.

Flieh! sagte sich Marlies. Beeile dich. Gleich wird ihnen einfallen, daß es dich auch noch gibt!

Sie wollte sich zurückziehen. Der Alkohol hatte seine Wirkung verloren. Marlies konnte wieder ganz klar denken. Entsetzlich klar!

Bevor sie sich in Bewegung setzte, fragte Wied: »Womit hast du’s getan, Jerry?«

»Ich habe mir dein Rasiermesser geliehen.«

»Jerry, du bist wahnsinnig«, sagte Wied erschüttert.

Der Amerikaner grinste. »Findest du?«

»Was du getan hast, ist doch nicht normal. Warum nur?«

»Ich sagte es doch schon. Ich hatte einfach Lust dazu.«

Marlies zog sich nun zurück. Sie machte ganz kleine Schritte, damit die Männer auf sie nicht aufmerksam wurden. Ihr Herz hämmerte wie verrückt gegen die Rippen.

In ihrem ganzen Leben hatte sie sich noch nie so wahnsinnig aufgeregt. Ihr war übel vor Angst.

»Und nun verspüre ich eine unbändige Lust, dich zu töten!« sagte Jerry LeRoy auf einmal.

Marlies überlief es eiskalt.

»Jerry!« krächzte Wied erschrocken. »Komm zu dir!«

Marlies sah das Rasiermesser, und das Irre daran war, daß Jerry LeRoy es nicht in der Hand hielt.

Es schwebte!

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738915082
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
tony ballard monster todeswolke
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Titel: Tony Ballard #107: Das Monster aus der Todeswolke