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Tony Ballard #106: Das Ghoul-Imperium

©2017 120 Seiten

Zusammenfassung


Tony Ballard ist der Dämonenhasser. Er kämpft gegen die Mächte der Finsternis und begegnet dem Unfassbaren. Vampire, Dämonen, Werwölfe und andere Kreaturen der Schattenwelt sind seine unbarmherzigen Gegner. Erfolgsautor A. F. Morland schuf diese einzigartige Horror-Serie, die jetzt endlich auch im E-Book vorliegt.

Leseprobe

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Das Ghoul-Imperium

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Ich war zu Besuch bei meinem Freund Mr, Silver. Ein eigenartiges Gefühl war das. So viele Jahre hatte er mit mir und Vicky unter einem Dach gewohnt, und nun besaß er sein eigenes Heim - und er hatte auch Familie.

Die Frau, mit der er zusammen lebte, war die Hexe Cuca, und sein Sohn war der Silberdämon Metal.

Aber es »lebte« noch jemand in Mr. Silvers Haus: Shavenaar, das Höllenschwert!

Der Ex-Dämon hatte mich zu sich gebeten, um mir das neue Höllenschwert vorzuführen. »Jetzt paß mal auf!« sagte der Hüne mit den Silberhaaren, und dann rief er den Namen des schwarzen Schwerts.

Und das Höllenschwert kam!

Jubilee und ihre neue Freundin Eartha Raft waren im Kino gewesen und befanden sich nun auf dem Heimweg. Jubilee war 17, Eartha 20. Die eine hatte streichholzlanges braunes Haar und eine fast knabenhafte Figur. Die andere war kupferrot und so üppig, daß ihr häufig die Männer nachpfiffen.

Kennengelernt hatten sich die beiden beim Zahnarzt. Sie hatten im Wartezimmer vor sich hingeschlottert, und schließlich hatten sie angefangen, sich gegenseitig Mut zu machen.

Gemeinsam verließen sie dann nach der Behandlung die Praxis, und am darauffolgenden Tag trafen sie sich wieder -in einem Coffee Shop.

Innerhalb kurzer Zeit wurden sie Freundinnen. Eartha kannte inzwischen Jubilees ungewöhnliche Geschichte. Erst hatte sie sie ihr nicht geglaubt, denn sie klang einfach zu phantastisch, doch allmählich fand sie sich mit Jubilees unglaublicher Story ab.

Mit vier Jahren entführt von einem Dämon namens Cantacca... Aufgewachsen auf einer anderen Welt, die sich Goor nannte... 13 Jahre hatte Jubilee auf dieser Prä-Welt verbracht. Sie kannte ihren Nachnamen nicht und wußte nicht, wer ihre Eltern waren und wo sie lebten. Ein Heer von Detektiven, die von dem reichen Industriellen Tucker Peckinpah bezahlt wurden, versuchte dieses Rätsel zu lösen. Bisher leider ohne Erfolg.

Für Eartha Raft war Jubilee das außergewöhnlichste Mädchen, dem sie je begegnet war.

»Du hast mir noch gar nicht gesagt, wie dir der Film gefallen hat«, sagte Eartha.

»Gut«, antwortete Jubilee. »Sehr gut.«

»Richtig unheimlich war er.« Eartha schauderte. »Diese wahrgewordenen Alpträume jagten mir eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken. Du bist ja wohl etwas abgebrühter in solchen Dingen. Immerhin wohnst du im Haus eines Dämonenjägers, hast schon richtige Ungeheuer gesehen und mehr erlebt, als andere sich vorstellen können.«

Jubilee lachte. »So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Mich hat diêser Film genauso aufgeregt wie dich.«

Eartha seufzte. »Das wird heute eine Nacht. Ich werde wieder lange nicht einschlafen können. Eigentlich ist man verrückt. Man geht freiwillig in so eine Vorstellung, um sich zu gruseln, und gibt noch gutes Geld dafür her, obwohl man weiß, daß man hinterher vielleicht ein paar Nächte hindurch kein Auge zutun kann. Ich werde wieder Schritte im Haus hören und mir einbilden, daß sich Türen bewegen. Kannst du mir verraten, warum ich so dumm bin und mir das antue?«

Jubilee schmunzelte. »Ich bin froh, daß der Vorschlag nicht von mir kam.«

»Nein, ich hab’ den Film ausgesucht. Dich trifft keine Schuld«, sagte Eartha Raft. »Wenn ich an den Mann mit den irrsinnig langen Armen denke... Er lief durch die Straße und kratzte mit seinen Metallkrallen über die Wände. Dieses Geräusch... Uuuuaaahhh!« Eartha schüttelte sich. »Es wird mich überallhin verfolgen.«

»Du hättest dich vielleicht doch besser für eine Love Story entschieden«, sagte Jubilee belustigt.

Eartha Raft nickte. »Ja. Aber hinterher ist man immer klüger.« Sie schaute zurück, blieb stehen und wurde blaß. »Wir... wir werden verfolgt«, stammelte sie.

***

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SHAVENAAR ÖFFNETE DIE Tür!

Ich drehte mich um. Ein flaues Gefühl umklammerte meinen Magen, als ich das Höllenschwert sah. Unangenehme Erinnerungen wurden in mir wach.

Das Höllenschwert hatte mich schon einmal angegriffen. Ich hatte gegen diese starke, unberechenbare Waffe um mein Leben kämpfen müssen. Seither war zwar einiges geschehen, aber ich wagte dem Schwert noch nicht zu trauen.

Es hing in der Luft, wurde von seiner eigenen Magie getragen. Bisher war es gefährlich gewesen, das Höllenschwert in die Hand zu nehmen. Selbst für Mr. Silver! Er mußte die Waffe jedesmal mit seinem starken Willen unterjochen und unter Kontrolle halten. Jede Unachtsamkeit hätte auch dem Ex-Dämon zum Verhängnis werden können.

Von mir ganz zu schweigen. Wenn ich das Höllenschwert in die Hand genommen hätte, hätte es sich gegen mich gewandt und mich getötet.

Mr. Silver bemerkte, wie ich versteifte. »Es wird dir nichts tun, Tony«, sagte er beruhigend.

Das Höllenschwert war ein »Wesen«, Auf dem Klingenrücken befand sich eine Krone, in die ein Herz eingeschlossen war.

Es hatte geheißen, daß sich derjenige das Höllenschwert zum Verbündeten machen könne, dem sein Name bekannt war.

Sehr viel Zeit und Energie hatten wir aufgebracht, um diesen Namen zu erfahren. Nun wußten wir ihn, und nun, da das Höllenschwert ihm gehorchte, wollte Mr. Silver mir ein paar Kunststücke vorführen, Shavenaar stand in der Tür, die Spitze war gegen mich gerichtet. Freund oder Feind? fragte ich mich insgeheim.

Mr. Silver hatte zwar behauptet, Shavenaar würde mir nichts tun, aber konnte ich mich darauf verlassen? Meine Kehle wurde eng, und mein Mund trocknete aus.

Ich hatte den Eindruck, von Shavenaar »angestarrt« zu werden. Unter meinem Hemd trug ich den Dämonendiskus, und ich überlegte mir in diesem Augenblick ernsthaft, ob ich diese starke Waffe nicht wenigstens herzeigen sollte, damit sich das Höllenschwert zu keiner »Unbesonnenheit« hinreißen ließ.

»Shavenaar«, sagte Mr. Silver mit fester Stimme.

Das Höllenschwert reagierte. Seine Klinge, die leicht fluoreszierte, wurde etwas heller.

»Komm hierher!« verlangte der Ex-Dämon, und Shavenaar setzte sich langsam in Bewegung.

Es kam auf mich zu. Meine Nervenstränge strafften sich. Mißtrauisch trat ich zur Seite und verfolgte den Weg des seltsamen Wesens. Shavenaar schwebte an mir vorbei, erreichte den Hünen und drehte sich. Das Höllenschwert bot dem Ex-Dämon seinen Griff an.

Mr. Silvers Finger schlossen sich um diesen. Er schaute mich triumphierend an. »Was sagst du dazu? Shavenaar gehorcht mir wie ein gut dressierter Hund, ohne etwas von seiner Gefährlichkeit eingebüßt zu haben. Ich kann ihm meine Befehle auch auf telepathischem Wege übermitteln.«

»Hört sich großartig an«, sagte ich und entspannte mich langsam. »Eigentlich hat die Geschichte nur einen einzigen Haken.«

»Und der wäre?« fragte Mr. Silver.

»Jeder, der den Namen dieser schwarzen Waffe kennt, kann sie sich untertan machen«, sagte ich. »So hieß es doch, oder?«

Der Ex-Dämon nickte. »Richtig, Tony. Aber in erster Linie gehorcht das Höllenschwert seinem Besitzer, und der bin ich. Ich habe Shavenaar einen bestimmten Befehl gegeben.«

»Welchen?« wollte ich wissen.

»Das Höllenschwert darf nur jenen gehorchen, die mir genehm sind. Wenn zum Beispiel Atax käme und sich an meinem Schwert vergreifen würde, könnte er mit dem Namen der Waffe nichts anfangen.«

»Shavenaar würde sich gegen Atax stellen?«

»Gegen jeden, der mein Feind ist«, behauptete Mr. Silver. »Dafür habe ich gesorgt. Ich habe den Kreis derer, die Shavenaar gefahrlos Befehle erteilen dürfen, bewußt klein gehalten.«

»Was ist mit Cuca?« fragte ich. »Könnte sie mit dem Höllenschwert irgend etwas anstellen?«

Mr. Silver schüttelte den Kopf.

»Und dein Sohn?« fragte ich.

»Auch Metal hat keinerlei Befehlsgewalt über Shavenaar.«

»Beruhigend zu wissen«, sagte ich. »Aber du«, sagte der Hüne. »Du kannst es heute erstmals wagen, Shavenaar zu berühren.«

Ich lachte nervös. »Ich weiß nicht, ob ich das wirklich riskieren soll. Ehrlich gesagt, dieses Schwert ist mir noch nicht geheuer. Geschmiedet auf dem Amboß des Grauens für Loxagon, den Sohn des Teufels... Es wollte mich schon einmal töten. Erinnerst du dich nicht mehr?«

»Doch, aber damit ist es vorbei. Ich habe eine Sperre errichtet. Shavenaar kann sich nicht mehr gegen dich wenden.«

Ich grinste. »Das weißt du. Aber weiß das auch Shavenaar?«

»Willst du’s nicht mal versuchen?« fragte der Ex-Dämon.

»Besonders scharf bin ich nicht drauf.«

»Mein Freund Tony Ballard entwickelt sich doch nicht etwa zum Feigling?« spottete Mr. Silver.

»Dein Freund Tony Ballard ist bloß kein hirnverbrannter Idiot. Du könntest mit deiner Sperre nicht den gewünschten Erfolg erzielt haben. Ich habe keine Lust, von Shavenaar in Würfel geschnitten zu werden.«

»Reizt es dich denn gar nicht, das Höllenschwert mal in der Hand zu halten?«

»Hör mal, ich bin hier, weil ich dachte, du und Shavenaar würdet mir ein paar Kunststücke vorführen. Statt dessen willst du auf einmal mich durch den brennenden Reifen springen lassen«, erwiderte ich.

»Ich werde dir jetzt etwas zeigen, das dich überzeugen wird, daß du von Shavenaar nichts mehr zu befürchten hast«, kündigte der Ex-Dämon an.

Ich hob abwehrend beide Hände. »Keine Scherze auf meine Kosten, okay?«

»Shavenaar!« sagte Mr. Silver rauh, und er wies dabei auf mich. »Töte ihn!«

»Verdammt!« stieß ich entsetzt hervor. »Hast du den Verstand verloren, Silver?«

Das Höllenschwert reagierte auf den Befehl. Es sauste auf mich zu und schwang hoch. Mir stockte der Atem, ich war wie gelähmt. Shavenaar holte zum tödlichen Hieb aus!

***

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JUBILEE BLIEB EBENFALLS stehen. Die Straße war menschenleer. Da war niemand, der sie verfolgte.

Eartha Raft sah sie mit großen, ängstlichen Augen an. »Jemand ist hinter uns her!«

»Unsinn«, sagte Jubilee beruhigend. »Der Film hat dich zu sehr aufgeregt.«

»Ich sage dir, da ist jemand!« beharrte Eartha Raft.

»Und warum sehe ich ihn dann nicht?« fragte Jubilee. »Komm weiter. Du bist gleich zu Hause. Ist nur ein Katzensprung, dann kannst du Türen und Fenster verriegeln oder vernageln und bist so sicher wie in Abrahams Schoß.«

»Ja, ja«, entgegnete Eartha. »Mach dich nur lustig über mich. Nicht jeder hat so starke Nerven wie du. Deine müssen aus Drahtseilen bestehen.«

»Also was ist nun?« fragte Jubilee ungeduldig. »Willst du hier Wurzel schlagen?«

Eartha ging zögernd weiter. Immer wieder warf sie einen nervösen Blick zurück. Sie wurde das Gefühl nicht los, daß sich jemand hinter ihnen befand, doch sehen konnte sie niemanden.

»Eines weiß ich: Einen solchen Film sehe ich mir nie wieder an«, seufzte Eartha. »Es war schon schlimm genug im Kino. Aber die Nachwirkungen sind auch nicht ohne. Zu allem Überfluß wohne ich auch noch in unmittelbarer Nachbarschaft eines unheimlichen Hauses.«

»Es ist nicht unheimlich«, widersprach Jubilee. »Es ist einfach nur ein altes, leerstehendes Haus.«

»In dem das Böse wohnt«, fügte Eartha leise hinzu.

»Ach, komm, hör auf.«

»Ich sage dir, mit diesem Haus stimmt etwas nicht«, sagte Eartha eindringlich.

Jubilee schmunzelte.

»Du scheinst überhaupt nichts von dem, was ich sage, ernst zu nehmen«, ärgerte sich Eartha. »Im Garten dieses Hauses gedeihen die Pflanzen schlecht. Das Gras ist dürr und gelb, die Kletterrosen haben halb verwelkte Blätter. Auf diesem Grundstück scheint es ewig Herbst zu sein.«

»Wem gehört das Haus?« wollte Jubilee wissen.

»Einem gewissen Answard Brewster.«

»Hast du den schon mal gesehen?«

»Nein, noch nie«, antwortete Eartha.

»Vielleicht lebt er schon lange nicht mehr.«

»Oder er lebt... auf eine andere Weise«, sagte Eartha Raft und rollte die Augen.

»Soll ich Tony Ballard bitten, sich in diesem Haus mal umzusehen?« fragte Jubilee. »Würde dich das beruhigen?«

»In letzter Zeit kommen nachts unheimliche Laute aus diesem Haus«, sagte Eartha Raft mit belegter Stimme. Wieder schaute sie zurück. »Vorgestern nacht war mir, als würde ich einen Lichtschein über die Kellerfenster streichen sehen. Ich... ich zog mich nicht einmal aus, sprang gleich so, wie ich war, ins Bett und zog mir die Decke über den Kopf. Irgend etwas ist dort drüben im Gange, das fühle ich. Leider habe ich keine Beweise. Oder... Vielleicht sollte ich sagen: Zum Glück! Denn wenn ich Beweise hätte, würde ich bestimmt bald Besuch kriegen, damit ich nichts verraten kann.«

»Wenn sich die Gelegenheit ergibt, rede ich mit Tony Ballard über Brewsters Haus«, sagte Jubilee. »Mal sehen, was er davon hält.«

Sie bogen um die Ecke und blieben nach wenigen Schritten vor einer kleinen Vorgartentür aus weiß gestrichenen Holzlatten stehen.

Eartha hatte das Haus, in dem sie wohnte, gemietet. Sie lebte allein hier. Ihre Eltern wohnten in Birmingham. Sie hatte sich mit ihnen überworfen, sah sie nicht mehr.

Eartha arbeitete im Büro eines Versicherungsmaklers. Sie verdiente gut, und ihr Job gefiel ihr. Sie hatte nicht vor, jemals wieder nach Birmingham zurückzugehen.

London war eine Stadt, die in jeder Hinsicht mehr zu bieten hatte, und es war Eartha gelungen, hier sehr rasch Fuß zu fassen.

Beklommen blickte sie zu dem unheimlichen Haus hinüber. »Es sieht unbewohnt aus, aber das ist es nicht«, behauptete sie. »Dieser Answard Brewster kommt nur bei finsterster Nacht heraus und macht die Gegend unsicher. Vielleicht war er vorhin hinter uns her.«

»Du bist auf dem besten Wege, dich verrückt zu machen«, sagte Jubilee. »Überleg mal: Wenn du alles wegläßt, was sich auf bloßen Verdacht stützt und was du dazuerfunden hast... Was bleibt dann übrig? Ein altes, verwahrlostes Haus, sonst nichts.«

»Irgend etwas bereitet dieser Brewster vor«, sagte Eartha Raft mit zusammengekniffenen Lidern.

»Soll ich noch mit hineinkommen?« fragte Jubilee.

»Es ist besser, du siehst zu, so rasch wie möglich nach Hause zu kommen«, erwiderte Eartha. »Wenn ich ehrlich sein soll, muß ich zugeben, daß ich ein schlechtes Gewissen habe.«

»Weshalb?« wollte Jubilee wissen.

»Weil ich dich mutterseelenallein nach Hause gehen lasse.«

»Ich hab’s ja nicht mehr weit«, sagte Jubilee.

»Trotzdem kann was passieren.«

Jubilee lachte. »Hey, du legst es doch nicht etwa darauf an, mir Angst zu machen.«

»Komm gut heim«, sagte Eartha und kramte ihre Schlüssel aus der Handtasche. »Vielleicht hat Tony Ballard mal Zeit, sich in Brewsters Haus umzusehen. Könnte nicht schaden. Auf jeden Fall würde ich danach ruhigere Nächte verbringen.«

Eartha Raft öffnete die Vorgartentür und begab sich zur Haustür. Als sie aufschloß, ging Jubilee weiter.

»Ich ruf’ dich in den nächsten Tagen an!« sagte sie.

»Okay«, gab Eartha zurück und verschwand im Haus Und an Jubilees Fersen heftete sich eine dunkle, schattenhafte Gestalt!

***

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DER ANGRIFF WAR SO schnell erfolgt, daß ich kaum zu reagieren vermochte. Meine Hände zuckten zum Dämonendiskus. Ich wollte das Hemd einfach aufreißen, doch es war nicht nötig.

Der tödliche Schwerthieb blieb aus. Shavenaar hing vor mir in der Luft und regte sich nicht mehr. Mir rann kalter Schweiß über den Rücken.

»Denk an spielende Hunde«, sagte Mr. Silver seelenruhig. »Sie beißen einander, aber sie können sich gegenseitig nicht verletzen. Eine Sperre verhindert es. So ähnlich verhält es sich mit dem Höllenschwert.«

»Ich möchte Shavenaar nicht unbedingt mit einem spielenden Hund vergleichen«, sagte ich krächzend. »Immerhin ist dieses Schwert nach wie vor eine schwarze Waffe. Ein schwarzes Wesen.«

»Das bin ich auch«, erwiderte Mr. Silver. »Auch in meinen Adern fließt schwarzes Dämonenblut, wie du weißt. Das Entscheidende ist, wo man steht, für welche Seite man sich entschieden hat. Ich befinde mich auf der Seite des Guten, und Shavenaar ebenfalls. Gebunden durch meinen Befehl.«

»Kann es sich diesem Befehl nicht widersetzen?« fragte ich mißtrauisch.

»Unmöglich«, behauptete Mr. Silver überzeugt.

»Hör auf. Was ist schon unmöglich, wenn schwarze Kräfte im Spiel sind? Du weißt besser als ich, was sie alles umzukehren vermögen.«

»Du kannst Shavenaar vertrauen, Tony«, sagte der Ex-Dämon. »Das Höllenschwert gehört jetzt zu uns. Es ist mit uns verbündet. Unsere Feinde sind auch seine Feinde.«

Ich musterte das Höllenschwert. Eine völlig neue, ungewohnte Situation war das. Brauchte ich wirklich keine Angst mehr vor dieser ungeheuer »schlagkräftigen« Waffe zu haben?

Jetzt bewegte sich das Schwert. Es senkte die Spitze. Wie eine Verbeugung kam mir das vor Die Spitze wies schräg auf den Boden. In Shavenaars Haltung war nichts Aggressives mehr.

Dennoch fiel es mir immer noch schwer, das Höllenschwert als »Freund« zu betrachten.

Der Ex-Dämon lächelte. »Deine Vorsicht ist unbegründet, Tony. Warum glaubst du mir nicht?«

Ich atmete tief aus und entspannte mich. »Na schön«, sagte ich, mein Mißtrauen zurückdrängend.

»Wenn du deine Freundschaft mit Shavenaar besiegeln willst, mußt du ihm die Hand geben, Tony«, sagte Mr. Silver. »Du mußt das Höllenschwert berühren!«

Die schwarze Waffe drehte sich. Es war irre, aber Shavenaar verstand jedes Wort. Das lebende Schwert streckte mir seinen Griff entgegen. Es war eine unmißverständliche Aufforderung.

Ich konnte mich davor nicht drücken. Bis vor kurzem wäre es noch undenkbar gewesen, daß ich meine Hand um diesen Griff schloß. Ich hätte das nicht überlebt.

Doch nun durfte ich es wagen. Ich mußte es sogar tun. Innerlich immer noch ein wenig verkrampft, streckte ich die Hand aus.

Vorsichtig berührte ich den Schwertgriff, bereit, die Hand gleich wieder zurückzureißen, falls mir irgend etwas verdächtig Vorkommen sollte.

Doch der einstige Todfeind war »handzahm« geworden. Ich berührte die Höllenwaffe, und es passierte nichts. Verblüfft und erleichtert sah ich Mr. Silver an.

»Siehst du«, sagte er. »Es akzeptiert dich als Freund, Tony. Von nun an kannst auch du Shavenaars Dienste in Anspruch nehmen.«

»Auch dann, wenn du nicht dabei bist?«

»Immer«, behauptete der Hüne. »Du hast soeben erlebt, daß sich Shavenaar zum neuen Bündnis bekennt. Es gibt einen wertvollen Kämpfer mehr auf unserer Seite.«

Ein eigenartiges Prickeln ging durch meine Hand und kroch im Arm hoch. Erstmals spürte ich die Kraft, die sich im Höllenschwert befand. Eine Kraft, die von nun an auch mir zur Verfügung stehen würde.

Ich ließ die Waffe los.

»Nun, was sagst du?« wollte Mr. Silver wissen.

»Ich bin beeindruckt«, antwortete ich.

Shavenaar begab sich zu meinem Freund. Noch kannte der Ex-Dämon nicht alle Fähigkeiten des Höllenschwerts. Ich war gespannt, was für weitere Kunststücke er dieser ungewöhnlichsten aller Waffen noch entlocken würde.

Für diesmal reichte mir das, was ich geboten bekommen hatte. Es hatte mich so sehr beeindruckt, daß mein Mund immer noch trocken war.

»Gibt es in diesem Haus nichts zu trinken?« fragte ich.

»Doch. Kühles, klares Leitungswasser.«

»Leitungswasser. Du willst wohl, daß ich Läuse im Magen kriege.«

Der Ex-Dämon schmunzelte. »Ich habe einen verrückten Freund. Er ist Engländer bis ins Knochenmark, aber er trinkt nicht Scotch, sondern Pernod.«

Ich grinste. »Der Knabe ist mir sympathisch. Den mußt du mir bei nächster Gelegenheit vorstellen.«

»Kann ich gleich machen«, sagte Mr. Silver und wies auf einen Spiegel, in dem ich zu sehen war. »Darf ich bekannt machen? Mr. Tony Ballard.«

»Ein überaus sympathischer Mensch«, sagte ich.

»Findest du?«

»Du nicht? Ich werde dir gleich Shavenaar an die Silbergurgel hetzen,«

Der Ex-Dämon begab sich lachend zur Hausbar und goß zwei Gläser mit Pernod voll. Er reichte mir mein Glas mit der Bemerkung: »Hier hast du deinen Hustensaft.«

»Ab und zu mal so einen Rachenputzer, und du kannst den Doktor vergessen«, sagte ich und hob mein Glas in Richtung Höllenschwert. »Auf unsere neue Freundschaft, Shavenaar.«

Diesmal reagierte die Waffe nicht.

»Unser starrer Kamerad scheint sich nicht viel aus ’nem Drink zu machen«, sagte ich grinsend und nahm einen Schluck.

Allmählich störte mich Shavenaars Anwesenheit nicht mehr. Wir fingen an, uns aneinander zu gewöhnen,

***

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JUBILEE GING ZIEMLICH flott. Das Klappern ihrer flachen Schuhe echote zwischen den Häusern hin und her. Die Straßen wirkten ausgestorben.

Jubilee hätte einen Heimweg einschlagen können, der belebt war, aber sie wollte keinen Umweg machen, sondern ging die kürzeste Strecke.

Und jemand befand sich hinter ihr!

Sie wußte es nicht, dachte an den guten Gruselfilm und an die perfekt gemachten Schockszenen. Sie bildete sich zwar nicht ein, aus einem besonders harten Holz geschnitzt zu sein, aber so ängstlich und schreckhaft wie Eartha war sie zum Glück nicht.

Lautlos huschte die schwarze Gestalt hinter Jubilee her.

Sie befaßte sich in Gedanken mit Eartha, die wirklich sehr nett war. Bestimmt war mit dem düsteren alten Nachbarhaus alles in Ordnung. Dennoch wollte Jubilee mit Tony Ballard reden und ihn bitten, sich das Gebäude mal anzusehen, wenn er Zeit hatte. Nur, damit Eartha keine Angst mehr davor hatte.

Der Unheimliche holte auf, ohne daß es Jubilee merkte.

Vielleicht hätte sie ihn entdeckt, wenn sie sich blitzschnell umgedreht hätte, aber sie hatte keine Veranlassung, dies zu tun.

Groß und schlank war der Verfolger, und er bewegte sich mit der Geschmeidigkeit eines Panthers. Da er schwarz gekleidet war, hob er sich von der Dunkelheit, die ihn umgab, kaum ab.

Er hatte ein schmales Gesicht, und seine Augen blickten böse. Je näher er dem jungen Mädchen kam, desto vorsichtiger wurde er. Jubilee durfte ihn erst bemerken, wenn er sie erreicht hatte. Dann würde sie keine Chance mehr haben.

Ein grausamer Ausdruck kerbte sich um seinen harten Mund, und eine erschreckende Gier erfüllte ihn.

Jubilee bog um eine Ecke. Sie kam an einem Straßenschild vorbei. CHICHESTER ROAD stand darauf. Nummer 22 war das Haus von Tony Ballard. Das Nachbarhaus gehörte dem Parapsychologen Lance Selby.

Lance war in Fachkreisen anerkannt und beliebt. Er war viel unterwegs, gab Gastvorlesungen an Universitäten und wurde herangezogen, wenn es galt, mysteriösen Phänomenen auf die Spur zu kommen.

Jubilee mochte Lance Selby sehr. Man konnte sich mit ihm wunderbar unterhalten.

Sie überquerte die Straße.

Der Verfolger kam bis auf zehn Schritte an sie heran.

Sie erreichte Tony Ballards Haus, und zum erstenmal hatte sie ein merkwürdiges Gefühl, das sie veranlaßte, sich umzudrehen.

Der Unheimliche sprang hinter einen Zierstrauch. Jubilees Blick erfaßte ihn nicht. Sie ging weiter.

Hatte Eartha sie mit ihrer übertriebenen Furcht angesteckt?

Jubeilee ging etwas schneller auf den Hauseingang zu,und als der Unheimliche hinter dem Zierstrauch hervortrat, war das Mädchen verschwunden.

Enttäuscht stand der Mann da. Ein ärgerliches Fauchen kam aus seinem Mund. Dieses blutjunge Mädchen hatte verdammtes Glück gehabt. Es war ganz knapp dem Tod entronnen - und wußte es nicht einmal.

Der Mann wandte sich um.

Er würde ein anderes Opfer finden.

Heute nacht...

***

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EARTHA RAFT BEGAB SICH in die Küche. Bevor sie Licht machte, trat sie ans Fenster und blickte zu dem unheimlichen Haus hinüber. Bis vor kurzem schien das Gebäude tatsächlich leer gestanden zu haben, doch jetzt war es bewohnt.

Eartha hatte keinen zwingenden Beweis dafür. Dennoch war sie davon überzeugt. Das Grauen hatte sich neben ihr eingenistet, und sie rechnete damit, daß sie schon bald damit konfrontiert werden würde.

Eines Nachts würde Answard Brewster in ihr Haus kommen, davon ließ sie sich nicht abbringen.

Es sei denn, Tony Ballard kümmerte sich rechtzeitig um diese Angelegenheit. Aber der Dämonenjäger war ein vielbeschäftigter Mann. Würde er auf einen bloßen Verdacht hin aktiv werden? Gab es für ihn nicht Wichtigeres zu erledigen?

Grauschwarze Schatten lagen dort drüben auf der Veranda. Das Nachbargrundstück schien eine andere Welt zu sein. Eine Insel der Angst. Ein Terrain des Schreckens.

Ein Wind, der nur dort drüben ging, schüttelte Büsche und Bäume, und Eartha Raft befürchtete, daß Answard Brewster in diesem Augenblick auch an einem der Fenster stand und zu ihr herüberschaute.

Kaum war ihr dieser Gedanke gekommen, da trat sie schon erschrocken zwei Schritte zurück. Ihr Herz schlug etwas schneller, und sie wischte sich mit einer fahrigen Bewegung über die Augen.

Rasch schaltete sie das Licht ein. Dann öffnete sie die Kühlschranktür und überlegte, was sie essen könnte. Sie nahm etwas Butter, Wurst und Käse heraus und trug es zum Küchentisch, holte sich noch zwei Weißbrotscheiben und setzte sich.

Aber sie aß nicht viel.

Immer wieder wanderte ihr Blick zum Fenster.

Er schleicht dort draußen herum! dachte sie, und dieses Gefühl wurde sie nicht mehr los.

Es wurde sehr schnell zu einer würgenden Schlinge, die sich immer enger um ihren Hals zuzog. Bald bekam sie keinen Bissen mehr hinunter. Lustlos stand sie vom Tisch auf und stellte in den Kühlschrank zurück, was übriggeblieben war.

Draußen pirschte tatsächlich eine Gestalt durch den kleinen Vorgarten. Sie näherte sich dem erhellten Küchenfenster. Das Licht ließ ihr Gesicht bleich erscheinen.

Eartha klappte die Kühlschranktür zu und knipste das Licht aus. Sie verließ die Küche und stieg im Dunkeln die Treppe zum Obergeschoß hoch. In ihrem Schlafzimmer zog sie sich aus.

Es war heiß und stickig in dem Raum. Am Tag hatte es die Sonne zu gut für die Jahreszeit gemeint und das Haus in einen Backofen verwandelt.

Die Mauern hatten sich noch nicht abgekühlt. Bei diesen Temperaturen hätte es Eartha Raft im Bett nicht ausgehalten. Sie begab sich deshalb zum Fenster und schob es hoch, um frische Luft hereinzulassen.

Sie versuchte dabei weder an den Gruselfilm zu denken noch zum Nachbarhaus hinüberzusehen. Hastig trat sie vom Fenster zurück. Die milchweißen Gardinen schwebten wie Geisterarme hoch, als wollten sie das Mädchen mit dem kupferroten Haar fangen.

Halb nackt - nur noch mit ihrem Slip bekleidet - begab sich Eartha ins Bad.

Der Mann unten im Vorgarten blickte zum offenen Schlafzimmerfenster hinauf. Das war eine Einladung, die er nicht unbeachtet lassen wollte.

Es war nicht schwierig, an der Fassade hochzuklettern und dieses Fenster zu erreichen.

Der Mann machte sich sogleich an den Aufstieg. Er kletterte sehr geschickt und war im Nu oben.

Jetzt schob er sich wie eine Schlange über die Fensterbank. Er stützte sich mit den Händen auf dem weichen Teppichboden ab und zog die Beine nach.

Nebenan summte die elektrische Zahnbürste, Der Mann richtete sich kerzengerade auf und blickte sich um. Er suchte nach einer Möglichkeit, sich zu verstecken, begab sich zum zweitürigen Schrank und verschwand darin.

Augenblicke später kam Eartha Raft aus dem Badezimmer zurück. Sie trug ein dünnes Nachthemd, das ihre makellose Figur sanft umschmeichelte.

Sie begab sich barfuß zum Bett, schlug die Tagesdecke zurück und legte sich nieder. Dann knipste sie die Nachttischlampe an und griff nach dem Buch, das daneben lag; ein dicker Wälzer, mit dem sie nicht weiterkam.

Anfangs hatte ihr das Buch ganz gut gefallen, aber ab der Mitte war es für sie zur Qual geworden. Der Autor vermochte sie nicht mehr zu fesseln.

Jeder andere hätte das Buch schon längst in den Bücherschrank zurückgestellt, doch so etwas gab es bei Eartha Raft nicht. Wenn sie ein Werk angefangen hatte, biß sie sich bis zum Ende durch.

Sie hoffte, daß ihre Augen und ihr Geist bald so müde sein würden, um einschlafen zu können. Lautlos schlug sie das Buch auf und begann zu lesen.

Es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren. Ihre Gedanken schweiften immer wieder ab, verquickten das Gelesene mit dem, was sie im Kino gesehen hatte.

Ein schreckliches Durcheinander kam dabei heraus.

Und plötzlich hörte Eartha Raft jemanden atmen...

In ihrem Zimmer!

***

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VICKY BONNEY SCHALTETE den Schreibcomputer ab. »Genug für heute«, sagte die blonde Schriftstellerin und erhob sich. »Wie war der Film?«

»Unheimlich gut«, antwortete Jubilee schmunzelnd. »Eartha Raft wird daran noch lange zu nagen haben.«

»Du natürlich nicht«, sagte Vicky. »Denn du bist in der Realität Schrecklicheres gewöhnt, nicht wahr?«

»Oh, ich habe mich natürlich auch aufgeregt. So ist das nicht«, gab Jubilee zurück.

Sie verließen beide das Arbeitszimmer der Schriftstellerin.

»Wo ist Tony?« fragte Jubilee.

»Bei Mr. Silver.«

Jubilee schüttelte den Kopf. »Also mir paßt es nicht, daß er jetzt mit Cuca zusammenlebt.«

»Er hat versprochen, ihr eine Chance zu geben.«

»Muß er sich an dieses Versprechen denn gebunden fühlen?«

»Wenn Mr. Silver etwas verspricht, dann steht er dazu. Du kennst ihn doch«, sagte Vicky Bonney.

»Und was ist mit Roxane? Um die kümmert sich keiner mehr.«

»Sie hat ihn verlassen«, sagte Vicky. »Niemand weiß, wo sie ist.«

»Mr. Silver hat sich ihr gegenüber schäbig benommen.«

»Das darfst du nicht sagen«, erwiderte Vicky. »Cuca hatte ihn in der Hand. Sie konnte ihn unter Druck setzen, und das hat sie auch getan. Sie liebt Mr. Silver, und sie ist die Mutter seines Sohnes. Er hätte nie erfahren, wer sein Sohn ist, und er wüßte immer noch nicht den Namen des Höllenschwerts, wenn er auf Cucas Bedingungen nicht eingegangen wäre. Der Entschluß fiel ihm bestimmt nicht leicht, und ich muß Roxane leider vorwerfen, daß sie nicht richtig gehandelt hat. Sie ließ Mr. Silver keine Chance, sich zu rechtfertigen. Als sie hörte, daß er Tucker Peckinpah bat, ihm ein Haus zu Verfügung zu stellen, in dem er mit Cuca wohnen könne, verschwand Roxane auf Nimmerwiedersehen.«

»Ich kann Roxane sehr gut verstehen.«

»Du magst Cuca nicht.«

»Ich halte sie nach wie vor für eine gefährliche Hexe«, sagte Jubilee leidenschaftlich.

»Sie hat versprochen, von nun an neutral zu sein, weder Gutes noch Böses zu tun.«

»Irgendwann fällt sie um, das kommt so sicher wie das Amen in der Kirche!« behauptete Jubilee. »Weißt du, wann Tony heimkommt?«

»Nein. Warum? Willst du was von ihm?«

»Es steckt wahrscheinlich nichts dahinter«, sagte Jubilee. »Aber ich habe Eartha versprochen, mit Tony darüber zu reden.«

»Worüber?« wollte Vicky Bonney wissen.

»Eartha wohnt neben einem düsteren alten Haus«, erzählte Jubilee. »Sie bildet sich ein, daß mit dem Gebäude irgend etwas nicht stimmt. Jetzt hat sie auch noch diesen Gruselfilm gesehen... Kurzum, wenn sich Tony das Haus gelegentlich mal ansehen würde, würde sich Eartha nicht mehr so fürchten.«

»Das macht Tony sehr gern«, erwiderte Vicky. »Meinst du, daß etwas hinter der Angst deiner Freundin steckt?« Jubilee schürzte die Unterlippe und schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht.«

»Aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste«, sagte Vicky Bonney.

»So ungefähr«, gab Jubilee zurück und gähnte hinter der vorgehaltenen Hand. »Ich gehe bald zu Bett.«

»Hoffentlich kannst du schlafen.«

»Aber ja. Ich bin nicht so zimperlich wie Eartha.«

***

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JEMAND ATMETE!

In Earthas Zimmer!

Ruckartig setzte sich das Mädchen auf, und das dicke Buch rutschte aus dem Bett und fiel zu Boden. Mit schreckgeweiteten Augen sah siçh Eartha im Raum um.

Ein Unsichtbarer war da! Ein Geist!

Ihr Herz trommelte aufgeregt gegen die Rippen. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und schreiend aus dem Schlafzimmer gestürmt, aber sie konnte sich nicht bewegen.

Die schreckliche Angst lähmte sie. Kam der Unsichtbare näher? Oder wurde das Atmen nur lauter?

Ruhelos wanderte Earthas Blick umher und blieb schließlich an den Lamellentüren des Schrankes hängen.

Im Schrank! dachte sie. O Gott, es ist jemand in meinem Schlafzimmerschrank!

Jetzt bewegten sich die Türen. Das war keine Einbildung! Die Türen bewegten sich tatsächlich! Eartha Raft zitterte, und dieses Zittern wurde sehr schnell zu einem Schüttelfrost.

Die Schranktüren öffneten sich, und eine dünne, unwirklich klingende Stimme flüsterte den Namen des Mädchens: »Eartha!«

Die einzige Reaktion, zu der sie fähig war, bestand darin, daß sie sich zurückfallen ließ und die Decke über ihren Kopf zog. Sie wußte, daß das nichts nützte, aber mehr konnte sie nicht tun.

Sie zitterte und schluchzte unter der Decke, während sich die Schranktüren vollends öffneten und der Mann heraustrat.

Grinsend näherte er sich dem Bett, in dem Eartha Raft fast umkam vor Angst.

»Eartha!«

Er beugte sich über sie, griff mit beiden Händen nach der Decke und riß sie zurück.

»Eartha.«

Er beugte sich über sie, griff mit beiden Händen nach der Decke und riß sie zurück, »Eartha.«

Das Mädchen schrie gepreßt auf und schlug wie von Sinnen um sich. In ihrer wahnsinnigen Angst nahm sie den Mann nur verschwommen wahr. Er lachte.

Earthas Fäuste trommelten gegen seinen Körper. Er fing ihre Hände ab und hielt sie fest. Sie schrie, schluchzte und versuchte ihn zu beißen, damit er sie losließ, doch er wußte das zu verhindern, »Eartha!« sagte er eindringlich, »Liebling, komm zu dir! Liebe Güte, wenn ich geahnt hätte, wie sehr ich dich damit erschrecke, hätte ich es sein lassen. Es tut mir leid. Es tut mir wirklich leid, Eartha. So beruhige dich doch endlich. Niemand will dir etwas tun. Ich bin es doch: Ben! Sieh mich an! Ich tu’ dir doch nichts!« Er lachte heiser. »Ich wollte dir nur ein bißchen Angst einjagen, mehr nicht.«

Sie preßte die Lider zusammen, quetschte die Tränen aus den Augen und starrte Ben dann an.

Er war es wirklich: Ben Stallybrass -ihr Freund!

***

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»BIST DU WAHNSINNIG?« schrie sie ihn an. »Wolltest du mich umbringen? Mich hätte der Schlag treffen können.«

»Es tut mir leid, Eartha«, sagte er schuldbewußt. »Ich wußte nicht, daß du so heftig darauf reagierst.«

Sie hätte auch sicher viel weniger Angst gehabt, wenn sie nicht diesen unheimlichen Film gesehen hätte.

»Laß mich los!« verlangte sie mit zornsprühenden Augen. »Laß mich sofort los!«

Er gehorchte, und sie gab ihm eine kräftige Ohrfeige Er richtete sich auf und nickte. »Ja, ich denke, die habe ich verdient. Ich gebe zu, ich hab’s übertrieben. Bitte sei mir nicht böse, Eartha.«

»Mach, daß du fortkommst!« herrschte ihn das Mädchen an, »Ich will dich nie mehr sehen.«

»Aber Eartha. Früher war es üblich, daß die Jungs durch das Fenster ins Schlafzimmer ihrer Freundin einstiegen. Ich finde, das war ein schöner Brauch. Ich liebe dich, Eartha. Das weißt du doch.«

Er versuchte sie zu streicheln, aber sie wandte ihr Gesicht von ihm ab, »Geh!« verlangte sie hart.

Er beugte sich über sie und küßte ihren Hals.

»Laß das!« fauchte Eartha Raft. »Verschwinde. Es ist aus mit uns beiden!«

»Das darfst du mir nicht antun, Eartha«, sagte Ben Stallybrass. Er war ein dunkelblonder junger Mann, groß und breitschultrig. »Ich verspreche dir, ich mache alles wieder gut,«

»Dazu wirst du keine Gelegenheit mehr haben.«

»Eartha, was soll ich denn noch sagen? Ich werde so etwas Dummes nie wieder tun, mein heiliges Ehrenwort. Wenn du willst, hau mir noch ein paar runter, aber schick mich nicht weg. Damit kann es dir nicht ernst sein - so, wie wir beide zueinander stehen.«

Er redete pausenlos auf sie ein und küßte und streichelte sie immerzu. Er war so zerknirscht, daß sich bei Eartha allmählich Mitleid einstellte.

Sie hatte zwischen sich und ihm eine Mauer errichtet, doch mit sehr viel Geduld trug Ben Stallybrass Stein um Stein davon ab, bis sie nicht mehr vorhanden war.

Eartha erzählte ihm von dem aufregenden Film, den sie gesehen hatte. Jetzt verstand er, warum ihre Angst gar so groß gewesen war, und er bat sie zum x-ten Male um Verzeihung.

Irgendwann sträubte sie sich dann nicht mehr. Er küßte sie, ohne daß sie den Kopf zur Seite drehte.

»Noch böse?« fragte er.

»Ein bißchen schon noch«, gab sie zu.

»Was kann ich tun, damit du wieder gut bist?«

»Ich weiß es nicht«, sagte sie leise.

»Das vielleicht?« fragte er und küßte sie wieder, und während sich seine Zungenspitze zwischen ihre Lippen drängte, streichelten seine zärtlichen Hände ihren warmen Körper, Sie lächelte ihn zum erstenmal wieder an. »Ich glaube, du bist auf dem richtigen Weg.«

»Heißt das, ich darf weitermachen?«

»Vielleicht.«

»Oh, Eartha!« Er schob seine Arme unter ihren Körper und drückte sie innig an sich.

Doch in dieser Nacht sollte der Schrecken für Eartha Raft kein Ende nehmen! Der Unheimliche - jener Mann, der Jubilee gefolgt war - stand in Earthas Vorgarten. Genau wie Ben Stallybrass blickte auch er zum einladend offenstehenden Schlafzimmerfenster hinauf.

Er hatte Jubilee nicht erwischt An deren Stelle sollte nun Eartha sterben. Daß sein Opfer nicht allein war, störte ihn nicht. Ben Stallybrass würde ihn von dem, was er vorhatte, nicht abhalten können.

Er trat an das Haus. Auch ihm bereitete es keine Schwierigkeiten, das offene Schlafzimmerfenster zu erreichen. Lautlos glitt er in das Schlafzimmer des Mädchens. Der Raum war erfüllt vom Keuchen der beiden jungen Menschen, die sich liebten. Earthas Körper stand in Flammen. Sie klammerte sich an Ben, und er flüsterte ihr unentwegt Kosenamen ins Ohr, Plötzlich war Ben Stallybrass nicht mehr über ihr. Eartha öffnete verblüfft die Augen, und was sie im selben Moment sah, raubte ihr fast den Verstand.

***

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CUCA UND METAL KAMEN nach Hause. Es wäre falsch gewesen, in ihnen Freunde zu sehen. Sie waren nur nicht mehr unsere Feinde, und das war auch schon was.

Aber ich fühlte mich bei ihnen nicht besonders wohl, deshalb trank ich meinen Pernod aus und verabschiedete mich. Mr. Silver hatte gut daran getan, dafür zu sorgen, daß weder die Hexe noch sein Sohn die Dienste des Höllenschwerts in Anspruch nehmen konnten.

Unter Umständen genügte eine Kleinigkeit, um die Hexe oder den Silberdämon von ihrem derzeitigen Neutralitätsstatus abweichen zu lassen, und wenn sie dann auch noch das Höllenschwert auf ihre Seite gezogen hätten ,...nicht auszudenken!

Die Atmosphäre kühlte merklich ab.

In diesem Haus hatte ich nur einen einzigen wahren Freund: Mr. Silver.

Shavenaar als »Freund« zu bezeichnen, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Das Höllenschwert würde sich dieses Prädikat erst verdienen müssen.

Mr. Silver begleitete mich zum Wagen. »Zwischen uns hat sich nichts geändert, Tony«, sagte er. »Und es wird sich auch nie etwas ändern.«

»Warum betonst du das?« fragte ich.

»Weil ich annehme, du könntest befürchten, Cuca und Metal würden mich negativ beeinflussen.«

»Wäre das nicht denkbar?« fragte ich.

»Das schaffen sie nie«, erwiderte der Ex-Dämon überzeugt. »Wenn du Probleme hast, wenn du mich brauchst... Anruf genügt. Ich stehe dir jederzeit, so wie bisher, zur Verfügung.«

»Ich bin froh, daß du das gesagt hast«, erwiderte ich und schloß meinen Rover auf.

»Grüße Vicky und Jubilee von mir. Und natürlich auch Boram.«

»Mach ich, Großer«, sagte ich und stieg ein.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738915037
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
tony ballard imperium ghouls

Autor

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Titel: Tony Ballard #106: Das Ghoul-Imperium