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Erpresser sterben schneller: N.Y.D. - New York Detectives

2017 120 Seiten

Leseprobe

Erpresser sterben schneller: N.Y.D. - New York Detectives

Klaus Tiberius Schmidt

Published by Casssiopeia-XXX-press, 2017.

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Erpresser sterben schneller: N.Y.D. - New York Detectives

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Krimi von Klaus Tiberius Schmidt

Der Umfang dieses Buchs entspricht 123 Taschenbuchseiten.

Als Percy Falcon, ein eiskalter Profikiller, bei seinem nächsten Opfer erscheint, ist dieses bereits tot; er selbst wird niedergeschlagen. Die Polizei kann ihm diesmal nichts nachweisen, obwohl Toby Rogers von der Manhattan Mordkommission nichts lieber täte. Dass sein Freund Bount Reiniger, einer der besten Privatschnüffler New Yorks, kurz darauf in den Fall verwickelt wird, kann er nicht ahnen. Reinigers neuer Auftraggeber Frederic Perkins will nämlich, dass der Detektiv seine Stieftochter Angel aus der Gewalt von Erpressern befreit. Unbekannte fordern von Perkins nicht nur Lösegeld, sondern auch, dass er dafür sorgt, dass der Killer auf freien Fuß gesetzt wird ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Percy Falcon - er ist ein Profikiller der Spitzenklasse. Dieses Mal aber ist einer schneller.

Frederic Perkins - nur er allein weiß, warum er Bount Reiniger den Auftrag erteilt, seine Tochter aus den Händen von Kidnappern zu befreien, um dann doch auf eigene Faust zu handeln.

Angel Perkins - die Blondine ist nicht nur schön, sondern auch arrogant. Was hat sie zu verbergen?

Thad Zarco - der Hausmeister der Perkins’ gilt als rehabilitierter Strafgefangener. Durch ihn stößt Bount Reiniger auf eine heiße Spur.

June March - unterstützt Bount Reiniger bei seinen Ermittlungen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.

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Die schäbigen Zimmer, in denen sich Percy Falcon kurz vor seinen Aufträgen aufhielt, gefielen ihm überhaupt nicht, doch er hatte keine andere Wahl. Sein Job war zwar finanziell lukrativ, aber auch gefährlich.

Gelangweilt betrachtete er seine sauber manikürten Fingernägel und gähnte.

Er war ein Killer, der sein Geschäft verstand und seine Jobs mit größter Präzision und bisher hundertprozentigem Erfolg ausführte.

Ein eiskalter Profi.

Das Telefon klingelte.

Er zuckte nicht einmal zusammen, als die absolute Stille im Zimmer von dem schrillen Läuten des Apparats jäh unterbrochen wurde.

Nicht umsonst hatte Falcon Nerven wie Drahtseile. Furcht schien er nicht zu kennen. In gleichem Maße war er kalt und gefühllos. Seine Opfer waren für ihn nur Nummern oder Namen. Leben oder gar Schicksale interessierten ihn nicht. Hauptsache, das Honorar stimmte.

„Ja?“, fragte er, nachdem er abgehoben hatte.

„Sind Sie für 14 Uhr ins Café Valentin bestellt?“

Das war das Stichwort.

„Sie haben die richtige Adresse gewählt, General“, zitierte er die Gegenparole. „Was kann ich für Sie tun?“

Ein paar Sekunden herrschte Stille. Als der Anrufer antwortete, klang seine Stimme rau und nervös.

Falcon erlebte das nicht zum ersten Mal. Die meisten seiner Auftraggeber wurden in solchen Augenblicken unruhig. Sie fürchteten ihre Entlarvung, wenn er versagte.

„Wie ist die Adresse des Kunden, Sir?“, fragte er mit verstellter Stimme.

Kunden! So nannte Falcon seine Opfer.

„Gerade in diesem Augenblick wird unten beim Portier ein Briefumschlag für Sie abgegeben. Ich nehme doch an, dass Sie, wie vereinbart, unter dem Namen Dave Miller abgestiegen sind. So ist das Kuvert nämlich adressiert. Darin finden Sie die anteiligen 15000 Dollar. Den Rest erhalten Sie wie vereinbart. Postlagernd — ganz nach Ihrem Wunsch. Außerdem liegen Informationen über das Objekt bei. Bis morgen Abend muss die Sache erledigt sein.“

Klick!

Der Teilnehmer hatte aufgelegt.

Ohne Hast packte Falcon seinen kleinen Reisekoffer. Lange durfte er nie am selben Ort bleiben. Spuren hinterließ er nie. Dazu war er Profi genug.

Zehn Minuten später verließ der elegante Mann im Nadelstreifenanzug die schäbige Absteige in Lower East Side. Unter dem Arm trug er einen braunen Umschlag, in der Rechten einen Koffer.

Keiner der vorbeieilenden Passanten ahnte, dass sich in ihrer unmittelbaren Nähe ein eiskalter Profikiller bewegte. Nichts an Percy Falcon war auffällig.

Er wirkte gepflegt, elegant und freundlich. Das dichte Haar war schwarz gefärbt, der Schnauzbart angeklebt, doch alles sah völlig echt aus, ebenso die randlose Glasbrille, die er zur Tarnung trug.

Maskerade gehörte zu seinem Job. Er überließ nie etwas dem Zufall.

Mit einem Taxi fuhr er nach Sutton. Der Driver hatte ihm ein einfaches, aber sauberes Hotel genannt. Es entpuppte sich auch als ein solches.

Als er auf seinem Zimmer war, ging er an die Arbeit und öffnete den Briefumschlag.

Drei Bündel grüner Banknoten fielen heraus. Selbst der Anblick von viel Geld ließ ihn kalt.

Aufmerksamkeit fand nur der schmale Ordner, der sich ebenfalls in dem Umschlag befand. Er klappte ihn auf und überflog die eng beschriebenen Zeilen.

Sein Auftraggeber war gründlich. Er hatte alles Wissenswerte zusammengestellt und niedergeschrieben. Sogar ein Foto des Objekts lag bei.

Es ging um einen gewissen Henry Gallard, fünfundfünfzig Jahre alt und von Beruf Kreditvermittler. Er war leberkrank und ein starker Raucher. Sein Büro lag in East Village, 10. Straße Ost Nr. 124.

Percy Falcon stieß einen leisen Pfiff der Bewunderung aus, als er weiterlas. Das nannte er Service. Schwarz auf weiß standen in dem Dossier sogar der Arbeitsschluss der Putzkolonne, die abends im Gebäude tätig war, und die Zeiten der Kontrollgänge eines Wachmanns.

Es würde ein Kinderspiel werden.

Dem Zufall aber wollte er nichts überlassen. Bis morgen Abend hatte er Zeit. Er würde alles überprüfen und gegen 22 Uhr des nächsten Tages zuschlagen.

Falcon war ein Profi — und sein Opfer hatte nicht die geringste Chance. Es war dem Tode geweiht. Ein Entrinnen gab es nicht. Nur wusste dies Henry Gallard zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

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Der Killer fand alles so vor, wie es sein unbekannter Auftraggeber mitgeteilt hatte. Zweifel kamen ihm nicht. Der Auftrag konnte bedenkenlos ausgeführt werden.

Es war kurz nach 20 Uhr, als die letzten Angestellten das Hochhaus verließen und die Putzkolonne anrückte. Die sechs Frauen würden etwa eine Stunde bleiben.

Falcon beobachtete alles von einer kleinen Snackbar aus. Sie lag genau auf der anderen Straßenseite und erlaubte einen guten Blick auf das Haus.

Hin und wieder schaute der Killer zur Fassade hoch. Seit 21 Uhr waren Stockwerk 1 bis 3 bereits dunkel. Die Reinemachefrauen hatten bald Schluss.

Zwanzig Minuten später war es so weit. Alle Lampen erloschen, nur ein Fenster blieb hell erleuchtet. Das musste das Büro von Gallard sein.

Falcon winkte den Ober herbei und beglich seine Rechnung. Gemächlich verließ er die gut besuchte Snackbar und überquerte die Straße. Mechanisch schob er seine Rechte in die tiefe Manteltasche seines Trenchcoats. Er spürte die Kühle des schweren Revolvers und umklammerte den Griff der Waffe.

Zum ersten Mal, seit er in New York war, um diesen Auftrag auszuführen, glitt ein selbstgefälliges Lächeln über das hagere Gesicht mit den stahlblauen Augen.

Als Falcon das Gebäude betreten hatte, schaute er sich kurz um und prägte sich jede Kleinigkeit ein. Man konnte nie wissen, ob er es brauchen würde. Bisher hatte er es noch nie nötig gehabt, rasch fliehen zu müssen. Trotzdem widerstrebte es ihm, nachlässig zu werden.

Im geräumigen Empfangsraum brannte nur noch eine Notbeleuchtung. Die Hauptlampen waren abgeschaltet. Alles wirkte schemenhaft und unwirklich. .

Falcon wandte sich nach links. Den Lift wollte er meiden. Immerhin musste er damit rechnen, dass sein Opfer oder der Wachmann, der vielleicht schon wider Erwarten im Haus war, das Summen des Aufzugs hörten. Solche Fehler konnte er sich nicht leisten.

Er wählte das schmale Treppenhaus am Ende des Gangs. Hier war es stockdunkel, und ihm war es recht so. In solchen Terrains konnte er sicher sein, kaum auf Fremde zu stoßen.

Das war Punkt zwei, den er nicht mochte. Zeugen konnte er nicht gebrauchen.

Einen Augenblick blieb er stehen und lauschte. Nur langsam gewöhnten sich seine Augen an die Finsternis. Vorsichtig tastete er sich zum Geländer vor und benutzte es als Richtungsweiser.

Der vierte Stock war schnell erreicht. Nur noch eine eiserne Feuertür trennte ihn von dem Gang, der zu Gallards Büro führen musste.

Eine Art Spannung ergriff Falcon. Sonst hatte er seine Gefühle voll im Griff. Für ihn war Mord nichts Besonderes. Schon früh hatte er gelernt, wie man tötete. Die Slums der Bronx und die Gangs selbst duldeten nur harte Burschen, wie ihm sein versoffener Vater stets ziemlich schmerzlich eingebleut hatte.

Und dann war da noch die Army. Auch sie konnte sich bei ihm in die Reihe der Lehrmeister in Sachen Töten eingliedern. Als GI-Special hinter den Kampfreihen des Vietcong gab es damals nur ein Gesetz.

Du oder ich.

Immer noch konnte Percy Falcon weit und breit nicht das geringste Geräusch vernehmen. Es schien ihm, als stehe er in einem einsamen, verlassenen Abrisshaus in der Bronx. Eins aber fehlte.

Das Fiepen der Ratten.

Das ferne Knallen einer Tür wirkte in dieser Stille wie eine Explosion.

Instinktiv wollte Falcon die Waffe aus der Manteltasche reißen. Mitten in der Bewegung hielt er inne. Seinem Gesicht war nicht anzusehen, dass er sich erschrocken hatte. Nur ein leichtes Augenzucken verriet diese Schwäche, die rasch wieder verflog.

Er zückte seine Browning und drückte sich an die Wand neben der Tür. Sollte jemand im Treppenhaus erscheinen, konnte er rasch handeln.

Sein Gegner würde völlig überrascht werden und keine Chance haben.

Fast fünf Minuten wartete er und horchte auf ein weiteres Geräusch.

Es erfolgte keins. Die alte Ruhe war wieder eingekehrt.

Allmählich wich die Nervosität von Percy Falcon. Nur ein klein wenig Misstrauen blieb und ließ sich auch nicht vertreiben. Er musste auf der Hut sein.

Wenn der Zeitplan des Auftraggebers stimmte, tauchte der Wachmann erst in gut einer Stunde auf. Er konnte die Tür also nicht zugeschlagen haben.

War Gallard etwa gerade an diesem Abend ausnahmsweise vorzeitig gegangen?

Er blickte auf seine Armbanduhr. Es war stockdunkel, doch die Leuchtziffern verrieten ihm die Zeit.

Nein, das Opfer war es garantiert nicht gewesen. Das wäre ganz gegen seine Gewohnheit. Falcon tippte eher auf eine Putzfrau, die eine Tür hatte zufallen lassen.

Wieder griff er in die Manteltasche. Diesmal beförderte er ein röhrenförmiges Ding zutage und drückte es sanft gegen die Mündung seiner Browning.

Ohne Hast schraubte er den Schalldämpfer auf die Waffe und überprüfte alles.

Percy Falcon hasste laute Geräusche — besonders den Knall von Schüssen. Aus diesem Grund sorgte er dafür, dass nur zwei Menschen ein leises Plopp hörten, wenn er seinen Auftrag ausführte.

Er und Gallard.

Für den Finanzhai würde das garantiert auch das Letzte sein, was er wahrnahm.

Langsam öffnete Falcon die Feuertür und spähte durch einen Spalt in den Flur.

Auf dieser Etage brannte noch jede zweite Neonröhre und tauchte alles in grelles Licht. Selbst der dunkelrote Teppich und die Bilder an den Wänden vermittelten keinen Hauch von Wärme. Alles wirkte kühl und steril.

Lautlos huschte Falcon von Tür zu Tür. Die Browning hielt er schussbereit. Nichts konnte ihn mehr aufhalten. Längst war er zur Mordmaschine geworden, die nur eins kannte.

Töten.

Beim sechsten Büro hatte er Glück. Auf einer bronzenen Tafel neben der Tür war der Name „Henry Gallard“ eingraviert. Falcon bedauerte, dass er sich nicht an die vorgegebenen Bürozeiten halten konnte.

Ein Blick durch das Schlüsselloch zeigte ihm, dass im Vorzimmer noch Licht brannte. Ein Schlüssel steckte nicht.

Er griff zur Klinke und drückte sie hinunter.

Ohne das geringste Quietschen schwang die Tür auf und gab den Blick auf die Zimmer frei.

„Mister Gallard?“, rief er fragend.

Plötzlich war das Misstrauen wieder da. Das alles lief ihm zu perfekt und einfach ab. Irgendetwas stimmte nicht. Die Sache war faul.

Leise schloss er die Tür hinter sich. Seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen, als er Schritt für Schritt weiterging, die Waffe im Anschlag.

Erst jetzt wurde ihm klar, dass dies eine Falle sein konnte. Leute wie Gallard waren nicht gerade beliebt. Sie verliehen Geld zu horrenden Zinsen. Sein Opfer bildete gewiss keine Ausnahme, wenn es galt, die fälligen Außenstände wieder einzubringen.

Das Zimmer der Sekretärin lag im Dunkeln. Die Tür zum Chefbüro war angelehnt. Ein dünner Lichtstreifen drang bis zu Falcon und malte einen gelblichen Streifen auf den Teppichboden.

„Sind Sie da, Mister Gallard?“

Wieder keine Antwort.

Blitzschnell checkte der Profikiller durch, welche Chancen er hatte, falls die Polizei ihm auflauerte.

Nachweisen konnte man ihm nichts. Schlimmstenfalls erhielt er eine Geldstrafe wegen unerlaubten Waffenbesitzes. Die paar hundert Dollar zauberte er locker aus der Tasche. Geldnöte kannte er nicht.

Vorsorglich steckte er die Browning ein, ehe er die Tür aufstieß. Womöglich schossen die Bullen sofort, wenn er bewaffnet auftauchte. Das wollte er vermeiden. Mit Löchern in der Haut waren die Chancen, einen neuen Auftrag zu übernehmen, ziemlich aussichtslos.

Sanft schwang die gepolsterte Tür zurück und gab den Blick auf einen wuchtigen Schreibtisch frei. An ihm lehnte, vornübergebeugt und mit geweiteten Augen, ein Mann.

Falcon erkannte, dass es sich um sein Opfer handelte. Die Beschreibung des Auftraggebers und das Foto bewiesen es nur zu deutlich.

Allerdings ließ das starre Gesicht keine Zweifel offen, dass er den Finger nicht mehr zu krümmen brauchte. Ein anderer hatte ihm den Job abgenommen.

Gallard war tot — erdrosselt mit einem Schal.

Unwillkürlich trat Falcon einen Schritt vor. Zum ersten Mal seit vielen Jahren war er wirklich erschrocken. Mit dieser Situation hatte er nicht gerechnet.

Im selben Augenblick bereute er seine Bewegung und drehte sich zur Seite um, um das Zimmer so schnell wie möglich zu verlassen.

Zu spät.

Er sah ein verzerrtes Gesicht, das hinter der Tür auftauchte, registrierte eine ruckartige Bewegung über sich und glaubte, ein Haus sei auf seinen Kopf gefallen.

Knock out.

Er bekam nur noch mit, wie der Fremde ihn von sich stieß, zurücksprang und aus dem Büro lief. Dann wurde es stockfinster um ihn herum.

Ohnmächtig brach er zusammen.

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Den ganzen Tag über war es ruhig geblieben. Bount Reiniger hatte es genossen.

Seit Tagen verwöhnte die Sonne die Menschen in New York. Rechte Hitze stellte sich aber nicht ein. Ein leichter Seewind von Osten her sorgte für Abkühlung und angenehme Temperaturen.

Die Uhren zeigten kurz nach 18 Uhr, als Reiniger sein Büroapartment verließ und sich in seinen silbergrauen Mercedes setzte. Die unvermeidliche Pall Mall im Mundwinkel steuerte er die Luxuskarosse sicher in den dichten Verkehr.

Manhattans Lebensnerven, die Avenues und Streets, pulsierten voller Energie.

Die Rushhour war noch nicht ganz vorbei. Nur langsam flaute sie ab. Bald würden sich die Autoschlangen in den Straßenschluchten der Stadt auflösen.

Bount Reiniger ließ sich Zeit. Er hatte keine Eile. Sein Freund Toby Rogers, Captain bei der Mordkommission Manhattan Süd, erwartete ihn erst gegen 19 Uhr.

Bin nur mal gespannt, ob der Gute sich auch freimachen kann, dachte Reiniger.

Er kannte Tobys Arbeit und seine Einstellung genau. Rogers zählte zu einer seltenen Tiergattung, die man nicht einmal in den größten Zoos der Erde fand.

Er war ein Arbeitstier. Außerdem ließ er nicht locker, wenn er einem Mörder erst einmal auf der Spur war. Dann vergaß er alles. Privatleben, Freunde und Essen.

Als Bount Reiniger nach einer halben Stunde im Revier erschien, war alles wie sonst auch. Ihn wunderten nur die verstohlenen Blicke und finsteren Gesichter der Cops und Sergeants.

„Ist dicke Luft?“

Bob Seagan, ein Lieutenant von Manhattan Süd, stampfte an Bount Reiniger vorbei. Er grüßte nur kurz und wollte weitergehen. Bount hielt ihn am Oberarm fest.

„Kann man wohl sagen“, stieß er gepresst hervor. „Captain Rogers tobt. Hatte geglaubt, einen dicken Fisch an der Angel zu haben. Sieht aber so aus, als ob sich Falcon zuvor mit glitschigem Gel eingerieben hat.“

„Falcon?“, fragte Reiniger verwundert. Der Name sagte ihm nichts.

„Fragen Sie den Captain selbst“, forderte der Lieutenant und löste sich aus Bounts Griff. „Er hat gerade den Verhörraum verlassen und ist in seinem Büro.“

Bount Reiniger war gespannt, was ihn erwartete. Dies alles hörte sich interessant an. Insgeheim hakte er den gemütlichen Bowlingabend, zu dem sie verabredet waren, bereits ab.

Er trat in Rogers' Büro, ohne anzuklopfen.

Ihm fiel es schwer, seine Verwunderung zu verbergen. Nein, das war nicht der Toby Rogers, den er kannte.

Der Captain saß vornübergebeugt hinter seinem Schreibtisch und hatte den Kopf in die Hände gestützt. Dunkle Ringe lagen unter seinen Augen, er wirkte müde und übernächtigt. Überhaupt sah er lasch und abgekämpft aus. Von aufbrausenden Gefühlsausbrüchen und cholerischen Anfällen keine Spur.

„Du hast mir gerade noch gefehlt“, murmelte er matt. „Ach, stimmt ja. Heute ist unser Bowlingabend.“

Bount Reiniger setzte sich auf den freien Stuhl vor dem Schreibtisch.

„Was ist dir denn über die Leber gelaufen?“, fragte er. „Hat man dich zum Straßenpolizisten degradiert? Oder ist dir deine neue Freundin weggelaufen?“

Toby Rogers stieß ein tiefes Brummen aus und schaute langsam hoch.

„Alles viel schlimmer“, erwiderte er. Schlagartig geriet Leben in seinen massigen Körper. Er stand auf und stützte sich mit den Händen auf der Tischplatte ab.

„Rede endlich“, forderte Bount Reiniger energisch.

„Kennst du den Namen Falcon, Percy Falcon?“

Bount Reiniger schüttelte den Kopf. Da war er sich ganz sicher. Auf sein Gedächtnis konnte er sich verlassen. Den Namen hatte er nie gehört.

„Fehlanzeige in meinen Speicherzellen“, gestand er. „Absolut unbekannt. Wer soll das sein?“

„Ein Profikiller der übelsten Sorte. Agiert überall in den Staaten. Bisher gibt es jedoch nur Vermutungen, keinerlei Beweise. Er versteht es blendend, sich zu tarnen, wenn er einen Auftrag ausführt.“

Allmählich veränderte sich Tobys Gesichtsfarbe. Die fahle Blässe wich einem leichten Rot.

Reiniger konnte noch nicht folgen, was der Captain ihm sagen wollte.

„Werde konkret“, verlangte er und begann, mit dem Stuhl zu wippen. „Regt dich allein diese Tatsache so auf?“

„Die Tatsache ist, dass dieser Falcon nebenan im Verhörraum sitzt. Und das seit geschlagenen zwanzig Stunden ohne Schlaf. Wir versuchen, ihn festzunageln, denn wir glaubten, ihn auf frischer Tat ertappt zu haben. Das aber scheint Essig zu sein. Wenn wir diesen Panzer nicht knacken und zu einem Geständnis bringen, müssen wir ihn in spätestens drei Tagen wieder laufen lassen.“

Bount Reiniger wurde hellhörig. Toby Rogers sprach ihm zu hastig und aufgebracht, um alles richtig verstehen zu können.

„Mal ganz langsam“, schlug er vor. „Wieso habt ihr diesen Falcon denn fassen können? Ein Killer, der sich bei seinem Opfer erwischen lässt, ist kein Profi, sondern eher ein Anfänger oder ein Stümper.“

„Hast ja recht“, sagte der Captain grantig. „Die Umstände sind total irre. Wie unsere Ermittlungen ergaben, hat der Hausmeister des Bürogebäudes, in dem man das Opfer fand, die Jungs von Revier 36 angerufen und gemeldet, dass ein Toter und ein Bewusstloser in der 10. Ost 124, Nähe Tompkins Square lägen. Dort fanden die Cops dann einen toten Weißen, Mitte 40, einen gewissen Henry Gallard, von Beruf Vermögensberater, doch in Wirklichkeit wohl eher ein Hai in Sachen Finanzen.“

Bount Reiniger grinste und steckte sich eine Pall Mall an.

„Also ein Mann, der sich durch Wucherzinsen zwangsläufig Feinde schafft“, sagte er.

„So kann man wohl schlussfolgern“, bestätigte Toby. „Nun ja, auf jeden Fall fand man nicht nur Gallard, der erwürgt worden war, sondern vor dem Schreibtisch auch den bewusstlosen Falcon. Er trug eine Browning mit Schalldämpfer bei sich und hatte eine dicke Beule am Kopf.“

„Da dürfte es euch schwerfallen, den sauberen Herrn lange als Staatsgast zu behalten.“ Reiniger erkannte sofort den Grund für Rogers' Niedergeschlagenheit. „Ein Profikiller mit Schusswaffe und Schalldämpfer im Gepäck geht auf Nummer sicher. So ein Typ erdrosselt sein Opfer ganz bestimmt nicht. Oder liebte Falcon diese Art von Mord?“

Der Captain schüttelte den Kopf. „Soviel wir erfahren konnten, wurden Falcons vermutliche Opfer ausnahmslos mit schweren Kalibern getötet. Aber das sind, wie gesagt, nur Vermutungen. Beweise gibt es nicht.“

„Und die Beule am Kopf ist wohl ein Indiz mehr, dass er den Mörder Gallards überrascht hat“, meinte Bount Reiniger. „Etwas wirr, aber doch möglich.“

Toby Rogers stieß enttäuscht die Luft aus den Lungen und verzog das Gesicht zu einer gequälten Grimasse, die ausdrückte, wie er sich fühlte.

„So weit bin ich auch, denn genau das sagt Falcon aus. Er behauptete steif und fest, dass er mit Gallard wegen eines Kredits verabredet gewesen und niedergeschlagen worden sei, nachdem er den Toten gefunden hatte. Dass die Browning ihm gehört, hat er sogar bestätigt. Die Existenz des Schalldämpfers, der zudem schon aufgeschraubt war, erklärte er damit, dass Gallard von seinen Beziehungen gehört habe. Der tote Finanzhai soll angeblich an einer solchen leisen Waffe interessiert gewesen sein. Alles dummes Gerede! Aber was soll ich tun? Das reicht höchstens für eine Anklage wegen unerlaubten Waffenbesitzes.“

Rogers hatte sich in Rage geredet. Wütend schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch. Ein Stapel Akten vollführte einen leichten Satz Richtung Decke und unterlag dann wieder der Anziehungskraft der Erde.

„Es ist zum Heulen“, schimpfte der Captain außer sich vor Zorn. „Ich habe ihn und kann ihn nicht festnageln. Man reißt mir den Kopf ab, wenn ich Falcon einfach so sausen lassen muss. Hinzu kommt noch, dass alles total verworren ist. In Gallards Kartei war absolute Ebbe. Nicht der geringste Hinweis. Jemand muss sie völlig ausgeräumt haben. Aber wer? Der berüchtigte dritte Mann?“

„Hatte Gallard keine Sekretärin?“ Rogers verdrehte die Augen und seufzte gequält.

„Wie wir durch Unterlagen erfahren haben, ist sie zurzeit in Europa und verlebt ihren Jahresurlaub. Keine Ahnung, wann die zurückkehrt. Das konnten wir leider nicht in Erfahrung bringen.“

Bount Reiniger stand auf und zuckte bedauernd mit den Schultern. „Das alles hört sich so an, als ob unser Bowlingabend mal wieder eine Solovorstellung für mich sein wird.“

Toby grunzte eine Entschuldigung. Auch er wäre lieber ins Bowling-Center gefahren. Sein Pflichtbewusstsein und seine Verbissenheit aber ließen das an diesem Tag nicht zu.

„Melde mich mal wieder, wenn ich Zeit habe, Bount“, versprach er und verschwand im Nebenzimmer.

Was blieb Reiniger übrig? Den Abend musste er allein verbringen. Im Nachhinein ärgerte er sich, dass er nicht seine blonde Assistentin June March eingeladen hatte.

Er verließ das Büro. Zu diesem Zeitpunkt ahnte er noch nicht, wie bald er mit Rogers' Fall konfrontiert werden würde.

Er konnte auch nicht wissen, dass es dann um Leben oder Tod ging.

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Nur durch einen Zufall trafen sie sich vor einem Café beim Rockefeller Center.

Wenn sie nicht im Gewühl zusammengestoßen wären, hätte Angel Perkins ihre alte Collegefreundin gewiss nicht bemerkt und wäre achtlos weitergegangen.

„Hallo Susan!“, rief sie überrascht, als sie die etwas unvorteilhaft gekleidete Person erkannte.

Einen Augenblick stutzte die brünette Frau mit dem Pagenschnitt, dann wusste sie, wer vor ihr stand. Ein erfreutes Lächeln huschte über ihr schmales Gesicht.

„Angel! Mein Gott, du hast dich aber verändert.“

Die Blondine mit dem lockigen Haar lächelte selbstsicher. „Ich hoffe, nicht zu meinem Nachteil. Aber sag mal, wie lange haben wir uns nicht gesehen? Fünf Jahre, oder sind es sogar noch mehr?“

Susan Hopkins nickte.

„Es werden nächsten Monat sogar sechs. Ja, die Zeit vergeht.“

Angel Perkins erinnerte sich. Es war eine schöne, unbeschwerte Zeit auf dem College gewesen, an die sie gern zurückdachte. Oftmals schon hatte sie sich diese Jahre zurückgewünscht.

Sie blickte sich um. Die Menschen hasteten achtlos und voller Geschäftigkeit an ihnen vorbei, und sie standen mitten im Gewühl. Ein schlechter Ort, um Erinnerungen auszutauschen und ein Wiedersehen zu feiern.

„Wir sollten irgendwo einkehren und einen Cherry trinken“, schlug die üppige Blondine vor. Gegen die zierliche Susan Hopkins wirkte sie sogar ein wenig pummelig, dafür aber umso attraktiver.

Die Brünette lehnte ab. „Ich habe eine bessere Idee. Lass uns zu mir fahren. Ich wohne nicht weit von hier in der 34. Ost, nahe am Fluss. Hast du dein Auto in der Nähe stehen?“

„Drüben vor dem PanAm-Gebäude“, erwiderte Angel. „Lass uns gehen. Ich nehme deine Einladung gerne an. Es ist mir auch lieber, als in einem überfüllten Café zu sitzen.“

Gut gelaunt, hakte sie sich bei der Freundin unter. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum Wagen.

Nach gut zehn Minuten blieb die Blondine vor einem silberfarbenen Ford Mustang stehen und holte den Zündschlüssel aus einer Tasche ihres Kostüms.

„Ein schönes Auto“, sagte Susan anerkennend. „Ein Geschenk oder selbst gekauft?“

„Hat mir mein Vater letzten Monat zum 25. Geburtstag geschenkt.“

Sie stiegen ein und fuhren los. Da die Straße zu dieser Tageszeit nicht so sehr von den Blechlawinen strapaziert wurden, kamen sie gut voran und erreichten das Apartmenthaus ohne Schwierigkeiten.

Susans Wohnung in der zweiten Etage entpuppte sich als einfach, aber gemütlich eingerichtetes Reich, in dem man sich wohl fühlen konnte.

„Bist du verheiratet?“, wollte Susan von ihrer Freundin wissen.

„Nein, du etwa?“

Auch Susan verneinte: „Vor zwei Wochen habe ich eine Verbindung gelöst. Es hatte wirklich keinen Zweck mehr mit uns beiden. Er lief den ganzen Tag herum, weil er keinen Job fand, und ich musste zwölf Stunden am Tag schuften, um das Geld zu beschaffen, das er zum größten Teil versoff. Und wie ist es mit dir und den Männern?“

„Ach, lassen wir das Thema“, wich Angel aus. „Du weißt ja, wie das ist. Den Traummann, den man sucht, findet man so leicht nicht. Warum sollte es mir besser als dir ergehen.“

Sie ließen sich in den weichen Sesseln beim Fenster nieder. Von hier aus genoss man einen weiten Blick über den East River. Bei klarem Wetter konnte man die Flugzeuge auf dem Kennedy Airport landen und starten sehen, wenn sich die Sonnenstrahlen auf den stählernen Leibern der Jets brachen.

Bei einem Glas Rotwein plauderten sie über alles, was ihnen einfiel. Die Zeit floss viel zu schnell dahin. Draußen wurde es bereits dunkel, ohne dass sie es merkten.

Im Verlaufe des Gesprächs stellte sich heraus, dass sich in ihrem Leben nicht viel gegen früher geändert hatte.

Susan war auch jetzt noch unscheinbar und hatte bei Weitem nicht das Beste aus sich gemacht. Die unvorteilhafte Frisur ließ sie nicht gerade attraktiver aussehen. Ihre Figur war mager und so gut wie ohne weibliche Reize. Sie wirkte knabenhaft und zerbrechlich.

Schon damals hatte Susan hart arbeiten müssen, um weiterhin zum College gehen zu können. Infolge eines Autounfalls hatte sie ihre ganze Familie verloren. Sie war Vollwaise und ohne Geschwister oder Verwandte. Aber sie hatte es geschafft und arbeitete heute als Übersetzerin in einer großen Firma drüben in New Jersey.

Die üppige, wohlgebaute Angel war das genaue Gegenteil. Reich, sorglos und ein Typ, auf den die Männer flogen. Von Arbeit hielt sie nicht viel. Ihr Stiefvater verdiente mit seinem Import-Export-Geschäft Millionen und verwöhnte sie, wo er nur konnte.

Was wollte sie mehr?

Plötzlich blickte Angel Perkins auf ihre Armbanduhr und erschrak.

„Mein Gott, es ist ja schon fast acht Uhr. Ich muss unbedingt heim, sonst sorgt sich mein alter Herr, ruft noch die Polizei an und gibt eine Vermisstenanzeige auf.“

Susan lächelte. Sie kannte Mister Perkins von früher und wusste, wie sehr er um seine Stieftochter schon damals besorgt gewesen war. Offenbar hatte sich auch in dieser Hinsicht in den letzten Jahren nichts geändert.

Angel stand auf und strich ihren Rock glatt. Wieder blickte sie auf die Uhr, als sei sie plötzlich sehr in Eile.

„Wann treffen wir uns mal wieder?“, wollte Susan wissen.

„Ich schlage vor, nächste Woche kommst du zu mir rüber. Wie wäre es?“

„Geht in Ordnung“, stimmte die brünette Frau zu. „Dann also bis in ein paar Tagen. Ich freue mich schon darauf.“

Sie geleitete ihre Freundin zur Tür und verabschiedete sich von ihr. Angel winkte, als sie in den Lift stieg und sich die Türen schlossen.

Der Ford Mustang stand auf der anderen Straßenseite. Susan trat ans Fenster des Wohnzimmers und wartete, bis Angel das Haus verließ.

Sie überquerte die Straße und suchte in ihrer Tasche nach dem Zündschlüssel. Nach einiger Zeit fand sie ihn, schaute hoch und sah Susan am Fenster stehen. Sie winkte ausgelassen und schloss ihren Wagen auf.

Dass ein dunkler Chevrolet hinter ihr hielt, registrierte sie nicht. Erst, als die Beifahrertür aufgestoßen wurde und wie aus dem Nichts ein Mann neben ihr auftauchte, wurde sie stutzig.

„He, was soll das?“, sagte sie wütend und fuhr herum, als jemand sie am Oberarm packte.

Susan sah vom Fenster aus, dass etwas nicht stimmte. Genaues aber konnte sie nicht erkennen. Dazu war es schon zu dunkel.

Ein Fremder sprach energisch mit Angel. Sie riss sich los und schrie dem Mann etwas ins Gesicht.

Mehr konnte Susan Hopkins nicht erkennen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie befürchtete, dass ihre Freundin in Gefahr war. Nervös überlegte sie, was sie tun sollte.

In diesem Moment fuhr ein gelber Müllwagen vor und hielt an. Das wuchtige Fahrzeug versperrte die Sicht.

Susan konnte nicht mehr sehen, was im Schatten des städtischen Fahrzeuges passierte.

Als der LKW weiterfuhr, war der dunkle Chevrolet weg — und mit ihm der Fremde und Angel. Ihr Wagen stand noch am Straßenrand.

Was hat das zu bedeuten?, fragte sich die Brünette und versuchte, ihre Unruhe zu bekämpfen. Es fiel ihr nicht leicht, die wirbelnden Gedanken zu ordnen.

Ihr erster Verdacht war, dass man Angel entführt hatte. Schon stand sie neben dem Telefon, um die Polizei zu alarmieren.

Sie tat es nicht.

Hastig nahm sie ein Telefonbuch und blätterte darin, bis sie die Nummer, die sie suchte, gefunden hatte.

Frederic Perkins, 335626, Long Island City.

Als sie den Hörer abnahm und begann, die Wählscheibe zu drehen, merkte sie, wie sehr ihre Hände zitterten.

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An diesem diesigen Tag wollte es einfach nicht hell werden. Über Nacht hatte sich das herrliche Wetter der Vortage schlagartig geändert.

Eine Dunstglocke hing über New York. In Manhattan war es besonders schlimm. Absolute Windstille bewirkte, dass die Abgase der Autos nicht richtig abzogen. Unsichtbar, aber umso besser zu riechen, hingen sie in den gewaltigen Straßenschluchten und erschwerten das Atmen.

Das alles kriegte Bount Reiniger nicht mit. Den ganzen Tag über hielt er sich schon in seinem Büroapartment an der Ecke 7. Avenue/54. Straße auf.

Wieder klingelte das Telefon auf Junes Schreibtisch. Wütend stemmte er sich aus seinem bequemen Sessel und warf einen Aktenordner auf den Boden.

„Mist!“, fluchte er. „Wie konnte ich nur so verrückt sein und June einen Tag Urlaub geben, wenn so viel Papierkram zu erledigen ist.“

Er nahm den Hörer ab, doch nur ein gleichmäßiges Summen ertönte und zeigte an, dass der Teilnehmer bereits wieder aufgelegt hatte.

Schon seit zehn Stunden hockte Bount Reiniger vor Unterlagen die endlich überarbeitet werden mussten. Hinzu kam noch die Spesenabrechnung für die fällige Steuererklärung.

Es gab nicht viel, was Bount Reiniger aufregte. Der ständige Tanz mit der Finanzbehörde aber schaffte ihn jedes Mal. Diesmal würde es auch nicht anders werden.

Seufzend schaute er auf die Uhr. Es war kurz nach sieben Uhr. Draußen wurde es allmählich dunkel. Noch immer hingen die diesigen Schwaden in den Straßen.

„Mach Schluss, Bount“, ermunterte er sich selbst. „Morgen ist auch noch ein Tag.“

Missmutig schielte er auf die vielen Belege auf dem Schreibtisch. Alles glich einem nicht gerade organisierten Chaos.

Als er nach links schaute, entdeckte er noch die beiden Schnellhefter auf dem kleinen Sideboard neben dem Schreibtisch. Es waren abgeschlossene Fälle. Allerdings musste noch einiges nachgetragen werden, ehe sie in die Ablage wanderten.

„Das erledigst du noch“, beschloss er eisern.

„Mister Reiniger?“

Wie von der Tarantel gestochen wirbelte Bount herum. Er erschrak, als die Stimme die völlige Stille unterbrach.

Bount Reiniger hatte den etwas korpulenten Mann nicht eintreten hören. Er wurde völlig überrascht und zeigte wohl auch das entsprechende Gesicht.

„Verzeihung“, entschuldigte sich der Eindringling und deutete mit dem Zeigefinger über seine rechte Schulter. „Die Tür stand offen, und da dachte ich ...“ Der Fremde lächelte gequält.

„Schon gut“, meinte Bount Reiniger. „Meine Nerven scheinen auch nicht mehr die besten zu sein. Habe wohl die Tür offen gelassen?“

„Ja, und da Sie auf mein Klopfen nicht reagiert haben, dachte ich, trete mal ein.“

„Nehmen Sie doch bitte Platz, Mister ...?“

„Perkins, Frederic Perkins“, stellte sich der Mann vor.

Erst jetzt nahm sich Bount Zeit, seinen Besucher näher zu betrachten.

Er schätzte Perkins auf Mitte bis Ende vierzig. Er hatte lichtes Haar und wahrscheinlich einen Hüftschaden, da er ein wenig humpelte, wenn er ging.

Im Allgemeinen erweckte Perkins einen sympathischen Eindruck. Aus blauen Augen schaute er Bount offen an und schien nichts zu verbergen.

Eins aber fiel Reiniger negativ auf.

Äußerlich wirkte Perkins absolut ruhig. Das aber täuschte.

Der Mann spielte nervös mit seinen Fingern. Alle paar Sekunden ertappte er sich wohl selbst dabei, doch er schaffte es nur kurz, diesen Beweis seiner Unruhe zu vertuschen.

„Sie haben Glück, dass Sie mich noch vorfinden“, sagte Bount Reiniger und zündete sich eine Pall Mall an. Der Schock saß ihm noch in den Knochen. Selten hatte er sich so sehr erschreckt.

„Ich bin in einer heiklen Situation. Sie müssen mir unbedingt helfen.“ Seine Stimme zitterte etwas.

Plötzlich war es mit Perkins’ Beherrschung vorbei. Wie ein Mantel fiel sie von ihm ab und zeigte, wie verängstigt er war.

Von einem Augenblick zum anderen glich der korpulente Mann einem Häuflein Elend.

Bount Reiniger beugte sich vor und bot ihm eine Zigarette an. Dieser lehnte mit einer knappen Handbewegung und einem gequälten Lächeln ab.

„Um was geht es?“, fragte Bount Reiniger unumwunden.

Statt einer Antwort griff Perkins mit zittrigen Fingern in die Innentasche seines grauen Straßenanzugs und zog ein Blatt Papier heraus.

Bount Reiniger war lange genug im Geschäft, um schon auf den ersten Blick zu erkennen, um was es sich handelte.

Die aneinandergereihten Papierschnipsel bewiesen es nur zu klar.

Es war ein Erpresserbrief.

Aufmerksam las Bount die aufgeklebten Worte. Eindeutiger konnte eine Forderung nicht sein.

'Sorgen Sie sich nicht, Perkins.

Angel ist in Sicherheit.

Das bleibt auch so, wenn Sie vernünftig bleiben und die Cops aus dem Spiel lassen.

Weiteres später!'

Ruhig faltete Bount Reiniger das Stück Papier und überreichte es seinem Gegenüber.

„Haben Sie die Polizei informiert?“, fragte er.

„Nein.“ Fast schon entsetzt stieß Perkins das Wort aus. „Um Gottes willen. Die Gangster machen Ernst. Für Angel wäre dies das Todesurteil. Nein, das habe ich nicht gewagt. Deshalb habe ich ja Sie aufgesucht. Ich möchte, dass Sie mir helfen, meine Stieftochter Angel aus den Klauen dieser Verbrecher unversehrt zu befreien. Kosten spielen keine Rolle!“

Bount Reiniger hatte jetzt keine Lust, über das Honorar zu sprechen. Hier ging es um ein gefährdetes Menschenleben. Über die Rechnung konnte man sich später noch einig werden, zumal Perkins nicht wie ein armer Tagelöhner aussah.

„Wann haben Sie den Brief erhalten?“, fragte Bount Reiniger unbeirrt weiter. Immer noch hoffte er auf einen kleinen, wenn auch noch so winzigen Hinweis, bei dem er einhaken konnte.

Sein Klient überlegte nur kurz.

„Gestern, etwa zwei Stunden nach Susan Hopkins’ Anruf. Ein kleiner farbiger Junge hat ihn mir gebracht und ist sofort wieder verschwunden, ehe ich ihn etwas fragen konnte.“

Stirnrunzelnd blickte Bount Reiniger den Mann an. „Wer ist Susan Hopkins?“

„Oh, Verzeihung“, sagte Perkins und räusperte sich nervös. „Es ist eine alte Collegefreundin von Angel. Sie haben sich getroffen und sind wohl ein paar Stunden zu Susan gefahren. Auf jeden Fall war es diese Susan, die mich anrief und berichtete, dass Angel vor ihrem Haus von einem Mann angesprochen worden sei. Dann hat man sie wohl in ein Fahrzeug gestoßen.“

Reiniger war ein aufmerksamer Zuhörer.

„Wo wohnt Miss Hopkins?“, fragte er und griff nach einem Kugelschreiber.

„34. Ost Nummer 567, zweite Etage“, sagte Perkins. „Das hat sie mir jedenfalls am Telefon durchgegeben.“

Rasch notierte sich Bount Reiniger die Adresse. Er würde sie gewiss noch brauchen.

„Wie haben Sie sich die Sache vorgestellt?“, fragte er.

Die Sache war heikel. Man musste davon ausgehen, dass die Kidnapper eiskalte Profis waren, die nicht mit sich spaßen ließen. Risiken durfte man auf keinen Fall eingehen.

Perkins antwortete hastig.

„Ich bin bereit, notfalls auf alle Forderungen einzugehen. Auf alle, verstehen Sie?“

Einen anderen Entschluss hatte Reiniger nicht erwartet. Kein Vater riskiert leichtsinnig das Leben seiner Tochter. Auch nicht, wenn es die Stieftochter war.

„Gut“, sagte Bount Reiniger zustimmend. „Ich bin Ihr Mann.“

Für einen Augenblick schien Perkins die angespannte Lage zu vergessen. Ihm gelang sogar ein knappes Lächeln, als er sich überschwänglich bedankte.

„Jetzt wird alles gut“, sagte er erleichtert. „Ich spüre es.“

„Erst müssen wir abwarten“, entgegnete Reiniger. „Als nächstes sind die Kidnapper am Zug. Ich denke, dass es nicht lange dauern wird, bis sie ihre Forderungen stellen.“

Er steckte sich eine weitere Pall Mall zwischen die Lippen und zündete sie an.

Perkins rutschte nervös auf seinem Stuhl herum. Sein Blick huschte unstet durch das Zimmer.

„Wie wollen Sie vorgehen?“, fragte er.

„Das wird sich zeigen, Mr. Perkins!“

Noch einmal betrachtete der Privatdetektiv den Fetzen Papier, auf den man die Zeitungsausschnitte aufgeklebt hatte. Garantiert hatten die Gangster darauf keine Fingerabdrücke hinterlassen.

Das leise Summen des Telefons durchdrang die Stille im Zimmer. Bount nahm ab.

„Mister Perkins, bitte!“, forderte eine heisere Stimme.

Bount Reiniger ahnte, wer dort am anderen Ende der Leitung war.

„Kleinen Moment, Mister ...?“

Der Gangster fiel nicht auf den Trick herein.

„Namen sind Schall und Rauch“, sagte er fast poetisch. „Was ist nun? Ist Perkins bei Ihnen oder nicht?“

Bount Reiniger reichte den Hörer weiter. Die Sprechmuschel hatte er mit der Hand abgedeckt, so dass der Teilnehmer nicht mithören konnte.

„Wenn mich nicht alles täuscht, wissen die Kidnapper ziemlich gut über Ihre Schritte Bescheid“, warnte er Perkins. „Schätze, dass einer von ihnen gerade an der Strippe hängt.“

Mit schreckgeweiteten Augen nahm Perkins den Telefonhörer entgegen und schluckte heftig.

„Was soll ich tun?“, flüsterte er hilflos.

„Zuhören“, schlug Bount Reiniger vor und drückte eine kleine Taste an der Frontseite des Apparats. Der Raumlautsprecher war eingeschaltet. Jetzt konnte er jedes Wort mithören.

„Perkins“, meldete sich sein Klient mit bebender Stimme. „Mit wem spreche ich?“

Der Gangster, kam sofort zur Sache. Er sprach leise, heiser und mit hoher Stimme. Es war unmöglich, festzustellen, ob man es mit einem jungen oder älteren Menschen zu tun hatte.

„Hast du unseren Liebesbrief erhalten, Alter?“, fragte er, ohne eine Antwort zu erwarten. „Ich denke schon, denn sonst wärst du nicht sofort zu einem Privatschnüffler gerannt, nicht wahr?“

„Ich ... ich habe die Polizei aber aus dem Spiel gelassen“, sagte Perkins erschrocken.

Kleine Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Er war kaum noch in der Lage, den Hörer ohne Zittern in der Hand zu halten.

„Dein Glück, Alter“, erwiderte die heisere Stimme. „Und nun höre gut zu! Beschaff dir bis morgen 500.000 Bucks und sorge dafür, dass ein gewisser Percy Falcon freigelassen wird. Er braucht dazu eine Kaution. Deren Höhe weiß ich nicht, doch du wirst sie bezahlen und Falcon auslösen. Haben wir uns verstanden?“ Perkins nickte heftig und murmelte: „Jawohl.“

Für einen Augenblick war Bount Reiniger wie gelähmt. Der Name Percy Falcon hatte in ihm sämtliche Alarmsirenen schrillen lassen.

Nur gewaltsam vermochte er sich wieder auf die momentane Situation zu konzentrieren.

„Wir wollen Beweise, dass Angel noch lebt“, forderte er. „Sagen Sie das dem sauberen Herrn.“

Perkins schluckte erschrocken, doch er tat, was Bount ihm aufgetragen hatte.

„Okay“, erklärte sich der Kidnapper nach einigen Sekunden bereit. „Ihr sollt euren Beweis haben. Heute Abend um 22 Uhr in der Kiesgrube in Ridgewood. Aber nochmals, Freunde! Keine Cops, sonst hast du einen Trauerfall in der Familie.“

Ein Klicken folgte. Die Verbindung war unterbrochen.

Kreidebleich legte Perkins auf. „Wie spät ist es?“

„Gleich 20 Uhr. Genügend Zeit, um rechtzeitig zu der Kiesgrube in Ridgewood zu gelangen.“

„Wissen Sie, wo das Gebiet liegt?“, fragte Perkins.

Reiniger nickte. In New York kannte er sich wie in seiner Westentasche aus.

Das Gelände lag drüben in Queens, nahe dem Park und Hügelgelände am Interborough Parkway. Nach Sonnenuntergang bot dieses Gebiet ausreichend Möglichkeiten für eine Kidnapper-Demonstration.

„Wir werden das Kind schon schaukeln, Mister Perkins“, sagte er beruhigend und schenkte ihm einen kleinen Whisky ein. Den hatte Perkins mittlerweile bitter nötig. „Wir müssen nur die Nerven bewahren und dürfen uns auf nichts einlassen.“ Nach diesen Worten genehmigte er sich ebenfalls einen Schluck Scotch.

Innerlich war in ihm ein Vulkan ausgebrochen und brodelte nun, ohne dass man Reiniger äußerlich etwas anmerkte.

Percy Falcon.

Was hatte der Killer, den Toby Rogers momentan in der Mangel hatte, mit der Entführung von Angel Perkins zu tun?

Verdammt, das ergab keinen Sinn. Falcon war ein Profi, ein Einzelgänger, der gewiss keine Freunde hatte, die ihn notfalls herauspaukten.

Killer wie Falcon lebten einsam, töteten einsam und starben einsam.

Irgendetwas an dieser ganzen Geschichte stimmte nicht. Das Ei war faul. Reiniger konnte es förmlich riechen, ohne auch nur den kleinsten Anhaltspunkt dafür zu haben, wo er ansetzen musste.

Perkins saß wie erstarrt und stierte abwesend aus dem Fenster. Er wirkte noch eine Spur bleicher als zuvor.

„Kennen Sie diesen Mister Falcon?“, fragte Reiniger.

Perkins’ Kopf fuhr herum. Entsetzt schaute er Bount an.

„Wo denken Sie hin?“, empörte er sich. „Was habe ich mit Killern zu tun?“

Reiniger wurde stutzig. Seine Stirn legte sich in Falten.

„Sie wissen, dass Falcon ein Killer ist?“

Perkins gab sich unbeirrt.

„Die Zeitungen stehen voll davon“, sagte er erregt. „Lesen Sie keine Zeitung? Die Boulevardblätter haben den Mord an diesem Finanzmakler Gallard als gefundenes Fressen bis zum Ende ausgeschlachtet.“

Bount Reiniger musste seinem Gegenüber zugestehen, dass dies eine Erklärung war. Natürlich war dieses Verbrechen nicht vertuscht worden. Manche Reporter hielten sich Tag und Nacht bei den Pressestellen der Reviere auf.

„Kannten Sie denn Mister Gallard?“, bohrte Bount Reiniger weiter.

„Nein.“

Auch diesmal klang die Antwort überaus hektisch. „Sagen Sie mal? Ist das ein Verhör, oder was? Sie sollen sich darum kümmern, dass meiner Tochter kein Leid geschieht. Alles andere interessiert mich nicht.“

Bount Reiniger hatte eine passende Bemerkung auf den Lippen. In Anbetracht der Tatsache aber, dass Frederic Perkins unter einer starken psychischen Belastung stand, unterließ er es, sich diesen Tonfall zu verbitten.

„Leider hängt das eine mit dem anderen zusammen“, sagte er und erhob sich. Er holte seine 38er Special aus dem Schubfach seines Schreibtisches und ließ die Waffe in dem Schulterholster verschwinden.

„Muss das sein?“ Perkins schien nicht damit einverstanden zu sein, dass Bount seine Pistole mitnahm.

„Wir sollten uns auf den Weg nach Queens begeben, Sir“, schlug Reiniger vor, ohne auf die Frage einzugehen.

„Ganz wie Sie wollen“, sagte Perkins kleinlaut. Er war mit den Nerven am Ende und trottete mit hängendem Kopf hinter dem Privatdetektiv her.

Sie ahnten nicht, was sie in der Kiesgrube von Ridgewood erwartete. Selbst Bount Reiniger konnte das Gefühl der Hilflosigkeit nicht ganz unterdrücken.

Sie traten in die Höhle des Löwen, ohne wirksame Waffen zu haben.

Sie mussten das Risiko in Kauf nehmen, denn das Leben von Angel Perkins stand auf dem Spiel.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738914986
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v383048
Schlagworte
erpresser york detectives

Autor

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Titel: Erpresser sterben schneller: N.Y.D. - New York Detectives