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Tony Ballard #103: Die Rache des Höllenfürsten

2017 120 Seiten

Leseprobe

Tony Ballard #103 - Die Rache des Höllenfürsten

A. F. Morland

Published by Casssiopeia-XXX-press, 2017.

Die Rache des Höllenfürsten

Tony Ballard Nr. 103

Teil 4/5

von A.F.Morland

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Tony Ballard ist der Dämonenhasser. Er kämpft gegen die Mächte der Finsternis und begegnet dem Unfassbaren. Vampire, Dämonen, Werwölfe und andere Kreaturen der Schattenwelt sind seine unbarmherzigen Gegner. Erfolgsautor A. F. Morland schuf diese einzigartige Horror-Serie, die jetzt endlich auch im E-Book vorliegt.  

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Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild Michael Sagenhorn

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Rache des Höllenfürsten

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Immer wieder wandte Shibba den Kopf und sah zurück ins Dickicht des Waldes, doch sie konnte ihre Verfolger noch nicht sehen. Dafür hörte sie sie um so deutlichen das Knacken von Ästen, das leise Hecheln, ein tiefes, kehliges Knurren.

Shibba, die wilde, schwarzhaarige Höllenamazone, war auf der Flucht Sie hastete durch das Dickicht, so schnell sie ihre Füße trugen. Und wußte doch, daß sie gegen diesen Gegner keine Chance hatte. Die Höllenhunde würden sie bald schon einholen, und dann... Sie wagte nicht, daran zu denken. Fort, nur fort!

Und dann vernahm sie ein wütendes, heiseres Bellen hinter sich. Die Meute hatte sie erreicht!

Atax, die Seele des Teufels, wollte ein Höllenschwert besitzen, und er hatte sich in das Reich der Verdammnis begeben und Farrac, den Höllenschmied befreit. Denn nur dieser war imstande, es herzustellen. Farrac hatte auch sofort mit der Arbeit angefangen, obwohl ihn Loxagon, für den er vor langer Zeit das erste Höllenschwert geschmiedet hatte, geblendet hatte.

Um aus einem gewöhnlichen Schwert eine lebende Waffe zu machen, die denken, fühlen und selbständig handeln konnte, brauchte Farrac ein Dämonenherz.

Phorkys, der Vater der Ungeheuer, hatte ein solches Herz für Atax geschaffen, doch als er es ihm übergeben wollte war Farrac in der Höllenschmiede von Mago und Metal überfallen worden.

Die beiden wollten verhindern, das Atax eine so starke Waffe, wie sie das Höllenschwert darstellte, in die Hand bekam, deshalb wollten sie Farrac töten, aber Atax und Phorkys konnten dem Schmied das Leben retten, und als der Vater der Ungeheuer Mago verletzte, sah sich Metal gezwungen, mit seinem Verbündeten die Flucht zu ergreifen.

Aber Atax wollte die beiden nicht entkommen lassen. Er witterte die große Chance, sich zweier gefährlicher Gegner endlich entledigen zu können.

Doch als er aus der Höllenschmiede stürmte, waren Metal und Mago verschwunden. »Fort!« knurrte der geschlechtslose Dämon wütend. Sein Körper war transparent und von violett schillernden Adern durchzogen, in denen jetzt das schwarze Dämonblut heiß brodelte. »Fort! Sie sind fort! Haben sich aus dem Staub gemacht, diese feigen Kreaturen!«

»Hauptsache sie konnten ihren Plan nicht ausführen«, sagte Phorkys.

Atax schüttelte wütend den Kopf. »Nein, das genügt mir nicht, denn sie werden mir wieder in die Quere kommen. Was immer ich anstrebe - sie versuchen es zu verhindern. Das hört erst auf, wenn sie nicht mehr leben.«

»Mago ist verletzt, und es gibt viele Gefahren in der Hölle, die einem geschwächten Dämon zum Verhängnis werden können.«

»Es wäre mir lieber, sie würden hier tot vor mir liegen!« stieß Atax grimmig hervor. »Das war eine einmalige Gelegenheit, sie ein für allemal auszuschalten.«

»Wir haben einen Sieg errungen, über den du dich freuen solltest«, sagte der Vater der Ungeheuer. »Metal und Mago mußten fliehen, und sie werden nicht hierher zurückkommen. Das bedeutet, daß Farrac seine Arbeit fortsetzen kann. Du besitzt das Dämonherz. Farrac wird es deinem Schwert einsetzen, und dir wird eine sehr starke Waffe zur Verfügung stehen. Metal und Mago werden es nicht mehr wagen, dich anzugreifen, denn du würdest sie mit deinem Schwert vernichtend schlagen.«

Atax beruhigte sich.

Phorkys hatte recht. Eigentlich konnte er froh sein, denn die Dinge entwickelten sich für ihn genau so, wie er es haben wollte. Er holte das Dämonherz und brachte es in die Schmiede.

Farrac, der Höllenschmied, war ein Riese. Er hatte einen grauen Rüssel, und früher hatten seine Stirn zwei dicke gelbe Hörner geziert. Heute besaß er nur noch ein Horn. Das andere war ihm vor langer Zeit abgebrochen, als Loxagon ihn mißhandelte.

Er hatte für Loxagon das erste Höllenschwert geschmiedet, und zum Dank dafür hatte dieser ihn töten wollen. Da er damit aber gerechnet hatte, hatte er sich abgesichert.

Wenn Loxagon ihm das Leben genommen hätte, hätte das Höllenschwert seine Kraft verloren, also mußte ihn Loxagon verschonen. Aber er blendete ihn und brachte ihn in die Schlucht der lebenden Steine, wo er für alle Zeiten gefangen bleiben sollte.

Er hatte es Atax zu verdanken, daß er nun wieder frei war.

Unter Farracs schweißglänzender Haut zuckten harte Muskeln. Er arbeitete am Amboß des Grauens, der mit jedem Hammerschlag Kraft an das Schwert abgab.

Und jeder Schlag härtete und stärkte die Klinge des neuen Höllenschwerts mehr.

Es war erstaunlich, wie präzise der blinde Riese zuschlug - als könnte er noch sehen. Obwohl er seit undenklichen Zeiten nicht mehr in dieser Schmiede gearbeitet hatte, hatte er nichts verlernt.

Atax gab ihm das Dämonenherz, und Farrac setzte es dem Schwert ein. Es war umschlossen von einer kleinen Krone, die der Schmied auf den Rücken der Schwertklinge setzte.

Nun existierte ein zweites Höllenschwert.

***

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ICH STARRTE MR. SILVER haßerfüllt an. Eine endlos lange Nacht lag hinter mir. Ich hatte kein Auge zugetan, denn die Wut über meine schmachvolle Niederlage ließ mich nicht zur Ruhe kommen.

Seit mich das Marbu-Gift völlig beherrschte, wollte ich von meinen Freunden nichts mehr wissen. Ich hatte neue Pläne, andere Ziele. Ich wollte nicht mehr gegen die schwarze Macht kämpfen.

Marbu hatte mich gründlich umgekrempelt, und ich hatte die besten Aussichten gehabt, zum Dämon zu werden. Im Zwischenstadium hatte ich den Gangsterboß Guy La Cava entmachtet und seine Organisation übernommen, und ich hatte geplant, mir als Unterweltkönig von London einen Namen zu machen.

Doch Mr. Silver und Boram hatten dazwischen gefunkt, und nun lag ich hier in meinem Haus, mit magischen Fesseln an mein Bett gefesselt und Marbu die schwarze Kraft in mir, war von Boram, dem weißen Vampir, stark geschwächt worden.

Wenn es mir möglich gewesen wäre, hätte ich nicht gezögert, Mr. Silver zu töten, aber ich war zum stilliegen verdammt, und selbst ohne magische Fesseln hätte ich dem Hünen mit den Silberhaaren nicht gefährlich werden können.

Marbu erholte sich zwar, aber um mit Mr. Silver fertigwerden zu können, hätte ich die Entwicklung zum Dämon abwarten müssen.

Ich hatte meine Freundin Vicky Bonney verlassen und mir eine andere Freundin zugelegt: die Filmschauspielerin Colette Dooley, eine echte Sexbombe.

Sie war früher mit La Cava zusammen gewesen. Ich hatte sie ihm weggenommen, und er hatte mir, genau wie sie, aus der Hand gefressen. Marbu hatte ihr viel angetan, und Mr. Silver erzählte nun, daß sich Colette davon in einem Sanatorium erholen wollte.

»La Cava wird sich wieder um sie kümmern, wenn sie rauskommt«, sagte ich.

»La Cava wird sich ihrer nicht mehr annehmen können«, erwiderte der Ex-Dämon. »Er kann überhaupt nichts mehr tun. Tucker Peckinpah hat dafür gesorgt, daß er hinter Gittern landete, und der Polizei gelang es fast gleichzeitig, die gesamte Organisation zu zerschlagen. Du siehst: Erfolg auf der ganzen Linie.«

Erfolg? Für mich waren das nur Niederlagen! Ich spuckte Gift und Galle.

»Ich gebe mich nicht geschlagen, Silver,« fauchte ich aggressiv. »Mag es im Moment auch danach aussehen, als würde ich nie wieder hochkommen, eines schwöre ich dir: Eines Tages stehen wir uns als Dämonen gegenüber, und dann werde ich dich vernichten!«

Der Ex-Dämon lachte mitleidig. »Von mir aus kannst du getrost mit dem Säbel rasseln. Das stört mich nicht. Ich weiß, daß Marbu aus dir spricht, und ich weiß, daß die schwarze Kraft in dir so schwach ist wie selten zuvor. Wir machen dich wieder zu dem Tony Ballard, der du einmal warst.«

»Das schafft Ihr nie.«

»O doch, das schaffen wir«, widersprach mir der Hüne. »Die Zeit ist auf unserer Seite.«

***

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SHIBBA HÖRTE DIE HÖLLENHUNDE hinter sich und forcierte ihr Tempo. Sie war aufgewachsen im Zentrum des Bösen, in der siebten Hölle. Sie kannte die mannigfaltigen Gefahren im Reich der Verdammnis und war lange Zeit an der Seite von Haggas, einem starken, grausamen Dämon, geritten.

Er hatte mit seiner wilden Horde sämtliche Höllengebiete unsicher gemacht, bis er eines Tages an Loxagon geriet, der ihn in einem erbitterten Zweikampf besiegte. [1]

Loxagon hatte aus Haggas' wilder Horde ein gefürchtetes Höllenheer geformt. Sein Ziel war die Machtübernahme im Reich des Grauens. Kasha, die Schakalin, hatte ihn geboren, damit er eines Tages Asmodis, seinen Vater, entmachtete und sich auf den Höllenthron setzte.

Massodo, ein buckliger Schwarzblüter mit Raubkatzenaugen, hatte Loxagon aufgezogen, beschützt und beraten. Aber dann war Massodo in Ungnade gefallen, und Loxagon hatte ihn öffentlich mit dem Höllenschwert hingerichtet - in der Meinung, einen Verräter zu töten.

Es hatte tatsächlich einen Verrat gegeben, aber nicht Massodo hatte ihn begangen. Er war Loxagon stets treu ergeben gewesen. Shibba hatte das Gerücht in Umlauf gebracht, daß Massodo der Verräter war, und Loxagon hatte in seinem Zorn sogleich gehandelt.

Aber dann war Loxagon hinter ihr falsches Spiel gekommen, und nun mußte sie um ihr Leben rennen, denn Loxagon ließ sie von den Höllenhunden hetzen.

Sie ließ die letzten Bäume des Waldes hinter sich, rannte einen sandigen Hang hinauf, rutschte aus und fiel. Sie drehte den Kopf und blickte wieder zurück. Das schwarze Haar flutete über ihr schönes Gesicht.

Sie fegte es mit einer raschen Handbewegung zur Seite und sprang auf. Ihre Füße steckten in faltigen Wildlederstiefeln, und ein breiter Metallgürtel, an dem ein Schwert hing, umschloß ihre Hüften.

Die Meute hetzte auf sie zu.

Shibba war entschlossen, bis zum letzten Atemzug zu kämpfen. Vielleicht würden Loxagon ihr Mut und ihre Kampfstärke letztlich doch noch so sehr imponieren, daß er ihr das Leben schenkte.

Es lag bei ihm. Tod oder Leben - nur er entschied darüber. Zornig schleuderte Shibba den Höllenhunden ihren Speer entgegen. Er durchbohrte eines der Tiere. Es brach zusammen und die anderen fielen über es her und rissen es in Stücke.

Shibba lief weiter. Schweiß bedeckte ihr Gesicht, das vor Anstrengung verzerrt war.

Der Boden unter ihren Füßen wurde hart. Shibba stolperte einen nackten Felsenbuckel hinauf. Und lief in eine Falle.

Doch das begriff Shibba erst, als es für eine Umkehr bereits zu spät war.

Auf der anderen Seite fiel der Felsen steil, fast senkrecht ab, und darunter hatten sich Loxagons Höllenkrieger versammelt und ihre Speere mit der Spitze nach oben in den Boden gestoßen.

Shibba blieb schwer atmend stehen. Ihre festen Brüste hoben und senkten sich schnell. Die Höllenhunde hatten sie in die Enge getrieben.

Die wilde Dämonin sah nach unten.

»Spring!« schrien die Krieger. »Spring! Die Speere warten auf dich!«

Shibba wirbelte herum und griff zum Schwert.

Die Höllenhunde hatten es nicht mehr eilig. Sie fächerten auseinander und kamen langsam näher. Shibba erkannte, daß das Tier, das die Meute anführte, kein Hund war.

Es war ein Schakal!

Es war Loxagon, der Sohn des Teufels!

***

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»ES HAT SICH EINIGES ereignet, wovon du Kenntnis haben solltest«, sagte Mr. Silver.

»Ich bin nicht interessiert«, erwiderte ich kalt.

»Du wirst mir zuhören, verdammt nochmal«, brauste der Ex-Dämon auf.

»Habe ich eine andere Wahl?« fragte ich grinsend. »Ich liege hier wie aufgebahrt. Wenn du mich anjammerst, muß ich es mir anhören.«

»Ich war in Grönland, um mir Yappoos Plan zu holen«, erzählte mir Mr. Silver. »Er ist ein Dämon, ein Seelensauger...«

»Ist?« fragte ich höhnisch. »Heißt das, du konntest ihn nicht vernichten?«

»Ich habe seine Kristallwölfe vernichtet. Ihn habe ich mit dem Höllenschwert lediglich verletzt. Wenn ich Glück habe, wird er daran zugrunde gehen.« [2]

»Wenn er Glück hat, wird er's überleben und sich eines Tages dafür revanchieren«, sagte ich. »Ich wäre zu gern dabei, wenn dir Yappoo den Garaus macht.«

Der Ex-Dämon ging nicht darauf ein. »Ich habe jetzt einen Plan... Jedenfalls die Hälfte davon.«

»Nur die Hälfte? Damit kannst du doch nichts anfangen. Wer besitzt die zweite Hälfte?«

»Cuca«, knirschte der Ex-Dämon.

»Sie lebt? Das finde ich großartig.«

»Ja«, sagte Mr. Silver unwillig. »Sie lebt, und sie hat die zweite Hälfte des Plans verbrannt.«

»Verbrannt? Eben sagtest du doch...«

»Die zweite Hälfte befindet sich in ihrem Kopf«, erklärte Mr. Silver.

Ich lachte schadenfroh. »In ihrem Kopf, das ist herrlich. Nun wirst du Loxagons Grab niemals finden und niemals den Namen des Höllenschwerts erfahren. Silver, du weißt nicht, wie sehr mich das freut.«

»Du freust dich zu früh«, sagte der Ex-Dämon hart. »Ich werde Loxagons Grab finden.«

»Nicht ohne den Plan, das ist unmöglich«, sagte ich triumphierend.

»Cuca wird mir helfen«, behauptete der Hüne.

»Du willst mich wohl schon wieder zum Lachen bringen. Cuca haßt dich.«

»Sie ist die Mutter meines Sohnes«, sagte der Ex-Dämon.

»Du willst damit sagen, daß sie mal verrückt nach dir war«, spottete ich. »Seither ist verdammt viel Wasser die Themse hinuntergeflossen, mein Bester. Du lebst jetzt mit Roxane zusammen...«

»Nicht mehr«, sagte der Ex-Dämon mit gesenktem Blick.

»Wie war das?« Ich glaubte tatsächlich, nicht richtig gehört zu haben. Roxane und Mr. Silver gehörten zusammen wie... Kohle zum Feuer.

»Roxane hat mich verlassen«, sagte Mr. Silver niedergeschlagen.

»Ich hätte nicht gedacht, daß das heute noch ein Freudentag für mich werden würde! Sprich weiter!« forderte ich den Hünen auf. »Warum hat dich Roxane verlassen?«

»Ich habe Tucker Peckinpah gebeten, mir ein Haus zur Verfügung zu stellen, in dem ich mit Cuca wohnen kann«, sagte Mr. Silver. »Sie hat mich in der Hand. Wenn ich den Namen meines Sohnes und jenen des Höllenschwerts erfahren will, muß ich tun, was sie verlangt.«

»Du lebst mit einer Hexe zusammen. In meinen kühnsten Träumen hätte ich mir das nicht ausgemalt.«

»Cuca hat versprochen, sich neutral zu verhalten«, sagte Mr. Silver.

»Was glaubst du wohl, wie lange sie zu ihrem Wort stehen wird? Mir kann es nur recht sein. Ich glaube, ich werde mich rasch mit der Hexe anfreunden. Cuca wird alles versuchen, um dich für die Hölle zu gewinnen.«

»Da wird sie bei mir auf Granit beißen.«

»Auf Silber«, korrigierte ich den Ex-Dämon. »Und das ist längst nicht so hart wie Stein.«

***

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MAGO, DER SCHWARZMAGIER, war verletzt. Er blutete aus einer häßlichen Halswunde, die ihm Phorkys zugefügt hatte. Metal, der Silberdämon, schleppte ihn mit sich, obwohl sich der Verletzte kaum noch auf den Beinen halten konnte.

Sie hatten sich weit genug von der Höllenschmiede entfernt, und Atax und Phorkys verfolgten sie nicht. Mago klammerte sich an Metal und stöhnte:

»Ich kann nicht mehr. Wir müssen rasten. Ich brauche Zeit, um mich zu erholen.«

»Wir müssen weiter«, keuchte Metal.

»Wir werden nicht verfolgt.«

»Das nicht«, sagte Metal. »Dennoch können wir nicht rasten.«

»Ich muß wieder zu Kräften kommen, ehe wir unseren Weg fortsetzen.«

»Und Arma?« schrie der Silberdämon seinen Verbündeten an. »Sie wurde von den Höllengeiern entführt. Du hast mir versprochen, sie mit mir zu suchen!«

»Als ich das sagte, war ich unverletzt.«

»Du hast es mir versprochen!« schrie Metal zornig. »Du sagtest, vor Anbruch der Dunkelheit würden die Geier Arma nicht töten. Ich weiß nicht, wie du auf die Idee kamst, aber ich habe dir geglaubt. Ich ging mit dir, weil ich Atax töten wollte. Nun müssen wir Arma aus den Klauen der Geier retten!«

Mago war sicher, daß sie die Zauberin nicht finden würden. Er hatte das schon gewußt, als er Metal versprach, ihm bei der Suche zu helfen.

Er war davon überzeugt, daß Metals Freundin nicht mehr lebte. Mit Sicherheit hatten die Höllengeier sie bereits gefressen. Es war sinnlos, sie zu suchen, doch Metal wollte das nicht wahrhaben.

Unerbittlich schleppte er Mago mit sich, dorthin zurück, wo sie von den Höllengeiern überfallen worden waren. Die Kadaver der getöteten Feinde lagen noch im heißen Sand.

Metal suchte verbissen nach einer Spur. Er nahm keine Rücksicht auf Mago, dessen Zustand sich dadurch ständig verschlechterte.

Als es dunkel wurde, begriff Metal endlich, daß er Arma verloren hatte. Er ließ Mago zu Boden sinken und setzte sich neben ihn. Endlich konnte der Schwarzmagier verschnaufen.

Metal hockte stumm da und starrte unverwandt in die Finsternis.

»Ich habe sie verloren«, murmelte er nach langem Schweigen. Er schien es nicht fassen zu können. »Ich habe Arma verloren. Diesmal für immer.«

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DER SCHAKAL VERÄNDERTE sich, richtete sich auf und wurde zu einem muskulösen, kraftstrotzenden Mann. Loxagon stand vor Shibba. Er nahm gern die Gestalt seiner Mutter an, die von Asmodis im Gebiet der Höllensümpfe getötet worden war.

Loxagon lächelte kalt. Die Höllenhunde warteten auf seinen Befehl. Im Augenblick näherten sie sich der Dämonin nicht mehr.

»Das ist das Ende, Shibba!« sagte Loxagon. »Dachtest du, ich würde nie von deinem falschen Spiel erfahren? Du hattest zu viele Mitwisser.«

Shibba stand breitbeinig da, kampfbereit, zu allem entschlossen. Sie hätte sogar Loxagon angegriffen, obwohl sie wußte, daß er viel stärker war als sie. Sie hätte es wenigstens versucht, ihn tödlich zu treffen.

Loxagons Augenbrauen zogen sich grimmig zusammen. »Du hast mit deiner Intrige gegen Massodo dein Leben verwirkt.«

Shibba erwiderte nichts. Nervös streckte sie Loxagon ihr Schwert entgegen.

»Massodo war mir ein treuer Diener«, sagte Loxagon. »Du bist schuld daran, daß ich ihn mit dem Höllenschwert getötet habe. Jetzt sieh, wohin falscher Ehrgeiz führt. Nun blickst du dem Tod ins Auge.«

»Ich habe mehr als Massodo für dich getan!« entgegnete Shibba nun. Leidenschaft funkelte in ihren grünen Augen.

»Ich habe dir das Dämonenherz verschafft. Du würdest kein Höllenschwert besitzen, wenn ich nicht mein Leben für dich riskiert hätte. Zählt das nicht?«

»Das macht Massodo nicht mehr lebendig«, sagte Loxagon frostig.

»Du hast mit dem Höllenschwert zugeschlagen«, sagte Shibba. »Mir hätte es genügt, wenn du Massodo aus deiner Nähe verbannt hättest.«

»Ich lasse keine Ausflüchte gelten«, sagte Loxagon ungerührt. »Du allein hast es zu verantworten, daß Massodo, mein bester Berater und treuester Freund, nicht mehr lebt!«

»Kannst du mich nicht verstehen?« fragte Shibba. »Ich wollte mehr für dich sein als nur ein schönes Beiwerk.«

»Du hättest dich damit begnügen sollen«, erwiderte Loxagon scharf.

»Aber du wolltest mehr, wolltest Massodos Platz einnehmen.«

»Ich wollte dir so nahe sein wie nur irgend möglich«, sagte Shibba.

»Ich liebe dich, liebe dich immer noch!«

Loxagon zog verächtlich die Mundwinkel nach unten. »Es gibt keine Liebe unter Dämonen. Was soll das Gewäsch, Shibba? Denkst du, du kannst damit deinen Hals retten?«

»Laß mir mein Leben, Loxagon, und ich werde dir hörig sein«, bat die schöne Dämonin.

»Das sagst du jetzt, aber schon morgen könntest du eine neue Intrige spinnen, deshalb werde ich rechtzeitig dafür sorgen, daß du keinen Schaden mehr anrichten kannst.«

»Du brauchst mich, Loxagon!«

»Du bist verrückt!« erwiderte der Sohn des Teufels schneidend. »Loxagon braucht niemanden. Wie du weißt, erwarte ich ein Bündnisangebot von Caynomm. Sobald er sich entschlossen hat, ziehe ich gegen Asmodis zu Felde. Ich verjage ihn aus der Hölle und setze mich auf seinen Thron. Oder ich töte ihn. Glaubst du im Ernst, daß ich auf deine Unterstützung angewiesen bin? Dann will ich dich eines besseren belehren.« Loxagon erhob die Stimme und befahl den Höllenhunden: »Tötet sie!«

Und die Tiere stürmten los.

***

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VICKY BONNEY TRAT EIN. Sie trug ein Tablett mit meinem Frühstück. »Wie geht es ihm?« fragte sie den Ex-Dämon. Rein und blond wie ein Engel sah sie aus. Widerlich! Ich konnte sie kaum ansehen. Sie war mir zu sauber.

»Hau ab mit dem Fraß!« fauchte ich sie an.

»Du mußt essen, um zu Kräften zu kommen, Tony«, sagte Vicky eindringlich.

Ich bleckte die Zähne. »Wünschst du es wirklich, daß ich wieder zu Kräften komme?«

»Selbstverständlich.«

»Weißt du, was ich mit dir anstelle, wenn ich wieder stark bin?« zischte ich aggressiv, und ich schrie es ihr mitten ins Gesicht.

Sie war so perplex, daß sie das Tablett beinahe fallen gelassen hätte.

»Und jetzt verschwinde!« brüllte ich.

Vicky warf dem Ex-Dämon einen hilflosen Blick zu. Mr. Silver nickte.

»Geh, Vicky. Er braucht kein Frühstück. Für seine Schwäche ist Boram verantwortlich, und das ist gut so.«

»Ja zisch ab, dumme Pute!« schrie ich. »Wie konnte ich es nur so lange mit dir aushalten? Ich finde dich zum Kotzen. Willst du hören, wie ich mich mit Colette Dooley vergnügt habe? Komm näher. Ich erzähle es dir mit allen pikanten Details!«

Ihr traten die Tränen in die Augen, und Marbu ließ mich grell auflachen.

Vicky verließ den Raum.

»Bleib doch!« brüllte ich vor satanischem Vergnügen. »So bleib doch!«

»Du benimmst dich widerwärtig«, sagte Mr. Silver voller Abscheu.

»Ich benehme mich Marbu-like«, gab ich grinsend zurück.

»Marbu weiß noch nichts von seinem großen Pech«, sagte der Ex-Dämon gallig. »Sehr lange wird sich die schwarze Kraft nicht mehr in dir halten können.«

»Dir ist eine Idee gekommen, wie du mir ›helfen‹ kannst?« fragte ich. Es sollte spöttisch und überheblich klingen, aber es klang nervös.

»Ich habe vom Zusammensein mit Cuca bereits profitiert«, erklärte mir der Hüne.

Ich war beunruhigt, musterte ihn mit schmalen Augen. Verdammt, wenn er einen Dreh gefunden hatte, Marbu zu verjagen... Ich war Marbu! Das Gift ließ sich von mir nicht mehr trennen!

»Du erinnerst dich an das, was ich dir über Yappoo erzählte«, sagte Mr. Silver.

»Ja«, gab ich bissig zurück. »Er ist ein Seelensauger, du hast seine Kristallwölfe vernichtet und ihn mit dem Höllenschwert verletzt.«

»Du hast gut aufgepaßt«, spöttelte jetzt auch Mr. Silver.

»Es blieb mir nichts anderes übrig«, fauchte ich. »Was hast du in der Hinterhand, du verfluchter Silberbastard? Willst du es mir nicht endlich sagen?«

Der Ex-Dämon lachte. »Marbu ist schon ziemlich nervös, wie ich sehe.«

»Du kannst mich mal. Kreuzweise. Wir haben keine Angst!« schrie ich.

»Yappoo ist verletzt«, sagte der Hüne. »Aber er kann wieder gesund werden. Cuca rief es mir in Erinnerung. Ich hatte es vergessen. Es gibt da eine Insel. Sie ist riesig in ihren Ausmaßen und liegt inmitten eines unendlich scheinenden Meers. Es handelt sich bei dieser Insel um einen Zwischenreich-Kontinent, der der Hölle vorgelagert ist.«

»Arbeitest du neuerdings für ein Reisebüro?« fragte ich ätzend. »Warum betest du mir das alles vor? Soll ich einen Trip dorthin buchen?«

»Genau das wirst du tun«, sagte Mr. Silver.

»Wozu?«

»Dieser Zwischenreich-Kontinent heißt Haspiran.«

»Klingt wie Aspirin«, witzelte ich.

»Cuca meint, es wäre möglich, daß sich Yappoo nach Haspiran begeben hat«, fuhr der Ex-Dämon unbeirrt fort. »Es gibt einen Zauberbrunnen dort. Man nennt ihn den Brunnen der Umkehr. Wenn Yappoo ihn erreicht und von seinem Wasser trinkt, wird er wieder so, wie er war, bevor ich ihn verletzte.«

Jetzt war es raus. Ich wußte, was Mr. Silver mit mir vorhatte. »Du willst, daß ich ebenfalls zu diesem Drecksbrunnen pilgere und vom Zauberwasser schlürfe.«

»Ich sehe, dein Geist hat nicht gelitten. Du bist immer noch ein heller Kopf.«

»Sehr richtig, und dieser helle Kopf sagt dir, daß ich nicht nach Haspiran gehen werde!« schrie ich wütend, denn Marbu fühlte sich auf einmal recht unbehaglich in meiner Haut.

Mr. Silver grinste mitleidig. »Denkst du, ich lasse dir eine andere Wahl? Wir machen uns bald schon auf den Weg, und Cuca wird uns begleiten!«

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MAGO LAG AUF DEM BODEN. Seine granitgraue Haut war ziemlich hell geworden. Immer wieder flatterte seine gespaltene schwarze Zunge aus dem Maul. Sein Brustkorb unter dem braunen Lederwams hob und senkte sich nur schwach, und Metal hörte ihn rasselnd atmen.

Der Silberdämon konnte sich einfach nicht damit abfinden, daß Arma nicht mehr leben sollte. Er hatte alles getan, um sie zu finden, doch seinen Bemühungen war kein Erfolg beschieden gewesen, und nun saß er hier neben Mago, in der Nähe der in Verwesung übergehenden Tierkadaver, und Bilder aus der Vergangenheit zogen an seinem geistigen Auge vorbei, aus einer Zeit, als Arma noch gelebt hatte.

Er würde ihren Verlust lange nicht verwinden, das wußte er. Und er hatte Atax, die Seele des Teufels, noch nie so sehr gehaßt wie jetzt, denn der geschlechtlose Dämon hatte den Grundstein zu Armas Tod gelegt.

»Das zahle ich ihm heim!« knurrte der Silberdämon. »Es ist mir gleichgültig, wie schwer er bewaffnet ist. Selbst wenn er in jeder Hand ein Höllenschwert halten würde, würde ich alles daransetzen, um Armas Tod zu rächen.«

Mago setzte sich auf.

Metal musterte ihn mit düsterem Blick. »Wie fühlst du dich?«

»Ich werde mich erholen«, sagte der Schwarzmagier schleppend.

»Aber es wird lange dauern«, bemerkte Metal.

»Man könnte es abkürzen.«

»Wie?« wollte Metal wissen.

Mago sah seinen Verbündeten an. »Bring mich nach Haspiran. Bring mich zum Brunnen der Umkehr. Dann werde ich von dem Wasser des Zauberbrunnens trinken und wieder erstarken.«

»Und dann machen wir Jagd auf Atax«, stieß Metal leidenschaftlich hervor. »Nichts ist mir wichtiger, als ihn zu töten.«

»Ich werde dich dabei nach besten Kräften unterstützen«, versprach Mago.

Und sie brachen noch in derselben Nacht auf.

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MR. SILVER LÖSTE DIE magischen Fesseln von meinen Beinen. Er kräftigte mich mit seiner Silbermagie so weit, daß ich imstande war, ohne Hilfe aufzustehen.

Die Kraft die mich überfloß, stärkte jedoch nicht nur mich, sondern auch Marbu. Anders war das nicht möglich. Der Ex-Dämon mußte das wissen, ging dieses Risiko aber dennoch ein.

Er hatte gesagt, es wäre unmöglich, das Wasser des Zauberbrunnens nach London zu bringen, damit ich es hier trinken konnte. Es war unumgänglich, daß ich mich nach Haspiran begab und das Wasser an Ort und Stelle trank.

Auf dem Weg von Haspiran zur Erde hätte das Wasser seine Zauberkraft verloren.

Wir verließen das Schlafzimmer und begaben uns ins Wohnzimmer. Vicky Bonney war da. Ich warf ihr einen beleidigten Blick zu. Sie schlug die Augen nieder und wandte sich ab.

Jubilee fühlte sich bemüßigt, für Vicky Partei zu ergreifen. Dieser freche Prä-Welt-Floh starrte mich trotzig an und stieß wütend hervor: »Du solltest dich schämen, Tony! Es ist niederträchtig und gemein, wie du Vicky behandelst!«

»Versuch es zu verhindern«, erwiderte ich herausfordernd.

»Ich würde es tun, wenn ich könnte!« führ mich das siebzehnjährige Mädchen leidenschaftlich an.

»Man sollte dir an Stelle der nächsten Mahlzeit eine ordentliche Tracht Prügel verabreichen.«

»Das versuch mal!« schrie Jubilee. »Aber glaube nicht, daß ich stillhalten werde!«

»Schluß jetzt!« fuhr Mr. Silver dazwischen. »Setz dich, Tony!«

Ich gehorchte nicht. Mr. Silver gab mir einen Stoß, und ich landete im Sessel.

Boram tauchte auf. Ich spürte sofort wieder ein Brennen an der Kehle. Der weiße Vampir hatte mich an der Gurgel gepackt und mir eine Menge Kraft geraubt.

»Da ist der verdammte Dampfgeist ja. Ich habe dich vermißt, Boram!« stänkerte ich. »Dir werde ich auch noch mal gehörig einheizen!«

Der Nessel-Vampir beachtete mich nicht.

»Du sprichst wohl nicht mit jedem, wie?« schrie ich.

»Halt's Maul, Tony!« sagte Mr. Silver unwillig.

»Wenn euch nicht gefällt, wie ich mich benehme, werft mich raus!« schlug ich vor.

Der Ex-Dämon grinste. »Das könnte dir so passen, aber das spielen wir nicht. Du bleibst schön brav hier und wartest.«

»Worauf?« wollte ich wissen.

»Auf Cuca.«

Jubilee starrte Mr. Silver empört an. »Diese Schlange kommt hierher?«

»Sie wird Tony und mich nach Haspiran begleiten«, sagte Mr. Silver entschieden.

»Du bist verrückt, wenn du ihr vertraust«, sagte Jubilee aufgeregt. »Die fällt dir doch bei der erstbesten Gelegenheit in den Rücken!«

»Laß das getrost meine Sorge sein, Jubilee«, erwiderte der Ex-Dämon.

In mir reifte eine Hoffnung: Vielleicht gelang es Marbu, sich mit Cuca gegen Mr. Silver zusammenzutun. Sie war immerhin eine Hexe, und Marbu war eine schwarze Kraft. Da mußte sich doch etwas machen lassen. Und dann... würden wir dem verhaßten Ex-Dämon gemeinsam in den Rücken fallen.

Als Cuca eintraf, wurde Boram sichtlich unruhig, schließlich war sie ein schwarzes Wesen, wenngleich sie dem Ex-Dämon ihr Wort gegeben hatte, sich neutral zu verhalten, also weder Gutes noch Böses zu tun.

Lange würde sie zu ihrem Wort nicht stehen, dafür wollte schon Marbu sorgen.

Jubilee konnte sich nicht zurückhalten. Als sie die Hexe mit dem silbergrauen Haar sah, beschimpfte sie sie.

Mr. Silver, der wußte, daß das für Jubilee gefährlich werden konnte, forderte sie auf, still zu sein. »Hör auf damit, Jubilee!« sagte er eindringlich.

»Sie hat Roxane vertrieben, dieses Biest!« machte Jubilee weiter. »Denkst du, das nehme ich so einfach hin? Roxane war meine Freundin. Ich begreife nicht, wie du es dulden kannst, daß dieses Luder ihren Platz an deiner Seite einnimmt.«

»Das geht dich nichts an, Jubilee!« gab der Ex-Dämon energisch zurück. »Das ist meine Angelegenheit, und ich verbiete dir, dich einzumischen!«

»Mach, daß du rauskommst, du Buhlerin des Teufels!« schrie Jubilee die Hexe an. »Verschwinde aus diesem Haus! Wir wollen dich hier nicht haben!«

»Sie ist reichlich vorlaut, die Kleine«, bemerkte Cuca trocken.

»Ich bin für dich keine Kleine!« schrie Jubilee zornsprühend, und dann wollte sie sich auf die Hexe stürzen. Das hätte sie das Leben kosten können, denn Cuca standen magische Kräfte zur Verfügung, und sie hätte sie gegen Jubilee eingesetzt.

Marbu verfolgte die Auseinandersetzung mit wachsender Begeisterung. »Endlich tut sich mal was in dieser langweiligen Bude!« rief ich.

Vicky Bonney wollte Jubilee ergreifen und an sich reißen, doch das impulsive Mädchen schlug Vickys Arme nach unten.

»Ja!« rief ich. »Zeig's ihr, Jubilee!« Ich feuerte sie an, damit sie sich ins Verderben stürzte, doch Mr. Silver sprang dazwischen, bevor Cuca ihre Magie aktivierte.

Er packte Jubilee unsanft. Sie quietschte, verzog das Gesicht, wehrte sich kurz und wurde dann allmählich lammfromm. Mir war klar, daß er sie mit seiner Silbermagie ›beruhigt‹ hatte.

Vicky nahm sich ihrer an und führte sie aus dem Livingroom.

»Schade«, sagte ich. »Die Angelegenheit hat vielversprechend begonnen, aber der Schluß war enttäuschend.«

Mr. Silver wandte sich um und starrte mich durchdringend an. Er hob seinen Zeigefinger. »Irgendwann schlage ich dir vielleicht doch noch die Zähne ein!«

***

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DIE HÖLLENHUNDE GRIFFEN an, und die wilde Dämonin setzte sich beherzt zur Wehr. Sie ließ ihr Schwert blitzschnell durch die Luft wirbeln und auf die Tiere niedersausen.

Obwohl sie etliche Hunde tötete, war es ein aussichtsloser Kampf, denn selbst wenn es ihr gelungen wäre, alle Höllenhunde zu vernichten, hätte Loxagon das Todesurteil aufrechterhalten.

Dann hätte er ihr das Leben genommen. Aber ihr Stolz ließ es nicht zu, kampflos zu sterben. Sie wollte vorher noch so viele Höllenhunde wie möglich töten.

Zwei Tiere schafften es, an Shibba heranzukommen.

Das genügte.

Sie sprangen knurrend hoch und bissen zu. Shibba entfiel das Schwert. Sie verlor das Gleichgewicht und trat einen Schritt zurück, aber sie hatte bereits hart am Rand des steil abfallenden Felsens gestanden. Es war kein Schritt mehr möglich, und so stürzte sie mit den Hunden, die sie nicht losließen, in die Tiefe - und auf die wartenden Speere.

Loxagon trat vor und schaute hinunter auf das tote Mädchen, und seine Krieger jubelten ihm zu. Das war ein erhebender Anblick für ihn. Wenn sich ihm auch noch Caynomm anschloß, war Asmodis schon so gut wie geschlagen.

Loxagon dachte an Massodo, seinen Beschützer und Lehrmeister. Es reute ihn nicht, daß er ihn getötet hatte. Was ihn störte, war der Fluch, den Massodo ausgestoßen hatte, bevor er starb. Er wollte beweisen, daß dieser Fluch nicht genug Kraft hatte, um ihn aufzuhalten.

Die Hölle sollte einen neuen Herrscher bekommen, und der sollte Loxagon heißen!

***

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SIE BRACHTEN MICH GEGEN meinen Willen nach Haspiran. Ich bekam es gar nicht richtig mit. Um mich herum war alles merkwürdig unwirklich geworden.

Ich hatte nichts Genaues mehr wahrgenommen, und mir kam es vor, als hätte mich ein schwerer Schwindel befallen. Und dann, - ganz plötzlich, nahm ich meine Umgebung wieder deutlich wahr - und befand mich auf Haspiran, dem Zwischenreich-Kontinent, von dem ich nie zuvor gehört hatte.

Der Ex-Dämon sprach von Gefahren, die hier überall lauerten. Er sagte, auf Haspiran herrschten ähnliche Verhältnisse wie auf der Prä-Welt Coor. Allerdings wäre der magische Einfluß auf Haspiran wegen der nahen Hölle größer als auf Coor.

»Na schön«, sagte ich. »Es ist also gefährlich auf diesem idyllischen Eiland. Aber du findest es nicht der Mühe wert, mir die magischen Fesseln abzunehmen, damit ich mich verteidigen kann, falls dies nötig sein sollte.«

»Ich werde dir die Fesseln abnehmen, wenn ich es für richtig halte«, erwiderte der Ex-Dämon gleichmütig. Er grinste mich herausfordernd an. »Hast du etwa Angst?«

»Wovor?«

Mr. Silver lachte. »Du brauchst dich nicht zu fürchten. Cuca und ich werden sehr gut auf dich aufpassen. Es wird dir nichts geschehen.«

»Ich würde lieber selbst auf mich aufpassen«, gab ich zurück, doch Mr. Silver stieg darauf nicht ein. Er traute Marbu nicht, und das aus gutem Grund.

Er wollte mir helfen, aber ich betrachtete das nicht als Hilfe. Ich mußte ihm ausrücken, sobald sich dazu eine Gelegenheit bot - ob nun mit oder ohne magische Fesseln.

Ich durfte den Brunnen der Umkehr nicht erreichen.

Cuca schenkte mir nur wenig Beachtung. Sie war eine Schönheit mit geradezu feierlichen Zügen und einem feingeschnittenen, glatten Gesicht.

Sie war sehr alt, wenn man sie mit unserem Zeitmaß gemessen hätte, doch sie sah aus, als wäre sie Mitte Zwanzig. Mir war bekannt, daß sie nicht nur eine Menge Hexentricks beherrschte, sondern auch eine blaugraue Wolke ausatmen konnte, die bei Menschen eine Ohnmacht hervorrief.

Mr. Silver hatte immer schon einen Hang zum Außergewöhnlichen gehabt: zuerst Cuca, dann Roxane. Cuca war mir lieber, denn sie entsprach mehr meiner neuen Mentalität.

Sie hatte Mr. Silver bisher den Namen seines Sohnes verheimlicht, und ich brannte darauf, Silver II, wie wir ihn einstweilen nannten, kennenzulernen, denn der Sohn des Ex-Dämons war bestimmt sehr stark, und er stand nicht auf Mr. Silvers Seite. Mir war jeder willkommen, der den Wunsch hatte, Mr. Silver zu erschlagen.

Wir machten uns auf den Weg zum Brunnen der Umkehr. Wonach sich Mr. Silver orientierte, entzog sich meiner Kenntnis. Ich hatte es nicht sonderlich eilig, ihm zu folgen.

Ich dachte an Yappoo, den Seelensauger, und ich hoffte, daß er den Zauberbrunnen mittlerweile erreicht und sich von der Verletzung erholt hatte, die ihm Mr. Silver zugefügt hatte.

Wenn wir Glück hatten, befand sich Yappoo auf dem Rückweg, und wir begegneten ihm. Dann mußte sich Mr. Silver mit ihm befassen, und ich würde Gelegenheit haben, das Weite zu suchen.

Wie man von Haspiran auf die Erde zurückkam, wußte ich nicht. Es würde sich irgendein Weg finden, und wenn nicht, würde ich eben hierbleiben.

Das war lange nicht so schlimm, als vom Wasser des Zauberbrunnens ›umgedreht‹ zu werden. Marbu brauchte etwas Zeit, dann würde sich die schwarze Kraft erholen und mich wieder stärken, und sie würde die begonnene Entwicklung fortsetzen und mich zum Dämonen machen.

Als Dämon würde ich keine Mühe haben, Mr. Silvers magische Fesseln zu sprengen. Dann war ich wieder frei, und vielleicht würde ich in die Hölle gehen.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738914979
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v383047
Schlagworte
tony ballard rache höllenfürsten

Autor

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Titel: Tony Ballard #103: Die Rache des Höllenfürsten