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Tony Ballard #102: Jagd nach dem Dämonenherz

2017 120 Seiten

Leseprobe

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Jagd nach dem Dämonenherz

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Das Gebiet befand sich in den Weiten der Hölle. Man nannte es den Teufelswald, und Shibba, die wilde, mutige Dämonin, war hierher gekommen, um Loxagon, ihrem Gebieter, einen großen Dienst zu erweisen.

Eine besondere Dämonengattung lebte hier. Feige Kreaturen, die sich ihrer ungeheuren Kraft nicht bewußt waren und sich deshalb keinem männlichen Wesen zeigten.

Weibliche Dämonen fürchteten sie jedoch nicht. Deshalb befand sich Shibba hier. Sie würde einen von ihnen töten und Loxagon sein Herz bringen.

Die schöne, halbnackte Dämonin wußte, daß sie beobachtet wurde, doch sie hatte keine Angst.

Ein Geräusch drang an ihr Ohr und ließ sie herumfahren. Der Dämon, den sie töten wollte, kam...

Shibba war ein bildschönes Mädchen mit grünen Augen und nachtschwarzem Haar, eine sehr mutige, angriffsstarke Höllenamazone, aufgewachsen in der siebenten Hölle, im Zentrum des Bösen.

Es gab dort so viele Gefahren, daß nur die Besten überlebten, und zu denen gehörte Shibba.

Auch die Hölle traf ihre Auslese. Was krank oder schwach war, wurde ausgelöscht, so daß sich nur das Starke fortpflanzen konnte, denn Stärke war ein Trumpf, den die schwarze Macht in allen Dimensionen, auf die sie sich ausdehnen wollte, in die Waagschale warf.

Es gab viele Kämpfe im Reich der Verdammnis, und die Dämonensippen waren untereinander zerstritten. Selbst in den kleinen Gruppen gab es oft keinen Zusammenhalt. Jeder Dämon verfolgte zumeist nur seine eigenen Ziele. Um andere kümmerte er sich nur dann, wenn er sich davon einen Vorteil versprach. Ausnahmen gab es nur sehr wenige.

Im Moment hatte es den Anschein, als würde Shibba für Loxagon ihr Leben aufs Spiel setzen, doch genau genommen tat auch sie es in erster Linie nur für sich selbst.

Denn wenn sie Loxagon diesen großen Gefallen erwies, würde er in Zukunft mehr auf sie hören, und darauf kam es der ehrgeizigen Dämonin an.

Sie wollte den starken, kriegerischen Dämon beeinflussen, wollte mehr zu sagen haben als Massodo, sein Berater und Lehrmeister. Unentbehrlich wollte sie für Loxagon sein und mit ihm die Geschicke der Hölle lenken.

Shibba hatte die siebente Hölle vor langer Zeit verlassen. Viele Kämpfe mußte sie bestehen, und jeder Kampf hatte sie stärker und umsichtiger gemacht, hatte ihre Wildheit geschürt und sie zu dem gemacht, was sie heute war: eine entschlossene, furchtlose Kämpferin, die ihr Schwert und ihren Speer wie kein anderes Höllenmädchen einzusetzen verstand.

Sie war nicht lange allein geblieben. Haggas, ein Baayl-Töter, hörte von ihr und machte sie zu seiner Gefährtin. Von da an ritt sie mit ihm zusammen an der Spitze einer wilden Höllenhorde, die überall Angst und Schrecken verbreitete.

Shibba hatte geglaubt, so würde es ewig bleiben, doch eines Tages stellte sich ihnen Loxagon in den Weg.  Er forderte Haggas zum Duell, war ebenfalls ein Baayl-Töter, und Haggas mußte mit ihm um alles kämpfen, was er besaß: um seine Horde, um Shibba und um sein Leben!

Loxagon vernichtete ihn, und von da an gehörte Shibba ihm. Er führte die Horde von Sieg zu Sieg. Loxagon machte sie zu einem allseits gefürchteten Höllenheer, das alles überrannte, was sich ihr in den Weg stellte.

Loxagon strebte nach der absoluten Macht.

Er führte Kriege gegen Asmodis-treue Stämme, unterwarf sie oder rottete sie aus. Heerführer mit bekannten Namen unterstellten sich seiner Befehlsgewalt, um es sich zu ersparen, von ihm besiegt zu werden.

Sein Weg nach oben schien nicht aufzuhalten zu sein. Er, der Sohn von Kasha, der Schakalin, und Asmodis, geboren im Mittelpunkt der Höllensümpfe und ausgestattet mit unvorstellbaren Kräften, wollte eines Tages Herrscher der Hölle sein.

Sein größter Wunsch war es, Asmodis' Thron zu erobern. Doch noch stützte sich die Macht des Höllenfürsten auf starke Pfeiler. Deshalb wollte Loxagon eine Waffe haben, wie sie vor ihm noch kein Dämon besessen hatte.

Farrac, der Schmied, sollte für ihn ein Höllenschwert anfertigen. Eine Waffe mit einem starken Eigenleben, die denken, reagieren und ihrem Besitzer gehorchen würde.

Das Schwert war bereits auf dem Amboß des Grauens geschmiedet worden, aber es fehlte ihm noch das Leben. Der Höllenschmied mußte ihm ein Herz einsetzen.

Und dieses Herz wollte Shibba aus dem Teufelswald holen.

Ein breiter Metallgürtel umschlang ihre schmale Taille. Sie war ein schlankes, formvollendet gewachsenes Mädchen. Ihre Stärke war ihr nicht anzusehen.

Ohne ihre Waffen hätte sie beinahe zart und zerbrechlich ausgesehen. Ihre langen Beine steckten in faltigen Wildlederstiefeln, und kleine, feste Brüste wölbten sich unter dem braunen Stoff, der ihre Blößen nur spärlich bedeckte.

Sie ließ das Schwert stecken und hob die blinkende Spitze ihres Speers, mit dem sie hervorragend umzugehen verstand. Man sagte ihr nach, sie wäre ein eiskaltes, herzloses, grausames Mädchen - und das stimmte.

Mitleid mit Feinden hatte sie nie. Sie tötete blitzschnell und ohne mit der Wimper zu zucken. Shibba war eine würdige Gefährtin für den Teufelssohn Loxagon.

Hinzu kam ein Mut, wie ihn selbst männliche Dämonen nur selten aufbrachten. Kein anderes Mädchen hätte sich wohl in den Teufelswald gewagt. Shibba hingegen war sogar aus freien Stücken hier. Sie hatte Loxagon das Angebot gemacht, das begehrte Dämonenherz zu besorgen.

Jetzt kniff sie die Augen zusammen, und ihre schönen Züge strafften sich. Das Geräusch von vorhin wiederholte sich nicht. Dennoch war Shibba davon überzeugt, daß der Feind ganz nahe war.

Sie hatte keine Ahnung, wie er aussah. Sie wußte nur, daß sie ihn töten würde, sobald er sich zeigte.

***

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SCHÜSSE WECKTEN MICH. Ich wußte nicht, wie lange ich ohnmächtig gewesen war. Ich war überrascht, daß ich noch lebte. Als mich dieser furchtbare Schmerz überfiel, dachte ich, es wäre aus mit mir. Ich hatte geglaubt, ich würde sterben.

Es ging mir miserabel. Ich fühlte mich elend. Ich hatte dieses schwarze Marbu-Gift in mir, und es rebellierte in meinem Körper. Höllenqualen waren die Folge.

Ich glaubte immer noch, daß Marbu mich umbringen wollte. Ich konnte diese schrecklichen Schmerzen kaum aushalten, lag auf dem Boden und krümmte mich.

Was war geschehen?

Angefangen hatte alles damit, daß die schwarze Kraft meinen Körper ganz übernahm. Ich hatte keinen eigenen Willen mehr, mußte tun, was Marbu mir befahl.

Und Marbu verlangte, daß ich mich von meinen Freunden trennte, daß ich mich vom Guten ab- und dem Bösen zuwandte. Ich hatte den Gangsterboß Guy La Cava entmachtet und mich an die Spitze seiner Organisation gesetzt.

Seither war ich der Boß der Londoner Unterwelt, und ich wollte ein Bravourstück liefern, um La Cava und seine Freunde zu beeindrucken. Ich hatte die Absicht gehabt, den reichen Industriellen Tucker Peckinpah, meinen einstigen Freund und Partner, im Alleingang zu kidnappen.

Anschließend wollte ich seine multinationalen Unternehmungen um 100 Millionen Pfund Sterling erleichtern, aber die Entführung hatte nicht geklappt.

Ich war aufs Maul gefallen, und zwar ganz gewaltig, denn ich hatte nicht gewußt, daß sich Roxane, die Hexe aus dem Jenseits, bei Peckinpah befand.

Ihretwegen ging es mir jetzt so dreckig, denn sie hatte ihre Magie gegen mich eingesetzt. Sie schuf ein Blitznetz. Nicht auszudenken, wenn es sich über mich gebreitet hätte.

Es war schon schlimm genug, daß das Netz mich gestreift hatte. Seither war Marbu in mir in heller Aufruhr. Die schwarze Kraft wütete so schrecklich, daß ich befürchtete, es nicht zu überleben.

Ich fühlte mich innerlich ausgepeitscht. Es gab keine Stelle meines Körpers, die von dieser Höllenfolter verschont blieb. Mir stand der eiskalte Schweiß auf der Stirn - und Marbu hatte nur eine Genugtuung: daß Roxane nie mehr etwas gegen das Böse unternehmen konnte, denn ich hatte auf sie geschossen, und ich hatte sie getroffen.

Ich hatte mit Tucker Peckinpah telefoniert und von ihm erfahren, daß die verfluchte weiße Hexe mit dem Tod rang. Dann hatte ich das Bewußtsein verloren.

Aber jetzt war ich wieder da, und ich hörte Schüsse. Guy La Cava hatte mir dieses Haus besorgt, ein Versteck für mich, das nur wenige kannten und das von bewaffneten Männern bewacht wurde.

Diese Männer schienen im Moment verhindern zu wollen, daß jemand mein Grundstück betrat. War es die Polizei, gegen die sie kämpften? Ich richtete mich stöhnend auf.

Neben mir hing der Telefonhörer. Ich begriff. Tucker Peckinpah verfügte nicht nur über sagenhafte Verbindungen, er war auch ein schlauer Fuchs. Da ich nicht aufgelegt hatte, war es ihm möglich gewesen, herausfinden zu lassen, woher mein Anruf kam.

Die schwarze Kraft, die von Roxanes Magie so stark gereizt worden war, erholte sich etwas und beruhigte sich. Es ging mir gleich ein bißchen besser.

Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn und eilte zum Fenster. Tatsächlich. Meine Männer lieferten der Polizei ein erbittertes Feuergefecht.

Marbus Haß richtete sich vor allem gegen Roxane. Die schwarze Kraft in mir hoffte, daß die weiße Hexe inzwischen an meiner geweihten Silberkugel zugrunde gegangen war.

Sollte Roxane die Verletzung überleben, würde sich Marbu um sie kümmern und ihr den Rest geben.

Ich zog mich vom Fenster zurück und legte den Hörer auf. Dann eilte ich ins Nachbarzimmer. Ein Gewehrschrank aus massiver Eiche befand sich dort.

Ich griff nach der Waffe mit dem größten Kaliber. Es handelte sich um eine Pumping Gun mit großer Durchschlagskraft. Hastig lud ich sie, denn ich wollte mich am Kampf gegen die Bullen beteiligen.

Ich mußte meine Männer unterstützen und mir den Weg freischießen. Ich konnte nicht hier bleiben. Es würde wohl bald schon Verstärkung kommen, und schließlich würde uns die Übermacht erdrücken.

Soweit durfte ich es erst gar nicht kommen lassen, mußte rechtzeitig ausrücken. Nachdem die Pumping Gun geladen war, füllte ich meine Taschen mit Reservemuniton.

Das Telefon läutete. Vielleicht war das La Cava, dann konnte ich ihm gleich sagen, was er tun mußte, um mich hier rauszuholen. Ich eilte an den Apparat und schnappte mir den Hörer.

Am anderen Ende der Leitung war Tucker Peckinpah, und er forderte mich auf, aufzugeben, denn jeder weitere Widerstand wäre zwecklos. Marbu sorgte dafür, daß ich einen Tobsuchtsanfall bekam.

***

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MR. SILVER HATTE SICH nach Grönland begeben, um einen uralten, ungemein wichtigen Plan aufzuspüren, der sich im Besitz des Dämons Yappoo befunden hatte. Er lebte mit Kristallwölfen mitten in Eis und Schnee.

Yappoo war ein Seelensauger, der in Grönland seit langem sein Unwesen trieb. Dem Ex-Dämon war es gelungen, die Kristallwölfe zu vernichten, aber er hatte es nicht geschafft, Yappoo unschädlich zu machen.

Er hatte den Seelensauger mit dem Höllenschwert zwar verletzt, aber Yappoo war ihm entkommen.

Man hätte meinen können, nach seiner Rückkehr würde Mr. Silver ein Problem weniger haben, doch das war weit gefehlt. Er hatte nun ein großes Problem mehr!

Das war nicht etwa Yappoo, der sich von der Verletzung möglicherweise erholen und einen Rachefeldzug starten würde. Mr. Silvers neues Problem hatte einen anderen Namen.

Cuca!

Sie war unverhofft ebenfalls in Grönland aufgetaucht. Die Überraschung war ihr voll gelungen, denn Mr. Silver hatte geglaubt, sie wäre tot.

Doch Cuca war noch sehr lebendig, und sie bewies, daß sie immer noch voller Bosheit und Tücke war. Sie hatte sich einen Trumpf verschafft, den Mr. Silver nicht überstechen konnte.

Im Moment sah es danach aus, als müßte er alles tun, was sie von ihm verlangte. Sie war die Mutter seines Sohnes, und sie behauptete zu wissen, wo Silver II lebte.

Ob das stimmte oder ob sie nur bluffte, konnte der Ex-Dämon nicht nachprüfen. Natürlich kannte sie den Namen ihres Sohnes, aber sie war noch nicht bereit, ihn Mr. Silver zu verraten.

Sie hatten sich vor langer Zeit getrennt, ohne daß Mr. Silver gewußt hatte, daß Cuca ein Kind von ihm erwartete. Eine Zeitlang hatte der Ex-Dämon geglaubt, die wankelmütige Hexe auf die Seite des Guten ziehen zu können, doch sie hatte zuviel Angst vor Atax und Mago, dem Jäger der abtrünnigen Hexen, gehabt, deshalb war sie auf der schwarzen Seite geblieben, und sie hatte ihren Sohn im Sinne der Hölle erzogen.

Doch sie hatte sich mit dem heranwachsenden Silver II nicht verstanden, deshalb verließ er sie, als er sich stark genug fühlte, auf eigenen Beinen zu stehen.

Für Cuca war die Zeit mit Mr. Silver - obwohl sie von kurzer Dauer gewesen war - unvergeßlich gewesen, und sie hatte die Hoffnung nie aufgegeben, daß es wieder so werden könnte wie damals.

Allerdings gab es ein großes Hindernis zu überwinden: Roxane! Mr. Silver liebte sie.

Doch nun glaubte Cuca, eine Möglichkeit gefunden zu haben, den Ex-Dämon zwingen zu können, Roxane zu verlassen. Er besaß das Höllenschwert, das vor schier undenkbar langer Zeit für Loxagon auf dem Amboß des Grauens geschmiedet worden war.

Dieses Schwert war eine starke, aber auch eine gefährliche, eigensinnige Waffe. Sie konnte sich jederzeit gegen Mr. Silver wenden. Um sich das Höllenschwert gefügig machen zu können, mußte man seinen Namen kennen, und dazu war es wichtig, Loxagons Grab zu finden.

Sehr lange schon suchte Mr. Silver nach diesem Grab. Mit Hilfe von Yappoos Plan hätte es ihm gelingen können, aber Cuca hatte dafür gesorgt, daß dem Ex-Dämon nur die Hälfte davon in die Hände fiel.

Die andere Hälfte vernichtete sie. Sie befand sich nur noch in ihrem Kopf, und Cuca würde ihr Wissen nur dann preisgeben, wenn Mr. Silver tat, was sie wollte.

Er mußte sie von Grönland mit nach Hause nehmen, und sie verlangte von ihm, daß er Roxane verließ und von nun an mit ihr zusammenlebte. Und das war sein Problem.

Er wollte sich von Roxane nicht trennen und wußte nicht, wie er seiner Freundin diese verzwickte Situation erklären sollte. Würde Roxane damit einverstanden sein, das Feld wenigstens für eine Weile zu räumen?

Er konnte es sich kaum vorstellen. Sie würde mit loderndem Zorn reagieren und wahrscheinlich über Cuca herfallen. Aber damit würde sie alles verderben.

Mr. Silver würde weder den Namen seines Sohnes noch jenen des Höllenschwerts erfahren. Doch wie sollte er erreichen, daß Roxane vernünftig blieb?

Nach seiner Ankunft in London nahm Mr. Silver Cuca nicht mit in Tony Ballards Haus. Er sagte, er müsse mit Roxane zuerst in aller Ruhe reden, und Cuca war damit einverstanden.

Aber sie räumte ihm nicht viel Zeit ein. Er brachte sie in einem Hotel unter und fuhr allein nach Hause. Roxane war nicht da. Der Ex-Dämon empfand Erleichterung darüber, wenngleich damit nichts gewonnen war, denn die Aussprache blieb ihm nicht erspart.

Vicky Bonney, Jubilee und Boram befanden sich im Haus. Mr. Silver kam nicht dazu, ihnen zu erzählen, was sich in Grönland ereignet hatte, denn Vicky und Jubilee berichteten ihm aufgeregt, daß Tony Ballard in Tucker Peckinpahs Haus eingedrungen war.

Sie redeten so nervös durcheinander, daß der Ex-Dämon nur die Hälfte verstand. Er beschloß, Peckinpah aufzusuchen, und bat Vicky Bonney um die Schlüssel ihres Wagens.

Dann stürmte er davon. Vicky wollte ihm noch etwas nachrufen, was Roxane betraf, doch der Ex-Dämon hatte bereits die Tür hinter sich zugeknallt.

***

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MARBU LIEß MICH HAßERFÜLLT lachen. »Freuen Sie sich nicht zu früh, Partner. Noch haben mich die Bullen nicht, und sie werden mich auch nicht kriegen.«

»Die Polizei hat das Grundstück umstellt, Tony«, sagte der Industrielle eindringlich. »Ich bitte Sie, nehmen Sie Vernunft an. Sie kommen nicht weg.«

»Wetten doch?« schrie ich. »Was ist mit Roxane? Ist sie inzwischen tot?«

»Nein, Tony, aber ihr Zustand ist bedenklich, und er verschlechtert sich von Minute zu Minute.«

»Das ist ja wunderbar!« triumphierte Marbu.

Der Industrielle erwähnte das Krankenhaus, in das man die weiße Hexe gebracht hatte, und mir schoß ein Gedanke durch den Kopf: Hingehen und ihr den Rest geben!

»Sagen Sie diesen Verbrechern, von denen Sie sich bewachen lassen, sie sollen das Feuer einstellen, Tony!« verlangte Tucker Peckinpah.

»Den Teufel werde ich!« brüllte ich. »Ich werde mich an der Schießerei sogar beteiligen. Ich komme durch. Ich lege jeden Bullen um, der sich mir in den Weg stellt.«

»Großer Gott, Tony«, sagte der Industrielle erschüttert. »Wenn ich nicht wüßte, was mit Ihnen los ist, würde ich es nicht für möglich halten, daß ich mit Ihnen rede.«

»Ja, Partner«, höhnte ich. »Es hat sich einiges geändert, und die Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen. Es kommt noch schlimmer. Für Sie! Für meine Freunde! Für diese Stadt!«

»Was haben Sie vor, Tony? Das ist doch alles Wahnsinn!«

»Nein, das ist Marbu! Die schwarze Kraft wird euch zeigen, wozu sie fähig ist. Ich werde gegen das Gute zu Felde ziehen, werde einen Höllenkrieg entfesseln, wie es ihn noch nie gegeben hat. Ich walze alles nieder, was sich mir in den Weg stellt. Ich verhelfe der schwarzen Macht zu einem Siegeszug, wie ihn die Menschheit noch nicht erlebt hat. Sie können stolz auf mich sein, Partner. Wir sehen uns wieder, Peckinpah. Ganz bestimmt. Und sehr bald, das verspreche ich Ihnen, und dann wird Marbu mit Ihnen abrechnen!«

Ich knallte den Hörer auf die Gabel.

Meine Männer waren gezwungen, sich zurückzuziehen. Die Übermacht der Polizei war erdrückend. Die Lage spitzte sich gefährlich zu, doch ich dachte nicht daran, mich zu ergeben.

Ich packte die Pumping Gun mit beiden Händen. Jetzt sollte der Kampf erst richtig losgehen!

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DER ZWISCHENREICH-KONTINENT hieß Haspiran und war umgeben von einem nicht enden wollenden Ozean, der sich in blauen, unendlichen Weiten verlor.

Haspiran war der Hölle vorgelagert, und hier gab es den Brunnen der Umkehr, von dem viele Dämonen wußten. Yappoo hatte den beschwerlichen Weg hierher auf sich genommen, weil er vom Wasser des Zauberbrunnens trinken mußte.

Die Verletzung, die ihm Mr. Silver mit dem Höllenschwert zugefügt hatte, machte ihm zu schaffen. Er wußte, daß er nicht mit leeren Händen zum Zauberbrunnen kommen durfte.

Man mußte sich die Erlaubnis, vom Wasser der Umkehr zu trinken, mit der Seele eines getöteten Dämons erkaufen. Aterbax, der Brunnenwächter, achtete streng darauf, daß dieses seit jeher bestehende Gesetz befolgt wurde.

Er hatte nur ein einziges Mal, vor unbedenklichen Zeiten, eine Ausnahme gemacht, und zwar bei Massodo, um seinen Teil dazu beizutragen, daß Asmodis den Höllenthron verlor, denn er haßte Asmodis.

Yappoo sah furchterregend aus. Er hatte gefährliche Krallenhände, ein mit tiefen, dunklen Runzeln übersätes Gesicht, schneeweißes Haar und kräftige, spitz zulaufende Zähne. Seine blutunterlaufenen Augen leuchteten gelb, und seine Nahrung waren Menschenseelen.

Gleich nachdem er Haspiran erreicht hatte, suchte er sich ein Versteck, denn die Gefahren auf diesem Inselkontinent waren mannigfaltiger Natur.

Neben allen erdenklichen Monstern machten auch die Freibeuter der Hölle diese Welt unsicher - unbequeme Teufel, die Asmodis aus der Hölle verbannt und hierher abgeschoben hatte.

Unter dicken Krüppelwurzeln verborgen, trug Yappoo einen schweren Kampf aus, denn das Höllenschwert hatte ihn nicht nur verletzt, sondern sein Blut auch vergiftet.

Dicke graue Schweißperlen standen auf Yappoos Stirn. Er bemühte sich, das Gift mit seiner Magie zurückzudrängen. Wenn ihm das nicht gelang, würde er noch auf dem Weg zum Brunnen der Umkehr elend zugrunde gehen.

Er verlor ständig Blut und fühlte sich matt - und er hatte noch keine Dämonenseele, ohne die er den Weg zum Zauberbrunnen umsonst zurücklegen würde.

Seine Lage war ernst, und er befürchtete, auf der Strecke zu bleiben, aber sollte es ihm gelingen, den Brunnen der Umkehr zu erreichen und wiederzuerstarken, würde er alles daransetzen, um diesen verhaßten Silberdämon, der auf der Seite des Guten kämpfte, zu vernichten.

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DAS GLAS DER FENSTER klirrte.

Verdammt!

Etwas flog herein, krachte gegen die Wand und fiel auf den Boden. Es zischte und qualmte. Die Polizei setzte Tränengas ein. Schon sauste die nächste Granate in mein Haus. Sie setzten alles ein, um mich zu kriegen.

Mich erfüllte zwar die Marbu-Kraft, aber ich war nach wie vor ein Mensch, und als solcher reagierte ich auf das hellgraue Tränengas, das sich ungemein schnell ausbreitete.

Ich hustete und würgte. Der beißende Rauch schien mir die Augen aus dem Kopf brennen zu wollen. Immer mehr Gasgranaten schossen sie ins Haus.

Sie wollten mich zwingen, rauszukommen, und ich konnte nicht länger im Haus bleiben.

Okay, ich würde kommen, aber mit meiner Pumping Gun, und ich würde einen mörderischen Feuerzauber veranstalten. Sie sollten mich nicht kriegen.

Keinesfalls lebend!

Wenn mir der Durchbruch nicht gelingen sollte, wollte ich lieber tot sein, als mich von ihnen einsperren zu lassen.

Sie wollten mich bestimmt in Einzelhaft nehmen, damit Marbu keinen Schaden mehr anrichten konnte. Und dann würden Mr. Silver, Lance Selby und die Mitglieder des »Weißen Kreises« kommen und alles Erdenkliche mit mir anstellen, um mich zu »retten«.

Wahrscheinlich würden sie auch Boram mit seinem Nessel-Gift ranlassen und Pater Severin mit seinem geweihten Kreuz. Aber durch diese Rechnung wollte ich ihnen einen dicken Strich machen.

Ich würde nicht ihr Versuchskaninchen spielen. Entweder ich kam durch, oder ich ging drauf. Eine andere Alternative gab es nicht. Hustend rannte ich durch den wabernden Tränengasnebel.

Ich wollte aus dem Haus stürmen, doch als ich die Tür erreichte und sie aufreißen wollte, vernahm ich das Flappern eines Hubschraubers.

Zuerst dachte ich, es würde sich um einen Polizei-Helikopter handeln, aber dann nahmen die Männer dort oben die Polizei unter Beschuß! Mein Herz überschlug sich vor Begeisterung.

Das war Hilfe!

Ich glaubte, Guy la Cava erkennen zu können. Der Gangsterboß, den ich entmachtet und dem ich sein Leben geschenkt hatte, holte mich raus!

Er fiel mir nicht in den Rücken, sondern half mir, als er hörte, daß ich in der Klemme saß. Das hätte ich von ihm nicht erwartet. Er hätte die Bullen einfach ihren Job tun lassen können, dann wäre ihm seine Gang wieder in den Schoß gefallen.

Aber unter seinesgleichen schien es so etwas wie einen Ehrenkodex zu geben. Er hatte mir sein Wort gegeben, mir zu gehorchen, und er war so verrückt, zu diesem Wort zu stehen.

Im umgekehrten Fall wäre das nicht so gewesen. Ich hätte für La Cava keinen Finger gerührt.

Ich disponierte sofort um, ließ die Tür geschlossen, machte kehrt und hetzte die Treppe hinauf. Unten schossen sie die Tür auf. Zu spät! schrie es in mir. Ihr kommt zu spät!

Über eine schmale Treppe erreichte ich den Speicher. Laut hörte ich das Knattern des Hubschraubers, der jetzt über dem Haus in der Luft hing.

Ich warf die Pumping Gun beiseite, öffnete ein Dachfenster und kletterte hinaus. Der Rotorwind nahm mir fast den Atem, wollte mich umstoßen. Ich stemmte mich gegen ihn, breitete die Arme aus und balancierte über einen schmalen Grat aus Dachziegeln.

Die Polizisten vor dem Haus entdeckten mich und schossen. Aus dem Hubschrauber wurde zurückgefeuert. Die Bullen mußten in Deckung gehen. Eine Strickleiter flog aus der Kanzel und pendelte mir entgegen.

Der Hubschrauber näherte sich mir mit schrill pfeifenden Turbinen. Wieder schwang die Strickleiter heran, und ich griff mit beiden Händen nach einer Sprosse.

Kaum hielt ich mich fest, stieg der Helikopter bereits hoch. Ich zog mich nach oben, fand mit den Füßen Halt, und blickte grinsend nach unten.

Wir stiegen sehr schnell und entfernten uns dabei von meinem Versteck, das für mich hatte zur Falle werden sollen. Ich lachte die Bullen aus, die jetzt das Nachsehen hatten.

»Pech gehabt!« brüllte ich vor Vergnügen, während das Haus immer kleiner wurde und die Bullen auf die Größe von lächerlichen Spielzeugsoldaten zusammenschrumpften.

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UNTER DER RIESIGEN Dämonenschar war Atax, die Seele des Teufels, nicht einer von vielen. Er ragte weit aus dieser Masse heraus. Aber das genügte ihm nicht.

Er wollte auch nicht einer von wenigen sein, sondern der einzige! Das bedeutete jedoch nicht, daß er - wie einst Loxagon - dem Höllenfürsten seinen Thron streitig machen wollte.

Jedenfalls vorläufig nicht. Atax war vorsichtiger als Loxagon, der sich damals für unbesiegbar gehalten und seinen Hochmut und seine Unverfrorenheit schließlich mit dem Leben bezahlt hatte.

So unvorsichtig war Atax nicht. Er strebte zwar nach Macht und wollte herrschen, aber in friedlicher Koexistenz mit Asmodis. Er war zuversichtlich, sich mit dem Fürsten der Finsternis arrangieren zu können.

Aber es mußte von einer Position der Stärke aus geschehen.

Es gab auf der Erde den Frieden durch Angst - und eine ähnliche Basis wollte Atax schaffen. Er würde Asmodis nicht ins Gehege kommen, und dieser sollte ihn in Ruhe lassen.

Bisher hatte Atax mit der Suche nach starken Verbündeten wenig Glück gehabt. Viele, die versprochen hatten, ihn zu unterstützen, waren bald wieder abgefallen, hatten sich zurückgezogen oder waren andere Bündnisse - die auch nicht lange halten würden - eingegangen.

Es schien unmöglich zu sein, die Dämonen zu vereinen, jedenfalls hatte das bis jetzt noch niemand geschafft. Vielleicht war es gerade das, was Atax reizte.

Er wollte der erste sein.

Der erste schwarze Gott!

Doch um dieses Ziel zu erreichen, mußte er sich auf starke Bündnisse stützen können. Wenn er auf Sand baute, konnte er die Höhe, die er erklimmen wollte, entweder nicht erreichen oder sich nicht lange dort oben halten.

Da er mit Versprechungen nichts erreicht hatte, wollte er sich jene Bündnisse, auf die er angewiesen war, erzwingen. Die Grausamen 5 waren bisher nicht dazu zu bewegen gewesen, ihn zu unterstützen, und wenn es sich Atax recht überlegte, mußte er froh sein, daß sie sich nicht hinter ihn gestellt hatten, denn diese mächtigen Magier-Dämonen, deren Anführer Höllenfaust hieß, waren durchtriebene Halunken, denen man nicht über den Weg trauen durfte.

Sie hätten Atax vielleicht bei seinem Aufstieg geholfen, ihn aber erledigt, bevor er das Ziel erreichte, um dann den Platz einzunehmen, den er angestrebt hatte.

Atax brauchte ein Höllenschwert!

Das erste war für Loxagon geschmiedet worden und gehörte nun dem Ex-Dämon Mr. Silver. Atax hätte versuchen können, es ihm zu rauben, doch Mr. Silver war ein starker Gegner, und mit dem Höllenschwert war er unvergleichlich stärker, deshalb hatte die Seele des Teufels beschlossen, einen anderen Weg einzuschlagen.

Er begab sich in die Hölle und suchte Farrac, den Schmied. Ihm war bekannt, daß Farrac in Unfreiheit lebte, und er hatte die Absicht, ihn zu befreien, damit er ihm eine ebenso starke Waffe schmiedete, wie Mr. Silver sie besaß.

Wenn ihm das gelang, konnte er Höllenfaust zu einem Bündnis »überreden«.

Atax, der geschlechtslose Dämon, war bereits weit in die Tiefe der Verdammnis vorgedrungen. Teufel und Dämonen hatten ihm den Weg gewiesen, und nun war es nicht mehr allzu weit bis zur Schlucht der lebenden Steine.

Dort sollte Farrac, der Schmied des schwarzen Schwerts, leben.

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ICH KLETTERTE DIE HOLZSPROSSEN der Strickleiter hoch. Der Wind zerrte an meiner Kleidung, und die Leiter pendelte stark hin und her. Jemand beugte sich aus der offenen Hubschrauberkanzel.

Es war Guy La Cava. Er streckte mir grinsend die Hände entgegen. »Na, haben wir es denen gezeigt, Tony?« brüllte er zu mir herunter.

»Ihr wart fabelhaft!« schrie ich zurück und ergriff seine Hände. Er zog mich hoch, strengte sich mächtig an, und ich fühlte mich um vieles besser, als ich im Helikopter saß.

»Als ich erfuhr, was die Bullen vorhatten, startete ich sofort«, sagte La Cava.

»Ich werde nicht vergessen, was du für mich getan hast«, gab ich zurück, aber ich sagte nicht die Wahrheit. Marbu hatte es bereits vergessen.

Dankbarkeit gibt es nicht für Dämonen, und ich entwickelte mich in diese Richtung.

La Cava lachte übermütig. »Jetzt gucken sie dämlich aus der Wäsche. Sie dachten, dich sicher zu haben.«

Ich bleckte die Zähne. »Man darf eben nie die Rechnung ohne den Wirt machen. Wohin fliegen wir?«

»Einem sehr guten Freund von mir gehört ein Penthouse in der City. Die Bullen würden nie auf die Idee kommen, dich dort zu suchen«, sagte La Cava, der mit seiner übertriebenen Eleganz wie ein Filmgangster aussah. »Dieser Freund ist mir einige Gefälligkeiten schuldig. Es ist ihm eine Freude, dir sein Penthouse für unbegrenzte Zeit zur Verfügung zu stellen.«

Ich lachte. »Ist es nicht herrlich, gute Freunde zu haben?«

»Auf dem Dach des Hochhauses befindet sich ein Hubschrauberlandeplatz.«

»Einen besseren Service gibt's nicht«, sagte ich.

»Und im Penthouse selbst erwartet dich eine Überraschung«, fügte Guy La Cava hinzu und ließ die Augenbrauen auf und ab wippen.

»Ich bin gespannt wie ein Regenschirm«, sagte ich, während wir im Direktflug unser Ziel ansteuerten.

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SHIBBA RÜHRTE SICH nicht von der Stelle. Nach wie vor wartete sie auf den Dämon, doch er zeigte sich nicht. Es war schwül im Teufelswald, und dicke, schwer atembare Dämpfe legten sich auf Shibbas Lungen.

Im Gewirr dunkelgrüner Jungpflanzen bewegte sich etwas!

Shibba sprang auf einen glatten Baumstamm, lief ihn leichtfüßig entlang, wechselte auf einen anderen Stamm hinüber und versuchte eine gute Position zu erreichen.

Sie war nicht ganz sicher, aber sie glaubte, zwischen Blättern und Farnen ein riesiges Auge glänzen zu sehen. Wenn das Auge schon so groß war, wie groß war dann erst der ganze Dämon?

Shibba balancierte über die Flanke einer moosbewachsenen Astgabel. Sie war entschlossen, die Konfrontation zu erzwingen, ließ es dabei jedoch nicht an der erforderlichen Vorsicht mangeln.

Die wilde Dämonin hielt sich an herabhängenden Schlinggewächsen fest, die die Stärke und Festigkeit von armdicken Seilen hatten. Als sie auf dem glitschigen Moos ausrutschte, stieß sie den Speer blitzschnell ins Holz und verhinderte dadurch einen Sturz.

Ungeduldig näherte sie sich diesem glänzenden Auge. Inzwischen wußte sie, daß es da war. Gleich würde sich der Dämon erheben müssen. Shibba war versucht, ihren Speer nach dem Auge zu schleudern, doch der Treffer wäre ihr zu unsicher gewesen, und sie wußte nicht, wie schnell ihr Gegner reagieren würde.

Wenn er rasch genug auswich, verfehlte sie ihn und war ihren Speer los. Sie durfte sich erst zu einem Wurf entschließen, wenn sie absolut sicher sein konnte, daß sie auch traf.

Jetzt bewegte sich das Auge!

Wieso war der Körper des Dämons nicht zu sehen? Steckte er wie ein Wurm im Waldboden? Shibba würde es in wenigen Sekunden wissen.

Sie würde dem Dämon keine Wahl lassen, würde ihn zwingen, sich dem Kampf zu stellen. Als sie auf etwa drei Schritte an ihn herangekommen war, schnellte er urplötzlich hoch, und er war riesig - viel größer, als Shibba es für möglich gehalten hatte!

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ALS MR. SILVER EINTRAF, bat Tucker Peckinpah ihn gleich in sein Arbeitszimmer. Der Industrielle erzählte dem Ex-Dämon die gleiche haarsträubende Geschichte, die dieser schon von Vicky Bonney und Jubilee gehört hatte - nur deutlicher und ausführlicher.

»Leider gelang Tony die Flucht«, sagte Tucker Peckinpah.

»Aber er ist angeschlagen«, bemerkte Mr. Silver. »Immerhin hat ihn Roxanes Blitznetz gestreift. Das wird Marbu bestimmt nicht gutgetan haben. Wenn wir Glück haben, wird Tony nun eine Zwangspause einschieben müssen, damit Marbu sich erholen kann.«

Sie befanden sich im Salon des großen, alten Hauses.

»Wie haben Tuvvana und Cruv den Schock überstanden?« fragte Mr. Silver.

»Ganz gut«, antwortete der Industrielle.

»Und Roxane ist wirklich in Ordnung?«

Tucker Peckinpah nickte. »Sie können sich nachher selbst davon überzeugen.«

»Für gewöhnlich schießt Tony nicht daneben.«

»Er mußte sehr schnell sein«, sagte Peckinpah. »Als er anrief, bestärkte ich ihn in der Annahme, Roxane getroffen zu haben. Er denkt, sie ist schwer verletzt und ringt mit dem Tod. Marbu hat natürlich seine helle Freude daran.«

»Das kann ich mir denken«, sagte Mr. Silver knirschend. »Warum haben Sie Tony diese Lüge erzählt?«

»Um ihn in die Falle locken zu können. Ich habe ihm den Namen des Krankenhauses genannt, in dem Roxane angeblich liegt. Wenn er dort aufkreuzt, greifen ihn sich die Polizisten, die auf ihn warten. Doch die Falle wird vermutlich überflüssig, weil es mir inzwischen gelang, herauszufinden, wo Tony Ballard sich versteckt hält. Die Polizei hat das Grundstück umstellt. Man ist entschlossen, mit Waffengewalt einzudringen. Tony ist schon so gut wie gefaßt.«

Mr. Silver schüttelte grimmig den Kopf. »Die Sache gefällt mir nicht. Tony könnte dabei sein Leben verlieren.«

»Man wird sein Leben schonen.«

»Er wird die Polizei zwingen, ihn zu erschießen, wenn er keinen Ausweg mehr sieht«, sagte Mr. Silver.

»Ich erwarte jeden Moment den Anruf vom Einsatzleiter«, sagte Tucker Peckinpah. »Dann werden wir wissen, wie die Aktion ausgegangen ist.«

Der Ex-Dämon ballte die klobigen Hände zu Fäusten. »Ich weiß es, und trotzdem muß ich mich immer wieder fragen: Wie konnte es mit Tony nur so weit kommen?«

»Sie denken, Sie müßten sich Vorwürfe machen, nicht alles getan zu haben, um ihn davor zu bewahren, nicht wahr?« bemerkte der Industrielle.

»Seine Wandlung kam zu überraschend«, sagte Mr. Silver. »Ich muß gestehen, daß ich den Ernst der Lage unterschätzt habe. Ich suchte Tony auf, wollte ihn nach Hause holen, appellierte an sein Gewissen - an ein Gewissen, das er nicht mehr hat. Er warf mich hinaus. Ich hätte nicht gehen dürfen. Ich hätte ihn überwältigen müssen. Statt dessen zog ich ab. Ich könnte mich ohrfeigen.«

»Wir kriegen Tony«, sagte der Industrielle zuversichtlich. »Man wird ihn auf Nummer Sicher bringen. Dann können Sie sich seiner annehmen und verhindern, daß das schwarze Gift sich noch mehr in ihm ausbreitet.«

»Keiner hatte bisher damit Erfolg«, sagte der Ex-Dämon bitter.

»Dann bleibt Tony Ballard eben so lange im Gefängnis, bis Sie wissen, wie Sie ihm helfen können.«

»Bis dahin kann er zum Dämon geworden sein. Was dann? Ein solcher Schritt ließe sich nicht mehr rückgängig machen.«

Das Telefon schlug an. »Das muß der Anruf sein, auf den ich warte«, sagte Tucker Peckinpah und eilte zum Apparat.

Erwartungsvoll meldete er sich. Mit strahlender Miene wollte er die Erfolgsmeldung des Einsatzleiters der Polizei entgegennehmen. Aber das Strahlen verflüchtigte sich sehr schnell. Peckinpahs Augen verloren ihren eifrigen Glanz, sein Gesicht wurde kalkweiß.

»Ich danke Ihnen«, sagte er, nachdem der Anrufer geendet hatte, und legte auf.

»Tony ist entkommen«, sagte Mr. Silver.

Peckinpah nickte niedergeschlagen. »Seine verbrecherischen Freunde haben ihn mit einem Hubschrauber herausgeholt und in Sicherheit gebracht. Jetzt wissen wir wieder nicht, wo Tony Ballard untergeschlüpft ist.«

»Dadurch gewinnt die Falle, die Sie im Krankenhaus aufgebaut haben, an Bedeutung«, sagte Mr. Silver. »Marbu wird alles versuchen, um sich für das zu revanchieren, was im Roxane angetan hat.«

***

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ARMA, DIE ZAUBERIN, drehte sich um und sah Metal an. »Was war das eben?«

Der Silberdämon zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, was du meinst.«

Armas unruhiger Blick richtete sich auf Mago, den Schwarzmagier. »Hast du auch nichts gehört?«

»Doch, da war ein leises Knurren«, gab Mago zurück. Er hatte eine schwarze Schlangenzunge, deshalb sprach er lispelnd und zischelnd.

»Wir müssen uns vorsehen«, sagte die Zauberin, während sie sich nervös umsah.

Sie befanden sich in der Hölle, und ihr Ziel war ebenfalls die Schlucht der lebenden Steine, aber sie näherten sich aus einer anderen Richtung. Es war nicht einfach gewesen, herauszufinden, wo Farrac, der Schmied des Höllenschwerts, lebte.

Mehrmals hatten sie den falschen Weg eingeschlagen, doch nun konnten sie sicher sein, daß sie richtig waren. Aber das Gebiet, durch das sie mußten, war unwegsam, so daß Arma, Metal und Mago nur langsam vorwärtskamen.

Es hatte den Anschein, als befänden sie sich unter Wasser. Riesige Schlingpflanzen umgaben sie und »schwammen« in der Luft. Es gab hier den gleichen Widerstand wie unter Wasser, deshalb schien es, Arma und ihre Begleiter würden sich wie in Zeitlupe bewegen.

Die drei hatten geglaubt, dies wäre der kürzeste Weg zur Schlucht der lebenden Steine, und entfernungsmäßig stimmte das auch, aber sie wären rascher vorwärtsgekommen, wenn sie diesem Schein-Meer ausgewichen wären. Eine Umkehr hätte sie aber noch mehr Zeit gekostet. Sie mußten weitergehen.

Wenn sie dieses Schein-Meer hinter sich hatten, würde es nicht mehr weit bis zu jener Schlucht sein, in der Farrac gefangengehalten wurde.

Entweder würden sie Farrac befreien und an einen Ort bringen, wo ihn Atax, die Seele des Teufels, nicht finden konnte, oder sie würden ihn töten.

Auf gar keinen Fall durfte Farrac für Atax ein Höllenschwert schmieden. Im Augenblick schien Atax ihnen gegenüber im Vorteil zu sein. Er war früher aufgebrochen, hatte einen wertvollen Vorsprung.

Wenn sie Pech hatten, hatte Atax den Höllenschmied bereits befreit und war mit ihm unterwegs zu seiner Schmiede.

Sollte das der Fall sein, würden sie die Schmiede überfallen und Farrac daran hindern, mit der Arbeit zu beginnen.

Nichts war im Moment wichtiger, als dafür zu sorgen, daß die Seele des Teufels kein Höllenschwert in die Hand bekam, denn diese Waffe erhöhte seine Chancen, sich mit den Grausamen 5 zu verbünden.

Wieder geisterte dieses Knurren durch die Tiefe des Schein-Meeres. Diesmal hörte es Metal auch, und ein silbriges Flirren legte sich auf seine Haut.

Er war gespannt und erregt.

»Wir müssen dicht beisammen bleiben«, sagte er.

»Rechnest du mit einem Angriff?« fragte Arma und strich sich eine Strähne ihres langen braunen Haares aus dem schönen Gesicht.

»Ich bin ziemlich sicher, daß wir nicht mehr lange unbehelligt bleiben werden«, raunte der Silberdämon.

Er wollte seinen Körper sicherheitshalber zu Silber erstarren lassen, doch das »Wasser« ließ die Umwandlung von Fleisch in Metall nicht zu.

Das magische Meer kam Metals Kraft nicht entgegen, sondern behinderte ihn. Das machte ihn unruhig. Er sprach darüber mit Mago. Auch dem Schwarzmagier gelang es kaum, seine magischen Kräfte zu aktivieren, und als Arma sich gegen mögliche Gefahren wappnen wollte, mußte auch sie feststellen, daß auch dies nicht mehr so einfach ging.

»Dieses Schein-Meer scheint unsere Kraft abzuleiten«, sagte Metal unangenehm berührt.

»Wir hätten es umgehen sollen«, sagte Arma.

»Das wissen wir inzwischen alle«, lispelte Mago gereizt, »aber eine Umkehr kommt nicht mehr in Frage.«

»Natürlich nicht«, sagte Metal grimmig. »Wir müssen hier durch, und wir werden das auch schaffen!«

Etwa zehn Meter vor ihnen bewegte sich plötzlich etwas. Metal sah den Feind als erster und machte die anderen auf ihn aufmerksam.

Es handelte sich um ein sehr flaches Tier. Es hob vom sandigen Boden ab und schwamm auf sie zu - ein Höllenrochen mit Flammenaugen! Sein Schwanz war so schmal und dünn wie ein Stachel.

Das Maul befand sich an der Unterseite, und als er es öffnete, sahen Arma und ihre Begleiter messerscharfe Zähne, und sie vernahmen wieder dieses aggressive Knurren.

Der Höllenrochen griff an!

***

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WIR NÄHERTEN UNS EINER Gruppe von Hochhäusern. Auf dem Dach des höchsten Gebäudes setzte der Hubschrauber wenig später auf. Ich sprang aus der Kanzel.

Der Rotorwind drückte mich nieder. Gebückt lief ich auf graue Aufbauten zu. Marbu hatte sich inzwischen beruhigt. Die schwarze Kraft durchtobte meinen Körper nicht mehr, aber ich spürte noch ein unangenehmes Vibrieren, und mir schien es, als hätten Roxanes Blitze das Gift in mir geschwächt.

Dennoch fühlte ich mich nach wie vor von Marbu beherrscht.

Bei den Aufbauten blieb ich stehen und richtete mich auf. Als ich mich umdrehte, kam Guy La Cava - mein »Freund« - auf mich zu. Er grinste mich an; vermutlich wegen der Überraschung, von der er gesprochen hatte.

Er öffnete eine Tür und forderte mich auf, ihm zu folgen. Über eine kurze Treppe gelangten wir in einen neonhellen Flur.

»Das Penthouse besitzt einen Direktlift«, erklärte mir La Cava. »Du solltest ihn fürs erste aber nicht benutzen, sondern warten, bis sich die Wogen etwas geglättet haben.«

»Ich soll mir hier eine freiwillige Haft auferlegen?«

»Jemand wird dafür sorgen, daß du keine Langeweile hast«, erwiderte La Cava vielsagend. Er trat an eine Tür und läutete viermal kurz. Ein bulliger Kerl öffnete.

Der Mann war vorsichtig. Er machte die Tür zuerst nur einen Spalt breit auf, und seine Hand lag auf dem Kolben seiner Pistole, die in seinem Gürtel steckte.

Als er La Cava und mich erkannte, hellten sich seine Züge auf, und er hieß uns willkommen.

Guy La Cava hatte dafür gesorgt, daß man mich mit »großem Bahnhof« empfing. Alle, die in der Organisation eine gehobene Position einnahmen, waren anwesend, um mich zu begrüßen.

Ich kannte diese Männer inzwischen. Mike Bewell war einer von ihnen gewesen, zuständig für Entführungen. Ich hatte ihn gefeuert, und jeder der hier Anwesenden hätte Bewell für mich umgelegt, wenn ich es verlangt hätte.

Jemand drückte mir ein Champagnerglas in die Hand, und alle prosteten mir zu. Sie strahlten, weil es die Organisation den Bullen wieder mal gezeigt hatte.

Lachend erzählte La Cava, wie einfach es gewesen war, der Polizei eins auszuwischen, und alle schienen froh zu sein, daß ich ihnen erhalten geblieben war.

Das Penthouse war riesig. Man konnte sich darin verlaufen. Die Möbel waren gediegen. Jeder Raum war geschmackvoll eingerichtet. Ein paar davon zeigte mir La Cava.

Eine Stunde lang feierten wir den Sieg über die Bullen, dann meinte La Cava zu seinen Freunden, es wäre Zeit, mich allein zu lassen.

»Natürlich lasse ich ein paar Männer da, die auf dich aufpassen«, sagte er. »Zwei stehen draußen vor der Tür, zwei unten in der Tiefgarage. Es kann nur derjenige den Direktlift benutzen, dem du es erlaubst«, bemerkte La Cava.

»Danke, Guy«, sagte ich und legte ihm die Hand freundschaftlich auf die Schulter.

Aber er war nicht mein Freund. Ich war auf mich allein gestellt. Marbu brauchte keine Freunde, und Marbu traute niemandem über den Weg.

La Cava organisierte den Abmarsch der Männer. Er war einer der letzten, die das Penthouse verließen.

»Fühl dich hier wie zu Hause, Tony«, sagte er. Dann grinste er und blinzelte in Richtung Schlafzimmer. »Dort drinnen wartet noch eine Überraschung auf dich.«

»Tatsächlich?«

La Cava stieß mich mit dem Ellenbogen an. »Du bist der Boß, Tony, und den Boß muß man immer bei Laune halten.«

Er verließ das Penthouse, und ich genoß die Stille. Aber ich war nicht allein. Ich drehte mich langsam um, goß mir noch einmal Champagner ein und leerte das Glas auf einen Zug. Dann begab ich mich zur Schlafzimmertür und stieß sie auf.

Ich sah ein großes rundes Bett, das von Spiegeln umgeben war, und in diesem Bett erwartete mich ein Mädchen.

Sie war wasserstoffblond, streckte mir die nackten Arme entgegen und sagte: »Hallo, Tony.«

Es war Colette Dooley, die Filmschauspielerin. Guy La Cavas ehemalige Freundin. Ich hatte sie ihm weggenommen. Sie tat jetzt so, als würde sie sich freuen, mich zu sehen, in Wirklichkeit aber hatte sie Angst vor mir - und vor Marbu.

***

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DER FEIND WAR EIN INSEKTENDÄMON, dünn, schlank und grün. Deshalb hatte ihn Shibba so lange nicht gesehen. Er hatte eine perfekte Tarnfarbe.

Blitzschnell war er vor Shibba hochgeschnellt. Lange dünne Fühler befanden sich auf seinem kleinen Kopf. Zwei riesige Augen starrten die wilde Dämonin feindselig an. Er hatte einen schmalen Körper, transparente Flügel und Stacheln an den Beinen, die möglicherweise giftig waren.

Um ein Vielfaches größer als Shibba war der Insektendämon, aber dennoch so feige, daß er sich keinem männlichen Gegner gezeigt hätte. Shibba glaubte er nicht fürchten zu müssen.

Weibliche Dämonen sind im allgemeinen nicht besonders kampfstark, deshalb dachte der Insektendämon, das schwarzhaarige Mädchen angreifen zu können.

Er versuchte die Baumgabel zu erklimmen, auf der Shibba stand. Seine harten, dürren Beine kratzten dabei über das Holz, und zirpende Laute drangen aus seinem offenen Maul.

Shibba spürte, daß es sich hierbei um ein magisches Zirpen handelte. Es sollte sie verwirren und schwächen, doch sie hatte einen starken Willen.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738914962
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
tony ballard jagd dämonenherz

Autor

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Titel: Tony Ballard #102: Jagd nach dem Dämonenherz