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Einer stört dauernd

2017 100 Seiten

Leseprobe

Einer stört dauernd

Zwei Fälle für die Hauptkommissarin Lene Schelm

KRIMI von Horst Bieber

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Andrey Guryanov/123RF, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext:

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Langweilig wird Marlene Schelms Beruf nicht. Was ihr dienstlich geboten wird, müssen die meisten Bürger für einiges Geld in der Buchhandlung kaufen.

Der Leser klappt, wenn er müde wird, das Buch einfach zu, Lene muss die Tat und die Schicksale bis auf den Grund verfolgen.

Einer verunglückten Artistin wird ihre Schönheit zum Verhängnis. Eine Bedienung fällt auf einen Stammkunden des Cafe´s herein.

Einer impulsiven Ermittlerin, die dem Recht verpflichtet ist, aber eigentlich Gerechtigkeit herstellen möchte, kann die Arbeit schon zur Belastung werden und sie dazu verführen, auch mal mit unerlaubten Methoden und Tricks zu arbeiten.

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PERSONEN

Anita Sander (43): Geborene Lohmeyer, Ehefrau

Jürgen Sander (44): Anitas Ehemann, Geschäftsführer der Lohmeyer mechanische Werke Tellhheim KG

Claudia Sander (16): Schülerin, Tochter von Anita und Jürgen, die Familie lebt in der Parkallee 25

Bettina Eyrich (41): Geborene Lohmeyer, Anitas jüngere Schwester

Frieder Eyrich (44): Bettinas Ehemann und Technischer Leiter der Lohmeyer KG

Benno Eyrich (17): Schüler, Sohn von Bettina und Frieder, die Familie lebt in der Parkallee 24

Irene Korn (35): Angestellte bei der Lohmeyer KG, früher Schlappseil-Artistin mit dem Künstlernamen Siri Kornas

Boris Walker (38): Irenes Lebensgefährte, nennt sich Kopfjäger statt Headhunter, das Paar Korn / Walker lebt in der Magazinstraße 42

Josef Viereck: Mieter resp. Vermieter einer WG-Wohnung in der Winkelstraße 13

Beate Zillmann: Lektorin im „Leininger Literaturforums-Verlag“

Maria Paulsen: Physiotherapeutin

Sabino Paulsen: Marias polizeibekannter Bruder

Andrea Temmel: Irenes Arbeitskollegin bei der Lohmeyer KG

(Mar)Lene Schelm (40): Erste Kriminalhauptkommissarin in Tellheim

Ellen König (38): Hauptkommissarin und Lenes Vertreterin

Jule Springer (33): Kriminaloberkommissarin, fest liiert mit Staatsanwalt Paul Hase (40)

(Chris)Tine Dellbusch (30): Kriminalkommissarin

Egon Kurz: Leiter der Kriminaltechnik in Tellheim

Xaver Rupp: designierter Rechtsmediziner in Tellheim

––––––––

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ALLE NAMEN UND TATEN, Personen und Ereignisse, Geschäfte und Organisationen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

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Erstes Kapitel

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Die Spusi-Truppe hatte den schmalen Waldweg vom Freibad Koren hoch zum Parkplatz am Gradener Weg mit Flatterband schon abgesperrt. Xaver Rupp kniete neben dem Körper, der Fotograf tanzte um beide herum und schoss unermüdlich Bilder, und mehrere Männer und Frauen von der Spusi suchten den Weg und die Wegränder mit langen Stöcken und einem Metalldetektor ab.

Ausnahmsweise war sogar Staatsanwalt Paul Hase vor Marlene Schelm am Tatort eingetroffen und kam nun auf sie zu: „Guten Morgen, Lene.“

„Hallo, Paul. Morgen, Jule.“

„Was könnt ihr mir schon sagen?“

„Eine junge Frau, um die dreißig, ein Schuss in die Brust.“

„Keine Sexualtat?“

„Nein. Sie war wohl im Freibad da unten gewesen, in der Plastiktüte, die neben ihr liegt, sind ein nasser Badeanzug und ein feuchtes Badetuch.“

„Du meinst, sie kam vom Baden und wollte hoch zum Parkplatz?“

Die Oberkommissarin Jule Springer nickte: „Sieht ganz so aus, Lene.“

„Wissen wir, wer sie ist?“

Statt einer Antwort hielt Jule ihr eine wasserdichte Plastikmappe hin. Sie enthielt zwei scheckkartenähnliche Ausweise: Eine Jahreskarte für das Korener Freibad auf den Namen Irene Korn und einen Werksausweis der Firma Lohmeyer KG auf denselben Namen, mit einem Foto und einem Codechip. Nach dem Foto zu urteilen, war es eine auffällig hübsche Frau gewesen.

„Wenn sie zum Parkplatz unterwegs war, müsste sie doch Autoschlüssel bei sich gehabt haben.“

„Hat sie, in der Plastiktüte. „Ohne Namen und Kennzeichen“, was Lene sehr vernünftig fand, man sollt es den Auto- und Handtaschendieben nicht zu leicht machen. „Ein jüngerer Toyota“, sagte Jule, die sich mit Autos auskannte.

„Wenn sie vom Schwimmen kam und – sagen wir – ins Büro fahren wollte, musste sie sich die Haare kämmen und vielleicht die Lippen schminken.“

„In der Plastiktüte ist auch eine kleine Schminktasche mit Reißverschluss – Haarbürste, Spiegel, Lippenstift und Parfümflakon. Ist alles bereits zu Egon unterwegs.“ Egon war Egon Kurz, Leiter der Tellheimer KTU, ein sorgfältiger, fleißiger und zuverlässiger Spurensicherer und -auswerter, aber leider auch ein sehr cholerisches Temperament. Er mochte Lene und sie mochte Egon, aber es war schon besser, wenn sie beide früh am Morgen, mit zu wenig Kaffee im Bauch, nicht an einem Tatort zusammentrafen. Jule grinste und Xaver Rupp räusperte sich. Lene mochte den künftigen Leiter der Tellheimer Gerichtsmedizin nicht leiden, was Rupp aus ganzem Herzen erwiderte. Aber sie kam nicht daran vorbei, jetzt mit ihm zu reden. Staatsanwalt Hase und sie gingen auf den Arzt zu, der sich aufrichtete und die scheußlichen blauen Plastikhandschuhe auszog.

„Guten Morgen, Dr. Rupp.“

„Guten Morgen, Frau Schelm.“

„Können Sie mir schon etwas sagen?“

„Ein Schuss in die Brust, nicht ausgeschlossen, dass der genau das Herz getroffen hat.“

„Ein Meisterschütze?“

„Möglich, aber auch ein Zufallstreffer ist denkbar.“

„War sie sofort tot?“

„Wenn das Herz getroffen und zerstört wurde, ja.

„Wo stand der Schütze, als er abdrückte?“

„Etwas höher als sein Opfer.“

Also war es gut möglich, dass die junge Frau vom Schwimmen den Waldweg hochkam, der Schütze weiter oben stand und hinter einem Busch oder Baum auf sie wartete, dann von oben auf sie geschossen hat.

„Ja, gut möglich.“

„Wie lange ist sie tot?“

Dr. Rupp konsultierte ein Thermometer, dann seine Armbanduhr, bewegte noch einmal vorsichtig einen Arm der Toten.

„Etwas über drei Stunden.“

„Also gegen sieben Uhr heute morgen gestorben, da war es schon hell“, überlegte Lene laut, „gut möglich, dass sie den Täter gesehen hat. Und der Täter wusste, dass sie ihn erkannt hatte.“

Rupp nickte nur. Dass Lene Schelm gern laut dachte, war allgemein bekannt, ebenso auch, dass man sie dabei besser nicht unterbrach.

„Haben wir das Projektil?“

„Nein, die Kollegen suchen noch ... ja, die Kugel ist durchgeschlagen. Wenn wir Glück haben, finden wir sie noch.“

„Gegen sieben Uhr war der Boden noch feucht. Schaut doch bitte mal, ob ihr Spuren findet, dass der Schütze zu ihr hingegangen ist, und wo er gestanden haben kann.“ Der Spusi-Mann nickte. Sein Chef Egon hätte nie „Bitte“ gesagt.

Lene zog sich die widerlichen Handschuhe an, damit Rupp und sie die Leiche umdrehen konnten. Sie lag noch auf dem Rücken, der Kopf wies nach unten, sie war also nach dem Treffer nach hinten gestürzt. „Ist das nötig?“ brummte Hase, der rasch wegwollte, um sich den meist gräulichen Anblick einer Austrittswunde zu ersparen. Die junge Frau trug Jeans, ein kurzärmeliges helles Shirt und Joggingschuhe. Der Verschluss ihres BHs war nicht zerstört, er hatte nicht genau über der Austrittswunde gesessen. Die junge Frau war um die 1 Meter 70 groß gewesen, schlank, mit einem festen Busen und auffallend gut entwickelter Arm- und wahrscheinlich auch Beinmuskulatur, wie Rupp vermerkte. Aber entkleidet wurde sie erst in der Rechtsmedizin.

„Was meinen Sie, Dr. Rupp? Eine hübsche Frau?“ Wenn der Tonus erschlaffte, veränderten sich auch die Gesichtszüge. Lene hatte in einigen, wenn auch seltenen Fälle erlebt, dass Eltern im Leichenschauhaus ihre Kinder nicht mehr erkannten.

Rupp brummte zustimmend. Ihm wurden, obwohl er erst wenige Monate in Tellheim arbeitete, bereits viele Frauengeschichten nachgesagt.

Lene ging zu ihrer Kollegin Jule Springer. „Bringst du das hier zu Ende? Ich fahre mal in die Firma Lohmeyer.

„Okay.“ Jule warf einen Blick auf ihren etwas blassen Hasen. „Wir vergreifen uns nachher an deinem Cognac, einverstanden?“

„Na klar, Kind, aber frag' ihn vorher, ob er heute noch eine Verhandlung hat.“

„Ja, mach' ich, Mama.“ Lene sorgte für alles, was nicht alle Kollegen schätzten.

Die Firma Lohmeyer KG lag nur wenige hundert Meter hinter dem Korener Freibad, und Lene erinnerte sich auf der Fahrt wieder an einen großen Zeitungsartikel, dass zum Beheizen des Freibades die Abwärme der Firma Lohmeyer benutzt wurde, was die Betriebskosten so weit senkte, dass Koren der Schließung im Zuge der kommunalen Tellheimer Sparorgie entgangen war. Und seit das Bad in der Badesaison schon um 5 Uhr 30 öffnete, war die Zahl der Besucher sprunghaft gestiegen, was die Möchtegern-Langschläferin Marlene Schelm beim besten Willen nicht verstand.

Verwaltung und Produktion waren in zwei durch einen breiten Hof getrennten Komplexen untergebracht. Lene gefiel das aus hellen Ziegelsteinen errichtete Bürogebäude, groß, aber nicht pompös, licht und architektonisch ein wenig altmodisch eingerichtet, mit großen Fenstern, die man noch öffnen konnte. Sie ging in der Eingangs-Halle auf eine Art Rezeption zu, hinter der eine junge Frau stand und sie aufmerksam musterte. An ihrer Jacke trug sie ein Schildchen mit dem Namen Andrea Temmel.

„Guten Tag“, sagte Lene in neutralem Ton. „Kennen Sie eine Irene Korn?“

„Ja, aber da haben Sie Pech. Irene ist heute nicht zum Dienst gekommen.“

„Ist sie das?“ fragte Lene weiter und legte den Hausausweis auf die Platte.

„Ja. Woher haben Sie den Ausweis?“ antwortete Andrea Temmel beunruhigt. Lene reagierte genauso eifrig und höflich wie die junge Dame und legte ihren Dienstausweis vor Andrea Temmel auf das Holz. „Deswegen bin ich hier.“

„Ich verstehe nicht ...“

„Irene Korn wird nicht mehr zur Arbeit kommen.“

„Das verstehe ich auch nicht. Wieso – hat sie gekündigt?“

„Nicht gekündigt. Sie ist ermordet worden, und ich würde gerne jemanden sprechen, der mir detaillierte Auskunft über Irene Korn geben kann.“

Die junge Frau war blass geworden und rang vor Schreck nach Atem, musste sich an der Schreibplatte festhalten.

„Wieso ... wieso ... ermordet?“ stotterte sie. Lene blieb geduldig-freundlich. „Das würde ich gerne mit jemandem aus der Personalabteilung besprechen, der mir Auskünfte geben kann und darf.“

„Ja ... ja ... natürlich, Ich sage Herrn Schütte Bescheid.“

„Vielen Dank“, erwiderte Lene und ließ ihren Dienstausweis und den Werksausweis in ihrer Handtasche verschwinden.

Schütte, ein schon total grauhaariger Endfünfziger, sah sich den Werksausweis und Lenes Dienstausweis gründlich an und seufze endlich tief: „Ja, das ist Irene Korn. Woher haben sie den Ausweis?“

„Er war in den Sachen einer jungen Frau, die auf dem Waldweg vom Korener Freibad hoch zum Parkplatz am Gradener Weg lag. Er steckte in einer Plastiktüte mit nassen Badesachen. Wahrscheinlich kam die junge Frau gerade vom Schwimmen.“

„Ja, sie schwamm gerne und viel.“

„Haben Sie sie näher gekannt?“

„Haben Sie etwas Zeit? Dazu muss ich Ihnen eine längere Geschichte erzählen. Trinken Sie eine Tasse Kaffe mit mir?“

„Gerne.“

„Wir müssen in den ersten Stock.“

Schüttes Vorzimmer hütete eine ebenfalls schon grauhaarige Frau mit Damenbart und einem grimmigen Kinn. Auf sie passte die Bezeichnung Hausdrachen.

„Christa Bange, meine rechte Hand. Hauptkommissarin Marlene Schelm von der Kripo Tellheim.“

„Kripo? Haben Sie schon wieder vor der Ausfahrt der Hauptfeuerwache geparkt?“

„Schlimmer. Irene Korn ist tot.“

„Nein!“ Sie schlug entsetzt eine Hand vor den Mund. „Tot? Irene Korn? Wie denn das?“

„Ich weiß es auch noch nicht. Frau Schelm wird es mir sicher erzählen. Kriegen wir bitte Kaffee?“

„Natürlich, sofort.“

Lene hatte aufmerksam zugehört. Was immer sie Schütte gleich erzählte, es würde über Christa Bange schnell in der ganzen Firma verbreitet werden. Und sie traute Schütte auch zu, dass er gerade deswegen den kleinen Dialog vor Lenes Ohren inszeniert hatte. Und dass er vor den Ausfahrten von Hauptfeuerwachen parkte, traute Lene ihm nicht zu.

Der Kaffee war ausgezeichnet, weit besser als das, was Lenes teurer Automat mit teuren Kapseln produzierte. Er nickte nur, als sie ihr kleines Tonband auf den Schreibtisch stellte und das Mikro zu ihm drehte.

„Das Ehepaar Lohmeyer, dem zuletzt die Firma gehörte, hatte zwei Töchter. Anita, die ältere und Bettina. Die Schwestern haben die Firma Lohmeyer je zur Hälfte geerbt, aber keine hatte Lust, sich wirklich um den Betrieb zu kümmern. Anita hat dann einen Betriebswirt Jürgen Sander geheiratet, der heute Geschäftsführer der Lohmeyer KG ist. Der Zufall oder eine sehr geschickte Regie hat damals auf Anitas Hochzeitsfeier dazu geführt, dass Schwester Bettina einen alten Schulfreund ihres neuen Schwagers Frieder Eyrich, einen gelernten Maschinenbauer, kennen und lieben lernte. Ein Jahr später haben haben Bettina und Frieder geheiratet.“

„Lassen Sie mich raten“, unterbrach Lene etwas spöttisch. „Frieder Eyrich ist jetzt Technischer Leiter oder Direktor der Lohmeyer KG.“

„Genau. Und zu unserem Glück verstehen sich die beiden Schulfreunde immer noch so gut wie die Schwestern, die sie geheiratet haben.“

„Hat das Schicksal dafür gesorgt, dass die familieninterne Vererbung fortgesetzt werden kann?“

„Ja. Zum Glück. Anita und Jürgen Sander haben eine sehr attraktive Tochter Claudia, und Bettina und Frieder haben einen Sohn Benno bekommen. Es ist in der Firma kein Geheimnis, dass Benno und Claudia zur Zeit schwer ineinander verliebt sind, zur vollen Freude ihrer Eltern.“

„Herr Schütte, was hat das alles mit Irene Korn zu tun?“

„Jürgen Sander hatte seine Tochter Claudia zu deren 12. Geburtstag in das Tambourin mitgenommen, eine Kleinkunstbühne hinter dem Hauptbahnhof im Alten Wartesaal. Und bei der Vorstellung ist die Schlappseilkünstlerin Irene Korn schwer verunglückt, weil eine Verankerung des Seiles in der Bühnenwand ausgerissen ist. Sie ist unglücklich gestürzt und hat sich schwer verletzt. Mit ihrer Artistenkarriere war es danach erst einmal vorbei. Claudia war natürlich fürchterlich erschrocken und hat ihrem Vater vor Zeugen das Versprechen abgezwungen – schließlich war es ja ihr Geburtstag, - er werde sich um die junge Frau kümmern. Vor zwei Jahren suchten wir per Zeitungsanzeige eine zweite Kraft für den Empfang, und unter den Bewerbungen war auch die einer Artistin, die nach einem Arbeitsunfall in ihrem alten Metier nicht mehr arbeiten konnte. Mehr im Jux haben ich Sander gegenüber erwähnt, die Lohmeyer KG sei nun auch schon für ehemalige Artisten attraktiv, und er hat mir die Geschichte von dem Unglück auf der Tambourin-Bühne erzählt. Ich solle diese Irene Korn einstellen, wenn sie auch nur halbwegs für diesen Job geeignet sei. Sie war zum Glück – wie sage ich es dezent – hundertprozentig geeignet und deshalb hat sie seit zwei Jahren bei uns gearbeitet. Zur vollen Zufriedenheit aller Mitarbeiter. Die Geschichte ist übrigens rum in der Belegschaft. Wir sind zwar eine KG, aber nach unseren internen Strukturen immer noch ein Familienbetrieb aus der Pfalz; man kennt sich und sorgt im Notfall für einander. Claudia hat sich mit dem Versprechen, dass sie ihrem Vater abgepresst hat, bei der ganzen Belegschaft ungewollt und wahrscheinlich unbewusst einen weißen Fuß gemacht.“

Lene gefiel die Geschichte. Sie ließ sich gerne zu einer weiteren Tasse Kaffee überreden, und in der Tat konnte sie die wichtigste Frage stellen: „Herr Schütte, wen müssen wir vom Tod der Irene Korn benachrichtigen? Den Ehemann?“

„Sie war nicht verheiratet.“

„Kinder?“ Er bediente seinen Computer, auf dem Schirm stand schon länger der Personalbogen Irene Korn.

„Von Kindern ist hier nichts vermerkt. Auch nicht von Geschwistern. Bei gesundheitlichen Problemen, die durch den Unfall entstanden sein könnten, sollten wir ARTH benachrichtigen.“

„Wieso Kunst?“

„Art ist Englisch 'Kunst', aber hier mit einem H nach dem T. Artitanenhilfe, ein Verein, dem viele Artisten angehören, und der sich zum Beispiel nach Arbeitsunfällen um die finanziellen Folgen kümmert und mit den Versicherungen streitet, wenn die nicht löhnen wollen.“

Lene notierte sich Namen und Anschrift von ARTH.

„Hat sie ein festes Verhältnis, einen Freund oder eine Freundin? Lebte sie mit jemandem zusammen? Wie steht es mit Geschwistern?“

Man sah förmlich, wie sich Schütte, von Natur und Beruf diskret, in sein Schneckenhaus zurückzog: „Das hat uns nichts anzugehen. In diesen Punkten bin ich überfragt. Und Geschwister, die im Notfall informiert werden sollen, sind hier nicht vermerkt.“

„Wer könnte mir denn darüber Auskunft geben?“

„Am engsten war sie wohl mit ihrer Arbeitskollegin Andrea Temmel befreundet.“

„Und die könnte ich befragen?“

„Bitte, bitte!“

„Und auch zur Identifizierung in die Gerichtsmedizin mitnehmen?“

„Wenn's denn sein muss!“ seufzte Schütte.

„Noch eine Frage. Produzieren sie etwas, was für andere Firmen interessant sein könnte? ... ja ich denke an Werksspionage oder so. Liefern Sie an die Bundeswehr?“

„Ja, aber fragen Sie bitte nicht, was. Wir mussten uns zur Verschwiegenheit verpflichten.“

„Frau Korn hatte einen Werksausweis dabei. Wäre ein Fremder damit ins Werk gekommen?“

„Ja und Nein. Der Werksausweis wird in ein Lesegerät gesteckt. Danach müssen Sie eine Pinnummer eingeben, die zu diesem Ausweis gehört. Nach dem dritten Fehlversuch wird der Ausweis automatisch eingezogen.“

Lene nickte. So wurden Teile des Präsidiums auch gesichert. „Hat Frau Korn schon einmal einen Ausweis auf diese Art verloren?“

„Nein.“ Schütte räusperte sich energisch. „Sie ist ... sie war eine sehr sorgfältige, hilfsbereite und vor allem zuverlässige Mitarbeiterin.“

Das klang wie die abschließende Begründung in einem Antrag auf Verleihung eines Verdienstordens. Lene bedankte sich und ging mit den ausgedruckten Personalunterlagen der Irene Korn. Christel Bange sauste sofort nach Lene in Schüttes Zimmer.

Andrea Temmel war bereit, eine Gerichtsmedizin, die sie nur aus Fernsehkrimis kannte, einmal in natura zu erleben. Schon auf der Fahrt erzählte sie zwei für Lene wichtige Details. Irene Korn lebte mit ihrem Freund Boris Walker in der Magazinstraße 42.

„Kennen Sie ihn?“

„Ja. Irene und er haben mich mehrmals eingeladen.“

„Netter Kerl?“

„Doch ja. Sehr nett.“ Lene verkniff sich ihre frisch gelernte Weisheit 'Nett ist die kleine Schwester von Scheiße'.

„Wissen Sie zufällig, was er beruflich macht?“

„Er ist ein Kopfjäger“

„Wie bitte?“

„Auf Neuhochdeutsch Headhunter.“

„Also Personalhai.“

„So kann man es auch nennen. Kopfjäger klingt viel schöner, finden Sie nicht auch, Papua Neuguinea ist schließlich überall, auch in der Tellheimer City und bald wachsen bei uns durch den Klimawandel ja auch Bananen oder Ananas. Hat schon Franz-Josef Strauß vorhergesagt.“ Donnerwetter – Franz Josef Strauß war für viele Menschen in Andreas Alter bereits Steinzeit.

Lene grinste, wurde aber schnell wieder ernst. „Haben Sie schon einmal einen toten Menschen gesehen?“

„Nein, warum fragen Sie?“

„Der Tod verändert die Gesichtszüge eines Menschen sehr massiv. Wundern Sie sich also nicht, das ist ganz normal.“

„Das wäre schade. Sie war doch eine so schöne Person. Alle Frauen in der Firma haben sie um ihr Aussehen beneidet und um ihre Figur. Ich übrigens auch.“

„Von ihrer Behinderung hat man nichts gesehen?“

„Nein, kaum noch. Sie hatte Last und Schmerzen, wenn sie sich tief bückte, hinkte etwas, wenn sie Treppen steigen musste, aber sonst war nichts zu sehen. Laufen auf ebenem Fußboden konnte sie wieder ganz normal, völlig unauffällig. Ausdauer und Gleichgewicht funktionierten noch nicht so, wie sie sich das wünschte.“

„Hatte sie Feinde im Betrieb? Wurde sie verfolgt, fürchtete sie sich vor jemandem? Hatte sie Probleme, mit dem Geld, mit früheren Freunden? Hatte sie Verehrer in der Firma?“

„Davon hätte sie an jedem Finger zehn haben können. Aber sie war ihrem Boris treu und wollte nicht zu einem anderen Mann wechseln.“

„Haben viele Verehrer das in den falschen Hals bekommen?“

„Einige schon, bis die hörten, dass es anderen auch so ergangen war.“

„Hat Ihre Kollegin gerne geflirtet?“

„Vielleicht, aber nicht im Betrieb.“

Lene seufzte: Es war ja schön, dass es noch so mustergültige Frauen gab – zu denen sie sich in weiser Selbsterkenntnis nicht zählte – aber für die Ermittlung eines Mord-Motivs wären leichte Fehler hilfreicher gewesen. Rupp warf einen interessierten Blick auf seine Besucherin, rückte seine Krawatte zurecht, und Lene blieb zurück.

Ihre Begleiterin hatten den letzten Seufzer missverstanden: „Die Veränderung war nicht so schlimm.“

„Welche Veränderung?“

„In Irenes Gesicht.“

„Tja, Sie kannten sie noch zu Lebzeiten. Aber was ist mit Menschen, die sie lebend nie gesehen haben? Ob die Irene zum Beispiel auf einem Fahndungsfoto in der Zeitung wiedererkennen würden?“

„Wenn Sie Fotos von der lebenden Irene brauchen, kann ich aushelfen“, bot Andrea Temmel eifrig an. „Wir müssen nur einen kleinen Umweg durch die Benderstraße fahren.“

Andrea bewahrte in ihrer kleinen Wohnung eine ganze Kollektion von Fotos ihrer Kollegin auf. Als Lene etwas verwundert fragte, lachte Andrea offen: „Mein Freund ist Fotograf ...“

„Und etwas verschossen in Irene Korn ...“

„Na klar, wie viele Männer. Aber auch bei ihm war das ein hoffnungsloser Fall, wie er sehr rasch einsah.“

Selbst nach dem kleinen Foto auf dem Werksausweis war Lene von den großformatigen Fotos beeindruckt. Irene Korn – oder Siri Kornas, wie sie sich als Artistin genannt hatte, war keine hübsche Frau gewesen, sondern eine beeindruckende Schönheit, überall auffällig. Andreas Freund hatte die beiden Kolleginnen im Schwimmbad geknipst und Lene, die auf ihre Figur stolz war, beneidete für den Bruchteil einer Sekunde die Tote, die es sich hatte leisten können, einen so knappen Bikini zu tragen. Wenn sie nach dem Unfall Narben behalten haben sollte, dann waren die auf dem Rücken oder auf den Seiten und auf diesen Fotos nicht zu sehen.

„Ich nehme mir diese fünf Aufnahmen mit, einverstanden?“

„Aber ja.“

„Dann bringe ich Sie zur Firma zurück.“

„Danke.“

„Schütte hat mir die Geschichte von Irenes Unfall unter dem Versprechen erzählt, das Sander seiner Tochter Claudia geben musste. Hat sich Sander später sehr um Irene Korn gekümmert?“

„Nein, aber Eyrich. Ich glaube, der wollte einfach nicht begreifen, dass er gegen Boris Walker keine Chance hatte.“

Auf der Rückfahrt bestätigte Andrea Temmel, dass sich die alten Schulfreunde Sander und Eyrich immer noch gut verstanden. Wie auch die Schwestern Lohmeyer.

„Die Ehepaare wohnen sogar Haus an Haus. Wenn Sie einen kleinen Umweg über die Parkallee fahren, kann ich ihnen das zeigen.“

Die beiden Villen waren durch ein niedriges Gebäude miteinander verbunden.

„Das ist ein kleines Hallenbad“, sagte Andrea Temmel, und zum ersten Mal meinte Lene, so was wie Neid in ihrer Stimme zu hören. „Irene war mehrmals bei den Sanders und Eyrichs eingeladen und hat mir den ganzen nächsten Tag von der Schwimmhalle vorgeschwärmt.“

„So was hätte sie auch gerne gehabt?“

„Ja.“

„Sie schwamm viel und gern?“

„Ja, vor allem wegen ihres Rückens.“

„Hatte sie Schmerzen nach dem Unfall?“

„Gelegentlich schon, besonders, wenn sich das Wetter änderte und Regen aufzog.“

„Hatte sie sehr bedauert, dass es mit der Artistenkarriere nach dem Unfall vorbei war?“

„Ja, aber sie konnte auch darüber wieder lachen; wenigstens bliebe ihr jetzt das tägliche Training erspart. Und wenn sie mal ein Kilo zunahm, meckerte niemand mehr.“

„Jede Medaille hat halt zwei Seiten und“, wie Lenes Freundin Cornelia gern hinzusetzte, „notfalls auch noch einen Rand, auf dem sie stehen bleibt.“

Am Abendgebet, der täglichen Ressortbesprechung bei Dienstschluss, nahm auch Staatsanwalt Paul Hase teil, einmal, weil er den Fall Irene Korn auf seiner Liste hatte, und zum anderen, um seine Freundin, die Oberkommissarin Jule Springer, rechtzeitig aus dem Präsidium zu entführen. Lene erzählte, was sie erfahren hatte, Jule musste beichten, dass sie das Projektil nicht gefunden hatten, dafür aber einen Schuhabdruck dort, wo der Täter auf sein Opfer gewartet haben mochte. Was sich aus ihren Dateien und Quellen zusammentragen ließ, hatte Tine Dellbusch, die Jüngste im Referat 11, gesammelt: Viel war es nicht, vor allem nicht der Hauch eines Hinweises auf ein Motiv. Also mussten sie Klinken putzen, die Freunde und Bekannten erst einmal aufspüren und dann ausführlich befragen.

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Zweites Kapitel

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Boris Walker trug einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd und eine schwarze Krawatte. Lene deutet auf den perfekten Windsorknoten: „Sie wissen also Bescheid?“

„Ja, Andrea Temmel hat mich gestern noch angerufen.“

Lene war überrascht: Boris Walker war einen halben Kopf größer als sie, trotz ihrer Schuhe mit hohen Absätzen. Breitschultrig wie ein Kleiderschrank, hatte ein offenes, fröhliches Gesicht und verbreitete ganz und gar nicht den Eindruck eines hartnäckigen Mannes, der unbedingt mit dem Kopf durch die Wand wollte. Er gefiel Lene auf den ersten Blick, was sie nicht von vielen Männern dachte, und im Laufe ihres Gespräches wurde ihr klar, dass sich hinter seiner freundlich-gelassenen Art ein scharfer Verstand und eine noch schärfere Beobachtungsgabe verbargen.

„Kommen Sie doch bitte herein. Das ist Ulrike Sturm, meine rechte Hand und mein Gedächtnis; was Frau Sturm nicht weiß, ist auch mir nicht bekannt. Kriminalhauptkommissarin Marlene Schelm von Mord und Totschlag; sie kommt wegen Irene Korn.“

Die brünette Frau streckte Lene die Hand hin: „Guten Tag. Wer tut bloß so was?“

„Das versuchen wir mit Ihrer Hilfe herauszufinden.“

„Sie trinken einen Kaffee mit mir?“ fragte Walker sofort.

„Gerne.“ Lene trank viel und gerne Kaffee, erst recht, seit sie gelesen hatte, dass Kaffeekonsum lebensverlängernd sein sollte. Und von ihrer Pension wollte sie später noch was haben.

„Sagen Sie, Herr Walker, wen müssen wir von Tod der Irene Korn unterrichten? Eltern, Geschwister, Onkel, Tanten?“ Walker schüttelte bei jeder Möglichkeit den Kopf: „Tut mir leid, Frau Schelm, ich kann Ihnen nicht helfen, Irene war ein Einzelkind und beide Elternteile sind schon vor Irenes Einschulung gestorben. Sie ist bei einer Tante groß geworden und die ist einen Monat nach Irenes Unfall an einem Schlaganfall gestorben. Verwandte hatte sie nicht mehr, und von früheren Freunden und Freundinnen weiß ich nichts. Wollte ich auch nichts wissen“, schloss er grinsend an. „Eifersucht auf Verflossene ist verschwendete Liebesmüh'.“

„Und zur Eifersucht auf Gegenwärtige gab es keinen Grund?“

„Nein.“

„Aber eine so attraktive Frau hatte doch Bewunderer, zum Beispiel im Betrieb.“

„Mehr als ihr lieb war. Warum fragen Sie danach?“

„Ich überlege, ob es einen Bewunderer gab, den die Abfuhr so weit erzürnt hat, dass er zu einer Waffe griff.“

Walker schüttelte ungläubig den Kopf: „Davon hat sie mir nie etwas erzählt.“

„Haben Sie an Heirat gedacht?“

„Nein, ich bin verheiratet, meine Frau lebt in London mit einem Freund zusammen ... nein, nein, Irene wusste das und war mit dem jetzigen Zustand ganz zufrieden.“

„Ihre Frau auch?“

„Ich weiß nicht, ob sie überhaupt was von Irene wusste. Wir haben bestimmt seit drei Jahren nicht mehr miteinander gesprochen und vorher nur am Telefon.“

„Aber Sie können mir den Namen, die Anschrift und die Telefonnummer geben?“

„Kein Problem.“ Lene steckte den Zettel sorgfältig ein.

„Und wie steht es mit Freunden, Freundinnen und Bekannten von Irene?“

„Oh, da kann ich Ihnen nur sehr eingeschränkt helfen, Moment.“

Er holte ein kleines Merkbuch aus einer Schublade. „Also: Nach dem Unfall und dem Krankenhaus war sie in einer Reha namens Welandia gewesen. Nach der Reha ist Irene aus Geldmangel in eine WG gezogen. Josef Viereck, Winkelstraße 13. Dort hat sie eine Freundin gefunden, Beate Zillmann, die leider einen Bruder Sabino Paulsen hat.“

„Wieso leider?“

„Sabino ist wegen Einbruchs mehrfach vorbestraft, notorisch hoch verschuldet und arbeitsscheu. Außerdem ein ziemlich rücksichtsloser Schürzenjäger. Ich weiß nicht, ob man ihn nicht gerade wieder in einer JVA durchfüttert. Mit mehr Namen und Anschriften kann ich Ihnen leider nicht dienen.“

Lene sagte nichts dazu, eine Artistin war notgedrungen viel unterwegs von Engagement zu Engagement. Aber so viele Engagements für Schlappseil-Artistinnen dürfte es im Moment wohl auch nicht geben.

„Hatte Irene denn Hoffnung, jemals wieder als Artistin zu arbeiten?“

„Nein“, sagte Walker rasch, „bestimmt nicht mehr auf dem Schlappseil. Aber vielleicht als Jongleurin. Als Empfangsmodel bei Lohmeyer KG wollte sie bestimmt nicht alt werden. Da fällt mir noch eine gute Bekannte ein, Claudia Sander.“

„Die Geschichte kenne ich schon.“

Walker zuckte die Achseln: „Befreundet waren Claudia und Irene nicht wirklich; dazu war der Altersunterschied zu groß, aber sie trafen sich manchmal zum Eis, zu Kaffee und Kuchen in einer Konditorei oder zum Kino. Vielleicht hat sie Claudia mehr erzählt als mir, was ich aber nicht wirklich glaube.“

„Kennen Sie die junge Dame?“

„Ja, ich durfte beide Frauen einmal zum Eis einladen. Ich dachte, sie würden beide hinterher an Unterkühlung sterben.“

„Und wie war Ihr Eindruck von Claudia?“

„Ein sehr hübsches, intelligentes Mädchen, für sein Alter erstaunlich selbstbewusst.“

„Wann haben Sie Irene zum letzten Mal gesehen oder gesprochen, Herr Walker?“

„Gestern. Wir sind gegen halb sieben aufgestanden, haben gefrühstückt und sie ist nach Koren ins Freibad gefahren.“

„Ging sie jeden Tag vor dem Büro zum Schwimmen?“

„Nicht jeden Tag, aber so oft wie möglich.“

„War sie gestern verändert? Hatte sie Angst, war sie beunruhigt?“

Er überlegte einen Moment: „Nein, alles war wie immer.“ Dann zögerte er: „Während der zweiten Tasse Kaffee hat sie mich aus heiterem Himmel gefragt, ob mir der Spruch oder Satz: 'Das Paradies kennt kein Pardon' schon mal untergekommen sei. Meine Antwort war 'nein'.“

Ein seltsamer Spruch! „Warum hat Irene das wissen wollen?“

„Das hat sie mir nicht mehr erklärt. Es wurde Zeit für sie.“

Lene kaute eine Zeitlang auf ihren Lippen, bevor sie mit dem Thema aufhörte.

Sie fuhr mit ihrer Routineabfragerei fort: „Hatte sie Feinde, war sie bedroht worden. Gab es Streit mit jemandem?“

„Nein, nicht, dass ich wüsste. Meines Wissens streiten sich die Versicherungen noch, wer zum Schluss bezahlen muss, aber damit hatte Irene nichts zu tun.“

„Noch einmal zurück zu diesem merkwürdigen Satz vom Paradies und Pardon. Wo könnte Irene ihn gehört oder aufgeschnappt haben?“

Walker überlegte einen Moment: „Sie war am Abend zuvor bei den Sanders eingeladen gewesen ...“ Er schluckte: „Da fällt mir noch was ein. Nach der allerersten Einladung ins Haus Sanders hatte sie auch einen so komischen Spruch mitgebracht: „Immer höher, weiter, schneller, öfter. Drei ist out, vier ist in.“

„Genau so unverständlich wie Paradies und Pardon.“

Walker nickte verbissen und Lene schrieb sich auch diesen Satz auf, bevor sie gemäß Routine weiter fragte: „Glauben Sie wirklich, dass sie Claudia Sander etwas anvertraut hat, das sie Ihnen verschwiegen hat?“

Er war nicht beleidigt, sondern meinte ernsthaft. „Nein, das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Claudia ist ein reizendes Mädchen, aber doch noch ein halbes Kind, und wenn der Vater Millionen im Rücken hat und Mitgiftjäger zum Teufel schickt, kann man es sich leisten, noch lange ein Kind zu bleiben, obwohl man die Pille schluckt und nur mit einem Freund schläft.“

„Sie kennen die Story von Claudia Sander und der Vorstellung im Tambourin?“

„Aber ja.“

„Hatte Ihre Freundin Hoffnung, noch einmal in ihren Beruf zurückzukehren?“

„Vielleicht als Jongleurin, aber nicht mehr auf dem Schlappseil.“ Er sinnierte einen Moment vor sich hin: „Wissen Sie, Frau Schelm, sie wollte unbedingt arbeiten, um sich eigene Rentenansprüche aufzubauen. Deswegen auch Lohmeyer. Sie hat ja erlebt, wie schnell ein Lebenstraum, eine Karriere-Vorstellung beendet sein kann. Und wie lange Körper und Gelenke das mitgemacht hätte, weiß ja auch keiner.“

„Apropos Körper. Herr Walker, mal ehrlich: Hätte es Sie nicht gestört, in welch winzigem Kostüm sie auf die Bühne ging?“

„Ja und nein. Wenn heute schon für eine Servolenkung mit halbnackten Frauen auf der Motorhaube geworben wird, erwartet das Cabaret-Publikum keine Schönheit im langen Kleid und Schnürkorsett und Gummistiefeln, aber gefallen hat es mir nicht, das will ich gerne zugeben.“

Lene ging, und führte einen der bei ihr üblichen Kämpfe mit dem Navi aus. Sie fuhr vielleicht nicht die kürzeste Strecke von Walkers Büro zur Lauderstraße, wo die Firma ARTH ihr winziges Büro hatte. Von Irenes Ermordung hatte man dort noch nichts gehört, konnte aber Lene, nachdem man sich von dem Schrecken erholt hatte, nur mit einer Auskunft etwas weiter helfen. Gute eine Woche vor Irenes Tod war ein unbekannter Mann hier im Büro gewesen und hatte viel Stunk gemacht, weil er unbedingt Irenes Adresse wissen wollte, die man ihm bei ARTH aber nicht geben wollte. Man hatte einen Kompromiss gefunden. Der Mann hinterließ Namen und Handynummer und ARTH würde Irene benachrichtigen, dass dieser Mann sie unbedingt sprechen wollte. Lene hatte keine Mühe, den Namen – Heiner Bechtel – und die Handynummer zu erfahren. Der Erregbare hatte sich nicht wieder gemeldet.

Auf der nächsten Strecke kämpfte Lene wieder mit ihrem Navi. Sie fuhr sicher nicht die kürzeste Strecke zur Parkallee,

aber dafür benutzte sie Straßen, die sie kannte, ohne neue Baustellen und neue rekordverdächtige Schlaglöcher, über den Mangel an beidem konnten sich Tellheimer Autofahrer nicht beklagen.

Sie klingelte am Haus Parkallee 25 und musste eine ganze Weile warten, bis sich in der Gegensprechanlage jemand meldete: „Ja , bitte?“

„Guten Tag, mein Name ist Marlene Schelm von der Kripo Tellheim. Ich möchte gerne mit Claudia Sander sprechen.“

„Ich bin schon unterwegs.“

Die junge Frau, die Minuten später die Haustür öffnete, knotete noch einen Bademantel zu. Sie war kurz zuvor geschwommen, die Haare hingen noch nass herunter und von ihren nackten Beinen perlten Tropfen in die Badelatschen. Lenes Ausweis studierte sie gründlich und seufzte endlich: „Sie kommen sicher wegen Irene Korn? Mein Vater hat erzählt, was passiert ist.“

„Ich würde von Ihnen gerne hören, ob Irene noch Verwandte hatte und wen wir benachrichtigen müssen. Aber ich habe Zeit, wenn Sie sich vorher was anziehen möchten ...“

„Hätten Sie was dagegen, mit mir in die Schwimmhalle zu kommen? Da ist es etwas wärmer und zieht weniger als hier.“

Lene hatte Verhöre schon an vielen merkwürdigen Orten geführt, warum nicht einmal in einer privaten Schwimmhalle? Claudia Sander war ein nettes, hübsches und freundliches Mädchen und behandelte die Kriminalhauptkommissarin höflich und keine Spur eingeschüchtert oder überheblich. Lene schätzte sie auf 16, 17 Jahre, musste also nicht auf einen Elternteil warten.

Die Schwimmhalle war ein Traum in blauen Kacheln und einem 25-Meter-Becken. Auf dem breiten Umgang standen Liegesessel und weiße Plastiktischchen. Die eine Schmalseite lag zur Straße, vor das getönte, über die ganze Breite reichende Glas war jetzt eine Jalousie herabgelassen. Die Türen auf der gegenüberliegenden Seite führten in Toiletten, Duschen und eine Sauna. An den Längsseiten gab es je eine Tür, die sich in das Haus Nr. 24 und 25 öffneten. Claudias Freund Benno Eyrich hatte es also nicht weit, seine Liebste unbemerkt zu besuchen.

Lene nahm dankbar das Angebot eines O-Saftes an. Claudia sauste los und hinterließ eine Geruchs-Wolke aus Chlor und Shampoo. In puncto Verwandte oder Familie von Irene Korn musste sie sofort passen.“Davon hat Irene nie etwas erzählt oder erwähnt.“

„Wer würde sich denn um sie kümmern, wenn ihr was passieren sollte?“

„Sie war Mitglied in einer Organisation, die sich ARTH nennt.“

„Davon hab' ich schon gehört, Artisten-Hilfe.“

ARTH hat sich nach Irenes Unfall um alles gekümmert, die kennen die Tricks der Versicherungen und die kennen die richtigen Anwälte, um da den nötigen Dampf zu machen.“

„Hatte Irene Feinde, wurde sie bedroht, geängstigt oder eingeschüchtert?

„Davon weiß ich nichts.“

„Haben Sie sich oft gesehen?“

„Nein, vielleicht ein-, zweimal im Monat. Wir waren keine Freundinnen, dazu war der Altersunterschied doch zu groß, wir mochten uns, gingen manchmal ins Kino oder ins Café. Aber wir waren nicht so vertraut, dass sie mir ihr Herz ausgeschüttet hätte.“

„Hatte sich Irene in den letzten Wochen irgendwie verändert? Fürchtete sie sich vor etwas? Vor jemandem? Hatte jemand sie bedroht?“

„Nein, nichts von allem. Aber sie war – das stimmt – unruhiger als sonst!“

„Und warum?“

„Sie wusste nicht, ob sie mit dem Training wieder anfangen oder die Artistik endgültig aufgeben sollte. Die Frage hat sie schon ziemlich umgetrieben, aber dabei konnte ich ihr nicht helfen. Sie hat sich schon Gedanken über ihre Zukunft gemacht. Und das Wissen, dass sie sich bald entscheiden müsse, war nicht gerade beruhigend. So wenig wie das Wissen, dass sie nie zu den Großen ihres Faches gehören werde, selbst wenn sie jetzt täglich bis zur Erschöpfung trainieren würde.“

„Gibt es keine Verwandtschaft, mit der sie hätte reden können?“

„Nein, keine, so viel ich weiß.“

„Und Boris Walker?“

„Der schlägt sich wohl mit dem Gedanken herum, wie's mit seiner Frau weitergehen sollte.“

„War Irene mal hier im Hause?“

Das war sie, mehr als einmal, und als sie den Pool sah, hat sie laut geseufzt. So was hätte sie auch gerne gehabt; sie ging zwar brav morgens und abends ins Freibad Koren, aber die Fahrerei und die vielen Leute im Wasser gefielen ihr nicht arg. Das Angebot, sie könne doch täglich hier vorbeikommen, lehnte sie entschieden ab: „Ich möchte nicht, dass im Werk Neid oder Klatsch entsteht, die kleine Maus vom Empfang verkehrt privat bei den Chefs.“

Lene fuhr anschließend in die Staatsanwaltschaft. Der Hase erwartete einen Bericht und wunderte sich nicht, als Lene gestand, dass sie nicht das geringste Motiv entdeckt hatte. „Dann sehen wir uns bei der Pressekonferenz.“

„Muss das sein?“

„Muss!“

Die Presseverlautbarung war mehr als nüchtern und knapp, und Lene hoffte schon, sie hätten es überstanden, als sich Kuno Bremer meldete. Bremer hatte lange beim Morgenblick gearbeitet, war dort aus unerfindlichen Gründen ausgeschieden oder „ausgeschieden“ worden und schlug sich nun als Freischaffender, vornehmlich mit Klatsch- und Tratschgeschichten durch. Lene hielt ihn für einen Schmierlappen, was er wohl ahnte.

„Frau Schelm, ich war zur Premiere des neuen Programms ins Tambourin eingeladen. Da trat auch Irene Korn auf. Wenn Sie mir deswegen eine Bemerkung erlauben ... eine so sexy Frau musste doch einen Freund haben. Und der sicherlich auch eine eifersüchtige Ehefrau oder Geliebte haben.“

Lene antwortete spontan: „Ehefrau, von Irenes Freund nicht geschieden, lebt in Großbritannien mit einem anderen zusammen, Und bevor Sie weiter spekulieren möchten: In der Zeit, die für eine Manipulation der Seilaufhängung in Frage kommt, war sie nicht in Deutschland.“

„Auch nicht in der Schweiz? Von dort ist es doch nur ein Katzensprung nach Tellheim.“

„Katzensprung stimmt, alles anders ist Blödsinn, Herr Bremer. Aber die Meinungsfreiheit schützt ja nicht vor Dummheit.“

Bremers Kollegen lachten und gingen ohne weitere Fragen. Staatsanwalt Paul Hase war nicht ganz so begeistert. „Was sollte dieser Bremersche Blödsinn?“

Lene brummte: „Ich hatte den Eindruck, dass Bremer uns warnen und auf etwas vorbereiten wollte, er plant etwas, und so, wie wir ihn kennen, nichts Erfreuliches für die Kripo.“

„Und warum sollte er uns dann warnen?“

Lene zuckte die Achseln: „Vielleicht braucht er später Hilfe. Oder möchte Zeuge dafür haben, dass er sich fair benommen hat.“

„Der kann doch das Wort 'fair' gar nicht buchstabieren.“

„Dafür gibt’s Rechtschreibprogramme und Korrektorate.“

Aber Lene war doch beunruhigter, als sie zugeben wollte. Deswegen traf sie sich abends noch einmal mit Andrea Temmel, die bestätigte, was Claudia Sander behauptet hatte: Irene Korn plagte sich mit der Frage herum, ob sie noch einmal die Artistik versuchen sollte.

„Ich habe Claudia Sander kennengelernt.“

„Ja?! Da ist Apollos Pfeil tief eingedrungen. Liebe kann sehr schön sein, wenn man keine Sorgen hat und alle drum herum sie gutheißen und nach Kräften fördern.“

Lene erinnerte sich an einen Lehrgang über Verhörtechnik: „Angeblich ist doch die ganz große und vor allem dauerhafte Liebe zwischen Personen, die sich schon seit der Sandkistenzeit kennen und zusammen aufwachsen, ziemlich selten. Das hat man angeblich in den israelischen Kibbuzim herausgefunden.“

„Mag sein“, antwortete Andrea achselzuckend, das Thema interessierte sie nicht wirklich.

„Hat Irene Ihnen von ihren Besuchen in der Villa Sander erzählt?“

„Von dem Besuch im Haus Sander weniger als von der Schwimmhalle zwischen beiden Häusern. Auf die war sie ganz offen neidisch.“

„So was hätte sie auch gern gehabt?“

„Oh ja.“

„Wem gehört die Halle eigentlich? Den Sanders oder den Eyrichs?“

„Das habe ich auch gefragt. Irene meinte, beiden Familien zu gleichen Teilen. Aber genau wusste sie es auch nicht.“

Details

Seiten
100
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738914900
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v382946
Schlagworte
einer

Autor

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Titel: Einer stört dauernd