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TIMETRAVEL - Reisen mit der Zeitkugel #52: Der Herr der kristallenen Grotte

2017 0 Seiten

Zusammenfassung

Der Auftrag:
In den Bergen des Rosengartens soll ein gewalttätiger kleiner Bergkönig mit Namen Laurin gehaust haben. Man dichtete ihm enorme Fähigkeiten an und eine Tarnkappe, die ihn unsichtbar machen sollte. Über Laurin weiß man kaum etwas aus gesicherter Quelle. Tatsache aber ist, dass im Jahre 488 n. Chr. Theoderich im Rosengarten einen kostbaren Schatz aus Bergkristall erbeutet hat, der aus dem Besitz Laurins stammen könnte. Reisen Sie an den Ort des Geschehens und ergründen Sie, wer Laurin war.
Konsortium der Sieben

Leseprobe

Table of Contents

Der Herr der kristallenen Grotte

Copyright

Prolog

1

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Der Herr der kristallenen Grotte

TIMETRAVEL - Reisen mit der Zeitkugel

Band 52

von Horst Weymar Hübner

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 140 Taschenbuchseiten.

 

Der Auftrag:

In den Bergen des Rosengartens soll ein gewalttätiger kleiner Bergkönig mit Namen Laurin gehaust haben. Man dichtete ihm enorme Fähigkeiten an und eine Tarnkappe, die ihn unsichtbar machen sollte. Über Laurin weiß man kaum etwas aus gesicherter Quelle. Tatsache aber ist, dass im Jahre 488 n. Chr. Theoderich im Rosengarten einen kostbaren Schatz aus Bergkristall erbeutet hat, der aus dem Besitz Laurins stammen könnte. Reisen Sie an den Ort des Geschehens und ergründen Sie, wer Laurin war.

Konsortium der Sieben

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover nach einem Motiv von Johann Heinrich Füssli mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Prolog

Professor Hallstrom glückte das fantastische Experiment, winzige Substanzteile zu ent- und zu rematerialisieren. Er errechnete, dass diese Substanzteile im Zustand der Körperlosigkeit mit ungeheurer Geschwindigkeit in der 4. Dimension zu reisen vermochten – also nicht nur durch den Raum, sondern auch in die Vergangenheit und in die Zukunft. Mit seinem Assistenten Frank Jaeger und dem Ingenieur Ben Crocker begann er, diese Entdeckung für die Praxis auszuwerten. Er wollte ein Fahrzeug bauen, das sich und seinen Inhalt entmaterialisieren, dann in ferne Räume und Zeiten reisen, sich dort materialisieren und nach dem gleichen Verfahren wieder an den Ursprungsort und in die Ursprungszeit zurückversetzen konnte. Nach vier Jahren musste der Professor seine Versuche aus Geldmangel einstellen.

Die superreichen Mitglieder vom „Konsortium der Sieben“ in London boten ihm aber die fehlenden Millionen unter der Bedingung an, dass sie über den Einsatz der Erfindung bestimmen könnten. Der Professor erklärte sich einverstanden, konnte weiterarbeiten und vollendete sein Werk: die Zeitkugel. Seit diesem Zeitpunkt reisen der Professor, sein Assistent und der Ingenieur im Auftrag des „Konsortiums der Sieben“ durch die 4. Dimension.

Dieser Roman erzählt die Geschichte der Ausführung eines derartigen Auftrags.

 

 

1

„Gebt Geld!“, sagte der Mann guttural. Er hatte sein struppiges Pferd aus einem Felsabbruch gelenkt und hielt mitten auf dem Heerweg. Seiner Forderung verlieh er mit einem gespannten Bogen und einem aufgelegten Pfeil größeren Nachdruck. Der Pfeil zeigte auf Professor Robert Hallstrom.

„Er schießt Ihnen sicher ein Loch ins Hemd, wenn Sie ihm nichts geben“, meinte Ben Crocker. „Rücksichtslos genug sieht er aus.“

„Es ist weit gekommen. Jetzt muss ich schon Straßenräuber unterhalten!“, schimpfte der Professor.

„Sie werden aber bestätigen, dass er ein sehr seltsam aussehender Straßenräuber ist“, sagte Frank Jaeger, der dritte Mann des Zeitkugel-Teams.

Hallstrom war nicht in der Stimmung, angesichts des gespannten Bogens und des Pfeiles in eine Diskussion einzutreten. Widerwillig holte er unter seinem grob wollenen Umhang einen kleinen Lederbeutel hervor und kramte eine Silbermünze heraus, die das Bildnis des letzten römischen Kaisers Romulus trug.

Beim Anblick des Lederbeutels trat ein begehrliches Funkeln in die Augen des Wegelagerers. Vorsorglich griffen Ben und Frank unter den Umhang und packten den Griff des Paralyzers.

Hallstrom hielt dem Kerl auf dem zottigen kleinen Pferd die Münze hin. Missmutig ließ der den Bogen sinken, entspannte die Waffe, packte den Pfeil und schob ihn über seine rechte Achsel in einen Köcher, den er auf dem Rücken trug.

Er trieb das Pferd herbei und griff begierig nach der Münze.

„Mehr Geld!“, forderte er.

Hallstrom schüttelte den Kopf. „Das reicht!“, erklärte er mit verschlossener Miene. Seine Augen verengten sich. Die Verzierung am Bogen des Mannes bestand nicht aus Fransen, sondern aus Menschenhaaren. Er erkannte es jetzt.

Der dreiste Räuber hatte das Silberstück auf der Hand. Er betrachtete es und spuckte unvermittelt darauf. Dann trieb er mit Hackenschlägen das Pferd herum und ritt in den Felsabbruch zurück.

Recht verwundert wandte sich Hallstrom zu seinen Begleitern um. Ben und Frank zogen gerade die Hand unter dem Umhang hervor.

„Wenn er jedem Wegbenutzer etwas abverlangt, kommt er auf beachtliche Einnahmen“, sagte der Professor. „Das ist natürlich auch eine Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.“ Frank nagte an der Unterlippe und sagte dann: „Ich möchte mich ja nicht gerne für verrückt erklären lassen, aber ich halte ihn für einen Hunnen.“

Ben und Hallstrom zogen die Augenbrauen hoch.

Frank sah sich genötigt, seinen Verdacht zu begründen. „Sein Pferd war nicht gesattelt. Er benützt kein Zaumzeug, sondern einen Halsstrick. Sein Schnauzbart hat unverschämt lange Enden, und außerdem trägt er einen Zopf. Und dann diese gutturale Sprache.“ Hallstrom wiegte den Kopf. „Ich will nicht gerade behaupten, dass ich es für ausgeschlossen halte“, sagte er. „Aber es leuchtet mir nicht ein.“

Frank hob die Schultern. Es war schwierig, den Professor zu überzeugen.

Als sie an jenem Felsabbruch vorbeikamen, war von dem unverschämten Reiter nichts zu sehen. Hinter den gewaltigen Brocken, die irgendwann von der Felswand heruntergebrochen waren, stieg eine dünne Rauchsäule auf. Es gehörte nicht viel Fantasie zu der Vermutung, dass der Wegelagerer auf weitere Opfer wartete, um ihnen ein Wegegeld abzuverlangen.

Die Heerstraße, auf der die Zeitreisenden aus Süden gekommen waren, war von den Römern erbaut. Sie war noch immer gut erhalten, obgleich seit bald hundert Jahren niemand mehr für ihren Unterhalt auf kam. Vor fast hundert Jahren hatte das römische Reich zu existieren aufgehört. Es war zerfallen in Ost- und Westrom, und die einstige Macht und Herrlichkeit war vergangen wie Schnee in der Sonne. Lediglich die Bauten kündeten noch von der einstigen Größe.

Diese gepflasterte Straße, die nach Norden zum Brennerpass führte, zählte dazu. Kühne Brücken führten über die wilden Wasser der Etsch. In der Nähe von Felsabbruchen hatten die namenlosen Baumeister Mauern gegen Steinschlag und Erdrutsch aufführen lassen.

Professor Hallstrom blieb vor einem Wegaltar stehen, der dem göttlichen Augustus geweiht war. Sinnend betrachtete er das Bildnis und las die Inschrift.

Das war auch alles schon lange her. Jetzt schrieb man das Jahr 488, und noch immer erbebten die Reste des gewaltigen römischen Imperiums unter dem Ansturm vieler Stämme, die die Völkerwanderung auf den Weg gebracht hatte.

Ben und Frank betrachteten ebenfalls das Altarbildnis des Augustus. Wind und Wetter, Frost und Hitze hatten daran genagt. Die Inschrift aber war ausgezeichnet erhalten.

„Via Claudia Augusta“, buchstabierte Ben.

Es war der Name der Heerstraße. Darunter war eine Entfernungsangabe gemacht, derzufolge es noch zwei Meilen bis Bolsanum waren.

Die römische Meile entsprach ungefähr eineinhalb Kilometern.

Ben war nicht ganz zufrieden. „Wir hätten uns mitten in diesen merkwürdigen Rosengarten hineinpflanzen sollen“, sagte er. „Wenn es dort einen Burschen mit Namen Laurin wirklich gibt, dann hätte der sich ohne Zweifel auch bemerkbar gemacht.“

„Es gibt ihn“, erwiderte Hallstrom und hob den Finger. Das machte er immer dann, wenn er dozierte. „In der Überlieferung der Westgoten wird dieser Name genannt. Der Papst Simplicius, dessen Pontifikat vor fünf Jahren zu Ende ging, präzisierte solche Angaben noch. Er berichtet von wundervollen Gläsern, aus Bergkristall geschnitten, die ihm ein Händler aus Bolsanum mitgebracht habe. Und dieser Händler hätte sie von einem auffallend kleinen Mann gegen Gold und Geschmeide eingetauscht.“

„Das sind verzweifelt dünne Anhaltspunkte. Wir hatten schon bessere“, meinte Ben.

Hallstrom lächelte nachsichtig. „Diese Gläser müssen in diesem Papst den Wunsch geweckt haben, weitere zu besitzen. Er sandte Beauftragte aus, die Verbindung zu diesem kleinen Mann aufnehmen sollten. Dabei kam es zu bedauerlichen Vorfällen, wie Simplicius betrübt vermerkt. Einer seiner Männer wurde bei Nacht von einer Brücke gestoßen, einer wurde von unbekannter Hand erschlagen, und der letzte kehrte erst nach einem Jahr zurück und beklagte sich, dass er als Gefangener irgendwo in einem Berg Kristalle habe brechen müssen und nur mit Gottes Hilfe seine Flucht habe bewerkstelligen können. Über die Umstände der Gefangennahme vermerkte der Papst nichts, auch nicht über den Ort der Flucht seines Abgesandten. Er macht nur eine kritische Anmerkung über das Verhalten der Bergbewohner in der Umgebung von Bolsanum. Die Leute seien unwillig gewesen und seinem Gesandten in keiner Weise behilflich, diesen kleinen Mann zu finden. Ohne Zweifel hätten sie von seiner Existenz gewusst, sie seien aber jedes Mal sehr furchtsam gewesen, wenn seine Leute eindringlich gefragt hätten.“ Er schaute seine beiden Gefährten triumphierend an.

„Soweit die Worte des Papstes“, sagte Ben trocken. „Papier ist geduldig, der Mann kann viel schreiben. Hier oben in den Alpen war er selber nie, nehme ich an.“

„Das dürfte der Wahrheit entsprechen“, pflichtete Hallstrom bei. „Aber es gibt weitere Quellen. Ob sie verlässlich sind, werden wir hoffentlich herausfinden. Als nämlich Theoderich der Große nach dreijähriger Belagerung die Stadt Ravenna einnahm, fanden seine Ostgoten im Schatz des Odoaker ein Möbel, das als gläserner Tisch bezeichnet wurde. Weiter waren zahlreiche Schalen, Schüsseln und Kelche aus Bergkristall vorhanden, und einiges davon wurde bis in unsere Zeit herübergerettet und befindet sich in Museen.“

Ben grinste listig. „Und jetzt wollen Sie mir mit der Geschichte Theoderichs kommen, der in der deutschen Sage Dietrich von Bern genannt wird?“

„Nicht unbedingt, wenn auch in dieser Sage die Rede davon ist, dass Dietrich oder Theoderich sich selber mit diesem Laurin anlegte“, sagte Hallstrom. „Viel wichtiger erscheint mir der Fingerzeig, dass auch Odoaker seine Schätze aus Bergkristall von einem zwergenhaft kleinen Mann bekommen haben soll. Über Händler zwar, aber doch aus der nämlichen Quelle, aus der auch die Gläser des Papstes stammen.“

„Dann wissen Sie eine ganze Menge mehr als wir“, bemängelte Frank. Er drehte sich um und schaute den Weg zurück. Niemand folgte ihnen. Auch jener Reiter auf dem struppigen Pferd nicht.

Auf einem Berg im Süden, wahrscheinlich der Göller Spitze, stieg Rauch auf und zerflatterte im Wind.

Wenig später wurden auf anderen Bergen Rauchballen sichtbar.

„Da werden Zeichen gegeben“, sagte Frank.

Hallstrom und Ben wandten sich um.

Frank hatte wohl recht, das waren Zeichen.

„Gilt das vielleicht uns?“, brummte Ben.

Er erhielt keine Antwort.

 

 

2

Nach einer halben Wegstunde kam ihnen ein Wagenzug entgegen. Auf den ersten Blick sah er aus wie eine Händlerkarawane, die Haare und Federn hatte lassen müssen.

Die Karren waren mit gebogenen Ästen überspannt wie Planwagen. Statt der Planen waren jedoch Felle und abenteuerlich zusammengestoppelte Decken übergelegt. Und als Zugtiere dienten nicht Pferde, sondern Ochsen.

Der Wagenzug hielt, die Treiber starrten erst die drei Wanderer an und blickten dann auf die fernen Rauchballen über den Bergen. Unruhe machte sich bemerkbar, scharfe Rufe klangen auf.

Dann klirrten Waffen. Hinter den Wagen kamen Männer hervor, die sich mit Handspeeren bewaffnet hatten. Einer zeigte an den drei Wanderern vorbei in die dunstige blaue Ferne des Südens.

Hallstrom atmete flach aus. „Ich fürchtete schon, die würden ebenfalls eine Sammlung veranstalten. Aber das gilt nicht uns.“ Er schritt aus und näherte sich dem vorderen Gespann.

Ben und Frank blieben in seinem Schatten für den Fall, dass die bewaffneten Treiber eine feindselige Haltung einnehmen würden.

Ergriffen lauschte Hallstrom dem Stimmengewirr. Diese Männer waren keine Römer, auch wenn sie römische Gewänder trugen. Sie waren auch keine Griechen. Wenn ihn sein Wissen nicht trog und wenn ihm sein Gehör nicht einen bösen Streich spielte, dann hörte er gotische Laute.

Sein Sprachtransformer, dieses winzige Meisterwerk der Umsetzungstechnik, machte ihm auch die Unruhe verständlich.

„Sonst geben sie Feuerzeichen“, sagte ein gedrungener Treiber, der offensichtlich diesen Wagenzug anführte. „Das gilt vielleicht uns.“ Er schaute auf seine Karren zurück und bestimmte: „Wir kehren um. Bolsanum bietet uns Schutz.“

Sein forschender und unfreundlicher Blick fiel auf Hallstrom. Doch der ließ sich dadurch nicht entmutigen. Im Gegenteil. Schwierigkeiten waren für ihn da, überwunden zu werden.

„Wir bemerkten vorhin ebenfalls diesen Rauch“, sagte er. „Was bedeutet er?“

Der Mann maß ihn noch einmal und hob dann die Schultern. Er gab die Anweisung, die Gespanne zu wenden und zurückzufahren.

Das war schneller gesagt als ausgeführt. Die Via Claudia Augusta war zwar vortrefflich befestigt, aber sie war nicht sehr breit. Einen Wagen zu wenden, erforderte allerlei Geschick. Vor allem musste erst mal das Gespann ausgeschirrt werden.

Als gleich der erste Wagen von der Straße zu rollen und in die Etsch zu stürzen drohte, griff Ben beherzt zu und packte mit seinen mächtigen Händen ein Hinterrad.

Zwei Treiber lachten wohlgefällig und bestaunten seine Kraftentfaltung. Andere kamen herzu, so dass Ben schließlich allein den Wagen vor dem Absturz bewahrte. Sein Kopf war hochrot, die Sehnenstränge am Hals traten weit hervor.

Frank eilte hinzu und legte einen Stein unter das Rad.

Einer der Treiber klopfte Ben erfreut auf die Schulter, als der sich keuchend aufrichtete und den Männern einen mörderischen Blick zusandte.

„Macht euern Dreck doch allein!“, sagte er zornig und wischte sich die Hände ab. Dabei warf er einen Blick auf den Wagen. Unter Tüchern und Fellen verborgen lagen Waren. Man hatte auch Stroh aufgepackt und trockenes Gras. Vielleicht als Unterlage fürs Nachtlager. Oder als Futter für die Ochsen.

Welcher Art die Waren unter den Decken waren, konnte Ben nicht einmal erraten.

Noch immer stiegen Rauchzeichen von den Bergen im Süden auf.

„Ich werde das beunruhigende Gefühl nicht los, dass sich da etwas zusammenbraut, von dem wir keine Ahnung haben“, sagte Frank leise zu Hallstrom.

„Jedenfalls haben diese Leute hier ebenfalls keine Ahnung“, brummte der Professor. Er setzte sich in Bewegung und zwängte sich an den Wagen vorbei, die den Weg verstopften. Jetzt wurden alle Gespanne ausgeschirrt. Die Tiere waren paarweise unter einem schweren hölzernen Joch zusammengebunden und wurden von den derben Fäusten der Treiber mühsam herumgedrückt.

Einige Tiere hatten andere Vorstellungen. Bisher hatte der Weg abwärts geführt, die Karren waren fast mühelos gerollt. Das sagte ihnen mehr zu als der Weg zurück und damit bergauf.

Die Zeitreisenden arbeiteten sich durch das Durcheinander und schritten kräftig aus, während sich hinter ihnen der Wagenzug nur mühsam neu formierte.

Als sich Hallstrom nochmals umblickte, sah er weit unten im Tal den Straßenräuber heranreiten. Der Mann wandte sich immer wieder um und schaute nach den Rauchzeichen.

Es musste schon eine besondere Bewandtnis damit haben, dass sogar dieser Kerl seinen einträglichen Platz an der Straße aufgab.

Das Etschtal verengte sich und bog scharf nach Osten. Die Felswände rückten so zusammen, dass gerade noch Platz für die Straße blieb.

An der schmälsten Stelle schwang sich eine Römerbrücke auf die andere Wasserseite. Am Brückenende war ein mächtiges Tor in den Fels geschlagen, hoch genug gelegen, dass auch hohes Wasser die Öffnung nicht erreichen konnte. Der Fluss hatte bis einen Meter darunter Geröll an den Hang geworfen.

„Im Brückenbau waren die Römer Meister“, sagte Ben anerkennend.

Die ehemaligen Baumeister hatten nicht nur eine großartige Brücke mit drei Bogen errichtet, sondern an dieser strategischen Stelle auch für eine Befestigung gesorgt. Denn am diesseitigen Ufer war ein kleines Kastell über dem Brückenaufgang angelegt. Die Straße führte durch das Kastell hindurch.

Das Befestigungswerk war besetzt. Nicht mehr von Römern, aber von Bewohnern dieser Gebirgslandschaft.

Fünf Männer standen auf dem flachen Dach des Kastells und schauten nach Süden. Sie hatten derbe Eschenspeere mit hinaufgenommen. Der Wind zerrte an ihren derben Leinenkitteln und zerzauste ihnen das lange Kopf und Barthaar.

Sie sahen wild und gefährlich aus.

Die Zeitreisenden hörten sie in einem merkwürdigen Dialekt sprechen, einer Mischung aus gotischen, lateinischen und anderen Worten.

Einer verschwand vom Dach. Wenig später lief er mit geschultertem Speer über die Brücke und verschwand drüben im Felsentor.

„Sieht so aus, als kämen wir gerade zu einem bedeutsamen Ereignis zurecht“, sagte Ben und schaute ins Tal zurück. Die Karren waren gewendet und die Ochsen wieder vorgespannt. Rollend und rumpelnd und unter dem Geschrei der Treiber setzte sich der Zug in Bewegung.

Der Reiter hatte aufgeschlossen und drängte sein Pferd an den Karren vorbei. Jetzt kassierte er nicht. Hallstrom vermerkte es mit Verbitterung.

Die Zeitreisenden traten auf den Brückenaufgang und Unter den großen Torbogen des Kastells. Das Gebäude war aus Steinen errichtet. Fast wie für die Ewigkeit gebaut.

Es gab kein Gatter, das bei Bedarf im Tordurchgang herabgelassen werden konnte. Torflügel waren auch nicht vorhanden. Jenseits des Durchganges lag frei und offen die Brücke mit dem Felsenloch am anderen Ende.

Auf Straßenniveau öffneten sich ein paar Kammern, die Wachräume dieser Anlage. Die Wände waren bekritzelt, teilweise abgeblättert. Der Boden war unvorstellbar schmutzig. Hier hatten einmal Feuer gebrannt. Aber niemand hatte sich die Mühe gemacht, die Asche und die halb verbrannten Äste fortzuräumen.

Den Zugang zum Dach entdeckten die Zeitreisenden im letzten Raum auf der rechten Seite. Sie bemerkten den unteren Teil einer klobigen Leiter und Helligkeit, die von oben herabfiel.

Von den vier zauselhaarigen Männern kam keiner herunter, um ein Brückengeld zu verlangen. Es schien ihnen völlig unwichtig, wer und was über diese Brücke wollte.

Frank blickte den Professor und Ben fragend an. Als sie nickten, trat er in den Raum und klomm die Leiter hinauf.

Der Aufstieg zum Dach wirkte wie ein Schacht. Die Leiter war primitiv, aber stabil. In zwei Baumstämme waren Kerben geschlagen, und in diese Kerben waren grobe Querhölzer gelegt und mit faserigen Stricken an den Holmen kreuzweise festgebunden.

Frank streckte den Kopf aus dem Schacht. Am Dachrand standen die Männer. Der Wind wehte scharf. Er brachte die Geräusche des zurückkehrenden Wagenzuges mit, den Huf schlag des Wegelagerers und das satte Rauschen der Etschwasser.

Behänd schwang sich Frank aufs Dach. Er bemühte sich, Lärm zu machen, damit die Männer nicht glaubten, er wolle sich heimlich in ihren Rücken schleichen.

Sie hörten verdammt gut. Sie fuhren herum und hatten schon die Eschenspeere auf ihn gerichtet. Er grinste sie freundlich an und machte eine Kopfbewegung zum südlichen Tal hin.

„Warum steigt dort so viel Rauch auf?“

Sie musterten ihn eingehend. Einer zog die Mundwinkel verächtlich herab, als er an dem Fremden keine Waffen entdeckte.

Nur langsam senkten sich die Speere. Frank bemerkte nicht nur die Wurfwaffen. Einer hatte eine Art Keule mit einem Faserstrick umgebunden, die anderen hatten Schwerter umgegürtet. Kurze Schwerter in einer Scheide aus Rinderhaut.

Nachdem die gründliche Musterung ergeben hatte, dass ihnen von dem Fremden keine Gefahr drohte, sagte einer unfreundlich: „Ein großer Heerzug wälzt sich durch die Berge. Das sagt der Rauch.“

„Kommt er hierher?“

Der Mann hob die Schultern. „Wenn es den Göttern gefällt, zieht er weiter. Oder er kommt das Tal herauf.“

Eine Menge Fatalismus lag in seinen Worten.

An die Möglichkeit, dass dieser Heerzug an einer geeigneten Stelle abgewehrt werden könnte, dachte der Mann offensichtlich gar nicht.

Dieser Platz hier wäre ein solcher Ort gewesen. Mit fünfzig Mann, so überschlug Frank, war das Tal zu sperren.

Er trat neben die Männer an den Dachrand und zeigte auf den Reiter, der schon fast den Brückenaufgang erreicht hatte.

„Der Kerl ist ein Straßenräuber“, sagte er. „Kennt ihr ihn?“

Die Männer lachten. „Das ist Tuotli, der Hunne. Er sammelt Geld für seinen Stamm. Hat er euch Wegegeld bezahlen lassen?“

Frank nickte und machte ein grimmiges Gesicht. „Ein Hunne? Was hat er hier zu suchen?“

Das hatte wohl noch niemand gefragt. Die Männer schauten sich an. Die Antwort fiel sehr ungenau aus.

„Er lebt mit seinem Stamm in einem wilden Tal in der Nähe. Schon seit vielen Sommern. Sie haben dort viele Alte und viele Kinder.“

„Woher kamen diese Hunnen?“, fragte Frank drängend.

„Sie blieben übrig, als Attilas Heerscharen fortzogen. Sie wurden einfach vergessen. Man sagt, sie hätten viele Kranke gehabt.“

Frank begann blitzschnell zu rechnen. Im Jahre 452 war Attila durch die Julischen Alpen kommend in Italien eingefallen. Ein Bittgang des Papstes Leo I. ins Hunnenlager, eine hohe Tributzahlung des unbedeutenden Kaisers Valentinian und ausbrechende Seuchen im eigenen Heer hatten Attila bewogen, sich aus Italien zurückzuziehen. Das war erst sechsunddreißig Jahre her.

Irgendwo in dieser Gegend war eine hunnische Abteilung damals hängen geblieben, gehemmt durch die Kranken. Dass die Hunnen Frauen und Kinder auf ihren Kriegszügen mitgeführt hatten, war Frank geläufig.

Diese Hunnen waren in einem Nebental der Etsch zurückgeblieben und hatten sich mit den Bergbewohnern irgendwie arrangiert. Ganz vom räuberischen Leben hatten sie aber nicht gelassen. Das Gewerbe dieses Tuotli bewies es.

Ungeniert ritt der Hunne eben unter dem Kastell durch und über die Brücke in das dunkle Felsentor.

Frank grinste verhalten und zeigte auf den Wagenzug. „Und was sind das für Leute?“

„Händler aus Tolosa“, sagte der Sprecher der Männer auf dem Dach.

Tolosa war das spätere Toulouse. Es war die Hauptstadt der Westgoten. Die Anwesenheit dieser Händler war sehr ungewöhnlich.

„Was handeln sie?“, fragte Frank.

Sofort blickten die Männer böse und ablehnend.

„Wir wissen es nicht“, sagte der eine. Aber Frank hatte den Eindruck, dass er und die anderen sehr genau wussten, was die Toloser handelten.

Er fragte weiter, stieß aber auf eine Mauer des Schweigens. Die Männer antworteten überhaupt nicht mehr.

Frank kletterte hinunter. Hallstrom stand im Durchgang und starrte auf das schwarze Tor gegenüber.

„Der Kerl ritt eben ganz dreist vorbei“, beschwerte er sich aufgebracht bei Frank. „Und gegrinst hat er obendrein.“

„Sein Pferd ist nicht beschlagen. Ich wette, es ist ein Hunne“, sagte Frank.

„Wetten? Worum?“ Hallstrom schaute verständnislos.

„Um ein Silberstück.“

„Treiben Sie keine Scherze mit mir! Sie haben doch gefragt. Was ist das für ein Kerl?“

„Ein Hunne, ich sagte es doch. Er heißt Tuotli, und sein Stamm hat sich irgendwo in einem Seitental niedergelassen. Die Leute sind zurückgeblieben, als Attilas Heere davonzogen. Er sammelt Geld.“

Ärgerlich erwiderte der Professor: „So kann man Straßenräuberei natürlich auch bezeichnen! Hunnen! Zum Teufel, in dieser verrückten Zeit ist eben alles möglich!“

Der erste Ochsenwagen tauchte an der Brückenauffahrt auf. Frank machte eine knappe Kopfbewegung. „Das sind Händler aus Tolosa. Sie haben irgendetwas erhandelt. Den Einheimischen scheint es nicht zu behagen. Jedenfalls sagten sie nicht, was erhandelt wird. Sie kennen aber die Ware. Da bin ich sicher.“

Von akrobatischen Gedankengängen hielt Ben nicht allzu viel.

„Fragen wir die Leute doch selber“, meinte er. „Hm, wissen die Burschen wenigstens, was der Hauch zu bedeuten hat?“

„Auch das nicht. Ein großer Heerzug soll im Anmarsch sein. Aber sie wollen keine Ahnung haben, was für ein Heerzug es ist.“ Frank ging auf die Brücke.

Karrenräder hatten schmale Rinnen in das Pflaster gefahren, Tausende von Pferdehufen, Sandalen und Legionärsschuhen hatten die Steine abgewetzt.

Eine hüfthohe Brüstung sicherte die Brücke. Dicht an der Brüstung waren sogar Ablaufrinnen eingemeißelt, und alle zehn Schritte waren Löcher gebrochen, um das Regenwasser abzuleiten.

In der Etsch unten schwammen Fische. Pfeilschnell huschten sie unter umschäumte Steine, als der Schatten eines Mannes von der Brücke über sie fiel.

Rollend und dröhnend knarrte der erste Wagen unter dem Kastell her. Die Ochsen sträubten sich, auf die schmale Steinbrücke zu treten.

Mit pfeifenden Stockhieben brachten die Treiber das Gespann wieder in Schwung.

Hallstrom, Frank und Ben hockten sich auf die Brüstung, um Platz für Gespann und Wagen zu machen.

„Was wird nun?“, rief Ben den Männern zu.

„Wir suchen Schutz in Bolsanum und warten ab“, gab einer zurück.

„Verdirbt die Ware auf den Karren nicht?“ Ben zeigte auf die vielmals geflickte Wagenabdeckung.

Das Gesicht des Treibers wurde finster und verschlossen, als hätte er den Mann mit frischem Kuhdung beworfen.

Das Ochsengespann bezog ein paar Stockhiebe und zerrte den Wagen eilends über die Etschbrücke. Das nächste Gefährt rumpelte heran.

„Das war nichts“, stellte Hallstrom fest.

Ben schaute nachdenklich, aber Frank nickte.

„Genau so haben auch die Burschen auf dem Dach reagiert“, sagte er.

„Vielleicht kommen wir der Sache auf den Grund, wenn wir uns als Händler ausgeben“, schlug der Professor vor. „Auf ein paar mehr oder weniger wird es wohl nicht ankommen.“

„So ganz ohne Karren und Packtiere?“, wandte Ben ein. „Wenn man uns das nur abnimmt!“

Sie schwangen sich von der Brüstung und reihten sich zwischen dem zweiten und dritten Wagen ein.

 

 

3

Die Felsenöffnung am Brückenende war wie ein schwarzes Loch. Der Weg war aber nur auf eine Länge von höchstens fünfzig Meter durch den Fels geschlagen.

Nach dieser Strecke trat er wieder ans Tageslicht und führte auf einer Galerie hoch über der schäumenden Etsch ans Ende jener schmalen Passage, wo die Bergwände so nah zusammenrückten.

Dahinter öffnete sich ein weiter und sattgrüner Kessel mit einem fruchtbaren Tal, sanften bewaldeten Hängen, Matten, auf denen Vieh weidete, und Gehöften und Ansiedlungen bis weit in die blaue Ferne, wo Talausläufer und Wälder in Bergstöcke übergingen.

Deutlich war der Lauf der Etsch zu erkennen. Der Fluss kam in einem Tal aus Nordwesten. Von Nordosten mündete ein zweites Tal in den Kessel. Das war der Eisack.

Genau dort, wo beide Wasser zusammenflossen, erhob sich ein gewaltiges Lager, das einst von den Römern angelegt worden war.

Es war nach Art eines befestigten Kastells errichtet. Ein Doppelgraben schützte es zum Wasser hin. Auf der Bergseite ragte eine Palisadenwand auf.

Kein Zweifel, das war Bolsanum, das man sehr viel später Bozen nannte. Die Rauchzeichen waren auch hier gesehen worden. Überall wurde Vieh von den grünen Matten getrieben. In der Kastellanlage waren die Leute bereits damit beschäftigt, Karren zu beladen.

Ben war sehr unzufrieden mit diesem Anblick. Alles deutete darauf hin, dass die Bewohner die Absicht hatten, vorläufig die Ansiedlung und dieses Tal zu verlassen.

Er drängte sich an den beiden Karren vorbei an die Spitze und sagte zu den Treibern, die ihm nicht hatten verraten wollen, welcher Art ihre Ware war: „Sieht nicht so aus, als würdet ihr dort Schutz finden. Die brechen auch auf.“

Die Männer hatten es bereits beobachtet und schauten noch verdrossener. Einer kratzte sich mit Hingabe am Kopf, zeigte dann mit dem Treiberstock auf das Etschtal jenseits Bolsanum und sagte zu seinen Leuten: „Wir fahren sogleich weiter - dorthin. Es wird beschwerlich. Aber dorthin folgt uns kein fremder Heerbann.“

Der Ruf wanderte nach hinten.

Am Ende der Galerie verbreiterte sich die Straße. Die Via Claudia Augusta führte geradewegs zum alten römischen Lager, eine unbefestigte Straße zeigte nach links und folgte dort der Etsch.

Der Wagenzug aus Tolosa schwenkte nach links.

Vielleicht gedachten die Leute, ruhigere Zeiten abzuwarten. Oder sie hatten wirklich im Sinn, über völlig andere Pässe nach Tolosa zurückzukehren.

Einige Karren und eine Viehherde verließen das befestigte Lager und zogen am Eisack entlang tiefer in die Berge hinein.

Aufatmend beobachteten die Zeitreisenden, dass jedoch nicht alle Bewohner die Siedlung verließen. Einige trafen nur bestimmte Vorkehrungen.

Der Schmied von Bolsanum zum Beispiel hatte hinter seiner Werkstatt eine tiefe Grube ausgehoben. Seine Gehilfen schleppten das wertvolle Eisen aus der Schmiede herbei und warfen es in das Erdloch.

Als die Zeitreisenden durch das unbewachte Tor gelangten und neugierig stehen blieben, warf der Schmied unbefangen einige Bündel Stroh auf sein Eisen, einige Bretter und schaufelte dann die Grube zu.

Nebenan wurden Schweine eingefangen und am Hinterbein festgebunden. Halbwüchsige trieben von den grünen Bergmatten im Osten immer mehr Vieh herunter.

Und wieder knarrten ein paar Karren fort, beladen mit der beweglichen Habe der Leute. Am nördlichen Tor teilte ein Mann in einem auffallenden Lederwams den wegziehenden Familien eine bestimmte Menge Vieh zu.

Der Schmied war mit seiner Arbeit fertig. Er wischte sich die Hände an der fleckigen Kniehose ab und kam an die Straße zu den wartenden Fremden.

Sein prüfender Blick glitt über ihre Kleidung. Die Männer gewannen den Eindruck, dass er etwas suchte und nicht fand.

Vielleicht vermisste er die Waffen bei ihnen.

„Böse Zeiten“, sprach Hallstrom und zeigte mit dem Daumen hinter sich. „Der Wagenzug der Toloser ist umgekehrt. Ein großer Heerbann soll heranziehen!“

Der Schmied hob die Achseln. Für einen Moment sah es aus, als säße sein Kopf ohne Hals auf dem mächtigen Rumpf.

„Jeder sorgt für sich, so gut er kann! Schnelle Nachrichten langen nicht oft bei uns an. Schon dreimal hat man uns ausgeplündert!“

„Ah, und jetzt habt ihr vorgesorgt? Ich verstehe! Euere Leute brennen Feuer auf den Bergen und geben Zeichen?“

Der rußbeschmierte Mann nickte. „Der Heerbann soll kommen. Jeder von uns kennt einen Schlupfwinkel und kann sich verkriechen. Ich will noch bleiben und sehen, was daraus wird. Brennen auch morgen die Feuer, dann wälzt sich ein Heer herauf, und dann muss ich auch in die Wälder.“

„Niemand weiß, was für ein Heer es ist.“

Der Schmied winkte ab. „Es zählt für uns nicht. Alle Heere rauben und plündern und morden. Es macht keinen Unterschied für uns. Sie brauchen Korn, sie fressen unser Vieh auf und verbrennen die Häuser.“

„Das ist schlecht für uns“, sagte Hallstrom und hatte einen listigen Ausdruck in den Augen. „Wir sind Abgesandte. Wir wollen auch Waren kaufen wie die Toloser.“

Die Brauen des Mannes wölbten sich wie dicke Raupen. „Eintauschen oder mit rotem Gold aufwiegen?“

„Es kommt darauf an, was verlangt wird“, entgegnete Hallstrom.

Unvermittelt streckte der Schmied ihm die Hand hin. Diese Bewegung war zu allen Zeiten und bei allen Völkern gleich geblieben.

Seufzend trennte der Professor sich von einem Silberstück. Die rußige Pranke des Schmiedes schloss sich darum.

Danach schaute der Mann prüfend nach rechts und links, beugte sich etwas vor und raunte: „Die Holzköpfe hier verstehen nichts vom Handel. Sie glauben an Geister und opfern heimlich ihren Göttern hinter dem Haus. Ich glaube an Geld! Womit soll ich sonst Eisen kaufen, he? Ihr wollt schöne Dinge aus Bergkristall erhandeln? Niemand wird euch den richtigen Ort nennen, alle haben sie Angst vor ihm. Aber ich nenne euch den Platz. Ihr müsst zum Tierser Tal. Immer darin entlang. Ihr gelangt an ein römisches Badehaus. Es ist zerfallen. Folgt dem Wasser bis zur Rosenmühle. Dann steigt ihr auf den Pass und brennt eine Nacht lang ein Feuer. Wenn er will, kommt er.“

Die Zeitreisenden schauten sich verblüfft an. Das klang gerade so, als spräche der Mann von Laurin.

„Und vor ihm haben die Leute Angst?“, vergewisserte sich Hallstrom.

Der Schmied nickte und grinste. „Es sind doch Holzköpfe. Freilich, manchmal holt er sich einen Freibauern oder einen Knecht. Eine Magd soll’s auch schon gewesen sein. Nach einiger Zeit kommt sie aber zurück, krank und blass und klapperdürr. Aber nicht darum fürchten sie ihn, sondern weil er Zauberkräfte besitzt.“

„Hast du ihn schon mal gesehen?“, platzte Frank dazwischen.

Zu ihrem Erstaunen nickte er ernsthaft. „Ich brauchte Eisen. Und ich weiß, dass er mit fremden Herren handelt, die mit ihren Wagen von weit her kommen. Sie bringen ihm Gold und Geschmeide. Ich dachte, er hätte von ihnen auch Eisen bekommen. Mein Feuer brannte die ganze Nacht. Als der Nebel aus den Tälern heraufstieg, kam er.“ Er verstummte und rieb sich übers Kinn. Er war sich seiner Rolle bewusst und kostete die aufkommende Spannung voll aus.

„Und? Wie sah er aus?“ Hallstroms Stimme war ganz flach.

„Ich sah nur seinen Kopf über einem verkrüppelten Baum. Er hat böse Augen und einen wilden Bart. Seine Sprache verstand ich kaum. Er wollte Gold sehen. Ich fragte nach Eisen. Da verlangte er vier kräftige Gesellen, die für ihn arbeiten sollten. Ich müsste sie ihm bringen. Dann erst wollte er mit mir über das Eisen reden. Ich schlug ihm den Wunsch ab, ich habe nur fünf Gesellen, die mir in der Schmiede zur Hand gehen. Oh, er wurde wild! Er schlug mir einen Stock auf den Kopf, er warf mit Steinen, und er verfluchte mich. Ich wollte ihn greifen. Hui - da war er plötzlich weg! Nur der Nebel stieg höher. Ich habe ihn nie mehr gesehen.“

Er weidete sich an den Gesichtern seiner Zuhörer. Alle drei hatten den Mund offen stehen.

„Und du bist sicher, dass er das war - Laurin?“, fragte Hallstrom nach einer ganzen Weile.

„Nenne den Namen nicht. Die Leute fürchten ihn. Sie meinen, er würde schon erscheinen, wenn man seinen Namen spricht. Sie glauben sogar, er erscheine aus der Erde wie ein Geist.“ Er kratzte sich mit einem verlegenen Grinsen am Kopf. „Hm, ich kann es ihnen nicht verdenken. Auf dem Pass war er verschwunden, als hätte die Erde ihn aufgenommen. Seltsam war es schon.“ Der Schmied blickte zum nördlichen Tor und zeigte auf den Mann im auffallenden Lederwams, der das Vieh verteilte „Das ist Roseal, der Herr vom Tierser Tal. Er sah ihn auch einmal und lag danach drei Tage in den Bergen.“

Ben grinste. „Laurin hat ihn doch nicht etwa verzaubert?“

Der Schmied schüttelte den Kopf. „Ihr sollt nicht seinen Namen nennen. Heißt ihn den Alten vom Berg. Davor fürchten sich die Leute auch, aber sie verlieren darüber nicht den Verstand. Wer seinen Namen nennt, den straft er furchtbar. Er hat Fremde zu Tode gestürzt, er ließ Steine von den Bergen niedergehen, das ist sicher. Nur wer ihm von Nutzen ist, den lässt er zu sich kommen.“

„Nennt man den Ort nicht Rosengarten?“, erkundigte sich Frank.

„Schon“, räumte der Schmied zögernd ein. „Nur wächst dort nicht eine Rose. Ich sah jedenfalls keine, Vielleicht heißt’s wegen der roten Felswände so.“ Aus der Wohnhütte neben der Schmiede trat eine dralle Frau. Sie schaute unwillig herüber, stemmte die Arme auf die vollen Hüften und rief mit durchdringender Stimme: „Nenne ich das Arbeit? Wo versteckst du dein Eisen?“

Der wackere Schmied zuckte zusammen. Er grinste, aber es gelang ihm nicht überzeugend. Mit eingezogenem Kopf wandte er sich ab und schlich in seine Schmiede.

Frank lächelte dünn. „Der steht vielleicht unterm Pantoffel!“

„Soll er vielleicht mit diesem Drachen streiten?“, hielt Ben dagegen.

Er erhielt Hallstroms ungeteilten Beifall, denn der Professor sagte: „Mit einer Frau streitet nur ein Narr. Und danach sah der Mann wirklich nicht aus. Er will seine Ruhe haben und sucht sein Auskommen.“ Langsam wandte er sich um und beobachtete diesen Roseal, den Herrn von Tiers. „Wir sollten uns mit diesem Mann gut stellen. Ich hoffe, er hilft uns weiter!“

Frank hielt ihn am Arm fest. „Warten Sie noch einen Moment, Sir. Ich denke, der Schmied gab uns sehr nützliche Hinweise.“

„Das will ich meinen“, pflichtete Hallstrom bei.

„Er sagte aber auch etwas, das mich aufhorchen ließ. Nur wer diesem Laurin, dem geheimnisvollen Alten vom Berg, von Nutzen ist, den lässt er zu sich kommen. Genau das sagte der Schmied. Zum Teufel, woher weiß denn dieser Laurin, wer ihm überhaupt von Nutzen sein kann und wen er zu sich kommen lassen soll? Das bedeutet doch, dass er draußen irgendjemand hat, der mit ihm Hand in Hand arbeitet. Der für ihn die Auswahl trifft.“

Hallstrom blickte ihn entgeistert an. „Gerechte Milchstraße, es ist richtig. Und logisch obendrein.“

Ben kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Jemand aus dem Tal. Eine Art Gehilfe. Vielleicht auch zwei. Und bestimmt bedient er sich nicht der einfachen Leute. Es muss schon jemand sein, der mit Händlern und Fremden zusammenkommt, der einen hellen Verstand hat und weiß, was im Tal vorgeht.“

„Roseal?“, fragte der Professor.

„Der Schmied käme auch in Betracht“, fiel Frank ein. „Er hat eine Schwäche für Geld.“

„Der Hunne verachtet es auch nicht“, meine Ben. „Aber muss er deswegen der Helfer dieses komischen Kerls sein, der in den Bergen hockt, Leute verschwinden lässt, andere zu Tode stürzt und ansonsten einen flotten Handel mit Bergkristallgerätschaften treibt? Ich meine, wir sollten diese Nacht bleiben. Genügend Häuser stehen leer. Vielleicht können wir noch mal an den Schmied herankommen, wenn sein Hausdrachen zur Ruhe gegangen ist.“

„Und wenn das unbekannte Heer auftaucht?“ Hallstrom schaute sorgenvoll. „Wir sind ja nicht die Einzigen im Lager. Die Leute werden sich davonmachen, wenn es gefährlich wird. Und den Krach werden wir doch hören.“

Nach Hallstroms Geschmack war das zwar nicht, aber er gab doch seine Einwilligung.

 

 

4

Als die Sonne längst untergegangen war, brannten auf den Bergen im Süden die Feuer. Der unbekannte Heerbann war also noch da.

In Bolsanum war Ruhe eingekehrt. Vor einer Stunde war noch ein Karren davongerollt.

Hallstrom, Ben und Frank hatten sich gründlich in dem ehemaligen Lager umgesehen. Die alten Römerhäuser und Legionärsunterkünfte waren verschwunden. Vielleicht waren sie bei einer Plünderung abgebrannt. Die verbliebenen Steine dürften die nachfolgenden Bewohner zum Bau ihrer Hütten verwendet haben.

Es waren alles flache Wohn- und Gewerbeanlagen. Die Dächer waren sehr frei gestaltet. Einige Hütten waren mit Stroh gedeckt, andere mit Astwerk und Moos, und drei waren sogar mit gestochenen Grasplatten eingedeckt worden.

Vom römischen Siedlungs- und Stadtwesen war nichts erhalten geblieben. Die Abfälle wurden vor oder hinter das Haus geworfen. Es wurden keine Fackeln angezündet, und die Kastelltore blieben unbewacht.

Die Lagerstraßen waren mit Kuhdreck und anderem Unrat bedeckt. Der Gestank erreichte abenteuerliche Dimensionen durch den sich legenden Wind.

Aus dem Rauchloch einer Hütte stoben Funken.

„Da ist Roseal drin“, sagte Ben leise. „Ich habe ihn bei Sonnenuntergang hineingehen sehen.“

„Mir wäre es lieber, wir hätten den Schmied schon hinter uns“, meinte Hallstrom.

Sie gingen die Gasse entlang und sondierten das Gelände. In der Hütte neben der Schmiede brannte eine Öllampe. Es gab zwei Fensteröffnungen, schmal und unverhängt. Neugierig blickten sie hinein.

Die Hütte bestand aus einem Raum. Auf einem Herd rauchte das Feuer. Der Qualm trieb aus allen Ritzen und Öffnungen heraus.

Die Frau lag auf einer Art Bank beim Herd. Der Schmied lag am Boden, hatte Stroh unter sich und ein Wolltuch über sich, hatte die rechte Hand an einem Tonkrug liegen und starrte tiefsinnig in die blakende Flamme einer römischen Öllampe, die neben ihm auf dem Boden brannte. Er rülpste laut und herzhaft, nahm noch einen Schluck und legte sich zurück.

Der Krug enthielt Wein, und der Schmied hatte ein ordentliches Quantum im Bauch.

Mit dem Mann war nicht mehr zu rechnen, das war sicher. Etwas raschelte drinnen dicht unter dem Fensterloch.

Hallstrom beugte sich noch weiter vor und fuhr sofort wieder zurück. Die fünf Gesellen des Schmiedes nächtigten ebenfalls in diesem Raum. Sie lagen an der Außenwand. Einer hatte sich auf seinem Strohlager herumgewälzt.

Im selben Augenblick hob die Frau auf der Bank den Kopf. Sie hatte gar nicht geschlafen, sie hatte sich nur den Anschein gegeben. Leichtfüßig kam sie auf nackten Füßen durch den Raum, entwand dem Schmied den Krug, setzte ihn an und trank den Rest.

Es war ein ziemlich großer Rest.

Neidvoll gestand Ben ihr zu, dass sie einen Schluck am Leib hatte, um den viele Männer sie beneidet hätten.

Dann ergriff die Frau die Öllampe und geisterte zur Wand der Hütte, an die die Schmiede anschloss.

Zur Verwunderung der zuschauenden Zeitreisenden schlug sie dort eine Decke recht geschickt zur Seite und trat in die Schmiede hinaus, ohne dass die kümmerliche Flamme erlosch.

„Vielleicht holt sie Wein“, vermutete Frank.

Die Frau hatte anderes im Sinn. Sie trat so plötzlich aus der Schmiede auf die alte Lagergasse, dass den Zeitreisenden keine Möglichkeit blieb, um die Hüttenecke zu verschwinden. Geistesgegenwärtig sanken sie in die Knie.

Mit heimlichen Beobachtern rechnete die Frau ganz sicher nicht, denn zielstrebig ging sie die Gasse hinunter. Einmal schimpfte sie und schlenkerte den Fuß.

Nun ja, der Kuhdreck lag überall.

Ihre Lampe beleuchtete weiter unten das Haus, in dem Roseal untergekommen war. Der Dachrand und die Türumrisse wurden für wenige Augenblicke aus der Dunkelheit gerissen. Dann war die Frau verschwunden.

Perplex sagte Hallstrom: „Ja, was soll das nun heißen?“

„Sehen wir eben mal nach“, schlug Ben vor.

Sie eilten leise die Gasse entlang und hüteten sich, dem Beispiel der Frau zu folgen und in Kuhfladen zu treten.

Die Fensteröffnungen in Roseals Haus waren auch nicht verhängt. Die Zeitreisenden hatten ungehinderten Einblick.

Roseal hatte zwar keine Lampe brennen, er unterhielt aber ein ordentliches Feuer auf dem Herd. Dessen Schein und die Öllampe der Frau erhellten den Hüttenraum.

Aus einem Sack holte Roseal drei Armspangen und eine Gewandschließe und legte die Gegenstände auf einen klobigen Holztisch.

Die Frau schoss mit gierigem Blick näher und hielt die Lampe neben die Schätze. Der Schmuck war aus rotem Gold gemacht. Die Gewandschließe war mit buntem Glasfluss und Almadinen verziert. Die Steine glänzten warm und freundlich im Lampenlicht.

Ungeniert hob die Frau ihr knöchellanges Kleid auf und barg die Schätze in der so geschaffenen Schürze. Roseal starrte auf die ungemein stämmigen Beine der Frau und kniff sie über dem Knie in den Oberschenkel.

Sie quiekte, es gefiel ihr offensichtlich. Aber dann gewann ihr Erwerbssinn die Oberhand. Sie trat zurück und entzog sich der Zudringlichkeit Roseals.

„Dafür hast du deine Weiberleute“, meinte sie. „Viel jüngere. Es macht dir doch Spaß mit den jungen.“ Sie klimperte mit dem Gold im hochgerafften Kleid. „Das ist für die Händler aus Regina Castra, Roseal. Ich habe sie zu dir geschickt. Wann bekomme ich meinen Lohn für die Toloser?“

„Wenn es an der Zeit ist“, sagte er leise. „Sie kehrten um, und die Feuer brennen. Es ging nicht wie geplant.“

„Ich will meinen Anteil bald. Hoffe nur nicht darauf, dass ich aus Angst vor dem fremden Heerbann weglaufe!“

„Vielleicht läuft dein Mann morgen davon.“ Schadenfreude sprach aus seinen Worten.

Sie schüttelte den Kopf. „Er hat sein Eisen vergraben, und ich horte meine eigenen Schätze. Bald besitze ich dieses ganze Tal. Roseal, eines Tages wirst du mir lehnspflichtig werden!“

Er lachte, als hätte er einen guten Witz gehört.

„Ich bekomme mit den Wagenzügen immer ein paar Neuigkeiten zu hören. Mit deinen Wünschen wirst du noch lange warten müssen. Die östlichen Goten sind auf dem Marsch nach Ravenna und Rom. Der oströmische Kaiser hat den Heerkönig Theoderich zum Patricius von Italien ernannt. Das bedeutet Krieg, langen Krieg in unserem Land. Verwahre deine Schätze gut, bis ruhigere Zeiten kommen.“

Sie nagte an der Unterlippe und bekannte dann: „Von solchen Dingen verstehe ich nichts. Wenn die Großen sich streiten, sollen die Kleinen aus dem Wege gehen, bevor man den Stock auf ihrem Rücken tanzen lässt. Ich werde über deinen Rat nachdenken. Vergiss nicht meinen Anteil.“

„Die Toloser, ich weiß“, sagte er sichtlich ungeduldig. „Geh jetzt. Wenn dein Mann erwacht, fordert er mich vor das Thing.“

Sie lachte unbekümmert. Ihre Zähne waren braun und schadhaft. „Er schätzt den Wein über die Maßen. Ich gab ihm einen vollen Krug.“

Dass sie den sehenswerten Rest weggeputzt hatte, verschwieg sie.

Sie griff nach ihrer Öllampe. Die Zeitreisenden fanden gerade noch Gelegenheit, um die Hüttenecke zu verschwinden. Die Tür klappte, und nackte Füße klatschten die Gasse entlang. Die Frau ging mit der Lampe vorbei. Die Reifen und die Schließe klirrten leise aus ihrem Kleid.

Details

Seiten
0
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738914887
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Mai)
Schlagworte
timetravel reisen zeitkugel herr grotte

Autor

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Titel: TIMETRAVEL - Reisen mit der Zeitkugel #52: Der Herr der kristallenen Grotte