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Tödliche Goldgier

©2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Die Sioux hatten jedem Weißen den Tod geschworen, der es wagte, die Black Hills zu betreten. Doch stärker als die Furcht vor den roten Horden war der Lockruf des Goldes. Eine Kavallerie-Patrouille unter Führung von Captain Allan Scott ritt mitten in die Todeszone, um die weißen Goldsucher zu retten. Es war eine riskante Mission, die schon bald die ersten Opfer forderte. Aber auch Hass und Gier drohten alle in den Strudel der Vernichtung zu reißen ..

Leseprobe

Table of Contents

Tödliche Goldgier

Klappentext:

Roman:

Tödliche Goldgier

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Charles Schreyvogel mit Steve Mayer, 2017

Früherer Originaltitel: Das Gold der Verdammten

Readktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappentext:

Die Sioux hatten jedem Weißen den Tod geschworen, der es wagte, die Black Hills zu betreten. Doch stärker als die Furcht vor den roten Horden war der Lockruf des Goldes. Eine Kavallerie-Patrouille unter Führung von Captain Allan Scott ritt mitten in die Todeszone, um die weißen Goldsucher zu retten. Es war eine riskante Mission, die schon bald die ersten Opfer forderte. Aber auch Hass und Gier drohten alle in den Strudel der Vernichtung zu reißen ..

 

 

 

Roman:

Ein Mann taumelte mit entsetzt aufgerissenen Augen aus der Staubwolke hervor. Seine Kleidung war zerschlissen, sein dichter Vollbart verfilzt.

„Joe!“, brüllte er hinter dem Reiter her, der bereits ein halbes Dutzend Yards voraus war. „Joe, lass mich nicht zurück! Sie haben mein Pferd erschossen!“

Der Schweiß zog dunkle Linien in die Staubschicht auf seinem verzerrten Gesicht. Der Atem pfiff zwischen seinen Zähnen. Als der Mann einen gehetzten Blick zurückwarf, sah er die Verfolger wie Dämonen aus den Staubschleiern hervorbrechen. Bronzehäutige geschmeidige Gestalten mit flatterndem Haar. Gewehrläufe und Pfeilspitzen blinkten im Sonnenschein.

Der Bärtige begann zu laufen.

„Joe!“, schrie er wieder. „Joe!“ Seine Stimme überschlug sich.

Der Reiter, ein hagerer, lederhäutiger Bursche mit flackernden Augen, zügelte sein Pferd. Sein Blick flog zwischen dem Gefährten und den heranpreschenden Indianern hin und her. Dann gab er sich einen Ruck und wendete den struppigen Braunen.

Der andere torkelte dem Reiter keuchend entgegen. Er streckte seine zitternde, schwielige Rechte in die Flöhe.

„Hilf mir hinauf, Joe, schnell!“

„Sinnlos, Mike! Mein Gaul hält nicht mehr lange durch! Sie erwischen uns dann nur beide . Mike, es tut mir leid ...“

Er spähte aufgeregt zu den Rothäuten. Sie legten bereits in vollstem Galopp die ersten Pfeile auf die Bogensehnen und luden die Gewehre durch.

Der Bärtige hielt sich jetzt mit beiden Fäusten krampfhaft am Steigbügel fest, während der Hagere schon wieder seinen Braunen herumzog. „Joe, du wirst mich doch nicht diesen roten Teufeln …?“

„Es tut mir leid, Mike!“, wiederholte der Reiter krächzend. „Von uns kann nur einer mit dem Leben davonkommen! Her mit dem Gold! Du brauchst es nicht mehr ...“

Er beugte sich halb vom Pferd und griff nach dem Lederbeutel, der an einer geflochtenen Schnur um den Hals des Bärtigen hing. Mike brüllte vor Wut, Enttäuschung und Verzweiflung. Seine Finger verkrallten sich in der Jacke des Reiters.

„Nein, Joe! Nein, du verdammter Verräter!“

Das Pferd trabte an. Mike stolperte mit und ließ sich nicht abschütteln. Die Hufschläge der Verfolger schwollen zu einem dumpfen Donnern an. Joe fluchte, riss seinen Revolver aus der Halfter und schlug ihn Mike auf die Stirn. Ein blutiger Riss klaffte. Der Verletzte ließ die Jacke des Reiters los. Während er stürzte, riss die Schnur um seinen Hals. Mit einer gierigen Bewegung presste der Reiter den prall gefüllten Beutel an sich. Gleichzeitig schlug er dem Braunen mit aller Kraft die Stiefelabsätze in die Weichen. Der Gaul raffte sich zu einer letzten Kraftanstrengung auf.

Joe duckte sich noch tiefer auf die zottige Mähne, als hinter ihm die ersten Schüsse krachten. Pfeile zogen schwirrend ihre Bahn, und ihr bedrohlich nahes Surren jagte ihm Schauder über den Rücken. Unablässig bearbeitete er die Flanken seines Pferdes. Vor den Nüstern des Tieres bildete sich Schaum. Da übertönte ein langgezogener, heiserer Schrei das Hufgetrappel und Schüsse peitschen. Ein schrecklicher, unmenschlich klingender Laut. Der Todesschrei eines Verlorenen!

Joe zuckte wie von einem Hieb getroffen im Sattel zusammen. Alle Farbe wich aus seinem ledernen Gesicht.

„Tut mir leid, Mike!“, ächzte er. „Das ist nicht meine Schuld. Kein Mann hätte anders handeln können als ich ...“

Seine Faust umklammerte den Lederbeutel, dass die Knöchel weiß hervortraten. Schweiß brannte salzig auf Joes ausgetrockneten Lippen. Wie verrückt begann er, das prustende Pferd zur Eile anzustacheln. So hetzte er dem silbern schimmernden Band des Flusses entgegen, der die Grenze zum Indianergebiet blidete. Drüben lockten die dunklen Palisaden und hölzernen Wachtürme von Fort Bascomb, wo es genug Gewehre und Revolver gab, ihn vor den Sioux zu schützen. Aber das wilde Rudel bronzehäutiger Reiter holte auf. In Joes Ohren wurde das Trommeln der Hufe zum Rhythmus des Todes …

 

*

 

„Bevor er den Fluss erreicht, haben sie ihn eingeholt und skalpiert!“

Colonel Blake, Kommandant von Fort Bascomb, ließ mit einem bitteren Seufzer das Fernglas sinken. Sein markantes Gesicht wirkte in diesen Sekunden wie aus Holz geschnitzt. Winzige Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn.

Die Soldaten drängten sich auf den hölzernen Laufgängen hinter den Palisaden und spähten gebannt zum Grasland jenseits des Flusses. Dahinter hoben sich wie die dunklen Rücken schlafender Urzeittiere die Black Hills vor dem tiefblauen wolkenlosen Firmament ab. Das rasende Hufgetrappel drang gedämpft zum Fort herüber.

Captain Allan Scott legt dem Colonel die Hand auf den Unterarm. „Sie wollen keine Abteilung ausrücken lassen, um dem Mann zu helfen, Sir?“

Colonel Blake schaute starr geradeaus. „Das Gebiet da drüben gehört den Sioux. Kein Weißer darf es betreten, das ist den Roten zugesichert worden ...“

„Und die Goldsucher? Sie haben den Vertrag längst gebrochen. Seit am French Creek Gold gefunden wurde, sind die Digger nicht mehr zu halten. Das Gold ist stärker als die Furcht vor den Skalpmessern der Sioux.“

„Leider!“, knurrte der Colonel. „Diese gierigen Brüder! Meine Aufgabe lautet, das Vordringen der Goldgräber in die Black Hills zu verhindern. Wenigstens an diesem Abschnitt. Aber ich kann meine Leute nicht überall einsetzen. Sie sehen ja jetzt selber, was auf der anderen Flussseite los ist. Wenn auch noch die Armee ins Siouxgebiet vorstößt, ist der Krieg nicht mehr aufzuhalten, darauf schwöre ich, Captain. Tut mir leid ...“

Drüben begann das Pferd des gehetzten Weißen bereits zu stolpern. Die Indianer holten immer mehr auf. Die Hufschläge waren lauter geworden. Das Kriegsgeschrei der Sioux gellte durch die heiße Luft bis zu den Palisaden herüber.

Der Verfolgte wandte sich halb im Sattel und feuerte verzweifelt seinen Revolver auf die Roten ab. Viel zu hastig, um zu treffen. Im Fort wurden Wetten abgeschlossen, ob der Digger es noch bis zum Fluss schaffen würde. Er schlug mit dem leergeschossenen Revolver wie wahnsinnig auf die Hinterhand seines Braunen ein. Das Pferd drohte jeden Moment unter ihm zusammenzubrechen. Aber während den Reiter Kugeln und Pfeile umschwirrten, hielt es sich krampfhaft auf den Hufen und kam dem Fluss näher und näher.

Captain Allan Scott schaute den Colonel stumm von der Seite an. Blake schien den Blick förmlich zu spüren. Ohne die Augen vom jenseitigen Ufer abzuwenden, murmelte er rau: „Überdies ist es zu spät. Wir können nicht mehr rechtzeitig genug ausrücken.“

Allan Scott zögerte keine Sekunde. „Ich bin gerade von einem Streifritt zurückgekommen, Sir. Meine Stute ist noch gesattelt. Vielleicht habe ich eine Chance.“

Zum ersten Mal wandte ihm der Fortkommandant das hartlinige Gesicht voll zu. Bitterer Ernst sprach aus seinen grauen Augen. „Sie allein, Captain?“

„Wenn es sein muss - ja! Ich bitte darum, Sir!"

Der Captain nahm Haltung an und wich dem durchdringenden Blick seines Vorgesetzten nicht aus. In der Nähe schnaufte ein Soldat aufgeregt: „Himmel, gleich ist er beim Fluss! Wie schafft er das bloß?“

Ein anderer brummte finster: „Freu dich nicht zu früh, Carson! Diese roten Teufel sind ihm zu nahe, als dass er noch seinen Skalp retten könnte!“

Blake atmete tief durch. „Auf eigene Verantwortung, Captain! Sie haben meine Erlaubnis!“

„Danke, Sir!“

Scott schlug knallend die Hacken zusammen, legte die Fingerspitzen an die Krempe seines Feldhutes und sprang vom Wehrgang auf den sandigen Forthof hinab. Drüben stand seine gesattelte Stute im Schatten des langgestreckten Stallgebäudes. Sekunden später saß der Captain im Sattel, ein großer, sehniger Mann mit breiten Schultern und entschlossenem Gesicht. Er nahm die Zügel auf, zog das Tier herum und trieb es mit einem Schenkeldruck vorwärts. Colonel Blake befahl vom Wehrgang herunter mit lauter Stimme, ihm das Tor zu öffnen. Es quiteschte in den Angeln. Droben an den Palisaden wurden die Soldaten erst jetzt auf den Captain aufmerksam. Durcheinander entstand, raues Stimmengewirr brandete auf.

„Los, Windy!“, raunte Allan seiner Stute ins Ohr. „Jetzt zeig, was du kannst!“

Mann und Pferd waren aufeinander eingespielt. Die Stute streckte sich und fegte aus dem Tor den sanft abfallenden Grasstreifen zum Fluss hinab. Der Mann im Sattel passte sich locker jeder Bewegung des Pferdes an. Dabei öffnete er mit der Rechten bereits die Lederklappe seiner Armee-Revolverhalfter.

Im Fluss sprühte Gischt auf. Der Flüchtende trieb sein Pferd durchs Wasser. Die Sioux waren dicht hinter ihm ausgeschwärmt, schrien und schossen ihre Waffen ab. Nach drei, vier Yards sackte das Pferd unter dem Goldsucher weg. Die Oberfläche des Flusses zeigte plötzlich dunkelrote Streifen von Blut.

Der Flüchtende stürzte seitlich aus dem Sattel und tauchte unter. Drei Siouxkrieger trieben schreiend und Waffen schwingend ihre Mustangs hinter ihm in den Fluss. Der Körper des getroffenen Braunen wurde von der Strömung erfasst und mitgerissen. Plötzlich wurde die dunkle Gestalt im Fluss sichtbar, fasste Grund unter den Füßen und watete stolpernd und taumelnd zu einer gelb schimmernden Sandbank in der Mitte des Flusses. Hemd und Hose klebten klatschnass am Körper des Verfolgten.

Er hielt mit beiden Händen einen Lederbeutel gegen die Magengrube gepresst, als hinge für ihn alles davon ab, diesen Besitz zu retten.

Allans Stute jagte in den Fluss. Der Captain schwang den Revolver hoch und feuerte blindlings ein paar Schüsse ab. Die Reiter am Ufer hielten. Die drei Krieger im Fluss hetzten hasserfüllt hinter dem flüchtenden Goldgräber her. Der Mann erreichte ausgepumpt die Sandbank, entdeckte den heransprengenden Offizier und blieb schwankend stehen.

„Weiter, Mann!“, brüllte ihm Allan zu. „Her zu mir! Schwimmen Sie!“

Der Goldsucher machte einen unsicheren Schritt auf der Sandbank - und dann traf es ihn. Wie von einem furchtbaren Hieb getroffen, wurde er vornüber aufs Gesicht geschleudert. Ein schriller Triumphschrei zitterte über den Fluss. Die Indianer im Fluss richteten ihre Waffen auf den näherkommenden uniformierten Reiter. Die Horde am Ufer bildete eine waffenstarrende, unheimlich wirkende Mauer.

Der einzelne Offizier davor erschien schutzlos und verloren. Zuerst war Allan versucht, seinen Revolver auf die Roten abfeuern. Dann halfterte er die Waffe schnell, ließ das Pferd jedoch weiter auf die Sandbank zustampfen. Er stellte sich in den Steigbügeln auf und schrie wild und entschlossen: „Die Grenze verläuft an eurem Ufer! Der weiße Mann hat euer Land verlassen! Kein Krieger der Sioux hat noch das Recht, ihn hier zu töten! Reitet zurück, sonst zwingt ihr die Blauröcke im Fort zum Krieg!“

Die schwarzen Augen funkelten wild in den braunen Indianergesichtern. Die Gewehrläufe folgten seinen Bewegungen. Geduckt und lauernd wie Wölfe hockten die Sioux auf ihren Gäulen. Und Allans Stute pflügte immer weiter das Wasser des Flusses. Der Abstand zwischen dem Captain und den Roten verringerte sich schnell und bedrohlich. Als er die Sandbank schließlich erreichte, waren ihm die Gewehrmündungen und Pfeilspitzen der Sioux so nahe, dass kein Schuss mehr danebengehen konnte.

Einen Moment starrte er sie mit zusammengebissenen Zähnen an. Totenstille herrschte auf einmal. Hinter den Palisadenspitzen des Forts waren die Gesichter der Soldaten bleich und straff vor Anspannung.

Dann stöhnte der Verwundete laut und strengte sich an, wieder in die Höhe zu kommen. Über die Gesichter der Siouxkrieger lief ein wildes Zucken. Ihre Gewehre bewegten sich ruckartig um einige Zoll. Da war Allan Scott bereits mit einem Satz aus dem Sattel und stand breitbeinig und geduckt über dem verletzten Digger.

„Die Männer der Sioux haben meine Worte gehört und sollten sich danach richten!“

Ihre Kinnladen mahlten. Der Hass loderte unverhüllt aus ihren Augen. Aber da tönte plötzlich ein gutturaler, knapper Befehl ihres Anführers. Zögernd sanken die Gewehre und Bogen herab. Eine Sekunde lang kostete es die Krieger Mühe, ihre Blicke von dem großen, breitschultrigen Weißen abzuwenden. Dann zogen sie mit ausdruckslosen Mienen ihre Mustangs herum, verschwanden aus dem Fluss und vom Ufer und ritten lässig und stolz in die Black Hills zurück.

Jetzt erst merkte Allan Scott, dass er völlig in Schweiß gebadet war. Das Hämmern seines Herzens drohte seine Brust zu sprengen. Der Mann vor ihm lag auf dem Bauch, hatte sich mühsam auf die Ellenbogen gestemmt und starrte aus fiebrigen Augen zu ihm hoch.

„Helfen Sie mir!“, flüsterte er erschöpft. „Lassen Sie mich nicht im Stich! Ich ... ich kann nichts dafür, dass Mike diesen Bestien in die Hände fiel. Ich wollte nur . . .“ Sein Gesicht fiel in den Sand. Er hatte die Besinnung verloren.

Allan hob ihn vorsichtig aufs Pferd und saß hinter ihm auf. So kehrte er langsam zum Fort zurück. Das Begeisterungsgeschrei der Soldaten wogte ihm entgegen. Aber um Allans Mundwinkel hatten sich harte, dunkle Falten gekerbt. Er hielt den Beutel in der Hand, den der Digger so verbissen zu retten versucht hatte. Seine Finger ertasteten die kantigen Goldkörner. Das Leder darüber war nass und dunkel von Blut.

 

*

 

Der Militärarzt erhob sich von der Seite des Verwundeten, der mitten im Sonnenglast auf einer dicken Wolldecke lag. Mit einem bedauernden Schulterzucken wandte er sich Allan und dem Colonel zu.

„Tut mir leid, Captain! Ihr ganzes Wagnis war umsonst. Er hat drei Kugeln im Leib, und jede davon reicht aus, ihn umzubringen!“

Das Stimmengev/irr ringsum erstarb. Allan Scott fühlte sich plötzlich erschöpft und ausgehöhlt. Der Colonel legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Versuchen Sie es zu vergessen, Captain. Sie haben wirklich Ihr Möglichstes getan! Warner, Higgins, bringt den Mann in die Unterkunft. Bleibt bei ihm! Wenn er ...“

Der Verwundete begann sich zu bewegen. „Mike!“, stöhnte er. „Mike, alter Junge, was ist los mit dir? Warum begreifst du denn nicht? Ich will ja nur ...“ Er setzte sich schwitzend und keuchend auf. Plötzlich wurde sein Blick klarer. Er starrte die Uniformierten an.

„Wo bin ich? Die Indsmen . ..“

„Keine Aufregung, mein Freund!“ Der Arzt kauerte bei dem Schwerverletzten nieder und stützte ihn. „Sie sind in Sicherheit! Legen Sie sich ruhig wieder hin! Ich werde ...“

Der Mann stöhnte vor Schmerzen und krallte die Finger in den Ärmel des Arztes. Aber er ließ sich nicht zurücksinken. „Das Gold!“, schnaufte er. „Wer hat mir das Gold abgenommen? Wo ist. ...“

„Hier!“, stieß Allan kratzend hervor und warf ihm den prallen Beutel auf die Decke.

In den Augen des Diggers glomm es gierig auf. „Ja!“, krächzte er. „Da ist es! Gut so, gut...“ Er zog den Beutel an sich und begann mit zitternden Fingern an der Verschnürung zu nesteln.

„Sollten Sie jetzt nicht lieber an sich denken?“, murmelte der Doc rau.

Der Verwundete hörte gar nicht. Anstrengung und Schmerzen zerwühlten sein Gesicht. Aber er hantierte verbissen an der Verschnürung. Der Arzt warf Allan und dem Colonel einen ratlosen Blick zu. Blake schüttelte nur stumm den Kopf. Die Soldaten ringsum drängten näher. Die Schnur löste sich plötzlich. Der Beutel ging auf und entglitt den Händen des Diggers. Goldkörner rieselten ihm über die Oberschenkel, hüpften auf die grobe Wolldecke.

„Teufel nochmal! Boys, seht euch das bloß an!“, keuchte Corporal Wade Lester. Wie von einem Magnet angezogen, löste er sich aus dem Ring der gaffenden Soldaten und steuerte auf den Verwundeten zu. Erst als sich der Colonel laut räusperte und ihm einen ägerlichen Blick zuwarf, blieb der Corporal stehen.

Die knochigen Hände des Goldsuchers krochen wie riesige Spinnen über die Decke und versuchten, die Nuggets wieder einzusammeln. Die ganze Zeit stöhnte und keuchte er dabei, und der Schweiß lief ihm in Strömen übers lederne Gesicht.

„So helft mir doch! Es ist mein Gold! Es gehört mir ...“

Jäh beugte sich Allan über den Mann und packte seine Handgelenke. „Hören Sie auf damit! Haben Sie noch immer nicht genug? Hat dieses verdammte Gold nicht genug Unheil angerichtet?“

„Geh weg!“, krächzte der andere. „Lass mich in Ruhe! Ich will das Gold!“

„Erst werden Sie mir ein paar Fragen beantworten! Die Armee hat den Befehl erhalten, die Goldsucher von den Black Hills fern zu halten. Es wird unweigerlich Krieg geben, wenn immer wieder Weiße ins Indianergebiet eindringen. Sagen Sie mir, ob sich noch mehr Goldgräber in den Hügeln aufhalten!“

„Zum Teufel mit der Armee! Das Gold ...“

„Ich will eine Antwort, Mann! Und wenn es nur die eine Möglichkeit gibt, Sie zur Vernunft zu bringen, dann muss ich es Ihnen sagen! Sie haben nicht mehr lange zu leben, Mister ...“

Die Augen des Diggers wurden groß. Die Gier war plötzlich daraus weggewischt.

„Nein! Das ist nicht wahr ..."

„Er tut mir leid! Sie haben mir keine andere Wahl gelassen. Und ich glaube, es ist besser, wenn Sie jetzt endlich Bescheid wissen.“

„Ja!“, flüsterte der Mann und starrte ihn leer an. „Ja, Sie haben recht! Mike, mein Freund, alles war umsonst ... Mike, das Gold - es hat mir kein Glück gebracht ...“

„Beantworten Sie meine Frage!“, drängte Allan. „Es hängt viel davon ab!“

Der Goldsucher nickte müde. „Schon gut! Mike und ich, wir waren nicht allein in den Black Hills. Noch ein paar andere sind durch die Absperrung der Armee geschlüpft. Drüben in der Rainbow Gulch besitzen sie ’ne Mine. Als Mike und ich uns entschlossen, den Black Hills den Rücken zu kehren, wollten sie nicht auf uns hören. Fürchte, die Rothäute werden ihnen bald an den Kragen gehen. Wie mir und Mike! Ist nur schade um die Frau ...“

„Eine Frau? Mitten in den Black Hills?“

„Ja!“, stöhnte der Digger. „Hübsches Girl! Die Schwester von zwei dieser Burschen, glaube ich. Die Sioux werden ganz wild sein, wenn sie erst mal Wind davon bekommen ...“

Allan ließ den Mann los, als dessen Stimme erlosch. Er erhob sich bleischwer. Als sein Blick den Augen des Colonels begegnete, las er darin dieselbe Sorge, die er empfand - und zugleich die Last der Verantwortung.

Blake murmelte: „Eine schlimmere Nachricht hätte er uns nicht bringen können!“

In der tiefen Stille, die folgte ,war nur das flache Atmen des Verwundeten zu vernehmen. Plötzlich bäumte sich der Goldsucher in den Armen des Arztes auf. „Mike! Partner! Verzeih mir! Dieses verfluchte Gold ...“

Er röchelte. Dann war alles wieder still.

Der Doc ließ ihn behutsam auf die Decke zurücksinken und stand auf. Er winkte zwei Soldaten heran. „Schafft ihn weg! Er ist tot!“

Der Colonel seufzte und wollte sich entfernen.

„Sir“, sagte Allan schnell, „ich glaube, wir sollten jetzt keine Minute mehr verlieren!“

Blake schaute ihm bitter ins Gesicht. „Sie denken an die Goldsucher in der RainbowGulch?“

„Yeah, Sir!“

„Scott, verstehen Sie denn nicht? Mir sind die Hände gebunden. Ich habe nur auf dieser Seite des Flusses Gewalt.“

„Eine Frau ist dabei, Colonel!“, sagte Allan leise. „Sie haben es selber gehört.“

„Ich wollte, er hätte nicht mehr gesprochen!“ Blake hieb die geballte Faust in die offene Linke. „Wenn ich mit einer Schwadron in die Black Hills einrücke, um ein paar verrückte weiße Digger aufzulesen, ist der offene Krieg da! Dafür wird man mich vor ein Kriegsgericht stellen!“

„Eine Schwadron? Vielleicht genügen weniger Leute!“

Blake ging dicht an den Captain heran und versuchte in dessen kantigem, sonnengebräuntem Gesicht zu lesen. „Sie haben einen Plan, Scott. Heraus damit!“

„Sir! Geben Sie mir eine Patrouille von zehn Mann - und ich werde es versuchen!“

Die Soldaten waren im Weggehen, hatten jedoch jedes Wort gehört und blieben wie festgenagelt stehen. Blake starrte den Captain plötzlich wie einen Fremden an. Eine Weile kam kein Wort über seine Lippen. Dann stieß er heiser hervor: „Scott, wenn das ein anderer Mann zu mir gesagt hätte, würde ich an seinem Verstand zweifeln! Ein Kommando von einem Offizier und zehn Kavalleristen in die Black Hills? Das ist der reine Selbstmord, Captain!“

„Eine kleine Gruppe hat vielleicht mehr Chancen, den Sioux auszuweichen als eine oder zwei Schwadronen, Sir!“

„Warum sind Sie bloß so versessen darauf?“

„Sir, könnten Sie von dieser Stunde an ruhig schlafen? Immer mit dem Gedanken an jene Weißen in der Rainbow Gulch? An die weiße Frau, die ohne unsere Hilfe rettungslos den Sioux ausgeliefert ist?“

„Damned, Scott! Sie verstehen es, einem Mann zuzusetzen! Haben Sie auch überlegt, dass alles umsonst sein kann - zu fünfundneunzig Prozent sogar? Dass nicht nur die Goldsucher und die Frau den Rothäuten in die Hände fallen werden, sondern auch tapfere US-Kavalleristen?“

„Ich würde nur Freiwillige mitnehmen! Und ein Versuch ist besser als gar nichts,“

„Freiwillige!“, schnaubte Blake. „Sie machen sich Illusionen, Captain Scott!“

„Geben Sie mir freie Hand, Sir! Mehr verlange ich gar nicht!“

Blake betrachtete ihn nachdenklich, schüttelte dann den Kopf und seufzte: „Sie sind mein bester Mann im Fort. Wahrscheinlich bin ich ein verdammter Narr - aber ich kann nicht nein sagen! Scott, eines muss Ihnen klar sein! Wenn Sie erst in den Black Hills sind, werden Sie auf keine Hilfe von unserer Seite rechnen können! Ich lasse Sie auf eigene Faust reiten! Offiziell wird die Armee mit dieser ganzen verfluchten Sache nichts zu tun haben! Wenn die Sioux über Sie kommen, haben Sie das ganz alleine auszubaden. Sie verstehen mich!“

„Sehr genau sogar!“ Allan lächelte dem ranghöheren Offizier dünn zu.

Blake hob die Schultern. „Dann kann ich bloß noch hoffen, dass kein Mann närrisch genug ist, Ihnen über den Fluss zu folgen!“

Mit langen Schritten stiefelte er davon. Allan sah die wie unter einer schweren Last gekrümmten Schultern und wusste, wie schwer es dem Colonel fiel, sich nicht offen auf seine Seite zu stellen.

Allan trat langsam und aufrecht vor die schweigenden Soldaten.

„Ihr wisst, worum es geht, Männer! Ich brauche also keine Worte mehr zu verlieren! Zehn Freiwillige!“

Blicke begannen ihm auszuweichen. Köpfe senkten sich. Stiefel scharrten im Sand. Aber kein Mann brachte es fertig, ihm einfach den Rücken zu kehren und davonzugehen. Ein Gefühl von Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit überfiel den Offizier.

Er sagte rau: „Ich erinnere euch nur noch an eure Frauen, Bräute und Schwestern. Würde einer von euch sie unter dem Skalpmesser eines Sioux sehen wollen? Oder im Tipi eines roten Kriegers, was vielleicht noch schlimmer ist?“

„Höllenfeuer!“, ließ sich eine heisere Brummstimme vernehmen. „Ich möchte nicht, dass Sie uns alle für ausgemachte Feiglinge halten, Captain!“ Ein großer, massiger Mann mit den Abzeichen eines Master Sergeanten an den Ärmeln kam auf Allan zu. „Ich bin mit von der Partie!“

Er baute sich breitbeinig, die mächtigen Fäuste gegen die Hüften gestemmt, neben dem Captain auf. Allan nickte ihm zu.

„Danke, Sergeant Whiteman!“

Sergeant Ted Whiteman war sein Stellvertreter bei der ihm unterstellten B-Schwadron. Ein derber, aber gradliniger Soldat, der schon mit ihm zusammen im Bürgerkrieg gekämpft hatte und ihm treu ergeben war. Er knurrte die zaudernden Soldaten böse an. „Eines sage ich euch, ihr Hasenfüße, wenn der Captain und ich alleine in die Black Hills reiten müssen, und wenn wir mit heiler Haut zurückkommen - well, dann werde ich dafür sorgen, dass ihr hier im Fort Blut und Wasser schwitzt. An eure Rekrutenzeit werdet ihr euch wie ans Paradies erinnern, wenn ich euch erst mal auf dem Exerzierplatz ...“

„Aufhören, Sergeant! Mir graust es bereits!“ Ein kleiner, krummbeiniger Soldat mit einem schwarzen Sichelbart hastete grinsend vor. „Besser hundert Sioux und ein ungeladenes Gewehr als den Zorn von Mr. Ted Whiteman. Meinst du nicht auch, Jack, alter Junge?“

„Ganz deiner Meinung, Rud!“ Ein stämmiger, rothaariger Bursche war dem Kleinen gefolgt. Sie stellten sich hinter Allan und den Master Sergeant.

„Endlich!“, brummte dieser. „Rud Keeney und Jack Malone! Euch beiden hätte ich die Beine extra lang gezogen! Nur - es fehlen noch immer sieben Mann!“

Der drahtige Corporal Wade Lester war neben die Decke getreten, auf der vorher der Schwerverletzte gelegen hatte. In sein verkniffenes Gesicht trat ein lauernder Ausdruck, als er auf die verstreuten Goldkörner hinabdeutete.

„Captain, ich wüsste schon ’nen Weg, mehr harte Burschen anzuwerben. Nur der Armeesold ist nicht hoch genug, um dafür den Kopf in die Schlinge zu stecken. Das hier sieht schon besser aus und ist herrenlos.“ Er ließ die Hand über den Nuggets kreisen.

Whitemans breitflächiges Gesicht verdüsterte sich. „Zur Hölle mit dir, Lester! Du bist kein Revolvermann, der mit Gold bezahlt wird und Bedingungen stellen kann! Du bist...“

„Vielleicht war ich mal einer!“, grinste ihn Lester spöttisch an. Er rückte an seinem Koppel. „Vielleicht versteh’ ich mich deshalb besser auf Geschäfte als du, Sergeant!“

„Geh mir aus den Augen!“, knurrte Whiteman wütend. „Kerle von deiner Sorte haben mir noch nie gefallen! Hab’ schon mehr als einen Burschen wie dich getroffen. Keiner war in der Armee, weil er es gerne so wollte, sondern ...“

„Vorsicht, Freund Whiteman, achte auf deine Worte!“

Auf einmal straffte sich Wade Lester. Und jetzt, da seine Rechte zur Revolverhalfter kroch, erinnerte er tatsächlich trotz seiner blauen Uniform an einen Revolverschwinger.

Whiteman machte eine wütende Bewegung, doch Allan hielt ihn rasch zurück.

„Keine Dummheiten jetzt! Das ist ein Befehl! Ihr alle wisst, was auf dem Spiel steht! Lester, ich werde Ihnen entgegenkommen! Wer mitreitet, kann sich seinen Anteil an diesem Gold nehmen. Als Prämie sozusagen. Der Colonel wird sicher damit einverstanden sein!“

In Corporal Lesters Augen blitzte es triumphierend auf.

„Endlich ein richtiges Wort! Captain, Sie können auf mich zählen!“

Er bückte sich schnell und begann, die Nuggets in den blutverkrusteten Lederbeutel zu sammeln.

Getuschel entstand in den Reihen der übrigen Soldaten. Dann meldeten sich gleichzeitig vier Soldaten. Lauter wettergegerbte, kräftige Blauröcke, deren Gesichter die Spuren harter Kämpfe aufwiesen. Es war bezeichnend, dass sie sofort zu Lester hinüberstürzten, der den inzwischen wieder prallen Goldbeutel in den Pländen wog. Zum Schluss meldete sich noch ein junger, blonder Soldat, der kaum älter als achtzehn Jahre sein mochte, und ein schnurrbärtiger Corporal, dessen ständig gerötete Nase den Trinker verriet.

Lester kauerte auf der Decke nieder und begann, die Nuggets abzuzählen und nach Größe und Gewicht zu verteilen. Die anderen hatten nur noch Augen und Ohren für ihn.

Whiteman beugte seinen Kopf zu Allan hinüber.

„Ich weiß nicht, ob das die passende Methode war, um die richtigen Leute zusammenzubringen, Sir!“

„Aber ich weiß genau, dass wir beide, Sergeant, zusammen mit Malone und Keeney keine Chance gegen die Sioux besessen hätten. Es gab keine andere Lösung.“

„Leider, Captain“ seufzte der hünenhafte Sergeant und lockerte nervös sein Halstuch. „Ich wünschte, wir wären schon aus den Black Hills zurück - und zwar mit unseren Haaren auf dem Kopf!“

Allans Stimme wurde unpersönlich. „Veranlassen Sie alles Nötige zum Aufbruch. Waffen, Munition, die richtigen Pferde, Proviant. Sie wissen Bescheid. In einer Stunde will ich die Männer in den Sätteln sehen. Dann brechen wir auf.“

Er wartete nicht mehr ab, bis Whiteman salutierte, sondern entfernte sich eilig in sein Quartier. Ihn beschlich die Ahnung, dass in den Black Hills ein schlimmerer Feind auf ihn wartete als die Sioux: das Gold!

 

*

 

Das Girl kniete zwischen den Büschen und Felsblöcken am Creek nieder und tauchte den Ledereimer ins kristallklare Wasser. Die Sonne zauberte einen rötlichen Schimmer auf ihr kastanienfarbenes Haar, das im Nacken von einem blauen Band zusammengehalten wurde. Hangaufwärts, wo sich die Blockhütte der Goldsucher an eine Felswand lehnte und wo der Mineneingang wie eine Höhle klaffte, dröhnte das ohrenbetäubende Krachen einer Pulverexplosion.

Das Mädchen richtete sich unwillkürlich auf und spähte nach oben. Staub wogte in dichten Schwaden aus dem Minenstollen. Drei Männer lagen ein beträchtliches Stück davon entfernt hinter hohen Felsbrocken in Deckung. Eben verschwand der Zündfunke einer zweiten Lunte in der staubvernebelten Minenöffnung. Die gespannte Erregung der Männer auf dem Hang übertrug sich auf das Mädchen. Es stand wie gebannt und wartete mit angehaltenem Atem.

Dann dröhnte schon die zweite Explosion, ohrenbetäubender als die erste. Felsbrocken aller Größen wurden wie von einer Riesenfaust aus dem Loch im Berg geschleudert. Das Bersten und Poltern war unerträglich. Noch hatte sich der Staub nicht verzogen, noch rollte das Echo zwischen den zerklüfteten Schluchtwänden, da sprangen die drei Männer auf und rannten zum Mineneingang.

Das Mädchen bückte sich hastig nach dem Eimer, schöpfte ihn voll - und während es noch in dieser Haltung, verharrte, entdeckte es die beiden Indianer. Sie hatten den Creek halb durchquert und sprengten geradewegs auf sie zu. Kräftige Gestalten, nur mit ledernem Lendenschurz bekleidet, Kriegsfarben im Gesicht.

Das Mädchen stieß einen schrillen Schreckensschrei aus, ließ den Eimer in den Creek klatschen und wandte sich zur Flucht. Ehe es die Sträucher und Felsen am Ufer hinter sich lassen konnte, hatten es die beiden Reiter links und rechts eingeholt. Der eine Indianer streckte grinsend die Faust nach ihrem flatternden Haar aus. Die Fliehende ließ sich im letzten Moment einfach fallen. Die Pferde jagten vorbei.

Das Mädchen raffte sich hoch, sein Blick suchte gehetzt nach einer neuen Fluchtrichtung. „Mitch!“, schrie sie aus voller Kehle. „Mitch, Johnny, Hilfe!“

Die Rothäute hatten wütend ihre zottigen Ponys herumgerissen und waren schon wieder auf gleicher Höhe mit ihm. Der Rock verfing sich an den knorrigen Ästen eines Zedernstrauches. Der Stoff zerriss. Das Mädchen stürzte. Wie ein Panther schnellte der eine Indianer vom Fellsattel herab. Seine kräftigen, braunen Fäuste zwangen dem Mädchen die Arme auf den Rücken. Mit einem brutalen Ruck stellte er es auf die Füße und begann, es zu seinem Pferd zu schleppen.

„Aufhören! Loslassen, ihr Schufte! Mitch, Johnny, Murdock - um Himmels willen, helft mir!“

Ihr Atem flog. Sie setzte sich verzweifelt zur Wehr. Beide Sioux lachten kehlig.

Der Hang lag leer und wie ausgestorben unter der Glut der Sonne. Der dunkle Stolleneingang wirkte wie ein unheimliches, gefräßiges Maul, das die weißen Goldsucher einfach verschluckt hatte. Der Indianer packte das Mädchen um die Taille und hob es auf das unruhig stampfende Pony. Das Mädchen krallte mit den Fingernägeln nach seinem Gesicht, aber der Rote bog hart auflachend den Kopf zurück. Der zweite lenkte bereits seinen Gaul herum, der andere wollte sich hinter das Mädchen auf sein Tier schwingen.

Ein Schuss kam ihm zuvor. Ein weißes Pulverrauchwölkchen stand plötzlich über einem zerklüfteten Felsblock. Die Hände des Sioux fielen schlaff herab. Er wich einen torkelnden Schritt vom Pferd zurück. Dann brach er wie vom Blitz getroffen zusammen.

Noch in den Nachhall der Detonation schnitt eine scharfe Männerstimme: „Runter vom Gaul, Lorna, schnell!“

Das Mädchen gehorchte sofort. Sie fiel in dichtes Zederngestrüpp. Der reiterlose Mustang jagte sofort los und verschwand zwischen den Felsen. Der zweite Krieger hatte sein Pferd angehalten, war halb herumgewirbelt und hatte ein Gewehr an die nackte, braune Schulter gerissen. Der Weiße war nur ein gleitender Schatten zwischen Sträuchern und Felsen. Der Schuss des Indianers fetzte lediglich einen Splitterregen von einem Gesteinsblock. Die nächste Kugel aus dem Colt des Weißen riss neben dem Pony Erdklumpen und Steine in die Luft. Das Pferd machte einen erschreckten Satz. Der Krieger verzichtete auf einen weiteren Kampf, galoppierte durch den Creek zurück und tauchte drüben zwischen Fichten und Felstürmen ein. Das Hufgehämmer entfernte sich zum Schluchtausgang.

Der Weiße näherte sich mit langen Schritten dem Strauchwerk.

„Lorna! Lorna, alles in Ordnung mit dir?“

Seine Stimme klang besorgt. Er war ein großer, langbeiniger Mann in Reitertracht. Die Halfter hing tiefgeschnallt an seinem rechten Schenkel. Von der Mündung seines schwerkalibrigen Colts löste sich der Faden des Pulverdampfes. Das Mädchen tauchte zerzaust, mit zerschlissenem Rock und zerlöcherter Bluse zwischen den Büschen auf. Ihr schmales Gesicht war kreidebleich.

„Mitch, o Mitch, du bist im letzten Moment gekommen! Ich dachte schon ... Mein Gott, es war so schrecklich, Mitch!“ Sie warf sich zitternd an seine Brust.

Er halfterte den Colt und strich ihr unbeholfen übers Haar. „Schon gut, Lorna! Alles vorbei, Schwester! Die Roten sind fort.“

„Aber sie werden wiederkommen, Mitch!“, flüsterte Lorna Clinton herb. „Nicht nur zu zweit! Du weißt es doch, Mitch! Ihr alle wisst es!“ Ihr Blick glitt an Mitch Clinton vorbei zu den beiden anderen Männern, die von der Mine herabgekommen waren und nun betroffen auf die Szene starrten. „Warum wollt ihr noch länger warten? Mitch, lass uns von hier fortgehen! Nicht morgen oder übermorgen! Heute noch! Jetzt gleich!“

Der große Mann mit dem scharfzügigen Gesicht schob sie sachte, aber bestimmt von sich. Er sagte fest: „Lorna, du bist jetzt aufgeregt, und niemand macht dir deswegen einen Vorwurf! In einer Stunde hast du dich sicher wieder beruhigt und denkst anders über alles! Johnny, bring sie zur Hütte hinauf!“

Er winkte dem jüngeren der beiden anderen Männer zu. Dessen Ähnlichkeit mit ihm verriet den Bruder.

Johnny Clinton bewegte unruhig die Schultern.

„Ich weiß nicht, Mitch! Vielleicht hat Lorna recht! Rothäute in der Rainbow Gulch - das wird schlimm enden!“

„Zwei streifende Späher, und einer davon ist tot!“, meinte Mitch gleichmütig. „Das ist noch kein Grund, den Kopf zu verlieren! In Zukunft werden wir eben besser aufpassen. Jetzt sind wir immerhin gewarnt.“

„Was hilft jede Warnung, wenn wir es morgen vielleicht schon mit einer zehnfachen Übermacht zu tun haben?“, murmelte der Junge gepresst.

„Du siehst Gespenster, Johnny!“ Mitch klopfte ihm auf die Schulter. „Du denkst doch nicht im Ernst daran, die Mine jetzt schon aufzugeben! Lance, was meinst du?“

Er wandte sich an den dritten Mann. Der war gedrungen und kräftig gebaut und besaß ein nahezu viereckiges Gesicht. Lance Murdock war als Partner der Clinton-Geschwister auf der Suche nach dem gelben Metall in die Black Hills gekommen. Er war der älteste von allen. Er lächelte grimmig, ließ den Blick von einem zum anderen wandern, brachte schließlich die geballte Faust hinter dem Rücken hervor und öffnete sie langsam.

„Ich denke, das ist Antwort genug!“, sagte er heiser. „Dafür lohnt sich jedes Risiko!“

Von einer Sekunde zur anderen hatten Mitch und Johnny die Sioux vergessen. Jetzt sahen sie nur noch die Klumpen von hellem Gestein in Lance Murdocks breiter Hand. Und diese Steinbrocken waren von matt-rötlichen Adern durchzogen. Johnny Clinton schluckte würgend, griff sich an die Kehle und machte unwillkürlich einen Schritt auf Murdock zu.

„Mein Gott! Ist das ... ist das wirklich …?“

„Gold!“, nickte Murdock hart. Ein heißes Licht brach auf einmal aus seinen Augen. Seine Stimme wurde lauter. „Well, Gold, Freunde! Seht es euch nur richtig an! Gold! Und ich hab’ es eben aus unserer Mine geholt! Die Sprengung hat die Ader freigelegt! Wir haben die richtige Stelle gewählt, Boys, wir sind am Ziel!“

Lorna sagte tonlos: „Ich erwarte, dass du an dein Leben denkst, Mitch! An unser aller Leben! Lass uns von hier fortreiten. Was nützt dir alles Gold der Welt, wenn die Sioux ...“

„Hör endlich mit diesen verdammten roten Kojoten auf!“, schrie Mitch Clinton los. Er machte eine fahrige Handbewegung, als das Mädchen zusammenzuckte. „Tut mir leid, Lorna! Nimm’s nicht zu tragisch! Aber hör auf damit, mich umstimmen zu wollen! Ich werde diesen Bergen erst den Rücken kehren, wenn ich genug Gold habe, um nicht mehr als Cowboy für irgendeinen großspurigen Rancher reiten zu müssen! Nicht früher!“

Lorna verkrampfte die Hände ineinander.

„Johnny! Murdock! Hört ihr wenigstens auf mich! Bringt ihn zur Vernunft! Bitte!“

Johnny zögerte. Seine Miene drückte Unsicherheit aus. Aber Murdock ließ spielerisch das Gold von einer Faust in die andere rieseln und grinste dazu breit.

„Da drinnen im Berg wartet auf jeden von uns Reichtum. Das ist eine Chance, für die ich mit bloßen Händen gegen ein halbes Hundert blutrünstiger Sioux kämpfen würde. Nein, Lorna, erwarten Sie nichts von mir! Ich wäre ein schlechter Freund Ihres Bruders, wenn ich ihn davon abhalten wollte, dieses Gold zu gewinnen! Mitch, komm mit! Ich werd’ dir die Ader zeigen! Und du wirst Augen machen!“

Er lachte glucksend und schlug Mitch auf den Rücken. Der stimmte in das Lachen ein. Lorna war für sie schon vergessen. Eingehakt stolperten sie in übermütiger Hast den Hang hinauf. Nur Johnny stand noch da und starrte unschlüssig auf seine staubbedeckten Stiefelspitzen hinab. Als das Mädchen jedoch neben ihn trat, gab auch er sich einen Ruck und setzte sich in Bewegung.

„Mitch ist hier der Boss“ murmelte er unbehaglich, ohne Lorna anzusehen. „Das war von Anfang an vereinbart. Und wir beide können ohne Lance und ihn nicht einfach von hier abhauen, das siehst du doch ein!“

Er wurde schneller, so dass Lorna nicht mehr mit ihm Schritt halten konnte. Sie blieb stumm und niedergeschlagen zurück. Von beklemmenden Ahnungen erfüllt, schaute sie zum Creek hinab, wo der tote Sioux-Späher zwischen den Sträuchern lag.

 

*

 

Am Mittag des folgenden Tages ritt die Patrouille aus Fort Bascomb in der Rainbow Gulch ein. In Zweierreihe hielten die Soldaten vor dem Goldsucher-Blockhaus. Sie alle waren über und über mit Staub bedeckt. Der harte Ritt, die ständige Wachsamkeit und das Wissen, dass der Tod sie auf Schritt und Tritt begleitete, hatten ihre Spuren in den Gesichtern der Männer hinterlassen. Seit Stunden waren sie zu müde und abgespannt, um noch ein Wort miteinander zu wechseln.

Dass sie ihr Ziel überhaupt erreicht hatten, erfüllte sie kaum mit Genugtuung. Hier, mitten im Indianergebiet, kamen sie sich wie in einer Todesfalle vor. Das schlimmste lag erst noch vor ihnen - der Rückweg zum Fort auf der anderen Seite des Flusses. Sie hatten zwar keinen einzigen Sioux gesehen, aber jeder war erfahren genug, um zu wissen, dass ihre Anwesenheit den Rothäuten bestimmt nicht verborgen geblieben war. Sie alle hatten das bedrückende Gefühl, dass sie sich bereits ein unsichtbares Netz um sie zusammenzog .Jetzt saßen sie gebeugt in den Sätteln und warteten nur darauf, dass der Captain den Befehl zum Absitzen und Ausruhen gab.

Ein gedrungener, muskulöser Mann mit eckigem Gesicht tauchte neben der Hütte auf. Er hielt einen Karabiner in seinen derben Fäusten. Seine Miene zeigte nicht den leisesten Hauch von Freundlichkeit.

„Hallo, Blauröcke! Das ist eine Überraschung! US-Kavallerie mitten in den Black Hills! Nur - Gentlemen, kann ich Ihnen leider unsere Gastfreundschaft nicht anbieten. Uns ist es lieber, ihr verzieht euch wieder, ehe ihr uns die ganze Sioux-Nation auf den Hals lockt!“

Allan Scotts breite Schultern strafften sich. Er vergaß die Müdigkeit, die auch ihm in den Knochen saß.

„Die Rothäute kommen bestimmt auch ohne uns, Mister! Deshalb sind wir hier! Mein Name ist Allan Scott, Captain aus Fort Bascomb. Und mein Auftrag lautet, die Goldsucher aus der Rainbow Gulch ungeschoren aus dem Indianergebiet zu geleiten!“

„Was reden Sie da? Captain, das ist doch nicht Ihr Ernst!“ Der Gedrungene lachte zornig auf. „Boys, kommt mal her! Seht euch mal diesen Gent an! Der ist doch tatsächlich um unsere heile Haut besorgt!“ Er klatschte sich auf die Schenkel.

Allan sagte kühl: „Ich finde das nicht lächerlich! Im Gegenteil. Ich meine, Sie und Ihre Freunde sollten keine unnötige Zeit vertun, die Pferde satteln und ..“

Der Gedrunge stampfte auf Allan zu. „Hören Sie mal zu, Captain!“, presste er hervor. „Niemand hat Sie und Ihre Leute um diesen Besuch gebeten. Die Sioux überlassen Sie nur uns. Sehen Sie zu, dass Ihnen selber nichts passiert. Und dann machen Sie mir die Freude und ziehen so schnell wieder ab, wie Sie gekommen sind!“

„Zum Kuckuck!“, grollte der Master Sergeant Ted Whiteman schräg hinter Allan. „Das nenne ich einen freundlichen Empfang. Ich habe Lust, Captain, diesem Miner richtige Manieren beizubringen. Auf meine Spezialart ..“ Er rieb sich die schweren Fäuste.

Allan winkte ab. Er sah einen jungen Mann und ein hübsches Mädchen aus der Blockhütte treten. Ihre Ähnlichkeit verriet, dass sie Geschwister waren. Allan schwang sich vom Pferd und sagte ruhig: „Ich denke, Ihre Partner haben hier auch ein Wort mitzureden, nicht wahr?“

„Johnny“, redete das Mädchen hastig auf den jungen Mann ein, „er hat recht! Dies ist eine Chance, die wir uns nicht entgehen lassen sollten! Reiten wir mit ihnen, wir alle! Captain, ich freue mich, Sie hier zu sehen! Mein Name ist Lorna Clinton. Das ist mein Bruder Johnny, und das Lance Murdock, unser Partner. Wir haben ...“

Lance Murdock grollte: „Johnny, du bringst sie besser ins Haus zurück! Ich hoffe, du entscheidest dich richtig, mein Junge. Denk an die Mine. Und Sie, Captain ...“

„Überlass ihn mir, Lance!“, mischte sich eine scharfe Stimme ein. „Ich weiß mit ihm umzugehen! Schließlich sind wir alte Bekannte!“

Die Schritte knirschten vom Minenstollen herüber. Allan wendete sich halb - und erstarrte. Dieses scharfgeschnittene Gesicht mit den hellen Falkenaugen ließ auf einmal wieder die Vergangenheit für ihn lebendig werden. Die wilden, höllischen Jahre des Bürgerkriegs! Kanonendonner, Pulverrauch und sterbende Männer! Damals hatte der Mann vor ihm nicht diese einfache Reitertracht getragen, sondern die graue Uniform der Konförderation, die Uniform der Männer, die auf dem Schlachtfeld Allan Scotts Feinde gewesen waren.

Mitch Clinton blieb breitbeinig und leicht vornübergeneigt stehen. Es sah wie Zufall aus, dass seine Rechte dicht hinter dem Kolben des tiefhängenden Colts ruhte. Ein grimmiges Lächeln verzog Mitchs Lippen.

„Hallo, Scott! Ich sehe, Sie erkennen mich wieder!“

Allan hatte das Gefühl, dass es plötzlich nur noch ihn und diesen großen, sehnigen Mann in der Rainbow Gulch gab. Alle anderen Gesichter waren wie hinter einen Nebelschleier gerückt. Allan sagte schwer: „Es ist alles lange her, Clinton - zu lange, um die alte Feindschaft wieder aufleben zu lassen!“

„Nicht lange genug für einen Mann, der wochenlang mit dem Tod gerungen hat, nur weil er Ihre Kugel in der Brust trug, Captain!“

„Sie haben es herausgefordert. Sie ließen mir keine andere Wahl, als auf Sie zu schießen. Es war reine Notwehr.“

„Yeah, ich kenne das! Yankee-Geschwätz, nichts weiter! Ein Yankee schießt einen Texaner nieder, der aus der Gefangenschaft ausbrechen will, um endlich seine Heimat wiederzusehen.“

„Sie haben mich damals mit einem Revolver angegriffen, Clinton!“, erwiderte Allan scharf. „Und ich finde es verrückt, noch immer den alten Hass zwischen Nord und Süd ...“

Mitch Clinton riss sich mit einem Ruck das Hemd vorne auf. „Hier!“, knirschte er und deutete auf die blutrote Narbe auf seiner linken Brust. „Seit neun Jahren trage ich Ihr Zeichen mit mir herum, Scott!“

Er lachte gepresst. Seiner rechte Hand glitt zum Coltkolben.

„Mitch!“, rief Lona hastig. „Keinen Fehler jetzt! Der Captain ist hier, um uns in Sicherheit zu bringen.“

„Wirklich? Welche Freundlichkeit!“, höhnte Mitch. „Wir verzichten darauf, was, Freunde? Nur auf eines verzichte ich nicht, Scott - auf meine Rache! Los, Mann, Sie tragen ‘nen Revolver am Gürtel. Und Sie haben schon vor langer Zeit bewiesen, dass Sie damit umgehen können! Versuchen Sie's noch einmal!“

„Ich denke nicht im Traum daran, mir dieses Theater noch lange anzusehen!“, mischte sich Sergeant Whiteman ein. „Mister, wenn du nicht endlich zur Vernunft kommst, blase ich dir ein Stück Blei in dein närrisches Gehirn!“

Er hatte unbemerkt seinen Armee-Colt gezogen und ließ jetzt den Hammer unter dem Daumen knacken.

Allan hob eine Hand. Er sah, dass Murdock und der junge Johnny Clinton ebenfalls zu den Revolvern gegriffen hatten. Die ganze Szene wirkte verkrampft und angespannt. Der geringste Fehler konnte jetzt zur Explosion führen! Allan sagt kühl: „Wir alle sollten jetzt die Lady nicht vergessen! Eine verirrte Kugel macht keinen Unterschied zwischen Mann und Frau!“

Johnny und Murdock nahmen die Hände von den Revolverkolben. Schließlich entspannte sich auch Mitchs Haltung.

„Geh ins Haus, Lorna!“

„Ich denke nicht daran!“ Sie atmete heftig. Ihre Stimme schwankte.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738914870
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
tödliche goldgier
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Titel: Tödliche Goldgier