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Saltillo #8: Die Kopfgeldjäger-Bande

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Saltillo, sein Freund Tortilla-Buck Mercer und Layla Sheen sind auf dem Weg nach Santa Fé, um den Behörden Ben Mortimer auszuliefern. Denn er soll vor Gericht endlich aussagen, dass nicht Layla Sheen den Sohn des Geschäftsmannes William B. Scranton umgebacht hat, sondern er selbst. Das Kopfgeld, das Scranton auf Laylas Ergreifung ausgesetzt hat, lockt nach wie vor zwielichtiges Gesindel an. Unter anderem einen Kopfgeldjäger namens Missouri-Kane, der sich mit weiteren Halunken verbündet hat und sich auf Laylas Spur befindet. Saltillo und seine Freunde hoffen, noch rechtzeitig Santa Fé zu erreichen – aber ein Aufstand der Pueblo-Indianer verhindert das. Und nun befinden sich Saltillo, Buck und Layla zwischen den Fronten ...

Leseprobe

Table of Contents

SALTILLO – Sohn der Alamo-Generation

Klappentext:

Roman:

SALTILLO – Sohn der Alamo-Generation

 

Band 8

 

Die Kopfgeldjäger-Bande

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Klaus Dill, 2017

Früherer Originaltitel: Beulah und der Kopfgeldjäger

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Saltillo, sein Freund Tortilla-Buck Mercer und Layla Sheen sind auf dem Weg nach Santa Fé, um den Behörden Ben Mortimer auszuliefern. Denn er soll vor Gericht endlich aussagen, dass nicht Layla Sheen den Sohn des Geschäftsmannes William B. Scranton umgebacht hat, sondern er selbst. Das Kopfgeld, das Scranton auf Laylas Ergreifung ausgesetzt hat, lockt nach wie vor zwielichtiges Gesindel an. Unter anderem einen Kopfgeldjäger namens Missouri-Kane, der sich mit weiteren Halunken verbündet hat und sich auf Laylas Spur befindet. Saltillo und seine Freunde hoffen, noch rechtzeitig Santa Fé zu erreichen – aber ein Aufstand der Pueblo-Indianer verhindert das. Und nun befinden sich Saltillo, Buck und Layla zwischen den Fronten ...

 

 

 

 

Roman:

Das knöcherne Rasseln ließ die schwarzhaarige Kreolin erstarren. Drei Schritte vor ihr ringelte sich die armdicke Klapperschlange zwischen den Steinen. Eine andere Frau hätte jetzt entsetzt aufgeschrien, nicht Layla Sheen, die auch in Augenblicken der Gefahr kühlen Kopf behielt. Sie rührte sich nicht.

Der große, ledergekleidete Mann auf der anderen Seite des Lagerfeuers hatte sich bereits horchend aufgerichtet. Ben Mortimer, einen Kaffeebecher in den gefesselten Händen, starrte ihn an.

Saltillo erkannte das Lauern in seinen Augen. Seit sie vor einer Woche die Hazienda verließen, hatte der Gefangene bereits zwei Fluchtversuche unternommen. Jetzt rechnete er gewiss mit einer neuen Chance.

Saltillo blieb keine Zeit, ihn zu warnen. Die Schlange rasselte wieder. Ihr Kopf pendelte auf dem halb zusammengerollten, gesprenkelten Leib wie auf einer Stahlfeder.

Layla hielt in einer Hand die Sattelflasche, in der anderen die Deckenrolle. Ihr apartes Gesicht hatte alle Farbe verloren. Die kleine, sternförmige Narbe am Haaransatz schimmerte weiß.

Die Pferde stampften und schnaubten aufgeregt, während das Reptil die Frau anzuvisieren schien. Layla stand zwischen ihm und Saltillo.

Katzenhaft glitt der indianerhafte Mann ein paar Schritte vom Feuer weg. Der fünfschüssige Paterson Colt lag plötzlich in seiner Rechten. Im selben Moment rutschte Layla die lederüberzogene Canteenflasche aus der Hand. Sofort schnellte die Schlange vor.

Noch schneller war das Blei aus Saltillos Colt. Drei Schüsse verschmolzen zu einem ohrenbetäubenden Krachen.

Saltillo feuerte mit ausgestreckter Hand. Sein scharfliniges Gesicht glich einer Bronzemaske. Pulverdampf umbrodelte die sehnige Gestalt. Die Kugeln schleuderten das zuckende Reptil zwischen die halbverdorrten Ocotillo-Sträucher.

Layla taumelte gegen einen Felsen. Sie atmete heftig. Jetzt erst verrieten ihre violett schimmernden Augen das Entsetzen, das sie empfunden hatte.

Saltillo halfterte den Colt, lief zu ihr und schloss sie in die Arme.

»Alles in Ordnung, Querida?«

Sie klammerte sich an ihn. Ihre Lippen bewegten sich, aber sie brachte nur ein stummes Nicken zustande. Die Pferde schnaubten und stampften immer noch. Metall klirrte.

Mortimer, durchzuckte es Saltillo.

Er fuhr herum. Mortimer hatte sich bereits in den Sattel geschwungen, die Zügel in den vorn zusammengebundenen Händen. Ein wildes Glühen lag auf seinem schnurrbärtigen Gesicht. Der dunkle, zerknitterte Prinz-Albert-Rock bauschte sich, als er das Pferd herumriss.

Er verließ sich darauf, dass Saltillo nicht schoss. Denn nur seine Aussage konnte die ehemalige Saloonbesitzerin von dem Verdacht befreien, dass sie den Sohn des reichen Santa Fé-Händlers William B. Scranton auf dem Gewissen hatte.

Scrantons Kopfgeldjäger waren ihrer Spur vom fernen New Orleans quer durch Texas bis auf Saltillos Hazienda am Rio Bravo gefolgt. Seitdem gab es auch dort keine Sicherheit mehr für Layla. So blieb nur die Möglichkeit, dass der rachsüchtige Händler endlich die Wahrheit erfuhr: Ben Mortimer war der wirkliche Mörder seines Sohnes Steve.

In den Wirren des amerikanisch-mexikanischen Krieges war Mortimer nach Mexiko geflüchtet. Saltillo und Tortilla-Buck hatten ihn dort in der von General Taylors Truppen überrannten Stadt Monterrey gestellt.

Nun war Santa Fé das Ziel. Scranton hatte dort vor einem halben Jahr noch mit seinen Pistoleros regiert, mit dem mexikanischen Gouverneur eng befreundet. Vielleicht verdankte es Scranton dessen Wohlwollen, dass er es zum reichsten und mächtigsten Mann im Land gebracht hatte.

Inzwischen waren jedoch die Amerikaner auch in New Mexico einmarschiert. Uber dem Gouverneurspalast in Santa Fé wehte das Sternenbanner. Mortimer wusste, dass dort der Galgen auf ihn wartete. Er hatte nichts mehr zu verlieren.

Saltillo jagte eine Kugel zwischen die Hufe des Pferdes. Wiehernd bäumte das Tier sich auf.

Mortimer fluchte, stieß ihm die Absätze gegen die Flanken und zerrte an den Zügeln. Da hechtete der Haziendero mit einem Tigersatz über das Feuer. Mortimer brachte gerade noch den rechten Stiefel aus dem Bügel und trat zu.

Blitzschnell bog Saltillo den Oberkörper zur Seite, packte das ausgestreckte Bein und hebelte den breitschultrigen Mann mit einem Ruck aus dem Sattel.

Mortimer stieß einen Wutschrei aus. Er spürte den Aufprall kaum. Sofort rollte er von den stampfenden Hufen weg zum Feuer, sprang auf und riss einen brennenden Ast aus der Glut.

Keuchend duckte er sich.

»Na los, du Bastard. Ich hab mitgezählt. Du hast noch eine Kugel. Warum schießt du nicht?«

»Lass den Unsinn. Du weißt genau, dass du deine Chance verpasst hast, Mortimer.«

Saltillos Colt steckte wieder in der Halfter. Die Hände des großen Mannes hingen locker herab. Er rührte sich nicht, als Mortimer mit dem lodernden Ast auf ihn zukam. Gebannt beobachtete Layla die Männer.

»Ich werd dir den Schädel einschlagen, du verdammter Comanche«, knirschte Mortimer.

Plötzlich sprang er vor und schlug zu. Er legte alle Kraft in diesen Hieb. Doch ebenso hätte er versuchen können, seinen eigenen Schatten zu treffen. Geschmeidig duckte Saltillo sich ab. Mortimer kannte ihn jedoch. Er war auf dieses Ausweichen gefasst, drehte sich und schwang den brennenden Ast wie einen Dreschflegel.

Saltillo unterlief ihn. Mortimer nahm einen Schlag über der Gürtelschnalle, der ihn durchschüttelte. Aber er biss die Zähne zusammen und stieß mit der Fackel nach Saltillos Gesicht.

Funken sprühten, als Saltillo dem Gegner den Ast mit dem Colt aus den Händen prellte. Schon qualmte die Fackel im Sand neben dem Feuer.

Instinktiv wandte sich Mortimer zur Flucht. Er wollte an dem Texaner vorbei, schaffte es auch, aber im letzten Moment erwischte Saltillo ihn an der Schulter.

Da versuchte Mortimer es nochmals: Er gab dem Griff nach und riss aus dem Schwung der Drehung heraus das rechte Knie hoch, um es Saltillo in den Leib zu rammen.

Saltillos Faust fand jedoch um den Bruchteil einer Sekunde früher ihr Ziel. Sie traf Mortimer seitlich am Kinn und warf ihn auf den Rücken. Kalt bückte der indianerhafte Kämpfer auf seinen Gefangenen. Der Stimme war keine Anstrengung anzumerken.

»Das hättest du dir sparen können.«

Keuchend starrte Mortimer zu ihm empor. »Ich werde es immer wieder versuchen, und irgendwann, das schwöre ich dir, erwische ich dich!«

»Du hast noch drei Tage«, erwiderte Saltillo gelassen. »Dann werden sich der Sheriff und der Richter in Santa Fé um dich kümmern.«

Saltillo bückte sich nach seinem Colt, den er verloren hatte.

Ein Ruf von der felsigen Höhe kam ihm zuvor:

»Du hast keine schlechte Vorstellung geliefert, Mister. Aber wenn du jetzt dein Schießeisen anfasst, bist du ein toter Mann.«

 

*

 

Mehrere Sekunden gab es nur das Knistern der Flammen, Mortimers heftige Atemzüge und das Prusten der Pferde.

Saltillo blickte Layla an. Sie lehnte noch am Felsen, bleich, eine Hand an der Kehle. Ein kurzes Flackern erschien in ihren Augen, als sie die Frage in seinem Blick erkannte. Sie schüttelte den Kopf.

»Versuch’s nicht, Sam. Er zielt mit einem Gewehr auf dich. Und er sieht nicht so aus, als wollte er nur bluffen.«

Vorsichtig richtete Saltillo sich auf. Nur das Bowiemesser hing an seinem Gürtel. Trotzdem hielt er die Hände vom Körper weg, als er sich langsam umdrehte. Die Sonne vergoldete den auf ihn gerichteten Gewehrlauf.

Die Entfernung wäre für seinen Fünfschüsser ohnedies zu weit gewesen. Der Mann befand sich auf einem felsbedeckten Kamm. Lässig hatte er einen Fuß auf einen Felsbrocken gestellt und den linken Ellenbogen auf das Knie gestützt. Er war groß und hager. Ein blonder, sichelförmiger Schnurrbart hing ihm über die Mundwinkel. Er trug keinen Hut, sondern hatte ein rotes Tuch zum Schutz gegen die Sonne um den Kopf geschlungen.

Auf den ersten Blick wirkte er damit wie ein in die Wildnis von New Mexico verschlagener Pirat. Dazu passten auch sein weitärmeliges, weißes Hemd und die rote Schärpe, in der eine Pistole steckte. Die Nähte seiner Hirschlederhose waren fransenbesetzt, die Füße steckten in perlenverzierten Mokassins. Kugelbeutel und Pulverhorn hingen an Schulterriemen. An einem Felsblock neben ihm lehnte ein zweites langläufiges Gewehr.

Weit hinter ihm ragten die Gipfel der Berge in den wolkenlosen Himmel. Sie trugen leuchtende Schneekappen. Doch hier in den zahlreichen Nebentälern des Rio Bravo war von dem eisigen Winter, der dort oben herrschte, nichts zu spüren. Nur die Nächte waren kälter. Ansonsten war es in diesem Januar 1847 in den Canyons der Manzano Mountains und Sierra Blanca so trocken und heiß wie schon lange nicht mehr.

Ein paar Steine rollten den Hang herab. Dann herrschte Stille. Schwankend richtete Mortimer sich auf.

»Lass ihm keine Chance, Mann! Leg ihn um!«, forderte er.

Der Fremde drehte halb den Kopf und spuckte aus.

»Misch dich nicht in meine Geschäfte, Compadre. Pass lieber auf, dass du keine Kugel einfängst, wenn du zu den Pferden willst. Saltillo wartet nur drauf, dass du ihm in die Schusslinie läufst. He, Saltillo, hab ich recht?«

»Woher kennst du mich?«, rief Saltillo. Seine Gedanken jagten sich. Er war diesem Mann nie zuvor begegnet. »Was willst du?«

Der Fremde lachte hart. Die Rifle bewegte sich keinen Zoll. Seine Lässigkeit war eine Maske, hinter der der Tod lauerte. Er ließ Saltillo keinen Moment aus den Augen.

»Man nennt mich Missouri-Kane. Ich bin mit Kearnys Blauröcken über die große Ebene gekommen. Ich war Scout der Pferdesoldaten. Kearny hat mir angeboten, mit ihm nach Kalifornien weiterzuziehen - für zwanzig Bucks im Monat. Er will da drüben am Pazifik ebenfalls das Sternenbanner aufpflanzen. Er braucht dazu Burschen, die wissen, wo bei einem Schießeisen vorn und hinten ist. Aber ich hab auf den Job verzichtet. Und weißt du, warum?«

Eine unheilvolle Ahnung regte sich in Saltillo, doch seine Miene verriet nichts davon.

»Du wirst es mir sicher verraten, Kane.«

»Schlaukopf. Well, es ist ganz einfach: Ich hab Wind gekriegt von ’nem weit einträglicheren Job, bei dem es nicht bloß darum geht, ein paar lausigen Chilifressern das Laufen beizubringen. Was sind schon zwanzig Bucks im Monat gegen die zehntausend, die ein gewisser William B. Scranton für deine hübsche Querida hinblättern wird? Ich hab ihren Steckbrief in Santa Fé gesehen, frisch gedruckt, mit einem hinreißenden Bild. Beinahe schade, dass der Zusatz „tot oder lebendig“ drauf steht.«

Saltillo spürte plötzlich einen bleiernen Druck im Magen. Kanes Lachen schmerzte in seinen Ohren. Rasch schaute er zu Layla hinüber. Ihre Augen hatten sich geweitet. Eine Ader pochte an ihrem Hals.

Scranton - einmal mehr beschwor dieser Hinweis die Erinnerung an den weißmähnigen, halb gelähmten Mann herauf, der Layla noch immer für die Mörderin seines Sohnes hielt. Damals hatte das Kopfgeld für die üppige Kreolin noch fünftausend Dollar betragen. Für die inzwischen verdoppelte Summe war ein so hartgesottener Bursche wie Missouri-Kane zweifellos zu allem bereit.

Mortimer lachte krächzend.

»Endstation, Saltillo! Teufel, wer hätte das gedacht. Nun brauch ich nur aufzupassen, dass du mir nicht auf die Stiefel fällst, wenn Kane dich erwischt.«

»Schick Layla rauf, Saltillo«, verlangte Missouri-Kane. »Was du mit dem Kerl da abzumachen hast, interessiert mich nicht. Ich will nur die Frau.«

»Du wirst sie dir holen müssen.«

»Sei kein Narr, Saltillo. Du würdest es nicht überleben. Ich bin kein Feigling, das kannst du ruhig glauben. Aber erst recht bin ich nicht so närrisch, dass ich auch nur ’nen Kratzer riskiere, nachdem Scrantons Bucks schon in meiner Tasche stecken. Ich warte zwei Minuten, Saltillo. Wenn die Lady dann nicht hier oben ist, fällst du wirklich mit ’nem Brocken Blei zwischen den Augen um. Und rate mal, weshalb ich noch ein zweites Gewehr mit mir rumschleppe? Uberleg nicht lange, Mann. Du hast dann immer noch den Trost, dass ich deine Schöne lebend bei Scranton abliefere. Der soll ja regelrecht krank danach sein, sie in die Finger zu kriegen, nachdem sie seinen Sohn ins Jenseits befördert hat.«

»Das stimmt nicht, Kane. Layla war’s nicht. Dieser Mann hier, Mortimer, hat Scrantons Sohn auf dem Gewissen. Wir sind mit ihm auf dem Weg zu Scranton.«

»Er will dich reinlegen, Kane«, hetzte Mortimer sofort. »Zum Teufel, Mann, worauf wartest du noch? Schieß!«

»Ich kann’s nicht ausstehen, wenn mir dauernd einer vorschreiben will, was ich zu tun hab.« Der Mann vom Missouri grinste zwar, aber es war eine Grimasse, die mehr einem Zähnefletschen glich. »Halte endlich die Klappe, Compadre, sonst fliegt dir ’ne Bleihummel rein. Und du, Saltillo, gib dir keine Mühe, ich bin kein Sternträger. Wichtig ist nur, dass Scranton zahlt. Das ist alles, was mich interessiert. Sei schlau, Saltillo. Du kannst mit Scranton immer noch wegen der Puppe verhandeln, wenn ich kassiert habe.«

Saltillo ballte die Fäuste. »Du verdammter Menschenjäger schreckst wohl vor nichts zurück.«

»So ist es«, bekräftigte Missouri-Kane und spuckte aus.

Saltillo biss die Zähne zusammen und blickte auf den Colt vor seinen Weichlederstiefeln. Aber die Waffe nützte ihm nichts, solange Kane die sichere Position auf dem Felskamm nicht verließ. Und Kane dachte nicht daran, sich in Gefahr zu begeben. Er hätte Ort und Zeitpunkt nicht besser wählen können.

Layla trat einen Schritt vor, den Kopf stolz erhoben.

»Er blufft nicht«, wiederholte sie leise, aber eindringlich. »Ich gehe.«

Wo bleibt nur Buck, dachte Saltillo. Der bullige Kentuckier sollte jede Minute zurück sein. Sie hatten sich am Morgen getrennt, als Buck feststellte, dass sein Pinto mit dem lockeren Hufeisen keine fünf Meilen mehr schaffen würde.

Tortilla-Buck war deshalb zu dem einsamen Anwesen geritten, in dessen Nähe sie in der Nacht gelagert hatten. Außerdem wollte er bei der Gelegenheit zusätzlichen Proviant besorgen, das hatte er jedenfalls behauptet.

Saltillo wusste jedoch, dass es ihm mehr darum ging, nach den langen Meilen durch Staub und Sonnenglut eine Flasche Feuerwasser aufzutreiben. Saltillo und Layla hatten hier mit ihrem Gefangenen auf ihn gewartet. Vielleicht war Buck schon in der Nähe. Dann hatten ihn bestimmt die Schüsse alarmiert, die Saltillo auf die Schlange abfeuerte.

Schweißrinnsale überzogen Saltillos Gesicht. Er griff nach Laylas Arm.

»Bleib«, raunte er. »Er wird auch schießen, wenn du dich ihm auslieferst. Er hat schließlich zugegeben, dass er nichts riskieren will. Dazu gehört, dass er keinen Verfolger auf seiner Fährte duldet.«

»Lass sie los, Saltillo«, drohte der Kopfgeldjäger.

Saltillo hob eine Hand. »Warte, Kane! Ich mach dir ’nen Vorschlag ...«

»Zwecklos, wenn du Zeit gewinnen willst, Saltillo. Dein Partner wird dich bestimmt nicht heraushauen, das garantiere ich dir.«

Saltillo hatte sich zwar eisern unter Kontrolle, aber der Kerl wusste genau, dass es ein Schuss ins Schwarze war. Er lachte höhnisch.

»Ein guter Jäger beobachtet das Wild, bevor er es sich vor die Flinte holt, stimmt’s? Meine Amigos und ich sind hinter euch her, seit ihr die Hazienda verlassen habt. Jessup und Drury sind tüchtige Burschen. Die werden auch mit einem Bullen wie deinem Partner im Handumdrehen fertig. Vergiss ihn ruhig schon mal.«

Saltillo ballte die Fäuste. Das Antilopenlederhemd klebte ihm auf der Haut.

Mortimer lächelte hämisch. Er stand nun als Zuschauer am Rand des Lagerplatzes. Ohne die Fesseln hätte er vielleicht sogar applaudiert.

Saltillos Rifle steckte im Scabbard am Sattel seines Braunen, unerreichbar für ihn, solange Missouri-Kane den Finger am Drücker hielt.

»Was ist, Lady? Komm endlich!«

»Wir haben keine Wahl, Sam.« Layla straffte sich. Saltillo spürte ihre Entschlossenheit. Ihr Blick drückte mehr aus, als die wenigen Worte. Er war ein Signal, das ihn aufforderte, sich bereitzuhalten. Er ahnte, was sie vorhatte. Doch Mortimer stand zu nahe, dass er ihr eine Warnung zuflüstem konnte. Rasch wandte die Frau sich ab und kletterte eher unbeholfen den geröllbedeckten Hang hinauf.

Missouri-Kane verzichtete jetzt auf die zur Schau getragene Lässigkeit. Er hatte sich aufgerichtet, die Rifle an der Schulter. Die Mündung bedrohte den Mann neben dem verlöschenden Campfeuer wie ein schwarzes Todesauge.

Saltillos Herz hämmerte. Jede Faser in ihm war gespannt. Steine klirrten. Layla erreichte schon die obere Hälfte des Anstiegs.

»Sei vorsichtig, Kane!« Mortimer konnte sich die Warnung nicht verkneifen. »Das ist eine Tigerin, die dir die Augen auskratzt, wenn du ihr zu nahe kommst.«

Immer mehr Steine rollten. Layla glitt aus. Sie stieß einen leisen Schrei aus, aber Kane ließ sich nicht ablenken. Der Hang war nun so steil, dass die Kreolin sich mit einer Hand abstützte, als sie weiterkletterte. Sie wich einer Rinne aus. Ein Felsblock war dicht neben ihr. Weiter oben gab es keine Deckung mehr.

Layla verlor auf den glatten Steinen abermals den Halt. Im Fallen drehte sie sich halb. Es sah aus, als versuchte sie sich irgendwo festzuhalten.

Im nächsten Moment hielt sie die kleine, einschüssige Derringer-Pistole in der Hand, die in einer Faltentasche ihres bauschigen Rocks verborgen gewesen war. Sie war nun schon so weit oben, dass die Distanz für die sonst hauptsächlich von Spielern bevorzugte Waffe ausreichte.

»Sam!«, gellte sie. Gleichzeitig stieß Mortimer einen heiseren Wutschrei aus.

Layla lag auf der linken Schulter. Geröllbrocken polterten den Hang hinab. Der Schuss krachte. Im Dröhnen von Kanes Gewehr schleuderte sich Saltillo zur Seite. Die Glut des Kochfeuers spritzte auseinander.

Laylas Kugel hatte den Kopfgeldjäger am Arm erwischt und seinen Schuss verrissen. Fluchend packte Missouri-Kane das zweite Gewehr. Da lag Layla schon hinter dem Felsblock in Deckung.

Gleichzeitig wirbelte Saltillo über den Lagerplatz. Kane feuerte noch, ehe das Schmettern seines ersten Schusses ganz verhallt war. Auch mit der Streifwunde am Arm war er unheimlich schnell. Sein Blei verfehlte den Texaner nur um eine Handbreit. Dann lag auch Saltillo in Deckung, flach an den Boden gepresst.

Mortimer hatte sich ebenfalls hingeworfen. Immer noch polterten Steine den Hang herab.

Kane war verschwunden.

»Sam, bist du verletzt?« Ein Zittern war in Laylas Stimme.

»Alles in Ordnung, Querida. Du warst großartig!«, gab Saltillo kehlig zurück. Vorsichtig hob er den Kopf. Die Pulverdampfwolke hatte sich gelichtet.

Jetzt musste Kane die beiden Gewehre wieder nachgeladen haben. Aber kein Schatten bewegte sich dort oben. Kein Laut drang herab.

Nach mehreren Minuten klang hinter dem Felskamm dumpfer Hufschlag auf. Ein Trick? Saltillo zögerte. Dieser Menschenjäger gab gewiss nicht so rasch auf. Andererseits hatte er bewiesen, dass er warten konnte. Drei Tage noch bis Santa Fé. Da konnte viel geschehen.

Es war Mortimer, der Saltillo zum Aufspringen zwang. Mortimer wollte diesmal kein Pferd. Er hatte nicht vergessen, dass eine Kammer in Saltillos im Sand liegenden Colt noch geladen war.

Die Lederriemen an seinen Handgelenken ließen ihm genug Spielraum, die Waffe zu packen. Er schaffte es auch noch, sich aufzurichten und herumzuwirbeln. Doch damit drehte er sich direkt in Saltillos heranzischende Faust, die ihn wie ein Huftritt traf.

Saltillo vergeudete keine weitere Sekunde mehr mit Mortimer. Er packte seinen Colt, rannte zu den Pferden und zog die Rifle aus dem Sattelfutteral. Droben auf dem Felskamm rührte sich jedoch noch immer nichts.

Kane war fort. Was blieb, war die bohrende Sorge um Tortilla-Buck.

 

*

 

Kanes Kumpane waren zu diesem Zeitpunkt keine Gefahr mehr für Buck Mercer. In diesen Tagen Ende Januar 1847 braute sich über New Mexico weit schlimmeres Unheil zusammen.

Jessup und Drury steckten bereits mitten drin. Nur wussten sie es noch nicht, als sie auf Tortilla-Bucks Fährte die Pferde zwischen felsbedeckten Hängen zügelten. Drury saß ab, ließ sich auf ein Knie nieder und betastete die Ränder der Hufabdrücke. Er war ein gedrungener, bärtiger Mann mit stechenden Augen. Eine Krähenfeder wippte an seinem Schlappbut. Die Lederkleidung war vom Rauch unzähliger Lagerfeuer gebeizt.

»Wir brauchen uns nicht zu beeilen. Er ist dicht vor uns. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht in spätestens zwei Stunden seinen Skalp haben.«

Es waren Drurys letzte Worte. Er stemmte sich eben an seiner langläufigen Kentucky Rifle hoch, da durchbohrte ein Pfeil seine Kehle. Blutüberströmt brach Jason Drury auf Tortilla- Bucks Fährte zusammen.

Jessup hatte gerade den Mund zu einem Gähnen geöffnet und eine Hand gehoben, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Er war groß, knochig und ebenfalls ganz in Leder gekleidet. Eine Waschbärenmütze bedeckte seinen hageren Schädel.

Drury und er hatten vor Monaten noch in den Bergwäldem des nördlichen New Mexico Fallen gestellt. Doch das Wild war in den letzten Jahren immer spärlicher geworden, und Missouri-Kane hatte es nicht schwer gehabt, die beiden finsteren Burschen für eine lohnendere Jagd anzuwerben.

Jessup starrte in ungläubigem Entsetzen auf seinen toten Partner. Dann warf er sein Pferd herum, stieß ihm die Fersen gegen die Flanken und zerrte die Rifle aus dem Scabbard.

Er kam nicht weit. Gestalten tauchten lautlos zwischen den Felsen und Sträuchern beiderseits des langgestreckten Tals auf. Pfeile schwirrten.

Jessup spürte einen Schlag und darauf den stechenden Schmerz unter dem Schulterblatt.

Er schrie. Die Zügel entglitten ihm, seine Füße rutschten aus den Bügeln. Er ließ das Gewehr fallen, um sich an der Mähne festzuklammem. Er hatte jedoch nicht mehr die Kraft dazu. Gleich darauf stob sein Falbe mit schlingernden Steigbügeln ohne ihn weiter. Der wuchtige Aufprall trieb den Pfeil noch tiefer in Jessups Körper. Der befiederte Schaft brach ab.

Staub umwallte den ehemaligen Mountain Man. Kehlige Stimmen drangen zu ihm. Hufe pochten auf der lehmigen Erde. Keuchend versuchte Jessup sich aufzurichten. Schmerz und Anstrengung zerrissen sein ledriges Gesicht. Er schaffte es nur auf die Knie. Die Heranreitenden schienen in milchige, von der Sonne durchdrungene Nebelschwaden gehüllt. Pfeil- und Lanzenspitzen funkelten. Da und dort glänzte ein Gewehrlauf.

Dann starrte Leemore Jessup in breitknochige Gesichter. Die Sonne verstärkte den Bronzeschimmer, der auf ihnen lag. Die dunklen Augen besaßen den kalten Glanz schwarzer Lava. Jessup hatte sich in seiner bewegten Vergangenheit mit Apachen, Comanchen und weiter im Norden auch mit Shoshonen herumgeschlagen. Diese Reiter gehörten jedoch zu keinem dieser kriegerischen Stämme. Viele trugen die verwaschenen weißen und blauen Leinenanzüge, in denen sie vor kurzem noch auf ihren Feldern gearbeitet hatten. Strohsombreros baumelten auf ihren Rücken. Einige waren in buntgestreifte Ponchos gehüllt. Nur drei oder vier waren mit Lendenschurz und Mokassins bekleidet.

Es waren Pueblo-Indianer. Die Angehörigen dieses Volkes sesshafter Bauern und Viehzüchter hatten schon mit den Spaniern, die als erste Weiße in ihr Leben eingebrochen waren, in Frieden auszukommen versucht.

Bis zu dieser seiner letzten Stunde hatte auch Leemore Jessup zu denen gehört, für die die Pueblos harmlose, von den mexikanichen Padres gegängelte »Maisfresser« waren. Jetzt blieb Jessup nur wenig Zeit, seine Meinung zu revidieren. Mit letzter Kraft umschloss seine Rechte den Messergriff.

»Weshalb?«, brachte er krächzend heraus.

Sie verharrten reglos auf ihren struppigen Gäulen. Nach einer Weile trieb ein schlanker, schmalgesichtiger Mexikaner sein Pferd nach vorn. Er saß auf einem rassigen Rapphengst. Sein dunkler Charro-Anzug war mit Silberknöpfen verziert. Handtellergroße Silbersporen funkelten an hochhackigen Stiefeln. Die Krempe seines Sombreros war mit Silberfäden durchwirkt. Ein Säbel hing am Sattelknauf. Er richtete eine doppelläufige Pistole auf den Verwundeten. Ein mitleidloses Lächeln umspielte seinen Mund.

»Ich will dir sagen, weshalb, Gringohund!«, stieß er böse hervor. »Ihr verdammten Americanos habt geglaubt, ihr braucht nur herzukommen, um euch ins gemachte Nest zu setzen. Aber keiner von euch wird in diesem Land am Leben bleiben. Meine roten Freunde werden euch töten, wo sie euch erwischen, bis ganz New Mexico wieder seinen rechtmäßigen Besitzern gehört!«

Jessup erkannte den Tod in den Augen des Schlanken. Verschwommen erinnerte er sich daran, den Mann schon irgendwann mal gesehen zu haben. Nur wo? Es war nicht mehr wichtig. Was zählte, war der Schmerz, der ihn langsam auffraß, das Blut, mit dem sein Leben verströmte.

 

*

 

Tortilla-Buck legte dem jungen Pueblo, der ihm beim Beschlagen seines Pferdes geholfen hatte, kameradschaftlich die Hand auf die Schulter, die einer ohne schlechtes Gewissen mit einer Bärenpranke vergleichen konnte.

»Gracias, Manolo. Jetzt noch ein Schluck aus der Pulle und eine Zigarre, dann sieht die Welt gleich wieder besser aus.«

Er lachte. Seine Zähne blinkten im gebräunten Draufgängergesicht.

Der Sohn des Rancheros reagierte jedoch nicht, sondern starrte an ihm vorbei zum Hang jenseits des sonnenbeschienenen Hofs. Alles an dem Jungen war plötzlich Abwehr und Feindseligkeit. Buck drehte sich schnell, als er nun ebenfalls die Reiter hörte.

Sie waren zu viert. Sie trugen lange, staubbedeckte Mäntel, die an den ebenfalls staubigen Flanken ihrer Pferde herabhingen. Jeder dumpfe Huftritt wirbelte eine neue rötliche Staubwolke auf. Das Knarren des Sattelleders und das Klirren von Metallzeug vermischten sich damit.

Buck kniff die Augen zusammen, als er entdeckte, dass jeder der Fremden einen Colt am Gürtel trug und eine Rifle vor sich auf dem Sattel hielt. Ihre hartlinigen Gesichter waren unrasiert. Ein deutlicher Hauch von Gefahr ging von ihnen aus. Kalte, wachsame Blicke streiften den strohgedeckten Unterstand. Eine Mauer aus Lehmziegeln verbarg Buck, den jungen Indianer und das braun-weiß gescheckte Pferd. Der Hof des kleinen Anwesens war mit Spuren bedeckt, aus denen die Hufabdrücke von Bucks Pinto nicht herauszulesen waren. Rauch kräuselte aus dem Kamin der niedrigen, ebenfalls mit Stroh gedeckten Wohnhütte. Ein paar Hühner gackerten am Rand des nahen Maisfeldes. Dann war alles still. Die Reiter hatten ihre Pferde gezügelt.

Buck merkte gerade noch, dass der Junge an ihm vorbei wollte. Er erwischte ihn am Arm.

»Wer immer diese Burschen sind, ich halte es für besser, du bleibst hier, Amigo.«

Manolos Augen funkelten. Er presste die Lippen zusammen. Buck war betroffen über diese Veränderung. Der Junge sah jetzt aus als würde er nicht zögern, ihm ein Messer zwischen die Rippen zu stoßen.

Er kennt sie, und er glaubt, dass ich zu ihnen gehöre, dachte Buck.

Drüben trat Manolos Vater aus dem Haus. Er war barfuß und unbewaffnet. Graue Strähnen durchzogen sein schulterlanges, von einem Stirnband gehaltenes Haar. Er hielt eine Hand zum Schutz gegen die grelle Sonne über die Augen.

»Buenas Tardes, Senores.« Seine Stimme klang gepresst. »Wenn Sie Wasser für Ihre Pferde brauchen, es ist genug im Brunnen. Für Sie selbst hab ich einen Krug Pulque im Haus.«

Er wollte sich abwenden, wahrscheinlich um sich eine Waffe zu besorgen. Offenbar kannte er die Reiter ebenfalls. Zumindest schien er zu wissen, weshalb sie hier waren.

Der Blick des Anführers bannte ihn. Der Mann beugte sich im Sattel vor und fixierte ihn aus kalten Augen. Er war stämmig, mit einem Gesicht, das Buck an eine bissige Bulldogge erinnerte. Er trug Militärstiefel. Eine kurzstielige Axt hing an seinem Sattel.

»Hör gut zu, Rothaut. Ich bin Cass Stedloe, und ich sag nichts zweimal. Du hast von jetzt an genau fünf Minuten Zeit, deinen Krempel zusammenzupacken und dich mit deiner Familie aus dem Staub zu machen. Fünf Minuten! Doc, zum Teufel, steck die Flasche weg! Hör endlich auf zu saufen und schau lieber auf deine verdammte Uhr, mit der du sonst immer so angibst.«

Das galt dem Reiter neben ihm. Er war jünger und schmaler als die anderen klobig gebauten Kerle, die ihre Blicke starr auf den Ranchero gerichtet hielten. Sein Gesicht wirkte verlebt. Er trug Handschuhe, die einmal weiß gewesen waren. Zusammen mit dem ausgefransten weißen Stehkragen und dem zerknautschten Zylinder waren sie zweifellos Andenken an vergangene bessere Tage.

Der Mann ließ sich von Stedloes schroffem Ton nicht beirren. Erst nach einem ausgiebigen Schluck und nachdem er die Flasche sorgsam verkorkt und wieder in der Satteltasche verstaut hatte, bequemte er sich dazu, eine vergoldete Uhr aus der Manteltasche zu kramen. Grinsend ließ er den Sprungdeckel aufschnappen.

»Schätze, sie ist vor genau drei Stunden und zweiundvierzig Minuten stehengeblieben, Cass«, kicherte er trunken.

Stedloe fluchte, ließ den reglos wartenden Pueblo jedoch ebenfalls nicht aus den Augen.

»Na los! Worauf wartest du?«

Der Ranchero schüttelte den Kopf. »Sie haben kein Recht, Senor, mir das Land zu nehmen.«

Die Reiter grinsten. Stedloe schob mit zwei Fingern seinen breitkrempigen Hut nach hinten.

»Dein Land?« Er lachte hart. »Das war vielleicht mal so, als die Chilifresser noch in Santa Fé hockten. Wenn du dein rotes Fell retten willst, Muchacho, solltest du schnell kapieren, dass inzwischen ein anderer Wind hier weht. Armijo ist mit seinen Grünjacken nach Mexiko abgehauen. Im Gouveneurspalast von Santa Fé sitzt jetzt ein neuer Mann, ein Americano, verstehst du? Und dieser Bursche, Charles Bent, hat das Land zur Besiedlung freigegeben - für Weiße. Alles Land. Auch das hier. Wo kämen wir hin, wenn eine dreckige Rothaut ’nem anständigen weißen Siedler so einen prächtigen Platz vorenthalten dürfte. Well, hast du’s nun gefressen?«

Er hob sein auf dem Sattel liegendes Gewehr. Im hageren Gesicht des Indianers bewegte sich kein Muskel.

»Mein Vater hat dieses Land schon bestellt und vor ihm sein Vater. Davor war dieses Tal nur ein namenloser Fleck Wüste. Seitdem ist es Pueblo-Land. Das wird es auch nach meinem Tod bleiben.«

Stedloe grinste hässlich.

Trotz der Entfernung erkannte Buck das Glitzern in seinen Augen. Aber dann wurde Buck von Manolo abgelenkt, der plötzlich mit aller Kraft versuchte, sich loszureißen.

Buck verstand, dass der Junge seinem Vater zu Hilfe eilen wollte. Aber Manolo war unbewaffnet, und gegen diese raubeinigen Burschen da draußen besaß er nicht die Spur einer Chance. Buck hielt ihn fest.

»Mach keinen Quatsch«, raunte er. »Überlass mir ...«

Er zuckte zurück, als Manolo mit der freien Hand blitzschnell nach Bucks Colt griff. Dem zottelhaarigen, bulligen Kentuckier blieb keine Wahl. Er klopfte dem Jungen seine Faust an die Schläfe. Das genügte, dass Manolo sich für eine Weile auf einem Strohballen schlafen legte.

Bedauernd hob Buck. die Schultern.

»Tut mir leid, Amigo«, wollte er murmeln, aber die Worte blieben ihm in der Kehle stecken. Beim Wohnhaus krachte ein Schuss.

Tortilla-Buck schnellte herum.

Manolos Vater kniete vor den stampfenden Pferden der Fremden. Seine Augen waren geweitet. Er presste eine Hand gegen die Brust. Ein großer, dunkler Fleck breitete sich darunter auf dem weißen Leinen aus. Plötzlich erschlaffte der Ranchero und fiel nach vorn.

»Nun werden wir ja sehen, wem das Tal nach deinem Tod gehört«, schnaubte Stedloe. Ein Rauchfaden kräuselte vor seinem Gewehr. Im dämmrigen Türviereck zeigte sich eine Bewegung.

Die Frau!

Buck kam noch dazu, die langläufige Harpers Ferry Rifle zu packen. Da krachte es drüben abermals.

Ein Schrei gellte. Die Pferde wieherten und stampften. Staub wallte auf. Als er sich verzog, sah Buck eine zweite leblose Gestalt auf der Schwelle. Es war die Pueblo-Frau. Ein alter Vorderlader lag neben ihr.

Buck Mercer spürte ein Würgen in der Kehle. Er war in seinem abenteuerlichen Leben schon mit allen möglichen Halunken zusammengerasselt, aber das hier waren die kaltblütigsten Mörder, die ihm je begegnet waren. Der Mann mit dem Zylinder, den Handschuhen und dem Stehkragen brauchte wieder einen Drink. Er schien die Flasche diesmal überhaupt nicht mehr absetzen zu wollen.

Stedloe, der Boss, wischte sich mit dem Handrücken über den wulstigen Mund.

»Buffalo, Clem, seht nach, ob da noch jemand ist«, befahl er rau.

Die Kerle zogen ihre Pferde herum. Da trat Buck unter dem schattigen Strohdach hervor. Sein Entsetzen war in eiskalte Wut umgeschlagen, die ihn alle Vorsicht vergessen ließ. Sein sonst stets zu einem Lachen bereiter Mund war verkniffen. Die Banditen duckten sich.

Der Zylindermann begann zu husten.

Stedloe und der Bärtige, der die Frau getötet hatte, steckten rasch die leergeschossenen Rifles weg. Sie legten die Hände an die Colts. Lauernd blickten sie dem Kentuckier entgegen.

Sand knirschte unter Bucks Stiefeln. Er kam wie ein aufrecht gehender Grizzly daher. Doch Stedloe und seine Kumpane ließen sich von dieser vermeintlichen Schwerfälligkeit nicht täuschen. Hastig brachte der Zylindermann seine Flasche in Sicherheit.

»Sollte mir leid tun, Mister, wenn die Ballerei meiner Freunde Ihre Siesta gestört hat«, grinste er verzerrt.

Seine Rechte tastete ebenfalls zum Colt. Er schwankte dabei. Aber Buck war nicht sicher, ob er tatsächlich so betrunken war.

»Gleich wird deinen Freunden noch ’ne Menge mehr leid tun, Compadre«, knurrte Buck. Er blieb zehn Schritte vor den Reitern breitbeinig in der Sonne stehen.

Cass Stedloe reckte sich drohend.

»Was, zur Hölle, willst du damit sagen, Mann?«

Das Funkeln in Bucks blauen Augen verstärkte sich. »Ihr habt einen zu hohen Preis für dieses Tal bezahlt, Leute.«

Die Schufte grinsten nun wieder. Sie hatten begriffen, dass er allein war. Das Lauern in Stedloes Augen blieb.

»Bist du vielleicht selbst scharf auf das Geschäft, he?«

»Welches Geschäft?« Bucks Stimme war nicht anzumerken, wie es in ihm kochte.

Stedloe lachte.

»Stell dich nicht dumm, Mann. Wir sind doch alle nicht vom Mond gefallen. Seit Kearnys Blauröcke Armijo zum Teufel gejagt haben, ist New Mexico amerikanisches Territorium. Das pfeifen doch mittlerweile die Spatzen von allen Dächern. Ein paar Wochen noch, dann wimmelt es in Santa Fé von Neusiedlern, die alle auf ein so prächtiges Stück Land geradezu versessen sind. Jeder Fußbreit fruchtbarer Boden in dieser Gegend ist dann Gold wert. Wenn das kein Geschäft wird.«

»Ein Geschäft mit dem Tod!« Buck spuckte aus. Er musste sich zusammenreißen, damit er diesen bulldoggengesichtigen Mörder nicht einfach aus dem Sattel schoss.

Stedloe kniff die Augen zusammen.

»Behaupte jetzt bloß nicht, du bist ein Indianerfreund, Mister. Solche Leute kann ich nicht ausstehen. Hör zu, Hombre, wenn du keinen Verdruss willst, dann schnappst du dir jetzt deinen Gaul und verduftest.«

»Klar. Aber ihr werdet mitkommen. Ich bin gespannt, was der Sheriff von Santa Fé von euren großartigen Geschäften hält.«

Der Bärtige neben Stedloe tippte sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe.

»Cass, wenn du mich fragst: Der Hombre ist nicht ganz richtig im Kopf.«

Doc, der Zylindermann, kicherte nervös.

»Hey, der meint’s ernst, Jungs! Vielleicht sollten wir ihm klarmachen...«

Buck wirbelte herum. Nur das Kollern eines Steins am Hang, den die Banditen vorhin herabgekommen waren, hatte ihn gewarnt. Seine Rifle flog hoch. Als droben zwischen den Felsen ein Schuss blitzte, war seine Kugel schon aus dem Lauf.

Stedloe und seine Begleiter fuhren herum. Betroffen starrten sie auf den Mann, der hinter einem Felsen hervortaumelte. Er verlor das Gewehr, stürzte und rollte ein Stück den Hang herab, bis er an einem Mesquitestrauch hängenblieb.

Buck hatte damit gerechnet, dass die Banditen einen der ihren als Rückendeckung dort oben postieren würden.

Blitzschnell wechselte Buck die leergeschossene Rifle in die Linke und zog den Paterson. Stedloes Fünfschüsser war schon halb aus dem Leder.

»Nur zu«, forderte Buck ihn auf. »Ich hab genug Blei für euch alle.«

 

*

 

Plötzlich steckte ein Pfeil fünf Schritte vor Tortilla-Buck in der Erde.

Die Köpfe der Männer ruckten herum. Zuerst trauten sie ihren Augen nicht, als sie die Reiter sahen. Lautlos waren sie von allen Seiten bis auf dreißig, vierzig Schritte herangekommen. Reglose, in Ponchos gehüllte Gestalten am Rand des Maisfelds. Dunkelhäutige Reiter in weißen Leinenanzügen unter den Paloverde-Bäumen beim Korral. Drüben am Hang verharrten sie ebenfalls auf ihren staubbedeckten Pferden. Der kalte Hauch des Todes durchwehte das Tal, obwohl die Sonne im Zenit brannte.

»Pueblos«, krächzte einer von Stedloes Kumpanen.

Der Anführer riss seinen starkknochigen Wallach herum, und die Bewegung rettete ihm das Leben. Ein Pfeil zischte knapp an ihm vorbei.

»Fort!«, brüllte er. »Mir nach!«

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738914856
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
saltillo kopfgeldjäger-bande

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Titel: Saltillo #8: Die Kopfgeldjäger-Bande