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Die letzte Kerbe

2017 0 Seiten

Leseprobe

Die letzte Kerbe

Larry Lash

Published by Casssiopeia-XXX-press, 2017.

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Die letzte Kerbe

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von Larry Lash

Der Umfang dieses Buchs entspricht 182 Taschenbuchseiten.

Als Dan Flemming seinem Vater im Kampfe beistand, glaubte er einen Menschen erschossen zu haben, und sah seiner Verurteilung entgegen. Er konnte sich befreien und fliehen und ging auf den langen Trail der Geächteten und Verfemten. Bei den Rohhäutern fand er schließlich Unterschlupf. Mit diesen eigenartigen Menschen zog er weiter. Bei ihnen lernte er die beiden Brüder Paul und Lee Millard kennen, zwei starke Männer, mit einer bewegten Vergangenheit. Früher einmal waren sie als Banditen geritten. Von ihnen wurde ihm Unterstützung zuteil, als Ann Palmer ihm ihre Liebe gestand, als der Stamm der Rohhäuter ihn jagte. Die beiden Brüder wurden seine Begleiter, als er nach Texas zurücktrailte und feststellte, dass man seinen Vater und ihn betrogen hatte...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover by Klaus Dill mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1.

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Als man seinen Vater von der Ranch vertrieb, war er achtzehn Jahre alt gewesen. Ein halbes Jahr später war er allein. Er war dabei, als sein Vater jenen Mann, der ihm im Auftrage der Regierung die Ranch abnahm, auf der Mainstreet in Abilene niederschoss. Er wusste, dass sein Vater zu spät seine Besitzansprüche geltend gemacht und zu sehr darauf vertraut hatte, dass ihm niemand seine Ranch streitig machen könnte und dass man es schon gar nicht wagen würde, mit Gewalt gegen ihn vorzugehen. Damals hatte er zu seinem Vater aufgesehen und geglaubt, dass der Vater sich nicht irren könnte. Den Widerstand, den Vater und Sohn geleistet hatten, mussten sie nach einer langen Belagerung aufgeben. Der Vater war schwerverwundet. Er, Dan, musste ihn auf den Einspänner legen und mit der wenigen Habe abziehen. Allein für die Behandlung des schwerkranken Vaters musste er einen Teil der Herde verkaufen. Er musste spottbillig verkaufen, denn man wusste, dass sie Geld brauchten. So war es kein Wunder, dass bald die ganze Herde hin war. Der Vater aber, kaum genesen, stellte jenen Mann, der sie im Auftrag der Regierung zum Abzug von der Ranch gezwungen hatte.

Dan würde an diese Begegnung denken, solange er lebte. Das Bild hatte sich ihm fest eingeprägt: zwei Männer, die sich im Abstand von nur neun Schritten gegenüberstanden, sich fest ansahen und sich wenig zu sagen hatten.

„Zieh!“, hatte Dans Vater gesagt.

Der andere hatte genickt und erwidert:

„Tut mir leid, dass du es so siehst, Ben. Wir waren einmal Sattelpartner. Du hättest dich rechtzeitig um deine Landeintragung kümmern müssen. Früh genug hat man es dir gesagt. Es ist nicht meine Schuld, dass du es nicht getan hast, dass ein anderer aber auf dein Land und deine Ranch scharf war. Ich habe nur einen Auftrag der Regierung erfüllt. Hänge es mir nicht an, Ben. Du hast es mir vor einem halben Jahr sehr schwer gemacht.“

„Hätte ich dir ein herzliches Willkommen zurufen sollen? Du hattest es verteufelt eilig, deinen Auftrag auszuführen. Denen, den du damit einen Gefallen getan hast, war es eine große Freude, mich am Boden zu sehen. Nun, ich bin nicht den langen Strom hinauf gewandert, ich wollte am Leben bleiben, um mit dir abzurechnen. Nimm an, dass ich in dir den Kerl sehe, der mich um alles brachte, um mein Land, meine Herde und mein Haus, um das Glück eines Mannes, seinen Lebensabend zufrieden zu verbringen.“

„Ben, ich möchte keinen Kampf“, unterbrach ihn der Gegner des Vaters abwehrend. „Du müsstet in Ruhe nachdenken und zu der Einsicht kommen, dass dein eigener Fehler dir den Ruin brachte. Dein Zorn bringt nichts Gutes, denn der Zorn kann einen Menschen dazu hinreißen, etwas zu tun, was er später bereuen wird. Ich will keinen Kampf, am allerwenigsten mit dir als ehemaligem Partner.“

„Zieh!“

Zum zweiten mal sagte es Dans Vater. Unversöhnlichkeit schwang in seiner Stimme. Man hörte deutlich, dass der Mann, der dieses Wort sprach, keineswegs umzustimmen war.

„Ben!“

„Wir reden zu viel, Stuart Jugens!“, unterbrach der Vater ihn rau. „Es ist nicht viel von deiner alten Selbstherrlichkeit übriggeblieben. Los denn!“

Sie zogen beide zur gleichen Zeit. Dans Vater war eine Idee schneller, aber seine Waffe hatte Ladehemmung und kein Schuss löste sich aus seinem hochgerissenen Revolver. Stuart Jugens aber traf mit seiner Kugel den Gegner tödlich. Mit schrecklich entstelltem Gesicht fiel Dans Vater vornüber.

In Dan war eine schreckliche Leere. Wie von selbst lüftete er den Revolver und feuerte auf den Mann, der dem Vater den Tod gebracht hatte. Er sah auch ihn fallen und in den Staub der Fahrbahn rollen.

Nach dem Aufrasen des Schusses stand Dan leichenblass auf der Fahrbahn, einer Ohnmacht nahe. Zum ersten mal hatte er auf einen Menschen geschossen und getroffen. Es war, als bräche etwas in ihm zusammen. Er leistete keinen Widerstand, als man ihn abführte und noch am gleichen Tage vor eine Jury stellte. Er schwieg, als er Fragen beantworten sollte. Der Schock in ihm war noch zu stark, so dass er das Geschehen um sich herum wie aus weiter Ferne erlebte. Das Urteil über ihn war schnell gesprochen. Es waren genügend Zeugen da, die genau gesehen hatten, dass er ohne Anruf auf den Gegner des Vaters geschossen hatte.

Er wurde zum Tode verurteilt. Niemand fragte nach seiner Jugend, nach dem Zustand, in dem er sich befunden haben mochte, als er seinen Vater tot zur Erde sinken sah. Niemand sprang ihm zu seiner Verteidigung bei und versuchte dem armen Jungen zu helfen. Das Land war hart und rau. Mit achtzehn Jahren war ein junger Mann voll für seine Taten verantwortlich.

Vielleicht war es das schreckliche Wort „Tod“, das ihn handeln ließ. Der Selbsterhaltungstrieb, der in jedem Menschen und jedem Tier ist, wurde in ihm lebendig. Die Lähmung, die ihn seit dem Schuss befallen hatte, war plötzlich wie fort gewischt. Jetzt zeigte es sich, dass die, die ihn zum Tode verurteilt hatten, ihn wohl voll verantwortlich machten für seine Tat, ihn aber dennoch nicht als ganzen Mann angesehen hatten und völlig überrascht waren, als er seinen Bewacher mit einem einzigen Faustschlag niederstreckte und sich so einen Weg in die Freiheit bahnte.

Diese Freiheit war teuer erkämpft. Es war nicht die Freiheit, die er sich wünschte. Es war die Freiheit eines gehetzten, steckbrieflich gesuchten jungen Menschen, der ständig damit rechnen musste, dass sie zu Ende war. Aufgebote hatten ihn gesucht, und sein Steckbrief hing an allen Sheriffoffices. Man hatte seinen Vater ohne ihn beerdigt. An dem Tag, an dem die Beerdigung war, lag er angeschossen von einem Mann des Aufgebotes in einem Dornenbusch versteckt, in dem er sich wie ein Tier verkrochen und in Sicherheit gebracht hatte. Er hörte die Häscher, als sie ganz dicht vor seinem Versteck vorbeiritten. Er kämpfte gegen die schier unerträglichen Schmerzen an und biss sich die Lippen blutig, um sich nicht durch ein Stöhnen oder durch einen Schrei zu verraten.

Kaum war die Gefahr vorbei, als er in eine tiefe Ohnmacht sank, aus der er erst Stunden später wieder erwachte. Niemand hatte ihn gefunden, kein barmherziger Samariter hatte ihm Hilfe gebracht. In seiner Not hatte er erkennen müssen, wie sehr ein Mensch allein sein kann. Sein Erwachen glich einem Zustand zwischen Traum und Wirklichkeit. Das Bild jenes Mannes, dem er seine Kugel geschickt hatte, war vor ihm wie eine erschreckend bleiche unheimliche Maske. Es war so lebendig, dass er seine Not hätte herausschreien mögen. Doch niemand hätte ihn gehört, niemand wäre gekommen. Eine zweite Ohnmacht bereitete dem unheimlichen Gesicht ein Ende.

Das nächste Erwachen war grauenvoll. Der Notverband, den er sich hatte anlegen können, war von Blut und Erde verkrustet. Als er den Versuch machte, sich zu erheben, drückte ihn eine Schwäche nieder. Dreimal musste er ansetzen und seinen ganzen Willen aufbieten, dann schaffte er es. Als er stand, musste er sich an den Zweigen festhalten, denn die Umgebung drehte sich wie ein Karussell um ihn. Der Regen, der auf ihn niederfiel, hatte auch sein Gutes, er löschte seine Spur und machte sie auch für den Suchhund unbrauchbar, den man auf sie gesetzt hatte, als ein Farmer gemeldet hatte, dass er sich in der Nacht Decken, Proviant und anderes mehr von seiner Farm geholt hatte. Er hatte einen Zettel zurückgelassen, auf dem er alles verzeichnet hatte, was er sich genommen hatte, bevor er seine Flucht weiter fortsetzte. Dieser Zettel trug seine Unterschrift und den Vermerk, dass er alles zurückerstatten würde, was er sich genommen hatte.

Er hatte dem Farmer in der Tat nach Monaten vierzig Dollar geschickt. Das war mehr, als die Sachen wert gewesen waren, die er sich genommen hatte. Was aber waren die Tage und Wochen, die er auf der Flucht zubrachte, für eine Qual für ihn gewesen! Einem Arzt hatte er sich nicht anvertrauen dürfen. Er bekam seinen eigenen Steckbrief zu sehen, als ihn die Not in eine Siedlung hinein trieb. „Gesucht wird Dan Flemming“, so lautete die Überschrift. Es folgte seine Personenbeschreibung und eine Schilderung seiner Tat. Ihm schwindelte, als er seinen Steckbrief sah. So heimlich wie er in die Siedlung gekommen war, so heimlich verschwand er auch wieder, um zu seinem Versteck, das er bei den alten Stollen hatte, zurückzukehren. Hier blieb er, bis er wieder völlig zu Kräften gekommen war. Seine Wachsamkeit und sein Misstrauen blieben in der Folgezeit. Von Rohhäutern, einer starken Menschengruppe, die mit Ross und Wagen nach Zigeunerart das Land durchstreifte, ließ er sich eine lange Wegstrecke mitnehmen. Mit diesen Menschen hatte es eine eigene Bewandtnis. Sie fühlten sich so frei wie die Vögel lebten, fragten nicht, woher er kam und wohin er wollte. Sie nahmen ihn auf, und er lebte bei ihnen wie in einer großen Familie. Die Menschen hatten wildes Blut in den Adern und stammten wohl aus dem Süden. Sie waren arm, aber die Armut bedrückte sie nicht. Niemand hatte Besitz, es gehörte alles der Gemeinschaft. Wer irgendwo etwas stehlen konnte, wurde als Held gefeiert. Schwere Arbeit betrachteten sie als eine Erniedrigung, sie liebten den Wind und die Sonne. Sie waren groß und schlank gewachsen und hatten eine goldbraune Hautfarbe. In ihren schwarzen, staunenden Tieraugen wurde die sanfte Schwermut eines Menschenschlages sichtbar, der mit der strebsamen und alles an sich reißenden Welt, die sich im Westen bemerkbar machte, nichts gemein hatte. Ihren Namen hatten sie nach ihrer Angewohnheit erhalten, rohe Häute für viele Zwecke des täglichen Bedarfs zu verwenden.

Dan war nicht der einzige, der bei den sonderbaren Menschen Unterschlupf gefunden hatte. Er war allerdings der jüngste der Gäste der Rohhäuter. Die beiden anderen waren hünenhafte Männer mit weißblonden Haaren. Die Brüder hätten gut zu jedem Wikingeraufgebot gehören können. Sie hatten harte Gesichter, in die tiefe Linien hineingegraben waren.

Dan Flemming erfuhr bald, dass die beiden keine Dauergäste waren, aber in gewissen Zeitabständen immer wieder bei den Rohhäutern auftauchten.

Auch diese beiden Männer fragten Dan nichts und drängten sich nicht auf.

Texas lag bald weit zurück und damit der Staat, in dem Dan so bittere Erfahrungen gesammelt hatte. Er zog weiter mit den Rohhäutern und mit Paul und Lee Millard. New Mexiko, Colorado, Wyoming und Montana waren weitere Länder, die er kennenlernte. Von dort ging es nach Dakota, wo Dan zum ersten mal den Missouri zu sehen bekam. Nord und Süddakota blieben zurück, es folgten Iowa, Missouri, Arkansas und Oklahoma, der Nachbarstaat von Texas.

Zwei Jahre waren auf diesem gewaltigen Trail vergangen, zwei Jahre, in denen Dan Flemming viel gesehen und gelernt hatte, in denen er viel erlebt hatte. In diesen zwei Jahren war er ein Mann geworden. Er hatte jetzt seine ersten Kämpfe hinter sich, er hatte die Menschen kennengelernt und zwei Freunde gewonnen, die beiden Brüder Paul und Lee Millard.

Bei Nacht und Nebel musste er die Rohhäuter verlassen, denn die ganze Sippe war hinter ihm her. Ohne die beiden blonden Hünen hätte er der Welt so long sagen müssen. Schuld daran war die Frau des Rohhäuterführers. Nicht, dass Dan sich ihr genähert hätte, nein, sie war es, die sich in ihn verliebte, bis zur Leidenschaftlichkeit in den jungen Mann vernarrt hatte. Wo er sich auch immer aufhielt, ihre dunklen, mandelförmig geschnittenen Augen folgten ihm. Das musste auch ihrem um viele Jahre älteren Mann, der fast schon ein Greis war, auffallen. Gewiss hätte der Alte es auch ohne die Stammesangehörigen gemerkt, die ihm rieten, sehr wachsam zu sein.

Nun, Dan hatte sich einen Namen bei den Rohhäutern gemacht. Selbst die Anführer mussten das anerkennen, denn er gehörte zu den Leuten, die dafür sorgten, dass es immer etwas zu essen gab. Das war nicht leicht, denn es mussten viele Mäuler gestopft werden. Niemand verstand es so gut wie er, die besten Schlachtrinder aus den Herden herauszutreiben und zu schlachten. Wenn seine beiden schweigsamen Freunde ihn begleiteten, war die Beute meist sehr groß. Niemals hatte man besondere Schwierigkeiten, denn Fleisch war immer zu besorgen. Das Dutzend Rinder, das man dann und wann aus den großen Herden holte, zählte kaum. Aber nicht immer ging es glatt ab, einige Male gab es auch Kampf, doch nie einen Toten. Lieber verließen sie sich auf ihre schnellen Pferde. Als sie wieder einmal verfolgt wurden, mussten sie alle drei für einige Zeit von den Rohhäutern fernbleiben. Während dieses Fernbleibens war Dan für drei Monate mit seinen beiden Freunden in wilden, offenen Rinderstädten gewesen. Mehrmals mussten sie sich ihrer Haut erwehren. Als man wieder zu den Rohhäutern stieß und die Frau des Anführers mit Erstaunen erkannt hatte, dass die wenigen Monate genügt hatten, aus dem schlaksigen Jungen einen Mann zu machen, an dem eine Frau nicht vorbeisehen konnte.

„Unser Benjamin hatte Glück“, hatte Paul Millard bei der Rückkehr zu den Rohhäutern gesagt. „Mehrere harte Jungens haben es mit ihm versucht, doch er schlug sie alle. Die neuen Kerben an seinem Colt bedeuten das Ende einiger hartgesottener Burschen, die eines Tages von einem Ranger oder Staatenreiter sowieso geholt worden wären. Das Gesetz müsste unserem Benjamin eigentlich einen Orden verleihen.“

Dan hatte ganz verlegen dagestanden und von diesem Tage an war die Leidenschaftlichkeit einer üppig schönen Frau auf ihn gefallen. Vielleicht war sie gefesselt von dem Geheimnisvollen und Undurchsichtigen, das Dan umgab, ohne dass er sich selbst dessen bewusst wurde. Vielleicht sah die Frau in dem um zwei Jahre jüngeren Mann das Traumbild des Mannes, nach dem sie sich innerlich verzehrte. Nur der Himmel oder die Hölle mochten indes wissen, was in dieser leidenschaftlichen Frau tatsächlich vor sich ging. War es das Besondere und Gefährliche, das diese Frau lockte? Eines konnte sie jedenfalls nicht, das war, sich zu beherrschen. Als sie Dan eines Tages, als er zum Bach ging, folgte und ihm entgegentrat, schreckte sie ihn mehr ab, als dass sie ihn anzog. Ihre Augen funkelten ihn an, sie war es, die sich ihm an die Brust warf und mit ihren Lippen die seinen suchte und ihn mit einer Erregung küsste, die ihren Körper erbeben ließ.

Wie zu Eis erstarrt ließ Dan ihre Leidenschaftlichkeit über sich ergehen.

„Wir gehören zusammen, du und ich“, hörte er sie mit kehlig schwingender Stimme sagen. „Ich habe es in wenigen Stunden begriffen, Dan. Ich will nicht mit den anderen weiterziehen, ich will fort. Lass uns beide zusammen fliehen, irgendwohin! Ich folge dir, wohin du willst.“

„Du hast einen Mann.“

„Ja, einen, den mir der Stamm aufhalste, den ich weder liebhabe, noch jemals Liebe schenken kann. Wir Rohhäuterfrauen werden nicht nach unserer Wahl gefragt. Der Sippenälteste sucht den Mann für uns aus, und wir müssen gehorchen. Kan hat mich nie gefragt, ob ich ihn liebe, ob ich ein Leben lang an seiner Seite bleiben will.“

„Du brichst das Gesetz, Ann!“

„Ist das so etwas Besonderes, Dan? Gehörst nicht du zu jenen, die ständig das Gesetz brechen? Wir sind dann beide Ausgestoßene. Das wird uns um so stärker verbinden. Sieh mich nur an, Dan, niemand kann uns sehen oder zuhören, wir sind allein. Ich liebe dich, Dan, es kam mit elementarer Gewalt über mich. Ich habe nie gewusst, was Liebe und Leidenschaft ist.“

Sie trat einen Schritt zurück. Er hob seinen Blick und sah sie an. Vielleicht hatte er sie noch nie so kritisch angesehen, vielleicht erwachte auch in ihm etwas Neues, Unbekanntes, das ihm bisher verschlossen war. Bisher hatte er nicht wahrgenommen, dass er ihr von allen Frauen des Stammes besonders gefiel und sie sich besonders um ihn gekümmert hatte. Sie war nicht so wie die anderen Frauen, die größtenteils ihr Äußeres vernachlässigten und wenig anziehend wirkten. Sie war ganz anders, sie ließ sich nicht hängen und lebte nicht gleichgültig dahin, sie verstand es sich zu kleiden, und das unterschied sie von den anderen.

Ihr lockiges Haar wogte ihr den Nacken herunter und schien in der Fülle wie ein Schleier zu wirken, der fast bis zur Hüfte hinabreichte. By Gosh, ein Mann hätte ein Herz aus Stein haben müssen, wollte er all das Prachtvolle übersehen, das das Leben selbst hervorgezaubert hatte. Sie war nicht viel älter als er und doch, so schien ihm, war sie in ein leuchtendes Licht getaucht, so weit fern, dass er es einfach nicht wagen durfte, sie lange anzusehen, denn je länger er es tat, um so schneller schlug sein Herz.

Nun, Dan Flemming war unerfahren, und was ihm in ihrer Gestalt entgegentrat, war etwas, mit dem er einfach nicht fertig werden konnte. Er hatte weder die Erfahrung noch die Reife dazu.

„Ich sehe dich recht deutlich“, sagte er, „doch hinter dir sehe ich deinen Gatten und deinen Stamm. Ich bin nur euer Gast und kann nicht die Hände nach dir ausstrecken. So vergilt man keine Gastfreundschaft, Ann. Ich könnte nicht mehr in einen Spiegel sehen, ich müsste mein Gesicht anspucken. Dein Mann war wie ein Vater zu mir und du wie eine Mutter.“

„Ich deine Mutter, Dan. Ich bin nicht viel älter als du! Ich war fast noch ein Kind, als ich zur Heirat gezwungen wurde. Was wusste ich wirklich vom Leben? Sicherlich so viel, wie du im Augenblick. Ich bitte dich, lasse mich nicht im Stich, ich hoffe und zähle auf dich, nur du kannst meinem Leben eine andere Richtung verleihen. Lass uns fliehen und ein neues Leben beginnen!“

Dan antwortete nicht. Was sollte er auch sagen? Wenn er ehrlich zu sich sein sollte, so musste er sich gestehen, dass er Angst hatte, Angst vor der Zukunft und vor den Rohhäutern, vor dem eigenen Ich. Sein Herz krampfte sich in ihm zusammen. Wortlos hatte er sie stehen lassen und war fortgegangen. Er hatte nicht gewagt, sich ein einziges Mal nach ihr umzusehen. So sah er die Tränen nicht, die über ihre Wangen liefen. Ihre Tränen wurden nicht aus Scham oder Wut vergossen, nicht aus Eitelkeit oder gekränktem fraulichen Stolz. Es waren Tränen der Hilflosigkeit.

Dan kehrte ins Lager zurück, und hier bemerkte er, wie man ihn verstohlen betrachtete, wie sich etwas Bösartiges gegen ihn zusammenbraute. Den ganzen Tag über sprach außer den beiden Brüdern niemand mit ihm.

„Kleiner, du hast da ein Feuer entfacht, das du kaum noch wirst löschen können!“

„Lass ihn, Paul“, mischte Lee Millard sich ein. „Er kann nichts dafür. Aber so ist es, niemand weiß, wann es einen erwischt und innerlich verzehrt. Die Umgebung merkt es schneller, und wenn da Bindungen und Gesetze sind, werden sie verteufelt misstrauisch, und auch daran kann unser Kleiner nichts ändern. So ist es nun einmal im Leben, und so wird es bleiben, gleich wo es ist. Es fragt sich nur, ob es so gut ist, nicht wahr, Paul?“

Der Angeredete nickte bedächtig und sah auf seine Stiefelspitzen nieder.

„Du und ich, wir beide sind wie Adler, Bruder. Wir können uns erheben, wenn es uns passt, das aber wird unser Kleiner nie können. Es wäre daher besser für ihn, wenn er die Gastfreundschaft der Rohhäuter nicht länger in Anspruch nehmen würde. Er ist flügge geworden und wird auf eigenen Beinen stehen können. Er schießt eine schnelle Kugel und ist auch sonst nicht auf den Kopf gefallen. Das beste ist, Sonny, wenn du verschwindest!“

„Ich glaube das auch“, sagte Lee. „Mach dich davon, bevor der Alte dir den Kopf abschießt und wir für dich ein Grab ausheben müssen. Diese attraktive Ann hat völlig die Übersicht verloren. Ihr ewig nörgelnder, zur Gewalt neigender Mann ist ihr wohl stets gleichgültig gewesen. Sie sieht nur noch dich, mein Junge, und wenn du bleibst, so werdet ihr beide bald dieser schönen Welt so long sagen müssen. Es lohnt sich nicht, Kleiner, denn das Leben ist lebenswert. Wenn man erst die Augen für immer geschlossen hat, gibt es kein Erwachen im hellen Sonnenlicht. Es gibt überall schöne Frauen und wenn du dir die Mühe machst, ein wenig in der Welt herumzureiten, wirst du es immer wieder bestätigt bekommen.“

„Genau so ist es“, bekräftigte Paul. „Das war die längste Rede, die du jemals gehalten hast, Lee. Tu, was wir dir anraten, Kleiner, verschwinde heimlich still und leise, noch in dieser Nacht. Der Alte hat nichts Gutes mit dir vor.“

„Ich habe nichts Unrechtes getan.“

„Darauf kommt es nicht an. Ich sagte schon einmal, dass du Pech hast und es dir irgendwie anhaftet. Du wolltest schon immer das Grab deines Vaters besuchen, nun, das kannst du jetzt tun. Es

sind Jahre vergangen und deine Steckbriefe sind verwittert. Die Jahre haben dich so verändert, dass dich kaum noch ein Verwandter erkennen würde. Es ist also kein Grund, es nicht zu tun. Wenn du erst fort bist, wird das Strohfeuer abbrennen und alles wieder in Ordnung kommen.“

„Ich habe keine Angst, vor niemandem!“

„Kleiner, wir wissen das zu schätzen, aber es nützt dir nichts. Diese Rohhäuter kennen eine Menge giftiger Pflanzen und Wurzeln, mit deren Extrakt sie dich ins Jenseits befördern könnten. Mein Bruder und ich würden dann mit dir die lange Reise antreten, und danach ist uns nicht zumute. Wir wollen noch bei unseren Freunden bleiben. Deine Zeit bei den Rohhäutern ist jedoch abgelaufen.“

Dan Flemming schwieg. Vielleicht dämmerte es ihm jetzt, dass er die Warnung der Freunde nicht in den Wind schlagen durfte. In den nächsten Stunden machte er Beobachtungen, die ihm allen Grund zur Unruhe gaben. Nicht einer der Stammesangehörigen zeigte mehr ihm gegenüber die alte Vertraulichkeit, die Dan so sehr schätzte und die ihn in dieser Gemeinschaft wie auf einer weichen Woge getragen hatte. Bevor es dämmerte und die Wagen angehalten wurden, hörte Dan Annes weiche Stimme: „Heute Nacht müssen wir fliehen, Dan! Man misstraut uns bereits.“

„Ich habe ihnen keinen Grund dazu gegeben, Ann“, flüsterte er zurück, ohne seine liegende Haltung zu verändern.

„Er hat mich geschlagen“, fuhr sie fort. „Aber ich ertrage alles, denn ich weiß, bald sind wir in Freiheit, du und ich. Ein neues Leben tut sich für uns beide auf.“

„Ann, warum zum Teufel glaubst du, dass ich etwas tun werde, wonach mir nicht der Sinn steht?“

„Dir bleibt keine andere Wahl, sie bringen dich sonst um. Ich habe es bereits gehört, Dan, und ...“ Sie sprach nicht weiter, denn Schritte näherten sich. Die Vorsicht ließ sie schweigen.

Jetzt war Dan auch von jener Frau gewarnt, die mit ihm fliehen wollte. Als die Nacht hereinbrach, gab es einen Augenblick, in dem sie ihm zuflüstern konnte:

„Ich werde die Pferde bereitstellen, Dan. Also dann bis Mitternacht.“

Bevor Dan antworten konnte, hörte er an dem Geräusch hinter sich, dass sie sich bereits entfernt

hatte. Er blieb lang ausgestreckt liegen und schaute zum Nachthimmel hinauf, an dem ungezählte Sterne leuchteten. Ringsum war das träge Leben der Rohhäuter im Gange. Ihre struppigen Hunde hatten sich zu einem Rudel vereint und machten irgendwo in der Gegend mit lautem Gebell Jagd auf einen Hasen.

Ich befinde mich in ähnlicher Lage wie der Hase, dachte Dan und hockte sich auf. Er lauschte auf das Treiben ringsum, prüfte den Sitz seines Colts, dann schob er sich langsam durch die Wagenplane an der dem Feuer abgewandten Seite. Etwas später stand er neben dem Planwagen, der ihm für einige Jahre eine Art Heimat gewesen war. Er zuckte zusammen, als er Paul Millards Stimme hinter sich hörte.

„Kleiner, du bist vernünftiger als wir dachten. Hinter dem Rundhügel am Bach steht ein gesatteltes Pferd mit einer aufgelegten Provianttasche. Also los denn und — so long!“

Dan Flemming bewegte sich nicht, die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Eine Hand legte sich schwer auf seine rechte Schulter.

„Sie ist wirklich betörend, diese schwarzhaarige Hexe, die alle Männer, wenn sie es nur wollte, verzaubern könnte. Du stehst in ihrem Bann, Kleiner. Alles ist schwer wie Blei, nicht wahr?“

„Ich glaube schon, Paul.“

„Ich will für dich hoffen, dass es nur eine leidenschaftliche Aufwallung war, die sich bald legen wird. Vielleicht ist es nur eine Art Panikstimmung, die Ann kopflos macht, denn sollte es tiefer in ihr sitzen, wirst du sie niemals abhängen können.“

„Paul — ich gehe jetzt.“

„Nur zu und bewege dich vorsichtig, denn nie zuvor hast du es nötiger gehabt.“

Es gab einen letzten Händedruck, dann bewegte sich Dan wie ein Schatten in die Dunkelheit hinein, lautlos wie ein Indianer, der ein feindliches Lager beschleicht. Von Paul und Lee hatte er gelernt, wie man vorgehen musste, wenn es kein Rascheln des Laubwerks oder Knacken von dürren Zweigen unter den Fußsohlen geben sollte. Die beiden Brüder waren ihm gute Lehrmeister gewesen. Jetzt machte es sich bezahlt, dass er immer lernbegierig gewesen war. Er atmete tief, als das Bachuferstrauchwerk sich hinter ihm schloss. Jetzt lag das Graswurzelkochfeuer hinter ihm und somit auch die Menschen, die das Camp bevölkerten.

Dan überquerte den Bach und bewegte sich auf den Rundhügel zu. Bevor er ihn überquerte, gewahrte er im letzten Augenblick den Schatten, der wuchtig auf ihn zusprang. Im schwachen Mondlicht schimmerte die gezückte Klinge eines zum Stoß bereiten Messers auf. Er duckte blitzschnell ab und fing den Arm mit dem Messer ab und riss so heftig an dem Arm, dass ein Stöhnen aus dem Munde des Mannes kam, der über ihn hinweg sauste. Im nächsten Augenblick ließ er den schlaff gewordenen Arm los, riss den Colt heraus und schlug mit dem Kolben zu. Er traf genau. Der Gegner streckte sich ohnmächtig geworden lautlos im Gras aus. Erst jetzt beugte Dan sich über den Mann und zuckte zurück, denn vor ihm im Gras lag der Oldman und Anführer der Rohhäuter, Ann Palmers Gatte.

Es war jetzt keine Zeit mehr zu verlieren. Dan nahm das Messer an sich, erhob sich und rannte um sein Leben. Das laute Stöhnen des Alten war gewiss bis zum Camp hin gehört worden. Das dort aufbrandende Wutgeheul verkündete nichts Gutes. Jetzt konnte nur noch die Schnelligkeit entscheiden. Einen Augenblick lang wollte Panik in Dan aufkommen. Was würde sein, wenn die Brüder kein Pferd bereitgestellt hatten?

Er rannte weiter. Der Schweiß brannte ihm in den Augen. Endlich machte er das angebundene Pferd aus. Er warf sich in den Sattel und kappte die Leine, die das Pferd am Ast festhielt mit dem Messer. Im nächsten Augenblick jagte er in die Nacht hinein.

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2.

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Diesmal war es bedeutend leichter, die Verfolger abzuschütteln als vor Jahren, da er den Gegner seines Vaters getötet hatte. Damals hatte ihn das Aufgebot fast zu Tode hetzen können. Er ritt jetzt auf den nur eine Meile weit im Süden gelegenen Waldgürtel zu. Dort angekommen, hielt er an und zog den Rappen in dichtes Buschwerk hinein.

Die Millards hatten ihm ein gutes, hoch gebautes Pferd zur Flucht bereitgestellt. Dan war erfahren genug, um den Rappwallach beurteilen zu können. Er fragte sich, woher das Tier stammen mochte, denn vor seiner Flucht hatte er das Tier bei den Rohhäutern nicht gesehen. Sicherlich fehlte das Pferd jetzt einem Rancher oder Siedler in der Gegend. Das würde auch den Leuten in der Gegend nicht lange verborgen bleiben, denn niemand verkaufte einen solchen Wallach, der hoch gebaut war, einen trockenen Kopf hatte und große, klarblickende Augen. Die geaderte Haut ließ einen Vollblüter erkennen. Ein solches schnelles und ausdauerndes Tier, dessen Fell glänzte und dessen Muskeln unentwegt unter der Haut tanzten und spielten, war in diesem Land wie eine Lebensversicherung.

Die Millards hatten den Rappen für Dan geholt. Sie wollten, dass er ein gutes Pferd für die Flucht haben sollte, aber sie wussten auch, dass er mit einem solchen Reittier gleichzeitig dazu verurteilt war, allen Menschen dieses Landes aus dem Wege zu reiten. Sollte man ihn mit dem Pferd erblicken, würde man ihn für einen Pferdedieb halten, und auf Pferdediebstahl stand die Todesstrafe. Alles konnte man hierzulande verzeihen, dass man Rinder stahl oder eine Kugel auf jemand abfeuerte, aber zwei Dinge nicht, dass man die Frau eines anderen nahm oder sich ein Pferd aneignete, das einem nicht gehörte. Die Millards hatten also nicht vor einem Pferdediebstahl zurückgescheut, um Dan zu helfen. dass sie ihm mit einem gestohlenen Pferd eine weitere Last aufbürdeten, war ihnen wohl nicht in den Sinn gekommen. Dan aber musste jetzt daran denken, nachdem er einige Zeit im Gebüsch verharrt hatte und sich dann zum Weiterritt entschloss, als nichts Verdächtiges zu bemerken war.

Dan Flemming musste daran denken, was man ihm nun alles anhängen würde: einen Mord, Rinderdiebstahl, die Frechheit, einer verheirateten Frau den Kopf zu verwirren und jetzt auch noch Pferdediebstahl. Jede einzelne Tat war ein Verbrechen und ließ Dan in einem zweifelhaften Licht erscheinen. Die Kehle zog sich ihm eng, seine Fäuste schlossen sich fester um die Zügel, dass die Knöchel weiß unter der Haut hervorschimmerten. Immer tiefer war er in Schuld verstrickt worden und so zu einem Gezeichneten geworden, ein Mann, der vogelfrei war und in allen Staaten gejagt würde, sobald die Vergangenheit ihn eingeholt hatte. Dabei fühlte er sich nicht einmal schuldig. Tief in seinem Innern wusste er, dass er nicht zu den Verlorenen zählte, die alle Hemmungen abgelegt hatten und keine Skrupel mehr kannten. Nein, so war er nicht, so würde er niemals werden. In seinem Kern sträubte sich alles dagegen. Beim Gedanken daran wurde ihm schier übel. Das Schicksal schien sich gegen ihn verschworen zu haben. Er ritt nahe am Abgrund und konnte jeden Augenblick den Halt verlieren und in die bodenlose Tiefe stürzen.

So jung er noch war, so hatte er doch eins bereits erkannt, dass man sich nämlich nicht gehen lassen durfte, dass man all seinen Willen zusammennehmen musste, um sich nicht treiben zu lassen.

Um Mitternacht scheuchte er eine kleine Gruppe von Mavericks auf, die sich am Unterholz gelagert hatte und bei der Annäherung des Reiters aufstob und flüchtete. So dunkel es auch war, so konnte er doch erkennen, dass er ungebrannte Jungrinder vor sich hatte, Färsen, Jungstiere und einige Kälber. Über ein Dutzend Tiere waren es, genau die Zahl, die man im Rohhäutercamp benötigte, um der Proviantsorgen für die nächsten Wochen ledig zu sein. Mit Leichtigkeit hätte man sie einfangen und ins Camp treiben können. Das war aber für ihn nun endgültig vorbei.

Das Gefühl, ganz allein zu sein, war diesmal nicht so unerträglich wie bei seiner ersten Flucht, nachdem er den Gegner seines Vaters niedergeschossen hatte. Keine Panikstimmung überkam ihn jetzt. Je weiter er ritt, um so gelassener wurde er. Nur eins war sonderbar, das Bild von Ann Palmer wurde immer mächtiger und stärker in ihm. Ihre faszinierenden Augen schienen ihn mit einem traurigen Ausdruck immerzu anzusehen. Ihre Lippen waren fest verschlossen, wie von einem verhaltenen Weinen versiegelt.

„Tut mir leid, Ann“, sagte er aus seinen Betrachtungen heraus, „wir waren nicht füreinander bestimmt. Jeder von uns wird seinen eigenen Weg gehen. Wir werden uns nie wiedersehen, und das wird gut so sein. Wenn ich dir noch einmal begegnen würde, wenn du mir wie am Bach gegenübertreten würdest, würde ich dich in meine Arme reißen. Vielleicht liebe ich dich, Ann, du hast die Liebe in mir geweckt und das Verlangen.“

Weiter ging der Ritt, Meile um Meile. Er durchquerte jetzt einen lichten Föhrenhain. Unter den Hufen des Pferdes war ein dichter Moosteppich, der die Hufschläge dämpfte. Silbernes Mondlicht fiel durch Geäst und Laubwerk und malte eigenartige Filigranmuster auf den Waldboden. Von den Schlafästen der Dohlen kamen seltsame Laute. Beim Weiterreiten spürte Dan, dass der nächtliche Wald voller Leben war. Ein Rudel Coyoten ließ ein melodisches Geheul hören. Weiter weg im Dickicht raschelte es. Schmalwild brach aus den Einstellplätzen, um vor dem nächtlichen Räuber reißaus zu nehmen. Vielleicht war es ein Vielfraß, der auf der Jagd war. Dan war das Tier nicht unbekannt. Er hatte es oft gesehen und wusste auch, dass kein anderes Tierfell so wasserundurchlässig war, wie das des Vielfraßes. Man benutzte es, um Wassersäcke und Wasserschläuche daraus zu fertigen.

Der große Rappwallach trug Dan weiter. Er ließ sich leicht lenken; der leiseste Zügeldruck wurde willig befolgt. Mit jeder Meile mehr schlossen sich die unsichtbaren Bande von Mensch und Tier fester.

Zum Glück für Dan war seine Flucht aus dem Rohhäuterlager zu einem Zeitpunkt erfolgt, als man die baumlosen Ebenen Oklahomas hinter sich hatte. Dan hasste die Staubstürme, die sich dort erhoben hatten, er hasste den roten Staub, der Augen, Nase, Mund und Ohren oft verklebt hatte. Im Südosten des Landes, nahe der texanischen Grenze in den Kiiamochi Mountains hoben sich die

Berge und Hügel und lösten sich die Täler einander ab. Dort war das Land von urigen Forsten und tief dunklen Wäldern überzogen. Kleine und große Bäche, in denen Forellen und Barsche lebten, flossen zu Tal, so dass der Reiz dieser Landschaft selbst bei Nacht einem Manne das Herz höher schlagen lassen konnte. Der große Sturm auf Oklahoma hatte noch nicht stattgefunden, noch lebten in diesem Gebiet viele indianische Stämme, die eine besonders farbenprächtige Kleidung trugen. Nur vereinzelt gab es Ranchen, einige kleine Rinderstädte und dünne Postlinienverbindungen. Die Menschen, die hier lebten, nannten sich stolz die Boomers. Sie hatten wohl längst vergessen, dass sie zu den aus Kansas gekommenen weißen Siedlerbanden gehörten, die allen Regierungsanweisungen zum Trotz in Oklahoma einfielen, in einen Staat, der dem roten Manne durch Verträge zugesichert war. Oklahoma hieß in der Crowsprache „Land des roten Mannes“. Darauf hatten die weißen Siedlerbanden wenig Rücksicht genommen. Auch vor der Kavallerie waren sie nicht zurückgeschreckt, die der Staat schickte, um sie aus dem Indianerterritorium zu vertreiben. Sie hatten sich mit allen Mitteln zur Wehr gesetzt, so als ahnten sie, dass nur wenige Jahre später, im Jahre 1889, die Regierung selbst einen großen Teil des Landes für die Kolonisation öffnen würde.

Der große Aufbruch nach Oklahoma lag also noch in der Zukunft. Jahre später sollte das Land wie kaum ein zweites in den Staaten einen Ansturm erleben, wie er in der Geschichte der Staaten nie wieder vorkommen sollte.

Der Morgen graute bereits, als Dan Flemming haltmachte. Er war ständig in südliche Richtung geritten. Sein Vorhaben, ein Lager aufzuschlagen, gab er bald wieder auf. Der Hufschlag einer kleinen Reiterkavalkade ließ ihn sein Pferd in die Deckung der Büsche ziehen und ihm die Nüstern zuhalten. Der Gedanke, dass der Reitertrupp aus Rohhäutern bestehen konnte, war nicht abwegig. Auf keinen Fall durfte der Rappwallach den fremden Pferden zu wiehern.

Unwillkürlich senkte sich Dans Rechte und tastete nach dem 45er Colt im Holster. Erst jetzt, als er im Versteck verharrte, bemerkte er, dass er während des Rittes eine Fahrspur überquert hatte. Tiefe Räderfurchen hatten sich in den Boden eingegraben und zeigten so einen Weg an, wie er in diesem Lande als Straße üblich war. Die großen Straßen in den Ländern allerdings waren ehemalige Büffelpfade, die diese massigen Tiere auf ihren Wanderungen im Laufe der Jahrhunderte getreten hatten.

Nun, die Spur vor Dan befand sich nicht auf einem Büffelpfad. Die Räderfurchen stammten von Frachtwagen, Einspännern und Stagecoachs. Man brauchte kein besonders guter Fährtenleser zu sein, um das herauszufinden. Dan bemerkte zu seinem Missvergnügen, dass er ein schlechtes Versteck hatte. Jetzt war es allerdings zu spät, den Ort zu wechseln. Seine Hand klammerte sich fester um den Kolben seiner Waffe. In seinen Grauaugen zeigten sich dunkle Schatten. Eine Strähne seines braunlockigen Haares, das unter dem Stetsonrand hervorquoll, wurde vom kühlen Morgenwind gezaust. Seine Finger tasteten über sechs Kerben im Revolvergriff. Die sechs Kerben zeigten jede den Tod eines Mannes an, der aus dem Leben scheiden musste, damit er weiterleben konnte.

Fester pressten sich Dans Lippen zusammen. Wie versteinert wirkten seine Gesichtszüge. Es war, als kämpfe er innerlich gegen einen Fluch an, der durch den Willen des Schicksals auf ihm lastete. Es war der Fluch, mit der Waffe in der Hand sich einen Weg zu bahnen, um selbst weiterleben zu können.

Dan Flemming hatte am Hufschlag der sich nähernden Kavalkade bereits erkannt, dass sie aus drei Männern bestand. Bei den Rohhäutern gab es einige besonders beschlagene Männer, die schnelle Pferde hatten, stark bewaffnet waren und für ihren Anführer durch die Hölle reiten würden. Dans Nasenflügel vibrierten wie bei einem witternden Tier, das die drohende Gefahr mit feinem Instinkt erfasst hat. Wer Dan jetzt in dieser Verfassung zu sehen bekommen hätte, würde ihn für einen Mann von dreißig Jahren halten, so verändert und gealtert wirkte jetzt sein Gesicht. Die letzten Spuren der Jugend waren aus ihm gewichen. Seine Augenlider zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen, und sein Blick drang durch das Gebüsch mit der Schärfe eines nach Beute ausspähenden Adlers. Er schreckte nicht einmal zusammen, als die drei Reiter in sein Blickfeld kamen.

Beim Anblick der drei Männer atmete er erleichtert auf, denn an ihren Silhouetten erkannte er, dass es keine ihn verfolgenden Rohhäuter waren. Es waren fremde Männer, die langsam und sehr vorsichtig ritten, so als warteten sie auf etwas ganz Bestimmtes. Etwa zwanzig Schritt von Dans Versteck gingen sie mit ihren Pferden in Deckung. Einer nach dem anderen verschwand, so als würde er von der Schwärze der scheidenden Nacht aufgesogen. Dan wurde das seltsame Gefühl nicht los, dass sie ihn irgendwie bemerkt hatten, so sehr ihm sein Verstand auch sagte, dass das nicht gut möglich sein konnte. Sie kamen aus einer Richtung, die er selbst nicht geritten war. Die Angst, dass der Rappwallach schnauben oder wiehern könnte, hatte ihn dazu veranlasst, mit beiden Händen die Nüstern des Tieres zuzuhalten. Er merkte, dass diese Vorsichtsmaßnahme nicht nötig war, denn der Rappwallach gehörte zu jener Sorte gut dressierter Pferde, die ein Kenner für das Leben in diesem Lande abgerichtet hatte. Das Tier stand wie aus Erz gegossen, und nur seine Ohren bewegten sich.

Vor der Ankunft der drei Reiter hatte sich Dan wieder in den Sattel geschwungen. Reglos saß er jetzt und lauschte. Nichts regte und rührte sich. Nicht lange allerdings blieb dieser Scheinfriede erhalten. Das Rollen eines Wagens drang aus der Dämmerung zu ihm hin. Der Wind trug das Räderrollen aus nördlicher Richtung heran. Dan erblickte für einen Augenblick eine Gestalt am Wegrand, die aber sogleich wieder verschwand. Daran war zu erkennen, dass die Reiter abgesessen waren und auf das Erscheinen des Wagens warteten. Sie waren also nicht Dans wegen gekommen. Ungewollt war er nun Zeuge der Vorbereitungen eines Überfalls geworden, der aus dem Hinterhalt stattfinden sollte.

„Mische dich nicht ein“, sagte ihm eine innere Stimme. „Es geschieht dir nichts, du solltest endlich damit aufhören, dir für andere die Haut ansengen zu lassen. Hast du nicht schon genug abbekommen? Du hast deine Lektionen erhalten. Was auch geschieht, es geht dir nicht an den Kragen!“

Eine andere Stimme stellte sich dem entgegen.

„Dan“, sagte diese Stimme mit Nachdruck, „das Böse in der Welt ist deutlich zu erkennen. Schon in der Vorbereitung zur Tat ist es gut sichtbar. Wenn du es hinnimmst, wenn du duldest, dass es zur Tat wird, bist du genauso wie die drei da vorne, nämlich ein übler und hinterhältiger Schurke. Alles liegt ganz klar, du brauchst nicht einmal nach den Hintergründen zu forschen. So wie diese drei, so lauern Raubtiere auf Beute. Du hast doch gegen menschliches Raubzeug immer wieder eine unüberwindliche Abneigung gehabt. Ist das nun zu Ende? Bist du bereits auf dem Weg so kalt und herzlos zu werden, dass dich nichts mehr erschüttern, nichts mehr aus dem Gleichgewicht bringen kann? Sechs Kerben trägt deine 45er Waffe, sind es diese Kerben, die dich gefühllos machen? Sind diese Kerben schuld daran, dass dir das Leben eines Menschen so nichtig erscheint, dass du die Verantwortung, die jeder Mensch für seinen Mitmenschen hat, einfach in den Wind schlagen willst?“

Fester pressten sich Dan Flemmings Lippen zusammen, so fest, dass sie zu schmalen Strichen wurden.

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3.

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Lauter wurde das Räderrollen. Pferdehufe trommelten den Boden. Auf der Anhöhe wurde eine von vier Pferden gezogene Stagecoach sichtbar.

Jedes der Gespanntiere musste sich kräftig ins Geschirr legen, um das Gefährt über die Anhöhe zu bringen. Der Fahrer saß weit vorgeneigt auf dem Bock und schwang die langstielige Peitsche. Seine Silhouette hob sich deutlich auf dem Bode ab, versank dann gleich wieder, als die Stagecoach über die Steigung war.

Laut knirschten und quietschten die Bremsklötze, die der Fahrer anzog, um die jetzt zu Tal fahrende Coach nicht in die Hufe der Gespannpferde rollen zu lassen. Beim Zutalrollen war die Kutsche nur als ein dunkler Fleck sichtbar. In wenigen Minuten würden ihre Umrisse deutlicher zu sehen sein, wenn das dann wieder langsam fahrende Gefährt jene Stelle passierte, die die drei Männer sich als Hinterhalt für den Überfall ausgesucht hatten.

Dans Herz schlug schneller. Er saß vornübergebeugt im Sattel und nahm den Blick nicht von der Stagecoach. Die widerstreitenden Stimmen in ihm ließen ihn verharren. Kostbare Zeit verstrich, und Dan bewegte sich nicht, er war verurteilt auszuharren. Sein Verstand sagte ihm, dass er unbemerkt davonkommen konnte, wenn der Überfall stattfand. Er konnte die dann entstehende Verwirrung

nützen und sich in Sicherheit bringen. Es war wohl das beste, die sich bietende Chance wahrzunehmen. Jedes Einmischen bedeutete Schwierigkeiten, und deren hatte er schon mehr als genug. Was ging ihn der Fahrer an und die Menschen, die sich der Stagecoach anvertraut hatten? Es fragte sich auch noch, ob das Gefährt überhaupt Passagiere beförderte und ob die dreiköpfige Bande es nicht auf Postgut und Geld abgesehen hatte. Letzteres würde der Fahrer hergeben, ohne sich groß zur Wehr zu setzen. Überfälle dieser Art waren nichts Seltenes in einem Lande, in dem die Eroberer selbst aus Siedlerbanden stammten. Stagecoachfahrer auf diesen Landlinien hatten ihre Erfahrungen.

Dan Flemming hoffte, dass sich vor seinen Augen kein blutiges Drama abspielen würde. Er brauchte diese Hoffnung, um sein Gewissen zu beschwichtigen.

Die Entscheidung kam schneller, als Dan erwartet hatte, von einem der Kerle durch einen Schuss ausgelöst, dessen scharfer Knall die Stille des beginnenden Morgens zerriss. Die harte Detonation ließ Dan zusammenzucken. Der Stagecoachfahrer hob sich vor seinen Augen wie trunken vom Sitz. Die Zügel entglitten seinen Händen, die in die Luft griffen. Die Zügel klatschten auf die Rücken der Gespannpferde nieder. Im nächsten Augenblick war der Fahrersitz leer, und der Körper des Fahrers schlug dumpf auf den Boden auf. Gleichzeitig erklang ein zweistimmiger Schrei aus dem Inneren der Stagecoach, und ein Revolver spie heißes Blei. Aufzuckende Flammenlichter verrieten, dass jemand aus der Stagecoach heraus schoss und mit seinen Kugeln die hinterhältigen Kerle suchte, die den Stagecoachfahrer vom Bode geschossen hatten.

Führerlos geworden stiegen die vordersten Gespannpferde auf die Vorderhand und die Stagecoach kam zum Halt. Eines der Zugtiere hing mit der Vorderhand über der Deichsel. Das schrille Wiehern des Pferdes erhöhte die Verwirrung, in die hinein die Revolverschüsse krachten.

„Komm heraus, Frank Rüdiger!“, tönte eine tiefe Bassstimme aus der Deckung der Schufte heraus. „Komm nur und bringe deinen Sohn gleich mit! Du bist am Ende, Rüdiger!“

Der Mann, der diese Drohung aussprach, hatte nicht unrecht. Die Stagecoach konnte nicht mehr weiterfahren. Eines der vordersten Tiere lag, von einer Kugel getroffen, im Geschirr, das andere konnte seine Vorderhand nicht von der Deichsel lösen. Die beiden Zugtiere dahinter traten auf der Stelle. Nur die dünne Stagecoachwandung gaben Vater und Sohn Deckung. Die Kugeln der Schufte schlugen durch die Verkleidung hindurch. Sicherlich lagen Vater und Sohn auf dem Boden der Coach. Man konnte das aus dem Aufblitzen des Mündungslichtes aus einem Spalt der Coachtür heraus schließen.

„Hannigan“, tönte es aus der Coach heraus, „ich will mich euch stellen, aber lasst meinen Sohn aus dem Spiel. Er ist noch ein Kind. Lasst ihn auf einem der Gespannpferde zur Ranch zurückreiten. An einem Kind könnt ihr euch nicht rächen, Hannigan!“

Ein missstimmiges, heiseres Gelächter wurde hörbar. Als es abbrach, sagte der Mann mit der Bassstimme wieder: „Ich habe nie gewusst, dass du um etwas bitten könntest, Rüdiger. Als Anführer der Boomers hast du sogar der Kavallerie Trotz geboten. Du hast dir eine Zukunft aufbauen und Reichtümer erwerben können. Wir wollen nur dein Geld und nicht dein Leben. Wenn wir dein Geld haben, kannst du mit deinem Sohn zu Fuß zur Ranch zurücklaufen. Ich verzichte auf eine Abrechnung mit dir, Rüdiger!“

„Hannigan, wenn ich das nur glauben könnte!“, drang es erregt aus der Stagecoach.

„Behauptest du noch immer, dass ich zu den Schuften gehöre, die dir den Rappwallach von der Weide holten? By Gosh, Rüdiger, eine solche Lappalie würde mich niemals zufriedenstellen. In Virginia musste ich deinetwegen das Land verlassen und habe nicht zu hoffen gewagt, dass ich dir noch einmal begegne. Diese Welt ist sehr klein geworden, Rüdiger. Einmal hast du mich durch das Gesetz jagen lassen können, doch hier bin ich der stärkere Mann, und all deine Fähigkeiten und Schläue nützt dir nichts mehr. Ich bin nicht allein, wie du wohl schon gemerkt haben wirst, ich habe Freunde bei mir.“

„Banditen wie du, Hannigan!“

„Ehrenmänner, die etwas dagegen haben, wenn jemand so viel Geld wie du mit sich herumschleppt. Wir wissen genau, wie viel Geld du für den Einkauf einer neuen Zuchtherde mit dir führst. Wir wollen dich um den ganzen Betrag erleichtern. Komm heraus, Rüdiger!“

Dan Flemmings Ruhe war zu Ende. Zuerst wurde es ihm ganz heiß, dann jagte ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Dieser Schauer verstärkte sich, als er die Stimme des Jungen hörte, der seinem Vater zurief:

„Gehe nicht hinaus, Dad, ich habe Angst! Bleibe bei mir, sie werden dich erschießen!“

Dan atmete schwer. Die Tatsache, dass in der Stagecoach ein Junge war zählte mehr als die Tatsache, dass der Rappe unter ihm sicherlich Frank Rüdiger gehörte. Die beiden Millards hatten ihn gestohlen. Sein Auftauchen würde ihn, Dan Flemming, als Pferdedieb stempeln. Im ersten Impuls hatte er absitzen wollen und sein Pferd langsam fortzuführen beabsichtigt, heraus aus der Reichweite der Stagecoach und der Banditen, heraus aus der tödlichen Gefahr, in der der echte Besitzer des Rappen sich befand. Dann jedoch siegte das Gefühl des Helfenmüssens in ihm. Wenn er jetzt davonschlich wie ein Coyote, hätte er sein eigenes Urteil gesprochen. Alles in Dan wehrte sich gegen diese erbärmliche Feigheit.

Nur einen Augenblick lang zögerte er noch, doch als er die drei Gestalten sah, die vor ihm zur Stagecoach hin lauerten, wusste er, dass Rüdiger ein toter Mann sein würde, sobald er das Gefährt verließ. Alle drei hatten ihre Waffen schussbereit im Anschlag. Sie würden ihr Versprechen nicht einhalten. Sie mussten befürchten, dass, wenn sie ihr Opfer davonkommen lassen würden, eine gnadenlose Jagd anheben würde, und dachten nicht daran, ein solches Risiko auf sich zu nehmen. Zum Glück zögerte Frank Rüdiger, denn die Worte des Jungen bannten ihn. Aber wie lange würde es noch dauern?

Dan konnte nicht länger warten, er musste handeln! Auf ihn allein, auf sein Auftreten kam es an. Er schwang sich aus dem Sattel und ließ den Rappen mit lang hängenden Zügeln stehen. Lautlos, wie der Schatten eines fliegenden Vogels bewegte er sich vorwärts. Er brauchte keine zehn Schritte zu machen, um im Rücken der Kerle zu sein. Er hätte jetzt ohne Anruf schießen können und den Kampf durch die Überraschung für sich entscheiden können, aber er brachte es nicht fertig, die Gegner aus dem Hinterhalt anzufallen. Er wusste, dass die Kerle nicht zimperlich waren und wohl an seiner Stelle nicht gezögert hätten, ohne Anruf zu schießen.

„Hoch mit den Händen!“, kam es fast schrill von Dans Lippen.

Nun, Dan rechnete nicht damit, dass sie diesem Befehl nachkommen würden, im Gegenteil, er hatte sich ausgerechnet, dass durch seine überraschende Aufforderung der Kampf erneut ausbrechen würde. Zwei Kugeln gingen dicht an ihm vorbei und hätten ihn getroffen, wenn er nicht sofort nach dem Befehl den Standort gewechselt hätte. Er hatte einen Sprung zur Seite gemacht und jagte noch in der Bewegung seine erste Kugel heraus. Er schoss auf den Mann, der als erster herumgeschnellt war und auf ihn feuerte. Er schickte sofort eine zweite Kugel hinterher, ohne in der Bewegung zu stocken. Noch bevor er einen festen Standort hatte, verließ die dritte Kugel den Lauf.

Drei Schüsse waren es, abgefeuert in schneller Bewegung, doch alle drei Schüsse trafen. Dem ersten Gegner wurde die Waffe aus der Hand geschleudert, dem zweiten zerschmetterte seine Kugel die Schusshand und die dritte Kugel drang dem letzten Banditen in die rechte Schulter. In wilden Sprüngen versuchten die drei nun aus ihrem Versteck zu entkommen.

Dan ließ sich zu Boden fallen. Nicht einen Moment lang hatte er die Übersicht verloren. Er wusste nur zu gut, dass der Kampf, wenn er ihn weiter austrug, sich jetzt zu seinen Ungunsten entscheiden konnte. Die Deckung der Büsche erwies sich für die Gegner zum Vorteil. Es war nicht zweckmäßig, ihnen zu folgen. Es war besser sie mit ein paar in die Luft gefeuerten Schüssen glauben zu machen, dass sie es mit einem starken Rudel von Gegnern zu tun hatten. Das wirkte mehr als der Versuch, sie an der Flucht hindern zu wollen.

Aufbrechender Hufschlag ließ Dan aufatmen. Jetzt schoss Rüdiger ebenfalls hinter den fliehenden Banditen her, die mit ihren Pferden in der Deckung der Büsche blieben. Hannigan und seine Kumpane gaben die Partie verloren.

„Dan, diesmal brauchst du keine Kerbe in deinen Colt zu schneiden“, sagte er im Selbstgespräch, dann rief er mit heiser schwingender Stimme zur Stagecoach hin: „Rüdiger, sie sind fort! Sie können jetzt mit Ihrem Jungen herauskommen!“

„Der Himmel schickt Sie“, erwiderte Rüdiger aus der Stagecoach. „Ich werde Ihnen und all Ihren Leuten mein Leben lang dankbar sein müssen. Ihr habt mir das Leben gerettet, zeigt euch!“

Kein Wunder, dass Rüdiger noch immer misstrauisch war. Er glaubte, dass er es mit mehreren Männern zu tun hatte, die ihm aus der Klemme halfen. Wie erstaunt mochte er sein, als im fahlen Morgenlicht nur ein einziger Mann vor der Stagecoach aufkreuzte und bei den Pferden stehenblieb.

„Wo sind die anderen?“, fragte er verblüfft aus der immer noch geschlossenen Stagecoach heraus.

„Tut mir leid, Rüdiger, ich bin allein.“

„Allein?“

„Zweifeln Sie daran?“

„Offen gestanden, ja! So schnell kann niemand hintereinander seine Kugeln abfeuern, Freund. Ein Mann allein genügt nicht, um Hannigan mit seinen beiden üblen Revolvermännern aus dem Feld zu schlagen. Aufgebote verschiedenster Art haben es versucht und haben seiner nicht habhaft werden können.“

Jetzt öffnete sich die Tür der Stagecoach. Ein Mann kletterte langsam ins Freie und hob einen etwa zehn Jahre alten Jungen heraus.

„Wo sind die Toten?“, fragte er Dan.

„Es gibt keine.“

Rüdiger kam mit seinem ängstlich dreinblickenden Jungen rasch näher, packte Dans Rechte und sah ihn mit flammenden Augen an.

„Soll das heißen, dass die Bandenmitglieder bei dem Kampfgetümmel nur verletzt wurden, Freund?“

„Genau das“, erwiderte Dan ruhig. „Es widerstrebt mir, noch mehr Kerben in meinen Coltkolben zu schneiden. Diese sechste Kerbe sollte die letzte sein.“

Dan deutete auf den Colt, den er im offenen Holster trug. Rüdiger mochte durch das schwere Erleben erregt sein, doch jetzt, da er auf die Waffe blickte, wurde er abgekühlt, als hätte ihm jemand eine kalte Dusche über den Körper gegossen. Er trat etwas zurück. Sein Blick ging an Dan auf und nieder.

„Sei’s wie es sei“, sagte er dann, „Sie haben mir das Leben gerettet. Sie kennen meinen Namen?“

„Ich habe ihn Hannigan aussprechen hören.“

„Sie kennen Hannigan, den Schuft?“

„Nein, Rüdiger. Sie und Hannigan wurden mir an diesem turbulenten Morgen von allein vorgestellt.“

Rüdiger atmete erleichtert ein und aus.

„Verzeihen Sie, Mister...?“

„Dan Flemming heiße ich. Wie es scheint, hat es Hannigan ganz besonders scharf auf Sie abgesehen?“

„Er hasst mich, und er würde mich und meinen Sohn getötet haben“, erwiderte Rüdiger erregt. „Eine Kugel auf den richtigen Fleck wäre für ihn das beste gewesen. Solange dieser Schuft lebt, wird er die Menschen bedrängen und ihnen schaden. Wo er auftaucht, bleibt Leid und Elend zurück. Aber das ist eine lange Geschichte, und damit möchte ich Sie jetzt nicht behelligen, Flemming. Mir ist unbegreiflich, dass Sie drei Schufte der schlimmsten Art in die Flucht schlagen konnten.“ „Darüber sollten wir uns später unterhalten, wenn Sie in Sicherheit sind“, erwiderte Dan, der das tote Pferd aus dem Geschirr schnitt und dem Pferd, das mit der Vorderhand über der Deichsel war, half. „Helfen Sie mir die Stagecoach flottzumachen. In welcher Richtung liegt die nächste Pferdewechselstation?“

„In nördlicher, Flemming.“

„All right.“

„Soll das heißen, dass Sie zurückfahren wollen?“

„Ja, es wird das beste sein. Die Reise zum Einkauf der Zuchtherde ist im Augenblick für Sie beendet. Sie sind sicherlich nicht sehr weit gekommen. In dieser Stagecoach können Sie die Reise nicht weiter fortsetzen. Sie wird den toten Fahrer zurückbringen. Sie selbst werden sich als Fahrer betätigen.“

„Ich?“ Rüdiger blickte Dan scharf an. „Soll das heißen, dass Sie nicht mitfahren werden?“

„Diese Gegend ist mir zu belebt“, gab Dan zur Antwort. „Ich habe getan, was ich konnte, und will gern mithelfen, dass der tote Fahrer seine Heimreise antritt. Damit ist meine Hilfe aber auch erschöpft. Es reiten zu viele Leute hier herum, denen ich lieber nicht begegnen möchte.“

„Vor meinen Leuten, die zwei ganz gerissene Pferdediebe verfolgen, sind Sie völlig sicher“, erwiderte der Rancher rau. „Nur weil sie den Pferdedieben das Leben auf dieser Welt auslöschen wollten, lehnte ich eine Begleitung meiner Crew ab. Ihnen kann nichts geschehen, denn zum Glück hat man die Personalbeschreibung der beiden Diebe. Es waren zwei weißblonde, riesige Kerle. Falls die hinter ihnen her sind, nun, dann haben wir gemeinsame Interessen, Flemming. Einen Mann, der so gut mit den Revolvern umgehen kann wie Sie, könnte ich gebrauchen. Ich zahle Sonderlohn, so hoch Sie wollen!“

Ein solches Angebot war Dan nie gemacht worden. Nie hatte ihn jemand als Revolvermann ein

gestuft. Kein Wunder, dass Rüdiger die Brieftasche zog, einige große Geldscheine entnahm und sie ihm mit den Worten hinhielt:

„Ich denke, dass ich Ihnen diese Summe schuldig bin, Flemming. Nehmen Sie sie an!“

Rüdiger war also davon überzeugt, dass Flemming einer aus der Garde der Männer war, die ihre Revolver verkauften.

„Tut mir leid, Sie haben sich in der Adresse geirrt“, erwiderte Dan. „Ich habe mein Eisen noch nie verkauft.“

„Dann werden Sie es bald tun, Flemming“, erwiderte Rüdiger und half mit, das Gespann wieder so zusammenzusetzen, dass eine Weiterfahrt möglich war. Wie die beiden Männer jetzt feststellen konnten, war der Junge verschwunden, der sich etwas seitwärts hingesetzt hatte.

„Wo nur der verflixte Bengel wieder ist!“, sagte Rüdiger böse. „Aber vielleicht ist es besser so, wenn er nicht sieht, wie wir den Fahrer in eine Decke rollen und in die Stagecoach legen. Es ist kein erfreulicher Anblick, und so ein Kind kann einen Schock fürs Leben bekommen. — Was haben Sie nur, Flemming?“

„Rufen Sie Ihren Jungen, Rüdiger!“, erwiderte Dan rau. „Ich will nicht, dass er in der Gegend herumstreicht. Er ist der Sohn eines Westmannes und gewiss nicht so empfindlich, wie Sie ihn hinstellen wollen. Er muss unter unseren Augen bleiben, er soll die Pferde halten.“

„Was soll das, Flemming?“

„Tun Sie, was ich Ihnen sage“, erwiderte Dan rau, dem es beinahe leid tat, geholfen zu haben. Nur zu leicht konnte der Junge den Rappen entdecken, und dann .. .?

„Dad“, hörte man jetzt die Stimme des Jungen aus der Richtung, in der der Rappwallach sich befand, „Dad, komm rasch her, Blacky ist wieder da! Blacky steht hier versteckt. Wir haben Blacky wieder, Dad!“

Die Augen des Ranchers wurden weit, sein Blick erstarrte. Heiser kam es über seine Lippen: „Junger Mann, Sie haben nicht nur meinem Sohn und mir das Leben gerettet, Sie haben mir auch mein Lieblingspferd, den Rappwallach zurückgebracht! Ich kann es kaum glauben. Steht dort wirklich Blacky, Flemming?“

„Ja“, entgegnete Dan, „Ihr Sohn irrt sich nicht. Es ist ein Rappwallach mit einem Schaufelbrandzeichen.“

„Und Sie haben ihn den beiden blonden Männern abgejagt? Sie waren auf dem Weg zur Ranch, um ihn zurückzubringen?“

„Es verhält sich nicht ganz so, Rancher. Ich bin auf der Flucht vor einem starken Rudel Rohhäuter. Ich hätte Blackys Schnelligkeit zuerst einmal für mich selbst eingesetzt.“

„Wenn es weiter nichts ist, Flemming“, erwiderte Rüdiger. „Auf der letzten Pferdewechselstation sind in der Nacht in der Tat vor der Ankunft der Stagecoach eine Handvoll Rohhäuter eingetroffen und machten sich dort breit. Die ganze verwahrloste Bande ist schwer bewaffnet gewesen. Doch keiner der Burschen war gekommen, um mit der Stagecoach zu fahren. Sie lagerten sich rings um die Station. Sie alle machten keinen freundlichen Eindruck. Soviel ich ihren Gesprächen entnehmen konnte, drehte es sich um eine junge, bildschöne Frau, die ihrem Mann auf und davon gegangen ist. Man rechnete damit, dass sie diese Stagecoachlinie zur Durchführung ihrer Flucht benutzen würde.“

„Großer Gott, Ann ...!“

„Sie kennen die gesuchte Frau, Flemming?“

„Ja“, erwiderte Ben. „Wenn sie auf der Flucht ist, geht sie durch die Hölle.“

„Sie steht Ihnen sehr nahe?“

„Ja“, erwiderte Ben mit gepresst klingender Stimme. „Jetzt kann ihr allerdings niemand helfen, nicht einmal ich. Ich habe das nicht gewollt, Ann ..“

„Junger Mann, wenn sie Glück hat, kann sie ihren Häschern entwischen“, erwiderte Rüdiger. „Von jetzt an stehen Sie unter meinem Schutz. Ich bin mächtig, und wenn ich es will, habe ich eine Hundertschaft zur Verfügung, gegen die eine Kampfgruppe der Rohhäuter nichts ausrichten kann. Wir werden Ihre Ann schon finden, nur keine Sorge! Aber warum hören Sie nicht zu, Flemming?“

Dan antwortete nicht. Er hatte eine Decke aus der Stagecoach geholt und war dabei, den toten Fahrer darin einzuhüllen. Ohne Hilfe trug er ihn dann zur Stagecoach und legte ihn in das Gefährt hinein.

„Auf seiner letzten Fahrt soll er wie ein Fahrgast gefahren werden“, erwiderte Dan auf Rüdigers Protest hin. „Ihr Sohn kann zu mir auf den Fahrersitz kommen. Dort kommt er schon und bringt Blacky. Er soll ihn hinten an die Kutsche binden, und Sie steigen dann zu dem toten Fahrer in die Kutsche, Rancher. Sie werden seine Ehrenwache sein.“

„Tun Sie immer genau das, was Sie sich in den Kopf setzen, Flemming?“

„Nicht immer, Rancher. Wenn ich erkenne, dass jemand einen besseren Vorschlag hat, akzeptiere ich den. Worauf warten wir also noch?“

„Auf die Beantwortung einer Frage, junger Mann. Waren die beiden blonden Männer, die Blacky stahlen, Ihre Freunde?“

„Sie schalten schnell, Rüdiger.“

„Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, dass es nur die eigene Not war, die Sie Blacky von der Weide holen ließ?“

„Ich gebe zu, dass Blacky zum Zweck meiner Flucht von der Weide geholt wurde“, sagte Dan mit fester Stimme.

„Ich will Ihre Beweggründe nicht wissen, denn ich glaube und vertraue Ihnen, Flemming“, sagte Rüdiger. „Meine Crew wird die Jagd einstellen. Fahren wir also los!“

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4.

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Dan Flemming hob den Jungen zu sich auf den Fahrersitz, dann kletterte er über das Wagendeck und kontrollierte, ob der Junge das Pferd ordentlich angebunden hatte. Dan musste feststellen, dass der Junge seine Sache gut gemacht hatte.

„Mister“, sagte der Knirps, „wenn ich jetzt noch eine Kanone haben könnte, dann bin ich so gut wie Buffallo Bill. Der Rückschlag eines Revolvers kann mich schon lange nicht mehr umwerfen.“

„Soll das heißen, dass du schon einmal versucht hast zu schießen?“, fragte Dan ihn, als er den Fahrerplatz einnahm und die Zügel ergriff.

Der Junge nickte stolz.

„Ich habe Dads Colt ausprobiert“, sagte er selbstbewusst. „Ich habe auf einen alten Stetson geschossen und Löcher wie in einen Käse hineingeschossen. Dad hat es anfangs nicht gern gesehen, doch dann nahm er mich auf die Truthahnjagd mit, und zu meinem Geburtstag bekam ich eine richtige Winchester. Hätte ich sie nur auf diese Reise mitnehmen dürfen, ich würde Dad beschützt haben.“

„Du hättest die Waffenmündung wirklich auf einen Menschen gehalten?“, fragte Dan überrascht.

Der Kleine nickte heftig.

„Ich will ein richtiger Westmann werden“, sagte er dann stolz.

„Dann ist es nur gut, dass dich dein Vater ohne Waffe mitnahm, Kleiner“, erwiderte Dan. „Wenn du älter geworden bist, wirst du auch wissen warum. Es ist ein großer Unterschied, ob man auf Truthähne oder auf Menschen schießt. Letzteres lastet schwer auf den Schultern, und wenn du nicht ganz stark bist, drückt es dich eines Tages nieder. — Vorwärts, ihr alten Tanten!“, rief er dann den Gespannpferden zu und ließ die Stagecoach anrollen.

Frank Rüdiger, der im Inneren der Kutsche Platz genommen hatte, streckte jetzt den Kopf zum Fenster heraus und sagte zu Dan:

„Vielleicht hätten wir meinem Jungen den Toten nicht vorenthalten sollen, junger Freund. Der Kleine soll wissen, wie ein Mensch aussieht, wenn der Tod ihn eingeholt hat. Je früher er es weiß, um so besser. In diesem Land darf ein Junge nicht verweichlicht werden.“

„Rancher, er wird die Schattenseiten des Lebens noch früh genug zu sehen bekommen“, erwiderte Dan vom Fahrersitz her.

Dan Flemming war nicht wohl bei dem Gedanken, an der Pferdewechselstation auf die Rohhäuter zu treffen. Er würde vor der Station absteigen und eines der Rohhäuterpferde zu erwischen versuchen. Pferdediebstahl wurde bei den Rohhäutern als Sport betrachtet, solange man sich nicht gegenseitig bestahl. Was machte es ihm aber noch aus, wenn man ihm noch einen Pferdediebstahl anrechnete? Bei den Rohhäutern war er bereits vogelfrei. Ja, es war tatsächlich riskant für ihn, einer Station entgegenzufahren, auf der die ehemaligen Freunde, jetzt seine Feinde, warteten. Es hieß die Nerven zu behalten. Was hätte er schon in seiner jetzigen Lage tun können? Es blieb ihm keine andere Möglichkeit. Jetzt, da er die Gefahr kannte, war er ganz ruhig.

Der Kleine auf dem Fahrersitz neben ihm war hellauf begeistert von der Fahrt.

„Ich wollte immer schon einmal auf einem Fahrersitz Platz nehmen“, sagte er zu Dan. „Dad ließ

es nicht zu. Er sagte, die Stagecoachfahrer seien viel zu wild und hätten alle den Ehrgeiz, die Pferde am schnellsten rasen zu lassen. Sie fahren sehr langsam, Mister.“

Nun, der Kleine hatte recht. Dan stand der Sinn ganz und gar nicht danach, ein Rennen mit der Stagecoach zu machen. Er ließ die Pferde im Schritt gehen und beobachtete unablässig die Umgebung. Über ihm am Himmel sah er Geier ihre Bahn ziehen, die, von der frischen Beute angelockt, sich bald auf das tote Pferd stürzen würden, um ihre Aufräumarbeit zu beginnen. Dan wusste nur zu gut, wie sehr er im Augenblick von seinen Beobachtungen und vom Zufall abhängig war. Es kam die Sorge um Ann Palmer hinzu. Immer wieder fragte er sich, ob die Stammesangehörigen sie wohl erwischt und zu den Rohhäutern zurückgebracht hatten. Wenn das der Fall war, würde sie ihr weiteres Leben in einer Hölle zubringen müssen.

Sie fuhren vorsichtig weiter. Dan hing seinen Gedanken nach. Doch immer wieder schaute er misstrauisch umher. Der Junge neben ihm wurde unruhig.

„Was ist, Kleiner?“

Der kleine Ranchersohn deutete nach rechts zu einer Hügelkette hin, hinter deren bewaldeter Buschmauer goldiger Staub aufstieg, der langsam weiterzog.

„Reiter“, sagte der Kleine scheinbar gelassen, als wäre er ein indianischer Kundschafter, der den Feind ausgemacht hatte.

Es gab keinen Zweifel, der Staub musste von Reitern aufgewirbelt worden sein, die den Hügelkamm überritten hatten und sich nun auf der anderen Seite des Hanges weiterbewegten. Mit schmal gezogenen Augenlidern schaute Dan zu der Staubwolke hin.

„Rüdiger“, wandte er sich an den Rancher, „es sieht so aus, als kämen einige Reiter von der Pferdewechselstation.“

„Ich beobachte es bereits ebenfalls“, kam die Antwort des Ranchers. „Es mögen diese hartgesottenen Rohhäuter sein, die des Wartens müde sind und erkannt haben, dass sie vergeblich auf das Mädchen warteten. Um so besser für die Kleine, dass die Rohhäuter abzogen. Wir werden sie bei unserer Ankunft bei der Station sicher nicht vermissen. Offen gestanden, diese Rohhäuter sind mir unheimlicher als es echte Sioux sind. Bei letzteren weiß man gleich an der Kostümierung und an der Hautfarbe, woran man mit ihnen ist. Leider weiß man das bei den Rohhäutern nie zu sagen.“

„Sie kennen sie, Rancher?“

„Nicht besonders gut. Mir genügt es, dass man mir vor einigen Jahren beim Vorbeizug der Rohhäuter über ein Dutzend Färsen stahl und schlachtete, dass einige dieser Burschen so dreist waren, mir die Hühner und Enten aus den Ställen zu holen. Ich kann diese Leute einfach nicht sehen. Bei ihrem Anblick kribbelt es mir in den Fingern.“

„Es sind Nomaden, genügsam und ständig unterwegs. Sie belasten sich nicht mit Reichtümern und leben dennoch.“

„Gewiss, auf Gottes ureigener Welt leben eine Menge sonderbarer Menschen“, erwiderte Frank Rüdiger aus dem Wagen heraus. „Vielleicht ist es gut so, dass sie alle verschieden sind. Man kann sie mit Blumen vergleichen in einem bunten Garten. So lange man mich in Frieden lässt, habe ich nichts gegen andere einzuwenden.“

Dan antwortete nicht. Er hatte die Staubwolke nicht einen Augenblick lang aus den Augen gelassen. Sie kam jetzt näher, und es war zu befürchten, dass die unter ihr reitenden Männer in einem Tal sichtbar wurden.

„Ich ziehe es vor, in eine Deckung zu fahren“, wandte Dan sich an den Rancher. „Die Rohhäuter kommen auf dem Weg heran, und ich möchte ihnen nicht begegnen.“

„Freund, Sie haben einen Grund dafür?“

„Einen sehr stichhaltigen, Rancher. Ich möchte nicht der Hase sein, den viele Hunde zu Tode hetzen. Ich habe diese Menschen wahrhaftig nicht herausgefordert, doch zu meinem Pech mögen sie mein Gesicht nicht mehr leiden. Ich ziehe es vor, ihnen meinen Anblick zu ersparen.“

„So ähnlich erging es mir, als die Kavallerie uns Boomers auf Anweisung der Regierung wieder aus diesem herrlichen Lande vertreiben wollte“, erwiderte der Rancher rau. „Sie warfen uns vor, dass wir einen Staatsvertrag gebrochen hätten. Was heißt das schon? Die Regierung selbst hat immer wieder ihre Verträge mit den Redmen gebrochen. Die Siedlerflut ist einfach nicht aufzuhalten. Das Pech der Indianer ist, dass sie um viele Jahre zurück sind, und ein weiteres Pech, dass sie trotz des Eindringens der Weißen in ihr Gebiet von ihren Kämpfen untereinander nicht abließen. Eines Tages wird die Regierung das Land Oklahoma offiziell zur Besiedlung freigeben. Wir, die wir die US-Armee zurückschlagen konnten, sind wohl nur deshalb so gut davongekommen, weil man an höchster Stelle weiß, dass die Siedler doch nicht zurückzuhalten sind.“

Details

Seiten
0
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738914832
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v382794
Schlagworte
kerbe

Autor

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Titel: Die letzte Kerbe