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Jagd auf die Mörderbrut: N. Y. D. - New York Detectives

2017 120 Seiten

Leseprobe

Jagd auf die Mörderbrut: N.Y.D. - New York Detectives

Hans-Jürgen Raben

Published by Casssiopeia-XXX-press, 2017.

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Jagd auf die Mörderbrut: N. Y. D. - New York Detectives

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Krimi von Hans-Jürgen Raben

Der Umfang dieses Buchs entspricht 171 Taschenbuchseiten.

Mario Lucca gelingt es, eine der größten Rauschgiftladungen der Geschichte in die USA zu schmuggeln. Zudem erpresst Lucca Senator Nolan damit, dass sein drogenabhängiger Sohn im Drogenrausch einen Mann getötet haben soll.

Senator Nolan bittet Bount Reiniger um Hilfe. Der Privatdetektiv findet schnell heraus, dass den Mord jemand anderes begangen hat. Jetzt will Lucca Bount Reiniger tot sehen. Der versucht alles, sein Leben und das vom Sohn des Senators zu retten.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / Cover by Firuz Askin, 2016

Originaltitel: Das Mordkomplott

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Die Sonne stand bereits tief im Westen, als der Umriss des ersten Kamels über der langgestreckten Düne erschien. Es war ein hochbeiniges, schlankes Rennkamel mit fast weißem Fell. Der Mann, der auf dem Höcker saß, war in einen dunklen Burnus gehüllt. Mit seinen nackten Füßen trieb er das Reittier an.

Auf dem Kamm der Düne blieb er stehen und sah sich um. Die Karawane hatte einen weiten Weg hinter sich. Es war eine große Karawane. Nahezu zweihundert Kamele wurden von achtzig Männern begleitet.

Die Männer gehörten zum Stamm der Beni Hassein und lebten schon seit Jahrhunderten vom Schmuggel. Diesmal führten sie eine wertvolle Fracht mit sich. Zahlreiche Ballen, gefüllt mit Haschisch und Rohopium, das von entlegenen Feldern aus Syrien und dem anatolischen Hochland stammte. Die Fracht war lange Wochen unterwegs gewesen. Über verschneite Pässe und durch glühend heiße Täler in Syrien und Jordanien.

Der Mann auf dem Kamel an der Spitze starrte nach Westen. Jetzt waren sie über den südlichen Sinai nach Ägypten gelangt. Ihr Ziel lag im Norden, an der Küste des Mittelmeeres.

Die Beni Hassein hatten in den letzten Jahren mit Rauschgift wenig zu tun gehabt. Die Ernte der türkischen Mohnfelder wurde über libanesische Häfen transportiert. Aber seitdem sich die Verhältnisse dort geändert hatten, mussten die Rauschgifthändler nach Auswegen suchen. Die Beni Hassein boten sich geradezu an. Sie kannten ihre geheimen Pfade seit Generationen. Die Wüste war ihre Heimat, und so entschloss man sich, ihnen eine besonders große Ladung anzuvertrauen. Das Risiko war erheblich. Wenn diese Ladung verloren ging, war die Organisation pleite, und es würden zahlreiche Köpfe rollen.

Andererseits war erst kürzlich eine Ladung Morphinbase im Beiruter Hafen von einer Patrouille der Friedenstruppe geschnappt worden, sodass jetzt dringend ein Erfolg nötig war. Diese Fracht machte die halbe illegale Mohnernte zweier Länder aus. Wenn sie an ihren Bestimmungsort kam, war der Profit ungeheuer.

Der einsame Reiter der Beni Hassein machte sich darüber keine Gedanken. Sein Stamm würde für seine Verhältnisse fürstlich bezahlt werden, und außerdem bekamen sie noch eine Ladung moderner Schnellfeuergewehre mit ausreichender Munition. Dafür würden sie die Karawane an die Küste bringen. Nach Norden!

Der Mann hob die Hand und gab ein Zeichen. Weit hinter ihm sahen es die anderen. Sie stoppten, doch es dauerte lange, bis die endlose Reihe der Kamele zur Ruhe kam.

Der einsame Späher beobachtete die Umgebung scharf. Seine Sinne witterten die Gefahr, auch wenn nichts zu sehen war. Er klopfte seinem wertvollen Rennkamel auf den Hals. Auch das Tier schien die Gefahr zu bemerken. Seine Nüstern bebten, und es drehte aufgeregt den Kopf hin und her.

Der Beduine griff hinter sich, wo in einem Futteral das Gewehr steckte. Aber dann blieb seine Hand in der Luft schweben. Seine scharfen Augen hatten die Bewegung gesehen. Jenseits des nächsten Dünenberges war in dem dazwischenliegenden Teil die wippende Antenne eines Fahrzeuges aufgetaucht. Ein kurzes Aufblitzen hatte den Gegner verraten. Und jetzt erkannte der Mann vom Stamm der Beni Hassein auch die Reifenspuren auf dem geröllübersäten Hang. Man sah immer Spuren, wenn man wusste, wo man zu suchen hatte.

Die Gefahr war noch weit weg, aber der Mann erkannte, dass sie geradewegs in eine Falle laufen sollten. Der Feind hatte sich gut getarnt, aber nicht gut genug.

Ein grimmiges Lächeln lief kurz über das verwitterte Gesicht des Beduinen. Seine rechte Hand stieß senkrecht in die klare Luft und machte dann eine kreisförmige Bewegung.

Er brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass die Karawane sich wieder in Bewegung setzte. Allerdings in eine andere Richtung als die geplante. Die Falle würde nicht zuschnappen, und die Gegner würden wissen, wie schnell Rennkamele sein können.

Das Trommeln der Hufe wurde lauter und schneller, und allmählich schienen auch die Gegner gemerkt zu haben, dass nicht alles nach ihren Erwartungen lief. Plötzlich erschien ein Jeep auf dem Hügelkamm gegenüber. Der Beduine rührte sich nicht.

Weitere Fahrzeuge tauchten in einem weiten halbkreisförmigen Bogen auf. Dazwischen kamen die Köpfe von Uniformierten zum Vorschein, die sich hinter den Hügelkämmen versteckt hatten. Sie sahen nur einen einsamen Reiter. Die Karawane war außer Sicht, nur ein dumpfes Trommeln erreichte ihre Ohren.

Dann fiel ein Schuss.

Der Beduine erstarrte. Er sah die Kugel nicht ein schlagen, hatte aber längst erkannt, dass die Falle von der ägyptischen Polizei aufgebaut war.

Es gab eine Pause, eine völlig lautlose Stille, in der nur das Echo des Schusses nachzuhallen schien.

Niemand konnte später sagen, wie lange die Pause gedauert hatte. Jedenfalls hämmerten dann von allen Seiten automatische Waffen los. Mit Gebrüll stürmten die Uniformierten vorwärts. Die Fahrzeuge kurvten über die sandigen Hänge, wühlten sich fest, kippten zum Teil um, wurden von fluchenden Männern wieder flottgemacht und suchten die Karawane, die sich bereits in voller Flucht befand.

Die kommandierenden Offiziere hatten keine Kontrolle mehr über ihre Leute. Jedenfalls sagten sie das später vor den Untersuchungsbeamten. Aber wahrscheinlich wollten sie nur ihre eigene Unfähigkeit entschuldigen, weil die mit einem gewaltigen Aufgebot gestellte Falle in einem Desaster endete.

Die Beduinen nutzten jede Deckung aus, die die wilde Landschaft ihnen bot, zumal der Tag - wie in diesen Breiten üblich - rasch in die Nacht überging.

Die Beni Hassein kannten ihre Kamele, und sie hatten sie für solche Gelegenheiten trainiert. Es ging um ihr Leben und um das Geld, von dem der Stamm ein Jahr lang existieren konnte. Die Tiere schienen zu wissen, worauf es ankam, und in kleinen Gruppen galoppierten sie durch die Wüste - nach Süden.

Die Polizei in den schwerfälligen Fahrzeugen hatte keine Chance, ihnen zu folgen, aber sie schossen auf die Karawane, was die Rohre hergaben. Wahre Sandfontänen stiegen hoch, als das Stahlgewitter in die Dünen schlug. Die Beduinen feuerten nur wenige Schüsse ab. Ihre Chance lag in der raschen Flucht.

Ein Jubelschrei stieg aus den Reihen der Polizisten hoch, als ein Kamel stürzte und sein Reiter in hohem Bogen durch die Luft flog. Das Kamel blieb liegen, aber der Reiter rappelte sich auf und rannte weiter. Einer seiner Gefährten näherte sich in rasendem Galopp, beugte sich hinunter und in einer Bewegung, die kaum zu erkennen war, schwang sich der Gestürzte auf das Kamel.

Wütendes Feuer folgte ihnen, aber es gab keinen neuen Treffer. Die meisten Fahrzeuge saßen inzwischen fest, bis zu den Achsen im Sand oder gegen Geröll geprallt. Das Licht wurde schlecht und eine Verfolgung sinnlos.

Der Befehlshaber brach die Aktion ab.

Selbst die Kairoer Zeitung „Al Ahram“ schilderte das Ereignis zwei Tage später nicht ohne Ironie. Danach war es einem Aufgebot von insgesamt 1.600 Polizisten nicht gelungen, auch nur einen einzigen der Schmuggler zu stellen. Rund 4.000 Schüsse waren abgegeben worden, fast alle von der Polizei, aber als einziges Ergebnis dieses Feuergefechts waren zwei tote Kamele zu verzeichnen. Alles in allem war es eine Blamage ersten Ranges. Die Weltpresse ließ es sich nicht nehmen, das Ereignis mit der nötigen Schadenfreude zu kommentieren.

Die Karawane jedenfalls war entkommen, und sie bewegte sich schon am nächsten Tag auf einem anderen Pfad wieder nach Norden.

Der Beduine, der die Karawane verraten hatte, trieb einige Tage später erstochen im Nil, und einige Polizeioffiziere wurden vorübergehend in abgelegene Orte versetzt, wo sie Gelegenheit hatten, über den verpatzten Einsatz gegen den wichtigsten Rauschgiftschmuggel des Jahres nachzudenken.

Eine knappe Woche später verschwand die riesige Menge Rauschgift in den Laderäumen eines Frachters unter griechischer Flagge. Die Mannschaft aus Pakistanis und Belutschis stellte keine Fragen. Kapitän und Erster Offizier waren Franzosen. Ihr nächster Hafen hieß Genua. An Bord gab es drei Passagiere, die ihre Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Ladeluken richteten, nachdem der Frachter die ägyptische Küste ohne weitere Probleme verlassen hatte.

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Es knirschte, als der Rumpf des Frachters an den Fendern der Mole vorbeiglitt. Die Taue flogen über Bord und wurden an den Pollern festgezurrt. Das Maschinengeräusch erstarb langsam, und auf der Brücke wurde auf normalen Betriebsstrom umgeschaltet. Der Kapitän atmete aus und zündete sich eine Zigarette an. Sein Atem roch nach Rotwein und Knoblauch.

Jack Taylor wich unwillkürlich ein Stück zurück. Er grinste schief. „Das wäre unser erstes Ziel“, sagte er. „Sie haben Ihre Sache gut gemacht. Keine Probleme. Das freut meinen Chef.“

Der Kapitän deutete zum Pier. „Es wird gleich Probleme geben. Der italienische Zoll wartet schon auf uns.“ Sein Akzent war fürchterlich, aber Jack Taylor, der in der südlichen Bronx aufgewachsen war, störte sich nicht daran. Seine Aussprache würde ebenfalls nicht für die Highschool reichen.

Taylor kniff die Augen zusammen. „Wollen die etwa an Bord?“

„Sicher. Das machen sie immer.“

Taylor starrte den Kapitän an. „Sie haben uns gesagt, es würde mit dem Zoll keine Probleme geben. Sie seien noch nie gründlich durchsucht worden, und es gäbe keinen Grund, eine solche Durchsuchung ausgerechnet bei dieser Reise zu erwarten.“

„Stimmt“, erwiderte Kapitän Duclos, „aber die Italiener kommen an Bord. Sie müssen den Papierkram erledigen. Sie werden das Schiff bestimmt nicht durchsuchen. Dem kann man noch nachhelfen, indem Sie eine größere Summe in den Papieren verstecken.“

„Das ist Ihre Sache. Ich werde jedenfalls meine eigenen Vorbereitungen treffen, Kapitän. Die Ware muss so schnell wie möglich vom Schiff. Meine Leute warten darauf. Sie werden jetzt schon irgendwo sein. Sorgen Sie dafür, dass die Kerle vom Zoll so schnell wie möglich wieder verschwinden.“

Duclos nickte. Er gab zwei Matrosen an Deck Zeichen. Sie nickten und ließen die Gangway herunter. Darauf hatte der graue Wagen nur gewartet. Er setzte sich in Bewegung und rollte bis an die Gangway. Die Türen öffneten sich und zwei Uniformierte stiegen aus. Ein dritter Mann blieb hinter dem Steuer sitzen.

Während die beiden die Gangway heraufkamen, turnte Taylor von der Brücke. Geduckt lief er über das Hinterschiff bis zur achteren Ladeluke. Dort hielten sich seine beiden Kumpane auf.

„Hört zu“, sagte er. „Soeben kommen zwei Zöllner an Bord. Der Kapitän meint, sie würden nur die Papiere prüfen - aber wenn sie die Ladung sehen wollen, müssen wir sie daran hindern. Ihr bleibt hier in Deckung und achtet darauf, was geschieht. Wie ihr wisst, wird ein Teil der Ladung in Genua entladen. Es darf nichts schiefgehen.“

Die beiden nickten und überprüften die Waffen. Die Matrosen in der Nähe, die dabei waren, die Ladeluke zu öffnen, sahen vorbei - so als existierten die Amerikaner überhaupt nicht. Knarrend bewegte sich ein Ladebaum, und die erste Frachtpalette senkte sich in den inzwischen geöffneten Laderaum.

Jack Taylor kletterte wieder auf die Brücke und tat so, als gehöre er zur Mannschaft. Die beiden Zöllner achteten jedoch überhaupt nicht auf ihn. Kapitän Duclos hatte ihnen Kaffee serviert, und sie beugten sich alle über die Papiere, die auf dem Kartentisch ausgebreitet waren. Taylor behielt sie scharf im Auge. Er verstand kein Wort, weil sie sich französisch unterhielten, aber den Sinn des Gesprächs bekam er aufgrund der Gesten mit.

So bemerkte er auch, dass es allmählich eine Unstimmigkeit gab. Die Italiener bestanden auf etwas, was der Kapitän für überflüssig hielt. Taylor konnte sich schon denken, was die Zöllner wollten. Er verließ unauffällig die Brücke, ging zum achteren Laderaum und kletterte hinunter.

Die dunkelhäutigen Matrosen beluden die Paletten mit Frachtkisten. Ihre schweißüberströmten Körper schimmerten im schwachen Licht. Taylor wusste, wo ihre illegale Fracht verborgen war. Bis jetzt befand sie sich noch im Laderaum.

Er hörte Stimmen näher kommen. Von oben beugten sich rasch die Köpfe seiner beiden Männer herunter. Er winkte ihnen zu, sich unsichtbar zu machen und ihm den Rücken freizuhalten. Dann scheuchte er die Matrosen nach oben.

Eine Minute später kletterten die beiden Zöllner in den Laderaum, gefolgt von Kapitän Duclos. Sie blätterten in den Papieren auf ihren Klemmbrettern und untersuchten die Kistenstapel. Taylor spürte, wie das Blut durch seine Adern pulste, als sie sich den Kisten näherten, in denen das Rauschgift war. Er zog sich weiter in das Dunkel zwischen den Stapeln zurück und atmete flach.

Vorsichtig zog er die großkalibrige Pistole aus der Tasche, auf die er vorher bereits den Schalldämpfer geschraubt hatte. Lautlos entsicherte er die Waffe. Die Italiener standen mit dem Rücken zu ihm. Die Entfernung betrug etwa zwanzig Schritte. Etwas zu weit für die erforderlichen beiden präzisen Schüsse.

Einer der beiden ging jetzt in die Knie und entzifferte die Aufschriften auf den Kisten. Dann verglich er sie mit seinen Ladepapieren. Er drehte sich zu Kapitän Duclos um und redete auf ihn ein. Sein Kollege nahm inzwischen ein Stemmeisen und setzte es an der obersten Kiste an.

Es würde nur noch Sekunden dauern, bis sie das Rauschgift gefunden hatten. Taylor wog die Pistole unschlüssig in der Hand. Dummerweise stand der Kapitän in der Schusslinie.

Der Amerikaner rannte mit raschen Sprüngen durch den Laderaum, stieß den Kapitän zur Seite und drückte dem ersten Zöllner den Lauf der Pistole bereits gegen den Hals, ehe der sich umgedreht hatte. Taylor pfiff, und seine beiden Kumpane kamen herunter.

„Keine Bewegung, sonst blase ich dir das Gehirn aus dem Schädel“, flüsterte Taylor. Es spielte keine Rolle, ob der Italiener ihn verstand. Die Situation war deutlich genug.

Auch der zweite Zöllner hob die Hände hoch. Sekunden später waren die beiden entwaffnet. Mit über dem Kopf verschränkten Armen standen sie vor den Kisten, auf deren Inhalt sie so neugierig waren.

„Hat uns einer verraten?“, herrschte Taylor den Kapitän an. „Die beiden sind ganz zielstrebig auf diese Kisten zugegangen.“

Duclos schüttelte den Kopf. „Es muss Zufall sein. Wenn sie gewusst hätten, was sie hier finden, wären sie mit einer ganzen Kompanie angerückt. Vielleicht wollten sie nur eine Stichprobe machen.“

Taylor drehte sich zu den beiden anderen Amerikanern um. „Bill, du gehst wieder nach oben. Im Wagen sitzt noch einer von den Kerlen. Achte auf ihn und sage mir Bescheid, wenn er unruhig werden sollte. Lass ihn an Bord, wenn er will. Ich werde mich dann um ihn kümmern.“

Der mit Bill Angesprochene nickte und verschwand, und Taylor wandte sich an den zweiten. „Wir müssen sie wegbringen, damit die Entladung weitergehen kann. Wohin mit ihnen?“

Duclos deutete nach unten. „In die Bilge.“

„Wie kommen wir nach unten?“

„Ich zeige es Ihnen.“ Duclos ging voran, bis sie vor einer massiven Klappe standen. „Hier ist es.“

Taylor hatte die beiden Zöllner mit der Waffe vor sich hergetrieben und zwang sie nun, die Klappe zu öffnen. Die Scharniere kreischten. Als die Klappe geöffnet war, stieg eine Wolke aus verschiedenen Gerüchen empor, von denen nicht ein einziger angenehm war. In der Dunkelheit des Kielraums schwappte schwärzliches Wasser. Quietschende Ratten flüchteten.

„Sagen Sie ihnen, sie sollen ihre Uniformen ausziehen“, befahl Taylor dem Kapitän.

„Was haben Sie vor?“

„Fragen Sie nicht so viel, sondern tun Sie, was ich Ihnen sage.“ In Taylors Gesicht stand Mordlust.

Duclos redete auf die Italiener ein, und sie entledigten sich schweigend ihrer Uniformen, bis sie zitternd in der Unterwäsche dastanden. Ängstlich blickten sie in die finstere Bilge.

„Runter mit euch!“, befahl Taylor.

Sie kletterten hinunter und standen bis zu den Knöcheln im Brackwasser.

Taylor schloss die Luke. „Gibt es noch einen anderen Zugang?“

Duclos schüttelte den Kopf. „Nein, dieser ist der einzige. Der Kielraum ist in Schotten unterteilt. Sie haben keine Chance, in den nächsten Raum zu gelangen. Was haben Sie mit ihnen vor?“

„Wir schnappen uns jetzt den dritten Mann, dann fahren wir den Wagen der Zöllner außer Sicht. Sie entladen jetzt unsere Fracht, und dann laufen wir sofort wieder aus.“

„Und die beiden Männer?“

„Wir werden uns auf hoher See mit ihnen befassen.“ Taylor lachte. Dann zog er sich die Uniform an, sein Begleiter nahm die andere. Es passte nicht ganz, aber das würde nicht auffallen.

Taylor bekam die Knöpfe mit Mühe zu, stülpte sich die Mütze auf den Kopf und schob seine eigene Waffe mit dem Schalldämpfer unter die Uniformbluse. Dann nickte er seinem Kumpel zu. „Wir gehen.“

An Deck blickte Taylor seinen Begleiter Bill fragend an, der ein beruhigendes Zeichen mit der Hand machte. Er grinste, als er die Aufmachung der beiden sah. Im ersten Moment hatte er sich sogar selbst getäuscht.

Taylor eilte mit dem anderen Mann, den alle nur Blackie nannten, die Gangway hinunter. Er riss die Tür des Wagens auf und schwang sich auf den Beifahrersitz. Ehe der Italiener reagieren konnte, blickte er bereits in die dunkle Mündung der Pistole.

„Fahren Sie los!“, herrschte Taylor ihn an, „und machen Sie keinen Fehler.“

Der Zöllner stieß einen Schwall italienischer Worte aus, aber Taylor schlug ihm mit der freien Hand auf den Mund und erstickte damit alle weiteren Äußerungen.

Der Motor sprang an. Taylor dirigierte den Mann an der Kaimauer entlang. „Zum nächsten Hafenbecken“, sagte er und unterstrich seinen Befehl mit einem Wink der Waffe.

Der Zöllner gehorchte und lenkte den Wagen über den Pier. Sie umkurvten Kräne, fuhren an endlosen Lagerschuppen vorbei und erreichten endlich einen völlig verlassenen Pier, an dem nur einige halb abgewrackte Schiffe lagen.

Sie stiegen aus, und Taylor dirigierte den Mann über ein schwankendes Brett auf das nächste Schiff, das nur noch aus einem verrosteten Rumpf bestand. Die Aufbauten waren entfernt. Er fand einen Niedergang und stieß den Mann hinunter, der sich plötzlich zu wehren begann. Er schien zu ahnen, was ihm bevorstand.

Taylor trat einen Schritt zurück und feuerte zweimal. Die Schüsse waren kaum zu hören. Der Zöllner fiel hintenüber und rutschte ohne einen Laut den Niedergang hinunter.

Der Amerikaner zerrte den Erschossenen an den Beinen weiter in das dunkle Schiffsinnere, bis er sicher war, dass niemand den Toten so schnell finden würde. Er kam wieder nach oben und verließ das Wrack. Blackie stand abwartend neben dem Wagen.

„Die Karre muss verschwinden“, meinte Taylor. „Wir schieben sie ins Hafenbecken. In diesem dreckigen Wasser sieht kein Mensch den Wagen.“

„Und wie kommen wir zurück?“

„Wir müssen schon laufen“, knurrte Taylor. „Wird dir guttun nach der langen Seefahrt.“

Sie streiften die Uniformen ab und warfen sie in den Wagen. Dann schoben sie mit vereinten Kräften, bis er über den Pier kippte. Befriedigt sahen sie zu, wie er langsam versank. Noch war das Dach zu sehen, dann nichts mehr - nur noch ein paar Luftblasen, bis auch die aufhörten.

„Na, also“, sagte Taylor stolz. „Die Leute sind selber schuld. Was müssen sie auch ihre Nasen in Dinge stecken, die sie nichts angehen.“

Blackie schwieg. Ihn interessierten irgendwelche Zusammenhänge ohnehin nicht. Er erledigte alles, was man ihm sagte - und er hatte noch nie eine Frage nach den Gründen gestellt. Er war ein sehr angenehmer Mitarbeiter.

Einige Stunden später war der für Genua bestimmte Teil der Fracht entladen. Es war niemand aufgetaucht, der sich für die verschwundenen Zollbeamten interessierte, und es war auch nicht aufgefallen, dass ein Teil der Kisten auf Lastwagen verladen wurde, die ein wenig abseits standen und von mürrisch aussehenden Männern gefahren wurden. Die Lastwagen verließen eilig das Hafengelände.

Taylor stand oben an der Reling und blickte ihnen nach. Die Matrosen schlossen die Ladeluke bereits wieder. Sie nahmen in Genua keine neue Fracht an Bord. Ihr nächstes Ziel hieß Marseille, und dort wollten sie so schnell wie möglich sein.

Aus dem Schatten eines Abfertigungsgebäudes am Hafen löste sich eine schwarze Limousine und rollte bis vor die Gangway. Ein modisch gekleideter Gentleman entstieg dem Fond und schritt gemächlich die Gangway empor.

Taylor beobachtete den Mann. Er trug einen hellen Rohseidenanzug mit hellblauem Hemd, einer farblich nicht ganz passenden Krawatte und braunen Stiefeletten. An seinen Fingern glitzerten goldene Ringe. Er blieb stehen, holte eine Zigarre aus der Brusttasche und zündete sie gemächlich an. Sein Blick irrte über das Schiff und blieb an Jack Taylor hängen.

Er kam auf ihn zu und machte eine knappe Kopfbewegung. „Sie müssen Mister Taylor sein.“

„Warum?“, fragte der Amerikaner vorsichtig zurück. Der andere lächelte. „Ich habe Ihr kleines Unternehmen mit dem italienischen Zoll beobachtet. Meine Hochachtung. Sie haben sich schnell aus einer peinlichen Klemme gewunden. Unsere gemeinsamen Bosse werden zufrieden sein.“

„Welche Bosse sollen das sein?“

„Oh, verzeihen Sie, ich habe mich noch nicht vorgestellt. Mein Name ist Smith, und das hier ist mein Ausweis.“

Er zog eine Brieftasche aus Krokodilleder heraus, klappte sie auf und entnahm ihr einen zerrissenen 1000 Lire Schein. „Wenn Sie meine Legitimation bitte überprüfen wollen.“

Taylor nahm den halben Schein und prüfte ihn mit den Fingern, bevor er aus seiner Tasche ebenfalls einen 1000 Lire Schein zog. Er legte die Risskanten aneinander und verglich die Seriennummern. Dann nickte er. „Sie haben sich in der Tat überzeugend ausgewiesen, Mister ... äh ... Smith.“

Der andere lächelte. „Ich benutze diesen Namen zur Zeit. Ich ändere ihn hin und wieder ... Sie verstehen.“

„Ich darf um die Quittung bitten. Ich nehme doch an, dass bisher alles zu Ihrer Zufriedenheit geklappt hat.“ Smith nickte. „Ich bin überaus entzückt über die korrekte Abwicklung des Geschäftes. Unsere Lastwagen sind ordnungsgemäß mit den richtigen Kisten beladen worden. Sie werden den Inhalt ja nicht auf offener See ausgetauscht haben, oder?“

Smith lachte herzlich, aber seine Augen lachten nicht mit. Taylor fröstelte trotz der wärmenden italienischen Sonne.

„Die Quittung bitte“, sagte er.

„Sie haben sie bereits. Der Geldschein ist die Bestätigung für die Übergabe. Sie überreichen ihn Ihrem nächsten Kontaktmann in Marseille. Er heißt ebenfalls Smith - wie ich. Ist komisch, wie?“

Taylor schwieg.

„In Marseille erfahren Sie alles Weitere“, fuhr Smith fort. „Unsere französischen Freunde warten dringend auf Nachschub. Die Vorräte sind aufgebraucht. In den Labors ist kein einziges Krümelchen mehr, und unsere Kunden in den Staaten sind gierig auf den Stoff. In New York ist der Preis bereits um zwanzig Prozent geklettert, und er steigt weiter. Unsere Kunden bezahlen jeden Preis für die Ware - aber wir müssen sie erst einmal ins Land bringen. Auf Ihnen, junger Mann, lastet eine große Verantwortung.“

„Ist das alles?“

Smith nickte. „Vergessen Sie nicht, dass unsere Vertrauensleute überall sitzen. Man wird Ihnen helfen - wenn Sie Unterstützung brauchen.“

„Und wie finde ich diese Leute?“

Smith strahlte über das ganze Gesicht. „Machen Sie sich keine Sorgen. Man wird Sie finden. Überall.“

Er klopfte Taylor auf die Schulter. „Ich wünsche Ihnen eine gute Reise. Ich muss mich um die Geschäfte in Genua kümmern. Sie haben es besser in der frischen Seeluft. Ach, und noch etwas. An Bord müssen sich noch zwei Zollbeamte aufhalten. Jedenfalls meine ich, so etwas gesehen zu haben. Ich finde, es wäre am besten, wenn sie nicht mehr zurückkämen, ich meine, wenn sie überhaupt nicht mehr auftauchten.“

„Ich habe schon begriffen, was Sie meinen“, sagte Taylor scharf. „Halten Sie mich bitte nicht für einen Idioten. Ich weiß genau, was ich zu tun habe.“

Smith schien richtig erleichtert. „Da bin ich aber froh. Unsere Angelegenheit ist in besten Händen. Ich werde Marseille informieren, dass man sich keine Sorgen zu machen braucht.“

„Macht man sich welche?“

„In unserem Geschäft gehören Sorgen zum Handwerk, und die Zentrale in New York ist bemüht, die Fäden in der Hand zu behalten. Das ist schwierig von der anderen Seite des Atlantiks. Deshalb hat man besondere Vertrauensleute ausgewählt, die über die Interessen der Organisation wachen. Ich bin einer davon.“

Taylor nickte. „Machen Sie Ihren Job, und ich mache meinen. Die Zentrale wird keinen Grund zur Sorge haben. Unsere Ware wird pünktlich in Marseille eintreffen.“

„Ich bin überzeugt davon.“

„Und nun verlassen Sie bitte das Schiff. Wir wollen auslaufen, um den Zeitplan einzuhalten.“

„Selbstverständlich“, entgegnete Smith. „Ich wünsche Ihnen und Ihren Freunden eine gute Reise.“ Erwischte sich mit einem Spitzentüchlein über die Stirn und begab sich zur Gangway.

„Eingebildeter Lackaffe!“, knurrte Taylor hinterher und machte eine obszöne Geste zu Kapitän Duclos hinauf, der die Szene von der Brücke aus beobachtet hatte.

Eine Stunde später hatte das Schiff abgelegt und verließ den Hafen von Genua. Knapp die Hälfte der Fracht, die von den Beni Hassein auf Kamelen durch die Wüste transportiert worden war, befand sich noch an Bord. Es war im Wesentlichen Rohopium, das in den geheimen südfranzösischen Labors zu Heroin verarbeitet werden sollte. Von dort aus würde das Gift die letzte Etappe des Weges antreten - über den Atlantik zu den Endverbrauchern in den Vereinigten Staaten. Der Wert der Drogen würde dann das Tausendfache von dem betragen, was die anatolischen Bergbauern bekommen hatten. Für diesen Profit spielte es keine Rolle, wie viele Menschen dafür ihr Leben lassen mussten.

Von den beiden vermissten italienischen Zollbeamten fand man nie wieder eine Spur. Sie blieben verschwunden.

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Hier wirst du bleiben, bis du weitere Anweisungen erhältst“, sagte der kleine Franzose in einem fürchterlichen Englisch.

Jack Taylor sah sich um. Er hatte keine Ahnung, wo er sich genau befand. Er wusste nur, dass sie etwa eine Stunde von Marseille aus mit dem Wagen gefahren waren. Ins Hinterland der Côte d’Azur. Es war zumeist durch eine gebirgige Gegend gegangen.

Das Anwesen, das ihr Ziel war, lag abseits der Straße mitten in einem dichten Wald. Die Mauern waren aus Natursteinen und schienen ziemlich massiv. Zur Außenseite gab es kaum Fenster. Die Anlage machte den Eindruck einer Festung.

Die drei rechtwinklig zueinander stehenden Gebäude umschlossen von drei Seiten einen Hof. Die offene Seite war mit einer mannshohen Mauer versperrt. Ein breites Holztor bildete den einzigen Zugang.

Taylor ging in den Innenhof und sah sich um. Es roch ganz schwach nach Essig, und er wusste, dass sich hier eines der geheimen Labors befand. Zur Herstellung von Heroin benötigte man neben anderen Essenzen unbedingt Essigsäureanhydrid - und das roch man.

Blackie und Bill waren bereits in die Vereinigten Staaten geflogen. Nach ihrer Ankunft in Marseille hatten sie sich getrennt. Angeblich aus Sicherheitsgründen. Aber über die Anweisungen der Organisation gab es keine Diskussionen. Taylor vermutete, dass man ihn noch für einen bestimmten Zweck brauchte - auch wenn er selbst gern nach New York zurückgegangen wäre. Die fremden Länder gingen ihm allmählich auf die Nerven. Und die Menschen hier ebenfalls!

„Wie lange muss ich hierbleiben?“ erkundigte er sich bei seinem Begleiter, einem schweigsamen Mann unbestimmten Alters. Er trug ständig eine Baskenmütze und besaß einen gewaltigen Schnurrbart. Außerdem hing ständig eine Gauloise in seinem Mundwinkel.

Der Franzose zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Ich bekomme meine Befehle, aber keine Erklärungen.“

Taylor nickte. „Wer ist noch hier?“

Der Franzose deutete zu dem mittleren Gebäude. „Sie werden alle heute Abend noch kennenlernen. Die Chemiker und das Wachpersonal. Es sind knapp zehn Leute.“

„Ich möchte nur wissen, was ich hier soll. Es ist wohl kaum daran gedacht, dass ich für die Wachmannschaft eingeteilt werde, oder?“

„Da fällt mir etwas ein“, sagte der Franzose und streckte die Hand aus. „Geben Sie mir Ihre Pistole. Man sieht es nicht so gern, wenn bewaffnete Fremde in der Gegend herumlaufen.“

„Ich denke nicht daran! Außerdem bin ich kein Fremder. Ich gehöre ebenso wie ihr zur gleichen Organisation. Ich behalte meine Waffe!“

Der Franzose blickte ihn traurig an. „Ich muss darauf bestehen, dass Sie mir die Pistole geben. Es gibt keine Ausnahme. Die Anweisungen sind in dieser Beziehung eindeutig. Ich bin für die Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen verantwortlich.“

Taylor trat einen Schritt zurück. „Ich behalte meine Waffe!“

„Tun Sie, was er Ihnen sagt!“, kam eine scharfe Stimme vom Eingang des Hauses her.

Taylor fuhr herum. Vor der Tür stand ein Mann mittleren Alters. Er hatte die Hände in die Taschen seiner Jeans geschoben, strahlte aber unbestreitbar Autorität aus.

„Wer sind Sie?“, fragte Taylor.

„Sie hätten mich ohnehin kennengelernt. Wir können das aber gleich jetzt erledigen. Geben Sie dem Alten Ihre Pistole und folgen Sie mir.“ Er drehte sich um und marschierte ins Haus ohne zu warten.

Taylor zog seine Waffe und drückte sie dem Franzosen in die Hand. Offensichtlich war die Sache ernst gemeint. Er wusste, wenn ihm jemand überlegen war, und dieser Fremde gehörte unbedingt in die Kategorie. Taylor zuckte die Schultern und folgte dem Mann.

Sie kamen in einen dürftig eingerichteten Wohnraum, dem man ansah, dass er einst als Stall gedient hatte. Taylor gehorchte dem Wink des anderen und setzte sich auf einen klapprigen Stuhl.

„Mein Name ist Marshall“, stellte sich der Mann vor. „Ich bin hier die oberste Instanz der Organisation. Haben Sie irgendwelche Bedenken, meine Autorität anzuerkennen?“

Taylor schüttelte den Kopf. Bevor er keine weiteren Informationen besaß, würde er so wenig wie möglich sagen.

„Sie haben sicher schon erraten, was hier gemacht wird“, sagte Marshall. „Dies ist eines der wichtigsten Labors der Organisation. Ein großer Teil der Ladung, die Sie aus Ägypten hergebracht haben, wird hier zu Heroin verarbeitet.“

„Was ist meine Aufgabe? Es war nie die Rede davon, dass ich in Frankreich eingesetzt werde.“

Marshall lachte. „Das ist auch nicht beabsichtigt. Aber die Organisation hat Sie für eine weitere wichtige Aufgabe vorgesehen. Man war sehr erfreut, wie Sie den bisherigen Transport ohne größere Schwierigkeiten geleitet haben. Sie wissen, dass diese Ladung die bedeutendste war, die unsere Organisation jemals zu betreuen hatte.“

Taylor nickte zustimmend.

„Die allergrößte Schwierigkeit steht uns in diesem Zusammenhang jedoch noch bevor. Das fertige Heroin muss in die Vereinigten Staaten gebracht werden. Für diese Aufgabe brauchen wir zuverlässige Männer. Wir müssen immer davon ausgehen, dass der Gegenseite bekannt ist, wenn ein großer Transport unterwegs ist. Die DEA, die Drug Enforcement Administration, hat überall ihre Agenten. Über eine solche Menge Rauschgift wird gequatscht.“

„Es gibt eben zu viele Mitwisser“, meinte Taylor.

„Das ist nicht zu ändern. Zwar hat es sich herumgesprochen, dass wir mit Verrätern kurzen Prozess machen, aber wir müssen trotzdem vorsichtig sein. Ich persönlich gehe davon aus, dass die Gegenseite informiert ist.“

„Was muss ich tun?“

„Für den Transport in die USA ist alles vorbereitet. Die Ladung geht per Schiff nach drüben. Ihre letzten Anweisungen werden Sie erst kurz vor der Ankunft erhalten.“

Taylor grinste schief. „So ganz trauen Sie auch mir nicht, was?“

„Wir trauen keinem, das sollten Sie wissen.“

„Wie lange wird es dauern, bis es losgeht?“

Marshall runzelte die Stirn. „Das ist die letzte Frage, die Sie mir stellen. Ab jetzt warten Sie auf Ihre Anweisungen. Die Chemiker werden ein paar Tage brauchen. Solange bleiben Sie hier. Wir haben zwar nicht den Komfort des Hilton, aber für ein paar Tage wird es gehen.“

„Okay, ich habe verstanden.“

„Da ist noch etwas. Sie bekommen einen Begleiter. Einen jungen Burschen, der neu in der Organisation ist. Das heißt, er ist eigentlich überhaupt nicht in der Organisation, aber wir haben unsere Gründe, ihn mit ein paar Dingen zu konfrontieren.“

„Ich verstehe nicht ganz.“

Marshall grinste. „Der junge Mann ist rauschgiftsüchtig. Wir haben ihn an die Spritze gewöhnt. Jetzt haben wir ihn in der Hand. Er tut für uns alles, weil er so umsonst den teuren Stoff bekommt. Er hat nämlich Angst vor seinem Vater, der nicht erfahren soll, dass sein Sprössling an der Spritze hängt. Wir haben den Jungen zu einem Europatrip überredet, und jetzt ist er hier, um uns ein paar Gefallen zu tun.“

„Das gefällt mir nicht. Ich arbeite nicht gern mit Süchtigen zusammen. Sie sind unberechenbar.“

„Sie haben das Problem noch nicht verstanden, Mister Taylor. Sie sollen nicht mit ihm arbeiten. Sie glauben doch nicht im Ernst, dass die Organisation Süchtige braucht. Ich gebe Ihnen recht, das wäre viel zu riskant. Es geht um den Vater des jungen Mannes. Er ist in den Staaten ein ziemlich wichtiger Mann - jedenfalls für unsere Interessen. Wir müssen etwas in die Hand bekommen, womit wir ihn unter Druck setzen können. Da war es wie ein Gottesgeschenk, dass sein missratener Sohn an einen unserer kleinen Dealer geriet, der seinem nächsten Boss beim Bier erzählte, was für ein Fisch an seiner Angel hing. Dieser Mann war schlau genug, die Spitze der Organisation zu informieren, und so kam ich ins Spiel. Ich wurde damit beauftragt, den hoffnungsvollen Knaben an der langen Leine zu führen und ihn in ein paar unangenehme Dinge zu verwickeln, damit wir genügend Material gegen den Vater haben.“ Taylor staunte nur noch. „Ein fantastischer Plan“, sagte er. „Und ich soll jetzt weitermachen?“

Marshall nickte. „Der Kerl frisst mir aus der Hand, aber der Plan muss jetzt in die nächste Stufe kommen. Er muss jetzt ein Verbrechen begehen, das nicht totgeschwiegen werden kann. Es muss absolut beweisbar sein, aber nur wir dürfen die Beweise besitzen.“

„Ich verstehe schon, wie die Sache gedeichselt werden soll. Papi soll blass werden, wenn wir ihm sagen, was sein Sohn angestellt hat. Entweder geht sein Sohn in den Knast oder Papi erweist uns eine kleine Gefälligkeit, wenn er das Beweismaterial haben will. Richtig?“

Marshall nickte wieder. „Sie begreifen schnell.“

„Und wenn Papi die Beweise vernichtet“, fuhr Taylor fort, „dann haben wir ihn erst recht in der Hand. Denn es wird natürlich weitere Beweise geben, und inzwischen hat Papi selbst Dreck am Stecken. Das ist wirklich ein guter Plan.“ Taylor dachte einen Augenblick nach. „An welches Verbrechen haben Sie denn gedacht?“

„Mord!“

„Mord?“, wiederholte Taylor ungläubig.

„Es kommt nur etwas Außergewöhnliches infrage, wenn wir diesen Vater kriegen wollen. Eine Rauschgiftsache reicht nicht. Es muss schon etwas Dramatisches sein.“

Taylor nagte an seiner Unterlippe. „Das wird nicht einfach sein. Einen Mord zu begehen, fällt selbst einem Süchtigen schwer, der bis zur Halskrause vollgepumpt ist, wenn er so etwas noch nie gemacht hat.“

„Sie sollten sich etwas Überzeugendes einfallen lassen. Wir brauchen jedenfalls einen Mord und den schlüssigen Beweis, dass der Junge es gewesen ist. Er braucht den Mann ja nicht selbst umzulegen, er muss nur glauben, dass er es getan hat.“

„Deshalb haben Sie ihn erst mit Drogen behandelt.“

„Natürlich, sonst würde der Plan nicht funktionieren. Wenn er voll mit dem Zeug ist, muss es passieren. Wir brauchen seine Fingerabdrücke auf der Waffe oder etwas Ähnliches, und wir brauchen ein stichhaltiges Motiv. Darüber müssen Sie nachdenken. Wir geben Ihnen den Jungen mit, wenn Sie die Ladung über den Teich bringen. Sie sollen sich an ihn gewöhnen und mit ihm reden. Sie werden einen Anhaltspunkt finden, der sich ausnutzen lässt.“

„Wer soll das Opfer sein?“

Marshall zuckte die Schultern. „Ist mir gleichgültig. Nehmen Sie einen Typ aus der Drogenszene, dessen Verschwinden nicht sonderlich auffällt. Fotografieren Sie alles. Wir brauchen unbedingt Fotos - sie sind immer der beste Beweis. Und denken Sie vor allem daran, dass die Polizei keinen Verdacht schöpfen darf. Wir kriegen den Alten nur, wenn er weiß, dass die Bullen keine Ahnung haben. Wenn der Mordfall untersucht werden sollte, ist er wertlos für uns. Dann könnte es sein, dass Sie das nächste Opfer sind.“

„Sie brauchen mir nicht zu drohen. Ich habe das Problem verstanden, und Sie können sicher sein, dass ich eine Lösung finde, mit der die Organisation zufrieden ist.“

„Es muss kurz nach Ihrer Ankunft in New York über die Bühne gehen. Wir haben nicht mehr viel Zeit.“

„Sitzt der Vater der Organisation im Nacken?“, fragte Taylor spöttisch. Er hatte seine alte Sicherheit wiedergefunden, seit er begriffen hatte, dass man ihn dringend brauchte. Außerdem war er jetzt in einen außerordentlich wichtigen Plan eingeweiht worden. Das machte ihn zu einer bedeutenden Person. Er würde Karriere innerhalb der Organisation machen.

„Der Vater heißt Ed Nolan“, sagte Marshall.

„Oh Gott!“, entfuhr es Taylor.

„Den lassen Sie in diesem Zusammenhang lieber aus dem Spiel. Sie haben schon richtig gehört. Es ist der Nolan, an den Sie sofort gedacht haben. Vorsitzender der Senatskommission zur Untersuchung des organisierten Verbrechens, nominiert für den Posten des obersten Bundesrichters. Vielleicht hat er sogar die Chance, Minister der Justiz zu werden. Alles in allem handelt es sich jedenfalls um einen wichtigen Mann, der für höchste Staatsämter in Frage kommt. Ein unbestechlicher Mann, der dem organisierten Verbrechen den Kampf angesagt hat. Bis jetzt wenigstens.“

Marshall machte eine Pause. „Wir müssen ihn in die Hand bekommen. Das Bestehen der Organisation hängt davon ab. Wir alle sind in Gefahr, wenn wir nichts dagegen tun.“

Taylor spürte, wie er fröstelte. Die Größe der Aufgabe, die man ihm übertragen wollte, machte ihn schwindeln. Seines Wissens war er bis jetzt in der Organisation nicht sehr hervorgetreten. Er kannte keinen der großen Bosse. Gut, er hatte eigene Operationen geleitet wie jetzt den Transport des Rauschgifts, aber von der Sorte musste die Organisation Dutzende von Leuten haben. Weshalb hatte man gerade ihn ausgesucht?

„Weshalb gerade ich?“, fragte er laut.

„Ich habe keine Ahnung. Der Befehl kam von oben. Ich habe den Auftrag, Sie in alles Notwendige einzuweihen und dafür zu sorgen, dass Sie nach New York in Marsch gesetzt werden. Man wird sich drüben um Sie kümmern. Vor allem die Verantwortung um die Ware wird man Ihnen gleich abnehmen, sodass Sie sich voll um Ihre eigentliche Aufgabe kümmern können. Der Sohn von Nolan heißt übrigens Richard, aber er wird allgemein Dick genannt.“

„Dick Nolan“, murmelte Taylor.

„Sie werden ihn bald kennenlernen“, sagte Marshall.

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4

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Sie standen nebeneinander an der Reling und sahen zu, wie der Frachter sich seinen Weg zu dem vorgesehenen Liegeplatz bahnte. Im Hafen von New York herrschte Hochbetrieb. Der Kapitän steuerte mit langsamer Fahrt zu den nördlichen Piers.

Taylor warf einen Blick zur Seite. Dick Nolan hatte noch seine Pubertätspickel im Gesicht, obwohl er schon knapp über zwanzig war. Das Gesicht unter der bunten Strickmütze war blass. Die ersten Spuren der harten Drogen machten sich bereits bemerkbar.

Taylor fand, dass Dick Nolan ein ziemlich verzogenes Bürschchen war, und er hatte in diesem Moment nichts für den Vater übrig. Dick hatte ihm seine Geschichte erzählt, aber es war eine ziemlich verwirrende Geschichte. Taylor verstand nicht, weshalb diese jungen Kerle so völlig frustriert waren, obwohl sie alles hatten und alles bekamen, was sie sich wünschten. Wenn er an seine eigene Jugend in der Bronx dachte, kam ihm die Galle hoch.

Und dieser Knabe hier schmiss alles hin, weil er sich in seiner Freizeit beengt fühlte, wie er sich ausdrückte. Er, Taylor, hatte klauen müssen, weil die Familie hungerte. Nein, er hatte kein Mitleid mit diesem Pickeljüngling. Es wurde Zeit, dass der Knabe mal ein richtiges Problem bekam.

Das Anlegemanöver ging reibungslos vor sich. Kaum waren die Leinen festgemacht, begann die Entladung. Taylor und Dick Nolan hatten ihre Sachen bereits bei sich. Sie konnten in wenigen Minuten von Bord gehen. Aber Taylor hatte es nicht eilig. Seine Aufmerksamkeit war zum Bug gerichtet, wo eine Reihe von Wagen darauf warteten, an Land gesetzt zu werden.

„Ist es da drin?“, fragte Nolan.

Taylor nickte. „Sie werden es nicht finden, selbst mit Hunden nicht. Es ist in der Karosserie eingeschweißt.“

„Was geschieht mit den Autos?“

„Sie gehen in einen Lagerschuppen, bevor sie vom Zoll freigegeben werden. Aber bevor das geschieht, sind die entsprechenden Teile bereits ausgetauscht worden. Es passiert heute Nacht. Die Organisation hat alles vorbereitet - und du wirst dabei sein.“

Nolan strahlte. „Das ist eine große Sache. Ich freue mich, dass ich mitmachen kann.“

Du blöder Hund, dachte Taylor. Wenn du wüsstest, was auf dich wartet, würdest du dich ganz schnell aus dem Staub machen. Dann sah er eine bekannte Figur auf dem Pier.

Taylor winkte kurz und begab sich dann die Gangway hinunter. Nolan folgte ihm wortlos. Unten wartete Marshall.

„Wieso sind Sie vor mir hier?“ fragte Taylor erstaunt. „Es gibt Flugzeuge, und die sind immer noch schneller als jedes Schiff“, sagte Marshall grinsend. „Die Organisation fand, es sei eine gute Idee, wenn ich mich selbst weiter um die Angelegenheit kümmere. Das ändert natürlich nichts an unserem Gesamtplan. Sie wissen ja, was Sie zu tun haben.“

Marshall zog Taylor zur Seite, nachdem er dem Jungen flüchtig zugenickt hatte. „Sie werden heute Nacht in dem Lagerschuppen sein - mit Dick natürlich. Kümmern Sie sich nicht um die Wagen. Dazu sind Spezialisten da. Es wird aber ein Wachmann vom Zoll auftauchen, der jede Nacht dort seine Runden dreht. Er wird das Opfer sein.“

„Davon weiß der Mann hoffentlich nichts!“, meinte Taylor grinsend.

„Natürlich nicht. Wir haben den Zeitplan so eingeteilt, dass unsere Männer fertig sein müssten, wenn der Wachmann kommt. Sie stellen ihm die Falle, und es muss so aussehen, als hätte unser junger Freund den Mord begangen. Das ist das Wichtigste.“

„Warum hat die Organisation entschieden, den Mord im Zusammenhang mit dem Rauschgift zu arrangieren? Ist das nicht riskant?“

Marshall schüttelte den Kopf. „Die ganze Geschichte muss spektakulär genug sein. Die Zeitungen müssen darüber berichten, und die Polizei muss im Dunkeln tappen. Wir brauchen scharfe Fotos von dem Jungen, wenn er mit der richtigen Waffe in der Hand vor dem Toten steht. Auf der Pistole müssen seine Fingerabdrücke deutlich zu erkennen sein. Die Waffe behalten wir natürlich. Dass es die richtige ist, lässt sich mit den gefundenen Geschossen jederzeit beweisen.“

„Es wird alles sorgfältig erledigt werden. Woher bekomme ich Waffe und Kamera?“

„Wir haben Hotelzimmer für Sie und Dick reserviert, natürlich ganz in der Nähe. Dort werden Sie heute Abend ein Päckchen bekommen. Es enthält ebenfalls den Stoff für den Jungen. Er muss bis zur Unterlippe voll sein, wenn die Sache über die Bühne geht.“

„Das ist klar. Sie können sich auf mich verlassen.“

„Ich weiß“, sagte Marshall, und seine Augen schimmerten wie Eis. „Sie stehen unter Beobachtung. Es darf keinen Fehler geben, denn wir bekommen nicht wieder so schnell eine so gute Gelegenheit. Die Organisation hat verdammt viel Zeit und Geld investiert. Man wünscht keinen Fehlschlag. Anderenfalls würde die Operation total abgebrochen werden - das heißt, es würde auch alle Mitwisser betreffen.“

Taylor lächelte gequält. Er wusste, dass er sich keinen Fehler erlauben durfte. Zum ersten Mal hatte er Angst vor der Organisation und den unbekannten Männern, die dahinterstanden.

Marshall nickte ihm zu und schlenderte davon. Taylor blickte auf den Zettel in seiner Hand, den Marshall ihm unauffällig zugesteckt hatte. Er enthielt nur den Namen und die Adresse des Hotels.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Dick Nolan.

Sicher, mein Junge“, sagte Taylor gepresst. „Komm, wir gehen.“

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5

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Das Büro hatte riesige Ausmaße. Ein flauschiger Spannteppich reichte von Wand zu Wand. Die Möbel waren modern, wuchtig und nicht sonderlich geschmackvoll. Vor allem waren sie protzig. An der Längsseite des Raumes reichten die Scheiben bis zum Boden. Dahinter sah man einen Ausschnitt Manhattans und den Dunst über dem Hudson.

Einer der beiden Männer, die sich in dem Raum befanden, trat ans Fenster und starrte hinaus. Er war schlank, mittelgroß, hatte leicht ergraute Haare und trug eine massive Hornbrille. Seine Kleidung war farblich korrekt aufeinander abgestimmt. Er sah aus wie einer der mittleren Manager, die es zu Tausenden in Manhattan gab.

Der zweite Mann war wesentlich älter. Es saß in einem schweren Ledersessel hinter dem Palisanderschreibtisch und paffte an einer gewaltigen Zigarre. Sein zerfurchtes Gesicht wurde von zwei riesigen Augenbrauen beherrscht. Der Mann strahlte Energie aus, und den meisten Leuten, denen er begegnete, machte er Angst. Selten hatte ihn jemand lächeln sehen. Wenn es aber einmal geschah, lächelten die Augen nie mit.

„Wie beurteilen Sie die Aussichten meines Plans?“, fragte er den Mann am Fenster. Seine Stimme klang rollend.

Michael Cavett drehte sich um. „Ich bin schon so lange bei Ihnen. Bis jetzt gab es noch keinen Plan, der nicht funktioniert hätte. Warum sollte es diesmal anders sein?“

„Das ist keine Antwort, Mike.“

„Ich spiele diesmal mit einem verdammt hohen Einsatz“, fuhr der Mann am Schreibtisch nach einer Pause fort. „Es geht um ein hohes Geschäftsrisiko und um ein hohes persönliches Risiko. In der Ware, die heute Morgen aus Europa gekommen ist, steckt ein großer Teil meines Kapitals - und nicht nur mein Kapital.“

Cavett nickte. „Ich weiß. Die anderen würden nicht sehr erfreut sein, wenn irgendetwas schiefgeht. Man würde Ihnen ziemlich unangenehme Fragen stellen. Sie tragen die Verantwortung für die gesamte Operation, und ich habe Ihnen schon am Anfang gesagt, dass es nicht gut ist, wenn man zwei Dinge miteinander vermischt.“

Der ältere Mann fuhr hoch. „Der Plan ist gut. Die Gelegenheit war einfach zu günstig. Ich muss gegen diesen verdammten Nolan etwas unternehmen, ehe es zu spät ist. Dieser Senatsausschuss, dem er vorsteht, kommt mir gefährlich nahe. Ich benötige etwas, um ihn in die Hand zu bekommen  und das ist sein Sohn. Dabei hätte er wahrscheinlich mehr Angst um seine Karriere als um das Leben seines Sohnes. Wir haben vorsichtshalber beide Möglichkeiten berücksichtigt.“

„Der Plan ist auch gut. Ich hätte ihn nur nicht an das Rauschgiftgeschäft gekoppelt. Die anderen werden kein Verständnis haben, wenn die Sache aus irgendwelchen Gründen schiefgeht.“

„Die anderen werden froh sein, wenn ich ihnen diese Pest Nolan vom Hals schaffe. Wenn ich dran bin, werden sie auch dran sein. Also sollen sie das Maul nicht aufreißen! Der Plan wird durchgeführt, und er wird klappen. Es ist alles gründlich vorbereitet. Oder sehen Sie einen Fehler?“

Cavett schüttelte den Kopf. „Nein, Mister Lucca. Der Plan ist fehlerlos. Aber es gibt nie eine Garantie. Man muss sich auf andere Leute verlassen. Und das ist bereits die größte Gefahr für einen guten Plan. Das wissen Sie selbst.“

Mario Lucca grinste wölfisch. „Deshalb werden Sie sich persönlich um die Sache kümmern!“

„Ich bin keiner Ihrer Killer, Mister Lucca. Sie haben sicher andere Leute für diese Angelegenheit.“

„Sie sollen ja auch nicht den Finger am Abzug haben, aber ich hätte gern einen vertrauenswürdigen Mann in der Nähe, wenn die Sache heute Nacht über die Bühne geht. Nur zur Kontrolle. Jeder der Männer weiß schließlich, was er zu tun hat.“

„Wer hat die Leitung?“

„Bob Marshall, einer meiner besten Leute. Er hat den gesamten europäischen Ring aufgebaut. Dass wir diese gewaltige Drogenladung jetzt herüberbekommen haben, ist sein Verdienst. Außerdem hat er den jungen Nolan an uns gebunden und mir damit überhaupt erst die Waffe in die Hand gegeben, gegen seinen Vater vorzugehen.“

„Aber Marshall ist Planer, Organisator. Wie sieht es mit Mord bei ihm aus?“

„Ein hässliches Wort - aber Sie haben recht. Marshall wird es nicht persönlich tun. Wir haben dafür einen Mann aus der Organisation, der sich bisher als zuverlässig, kaltschnäuzig und brutal gezeigt hat. Ich weiß, dass Ihnen solche Typen zuwider sind, aber wir brauchen sie nun mal für unser Geschäft. Es lässt sich nicht alles vom Schreibtisch aus erledigen. In meiner Jugend war das alles noch anders. Ich bin in den Straßen groß geworden, und als mein Vater mit seiner Familie hierherkam, hatten wir nichts außer dem Willen, es zu etwas zu bringen. Das habe ich geschafft - auch wenn es mein Vater nicht mehr erlebt hat.“

Cavett nickte. Er kannte diese Geschichten, und er wusste, dass der alte Lucca - der eigentlich Luccacchielo hieß und seinen Namen amerikanisiert hatte - bei einer Straßenschlacht zwischen verfeindeten Gangs ums Leben gekommen war. Der Sohn hatte sich allein durchschlagen müssen. Sein Ehrgeiz und seine Entschlossenheit, notfalls über Leichen zu gehen, halfen ihm dabei. Er hatte es geschafft, nach oben zu kommen - mit Verbrechen.

„Ist dieser Mann aus der Organisation zuverlässig genug?“, fragte Mike Cavett.

„Er wird unser Instrument sein, und wenn alles geklappt hat, wird man sich um ihn kümmern. Ich kann keine Mitwisser gebrauchen. Den ganzen Plan werden nur drei Leute kennen: Marshall, Sie und ich. Jeder weitere wäre zu viel.“

„Was wird mit dem jungen Nolan geschehen, wenn man ihm den Mord in die Schuhe geschoben hat?“

„Wir werden ihn verstecken. Schließlich glaubt er ja selber, dass er den Mann umgebracht hat. Wir sind seine Freunde, und das wird auch sein Vater wissen. Wir helfen dem Sohn und wollen dafür nur eine kleine Gefälligkeit. Ed Nolan wird schon verstehen. Es gibt genügend andere Gebiete, mit denen er sich beschäftigen kann. Er braucht mich nur in Ruhe zu lassen. Ich bin an ihm nicht interessiert, aber er darf mein Lebenswerk nicht zerstören. Ich habe lange und hart dafür gearbeitet, bis ich an der Spitze war.“

Cavett nickte. Und manchen Mord dafür begangen, ergänzte er in Gedanken. Aber seine moralischen Bedenken spielten keine Rolle. Er arbeitete auch seit vielen Jahren für Lucca, und es machte ihm sogar Spaß. Bei ihm waren es die Spielschulden gewesen, die ihn immer tiefer in den Sumpf trieben. Als er keinen Ausweg mehr sah, war Lucca gekommen und hatte ihm ein Angebot gemacht. Seitdem bestand für ihn keine Chance mehr, aus der Verstrickung mit dem Verbrechen zu fliehen. Jetzt wusste er selbst viel zu viel. Beim geringsten Verdacht würde Lucca ihn töten - doch Cavett liebte sein Leben zu sehr, um es aufs Spiel zu setzen, und deshalb schloss er die Augen vor dem, was um ihn herum geschah. Lucca brauchte ihn für die Finanzen und Steuern und für die seriösen Geschäfte.

Denn nach außen hin war Lucca ein respektabler Geschäftsmann, dessen Büros an einer feinen Adresse lagen. Trotzdem trat er nicht überall in Erscheinung, da es doch eine ganze Menge Leute gab, die seine Vergangenheit kannten. So kam es, dass Cavett in vielen Firmen den Geschäftsführer spielte. Die meisten Angestellten dieser Firmen - der Gemüseimport oder die Lagerhausgesellschaft, eine Reinigungskette und diverse Beteiligungen - hielten Cavett für den Chef.

Das meiste Geld machte Lucca aber nach wie vor mit illegalen Geschäften. Er hatte sich beim Rauschgift engagiert. In diesem Zusammenhang leitete er ein Konsortium von ähnlich dunklen Gestalten, die das Ganze finanzierten und organisierten. Es war eben die Organisation. Neben den Bossen, die keiner kannte, gehörte dazu ein Heer von Dealern, Nutten, Killern und Mitläufern, die zum Teil gar nicht wussten, wer sie eigentlich bezahlte.

Die Ladung, die heute Nacht aus dem Lagerhaus geholt werden sollte, war die größte Lieferung, die von der Organisation jemals in die Staaten geschmuggelt worden war. Daran würden sich Millionen verdienen lassen, wenn der Stoff erst mal bei den Endverbrauchern angekommen war.

Cavett hatte Sorgen, dass Lucca mit seinem persönlichen Plan einen Fehler machte. Dabei dachte er ganz eigennützig, denn er wusste, dass er von Lucca abhängig war. Wenn seinem Chef etwas zustoßen sollte, war er ebenfalls erledigt. Deshalb musste er dafür sorgen, dass der Plan auf jeden Fall klappte. Er würde heute Nacht die Aktion im Lagerhaus überwachen.

„Ich werde dafür sorgen, dass der Typ, den Marshall angeheuert hat, seine Sache gut macht. Wohin gehen diese Leute anschließend?“

„Sie haben ihre Anweisungen. Der Killer, er heißt übrigens Taylor, wird sich weiter um den jungen Nolan kümmern und ihn in ein vorbereitetes Versteck bringen. Dann brauche ich jemanden, der mit dem alten Nolan Kontakt aufnimmt und ihm meine Forderungen unterbreitet. Dabei habe ich an Sie gedacht, Mike.“ Cavett zuckte zusammen. „Aber das kann ich doch nicht! Jeder hält mich für seriös. Ich kann doch nicht plötzlich in der Rolle eines Gangsters auftreten.“

Lucca grinste und paffte an seiner Zigarre. Er faltete die Hände über dem Bauch zusammen und machte einen zufriedenen Eindruck. „Für diese Aufgabe brauche ich einen Mann mit Geist, jemanden, der schnell reagieren kann. Ed Nolan ist ein schlauer, alter Fuchs. Er versucht mit Sicherheit jeden Trick, der ihm einfällt  und er hat eine Menge auf Lager. Dieser Taylor ist weiter nichts als ein Killer mit begrenztem Verstand, er ist für eine solche Aufgabe nicht geeignet. Marshall soll es nicht tun. Das wäre nicht gut, weil er sich um den jungen Nolan kümmern soll, nicht um den alten. Ich möchte ein neues Gesicht in diesem Spiel haben.“

„Aber dann ist meine Tarnung hinfällig“, wandte Cavett ein.

„Sie werden nur als Mittelsmann eingeschaltet. Nolan wird niemals daran glauben, dass ein direkter Kontakt hergestellt wird. Er denkt in eingefahrenen Bahnen. Es wird Ihnen überhaupt nichts geschehen. Vor allen Dingen ist Nolan bald in unserer Hand. Dann wird er nichts tun, ohne uns zu fragen. Und genau dafür brauche ich Sie eben auch, Mike. Da sind Entscheidungen zu treffen, wenn ich mal nicht erreichbar bin. Das können nur Sie tun. Denn Sie sollen der einzige Kontakt sein, der zu Nolan existiert.“

Cavett nickte. Er wusste schon, weshalb ihn Lucca in die Sache hineinzog. Er sollte auch hier Mitwisser sein, damit Lucca ihn umso fester an sich band. Aber das war nun auch gleichgültig. Er steckte schon so tief drin, dass es darauf nicht mehr ankam. „Ich werde tun, was Sie verlangen.“

Lucca verzog erfreut das Gesicht. „Das ist schön, Mike. Dann will ich Ihnen genau erklären, was Sie zu tun haben. Es gibt dabei eine Menge zu bedenken, und Sie müssen Ihren Kopf verdammt anstrengen, wenn Sie keinen Fehler machen wollen. Und das wollen Sie doch nicht, oder?“

Cavett schüttelte den Kopf. Lucca hatte ihn in den Klauen, und daraus würde er ihn nie wieder entkommen lassen.

„Sie können sich auf mich verlassen.“

„Sicher“, sagte Lucca und lehnte sich zurück.

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Taylor beobachtete die Männer, die offensichtlich ihr Handwerk verstanden. Sie nahmen das Auto auseinander, als würden sie täglich nichts anderes tun. Vielleicht stimmte es ja auch.

Auf der anderen Seite des Atlantiks hatte man die Beutel mit Heroin in Hohlräumen der Karosserie versteckt, die man anschließend sorgfältig verschweißt hatte. Nur eine Durchleuchtung würde die Verstecke ans Licht bringen. Aber eine solche Kontrolle war unwahrscheinlich, zumal bei der Verladung schon feststand, dass die Schmuggelware verschwinden würde, bevor der Zoll die Autos prüfte.

Es traf sich eben gut, dass Mario Lucca Besitzer des Lagerhauses war, in dem die Ware unter Zollverschluss lagerte. Seine Leute kamen ohne Schwierigkeiten hinein und ohne Spuren zu hinterlassen. An den Autos wurden die fraglichen Teile der Karosserie ausgewechselt, um noch nicht mal die Spuren der zusätzlichen Schweißnähte zu hinterlassen. Wenn die Wagen das Hafengelände verließen, würden sie absolut sauber sein. Taylor bewunderte die Organisation, für die er arbeitete. Es war einfach perfekt.

Er blickte auf die Uhr. Auch der Zeitplan stimmte. Die Männer waren fast fertig, und der Wachmann wurde in einer knappen halben Stunde erwartet.

Taylor sah Dick Nolan an. Der Junge hatte Pupillen, denen ein Blinder ansehen konnte, dass der Knabe bis obenhin mit Drogen vollgepumpt war. Seine Wangen glühten fast, und er wirkte aufgedreht wie nach einer Sauerstoffdusche. Taylor musste ihn bremsen, damit er keinen Blödsinn machte. Er erinnerte sich gut an das, was Marshall ihm gesagt hatte. Einen Fehler würde die Organisation niemals verzeihen.

Taylor griff in die Tasche und zog die Pistole heraus. Sie steckte in einer Plastiktüte. Es war garantiert, dass sie absolut frei von Fingerabdrücken war. Schließlich sollten nur ganz bestimmte Abdrücke auf die Waffe.

Dick Nolan interessierte sich nicht dafür. Seine Aufmerksamkeit war voll auf die Männer am Wagen gerichtet. Er hatte keine Ahnung, was ihm bevorstand. Er nahm an, dass man ihn zur Verteilung des Heroins benötigte.

Es wurde Zeit, ihn einzuweihen. Taylor drehte den Kopf. „Hör mal zu, mein Junge. Wir sind heute Nacht für die Sicherheit eingeteilt. Wir müssen darauf achten, dass es keine unangenehmen Überraschungen gibt. Die Männer dort vertrauen uns. Du verstehst doch, was ich meine?“

Nolan nickte eifrig. „Klar. Wenn einer kommt, hauen wir ab.“

„Nein, das werden wir gerade nicht tun. Wir müssen ihn ausschalten, verstehst du?“

„Ausschalten?“

„Ja, umlegen, wenn es sein muss. Wir dürfen hier keine Beweise zurücklassen. Schließlich geht es um eine ganze Menge Stoff. Dahinter sind auch andere her. Es geht auch um deinen Anteil. Du willst doch auch morgen wieder eine Spritze, oder?“

Nolan sah ihn verwirrt an. „Ich bekomme doch meine Spritze?“

„Sicher, aber du musst auch etwas dafür tun. Ich habe hier eine Pistole für dich. Eine Neun-Millimeter-Automatic. Sie ist geladen. Hast du schon mal mit einer solchen Waffe geschossen?“

Nolan streckte die Hand aus, aber Taylor gab ihm die Waffe nicht. „Noch nicht. Bis jetzt ist ja niemand hier. Aber wenn jemand kommt, wirst du ihn ausschalten.“

„Ich weiß nicht.“ Ein leiser Zweifel stahl sich auf das picklige Gesicht. „Ist es nicht besser, wenn wir einfach abhauen? Früher bin ich immer vor den Bullen abgehauen. Auf diese Weise bin ich nie erwischt worden.“

„Wir machen das auf eine andere Art und Weise, mein Junge. Unsere Freunde dort werden bald mit ihrer Arbeit fertig sein. Dann müssen wir den Rückzug decken.“

„Ich verstehe“, nickte Nolan. „Sie können sich auf mich verlassen.“

Das wäre das Letzte, was ich tun würde, dachte Taylor. Hoffentlich haben wir die Sache bald hinter uns. Er hatte langsam die Nase voll von dem Job, obwohl er noch gar nicht richtig angefangen hatte.

Ein paar Sekunden später winkte ihnen einer der Männer zu. „Wir sind jetzt fertig und hauen ab. Die Ware ist sicher.“

„Okay. Wir warten noch ein paar Minuten und sehen zu, ob die Luft wirklich rein ist.“

„Warum gehen wir nicht mit ihnen?“. fragte Nolan. „Du musst dir merken, dass man in diesem Job nicht dauernd Fragen stellt. Tu, was man dir sagt, dann hast du keine Probleme.“ Und Taylor dachte daran, dass Marshall mit ihm kürzlich ebenso gesprochen hatte. Nun ja, es gab eben immer einen, der höher stand.

Plötzlich war ein Geräusch in der Stille. Von außen fiel genügend Licht in die riesige Halle, um die Konturen einigermaßen erkennen zu können. Sie hatten sich inzwischen auch an die Beleuchtung gewöhnt.

„Da kommt jemand“, sagte Nolan aufgeregt. Seine Hände zitterten, als er sich über den Kistenstapel beugte, um besser sehen zu können.

Taylor zerrte an seiner Schulter. „Bleib in Deckung. Wir wissen nicht, wer es ist.“

„Wir hätten abhauen sollen“, maulte Nolan.

„Dazu ist es jetzt zu spät. Wir warten ab.“ Taylor nahm die Pistole in die Hand, die immer noch in der Plastikhülle steckte. Er hatte sich vorher davon überzeugt, dass sie durchgeladen und schussbereit war. Sein Pulsschlag ging völlig normal. Von diesem Geschäft verstand er etwas. Töten war sein Beruf. Er hatte es in den Diensten der Organisation häufig genug getan.

An der gegenüberliegenden Seite der Lagerhalle, die zur Hälfte leer stand, öffnete sich eine Tür, und ein breiter Lichtstreifen schoss herein. Ein dunkler Umriss war vor dem hellen Hintergrund zu sehen. Der Wachmann - pünktlich auf die Minute. Taylor hatte keine Ahnung, wer das arme Schwein war, das heute sterben sollte, aber es interessierte ihn eigentlich auch nicht.

Dann hallten die Schritte des Mannes durch den Raum. Der Strahl seiner Taschenlampe tanzte durch die Halle. Der Wachmann pfiff ein Lied vor sich hin.

„Wir müssen ihn ausschalten“, flüsterte Taylor. „Du wirst es tun!“

„Nein!“ Nolan schüttelte den Kopf. „Ich kann es nicht.“ Sein Gesicht war schweißüberströmt. Jetzt zitterte er am ganzen Körper. Die Drogen hatten ihn schwach gemacht. Er wehrte sich gegen den Befehl, aber Taylor wusste, dass es schließlich egal war, was der Junge tat. Den Mord würde man ihm so oder so anhängen.

Der Wachmann war nur noch etwas über zehn Schritte entfernt, als Taylor den Jungen vorstieß. Nolan stolperte genau in den Schein der Taschenlampe und fiel zu Boden.

Der Wachmann blieb wie vom Blitz getroffen stehen und bannte Nolan im Schein der Lampe fest. „Was machen Sie hier?“

Ehe Nolan reden konnte, war Taylor lautlos hinter den Wachmann gehuscht. Der hörte etwas rascheln oder spürte vielleicht nur den Luftzug, riss den Arm wie zur Abwehr hoch, aber es war viel zu spät.

Taylor feuerte zweimal hintereinander, und die Wucht der Geschosse schleuderte den Mann zu Boden. Ein leises Stöhnen, dann war wieder Stille. Der Wachmann rührte sich nicht. Taylor brauchte sich nicht davon zu überzeugen, dass er tot war. Er wusste, wo er getroffen hatte. Er ging zu Nolan und zerrte ihn hoch. „Jetzt bist du dran!“

„Was soll ich tun?“ Der Junge schien immer noch betäubt vom Echo der Schüsse. Seine Augen flackerten, und sein Blick ging unruhig zwischen Taylor und dem Toten hin und her.

Taylor drückte ihm die Pistole in die Hand, wobei er darauf achtete, dass er selbst das Metall nicht berührte. Die zerrissene Plastikhülle behielt er in der Hand. „Los! Schieß auf den Mann!“

Nolan starrte entsetzt auf die Waffe. Taylor packte sein Handgelenk und richtete damit den Lauf der Pistole auf den Toten. „Drück endlich ab! Wir müssen verschwinden.“

Nolan begann zu schluchzen. Seine Hand zitterte wie verrückt. Taylor behielt ihn eisern im Griff. „Wenn du jetzt nicht abdrückst, bist du selber dran! Du wirst dir nie wieder eine Spritze setzen können, wenn du nicht gehorchst.“

Nolan drückte ab. Das Geschoss schlug auf den Betonboden und pfiff als Querschläger durch die Halle. „Verdammter Idiot! Noch einmal! Los!“

Der nächste Schuss traf.

Nolan ließ die Pistole fallen und schlug die Hände vors Gesicht. Ehe Taylor sich um ihn kümmerte, bückte er sich und packte die Waffe vorsichtig mit dem Rest des Plastiks. Man hatte extra eine Waffe ausgesucht, die möglichst viele glatte Stellen hatte, auf denen sich Fingerabdrücke hervorragend abzeichneten. Es hatte geklappt. Aber nun musste das Foto noch gemacht werden.

Taylor zwang den Jungen, neben dem Wachmann niederzuknien. Dann zog er eine Pocketkamera aus der Tasche, sah durch den Sucher und machte mit dem eingebauten Blitz rasch ein paar Bilder. Nolan starrte genau in die Kamera. Das ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Ein solcher Beweis reichte sicher nicht für das Schwurgericht, aber als Druckmittel gegen den Alten reichte es allemal. Außerdem waren noch die Prints auf der Waffe.

Taylor steckte die Kamera ein, zerrte den Jungen von der Leiche weg und streute aus einem kleinen Beutel ein weißes Pulver neben den Toten. Die Mordkommission würde es finden und analysieren. Es war Heroin der feinsten Qualität. Die Bullen würden ihre Schlüsse daraus ziehen und wissen, worum es gegangen war. Eine solche Qualität bekam man nicht in den Straßen von New York. Sie würden wissen, dass es eingeschmuggelt worden war.

Taylor packte Nolan wieder am Arm, der willenlos alles mit sich geschehen ließ. „Komm her!“

Ohne zu begreifen, was er tat, trat er in das Pulver und verursachte einen deutlichen Fußabdruck.

„Zieh den Schuh aus!“

„Was?“

„Los, mach schon!“

Der Junge gehorchte, und Taylor schob den leichten Tennisschuh ebenfalls in die Tasche. Ein weiterer Indizienbeweis. Man konnte gar nicht genug davon haben.

Taylor sah sich um, ob er etwas vergessen hatte. Aber ihm fiel nichts mehr ein. Es war alles so geschehen, wie es geplant war. Die Bosse würden mit ihm zufrieden sein.

„Wir gehen“, sagte er und zog Dick Nolan mit sich.

Allerdings merkte auch Taylor nicht, dass sich in der Halle noch eine Person aufhielt, die jetzt aus ihrer Deckung kam und sich dem Schauplatz des Geschehens näherte.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738914788
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v382016
Schlagworte
jagd mörderbrut york detectives

Autor

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Titel: Jagd auf die Mörderbrut: N. Y. D. - New York Detectives